Haus - 18:00 Uhr
Die Aussicht aus dem Küchenfenster hätte Kevin nach Stunden längst aus dem Kopf nachzeichnen können. Alle halbe Stunde saß er am Fensterbrett und rauchte eine Zigarette, zwischendurch sah er sich mit Patrick zusammen alte Fotos aus Gang-Zeiten an, in der Hoffnung, dass sich daraus irgendwelche Erinnerungen ableiten würden, aus der Zeit, die er vergessen hatte. Doch obwohl er alle Bilder zuordnen konnte, weil er sich an seine Jugendzeit noch erinnerte, so flammte nichts auf aus dem Loch, das er tief in seinem Kopf hatte.
Schuld daran war sein radikaler Schnitt, den er nach Janines Tod und der darauffoldgenden Depressionsphase voller Alkohol und Drogenexzessen, gemacht hat. Die Wandlung vom zappeligen Partymittelpunkt zum schweigsamen, nachdenklichen Einzelgänger war zu sprunghaft, und damit für den Verbrecher die perfekte Trennlinie. Absichtlich zeigte er ihm keine Fotos, auf denen Annie zu sehen war, da er durch seine Observation wusste, dass sie in seinem späteren Leben nochmal eine Rolle gespielt hatte. Die Gefahr, dass er sie erkannte, und damit Verbindungen zu seiner eigenen Vergangenheit zog, war ihm zu groß. Aber in seinem Kopf ging dieser Gedanke ständig hin und her, schließlich musste Patrick langsam eine Entscheidung fällen.
Er hatte den zweiten Schritt getan, in einer Situation, die zu eskalieren drohte. Er erzählte Kevin die Story von Polizisten, die es auf die Gang abgesehen hatten und erfand dazu notwendige Lügen, die Kevin nicht nachprüfen würde können. Jerry angeblich tot, nachdem der junge Polizist den Knast wieder verlassen hatte. Peter, wegen dem er diesen Rachefeldzug überhaupt startete, von einem Dach gefallen, was gleichzeitig auch ein kleiner Test war, ob dieser subtile Hinweis bei Kevin zu Erinnerungen führte, schließlich war dieser unmittelbar an Peters Tod beteiligt. Kai hatte sich längst in den warmen Süden Italiens verkrümelt, als der Boden in Deutschland ihm wegen Drogenbesitzes zu heiß wurde, auch das würde Kevin, zumindest in seinem jetzigen Zustand, nicht nachprüfen können.
Jetzt überlegte er die ganze Zeit, üb er den nächsten Schritt gehen wollte... und Kevin offenbaren, wer die Männer waren, die hinter dieser Aktion standen. Schließlich hatte er sie auf Bild, die Bilder so realistisch geschossen, als hätte er sie selbst verfolgt... so wie er es ja auch getan hat. Im Zuge der Observation von Kevin hatte Patrick natürlich auch dessen Kollegen Ben und Semir vor die Kamera bekommen, die er jetzt zusammen mit Jenny als Drahtzieher des Komplotts zeigen wollte. Letztere allerdings erst später, zuviele Erinnerungen hielt er für gefährlich.
Er hatte sich am späten Nachmittag dazu entschlossen und Carsten eine WhatsApp-Nachricht geschrieben. Der kam nun ins gemeinsame Haus, grüßte kurz ins Wohnzimmer und verzog sich dann in einen Nebenraum, allerdings lehnte er nur die Tür an. Patrick wollte sich mit seinem Freund absichern, falls die Sache schiefging und Kevin sich doch erinnerte... dann mussten sie handeln, und die kleine Maus im Keller würde Gesellschaft bekommen. "Okay... ich wollt eigentlich noch ein bisschen damit warten, bis du einigermaßen in deiner Birne wieder klar bist...", begann Patrick dann irgendwann, als sie das letzte Fotopäkchen wegpackten, und tippte sich dabei selbst mit einem schelmischen Grinsen an die Schläfe... "aber nachdem ich dir jetzt eben Andeutungen gemacht habe, sollst du alles wissen."
Kevin sah zu ihm auf, seine Augen müde, sein Kopf klopfte und sein Innerstes sehnte sich nach ein paar bunten Pillen. Trotzdem war er sofort aufmerksam, als Patrick die Sache zur Sprache brachte. "Ich bin ganz Ohr.", sagte er, konnte die Müdigkeit in seiner Stimme aber nicht überspielen. Vor lauter Nachdenken über die Bilder, die Patrick ihm gezeigt hatte, hatte sein Kopfweh und seine Verzweiflung wieder zugenommen. Er konnte sich an die Bilder erinnern, er kannte die Menschen darauf. Jerry und andere Freunde lachten und gröhlten ihn an, aber nichts erinnerte ihn an die Jahre, die in seinem Kopf fehlten.
"Ich hatte, als immer mehr aus der damaligen Gang ums Leben gekommen sind, Nachforschungen angestellt. Du weißt ja, dass ich noch den ein oder anderen Kontakt hatte." Mit beiden Händen um den Nacken gelegt, nickte Kevin und stützte sich danach mit dem Kopf auf seine Hände. "Zwei Typen sind es... ich kenne ihre Namen nicht, aber ich konnte damals, als ich versucht habe sie zu beobachten, Bilder von ihnen machen. Zwei Stück. Einer von ihnen war scheinbar früher selbst bei uns in der Clique, und hat sogar schon Musik mit dir gemacht." Kevin zog die Augenbrauen nach oben. "Musik mit mir?" "Ja, daran erinnere ich mich dunkel. Und der andere war damals schon Polizist. Der junge Typ hatte die Gang verlassen, kurz vor deinem 18ten Geburtstag. Und ich bin mir fast sicher, dass diese beiden an dem Überfall beteiligt waren."
Kevin musste diese Information erstmal sacken lassen. Bilder der dunklen Nacht zogen wieder an seinen Augen vorbei. Er war mittlerweile so paralysiert und verzweifelt ob seiner Erinnerungslücken, dass er viele Informationen gar nicht mehr innerlich nachprüfte, sondern froh war um jedes Wort, um jede scheinbare Wahrheit, an die er sich klammern könnte und unter dem Aktenordner "Erinnerung" ablegen konnte. So wurde er gutgläubig und für Patricks Lügengebilde war das optimal.
"Zeig mir die Bilder...", sagte er dann nach einigen Minuten. "Na gut...", sagte Patrick, verließ kurz den Raum und kam nur zwei Minuten später zurück, bevor er Kevin zwei Bilder auf den Tisch warf "Das sind die Mörder deiner Schwester". Carsten, dicht an der Tür des Nebenzimmers, hatte seine Hand um den Griff seiner Waffe, die in seinem Hosenbund steckte, geklammert als er quasi blind, ohne Kevin oder Patrick zu sehen, auf eine Reaktion zu warten. Kevin starrte währenddessen auf die Bilder und sein Herz begann schneller zu schlagen. Er sah die wuscheligen Haare von Ben, leicht vom Wind abstehend, seine aufmerksamen Augen während er sich scheinbar gerade unterhielt und deswegen, naturgemäß, nicht aufmerksam in die Kamera sah. In seinem Kopf begannen sich Bilder abzuspielen, die ihn schwindelig werden ließ, denn immer öfter wechselte die Reihenfolge. Es wurde nicht besser, als er das Bild von Semir betrachtete, die kurz geschnittenen leicht angegrauten Haare, die braunen Augen, sein skeptisch, prüfender Blick. Die Gesichter kamen Kevin unendlich vertraut vor. Ben ordnete er irgendwo der Gang zu, weil Patrick ihm das gesagt hatte, und in seinem inneren Auge sah er sich mit Ben zusammen auf der Bühne... aber er konnte nicht sagen wann, in welchem Zeitraum das passierte. Allein das Patrick diesen Umstand genannt hatte, löste es in Kevin einen Trigger der Erinnerung aus. "Das...", stammelte er, während er zwischen den beiden Bildern immer wieder hin und her sah. Kevin stand auf, sein Atem wurde schneller, als er mit weit geöffneten Augen vom Tisch zurücktrat. "Was ist?", fragte Patrick, gespielt ruhig aber innerlich höchst angespannt.
"Das... ich...", stammelte Kevin, während sein Kopf von Bildern überflutet wurde, die er allesamt nicht zuordnen konnte. Gefühle, von Wut, Trauer, Hass und Vertrauen vermischten sich zu einem Wasserfall an Emotionen, die über ihn hereinbrachten und mit ihm ein stechender Schmerz, der plötzlich durch seinen Kopf fuhr. Der Polizist fasste sich stöhnend mit beiden Händen an den Kopf und ging auf die Knie, so sehr pochte plötzlich der Schmerz durch seine Narbe an der Stirn. Plötzlich fiel er innerlich nochmals von der Brücke in Kolumbien, nochmals sah er vor sich den fremden Mann mit der Waffe vor sich stehen, und er erinnerte sich an das, an das er damals dachte. An Janine, an diese beiden Männer und eine Frau, an die ihm in diesem Moment gänzlich die Erinnerung fehlte...