Dienststelle - 10:00 Uhr
Zwei Tage später waren Semir und Ben wieder in gewohnter Umgebung. Ihnen fiel der Abschied von Jenny schwer, doch die junge Frau versicherte den beiden Männern, dass alles in Ordnung sei. Ihre Kopfverletzung stellte sich "nur" als Platzwunde heraus, ein paar Tage Ruhe und alles wäre wieder in Ordnung. Diese "Ruhe" bestand für die junge Frau dann vor allem daraus, im Krankenhaus an Timos Bett zu wachen, manchmal begleitet von Gregor oder ihrem Chef. Dann wollte sie wieder arbeiten, wobei sie sich selbst nicht sicher war, ob sie in Hamburg bleiben konnte, bleiben wollte. Sie floh aus Köln, weil sie dort alles an ein Trauma erinnerte, an einen schmerzlichen Verlust. Dieser Verlust war wieder da, und nun war es Hamburg, das sie daran erinnerte. Während die junge Frau an Timos Bett saß und dem regelmäßigen Piepsen des Herzschlag-Computers lauschte, zweifelte sie an ihrem Polizisten-Job. Und sie vermied es, an Kevin zu denken.
Semir nahm sich einen Tag frei... den Kopf freibekommen von allen Gedanken. Ben tat es ihm gleich, und sie unternahmen einen Familienausflug in den Kölner Zoo. Semir und Andrea mit den beiden Kindern, die herumliefen, tobten und sich über den unerwarteten Ausflug mit Onkel Ben und seiner Freundin Carina freuten. Die beiden Männer versuchten, alle Gedanken an den morgigen Tag, wenn sie die Geschehnisse ihrer Chefin erzählten, zu verdrängen, flachsten und alberten mit den Kindern. Es gelang ihnen meistens...
Kevin floh sich in die Einsamkeit. Eine herzliche Umarmung seiner Ziehmutter Kalle, die ihn sofort wieder bei sich aufnahm, folgten zwei Tage seiner üblichen Therapie. Er lag viel im Bett, saß am Fenster, rauchte Joints zur Entspannung und trank bis Kalle ihm kopfschüttelnd die Decke über den Kopf zog, als der junge Polizist auf der Couch einschlief.
Jetzt saßen Semir und Ben vor der Chefin, die sich mehr als nur einmal mit beiden Händen durch die Frisur fuhr, immer wieder tief durchatmete und an ihrem ersten Arbeitstag nach dem wohlverdienten Urlaub mit einer solchen Hammer-Meldung nicht gerechnet hatte. Kevin lebte... Gedächtnis verloren und von einem Kriminellen, den er von früher kannte, ausgenutzt worden. Viel härter traf sie dagegen die Tatsache, dass der junge Polizist scheinbar tatsächlich versucht hatte, Ben zu töten und ihn tätlich angegriffen hatte. Dass dabei ein Polizist auch noch schwer verletzt wurde, kam erschwerend hinzu. Aber vor allem ging es darum, wie es jetzt weitergehen sollte... schließlich war Kevin noch offiziell bei der Autobahnpolizei.
"Wissen sie aus Hamburg schon, inwiefern gegen ihn ermittelt wird?", fragte die Chefin nach dem Bericht ihrer beiden Kommissare. "Soweit wir wissen... gar nicht.", sagte Semir und es hörte ich beinahe so an, als bedauere er es... so war es zumindest Bens Eindruck. "An der Entführung von Jenny war er nicht beteiligt, Ben hat wegen der Körperverletzung keine Anzeige erstattet und die Sache abgebügelt...", auch bei diesem Satz zog der Genannte die Augenbrauen nach oben "... und Jenny hat ausgesagt, dass Patrick in ihrem Beisein sich klar zu den Schüssen auf Timo bekannt hat, und dass Kevin Patrick in Notwehr erschossen hat. Der Tote hatte die Hand um die Waffe geklammert. Naja, und die Freiheitsberaubung, als er uns in die Kühlkammer eingesperrt hat... haben wir auch nicht beanzeigt."
Die Chefin nickte, bevor Semir fortfuhr: "Die Innere wird sich mit dem Fall sicherlich trotzdem beschäftigen. Aber so wie es aussieht kommt Kevin mal wieder mit einem blauen Auge davon." "Scheint dich zu stören...", merkte Ben an und bereute den Satz eine Sekunde später schon wieder. Gestern noch hatten sie eine Menge Spaß, aber seit Semir der Chefin von den Vorkommnissen berichtete, hatte Ben wieder das Gefühl, was er vor zwei Tagen im Krankenhaus schon hatte, bevor er sie Jenny befreiten... dass Semir sich innerlich irgendwie gegen Kevin positioniert hatte, gegen den Mann, der ihm einst das Leben gerettet hatte. "Ben... was Kevin diesmal getan hat, war nicht dass er einfach ausgerastet ist und jemanden zusammengeschlagen hat. Er hat versucht dich umzubringen..."
Ben seufzte... diese Diskussion hatten sie doch schon mal geführt. "Er wusste nicht, wer wir sind. Er wurde von Patrick manipuliert.", sagte er gespielt geleiert, weil er es schon mehrmals gesagt hatte. "Aber zumindest hatte er keine Skrupel, in diesem falschen Wissen zu versuchen sie umzubringen.", merkte die Chefin an. Semir nickte und leckte sich über die Lippen. Der Satz fiel ihm schwerer, als es den Anschein machte: "Ich weiß nicht, ob jemand mit dieser Skrupellosigkeit für den Polizeidienst geeignet ist."
Für einen Moment überlegte Ben, wie er auf diesen Satz von seinem Partner reagieren sollte. Hätte er etwas weniger Sorgen, etwas weniger emotionale Verbindung zu Kevin, hätte er vermutlich sachlicher reagiert. Doch Ben war Ben. Und er konnte nun mal nicht aus seiner Haut. "Sag mal, hast du was am Schwimmer? Erstellst du ihm jetzt das Gutachten für seine Entlassung, oder was?", rief er wütend und stand ruckartig von seinem Stuhl auf. Sein Partner ließ sich von dieser Aggressivität anstecken. "Es ist ja nicht das erste Mal, dass ihn das in Schwierigkeiten bringt. Du kannst dich doch sicher noch an die Situation auf dem Dach erinnern... du hast selbst gesagt, dass er abgedrückt hätte, wenn dein Leben nicht in Gefahr gewesen wäre. Davon abgesehen, dass er Jennys Vergewaltiger damals fast totgeschlagen hat." Die Stimme des erfahrenen Kommissars war laut und durchdringend, aber er blieb im Stuhl sitzen.
Ben atmete heftig, er sah fassungslos zu Semir, danach zur Chefin die mit dem Finger auf dem Mund ihre beiden Mitarbeiter beobachtete, und sich scheinbar ihre eigenen Gedanken machte. Und der junge Polizist wusste, dass die Chefin Kevin eher negativ gegenüber stand. "Wenn ihr Kevin den Job nehmt, dann nehmt ihr ihm alles, was er noch hat. Er braucht uns jetzt! Wir sind seine Freunde." Dann sah er seinen Partner, seinen besten Freund an, der nachdenklich den Kopf schüttelte: "Oder sind wir das nicht? Lassen wir ihn jetzt fallen?" "Ich weiß nicht, ob ich Kevin einfach nochmal blind vertrauen kann. Und blindes Vertrauen ist überlebenswichtig in unserem Beruf.", sagte Semir leise, bevor er den Kopf zu Ben drehte: "Kannst du ihm noch blind vertrauen, Ben?" Ben sah seinen Partner an, und plötzlich sah er vor seinem Inneren Auge Kevin... mit Hass in den Augen, die Hände um seinen Hals gelegt. "Ich... ich...", stotterte er und das Bild wollte nicht verschwinden. Der Polizist merkte, wie ihm die Stimme versagte, er drehte sich ruckartig um und verließ das Büro. Dass er sich nicht zu einem eindeutigen Bekenntnis zu Kevin hinreissen konnte, drückte ihm auf die Seele.
Mit sorgenvollem Blick sah Semir seinem besten Freund hinterher, der nach Draussen entschwand. Nur wenige Sekunden später hörte man ihn in seinem Dienstwagen das Gelände verlassen. "Semir, ich brauche nach 20 Jahren der Zusammenarbeit wohl nicht sagen, dass ich auf ihre Meinung viel Wert lege. Und deshalb brauche ich ihre nüchterne, sachliche Einschätzung über Herrn Peters. So leid es mir tut, aber die Meinung ihres Partners ist mir momentan zu emotional geprägt." Semir konnte diese Ansicht sehr gut nachvollziehen. "Natürlich verstehe ich die Situation von Herrn Peters, und dass er weitestgehend manipuliert wurde. Aber wir können eben nicht ignorieren dass in seinem Charakter gewisse... wie soll ich sagen... schlafende Hunde existent sind, die ihn zu einem Risiko machen."
Es war für Anna Engelhardt schwierig, die richtigen Worte zu finden, und Semir ging es ebenso: "Kevin ist nicht einfach irgendein Kollege... das wird sich nicht ändern und es würde mir unglaublich schwer fallen... da hat Ben halt Recht. Sein Beruf wäre das Einzige, was ihn über Wasser halten würde. Aber es ist irgendetwas kaputt gegangen, was ich nicht näher beschreiben kann. Dass er versucht hat Ben zu töten... macht es für mich schwer, weiter mit ihm zusammen zu arbeiten, glaube ich... auch, wenn ich weiß welche Umstände dazu geführt haben." "Sie denken also, es wäre besser, wenn er die Dienststelle verlässt?", fragte die Chefin, und ihre Worte klangen in Semirs Augen zu hart, obwohl er mit seinen Worten vorher, dass gleiche sagte. "Ich... ich weiß es nicht. Ich würde nicht mal mit Bestimmtheit sagen, ob er überhaupt weitermachen möchte..."