Dienststelle - 14:00 Uhr
Sie hatten nur wenige Worte miteinander gewechselt... ein kurzes "Hallo, wie gehts?" "Geht so... muss weitergehen."... Sie fühlten sich wie Fremde, denen ein Gespräch unangenehm war, bevor Kevin sich mit den Worten "Ich hab noch was vor." verabschiedete und Semir ausser einem "Hallo" und "Tschüss" gar kein Wort rausgebracht hatte. Sogar anderen im Raum fiel diese fremdartige Atmosphäre auf. Von Vertrautheit war nichts mehr zu spüren und genau das war auch das Gefühl, was in Ben übrig blieb, als Kevin den Raum verlassen hatte. Die Chefin winkte ihre beiden besten Mitarbeiter in ihr Büro, die beiden konnten das durch die Glastrennscheibe sehen.
Die Chefin sah die beiden an und konnte ihre Erwartungen in den Gesichtern ablesen. Nachdem Ben eben noch verschwunden war, war er eine halbe Stunde später, wesentlich beruhigter, wieder aufgetaucht. Manchmal brauchte er das eben, bevor er unsachlich wurde... da war eine Flucht und ein kurzes Abkühlen besser. Danach brauchten die beiden Freunde auch keine Aussprache oder Versöhnung. "Und? Was hat er gesagt?", fragte Ben als Erstes, nachdem sie sich auf den Stühlen niedergelassen hatten. "Er war sehr auskunftsfreudig, das hat mich überrascht. Und ich hatte das Gefühl, dass ihm die ganze Sache sehr ehrlich leid tut, und er selbst nicht begreifen kann, wie ihm das passieren konnte. Ich hege keinen Zweifel daran, dass diese Situation einzig wegen seines Gedächtnisverlustes so eskaliert ist.", erzählte die Chefin von ihren Gedanken.
Für Ben war das eine Bestätigung, Semir nickte leicht. Der erfahrene Polizist wollte so gerne Kevin anblicken und den Kevin von früher sehen... den Kevin, der sich leichtsinnig vor eine geladene Waffe stellte, um ihn zu schützen. Den Kevin, der Semir half, seine Tochter aus den Fängen eines Entführers zu befreien und den Kevin, der ihn gemeinsam mit Ben vor Neo-Nazis rettete. Wenn er in seinen Gedanken war, sah er zur Zeit nur den Kevin, der ihn gegenüber Annie verraten hatte und der versucht hatte, seinen besten Freund umzubringen. "Wird er hier bleiben?", fragte Ben. Die Chefin seufzte kurz: "Ich habe das Gefühl, dass er hier bleiben will. Er hat sich nicht klar geäussert, nur Andeutungen gemacht. Ich kann aber auch verstehen, dass das eine schwierige Situation ist. Aber in erster Linie müssen sie mit ihm zusammenarbeiten.", verwies Anna Engelhardt und betonte das "Sie" auf die beiden Polizisten. Damit meinte sie, dass sie die Entscheidung von ihren beiden besten Beamten abhängig macht.
Semir sah Ben von der Seite und biss sich auf die Lippen. "Du bist in erster Linie betroffen... du hattest direkte Konfrontation mit ihm.", sagte der erfahrene Polizist, und Ben nahm den Blick seines Partners auf. "Ich will das nicht alleine entscheiden.", war dessen Antwort, denn er spürte sofort, dass eine Entscheidung ihm schwer fallen würde. Er wollte mit Kevin zusammenarbeiten und er wollte, dass alles wieder so wie früher wurde. Aber er hatte Angst... Angst vor Rückschlägen, Angst davor, die falsche Entscheidung zu treffen. "Du entscheidest das nicht alleine, Ben. Aber es betrifft dich einfach eher. Und wenn du mit Kevin weiterhin zusammenarbeiten kannst... dann kann ich das auch."
Hamburg - 21:00 Uhr
Übelkeit war es, was Kevins Magen bestimmte. Er war den ganzen Tag unterwegs, war nach dem Gespräch sofort Richtung Hamburg aufgebrochen. Jetzt war es eine Mischung aus Hunger und Nervosität, die Kevins Finger zittern ließ, als er das Klingelschild drückte, auf dem "Dorn" stand, und der ihre Stimme an der Sprechanlage ertönte. "Ja?" "Hier ist Kevin." Kurze Stille, ein Räuspern. "Was willst du?" Die Kälte in ihrer Stimme nahm Kevin den Atem, und für einen Moment überlegte er, sich umzudrehen und zu gehen... nicht weil er beleidigt war, sondern weil der Ton ihn mitten ins Herz stach. "Ich will mit dir reden." Wo Kevin früher in solchen Situationen selbst distanziert und kühl war, hörte man jetzt bereits aus seiner Stimme, wie es ihm wirklich ging. Als müsse Jenny nachdenken, dauerte es einige Sekunden bis der Summer ertönte.
Die junge Frau hatte eine Abwehrhaltung eingenommen, als sie im Türrahmen lehnte, die Hände vor der Brust verschränkt. Doch auch ihr ging es im Inneren nicht gut, sie spürte diese Zerissenheit... zu Kevin hin, sich Timo verpflichtet, in Erinnerung an Kevin als er sie schützte, in Erinnerung daran, wie er vor ihr stand und mit der Waffe auf ihren Kopf zielte, um Minuten danach einen Menschen eiskalt zu erschiessen. Jetzt, wo sie den Mann sah, den sie liebte, wollte sie ebenfalls am liebsten weglaufen.
Kevin blieb vor ihr stehen und Jenny machte keine Anstalten, ihn herein zu bitten. "Wie soll das jetzt weitergehen zwischen uns?", fragte der Polizist mit trauriger Miene. Die letzte Begegnung war jene im Krankenhaus, als Jenny den jungen Mann aufs Heftigste beschimpfte. Kevin nahm es ihr nicht krumm, es war eine mentale Ausnahmesituation, aber er vermisste die junge Frau sehr. Und er wollte Klarheit. "Was denkst du denn? Wie es weitergeht?", fragte sie als Gegenfrage, weil sie auf die Frage keine Antwort parat hatte. "Wir waren ein Paar, bevor ich nach Kolumbien gefahren bin. Und was passiert ist... und was du von mir vor einigen Tagen gesehen hast und dass das nicht einfach so wegzustecken ist." Jenny musste sarkastisch kurz auflachen und sah kurz zu Boden. Es sollte Kevin nicht verhöhnen, und doch fühlte er genau das.
"Wenn du das Buch nicht gefunden hättest... was hättest du getan?", fragte sie knallhart und traf wieder Kevins Nervenzentrum. "Hättest du abgedrückt?" Sie blickten sich an wie zwei Raubtiere, die sich nicht verletzen wollten, aber nicht drumherum kamen, weil es ihr Naturell war. Die Frage verursachte bei dem jungen Polizisten Horrorqualen. "Jenny... ich... was soll ich dir darauf antworten? Ja, ich hätte abgedrückt? Ich war nicht ich selbst... ich konnte mich an nichts erinnern."
Sie spürte, dass sich eine Klammer um ihre Brust legte. Es tat ihr selbst weh, so herzlos zu Kevin zu sein, und doch konnte sie sich nicht überwinden, einfach alles ungeschehen zu lassen. Sie hätte sich so sehr seine Schulter gewünscht, als ihr gemeinsames Baby starb und jetzt wies sie ihn ab. "Ich weiß nicht, was ich denken soll. Ich weiß nicht, wann du du selbst bist... jetzt oder im Keller. Was ist dein wahres Gesicht?", sagte sie leise und sah ihn an. Ein fassungsloses Kopfschütteln war die Antwort: "Das kann nicht dein Ernst sein...", antwortete er in ebenso leiser Lautstärke. Ein Mann, der auch unter Gedächtnisverlust eiskalt einen Menschen erschoss... dazu musste man generell einfach skrupellos sein. Nur weil man sich an Dinge erinnerte, ändert das nicht den Charakter.
"Du hättest auch einen Menschen getötet, wenn du klar bei Verstand gewesen wärst. Das hast du selbst gesagt, dass du Peter Becker erschossen hättest... damals.", sagte sie. Kevin schluckte. "Das hast du aber schon gewusst, bevor du die Beziehung mit mir eingegangen bist, Jenny." "Ich weiß...", meinte sie tonlos. "Aber da war ich nicht dabei. Etwas erzählt bekommen und mit eigenen Augen etwas sehen... das ist ein Unterschied." Jetzt spürte sie, dass sie das Wasser nicht mehr halten konnte. Ihre Augen wurden feucht, sie brach nicht in Tränen aus, aber Kevin konnte das Glitzern deutlich sehen.
Auch der junge Polizist schluckte und sah kurz zu Boden. Den Blickkontakt aufrecht erhalten fiel ihm in dieser Situation unglaublich schwer. "Ich war so wütend auf dich, als du nach Kolumbien gefahren bist, um Annie zu suchen.", begann Jenny wieder mit leiser Stimme. "Aber ich habe irgendwann gewusst, dass du das tun musst. Und ich war der unglücklichste Mensch, als diese Frau mit Juan bei mir aufgetaucht ist um mir zu sagen, dass du in einem Fluss ertrunken bist." Er blickte wieder auf und hatte sofort eine Entschuldigung für diesen Kummer auf den Lippen, aber Jenny sprach einfach weiter, ließ ihn nicht zu Wort kommen: "Dann habe ich dich auf der Couch gesehen... du warst da, du warst lebendig, und du hast mir nicht geholfen. Und irgendwann stehst du vor mir, zielst auf mich... um dann vor meinen Augen einen Mann zu erschiessen... und ich höre dass du zugelassen hast, dass ein Freund von mir... ein Kollege von uns... angeschossen wird." Sie schüttelte langsam den Kopf und eine Träne tropfte von ihrem rechten Auge auf ihre Wange. "Kevin... es kann jetzt nicht einfach so weitergehen, als wäre nichts passiert. Das geht nicht..."
Was würde es bringen, wenn er sich rechtfertigte... eigentlich wusste Jenny alles. Er konnte nichts dafür, dass man ihn irrtümlich für tot gehalten hat. Er hatte sein Gedächtnis verloren, und als er Patrick erschoss, hatte die Wut und die Rache Kontrolle für ihn ergriffen. An Timos Unglück konnte er nichts tun. Aber alle Worte, jede Rechtfertigung, wäre in diesem Moment verhallt und nichts wert gewesen. Diese Geschichte, dieses Unglück, stand zwischen ihnen, und auch Kevin wusste schon vor diesem Gespräch, dass er und Jenny nicht einfach wieder zusammenleben könnten.
Und obwohl ihm das schon vorher klar war, fielen ihm die eigenen Worte so schwer, und sie stachen beiden unbarmherzig in die Seele. "Also... ist es vorbei?", fragte er stockend mit traurigem Blick, und mit ebenso traurigem Blick nickte die junge Frau. "Ja... ich... ich denke schon." Es war eine Endgültigkeit in ihren Worten, die zentnerschwer waren, und die beiden noch lange auf der Seele lasten würden. Der junge Polizist nickte tonlos, und wollte sich schon zum Gehen wenden.
Aber etwas brannte Kevin noch auf der Seele, und er musste es fragen. Es war das, was in seiner Erinnerung noch offen war, und was er sich während beiden schlimmen Drogentrips nicht erklären konnte. Er drehte sich nochmal zu Jenny um, die ihn darauf eigentlich nicht ansprechen wollte. Es würde ihn und sie noch mehr belasten und beinahe hoffte sie, dass er es vergessen hatte. "Jenny... entschuldige die Frage aber...", begann er vorsichtig. "Bist du... also..." Plötzlich kam die Erinnerung, jetzt wo er Jenny sah und er intensiv drüber nachdachte... und die böse Ahnung überfiel ihn, warum sie ihn nicht darauf angesprochen hatte. "Was... was ist mit unserem Kind?" Plötzlich war das Ultraschallbild ganz klar vor seinen Augen und die Situation, sitzend an der Wand in dem kleinen Zimmer in Kolumbien, ganz real. Genauso real, wie das traurige Kopfschütteln seiner ehemaligen Lebensgefährtin, als sie leise flüsterte: "Es gibt kein Kind mehr...". Das leise "Machs gut...", als sie die Tür langsam schloß, nahm Kevin nicht mehr wahr...