Köln - 13:45 Uhr
Etwas gedankenverloren, mit Jerrys Gespräch und Bens unsicher wirkender Stimme, als er Semirs Einwilligung über den Funk weitergab, im Kopf steuerte Kevin den Parkplatz des Genoveva-Gymnasiums an. Der Parkplatz war bereits gut geleert, die meisten Lehrer hatten gegen 13 Uhr bereits Feierabend und es herrschte eine angenehme Stille. Der junge Polizist ließ seine Weste, die die Waffe verdeckte, an. Er trug seine Waffe, anders als Ben und Semir, nicht am Gürtel sondern an der linken Körperseite, zur Innentasche der Jacke. Im Bedarfsfall konnte man eine Waffe so besser verdecken, und in einer Schule wollte er nicht unbedingt mit sichtbarer Knarre rumlaufen. In Zeiten von Terroranschlägen und Amokläufern mussten Zivilbeamte etwas sensibler mit dem Thema umgehen.
Allerdings war es ihm auch von den Vorschriften her verboten, die Waffe im Dienstfahrzeug zu lassen. Nicht wegen seiner Sicherheit, aber es war nicht auszudenken, wenn ihm der Wagen gestohlen wird, und seine Dienstwaffe liegt drin.
Der junge Polizist drückte die Türen der Schule auf und trat in die kühle Eingangshalle, nachdem er ein paar Minuten gewartet hatte. Hatte Ayda etwa noch nicht Schulschluss und wartete vor der Tür? Vielleicht kam ihr Vater immer herein, um sie abzuholen. Ein Umstand, der Kevin als Jugendlicher vermutlich furchtbar peinlich gewesen wäre, aber seine Jugendzeit war in keinster Weise mit dem wohlbehüteten Aufwachsen Aydas und Lillys vergleichbar. Mit 12 hatte er schon die ersten Kippen für seine Freunde in die Schule geschmuggelt... ein Thema, was für Ayda vermutlich noch vollkommen tabu war.
Ein Mann im karierten Hemd und Schlabber-Jeans schritt durch den Flur und wurde in der Empfangshalle auf den Polizisten mit den abstehenden Haaren aufmerksam. "Kann ich ihnen helfen?" Es war ungewöhnlich dass Erwachsene um diese Zeit auf dem Schulflur rumliefen und der Mann beäugte ihn misstrauisch. Es erinnerte Kevin an seine Schulzeit, auch damals empfing er nur selten freundliche Blicke von den Lehrern, denn auch an den Schulen, an denen er war war seine Gang und ihr Ruf bekannt. Viele Lehrer trauten sich nicht, sich dagegen zu stellen, viele hatten aber auch einfach kein Interesse daran. Landete der Junge in der Gosse, dann war es halt so. Sozialarbeiter oder Streetworker gab es damals nicht.
"Ich wollte Ayda Gerkhan abholen. Sie hätte hier Theater-AG.", sagte der Mann. "Sind sie ein Freund des Vaters?" Eigentlich war das Misstrauen des Lehrers lobenswert. Scheinbar kannte er die Eltern der Kinder, die er unterrichtete und gab nicht jedem Dahergelaufenen Auskunft über den Aufenthaltsort der Kinder... geschweige denn, dass er sie einfach abholen ließ. Er stellte vermutlich eine Ausnahme im Schuldienst dar. Doch jetzt rollte Kevin etwas genervt mit den Augen und zeigte seinen Dienstausweis. "Nein, aber ein Kollege. Ich soll sie abholen, weil Semir verhindert ist." Der Mann beäugte den Ausweis kurz und murmelte dann eine Entschuldigung.
"Die Theater-AG probt heute am Montessori-Gymnasium. Dort stehen nämlich die Kulissen für den Auftritt am Wochenende, dafür haben wir leider keinen Platz. Der Leiter der AG hat sie mit unserem kleinen Schulbus herübergefahren und eigentlich sollten die Kinder ihren Eltern sagen, dass sie dort abgeholt werden sollen. Hat Ayda vermutlich vergessen." "Ja, oder Semir.", meinte der Polizist und lächelte etwas. "Alles klar, dann weiß ich Bescheid. Danke.", sagte er und verließ das Schulgebäude wieder.
Schulen sehen von Außen oft gleich aus. Moderne Schulen gab es wenige, zumindest von Außen waren es oft ältere, manchmal schon historisch anmutende Gebäude, große Schulhöfe, mehrere Eingänge. Auch die Montessori-Schule machte da keine Ausnahme, obwohl es hier nur zwei Eingänge gab. Kevin wusste das... tatsächlich ging er hier 2 Jahre zur Schule. Die fünfte und sechste Klasse besuchte er, doch der Lockruf der Straße war größer. Auf der Straße hängen, nicht lernen und Schule schwänzen führte dazu, dass er von dem Gymnasium geschmissen wurde und zur Hauptschule ging. Dieser Tapetenwechsel zog ihn noch weiter in den Strudel des Abgrundes, denn während man an Gymnasien auf dem Schulhof allerhöchstens in gewissen Kreisen mal mit etwas Gras und einem Joint in Berührung kommt, ist das auf der Hauptschule erst die Spitze des Eisberges.
Auch hier war vor der Schule Ayda nirgends zu sehen. Kevin nutzte diese Gelegenheit um seine alte Schule mal wieder von innen zu sehen, und stieg erneut aus. Auch hier führte eine Eingangstür in eine Halle, die sich nach rechts und links in einen Flur abzweigte, in der Mitte war das Treppenhaus.
Die Wände waren seit Kevins Abschied scheinbar noch nicht wieder gestrichen worden. Und auch sonstiges Mobiliar schien überlebt zu haben. Ein wenig gedankenverloren ging Kevin den Flur entlang, und er geriet aus dem Blickfeld der Eingangstür heraus. Den jungen Mann, der dort etwas an der Ausgangstür anbrachte und dann mit leisem Kabelbinder die beiden Griffe der Tür zusammenband, bemerkte Kevin genauso wenig wie umgekehrt. Der junge Polizist war eher damit beschäftigt, irgendwo einen Lehrer zu finden, um nach der Theater-AG zu fragen. Er wusste aber, dass bei der Aula ein großer Lagerraum war, wo die Kulissen vermutlich, wie früher, immer noch gelagert werden.
Als er um eine weitere Flurecke bog, blieb er stehen. In seinen Händen, Armen, Beinen und Oberkörper breitete sich ein Kribbeln aus. Sein Mund wurde staubtrocken und seine hellblauen Augen aufgerissen. An der Wand saß ein junges Mädchen, mit blutbefleckten Oberteil, einer großen Blutlache um sich herum und starrte ihn mit großen, toten Augen an.