Ragnarök - 15:30 Uhr
Jenny konnte die Fortbewegungsart, die sie wählten, nicht so recht beschreiben. Sie gingen nicht aufrecht normalen Ganges über den Flur hin zur ersten rechtwinkeligen Biegung. Sie schlichen auch nicht geduckt, die Waffe im Anschlag als würden sie hinter der nächsten Ecke Gefahr vermuten. Aber beide hatten die Waffe in die Hand genommen, die zwar zu Boden zeigte, den Arm aber nach vorne etwas durchgestreckt, jederzeit bereit zu zielen und sich Respekt zu verschaffen. Durch die dünnen Wände und das alte Haus konnte man sowohl den Hagel, als auch den Sturm und das Donnern dumpf aber laut vernehmen und jedesmal, wenn die Natur Lärm schlug, zuckte Jenny neben dem größeren Kevin ein wenig zusammen. Der sah mit konzentriertem Blick immer wieder hinter sich, als würde dort das Böse auf die beiden lauern.
Bevor sie die erste Abzweigung erreicht hatten, konnten die beiden Polizisten ein Geräusch vernehmen, was nicht von der Natur draussen kam. Ein zittriges Atmen, das Klappern von losen Zähnen aufeinander, ein Keuchen und Wimmern. Jennys Herz wollte aus der Brust springen, die Atmosphere dieses Ortes hatte sie schon völlig gefangen genommen, und jetzt dieses unheimliche, menschlich klingende Geräusch hinter der ersten Abzweigung. Kevin festigte seinen Griff um die Waffe und ging langsam, wie in Zeitlupe um die Ecke. Seine Vermutung war richtig. Ein Junkie saß mit dem Rücken zur Wand und bot ein Bild des Schreckens. Seine Haut war fleckig, sein Körper eingefallen, als sei die Haut zu groß für seine Knochenstruktur. Er saß da und versuchte mit zittrigen Fingern sich eine Spritze mit leuchtend grüner Flüssigkeit in den Arm zu stoßen, ohne dass er ihn irgendwie abgebunden hätte. Von den beiden Polizisten nahm er keine Notiz, auch nicht als Kevin lautlos Jenny ein Zeichen mit den Fingern gab, einfach an dem Mann vorbei zu gehen. Bis sie diesen Flur verließen, trete sich Kevin aber auffallend oft um...
Gerade als das Wimmern hinter ihnen leiser wurde, hörten sie ein ähnliches Geräusch. Es drang hinter einer Tür hervor, auf dem, mittlerweile sehr verblasst, das Zeichen für eine Herrentoilette abgebildet war. Ein paar Meter weiter war der Fahrstuhl, doch Jenny blieb an der Tür stehen. Sie sah zu Kevin, der ihn ihrem Gesicht Angst ablesen konnte, und er konnte es ihr nicht verübeln. Wenn man diesen Ort nicht kannte, oder nicht wusste was einen erwartete, bekam man Angst... nackte Angst. Der junge Polizist spürte zumindest ein beklemmtes Gefühl im Magen... es war viel schlimmer geworden als früher. Die Geräusche hinter der Tür waren kein undefinierbares Wimmern, sondern eine flüsternde, zittrige und, trotz des Flüsterns, hysterisch wahnsinnig klingende Stimme.
"Er kommt... der Tod kommt...", konnte Jenny vernehmen, als Kevin mit dem Rücken zur Wand an der Tür diese einen Spalt aufdrückte. Jenny hob die Waffe ein paar Zentimeter, aber auch ihre Hand war nicht mehr ruhig. "Der Tod kommt... er kommt immer näher." Die leise Flüsterstimme verriet nicht, wie nah sie an der Tür stand, aber Kevin wartete. Er hoffte aus dem Selbstgespräch Informationen zu bekommen, doch im Moment waren die Worte nur ein Wirrwarr aus Wahnvorstellungen, schien es. Wahnvorstellungen, die Jenny das Blut in den Adern gefrieren ließ, nicht nur von den Worten die der Kerl wählte, sondern wie er sprach. Es klang fremd, bösartig und unheimlich.
Die Flüsterstimme bekam ein wenig Volumen, sie wurde ein kleines bisschen lauter, blieb aber bei einer unheimlichen Tonlage. "Ich habe das Fleisch gekostet... das Fleisch der gefallenen Engel..." Jenny biss sich auf die Lippen, um ihr Zittern zu unterdrücken. "Das Fleisch der gefallenen Engel... ich habe das grüne Blut des Teufels gekostet. Es fließt in meinen Venen... in meinen Venen." Der junge Polizist sah auf den Boden und sein Gehirn schien zu arbeiten. Das grüne Blut... in seinen Venen. Damit konnte nur Valkyr gemeint sein. Der Typ war auf einem Horrortrip und seine Stimme wurde lauter. "Der Tod kommt! ER kommt! ER KOMMT! UND DIE HÖLLE FLOGT IHM!!", schrie er plötzlich und die Tür wurde zur Toilette aufgerissen, als hätte er nur auf diesen Moment gewartet.
Jenny war so geschockt, dass sie stocksteif da stand, als ein, ebenfalls sehr dürrer Mann, nur in Lumpen bekleidet und wahnsinnigem Blick einen Schritt auf sie zuwankte. Nur das Messer in seiner Hand blitzte im Schein der schwachen Neonbeleuchtung. Bevor er aber der jungen Polizistin ernsthaft schaden konnte, hatte Kevin zugegriffen und dem Mann den Arm auf den Rücken gedreht. Es war erschreckend, wie dünn er war und wie wenig Kraft er gegen den Polizisten aufbot. Das Messer fiel zu Boden und in einer Bewegung schaffte Kevin es, ihm beim Fallen noch einen Schlag zu versetzen, der dem Mann sofort alle Lichter ausgehen ließ, und ihn schlaff auf den Boden zusammensacken ließ. Kevin sah zu Jenny: "Alles klar?" Die junge Frau war kreidebleich, senkte die Waffe langsam wieder und nickte. "Reiß dich zusammen, Jenny... mach jetzt nicht auf Angsthase.", dachte sie für sich selbst und griff die Waffe ein wenig fester.
Die beiden Polizisten stiegen in den wackeligen Aufzug, in dem die Dudelmusik gefühlt schon seit 30 Jahren durch knarzige Lautsprecher lief, als hätten diese schon weit mehr als 10 Kurzschlüsse hinter sich. Kevin entschied sich für das Risiko Aufzug in dieser Bruchbude, weil er nicht unbedingt erkunden wollte, was ihn auf den Etagen 2 bis 5 so alles erwartete... und wer. Sie hatten Glück, die Türen öffneten im 6. Stock und Zimmer 666 lag direkt schräg vom Aufzug. Aus einigen Stücken der Wand waren Teile heraus gerissen und blanke Rohre zeigten sich. Daneben war im Flur eine Ausbuchtung wie eine kleine Fernsehecke, in der Sofas und Tische standen. Der Fernseher war angeschaltet, allerdings lief nur ein grieseliges Testbild. Vor dem Getränkeautomat daneben lagen einige Softdrinks in Dosen herum. Die jüngste war 1998 abgelaufen...
Diesmal stellten sich Jenny und Kevin an der Tür zu dem betreffenden Zimmer so, als wollten sie sofort sichern, sobald sie hineingingen. Jenny mit dem Rücken zur Wand neben die Tür, mit der Hand leicht aufdrückend, während Kevin sogleich durch die aufschwingende Tür in das Zimmer trat und in jeden Winkel zielte... doch der Raum war leer. Jenny kam sofort hinterher und die Tür knarrte leise wieder zu. Der Raum war sehr spärlich eingerichtet, ein schmuddeliges Bett, Nacktbilder von jungen Frauen an den Wänden und ein Schreibtisch mit Blättern, für die sich die beiden Polizisten zuerst interessierten. Kevins aufmerksame Augen huschten über die Buchstaben und Zahlen der wenigen Blätter, die verstreut herumlagen. "Schau mal. Da stehen die Namen unsrer Käufer.", sagte Jenny, die an der Stirnseite des alten Schreibtisches stand, und ebenfalls las. "Und die Bestellung.", ergänzte Kevin, der in den weiteren Papieren wühlte. Doch es tauchten ebenfalls Namen auf und Waffentypen, manchmal auch Drogenmengen. "Das scheint hie sowas wie eine Bestellbank zu sein. Ein abgelegenes Hotel, für das sich kein Schwein interessiert ist sicherer als das Internet.", sagte Kevin leise, als ihm ein Name ins Auge fiel, der ihn erstarren ließ.
Doch lange zum Nachdenken hatte er nicht, als er ein überraschtes "Was zum Teufel..." von der Tür hörte. Er blickte auf, denn er stand hinterm Schreibtisch mit den Gesicht zur Tür und schaffte es gerade noch, Jenny am Ärmel ihres Shirts zu ihm und zu Boden zu reißen, bevor der erste Schuss der Pumpgun hinter ihnen in der verblassten Tapete einschlug. Vorher hatte er das betreffende Blatt in Sekundenschnelle gegriffen, die restlichen Blätter flogen durch die Gegend. Es dauerte einige Sekunden, bis beide begriffen, was hier gerade passierte, als die nächste Ladung den Tisch traf und das Holz splittern ließ. Erst jetzt antworteten die Polizisten mit mehreren Schüssen hinterm Schreibtisch hervor, und scheinbar war der Angreifer einigermaßen überrascht, dass die Eindringlinge zurückschossen... sonst verirrten sich doch nur Junkies hierher, die wie seelenlose Zombies durch die Flure wankten, auf der Suche nach dem nächsten Schuss. Überrascht über die Antwort ging der Kerl hinter den Türrahmen in Deckung.
Doch es dauerte nicht lange, und der Typ hatte lauthals um Hilfe gebrüllt. Ohne wirklich im Rauch der Schüsse und im sowieso düsteren Zimmer etwas zu sehen, schossen die beiden Polizisten Richtung Tür, wo sich mittlerweile drei oder vier Männer mit Waffen aufhielten und entweder auf die Deckung oder in die dahinter liegende Wand schossen. Jenny reagierte blitzschnell, als sich schräg hinter ihnen eine Verbindungstür zu dem Zimmer nebenan öffnete, um die beiden Polizisten unter Beschuss zu nehmen. Mit einem schnellen Schuss ins Knie konnte Jenny den Angreifer ausschalten. Das tat sie auch mit ihrem Kopf, versuchte nicht nachzudenken... nur zu überleben.
Kevin griff nach seinem Handy und wählte hastig Semirs Nummer, während Jenny unaufhörlich Richtung Tür schoss. "Ben? Hör zu, wir brauchen hier Verstärkung!", rief er sofort, nachdem sein junger Kollege abgehoben hatte. Er nannte die Adresse und rief hinterher: "Wir sind im Ragnarök, einem Stundenhotel. Die haben uns hier eingekesselt! 6. Stock, ihr müsst an der Gebäudeseite zum Keller rein! Und beeilt euch bitte!" sagte er laut als Jenny neben ihm das Magazin wechselte. Schnell, damit die Gangster nicht auf dumme Ideen kamen, beendete Kevin das Gespräch und begann zu schießen, während Jenny nachlud. "Wir müssen aufpassen, wir haben nicht mehr viel Munition.", sagte sie verzweifelt, denn bei einen normalen Einsatz hatten die Beamten höchstens ein geladenes Ersatzmagazin dabei. Kevin sah hektisch schräg hinter sich, wo der bewusstlose Verbecher lag, den Jenny niedergeschossen hatte. "Pass auf, ich geb dir Feuerschutz und du rennst in das nächste Zimmer. Wir müssen hier irgendwie weg." Jenny nickte und drehte sich zu dem Ausgang, um sofort loszulaufen, wenn Kevin das Signal gab. "JETZT!", rief er laut, ging aus der Hocke nach oben und schoss, was seine Waffe hergab, damit die Verbrecher in der Deckung blieben und nicht auf die junge Beamtin schießen konnten, die in das nächste Zimmer lief. Sie tat es ihrem Partner dann gleich, schoss im Sekundentakt damit Kevin nachlaufen konnte. Jetzt waren sie ein Zimmer weiter, während die Verbrecher vom Flur komplett in das erste Zimmer gingen, um von den beiden Polizisten, die jetzt wieder Zugang zum Flur hatten, nicht überrascht zu werden. "Ich glaube ich hab im Flur eine Feuerleiter am Fenster gesehen. Die müssen wir erreichen.", sagte der junge Polizist gehetzt und die beiden gingen an die offene Tür zum Flur, während der erste Verbrecher bereits am Rahmen der Verbindungstür war und feuerte. Sie sahen die Lösung zwar vor sich, doch sie zu erreichen war ein langer Weg...