Dienststelle - gleiche Zeit
Sie hatten jetzt erst Zeit für sich gefunden. Draußen war es mittlerweile richtig heiß, der Sommer lief auf Hochtouren, der Himmel noch wolkenlos. Vielleicht würde es heute Abend ein Gewitter geben, doch bisher gab es keine Anzeichen. Kevin setzte sich auf die Blumenkübel vor der Dienststelle, nahm sich seine Zigarette vom Ohr und ließ sein Feuerzeug aufschnippen. Jenny setzte sich neben ihn und sah ihn erwartungsvoll an. Was war schon wieder los? Warum sagte er nicht vor Ben und Semir, was ihn bedrückte. Warum wieder diese Heimlichtuerei? Jenny hatte wirklich heute vormittag und gestern das Gefühl, dass er diese endlich abgelegt hatte... oder es zumindest versuchte.
Aber scheinbar war es jetzt etwas, was privat war. Was vielleicht nicht mit dem Fall zu tun hatte. In ihr machte sich ein erleichterndes Gefühl breit, dass er sich zumindest nicht auch von ihr abkapselte. Die einfühlsamen Worte, die er an sie gerichtet hatte, ihr nichts zu verheimlichen und dass sie die Einzige sei, der er jedes Geheimnis anvertrauen würde, kamen ihr in diesem Moment in den Sinn, und verursachten eine positive Gänsehaut auf ihren nackten Armen.
"Also... was war im Charmin los?", fragte sie dann nochmal und sah, wie ihr Ex-Freund an seinem Glimmstengel zog, dabei den Rauch aber natürlich von Jenny weg ausbließ. "Auf Anis' Kalender war mein Geburtstag... und damit auch Janines Todestag markiert. Mit einer schwarzen Umrandung und einem schwarzen Kreuz.", sagte er ohne Zögern und bewies der jungen Polizistin erneut ein großes Vertrauen, das sie ehrte. Denn sie wusste, dass der stille Polizist das nicht bei jedem tat... eigentlich nur bei ihr. "Bist du dir sicher? Also, dass es dich oder Janine betraf? Stand ein Name dabei?" Kevin schüttelte den Kopf. "Nein. Es könnte natürlich auch ein Zufall sein. Aber es geht mir nicht aus dem Kopf."
Während Kevin sprach, sah er einen Moment in die Ferne. Er konnte sich den Zusammenhang selbst nicht erklären. Anis war zu dieser Zeit ebenfalls in einer Gang, hatte aber nicht viel mit der Gruppe von Kevin zu tun. Die Schlägereien in der Schule lagen bereits Jahre zurück, Anis entwickelte sich vom Dealer zum Geschäftsmann, für den das Geld im Vordergrund stand, während Kevin und seine Freunde einfach Spaß haben wollten. Erst während seiner harten Drogenphase nach Janines Tod kreuzten sich die Wege wieder.
"Meinst du, er wäre dabei gewesen damals? Aber warum hat er den Todestag dann auf dem Kalender?", fragte Jenny leise und wusste, dass diese Erinnerung für Kevin ein sehr sensibles Thema war. "Das glaube ich nicht. Er hatte mit Patrick und Peter nichts zu tun.", sagte er nachdenklich und zog erneut an der Zigarette. "Ich kann es mir nicht erklären.", setzte er noch hinzu und schüttelte bei dem Satz mit dem Kopf, wobei Rauch ihn umgab. Auch Jenny konnte sich auf die Schnelle keinen Reim machen. "Wie alt ist Anis eigentlich? Also, im Verhältnis zu dir." "Er ist ein Jahr älter als ich, wieso?" "Naja... deine Schwester war 15, dann war er 19 als es passierte.", sagte Jenny vorsichtig und zuckte mit den Schultern.
"Das hätte sie mir erzählt.", schloß Kevin diese Möglichkeit sofort aus, die Jenny versuchte anzusprechen, dass sich zwischen Anis und Janine etwas anbahnte. "Ausserdem war Anis nicht ihr Typ." "Ganz sicher?" "Todsicher... ich hab die zwei Typen, mit denen mal etwas gelaufen ist, kennengelernt. Das waren andere Kaliber." Jenny musste lächeln, als sie sich den jungen Kevin vorstellte, der sich die Freunde ihrer Schwester vornahm, damit sie keinen Unsinn machten. "Und sie dich vermutlich auch." Kevin konnte über diese Erinnerung nicht lachen.
Als das Telefon klingelte stand Kevin vom Blumenkübel auf und bewegte sich mit einigen Schritten über den Vorplatz der Dienststelle. Jenny konnte ein paar Gesprächsfetzen wie "Was willst du?" und "Wie romantisch" verstehen. Es klang aber nicht positiv wie er mit der Person am anderen Ende der Leitung sprach. Plötzlich sah sie, wie Kevin sie anblickte... mit festem, aber merkwürdig fokussiertem Blick, der nicht ihr galt sondern der Stimme im Apparat. Plötzlich war seine Stimme anders. Vorher ablehnend, jetzt auf einmal entschlossen. "Wann und wo?" konnte sie genau verstehen, und dann sehen wie Kevin ohne Verabschiedung die Verbindung trennte und für einen Moment den Apparat ansah.
"Was ist los?", fragte Jenny irgendwann und hatte immer noch die Angewohnheit, gleich eine ablehnende Antwort zu erhalten. "Das war Anis... er hat mich zum Essen eingeladen.", sagte der junge Polizist, als sei es das normalste von der Welt. "Zum Essen?", fragte Jenny ungläubig und ihr Ex-Freund nickte, wobei er immer noch nachdenklich auf sein Handy blickte und dabei leise murmelte. "Ein Dinner mit dem Teufel." Seine junge Kollegin biss sich auf die Lippen.
"Das ist eine Falle." Kevin schüttelte mit dem Kopf. "Nein. Er will mir nochmal ein Angebot machen, auch wenn er das so nicht gesagt hat. Aber es geht um Janines Todestag." Seine Stimme war plötzlich leise und nachdenklich. Er hatte bis jetzt ohne Probleme widerstanden, Anis nachzugeben. Dazu waren seine Angebote einfach zu schwach. Weder sein Vater noch die persönliche Bedrohung hatte gezogen, und wenn er Jenny tatsächlich bedroht hätte, hätte Kevin ihm eher den Club abgefackelt, als sich klein kriegen zu lassen. "Was hat er dir angeboten, Kevin?", fragte Jenny und spürte eine Panik in sich aufsteigen. Denn sie konnte sich sehr gut vorstellen, mit was Anis ihn tatsächlich ködern konnte. "Das hat er nicht gesagt. Er hat nur das Datum erwähnt, und das er mir etwas erzählen will."
"Wir müssen es Ben und Semir erzählen.", sagte sie sofort und blickte Kevin fest an. Der schwieg einen Moment und biss sich auf die Lippen. "Kevin..." "Ich weiß doch noch gar nicht, was er will. Vielleicht will er wirklich nur reden. Und wenn er mir noch ein Angebot machen will, dann soll er doch. Das lehne ich ab wie die anderen auch, und fertig. Er wird mich nicht rumkriegen. Aber ich muss doch jetzt nicht alles, was in meinem Leben passiert, Ben und Semir erzählen." Er glaubte seinen eigenen Worten nicht. "Wenn es mit dem Hauptverdächtigen unseres Falles zu tun hat, selbstverständlich.", beharrte Jenny.
Kevins Schweigen deutete sich als Ablehnung. Und sie spürte, dass er wohl genau wisse, auf was Anis anspielte... warum sonst sollte er das Datum erwähnen. Welche Infos könnten Kevin schon interessieren, als Gegenzug um Bennys Auslieferung. In Jenny stieg Verzweiflung auf, als hätte sie das Gefühl, sie würde das gerade eben erlangte Vertrauen von Kevin gerade wieder verlieren, als würde es ihr aus den Händen gleiten. Und um genau dieses Gefühl nicht zu haben, griff sie zu. Sie packte Kevins Handgelenk und zog seine Hand nach vorne, um auf seinen Unterarm zu schauen wo die beiden Striche prankten. "Du weißt genau, was er dir anbieten will.", sagte sie und strich mit dem Zeigefinger über Kevins Haut, als würde sie höchstpersönlich den dritten Strich aufzeichnen. "Tu es nicht...", sagte sie eindringlich.
"Wenn er mir das anbietet... dann werde ich es ablehnen, wie die anderen Sachen auch.", sagte Kevin und Jenny würde es so gerne glauben. Sie spürte, dass er nicht vorsätzlich log... vielleicht glaubte er seine Worte in diesem Moment selbst. Nur konnte sie sich nicht vorstellen, dass ihr Ex-Freund dann wirklich standhaft blieb. "Und dann werde ich es morgen erzählen. Dir, Semir und Ben. Aber lass mich heute abend dort einfach hingehen... ok?" Jenny schluckte, und ihr Herz pochte laut. Ihr Griff um Kevins Handgelenk schmerzte und fühlte sich doch so gut, so vertraut an. "Vertrau mir bitte.", sagte Kevin... Jenny wollte es so gerne tun.