Köln
Die vier Polizisten erlebten diesen Tag, wie durch einen unsichtbaren Schleier gedämpft. Alles, was nach dem Zeitpunkt, als Ben und Semir in das zweite Kinderzimmer gegangen waren und die schreckliche Entdeckung im Bett gemacht hatte, lief in ihrem Kopf wie ein Film ab. Sie mussten funktionieren, sie MUSSTEN funktionieren. Sie waren Polizisten. Semir, der vorgegangen war, brauchte an dem jungen Mädchen keinen Puls mehr fühlen oder Rettungsmaßnahmen einleiten... sie war tot. Er verließ mit Ben, der gar nicht erst bis zum Bett gegangen war, erschüttert das Zimmer und sagte noch leise zu Kevin, der mit Jenny ebenfalls völlig atemlos am anderen Ende der Leitung lauschten, dass er die Spurensicherung veständigen sollte. Sie würden so lange im Haus bleiben, falls jemand vorbeikam, schließlich fehlte noch ein Kind.
Als Kevin den Hörer auflegte, ließ er die Hand für einige Sekunden auf dem Hörer liegen und starrte stumm den Monitor an. "Wenn er die Ermittler der Mordkommission für etwas bestrafen will, wird er keine Unbeteiligten reinziehen." hatte er eben gesagt, als er es für unwahrscheinlich bezeichnete, dass der Mörder sich ausgerechnet diesen Fall aussuchen würde. Er hatte unrecht... der Polizist spürte die Hand seiner Kollegin auf der Schulter, er spürte das Zittern und Beben und ihm wurde bewusst, dass Jenny gerade ebenfalls Halt brauchte. Er stand auf, um sich zu seiner Ex-Freundin zu drehen und sie in den Arm zu nehmen, nach diesem schrecklichen Hörspiel am Telefon. Dann verständigte er sofort Meisner und sein Team, und warnte ihn bereits vor.
Die beiden besten Freunde, die im Haus beide auf der Treppe saßen um auf die Kollegen zu warten, schwiegen sich an. Sie bearbeiteten nicht alzu viele Mordfälle, und es war äusserst selten, dass ein Kind beteiligt war. Autounfälle, in denen Kinder beteiligt waren, waren schon belastend genug. Aber dieser Mord erschien ihnen so sinnlos, so brutal. Die Rache hätte der Täter auch genommen, wenn es um Rache ging, in dem er den ehemaligen Polizisten tötete. Das Mädchen zu töten war nicht nötig, es diente lediglich der Vollständigkeit, um den Tatort nachzustellen. Semir blieb auch noch auf der Treppe sitzen, als Ben nicht mehr still sitzen konnte und durch das Haus tigerte, ohne etwas anzufassen, ohne nochmal in den Bereich des Toten zu laufen, bis Semir grummelte: "Setz dich doch endlich mal hin."
Es schien ewig zu dauern, bis Meisner und sein Team in weißen Schutzanzügen anrückte. Ohne selbst nochmal nach oben zu gehen zeigte Semir dem erfahrenen Gerichtsmediziner den Weg nach oben. Meisner selbst war abgehärtet... manche sagten auch böse, abgestumpft. Aber er hatte ein Gefühl für seine Mitmenschen, und es war nicht schwer zu erraten, dass beiden Polizisten die Entdeckung dieses Tatortes sehr an die Nieren ging, und so unterließ er seine makabaren Scherze und beließ es bei einem kurzen "Ziemliche Schweinerei... ich schick euch den Bericht so schnell wie möglich." Ben ging Richtung Ausgang, er wollte raus aus diesem Haus und zwar so schnell wie möglich. "Wir müssen die Frau verständigen... die will sicher... also, die will die beiden sicher sehen." "Ich denke, heute nachmittag ist das möglich."
Am frühen Nachmittag, als Meisners Bericht bei der Autobahnpolizei per Fax und E-Mail eintrudelte, und die vier Polizisten die Bilder, nur unter größter Anstrengung mit der alten Tatort-Akte des Mordes verglichen, waren sie erneut verblüfft ob der Ähnlichkeit. "Soll der Täter gewusst haben, dass an diesem Tag nur das Mädchen bei ihm ist?", fragte Ben, als Jenny sich vom Tisch abstieß und auf ihren Platz setzte, damit sie die Fotos der beiden toten Kinder nicht mehr ansehen musste. Der Mordfall damals war die Frau, statt dem Mann... aber natürlich musste der Polizist das Opfer sein. Das Mädchen damals war Einzelkind, Hollinger dagegen hatte noch einen älteren Sohn, der sich aber gerade bei der Mutter aufhielt. Ein Seelsorger und zwei Beamte der Autobahnpolizei fuhren zu der Frau, um sie zu informieren.
"Schaut mal... die Lage der Leiche ist wieder komplett identisch. Die Frau und Hollinger sind beide im Schlafanzug. Beide Mädchen sind genau gleich aufgedeckt.", sagte Semir. Ein Psychologe hätte bei der Erstellung eines Täterprofils wohl seine wahre Freude. Kevin war völlig stumm im Hintergrund. Er stand hinter Semir und Ben, die am Tisch saßen und über den Bildern brüteten, hatte die Arme verschränkt und man hätte meinen können, er schaue fokussiert auf die beiden diskutierenden Beamten. Aber mit den Gedanken war er weit weg, und Jenny spürte das. Als sie dann zu viert das Büro verließen, um zu Meisner zu fahren, weil die Mutter des Mädchens ihre Tochter, als auch ihren Mann sehen wollte, fasste die junge Frau ihn kurz am nackten Unterarm. "Du hattest keine Schuld, okay? Das konnten wir nicht nicht wissen.", sagte sie mit leiser, aber eindrücklicher Stimme und suchte in seinen Augen den gleichen Ausdruck, den er hatte, als das Mädchen damals verbrannte und er sich die Schuld gab. Sie konnte ihn nicht finden... "Selbst, wenn es Hinweise gegeben hätte, wären wir nicht rechtzeitig gekommen." "Ich weiß. Es ist alles okay, ich bin nur genauso geschockt wie die anderen." Und als er Jennys mahnenden Blick spürte, wiederholte er nochmal: "Wirklich!"
Die Fahrt in die Gerichtsmedizin verlief in beiden Autos schweigend, und sie begleiteten eine Frau, die an diesem Tag mit ihren rötlich gefärbten Haaren und einer modischen Brille sicherlich älter aussah, als sie wirklich war. Sie zitterte, wurde von einem Mann, der sich später als Lebensgefährte herausstellen sollte, und ihrem 16jährigen Sohn, der gefasst, aber recht blass war, gestützt. Meisner hatte in der Schnelle die Untersuchungen der Leichname abgeschlossen, wobei es nicht viel zu untersuchen gab. Die Abdeckung hatte er bis dicht unters Kinn gezogen und die Wunden ein wenig verbunden, damit der Anblick nicht zu schlimm war. Jenny blieb aus dem Raum, in dem beiden Körper lagen, mit Ben zusammen draussen. Sie fühlte sich nicht wohl bei der Sache, und ihr Kollege blieb deswegen auch bei ihr.
Die Frau weinte, der Mann war ihr Halt, zumindest so lange sie vor ihrem toten Mann stand. Als sie zur Tochter wechselten, begannen auch seine Lippen zu beben, scheinbar hatte er zu der Stieftochter ein gutes Verhältnis gehabt. Semir stand stumm und ehrlich betroffen da, warf einen kurzen Blick auf Kevin, der völlig entrückt schien. Er sah auf den Jungen, der stumm eine Träne über seiner Schwester vergoß, und ihre kalte tote Hand unter der Abdeckung erfasst hatte und hielt. Plötzlich begriff der erfahrene Polizist, dass sein Partner genauso da gestanden hatte... vor seiner toten Schwester, die bestialisch ermordet wurde. "Wir lassen sie noch einen Moment allein.", sagte er schnell und musste Kevin leicht am Arm fassen, um ihm durch sanftes Drücken zu signalisieren, den Raum zu verlassen.
Weder Frau Hollinger noch ihr Sohn sahen sich im Stande, an diesem Tag noch Fragen zu beantworten. Es war bereits späterer Nachmittag, als die vier Polizisten von den kühlen Räumen der Gerichtsmedizin wieder an die heiße Sonne gingen. Alle waren fix und fertig, Semir sah auf die Uhr. "Vielleicht ist es besser, für heute Feierabend zu machen.", sagte er nachdenklich. "Wie bitte? Der Mörder läuft noch frei herum, und du willst Feierabend machen?", fragte Ben sofort in einem aggressiven Tonfall, der Jenny aufblicken ließ. "Ben... du merkst es doch gar selbst, wir sind mit den Nerven runter. Alle Ermittler, die jetzt noch in Frage kommen, wissen Bescheid. Solange niemand von denen ein Bild bekommt, wird nichts mehr passieren." Sein Blick fiel auf Kevin, der stumm nickte. "Morgen früh gehts weiter, ok?"
Ben beruhigte sich schnell wieder und entschuldigte sich für das Anfahren. "Komm, ich fahr dich nach Hause.", sagte Kevin zu Jenny, und beide stiegen in den Dienstwagen von Kevin ein, nachdem sie sich verabschiedet hatten. Als der junge Polizist in die Straße einbog, fiel ihm ein älterer, silberner BMW auf, dessen Nummernschild ihm bekannt vorkam. Er dachte, die Buchstabenfolge mit den Zahlen hätte er schon einmal irgendwo gesehen. Durch den Vorfall heute morgen hatte Jenny völlig vergessen, mit Semir und Ben über die ominösen Nachrichten zu sprechen. Sie wollte aber jetzt, in der Situation, nicht Kevin darauf ansprechen.
Die junge Frau wollte eigentlich gar nicht aussteigen, nicht weg von Kevin, der starken Schulter, die er heute auch ausstrahlte, auch wenn ihn die Situation in dem Raum mit den beiden Leichen und der Erinnerung an Janine sehr mitgenommen hatte. "Das war furchtbar heute.", sagte sie leise. "Das ist so schlimm... dieses Gefühl wenn du... wenn du hörst, dass ein Mensch, den du geliebt hast, tot ist." Sie redete für einen Moment, ohne nachzudenken, und Kevin blickte zu ihr. Er konnte sich denken worauf sie anspielte. "Ja. Und es tut mir immer noch unendlich leid, dass ich dir dieses Gefühl bereitet habe." Sie waren zusammen, und dann hatte sich Kevin entschieden, Annie zu suchen um im Kolumbien zu verschollen. Jenny hatte damals von Juan nur erzählt bekommen, er wäre tot.
Jenny seufzte, rieb sich durch die Augen und sah den Mann neben ihr an. Sie konnte die Gefühle einfach nicht einordnen. In manchen Momenten wäre sie ihm am liebsten um den Hals gefallen und hätte ihn geküsst, weil sie noch soviel für ihn empfand. Und manchmal hatte sie immer noch Angst vor ihm... als er über einem Zelleninsasse gebeugt war, und diesem Prügel androhte. Dieser kalte Blick in seinen Augen, wenn er zu etwas entschlossen war, ließ ihr immer wieder die Bilder aus dem Keller hochkommen. Es hielt sie davon ab, einen neuen Versuch zu starten, und Kevins "Soll ich noch kurz mit raufkommen?", empfand sie als solchen Versuch, weswegen sie ihn auch ablehnte. "Ich... ich will lieber etwas alleine sein.", sagte sie und gab dem Polizisten einen Kuss auf die Wange, bevor sie ausstieg.
Die ganz leichten Kratzspuren an ihrer Tür bemerkte sie nicht. Die Tür war ordnungsgemäß wieder verschlossen worden, und so schöpfte sie keinerlei Verdacht, dass etwas nicht stimmen würde. Doch die beiden Angreifer, mit schwarzen Masken verhüllt, versteckten sich im ersten Zimmer neben der Haustür und schlugen zu, als Jenny gerade bis ins Wohnzimmer kam, um dort eine Pistolenmündung im Nacken zu spüren. "Keinen Mucks!", sagte eine kalte Stimme hinter ihr, woraufhin sie erstarrte. Geübt öffnete der Mann den Holster an ihrer Hüfte und zog ihre Dienstwaffe heraus, während der zweite Angreifer sich vor sie stellte. "Los, auf die Knie!", hörte sie die Stimme von hinten. Ihr Herz wollte zerspringen, ihre Stimme wollte nach Kevin schreien. Ach, hätte sie nur mit "Ja" geantwortet.
Was wollten die beiden? Ein Überfall? Eine Vergewaltigung? In Jennys Kopf tauchten 1000te Bilder auf, schlimme Bilder von Mark Schneider, der sie vor einem Jahr vergewaltigte, von Patrick und Carsten, die sie entführten... von Kevin, der eine Waffe auf sie gerichtet hatte. "LOS!", schrie die Stimme, weil Jenny nicht reagierte und riss sie nach unten auf die Knie. Als sie hochblickte, spürte sie den kalten Lauf einer Waffe direkt an der Schläfe und die einprägsamen Worte: "Wir haben dich gewarnt..."