Köln - 20:00 Uhr
Das Abendessen zwischen Carina und Ben verlief, wie so oft in den letzten Tagen, schweigsam. Überwiegend. Sie redeten, wenn überhaupt, in Halbsätzen miteinander. Standardgespräche, über die man irgendwie zu einer Konversation finden wollte, die aber nicht gelang. "Wie war dein Tag?" "Anstrengend... ging so." "Wir wollten am Wochenende doch mal wieder etwas unternehmen?" Carinas Bitte klang beinahe flehentlich und Ben nickte kauend, ohne seine Freundin anzusehen. "Ja, mal sehen." Es war ausweichend und die junge Frau spürte, dass er mit seinem Kopf woanders war. Es war so schwierig seit Kevins Tod, zu Ben vorzudringen. Er sprach wesentlich weniger, er war weniger gut gelaunt. Klar hatte er auch gute Tage an denen Carina das Gefühl hatte, dass es "klick" gemacht hat. Er war wieder wie früher. Doch es brauchte nur einen Gedanken, und Ben verwandelte sich.
Er änderte sich in einen Mann, der sprach als wolle er mit aller Macht einen Konflikt provozieren. Er sprach gereizt, einsilbig, patzig. Ben gab nichtssagende Antworten auf konkrete Fragen, obwohl es gar keinen Anlaß gab. Als Carina ihm vor einigen Tagen, wie so oft am frühen Nachmittag eine Nachricht schrieb, was er abends essen wolle, kam ein kurzes: "Mir egal, du kochst ja eh was du willst.", zurück. Völlig ohne Anlass, die Nachricht erwischte die Blondine eiskalt. Vorausgegangen war eine Diskussion mit Semir, die Ben die Stimmung versaute. Doch früher ließ er das nicht an anderen aus.
Ben räumte den Tisch ab, als sie fertig waren, während Carina niedergeschlagen am Tisch sitzen blieb. So hatte sie sich die Beziehung nicht vorgestellt, vor allem nicht nach den ersten schönen Monaten. Auch, wenn in Bens Leben viel passierte, viel unschönes passierte wie zum Beispiel Kevins Gedächtnisverlust, manche nervenaufreibende und gefährliche Fälle... sie hatten viele schöne Stunden. Der Polizist schaffte es, einen Schalter im Kopf umzulegen und mit Carina zusammen die Arbeit zu vergessen. Stressiger Tag? Egal, er war zuhause bei seiner Lebensgefährtin, er spürte dass es diesmal so völlig anders war als all seine Beziehungen zuvor. Das hier war ernst, das war real. Sie unterhielten sich über die Zukunft, sogar über Kinder sprach Ben.
Sollte das jetzt alles zusammenbrechen? Das hätte Kevin doch niemals gewollt, dass soviel in die Brüche ging wegen seinem Tod. "Ben... ich bin unglücklich." Die ganze Zeit hatte Carina überlegt, ob sie eine Diskussion an diesem Abend beginnen sollte, oder lieber nicht. Es würde ja doch im Streit enden, und das wollte sie eigentlich nicht. Aber weiter alles in sich hineinfressen? Nein, das war nicht Carina. Sie hatte, auch wenn sie das seltener zeigte und meistens sehr still wirkte, einen sehr starken Charakter und hielt mental einiges aus. Ansonsten hätte sie die Krankheit ihrer Mutter nicht durchgestanden.
Ben sah von der Küchenzeile nach hinten gedreht zu Carina. Natürlich wusste er, warum sie unglücklich war... ihm fiel sein Verhalten ja selbst auf. Aber er konnte es nicht steuern. Im Wissen, wie unmöglich er sich benahm, konnte er seine schlechte Laune, seine negativen Gedanken nicht verbergen. Aber heute hatte er keine Lust auf Streit, er war einfach müde. Müde von seinen Gedanken. Im Irrglauben dachte er, jetzt wüsste er wie Kevin sich manchmal fühlte... auch wenn es bei seinem Ex-Partner um ein vielfaches schlimmer war, als er selbst immer zugab. "Ich weiß...", sagte er nur leise und schloß die Klappe der Geschirrspülmaschine. "Aber ich kann es momentan nicht ändern." Es klang ein wenig resignierend, auch ablehnend auf eine ausschweifende Diskussion.
"Ist es wirklich nur wegen Kevin?", bohrte Carina trotzdem ein wenig nach, mit leiser, vorsichtiger Stimme. Sie versuchte, keinerlei Vorwurf in ihre Stimme zu legen, und eigentlich war die Frage altbekannt... die junge Frau stellte sie bereits mehrfach ihrem Lebensgefährten um auf die Spur seiner momentanen anhaltenden Stimmung zu kommen. Aber immer wieder blockte Ben ab, wollte mit seiner Trauer alleine sein. Er stützte sich mit beiden Händen auf die Arbeitsplatte und schüttelte den Kopf. "Ben... wenn wir unser ganzes Leben miteinander verbringen wollen, dann müssen wir uns in solchen Situationen zueinanderstehen... und diese gemeinsam überstehen." Dabei sah sie ihrem Freund in die Augen, der diesen Blick auch endlich mal erwiderte.
In diesem Moment wurde das Gespräch durch die Türklingel unterbrochen. Carina hätte es am liebsten ignoriert, denn auf einmal spürte sie so etwas wie ein Einlenken in Bens Stimmung, doch der war über die Unterbrechung der Unterhaltung scheinbar froh... denn sofort bewegte er sich zu dem kleinen Tablet neben der Tür, womit er Zugriff auf die Kamera im Eingangsbereich hatte. Ein Sicherheitsaspekt seines modernen "Smarthome", was Hartmut ihm und Semir eingerichtet hatte. Der junge Polizist legte beim Blick auf das Display die Stirn in Falten. "Christian?", fragte er ungläubig und wartete, bis der Mann vor der Tür den Kopf ein wenig drehte, bis er in die Kamera sah. Tatsächlich... sein Cousin Christian, der eigentlich in den USA lebte, kam ihn scheinbar besuchen. Mit gemischten Gefühlen drückte Ben den Knopf zum Öffnen der Tür.
Es dauerte nur wenige Sekunden, und ein breit grinsender Christian Jäger stand in der Tür zu Bens Wohnung. Er hatte die Haare in gleicher Farbe wie Ben, allerdings wesentlich kürzer. Die moderne, zur Seite gegeelte Frisur passte irgendwie zu seinem lockeren Kleidungsstil, mit teurer Jeans und Hemd, bei dem der oberste Knopf offen stand. Er war genauso groß wie sein Cousin, jedoch etwas dicker. Die beiden Männer schüttelten sich die Hände und Christian fiel seinem Cousin kurz um den Hals. "Na, ist das eine Überraschung?", fragte er lachend. "Allerdings...", war die kurze Antwort, und er konnte sich für einen Moment nicht entscheiden, ob es eine positive oder negative Überraschung war...