Beiträge von Campino

    Autobahn - 10:30 Uhr


    Er war gerade erst ins Büro gekommen, jetzt war er schon wieder unterwegs auf der Autobahn. Doch diesmal war seine Stimmung und seine Laune noch mieser als vorher. Und Ben wusste, dass er sich unmöglich benahm, aber er konnte nichts daür, redete er sich ein. Die Mittelmarkierung der Autobahn huschte an ihm vorbei, er hatte sich seine Sonnenbrille aufgesetzt, die Miene verkniffen und hielt das Lenkrad mit einer Hand an der Oberkante des Kranzes fest. Immer, wenn sich der junge Polizist selbst einredete, vernünftig zu sein, ruhig zu sein, passierte etwas und die unfairen Worte sprudelten aus ihm raus. Und er konnte es nicht stoppen, seit Kevins Tod überkam ihn zu oft das Gefühl, Ungerechtigkeiten zu bemerken. Und eine davon war, Kevins Stelle einfach mit einem fremdem Polizisten zu besetzen.
    Sicher, in den Ohren eines neutralen Menschen hörten sich Semirs Argumente sinnvoll an. Natürlich brauchen sie Ersatz für Kevin, natürlich nahm die Arbeit überhand solange auch Jenny nur begrenzt einsatzfähig war und sich auffallend oft krank schreiben ließ. Aber sie konnten den jungen Polizisten nicht einfach ersetzen. Nicht mit so einem arroganten Fatzke der vermutlich ebenso gegen Kevin als Polizist gewesen wäre, wie Torben und Sebastian. Ben steigerte sich in diesen Gedanken, so absurd er vielleicht auch war, dermaßen hinein, dass er die Beherrschung verlor als der neue Kollege es wagte zwei Bandfotos, die Kevin im Büro an die Wand hing, abzuhängen und bei Seite zu legen.


    Es kam Ben vor, als würde Semir alles tun um ihren ehemaligen Mitarbeiter und Freund zumindest auf der Dienststelle vergessen zu machen. Abzudrängen, bei Seite zu schieben. Der Vorwurf war ungerecht, doch der Mann mit der Wuschelfrisur hatte im Moment den Sinn und sein Gefühl für Gerechtigkeit gegenüber seinen Freunden und auch gegenüber Carina verloren. Er sah nur sich selbst. Oft war ihm das bewusst, meistens wenn er, so wie jetzt gerade, auf der Autobahn alleine unterwegs war. Oft wollte er sich selbst ins Gesicht schlagen und sagen: "Benimm dich nicht wie ein kleines Kind.", um dann im nächsten Moment wieder mit Erinnerungen zugeschüttet zu werden. Erinnerungen, die wehtaten und ihn traurig machten. Er griff in die Mittelkonsole und nahm seine Sonnenbrille um seine traurigen Augen zu verstecken.
    Semir hatte das ganze schon dreimal mitgemacht, und er hatte ganz Recht mit dem was er sagte: Die Beziehung zwischen ihm und Ben war zu Beginn sehr schwer. Der erfahrene Polizist hatte gerade seinen Partner Chris verloren, der Mörder stand kurz davor wegen gekaufter Zeugen freigesprochen zu werden und Semirs Familie war in Lebensgefahr. Das Nervenkostüm war sowieso zum Zerreißen gespannt, und dann kam da noch dieser Jungspung mit lockerer großer Klappe und redete davon, dass die Autobahnpolizei eh nur eine Durchgangsstation zur großen Karriere wäre. Ein toller Start. Als er das bei einem Bierchen und zwischen zwei Songs Kevin erzählt hatte, war dessen kurzer Kommentar: "Das war nicht so clever... irgendwie." Daraufhin mussten beide lachen.


    Lachen... es war etwas, was Ben nicht oft bei Kevin sah. Der junge Polizist, um den bei der Autobahnpolizei alle trauerten, hatte sein Lachen an seinem 18. Geburtstag verloren. Bei einem Überfall durch einen Bekannten von Kevin wurde Janine Peters vergewaltigt und getötet, Kevin wurde durch seinen damals besten Freund verraten, was er erst kurz vor seinem eigenen Tod erfuhr. Danach flüchtete er sich in Alkohol und Drogen, bevor er zur Polizei ging um die Mörder seiner Schwester zu finden. Von denen waren jetzt alle tot... einer beging Selbstmord vor Kevins Augen, der Zweite starb bei einem Unfall im Gefängnis und der dritte wurde von Kevin selbst kaltblütig erschossen. Jenny musste es mit ansehen, Ben wollte die Geschichte von Jenny glauben, dass es in Notwehr geschah. Mittlerweile wussten sie die Wahrheit, die sie damals schon ahnten.
    Ben schluckte und blickte stumm auf die Straße. Eine Hand hatte er am Schaltknüppel, die andere am Lenkradkranz. Das Radio war ausgeschaltet, was für ihn ungewöhnlich war und es war nur das Rauschen des Autos zu hören. Wo sollte er hinfahren? Sollte er besser wieder umkehren? Semir würde toben, es würde die ganze Sache nicht besser machen, waren in diesem Moment seine vernünftigen Gedanken. Er musste sich selbst auf die Reihe kriegen, wieder den Spaß am Job finden... oder, dachte er bitter, er müsse aufhören. So wie Jenny alles hinter sich lassen, nachdem Kevin in Kolumbien verschollen war.


    Plötzlich hatte er das Gefühl, Kevin würde neben ihm sitzen. Er hatte den Sitz ganz zurückgeschoben, seine Flieger-Sonnenbrille aus den 80ern auf der Nase und die Converse-Schuhe gegen das Handschuhfach gestemmt... das war für ihn eine bequeme Position nach harten Nächten und Ben hätte jedes Mal einen Anfall bekommen können, wenn er danach Spuren von Kevins Schuhe auf dem Handschuhfach fand. Sie unterhielten sich über das neue Album von einer bekannten Rockgruppe, über ein Konzert das sie besuchen wollten oder Kevin hatte irgendwelche Zettel auf dem Schoß liegen mit Texten, an denen er nicht weiterkam. Oft las er Texte von Ben Korrektur und beschwerte sich über dessen Denglisch, eine Mischung aus Deutsch und English, die mit englischer Grammatik nicht viel zu tun hatten, damit es sich reimt. "Nicht mal die Engländer halten sich an ordentliche Grammatik in Liedtexten.", maulte Ben, wenn Kevin den Rotstift zückte. "So einen Text würden dir die Amerikaner um die Ohren hauen... FALLS du jemals eine CD dort verkaufen solltest.", lachte Kevin, während sie auf Streife waren. Ja, er lachte... und Ben erinnerte sich daran, als würde er in diesem Moment neben ihm sitzen. Doch immer, wenn er während seiner einsamen Fahrt nach rechts auf den Beifahrersitz schaute, saß dort niemand. Kein Kevin, der seinen Handschuhfachdeckel verunzierte, keine Blätter mit Liedtexten... einzig Kevins Sonnenbrille in der Mittelkonsole erinnerte an seine Anwesenheit.


    Es war merkwürdig, dachte Ben, dass er sich oft an solche guten Szenen erinnerte. Es täuschte darüber hinweg, dass solche unbeschwerten Momente nur sehr selten waren. Als er mit Jenny zusammen war und Semir gerade eine schwere Zeit durchmachte, fand Ben seinen Halt an Kevins guter Laune... ansonsten wäre es Ben über die Dauer schwer gefallen, Semir beizustehen. Umgekehrt war Semir für Ben ein Anker, als es Probleme mit Kevin gab. Er stand unter Mordverdacht, er war in Kolumbien verschollen, er nahm immer noch hin und wieder Drogen, und am schlimmsten war, als er sein Gedächtnis verlor und dachte, Ben hätte seine Schwester ermordet. Nein, er wollte nicht daran denken, er wischte die Gedanken mit einer imaginären Handbewegung beiseite und hoffte, dass auch Jenny nur die guten Zeiten von Kevin im Kopf behielt. Er blickte wieder zum Beifahrersitz und konnte Kevin da sitzen sehen... die Schuhe auf der Ablage, die Arme verschränkt und er döste hinter seiner großen Sonnenbrille, weil der Abend gestern wohl mal wieder später wurde. Ben lächelte, bevor er an einer Ausfahrt kehrtmachte und zur Dienststelle zurückfuhr...

    Dienststelle - 10:00 Uhr


    Das Köcheln und Keuchen der Kaffeemaschine war im Moment das einzige Geräusch, das das kleine Büro der Autobahnpolizei erfüllte, bis Andrea mit den Fingerknochen von aussen an die Glastür klopfte. Semir sah sich kurz um, blickte in das lächelnde Gesicht seiner Frau und seine Mundwinkel hoben sich ebenfalls automatisch. Wenn so vieles hier in den letzten Wochen in die Brüche gegangen war... Andrea war Semirs großer Ankerpunkt. Und er war unendlich froh darüber dass sich das in diesen schweren Zeiten nicht geändert hatte. "Die soll ich dir geben... sind drei weitere Vorschläge der Chefin.", sagte die zweifache Mutter und gab Semir drei Akten in die Hand. Dabei machte sie einen etwas ernsten Gesichtsausdruck. "Sie meinte, wenn ihr euch nicht bald entscheidet, wird sie entscheiden." Der erfahrene Polizist nickte resignierend und das Lächeln verschwand. "Ich kanns mir denken..."
    Klatschend landeten die Akten auf Semirs Schreibtisch, mit der Kaffeetasse in der Hand landete Semir selbst wieder auf seinem Stuhl. Er spürte die kleineren Hände seiner Frau auf seinen Schultern, die ein wenig die Muskeln massierte. Sie wusste, was ihren Mann in den letzten Wochen bewegte und alles hatte seinen Ursprung auf dem Parkplatz vor der Dienststelle, wohin ihr Mann jetzt gedankenverloren durch die große Fensterfront schaute. Der Regen hatte den Blutfleck vom Asphalt gewaschen, doch die dunklen Wolken blieben und schienen sich zu vermehren.


    Semir erinnerte sich an die Tage, nachdem Kevin gestorben war, und da lief alles noch so, wie immer. Panikmodus, Trauermodus. Er kannte das, hatte er doch schon drei Kollegen verloren, dreimal getrauert und es wurde irgendwann zu einer Routine, die half. Denn er wusste, es würde vergehen. Der Schmerz, wenn man daran dachte, die Trauer wenn man ins Büro kam und ein Platz am Tisch blieb leer. Eine Stimme fehlte und der Autoschlüssel hing wochenlang unangetastet an seinem Platz. Irgendwann würde, Stück für Stück die Normalität einkehren. Aber zuerst tat es weh. Es tat weh, Jenny weinen zu sehen und im Arm zu halten, als der Arzt mit brutaler Ehrlichkeit mitteilte, dass die Wiederbelebungsversuche erfolglos blieben und letztendlich eine Lungenembolie wegen den Verletzungen ursächlich waren. Es tat weh, sich nicht richtig verabschieden zu können, weil sich das Krankenhaus und die Gerichtsmedizin strikt an die Gesetze hielt und nur nächste Verwandten zu ihm zu lassen. Die Mordkommission hatte auch Semir und Ben wegen Befangenheit nicht mal zur Gerichtsmedizin gelassen, was Jenny selbst auch nicht mehr wollte. Kevin, aufgeschnippelt und zugenäht auf dieser eiskalten Bahre liegen sehen... sie behielt ihn lieber anders in Erinnerung. Semir und Ben taten es ihr gleich, und so waren die beiden Polizisten neben Bonrath und Hartmut sowie zweier Träger des Bestattungsunternehmen die Sargträger an einem ungewöhnlich kühlen, windigen Sommertag. Sie kannten Kevins Verhältnis zu seinem Beruf, zur Polizei und sie erreichten zumindest dass seine Beerdigung nicht zu einem Polizeiakt verkam. Es kam niemand in Uniform, es wurde keine Rede des Polizeipräsidenten gehalten... nur Kevins Kollegen, seine Freunde, sowie Annie, Ole und Jerry waren da. Ben, der seine Emotionen hinter einer Sonnenbrille versteckte obwohl die Sonne dies hinter den Wolken ebenfalls tat, beobachtete kurz wie Jenny und Annie sich für einige Sekunden weinend in den Armen lagen und gegenseitig Trost spendeten.


    Zu diesem Zeitpunkt dachte sein älterer Kollege und bester Freund noch, dass alles in "geregelten" Bahnen verlief, doch das tat es nicht. Und ausgerechnet fiel es nicht ihm auf, sondern Carina, Bens Freundin. Im Laufe der Monate, in denen sie und Ben zusammen waren, freundete sich die blonde Frau natürlich auch mit Andrea und Jenny an, sie wurde Mitglied der großen "Familie". Und Andrea war es dann auch, der sie sich anvertraute. "Er ist seit Kevins Tod so schlecht gelaunt.", erzählte sie Andrea bei einer Tasse Kaffee in der Kölner Innenstadt, Jenny wollte sie damit nicht zusätzlich belasten. "Also nicht traurig... sondern... gereizt. Bei allem. Er mosert an mir herum, er schnauzt mich an. Ich weiß nicht, das hat er vorher nie gemacht." Andrea konnte die Sorgen von Carina verstehen, bedachte aber auch ihr gegenüber dass es für Ben sehr schwer war, die Sache mit Kevin zu verarbeiten.
    Ben konnte eine kurze Zündschnur haben, manchmal reagierte er impulsiv, bevor er nachdachte. Aber das beschränkte sich weitestgehend auf seine Arbeit. In einer Beziehung dagegen war Ben ein absoluter Harmoniemensch, der versuchte jeder Konfrontation aus dem Weg zu gehen und selbst, wenn seine Partnerin aus Stimmungsgründen weniger harmonisch unterwegs war schaffte er es mit seinem Witz und Charme jedes Streitpotential im Keim zu ersticken. Von manchem Verdächtigen ließ er sich schneller provozieren als der erfahrene Semir, aber Ben streitsüchtig in einer Beziehung? Das war für Andrea neu, und so erzählte sie es am Abend auch Semir. Der schüttelte zuerst nur mit dem Kopf. "Wir haben gerade unseren Partner verloren. Das gibt sich schon wieder."


    Doch er musste einsehen, dass er diesmal nicht Recht hatte. Ben reagierte unwirsch in Verhören... anfangs für Semir verständlich und er reagierte darauf eher tröstend als tadelnd. Als sich allerdings auch sechs Wochen nach Kevins Beerdigung, von denen Ben zwei davon im Urlaub zum "Runterkommen" verbrachte, keine Besserung eintrat, merkte auch dessen bester Freund, dass etwas nicht stimmte. Vor allem Bens Reaktion auf den neuen Kollegen stieß Semir sauer auf. Ja, Dominik Spenger war ein gewöhnungsbedürftiger Mensch... er stand gern im Mittelpunkt, schaffte es bereits nach drei Tagen sich durch sein arroganzes Verhalten mit Bonrath anzulegen (was bei dem gutherzigen, baumlangen Polizisten wirklich eine Kunst war) und kostete Semir bei dessen Eingewöhnung während Bens Urlaub manchen Nerv, weil er meinte, gewisse Situationen besser einschätzen zu können, als Semir selbst der diesen Job nun schon seit 20 Jahren machte.
    Ben staunte nicht schlecht, als ihn ein neuer Kollege begrüßte, der es sich an Kevins Tisch bequem gemacht hatte. Im Nachhinein wusste Semir, dass es nicht Dominiks Arroganz war, die Ben dazu brachte bei dem erstbesten Zwischenfall auszuflippen und dem neuen Kollegen Prügel anzudrohen, wenn er sich nicht sofort nach einer anderen Dienststelle umsehen würde... es war schlicht Bens Psyche und seine Vorstellung, dass dieser Kollege Kevins Platz besetzte. Als würde man ihn einfach "ersetzen" und damit vergessen machen. Dominik wollte es darauf anlegen, doch die Chefin, die von dem Charakter des neuen Kollegens eh nicht überzeugt war, zog schnell die Notbremse.


    Trotzdem konnte es so nicht bleiben. Nachdem ihr vor Monaten Kevin als dritter und Jenny als vierter Kommissar bewilligt wurde, vergrößerte sich ihr Einsatzgebiet, da eine kleinere Dienststelle an der Autobahn aus Personalgründen aufgegeben wurde. Sie brauchte also einen vierten Mann und beauftragte vor allem Semir in Zusammenarbeit mit Ben die möglichen Kandidaten anhand der Bewerbungen für diese Stelle auszusuchen, nachdem sie sich bei Dominik auf eine Bewertung "von außen" verlassen hatte. Doch Ben torpedierte dieses Vorhaben, wo er nur konnte... so auch heute, als er nach einer kurzen Pause in der Innenstadt zurück ins Büro kam und sah, dass Semir gedankenverloren über dem Schnellhefter brütete. Ein kurzer Blick über die kräftige Schulter seines besten Freundes, die Struktur eines Lebenslaufes auf dem Blatt.
    "Ah, mein Herr Kollege sucht den neuen Superbullen.", meinte er schnippisch, statt einer Begrüßung. Was Semir vor einigen Wochen noch als lustigen Spruch empfand, wie er auch damals auch gemeint war, klang jetzt wie eine schnippische Provokation. "Und mein Kollege benimmt sich immer noch wie ein kleines Kind.", war sein, ebenfalls wenig einfühlsamer Konter. Er hatte geredet, ruhig, besonnen, mit Trost, mit Aufmunterung in den letzten zwei Wochen als er feststellte, dass die "Down-Phase" in Bens Stimmung zu lange anhielt und sich keine Anzeichen der Besserung einstellte. Semir hatte es dann aufgegeben und reagierte ebenfalls giftig. Ben warf ihm dafür einen vernichtenden Blick zu und schüttelte den Kopf, während er sich auf seinen Platz setzte. "Du kannst sagen was du willst und suchen so lange du willst. Du wirst Kevin nicht ersetzt bekommen."


    Semir seufzte, er verdrehte die Augen bei soviel Sturheit. "Mein Gott, Ben... wie oft soll ich es dir noch erklären? Niemand will Kevin ersetzen. Nicht den Menschen Kevin, sondern ausschließlich Kevins Arbeitskraft. Wir brauchen noch einen vierten Kommissaren, oder sollen wir jeden Sommer um den Urlaub knobeln?", sagte Semir mit strenger Stimme und legte den Ordner für einen Moment beiseite. Ben dagegen schaute aus dem Fenster, als würde er merken, dass er sich mal wieder absolut daneben benahm, doch zugeben würde er das nicht. Es war für ihn einfach ein Unding, die Stelle von Kevin einfach mit einem fremden Polizisten zu besetzen. Er hatte das Gefühl, Kevin würde ihm das persönlich übel nehmen. Aber Kevin war tot.
    "Was meinst du, wie es mir ging, immer dann wenn die Chefin mit einem neuen Kollegen ankam? Als Chris Tom ersetzt hat. Als Tom André ersetzt hat. Und du weißt sicher noch, wie angenehm für dich unser erster Fall war, oder?" Ben musste das am eigenen Leib erfahren, wie ablehnend Semir sich ihm gegenüber benommen hatte, kurz nach Chris' Tod. Sein bester Freund seufzte, bevor er mit ruhiger Stimme fortfuhr. "Ich weiß, dass dieses Gefühl neu für dich ist. Und wenn man in den ersten Wochen mies gelaunt ist, ist das normal und okay. Aber irgendwann muss man auch wieder weitermachen... normal weitermachen." Er spürte, dass er nur Schweigen von seinem Gegenüber erntete, statt wie sonst eine Einsicht. "Oder glaubst du, Kevin wäre es Recht dass du seinetwegen dein Lachen gegenüber deinen Kollegen und deiner Freundin verlierst?" Ein kleiner Zusatz mit großer Wirkung, den bei dem Wort "Freundin", stand Ben ruckartig auf und zeigte mit dem Zeigefinger und wütendem Blick auf seinen besten Freund, bevor er ihn anblaffte: "Was in meiner Beziehung läuft, geht dich gar nichts an!" Er sprach noch, als er bereits zum Gehen ansetzte und verschwand mit einem Türknallen aus dem Büro. Semir saß da, wie zur Salzsäule erstarrt. Dieses Verhalten kannte er überhaupt nicht von Ben, und es schien, als würde es jeden Tag schlimmer.

    New York - 5:45 Uhr


    Die Berührung der Drahtschlinge mit Lucas' Hals war wie ein Schock. Sofort spannten sich alle Sehnen in seinem muskulösen Körper, sofort stieg sein Puls als es ihm unmöglich wurde, weiter normal zu atmen. Sein Kopf begann fieberhaft zu arbeiten, gleichzeitig hätte er sich für seine Unvorsichtigkeit ohrfeigen können. Doch zum Ärgern würde ihm hoffentlich später Zeit bleiben, zunächst versuchte er mit aller Macht einen oder zwei Finger unter den Draht zu bekommen, um wenigstens minimal atmen zu können. Doch die Gestalt hinter Lucas, die für den Anschlag verantwortlich war, schien zu wissen, was sie tat, und hatte dazu noch massig Kraft. Ein kurzer Blick in den Seitenspiegel seines Fahrzeuges verriet weiteren Ungemach, als mehrere schwarz gekleidete Männer mit Waffen aus dem Lokal kamen. Verdammt...
    Lucas tat das, was er am besten konnte... er trat aufs Gas. Der Audi heulte los und legte einen gewaltigen Sprint von der Ampel aus hin, denn der Motor war PS-stark und der Glatzkopf ein geübter Fahrer. Es hatte allerdings erst die unangenehme Folge, dass sich die Drahtschlinge noch tiefer in seine Haut und noch fester gegen seinen Kehlkopf drückte, weil der Mann auf den hinteren Sitzen nach hinten gedrückt wurde. Doch diese Physik machte Lucas sich zunutze, in dem er nach einigen Sekunden mit voller Wucht auf die Bremse stieg. Jetzt lockerte sich die Umklammerung seiner Kehle und er spürte im Rücken, wie der Mann gegen den Fahrersitz prallte.


    Für einen Moment sog der Glatzkopf gierig Luft in die Lungen, blitzschnell nutzte er aber die Überraschung, ergriff den Draht und riss ihn nach vorne. Er hörte das Schreien hinter ihm, denn der Angreifer hatte den Draht so fest in beiden Händen, dass er tiefe Fleischwunden in die Finger riss, auch Lucas tropfte danach Blut von der rechten Hand. Darum kümmerte er sich in diesem Moment aber nicht, denn er musste die Situation schnell nutzen, um den Angreifer auszuschalten. Mit geübter Bewegung drehte er seinen Oberkörper nach rechts um sich mit Blicken nach hinten orientieren zu können und kontrolliert zu zu packen. Er spürte den Hemdskragen des Mannes, denn er zuerst mit beiden Händen zu fassen bekam und hatte Glück, dass der Angreifer hinter ihm wohl ziemlich schmal, gewandt und leicht war. Lucas' Kraft in seinen Armen dagegen war nicht zu verachten, und so riss es den kleinen, in diesem Moment völlig unvorbereiteten Mann vom Sitz.
    Erst die beiden Vordersitze waren ein Hindernis, an denen er hängenblieb. "Ist das alles, was ihr Wich.ser zu bieten habt?", knurrte Lucas bevor er zwei blitzschnelle Schläge mit der geballten Faust ins Gesicht des Mannes knallen ließ. Blut aus der geplatzten Lippe tropfte dabei auf den Lederbezug der Mittelkonsole, es konnte aber auch von Lucas' rechter Hand sein. Die ganze Aktion ging für den Mann viel zu schnell, bevor er sich wirklich versah wurde er von Lucas am Hinterkopf gepackt und seine Stirn machte Bekanntschaft mit eben jener Mittelkonsole. Bei der Wucht und Kraft, die der Fahrer dabei an den Tag legte, fühlte sich das Leder an wie Stein - dem Mann gingen die Lichter aus. Er wurde von Lucas nach hinten zurück in die Sitze gestoßen.


    Für eine Inspektion des bewusstlosen Mannes war jedoch keine Zeit, denn gerade wurde ihm bewusst dass von diesem Typ erstmal keine Gefahr mehr ausging, da sah er bereits zwei weitere Männer auf das Auto zu rennen. Die asiatischen Verfolger, die gerade eben noch hektisch aus dem Lokal liefen und sahen, wie der Audi mit einem ihrer Männer auf dem Rücksitz davonfuhr, hatten danach sofort ihre Fahrzeuge aufgesucht, obwohl der Audi bereits einige Meter später wieder zum Stehen kam. In der Hoffnung, ihr Freund hätte den Job bereits erledigt, eilten zwei von ihnen mit gezückten Waffen aus einem Fahrzeug, als Lucas geistesgegenwärtig den ersten Gang einlegte und aufs Pedal stieg. Mit quietschenden Reifen beschleunigte der Wagen und den Verfolgern wurde klar, dass die Sache gerade schief lief. Die Antwort waren einige Kugeln, die in den Kofferraum und die Heckscheibe der kompakten Limousine einschlugen.
    Lucas war jetzt in seinem Element und gekonnt ließ er den Wagen um zwei Kreuzungen tanzen, wobei er einige Meter zwischen sich und seine Verfolger legen konnte, die aus zwei weiteren Fahrzeugen und einem Motorrad bestanden. Das Motorrad, dessen Fahrer nicht abgestiegen war, war ihm am dichtesten auf den Fersen, denn die Maschine war schneller und gewandter als Lucas' Audi. Gerade als das Bike neben Lucas' Seitenfenster war und der Fahrer mit einer automatischen Maschinenpistole zielte, bremste der Glatzkopf und veriss dabei das Lenkrad nach rechts. Mit einem metallischen Krachen berührte er die Maschine, geschickt ließ sich der Fahrer auf die Motorhaube des Audis fallen und klammerte sich an der Kante zur Frontscheibe fest. In der anderen Hand hielt er immer noch die Maschinenpistole und musste sich für einen Moment orientieren. Sekundenbruchteile nur sahen sich die beiden Männer in die Augen... Sekundenbruchteile zu lange für den Motorradfahrer. Lucas zog aus der Mittelkonsole seine "Waffe für Notfälle" und erbrachte den Beweis, dass Motorradhelme nicht wirksam gegen Pistolenkugeln waren. Was übrig blieb war ein Loch sowie Risse in der Scheibe, Blutspritzer und ein schlaffer Körper, der in der nächsten Kurve auf die Straße fiel.


    Lucas atmete kurz durch, legte die Waffe zurück in die Mittelkonsole und sah in den Rückspiegel. "Oh Fuck...", murmelte er und das nachfolgende Geräusch machte deutlich, dass seine Vorahnung eintraf. Weitere Kugeln ließen seine Heckscheibe komplett zersplittern und der Mann duckte sich tiefer in den Fahrersitz und versuchte mit wilden Lenkbewegungen durch die Innenstadt, die bis auf die Gegenfahrbahn reichten, den Verfolger abzuschütteln. Dabei kam ihm ein, an der Straßenecke abgestellter Müllcontainer zur Hilfe, auf den er zuhielt und erst im letzten Moment auswich... zu spät für seinen Verfolger. Mit einem lauten Dröhnen prallte der schwarze Geländewagen gegen das metallene Monster, weißer Rauch stieg in Lucas' Rückspiegel auf. Vielleicht hatten sie Glück und würden unverletzt davonkommen, dachte Lucas noch, doch das war ihm auch reichlich egal. Der zweite Verfolger schien verschwunden, jedenfalls war die Straße hinter ihm, bis auf ein paar verschreckte gelbe Taxen, wie ausgestorben.
    Der Puls des Mannes, der einzig vom Adrenalin, nicht von Angst, bestimmt war, beruhigte sich. Eigentlich hatte er vermutet dass die asiatische Mafia versuchen würde, ebenfalls an den USB-Stick zu kommen... doch nicht sofort im Lokal. Irgendwo, ausserhalb der Stadt auf dem Weg zur Zentrale, da hatte er mit einem Angriff gerechnet. Er wischte sich unauffällig über die Stirn und setzte die Fahrt mit normaler Geschwindigkeit fort. Er hoffte, keiner Polizeistreife zu begegnen, denn ein zerschossenes Auto mit Blut auf der Frontscheibe und einem bewusstlosen asiatischen Mitbürger im Fond würde Fragen aufwerfen. Und eigentlich sollte Lucas jegliches Aufsehen vermeiden.


    Doch damit wurde es nichts... jetzt wurde ihm auch bewusst, warum er den anderen SUV nicht mehr sah. Der hatte eine Abkürzung genommen, weil der Fahrer den Weg zur Zentrale, wie Lucas vermutet hatte, kannte. Jetzt kam er Lucas entgegen und er sah genau die Mündungsfeuer aus den beiden Pistolen, gehalten von den Männern die sich rechts und links aus den hinteren Fenstern lehnten. Blitzschnell duckte er sich hinters Lenkrad, griff nach der eigenen Pistole und zielte mit links aus dem Fahrerfenster. In der Hektik bekam er nicht mit, wie zwei Kugeln den Mann auf den hinteren Sitzen, der bewusstlos zur Mitte zusammengesackt war, in Oberkörper und Gesicht trafen, was ein hässliches Blutbad auf den hinteren Sitzen hinterließ. Lucas konzentrierte sich nur halbwegs in Fahrerrichtung zu zielen und drückte den Abzug im Sekundentakt bis der SUV die Fahrspur ruckartig verließ und ungebremst in die New Yorker Häuserzeile raste. Zum Glück waren zu dieser Uhrzeit fast keine Menschen auf dem Gehweg unterwegs und der Laden, in den das Fahrzeug rauschte und dort zerschellte, hatte noch geschlossen. Mit zusammengebissenen Zähnen setzte sich Lucas wieder aufrecht hin und sah drei bewusstlose oder tote Männer im Fahrzeug hängen. Den Fahrer hatte er definitiv tödlich getroffen, doch lange überprüfen konnte er das nicht. Die Anwohner hatten mit Sicherheit den Krach, die Schüsse und Lärm gehört, und würden zeitnah die Polizei verständigen, wenn nicht sogar eine Streife bereits aufmerksam wurde. Lucas trat aufs Gas und fuhr den schnellsten Weg auswärts aus der Stadt. Auf einer einsamen Landstraße hielt er an und blickte mit genervten Blick nach hinten. "Was eine Sauerei...", murmelte er. Soviel zum Thema "Keine Aufmerksamkeit erregen.", dachte er grimmig und musste jetzt auch noch das Auto los werden...

    Friedhof Köln - 09:45 Uhr


    Die Sonne stand noch nicht hoch am Himmel an diesem recht kühlen Herbstmorgen. Die Blätter der Bäume, durch die die Strahlen auf den Friedhof Köln durchschienen, begannen langsam das Grün zu verlieren und ein gelbrotes Farbenkleid anzunehmen. Sie beobachteten stumm die junge Frau vor einem ziemlich schlicht gestalteten Grab. Sie ging in die Hocke, und wischte das moderne gläsernde Gehäuse ein wenig ab, das schmutzig wurde von den letzten Sommer-Unwettern die vor der Kältephase gewütet hatte. Darin war eine weiße Kerze, die die junge Frau und ihre zwei Kollegen vor einigen Monaten noch "Hoffnungskerze" getauft hatten. Damals war sie sinnbildlich dafür, dass die drei ihren jungen Partner Kevin Peters, im kolumbianischen Urwald verschollen, noch nicht abgeschrieben hatten. Sie klammerten sich an jeden Strohhalm, an jede Unsicherheit nachdem soviel für seinen Tod sprach. Sie wurden nicht enttäuscht, zumindest was seinen Verbleib anging.
    Doch die Kerze hatte sich gewandelt... von einer Hoffnungs- in eine Trauerkerze. Jenny hatte sie aufgehoben, hatte sie oft in Hamburg und später in Köln angesehen und an die gemeinsame Zeit mit Kevin gedacht. Die grausame Erfahrung in Patricks Keller immer präsent hatten sie sich angenährt... wieder mal. Sie hatte ihm zugehört, er hatte ihr vertraut... die Einzige, der er vertraut hatte. Er hatte eine Entscheidung gefällt, gegen seine Vergangenheit und für seine Freunde Semir und Ben. Und dann hatte Kevin Jenny das Leben gerettet, gleich zweimal.


    Doch beim zweiten Mal hatte der junge Polizist teuer bezahlt. Die Verletzungen, die er durch die Schüsse seines Gegenspielers aus frühester Jugendzeit erlitten hatte, waren zu schwer und Kevin hatte das Kämpfen aufgegeben. Es war ein großer Schock für die Dienststelle, die sich im ewigen Kampf um Kevin befand. Gerade Ben und Semir lag unglaublich viel an dem eigensinnigen und schweigsamen jungen Mann, der so viele Schicksalsschläge erlitten hatte und immer gleichzeitig auf der Jagd nach, aber auch auf der Flucht vor seiner eigenen Vergangenheit war. Sie misstrauten ihm, er misstraute den beiden erfahrenen Polizisten. Sie rauften sich zusammen, sie stritten sich und Stück für Stück tauchten sie in die dunkle Seele des Mannes ein. Doch bis aufs Letzte blieb er ihnen immer fremd. Nur Jenny lernte ihn wirklich kennen.
    Als sich seine Vergangenheit endlich aufgeklärt hatte, er endlich sowohl die drei Mörder seiner Schwester, als auch den Verräter innerhalb seiner damaligen Jugendgruppe ausgerechnet mit seinem Mentor Jerry entlarvt hatte und er in seinem Innersten endlich zur Ruhe hätte kommen können, passierte der Anschlag vor der Autobahndienststelle, die ihn nach einigen Tagen Koma das Leben kosteten. Jenny war bis zum Schluß an seiner Seite und hatte ihn am Ende doch verloren. Die Tage danach waren die schwersten im Leben der jungen Polizisten, die ansonsten ebenfalls bereits einige Schicksalsschläge erleiden musste.


    Diese Gedanken gingen ihr jetzt durch den Kopf, als sie vor dem Grab ihres Freundes stand. Es war wie eine Biographie, ein kurzer Zusammenschnitt, mit all den Fehlern und guten Momenten, die die beiden gemeinsam hatten. Mit allen Traumata, allen Glücksgefühlen, allen Grausamkeiten. Jenny hielt sich an das, was ihr die Trauer vorgespielt hatte, was ihr Gewissen und ihre Erfahrung mit Kevin in ihr auslösten... sie klammerte nicht. Sie wandelte die Trauer in Erinnerung, an gute Erinnerung. Sie wollte nicht den gleichen Fehler machen, den Kevin im Bezug auf seine Schwester machte, die er zu einem Dämon verwandelte, der ihm das Leben zur Hölle machte. Jenny versuchte, auch wenn es natürlich nicht immer funktionierte, die Trauer in Energie zu wandeln, für ihren Beruf, ihre Kollegen. Hin und wieder hatte sie das Gefühl, dass Kevin ihr dafür dankbar war, wenn sie von ihm träumte.
    Manchmal erzählte sie ihm auf dem Friedhof, wenn etwas aussergewöhnliches auf der Dienststelle passierte. Der neue Kollege zum Beispiel, der seinen Platz einnehmen sollte und sich dabei so arrogant verhalten hatte, dass der mental angeschlagene Ben ihm Prügel in Aussicht stellte, sollte er sein Verhalten nicht ändern. Die Folge war eine strenge Ermahnung der Chefin und ein baldiger Versetzungsantrag des Kollegen. "Kannst du dir das vorstellen, dass unser Sunnyboy so schnell gereizt reagiert?", fragte sie sorgenvoll und strich zärtlich über den steinernden Rahmen, in dem das Bild von ihm und seiner Schwester sicher eingeschlossen war. "Du hättest ihm besser das Gleiche gesagt, wie mir.", meinte Jenny gedankenverloren und stellte das Bild zurück.


    Es funktionierte, so oft sie sich daran erinnerte. Doch es gab auch dunkle Momente, und in den letzten Wochen hatte sie das Gefühl, dass jene dunklen Momente die guten Tage überwiegten. Aber es war anders als bei Kevin selbst. Sie spürte keinen Hass auf den mutmaßlichen Mörder Kevins, der in Jennys Wissen im Gefängnis saß, auch wenn der wahre Mörder eigentlich tot war (aber das wussten die drei Polizisten nicht). Sie hatte keine Rachegefühle, sie hatte auch kein wirkliches Schuldgefühl, was ihr das Leben zur Hölle machte, wie es ihr junger Freund damals hatte gegenüber seiner toten Schwester. Jenny hätte in dem Moment nichts tun können, der Mörder hatte es scheinbar nur auf Kevin abgesehen und selbst ohne seine Rettungstat auf Kevin gezielt. Nein, Schuldgefühle machten ihr nicht das Leben schwer. Es war viel mehr eine, für sie nicht erklärbare Angst, die sie zeitweise überkam, meistens nachts wenn sie alleine in ihrer Wohnung war.
    Sie bildete sich ein, Schritte zu hören und das Gefühl, beobachtet zu werden. Jenny war nie ängstlich oder schreckhaft, sie interessierte sich eine Zeitlang für paranormale Aktivitäten, allerdings im Rahmen der Wissenschaft, nicht im Rahmen des Okkultimusmus. Doch seit Kevins Tod hatte sie Probleme damit, alleine zu sein. Sie schlief schlecht ein, sie lag lange wach und lauschte. Zuerst schob sie es auf die Trauer, danach auf den Stress den sich die junge Frau auf der Arbeit selbst machte.


    Sanft strich sie über den hellen Marmorstein, der einen Hauptteil des Grabes ausmachte und nur wenig Platz für Erde und Blumen ließ. Kevin würde es vermutlich nicht schön finden, dachte sie etwas belustigend... und merkte in diesem Moment, dass sie eigentlich so wenig über seinen Geschmack wusste. Was hätte er denn überhaupt schön gefunden? Wieviel weiß ich überhaupt von dem Mann, den ich geliebt habe? Langsam erhob sie sich wieder und ging zwei Schritte vom Grab weg. Die Steine auf dem Weg zwischen den Gräbern knirschten unter ihren Schuhen, als sie langsam wieder den Weg nach draussen, vom Friedhofsgelände herunter, antrat. Den Grabstein zu verlassen fiel ihr immer noch genauso schwer, wie damals das Krankenhaus zu verlassen. Damals hatte sie panische Angst, Kevin würde ausgerechnet dann sterben, wenn sie nicht da war. Jetzt hatte sie das Gefühl, sie ließe ihn alleine auf dem Friedhof zurück.
    Wenn Jenny dann im Wagen saß, war es ganz still um sie. Sie wusste, dass sie ihn nicht zurückließ, denn er würde wiederkommen. Vielleicht heute Nacht, vielleicht erst in ein paar Nächten. Zu Beginn, direkt nach Kevins Tod, hatte Jenny das Gefühl seiner Anwesenheit genossen, doch immer öfter in den letzten Tagen wandelte sich dieses Geborgenheitsgefühl zu Angst. Dabei war die junge Polizistin sich so sicher, dass Kevin das nicht wollte... ihr Angst machen.

    New York - 5:00 Uhr


    Es war verdammt früh, aber das machte ihm nichts aus. Schlafen konnte man, wenn man tot ist, dachte er oft. Jetzt war es Zeit für's Geschäft. Lucas stand vor dem Spiegel im Bad seines kleinen, aber feinen und nicht günstigen Appartement und knöpfte sich die letzten Knöpfe des blendend weißen Hemdes zu. Wurde es am Hals langsam ein wenig eng? Hatte er in letzter Zeit die Nackenmuskulatur zu sehr trainiert? Ausgeschlossen, dass er dick wurde... dachte er grimmig. Überhaupt konnte man von aussen meinen, dass der Mann vor dem Spiegel ausschließlich negative Gedanken in seinem Kopf trug, wenn man ihn beobachtete. Keine traurigen Gedanken, sondern grimmige. Sein Blick oft klar und stechend, sein Mund verriet keine Emotionen. Die Falten im Gesicht waren in den letzten Jahren nicht tiefer geworden, die wenigen Haare, die er rund um die Halbglatze noch besaß, hatte er sich auf wenige Millimeter rasiert. Auch das machte ihn nicht unbedingt jünger als Mitte 40, die er war.
    Ein kurzer Blick auf seine Armbanduhr verriet ihm, dass er voll im Zeitplan lag. Wie immer, den zu Verabredungen kam er immer pünktlich. Vor allem, wenn sie wichtig waren. Und diese war verdammt wichtig. Er nahm die schwarze Krawatte vom Kleiderständer, band sie sich mit schnellen und geübten Griffen um den Hals und zog den Knoten fest. Das Band der Krawatte verschwand unterm Hemdkragen. Dann schaltete er das Licht im Bad aus und ging zurück ins Wohnzimmer mit der kleinen noblen Küchenzeile.


    Dort auf dem Tresen lag seine Waffe, die er mit kurzem Blick prüfte. Das Magazin prall gefüllt, ein Ersatzmagazin war bereits in der Tasche seines Jackets. Die Waffe verschwand im Holster hinter seinem Rücken, der danach vom Jacket verdeckt wurde. Sicherheitshalber. Aber er glaubte nicht daran, dass er sie heute Nacht brauchen würde. Seine Auftraggeber hatten ihm mehr als einmal eingeredet, wie wichtig dieser Job heute Morgen sei. Dass es vielleicht seine letzte Chance sei, doch Lucas war kein Mann, der sich unter Druck setzen ließ. Würde jemand eine Statistik über ihn erstellen, wäre seine Erfolgsquote wohl im hohen 90iger Prozentbereich, und viele seiner Aufträge löste er vor allem mit seinen Charaterzügen: Ruhe, Genauigkeit und Zuverlässigkeit.
    Seine letzte Handlung, bevor er die Wohnung über den Aufzug verließ, war der Griff zu seinem Autoschlüssel und dem Aktenkoffer. Die Kabinentüren öffneten sich erst, als er in der Tiefgarage des großen Mietshaus in der Innenstadt von New York ankam, wo er zielgerichtet seinen schwarzen Audi A5 ansteuerte. Er fuhr seit 10 Jahren kein anderes Auto mehr als einen Audi, denn er war überzeugt dass Deutschland die besten Autos baute. In dieser Hinsicht hatte Lucas so manche Angewohnheit, von der er sich von niemandem abbringen ließ.


    Röhrend verließ der Sportwagen die Tiefgarage und ordnete sich in den, noch sehr überschaubaren Verkehr der Millionenmetropole ein. Wieder ein Blick auf die Uhr... er lag im Zeitplan. Die Adresse war in einem etwas heruntergekommenen Viertel, wo er seinen "Termin" treffen sollte. Klassisch, in einem kleinen Burger-Imbiss, der um diese Zeit Durchreisenden, müden Trucker-Fahrern die auf Stadttour waren, oder hungrigen Nachtschwärmern, die aus der Disko stolperten, das Geld mit fettigen Burgern, süßen Waffeln oder zuckergussüberzogenen Donuts das Geld aus der Tasche zogen. Vor diesem Laden parkte Lucas seine Luxuskarosse und stieg, mit prüfenden Blick nach links und rechts auf den Bürgersteig, aus. Punkt 5:30 Uhr war es, als er den Laden betrat und seine braunen Augen scannten den Laden. Keiner der wenigen Kunden traf auf die Beschreibung seines Termins zu. Mit dem Aktenkoffer in der Hand
    Er hasste Unpünktlichkeit, und eigentlich sollte sich der Typ, den er treffen wollte, bewusst sein um die Wichtigkeit dieses Termins. Er presste die Lippen zusammen, nahm Platz in einer der Tischnischen und bestellte bei dem asiatisch aussehnden Mann mit Schreibblock einen schwarzen Kaffee. Der bedankte sich mit einer leichten Verbeugung und verschwand hinter dem Tresen. Es dauerte nur einige Augenblicke, in denen Lucas nachdachte, wann er zum ersten Mal in dieser Lokalität eine asiatische Bedienung, und dann noch einen Mann, hatte, bevor der Mann den Imbiss betrat, der verdächtig nach der Beschreibung aussah. Groß, dunkle Haare, ein wenig fülliger aber nicht dick. Er war lange nicht so ruhig wie Lucas nach aussen wirkte, denn er sah sich gehetzt um und kam mit schnellen Schritten zu der Nische.


    "Sind sie...?", begann er in schlechtem Amerikanisch und Lucas machte sofort eine abbrechende Geste. "Sscht. Nicht so laut. Muss ja nicht jeder mitbekommen. Setzen sie sich.", sagte er mit seiner dunklen, leicht knarzigen Stimme. Er wartete nicht ab, dass der nervöse Mann seiner Anweisung Folge leistete und zog ihm am Jackenärmel um ihn zum Hinsetzen zu bewegen. Es war draussen recht kühl, der Herbst schickte seine Vorboten nach einem, bis dahin, sehr warmen September. "Ist ihnen jemand gefolgt?", fragte Lucas, und es war so etwas wie eine Standardfrage bei solchen Treffen. Ein nervöses Kopfschütteln war die Antwort, und anhand des Eindrucks seines Gegenübers war sich Lucas der Antwort nicht besonders sicher. Aber was sollte er machen, das Geschäft musste jetzt über die Bühne gehen.
    "Na dann...", war die kurze Forderung, die von dem Mann im schwarzen Anzug mit einem fordernden Blick aus seinen braunen Augen unterstrichen wurde. Der nervöse Mann griff in die Innentasche seiner Jacke, so dass sein Gegenüber alle Muskeln anspannte... schließlich traute er diesem Typen keinen Meter und nur so weit, wie er musste. Doch es kam keine Waffe zum Vorschein, es war kleiner so dass es von der gesamtem Handfläche verdeckt wurde, was er jetzt auf den Tisch legte und mit verdeckter Hand zu Lucas schob. Der wiederrum legte seine, etwas größere Hand über die des nervösen Mannes, beide sahen sich dabei um... Lucas wesentlich unauffälliger als sein Gegenüber, und doch hatte er mit seinem geübten Auge alle Leute im Blick. Es war nun nicht soviel los, und auch die Arbeitskraft hinter der Bar war beschäftigt mit dem Braten frischer Burger. Der Gegenstand unter seiner Handfläche, die er jetzt zu sich zog, fühlte sich genau nach dem an, was er haben wollte... klein, metallen. Er ließ ihn in seine Innentasche wandern.


    "Sie wissen, was drauf ist?", fragte er in einem kurzen Satz und nahm einen Schluck seines Kaffees. "Ich kanns mir denken, und ich bin froh, das Ding los zu sein.", war die leicht zitternde Antwort. Lucas nickte und schob den Aktenkoffer mit dem Fuß unterm Tisch herüber. "Wir sind ihnen sehr dankbar. Aber zu ihrer eigenen Sicherheit wäre es gut, wenn sie für einige Wochen das Land verlassen würden." Es war keine Drohung, doch aus Lucas' Mund klang sie wie eine. Der Mann schwitzte, er war bleich um die Nase, und er nickte. Als er zunächst keine Anstalten machte, zu gehen, half ihm sein Gegenüber auf die Sprünge. "Worauf warten sie? Ich würde meinen Kaffee gerne in Ruhe trinken." Der Blick auf den kleinen grünen Augen war von leichter Angst durchzogen, als der Mann den Aktenkoffer griff und mit kleinen schnellen Schritten, und mehrmaligem nervösen Umschauen das Lokal verließ. Es schien ihm egal zu sein, ob in dem Koffer Zeitschriften, Esspapier oder tatsächlich viele kleine 500 $-Scheine waren... hauptsache weg. Lucas beobachtete aus dem Fenster, wie er in ein Mietauto stieg und zügig davon fuhr. Dabei sah er ihm etwas missbilligend hinterher, und hatte zugleich Verständnis für seine Nervosität, denn wenn seine Informationen stimmten, war er einfach nur ein Physiker und hatte mit solchen heiklen Geschäften nichts am Hut. Völlig ruhig trank er seinen Kaffee aus, zahlte und verließ das Lokal. Nichts fiel ihm auf, als er sich in den Fahrersitz seines Audis gleiten ließ, den Motor startete und losfuhr. Doch wenige Meter später, als er an der ersten Ampel hielt, legte sich wie von Geisterhand aus dem Nichts hinter ihm eine Drahlschlinge um seinen Hals.

    Gut okay.

    Trotzdem Lichtblick, wenn es eine klar als Crimedy gekennzeichnete Sendung gibt und in diesem Sektor als Zugpferd dient. Sollte man schon hoffen, dass die erfolgreich wird, dann wird die Cobra vielleicht mit diesem Genre wieder in Ruhe gelassen.

    Es ist ja auch nicht mal das Problem, dass etwas witziges in Cobra 11 vorkommt. Beide Kranich-Äras waren weit entfernt davon, unlustig zu sein. Gleiches gilt für die Fux-Ära, selbst da gab es vereinzelt Slapstick, ich denke nur an Bonrath und der Fisch-Transporter. Lockere Sprüche. Aber alles mit Niveau.

    "Der letzte Bulle" war sicherlich keine knallernste Krimiserie, ganz im Gegenteil. Die war sogar auf Komödie ausgelegt, ausdrücklich. Könnte man fast auch schon als Crimedy bezeichnen. Aber nie so niveaulos dämlich wie die aktuelle Cobra.

    Der Prolog hat mir ein ganz unangenehmes Zwicken im Bauch verursacht, denn wenn man so etwas ähnliches miterlebt hat, wenn auch aus etwas Entfernung, dann stellen sich sofort Erinnerungen ein. Ich finde, das hast du ganz nah und ganz persönlich aus der Ich-Perspektive geschrieben, dass ich sofort davon gefesselt war... und weitergelesen habe.

    Werde ich auch, hoffentlich regelmäßig wie es meine Zeit zulässt, weiter tun. Dein Stil gefällt mir, die Ausgangssituation auch. Und auch ins Blaue hinein, weil ich die Vorgängerstory nicht gelesen habe, bin ich gespannt, wen welche Hölle erwartet.

    Warum? Glaubst du echt, so jemand ist in irgendner Form kritikfähig? Glaubst du, der liest sich die weiteren Kommentare noch durch, wenn sie negativ sind? Das kannst du vergessen.

    Wenn ich nicht mit Klarnamen bei FB angemeldet wäre, und ziemlich viele Bekannte sehen würden, was ich da so schreibe, hätte ich da auch mal geantwortet, aber wesentlich direkter als die meisten.


    Man muss aber sagen, dass der Knop nun nicht der Alleinschuldige ist. Auf dem Grabstein der Cobra stehen als Mörder viele Namen, allen voran, und das tut mir persönlich iwie besonders leid, Erdogan Atalay.

    Sehr witzig.

    Auf Facebook beschweren sich die RTL-Randgruppenzuschauer mit: „könte kotzen, Staffelfinale nach nur 3 folgen. Wird jedes Jahr Kürzer.“ (Rechtschreibung übernommen).

    Gut, dass RTL die aktuellen Folgen nicht auf diese Hardcore-Fans zuschneidet. ;)

    Sondern lieber auf die "Ahahahaha, Semir fällt erschrocken die Treppe runter und bricht sich Arm und Bein." Oder die "ROFL, er muss sich mit der Klobürste die Zähne putzen", alternativ auch die "awww, Daniel hat wieder die lila Turnschuhe an :love: " bzw die "Dieser Vinzenz hat nicht einmal gelächelt in dieser Folge :thumbdown: " - Zuschauer.

    Passt.

    Ich würde gerne mal wissen, was Mark Keller, Rene Steinke oder Vinzenz Kiefer so denken und "empfinden", wenn sie diese Art der Folgen sehen bzw vor allem die Darstellung der Figur "Semir".

    Ich weiss nicht, aber an deren Stelle, die noch die letzten ausnahmslos ernstzunehmenden Folgen Cobra gedreht haben, würde ich Erdogan mal ne WhatsApp-Nachricht schreiben und fragen, womit er von den RTL-Machern erpresst wird, diesen "Bullshit" mitzumachen.

    Achja: Wenn Erdogan wirklich mit entschieden hat, dass Roesner diese Rolle bekommt, hatten sie entweder nicht viele Bewerber oder in Sachen Talentscouting ist Erdogan auch nix. 0 Emotion, 0 Tiefgang, 0 Ausdruck. Daniel ist schauspielerisch mit das Schlechteste, was da je vor der Kamera rumgestolpert ist.

    Mein Gott, ich hätte nach der Wende zu "Revolution" und "Die dunkle Seite" nie gedacht dass die Cobra nochmal tiefer fallen kann, als Mitte der Ben-Zeit. Wenn "Babyalarm" die Grube war, ist "Klassenfahrt" die Hölle.

    @silli

    Gar kein Problem, danke für dein Lob.

    An alle:

    Das letzte Kapitel ist nun online, damit ist die Story beendet. Es wird in den nächsten Tagen, vielleicht nächste Woche noch sowas wie ein Bonus-Kapitel per PN für die treuesten Leser, die meine Stories in den letzten 5 Jahren verfolgt haben. Mit "Auferstanden" im April 2013 gings los, mit "Verloren" im April 2018 geht es zu Ende. Insgesamt sind 12 Storys (also anderthalb Staffeln :D bzw eine grosse oder zwei kleine Staffeln) entstanden.

    Es war mir eine Ehre, euch als Leser, Feeder, Kritiker, Motivatoren, Kreativitätshelfer, Korrekturleser, Tippgeber etc gehabt zu haben. :love:

    Ich danke!! <3

    Cornwall Lands End - Einige Tage später


    Der Flug war unruhig, auf der Busfahrt dagegen hätte man wohl herrlich schlafen können. Doch Magenschmerzen bei Jerry verhinderten, dass er irgendwie zur Ruhe kam. Schon ganz früh am Flughafen heute morgen hatte er nichts gegessen, stattdessen die ersten Beruhigungsmedikamente genommen. Der alte Punk hatte vor nichts Angst, aber in so eine Höllenmaschine steigen kostete ihn höchste Überwindung. Jetzt am Boden, Lands End und Annie als Ziel, plagte ihn nur mehr die Vorahnung auf einen schwierigen Nachmittag, das Überbringen einer schlimmen Nachricht. Und das schlechte Gewissen lastete wie eine Eisenstange mit Gewichten auf seiner Brust, unter der er eingeklemmt war, und gerade niemand da, der ihn aus dieser Klemme befreien konnte.
    Er hatte seinen besten Freund verlassen... Aber wann hatte er ihn verlassen? Jetzt, als er in den Flieger stieg um Annie die Nachricht zu überbringen? Als Jenny Kevin erzählte, dass er, Jerry, seinen besten Freund und seine Schwester verraten hatte? Oder hatte er Kevin bereits verlassen in dem Moment, als er dem Druck von Peter Becker nachgab, damit dieser ihm die Spielschulden erließ. Der Bus zischte, als die Türen an der Haltestelle in dem kleinen verlassenen Dörfchen aufgingen, wo die rothaarige junge Frau lebte.


    Den Rucksack halb über dem Rücken, trottete Jerry durch den Ort, der an diesem Sommertag besonders lebhaft war. Zwar waren nur wenige Autos unterwegs, weil man nach langem Ringen endlich eine Umgehungsstraße um das Örtchen gebaut hatte, dafür waren aber umso mehr Radfahrer, Fußgänger, tobende Kinder und der ein oder andere Tourist in den Straßen unterwegs. Jerry nahm von dem Trubel eher weniger war, es fühlte sich taub um ihn herum an. Der Wind wehte über seinen Kopf, seine kurzen Haare, doch auch das nahm er nicht besonders wahr. Seine Augen hatten das rote kleine Backsteinhaus fixiert, das ein wenig so aussah, als wäre es aus Norddeutschland hierher geschwemmt worden. Der weiße Zaun, die Hecken akkurat englisch geschnitten... früher hätte Jerry die Bewohner abfällig als Spießer verspottet. Heute beneidete er sie.
    Er las den Nachnamen und wusste, dass er richtig war. Ole hatte ihm die richtige Adresse genannt. Was würde er sagen? "Hey, Annie... ich bin aus dem Knast raus, wie gehts, wie stehts, übrigens... da ist was wegen Kevin..." Ihm war übel, die Magenschmerzen drückten und zu gerne hätte er sich auf dem Absatz umgedreht und wäre wieder nach Hause geflogen. Aber der Gedanke an Annie belastete ihn schon seit er bei Kevin am Bett stand, und er Jennys Hand im Gesicht spürte. Und jetzt... er musste es ihr sagen... und das nicht übers Telefon.


    Vom Klingeln bis zum Öffnen der Tür kam es ihm vor wie eine Ewigkeit. Und dann war die Vertrautheit da, als er Annies rote Haare sah, ihr Lächeln als sie realisierte, wer da vor ihrer Tür stand. "Jerry? Jerry!!", schwang sie von verwirrt zu euphorisch und fiel ihrem Mentor um den Hals. "Hey, meine Kleine.", sagte er fürsorglich, väterlich und schlang die Arme um das Mädchen, bis sich ihre Körper wieder trennten. "Wie kommst du denn hierher? Seit wann bist du draussen?", letzteren Satz sagte sie ein wenig leiser, weil sie nicht unbedingt wollte, dass ihr Vater mehr von dem Besuch mitbekam, als unbedingt nötig. "Ein paar Tage.", war Jerrys Antwort, und sein Lächeln war etwas gequält.
    Annie packte den Mann bei der Hand und nötigte ihn, mit ihr zum Strand zu gehen, wo sie ungestört reden konnten. Und auf dem Weg dorthin, nahm sie Jerry quasi die Worte aus dem Mund. "Warum bist du nicht mit Kevin zusammen gekommen? Er hatte sich auch bei mir angekündigt." Jerry sah überrascht auf. "Was hat er?" Annie nahm ihr Handy aus der engen Jeans und suchte nach den Whatsapp-Nachrichten. Sie fand die letzte von Kevin, vor einigen Tagen früh morgens... aber komischerweise hatte er ihre Antwort immer noch nicht gelesen. Sie hielt Jerry das Handy vors Gesicht, und der Ex-Punk las: "Ich werde in den nächsten Tagen bei dir vorbeischneien. Diesmal vielleicht für länger. Hoffe, mein "Zimmer" bei dir ist noch frei." Jerry zog die Stirn ein wenig in Falten... sein junger Freund hatte sich bereits angekündigt, nachdem er ihn überreden wollte, die Selbstverteidigungsschule nicht in Köln aufzumachen... weil er dort weg wollte. Er las auch noch Annies Antwort: "Dein Zimmer ist frei. Ich freu mich auf dich." Er biss sich auf die Lippen.


    Annie bemerkte die Reaktion von Jerry natürlich, auch wenn sie sie nicht sofort zuordnen konnte. Die beiden standen an dem schmalen Asphaltweg, direkt am Strand und konnten das Meer schon hören und riechen. Das Meer, von dem Annie immer schwärmte, wenn sie ihnen in der Lagerhalle von ihrer Kindheit erzählte, wenn sie hier ihre Oma besuchte. Jerry konnte sich noch dran erinnern, wie geknickt sie war als sie entschloß, nicht mit ihren Eltern zurück nach England zu kehren. In das "fascist regime", wie es die Sex Pistols besungen hatten. Jetzt war sie hier, und sie fühlte sich so wohl wie noch nie in ihrem Leben. Auch wenn sie äusserlich die Wildheit durch ihre Frisur, ihre Piercings und ihre Tattoos nicht abgelegt hatte, so hatte sich ihr Wesen durch die Erlebnisse doch sehr gewandelt.
    "Jerry, was ist los? Kevin muss doch mitbekommen haben, dass du aus dem Knast gekommen bist." Die junge Frau ging nicht mehr weiter auf dem Weg, sie blieb stehen und hielt Jerry an den Handgelenken fest. Dessen Blick wurde traurig, er kaute etwas Unsichtbares im Mund und suchte nach Antworten. Nach Worten generell. Nach einem Wort, das nicht wehtat. Als Annie bemerkte, wie seine Lippen zitterten, spürte sie auf einmal ein beklemmendes Gefühl im Hals. Plötzlich wurde ihr klar, dass Kevin der Grund war, warum Jerry hier ist. "Annie... ich muss dir etwas sagen..."


    Die Möwen kreischten ihr Lied im Takt des Meerrauschens, den die Natur vorgab. Diese weißen Geschöpfe saßen auf Felsen, Bäumen und Dächern rings um die Szene, die sich auf dem kleinen Steinweg direkt am Stand abspielte, als Jerry nur wenige Worte sprach... leise, mit brüchiger Stimme. Wie Annie langsam, erst in Zeitlupe, dann immer schneller werdend den Kopf schüttelte, erst schrie und sich an Jerry festklammerte, bis ihr die Knie wegsackten und sie von ihrem väterlichen Freund gehalten, langsam zu Boden sank. Alle Erinnerungen an Kevin brachen über sie herein, von ihrer Jugend, ihrem Wiedersehen und ihrem Abenteuer in Kolumbien. Und zuletzt die herrlichen Tage vor einigen Wochen, die sie hier gemeinsam verbracht hatten. Tage, die sich tief in Annies Seele gebrannt hatten, genauso tief wie diese Nachricht von Jerry. Sie kniete auf dem Steinweg, von Jerry umarmt und weinte hemmungslos.
    Stunden später lag Annie alleine in ihrem Zimmer unterm Dach im Bett. Im gleichen Bett, wo sie vor einigen Wochen mit Kevin geschlafen hatte. Ihr Vater, ein Arzt, hatte ihr etwas zur Beruhigung gegeben, nachdem Jerry ihm erzählt hatte, was passiert war. Mit rötlichen Augen hatte sie das Kissen umklammert, das vor Tränen feucht war. Regen, der einen Gewittersturm an der Küste ankündigte, prasselte an das Dachfenster und hörte sich so erbarmungslos an, wie die rothaarige Frau das Leben gerade empfand. Neben ihr lag das Handy, die letzte Nachricht von Kevin geöffnet. Und ein Zettel, den er ihr damals hier gelassen hatte... ihr Text für ihn, den er mit Ben zusammen auf der Bühne gesungen hatte. Immer wieder las sie die Zeilen, und sie hörten sich in ihren Ohren, nach dieser Nachricht, wie ein todtrauriger Traum an...


    Hilf mir mich zu finden nach all diesen Jahren
    Nimm mich ein kleines Stück Weges mit dir
    Heile die Wunden, die unheilbar waren
    Ich wär' fast gefallen, doch dann warst du hier


    Tränen tropften aufs Papier, und die Kugelschreibertinte, mit der sie damals den Text geschrieben hatte, begann zu verlaufen. Eine der Tränen fiel auf den Titel, den Kevin selbst darüber geschrieben hat, als er den Text vertonte... und er wirkte auf Annie so traurig und zerstörerisch, so endgültig... "Verloren".


    ENDE

    Danke schön ^^

    Ich hatte dieses Kapitel bereits von Anfang an im Kopf und habe mich richtig richtig gefreut darauf, es endlich schreiben zu dürfen. Gleichzeitig hatte ich aber auch die Befürchtung, gerade weil es in Filmen ein beliebtes Stilmittel ist, wenn Hauptcharas dem Tode nah sind, solche Sequenzen zu zeigen (wie silly auch bereits bzgl MacGyver hingedeutet hat), dass die Sache viel zu kitschig ist.

    Aber schön, wenn es so aufgenommen wurde, wie es rüberkommen soll. :love:

    Es hat hier auch keiner was von arufen oder sonstigem gesagt, du verwechselt einige Dinge hier. Wie gesagt habe ihn genau auf diesen Bericht damals angesprochen und gerade bei Rene Steinke hätte Thorsten, da bin ich mir sicher sowas zu 100% gewusst. Du weißt auch gar nicht in welchen Bezug beide zueinander standen so noch viele ander Dinge welche beim Fantreffen ausgeplaudert werden. Letztendlich ist es auch egal.

    Du scheinst meinen Beitrag nicht verstanden zu haben, bzgl dem Anrufen war ein Beispiel.

    Und du kannst Thorsten gerne deinen Glauben schenken. Ich weiß, was ich von Thorsten in solcherlei Hinsicht zu halten habe, und das dürfte gegen 0 laufen. Und einen Grund, warum Rene Steinke in einem solchen Interview somit offensichtlich lügen sollte, JAHRE danach wo er schon lange nichts mehr mit RTL und der Cobra am Hut hat, gibt es immer noch nicht.

    Und deshalb stellt sich für mich gar nicht die Frage, wem ich mehr Glauben schenke: Einem Fanclub-Führer, der sich wichtig macht, oder dem Schauspieler selbst, der einer normalen Zeitung ein Interview gibt.