Auch nach einer Woche ist und bleibt es eine sehr schwierig zu beurteilende Folge. Vielleicht, weil sie einfach eine Qualität auf den Bildschirm zaubert, die in dieser Form selten geworden ist.
Schutzengel ist nicht nur ernst(nehmbar), sondern auch stellenweise sehr hart, oft spannend und man hat nicht das Problem, dass mit der genau zum richtigen Zeitpunkt erfolgenden Auflösung der Spannungsbogen für die letzten Minuten nach unten kippt.
Es gibt die eine oder andere Wendung und wie Robert hatte ich mich zuerst auf den LKW-Fahrer festgelegt und ich war genauso froh, dass er es nicht war. Genauso dass man durch den Beginn auf eine völlig falsche Fährte gelockt wird, so was ist einfach erfrischend und zugleich bodenständig und glaubwürdig.
Der Look ist einfach nochmal komplett anders als in den bisherigen Folgen. Eine Mischung aus Zavelberg (Auf eigene Gefahr und später im Finale Vaterfreuden), Tozza (5 vor 12 in puncto Beklemmung), Polinski (Wo ist Semir) und vielleicht einen Hauch Dierbach (Lackschäden). Ich kam zu Beginn etwas schwer rein, was daran liegen dürfte, dass dieser Stil einfach überraschend kam und ungewöhnlich im Vergleich zu der übrigen Regiecrew ist, aber das kann man Christian Paschmann wirklich am allerwenigsten anlasten, der hier zu jeder Zeit einen richtig guten Job macht.
Die Action hat mich bis auf das Ende nicht sonderlich umgehauen, aber Paschmann hat sich bemüht, etwas Ansprechendes aus seinen begrenzten Mitteln zu kreieren. Das Wiedersehen mit zwei Schauspielern der Alex-Ära hat mich gefreut (Pfarrer aus Revolution, Gangsterboss aus Die letzte Nacht). Die Autobahn spielt eine wesentliche Rolle, der Humor ist dezent und an den wenigen Stellen auch okay. Den Auftritt der Motorradgang hat RTL mittlerweile auf Facebook ja gut erklärt. Es ändert allerdings nichts daran, dass man wieder einmal daran scheitert, so etwas sinnvoll und mit Mehrwert einzubauen. Aber gut, solange es kein Comedystilmittel ist und bleibt, will ich mal nichts gesagt haben.
Ganz große Klasse übrigens, dass Semir und Paul erst später vor Ort sind und zunächst auf einer Autobahnbrücke essen. Das hat einfach mehr Authentizität als dieses „Oh, Susanne, danke für den Funkspruch, den Wagen sehen wir zufällig 20 Meter vor uns!“. Solche Sachen runden den positiven Gesamteindruck einfach gut ab.
Der Soundtrack von Nik und Jaro ist in dieser Folge mal wieder ganz großes Kino. Einige bekannte Stücke gab es auch in neuem Gewand, gerade in Szenen mit emotionaler Tiefe wirklich gelungen, vor allem bei der Szene nach der Überbringung der Todesnachricht.
Überhaupt - diese kleinen Details, die erinnern wirklich an früher. Auch dass es nach gefühlten Ewigkeiten auch mal wieder ein Fall ohne PAST-Bezug schafft, so dermaßen zu packen, berühren, einfach in so ziemlich jeder Hinsicht zu überzeugen ohne Längen und ohne das Gefühl, hier versucht man, Pseudo-Spannung aufzubauen, ist vermutlich bereits seit Tausend Tode nicht mehr vorgekommen.
Schwer tue ich mich dagegen immer noch damit, dass ein zu Gott findender Killer auch nach seiner Wandlung noch munter weiter mordet und im Finale wirklich eiskalt agiert. Das passt einfach nicht und ist eine Drehbuchschwäche, die man definitiv hätte ausräumen können ohne wieder auf das Standardmotiv aus Folgen wie Toter Bruder, Und Action und Co. verfallen zu müssen. Gleichzeitig ist da - vor allem dann am Schluss durch die angezündete Kerze - diese Gefahr, dass der Pfarrer zur Identifikationsfigur für alle, die mal gehörig Mist gebaut haben, aufgebaut wird. Manche Dinge kann man nicht vergeben.
Einen skrupellosen Killer krampfhaft vom Teufel zum Hero umzugestalten, der zu Gott gefunden hat, das ist einfach nicht glaubwürdig und wohl dem RTL-Konzept geschuldet. Schade.
Dennoch gebe ich hier jetzt definitiv sehr gute 9 Punkte. Man kann wirklich noch positiv überraschen, trotz einem Plot, der zunächst eher mäßig interessant klang. Amnesie wurde getoppt, an Bombenstimmung kommt man allerdings nicht ganz heran, aber das ist überhaupt keine Schande. Wenn die Quoten nur auch so gut ausfallen würden...