Beiträge von Yon

    Alex

    Alex steckte der Samstag tief in den Knochen. Dreimal mussten sie jemandem mitteilen, dass ein naher Angehöriger oder Freund aus ihrer Mitte gerissen worden war, durch die Hand eines kaltblütigen Killers, wie es den Anschein hatte.

    Zu genau erinnerte sich Alex noch an das letzte Weihnachtsfest, an dem plötzlich uniformierte Polizisten in seinem ehemaligen Kinderzimmer standen und ihm und seiner Familie vom Tod seiner Cousine unterrichteten. Sandra hatte sich damals, es kam ihm vor, als wäre es erst gestern gewesen, seinen Wagen ausgeliehen und war durch eine Autobombe in die Luft gesprengt worden, die eigentlich für ihn bestimmt gewesen war. Semir war zur selben Zeit nur knapp einem Mordanschlag entgangen, als derselbe Attentäter mit seinem Jagdgewehr auf ihn schoss.

    Der Gang zu der Ehefrau von Andreas Halland, den Eltern von Matthias Bauer und der Freundin von Jörg Wiglad hatte eine Tür in Alex Erinnerung aufgerissen, welche sich in den letzten Monaten langsam begonnen hatte zu schließen. Wie bei ihm selbst würde auch bei den jetzigen Hinterbliebenen die eigentliche Gewissheit des Verlustes erst später eintreten. Sie taten ihm leid, denn er wusste, was nun auf sie zukommen würde. Zunächst hielten Verpflichtungen sie davon ab, die Trauer vollständig zuzulassen, aber sind jene einmal abgeschlossen, ergreift sie rasch die Gelegenheit, sich ihren Opfern zu ermächtigen. Und dann galt es für die Hinterbliebenen, ihr zwar einen gewissen Platz in ihrem Leben einzuräumen, gleichzeitig aber nicht zuzulassen, dass sie vollständig Besitz von einem ergreift. Einen Fehler, den Alex Tante, Sandras Mutter beging, die noch lange Zeit in Behandlung sein würde, um ihren Alltag auch nach dem schweren Verlust ihrer Tochter, wieder zu meistern. Wie sie hatten auch die Familien, die Semir und er heute vom plötzlichen und gewaltsamen Tod ihrer Angehörigen unterrichtet hatten, keine Möglichkeit gehabt, sich auf den Verlust vorzubereiten, ein Umstand, der es noch schwerer machte, sich diesem Schicksal zu stellen.

    Um sich auf andere Gedanken zu bringen, verbrachte Alex mehrere Stunden des Sonntags beim Training im Fitness-Studio, unterhielt sich hinterher noch zwei Stunden mit seinen Trainingskumpels über belanglose Alltagsdinge, räumte seine Wohnung etwas auf und verbrachte den Rest des Tages beim Surfen im Internet.

    Am Abend telefonierte er noch kurz mit Semir, der ihm von den Ergebnissen der Koffer-Durchsicht berichtete. Nachdem sie sich für 8:00 Uhr in der PAST verabredet hatten, legten sie auf.

    Dann erinnerte er sich an Semirs Worte vom Freitag, gab sich einen Ruck und wählte die Handynummer von Lena, die er am Mittwoch vergeblich hatte warten lassen. Er wollte um Verzeihung bitten, diese Funkstille hielt er nicht aus. „Lena Klose“, meldete sie sich nach mehrfachem Klingeln. „Lena, hier ist Alex“ – „Alex? Was willst du?“ Oh Mann, das hörte sich nicht an, als hätte sie sehnsüchtig auf seinen Anruf gewartet. „Mit dir reden, es tut mir Leid wegen Mittwoch, ich hätte mich gleich melden sollen. Kannst du mir noch mal verzeihen?“ – „Weißt du, wie das ist, in einem Lokal zu sitzen, den Kellner mehrmals wegzuschicken, weil mein Tischpartner nicht anrückt?“ – „Ja, ich habe es verbaselt, wir hatten viel zu tun, und ... nein Lena, dafür gibt es keine Entschuldigung, aber ich würde dich gerne wiedersehen.“ –„Ich weiß nicht. Und, in den nächsten zwei Wochen wird das eh nichts, ich sitze im Zug nach Berlin.“- „Berlin?“ – „Ja, mein Vater ist ins Krankenhaus gekommen, und ich will meine Mutter unterstützen, sie kann nicht gut allein sein.“ – „Rufst du mich bitte an, wenn du zurück bist?“ – „Ich überlege es mir, Alex.“ – „Danke, Lena. Mehr will ich gar nicht. Ich hoffe, deinem Vater geht es bald besser.“ – „Das hoffe ich auch.“ Unangenehmes Schweigen trat ein. “Lena?“, fragte Alex leise. „Ja, ich bin noch da.“ – „Du kannst dich auch gerne schon vor deiner Rückkehr melden.“ – „Hm, wir werden sehen. Tschüß, Alex.“ – „Tschüß.“

    Alex atmete auf und er blickte noch einige Zeit auf sein Handy. Das Telefonat hatte ihm bevorgestanden, aber nun lag es hinter ihm. Und er hoffte, Lena würde sich wieder bei ihm melden.

    Während die Brüder ihre Schwester suchen, steht Kevin vor der Tür von Jessys Eltern. Was erwartet ihn hinter der Wohnungstür? Die Mutter, die immer noch mit dem Vater lebt, der seiner Tochter wohl mit das schlimmste angetan hat, was es gibt. Aber als Polizist sollte er mit dem Ehepaar schon fertig werden. Nur was erhofft er sich davon? Das Haus hätte er doch sicher auch so noch wiedergefunden. Und Jessy wir sicher nicht ihre Eltern aufgesucht haben.

    Aus Sicht der Polizei war die Aktion im Club wenig erfolgreich, aber der Sanders fühlt sich jetzt ein wenig auf den Schlips getreten und will entsprechende Vorkehrungen treffen. Was kommt da jetzt auf Semir zu?

    Du hast mir meinen Gedanken weggenommen, das Rascheln im Buschkann in unseren Breiten eigentlich nur ein Hund sein, an einen tollwütigen Fuchs mag ich mal nicht denken, ansonsten sind unsere Wildtiere doch recht scheu.
    Die nächtliche Kälte ist allerdings nicht zu unterschätzen.
    Aber Susanne ist bald an dem Ort des Geschehens, obwohl ¨Kilometer 54¨ nicht gerade Koordinaten sind, sondern eine recht vage Ortsbeschreibung, die ein längeres Suchen erforderlich machen könnte. Aber Semir kann sich dann ja auch durch Rascheln und Knurren bemerkbar machen ;)

    Jetzt ist es raus. Auf jeden Fall ist der Fremdgeh-Verdacht ausgeräumt, aber was jetzt kommt, wird sicher noch schlimmer, nur dass sie dieses Problem jetzt gemeinsam als Team angehen können, und nicht jeder für sich alleine. Jetzt wird Ben sicher die nächste Bombe zünden und erzählen, dass er die Drogen mit Insider-Informationen bezahlt hat und welche Folgen es für Sarah und dem Kind haben könnte, wenn er aus dieser Vereinbarung aussteigen würde.
    Zunächst kann er sich ja krank schreiben lassen, die Chefin hat kein Recht darauf, zu erfahren, aus welchem Grund, vielleicht kennt Sarah ja auch einen Arzt, der sie unterstützen würde. Dann noch eine Kur, Überstunden und Urlaub, da kommt einiges an Zeit zusammen.
    Größer schätze ich das Problem des Schutzbedarfs ein. Denn jetzt werden Sarah und das Kind in höchster Gefahr schweben. Ich glaube nicht, dass es ihnen längere Zeit gelingen wird, ihnen ein weiteres Mitspielen vorzugaukeln.

    Der Koffer

    Am Abend fiel Semir recht früh todmüde ins Bett und schlief am Sonntag bis zum späten Vormittag. Die Schwellung seines Knöchels war weiter zurückgegangen. Er würde seinen Fuß heute noch schonen, dann würde er bald wieder ganz einsatzbereit sein. Nach einem kleinen Frühstück machte er es sich mit einer Kanne Kaffee auf seinem Sofa bequem und zog den aus Jörg Wiglads Zimmer mitgenommenen Koffer zu sich heran.

    Nach einem groben Durchblättern der Papiere und Fotokopien entschied er sich dafür, sie zunächst nach dem Datum zu sortieren. Es waren Rechnungen und Auszüge aus der Buchhaltung der Firma Wilckens. Er konnte zunächst nichts Auffälliges feststellen, entdeckte dann aber kleine Ausrufungszeichen neben zwei Buchungen, die dort handschriftlich angebracht waren. Semir suchte nach den entsprechenden Rechnungen und fand sie in dem Stapel. Firma Wilckens hatte demnach zwei Autos im Wert von jeweils etwa 35.000 € gekauft. Firmenwagen? Schon möglich, die Firma hatte schließlich viele Angestellte, die zu den einzelnen Baustellen fahren mussten. Dann packte ihn aber doch die Neugier. Aus welchem Grund hatte jemand – vielleicht Jörg Wiglad oder einer seine beiden Kollegen - diese Buchungen markiert? Semir stand auf und holte seinen Laptop zu sich auf die Couch, und gab, nachdem er Verbindung zum Internet hatte, die auf der Rechnung abgedruckte Adresse ein. Die Web-Adresse existierte nicht! Tippfehler? Semir versuchte es erneut „Autohaus-Müller-Steinke.de“. Kein Erfolg. Die Rechnung war noch nicht alt, August 2013. Da mussten Spuren der Firma im Internet zu finden sein. Aber auch die Suche im Online-Telefonbuch und die Eingabe in eine der Suchmaschinen blieben ohne Ergebnis. Das Autohaus Müller-Steinke in Stuttgart existierte einfach nicht.

    Die Rechnungen mussten also getürkt sein. Ob die Buchhalter dahinter gekommen waren und deshalb sterben mussten? Wegen 70.000 €? Oder war das gar nur die Spitze des Eisbergs? An wen ist das Geld gegangen? Denn die Kontonummern auf den Rechnungen und den Kontoauszügen waren identisch. Mehr konnte Semir von seinem Sofa aus nicht herausfinden. Die Überprüfung der Kontoverbindung würde Susanne dann am Montag übernehmen und dann auch gleich herausfinden, ob das Geld dort wirklich eingegangen war. Er nahm sich vor, sich am Montag mit Alex bei der Firma Wilckens von der Existenz der beiden Autos zu überzeugen.

    Um den Kopf frei zu bekommen, ging Semir noch durch die Stadt an den Rhein und spazierte etwa zwei Stunden an dessen Ufer entlang. Er suchte sich eine Bank und beobachtete einige Binnenschiffer, die gegen die starke Strömung des Flusses ankämpften, während einige Paddler in ihren Kajaks stromabwärts wesentlich schneller an ihm vorbei zogen. Ihm gefiel, was er sah. Der Umzug in die Innenstadt vor einigen Wochen hat ihm tatsächlich gut getan, da hatte Ben schon Recht gehabt.

    Abends versuchte er, Ayda und Lilly telefonisch zu erreichen. Obwohl er so oft es ging mit seinen Töchtern Kontakt hatte und eh‘ gedanklich ständig bei ihnen war, hatte sich der Sonntagabend als fester verlässlicher Termin für ein Vater-Töchter-Telefonat angeboten, ein Termin, den er bisher noch nie hatte ausfallen lassen, ob zuhause, in der PAST oder im Einsatz auf der Straße. Aus dem Grund verwunderte es ihn doch, jetzt niemanden zu erreichen. Dann beruhigte er sich aber, das Wetter war an diesem Wochenende sehr schön und für einen Ausflug geradezu einladend. Sie waren bestimmt noch irgendwo unterwegs und hatten Spaß. Er hinterließ eine Nachricht auf der Mailbox, bestellte sich eine Pizza und stellte seinen Fernseher an. Er nahm sich vor, Ayda zu ihrem Geburtstag ein einfaches Prepaid-Handy zu schenken.

    Anna Engelhardt können die "Helden" nichts vormachen. So richtig gute Lügner sind sie ja auch nicht, und auf der anderen Seite wissen sie doch auch, dass ihre Chefin hinter ihnen stehen wird.

    Gute Reaktion von Kim Krüger, muss ich auch sagen. Aber was ist das für ein kranker Türsteher. Durchsetzungsfähig und bestimmt, ja, aber einen Tiefschlag provozierend? Das muss ja ein netter Club sein.
    Semir erfährt die Leidensgeschichte seiner Mitgefangenen, die in den 2 Wochen ja mächtig was durchmachen musste.
    Ich hoffe, Alex und die Krüger werden in dem Club weiterkommen und bald eine Spur zu Semir finden.

    Der Entführer behandelt Ben ja nicht gerade so, wie ein Vater seinen Sohn, obwohl er gerade behauptet, dieser zu sein, sondern wie ein Hund (den ich allerdings auch nicht an die Kette legen würde).
    Zumindest bekommt er etwas zu trinken und darf dann wohl am nächsten Tag Konrad anrufen.
    Semir und Ben werden derzeit in der PAST vermisst, und Susanne will sich selbst aufmachen zu dem abgestellten Mercedes. Na dann wird sie ja feststellen, dass die "Helden" nicht da sind, und endlich eine Handy-Ortung durchführen. Hoffentlich hält der Akku solange.

    Während Semir komplett für Ben das Denken übernommen hat und alle Spuren beseitigt oder zumindest in seinen eigenen Dienstwagen überführt (da wird bestimmt Hartmut noch ein Zaubermittel besitzen, dass die Drogenspürhunde zukünftig nicht anschlagen 8) ), kümmert sich Sarah bereits um eine neue Wohnung für sich und das Baby. Semir erfährt von Ben zumindest, wie es zu dem Streit mit Sarah gekommen war und begleitet ihn nach Hause. Nun bin ich gespannt, wie Sarah auf Ben und die Informationen zu den Drogen reagiert. Denn dass eine Drogenabhängigkeit hinter Bens Verhalten stecken kann, hat sie ja noch gar nicht in Erwägung gezogen.

    Todesnachrichten

    Andreas Halland hinterließ eine Frau und zwei Söhne im Alter von 2 und 5 Jahren. Seine Frau hatte ihn zwei Tage zuvor als vermisst gemeldet, als sie am Vortag von einem Kurzbesuch bei ihren Eltern heimkam und ihn nicht antraf, und ihr Mann auch in der Nacht nicht nach Hause kam. Die Ehe war in Ordnung, der Bau eines Hauses geplant. Von seiner Arbeit erzählte der 36-Jährige nicht viel, er trennte Familie und Beruf rigoros, hatte aber vor nicht allzu langer Zeit eine eventuell im Raum stehende Leistungsprämie oder Gehaltserhöhung erwähnt. Andreas Halland war gut mit Jörg Wiglad und Matthias Bauer befreundet, die drei arbeiteten gerne zusammen und trafen sich einmal in der Woche zum Billard spielen. Frau Halland saß während des Gesprächs mit Alex und Semir regungslos auf der Couch. Der wahre Gehalt der Information war noch nicht zu ihr durchgedrungen. „Frau Halland, können wir jemanden anrufen, der sie unterstützt in der nächsten Zeit?“ – „Kann ich ihn noch mal sehen?“ – „Wir können Sie hinfahren, wenn Sie möchten“, schlug Alex vor. „Ich möchte damit warten, bis meine Eltern hier sind, ich kann die Jungs nicht alleine lassen.“ Bei diesem Satz blickte sie auf die in einer Ecke des Wohnzimmers mit Bauklötzen und Autos spielenden Kindern. „Ich gebe Ihnen meine Karte. Wenn Sie soweit sind, rufen Sie einfach an, ich werde Sie dann abholen oder einen Kollegen herschicken. Es tut mir leid, Frau Halland“, sprach Semir der blassen Frau sein Beileid aus und bat Sie anschließend noch, nicht bei den Familien von Andreas‘ Freunden anzurufen, die Mittteilung würden sie lieber persönlich überbringen. Semir fiel es schwer, Frau Halland in ihrer Situation alleine zu lassen, aber sie hatten noch zwei weitere Besuche dieser Art vor sich, und Frau Halland hatte ihnen versichert, ihre Eltern wären bereits auf dem Weg.

    Matthias Bauer war 32 Jahre als, als der tödliche Kopfschuss ihn traf. Er lebte alleine und hatte kaum Kontakt zu seinen Eltern und Geschwistern, die in Leverkusen lebten. Lediglich zu Weihnachten und den Geburtstagen kam die Familie zusammen. Seine Eltern wohnten in einem gepflegten Reihenhaus am Stadtrand. Semir und Alex standen in dem kleinen Wohnzimmer, ließen ihre Blicke über eine Bildergalerie wandern und wandten sich dann wieder dem älteren Ehepaar zu, welches auf der Couch Platz genommen hatte. „Es tut mir leid, ich kann Ihnen nicht mehr sagen, versichere Ihnen aber, dass Ihr Sohn nicht leiden musste“, erklärte Alex einfühlsam, „die genauen Umstände konnten wir noch nicht ermitteln.“ – „Umgebracht?“, fragte Frau Bauer leise. „Es sieht zurzeit so aus. Ja, Frau Bauer, Ihr Sohn wurde getötet.“ Die Eltern von Matthias Bauer hatten keine genaue Ahnung, womit sich ihr Sohn genau beruflich beschäftigte, nur dass er im Büro einer großen Baufirma tätig war. Sie kannten auch nicht die Freunde ihres Sohnes, dazu war der Kontakt zu gering. Sie versprachen, sich um alles zu kümmern und gab den Polizisten auch einen Zweitschlüssel der Wohnung von Matthias, damit diese sich dort näher umschauen konnten. Dann ließen Alex und Semir auch diese Hinterbliebenen alleine.

    Wieder im Auto, fuhr Semir nicht gleich los. „Schaffen wir die dritte Adresse noch?“, fragte er mit einem Blick auf die Uhr. „Du willst es am Sonntag auch nicht machen, oder? Los, wir schaffen das noch, und dann brauche ich ein Bier.“ Semir startete den BMW und fuhr in gemäßigter Geschwindigkeit los. Wie immer in diesen Fällen machte er sich Gedanken, wie er selbst oder Andrea wohl auf eine solche Todesnachricht reagieren würde. Wenn mit einem Schlag die ganze Welt, alle Pläne für die Zukunft sich in Luft auflösten. Gut, jetzt wohnte Andrea nicht mehr bei ihm, aber sie und die Mädchen würden für immer seine Familie bleiben. „Semir“, riss ihn sein Partner aus den Gedanken, „hier musst du links abbiegen.“ – „Stimmt, danke, ich wäre jetzt weiter geradeaus gefahren.“ – „Du bist in Gedanken“, stellte Alex fest. „Du nicht?“

    Jörg Wiglad, der dritte Tote, war 53 Jahre alt und aufgrund einer vor zwölf Jahren verbüßten Bewährungsstrafe identifiziert worden. Er war noch nicht als vermisst gemeldet worden, lebte aber mit einer Freundin zusammen. Das Paar hatte sich vor 14 Tagen zerstritten und jeden Kontakt abgebrochen. Jeder der beiden war zu stolz, wieder auf den anderen zuzugehen. Gewohnt hatte Jörg seitdem in einem kleinen Zimmer, welches der Gastwirt vermietete, bei dem er mit seinen beiden Freunden und Kollegen regelmäßig Billard spielte. Jörg Wiglads Freundin nahm die Todesnachricht stumm entgegen. Sie begann zu zittern und wurde von Alex zu einem Sessel gebracht, während Semir ein Glas Wasser aus der Küche holte. Als sie sich auch nach zwanzig Minuten nicht beruhigt hatte, rief Alex ihren Hausarzt an, der versprach, gleich vorbeizukommen. Nachdem er in der Wohnung eingetroffen war und alles Weitere regeln würde, verabschiedeten sich Alex und Semir und traten wieder ins Freie.

    „Lass uns zu dem Gastwirt fahren“, schlug Semir vor, „mich würde mal interessieren, was er zum Verschwinden seines Gastes zu sagen hat. Und dort bekommen wir bestimmt auch ein Bier.“ Alex war einverstanden und steuerte das Billard-Café an, dass ihnen von Jörgs Freundin genannt worden war. Vier Billard-Tische beherrschten den großen Raum, an den Seiten standen mehrere Tische mit vier oder sechs Stühlen. Einige von ihnen waren besetzt, an einem Billard-Tisch wurde gerade eine Partie gespielt. Alex und Semir setzten sich an den Tresen und bestellten zwei Bier. „Sind Sie der Gastwirt hier?“ – „Ja, mir gehört der Schuppen“, antwortete der Angesprochene, ohne seine Tätigkeit – er polierte gerade eine Reihe Gläser – zu unterbrechen. „Sie haben gerade ein Zimmer an einen Jörg Wiglad vermietet, stimmt das?“ – „Ja, was ist mit Jörg? Ich habe ihn seit einer guten Woche nicht mehr gesehen.“- „Wundert Sie das nicht?“ – „Warum wollen Sie das überhaupt wissen? Wer sind Sie eigentlich?“ – „Entschuldigung. Gerkan, Kripo Autobahn“, Semir zog seinen Ausweis hervor, „Das ist mein Kollege Brandt. Können Sie die Frage nun beantworten?“ – „Ich habe mich schon gewundert, aber er ist hier, weil er sich mit seiner Freundin gestritten hatte. Ich dachte halt, das hätte sich wieder eingerenkt. Aber warum Polizei? Hat Jörg was angestellt?“ – „Nein, Jörg Wiglad ist tot aufgefunden worden.“ Jetzt legte der Gastwirt seinen Lappen weg. „Tot?“, sein Entsetzen war nicht aufgesetzt, das erkannte Semir sofort. „Wie?“ Ohne auf die Frage zu antworten, stellte Alex ihm die Gegenfrage. „Können wir sein Zimmer mal sehen?“

    Das war kein Problem, und Semir und Alex wurden zu einer kleinen, aber sauberen Dachkammer geführt. Ein kleiner Koffer mit Kleidungsstücken war unter das Bett geschoben, im Bad lagen die üblichen Utensilien herum. Semirs Aufmerksamkeit erregte ein Aktenkoffer, der neben dem kleinen Tischchen stand. In ihm waren Papiere und Akten, die augenscheinlich beruflicher Natur waren, denn sie trugen zum Teil den Briefkopf der Firma Wilckens. „Wir nehmen den Koffer mit“, bestimmte Semir und die Polizisten bedankten sich beim Gastwirt und fuhren zurück in die PAST, um Feierabend zu machen, und beschlossen, sich am Montag zur Baufirma aufzumachen. Den Koffer nahm Semir mit nach Hause und würde sich den Inhalt am Sonntag genauer anschauen.

    Horst Wilckens denkt nach

    Horst Wilckens knallte den Telefonhörer auf die Station. Musste er denn alles selber machen? Wie lange würde es wohl dauern, bis die Polizei ihm und seiner Firma einen Besuch abstattete? Wenn seine Verbindungsperson von den toten Buchhaltern erführe, könnte er kalte Füße bekommen. Er musste den Druck auf ihn irgendwie erhöhen. Hatte er nicht eine kleine Familie? Eine Lebensgefährtin und zwei Kinder? Ja, da müsste sich doch etwas machen lassen.

    Er griff wieder zu seinem Telefon, wählte eine Kurzwahl und lauschte dem Klingeln auf Seiten seines Gesprächspartners, der auch bald an den Apparat ging. Der Firmenchef fasste sich kurz: „Wilckens hier. Ich brauche Sie …. Ja, sagen Sie ihnen einfach, Sie müssten jetzt für ein paar Stunden ins Büro und wären abends wieder zurück … doch, es muss!“ Er würde Folge leisten, davon war Horst Wilckens überzeugt. Und so war es auch. Etwa eine dreiviertel Stunde später betrat ein großgewachsener blonder Mann das Chefbüro und setzte sich nach Aufforderung zaghaft auf einen der Besucherstühle, wobei er unbewusst nur das vordere Drittel der Sitzfläche besetzte und versuchte, seine feuchten Handflächen an seiner dunklen Hose trocken zu reiben.

    Zunächst erzählte ihm Wilckens ungerührt und gefühlskalt von der Entdeckung der Polizei und wie wichtig es von nun an für ihn wäre, akkurat und brav mitzuarbeiten. Der Besucher nickte nur. „Und Sie sehen doch ein, dass wir uns da etwas mehr absichern müssen als bisher, oder? Bei ihren Ermittlungen wird die Polizei früher oder später auch über Ihren Namen stolpern, und Sie und ich drohen aufzufliegen. Das wollen wir doch beide nicht, nicht wahr? Also erwarte ich von Ihnen, dass Sie still halten, es sind nur noch 10 Tage, oder 11?“ – „Mittwoch, übernächste Woche“ – „Genau, bis dahin darf nichts nach Außen dringen. Und damit Sie bis dahin gut mitarbeiten, werden wir etwas an uns bringen, was Ihnen sehr wichtig ist.“ – „Was genau meinen Sie?“ – „Ihre kleine Familie. Rufen Sie sie an, sie sollen sich für einen kleinen Ausflug fertig machen, sie würden gleich abgeholt. Denken Sie sich was aus, ein Treffen zum Eis essen vielleicht.“ Der Besucher wurde bleich. „Das können Sie nicht machen.“ – „Ich kann noch viel mehr machen, denken Sie nur an die Buchhalter.“ Sein Ton duldete keinen Widerspruch, so fügte er sich.

    Während der blonde Mann mit zittrigen Händen sein Handy herausholte, um seine Lebensgefährtin anzurufen, griff auch Wilckens erneut zum Telefon und rief seinen Sohn an, um ihm die Instruktionen für die nächsten Stunden zu geben. „Und vermassele es dieses mal nicht wieder, Frank!“, gab er ihm noch mit auf den Weg.

    „Möchten Sie noch eine Tasse Kaffee?“, fragte Wilckens, und sein Gast war sprachlos ob dieser Kälte, die Wilckens mit einem Male ausstrahlte und welche ihm schleichen seine Beine hinaufzukriechen begann. Er schüttelte langsam mit dem Kopf.

    ***

    Zurück in der PAST gab Alex Susanne den Zettel mit den Namen der Toten und der Bitte, für sie doch bitte die Adressen der Angehörigen ausfindig zu machen. Sie kamen überein, dass sie am Wochenende in den Büros der Baufirma Wilckens niemanden würden antreffen können, so verschoben sie den Besuch dort auf Montag und würden zunächst den Hinterbliebenen die traurige Nachricht überbringen.

    Susanne kam eine halbe Stunde später mit den Namen und Adressen in das Büro der Hauptkommissare, die sich gleich darauf auf den Weg machten.

    Ben und Semir sidn sich zumindest einig, dass Kevin ihnen etwas verschwiegen hat und Ben wird sich Kevin noch vornehmen. Ich hoffe, Kevin ist nicht zu stur und nimmt die Hilfe von Ben an.
    Und wie will Semir jetzt die Sache mit André klären, wenn nicht am Telefon? Will er auf die Kanaren fliegen?
    Und Kevin lässt seine nicht ganz sauberen Beziehungen spielen, um die Adresse von Jessica herauszufinden. Ob Ben noch rechtzeitig zu Kevin kommt?

    So musste es ja kommen, Ben ist aufgeflogen. Aber glücklicherweise ist es Semir, der ihn "überführt", so ist er in besten Händen. ich weiß ja nicht, wie lange so ein Cold Turkey dauern kann, aber mit einer giftigen Magen-Darm-Geschichte kann er wenigstens die erste Zeit überbrücken. Jetzt muss nur Sarah zu ihm stehen, dann sind sie wenigstens ein Team.
    Sorgen machen wir seine Dealer, die sicher mit aller Gewalt versuchen werden zu verhindern, dass Ben sie verrät.

    Ja, das hat mich auch verwirrt, da ist was doppelt.

    Sein Kumpel durchwühlte Jägers Taschen und fand die Autoschlüssel, das Handy, Jägers Brieftasche und die Schlüssel für die Handschellen. Das Handy warf er auf den Boden und trat darauf herum bis es völlig zerstört war. Die Schlüssel für die Schellen steckte er in seine Hosentasche.

    Harald steckte die anderen erbeuteten Gegenstände, darunter Jägers Brieftasche und die Schlüssel für die Handschellen in seine Tasche. Das Handy warf er auf den Boden und trat darauf herum bis es völlig zerstört war.

    Die haben Semir an einen Baum gefesselt und sind mit Ben weggefahren. Aber sie haben Semirs Handy nur weggeworfen und nicht zerstört. So könnte es noch geortet werden. Sonst wüsste ich nicht, wie sie Semir finden sollten.

    Heute etwas verspätet, aber bis nach einem Büro-Umzug alles wieder läuft, vergeht halt seine zeit.

    Was macht ihr euch bloß alle Gedanken um einen verstauchten Knöchel? 8) Wegen eines verstauchten Knöchels bin ich noch nie einen Tag zuhause geblieben, und Kühlen und Salben können halt keine Wunder verbringen.

    Baufirma Wilckens

    Horst Wilckens führte seine Hoch- und Tiefbaufirma nun bereits in der dritten Generation und hatte sich ein mittleres Imperium aufgebaut. Etwa 3000 Mitarbeiter bearbeiteten Aufträge in ganz Deutschland und dem europäischen Ausland. Kaum eine Ausschreibung wurde von Wilckens Bau nicht mit einem Angebot beantwortet, und sehr oft erhielten sie den Zuschlag, weil sie nahezu alle Gewerke, die mit dem Bau verbunden sind, selbst ausführen konnten und nicht auf Subunternehmer angewiesen waren. Im Rheinland waren sie nahezu konkurrenzlos. Wilckens Bau war zeitlich vollkommen flexibel. Wollte ein Kunde noch heute eine Tiefgarage bauen, Wilckens Bau hätte kein Problem damit, noch heute einen Bautrupp zu schicken. 24-Stunden-Betrieb auf Baustellen war kein Problem und auch keine Seltenheit.

    Nun saß Horst Wilckens an seinem großen gläsernen Schreibtisch in seinem Großstadtbüro, welches eine halbe Etage in einem der oberen Stockwerke eines der Kranhäuser für sich in Anspruch nahm. Durch die bodentiefen getönten Fenster hatte er einen großartigen Ausblick auf den träge dahin fließenden Rhein und darauf treibenden Binnenschiffen und Ausflugsdampfern. Er war angespannt. Vor wenigen Wochen hatte er auf eine Ausschreibung für den Bau eines großen Einkaufzentrums mit Arzt- und Anwaltspraxen, die in einen Bürokomplex für die Arbeitsagentur integriert werden und welches in der Nähe von Köln errichtet werden sollte, ein Angebot abgegeben und wartete jetzt ungeduldig auf die Entscheidung des Bauherrn. Die entscheidende Ausschusssitzung sollte zehn Tage später stattfinden, aber dank seiner Informationsquellen in der Behörde hoffte er auf eine vorzeitige Bekanntgabe des Ergebnisses.

    Er schrak aus seinen Gedanken auf, als das Telefon klingelte. „Wilckens“, meldete er sich und hörte andächtig einige Minuten zu. „Was? Entdeckt? Wie konnte das passieren? Ihr habt doch nichts dagelassen, was zu einer schnellen Identifizierung führen könnte oder sie mit meiner Firma in Verbindung bringt? …. Das will ich auch hoffen, ich habe mich auf euch verlassen. …. Ja, dafür müssen wir sorgen, setz ihn unter Druck, lass dir etwas einfallen, die Ausschreibung ist wichtig für uns, da hängen Millionen dran und auch eure Arbeitsplätze. …. Sag Bescheid, wenn ihr einen Plan habt.“

    Alex und Semir in der KTU

    „Hartmut!“, rief Semir in die augenscheinlich leeren Räume der KTU. „Ich bin hier hinten, Semir“, kam eine Stimme aus einem angrenzenden Lagerraum, aus dem jetzt die zu ihr gehörende Gestalt trat. „Konntest du etwas rausfinden, Hartmut?“, fragte Alex. „Ja, ich habe die Namen, hätte ich euch auch gleich per Mail geschickt, aber wo ihr gerade da seid…“ Hartmut ging zum Tresen, auf dem drei Plastiktüten lagen, die Semir als die wiedererkannte, die die Spurensicherung am Fundort der Leichen verwendet hatten, um die Habseligkeiten der Opfer zusammenzutragen.

    „Wir haben drei Leichen, alle drei hingerichtet, keine Papiere, keine Brieftaschen, nur ein paar Kleinigkeiten, wie ihr hier seht.“ Hartmut griff sich die erste Tüte, die ein paar Münzen und Taschentücher enthielt. „Nummer 1, Glück gehabt, seine Fingerabdrücke sind registriert. Jörg Wiglad, 53 Jahre, vor 12 Jahren wegen einer kleineren Betrugsgeschichte zu eineinhalb Jahren auf Bewährung verurteilt.“ Semir nickte und nahm die Tüte entgegen, in die auch ein Foto des dazugehörigen Mannes gelegt worden war. „Nummer 2“, setzte Hartmut fort und griff nach der zweiten Plastiktüte, „ihm haben die Mörder seinen mp3-Player gelassen. Ich habe die Dateien durchsucht, Musik, Hörbücher und – und jetzt kommt’s – ein Ordner mit Dateien, die allesamt den Briefkopf der Baufirma „Wilckens“ tragen und von einem Matthias Bauer unterzeichnet sind. Jetzt half mir das Internet. Matthias Bauer hat ein Profil beim sozialen Netzwerk Socialclub24 und ist auf den Fotos eindeutig zu erkennen. Er ist 32 Jahre alt.“ Semir nickte anerkennend. „Und Nummer 3?“, fragte er den rothaarigen Techniker, der die Antwort parat hatte. „Andreas Halland, er ist vorgestern von seiner Familie vermisst gemeldet worden, 36 Jahre alt. Ich habe euch die Daten hier zusammengefasst.“ Hartmut reichte Alex einen Zettel mit den Namen der toten Männer.

    „Wir haben also Jörg Wiglad, Matthias Bauer und Andreas Halland“, überlegte Semir, „und was haben die drei gemeinsam, das sie zu gemeinsamen Opfern einer Hinrichtung macht?“ – „Alle drei waren Buchhalter bei der Baufirma Wilckens.“ Semir ließ diese Information sacken. „Danke, Einstein. Schickst du uns den genauen Bericht zu?“ – „Wie immer, Jungs!“

    Semir fasste die Ergebnisse zusammen, während sie zurück zum Dienstwagen gingen: „Drei Buchhalter der Firma Wilckens werden ermordet in einem Keller aufgefunden, welcher demnächst von der Firma Wilckens mit Beton aufgefüllt werden soll, um als Fundament für einen Funkmast zu dienen, den die Firma Wilckens errichten soll.“ – „Ein wenig oft Firma Wilckens, um als Zufall durchzugehen, wenn du mich fragst. Und der Sprinter und der Fahrer waren auch von der Firma“, stimmte ihm Alex zu, „ich würde doch gerne die genaue Todesursache des Fahrers kennen.“

    Susanne konnte ihnen später nur mitteilen, dass die Todesursache des Sprinterfahrers, Walter Schmaller, mit Herzversagen angegeben war. Der Tote ist bereits eingeäschert und auf See bestattet worden.