Alex
Alex steckte der Samstag tief in den Knochen. Dreimal mussten sie jemandem mitteilen, dass ein naher Angehöriger oder Freund aus ihrer Mitte gerissen worden war, durch die Hand eines kaltblütigen Killers, wie es den Anschein hatte.
Zu genau erinnerte sich Alex noch an das letzte Weihnachtsfest, an dem plötzlich uniformierte Polizisten in seinem ehemaligen Kinderzimmer standen und ihm und seiner Familie vom Tod seiner Cousine unterrichteten. Sandra hatte sich damals, es kam ihm vor, als wäre es erst gestern gewesen, seinen Wagen ausgeliehen und war durch eine Autobombe in die Luft gesprengt worden, die eigentlich für ihn bestimmt gewesen war. Semir war zur selben Zeit nur knapp einem Mordanschlag entgangen, als derselbe Attentäter mit seinem Jagdgewehr auf ihn schoss.
Der Gang zu der Ehefrau von Andreas Halland, den Eltern von Matthias Bauer und der Freundin von Jörg Wiglad hatte eine Tür in Alex Erinnerung aufgerissen, welche sich in den letzten Monaten langsam begonnen hatte zu schließen. Wie bei ihm selbst würde auch bei den jetzigen Hinterbliebenen die eigentliche Gewissheit des Verlustes erst später eintreten. Sie taten ihm leid, denn er wusste, was nun auf sie zukommen würde. Zunächst hielten Verpflichtungen sie davon ab, die Trauer vollständig zuzulassen, aber sind jene einmal abgeschlossen, ergreift sie rasch die Gelegenheit, sich ihren Opfern zu ermächtigen. Und dann galt es für die Hinterbliebenen, ihr zwar einen gewissen Platz in ihrem Leben einzuräumen, gleichzeitig aber nicht zuzulassen, dass sie vollständig Besitz von einem ergreift. Einen Fehler, den Alex Tante, Sandras Mutter beging, die noch lange Zeit in Behandlung sein würde, um ihren Alltag auch nach dem schweren Verlust ihrer Tochter, wieder zu meistern. Wie sie hatten auch die Familien, die Semir und er heute vom plötzlichen und gewaltsamen Tod ihrer Angehörigen unterrichtet hatten, keine Möglichkeit gehabt, sich auf den Verlust vorzubereiten, ein Umstand, der es noch schwerer machte, sich diesem Schicksal zu stellen.
Um sich auf andere Gedanken zu bringen, verbrachte Alex mehrere Stunden des Sonntags beim Training im Fitness-Studio, unterhielt sich hinterher noch zwei Stunden mit seinen Trainingskumpels über belanglose Alltagsdinge, räumte seine Wohnung etwas auf und verbrachte den Rest des Tages beim Surfen im Internet.
Am Abend telefonierte er noch kurz mit Semir, der ihm von den Ergebnissen der Koffer-Durchsicht berichtete. Nachdem sie sich für 8:00 Uhr in der PAST verabredet hatten, legten sie auf.
Dann erinnerte er sich an Semirs Worte vom Freitag, gab sich einen Ruck und wählte die Handynummer von Lena, die er am Mittwoch vergeblich hatte warten lassen. Er wollte um Verzeihung bitten, diese Funkstille hielt er nicht aus. „Lena Klose“, meldete sie sich nach mehrfachem Klingeln. „Lena, hier ist Alex“ – „Alex? Was willst du?“ Oh Mann, das hörte sich nicht an, als hätte sie sehnsüchtig auf seinen Anruf gewartet. „Mit dir reden, es tut mir Leid wegen Mittwoch, ich hätte mich gleich melden sollen. Kannst du mir noch mal verzeihen?“ – „Weißt du, wie das ist, in einem Lokal zu sitzen, den Kellner mehrmals wegzuschicken, weil mein Tischpartner nicht anrückt?“ – „Ja, ich habe es verbaselt, wir hatten viel zu tun, und ... nein Lena, dafür gibt es keine Entschuldigung, aber ich würde dich gerne wiedersehen.“ –„Ich weiß nicht. Und, in den nächsten zwei Wochen wird das eh nichts, ich sitze im Zug nach Berlin.“- „Berlin?“ – „Ja, mein Vater ist ins Krankenhaus gekommen, und ich will meine Mutter unterstützen, sie kann nicht gut allein sein.“ – „Rufst du mich bitte an, wenn du zurück bist?“ – „Ich überlege es mir, Alex.“ – „Danke, Lena. Mehr will ich gar nicht. Ich hoffe, deinem Vater geht es bald besser.“ – „Das hoffe ich auch.“ Unangenehmes Schweigen trat ein. “Lena?“, fragte Alex leise. „Ja, ich bin noch da.“ – „Du kannst dich auch gerne schon vor deiner Rückkehr melden.“ – „Hm, wir werden sehen. Tschüß, Alex.“ – „Tschüß.“
Alex atmete auf und er blickte noch einige Zeit auf sein Handy. Das Telefonat hatte ihm bevorgestanden, aber nun lag es hinter ihm. Und er hoffte, Lena würde sich wieder bei ihm melden.