Beiträge von Yon

    Ein toll beschriebener Zweikampf, bei dem Semir leider den Kürzeren zieht, was hat Matze jetzt mit ihm vor? Seine Rache hätte er doch schon in der Hütte durchführen können, dann wäre er aber wahrscheinlich nicht entkommen. Skrupellos erschießt er einen SEK-Beamten. Ob die ihn nun stoppen können, als er nicht an den Autos vorbeikommt?

    Ein Glück, dass Ben wieder klar im Kopf ist, aber dass er sich an alles erinnert, hätte ich jetzt nicht gedacht. Das Timing für den Heiratsantrag allerdings hätte nicht schlechter sein können, Sarah ist stark genug, in dieser Situation nicht gleich "Ja" zu sagen, sondern sich noch einen Monat Zeit zu geben. Das ist für Ben eine weitere Motivation, den Entzug wirklich durchzuhalten.

    Semirs Geschichte

    Semir konnte mit Robert kaum Schritt halten. Sein Knöchel war immer noch lädiert von seinem Sturz in diesen Keller im Wald vor fast zwei Wochen und dem Autounfall vor wenigen Tagen, als er im Auto unter den Pedalen eingeklemmt war. Er kam nicht schnell genug voran. Dann ertönte die erste Detonation, er riss sich das Mikro und den Ohrstöpsel runter, um sich seine Ohren zuhalten zu können. Hinter ihm bildete sich eine Staubwolke, füllte den Keller vom Boden bis zur Decke und drohte ihn zu überrollen. Weitere näher kommende Explosionen erschütterten das Gebäude. Semir wurde von herumfliegenden Steinen am Bein getroffen und zu Boden geworfen. „Laufen Sie, Robert. Das Haus stürzt ein“, konnte er noch dem Freund von Andrea nachrufen, nicht wissend, ob der Ruf seinen Empfänger noch erreichte, dann füllte sich sein Mund mit Baustaub, und er musste husten. Robert zögerte erst und drehte sich um, aber als er Semir nicht mehr erblicken konnte, der Kellerflur war eine einzige Staubwolke und füllte sich zusehends mit Schutt. Auf der anderen Seite befand sich der rettende Ausgang. Er entschied sich für das Licht und lief nach draußen, wo er geradewegs Alex in die Arme lief, bevor das Gebäude von weiteren Detonationen erschüttert wurde und begann in sich zusammen zu stürzen.

    Semir rappelte sich auf, den Schmerz in seinem Bein im Moment ignorierend, und versuchte weiter Richtung Robert zu laufen, aber die Staubwolke nahm ihm jede Sicht. Zudem begannen sich jetzt auch große Brocken der Kellerdecke zu lösen und herabzustürzen. Nachdem er sich zwei, drei mal um sich selbst gedreht hatte, verlor er jede Orientierung. Wo war der Ausgang? Wo der rettende Treppenaufgang? Er kam an einer Türöffnung vorbei und erblickte dahinter einen noch nahezu unversehrten Raum, anscheinend waren hier die Decken und Wände extra verstärkt worden. Von diesem Raum hatte die Staubwolke noch nicht vollständig Besitz ergriffen. Er konnte einen Schrank entdecken, einen Stahlschrank! Ein alter Tresor stand hier, etwa zwei Meter hoch, mit offener Tür, das war auch die Erklärung dafür, dass hier die Wände besonders stark waren, hier wurde damals das Firmenvermögen aufgehoben. Das Schließsystem war bereits vor langer Zeit ausgebaut worden, um zu verhindern, dass sich spielende Kinder hier versehentlich einschlossen. Die Regale waren mit Ausnahme eines fest verschweißten Bordes in der Mitte aus dem Schrank entfernt und wahrscheinlich längst bei einem Schrotthändler in bare Münze verwandelt worden. Dieser Umstand erwies sich jetzt als Vorteil für Semir, der sich just in dem Moment in der unteren Hälfte des Schranks zusammenkauerte, als die Decke auch in diesem Raum nachgab und einstürzte und damit ihn und den übrigen Kellerraum unter sich begrub.

    Mit angezogenen Beinen und krummem Rücken, den Kopf auf die Arme gelegt, die er auf die Knie gestützt hatte, verschaffte er sich in diesem kleinen Schrank den nötigen Raum zum Atmen, während sich der Platz unter seinen Beinen zusehends mit kleinem Schutt füllte. Semir fühlte sich bald in dem Schrank einbetoniert und kaum mehr bewegungsfähig. Der Staub brannte in seinen Augen, mischte sich mit Blut, welches ihm aus einem kleinen Kratzer am Kopf ins Gesicht lief. Allmählich kam das Haus, oder das, was von ihm übrig geblieben war, zur Ruhe. Er öffnete die Augen. Es war stockfinster. Mit der rechten Hand fühlte er über und rechts von sich den Schrank, ebenso hinter sich im Rücken und vor sich vor den Füßen. Links von ihm war nur Geröll. Er hatte tatsächlich einen Hohlraum gefunden. Nahezu bewegungsunfähig hockte er in diesem Stahlschrank. Er schloss seine brennenden Augen und ließ den Kopf sinken, unfähig, in diesem Moment einen klaren Gedanken zu fassen, und nickte ein.

    Lange Zeit hätte er ein Vermögen dafür gegeben, seine Beine ausstrecken zu können, auch sein Rücken dankte ihm die dauerhafte krumme Haltung mit Schmerzen. Aber jetzt, als er wieder erwachte, spürte er seine Beine gar nicht mehr, der Taubheit war er in dieser Lage nicht undankbar. Dann hörte er entfernte Stimmen und ein Kratzen, wie es Eisen verursachte, welches über Steine schrammte. Er musste sich irgendwie bemerkbar machen, hätte es wahrscheinlich gleich tun sollen und schalt sich nun wegen seiner Gedankenlosigkeit. Es wollte rufen, bekam aber keinen lauten Ton raus, sein Mund war staubtrocken, auch sein Rachen war mit Staub belegt, und er musste stattdessen husten. Dann fiel ihm sein Handy ein. Ja klar! Er griff mit seiner rechten Hand in die Brusttasche seiner Jacke zog das Telefon hervor. Hinter der Kurzwahltaste 1 verbarg sich traditionell sein Partner. ‚Alex, geh ran‘, dachte er, während mehrere Klingeltöne vergingen. Er erinnerte sich daran, dass sie ihre Handys auf lautlos gestellt hatten, um sich nicht durch Anrufe zu verraten. Alex wird sein Handy doch hoffentlich mittlerweile wieder lautgestellt haben? Oder war er auch in diesem Schutthaufen begraben?

    Dann endlich klang eine zaghafte Stimme aus seinem Gerät. „Semir?“ – „A…“, Semir versuchte, ein klares Wort herauszubringen und sammelte zu diesem Zweck Feuchtigkeit in seinem Mund. „Alex – hol mich hier raus!“ – „Semir!“, jetzt gewann Alex Stimme wieder an Festigkeit, „wo bist du? Wo müssen wir suchen?“ – „Ein Tresor, ein großer Stahlschrank“, ein Hustenanfall überfiel ihn. Jetzt meldete sich Ben, der Alex das Handy aus der Hand genommen hatte. „Halt durch, Partner, wir sind unterwegs!“ Semir erkannte Bens Stimme und musste lächeln. „Ich lauf schon nicht weg, Ben.“