Kim, die mitgehört hatte, lief so schnell sie konnte hinüber zum Streifenwagen und riss die Tür neben Frank Wilckens auf. „Stahlschrank im Keller! Wo? Und gleich die richtige Antwort!“ – „Stahlschrank? Sie meinen den Tresor?“ – „Ich meine den einzigen Hohlraum in diesem ganzen gottverdammten Schutthaufen, Sie Idiot! Jetzt raus mit der Sprache, wo ist der Tresor?“ Frank konnte nicht anders, als ihr den genauen Platz zu nennen. „Genau in der Mitte des Hauses im Keller.
Jetzt ließen sich auch Alex und Ben Arbeitshandschuhe vom THW geben und halfen mit, die Steine zur Seite zu räumen. Die Niedergeschlagenheit von eben war schlagartig einem gewaltigen Tatendrang gewichen. Von Zeit zu Zeit unterstützte ein Bagger die Männer, wenn es galt, größere Brocken zur Seite zu räumen. Dieser war es dann auch, der plötzlich auf Metall stieß, die Decke des Stahlschranks war erreicht, jetzt galt es diesen so weiträumig wie nötig freizulegen, um Semir aus seinem Gefängnis befreien zu können. Hier war wieder Handarbeit angesagt und Ben, Alex und ein paar Männer vom THW gruben sich so immer tiefer in den Bauschutt, dass sie bald von dem Platz, an dem Kim, Susanne und Andrea warteten, nicht mehr zu sehen waren. Bonrath und Jenny hatten Frank Wilckens und Robert in die PAST gefahren und dort in eine Zelle gesperrt. Anschließend waren sie zurück zu dem Ort der Sprengung gefahren, wo sich Bonrath zu seinen Kollegen gesellte und ebenfalls bei der Freilegung des Stahlschranks mithalf. Andere Männer waren damit beschäftigt, zu verhindern, dass das geschaffene Loch wieder von den Seiten zu rutschte. Es musste wie ein Trichter aufgebaut werden, damit es sicher war, und das dauerte seine Zeit.
Vom erlösenden Anruf bis zur Freilegung des Stahlschranks vergingen mehrere Stunden. Semir saß, schon länger nahezu unfähig, sich zu bewegen, in dem Hohlraum, bekam die Bemühungen seiner Befreier natürlich mit; er war erschrocken zusammen gezuckt, als die Metallschaufel des Baggers oben auf dem Schrank entlang schrammte, hatte einen Moment befürchtet, er würde nachgeben und auch noch einstürzen, gerade wo die Rettung schon so nah zu sein schien. Er hoffte, es möge nicht mehr allzu lange dauern, die Minuten vergingen ihm wie Stunden. Mittlerweile hatte die Taubheit von seinem gesamten Körper Besitz ergriffen, seine Beine spürte er schon seit Stunden nicht mehr, einzig seinen Kopf und seine Schultern konnte er etwas in Bewegung halten. Er wusste nicht, ob er überhaupt in der Lage sein würde, sich aufzurichten, aber dennoch sehnte er diesen Augenblick herbei. Und er schob den Gedanken an die kommenden Schmerzen noch weiter von sich, als er links oben endlich einen Spalt Tageslicht wahrnahm, bald darauf sogar Stiefel erkennen konnte und kurz danach in ein schmutziges, verschwitztes aber strahlendes Gesicht blickte.
Es war Ben, der sich in die Hocke begeben hatte und einen Blick in den Hohlraum, den der Schrank bildete, warf. Der Anblick von Semirs gereizten Augen und dem blutverkrusteten, schmutzigen Gesicht schockte und erfreute ihn zugleich. Er streckte eine Hand durch das Loch und berührte seinen Freund an der Schulter. „Noch eine halbe Stunde, dann haben wir dich hier raus, Partner!“ Semir versuchte zu lächeln und nickte. Er atmete die frische Luft, die zu ihm runterströmte, tief ein. Ben drehte sich zu den anderen um: „Beeilt euch, dann haben wir es gleich geschafft!“
Und dann war es endlich so weit. Der Sorge, er würde sich nicht aufrichten können, folgte die bittere Realität. Er musste sich einen Aufschrei verkneifen, als Ben ihn mit Alex Hilfe aus dem Schrank und langsam in die Höhe zog. Seine Beine, in denen jetzt die Blutzirkulation wieder in Gang kam, vermochten nicht sein Körpergewicht zu tragen, sein Rücken dankte ihm die Versuche ihn durchzustrecken, mit Schmerzen, er zitterte am ganzen Körper und selbst das Atmen fiel ihm schwer.
Ben hatte vorsorglich einen Arm um Semirs Rücken gelegt und mit dem anderen hatte er ihn untergehakt. Aber ein Blick in Semirs schneeweißes Gesicht und Ben war klar, dass sich Semir nicht mehr lange auf den Beinen halten konnte.
Alex erfasste die Situation und erkannte, dass Semir immer schwerer in Bens Armen wurde. Beherzt griff er zu und half Ben, Semir, der plötzlich die Augen verdrehte, langsam auf den Boden gleiten zu lassen. Leicht panisch, weil er nicht wusste, ob es bei Semir nur um einen Kreislaufzusammenbruch handelte oder doch eine schwerwiegende innere Verletzung vorlag, rief Ben nach dem Notarzt, der sich aber auch schon in ihre Richtung aufgemacht hatte und nur Sekunden später den Schutthaufen zu erklimmen begann. Ben kniete neben Semir und hielt seine Hand, während Alex aus dem Loch stieg, um dem Arzt mit der Trage auf den Schuttberg zu helfen und für ihn und die Trage Platz bei Semir zu schaffen.
Der Notarzt war noch nicht mit der ersten Untersuchung fertig, als Semir sich bereits wieder regte, nun war er sich sicher, dass es sich bei Semir um einen Kreislaufkollaps handeln musste, anders wäre das schnelle Wiedererlangen des Bewusstseins nicht zu erklären gewesen. Ben atmete vor Erleichterung auf, als er sah, dass Semir die Augen wieder aufschlug. „Semir, wie geht es Dir?“, fragte er und Semir, der sich erst ein bisschen orientieren musste, schaute Ben an und sagte kaum hörbar: „Es ging mir schon mal besser“ und schloss wieder die Augen. Ben blickte direkt wieder voller Angst zum Notarzt. „Keine Sorge“, sagte der Arzt, „er ist nicht wieder bewusstlos, er ist nur total erschöpft“.
Bonrath inspizierte inzwischen den Schrank. „Sag mal Semir, da warst du die ganze Zeit drin?“, fragte der lange Streifenpolizist verwundert. „Ja, Bonrath“, krächzte Semir mit geschlossenen Augen, „es ist halt manchmal auch von Vorteil, keine zwei Meter groß zu sein.“