Beiträge von Yon

    Fahndung

    Claudia versuchte sich weiter zu erinnern.

    Sechs Männer saßen auf den vier Maschinen, die an ihnen vorbeifuhren. Zwei davon bogen in eine der Durchfahrten vor ihnen, die anderen stellten ihre Bikes auf dem Bürgersteig davor hin. Sie stiegen ab und zogen ihre Helme von ihren Köpfen, darunter trugen sie schwarze Sturmmasken, die nur Öffnungen für die Augen besaßen. Sascha und Claudia fühlten sich zu diesem Zeitpunkt noch keineswegs beachtet oder gar bedroht, als sie an den Bikern vorbeigingen. Erst als die Fahrer der zuvor in die Tordurchfahrt abgebogenen Maschinen jetzt aus dieser wieder heraustraten und sich ihnen in den Weg stellten, wurde Claudia mulmig zumute, und sie drückte Saschas Hand fester. Sie blickten sich verstohlen um und sahen sich eingekesselt. Nachdem die Männer sie gemeinsam in die dunkle Durchfahrt bugsiert hatten, haben zwei von ihnen blitzschnell Claudia gegriffen. Als die erste Faust in Saschas Magengrube landete und er wie ein Klappmesser zusammenklappte, schrie Claudia laut auf und spürte sofort eine Hand vor ihrem Mund, die weitere Schreie unterdrücken oder zumindest dämpfen sollte. Sie wehrte sich, so gut sie gute, und es gelang ihr, einen oder zwei weitere Schreie auszustoßen, während die anderen vier Männer weiter auf Sascha eindroschen, der keinerlei Chance gegen die Übermacht der Biker hatte. Er lag mittlerweile auf dem Asphalt und versuchte seinen Kopf und Oberkörper so gut es ging mit seinen Armen zu schützen. Doch er konnte nicht vermeiden, dass ihn einige Tritte und Schläge auch am Kopf trafen. Irgendwann regte er sich nicht mehr. Doch die Angreifer ließen noch immer nicht von ihm ab.

    Dann trat Semir um die Ecke und zog die Aufmerksamkeit der Biker auf sich. Claudia wurde jetzt losgelassen und stürzte sofort zu ihrem Mann. Die Biker, deren Motorräder im Hinterhof abgestellt waren, holten diese in die Durchfahrt, auch die Maschinen, die auf dem Bürgersteig standen, wurden gestartet, während Semir versuchte, einen Messerangriff auf sich abzuwehren. Dann wurde auch er niedergeschlagen und die Motorradfahrer ließen sie zurück.

    »In unterschiedliche Richtungen, sie fuhren in unterschiedliche Richtungen davon«, äußerte Claudia laut ihre Erinnerungen. Alex nickte und blickte Andrea fragend an, die mit einem Kopfschütteln verneinte. Semir regte sich noch immer nicht, lag aber stabil auf der Seite und zeigte durch Bewegung seines Brustkorbes, dass er atmete. Seit dem Notruf waren acht Minuten vergangen. Alex rief in der PAST an und hatte bald Erik am Apparat, der Nachtdienst in der Zentrale hatte.

    »Erik? Pass auf, gib sofort eine Fahndung raus nach vier Motorrädern, eine davon eine ‚Honda Rebel‘ in rot und eine andere mit einer auffälligen Flammen-Lackierung auf der Verkleidung, ein Fahrer trägt einen blau-weißen Helm. Sie müssen nicht mehr in einer Gruppe fahren, können sich auch getrennt haben. … Ja, ich weiß, das ist dürftig, aber ich habe nicht mehr, wichtig ist, dass es schnell geht. Sie haben Sascha und Claudia überfallen, Sascha übel zusammengetreten und Semir auch niedergeschlagen. … Richtung weiß ich nicht, leg einen weiten Ring um die Salzgasse.« Alex erhoffte sich nicht viel von der Fahndung, er durfte sie aber natürlich nicht unversucht lassen.

    An der Tordurchfahrt fuhr ein roter Kleinwagen vorbei, bremste und kam kurz darauf rückwärts erneut in ihr Blickfeld. Alex wollte schon aufspringen, um den Fahrer zurecht zu weisen, wenn er eines am wenigsten gebrauchen konnte, dann waren es Schaulustige, die die Rettungsarbeiten behinderten, davon gab es auf der Autobahn täglich genug. Dann aber erkannte er Susannes Wagen, aus dem jetzt auch die Eigentümerin und Ben sprangen und zu ihren Freunden eilten.

    Ich sehe gar kein Problem, den Hund jeden Tag zum Fressen ins Krankenhaus zu bringen, bis Ben nach Hause kommt. Hofentlich wird er sich dann zukünftig an Bens Abwesenheit gewöhnen, sich dass wir in Zukunft stänig zwei Pflegefälle haben.

    Die Verfolgung endete vor einer Straßenbahn, ein Wunder, dass Thomas das überlebt hat. Die beiden Fahrer hatten nicht so viel Glück, von ihnen geht keine Gefahr mehr aus. Semir, den Ben ebenfalls in dem Transporter wähnte, muss allerdings irgndwo im Krankenhaus versteckt sein. Die Suche wird hoffentlich bald erfolgreich sein.

    Was ist passiert?

    Andrea stürzte sofort zu dem reglos auf dem Boden liegenden Semir und kniete sich neben dessen Kopf. »Semir?«, fragte sie, ohne eine Reaktion ihres Mannes zu erhalten. Sie hob ihren Kopf, starrte auf Claudia und Sascha und formte ein lautloses »Was ist hier passiert?« mit ihren Lippen. Alex erfasste augenblicklich die Situation, hatte sein Handy schon in der Hand, den Notruf bereits gewählt und prüfte gleichzeitig bei Semir die Vitalzeichen. »Beweg ihn nicht«, sagte er leise zu Andrea und legte ihr seine Hand auf die Schulter, »er liegt gut so«, dann hatte er die Leitstelle am Apparat.

    »Brandt hier. Wir brauchen zwei RTW mit Notarzt in die Salzgasse, Höhe Hausnummer 34, zwei Männer sind verletzt und bewusstlos«, er lauschte der Dame in der Leitstelle und flüsterte Andrea und Claudia zu: »Rettung ist unterwegs«, dann wieder in normaler Lautstärke: »Feuerwehr? Nein, es brennt hier ja nicht, Brandt ist mein Name!« Alex verdrehte die Augen und beendete das Telefonat.

    Andrea hatte ihre Jacke ausgezogen und Semirs Kopf darauf gebettet. Sie strich ihm über den Kopf und redete leise auf ihn ein, als hoffte sie, ihn damit aus seiner Ohnmacht locken zu können. Als Alex sah, dass Andrea sich um Semir kümmerte, ging er zu Claudia und kniete hinter ihr nieder. »Was ist hier passiert, Claudia? Wer war das?« Sie sah Alex ins Gesicht und fing an zu zittern, er umfasste ihre Schultern, als könnte er ihr Beben dadurch unterbinden. »Kannst du dich erinnern?« Claudia strich Sascha eine blutige Haarsträhne aus dem einen Auge und dachte angestrengt nach. Dann hatte sie die Szenen wieder vor ihrem geistigen Auge, die sich nur vor etwas mehr als zehn Minuten zugetragen hatten.

    Sie und Sascha schlenderten Hand in Hand die Straße entlang auf dem Weg zu ihrem einige hundert Meter entfernt abgestellten Wagen. Links von ihnen verlief die schmale Gasse, die zu dieser Uhrzeit nahezu menschenleer war, rechts von ihnen die Häuserzeile, nur unterbrochen von dunklen Durchfahrten, die in noch dunklere Hinterhöfe oder kleinere Gärten führten, gerade breit genug für die Autos, die die kleinen Stellplätze oder Garagen in den Höfen nutzen wollten. Nachdem es tagsüber immer wieder etwas geregnet hatte, war die Straße nun wieder trocken. Lediglich die Pfützen auf dem Gehweg und den asphaltierten Durchfahrten erinnerte sie an das wechselhafte Wetter der letzten Tage.

    Sie gingen schweigsam nebeneinander her, waren glücklich. Der Abend im Kreis ihrer Freunde und Familie war laut und feuchtfröhlich, ohne dass allzu viel Alkohol geflossen wäre. Immerhin waren doch viele mit dem Auto gekommen, und die Polizei saß in nicht zu unterschätzender Anzahl mit am Tisch, was sicher auch einige vom Trinken abgehalten hatte. Nun genossen auch Claudia und Sascha die Stille nach der Feier.

    Plötzlich wurde diese unterbrochen vom lauten Röhren mehrerer Motorräder, vier Stück brausten an dem Pärchen vorbei. Claudia stutzte und stieß Sascha in die Seite. »Schau mal…«

    Claudia blickte erstmals aus ihren Gedanken gerissen auf und sah Alex ins Gesicht: »Vier Motorräder, die eine war eine rote Honda Rebel. So eine hatte ich auch mal, bevor ich sie gegen Lukas‘ Kinderwagen eintauschte«, sie schaute Alex an, der ihr aufmunternd zunickte, »eine andere hatte eine auffällige Lackierung auf der Verkleidung, Flammen oder Feuer, und der Fahrer trug einen blau-weißen Helm.« Ihre Stimme wurde leiser, und Alex drückte ihre Schulter kurz. »Du machst das gut«, er legte Sascha eine Hand auf den Bauch, um dessen Atmung zu kontrollieren und nickte, »der Arzt wird gleich hier sein, versuch dich weiter zu erinnern, ist dir noch etwas aufgefallen?«, sagte er leise, sah dann zu Andrea, die ihm zunickte, nachdem sie bei Semir ebenfalls eine regelmäßige Atmung hatte feststellen können.

    ‚Wo bleiben denn bloß die Rettungswagen‘, überlegte Alex mit einem Blick auf seine Uhr, auf der allerdings erst vier Minuten seit seinem Anruf vergangen waren. Er senkte seinen Blick auf Sascha und Semir, die immer noch reglos, so wie sie sie vorgefunden hatten, auf dem harten Untergrund lagen, dann blieb sein Blick längere Zeit auf Andrea haften, die leise ununterbrochen auf Semir einredete, während ihr die Tränen über das Gesicht rannen.

    Ich hätte die Bösen ja lieber in einem thailändischen Gefängnis gesehen, vielleicht wegen Drogen an der Grenze aufgefallen. Da sind die Thailänder bestimmt nicht zimperlich. So aber werden so viele Unschuldige mit hineingezogen ... wollen die das Flugzeug abstürzen lassen? Oder wird es vorher abgeschossen?
    Und Ben will Lucky noch einmal sehen, bevor er stirbt? Weiß er denn nicht, dass das Treffen genau das ist, was der Hund braucht, um zu überleben?

    Es soll sogar Leute geben, die nehmen eine 8-stündige Zugfahrt in Kauf :whistling: Giengen - seit langem geplant, Frankfurt sehr spontan (und super klasse, ein Highlight: die a capella Zugabe, oder @Mrs.Murphy?), Köln und Hamburg schon gebucht - ich würde es nicht machen, wenn die Konzerte sich nicht lohnen würden.

    Das hätte ich ja gerne gesehen, wie Bastian und Mark zwei bewusstlose Männer auf einem Rollstuhl transportieren. Semir sollte also nur aus dem Weg geräumt werden, um Verwirrung zu stiften, aber dank Bens "Bauchgefühl" ist die Entführung schnell aufgeflogen und die beiden Ganoven müssen eine Polizeisperre durchbrechen, um zu entkommen.

    Aussichtslos

    Semir erkannte erst jetzt, in welch aussichtsloser Situation er sich befand, unbewaffnet war er hilflos dieser Motorradgang ausgeliefert und bereute augenblicklich sein unüberlegtes Heranstürmen. Er hätte auf Alex warten sollen. Aber Claudias Schreie waren so intensiv an sein Ohr gedrungen, dass er gar nicht anders handeln konnte. Er hoffte nur, Alex würde nicht mehr lange auf sich warten lassen.

    Einer der schwarz gekleideten Männer trat jetzt näher auf Semir zu, der instinktiv einen Schritt zurück wich. Aus den Augenwinkeln heraus bekam er mit, wie die anderen zur Seite traten, wie sie langsam einen Kreis um ihn herum bildeten. ‚Mist‘, dachte er, ‚ich werde noch genauso enden, wie Sascha, wenn nicht bald jemand vorbei kommt.‘ Er sah auf seinen Freund, der blutüberströmt auf dem Asphalt lag. Dann aber blieben seine Augen an einem Messer hängen, das sein Gegenüber gezogen hatte und nun aufschnappen ließ. Die etwa 15 cm lange Klinge blitzte im gedämmten Licht der Straßenlaterne. »He he«, versuchte er seinen Gegenüber zur Vernunft zu bringen und breitete seine Arme aus, um seinem Gegner mit seinen offenen Handflächen zu zeigen, dass er unbewaffnet war, »es muss niemandem mehr etwas geschehen.« Einzig und allein fixiert auf das Messer, bekam Semir nicht mit, dass die drei Männer hinter ihm um die Hausecke verschwanden und dort ihre Motorräder starteten.

    Die zwei Männer, die eben noch Claudia festhielten, stießen diese nun von sich, woraufhin sie sofort neben Sascha auf die Knie sank und versuchte, ihrem Mann das Blut aus dem Gesicht zu wischen, und traten weiter in die Hofeinfahrt, von wo kurz darauf das Geräusch gestarteter Maschinen drang. Ein leises »Sascha?« entwich aus ihrem Mund. Von dem Zusammengeschlagenen kam keine Reaktion.

    Claudia sah tränenüberströmt und verzweifelt zu Semir, dessen Augen sich nur Bruchteile eines Augenblicks von dem Messer lösten, um sich mit Claudias blauen Augen zu treffen. Er konnte nichts tun. Vor ihm stand ein Kerl wie ein Baum und hielt ihn mit seinem Messer in Schach. Semir blieb nur der Versuch, seinen Gegner zu entwaffnen, indem er ihn mit seinen lange verinnerlichten Methoden angriff. Das Messer fiel auf den Asphalt und zwischen den beiden Männern entstand ein Faustkampf. Semir ahnte die Anwesenheit weiterer Männer dieser Schlägerbande hinter sich, und er begann sich im Kampf umzudrehen, um nicht von ihnen überrascht zu werden. Es dauerte alles nur wenige Sekunden. Von Semir ungesehen, zog einer der Biker hinter ihm plötzlich einen Schlagstock aus der Motorradtasche und schlug gezielt zwei Mal zu. Er traf Semir über dem rechten Ohr und am Hinterkopf. Semir wurde schwarz vor Augen, seine Hände lösten sich von seinem Gegner, und er schlug bewusstlos auf den Asphalt, keine drei Meter entfernt von seinem Freund.

    Claudia schrie wieder auf, auch aus Angst, jetzt wieder alleine mit den Kerlen zu sein.

    »Piet, steig auf«, klang eine Stimme, »wir hauen hier ab!«. Der Angesprochene hob noch sein Messer auf, ließ es zuschnappen und setzte sich hinter seinem Kumpel auf dessen Maschine und bald war die Luft erfüllt vom blauen Qualm und lauten Motorengeräusch mehrerer schwerer Maschinen.

    Claudias Hände waren vergraben in Saschas blutdurchtränktem, blondem Haar, sie weinte jetzt hemmungslos und wiederholte im Schock immer wieder seinen Namen »Sascha«. So fanden sie Alex und Andrea, als sie kaum eine halbe Minute später völlig außer Atem um die Ecke bogen und wie angewurzelt stehen blieben.

    Bens Zustand normalisiert sich weiter, jetzt darf er schon die Intensivstation verlassen. Dann steht einem Treffen mit Lucky ja bald nichts mehr im Wege, in Spaziergang (oder Ausfahrt im Rollstuhl) wird auch Ben gut tun. Also Hund ins Auto und ab zum Krankenhaus, da wird es doch eine kleine Grünanlage geben?
    Und die Bösen haben seit Moskau Begleitung von dubiosen Männern? Wer hat die denn alarmiert? Oder ist nicht nur die Kölner Polizei hinter ihnen her?

    "Kraftwürfel" - schöne Umschreibung

    Ein recht ereignisloser Tag ... bis ein kleines bewusstloses Mädchen an der Autobahn gefunden wird. Was mag ihr zugestoßen sein?

    Jenny und Ben behalten ihr Geheimnis bislang für sich, aber ich bin sicher, dass Kevin irgendwann darüber in Kenntnis gesetzt werden wird.

    Tim Berger schickt Mark und Bastian los, Jansen und Nadja zu erledigen.
    Aber die beiden Handlanger wollen auf eigene Faust Kasse machen und dazu die Fotos von der Polizei erpressen. Dazu dringen sie ins Krankenhaus ein, betäuben Semir und - ja, nehmen sie Thomas jetzt mit? Tragen sie ihn oder fahren sie das ganze Bett raus? Das muss doch auffallen!

    Ich finde es irgendwie gut, dass Jenny es noch nicht verraten hat, das hätte des gesamten Abend gesprengt. Ich denke, es wäre besser, sie würde es ihm erzählen, wenn sie alleine sind, vielleicht auch nachdem sie ihm beweisen konnte, dass er ihr sehr viel bedeutet.
    Die Übergabe des Dienstausweises hat auch mir gefallen. Kevin ist wieder Polizist, jetzt auch offiziell.

    Eine tolle Geschichte, hat mir sehr gut gefallen! Ich freue darüber, dass es sofort weitergeht mit deiner nächsten Geschichte.

    Das war Claudia! (kurz nach Mitternacht)

    Außer Alex war die gesamte Feiergesellschaft gemeinsam auf den Bürgersteig getreten und stand noch einen Moment zusammen. Sascha begann die Verabschiedung. »Danke, dass ihr alle da ward. Wir haben unser Auto dort hinten abgestellt«, er wies den Weg am Rhein entlang, »muss noch jemand in die Richtung?« – »Ja, ich«, antwortete Ben, wurde aber von Susanne zurückgehalten. »Ben, dich wollte ich eigentlich fragen, ob du mich noch zu meinem Wagen bringen könntest. Das steht in diesem kleinen Parkhaus in so einer dunklen Gasse, du weißt schon, da gehe ich im Dunkeln ungern alleine hin.« Ben konnte der blonden Sekretärin diese Bitte natürlich nicht abschlagen. »Ich fahre dich dann auch zu deinem Wagen«, versprach Susanne und fing an, sich von ihren Freunden zu verabschieden. »Ihr habt es gut«, meinte sie zu Andrea und Semir, »ihr könnt zu Fuß nach Hause gehen.« Sie setzte sich mit Ben in Bewegung. Exakt die entgegen gesetzte Richtung schlugen Sascha und Claudia ein.

    Susanne hatte recht, Semir und Andrea befanden sich in der komfortablen Situation, dass nicht einmal 15 Minuten Fußweg sie von ihrer kleinen Wohnung in der Altstadt trennte, ein Weg, den Semir an diesem Abend gerne noch etwas hinauszögern wollte. Für ihn war jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen, Andrea von den Plänen ihres Vermieters zu unterrichten.

    Er nahm seine Frau an die Hand und steuerte statt der Innenstadt die Wiese am Rhein an. Die Ruhebänke waren um diese Uhrzeit allesamt unbesetzt. »Wollen wir nicht nach Hause?«, fragte Andrea etwas verwundert. »Noch nicht, ich muss dir noch etwas sagen. Komm, wir setzen uns einen Moment.« Semir führte Andrea zu einer Bank. Dort wollte er Andrea davon überzeugen, dass der Vorschlag, ihre Wohnung mit der seines Nachbarn nach dessen Auszug in ein paar Wochen zusammenzulegen, für sie optimal sei.

    »Du Andrea, wir haben uns noch gar nicht darüber unterhalten, ob wir nun dauerhaft hier in der Stadt bleiben oder uns doch wieder nach einem Haus umsehen wollen. Was würde dir denn am besten gefallen?« – »Für die Kinder wäre ein Garten schon schön«, begann Andrea laut zu überlegen, »und wir hätten in einem Haus mehr Platz, denn uns fehlen ja doch ein bis zwei Zimmer. Ich müsste nicht täglich auf Parkplatzsuche gehen und nicht jeden Morgen überlegen, wo ich den Wagen am Vortag abgestellt habe.«

    Semir nickte, er verstand jeden der von Andrea angesprochenen Punkte. »Aber«, fuhr diese fort, »mir gefällt auch die Nähe zur Innenstadt und zum Rhein.« Bei den letzten zwei Wörtern drehte sie ihren Kopf zum Wasser. Semir rückte ein Stück näher an Andrea heran und legte einen Arm um ihre Schultern. »Was würdest du sagen, wenn es eine Möglichkeit gäbe, die von dir angeführten Nachteile auszuräumen, vom fehlenden Garten einmal abgesehen?« Semir grinste verschmitzt, Andrea zog ihre Stirn in Falten. Würde sie darauf kommen? »Du willst innerhalb der Stadt umziehen?« Aus Semirs Grinsen wurde ein Lächeln, und er wollte gerade etwas erwidern, da hörten sie ein entferntes Kreischen. Sie verstummten und starrten sich an. Da wieder, jetzt deutlich als Schrei einer Frau zu deuten.

    »Das war Claudia!«, riefen sie nahezu gleichzeitig.

    Andrea sprang auf, Semir stellte einen Fuß auf die Sitzfläche der Bank und sprang nach hinten über die Lehne. Wieder erklang ein schriller Schrei zu ihnen. »Andrea, hol Alex aus der Kneipe!«, forderte Semir seine Frau auf und setzte sich in Bewegung, »ich laufe schon vor«. Als Andrea kurz darauf Dimitrijs Kneipe betrat und Ausschau nach Semirs Partner hielt, war dieser schon nicht mehr zu sehen. Er war die kleine Straße entlang gerannt, bis er einen Durchgang zu einem Hinterhof erreichte und um die Ecke bog. Was er da sah, ließ ihm das Blut in den Adern stocken.

    Claudia wurde von zwei Männern in Motorradkluft festgehalten und wand sich in deren kräftigen Griffen; mit ungeahnten Kräften, ähnlich denen eines bedrängten Tieres, gelang es ihr beinahe, sich loszureißen, was die Männer allerdings zu verhindern wussten. Sie konnte ihren Blick nicht von dem Geschehen vor ihren Augen abwenden, wo vier weitere Männer auf den bereits regungslos am Boden liegenden Sascha einschlugen und –traten. »Hey!«, entfuhr es Semir, der sich in dem Moment seiner eigenen Unterlegenheit bewusst wurde, als sich gleichzeitig sieben Augenpaare in sein Gesicht bohrten, eines mit Tränen und Entsetzens gefüllt, sechs andere dagegen mit Wut und Hass.