Zurückgeblieben
Zurück blieben Alex, Ben, Susanne und die Streifenwagenbesatzung des Innenstadtreviers, die nun begannen, ihre Fragen zu stellen. Natürlich bräuchten sie auch noch die Aussagen von Claudia und Andrea, sowie Semir und Sascha, sobald diese dazu in der Lage wären. Besonders von Claudias Aussage versprachen sie sich wertvolle Hinweise auf die Täter, weil sie von Beginn an vor Ort gewesen war. Bislang hatten sie folgende Fakten: Vier Motorräder, sechs Männer, eine Maschine war eine Honda Rebel, eine Maschine hatte eine auffällige Lackierung auf der Verkleidung, ein Fahrer trug einen blau-weißen Helm, alle Fahrer waren komplett schwarz gekleidet, auch die Helme der anderen fünf Fahrer waren schwarz. Das war nicht viel, es gab keinen Hinweis auf Kennzeichen.
Nachdem die Polizisten alle Personalien aufgenommen hatten, verabschiedeten sie sich. Sie wollten beginnen, eventuelle Augenzeugen in den benachbarten Häusern zu finden, vielleicht waren ja doch welche von den Schreien wach geworden, die sogar Semir und Andrea an ihrem Sitzplatz am Rhein zuordnen konnten.
Alex war der Erste, der sich zu einer Äußerung durchrang: »Was hatte dieser Überfall zu bedeuten? War Sascha nur ein Zufallsopfer? Oder war der Angriff geplant?« – »Ich weiß es nicht«, überlegte Susanne, »Claudia sagte, die hätten sie überholt, angehalten und einfach zugeschlagen. Kein Wort, keine Drohung, kein Raub. Wenn Semir nicht gekommen wäre, hätten sie Sascha vielleicht tot getreten.« Keiner wagte es auszusprechen, aber alle dachten das gleiche, dass ihnen nämlich genau dieses heute vielleicht auch gelungen war. »Ob Sascha sich mit jemandem angelegt hatte?«, dachte Alex laut. Ben griff sich an die Stirn. »Das könnte es sein. Sascha hat doch euch gegenüber den Transporter erwähnt, den er vor seiner Werkstatt beobachtet hatte?« – »Er hat etwas angedeutet, aber wir wurden dann zu einem Einsatz gerufen und mussten los. Wir sind der Sache nicht weiter nachgegangen. Moment..«, Alex kramte in seiner Hosentasche und zog einen zerknitterten Zettel hervor, auf dem Sascha ihm am Morgen das Kennzeichen notiert hatte.. »Ich muss zur PAST«, sagte er zu Ben und Susanne, kann mich jemand von euch hinfahren? Ich habe zu viel getrunken. »Klar, ich fahr dich rum«, bot Ben an.
Sie stiegen alle gemeinsam in Susannes kleines Auto, die sie zu Bens Wagen brachte. Ben fuhr Alex in die PAST und machte sich dann auf den Weg ins Marienkrankenhaus, um nach Andrea und Semir zu sehen und ihr beizustehen.
Susanne fuhr in die Gasse, in der Semir und Andrea wohnten und stellte ihren Wagen im Parkverbot ab. Darauf kam es nun heute auch nicht mehr an. Sie begrüßte Nadine, stellte sich als Freundin von Andrea und Semir vor, was sie glaubhaft unterlegte, indem sie auf zwei Fotos an der Flurwand deutete, die dort zwischen anderen Aufnahmen hingen, und sie gemeinsam mit Andrea, Semir und den Kindern zeigte. Schließlich schenkte Nadine ihr Glauben und ging durch das Treppenhaus in die elterliche Wohnung. Susanne warf einen kurzen Blick ins Kinderzimmer und stellte zufrieden fest, dass Ayda und Lilly tief und fest gemeinsam in Aydas Bett schliefen. Sie schmunzelte und ging leise ins Wohnzimmer, wo sie sich auf die Couch legte und über den Abend nachdachte. Dann nahm sie das Telefon zur Hand und rief Claudias Eltern an, wie sie ihrer Freundin versprochen hatte.
Ben fand Andrea im ansonsten leeren Wartebereich der Notaufnahme, wo sie ohne wirklich zu lesen durch eine der herumliegenden Zeitschriften blätterte. »Andrea?«, sprach er sie leise an. Andrea blickte auf. »Ben«, sagte sie tonlos, »ehe du fragst, ich weiß noch nichts. Sie untersuchen ihn noch, machen gerade eine Computertomographie. Er wird auf jeden Fall hier bleiben müssen. Die Untersuchung soll dann morgen wiederholt werden, um sie vergleichen zu können. So habe ich es verstanden.« – »Das ist Routine, Andrea. Semir ist hier in guten Händen, da bin ich mir ganz sicher.« Ben setzte sich auf den Stuhl neben Andrea und ergriff ihre Hand die auf ihrem Oberschenkel ruhte. »Sascha haben sie in die Uni-Klinik gefahren. Es sah nicht gut aus.« Andrea nickte traurig und nachdenklich. »Ist jemand bei Claudia?«, wollte sie wissen. »Susanne wollte ihre Eltern anrufen. Die sind doch gerade bei den Kindern in der Wohnung.« – »Ich werde nach ihr sehen, sobald ich hier weg kann.«
»Frau Gerkan?« Andrea und Ben schauten zum Türdurchgang, der den Wartebereich vom geschäftigen Flur der Notaufnahme trennte. Ein Pfleger stand dort. »Ja? Was ist mit meinem Mann?« – »Er wird gerade auf die Station in ein Zimmer gebracht, das CT war unauffällig, was sehr positiv ist. Sie können auch gleich zu ihm.«