Ihm nach!
Die Fahrt ging über die Autobahn Richtung Süden. Alex hatte das Funkgerät nicht eingeschaltet, es war ja keine Einsatzfahrt. Er wollte lediglich aus reiner Neugier und etwas beruflichem Interesse wissen, wohin der Transporter wohl fahren würde. Das Kennzeichen des Mercedes würde ihnen Susanne am nächsten Tag gemeinsam mit den anderen Kennzeichen, die sie auf den Überwachungsvideos festgestellt hatten, den jeweiligen Haltern zuordnen. Aber der Transporter war der große Unbekannte, das Kennzeichen war gefälscht, und jetzt hatte Alex die einmalige Gelegenheit, etwas über den Halter und dessen Adresse herauszufinden.
Nach etwa einer Stunde Fahrt bog der Transit von der Autobahn auf die Landstraße ab. Alex war dankbar, als sich andere Autos zwischen den Transporter und seinen Dienstwagen setzten, so fiel seine Verfolgung nicht weiter auf. Er wusste nicht, ob der Fahrer des Transporters zu seiner Heimatadresse hin unterwegs war oder zu einem anderen Auftrag, vielleicht war er sogar unterwegs nach Südfrankreich? Wie lang sollte er ihm hinterher fahren? Alex setzte sich 21:00 Uhr als Limit, dann würde er den Kollegen aus der Region Bescheid geben und ihn in eine Routine-Polizeikontrolle lotsen, bei der dann das Kennzeichen auffliegen würde. Aber dann hätten sie nur diesen einen Fahrer und nicht dessen Komplizen. Sascha war von sechs Männern überfallen worden, Alex wollte jeden einzelnen dieser sechs Männer hinter Gittern oder zumindest vor dem Richter sehen.
Allmählich meldete sich dann aber doch bei ihm das schlechte Gewissen, er hätte sich gerne bei Lena gemeldet, die er nun erneut versetzte, und das nur, weil er sein Handy im BMW gelassen hatte. Kurz überlegte er, sich über Funk zu melden, verwarf diesen Gedanken dann aber wieder, weil ansonsten sein Alleingang aufgeflogen wäre.
Kurz vor neun, die Dämmerung hatte sich schon über das Land gelegt, bog der Transporter auf einen sandigen Feldweg ab und entfernte sich, eine dichte Staubwolke hinter sich herziehend. Alex lenkte den Mercedes etwa 100m hinter der Abzweigung auf eine einsame Bushaltestelle für Schulbusse. Er verfolgte die Staubwolke noch eine ganze Weile und suchte in seinem Navigationsgerät nach möglichen Fahrtzielen. Der Sandweg führte zu einem größeren Gutshof, bestehend aus mehreren Gebäuden, die um einen Hofplatz herum angeordnet waren. Felder, Knicks und kleinere Baumbestände umgaben das Anwesen. Der Sandweg war die einzige Zufahrt zu dem Gehöft, dort musste das Ziel des Transporters liegen.
Alex ließ sich seine Möglichkeiten durch den Kopf gehen, überlegte hin und her. Es war absolut unvernünftig, hier alleine ohne Rückendeckung weiter ermitteln oder beobachten zu wollen. Wenn der Fahrer des Transportes, wovon er fest ausging, in eine Straftat verwickelt war und er und seine Komplizen auch vor Mord nicht zurückschreckten, dann war es in höchstem Ausmaß gefährlich, was er hier tat. Aber meldete er sich über Funk, wäre hier gleich ein großes Polizeiaufgebot und würde die Gangster aufschrecken. Was war denn dabei, nur kurz zu schauen, ob der Transporter wirklich auf den Hof gefahren war, dort stand und vielleicht der Fahrer noch durch ein Fenster zu sehen war? Vielleicht könnte er ein Namensschild erkennen und mehr über den oder die Bewohner in Erfahrung bringen?
Dann würde er auch gleich wieder nach Köln zurückfahren. Sie würden am nächsten Tag dem Hof einen offiziellen Besuch abstatten. Dazu war es jetzt schon zu spät. Mittlerweile war es dunkel geworden, die Tage jetzt im Frühsommer waren doch noch recht kurz. Alex startete den Motor seines Dienstwagens und ließ den Mercedes langsam und unbeleuchtet den Sandweg bis zum Anwesen hinabrollen, wo er im Schutze eines Gebüschs anhielt. Er kramte ein Fernglas hervor und begann, die Umgebung vom Fahrersitz aus zu beobachten.
Das Haupthaus war hell erleuchtet. Alex konnte gut durch die nicht verhangenen Scheiben der großen Fenster blicken, er zählte neben dem Fahrer des Transporters weitere sieben Männer und drei Frauen in dem großen Saal. Im Obergeschoss hielten sich weitere Personen auf, hier war der Blickwinkel aber so ungünstig, dass Alex nur hier und da mal einen Haarschopf erspähen konnte. Er war sich bald sicher, dass der Fahrer hier beheimatet und nicht nur zu Besuch war.
Suche nach Alex
Gegen 20:00 Uhr kam der Anruf von Dieter Bonrath, den Semir gleich nach dem ersten Klingeln entgegen nahm. Alex war mittlerweile drei Stunden überfällig.
Andrea hatte sich mit den Kindern eine halbe Stunde früher verabschiedet. Am nächsten Tag war wieder ein normaler Schul- und Kindergartentag, und Ayda und Lilly sollten nicht aus ihrem gewohnten Rhythmus gerissen werden.
»Ja, Semir.« – »Hier Bonrath, also Semir, dein BMW steht hier auf dem Parkplatz zwischen den LKWs, ein ganzes Stück von der Werkstatt entfernt.« – »Und von Alex keine Spur?«, vermutete Semir. »Nein, er ist nicht im Auto.« – »Und sonst auf dem Parkplatz?« – »Ich habe mich noch nicht umgeschaut.« Semir atmete hörbar ein und aus. »Tust du das denn bitte? Auch auf der Raststätte und bei Saschas Werkstatt? Und melde dich, wenn du fertig bist.« ‚Muss ich wirklich alles selber machen?‘, dachte er noch, da fiel ihm plötzlich etwas ein und er rief Bonrath wieder an. »Dieter? Prüf doch bitte zu allererst, ob Alex‘ Mercedes noch bei Sascha steht.« – »Aber Sascha ist doch in der Klinik.« – »Dieter! In der Werkstatt natürlich! Der Wagen ist am Freitag von Sascha abgeholt worden, vielleicht ist er schon fertig geworden, und Alex ist mit ihm weiter gefahren.«
Dieter schritt zügig in Richtung Werkstatt, wo Georg gerade Feierabend machte und das Feld der Nacht-Bereitschaft des Pannendienstes überließ. »Alex? Ja, der war hier«, gab er Auskunft, »der Mercedes war gerade fertig geworden, ich hatte ihn schon vor das Tor gefahren und ihm Schüssel und Papiere übergeben. Er muss dann mit ihm weggefahren sein, denn«, er wies auf den für Kunden reservierten Parkplatz, »da steht er nicht mehr.«
Als Bonrath Semir die Nachricht durchgegeben hatte, gab dieser ihm sofort den Auftrag, Alex über Funk zu erreichen. Der Versuch war leider nicht von Erfolg gekrönt. So schickte Semir den Uniformierten zurück in die PAST. Was hatte Alex nur vor? Hatte er bei Saschas Werkstatt den Transporter wieder gesehen und war ihm gefolgt? Das jedenfalls hätte Semir getan. Irgendwas war da faul, das sagte ihm sein Bauchgefühl. Der Mercedes könnte von ihnen geortet werden, kurz fiel ihm ein, Bonrath und Jenny zu schicken oder mit Kim Krüger zu sprechen, diese Gedanken verwarf er aber schnell wieder. Dann kam ihm eine Idee. Er würde selber nachsehen, es war gerade kurz nach acht, bis zum Wecken würde keiner mehr in sein Zimmer kommen, wenn er selber keinen Alarm auslöste, und bis dahin wäre er längst wieder da. Und er wusste auch schon, wer ihn zu Alex bringen würde.