Albträume
Ben blickte Semir hinterher, als dieser durch den Haupteingang das Krankenhaus betrat. Was war das heute nur? Dass er Semir geholfen hatte, als er ihn anrief, das war für ihn eine klare Sache gewesen. Dafür waren Freunde da, aber dass jemand seine Waffe auf ihn richtete und er ihm auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sein würde, das war ihm zu viel. Wenn Alex nicht so blitzschnell reagiert hätte, wäre er jetzt tot. Und nicht nur er müsste sich jetzt mit dem Teufel auseinander setzen, auch Semir und Alex hätten dann ein Riesenproblem. Er war gespannt, wie sie seine Anwesenheit ihrer Chefin erklärten.
Ben lenkte den Touareg auf die Straße und fuhr zu seiner Wohnung. Was für eine Nacht. Mit seinen Gedanken war er wieder auf diesem Feldweg, sah sich selbst mit dem Rücken an den Baum gelehnt, Semir bewegungsunfähig gegenüber und der Kerl mit der Waffe zwischen sich. Er hörte wieder das Klicken der Waffe und dann den Schuss, fühlte sich wieder dem Tod näher als dem Leben. Im letzten Moment trat er an einer roten Ampel auf die Bremse, kam gerade noch rechtzeitig zum Stehen. Mensch, er musste sich zusammenreißen, sonst käme er nicht gesund nach Hause. Endlich kam er in der Tiefgarage an, stellte den Leihwagen auf seinen Stellplatz. Minutenlang saß er noch reglos auf dem Fahrersitz, dann gab er sich einen Ruck und stieg aus. Wie in Trance schritt er durch das Treppenhaus zu seiner Wohnung.
Eigentlich wollte er ein paar Stunden Schlaf nachholen, doch sobald er seine Augen schloss, starrte er wieder in diese stählerne Mündung der Waffe, wieder hörte der den Knall, roch den Schuss förmlich, nahm die zeitgleich abgefeuerte Waffe von Alex wahr und schreckte auf. Es war alles so real. Er brauchte lange Sekunden, um festzustellen, dass er in seinem Bett in seinem Schlafzimmer lag und alles nur ein schrecklicher Traum war. Als auch der nächste Einschlafversuch an derselben Stelle endete, gab er auf. Ben stellte sich lange unter die heiße Dusche, stellte sie abschließend auf Kalt und stieg dann aus der Duschkabine. Hatte er früher auch diese Todesangst gehabt? Wie oft waren Semir und er in ähnlicher Gefahr gewesen? Damals hatte er doch immer gut schlafen können, hatte er sich in den letzten Monaten denn so verändert?
Nachdem er sich abgetrocknet und angezogen hatte, fuhr er in seinen Probenraum, um sich mit Musik abzulenken. Am späten Montagnachmittag endlich, entschied er sich, Semir anzurufen und über die Sache zu sprechen.
Träume?
Semir gelang es tatsächlich, sich zu seinem Zimmer zu schleichen. Als sich die Tür hinter ihm schloss, schaute Schwester Eva kurz von ihrem Schreibtisch auf und musste schmunzeln. Der Nachtwanderer war also wieder eingetroffen. Bis zum Wecken blieben Semir noch etwa drei Stunden. Obwohl er sich sicher war, nach den Erlebnissen der Nacht - immerhin meinte er dort draußen seinen besten Freund sterben zu sehen - kein Auge würde zumachen können, fiel er schon bald in einen kurzen, traumlosen Schlaf.
Um 6:30 Uhr betrat Schwester Eva sein Zimmer und schaltete das Licht an. »Guten Morgen, Herr Gerkan. Wie geht es Ihnen heute? Heute dürfen Sie nach Hause.« Semir hatte Mühe, seine Augen zu öffnen und den fröhlichen Gruß zu erwidern. Nachdem sie das Frühstückstablett auf den Tisch abgestellt hatte, konnte sich Eva eine Bemerkung nicht verkneifen. »Sie sehen aus, als hätten Sie maximal drei Stunden geschlafen!« – »Hm. Ich habe nur schlecht geträumt.« – »Ja? Für mich sehen Sie aus, als wären Sie auf einem nächtlichen Ausflug gewesen, dort hingefallen, hätten sich den Kopf gestoßen und sich zudem in Dreck gewälzt?« Dabei zwinkerte sie ihm verschwörerisch zu. Semir verstand. »Es war ein sehr realistischer Traum«, antwortete er mit einem entschuldigenden Lächeln. »Die Visite wird in etwa drei Stunden hier sein, sehen Sie zu, bis dahin wieder halbwegs menschlich auszusehen, zumindest so, als hätten sie hier gut zwei Tage das Bett gehütet, okay? Ich hole inzwischen einen Handfeger und wische die Spuren weg.«
Semir stand auf und sah dann, was die Krankenschwester meinte. Wo er sich vor wenigen Stunden entkleidet hatte, war der Boden mit Sand bedeckt, unter den sich auch einige Blätter mischten, die sich wohl in seiner Jeans oder seinem Hemd festgesetzt hatten. Und im Badezimmer blickte ihm ein schmutziges Gesicht, versehen mit einer frischen, leicht blutverschmierten Schramme, aus dem Spiegel an.
Andrea brachte Lilly in den Kindergarten und Ayda zur Schule, die Wege waren zwar jetzt etwas weiter, aber sie wollte ihnen keinen Wechsel in nähere Einrichtungen zumuten. Sollte Ayda dann auf die fortführende Schule kommen und Lilly eingeschult werden, würden sie und Semir sich nach näher gelegenen Schulen umsehen. Nachdem sie ihre Töchter abgesetzt hatte, fuhr sie in die Uni-Klinik, wo sie Claudia bei Sascha fand. Eine Schwester sagte auf der Intensivstation kurz Bescheid und nur Augenblicke später konnte Andrea die blonde, blasse Frau mit einer innigen Umarmung begrüßen. Dann blickte sie ihr ins Gesicht. »Wie geht es Sascha? Besser?« Claudia schüttelte ihren Kopf. »Unverändert. Aber stabil.« - »Und dir? Du siehst nicht gut aus, Claudia. Isst du genug? Es ist wichtig, dass du jetzt nicht schlapp machst.« Claudia sah Andrea mit leerem Blick an. »Weißt du, dass du seit Freitagnacht die erste bist, die sich nach meinem Befinden erkundigt? Wie soll es mir schon gehen? Meine Eltern und Saschas Familie unterstützen mich, wo sie können, das ist eine große Hilfe. Im Laufe der Woche muss ich in die Firma, es muss ja dort auch weiter gehen.« Andrea nickte. »Melde dich, ich begleite dich, und dann gehen wir ein Stück an die frische Luft.« – »Danke Andrea, und wie geht es Semir?« – »Ich hole ihn gleich ab, dann bleibt er noch eine Woche zuhause. Ich hoffe zumindest, ich kann ihn von der Arbeit abhalten.« – »Das freut mich zu hören. Weißt du, ob man die Schläger schon geschnappt hat?« – »Soweit ich weiß nicht. Die Polizei wird also auch weiterhin hier auf der Station sitzen. Sobald ich etwas anderes erfahre, sage ich es dir. Warst du die ganze Nacht hier?« – »Nein, Andrea, seit 7:00 Uhr etwa. Ich gehe aber auch gleich, ich habe noch einen Arzttermin, auf den ich so lange warten musste, dann komme ich heute Nachmittag wieder.« – »Dann geh man wieder zu Sascha. Wir sind alle mit unseren Gedanken bei euch, das solltest du wissen. Ruf an, wenn du etwas brauchst, egal was es ist.« Andrea verabschiedete sich von Saschas Frau und verließ die Klinik, um anschließend Semir aus dem Marienkrankenhaus abzuholen.
Semir hatte die Visite gut überstanden. Der nächtliche Ausflug war ihm zwar noch anzusehen, aber er hatte Glück. Heute erschien ein anderer Arzt als am Wochenende, der die Schramme an der Schläfe wohl dem nächtlichen Vorfall vor zwei Tagen zuschrieb oder sich – was wahrscheinlicher ist – sein Erstaunen über die frische Wunde nicht anmerken ließ. So wurde Semir mit ernst gemeinten Verhaltenshinweisen nach Hause entlassen und wartete auf Andrea. Seine Tasche lag schon gepackt auf dem Stuhl. Andrea begrüßte ihn mit einem Kuss und sah ihm dann prüfend ins Gesicht. »Bist du aus dem Bett gefallen? Hast du dich gestoßen?« Mist. Seiner Frau entging auch nichts. »Erzähle ich dir im Auto. Komm, ich möchte hier raus.« Er griff seine Tasche, blickte sich noch einmal im Zimmer um und trat dann auf den Flur der Station. Als er sich von Schwester Eva, die gerade mit der Übergabe beschäftigt war, verabschiedete, lächelte diese augenzwinkernd. Sie wusste von seinem nächtlichen Ausflug und hatte ihn nicht verraten. In diesem Sinne waren beide jetzt so etwas wie Komplizen. Würde sie auch so lächeln, wenn sie wüsste, was dieser Ausflug in die ländliche Provinz tatsächlich beinhaltete? »Tschüss Herr Gerkan, ich hoffe, sie haben zuhause angenehmere Träume. Machen Sie’s gut!« - »Danke für alles.« Er gab ihr die Hand und spürte Andreas Blick auf seinem Gesicht ruhen.
Das war ein Moment, in dem sie, wäre sie Brillenträgerin, diese mit einem Finger ihrer rechten Hand auf dem Nasenrücken nach vorne gezogen hätte, um stirnrunzelnd mit gesenktem Blick über den Brillenrand hinweg eine Frage zu stellen, die allerdings auch ohne Brille ihre Wirkung nicht verfehlte: »Träume?«