Beiträge von Yon

    Albträume

    Ben blickte Semir hinterher, als dieser durch den Haupteingang das Krankenhaus betrat. Was war das heute nur? Dass er Semir geholfen hatte, als er ihn anrief, das war für ihn eine klare Sache gewesen. Dafür waren Freunde da, aber dass jemand seine Waffe auf ihn richtete und er ihm auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sein würde, das war ihm zu viel. Wenn Alex nicht so blitzschnell reagiert hätte, wäre er jetzt tot. Und nicht nur er müsste sich jetzt mit dem Teufel auseinander setzen, auch Semir und Alex hätten dann ein Riesenproblem. Er war gespannt, wie sie seine Anwesenheit ihrer Chefin erklärten.

    Ben lenkte den Touareg auf die Straße und fuhr zu seiner Wohnung. Was für eine Nacht. Mit seinen Gedanken war er wieder auf diesem Feldweg, sah sich selbst mit dem Rücken an den Baum gelehnt, Semir bewegungsunfähig gegenüber und der Kerl mit der Waffe zwischen sich. Er hörte wieder das Klicken der Waffe und dann den Schuss, fühlte sich wieder dem Tod näher als dem Leben. Im letzten Moment trat er an einer roten Ampel auf die Bremse, kam gerade noch rechtzeitig zum Stehen. Mensch, er musste sich zusammenreißen, sonst käme er nicht gesund nach Hause. Endlich kam er in der Tiefgarage an, stellte den Leihwagen auf seinen Stellplatz. Minutenlang saß er noch reglos auf dem Fahrersitz, dann gab er sich einen Ruck und stieg aus. Wie in Trance schritt er durch das Treppenhaus zu seiner Wohnung.

    Eigentlich wollte er ein paar Stunden Schlaf nachholen, doch sobald er seine Augen schloss, starrte er wieder in diese stählerne Mündung der Waffe, wieder hörte der den Knall, roch den Schuss förmlich, nahm die zeitgleich abgefeuerte Waffe von Alex wahr und schreckte auf. Es war alles so real. Er brauchte lange Sekunden, um festzustellen, dass er in seinem Bett in seinem Schlafzimmer lag und alles nur ein schrecklicher Traum war. Als auch der nächste Einschlafversuch an derselben Stelle endete, gab er auf. Ben stellte sich lange unter die heiße Dusche, stellte sie abschließend auf Kalt und stieg dann aus der Duschkabine. Hatte er früher auch diese Todesangst gehabt? Wie oft waren Semir und er in ähnlicher Gefahr gewesen? Damals hatte er doch immer gut schlafen können, hatte er sich in den letzten Monaten denn so verändert?

    Nachdem er sich abgetrocknet und angezogen hatte, fuhr er in seinen Probenraum, um sich mit Musik abzulenken. Am späten Montagnachmittag endlich, entschied er sich, Semir anzurufen und über die Sache zu sprechen.

    Träume?

    Semir gelang es tatsächlich, sich zu seinem Zimmer zu schleichen. Als sich die Tür hinter ihm schloss, schaute Schwester Eva kurz von ihrem Schreibtisch auf und musste schmunzeln. Der Nachtwanderer war also wieder eingetroffen. Bis zum Wecken blieben Semir noch etwa drei Stunden. Obwohl er sich sicher war, nach den Erlebnissen der Nacht - immerhin meinte er dort draußen seinen besten Freund sterben zu sehen - kein Auge würde zumachen können, fiel er schon bald in einen kurzen, traumlosen Schlaf.

    Um 6:30 Uhr betrat Schwester Eva sein Zimmer und schaltete das Licht an. »Guten Morgen, Herr Gerkan. Wie geht es Ihnen heute? Heute dürfen Sie nach Hause.« Semir hatte Mühe, seine Augen zu öffnen und den fröhlichen Gruß zu erwidern. Nachdem sie das Frühstückstablett auf den Tisch abgestellt hatte, konnte sich Eva eine Bemerkung nicht verkneifen. »Sie sehen aus, als hätten Sie maximal drei Stunden geschlafen!« – »Hm. Ich habe nur schlecht geträumt.« – »Ja? Für mich sehen Sie aus, als wären Sie auf einem nächtlichen Ausflug gewesen, dort hingefallen, hätten sich den Kopf gestoßen und sich zudem in Dreck gewälzt?« Dabei zwinkerte sie ihm verschwörerisch zu. Semir verstand. »Es war ein sehr realistischer Traum«, antwortete er mit einem entschuldigenden Lächeln. »Die Visite wird in etwa drei Stunden hier sein, sehen Sie zu, bis dahin wieder halbwegs menschlich auszusehen, zumindest so, als hätten sie hier gut zwei Tage das Bett gehütet, okay? Ich hole inzwischen einen Handfeger und wische die Spuren weg.«

    Semir stand auf und sah dann, was die Krankenschwester meinte. Wo er sich vor wenigen Stunden entkleidet hatte, war der Boden mit Sand bedeckt, unter den sich auch einige Blätter mischten, die sich wohl in seiner Jeans oder seinem Hemd festgesetzt hatten. Und im Badezimmer blickte ihm ein schmutziges Gesicht, versehen mit einer frischen, leicht blutverschmierten Schramme, aus dem Spiegel an.

    Andrea brachte Lilly in den Kindergarten und Ayda zur Schule, die Wege waren zwar jetzt etwas weiter, aber sie wollte ihnen keinen Wechsel in nähere Einrichtungen zumuten. Sollte Ayda dann auf die fortführende Schule kommen und Lilly eingeschult werden, würden sie und Semir sich nach näher gelegenen Schulen umsehen. Nachdem sie ihre Töchter abgesetzt hatte, fuhr sie in die Uni-Klinik, wo sie Claudia bei Sascha fand. Eine Schwester sagte auf der Intensivstation kurz Bescheid und nur Augenblicke später konnte Andrea die blonde, blasse Frau mit einer innigen Umarmung begrüßen. Dann blickte sie ihr ins Gesicht. »Wie geht es Sascha? Besser?« Claudia schüttelte ihren Kopf. »Unverändert. Aber stabil.« - »Und dir? Du siehst nicht gut aus, Claudia. Isst du genug? Es ist wichtig, dass du jetzt nicht schlapp machst.« Claudia sah Andrea mit leerem Blick an. »Weißt du, dass du seit Freitagnacht die erste bist, die sich nach meinem Befinden erkundigt? Wie soll es mir schon gehen? Meine Eltern und Saschas Familie unterstützen mich, wo sie können, das ist eine große Hilfe. Im Laufe der Woche muss ich in die Firma, es muss ja dort auch weiter gehen.« Andrea nickte. »Melde dich, ich begleite dich, und dann gehen wir ein Stück an die frische Luft.« – »Danke Andrea, und wie geht es Semir?« – »Ich hole ihn gleich ab, dann bleibt er noch eine Woche zuhause. Ich hoffe zumindest, ich kann ihn von der Arbeit abhalten.« – »Das freut mich zu hören. Weißt du, ob man die Schläger schon geschnappt hat?« – »Soweit ich weiß nicht. Die Polizei wird also auch weiterhin hier auf der Station sitzen. Sobald ich etwas anderes erfahre, sage ich es dir. Warst du die ganze Nacht hier?« – »Nein, Andrea, seit 7:00 Uhr etwa. Ich gehe aber auch gleich, ich habe noch einen Arzttermin, auf den ich so lange warten musste, dann komme ich heute Nachmittag wieder.« – »Dann geh man wieder zu Sascha. Wir sind alle mit unseren Gedanken bei euch, das solltest du wissen. Ruf an, wenn du etwas brauchst, egal was es ist.« Andrea verabschiedete sich von Saschas Frau und verließ die Klinik, um anschließend Semir aus dem Marienkrankenhaus abzuholen.

    Semir hatte die Visite gut überstanden. Der nächtliche Ausflug war ihm zwar noch anzusehen, aber er hatte Glück. Heute erschien ein anderer Arzt als am Wochenende, der die Schramme an der Schläfe wohl dem nächtlichen Vorfall vor zwei Tagen zuschrieb oder sich – was wahrscheinlicher ist – sein Erstaunen über die frische Wunde nicht anmerken ließ. So wurde Semir mit ernst gemeinten Verhaltenshinweisen nach Hause entlassen und wartete auf Andrea. Seine Tasche lag schon gepackt auf dem Stuhl. Andrea begrüßte ihn mit einem Kuss und sah ihm dann prüfend ins Gesicht. »Bist du aus dem Bett gefallen? Hast du dich gestoßen?« Mist. Seiner Frau entging auch nichts. »Erzähle ich dir im Auto. Komm, ich möchte hier raus.« Er griff seine Tasche, blickte sich noch einmal im Zimmer um und trat dann auf den Flur der Station. Als er sich von Schwester Eva, die gerade mit der Übergabe beschäftigt war, verabschiedete, lächelte diese augenzwinkernd. Sie wusste von seinem nächtlichen Ausflug und hatte ihn nicht verraten. In diesem Sinne waren beide jetzt so etwas wie Komplizen. Würde sie auch so lächeln, wenn sie wüsste, was dieser Ausflug in die ländliche Provinz tatsächlich beinhaltete? »Tschüss Herr Gerkan, ich hoffe, sie haben zuhause angenehmere Träume. Machen Sie’s gut!« - »Danke für alles.« Er gab ihr die Hand und spürte Andreas Blick auf seinem Gesicht ruhen.

    Das war ein Moment, in dem sie, wäre sie Brillenträgerin, diese mit einem Finger ihrer rechten Hand auf dem Nasenrücken nach vorne gezogen hätte, um stirnrunzelnd mit gesenktem Blick über den Brillenrand hinweg eine Frage zu stellen, die allerdings auch ohne Brille ihre Wirkung nicht verfehlte: »Träume?«

    Wenn Stumpf wirklich der einzige ist, der weiß wo Ben und Mittler hinfahren wollten, sieht es nicht gut aus. Ansonsten könnte ihm der Blinddarmdurchbruch auch gelegen kommen, denn auf der Intensivstation könnte ihm das Leben gerettet werden, welches er durch Brummer sonst verlieren würde. Ich denke aber, das wird dauern, bis Ben gefunden wird. Die nächste Nacht werden sie sich wohl mindestens in ihrem "Gefängnis" einrichten müssen.

    Alex

    Alex betrat mit dem einen Bewacher des Landguts, den sie überwältigen konnten und mitgenommen hatten, die PAST, hatte sich aber nicht nehmen lassen, dem Audi mit Ben und Semir beim Verlassen des Hofs der PAST hinterher zu blicken. Wie wäre der Abend wohl verlaufen, wenn Semir sich nicht entschieden hätte, sein Verschwinden und Lenas Sorge um ihn ernst zu nehmen und sich auf den Weg zu begeben, ihn zu suchen? Es war nicht das erste Mal, dass er sein Leben oder seine Gesundheit seinem Partner zu verdanken hatte. Nur hatte diesmal sein Tatendrang nicht nur Semir, sondern auch dessen besten Freund Ben in akute Lebensgefahr gebracht. Er schob den Gedanken beiseite und betrat mit dem Festgenommenen die Dienststelle der Autobahnpolizei.

    Bonrath blickte von seinem Monitor auf und, als Alex mit einem Erklärungsversuch begann, winkte er ab. »Ich weiß, das findet hier alles gar nicht statt. Ich habe gar nichts gesehen und du bist gar nicht hier.« Dieter tat Alex ein wenig Leid, und so trat er, nachdem er den »Gast« in sein »Einzelzimmer« gebracht hatte, an den Schreibtisch des langen Polizisten. »Dieter, ich erzähle dir alles, wenn die Chefin da ist. Der Kerl ist einer der Schläger, die Sascha und Semir am Freitag ins Krankenhaus befördert hatten. Wir konnten ihn heute Nacht festnehmen?« – »Wir?« Alex nickte nur. »Und jetzt brauche ich einen Kaffee, ist noch welcher da?«

    »Brandt!« Erst als Kim Krüger ihre Stimme deutlich hob, drang der Ruf seiner Chefin in Alex‘ Bewusstsein und er blickte auf. Er war an seinem Schreibtisch eingenickt. »Brandt, wer ist der Typ in der Zelle? Würden Sie mich eben mal über die aktuellen Geschehnisse in meiner Dienststelle in Kenntnis setzen?« Die Leiterin der Autobahnpolizei stand in der Tür und schaute auf ihren Hauptkommissar hinab. »Oh Frau Krüger, ist es schon …?«, Alex blickte auf seine Uhr, »ich muss kurz eingenickt sein.« - »Der Typ in der Zelle«? – »Ja, Frau Krüger, seinen Namen hat er mir noch nicht nennen wollen, aber er ist einer der Schläger vom Freitag, sie wissen, die Sache mit Sascha und Semir.« – »Ich kann mich sehr gut erinnern. Und wie kommt er in unsere Zelle? Sagen Sie jetzt nicht, er wäre uns zugelaufen.« – »Das nicht gerade. Es ist eine etwas längere Geschichte.« Frau Krüger schloss die Bürotür in ihrem Rücken, zog sich Semirs Drehstuhl heran und setzte sich. »Ich habe gerade nichts anderes vor. Fangen Sie an.«

    »Also, ich war gestern in Düsseldorf und habe den Besitzer des Motorrads befragt. Aber Andreas Eberhain, so heißt er, ist nichts vorzuwerfen, er hat die Maschine vor etwa acht Wochen als gestohlen gemeldet, und ich sehe keinen Anlass, ihm nicht zu glauben. Auf dem Rückweg nach Köln fuhr ich dann bei Saschas Werkstatt vorbei, und da stand der Transporter, von dem Sascha gesprochen hatte. Ich habe ihn eine Zeitlang beobachtet und bin ihm dann hinterher gefahren. Und auf dem Rückweg hatte ich dann Begleitung von dem da.« Alex wies mit seinem Finger durch seine Bürowand in Richtung der Zellen. »Herr Brandt, ich möchte auch den Teil erfahren, den Sie ausgelassen haben. Ist das nun der Fahrer des Transporters?« – »Nein, ist er nicht, ich weiß nicht recht, wie ich es Ihnen sagen soll,«, druckste Alex herum, aber Kim blieb hartnäckig. »Fahren Sie doch einfach fort. Sie sind ihm hinterher gefahren. Und weiter?« Alex kam aus der Sache nicht raus, so erzählte er seiner Chefin, wie er den Transporter bis zu dem Landgut bei Mayen verfolgte und dort das Geschehen weiter beobachtete, bis plötzlich Semir neben ihm saß.

    »Gerkan? Der sollte doch im Krankenhaus sein?« – »Ja, ich wurde vermisst, ich hatte versäumt, meiner Freundin Bescheid zu sagen, dass ich nicht zur verabredeten Zeit bei ihr sein konnte und hatte damit wohl eine kleine Suchaktion ausgelöst. Semir und ich haben dann das Haus weiter beobachtet und sind von zwei Wachen dabei erwischt worden.« – »Bitte?« – »Ja, die konnten uns überwältigen und entwaffnen. Wenn Ben nicht rechtzeitig erschienen wäre, wäre ich jetzt wohl nicht hier.«

    »Ben? Doch nicht etwa …« – »Doch«, gab Alex kleinlaut zu, »Ben Jäger. Er hat uns da rausgehauen. Einer der Wachen hat den anschließenden Kampf nicht überlebt, er wollte Ben erschießen, aber ich kam ihm zuvor. Die andere Wache sitzt in unserer Zelle.«Kim Krüger fuhr sich mit einer Hand über die Augen. »Ich werde bald wahnsinnig. Gerkan ist krank und Jäger nicht mehr im Dienst. Ich bin gespannt auf ihren Bericht, den ich bis Mittag vorliegen haben möchte. Und vernehmen Sie endlich unseren Gast. Ich will wissen, wie er heißt und um was es eigentlich geht. Und dass der Name Jäger in Ihrem Bericht besser nicht auftaucht, ist Ihnen hoffentlich klar.«Kim Krüger erhob sich und wollte Alex‘ Büro schon verlassen, als ihr noch etwas einfiel. Sie schaute sich noch einmal um: »Und woran arbeitet Susanne eigentlich so fieberhaft?«

    Alex wurde von dem Bösen umklammert, dass ihm die Luft wegblieb. Also nehme ich an am Hals, so wie im vorigen Kapitel. Aber wo hat die Mündung der Pistole noch Platz unter seinem Kinn? Da ist doch der Arm des Typen.


    Also, als ich das letzte Mal jemanden von hinten rwürgen wollte, fehlte mir ein zusätzliches Gelenk zwischen Hand und Ellenbogen, da wäre an der Seite noch Platz für einen Pistolenlauf gewesen, ich hatte leider keine Waffe zur Hand, um es auszuprobieren.

    Ich hoffe ja immer noch, Campino, du hast uns ähnlich wie Boris in "Die letzte Nacht" mit dem ersten Kapitel an der Nase herumgeführt und die Szene beschreibt nur einen Alptraum, den Semir heute Nacht haben wird. Das wahre Schicksal der "Komakinder" würde ich der Familie Gerkhan gerne ersparen.
    Und Jenny hat Kevin nun endlich die Wahrheit erzählt, bin gespannt, ob Kevin nun bereit ist, mit ihr darüber zu sprechen und sich nicht wieder in sein Schneckenhaus zurückzieht.

    was mit der Waffe von Alex passiert ist...die hatte Ben doch


    Ja, aber da Ben kein kaltblütiger Mörder ist, hat er nicht gleich geschossen, sondern sich auf seine Zweikampf-Qualitäten verlassen, welche in den letzten Monaten nicht sonderlich trainiert wurden, so konnte sein Gegner ihn an diesen Baum "nageln" und sofort seine Waffe ziehen, und dass Ben nicht versucht die Hand mit Alex' Waffe zu heben, während er in die Mündung einer Waffe blickt, wirst du ihm doch wohl nicht verübeln, oder?

    Der halb abgerissene Fuß ist sicher sehr schmerzhaft, aber zumindest kann Ben sich bewegen und auch schon klare Gedanken fassen. Dass sein Begleiter eongeklemmt ist, ist natürlich schlecht, aber bald wird Ben sicher feststellen, dass sie zudem auch eingeschlossen sind, wenn er es denn überhaupt bis zum Eingang schafft. Wie können sie sich jetzt bloß bemerkbar machen? Haben sie noch ein funktionstüchtiges Handy dabei?

    Glück

    Ben spürte, wie das Projektil knapp über seinem Kopf in den Baumstamm einschlug. Er hatte seine Augen geschlossen, konnte das kleine »o«, welches die Mündung der Waffe beschrieb, nicht ertragen. Er war seinem Gegner wehrlos ausgeliefert, jede Bewegung war sinnlos, er würde hier und jetzt sterben. Sein letzter Blick war an dem Schützen vorbei auf Semir gerichtet, der sich bemühte, auf die Füße zu kommen. Ein letztes Mal trafen sich ihre Blicke, dann schloss Ben die Augen und wartete auf den Schuss. Diese letzten Gedanken spielten sich innerhalb von wenigen Sekunden ab.

    Der Schuss fiel, aber Ben lebte noch, er öffnete verwundert die Augen und sah, wie der Schütze leblos auf den Weg stürzte und dabei eine kleine Staubwolke aufwirbelte. Er blickte auf Semir, der wie erstarrt immer noch auf dem Boden hockte und dem gerade bewusst wurde, dass sein Freund nicht getroffen worden war. Gleichzeitig schickten beide zum Dank ein Stoßgebet gen Himmel. Ebenso synchron wanderten ihre Blicke zur Seite, wo Alex, ein Knie auf dem niedergerungenen Gangster, der andere Fuß vor sich auf dem Boden aufgestellt, immer noch die Waffe in der Hand hielt und seinen Arm jetzt langsam sinken ließ. Es dauerte mehrere Sekunden, bis der erste seine Fassung wieder erlangte. Es war Ben. »Puh, das war knapp. Alex, Danke.« – »Seid ihr in Ordnung?«, fragte dieser, »Semir?« Der nickte. »Ich glaube schon.« Ben reichte ihm die Hand und zog seinen Freund in die Höhe, der leicht schwankend stehen blieb und sich einen Moment an Bens Arm abstützte. Alex hielt den Komplizen des Toten fest im Griff und stand mit diesem auf. »Was machen wir? Der Schuss war bestimmt im Haus zu hören.« – »Erst mal weg hier«, bestimmte Semir, dessen Schwindel sich endlich wieder verzogen hatte, »wir denken auf dem Rückweg nach.«

    Semir warf noch einen letzten Blick auf die Leiche, ihm gefiel nicht, ihn hier so liegen zu lassen, aber sie konnten sich jetzt wirklich nicht damit beschäftigen. Und er war an dem Überfall auf Sascha beteiligt gewesen, und damit kein Unschuldiger, außerdem hatte er Ben fast getötet. Und sie hatten jetzt wirklich keine Zeit, einen Bestatter zu rufen. Die beiden würden sicher bald im Haus vermisst werden, man würde sie suchen gehen. Sie würden den anderen mitnehmen, dann würde es nach einem Streit unter den Komplizen und der Flucht des einen aussehen. Und der Fall des Transporters könnte von ihnen weiter verfolgt werden, weil die Drahtzieher noch nicht den Verdacht hegen würden, sie wären von der Polizei beobachtet worden. Wie sie das ihrer Chefin erklären sollten, das müsste sich Alex überlegen, denn Semir war ja eigentlich gar nicht da.

    Sie verfrachteten ihren Festgenommenen auf die Rücksitzbank des Mercedes und stiegen selbst ein. Alex rollte langsam, nahezu lautlos, den Sandweg zurück, ohne die Scheinwerfer einzuschalten. An einer kleinen Verbreiterung wendete er seinen Dienstwagen und fuhr weiter bis zur Straße und auf dieser zur Bushaltestelle, auf der Semirs BMW stand, den Ben zurück zur PAST bringen sollte. Semir wäre gerne mit Ben mitgefahren, aber er musste sich mit Alex einen Plan überlegen, wie sie die Krüger einweihen sollten. Außerdem war es sicherer, einen Gefangenen nicht alleine zu transportieren.

    An der PAST überließ Semir Alex das Verbringen des Mannes in eine Zelle und ließ sich von Ben in dessen Auto zurück zum Krankenhaus fahren. Ben sah ihn von der Seite an »Der Ausflug hat dir nicht gut getan, du siehst echt scheiße aus, wenn ich das mal so sagen darf.« – »Darfst du«, lautete dessen Reaktion. Ben hatte ja auch Recht. Er war nicht nur staubig von Kopf bis Fuß, sondern spürte auch, dass sich an seiner Schläfe eine neue Beule bildete. Hoffentlich würde er die morgendliche Visite gut überstehen, denn er wollte danach das Krankenhaus verlassen.

    Zunächst aber musste er unbemerkt zurück auf seine Station und in sein Zimmer kommen.

    Ich bin mir sicher, dass Yon Ben nicht sterben lässt, sonst darf sie nämlich nie wieder bei mir übernachten.

    Oups, ich glaube, die Veröffentlichung der nächsten Kapitel wird sich etwas verzögern, ich habe da noch eine winzige Kleinigkeit zu ändern ... :D

    Darcie und ich haben lernen müssen,
    dass die Umstellung auf die Sommerzeit einem nicht nur 1 Stunde raubt, sondern 4,
    dass Duisburg nicht zwischen Köln und Wuppertal liegt,
    dass Schlaf zu Unrecht völlig überbewertet wird,
    dass Alkohol mächtig klebt,
    dass Bahnhöfe auch Hintereingänge haben,
    dass sich eine Story nicht von alleine postet und
    dass sich diese Liste sicher noch um einige Punkte erweitern ließe, aber auch dass
    sich alles gelohnt hat und
    dass nach dem Konzert vor dem Konzert ist.

    Ben

    Ben trommelte nervös mit seinen Fingern auf sein Lenkrad. Der Anruf von Semir lag knapp zwanzig Minuten zurück. Wo blieben die denn? Er konnte überhaupt keine Bewegung auf dem Sandweg ausmachen, durch das Fenster auch kein Motorengeräusch oder das Knirschen von Autoreifen auf dem unbefestigten Weg wahrnehmen. Waren sie womöglich doch noch entdeckt worden?

    Ben hielt es nicht länger aus und verließ den BMW. Er schlich sich den Weg hinunter und konnte schließlich den Mercedes zwischen den Büschen geparkt sehen, die Beifahrertür stand offen. Das alleine reichte aus, ihn in Alarmbereitschaft zu versetzen. Ein leeres Auto mit offenen Türen, das verhieß nichts Gutes. Er tastete sich weiter vorwärts, vorsichtig darauf bedacht, auf keinen Zweig zu treten, kein Geräusch zu verursachen. Dann hörte er Stimmen, nicht Semirs und auch nicht Alex‘, sondern fremde, männliche Stimmen, und die klangen alles andere als freundlich. Noch ein Stück näher, und Ben konnte die Situation überblicken.

    Eine Person hielt Alex fest umklammert, so dass dieser kaum noch Luft bekam, gleichzeitig hielt er ihm den Lauf seines Revolvers unters Kinn, ein anderer Kerl bedrohte Semir, der auf dem Boden kniete und seine Hände hinter den Kopf gelegt hatte, mit seiner Waffe. Dieser Typ kehrte Ben seinen Rücken zu.

    Wenn es ihm irgendwie gelänge, mit Alex Blickkontakt aufzunehmen, könnten sie gleichzeitig einen Überraschungsangriff starten und die Angreifer überwinden, aber der Mann, der Alex festhielt, blickte ebenfalls genau in seine Richtung. Noch hatte er Ben nicht entdeckt, aber das war eine Gefahr, die er im Auge behalten musste. Es musste ihm ein Trick einfallen. Ben grübelte. Ob er hier einen Stein finden konnte? Den könnte er dann zur Ablenkung in eine Ecke werfen, wenn dann Alex und Semir schnell reagierten, könnten sie die beiden Agreifer vielleicht überwältigen und sich befreien. Er tastete den Boden mit seinen Füßen nach Steinen ab. Statt eines Steins fand er etwas viel besseres: Alex Waffe!

    Nur ein Busch trennte ihn von dem Typen, der Semir in Schach hielt. Dieser bewegte sich nicht, wie konnte Ben ihn bloß erreichen? Ganz langsam bückte sich Ben und hob die Waffe vom Boden auf, er strich über das ihm sehr wohl vertraute Metall, reinigte es so vom Sand, überprüfte, ob sie entsichert war und schloss seine Hand um den Griff, wie er es schon so oft getan hatte, als er noch im aktiven Polizeidienst war. Was sollte er tun?

    Erschoss er den Typen, der Semir bedrohte, bedeutete das das sichere Todesurteil für Alex und brächte Semir wieder in Gefahr, schoss er auf den Typen, der Alex im Griff hielt, war die Gefahr zu groß, Alex zu treffen, und außerdem würde der andere Zeit und Gelegenheit haben, Semir anzugreifen. Wie er es auch drehte und wendete, es war schlicht nicht möglich, ohne Gefährdung seiner Freunde die beiden Angreifer auszuschalten. Dann kam ihm der Zufall zu Hilfe und die Entscheidung der beiden Typen, die starre Situation aufzuheben. »Los, zum Haus! Du gehst vor«, er gab Semir einen aufmunternden Tritt in die Seite. Der rappelte sich auf seine Füße und tat wie ihm geheißen, mit der Revolvermündung in seinem Rücken, blieb ihm nichts anderes übrig, als sich in Richtung des Anwesens zu wenden und langsam voraus zu gehen. Jetzt löste sich auch der Griff um Alex‘ Hals, und dieses Paar setzte sich ebenfalls in Bewegung.

    Ben schlich hinter dem Knick zur Hälfte an der kleinen Karawane vorbei, bis er etwa auf Höhe von Alex angekommen war, dem genau wie Semir eine Waffe in den Rücken gebohrt wurde. Dann musste es schnell gehen, Ben vertraute einfach auf die schnelle Reaktion von Alex und trat aus dem Knick auf den Weg und riss die Wache hinter Semir um. Alex reagierte blitzschnell, sprang gebückt zur Seite und ergriff den Arm mit der Waffe seines Verfolgers. In wenigen Augenblicken hatte er ihn zu Boden gebracht und auf dem Sandboden mit seinem Knie im Rücken festgenagelt. Die Waffe nahm er an sich. Semir, vom Geschehen hinter seinem Rücken völlig überrascht warf sich ebenfalls zu Boden und fand sich plötzlich in der Rolle des Zuschauers wieder, denn sein Kopf vertrug eine solche ruckartige Bewegung noch nicht, ihm wurde wieder schwindelig, und so sehr er sich bemühte, einen klaren Kopf zu bekommen und die Situation klar zu erfassen, blieb er doch regungslos am Boden. Ben versuchte, in den Besitz der Waffe seines Gegners zu kommen, mit der dieser vorher Semir bedroht hatte. Doch er stellte sich als stärker heraus als gedacht und landete manch empfindlichen Schlag in Bens Magengrube, so dass dieser rückwärts wankte und mit dem Rücken an einem Baum zu Boden glitt. Dann hob er die Waffe, zielte auf Ben und drückte ab.

    Gefahr

    »Bleib hier stehen, Ben«, sagte Semir leise zu seinem Freund, »da unten steht der Mercedes, ich gehe mal runter und sehe nach, ob Alex drin sitzt. Ich rufe dich an, dann kommst du mit dem Wagen nach, oder ich komme mit ihm zurück.« Er schloss die Beifahrertür leise und machte sich auf den Weg, während ihm Ben kopfschüttelnd nachblickte. Das Handy hielt er sicherheitshalber in der Hand bereit.

    Semir ging langsam den Weg hinunter, hielt sich dabei im Schatten des Knicks auf und als dieser sich etwas vom Weg entfernte, setzte er seinen Gang auf der dem Weg abgewandten Seite fort. So gelangte er unbemerkt bis zu Alex‘ Dienstwagen und konnte bereits den Hinterkopf seines Partners über der Kopfstütze des Fahrersitzes erkennen. Aus dem Schatten heraus griff er zum Griff der Beifahrertür und glitt lautlos in das Innere des Fahrzeugs.

    Alex konzentrierte sich weiterhin auf das große beleuchtete Zimmerfenster, hinter dem er durch sein Fernglas den Fahrer des Transits gut beobachten konnte. Zwei weitere Männer waren in dem Raum auszumachen. Das Licht im Obergeschoss war mittlerweile erloschen, es war nach 22:00 Uhr. Alex schaute so angestrengt auf das Objekt seines Interesses, dass er regelrecht aufschreckte, als er Semir wahrnahm. »Semir!«, entfuhr es ihm, »was machst du denn hier?« – »Alex, das frage ich dich, Lena geht ein vor Sorge, macht uns alle verrückt, wir können dich telefonisch nicht erreichen, dein Funk ist aus, und wir mussten den Wagen erst orten, um dich zu finden. Was fällt dir eigentlich ein?« Semir war mächtig in Fahrt und machte seinem Ärger ordentlich Luft. Alex war noch immer so perplex, dass er gar nicht auf die Vorwürfe seines älteren Kollegen einging. »Aber solltest du nicht noch im Krankenhaus sein? Warum bist du hergekommen?« – »Weil du Bonrath wohl schon gesehen hättest, wenn er oben aus seinem Wagen gestiegen wäre.« – »Ach, und du konntest dich im hohen Gras unbemerkt herschleichen?«, dabei deutete sich ein leises Grinsen auf seinem Gesicht an. »Jetzt werde man nicht frech! Du hast mich zumindest nicht kommen gesehen. Hast du wenigstens was entdeckt, hat sich dein Alleingang gelohnt?« – »Ich denke schon. Du bist aber nicht Auto gefahren?«, die Frage klang jetzt doch etwas besorgt. »Nein, Ben hat mich gefahren. Was hast du gesehen?« Semir rief kurz bei Ben an. »Ben? Alles in Ordnung, Alex ist hier, wir kommen gleich zu dir an die Straße. Bleib auf jeden Fall oben, der Weg ist für zwei Autos zu schmal, das Rangieren könnte auffallen. … Ja, bis gleich«, setzte er ihn über die aktuelle Situation in Kenntnis. »Nun los, erzähl, ich habe nicht ewig Zeit. Ich muss wieder zurück, bevor mein Fehlen auffällt.« – »Wie? Bist du aus dem Krankenhaus abgehauen?« – »Jetzt weich nicht vom Thema ab. Wieso bist du hier?«

    Und Alex erzählte ihm, dass er dem Transporter von Saschas Werkstatt aus gefolgt sei, um eventuell eine Adresse herauszufinden. Sein Handy läge in Semirs BMW am Ladekabel, der Mercedes sei gerade fertig geworden und stand viel dichter dran, als der BMW. So hätte er dann seinen Dienstwagen genommen. Jetzt stünde er bereits seit zwei Stunden auf dieser Position und war sich sicher, dass er das Quartier des Transporterfahrers gefunden hatte. Und er setzte Semir darüber in Kenntnis, dass in dem Haus anscheinend sehr viele Menschen lebten. Die Vermutung, dass das Ganze eine Art von Menschenhandel sei, schien sich zu bestätigen. »Wie ist dein Plan?«, wollte Semir von seinem Partner wissen. Der zuckte mit seinen Schultern. »Wie, kein Plan?« Alex wog seinen Kopf von einer Schulter auf die andere. »Willst du mir damit sagen, dass du keinen Plan hast? Alex, das sind zu viele, wir sind nur zu zweit, mit Ben zu dritt, wir werden jetzt ganz langsam hier wieder wegfahren und uns einen gottverdammten Plan ausdenken.« – »Du hast ja Recht. Aber ich muss noch mal pinkeln.«

    Alex öffnete die Fahrertür und trat hinter dem Wagen an den Knick. Er hatte dem Wagen gerade seinen Rücken zugekehrt, da spürte er die kalte Mündung einer Waffe in seinem Nacken, gleichzeitig schlang sich ein Arm um seinen Hals. »Was treiben Sie hier? Haben Sie eine Waffe, dann runter damit auf den Boden!«, sprach eine dunkle Stimme in sein Ohr. Alex, der seine Hände zur Seite gestreckt hatte, führte jetzt seine rechte in Zeitlupe zu seiner Dienstwaffe, zog sie mit zwei Fingern aus ihrem Holster und ließ sie auf den Grasboden fallen, von wo sie vom seinem Angreifer ins Gebüsch gekickt wurde. Der Griff um seinen Hals versteifte sich.

    Im selben Augenblick, in dem sich der Kerl seines Partners bemächtigte, wurde die Beifahrertür neben Semir aufgerissen. Semirs Hand ging instinktiv in Richtung seiner Waffe, hielt aber angesichts der direkt auf sein Gesicht gerichteten Pistole inne. »Daran würde ich an Ihrer Stelle nicht einmal denken.« Ihm wurde die Waffe aus seinem Holster gezogen und unters Auto geschleudert. »Jetzt ganz langsam aussteigen und rüber zu ihrem Freund.« Semir tat wie ihm geheißen und drei Minuten später stand er neben Alex, der immer noch im Klammergriff seines Angreifers hing und nur mit Mühe Luft bekam.

    Entwaffnet, von zwei bewaffneten Verbrechern bedroht, konnten sie eigentlich nur versuchen, sich aus der Situation herauszureden oder auf ein Wunder hoffen. »Hören Sie, wir können alles erklären …«, begann Semir. »Das werden Sie auch müssen, und zwar nicht nur uns. Im Haus sind bestimmt einige Ohren auf ihre Erklärung gespannt.« Jetzt betrachtete der Kerl, der Alex im Würgegriff hielt, eingehend Semir, dann blickte er zu seinem Kumpel, dann sagte er etwas, das Semirs Hoffnung auf eine gewaltfreie, schnelle Lösung der Situation schwinden ließ. »Du, Theo?«, er wies mit einer Kopfbewegung auf den Hauptkommissar und zurück, »den Kleinen kennen wir, der hat uns vorgestern gestört, als wir den Schrauber erledigten.« – »Jetzt, wo du das sagst…«

    Aha, da lagen wir mit unserem Verdacht ja nicht ganz so verkehrt, die Rentner im Archiv hat seinen Sohn an einer Brücke verloren und will sich nun an der Firma rächen, die diese Brücken geplant hat. Und Ben steht mitten in der Schusslinie, bzw. Sprenglinie? Ich befürchte, der Besuch der Brückenkatakomben wird einen verhängnisvollen Verlauf nehmen ...

    Urlaub bis zum Wecken

    Ben war in seinem Übungsraum, zupfte ein wenig an seinen Gitarrensaiten herum, ihm ging eine bestimmte Sequenz seit längerem durch den Kopf, die er nun in ein ganzes Musikstück verwandeln wollte. Er trug sich schon mit dem Gedanken, den Anruf abzulehnen, dann sah er aber Semirs Namen auf dem Display und ging sofort ran. »Semir! Was verschafft mir die Ehre am Sonntagabend?« – »Ben, lass das Flachsen. Wir müssen Alex vor einer großen Dummheit bewahren.« – »Wir? Du ja wohl nicht. Du hast doch noch bis Mittwoch im Krankenhaus zu bleiben!« – »Ach, hat Andrea dir das auch erzählt? Unsinn Ben, kein Mensch bleibt mit einer Gehirnerschütterung länger als zwei Tage im Krankenhaus.« Ben dachte an den Trick, den Andrea bei Semir anzubringen versucht hatte und schmunzelte. Sein Partner ließ sich von seiner Frau doch nicht so leicht hinters Licht führen. »Ich komme hier morgen raus, da macht es doch nichts, wenn wir beide heute Abend einen kleinen Ausflug unternehmen.« – »Semir, hast du auch nur einen kurzen Moment daran gedacht, dass ich keine Zeit haben könnte?« – »Nein«, antwortete Semir kurz, »in zwanzig Minuten?« – »Aber …Semir … Semir?« Aber Semir hatte bereits aufgelegt. »Das wird teuer, Partner!«, sprach Ben in den leeren Raum und legte dabei einen deutlich ironischen Unterton auf das Wort »Partner«, stellte seine Gitarre zur Seite und fuhr nur eine viertel Stunde später auf den Parkplatz des Marienkrankenhauses.

    Semir hatte sich schon fertig angezogen. Um diese Zeit war nur noch eine Schwester vorne auf der Station, zwei weitere hielten sich gerade im Aufenthaltsraum auf, bereit, bei einem Klingeln sofort auf den Flur zu kommen. Als Semir seine Tür öffnete und auf den Flur seiner Station trat, sah er gerade, wie die Schwester ein anderes Patientenzimmer betrat. In seinem Zimmer hatte er das Licht gelöscht, das Bettzeug etwas zusammengerollt. Ein flüchtiger Blick in den dunklen Raum würde ihn noch nicht der nächtlichen Bettflucht überführen und zum Wecken wäre er lange wieder da. Zumindest hoffte Semir, sein Plan würde aufgehen. Dass eine der Schwestern, Schwester Eva, aber gerade den Aufenthaltsraum verlassen hatte, um in einer Patientenakte etwas nachzuschlagen, bemerkte Semir nicht. Die sah ihm verwundert nach und schüttelte den Kopf. Dann sah sie aber in Semirs Zimmer, dass noch alle seine Sachen da waren und dachte, er wäre wohl nur kurz zum Kiosk oder eine Runde frische Luft schnappen. Auch als Semir Stunden später noch nicht wieder da war, entschied sie sich, das noch nicht an die große Glocke zu hängen, schließlich war der Patient quasi schon entlassen. Der würde schon wieder zurückkommen.

    Semir spazierte durch das Treppenhaus des Krankenhauses und ging langsam inmitten einiger Spätbesucher durch die Eingangstür auf den Vorplatz, wo ihm Bens geliehener Touareg nicht gleich auffiel. Aber als Ben kurz aufblendete, fiel ihm wieder ein, dass Bens Auto ja bei Sascha zur Inspektion stand.

    »Bist du jetzt total verrückt geworden, Semir?« – »Ich freue mich auch, dich zu sehen, Ben!« – »Wo müssen wir hin?«, fragte Ben und steuerte die Ausfahrt des Parkplatzes an. »Erst mal zur Dienststelle.« – »In die PAST?« – »Ja, ich fahre nicht ohne Waffe, außerdem müssen wir Alex‘ Mercedes orten.«

    Semir fiel gleich sein BMW auf, der vor der Tür des Dienstgebäudes stand. »Na, da hat ja wenigstens einer mitgedacht«, bemerkte er. Immerhin stand der Wagen einige Stunden vorher noch auf dem Parkplatz hinter Saschas Werkstatt. »Willst du mit mir rein?«, fragte Semir. – »Ich stell mein Auto dort hinten ab und komme dann nach.« Ben ließ Semir aussteigen und parkte den Leihwagen auf einem freien Stellplatz.

    Bonrath und Jenny machten große Augen, als sie Semir erblickten. »Semir? Was…?«, doch der winkte ab, »ich bin gar nicht hier, Dieter. Stell mal bitte fest, wo Alex‘ Wagen ist. Ich habe das Gefühl, der begeht gerade eine große Dummheit.« Semir durchquerte das Büro zu den Schließfächern und entnahm ihm seine Waffe. Dann holte er von seinem Schreibtisch noch den Schlüssel seines Dienstwagens. Zurück im Dienstraum, sah er Ben eintreten und ergriff gleich wieder das Wort. »Und Ben ist auch nie hier gewesen, okay? Das ist heute alles ganz privat, hört ihr? Gebt mir die Position über Funk durch.« Bonrath und Jenny nickten sprachlos, und ehe sie etwas erwidern konnten, war Semir mit seinem ehemaligen Dienstpartner schon wieder draußen. Jenny machte sich gleich an die Arbeit und ortete den Mercedes von Alex.

    Semir reichte Ben den Autoschlüssel. »Fahr du lieber!« Ben hatte gerade den Motor gestartet, da kam schon die Stimme von Jenny über Funk. »Cobra 11 für Zentrale.« – »Cobra 11 hört« – »Alex fährt auf der Landstraße westlich von Mayen.« – »Danke, Jenny.« Damit hatten sie eine grobe Richtung.

    Während der Fahrt sah Ben ab und zu verstohlen zu Semir rüber, der seine Rückenlehne nach hinten gedreht hatte und seinen Kopf anlehnte. »Meinst du, dass das eine gute Idee ist? Du siehst nicht so aus, als ginge es dir gut genug.« – »Bitte, Ben. Fahr einfach.«

    Sie waren noch auf der Autobahn, als sie über Funk von Jenny erfuhren, dass Alex‘ Auto wohl zum Stehen gekommen war. Sie gab ihnen die Koordinaten durch. »Das ist ein Anwesen auf dem Land«, fügte sie noch hinzu. Nach einer guten Stunde Fahrt erreichten sie die Bushaltestelle, auf der vorher auch Alex seinen Wagen abgestellt hatte, bevor er den Sandweg hinuntergefahren war.