Beiträge von Yon

    Erklärungen

    Semir schloss leise die Tür zum Kinderzimmer und begab sich in die Wohnstube, wo Andrea mit angezogenen Beinen auf dem Sofa saß. Er nahm auf dem Sessel Platz und betrachtete seine Frau, bis sein Blick erwidert wurde. Irgendwann hielt keiner von beiden es mehr aus. »Ich…« – »Ich…«, begannen sie nahezu gleichzeitig. »Fang du an«, gab Semir Andrea den Vortritt.

    »Was genau ist passiert, Semir? Was ist mit deiner Hand? Und wie geht es Ben?« Bevor Andrea noch weitere Fragen aneinander reihen konnte, unterbrach sie Semir mit erhobener Hand. »Von Anfang an?« – »Ja, ich möchte gern alles wissen … und verstehen.«

    »Ich habe Ayda vom Bus abgeholt, und wir waren auf dem Heimweg, als mich der Notruf von Alex erreichte. Susanne gab ihn mir weiter.« – »Und da hätte keiner deiner Kollegen hinfahren können?« – »Nein, die waren nicht in der Nähe. Andrea, Alex ist mein Partner und mein Freund, außerdem war Ben ebenfalls in Gefahr, weil Alex Bens Einsatz beobachtet hatte. Ben hätte gar nicht da sein dürfen, umso wichtiger war es für uns, dass er die Sache unbeschadet übersteht. Und dass ich für Ben alles tun und bestimmt seine Rettung nicht in die Hände von Kollegen legen würde – obwohl das Verb »legen« Bestandteil des Subjekts »Kollegen« ist – das, Andrea, wirst du doch verstehen.« Andrea musste kurz lächeln, das Wortspiel Kollegen legen war ihr gar nicht aufgefallen. Dann bemühte sie sich aber wieder um einen ernsten Gesichtsausdruck und forderte Semir mit einem stummen Kopfnicken zum Weiterreden auf. »Außerdem«, fuhr Semir fort, »dachte ich nicht, dass es so gefährlich werden könnte. Als ich ankam, stand Alex‘ Auto schon in Flammen. Ich sagte zu Ayda, sie sollte im Wagen sitzen bleiben, und bin in das Haus.« – »Du hast sie alleine gelassen?« – »Ja, Andrea, und du kannst mir glauben, es ist mir nicht leicht gefallen. Aber ich konnte sie auch nicht mitnehmen. Immerhin vermutete ich im Haus mindestens sechs bewaffnete Gangster, denen Ben und Alex alleine gegenüber standen.« – »Hmm. Weiter?« – »Ich bin dann rein, wir haben versucht und am Schluss auch geschafft, die Verbrecher zu überwältigen. Sie hatten bei Ben den Peilsender entdeckt und so musste Alex eingreifen. Als ich reinkam, lag bereits ein Gangster am Boden, Ben war angeschossen, und er und Alex wurden von zwei Männern direkt bedroht.« – »Angeschossen?« Andreas Augen weiteten sich. »Ein Steckschuss an der Wade, nicht so schlimm. Alex und ich konnten die Zwei überwältigen und festnehmen. Dann sah ich aus dem Fenster, dass jetzt auch mein BMW brannte und bin rausgerannt. Ich sah noch einen grünen Opel wegfahren.« Semir sah den brennenden Wagen vor seinem inneren Auge, merkte wieder die Panik, die er vor knapp drei Stunden verspürte, in sich aufkeimen. Seine Augen füllten sich mit Tränen. Er schluckte. »Ich lief hin und riss die Tür auf. Dabei verbrannte ich mir meine Handfläche. Das Auto war leer.« – »Ayda hätte jetzt tot sein können, Semir«, Andreas Stimme zitterte. Semir setzte sich vom Sessel auf das Sofa und nahm seine Frau in seinen Arm. Er strich ihr durch das Haar. »Es tut mir leid, Andrea. Ich weiß nicht, was ich getan hätte, wenn …«, er sprach seinen Gedanken nicht aus, »ich habe die Situation einfach unterschätzt.«

    »Und wo war Ayda?« – »Sie sah die Männer auf das Auto zukommen und konnte sich verstecken. Hinter dem Auto waren eine Böschung und ein Wald. Da ist sie hinuntergerutscht und hat sich hinter einen Baum gesetzt. Dort habe ich sie gefunden.« – »Gut. Aber …, nein, ist gut.« Andrea entschied sich im letzten Augenblick, Semir nicht das Versprechen abzuringen, niemals wieder seine Tochter einer solchen Gefahr auszusetzen. Denn sie wusste, dass er es nicht würde halten können, sollte er wieder in einer ähnlichen Situation sein. So ließ sie es auf sich beruhen, löste sich etwas aus seiner Umarmung und wechselte das Thema.

    »Habt ihr jetzt alle Schläger und Menschenhändler geschnappt?« – »Nein. Vier konnten entkommen. Wir gehen davon aus, dass darunter der Chef der Bande ist. Und wir haben über dreißig illegale Einwanderer befreit.« – »Na, ob ihr denen einen großen Gefallen getan habt? Immerhin waren sie in Deutschland, wo sie hinwollten. Jetzt müssen sie wahrscheinlich zurück in ihr Heimatland, oder?« – »Die meisten wahrscheinlich schon«, gab Semir zu, »Trotzdem, es war ein moderner Sklavenhandel, den wir jetzt beenden konnten oder zumindest gründlich schädigen.« – »Wo ist Ben jetzt?« – »Im Marienkrankenhaus. Er wollte sich melden, sobald ...«

    Als hätte Ben das gehört, klingelte Semirs Handy auf dem Couchtisch. »Ben! Wie geht es dir? …. Schon zu Hause? Aber ich hätte dich doch … Danke. Wie man’s nimmt, sie schläft jetzt. … Bist du sicher? … Okay, dann sehen wir uns morgen. Ciao Ben!« Semir behielt das Telefon in seiner Hand. »Ben ist schon wieder zuhause, es war nur eine Fleischwunde. Er hat sich ein Taxi genommen«, sagte er zu Andrea, wählte dann die Nummer von Alex in der PAST aus dem Kurzwahlspeicher. »Alex! Semir hier. Konntest du noch was erfahren? Soll ich noch vorbeikommen?« Semir lauschte seinem Partner eine Weile. »Das klingt nach einem Plan. Bis morgen dann. Ciao.« – »Du musst nicht mehr los?«, fragte Andrea. »Nein, wir beginnen die Vernehmung morgen, aber wir haben schon ihre Personalien. Die anderen sind zur Fahndung ausgeschrieben, da müssen wir abwarten. Die Stadtvilla wird gerade von der Spurensicherung auseinander genommen.« – »Dann können wir ja jetzt auch ins Bett gehen.«

    Mit diesem Vorschlag war Semir mehr als einverstanden und keine halbe Stunde später war es ruhig in der Gerkan’schen Wohnung.

    Das war nun schon die zweite Folge in dieser Staffel, die im Milieu einer Sportart angesiedelt war, der ich persönlich absolut nichts abgewinnen kann. Und sie steht auch bei meiner Bewertung mit „Das letzte Rennen“ auf einer Stufe. Gut, gegen „Angst“ wird es jede Folge auch in Zukunft schwer haben, die „Ausgelöscht“-Doppelfolge war großartig und auch „Spiel mit dem Feuer“ war besser als „Goal“. Für die Komparsen tut es mir etwas leid, dass ihr nicht in einer besseren Folge mitgespielt habt. Den roten Faden der Staffel habe ich vermisst, aber vielleicht war auch mal wieder eine Folge „auf neutralem Boden“ nötig. Das wird sich ja nächste Woche wohl wieder ändern.Das klingt jetzt vielleicht negativer, als es von mir gemeint ist, denn es ist schon „Kritik auf hohem Niveau“.

    Die Folge war um einiges besser als frühere Folgen. Das Thema Homosexualität im Profifußball war gut gewählt, auch die Idee mit der Alibifrau fand ich gelungen. Larissa Marolt (musste man die vorher kennen?) war besser als befürchtet, ich mag es ja eigentlich nicht, wenn Nebendarsteller(innen) vorher so angekündigt werden, als wären sie die wichtigsten Stars überhaupt.

    Der Stunt zu Beginn war schon klasse, schön auf der Autobahn, nettes Gespräch der „Helden“ über Fußball, dann der Aufprall des Fußballers auf der Windschutzscheibe. Super Idee, diese Szene mit einer Kamera aus dem Inneren des Wagens einzufangen.An der Schießerei im Krankenhaus und dem anschließenden Aufspießen des Jaguars (war doch einer?) habe ich auch nichts auszusetzen.

    Aber der Strippenzieher in Singapur – ohne Worte!

    Homosexualität, getürkte Wetten, Spielemanipulation, Erpressung – und ein Mehmet, der sich im letzten Moment dazu entscheidet, nicht bei der Manipulation, sondern beim Fußball mitzuspielen und sich zu outen. Dass er dafür zuerst die gelbe, dann die rote Karte erhält, hatte großen Symbolcharakter, denn ein einziges Coming Out wird die (Fußball-)Welt nicht ändern. Tim Oliver Schultz, wir kennen ihn ja schon aus „Engel des Todes“, hat mich auch in dieser Rolle überzeugt.

    Schön fand ich, wie Semir Mehmets Vater ins Gewissen redet, dass die Homosexualität seines Sohnes kein Grund sei, sein Kind nicht mehr zu lieben, und natürlich besonders, dass dieser am Ende der Folge seinen Standpunkt überdenkt und seinen Sohn in den Arm nimmt.

    Und hier ist der Trailer:

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    Die Geldübergabe hat schon mal geklappt. Wie wird sich Semir entscheiden? Zugriff oder nicht? Ich weiß auch nicht, was besser wäre, beides könnte den Tod oder das Leben von Ayda bedeuten.
    Zange hat sich wirklich merkwürdig ausgedrückt, er hat nicht gesagt, dass Andrea ihre Tochter nicht mehr sehen wird, sondern Ayda ihre Mutter, das beunruhigt mich etwas.

    Na, da hat Ben ja mal wieder eine ganze Reihe an Baustellen, die in der Uni-Klinik behoben werden müssen. Obwohl ich fest davon ausgehe, dass Ben auf eigenen Füßen und in voller Dienstfähigkeit diese Story verlassen wird, würde mich doch auch ein kleiner Exkurs in die moderne Prothesen-Technik interessieren.

    Haben sich eigentlich Brummer und Stumpf sen. schon "getroffen"?

    Das Making-Of

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    Andrea

    »Andrea, …« – »Nein, ich will gar nichts hören. Kommt rein, ab ins Bad!« – »Ich …« – »Spar dir das, Semir. Nennst du das Abholen?« – »Lass mich dir doch …« – »Später vielleicht. Abendbrot steht auf dem Tisch, aber nur für saubere Leute, also beeilt euch.« – »Mama!«, drängte sich nun Ayda vor und rief damit bei Andrea eine völlig andere Reaktion vor, während Semir nur betreten nach unten blickte und ins Badezimmer trottete. »Ja, Ayda, mein Schatz, was ist denn passiert? Komm her!« Sie schloss ihre Tochter ungeachtet des Schmutzes in ihre Arme. »Mama, es war so schrecklich, das ganze Auto hat gebrannt und ich musste mich im Wald verstecken. Und Papa war nicht da.« – »Bitte? Er hat dich alleine gelassen? – Semir!«, rief sie in Richtung Bad, von dort war aber nur das Rauschen der Dusche zu hören, »Das wird er mir gleich erklären müssen. Und warum hat der Wagen gebrannt? Das will ich gleich alles erfahren, ja?« Andrea ging mit Ayda ins Kinderzimmer, in dem Lilly bereits tief und fest schlief. Sie half ihr beim Ausziehen der noch feuchten Jeans und holte aus dem Schrank frische Unterwäsche und einen Schlafanzug. »Jetzt geht es gleich unter die Dusche und dann gibt es noch was zu essen, ja?« – »Ja, Mama.«

    Sie hörten Semir über den Flur in Richtung Schlafzimmer gehen. »Das Bad ist frei«, flüsterte Andrea, »komm mach schnell!«

    Das Abendessen verlief weitestgehend schweigsam. Andrea würdigte Semir keines Blickes. Was bildete der sich ein, ihre Tochter in Gefahr zu bringen, den Einsatz hätten doch sicher auch seine Kollegen durchführen können. Sie war richtig sauer und fest entschlossen, es ihm diesmal nicht einfach zu machen.

    »Andrea, jetzt lass mich doch mal ausreden«, startete Semir einen neuen Versuch, »Alex hat um Hilfe gerufen, dann bin ich doch wohl verpflichtet, ihm zu helfen, oder?« – »Nicht, wenn Ayda in deinem Auto sitzt!« – »Was hätte ich denn machen sollen? Alex und Ben hätten jetzt tot sein können. Ich musste dahin! Übrigens ist Ben verletzt.« Andrea stutzte einen Augenblick, stand dann aber wortlos auf und ging mit Ayda in das Kinderzimmer. »Andrea!«, rief Semir ihr noch hinterher. Dann knallte er sein Besteck auf den Tisch, trank sein Glas leer und stand geräuschvoll vom Esstisch auf. »Dann eben nicht!«

    Andrea brachte Ayda zu Bett. Als ihre Tochter sich endlich die Bettdecke bis unter den Hals zog und Andrea ihr noch einen Gute-Nacht-Kuss aufdrückte, fragte die Achtjährige leise: »Mama, bist du sehr böse auf den Papa?« Andrea holte Luft und legte sich ihre Antwort zurecht: »Ach Ayda, er hat dich heute in Gefahr gebracht, und das ärgert mich. Das war nicht in Ordnung, und ich möchte, dass er das genau weiß. Aber, nein, ich bin nicht wirklich böse. Wir werden es nachher besprechen.« – »Ihr habt euch nicht gestritten?« Zu groß war die Sorge des Mädchens, ihre Eltern könnten sich erneut streiten und trennen, das ganze lag gerade hinter ihnen. »Nein Ayda, mach‘ dir keine Gedanken, wir werden uns sicher wieder vertragen, vielleicht nur nicht heute. Du, was ist mit Ben passiert?« – »Ich weiß nicht genau, er ist mit einem Krankenwagen weggefahren, konnte aber selbst laufen.« Andrea war erleichtert, als sie das hörte. »Nun schlaf schön, mein Liebling.« – »Kann Papa noch mal kommen?« Andrea nickte. »Ich sag ihm Bescheid.«

    Sie fand Semir im Wohnzimmer, wo er auf dem Sofa lag. Das Licht hatte er gar nicht erst angemacht, auch der Fernsehapparat war aus. Er schien bereits zu schlafen. »Gehst du noch mal zu Ayda?«, fragte Andrea von der Wohnzimmertür aus. Semir nickte, erhob sich von der Couch und ging wortlos an Andrea vorbei in Richtung Kinderzimmer.

    »Was gibt es denn noch, Ayda?«, fragte er, als er auf ihrer Bettkante saß – »War es falsch, dass du mit mir zu diesem Haus gefahren bist? Mama sagt das.« – »Tja, ich darf nicht mit dir auf einen Einsatz fahren, das ist zu gefährlich, da hat die Mama schon recht. Ich kann verstehen, dass sie jetzt böse auf mich ist.« – »Soll ich dir was verraten, Papa?«, fragte Ayda mit einem verschwörerischen Blick. Semir zog die Augenbrauen in die Höhe. »Ja?« – »Mama ist gar nicht böse auf dich.« Semir begann zu Lachen. »Na, da hat sie aber eine sehr eigene Art, mir das zu zeigen.« Er gab ihr noch einen Kuss auf die Stirn, und erhob sich. Auf dem Weg nach draußen, warf er noch einen längeren Blick auf die schlafende Lilly, strich seiner jüngeren Tochter eine Haarsträhne aus dem Gesicht und schaute dann wieder zu Ayda. »Licht an oder aus?« – »Aus«, kam schon sehr verschlafen aus Aydas Richtung.

    Die Alpträume, Rückblenden, Irreführungen des Lesers nehmen in letzter Zeit hier wirklich zu.

    Kevin ist natürlich bereit, die Geldübergabe zu überwachen und den Bösen zu verfolgen. Ich hoffe, der Plan gelingt und es dauert nicht allzu lange, bis Semir und Andrea ihre Tochter wieder haben.

    Dass Robby da "lebend" rausgekommen ist, halte ich zwar für recht unrealistisch, denn solche Maschinen sind ja doch recht empfindlich, und um einen Haufen Blech - so nützlich es in diesem Fall auch war - täte es mir nun doch nicht leid. Und Hartmut hätte bestimmt einen neuen bauen können.

    Für Ben geht es jetzt ins Krankenhaus, Semir ist auch angeschlagen, aber es sind keine Todesopfer beim Brückeneinsturz zu beklagen gewesen. Ich hoffe, auch Bens Leidensgenosse geht es mittlerweile besser.

    Ayda

    Als Ayda die Männer mit ihren Waffen erblickte, und dann einen davon mit dem Kanister auf sich zukommen sah, bekam sie es mit der Angst zu tun. Sie sollte im Auto sitzen bleiben, egal was geschah, die Worte ihres Vaters klangen noch in ihren Ohren nach. Aber meinte Semir auch eine Situation wie diese? Sie warf ihr Comicheft auf den Sitz und starrte die Männer an. »Papa?«, fragte sie leise und ängstlich, aber von ihrem Vater war weit und breit nichts zu sehen. Dann traf sie für sich eine Entscheidung, sie würde nicht hier sitzen bleiben. Vergessen waren die Ermahnungen, zu groß ihre Angst vor diesen Kerlen, die entschlossen immer näher kamen. Ayda öffnete die Tür auf der dem Wald zugewandten Seite, ließ sich aus dem Auto fallen und verschwand schnell auf allen Vieren im Gebüsch. Hier rutschte sie auf dem Hosenboden mehrere Meter eine nasse und matschige Böschung hinunter und lief dann im Zickzack durch den angrenzenden Wald, wo sie sich an einen dicken Baumstamm setzte und hoffte, nicht entdeckt zu werden. Ihr Atem ging stoßweise.

    Der Mann erreichte jetzt den BMW, riss die Tür auf, entleerte den Kanister und zückte sein Feuerzeug. Mit Entsetzen nahm Ayda wahr, dass der Wagen, der ihr eben noch Schutz bieten sollte, innerhalb von Sekunden in Flammen aufging. Sie zog ihre Knie an ihren Oberkörper und blieb so zusammengekauert sitzen, eine gefühlte Ewigkeit lang, einer Ewigkeit, in der sie sich schon in den schrecklichsten Farben ausmalte, dass ihr Vater nicht wieder aus dem Haus heraus kam und niemand sie finden und nach Hause bringen würde. Tränen stauten sich in ihren Augen, bahnten sich dann ihren Weg über ihre Wangen und tropften auf ihren Anorak.

    Semir hatte keinen Blick übrig für Ben oder Alex, sondern rannte aus dem Haus. »AYDA!«, schrie Semir in Panik und lief auf sein Auto zu. Ungeachtet der Hitze, die mittlerweile von der Fahrgastzelle aus ihm entgegen schlug und ihm die Handfläche verbrannte, riss er die Tür zum Fond auf und sackte vor Erleichterung in sich zusammen. Der Wagen war leer.

    »Ayda?«, rief er dann wieder, »Wo bist du? Du kannst jetzt rauskommen. Es ist vorbei!« Er blickte sich suchend um. Ins Haus wird seine Tochter nicht gelaufen sein. Die Straße entlang? Wohl auch eher nicht. Blieb der Wald. Er ging am Straßenrand entlang und sah die nasse und matschige Böschung, auf der sich klar und deutlich frische Fußspuren abzeichneten. Semir stieg zwischen den Bäumen den Abhang hinunter, er kümmerte sich nicht weiter darum, dass auch er ins Rutschen kam und in den Matsch fiel und sich zudem seine Kopfwunde an der Augenbraue wieder aufriss. Hektisch blickte er sich um und wiederholte seinen Ruf: »Ayda? Wo steckst du?«

    Sie hob ihren Kopf hoch, als sie Semir ihren Namen rufen hörte. Sie sah ihren Vater den Wald durchsuchen. »Hier!«, flüsterte sie mit leiser Stimme, dann kräftiger: »Hier bin ich, Papa!«

    Semir lief zu seiner Tochter und nahm sie ganz fest in seine Arme. »Ayda«, seine Stimme brach, »ich dachte schon, dass du…« – »Ich hatte solche Angst, da bin ich weggelaufen.« – »Du glaubst ja nicht, wie froh ich bin, dass du einmal nicht auf mich gehört hast.« Es dauerte eine ganze Weile, bis Semir Ayda getröstet hatte und sie bereit war, den Weg nach oben zur Straße anzutreten.

    Kim wundert sich

    Inzwischen waren Rettungswagen, zwei Streifenwagen und Kim Krüger in ihrem Dienstwagen bei der Stadtvilla eingetroffen.

    Die überlebenden Verbrecher wurden ins Gefängniskrankenhaus gebracht, für den Toten ein Leichenwagen gerufen. Semirs verbrannte Hand rief sich schmerzend in seine Erinnerung, in dem Moment, als er den Krankenwagen sah, in dem Ben gerade behandelt wurde. Die Verbrennung war nicht so schwer, aber die Sanitäter reinigten die Handfläche, versorgten sie mit Brandsalbe und legten einen sauberen Verband an. Sie gaben ihm noch eine Tube Brandsalbe mit. Auch die Platzwunde im Gesicht wurde gereinigt und mit Klammerpflastern versorgt.

    »Was ist mit dir, Ben? Du bist verletzt?«, fragte Semir verwundert, der die Verletzung seines Freundes wegen der Sorge um seine Tochter noch gar nicht mitbekommen hatte. »Ja, angeschossen, in der Wade, kein großes Ding, hoffe ich.« – »Soll ich mitfahren?« – »Nein, Semir, du solltest besser nach Hause fahren und Ayda zu ihrer Mutter bringen. Ich rufe dich an, wenn ich abgeholt werden will, okay?«

    Kim Krüger runzelte die Stirn, als sie die beiden ausgebrannten Dienstwagen erblickte, wunderte sich einmal mehr über die Anwesenheit von Ben Jäger an einem Einsatzort, freute sich allerdings auch über die Unversehrtheit ihrer beiden Hauptkommissare Alex und Semir und ließ dann ihren Blick auf Ayda ruhen, die von Semir im Arm gehalten wurde und der nun ihre erste Äußerung galt: »Gerkan! Was hat Ihre Tochter hier verloren?«

    Semir wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, aber seine Chefin hatte sich schon Alex zugewandt. »Beide Dienstwagen verbrandt, Herr Brandt?« Alex liebte diese Wortspiele mit seinem Namen. Er verdrehte genervt seine Augen. Und Kim Krüger legte noch nach. »Was haben Sie sich dabei gedacht, diese hirnverbrandte Aktion auf eigene Faust durchzuziehen? « – »Hinterher ist man meistens klüger, Frau Krüger. Aber wir haben drei weitere Täter und 37 illegale Arbeiter…« – »…die uns jetzt jede Menge Arbeit machen werden«, vollendete Kim Krüger den begonnenen Satz und ließ keinen Zweifel offen, wem sie diese Arbeit übergeben würde.

    Für die illegalen Einwanderer, die im Obergeschoss aufgefunden worden waren, wurde ein Bus bestellt, der sie in ein Übergangslager bringen würde, um dort ihren Aufenthaltsstatus festzustellen und weitere Maßnahmen einzuleiten. Das hieß wohl für die meisten eine Rückreise in ihre Heimatländer, für sehr wenige ein Asylverfahren, deren Ausgang ebenfalls in den Sternen stand. Außerdem wurden zwei Reisetaschen mit Bargeld sichergestellt und von der Polizei in die Asservatenkammer verbracht.

    Semirs Jacke mit seinen Schlüsseln, Aydas Tasche, all das war im BMW verbrannt. So sollten sie von einem Streifenwagen nach Hause gefahren werden. »Alex?«, fragte er seinen Partner und nickte zu seiner Tochter. Alex verstand. »Fahr du ruhig nach Hause, Semir. Die Verletzten werden wir wohl erst morgen befragen können, das hat heute keinen Zweck mehr. Ich räume hier noch mit auf, wir sehen uns morgen.« – »Danke, Alex!«

    So standen Vater und Tochter kurz darauf vor ihrer Wohnungstür, an der Semir mangels Schlüssel klingeln musste, um von Andrea hineingelassen zu werden. Es war mittlerweile schon nach acht Uhr. Semirs Gesicht war von Blut, Ruß und Erde verschmiert, ein neues Pflaster zierte seine Augenbraue, die linke Hand verbunden, das Hemd und die Hose strotzten von Dreck und Matsch. Ayda sah nicht sauberer aus, ihre langen Haare waren zerzaust, die Augen noch immer vom Weinen gerötet. Die rote Hose war auf der einen Seite vom allmählich trocknenden Matsch verdreckt. Keinem, der die beiden so sah, konnte glaubhaft gemacht werden, dass dieser Zustand innerhalb von wenigen Minuten eingetreten war.

    Andrea stand wie angewurzelt im Flur und betrachtete ihren Mann und ihre Tochter eingehend von oben bis unten. »Das glaube ich jetzt nicht!«

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    vielleicht eine aufgebrochene Haustür


    Wohl kaum, da haben die "Einbrecher" schon drauf geachtet.

    Glücklicherweise geht nur Semir mit Tanita in die Wohnung, so kann Ben die Zeugin unten wieder in Empfang nehmen, wer weiß wie weit sie auf ihrer Flucht gekommen wäre. Aber bei der Beschreibung bitte nicht Semir und Erdogan verwechseln, Elli! Und warum merkt sich Tanita nicht einfach die "Größe"?

    Sarah erreicht doch noch in Polizeibegleitung den Unfallort, hätte mich auch gewundert, wenn sie das Drama nicht vor Ort zu sehen bekommen hätte. Ben ist endlich aus dem "Gefängnis" befreit, Robby hat sich heldenhaft für ihn und Semir geopfert. Dann kann er ja jetzt in sein zweites Zuhause, da kennt er sich ja schon aus. ich hoffe, man wird seinen Fuß und seinen Arm retten können, aber Hauptsache ist doch, dass er lebt.

    Rettung?

    Semir sah Alex‘ Auto schon von weitem: eine schwarze Rauchsäule kündigte den Platz an, an dem Semirs Partner seinen Dienstwagen abgestellt hatte. Der Mercedes stand lichterloh in Flammen! Semir trat heftig auf die Bremse und hielt in sicherer Entfernung dahinter an. »Du bleibst im Auto, Ayda! Hast du gehört? Egal was passiert!« Ayda konnte ihren Blick nicht von dem brennenden Fahrzeug abwenden. »Warum brennt das Auto, Papa?« - »Es ist wirklich wichtig, du musst mir versprechen, das Auto nicht zu verlassen«, ging Semir nicht auf die Frage seiner Tochter ein. »Ja, Papa, ich verspreche es.«

    Semir entledigte sich seiner Jacke und warf sie auf den Beifahrersitz. Stattdessen nahm er die schusssichere Weste, die hinter seinem Fahrersitz lag und zog sie über. »Du steigst nicht aus«, betonte er ein letztes Mal und war schon auf dem Weg zum Haus.

    Er bemerkte nicht, dass in dem Moment, in dem er das Haus betrat, vier Personen, zwei davon humpelnd und noch leicht benommen, das Haus durch einen Seiteneingang verließen und sofort den BMW erblickten. »Da ist noch ein Auto, kümmere dich auch darum.« Der Mann, der eben schon Alex‘ Auto angesteckt hatte, grinste und ging zur Treppe, wo er vorhin den Benzinkanister abgestellt hatte, während einer seiner Kumpel in Richtung BMW voranging.

    Semir schlich sich durch den Flur in Richtung der Stimmen. »Ihr sitzt jetzt in der Falle, kommt ihr freiwillig raus oder sollen wir euch holen?«, hörte er gerade jemanden fragen und verstand, dass sein Partner und sein bester Freund in höchster Lebensgefahr schwebten. Ein schneller Blick in den Raum gab ihm Gewissheit. Augenscheinlich kauerten Alex und Ben hinter der Couch und zwei Männer gingen geradewegs auf sie zu, um sie dort zu überwältigen. Auf dem Boden lag ein dritter Mann, dem ausdruckslosen Gesicht nach zu urteilen, bewusstlos oder sogar tot. Semir nahm an, dass Alex keine Munition mehr hatte, sonst wäre er nicht in dieser Lage. Er zog aus der Hosentasche sein Ersatzmagazin, ging in die Hocke und schaute unter das Sofa. Aha, Alex saß links von Ben. Er zielte und ging dann zum Überraschungsangriff über. »Alex! Fang!« Semir warf ihm das Magazin zu, legte an und schoss dem einen in den Arm und reagierte nur Sekundenbruchteile später auf den Schuss des Zweiten, dessen Projektil knapp über Semirs Kopf in die Wand einschlug. Der Mann ging mit einem Aufschrei zu Boden und drückte seine Hand auf die Schusswunde in seiner Schulter. Alex hatte inzwischen nachgeladen und kümmerte sich um den ersten Verletzten, zog dessen Arme nach hinten und legte Handschellen an. Dann nahm er auch den zweiten fest, den Semir mit seiner Waffe in Schach hielt. »Mensch, Semir, wenn du nicht gekommen wärst! Wo ist der Rest hin?« Ben hatte sich mühsam hinter dem Sofa erhoben und versuchte vorsichtig aufzutreten. »Danke, Partner!«, stammelte er, »das war knapp!«

    Doch dieser reagierte nicht. Semirs Blick ging versteinert durch das Wohnzimmerfenster nach draußen. Er konnte nicht fassen, was er sah. Die Flammen schlugen bereits aus dem geborstenen Heckfenster seines Dienstwagens nach außen, aus dem Auto, in dem sitzen zu bleiben er vor weniger als einer viertel Stunde seiner Tochter geradezu befohlen hatte.