Erklärungen
Semir schloss leise die Tür zum Kinderzimmer und begab sich in die Wohnstube, wo Andrea mit angezogenen Beinen auf dem Sofa saß. Er nahm auf dem Sessel Platz und betrachtete seine Frau, bis sein Blick erwidert wurde. Irgendwann hielt keiner von beiden es mehr aus. »Ich…« – »Ich…«, begannen sie nahezu gleichzeitig. »Fang du an«, gab Semir Andrea den Vortritt.
»Was genau ist passiert, Semir? Was ist mit deiner Hand? Und wie geht es Ben?« Bevor Andrea noch weitere Fragen aneinander reihen konnte, unterbrach sie Semir mit erhobener Hand. »Von Anfang an?« – »Ja, ich möchte gern alles wissen … und verstehen.«
»Ich habe Ayda vom Bus abgeholt, und wir waren auf dem Heimweg, als mich der Notruf von Alex erreichte. Susanne gab ihn mir weiter.« – »Und da hätte keiner deiner Kollegen hinfahren können?« – »Nein, die waren nicht in der Nähe. Andrea, Alex ist mein Partner und mein Freund, außerdem war Ben ebenfalls in Gefahr, weil Alex Bens Einsatz beobachtet hatte. Ben hätte gar nicht da sein dürfen, umso wichtiger war es für uns, dass er die Sache unbeschadet übersteht. Und dass ich für Ben alles tun und bestimmt seine Rettung nicht in die Hände von Kollegen legen würde – obwohl das Verb »legen« Bestandteil des Subjekts »Kollegen« ist – das, Andrea, wirst du doch verstehen.« Andrea musste kurz lächeln, das Wortspiel Kollegen legen war ihr gar nicht aufgefallen. Dann bemühte sie sich aber wieder um einen ernsten Gesichtsausdruck und forderte Semir mit einem stummen Kopfnicken zum Weiterreden auf. »Außerdem«, fuhr Semir fort, »dachte ich nicht, dass es so gefährlich werden könnte. Als ich ankam, stand Alex‘ Auto schon in Flammen. Ich sagte zu Ayda, sie sollte im Wagen sitzen bleiben, und bin in das Haus.« – »Du hast sie alleine gelassen?« – »Ja, Andrea, und du kannst mir glauben, es ist mir nicht leicht gefallen. Aber ich konnte sie auch nicht mitnehmen. Immerhin vermutete ich im Haus mindestens sechs bewaffnete Gangster, denen Ben und Alex alleine gegenüber standen.« – »Hmm. Weiter?« – »Ich bin dann rein, wir haben versucht und am Schluss auch geschafft, die Verbrecher zu überwältigen. Sie hatten bei Ben den Peilsender entdeckt und so musste Alex eingreifen. Als ich reinkam, lag bereits ein Gangster am Boden, Ben war angeschossen, und er und Alex wurden von zwei Männern direkt bedroht.« – »Angeschossen?« Andreas Augen weiteten sich. »Ein Steckschuss an der Wade, nicht so schlimm. Alex und ich konnten die Zwei überwältigen und festnehmen. Dann sah ich aus dem Fenster, dass jetzt auch mein BMW brannte und bin rausgerannt. Ich sah noch einen grünen Opel wegfahren.« Semir sah den brennenden Wagen vor seinem inneren Auge, merkte wieder die Panik, die er vor knapp drei Stunden verspürte, in sich aufkeimen. Seine Augen füllten sich mit Tränen. Er schluckte. »Ich lief hin und riss die Tür auf. Dabei verbrannte ich mir meine Handfläche. Das Auto war leer.« – »Ayda hätte jetzt tot sein können, Semir«, Andreas Stimme zitterte. Semir setzte sich vom Sessel auf das Sofa und nahm seine Frau in seinen Arm. Er strich ihr durch das Haar. »Es tut mir leid, Andrea. Ich weiß nicht, was ich getan hätte, wenn …«, er sprach seinen Gedanken nicht aus, »ich habe die Situation einfach unterschätzt.«
»Und wo war Ayda?« – »Sie sah die Männer auf das Auto zukommen und konnte sich verstecken. Hinter dem Auto waren eine Böschung und ein Wald. Da ist sie hinuntergerutscht und hat sich hinter einen Baum gesetzt. Dort habe ich sie gefunden.« – »Gut. Aber …, nein, ist gut.« Andrea entschied sich im letzten Augenblick, Semir nicht das Versprechen abzuringen, niemals wieder seine Tochter einer solchen Gefahr auszusetzen. Denn sie wusste, dass er es nicht würde halten können, sollte er wieder in einer ähnlichen Situation sein. So ließ sie es auf sich beruhen, löste sich etwas aus seiner Umarmung und wechselte das Thema.
»Habt ihr jetzt alle Schläger und Menschenhändler geschnappt?« – »Nein. Vier konnten entkommen. Wir gehen davon aus, dass darunter der Chef der Bande ist. Und wir haben über dreißig illegale Einwanderer befreit.« – »Na, ob ihr denen einen großen Gefallen getan habt? Immerhin waren sie in Deutschland, wo sie hinwollten. Jetzt müssen sie wahrscheinlich zurück in ihr Heimatland, oder?« – »Die meisten wahrscheinlich schon«, gab Semir zu, »Trotzdem, es war ein moderner Sklavenhandel, den wir jetzt beenden konnten oder zumindest gründlich schädigen.« – »Wo ist Ben jetzt?« – »Im Marienkrankenhaus. Er wollte sich melden, sobald ...«
Als hätte Ben das gehört, klingelte Semirs Handy auf dem Couchtisch. »Ben! Wie geht es dir? …. Schon zu Hause? Aber ich hätte dich doch … Danke. Wie man’s nimmt, sie schläft jetzt. … Bist du sicher? … Okay, dann sehen wir uns morgen. Ciao Ben!« Semir behielt das Telefon in seiner Hand. »Ben ist schon wieder zuhause, es war nur eine Fleischwunde. Er hat sich ein Taxi genommen«, sagte er zu Andrea, wählte dann die Nummer von Alex in der PAST aus dem Kurzwahlspeicher. »Alex! Semir hier. Konntest du noch was erfahren? Soll ich noch vorbeikommen?« Semir lauschte seinem Partner eine Weile. »Das klingt nach einem Plan. Bis morgen dann. Ciao.« – »Du musst nicht mehr los?«, fragte Andrea. »Nein, wir beginnen die Vernehmung morgen, aber wir haben schon ihre Personalien. Die anderen sind zur Fahndung ausgeschrieben, da müssen wir abwarten. Die Stadtvilla wird gerade von der Spurensicherung auseinander genommen.« – »Dann können wir ja jetzt auch ins Bett gehen.«
Mit diesem Vorschlag war Semir mehr als einverstanden und keine halbe Stunde später war es ruhig in der Gerkan’schen Wohnung.