Beiträge von Yon

    Jetzt bekommt Semir viele Hinweise von Brummers Frau und ehemaligem Vorgesetzten, kann ihn aber nicht finden. Wenn er wüste, wie dicht er ihm schon gekommen war. Hätte er einen Hundeführer mit Hund mitgenommen, dann hätte Brummer jetzt verhaftet sein können.

    Pleite

    Max Kosiak betrat das Lager am Hafen, welches der Band von Ben Jäger als Probenraum diente. „Ben!“, rief er, konnte aber niemanden erblicken, „Ben?“ In diesem Moment betrat Ben Jäger aus einem Nebenzimmer den Probenraum. „Ich bin ja schon da, Max. Was gibt es denn?“ – „Schlechte Nachrichten, Ben. Deine Band ist so gut wie pleite. Wenn es euch nicht gelingt, mehr Publikum zu euren Konzerten zu bewegen, könnt ihr bald einpacken. Das letzte Konzert hat nach Abzug der Raummiete und unserer Kosten ganze 145€ eingespielt. Für fünf Personen!“

    Max hielt seine Abrechnung in die Höhe. Ben machte ein ernstes Gesicht. Er wusste wie es um die Band stand. Würde sein Vater sie nicht mit einem monatlichen Zuschuss unterstützen, sie könnten ihre Profikarrieren längst an den Nagel hängen. Klaus, der Gitarrist gab bereits vermehrt Musikunterricht, Bertus, der Schlagzeuger arbeitete noch in seinem Job als Maurer. Sie waren froh, ihre reguläre Arbeit nie ganz aufgegeben zu haben, denn wie es zurzeit schien, würde die Musik wohl doch nur ein schönes Hobby bleiben. Konrad Jäger hatte Ben zwei Jahre gegeben, wenn er bis dahin nicht von seiner Musik würde leben können, müsste er sich wieder eine andere Arbeit suchen oder doch in seine Firma einsteigen.

    Der Weg zurück zur Polizei war für Ben derzeit keine Option, nicht nach dem, was er in seinem letzten „unfreiwilligen“ Fall erlebt hatte. Eigentlich sollte er Semir nur zu Alex fahren, der verschwunden war und in der Nähe eines Landgutes in der Südeifel geortet werden konnte, weil Semir angeschlagen und nicht in der Lage war, selbst Auto zu fahren. Aber dann gerieten Alex und Semir dort in einen Hinterhalt. Bei der Befreiung seines Freundes und dessen Partners geriet Ben selbst in Lebensgefahr und blickte seinem Tod in Form eines stählernen Pistolenlaufs ins Auge.

    Nein, das wollte er auf gar keinen Fall noch einmal erleben. Mit diesem Kapitel seines Lebens hatte er abgeschlossen. Und die anderen Stellen der Polizei, im Präsidium oder im LKA reizten ihn auch nicht. Ben konnte sich bei bestem Willen keinen Job vorstellen, bei dem er 9 Stunden am Tag damit verbrachte, im Büro Akten von links nach rechts zu stapeln. Und die Firma seines Vaters? Nein! Sein Leben gehörte der Musik. Alles hatte vor gut einem Jahr so gut begonnen, sie hatten sogar eine Tour durch Clubs in Deutschland, Österreich und der Schweiz organisiert bekommen und konnten von ihren Einnahmen leben, nicht auf großem Fuß, aber leben.

    Trotzdem war Ben immer wieder auf die Zuschüsse seines Vaters angewiesen, Klaus und Bertus nahmen ihre für das Bühnenleben ruhenden Beschäftigungen wieder auf. Die Proben fanden abends statt. Ben schrieb tagsüber an neuen Songs und hoffte immer wieder auf einen Durchbruch. „…sonst sehe ich schwarz!“ – „Hää? `tschuldigung, Max, ich habe nicht zugehört.“ Ben war mit seinen Gedanken weit weg gewesen. „Das habe ich gemerkt. Ich sagte, ich habe einen Auftritt für euch klargemacht auf der Sunbeach-Bühne am Donnerstag. Nachmittags um 17:30 Uhr, open end. Zum Festpreis. Eventuell springen noch weitere Sommerkonzerte heraus, wenn ihr gut ankommt. Ansonsten sehe ich schwarz.“ Die Sunbeach-Bühne war eine Open-Air-Bühne in einem Strandbad am Rhein, ein Anziehungspunkt, gerade für die After-Work-Szene, die dort ihren Arbeitstag mit Cocktails und kleinen Snacks ausklingen ließen. „Also eigene Songs und Cover-Songs angesagter Sommerhits. Überzeugt die Jungs und Mädels dort, sonst kannst du dir einen neuen Manager suchen.“ Ben sah ihn sprachlos an, dann zwang er sich zur Frage: „Du würdest gehen?“ –„Ben, schau, ich mag euch“, erklärte Max in ruhigem, beinahe väterlichem Ton, „aber ich muss auch eine Familie ernähren. Euer Management ist ein zeitaufwendiges Hobby, doch ich muss auch Geld verdienen. Um deine Frage zu beantworten, Ben: Ja, ich würde gehen.“ – „Ist schon okay, ich verstehe dich, Max.“

    Max verließ den Probenraum von Ben Jägers Band und ließ den Musiker alleine zurück. Der saß noch einige Zeit tatenlos auf der Couch. Es dämmerte allmählich, aber er machte kein Licht an.

    Immer wieder überlegte er seine Situation. Diese Sommerkonzerte waren ihre letzte Chance. Ihr Repertoire gab es auch her, gut zwei Stunden Partyhits zu spielen und einige eigene Songs einzustreuen. Dann rief er Klaus und Bertus an und verabredete sich zu weiteren zwei Proben, damit am Donnerstag alles klappte.

    Semir setzt erstmal die PAST-Familie über Bens Zustand in Kenntnis.
    Moment! Da ist ein sehr gefährlicher Mann auf der Flucht und Semir will erst mal ein paar Berichte abarbeiten????

    Vertretung

    Die Nachricht, dass Kim Krüger angeschossen worden war, hatte sich in der PAST wie ein Lauffeuer herumgesprochen. Alex saß schon an seinem Schreibtisch und tippte seinen Bericht des gestrigen Einsatzes in den PC. Er schaute nur kurz auf, als Semir das gemeinsame Büro betrat. „Morgen, Semir! Fahren wir gleich?“ – „Nein, noch nicht, ich werde erst mal auf Krügers Schreibtisch schauen, ob etwas wichtiges anliegt. Wo sind Bonrath und Jenny? Schon los?“ – „Ja, zur Großkontrolle an der A3.“ – „Ach, ist das heute? Da fahren wir nachher mal vorbei. Vielleicht können sie noch Unterstützung gebrauchen.“ Semir ging zuerst in die Teeküche, dann mit dem gefüllten Kaffeebecher bewaffnet in das Büro der Chefin. Dort verschaffte er sich einen groben Überblick über die eingegangene Post und die laufenden Vorgänge, unterschrieb in Vertretung Bonraths Urlaubsantrag, zeichnete den von Susanne vorbereiteten Dienstplan mit und reichte die Krankmeldung eines der Streifenbeamten an das Präsidium weiter. Dann telefonierte Semir eine Weile mit Krügers Vorgesetztem dort, um ihm Krügers Ausfall zu erläutern, stellte anschließend ihr Telefon auf seinen eigenen Apparat um und trat dann in das Großraumbüro, wo er das Wort erhob: „Susanne? Kollegen? Kommt ihr kurz mal zusammen?“ Nachdem sich alle Beschäftigten der PAST um ihn geschart hatte, umriss er kurz die aktuelle Situation, versicherte den Kollegen, dass Kim Krüger nicht allzu schwer verletzt war, aber dennoch einige Wochen nicht ins Büro kommen und er sie in ihrer Position vertreten würde. Jeder könnte sich in dienstlichen und persönlichen Angelegenheiten jederzeit an ihn wenden. Dann schlug er noch vor, eine Sammlung zu veranstalten und der Chefin einen netten Genesungsgruß zu besorgen. Hiermit beauftragte er zugleich Susanne, die versprach, sich am Nachmittag darum zu kümmern.

    Anschließend verließ Semir mit Alex die Dienststelle, um sich bei der Großkontrolle an der A3 umzuschauen. Alex blätterte während der Fahrt rastlos in einer dieser Fernsehzeitschriften, die jeden Dienstag der Tageszeitung als kostenlose Beilage beigefügt war. Semir schaute immer wieder zu ihm rüber und wunderte sich. „Was machst du denn da? Lernst du das Programm auswendig?“, wollte er von seinem Partner wissen. „Ich bin am Rechnen.“ – „Wie bitte?“ Semir verstand nicht. „Pass auf, Semir. Diese Zeitschrift enthält neben dem Programm der wichtigsten Sender genau 25 Werbeanzeigen, davon alleine sechs für Treppenlifte und vier für Krankenfahrstühle. Ich bin mir ja auch sicher, dass zu viel Fernsehen krank und immobil macht, aber das ist doch wohl zu viel. Und genauso sicher bin ich, dass die Zimmer oder Kabinen auf den vier Kreuzfahrten und in den acht Wellnesshotels, denen sich die weiteren Anzeigen widmen, auch Fernseher haben. Diese Zeitschrift ist doch echt krank.“

    „Dann passt sie ja zum Programm. Was ist mit den letzten drei Anzeigen?“ – „Du meinst, es besteht ein direkter Zusammenhang zwischen dem Fernsehprogramm und den Anzeigen? Die letzten Annoncen betreffen Medikamente gegen Blasenschwäche oder Verstopfung und bügelfreie Hemden im Doppelpack.“ – „Natürlich besteht da ein Zusammenhang. So, wir sind da.“

    Semir steuerte den BMW auf den Rastplatz, auf dem Dieter Bonrath und Jenny Dorn mit der Kontrolle vorher von Kollegen aus dem Verkehr herausgelotster Auto- und LKW-Fahrer beschäftigt waren. Der restliche Tag und auch die nächsten zehn Tage verliefen ohne besondere Vorkommnisse. Semir verbrachte viel Zeit im Büro und Andrea freute sich darüber, dass er fast jeden Tag pünktlich und ausgeglichen nach Hause kam.

    Meine Rehenfolge dieser Staffel lautet

    • Angst
    • Ausgelöscht 1,
    • Tag der Abrechnung,
    • Ausgelöscht 2,
    • Spiel mit dem Feuer
    • Wo ist Semir?
    • Goal
    • Das letzte Rennen

    Im Grunde liegen aber Platz 1-6 sehr dicht zusammen, dass man sie genauso gut auf Platz 2 zusammenfassen könnte.

    Für mich war es die beste Cobra-Staffel seit Serienbeginn, hat damit das Frühfahr 2013 (Alleingang bis Tödliche Wahl) abgelöst.

    Zuhause

    Alex setzte Semir an dessen Wohnung ab. Die Sonne stand schon tief am Horizont, aber das Thermometer zeigte immer noch 27°C. Es war Semir, als liefe er gegen eine Wand, als er den klimatisierten Dienstwagen verließ und den Bürgersteig betrat. Nach mehreren Wochen hatte auch das Haus der Hitze nichts mehr entgegen zu setzen gehabt. Während es im Treppenhaus noch erträglich war, es lag ja im Inneren des Altbaus, hatte sich die Dachgeschosswohnung, in der Semir mit seiner Familie lebte, so aufgeheizt, dass tagsüber kaum mehr ein Temperaturunterschied zu draußen festzustellen war und es auch nachts kaum abkühlte.

    Andrea saß auf dem Sofa und schaute fern. Die Fenster standen sperrangelweit offen, um wenigstens jetzt am Abend für einen kleinen Luftaustausch zu sorgen. Semir trat hinter seine Frau und begrüßte sie mit einer leichten Umarmung und einem Kuss auf den Kopf. „Siehst du dahin?“, fragte er leise und deutete auf den Fernsehschirm. „Nein, ich lass mich nur berieseln.“ Sie legte den Kopf in ihren Nacken und sah ihrem Mann ins Gesicht. „Hast du was?“, fragte sie, der Semir nie irgendetwas würde vormachen können, und schaltete den Fernseher aus. Es war, als trüge er sein Inneres auf der Stirn geschrieben. „Frau Krüger ist heute angeschossen worden.“ – „Was? Wie ist das passiert? Wie geht es ihr?“, wollte Andrea wissen und drehte sich zu Semir um. „Es geht ihr gut. Aber ich brauche erst mal etwas zu trinken, dann erzähle ich es dir.“ – „Wir haben selbstgemachte Limonade im Kühlschrank, bring sie doch rein, ich habe auch noch Durst. Und mein Glas ist schon leer“ – „Minze?“, fragte Semir schon im Hinausgehen. „Aber sicher“, klang Andreas Antwort an sein Ohr.

    Zurück mit der Karaffe und einem Glas, setzte sich Semir neben Andrea auf die Couch und schenkte ihre Gläser voll. Nach dem ersten großen Schluck begann er ihr vom zurück liegenden Tag zu erzählen. Er schilderte ihr den Banküberfall und die Flucht der Krewitz-Brüder, die Geiselnahme von Kim Krüger sowie die Verfolgung der Verbrecher bis in den Düsseldorfer Medienhafen und endete schließlich mit dem Schusswechsel, der Verletzung ihrer Chefin, der Befreiungsaktion auf dem Dach des Bürohauses und der Festnahme der Bankräuber. Seinen Sturz in die Gondel der Fensterputzer ließ er aus. Im Nachhinein sollte sich Andrea keine Sorgen um ihn machen müssen, schließlich befände er sich jetzt, von einer Schulterprellung abgesehen, unversehrt neben ihr.

    „Und jetzt musst du Frau Krüger vertreten?“ – „Soweit nötig, ja. Ich werde morgen mal sehen, was anliegt. Einiges kann sicher liegenbleiben, bis sie wieder im Büro ist. Und wie war euer Tag? Was habt ihr so gemacht heute?“, wechselte er das Thema. „Ayda war mit Sophie und ihren Eltern am Baggersee, Lilly und ich waren im Freibad, aber es war viel zu voll. Wir sind nicht lange geblieben und lieber Eis essen gegangen.“ – „Das hätte mir auch besser gefallen.“ – „Und wir haben diese köstliche Limonade gemacht.“ – „Das war die beste Idee, die ihr haben konntet“, lobte Semir und nahm noch einen kräftigen Schluck von dem kühlen Getränk.

    Träume

    Nachts rächte sich, dass Semir sich nicht auch seinen Beinah-Todessturz von der Seele geredet hatte, denn er durchlebte im Traum wieder die Minuten auf dem Dach. Zwar schaffte er es im leichten Schlaf den Traum nur Augenblicke vor dem Sturz zu stoppen, aber nur um ihn nach wenigen Minuten erneut von vorne zu beginnen. Aber irgendwann entspannte sich sein Körper, er glitt über in die Tiefschlafphase und vergaß diesen „Reset“. Der Traum stoppte nicht mehr an derselben Stelle wie zuvor, sondern spulte einfach weiter.

    Er sah sich selbst erneut an der Dachkante liegen, sah den Fuß von Harald Krewitz auf sich zu schnellen, der in diesem Moment zwar von Alex zurückgerissen wurde, ihn aber trotzdem traf und über die Dachkante beförderte. Er sah sich seine Hand ausstrecken, am Dach nach Halt suchend. Und er spürte sich fallen. Noch bevor er in den Korb der Fensterputzer aufschlug, zwang der Traum ihn, schreiend aufzuwachen, und er saß schweißgebadet aufrecht im Bett und versuchte sich zu orientieren.

    Sein Schrei hatte Andrea geweckt, die sich beunruhigt zu ihm umdrehte, um sich zu vergewissern, dass mit Semir alles in Ordnung war. Der aber hatte das dünne Laken, das aufgrund der anhaltenden Hitze mittlerweile ihre Bettdecke abgelöst hatte, schon von sich geworfen, war aufgestanden und ins Bad gegangen. Dort füllte er beide Hände mit Wasser und tauchte sein Gesicht ins kühle Nass. Er betrachtete sich einige Zeit im Spiegel, wiederholte die Prozedur und trocknete sich schließlich ab.

    ‚Es gibt Tage, da altert man um Jahre‘, dachte er und ging zurück ins Schlafzimmer, wo Andrea, mittlerweile im Bett sitzend, auf ihn wartete. Sie schloss Semir wortlos in ihre Arme und flüsterte nach einer Weile: „Du hast mir gestern nicht alles erzählt, oder? Willst du es jetzt nachholen?“ Semir nickte und redete sich alles von der Seele. Er hatte gehofft, er könnte den Sturz kühl abhaken, dabei aber nicht mit seinem Unterbewusstsein gerechnet, welches sich just in dem Moment zu Wort meldete, in dem sein Körper in die totale Entspannung des Tiefschaf glitt. Nachdem er Andrea alles erzählt hatte, schloss er seine Augen und, obwohl er gedacht hatte, nicht wieder einschlafen zu können, war das nächste, das er wahrnahm, das Summen seines Weckers.

    Schnell, um Andrea nicht aufzuwecken, beendete er das nervende Geräusch und erhob sich leise. Er fühlte sich trotz der nächtlichen Unterbrechung erholt, duschte und zog sich an. Dann schlich er zurück ins Schlafzimmer. Einen Augenblick lang betrachtete er seine schlafende Frau und verfluchte im Stillen, dass kein Sonntag war. Dann aber siegte sein Pflichtbewusstsein, er gab Andrea einen zärtlichen Kuss auf die Stirn und flüsterte: „Das Bad ist frei.“ – „Hmmm…“ – „Ich mache Frühstück und wecke die Kinder, schlaf nicht wieder ein.“ – „Du?“, hinderte Andrea ihn am Gehen, „werden wir nach dem Umbau wirklich zwei Badezimmer haben?“, kam verschlafen aus den Kissen. „Wenn du es möchtest“, erwiderte Semir. „Nein.“ – „Nein?“ – „Nein. Ich würde es vermissen.“ – „Was würdest du vermissen?“, fragte Semir und setzte sich an Andreas Seite auf die Bettkante. „Die paar Minuten im warmen Bett, bis du mich mit den Worten ‚das Bad ist frei‘ wieder weckst. Und du?“ Semir brauchte nicht lange zu überlegen und antwortete bestimmt: „Ich möchte zwei Badezimmer.“ Andrea blickte ihn erstaunt an. „Du bist manchmal so unromantisch“, beschwerte sie sich, „und warum?“ – „Das, mein Schatz, erkläre ich dir beim Frühstück.“

    Zwanzig Minuten später hatte jeder einen Becher Kaffee oder Kakao vor sich, ließ sich das Toastbrot mit Marmelade oder Käse schmecken. Semir blätterte kauend durch die Morgenzeitung. „Nun?“, fing Andrea an, „warum willst du unbedingt zwei Badezimmer?“

    Semir legte sein Messer auf den Tisch, schluckte den Bissen, der sich gerade in seinem Mund befand, hinunter, trank einen Schluck Kaffee und erwiderte: „Ich habe neulich Frank getroffen, du weißt, der, der den Kiosk am Bahnhof besitzt. Er und seine Frau haben auch zwei Töchter, allerdings etwas älter als unsere, ich glaube vierzehn und sechszehn. Frank sah aus, als wäre er mächtig unter die Räder gekommen. Ich habe ihn nach dem Grund gefragt, und weißt du, was er mir antwortete?“ – „Ich kann es mir denken, aber …nein, was hat er gesagt?“ – „‘Semir‘, sagte er, ‚ich habe drei Frauen zuhause und nur ein Badezimmer.‘ So, jetzt weißt du warum ich zwei Badezimmer haben möchte, wenn Ayda und Lilly anfangen, eines davon zu besetzen.“ Das konnte Andrea durchaus nachvollziehen, aber auf das morgendliche Ritual, sich im Bett noch einmal umdrehen zu können, bis Semir im Bad fertig war, wollte sie dennoch nicht verzichten. So entschloss sie sich zu ihrer Antwort: „Okay, du bekommst zwei Badezimmer, aber versprich mir, dass wir beide weiterhin nur das eine benutzen, ja?“

    Noch ein Making Off aus Tirana (diesmal mehr zu verstehen)

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    Zu dem konkreten Fall will und kann ich mich nicht äußern, arbeite zwar auch in der IT, aber nur als Anwenderin, aber ein Tipp für alle, die gerade an einer Geschichte arbeiten, habe ich:
    Eigentlich aus dem Umstand heraus, dass ich an unterschiedlichen Rechnern arbeite, schicke ich mir den aktuellen Stand der Story selber per Mail. So kann auch mein Rechner abbrennen, ich komme hinterher und von überall wieder an meine Geschichten ran.

    Glück

    Zwei, drei Sekunden lang herrschte vollkommene Stille auf dem Dach. Alex und Kim starrten sich entgeistert an. Sein Mund stand offen, als er zur Dachkante schlich. In der Erwartung, seinen Partner unten auf dem Beton liegen zu sehen, traute er sich kaum, über den Rand zu blicken. Ein Sturz aus dieser Höhe war nicht zu überleben.

    Kim Krüger wurde mittlerweile von zwei Rettungssanitätern, die kurz nach dem SEK den Ort des Geschehens erreicht hatten, verarztet, verfolgte allerdings atemlos jede Bewegung von Alex Brandt. Das durfte nicht wahr sein. War Gerkan wirklich vom Dach gestürzt?

    Als Semir den Halt verloren hatte, gingen ihm zig Sachen durch den Kopf. Er schloss mit seinem Leben ab, und hätte der Fall noch länger gedauert, wäre sicher vor seinem geistigen Auge sein gesamtes bisheriges Leben abgelaufen. Aber der Sturz endete bereits nach wenigen Metern in einem Stahlkorb, in dem zwei Fensterreiniger gerade ihrer Arbeit nachgingen, welche darin bestand, die Glasfront des modernen Gebäudes zu säubern. Semir fiel ihnen direkt in die Arme, touchierte dabei mit dem linken Arm das Stahlgeländer und landete unsanft auf dem metallenen Boden. Als er seine Augen aufschlug, blickte er in die erschreckten Gesichter der Fensterputzer und etwa drei Meter hinter diesen in das erstaunte Gesicht seines Partners, der auf dem Dach lag, über die Kante blickte und nicht fassen konnte, wie viel Glück Semir gerade gehabt hatte.

    „Bin ich im Himmel?“, fragte Semir leise. „Ob Sie im Himmel gelandet sind? Wohl eher, aus dem Himmel gefallen“, lautete die schlagfertige Antwort des dunkelhäutigen Arbeiters, „und genau dorthin bringen wir Sie am besten jetzt zurück.“ Er reckte sich nach der Fernbedienung, drückte auf einen Knopf, und der Korb setzte sich in Bewegung. Auf dem Dach nahm Alex seinen Partner in Empfang, der sich auf wackeligen Beinen bis zum nächsten Dachaufbau schleppte und sich an diesem herabgleiten ließ, bis er saß.

    Semir hatte die Augen geschlossen und hielt seinen Kopf gesenkt. Er atmete kräftig aus. Alex nahm neben ihm Platz und legte ihm seine Hand auf die Schulter. Der ältere Hauptkommissar sah ihm ins Gesicht. „Das war so verdammt knapp, Alex. Ich hatte echt gedacht, das war’s.“ – „Ich auch, Semir. Was für ein Glück. Hast du dich beim Sturz verletzt?“ – „Nur gestoßen“, Semir schüttelte seinen Kopf und massierte sich seinen linken Oberarm und die Schulter. Einer der Sanitäter, die sich um Kim Krüger gekümmert hatten, trat, bevor sie diese nach unten zum Rettungswagen trugen, auf die beiden Männer zu. „Brauchen Sie uns?“, fragte er besorgt. „Nein“, antwortete Semir und blickte kurz hoch, „danke. Wohin bringen Sie unsere Kollegin?“ – „Ins Sankt-Martinus-Krankenhaus.“ – „Wir kommen gleich nach und verständigen auch ihre Angehörigen.“

    Sie verabschiedeten sich von dem Sanitäter, und nachdem auch das SEK mit den Krewitz-Brüdern abgerückt war, blieben Alex und Semir noch einige Zeit alleine auf dem Dach sitzen. Dann fand Alex, dass es Zeit wäre und stand auf. Er hielt Semir die Hand hin, der sie ergriff und sich auf die Füße ziehen ließ. Er hielt Semirs Hand noch einen Augenblick länger fest und sagte ernst: „Ich bin wirklich froh, dass das gut gegangen ist, Partner.“

    Dann drehte er sich um und ging in Richtung Dachkante „Wir sollten dann langsam nach unten. Kommst du?“ Semir blieb wie angewurzelt stehen. „Worauf wartest du, Semir?“ Alex hatte die Dachkante fast erreicht. „Ähm …Alex, ich bevorzuge dann doch das Treppenhaus“, meinte er leise und deutete zur entsprechenden Tür. Auf dem direkten Weg war heute kein Durchkommen.“ Alex grinste und kehrte lächelnd um. „Meinte ich doch auch. Komm, sehen wir nach der Krüger.“

    Als Alex und Semir das Sankt-Martinus-Krankenhaus in Düsseldorf erreichten, war die Chefin der Autobahnpolizei noch im OP. Das Projektil hatte ihren Oberschenkelmuskel durchschlagen und den Knochen touchiert. Sie wurden gebeten, nach zwei Stunden etwa wieder zu kommen, dann wäre Frau Krüger voraussichtlich wieder ansprechbar. Die Zeit vertrieben sie sich in der Cafeteria des Krankenhauses. Susanne teilte ihnen telefonisch mit, sie hätte Kim Krügers Schwester erreicht, sie wäre schon auf dem Weg in die Klinik.

    Dann konnten sie endlich zu Kim Krüger ins Krankenzimmer, die sich nach der Narkose zwar noch matt fühlte, aber auch freute, Alex und Semir zu sehen. Sie bedankte sich bei den beiden Hauptkommissaren: „Danke, dass Sie mich da rausgeholt haben. Da oben auf dem Dach dachte ich kurz, das war es jetzt.“ Während Semir nur nickte, genau das waren nämlich auch seine Gedanken gewesen, übernahm Alex die Antwort: „Es war uns eine Ehre, Chefin. Aber Sie haben selbst einen großen Teil zum Erfolg der Aktion beigetragen, hätten Sie nicht die Initiative ergriffen, hätten wir auf das SEK warten müssen.“ Dann verfinsterte sich Krügers Gesicht, und sie sah Semir genau an: „Geht es Ihnen auch wirklich gut? Das war ein ganz schöner Schreck für uns, als Sie vom Dach fielen.“ – „Ja, Chefin. Alles gut.“ - „Auf jeden Fall bin ich froh, dass die Verbrecher hinter Schloss und Riegel sind.“ – „Verbrecher? Das, Frau Krüger, waren keine Verbrecher.“ Jetzt schauten Kim und Semir ihren Kollegen mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Wie…?“, setzte Semir mit einer Frage an, doch Alex kam ihm zuvor: „Verbrecher überfallen keine Bank, Verbrecher gründen eine.“

    Da sitzt der Brummer mit seiner Beute wie eine Raubkatze auf einem Baum. Wie weit man doch mit einer durchgeschossenen Schulter noch kommt, alle Achtung. Aber sein Racheplan treibt ihn an. Weiß Semir denn jetzt bald Bescheid, dass er entkommen konnte?

    Yon, die 7.

    Als ich noch am Beginn der Schreibarbeit für „VerBrandt“ saß, einige Kapitel bereits zu Papier gebracht hatte, da ist mir die Idee gekommen, doch eine Geschichte für ein Geburtstagskind zu schreiben und zu verschenken. Daraus sind dann zwei Geschichten geworden, eine kurze, nämlich diese hier, und eine „fast normal lange“. Sie spielen nach den Geschehnissen von „VerBrandt“.

    Auch in dieser Geschichte erleben wir die aktuelle PAST-Familie um Semir und Alex, die allerdings nicht wie sonst einen Fall zu lösen hat, sondern sich einer ganz anderen Herausforderung stellen muss, bei der auch Ben Jäger wieder eine besondere Rolle spielen wird.


    Wie immer sind Namen von Personen und Firmen, soweit es sich nicht um die Stammbesetzung der TV-Serie „Alarm für Cobra 11 – Die Autobahnpolizei“ handelt, von mir frei erfunden. Orts- und Straßennamen entstammen auch zum großen Teil meiner Phantasie, wenn ich sie nicht aus den allgemein zugänglichen Straßenkarte herausgelesen habe. Viel Spaß und hoffentlich spannende Unterhaltung mit der meiner neuen kurzen Story „Kims Entscheidung“.

    Eskalation

    Semir Gerkan betrat gemeinsam mit seinem Partner Alex Brandt langsam und wachsam das Dach des Bürohochhauses am Düsseldorfer Medienhafen, auf das sich Volker Krewitz und sein Bruder Harald mit ihrer Geisel geflüchtet hatten. Die beiden Hauptkommissare der Autobahnpolizei Köln waren die letzten Stockwerke durch das Treppenhaus gelaufen und atmeten schwer. Das gesamte Rheinland stöhnte seit mehreren Wochen unter einer Hitzewelle mit Temperaturen von über 30°C im Schatten und auch an diesem Montag brannte die Sonne unnachgiebig vom azurblauen Himmel auf den Asphalt der Großstadt. Die Jeans klebte Semir an den Beinen, das T-Shirt unter der schweren Weste hing klitschnass an seinem Oberkörper. Er wischte sich zum wiederholten Male den Schweiß aus seinen Augen und rieb sich die Hände nacheinander an der Hose trocken. Er wünschte sich an den Badesee zurück, an dem er mit seiner Familie den Sonntag im Schatten unter den Bäumen und im Wasser verbracht hatte.

    Auch Alex lief der Schweiß aus allen Poren, er benutzte seine T-Shirt-Ärmel, um sich das Gesicht zu trocknen. Mit seinem Partner verständigte er sich durch Handzeichen, sie teilten sich auf und gingen hinter den Dachaufbauten für die Klimaanlage in Deckung, als auch schon die ersten Schüsse in diese einschlugen.

    Wie hatte es nur soweit kommen können? Volker und Harald Krewitz hatten eine Bank überfallen und dann an einer Tankstelle an ihrer Autobahn ihre Chefin als Geisel genommen, die zufällig zu der Zeit dort zum Tanken angehalten hatte. Über Funk erfuhren Semir und Alex von der Geiselnahme und konnten die Verfolgung aufnehmen. Sie konnten schließlich das Fluchtauto bis in den Düsseldorfer Medienhafen verfolgen. Anscheinend waren die Räuber zwar brutal und zum Äußersten bereit aber nicht besonders intelligent, denn die erfahrenen Polizisten waren in der Lage gewesen, das Auto an diesem Bürogebäude zu stoppen. Dort hatte sich ein Schusswechsel entfacht zwischen den Bankräubern und den Polizisten, im Verlauf dessen Kim Krüger von Volker ins Bein geschossen wurde und ihm und seinem Bruder die Flucht mit ihrer Geisel in das Gebäude und auf dessen Dach gelang, wohin ihnen Semir und Alex gefolgt waren.

    Und nun befanden sich die Brüder mit Kim Krüger auf der einen Seite des Daches, die zwei Beamte der Autobahnpolizei auf der anderen. Beide Parteien hatten hinter Dachaufbauten Deckung gefunden. Semir lud konzentriert seine Waffe nach, in dieser Situation wollte er auf zwei volle Magazine nicht verzichten, Alex tat es ihm gleich. Die Situation schien aussichtslos, gingen sie aus der Deckung, gäben sie ein gutes Ziel ab, und das wussten auch die Brüder. Semir schaute Alex fragend an und formte mit seinen Lippen die Frage „SEK?“ Der Angesprochene zeigte auf seine Uhr und zuckte mit den Schultern. Bereits auf der Fahrt hierher hatten sie die Verstärkung gerufen, die nun auf sich warten ließ.

    Haltlos

    Kim Krüger lag neben einem Dachaufbau. Sie ebenfalls in Deckung zu bringen, hielten die Krewitz-Brüder für nicht erforderlich, sie selbst war ja durch ihre eigenen Kollegen keiner Gefahr ausgesetzt. Ihre helle Leinenhose war am Oberschenkel vom Blut durchtränkt. Kim wusste, dass Alex und Semir sich ebenfalls auf dem Dach befanden und dachte fieberhaft nach. Wenn es ihr gelang, einen der Brüder zu überwältigen und zu entwaffnen, dann könnte sie dadurch vielleicht so viel Erstaunen bei den Bankräubern hervorrufen, dass sie Alex und Semir die nötige Zeit zum Angreifen verschaffen würde. Sie hob ihren Oberkörper und drehte ihren Kopf in die Richtung, in der sie Semir und Alex vermutete. Sie konnte lediglich einen halben Ärmel und eine Stiefelspitze ausmachen, der Rest von Semirs Körper war hinter dem Dachaufbau verborgen.

    Aber Semir spürte die Bewegung seiner Chefin, es trennten sie nur wenige Meter. Er entschied sich, die Krewitz-Brüder anzusprechen. „Geben sie auf! Wenn das SEK auf das Dach stürmt, überleben Sie den Tag nicht. Jetzt hätten Sie noch die Chance, mit ein paar Jährchen Gefängnis davon zu kommen.“ Während er sprach, lugte er vorsichtig um die Ecke und blickte geradewegs in das schmerzverzerrte Gesicht von Kim Krüger. Die Chefin der Autobahnpolizei versuchte, sich mit ihm zu verständigen und einen Angriff ihrerseits auf die Bankräuber anzukündigen. Semir schüttelte energisch den Kopf, Das konnte ihre Chefin nicht ernst meinen. Auf gar keinen Fall sollte sie die Räuber angreifen. Er befürchtete auch, dass sie mit ihrer Verletzung zu schwach sein, den Kerl auch nur einen Moment lang zu überwältigen. Aber Kim besaß einen ebensolchen Dickkopf wie Semir und ließ sich von ihm nicht umstimmen. Sie sah in dieser Aktion ihre einzige Chance und streckte drei Finger nach oben. „Auf Drei“, sollte das heißen. Semir schaute schnell zu Alex hinüber, zeigte auf seine Uhr und hob ebenfalls drei Finger. Dann zählte er gleichzeitig mit seiner Chefin anhand der Finger bis drei. Daumen, Zeigefinger, Mittelfinger und los!

    Während Kim Krüger sich auf Harald Krewitz warf, der vor Schreck seine Waffe fallen ließ, die Kim mit einem Fußtritt über den Rand des Daches zu befördern gelang, nutzten Alex und Semir die Verwirrung auf Seiten der Bankräuber, um unter Abgabe einiger Schüsse ihre Deckung zu verlassen und nach vorne zu stürmen. Kim verließen schnell die Kräfte, aber Semir war da schon an ihrer Seite und übernahm ihren Gegner.

    Alex gelang es, Volker Krewitz innerhalb von Sekunden zu überwältigen, ihm die Waffe abzunehmen und Handschellen anzulegen. Semir hatte mit dessen Bruder größere Schwierigkeiten. Der großgewachsene Kerl verfügte über Bärenkräfte. Die Kämpfenden bewegten sich bedrohlich auf den Rand des Daches des etwa zehnstöckigen Hauses zu.

    Als endlich das erwartete SEK das Dach betrat, konnte Alex ihnen Volker Krewitz übergeben und seinem Partner zu Hilfe eilen, der gerade einige empfindliche Schläge einstecken musste. Alex zog Harald Krewitz weg, konnte allerdings nicht verhindern, dass dieser Semir einen letzten Tritt in die Seite versetzte. Zwei SEK- Beamte erreichten Alex in dem Moment, in dem Semir versuchte, sich auf dem Dach abzustützen und aufzurappeln. Aber sein Griff ging ins Leere und er verlor das Gleichgewicht. Bevor Alex helfend zugreifen konnte, stürzte er kopfüber über die Dachkante und fiel ins Leere.