Identitätssuche
Als Semir sich am folgenden Tag auf den Weg ins Büro machte, hatte der Winterräumdienst schon ganze Arbeit geleistet. An den Straßenrändern türmten sich – sehr zum Leidwesen der wenigen Radfahrer oft mitten auf dem Fahrradweg – die Schneemassen. Die Straßen waren geräumt und gestreut. Semirs Arbeitsweg nahm deshalb nur unwesentlich mehr Zeit in Anspruch als sonst. Mitten in der Nacht hatte es aufgehört zu schneien, der Himmel strahlte in hellem Blau und die Sonne stand tief und blendete die Autofahrer.
Alex Brandt saß schon im Büro, als Semir eintrat. „Morgen, Alex“, begrüßte er seinen Partner, „wo ist die Tasche vom Unfallopfer von gestern?“, kam er gleich zu Sache. „Hier“, Alex zeigte auf einen schwarzen Rucksack, der auf dem niedrigen Aktenschrank lag. Semir leerte den Inhalt auf seinem Schreibtisch. Zum Vorschein kam neben Taschentüchern, Handcreme, einem unbeschriebenen Notizblock nebst Kugelschreiber ein Exemplar der Frauenzeitschrift „Saskia“ vom März des Jahres, demnach also neun Monate alt, zwei Kinderzeichnungen, zwei Fotos und ein Taschenbuch. Auf der Rückseite einer der Zeichnungen stand in einer erwachsenen Schrift der Name Katja, auf der anderen Zeichnung war in krakeliger Kinderschrift der Name Miriam vermerkt. Semir dachte laut „Miriam, Katja?“ – „Vielleicht ihre Kinder?“, vermutete Alex. Semir sah sich die Bilder noch einmal genauer an. „Dann muss sie sehr jung Mutter geworden sein. Immerhin ist sie erst Mitte Zwanzig, in etwa. Vielleicht sie selbst oder ihre Schwester? Wir werden sie fragen, sobald sie mit uns reden kann.“
Die Rückseiten der Fotos waren leer, kein Datum des Abzugs, kein handschriftlicher Vermerk. Das eine zeigte ein Kind, blond, etwa zehn Jahre alt, das andere eine junge Frau, vielleicht das Unfallopfer selbst? Semir hatte sie ja noch nicht gesehen, hatte nur die Angaben von Ben, der von einer blonden Frau sprach, etwa 25 Jahre alt.
Keine Papiere, kein Nachname, keine Adresse, nur die Namen Miriam und Katja.
Semir stand auf und ging zur großen Wandkarte. Mit einem roten Pin markierte er die Unfallstelle. In der Nähe waren mehrere Bauernhäuser, ein Gewerbe- und ein Neubaugebiet. Dort werden sie sich umhören müssen und die Fotos zeigen, vielleicht kam die Frau von dort oder ist auf ihrem Weg gesehen worden.
„Susanne!“, fragte Semir beim Verlassen seines Büros und trat mit den Fotos, Zeichnungen und der Zeitschrift an den Schreibtisch der Sekretärin heran, „kannst du für mich diese Bilder einscannen und auf mein Handy schicken, Vor- und Rückseite bitte? Und schau dir doch mal diese Zeitschrift an. Was könnte eine junge Frau dazu bewegen, die Zeitschrift neun Monate aufzubewahren und sie mitzunehmen, wenn sie auf die Autobahn laufen will?“
Zunächst mussten sie feststellen, ob die Frau auf dem Foto identisch mit dem Unfallopfer ist, und um das heraus zu bekommen, rief Semir im Krankenhaus in Kerpen an, in das die junge Frau nach dem Unfall eingeliefert worden war.
„Dr. Krauth?“, fragte Semir, als er den behandelnden Arzt endlich am Apparat hatte, „Semir Gerkan hier von der Kripo Autobahn. Es geht um das Unfallopfer von gestern Abend.“ -„Ich hatte doch Ihrem Kollegen, einem Herrn Brandt, bereits erzählt, dass die Patientin etwas Ruhe braucht.“ – „Die soll sie auch haben, Herr Krauth. Wir sind dabei, Hinweise auf ihre Identität zu sammeln und haben bei ihren Sachen ein Foto gefunden. Dürfte ich Ihnen das Bild zusenden? Per Mail? Vielleicht können Sie uns schon sagen, ob es sich um Ihre Patientin handelt.“ – „Das ist möglich“, willigte Dr. Krauth ein, „ich gebe Ihnen meine Mail-Adresse, Dr.-A-Krauth @ klinik-kerpen.de“ – „Danke, das Bild ist unterwegs. Sagen Sie, hat die Frau eventuell die Namen Katja oder Miriam genannt?“ – „Nein, sie hat noch gar kein Wort gesprochen“ – „Hat sich bei Ihnen jemand gemeldet, der eine Person vermisst?“ – „Das auch nicht. Ah, da ist das Bild. Ja, Herr Gerkan, das ist meine Patientin, ihre Haare sind auf dem Foto länger, aber… doch, ich mir ganz sicher, das ist sie.“ – „Danke, Dr. Krauth, das hilft uns weiter. Melden Sie sich bei uns, wenn wir mit ihr reden können? Und auch, wenn sich jemand nach ihr erkundigt?“ – „Das mache ich, Herr Gerkan. Auf Wiederhören“ – „Danke, Ciao!“ Semir legte den Hörer auf und wandte sich zu seinem Partner: „Komm, wir schauen uns an der Unfallstelle noch mal um, vielleicht finden wir jetzt bei Tageslicht irgendetwas.“
„Wartet ihr kurz einen Moment?“, hielt Susanne die beiden Beamten beim Verlassen des Büros auf, „ihr könnt den Rucksack mit den Sachen zurückhaben, die Bilder sind eingescannt und die Zeitschrift habe ich als Datei vom Verlag erhalten. Handschriftliche Anmerkungen waren nicht enthalten. Den Inhalt prüfe ich später.“ Semir bedankte sich bei Susanne, nahm den Rucksack entgegen und verließ mit Alex die PAST.