Susanne klärt auf
Zurück im Büro legte Semir die Bilder der Reihe nach auf das Sideboard, schenkte ihnen aber momentan keine größere Aufmerksamkeit, sondern widmete sich zunächst seinen Notizen, machte eine grobe Zeichnung des Hofes und der Nachbargebäuden, markierte die Lage auch auf der großen Karte, wo schon der rote Pin die Unfallstelle anzeigte und trank einen Becher Kaffee.
Susanne trat mit ihrem Block in das Büro der beiden Kripo-Beamten. „Kurz Zeit für Ergebnisse?“, fragte sie „Immer“, kam gleichzeitig von Alex und Semir, „was hast du rausgefunden?“, setzte Semir nach.
„Also Eva Lange ist als Eva Schmidt 1957 in Düsseldorf geboren, hat Einzelhandelskauffrau gelernt und auch einige Jahre in einem großen Kaufhaus gearbeitet. Maximilian ist zwei Jahre älter und Landwirtssohn aus der Nähe von Aachen. Die beiden heirateten 1984 in Aachen und übernahmen kurz darauf den Hof von Maximilians Eltern, die sich zur Ruhe gesetzt hatten. Sie bekamen zwei Kinder, Katja wurde im Januar 1988 geboren und Thomas im März 1994.
Eine ganz normale Bauernfamilie, wie es scheint, mit Hofladen für Fleisch und Gemüse, viel Betrieb, nie wirklich aufgefallen. Ich hatte die damalige Bürgermeisterin des Ortes am Telefon. Sie konnte sich gut an den Hofladen und die Langes erinnern. Bis zu dem Schicksalsschlag 1997 war alles bestens und in Ordnung, Dann ging es bergab.“ – „Was für ein Schicksalsschlag?“, fragte Alex nach. „Beide Kinder ertranken im eiskalten Graben des Hofes im März 1997 im Alter von 9 und 3 Jahren.“ Sie legte eine Pause ein, ließ die Information bei den Männern ankommen und erst einmal sacken. „Sind sie das?“, fragte Susanne mit Blick auf die Bildergalerie und griff sich zielsicher zwei Bilder aus der Reihe, „das“, sie legte ein Mädchenbild auf den Schreibtisch vor Semir, „ist Katja mit 9 Jahren. Alex stand aus seinem Schreibtischstuhl auf und ging um beide Tische herum, stand jetzt zwischen Semir und Susanne. „Und das“, Susanne legt ein Jungenbild neben das Foto von Katja, „ist Thomas mit 3 Jahren. Im Jahre ihres Todes.“ – „Aber ..“, begann Semir zweifelnd, wurde aber von Susanne unterbrochen, die zwei weitere Bilder nahm, „warte Semir, ich bin noch nicht fertig. Im selben Jahr, nur einige Wochen später gaben Langes die Landwirtschaft auf. Maximilian eröffnete ein Geschäft für den An- und Verkauf von Versicherungsschäden in Kerpen, Eva war Angestellte in seiner Firma. Sie kauften den Hof, auf dem sie bis heute wohnen.“
Susanne legte die beiden Bilder neben die Fotos, die schon auf dem Tisch lagen. „Und, was seht ihr jetzt?“ Als weder Semir noch Alex ihr antworteten, ergriff wieder Susanne das Wort: „Wir sehen hier Fotos von vier unterschiedlichen Kindern! Das werte Ehepaar Lange hat ihre toten Kinder durch ähnliche Kinder ersetzt.“ Etwa eine halbe Minute herrschte erdrückendes Schweigen im Büro. Dann überwand sich Semir zu einem Lob. „Gute Arbeit, Susanne.“
Die wissenschaftliche Bestätigung der Ergebnisse der Sekretärin kam von Hartmut, der anrief. Er hatte die DNA-Proben untersucht und ist zum Ergebnis gekommen, dass zwischen den Bewohnern des Hofs Lange keinerlei Verwandtschaftsverhältnis bestehen kann. Eva und Maximilian Lange waren definitiv nicht die Eltern der Kinder und diese waren auch keine Geschwister.