Miriams Eltern
Semir und Alex traten in den Hausflur ein. An der rechten Seite des Flurs führte eine Treppe ins Obergeschoss. Auf der linken Seite waren zwei Türen, beide verschlossen. Hinter der Treppe stand eine Tür auf der rechten Wand offen und gab den Blick in das Wohnzimmer frei. An den Flurwänden hingen Bilder, Kinderbilder zumeist, auch Miriam glaubte Semir auf den Fotos zu erkennen, aber auch Bilder der jungen, erwachsenen Frau, die ihnen die Tür geöffnet hatte. Sie gingen hinter Anja Schröter her geradeaus in eine Wohnküche. Der Esstisch war gedeckt, offensichtlich hatten Semir und Alex die Familie beim Essen unterbrochen. „Mama, hier sind zwei Herren von der Polizei.“ -„Ja? Was wollen Sie?“, kam mit etwas erschreckter Stimme von der etwa 50jährigen, dann fügte sie zögerlich hinzu: „Haben Sie sie gefunden?“
Semir entschied sich, es kurz zu machen. „Ihre Tochter Miriam ist vorgestern wieder aufgetaucht. Sie war in einen Unfall verwickelt und liegt leicht verletzt im Krankenhaus. Wir konnten erst heute ihre Identität zweifelsfrei klären.“ – „Oh mein Gott, Horst, hast du gehört? Miriam lebt! Ist das wirklich wahr? Ohne Zweifel?“ – „Können wir zu ihr?“, fragte jetzt ihr Mann, ein etwas untersetzter, dicklicher Mann mit Halbglatze, der sich jetzt die Brille abnahm, in der Tasche seiner Strickjacke nach einem Taschentuch suchte und sich die Nase putzte. Dann reichte er die Packung auch seiner Frau, der bereits die Tränen der Freude die Wangen hinunterliefen. „Wollen Sie sich nicht setzen?“, fragte jetzt Anja, „meine Eltern müssen die Nachricht erst einmal verarbeiten.“ Sie zog einen Stuhl unter dem Tisch hervor und brachte einen weiteren, der an der Wand stand und bot die Sitzgelegenheit den Kommissaren an. „Miriam ist meine Schwester, sie ist 4 Jahre älter als ich, müssen Sie wissen.“ Semir und Alex setzten sich. Allmählich fand Herr Schröter seine Fassung wieder und wiederholte seine Frage von eben „Können wir zu ihr? Können Sie uns sagen, was passiert ist?“ Semir begann zu erzählen. „Natürlich können Sie zu ihr. Wenn Sie wollen, noch heute. Es wird in dieser Sache bestimmt eine Ausnahme der Besucherregelungen gemacht. Ich werde ihnen kurz erzählen, was passiert ist. Vor 16 Jahren…“ - „Es war der 12. August 1997“, fiel Frau Schröter ihm ins Wort, „es ist, als wäre es gestern gewesen.“ – „Also am 12. August 1997 ist Ihre Tochter Miriam von einem Ehepaar entführt worden, welches einige Monate vorher ihre eigenen Kinder durch einen tragischen Unfall verloren hatte. Sie lebte bei diesen Menschen wie deren eigene Tochter, allerdings als Gefangene. Im Laufe der Jahre richtete sie sich dort ein und verdrängte ihre Vergangenheit, bis zu diesem Jahr, als in der Zeitschrift, wie hieß sie noch, Alex?“ – „Saskia“ – „in der Zeitschrift Saskia der Artikel über die verschwundenen Kinder erschien.“ – „Der Artikel! Und ich wollte erst nicht, dass auch Miriam darin erwähnt wird“, erinnerte sich Renate Schröter. „Miriam erkannte sich auf einem der Bilder wieder und plante seitdem ihre Flucht, die ihr dann vorgestern, am Montag, auch gelungen ist. Dabei ist sie von einem Auto angefahren und leicht verletzt worden.“
Dass die Flucht nur gelang, indem sie ihre „Stiefmutter“ mit einer Bratpfanne niederschlug und dabei tödlich verletzte, verschwieg Semir. „Was waren das für Leute, bei denen Miri leben musste?“, wollte jetzt Anja Schröter wissen. „Ganz genau wissen wir es noch nicht. Die Frau ist verstorben und mit dem Mann konnten wir noch nicht sprechen“, übernahm Alex die Antwort. Was waren das für Leute? Eine Frage, die auch er sich immer wieder stellte, seit er heute Miriams Geschichte gehört hatte. Sicher war das Ehepaar Lange Kindesentführer und damit eines der schwersten Verbrechen überhaupt anzuklagen, auf der anderen Seite aber handelte es sich um ein zutiefst verzweifeltes Paar, das den Verlust der eigenen Kinder nicht überwinden konnte und sich in ihrem Schmerz Ersatz suchte, nicht daran denkend, dass aus Kindern Erwachsene würden. Eva Lange werden sie nicht mehr fragen können, die war tot. Ihre ganze Hoffnung auf Antworten mussten sie auf Maximilian Lange setzen. Aber das Wichtigste war jetzt, dass Miriam wieder mit ihrer Familie zusammen geführt würde.
„Ich habe 16 Jahre lang, jeden Tag gewartet und mir immer wieder vorgestellt, wie es sein wird, wenn sie zurückkommt. Ich wusste die ganze Zeit, dass sie noch lebt. Viele hatten schon resigniert und wollten mich davon überzeugen, dass Miriam nicht mehr wieder kommt, aber ich wollte davon nichts hören“, sinnierte Frau Schröter, „ich bin dankbar, dass ich recht behalten habe. Wollen Sie ihr Zimmer sehen?“ Sie erhob sich, verließ die Küche und nahm damit den beiden Polizisten die Entscheidung ab. Semir und Alex blickten sich ratlos an und folgten ihr dann ins Obergeschoss, wo sie vor einer verschlossenen Tür stehenblieb und die Klinke drückte. „Es ist alles wie an dem Morgen, an dem sie zu ihrer Freundin ging und nicht wieder nach Hause kam. Horst und Anja fanden schon vor Jahren wir müssten es leer räumen, aber ich habe mich geweigert. Jetzt kann sie zurückkommen.“Sie stieß die Tür auf und knipste das Licht an. Dann bedeutete sie ihren Gästen einzutreten in Miriams Kinderzimmer. Es wirkte, als habe ihre Bewohnerin nur kurz den Raum verlassen und würde gleich hinter ihnen stehen und sich über den unerlaubten Zugang in ihr Reich beschweren. „Ich habe nur ab und an Staub gewischt und irgendwann das Bettzeug abgezogen“, klärte Renate Schröter die Kommissare auf. Eine Wolldecke mit Pferdemotiv war über die Matratze gezogen, einige Kissen lagen darauf. Die Wand zierten Poster von Popstars, der Kleiderschrank hatte von dem Mädchen eine Bordüre aus Stickerbildern erhalten. Auf dem Schreibtisch lagen Schulsachen, Stifte, Papier durcheinander, das Regal war gut gefüllt mit Kinderbüchern und Spielen. Die Schultasche stand unter dem Schreibtisch. „Danke, Frau Schröter“, sagte Alex, nachdem er und Semir sich kurz im Zimmer umgeschaut hatten.
„Renate, kommst du?“, hörten sie die Stimme von Host Schröter aus dem Erdgeschoss, „wir wollen zu Miriam fahren.“ – „Ich komme, Horst“, antwortete diese, „wir fahren jetzt ins Krankenhaus. Welches ist es?“ – „In Kerpen, und fahren Sie vorsichtig, es hatte eben schon wieder angefangen zu schneien“, gab Semir ihnen noch als guten Rat mit auf den Weg, dann stiegen sie die Treppe hinab, verließen mit den Schröters das Haus und verabschiedeten sich vor der Tür.
Gute zeit für einen Spot?