Beiträge von Yon

    Miriams Eltern

    Semir und Alex traten in den Hausflur ein. An der rechten Seite des Flurs führte eine Treppe ins Obergeschoss. Auf der linken Seite waren zwei Türen, beide verschlossen. Hinter der Treppe stand eine Tür auf der rechten Wand offen und gab den Blick in das Wohnzimmer frei. An den Flurwänden hingen Bilder, Kinderbilder zumeist, auch Miriam glaubte Semir auf den Fotos zu erkennen, aber auch Bilder der jungen, erwachsenen Frau, die ihnen die Tür geöffnet hatte. Sie gingen hinter Anja Schröter her geradeaus in eine Wohnküche. Der Esstisch war gedeckt, offensichtlich hatten Semir und Alex die Familie beim Essen unterbrochen. „Mama, hier sind zwei Herren von der Polizei.“ -„Ja? Was wollen Sie?“, kam mit etwas erschreckter Stimme von der etwa 50jährigen, dann fügte sie zögerlich hinzu: „Haben Sie sie gefunden?“

    Semir entschied sich, es kurz zu machen. „Ihre Tochter Miriam ist vorgestern wieder aufgetaucht. Sie war in einen Unfall verwickelt und liegt leicht verletzt im Krankenhaus. Wir konnten erst heute ihre Identität zweifelsfrei klären.“ – „Oh mein Gott, Horst, hast du gehört? Miriam lebt! Ist das wirklich wahr? Ohne Zweifel?“ – „Können wir zu ihr?“, fragte jetzt ihr Mann, ein etwas untersetzter, dicklicher Mann mit Halbglatze, der sich jetzt die Brille abnahm, in der Tasche seiner Strickjacke nach einem Taschentuch suchte und sich die Nase putzte. Dann reichte er die Packung auch seiner Frau, der bereits die Tränen der Freude die Wangen hinunterliefen. „Wollen Sie sich nicht setzen?“, fragte jetzt Anja, „meine Eltern müssen die Nachricht erst einmal verarbeiten.“ Sie zog einen Stuhl unter dem Tisch hervor und brachte einen weiteren, der an der Wand stand und bot die Sitzgelegenheit den Kommissaren an. „Miriam ist meine Schwester, sie ist 4 Jahre älter als ich, müssen Sie wissen.“ Semir und Alex setzten sich. Allmählich fand Herr Schröter seine Fassung wieder und wiederholte seine Frage von eben „Können wir zu ihr? Können Sie uns sagen, was passiert ist?“ Semir begann zu erzählen. „Natürlich können Sie zu ihr. Wenn Sie wollen, noch heute. Es wird in dieser Sache bestimmt eine Ausnahme der Besucherregelungen gemacht. Ich werde ihnen kurz erzählen, was passiert ist. Vor 16 Jahren…“ - „Es war der 12. August 1997“, fiel Frau Schröter ihm ins Wort, „es ist, als wäre es gestern gewesen.“ – „Also am 12. August 1997 ist Ihre Tochter Miriam von einem Ehepaar entführt worden, welches einige Monate vorher ihre eigenen Kinder durch einen tragischen Unfall verloren hatte. Sie lebte bei diesen Menschen wie deren eigene Tochter, allerdings als Gefangene. Im Laufe der Jahre richtete sie sich dort ein und verdrängte ihre Vergangenheit, bis zu diesem Jahr, als in der Zeitschrift, wie hieß sie noch, Alex?“ – „Saskia“ – „in der Zeitschrift Saskia der Artikel über die verschwundenen Kinder erschien.“ – „Der Artikel! Und ich wollte erst nicht, dass auch Miriam darin erwähnt wird“, erinnerte sich Renate Schröter. „Miriam erkannte sich auf einem der Bilder wieder und plante seitdem ihre Flucht, die ihr dann vorgestern, am Montag, auch gelungen ist. Dabei ist sie von einem Auto angefahren und leicht verletzt worden.“

    Dass die Flucht nur gelang, indem sie ihre „Stiefmutter“ mit einer Bratpfanne niederschlug und dabei tödlich verletzte, verschwieg Semir. „Was waren das für Leute, bei denen Miri leben musste?“, wollte jetzt Anja Schröter wissen. „Ganz genau wissen wir es noch nicht. Die Frau ist verstorben und mit dem Mann konnten wir noch nicht sprechen“, übernahm Alex die Antwort. Was waren das für Leute? Eine Frage, die auch er sich immer wieder stellte, seit er heute Miriams Geschichte gehört hatte. Sicher war das Ehepaar Lange Kindesentführer und damit eines der schwersten Verbrechen überhaupt anzuklagen, auf der anderen Seite aber handelte es sich um ein zutiefst verzweifeltes Paar, das den Verlust der eigenen Kinder nicht überwinden konnte und sich in ihrem Schmerz Ersatz suchte, nicht daran denkend, dass aus Kindern Erwachsene würden. Eva Lange werden sie nicht mehr fragen können, die war tot. Ihre ganze Hoffnung auf Antworten mussten sie auf Maximilian Lange setzen. Aber das Wichtigste war jetzt, dass Miriam wieder mit ihrer Familie zusammen geführt würde.

    „Ich habe 16 Jahre lang, jeden Tag gewartet und mir immer wieder vorgestellt, wie es sein wird, wenn sie zurückkommt. Ich wusste die ganze Zeit, dass sie noch lebt. Viele hatten schon resigniert und wollten mich davon überzeugen, dass Miriam nicht mehr wieder kommt, aber ich wollte davon nichts hören“, sinnierte Frau Schröter, „ich bin dankbar, dass ich recht behalten habe. Wollen Sie ihr Zimmer sehen?“ Sie erhob sich, verließ die Küche und nahm damit den beiden Polizisten die Entscheidung ab. Semir und Alex blickten sich ratlos an und folgten ihr dann ins Obergeschoss, wo sie vor einer verschlossenen Tür stehenblieb und die Klinke drückte. „Es ist alles wie an dem Morgen, an dem sie zu ihrer Freundin ging und nicht wieder nach Hause kam. Horst und Anja fanden schon vor Jahren wir müssten es leer räumen, aber ich habe mich geweigert. Jetzt kann sie zurückkommen.“Sie stieß die Tür auf und knipste das Licht an. Dann bedeutete sie ihren Gästen einzutreten in Miriams Kinderzimmer. Es wirkte, als habe ihre Bewohnerin nur kurz den Raum verlassen und würde gleich hinter ihnen stehen und sich über den unerlaubten Zugang in ihr Reich beschweren. „Ich habe nur ab und an Staub gewischt und irgendwann das Bettzeug abgezogen“, klärte Renate Schröter die Kommissare auf. Eine Wolldecke mit Pferdemotiv war über die Matratze gezogen, einige Kissen lagen darauf. Die Wand zierten Poster von Popstars, der Kleiderschrank hatte von dem Mädchen eine Bordüre aus Stickerbildern erhalten. Auf dem Schreibtisch lagen Schulsachen, Stifte, Papier durcheinander, das Regal war gut gefüllt mit Kinderbüchern und Spielen. Die Schultasche stand unter dem Schreibtisch. „Danke, Frau Schröter“, sagte Alex, nachdem er und Semir sich kurz im Zimmer umgeschaut hatten.

    „Renate, kommst du?“, hörten sie die Stimme von Host Schröter aus dem Erdgeschoss, „wir wollen zu Miriam fahren.“ – „Ich komme, Horst“, antwortete diese, „wir fahren jetzt ins Krankenhaus. Welches ist es?“ – „In Kerpen, und fahren Sie vorsichtig, es hatte eben schon wieder angefangen zu schneien“, gab Semir ihnen noch als guten Rat mit auf den Weg, dann stiegen sie die Treppe hinab, verließen mit den Schröters das Haus und verabschiedeten sich vor der Tür.

    Gute zeit für einen Spot?

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    Mensch wie kannst du auch hier nur cut machen, Yon. Ein bisschen mehr wäre auch recht gewesen. Jetzt müssen wir alle auf morgen warten.

    Das ist doch der Sinn einer kapitelweisen Veröffentlichung, Elvira. Wenn ich schon monatelang an einer Story arbeite, dann sollt ihr wenigstens mehrere Wochen daran lesen, sonst wäre ja die Spannung raus, oder etwa nicht?

    Jetzt ist sie also doch zu Ende gegangen. Ich hoffe du schreibst bald wieder eine neue Geschichte, denn mir gefällt dein Schreibstil sehr gut. Du hast es wirklich drauf, den Leser in die einzelnen Situationen mitzunehmen und ihn an den Emotionen der "Helden" teilhaben zu lassen. Ich habe es auf jeden Fall zu keiner Zeit bereut, nach deiner längeren Schreibpause im letzen Jahr, die ganze Geschichte von vorne gelesen und weiter verfolgt zu haben.
    Das Ende ist etwas offen, aber das passt zur Geschichte. Alles ist stimmig. Super gemacht! Freue mich auf dein nächstes Werk! :thumbup:

    Oh Sarah! Musst du jetzt auf eigene Faust losziehen?? Und kannst du nicht wenigstens Andrea mitnehmen oder in Kenntnis setzen?? Reicht es nicht, dass Ben schon wieder in den Händen gewaltbereiter Verbrecher ist? ?(
    Die Frage, die sich mir jetzt stellt, ist jetzt: Wird Sarah entdeckt? Oder wird sie "nur" zur Beobachterin? Und was haben sie mit Ben vor. Bestimmt tut er ihnen nur leid in seinen nassen Plünn, und sie geben ihm saubere und trockene Klamotten. ;)

    Und werden sich die Verbrecher an die Folterrichtlinie halten? Auf wessen Staatsgebiet liegt eigentlich die Höhle? Auf deutschem, dann gilt die Richtlinie in jedem Fall, oder auf tschechischen, dann wird sie jetzt von mir dort in Kraft gesetzt!

    Jetzt redet Ben Semir aber kräftig ins gewissen. Ich bin mir aber sicher, dass der Alkohol in nächster Zukunft nicht das größte Problem sein wird, gilt es doch, einen Fall zu lösen.
    Und die Mutter Gruber wiederholt sich in ihren Äußerungen, immer wieder muss sie Tanja schlecht machen, ich glaube, die Hexe hat Dreck am Stecken.

    Gute Nachrichten

    „Die Geschichte von der Familie Lange kennen wir jetzt, jetzt brauchen wir die Geschichte unseres Unfallopfers, und heute redet sie mit mir, dafür werde ich sorgen“, sagte Semir beim Verlassen des Büros und traf in der Tür auf Ben. „Ben? Du hier?“ – „Ich war heute im Krankenhaus. Das Unfallopfer heißt Miriam Schröter, und ihr glaubt nicht, was sie mir erzählt hat.“ – „Glaub‘ mir, heute glaube ich dir alles, erzähl!“

    Und Ben erzählte Semir, Alex und Susanne Miriams Geschichte von ihrer Entführung vor 16 Jahren angefangen bis hin zu ihrer Flucht vor zwei Tagen, die auf der Autobahn vor Bens Auto endete.

    Susanne druckte schnell die Seiten aus der Zeitschrift aus, in der die Entführung von damals beschrieben war. „Kannst du uns die Adresse von Miriams Eltern heraussuchen, Susanne?“, fragte Semir die Sekretärin der PAST. Er schaute auf die Uhr. Mittlerweile war es 18:00 Uhr geworden, sollten sie aber die Adresse ihrer Angehörigen schnell ermitteln können, würde er ihnen noch heute die Nachricht überbringen. Susanne kam wenige Minuten später zurück in das Büro der Hauptkommissare. „Sie wohnen noch immer im selben Haus in Breinig bei Aachen.“ Sie überreichte Semir einen Notizzettel mit der Anschrift. „Willst du heute noch hin?“, fragte Alex seinen älteren Partner. „Alex, sie Eltern warten seit 16 Jahren auf die Rückkehr ihrer Tochter, ich finde, sie sollten keinen Tag länger warten. Ich fahre hin.“ – „Du hast recht, ich komme mit.“ – „Und Susanne“, mischte sich Ben ein, „kannst du noch versuchen herauszubekommen, wo vor 16 Jahren ein kleiner Junge vermisst gemeldet wurde. Wir müssen diesen Tommy, oder wie auch immer er in Wirklichkeit heißt, auch seiner wahren Familie zurück bringen. Ich habe es Miriam versprochen.“ Susanne machte sich gleich an die Arbeit, wühlte sich durch die Datenbank vermisster Kinder aus dem Jahr 1997, zunächst in Nordrhein-Westfalen, dann bundesweit. Ohne Erfolg. Schließlich schickte sie eine Anfrage mit dem Foto des Jungen an Interpol. Es war nicht auszuschließen, dass er kein deutscher Staatsbürger ist, sondern aus dem europäischen Ausland stammt. Da mit einer Antwort auf ihre Anfrage nicht vor dem nächsten Tag zu rechnen war, machte sie anschließend Feierabend.

    Während auch Ben die PAST mit Ziel seiner Wohnung verließ, gingen Alex und Semir zum Mercedes, um sich auf den Weg nach Aachen zu begeben. Sie schwiegen eine Weile. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. „Meinst du, wir hätten besser anrufen sollen?“, fragte Alex. „Nein, eine solche Nachricht überbringt man nicht am Telefon. Ich hoffe nur, sie sind zu Haus, damit die Tour jetzt nicht umsonst ist und wir noch einmal hinfahren müssen“. Semir ließ seinen Blick über die verschneite Landschaft schweifen. „Wie sie wohl reagieren werden?“, überlegte er laut.

    Alex antwortete nicht darauf. Vor 16 Jahren war Semir gerade kurze Zeit bei der Autobahnpolizei und er selbst stand noch vor seiner Ausbildung zum Kommissar, hatte gerade die Schule beendet. So viel war in dieser Zeitspanne geschehen. Ausbildung, mehrere Dienststellen, Beziehung, Wechsel zur Kripo Münster, Ende der Beziehung, Wechsel zur Autobahnpolizei, Partnerschaft mit Semir, ein halbes Leben. Und die ganze Zeit über ging diese Familie durch die Hölle. Miriam war in einer neuen Familie gefangen, ihre Eltern warteten jeden Tag auf ihre Rückkehr oder auf die schreckliche, aber auch alles Warten beendende Nachricht. Alex steuerte den Mercedes automatisch, und als er die Hofeinfahrt von Miriams Elternhaus hochfuhr, konnte er sich an die zurückgelegte Strecke nicht mehr erinnern.

    Semir ging es ähnlich, auch er hing in seinen Gedanken den vergangenen 16 Jahren nach. Wo war er zu dem Zeitpunkt, an dem die kleine Welt der Schröters zusammenbrach, als ihre Tochter vom Spielen nicht nach Hause kam? Was war seit dem alles geschehen? Er hatte Andrea kennen und lieben gelernt, mit ihr eine Familie gegründet, ein Zuhause geschaffen. Semir schrak aus seinen Gedanken auf, als Alex plötzlich vor dem Haus der Schröters hielt und den Motor seines Dienstwagens ausschaltete.

    Beide Männer atmeten noch einmal tief durch, stiegen aus und gingen auf die Haustür zu. Es war kurz nach 19:00 Uhr, das Haus war hell erleuchtet. ‚Zumindest ist jemand zuhause‘, dachte Alex und klingelte. Eine junge, blonde Frau öffnete ihnen. „Ja? Wer sind Sie?“, fragte sie Semir und Alex. „Guten Abend, entschuldigen Sie die späte Störung. Mein Name ist Gerkan von der Kripo Autobahn, das ist mein Kollege Brandt. Wir möchten gerne mit Frau Renate Schröter oder ihrem Mann Horst Schröter sprechen, ist das möglich?“ – „Können Sie sich ausweisen?“ – „Aber ja“, Semir kramte den Ausweis aus seiner Jeans hervor und Alex tat dasselbe. Die junge Frau nickte. „Danke. Mein Name ist Anja Schröter, ich sage meinen Eltern Bescheid.“

    Ja, ich glaube auch, der Tisch wird noch eine Bedeutung in der Geschichte bekommne. Wo ist Ben da nur wieder hineingeraten?
    Und was ist Sarah eingefallen? Wieso kann sie nicht im Zimmer bleiben? Fragen über Fragen. Jetzt bin ich gepannt, wie Semir den Höhleneingang finden wird.

    Jetzt sollen Ben und Semir den Fall des toten Babys aufklären, bin gespannt, wer dafür verantwortlich ist. Sie selbst, ihr Mann oder ihre Schwiegermutter oder ein uns noch Unbekannter?
    Und die Journalistin ist wieder da. Gut, dass Semir sich nicht dazu hat verleiten lassen, die Anzeige zurückzuziehen. Verdient hat sie den Ärger allemal, vielleicht verliert sie auch ihre Zulassung. Jetzt wieder zu seinem Haus zu kommen und eine neue Aussage haben zu wollen, ist mehr als dreist. Und auch ohne ihr unberechtigten Betreten des Hauses hätte die Presse so von dem Fall berichtet, dass die Zeugin gefunden worden wäre.

    Miriams Geschichte

    „Und warum haben Sie sie getötet?“, wollte Ben wissen. „Das ist eine längere Geschichte.“ – „Ich habe Zeit. Erzählen Sie mir Ihre Geschichte!“ „Ich werde Ihnen etwas zeigen. Können Sie mir mal meinen Rucksack geben?“ Ben überreichte Miriam den Rucksack, der immer noch auf dem Tisch lag, wo Semir ihn am Vortag abgelegt hatte, und Miriam entnahm diesem die Zeitschrift, holte aber zunächst etwas aus.

    „Ich war neun Jahre alt. Wir hatten damals in einem kleinen Ort bei Aachen gewohnt. Es war Sommer, und ich war bei meiner Freundin zum Spielen und Malen.“ Miriam holte die Kinderzeichnungen aus der Zeitschrift, wo sie sie zum Schutz reingelegt hatte und zeigte eine davon Ben. „Hier“, sagte sie, „ich habe es nie zuende gemalt. Auf der Rückseite hatte ich schon meinen Namen geschrieben: Miriam. Gerade so, als ob ich damals schon geahnt hätte, dass ich diesen Namen fast vergessen sollte oder ihn zumindest verdrängen würde. Meine Freundin wohnte am anderen Ende des Dorfs, ich ging den Weg oft zu Fuß, mein Fahrrad war ständig kaputt, zunächst auf der Dorfstraße und dann das letzte Stück auf dem Feldweg zu unserem Hof. An diesem Sommertag fuhr ein schwarzer Lieferwagen denselben Weg langsam hinter mir her. Auf dem Feldweg überholte er mich, ein Mann stieg aus, ergriff mich und zerrte mich in den Wagen. Ich wusste nicht, wie mir geschah, ich konnte nicht schreien, er presste mir eine Hand vor den Mund. Am Steuer saß eine Frau. Sie haben mich angesehen und etwas gesagt wie ‚die passt‘ oder so ähnlich, ganz genau kann ich mich nicht entsinnen. Das war meine erste Begegnung mit Eva und Maximilian Lange.“

    „Sie sind entführt worden?“ – „Der Begriff ‘geklaut‘ beschreibt es eher. Es ging ihnen nicht um Lösegeld oder so, sie waren auch keine Kinderschänder. Ich habe erst später erfahren, dass Eva und Maximilian zwei eigene Kinder hatten, die zusammen bei einem Unglücksfall ums Leben kamen, ich sollte ihre Tochter ersetzen. Ich habe natürlich tage- und wochenlang geheult, gefleht, sie mögen mich doch gehen lassen. Aber irgendwann hatte ich keine Tränen mehr. Zumal dann ja auch Tommy dazu kam. Er war erst knapp drei Jahre alt, sprach kein Wort, sagte mir nicht seinen Namen. Ich war seine große Schwester, vom ersten Tag an. Jetzt hatten Eva und Maximilian wieder zwei Kinder. Tommy gewöhnte sich recht schnell ein, sah sie bald als seine Eltern an, aber ich war neun, ich konnte die Kindheitsjahre bei meinen Eltern nicht ganz aus meiner Erinnerung streichen. Aber irgendwann resignierte ich und fügte mich. Ich gewöhnte mich daran, nachts im Zimmer eingeschlossen zu sein und tagsüber bewacht zu werden. Ich gewöhnte mich sogar an den Namen Katja. Das ganze Grundstück war ein Gefängnis. Wir waren nie alleine draußen, meistens aber im Haus. Tommy ging nie in einen Kindergarten, wir beide besuchten nie eine Schule. Langsam verdrängte ich meine Vergangenheit, hörte auf den Namen Katja, obwohl ich ihn nie selbst benutzte oder schrieb. Hier-“, Miriam zeigte Ben das zweite Bild, „das habe ich gemalt, da muss ich etwa 12 Jahre alt gewesen sein, Eva hat den Namen auf die Rückseite geschrieben.“

    „Keine Schule, Keine Freunde?“ – „Genau. Aber es war nicht alles schlecht. Sie waren gut zu uns, haben uns nie misshandelt oder geschlagen. Tommy vergaß völlig, dass er ein Leben vor seinem Einzug bei den Langes hatte, er hat eine besondere Beziehung zu Maximilian aufgebaut, ‚Vati‘ nennt er ihn. Und ich lebte so vor mich hin, las viel, zog mich viel in mein Zimmer zurück. Bis zu diesem Sommer.“ Miriam machte eine Pause und nahm ihr Wasserglas vom Nachttisch. Sie trank einen Schluck. Dann beeilte sie sich, weiter zu erzählen, dankbar, in Ben einen geduldigen Zuhörer gefunden zu haben. Es war das erste Mal, dass sie ihre Geschichte jemandem erzählte, oft hat sie sich es vorgestellt, wie es sein würde. Sie fuhr fort.

    „Bis zu diesem Sommer. Ich fand im Altpapierstapel eine alte Frauenzeitschrift, diese hier. Sie blätterte bis zu einem bestimmten Artikel. Auf einer Doppelseite waren etwa 40 Kinderfotos abgedruckt, die Überschrift lautete „Wo seid ihr?“ Es ging um vermisste Kinder, deren Verschwinden nie aufgeklärt werden konnte, es war unklar, ob sie noch lebten, ob sie einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen waren. Sie zeigte Ben ein Foto mitten auf dieser Seite. „Das bin ich. Miriam Schröter. Seitdem habe ich meine Flucht geplant. Eva muss den Artikel übersehen haben, sonst hätten sie dafür gesorgt, dass ich ihn nie in die Hände bekommen würde. Da steht, meine Eltern würden bis heute jeden Tag auf meine Rückkehr warten.“ Hier musste Miriam kurz unterbrechen, blickte in Richtung Fenster, wischte sich einige Tränen aus dem Gesicht. Dann fasste sie sich wieder, blickte zurück zu Ben und sprach weiter. „Gestern Mittag kam dann meine Chance. Maximilian war mit Tommy unterwegs zum Jagen, das machen sie jedes Jahr ein, zwei Mal, Eva und ich waren alleine. Ich half ihr in der Küche. Ich sah die Bratpfanne und wusste plötzlich, was ich tun müsste - “ Jetzt kam sie ins Stocken, zu klar waren die Erinnerungen an diese letzten Momente. „Ich habe auf sie eingeschlagen, mehrfach. Dann bin ich losgelaufen, ziellos, bis es dunkel wurde. Hinter einem Feld sah ich die Lichter und bin darauf zu gegangen.“ – „Direkt vor mein Auto“, schloss Ben. „Ja, das tut mir leid, ich wollte nur ein Auto anhalten.“ – „Schon gut, machen sie sich darüber jetzt keine Gedanken. Jetzt sind andere Sachen wichtiger. Zum Beispiel Ihre Eltern. Sie müssen Bescheid bekommen.“ – „Können Sie mir helfen? Und holen Sie auch Tommy da raus? Seine Eltern müssen ihn doch auch vermissen, vielleicht kann man das rauskriegen?“ Ben nickte. „Ich werde tun, was ich kann. Der Polizist, der gestern hier war, ist übrigens ein sehr guter Freund von mir. Darf ich ihm Ihre Geschichte erzählen? Er wird wissen, was zu tun ist. Ich glaube kaum, dass Sie etwas zu befürchten haben werden.“ – „Ohne Polizei geht es nicht?“ – „Ich fürchte nein.“

    Also mein Ding ist das auch überhaupt nicht..... Das einzig tolle an Fastnacht (wie das bei mir in Hessen heißt) ist, dass unser Hauptsitz in Köln ist und ich somit einen freien Tag an Rosenmontag geschenkt bekomme :D

    Das wünschte ich mir auch. Unser Hauptsitz ist in Bonn, meine Kollegen dort und auch die in Düsseldorf haben Donnerstag ab 11:11 und am Rosenmontag frei, wir in Hamburg müssen aber arbeiten. Aber gut, wenigstens bleibt das Telefon still.

    Ich glaube in der Realität ist einiges anders, da wird auch eine Autobahnpolizei keine Morde, Drogendelikte, und andere Fälle aufklären, nur weil sie in ihrer Umgebung geschehen und sich schon gar nicht undercover irgendwo einschleusen. Da kann ich als Angehörige einer Verwaltung nur den Kopf schütteln, die Zuständigkeiten sind nicht nur örtlich, sondern vor allem fachlich geregelt. Auch glaube ich, dass ein Polizeibeamter, der einen dieser Fälle durchlebt, mit großer Wahrscheinlichkeit psychische Schäden bis zur Dienstunfähigkeit davontragen würde.
    Aber wer will die Realität im Fernsehen sehen? Das wäre ja tödlich langweilig.

    Ob es jetzt so eine Erleichterung ist, nur die Frau erschossen zu haben und nicht Frau und Kind, weiß ich jetzt nicht. Aber dass das Kind bereits tot war - vergiftet? - ist schon eine Wendung in dem Fall.
    Hier könnten sich gleich einige Ermittlungen anschließen. Wie ist das Natriumnitrit in den Körper der Frau gekommen?
    Die Worte an die Presse waren zwar angebracht, werden bei vielen Journalisten allerdings abprallen, für die zählen Schlagzeilen und Auflage. Es erwartet doch wohl niemand auch nur ein Wort der Entschuldigung. Aber gut, dass der Alptraum für Semir erst einmal vorbei ist.

    Ja, der Wellnesscharakter des Aufenthalts ist wohl jetzt abhanden gekommen. Semir macht sich im Bens neuem Auto (ob der BMW unbeschadet das Abenteuer überleben wird, wage ich zu bezweifeln) auf den Weg nach Tschechien, wo Ben mittlerweile in der Höllen-Höhle angekommen ist. Bin gespannt, ob Semir diese Höhle auch finden wird, ob er Ben befreien kann oder auch in die Fänge der Schmuggler gerät. Ich wäre für das Komplettpaket.