Beiträge von Yon

    Frau Kaiser

    Alex holte Semir am nächsten Morgen wie vereinbart zuhause ab. Der Schneefall des letzten Abends hatte über Nacht für eine frische Schneedecke auf den Häusern und Grundstücken gesorgt. In den Vorgärten türmten sich die Schneewälle von den Bürgersteigen, Grundstücksauffahrten und den Wegen zu den Haustüren. Hier und da zierten Schneemänner die Grundstücke und die bereits angebrachten Lichterketten in den kleinen Nadelbäumen warfen durch den auf den Zweigen und Lämpchen liegenden Schnee romantisches Licht auf die Umgebung.

    Sie machten sich auf den Weg zum Hof der Kaisers, die nach Aussage von Frau Schultz, der Mutter von Lena, die die tote Eva Lange am Vortag in deren Küche gefunden hatte, näheren Kontakt zu dieser und ihrem Ehemann Maximilian haben sollen. Nachdem sie in Kerpen die Autobahn verlassen hatten und in Neu-Günzheim auch von der Landstraße auf den kleinen Feldweg abgebogen waren, fuhren sie auf einer festen Schneedecke. Hier kam kein Winterräumdienst vorbei. Der Weg führte lediglich zu wenigen Häusern, darunter die Höfe der Langes, der Kaisers und das Einfamilienhaus von Lena Schultz und ihren Eltern.

    Diesmal hatten sie mehr Glück als am Vortag. Das Wohnhaus war beleuchtet und es standen zwei Autos vor der Tür, als sie den Mercedes gegen 11:00 Uhr auf dem Hofplatz abstellten. Eine grauhaarige, kleine Frau öffnete ihnen auf ihr Klingeln hin die Tür. „Ja? Sie wünschen?“ - „Guten Tag, Frau Kaiser, mein Name ist Brandt von der Kripo Autobahn“, übernahm Alex die Vorstellung und zeigte seinen Ausweis und mit den Worten „das ist mein Kollege Gerkan“, wies er auf Semir, der ebenfalls seinen Ausweis in der Hand hielt, „wir hätten ein paar Fragen, ihre Nachbarn betreffend.“ - „Ja, schlimme Sache mit der Frau Lange, erschlagen, habe ich gehört?“ - „Können wir die Unterhaltung bitte drinnen fortsetzen?“, fragte Semir. „Aber natürlich, entschuldigen Sie.“ Frau Kaiser trat einen Schritt zur Seite und ließ die Beamten in ihr Haus, wo sie in der Küche Platz nahmen.

    „Frau Kaiser“, begann Semir, „Frau Schultz von drüben sagte uns gestern, sie hätten näheren Kontakt zu den Langes, können Sie das bestätigen?“ - „Ja, so nette Leute. Als Paul starb, das war der Vorbesitzer des Hofs, dachten wir schon, seine Söhne würden den Hof abreißen und als Baugrundstücke verkaufen wollen. Aber dann haben sie doch noch einen Käufer gefunden. Maximilian ist ja auch Landwirt, sie haben mehrere Pferde. Sie entschuldigen-“, sie erhob sich und ging zum Herd, um die Inhalte der Töpfe zu prüfen. „Wann war das? Wann sind die Langes eingezogen?“, fragte Semir, um das Wissen der Frau zu überprüfen, denn die Antwort wusste er ja bereits. „Moment, das müsste etwa 15 Jahre her sein. Maximilian ist dieses Jahr zum 15. Mal Schützenkönig geworden, das wurde im Verein extra erwähnt. Seit er bei uns im Verein ist, hat kein anderer eine Chance. Der trifft einfach alles.“ - „Wissen Sie, wo sich Maximilian zurzeit aufhält?“ - „Er ist für ein paar Tage mit Thomas weggefahren, das machen sie öfters mal, zum Jagen oder Angeln.“ - „Wie gut kennen Sie Thomas und seine Schwester, Frau Kaiser?“ - „Ach die Kinder, das ist merkwürdig, die sind erst Wochen nach ihren Eltern angekommen, angeblich, weil Maximilian und Eva so viel mit der Renovierung zu tun hatten und die Kinder da besser bei der Oma blieben. Ich hätte das nicht gemacht. Mehrere Wochen? Viel gesehen habe ich von den Kindern nie, sie haben nicht oft draußen gespielt, ich habe sie wirklich selten zu Gesicht bekommen.“ - „Sie wissen nicht zufällig, wie wir Maximilian Lange erreichen können? Handy-Nummer oder so? Herr Lange weiß noch nichts von seiner Frau.“ - „Nein, das tut mir leid, ist er denn verdächtigt?“ Semir räusperte sich, doch Alex kam ihm zuvor: „In gewisser Weise schon. Die Tochter, der Sohn und der Vater sind seit der Tat verschwunden, wir brauchen die Aussagen aller drei.“ - „Tut mir leid, dass ich Ihnen da nicht weiterhelfen kann.“ - „Dann bedanken wir uns erst einmal bei Ihnen, sollte Ihnen noch etwas einfallen, rufen Sie uns bitte an.“ Alex überreichte ihr eine Karte.

    An der Haustür verabschiedeten sie sich. „Ach, sehen Sie, dort ist er ja!“, sie blickten in die Richtung ihres Blickes und sahen auf dem Hof der Langes einen weißen Landrover stehen, der sich jetzt gerade in Bewegung setzte und rückwärts in den Schuppen gefahren wurde. „Das ist Maximilian Lange?“, fragte Semir. „Das ist sein Auto, ja.“ - „Gut, dann werden wir ihn ja gleich zuhause antreffen.“

    Als die Polizisten im Auto saßen, griff Frau Kaiser sofort zum Telefon.

    ***

    Maximilian Lange steuerte seinen weißen Landrover auf den Hof und drehte sich zu seinem Beifahrer um. „Tommy, steig aus und mach die Schuppentür auf.“ Ein hochgewachsener, blonder, sehr schlanker Junge stieg aus und ging zum Schuppen, um dessen Tor aufzuschließen und aufzuschieben. Aufgrund des Schnees, der vor dem Tor lag, gestaltete sich dieses entsprechend schwierig. Aber schließlich konnte Maximilian den Landrover rückwärts in den Schuppen fahren. Schnell machte Tommy das Tor wieder zu und betrat mit Maximilian gemeinsam das Wohnhaus durch die direkte Verbindungstür vom Schuppen zur Waschküche. In der einen Hand trug er sein Jagdgewehr, in der Anderen eine Reisetasche. „Ob Mutti schon Mittagessen macht?“, fragte der Junge und steuerte direkt die Küche an, auf dessen Fußboden noch das getrocknete Blut Zeugnis von dem Geschehen des vergangenen Montags abgab. „VATI!“, schrie er durch das Haus. „Was ist denn? Hast du Katja gesehen?“, kam von Maximilian zurück. „Nein, hier ist niemand, und alles voller Blut!“ - „Was sagst du?“, kam von Maximilian, der neben Tommy getreten war und jetzt auch auf den Küchenboden starrte. An der Tür hing ein Schreiben der Polizei, in dem sie darauf hinwies, dass es sich hierbei um einen Tatort handelte und Maximilian sich doch bitte bei der Polizei melden sollte.

    Dann klingelte das Telefon und Maximilian hob an. Er hörte schweigend zu, dann legte er auf.

    „Wir müssen hier weg“, entschied Maximilian sofort, „wenn Katja auch weg ist, sind wir hier nicht sicher.“ - „Was meinst du damit, Vati?“ - „Jetzt frag nicht, geh zum Auto, ich komme gleich nach“, sagte Maximilian, riss wütend den Zettel von der Küchentür und ging mit dem Jagdgewehr ins Obergeschoss. Als er in seinem Arbeitszimmer war, sah er einen silbernen Mercedes mit Düsseldorfer Kennzeichen auf seinen Hof einbiegen. Sofort erkannte er, dass es sich um ein ziviles Polizeifahrzeug handelte. „Ihr kriegt uns nicht“, fluchte er, öffnete eine kleine Scheibe des Sprossenfensters, schob den Lauf seines Jagdgewehrs durch die Öffnung und legte auf den Wagen an.

    Schön, dass du zwischendurch doch noch Zeit für das Einstellen eines neuen Kapitels gefunden hast, Susanne.
    Jetzt erfahren wir die Arbeitsweise der Schmugglerbande. Ganz schön clever, das Zeug an den PKWs der Hotelgäste befestigt aus dem Zollgrenzbezirk zu transportieren (vielleicht sollte ich meinen Kollegen mal einen kleinen Tipp geben?) und sich selbst immer erfolglos kontrollieren zu lassen.
    Aber das mit dem vorgetäuschten Ertrinken kann doch eigentlich nur klappen, wenn der Körper im Wasser noch versucht zu atmen, oder irre ich mich da?

    Die Mutter von Martin Gruber macht sich immer verdächtiger.
    Sie lässt einfach keine andere Frau an der Seite ihres Sohnes zu. Auch wenn der Tod ihrer Tochter ein schwerer Schicksalsschlag war, rechtfertigt es nicht, ihren Sohn nicht loszulassen, auch wenn man so ihre Beweggründe vielleicht etwas leichter versteht. Ja, ich glaube, Semir und Ben tun gut daran, auch den anderen Todesfall erneut zu untersuchen, es ist nicht auszuschließen, dass sie auch dort ihre Finger mit im Spiel hatte.
    Aber Elvira, bei den Autos musst du dich etwas verzählt haben. Ich schätze mal, das in Köln etwa 450000 zugelassene Autos existieren. Dann müsste ja fast jedes dritte davon ein dunkelblauer Audi sein :D

    Das Wiedersehen

    Kaum hatten die Polizisten ihr Haus verlassen, begann Renate Schröter vom Strudel ihrer Gefühle in ungeahnte Tiefen hinab gerissen zu werden. Weinend, dann wieder lächelnd, mit bebenden Schultern blickte sie dem silbernen Mercedes hinterher. Ihr Mann legte ihr seinen Arm um beide Schultern. „Du hattest die ganzen Jahre Recht, Renate. Miriam lebt und wir werden sie heimholen.“ Er versuchte ruhig zu bleiben, doch das Zittern seiner Hände verriet ihn. Auch Horst Schröter war die Nachricht nahe gegangen, mit langsamen Schritten führte er seine Frau zum Auto, ließ sie behutsam auf dem Beifahrersitz nieder.

    Renate konnte sich sehr gut an den Tag im August 1997 erinnern, als sie Miriam an der Haustür verabschiedete, nichtsahnend, dass dieser der letzte Moment sein sollte, an dem sie ihrer Tochter hinterherblicken würde, ein Anblick, der sich 16 Jahre unauslöschlich in ihrem Kopf eingebrannt hatte. Wie das blonde Mädchen die Auffahrt des Hofs heruntertanzte, sich seines Lebens erfreute und einem schönen Spieltag mit seiner Freundin entgegen lief, das Bild würde sie nie vergessen. Hundert, wenn nicht tausend Mal hatte sie dieses Bild vor Augen und sich gewünscht, ihr Mädchen wäre im letzten Moment umgekehrt und wieder ins Haus zurückgekehrt.

    Hängenden Hauptes nahm auch Anja im Auto Platz. Renate drehte sich zu ihrer jüngeren Tochter um. „Anja, was hast du? Freust du dich nicht“, fragte sie, als sie merkte, dass das Mädchen regungslos auf die Rückenlehne starrte. „Ich kann mich nicht an Miriam erinnern, Mama. Ich versuche, sie mir vorzustellen, aber das einzige Bild, das mir in den Sinn kommt, hängt bei uns im Flur.“ - „Anja, du warst damals 5. Natürlich kannst du dich nicht erinnern, aber ab heute hast du wieder eine große Schwester. Du hast sie die ganze Zeit gehabt.“ - „Das ist wohl richtig, aber was erwartet uns heute, ich bin keine 5 mehr und Miri ist keine 9, sondern 25. Wir kennen sie doch gar nicht.“ - Renate drehte sich nach vorne und blickte durch die Wassertropfen, die von den Schneeflocken übrig blieben und die der Scheibenwischer in getakteter Regelmäßigkeit an den Scheibenrand beförderte. Anja hatte genau das ausgesprochen, was auch ihre Eltern bewegte. Würden sie ihre Tochter wieder erkennen? Würde die junge Frau, die sie jetzt in Begriff waren im Krankenhaus zu besuchen, sie als ihre Eltern wieder erkennen.

    Horst, Renate und Anja zögerten auf dem Krankenhausflur. War es nicht doch zu spät für einen Besuch? Sollten sie nicht doch bis zum nächsten Tag warten? Eine Krankenschwester kam auf sie zu und sprach sie an: „Für einen Besuch ist es reichlich spät. Zu wem wollen Sie denn?“ - „Wir sind die Eltern von Miriam Schröter und möchten gerne unsere Tochter besuchen. Wir haben sie seit sechzehn Jahren nicht gesehen und erst heute Abend erfahren, dass sie noch lebt.“ Renate Schröters Stimme bebte, als sie diese Worte aussprach. Die Anspannung lag schwer in der Luft, wie Gelee, durch das kein rationaler Gedanke zu dringen vermochte. Wie durch einen dicken Schleier drang die Stimme der Krankenschwester zu ihnen. „Dann kommen Sie bitte mit mir. Das Zimmer ihrer Tochter ist weiter hinten.“ Die Schwester ging leise voran in das abgedunkelte Krankenzimmer. „Frau Schröter?“, fragte sie leise, „Frau Schröter, sind Sie wach? Ich habe Besuch mitgebracht.“ Die Patientin im Bett regte sich und drehte sich zur Krankenschwester um. „Besuch? Für mich? Jetzt noch?“ Die Schwester wandte sich zu den Schröters, die noch in der Tür standen. „Kommen Sie rein. Ich bin draußen, falls Sie etwas brauchen.“

    Zögernd betraten Renate und Horst das Krankenzimmer ihrer Tochter und gingen langsam auf das Krankenbett zu. Anja hielt sich im Hintergrund, wollte ihren Eltern den Vortritt lassen. Nun standen sie ihrer Tochter gegenüber, aus der mittlerweile eine erwachsene Frau geworden war und die sie, sehr blass im Gesicht, aus dem weißen Krankenhausbett anblinzelte.

    Miriam blickte ihren Eltern lange ins Gesicht, die als neunjähriges Mädchen zum letzten Mal gesehen hatte. Sie konnte sich ebenfalls sehr gut an den Tag erinnern, an dem sie ihr Elternhaus zum verlassen hatte. Allerdings war es nicht so sehr der Abschied von ihrer Mutter, der sich in ihren Kopf eingebrannt hatte, sondern umso mehr der Nachmittag mit ihrer Freundin, das Spielen und Malen, und am meisten der schreckliche Moment, in dem der dunkle Transporter neben ihr hielt, und sie für immer aus ihrer Kindheit gerissen hatte.

    Miriams Blick wanderte zwischen ihren Eltern hin und her, blieb schließlich zuerst auf dem verweinten, aber glücklichen Antlitz ihrer so lange vermissten Mutter hängen. Aus dem anfänglichen Hauch des Wiedererkennens wurde Erinnerung. Sie streckte ihren gesunden Arm aus, um sie zu begrüßen. Dann kam ein leises, zögerliches „Mama“ über Miriams Lippen und die beiden Frauen fielen sich in die Arme, wollten sich gar nicht mehr loslassen, bis Horst herantrat und ebenfalls seine Tochter in die Arme schloss, und sich anschließend beide Schwestern in den Armen lag. Viele Worte waren an diesem Abend nicht nötig. Familie Schröter war wieder vereint.

    Ja, wie ist das Salz in Tanjas Körper gelangt, das ist auch für mich die Kernfrage zurzeit. Muss die Einnahme auf einen Schlag erfolgen oder reicht eine Einnahme geringer Dosen über einen längeren Zeitraum? Ich würde mal alles in Küche und Arzneimittelschrank untersuchen lassen, vielleicht werden sie da schon fündig.

    Und semir plant schon das Wochenende mit seinen Kindern, hoffentlich bleibt denn auch genug Schnee liegen für einen Schneemann. Und Ben ist auch wieder mit von der Partie, naja die Kinder wird es freuen. Bleibt zu wünschen, dass alles klappt. Semir ist zurzeit nicht in der Lage, sich ein vermasseltes Wochenende leisten zu können.

    Ich wünsche dir auch ein schönes Wochenende. Und sollte Danara dich umpolen, dann machst du noch drei, vier fulminante, actiongeladene Befreiungskapitel und gehst direkt zur nächsten Story über. Aber ich glaube, Danara wird es nicht schaffen, dich umzupolen, der Aufenthalt in der "Karnevalshochburg Mettmann" wird dich eher noch zu weiteren Schandtaten inspirieren.

    Und auch wenn in den nächsten Tagen kein Kapitel kommt, wir wissen, wo unsere "Helden" sind: Ben im Berg, Semir am tschechischen Eingang, Sarah am deutschen Eingang und Andrea dort, wor auch Sarah sein sollte: im Hotel.
    Der Folterknecht ist ja ein netter Zeitgenosse (Betonung auf Genosse), nur blöde, dass Ben ihmgar nichts sagen kann, denn er hat ja niemandem erzählt, was er im Berg gesehen hat. Was Ben blüht, lässt sich ja etwas erahnen, aber werden sie dabei noch Augen- und Ohrenzeugen haben?

    Semir


    Alex fuhr mit Semir wieder Richtung Köln. Es war schon spät, der eingesetzte Schneefall beeinträchtigte die Fahrt über die A4 deutlich. Als sie die Unfallstelle vom Montag passierten, begannen sie nach längerem Schweigen gleichzeitig an zu sprechen, „Es …“ – „Ich ..“, dann meinte Alex: „Du zuerst“ – „Es war doch richtig, heute noch hinzufahren, oder?“ – „Unbedingt, auch wenn es spät geworden ist. Kannst du dir vorstellen, wie es ist, jemand vermissten nach 16 Jahren wieder zu sehen? Jemanden, von dem du nicht einmal wusstest, dass er noch lebt? Haben die Schröters so reagiert, wie ich reagieren würde oder du reagieren würdest?“, stellte Alex die Fragen, die ihn momentan bewegten. „Ich glaube, sie haben es noch gar nicht ganz begriffen, das wird dauern. 16 Jahre sind eine lange Zeit, gerade in dem Alter. Zwischen 9 und 25 passiert einfach sehr viel. Sie haben ein Kind in Erinnerung und lernen jetzt ihre Tochter als erwachsene Frau völlig neu kennen.“ Alex nickte nur und bog bereits in Semirs Wohnstraße ein. „Ich hole dich dann morgen hier ab“, verabschiedete er sich mit Blick auf Semirs Haus, im dem nur noch unten ein kleines Licht brannte. „Okay. Aber komm nicht zu früh, war ein langer Tag, dann fahren wir direkt zu den Nachbarn der Langes, es wird Zeit, dass wir mehr über den Ehemann der Toten erfahren.“

    Semir betrat leise den Hausflur, legte den Hausschlüssel auf die Ablage und zog sich Jacke und Stiefel aus. Er sah Andrea auf dem Sofa liegen, mal wieder vor dem Fernseher eingeschlafen, das Glas Wein auf dem Tisch nur zur Hälfte ausgetrunken. Im Fernsehen lief eine politische Talkrunde. Semir nahm die Fernbedienung, die auf dem Boden lag, wahrscheinlich war sie Andrea aus der Hand gerutscht, in die eine und das Weinglas in die andere, trank einen großen Schluck und schaltete den Kasten aus. Dann ließ er sich leise in den Sessel fallen. Durch die plötzliche Stille aufgeweckt, ja auch Ruhe kann ein guter Wecker sein, öffnete Andrea verschlafen die Augen und dreht ihren Kopf zu Semir. Sie streckte ihre Hand aus, die er ergriff. „Wie spät ist es?“, gähnte sie mehr, als sie sprach. „Nach zehn“, kam gedankenverloren zurück. Etwas an dem Tonfall veranlasste Andrea, sich aufzurichten. „Was ist los?“, fragte sie bestimmt. „Haben wir noch mehr Wein?“ – „In der Küche.“

    Semir erhob sich, ging mit Andreas Glas, welches er mittlerweile ausgetrunken hatte, in die Küche, füllte es neu aus der Flasche, die auf der Arbeitsplatte stand, nahm ein weiteres Glas aus dem Schrank, füllte auch dieses und kam mit beiden Gläsern zurück in das Wohnzimmer. Er reichte Andrea ihr Glas. „Nun erzähl! Dich bedrückt doch was“, forderte sie ihren Mann auf.

    „Wir haben heute herausgefunden, wer die Frau ist, die Ben am Montag vors Auto gelaufen ist.“ – „Ja, und? Wer ist sie?“ – „Du kannst es dir nicht vorstellen, Andrea“, sprach er ins Leere, ohne seine Frau dabei anzublicken, „da ist ein 9-jähriges Mädchen an einem schönen Sommertag. Das reife Getreide wiegt sich im Wind, das Feld ist umrandet von bunten Kornblumen, Schmetterlinge flattern umher. Sie trägt ein buntes Sommerkleid, das lange blonde Haar zum Pferdeschwanz gebunden und läuft vom Spielen nach Hause. Wahrscheinlich genauso, wie Ayda immer läuft, hüpfend von rechts nach links, nicht besonders zielstrebig, dafür interessiert an den Schmetterlingen und den Blumen. Vielleicht pflückt sie sogar welche für ihre Mama? Dann hält plötzlich ein großer schwarzer Wagen neben ihr, wirft einen Schatten auf sie und den Feldrand und schließlich auf ihr gesamtes Leben, schwarz und bedrohlich öffnet sich die Seitentür und das Mädchen wird in das Innere des Wagens gezogen. Die Welt, die sie kannte, verschwindet von einem Moment auf den Nächsten und bleibt außerhalb von diesem Wagen zurück. Sie wird ewig, fast doppelt so lang als ihr bisheriges Leben, 16 lange Jahre, festgehalten bei fremden Leuten. Dann wird sie plötzlich wieder daran erinnert, wer sie ist und plant ihre Flucht. Am Montag ist sie ihr gelungen und endete vor Bens Auto. Vorher hat sie noch die Frau erschlagen, bei der sie leben musste.“ – „Oh mein Gott!“ Andrea konnte ihre Reaktion nicht länger zurück halten. Sie tranken schweigend einen Schluck. „Wir waren heute Abend bei ihren Eltern“, erzählte Semir weiter, „Auch für sie endete ein Leben vor 16 Jahren. Sie sahen die Freundinnen ihrer Tochter und ihre Schwester aufwachsen und dachten dabei immer an ihre verschwundene Tochter. Alle anderen gingen zur Schule, zum Tanzen, beendeten die Schule, verließen das Dorf, um zu studieren oder eine Ausbildung zu machen, und die ganze Zeit begleitete sie die Frage, was wohl Miriam zur gleichen Zeit tat.“ – „Miriam heißt sie?“ – „Ja. Als Alex und ich heute in dieses Haus kamen, lag eine ganz besondere Stimmung über dem Ort, gerade so als ob die Eltern und die jüngere Tochter die ganzen 16 Jahre lang an diesem gedeckten Tisch gesessen hätten und nur darauf warteten, dass zwei Polizisten mit einer Nachricht vor der Tür stehen. So als ob du einen Telefonanruf erwartest und dann doch vor dem Klingeln erschrickst.“ Sie tranken wieder einen Schluck Wein. „Was waren das für Leute, die Miriam verschleppt hatten?“, wollte Andrea dann wissen. „Es war ein Ehepaar, das im selben Jahr ihre beiden Kinder verloren hatten, sie sind in einem Graben ertrunken, und das nun diese Kinder versuchte, durch andere Kinder zu ersetzen.“ – „Oh Mann, das ist ja furchtbar. Kinder?“, unterbrach Andrea mit Betonung auf dem Plural. „Ja, da ist noch ein Junge, heute 19 Jahre alt, damals drei.“ – „Aber wie ging das? Das wäre doch aufgefallen, wenn das Paar auf einmal wieder zwei Kinder hätte.“ – „Normalerweise schon, aber sie sind umgezogen, hatten die Kinder meistens im Haus, sie gingen in keine Schule, waren nicht angemeldet, fielen also kaum auf, die neuen Nachbarn kannten die Geschichte ja nicht.“ – „Und jetzt ist Miriam wieder bei ihren Eltern?“ – „Sie sind noch heute ins Krankenhaus gefahren. Für sie hat das Warten ein Ende.“ Nach einigen weiteren schweigenden Schlucken Wein, fragte Andrea: „Und der Junge? Bringt ihr den auch wieder nach Hause?“ - „Da kannst du dich drauf verlassen, Andrea. Sobald wir ihn und seine Eltern gefunden haben.“ Andreas fragender Blick genügte, und Semir erzählte ihr, dass Maximilian Lange mit Tommy unterwegs war und noch nicht ausfindig gemacht werden konnte und auch die Suche nach seinen Eltern bislang nicht von Erfolg gekrönt war.

    Semir leerte sein Weinglas und stand auf. „Ich gehe noch duschen. Es war ein langer Tag“, und nach einer Pause fügte er hinzu: „Danke.“ – „Wofür?“ – „Dafür dass du mir zugehört hast.“ Er gab ihr einen Kuss und verschwand nach oben.

    und bitte Yon-ich will heulen!

    Ob ich dieser Herausforderung gerecht werden kann, weiß ich jetzt nicht, aber ich kann dir versichern, dass es das Kapitel wird, dessen Verfassen mir am schwersten fiel, weil die Situation so beispiellos und unvorstellbar ist.

    Tja, Hartmut frühstückt halt Bücher, ich bevorzuge Brot. Und zitiert Internetquellen aus dem Stegreif.
    Und selbst Martin Gruber hat Zweifel an seiner Mutter und traut ihr die kriminelle Energie zu, die Schwiegertochter bzw. das Ungeborene Enkelkind zu vergiften.

    Oh, ich fürchte, man wird Ben keine trockenen Sachen und einen heißen Tee anbieten ...
    Sollte er etwa schon wieder gefangen gehalten und gefoltert werden? Nur was versprechen sich die Gangster davon? Einen Mitwisser zu entsorgen, dafür wäre doch das Moor ideal gewesen, dann hätten sie die Jacke auch noch versenkt und Ben wäre lange - wenn nicht für ewig - verschwunden. dann schnell abbauen und erst einmal untertauchen, dann wären auch eventuelle Mitwisser, denen ben etwas gesagt haben könnte, schnell unglaubwürdig.

    Semir hat zumindest schon den richtigen Riecher, hoffentlich läuft er ihnen nicht auch in die Falle! Und Sarah, geh bloß zurück zum Hotel! So, mehr als warnen kann ich jetzt nicht.