Frau Kaiser
Alex holte Semir am nächsten Morgen wie vereinbart zuhause ab. Der Schneefall des letzten Abends hatte über Nacht für eine frische Schneedecke auf den Häusern und Grundstücken gesorgt. In den Vorgärten türmten sich die Schneewälle von den Bürgersteigen, Grundstücksauffahrten und den Wegen zu den Haustüren. Hier und da zierten Schneemänner die Grundstücke und die bereits angebrachten Lichterketten in den kleinen Nadelbäumen warfen durch den auf den Zweigen und Lämpchen liegenden Schnee romantisches Licht auf die Umgebung.
Sie machten sich auf den Weg zum Hof der Kaisers, die nach Aussage von Frau Schultz, der Mutter von Lena, die die tote Eva Lange am Vortag in deren Küche gefunden hatte, näheren Kontakt zu dieser und ihrem Ehemann Maximilian haben sollen. Nachdem sie in Kerpen die Autobahn verlassen hatten und in Neu-Günzheim auch von der Landstraße auf den kleinen Feldweg abgebogen waren, fuhren sie auf einer festen Schneedecke. Hier kam kein Winterräumdienst vorbei. Der Weg führte lediglich zu wenigen Häusern, darunter die Höfe der Langes, der Kaisers und das Einfamilienhaus von Lena Schultz und ihren Eltern.
Diesmal hatten sie mehr Glück als am Vortag. Das Wohnhaus war beleuchtet und es standen zwei Autos vor der Tür, als sie den Mercedes gegen 11:00 Uhr auf dem Hofplatz abstellten. Eine grauhaarige, kleine Frau öffnete ihnen auf ihr Klingeln hin die Tür. „Ja? Sie wünschen?“ - „Guten Tag, Frau Kaiser, mein Name ist Brandt von der Kripo Autobahn“, übernahm Alex die Vorstellung und zeigte seinen Ausweis und mit den Worten „das ist mein Kollege Gerkan“, wies er auf Semir, der ebenfalls seinen Ausweis in der Hand hielt, „wir hätten ein paar Fragen, ihre Nachbarn betreffend.“ - „Ja, schlimme Sache mit der Frau Lange, erschlagen, habe ich gehört?“ - „Können wir die Unterhaltung bitte drinnen fortsetzen?“, fragte Semir. „Aber natürlich, entschuldigen Sie.“ Frau Kaiser trat einen Schritt zur Seite und ließ die Beamten in ihr Haus, wo sie in der Küche Platz nahmen.
„Frau Kaiser“, begann Semir, „Frau Schultz von drüben sagte uns gestern, sie hätten näheren Kontakt zu den Langes, können Sie das bestätigen?“ - „Ja, so nette Leute. Als Paul starb, das war der Vorbesitzer des Hofs, dachten wir schon, seine Söhne würden den Hof abreißen und als Baugrundstücke verkaufen wollen. Aber dann haben sie doch noch einen Käufer gefunden. Maximilian ist ja auch Landwirt, sie haben mehrere Pferde. Sie entschuldigen-“, sie erhob sich und ging zum Herd, um die Inhalte der Töpfe zu prüfen. „Wann war das? Wann sind die Langes eingezogen?“, fragte Semir, um das Wissen der Frau zu überprüfen, denn die Antwort wusste er ja bereits. „Moment, das müsste etwa 15 Jahre her sein. Maximilian ist dieses Jahr zum 15. Mal Schützenkönig geworden, das wurde im Verein extra erwähnt. Seit er bei uns im Verein ist, hat kein anderer eine Chance. Der trifft einfach alles.“ - „Wissen Sie, wo sich Maximilian zurzeit aufhält?“ - „Er ist für ein paar Tage mit Thomas weggefahren, das machen sie öfters mal, zum Jagen oder Angeln.“ - „Wie gut kennen Sie Thomas und seine Schwester, Frau Kaiser?“ - „Ach die Kinder, das ist merkwürdig, die sind erst Wochen nach ihren Eltern angekommen, angeblich, weil Maximilian und Eva so viel mit der Renovierung zu tun hatten und die Kinder da besser bei der Oma blieben. Ich hätte das nicht gemacht. Mehrere Wochen? Viel gesehen habe ich von den Kindern nie, sie haben nicht oft draußen gespielt, ich habe sie wirklich selten zu Gesicht bekommen.“ - „Sie wissen nicht zufällig, wie wir Maximilian Lange erreichen können? Handy-Nummer oder so? Herr Lange weiß noch nichts von seiner Frau.“ - „Nein, das tut mir leid, ist er denn verdächtigt?“ Semir räusperte sich, doch Alex kam ihm zuvor: „In gewisser Weise schon. Die Tochter, der Sohn und der Vater sind seit der Tat verschwunden, wir brauchen die Aussagen aller drei.“ - „Tut mir leid, dass ich Ihnen da nicht weiterhelfen kann.“ - „Dann bedanken wir uns erst einmal bei Ihnen, sollte Ihnen noch etwas einfallen, rufen Sie uns bitte an.“ Alex überreichte ihr eine Karte.
An der Haustür verabschiedeten sie sich. „Ach, sehen Sie, dort ist er ja!“, sie blickten in die Richtung ihres Blickes und sahen auf dem Hof der Langes einen weißen Landrover stehen, der sich jetzt gerade in Bewegung setzte und rückwärts in den Schuppen gefahren wurde. „Das ist Maximilian Lange?“, fragte Semir. „Das ist sein Auto, ja.“ - „Gut, dann werden wir ihn ja gleich zuhause antreffen.“
Als die Polizisten im Auto saßen, griff Frau Kaiser sofort zum Telefon.
***
Maximilian Lange steuerte seinen weißen Landrover auf den Hof und drehte sich zu seinem Beifahrer um. „Tommy, steig aus und mach die Schuppentür auf.“ Ein hochgewachsener, blonder, sehr schlanker Junge stieg aus und ging zum Schuppen, um dessen Tor aufzuschließen und aufzuschieben. Aufgrund des Schnees, der vor dem Tor lag, gestaltete sich dieses entsprechend schwierig. Aber schließlich konnte Maximilian den Landrover rückwärts in den Schuppen fahren. Schnell machte Tommy das Tor wieder zu und betrat mit Maximilian gemeinsam das Wohnhaus durch die direkte Verbindungstür vom Schuppen zur Waschküche. In der einen Hand trug er sein Jagdgewehr, in der Anderen eine Reisetasche. „Ob Mutti schon Mittagessen macht?“, fragte der Junge und steuerte direkt die Küche an, auf dessen Fußboden noch das getrocknete Blut Zeugnis von dem Geschehen des vergangenen Montags abgab. „VATI!“, schrie er durch das Haus. „Was ist denn? Hast du Katja gesehen?“, kam von Maximilian zurück. „Nein, hier ist niemand, und alles voller Blut!“ - „Was sagst du?“, kam von Maximilian, der neben Tommy getreten war und jetzt auch auf den Küchenboden starrte. An der Tür hing ein Schreiben der Polizei, in dem sie darauf hinwies, dass es sich hierbei um einen Tatort handelte und Maximilian sich doch bitte bei der Polizei melden sollte.
Dann klingelte das Telefon und Maximilian hob an. Er hörte schweigend zu, dann legte er auf.
„Wir müssen hier weg“, entschied Maximilian sofort, „wenn Katja auch weg ist, sind wir hier nicht sicher.“ - „Was meinst du damit, Vati?“ - „Jetzt frag nicht, geh zum Auto, ich komme gleich nach“, sagte Maximilian, riss wütend den Zettel von der Küchentür und ging mit dem Jagdgewehr ins Obergeschoss. Als er in seinem Arbeitszimmer war, sah er einen silbernen Mercedes mit Düsseldorfer Kennzeichen auf seinen Hof einbiegen. Sofort erkannte er, dass es sich um ein ziviles Polizeifahrzeug handelte. „Ihr kriegt uns nicht“, fluchte er, öffnete eine kleine Scheibe des Sprossenfensters, schob den Lauf seines Jagdgewehrs durch die Öffnung und legte auf den Wagen an.