Andrea im Krankenhaus
Semir kam sofort in die Notaufnahme und von dort in den OP. Andrea wurde auf die Normalstation in ein Einzelzimmer gelegt, wo sie zunächst untersucht und ein leichter Schwächeanfall diagnostiziert wurde. Sie sollte ein oder zwei Nächte im Krankenhaus bleiben, um unter Beobachtung zu sein, weil zu befürchten war, dass sie diese Zeit ansonsten auf dem Gang vor den Operationssälen verbringen würde. Hier konnte sie bis zum Abschluss der Operation bleiben, man würde sie über deren Verlauf informieren.
Sie hielt es im Bett nicht lange aus, ging auf und ab, sah durch das Fenster auf den Parkplatz, dann setzte sie sich wieder auf die Bettkante. Sie redete sich die Situation schön. Semir war fast die ganze Zeit über ansprechbar gewesen, sein Blick war klar, vielleicht war es gar nicht so schlimm. Dann wieder erinnerte sie sich an das ganze Blut, das blutgetränkte Hemd und ihr kamen Zweifel. Zuversicht und Zweifel wechselten sich ab, schließlich stand sie wieder auf und stellte sich ans Fenster. Es begann zu dämmern. Der erste Weihnachtsfeiertag näherte sich seinem Ende.
Wie schlimm ist diese Situation erst für ihre Mäuse? Sie musste dringend mit ihren Eltern telefonieren und ging zum Telefon, welches in ihrem Zimmer angeschlossen war. „Mama? Ich bin's“ - „Andrea, wie geht es dir? Und wie ist die Operation verlaufen, weißt du schon was?“, fragte ihre um sie und ihren Schwiegersohn besorgte Mutter. „Nein, ich weiß noch nichts, sie operieren noch. Ich wollte nur kurz hören, wie es euch und den Kindern geht.“ - „Sie beruhigen sich langsam. Wie haben ihnen erzählt, dass Semir einen Unfall hatte und ins Krankenhaus musste und du mitgefahren bist. Ich glaube nicht, dass sie realisiert haben, war wirklich geschehen ist. Aber sie fragen nach euch, ist ja auch zu verstehen. Warte, Ayda kommt gerade, ich gebe sie dir.“ Es trat eine Pause ein, schließlich fragte Andrea: „Ayda? Liebling, hier ist Mama“ - „Mama, warum müssen wir bei Oma und Opa bleiben?“ - „Du Schatz, Papa und ich sind noch ein paar Tage im Krankenhaus, da könnt ihr nicht alleine zuhause bleiben.“ - „Was hat Papa denn? Da war ganz viel Blut und später ist auch die Polizei gekommen.“ - „Pass auf, Ayda. Ich erzähle dir alles, wenn du uns besuchen kommst. Vielleicht könnt ihr schon morgen oder übermorgen herkommen. Versprich mir aber bitte, dass du es nicht Lilly weiter erzählst, ja? Sie versteht es noch nicht.“ Ihrer großen Tochter konnte sie nichts mehr vormachen. Erwachsene Menschen haben keinen Unfall am Esstisch, das wusste auch eine Achtjährige schon. Egal was ihre Großeltern ihnen erzählt haben. Lilly mochte es ja noch glauben, aber sie konnte dieses Spiel der Erwachsenen durchschauen. Ayda wusste auch aus eigener leidvoller Erfahrung, dass ihr Vater einen gefährlichen Beruf hatte und die eigene Familie öfters in Gefahr geriet. „Versprichst du mir das, Liebling?“ - „Ja, Mama, ich erzähle es nicht.“ - „Gut, und jetzt geh wieder spielen, ja? Mach dir bitte keine Gedanken, ja? Es kommt alles in Ordnung, das verspreche ich dir. Gibst du mir Oma noch mal? Ich habe dich lieb!“ - „Andrea?“, hörte sie jetzt wieder die Stimme ihrer Mutter. „Mama, ich rufe wieder an, wenn ich was von Semir weiß und wenn abzusehen ist, wann ihr vorbeikommen könnt, in Ordnung? Auf Wiederhören, Mama. Und Danke, dass ihr euch um Ayda und Lilly kümmert.“
Andrea wanderte wieder auf und ab. Sie glaubte nicht daran, dass es medizinisch notwendig war, sie hier im Krankenhaus zu halten, aber dass sie sie mitgenommen haben, war wohl schon angemessen, an die letzten Minuten in ihrem Haus erinnerte sie sich nur schemenhaft. Sie stand völlig neben sich, wurde von Bens starken Armen in den Rettungswagen geführt. Sie hatten ihm heute viel zu verdanken. Er hatte die Situation unter Kontrolle gehalten und organisiert. Sie selbst und auch ihre Eltern wären dazu nicht in der Lage gewesen. Ben hatte ihre Eltern und Kinder nach oben geschickt, den Notruf und die Erste Hilfe angeleiert. In ihrer Zimmerwanderung war Andrea wieder einmal am Fenster angekommen und starrte auf den nun von zig Laternen ausgeleuchteten Parkplatz. Da sah sie Ben aus seinem Wagen steigen und auf den Eingang des Krankenhauses zueilen.
Ben fragte sich durch und stand schließlich in Andreas Zimmer. „Sie sind noch nicht fertig?“, fragte er und ließ keine Zweifel offen, was er meinte. „Nein, sie wollten mir gleich Bescheid geben, wenn sie die Operation beendet haben“, antwortete Andrea tonlos und blickte Ben hilflos in die Augen. Der nahm sie in die Arme. „Andrea“, flüsterte er, „es wird alles gut gehen. Davon bin ich überzeugt. Aber es gibt etwas“, er löste sich etwas von ihr, um sie ansehen zu können, „das ich dir erzählen muss“, er senkte seine Stimme, „es gab heute auch einen Anschlag auf Alex.“ - „Was? Ist ...“ - „Nein, Alex geht es gut. Aber seine Cousine ist ihm zum Opfer gefallen. Es war eine Autobombe.“ - „Oh mein Gott! Nein!“ Andrea sprach leise und musste sich auf die Bettkante setzen. Sie und Ben merkten erst, dass ein Pfleger das Zimmer betreten hatte, als dieser anfing zu sprechen: “Frau Gerkan, wenn Sie möchten, können Sie jetzt mitkommen. Ihr Mann befindet sich im Aufwachraum. Sie dürfen jetzt zu ihm.“ - „Ist denn alles gut gegangen?“ - „Das wird ein Arzt Ihnen gleich alles erklären. Soweit ich es beurteilen kann, ja.“ Andrea atmete auf. „Ben, kommst du bitte mit?“ der ließ sich nicht lange bitten, und so ließen sie sich von dem Pfleger zu dem Raum führen, in dem Semir gerade langsam aus der Narkose erwachte.