Brückentage

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    • Brückentage

      Ben hielt sich die Ohren zu, denn Semir sang gerade lauthals: „Über sieben Brücken musst du gehen!“ von Peter Maffay mit, während er den BMW über die Autobahn lenkte. „Mann kannst du nicht nen anderen Sender hören-immer diese Schnulzen!“ beklagte sich der dunkelhaarige Polizist als das Lied zu Ende war und Semir verstummte. „Was hast du denn-das Lied ist toll und außerdem erinnert es mich an meine Jugend!“ gab Semir zurück. „Die dem Lied nach schon eine ganze Weile her ist!“ bemerkte Ben respektlos, was ihm einen kleinen Schlag gegen den Oberarm einbrachte, was er wiederum mit einem lauten „Aua!“ quittierte, obwohl es überhaupt nicht weh getan hatte und dabei wie zufällig einen anderen Sender herdrückte, was Semir wiederum dazu brachte zu protestieren: „Hey-lass meine schöne Musik da-pass auf, sonst lege ich ne CD mit türkischer Musik ein, die gefällt dir noch viel weniger!“ drohte er und nun lachten beide befreit. Wie schön war es als Team über die Autobahn zu düsen und seiner Arbeit nachzugehen und die kleinen Kabbeleien waren das Salz in der Suppe ihrer tiefen Freundschaft.

      Gerade fuhren sie auf eine Autobahnbrücke zu, als Ben plötzlich „Vorsicht!“ schrie und sich unbewusst nach hinten lehnte und beide Arme vors Gesicht riss, denn plötzlich krachte von oben ein dunkler Schatten auf sie herunter und obwohl Semir sofort eine Vollbremsung einleitete, war es nicht zu verhindern, dass ein Körper direkt auf der Motorhaube des BMW aufschlug und die total demolierte. Die Frontscheibe zersplitterte in sich und wölbte sich nach innen, so konnten sie nur undeutlich das Blut sehen, das jetzt daran herunterlief und die toten Augen, die sie wie in einem Horrorfilm anstarrten.
      Nach einer Schrecksekunde lösten Semir und Ben ihre Gurte: „Ist dir was passiert, Ben?“ rief der ältere Polizist, während er schon die Tür aufwuchtete, die durch den Aufprall leicht verzogen war. „Nein, alles ok!“ gab der zurück und stieg ebenfalls aus, um nach einem flüchtigen Blick auf den Toten, dem augenscheinlich nicht mehr zu helfen war, sofort nach oben zu blicken auf die Brücke, unter der sie mit der Leiche auf der Kühlerhaube noch hindurch gerollt waren. Er war sich nicht ganz sicher, aber er meinte einen Mann weglaufen zu sehen, konnte aber weder seine Größe noch seine Kleidung richtig erkennen. Semir hatte derweil Einmalhandschuhe aus der Tasche gezogen und damit versucht den Puls an der Halsschlagader des Opfers zu fühlen, aber da war nichts zu tasten und so verdreht, wie der Kopf war, tippte Semir auf Genickbruch. Wenigstens war es schnell gegangen und der etwa fünfzigjährige, gepflegte Mann im Anzug hatte nicht leiden müssen. Dennoch verständigte Semir die Rettung mit Notarzt, damit ordentlich der Tod festgestellt wurde und forderte Verstärkung, Gerichtsmediziner und die Spurensicherung an, während Ben nun zunächst die Unfallstelle nach hinten absicherte und die Autobahn komplett sperrte.
      Dann überlegte er kurz. Direkt neben ihnen hatte eine junge Frau in einem Opel Corsa angehalten, die leichenblass ausgestiegen war und schüchtern fragte, ob sie was helfen könne. „Doch-sie können mir ihren Wagen leihen!“ sagte Ben und schwang sich schon hinters Steuer, da der Schlüssel steckte. „Semir-ich bin mir nicht sicher, ob da nicht jemand mit auf der Brücke war-ich möchte mich davon persönlich überzeugen!“ rief er seinem Kollegen zu und der nickte. Etwa 500m weiter kam eine Ausfahrt und über die war es problemlos möglich zu der Brücke zu gelangen-vielleicht konnte er da etwas entdecken! Ben stellte den Sitz zurück und gab Gas, dass die Reifen durchdrehten und die junge Frau zusammenzuckte. „Keine Sorge-mein Kollege hat das schon in Griff!“ sagte Semir beruhigend und hoffte, dass die junge Frau das Auto auch unversehrt zurückbekommen würde.
      Wenig später erschien Ben´s Silhouette über ihnen und er rief herunter: „Da steht ein abgesperrtes Fahrzeug-vermutlich das des Opfers, schau mal, ob der einen Autoschlüssel einstecken hat!“ und Semir nickte, während er vorsichtig, ohne die Leiche zu bewegen-das würde ihnen sonst Ärger mit dem Gerichtsmediziner einbringen-die Taschen filzte und wenig später Autoschlüssel und Brieftasche mit Geld und Papieren in den Händen hielt. „Ist alles da!“ rief er und Ben sah sich zwar gründlich um, konnte aber niemanden mehr entdecken. Vielleicht war es ja doch ein Selbstmord oder ein tragischer Unfall gewesen, aber das würden sie schon noch herausbekommen!
    • Wenig später rückten über die Ausfahrt die Ben genommen hatte gegen die Fahrtrichtung, wie Semir angewiesen hatte, die Rettungsfahrzeuge, Polizeistreifen, Spurensicherer und Gerichtsmediziner an. Der Notarzt stellte den Tod fest und dann verließ der Sanka den Unfallort wieder, um sich noch lebenden Patienten zuzuwenden und die Spurensicherer, allen voran der rothaarige Hartmut Freund und der Gerichtsmediziner übernahmen. Nachdem erste Fotos gemacht waren, legte man die Leiche auf den Boden und der Pathologe stellte sachkundig fest: „Tod durch Genickbruch!“ was Semir ja selber schon vermutet hatte. Er sah sich derweil die Papiere des Toten an. „Erwin Schnitzer, 52 Jahre alt!“ sagte er zu seinen Kollegen und die nickten und fügten die Personalien ihren Aufzeichnungen hinzu.

      Hinter ihnen hatte sich bereits ein riesiger Stau gebildet und der Unmut der wartenden Autofahrer war deutlich zu spüren. Viele versuchten auch möglichst einen Blick auf den Toten zu erhaschen, was die uniformierten Beamten aber zu verhindern wussten. Sogar auf der Gegenfahrbahn war stockender Verkehr, weil die Schaulustigen mit Handykameras aus den langsam fahrenden Fahrzeugen filmten. Semir warf einen wütenden Blick hinüber-das war doch einfach unmöglich-wenn man sich vorstellte, dass da ja auch ein naher Angehöriger als Opfer liegen könnte, aber es war erst kürzlich ja vorgekommen, dass bei einem Unfall zwar viele Filme gedreht worden waren, die die schwer verunfallten Opfer, die teilweise aus den Fahrzeugen geschleudert worden waren, zeigten, aber keine Erste Hilfe-Maßnahmen eingeleitet wurden. Gerade wurden da die Schaulustigen ermittelt und Gerichtsverfahren wegen unterlassener Hilfeleistung eingeleitet, was Semir sehr mit Befriedigung erfüllte.

      Hartmut hatte das Feld hier unten seinen Mitarbeitern überlassen und fuhr nun nach oben zu Ben auf die Brücke, die nicht sehr befahren war und auch nur eine Landstraße über die Autobahn leitete. Obwohl sie sich beide sorgfältig umsahen, konnten sie zwar die Stelle ausmachen, wo das Opfer über die Metallbrüstung gefallen war, aber ob es da selber darüber geklettert war, oder gestürzt worden war, konnten sie momentan nicht feststellen. Auch weitere Spuren fehlten und Hartmut, der sich zwar von Semir den Autoschlüssel hatte geben lassen, beschloss, sich den Wagen in der KTU näher anzusehen und so kam wenig später ein Abschleppfahrzeug, das den Mercedes SLK des Opfers, wie sie durch Kennzeichenabfrage ermittelt hatten, abtransportierte und auch Semir´s BMW, der ebenfalls nicht mehr fahrbereit war, aber wohl repariert werden konnte. Das Opfer kam in einen Leichensack und wurde dann von Mitarbeitern der Pathologie in dieselbe gebracht, um dort einer eingehenden Obduktion unterzogen zu werden und endlich nach mehr als zwei Stunden konnte die Autobahn wieder frei gegeben werden.

      Inzwischen waren mehrere Anrufe eingegangen und als Semir und Ben nun mit einem Streifenfahrzeug zurück in die PASt gebracht wurden, warteten dort bereits zwei Zeugen auf sie, die eine wichtige Aussage zu machen hatten. Noch bevor die beiden Autobahnpolizisten die Angehörigen verständigen konnten stand fest, dass da oben auf der Brücke ein zweiter Mann mit gestanden hatte. Zwei Insassen der vorausfahrenden Fahrzeuge hatten das voneinander unabhängig beobachtet, wie sich der eine weit über das Geländer gebeugt hatte, wie um etwas zu inspizieren, aber erst als sie von der Totalsperre gehört hatten, hatten die beiden Zeugen eine Verbindung hergestellt und bei der Polizei angerufen. Allerdings sagten sie übereinstimmend aus, dass eine zweite Person wohl nur daneben gestanden hatte, während der Mann im braunen Anzug sich weit über die Brüstung gelehnt hatte, was den Fahrern sehr gefährlich vorgekommen war. „Warum tut man sowas?“ rätselten nun Semir und Ben, nahmen die beiden Aussagen zu Protokoll und machten sich dann auf den Weg zur Adresse, die aus den Papieren in der feinen Lederbrieftasche hervorging. Sie beide hatten leider nicht nach oben geblickt-zu geschockt waren sie von dem Aufprall des Opfers auf ihre Motorhaube gewesen und konnten so keine Beobachtung beitragen, eben außer Ben´s Vermutung des weglaufenden Mannes, die sich nun bestätigt hatte. Durch die Höhe gab es aber auch keine nähere Beschreibung und so würden sie eben weiter ermitteln.

      Wenig später trafen sie in einem noblen Kölner Wohnviertel ein, wo die angegebene Adresse ein exclusives, sehr modernes Haus zeigte, das auf den ersten Blick schon Reichtum und einen exquisiten Geschmack des Besitzers signalisierte. Auf ihr Läuten öffnete wenig später eine gepflegte Frau im Tennisdress, die sie verwundert ansah und sie dann ins Wohnzimmer bat, als sie ihre Polizeiausweise vorgezeigt hatten. „Frau Schnitzer?“ fragte Semir, der wie selbstverständlich das Wort ergriff und die Dame des Hauses nickte bestätigend und sah ihr Gegenüber mit einer Mischung aus Verwunderung und Sorge an. Was wollte die Polizei von ihr? Hatten sie, ihr Mann oder ihre Kinder irgendeine Geschwindigkeitsüberschreitung begangen, dass gleich die Autobahnpolizei erschien, aber als ihr Semir nun möglichst schonend versuchte beizubringen, dass ihr Mann nicht mehr unter den Lebenden weilte, sah sie ihn voller Kummer und Entsetzen an und konnte im ersten Moment überhaupt nicht glauben, was sie soeben gehört hatte. Weinend brach sie zusammen und Ben hatte plötzlich eine verzweifelt schluchzende Frau im Arm und versuchte sie vorsichtig zu trösten, was aber erst nach einer ganzen Weile gelang.
    • „Warum nur?“ fragte die verzweifelte Witwe und nachdem sie sich ein wenig beruhigt hatte, beantwortete sie die Fragen der beiden Polizisten. „Was hat ihr Mann beruflich gemacht?“ wollte Semir wissen und sie teilte ihnen mit, dass er Architekt war und in einer großen Firma arbeitete, die sich auf die Planung und den Bau von Brücken spezialisiert hatte. Semir und Ben wechselten einen Blick. Das war ja schon mal was! Sie ließen sich die Adresse der Firma in Köln geben und versprachen, der Frau Bescheid zu geben, wenn die Obduktion beendet war und sie ihren Mann nochmals sehen konnte. „Und sie wissen bisher nicht, wie das Unglück geschehen konnte?“ wollte die trauernde Dame wissen, aber sowohl Semir als auch Ben schüttelten den Kopf. „Es gibt Zeugen, die ihren Mann und einen Begleiter unmittelbar vor dem-äh Unfall-auf der Brücke gesehen haben-nähere Einzelheiten müssen wir erst noch herausfinden!“ gaben sie Auskunft und nur zur Sicherheit wollte Ben noch wissen: „Er hatte aber keine Depressionen oder irgendwann einmal angedeutet, dass er sich das Leben nehmen wollte, denn auch in diese Richtung müssen wir ermitteln?“ fragte er, aber Frau Schnitzer schüttelte fassungslos den Kopf. „Im Gegenteil-er war ein sehr fröhlicher Mensch und wir wollten nächste Woche einen wundervollen Urlaub antreten, außerdem lief es bei uns sozusagen perfekt-unsere beinahe erwachsenen Kinder machen uns viel Freude, wir sind finanziell gut abgesichert und meinem Mann hat auch sein Beruf großen Spaß gemacht-nicht umsonst arbeitet er schon seit fast zwanzig Jahren in derselben Firma!“ erklärte sie und nun bedankten sich die beiden Polizisten nochmals, ließen ihre Karte zurück und gingen dann wieder zu Ben´s Mercedes.

      Der sah auf die Uhr und fluchte verhalten: „Mist-Semir ich glaube ich kann jetzt nicht mehr mit dir zu der Firma fahren-Sarah und ich haben jetzt dann einen Notartermin, nachdem wir ja unser Traumanwesen, ein wundervoll saniertes Bauernhaus in einem Dörfchen kurz vor Köln in Ortsrandlage gefunden haben. Unsere Wohnung wird jetzt einfach zu klein, vor allem wenn wir in sechs Monaten dann zu viert sind!“ erklärte er und Semir musste lächeln. Ja aus dem früher so draufgängerischen Frauenhelden Ben war ein braver Familienvater mit Hund geworden. Der kleine Tim war inzwischen knapp zwei Jahre alt und voller Freude hatte Ben ihm verkündet, dass er im nächsten Jahr wieder Papa werden würde. So brachte Ben seinen Kollegen noch zur PASt zurück und wenig später machte der sich mit Jenni, die dafür extra ihre Uniform ablegte und ihre Privatklamotten anzog, in einem Zivilfahrzeug auf zu der Firma: „Stumpf-Bau“, um da über den verstorbenen Erwin Schnitzer Erkundigungen einzuholen.

      In der Firma angekommen, fragten sie sich so durch, um wenig später beim Chef, der dem Betrieb wohl auch seinen Namen gegeben hatte, vorzusprechen. Allerdings waren sie ein wenig erstaunt, denn vor ihnen saß nun ein höchstens vierzigjähriger Mann, der sich als Andreas Stumpf vorstellte, aber nach ein paar Worten klärte sich das auf-die Hochbaufirma, die sich auf die Planung und Ausführung von Brücken aller Art spezialisiert hatte, war ein Familienunternehmen, das schon seit sechzig Jahren existierte und vom Großvater des aktuellen Firmenchefs gegründet worden war. „Wir beschäftigen knapp 200 Mitarbeiter!“ erklärte er ihnen stolz und zeigte sich dann sehr betroffen, als er vom Tod eines seiner Architekten hörte. „Das ist schon merkwürdig, dass ein Mann, der sein Leben lang vermutlich Brücken geplant hat, nun von ebenso einer stürzt und zu Tode kommt!“ überlegte Semir laut, um dann kurzerhand nachzufragen: „Könnten sie vielleicht feststellen, ob diese Brücke, von der er gefallen ist, von ihnen errichtet wurde?“ und der smarte junge Firmenchef nickte. Wenig später hatten sie die Bestätigung. Die Autobahnbrücke, die den Architekten das Leben gekostet hatte, war von der Firma Stumpf geplant und gebaut worden und nun hatte Semir die Fährte aufgenommen-irgendwas stimmte hier überhaupt nicht, aber er würde schon herausfinden, was das war! Wenig später verabschiedeten sie sich und gingen nachdenklich zurück zum Wagen, um noch kurz die Chefin über den Stand der Ermittlungen zu informieren und dann Feierabend zu machen.
    • Ben war inzwischen voller Vorfreude nach Hause gefahren, wo ihn schon Sarah, die sich schick gemacht hatte, erwartete. Man sah ihr von außen noch nicht an, dass sie ein Baby bekam, aber seit einigen Tagen war es mit der morgendlichen Kotzerei vorbei und sie war-wie auch schon in Tim´s Schwangerschaft-einfach wunderschön. Ihre Augen strahlten, die Haut war glatt und rosig, die Haare lagen einfach perfekt-im Gegensatz zu anderen, die da eher neun Monate lang Probleme hatten. Auch ihre liebgewordene Kinderfrau, die schon Ben als Kind manchmal betreut hatte-Frau Brauner-war mit ihrem Golden Retriever Frederik angerückt, um während ihrer Abwesenheit auf Tim und Lucky, den Deerhound der Jäger´s, aufzupassen. Sie hatte schon im vergangenen Jahr, als Sarah tageweise wieder in ihren Beruf eingestiegen war, Kind und Tier gehütet und das lief einfach nur gut. Tim liebte die Frau unheimlich und sie war sozusagen seine Ersatzoma, denn Ben´s Mutter war ja nicht mehr am Leben und Sarah´s Mutter war noch berufstätig und die bekam er nicht so oft zu Gesicht.
      So konnten sie also beruhigt und ohne dass ihr Sohn Theater machte, das Haus verlassen und als Ben, der sich zu dem feierlichen Anlass ebenfalls in einen Anzug geschmissen hatte, seiner hübschen Frau die Tür des Porsche aufhielt, mit dem sie ausnahmsweise fuhren, weil sie kein Kind, keinen Hund und keinen Kinderwagen zu transportieren hatten, musterte er sie voller Stolz-sein Leben war gerade wunderbar!

      Wenig später trafen sie beim Notar die Vorbesitzer des Anwesens-eine Erbengemeinschaft, die vor dem Verkauf das Familienerbe mustergültig renoviert hatten, so dass sogar Ben´s Vater nach der Besichtigung voll des Lobes gewesen war und den Preis für angemessen hielt-und wenig später waren die Formalitäten erledigt und Sarah und Ben waren die neuen Besitzer eines nicht zu großen Gutshauses aus dem neunzehnten Jahrhundert mit arrondierten Flächen, die aktuell noch an Bauern aus der Umgebung verpachtet waren. Sie hatten lange gesucht, denn Sarah wollte etwas haben, wo später einmal, wenn die Kinder größer waren, die Möglichkeit zur Pferdehaltung, einem Kindheitstraum, bestand und dazu brauchte man Fläche. Die Lage des neuen Hauses war perfekt-es lag in der Richtung der PASt, so dass Ben nicht durch die halbe Stadt musste, um zum Dienst zu kommen und Sarah hatte sowieso mit der Feststellung ihrer Schwangerschaft zu arbeiten aufgehört-zu groß war die Infektionsgefahr für das neue Baby! Nach einer freundlichen Verabschiedung der Verkäufer und des Notars führte Ben seine Sarah noch in ein Luxusrestaurant aus, wo er einen Tisch reserviert hatte und so gegen zehn ging ein wunderbarer Abend zu Ende.
      Tim schlief bereits tief und fest und auch Lucky und Frederik pennten einträchtig Seite an Seite vor dem Fernseher, in den Hildegard interessiert kuckte und eine Dokumentation über die längsten Brücken der Welt ansah. „Und hat alles geklappt?“ fragte sie freundlich und Sarah und Ben nickten. Gott sei Dank lag das neue Haus auch nicht zu weit außerhalb und Hildegard hatte ohne Zögern zugestimmt, Tim weiter auch dort zu betreuen, wenn es notwendig war. Manchmal schlief er auch bei Hildegard-er hatte damit keine Probleme und sein Hund, der nie von der Seite des kleinen Mannes wich, war sowieso immer dabei. Als Hildegard gefahren war und Sarah und Ben endlich im Bett lagen, küsste er seine Frau zärtlich: „Ich freu mich schon, wenn wir morgens nur noch die Tür aufmachen müssen, um Lucky in den Garten zu lassen, anstatt aufzustehen, sich anzuziehen und Gassi zu gehen!“ schwärmte er und Sarah boxte ihn in die Seite: „Faulpelz!“ schimpfte sie und nun verschloss Ben ihren Mund erneut mit einem liebevollen Kuss.

      Am nächsten Morgen erzählte Semir seinem Kollegen gerade von den Ermittlungen des Vortags, als plötzlich eine Meldung hereinkam. „Schon wieder ein tödlicher Sturz von einer Autobahnbrücke!“ rief Susanne und zog damit die Aufmerksamkeit der beiden Polizisten auf sich, die nun auf dem großen Bildschirm an der Wand die bisher bekannten Informationen ansahen. „Chefin-wir übernehmen!“ rief Semir und schlüpfte schon in seine Jacke und Kim Krüger, die hinzugetreten war, nickte: „Tun sie das, meine Herren!“ rief sie ihnen nach, als sie mit Blaulicht im Mercedes zum Unfallort inmitten der Stadt rasten. Wenig später trafen sie dort ein und passierten auf dem Standstreifen den Stau, der sich bereits gebildet hatte. Andere Rettungsfahrzeuge waren schon vor Ort, aber für das Opfer, einen völlig normal aussehenden Mittsechziger konnte man nichts mehr tun. Er lag mit zerschmetterten Gliedmaßen auf dem Asphalt und war sogar noch von einem weiteren Wagen überrollt worden, dessen Fahrerin einen schweren Schock erlitten hatte und vom Notarzt behandelt wurde. „Ich denke aber, er war schon tot, bevor das Auto ihn erfasst hat!“ teilte der Gerichtsmediziner ihnen mit, der den Toten bereits grob in Augenschein nahm, bevor er ihn zur Obduktion transportieren lassen würde. Aus den Papieren in seiner Tasche konnten sie die Wohnadresse entnehmen und wenig später waren Semir und Ben dorthin unterwegs, um die Angehörigen des fünfundsechzigjährigen Herbert Krüger zu verständigen. Auf der Fußgängerbrücke, die über die Autobahn führte, hatte niemand etwas beobachtet, aber üblicherweise sah man ja auch nicht nach oben, wenn man durch die Stadt fuhr und am späten Vormittag waren auch nicht allzu viele Leute dort unterwegs.
    • Als sie an der Wohnung in dem normalen Wohnviertel läuteten, machte ein etwa neunjähriges Mädchen mit einem dicken Schal um den Hals die Tür auf. Semir und Ben lächelten sie an. „Hallo-ist deine Mama oder sonst jemand zu Hause?“ fragte Semir und das Kind drehte sich um und rief laut: „Oma-kommst du mal?“ und schon bog eine etwa sechzigjährige Frau um die Ecke und tadelte ihre Enkelin: „Luisa-du kannst doch nicht einfach so die Wohnungstür aufmachen!“ um dann verlegen zu verstummen-das war jetzt unhöflich gegen die beiden draußen stehenden Männer gewesen, die eigentlich ganz vertrauenswürdig aussahen. Die hatten im selben Moment ihre Dienstausweise gezückt und fragten: „Frau Krüger?“ und als die Frau nickte und dann mit gerunzelter Stirn die beiden Kärtchen musterte, beeilte sich Semir hinzuzufügen: „Wir sind von der Autobahnpolizei-dürfen wir reinkommen?“ und erschrocken trat die Frau zur Seite und ließ sie eintreten. Aus der Küche drang ein wohlschmeckender Essensgeruch und die Frau sagte nun zu dem Kind: „Luisa-du rührst jetzt bitte mal das Gulasch um und bleibst danach in der Küche-ich muss mich jetzt mit den beiden Herren unterhalten!“ und folgsam trabte das Mädchen dorthin, woher der köstliche Geruch kam. „Und mach die Tür hinter dir zu!“ rief nun die Frau noch und lauschte dann, ob das Klacken auch zu hören war.

      Sie waren derweil ins gediegen eingerichtete Wohnzimmer mit einem gemütlichen Ecksofa getreten und hatten auf Aufforderung von Frau Krüger dort Platz genommen. „Meine Enkelin ist krank und kann deshalb nicht zur Schule gehen, drum ist sie jetzt so lange bei uns, bis ihre Mama von der Arbeit kommt, die arbeitet halbtags in einem Friseursalon!“ fügte sie erklärend hinzu und Semir nickte und sagte freundlich: „Ja da ist man froh, wenn man in so einem Fall eine Oma hat!“ und man merkte ihm an, dass er aus Erfahrung sprach, aber dann wurde seine Miene ernst: „Leider haben wir ihnen etwas Schlimmes mitzuteilen-ihr Mann ist vor weniger als zwei Stunden tödlich verunglückt!“ sagte er, denn es brachte ja nichts, da noch lange herum zu eiern-die Frau musste es einfach erfahren. Mit einem Entsetzenslaut wurde Frau Krüger blass und fasste sich mit beiden Händen an die Brust: „Um Himmels Willen-wie ist das geschehen?“ fragte sie völlig fassungslos, während ihr die Tränen in die Augen schossen. „Er ist von einer Fußgängerbrücke über die Stadtautobahn gestürzt-er war sofort tot!“ erklärte nun Semir und Frau Krüger wandte mit einem Aufschluchzen ihren Kopf zur Seite und suchte in ihrer Tasche nach einem Taschentuch. Das hatte nun aber Ben schon bereit und reichte es ihr, während er sie mitleidig musterte. Semir und er hatten leider im Verlauf ihres Berufslebens bei der Kriminalpolizei schon viele Todesnachrichten überbringen müssen und da wusste man schon, was gebraucht wurde. Jeder reagierte anders und manchmal waren die benachrichtigten Personen ja auch verdächtig, aber die beiden Frauen gestern und heute wurden wirklich vollkommen überrascht und hatten ihr vollstes Mitleid verdient. „Es tut mir leid!“ sagte Ben leise, während er ihr ein Päckchen Papiertaschentücher reichte und das erste Schluchzen erwartete.
      Nun kam auch Luisa aus der Küche gestürzt, die da natürlich mit gespitzten Ohren gelauscht hatte und das Weinen ihrer Großmutter vernommen hatte. „Oma, was ist passiert?“ fragte sie ängstlich und die Frau nahm ihre Enkelin liebevoll in die Arme und versuchte, sich ihr zuliebe wenigstens ein bisschen zu beherrschen. „Luisa-der Opa ist tot, er ist von einer Brücke gefallen!“ sagte sie dann und jetzt weinten die beiden, eng aneinander geklammert, laut los.
      Aus der Küche roch es auf einmal brandig und als Ben aufstand, um nach dem Rechten zu sehen, stellte er bedauernd fest, dass das leckere Gulasch jetzt im Topf angebrannt war, allerdings hatte von der Familie wahrscheinlich eh gerade niemand mehr Appetit. So schaltete er die Herdplatte aus und ging wieder ins Wohnzimmer zurück.

      „Frau Krüger-wann haben sie ihren Mann zuletzt gesehen und hat er irgendetwas gesagt, wo er hinwollte, so einfach fällt man ja schließlich nicht von einer Brücke!“ fragte nun Semir. „Oder war er vielleicht irgendwie krank oder depressiv?“ wollte er nun noch wissen, aber Frau Krüger schüttelte den Kopf: „Mein Mann war erst seit zwei Monaten in Rente, er hat es sehr genossen, endlich aus dem Arbeitsleben draußen zu sein, er war gesund-na ja bis auf die üblichen Zipperlein, die man in unserem Alter halt hat wie hohen Blutdruck und gelegentlich Rückenschmerzen. Aber er war gerade dabei sich sein Leben neu einzurichten, war guter Dinge und wir haben auch keinerlei finanzielle Probleme, falls sie das wissen wollen!“ fügte sie beinahe ein wenig aggressiv hinzu. Dass man ihm einen eventuellen Selbstmord unterstellte, war für sie der Gipfel der Frechheit. Semir wiegelte sofort ab: „So war das auch nicht gemeint, Frau Krüger, aber wir ermitteln eben in diesem Fall, weil das doch merkwürdig ist, so ein Brückensturz!“ beruhigte er sie und nun sagte Frau Krüger mit erstickter Stimme: „Sein Leben lang hat mein Mann Brücken gebaut, ist auf den höchsten Bauwerken herumgestiegen, ohne dass etwas passiert ist und jetzt sowas!“ und nun wechselten Semir und Ben einen bedeutungsvollen Blick. „Bei welcher Firma hat er denn gearbeitet?“ übernahm nun Ben das Wort und hatte die Antwort schon beinahe erwartet: „Bei der Firma Stumpf-Bau, da hat er schon gelernt, ist dann bis zum Polier aufgestiegen und hat das gemacht bis zu seiner Berentung!“ gab die Frau zur Antwort und die beiden Kriminalbeamten nickten.

      „Und wo wollte er heute hin?“ fragte nun Ben weiter und Frau Krüger schneuzte sich und gab nach kurzer Überlegung zur Antwort: „Das weiss ich ehrlich gesagt nicht genau-er hat gegen neun einen Anruf bekommen, sich danach angezogen und nur gesagt, er würde jetzt ein wenig in die Stadt gehen und sich mit jemandem treffen, zum Mittagessen wäre er wieder da!“ „Und wer war der Anrufer?“ fragte nun Ben: „Das weiss ich nicht-er hat keinen Namen gesagt, als ich rangegangen bin, sondern wollte nur meinen Mann sprechen. Die Stimme war mir unbekannt und auch Herbert hat mir nicht gesagt, wer das war!“ erklärte sie. „Wie alt war der Anrufer ungefähr und war ein Mann oder eine Frau dran?“ fragte nun Semir gespannt und nach kurzer Überlegung antwortete Frau Krüger: „Es war ein Mann und ich würde sagen der Stimme nach in unserem Alter!“ sagte sie. „Konnten sie auf dem Display eine Nummer erkennen?“ fragte nun Semir angespannt, denn das Mobilteil stand direkt neben ihnen in der Station und hatte eine Rufnummernanzeige. „Nein die war unterdrückt!“ sagte Frau Krüger bestimmt und in diesem Augenblick drehte sich ein Schlüssel im Schloss und eine etwa fünfunddreißigjährige Frau stand wenig später vor ihnen und musterte überrascht die fremden Männer. Luisa flüchtete sich mit einem Aufschluchzen in ihre Arme: „Mama-der Opa ist tot!“ rief sie und nun sank die junge Frau ebenfalls entsetzt auf das Sofa. „Wie ist das passiert?“ fragte sie tonlos und Semir beeilte sich zu erklären, dass Herr Krüger aus ungeklärter Ursache von einer Brücke gestürzt wäre und nun weinte auch sie verzweifelt.

      Semir und Ben erhoben sich nun: „Dürfen wir ihren Anschluss überprüfen, wer der Anrufer war?“ fragte nun Semir und die ältere Frau nickte kraftlos. Sie würde sich jetzt mit ihrer Familie ihrer Trauer hingeben und nachdem Semir versprochen hatte, sie zu benachrichtigen, wenn die Leiche freigegeben war, verließen Ben und er die Wohnung. „Das sind mir eindeutig zu viele Vorfälle, die mit Brücken und Stumpf-Bau zu tun haben!“ sagte er bestimmt und griff schon zum Telefon, um Susanne auf die Spur anzusetzen und die versprach, sofort die Anruferliste der Krügers zu überprüfen. „Jetzt hoffen wir mal, dass da was rauskommt!“ sagte Semir und nach einem Blick auf die Uhr beschlossen sie, nun selber erst mal Mittag im nächsten Imbiss zu machen.
    • Nach der Mittagspause fuhren die beiden Polizisten zunächst einmal in die PASt, um zu sehen, ob Susanne etwas herausgefunden hatte, was ihnen weiterhalf. „Leider kam der Anruf-es war übrigens der einzige an diesem Vormittag auf dem Apparat der Krügers-von einem Wegwerfhandy. Ich habe versucht es zu orten, aber es ist ausgeschaltet. Als es sich zu diesem Anruf ins Netz eingewählt hat, war das ganz in der Nähe dieser Brücke, wo Herbert Krüger zu Tode gekommen ist!“ erklärte sie ihnen und in diesem Augenblick bog die Chefin um die Ecke: „Meine Herren-setzen sie ihre ganze Energie in die Aufklärung dieses Todesfalls-das Opfer war ein Cousin meines Vaters!“ sagte sie mit Kummer in der Stimme. „Oh das tut mir leid!“ beeilte sich Semir zu sagen und Ben nickte zustimmend. „Nun gut-ich habe jetzt nicht so enge Verbindungen zu meiner Familie und kenne ihn nur von ein paar Hochzeiten und Beerdigungen, aber ich habe ein gesteigertes Interesse daran, dass dieser Fall aufgeklärt wird-so einfach fällt man doch nicht von einer Brücke-die sind doch alle nach Vorschrift gesichert!“ beharrte sie und die beiden Polizisten nickten.

      „Dann machen wir uns jetzt wieder auf zu der Baufirma und versuchen herauszubekommen, ob auch diese Brücke von denen gebaut wurde-und dass nun schon der zweite Mitarbeiter binnen 24 Stunden zu Tode gekommen ist, ist mehr als merkwürdig.“ sagte Semir, aber Susanne hob nun die Hand. „Wenns nur deswegen ist: Den Weg könnt ihr euch sparen! Diese Fußgängerbrücke wurde tatsächlich 1994 von der Firma Stumpf-Bau ausgeführt und am 13. Oktober in Betrieb genommen!“ erklärte sie ihnen nach einem Blick in den Computer und nun war die Sache klar.
      „Dann schauen wir jetzt erst mal in der KTU vorbei, ob Hartmut etwas herausgefunden hat und dann gehen wir noch in die Pathologie-wir haben der Frau des Architekten versprochen, ihr Bescheid zu geben, wenn ihr Mann freigegeben ist, vielleicht wissen die dort ja schon etwas!“ beschlossen die beiden Polizisten einhellig und machten sich auf den Weg.

      Hartmut hatte inzwischen die Spuren vor Ort ausgewertet und auch das Auto des Architekten untersucht, ohne zu irgendeiner Erkenntnis gekommen zu sein. Die DNA-Spuren darin gehörten zu ihm selber oder Familienangehörigen, es war normal abgeschlossen und auf der Brücke war nichts auffällig gewesen. Gerade war er dabei die Spuren von der Fußgängerbrücke auszuwerten, aber auch dort sah es so aus, als wäre da nichts Besonderes zu finden. „Mist-der Täter-falls es denn einen gibt, woran ich auch fest glaube- war sehr geschickt und hat sich vorgesehen, woraufhin schon das Wegwerfhandy hindeutet!“ fluchte Semir, aber in der Pathologie, wo die Obduktion des Architekten bereits bis auf ein paar toxikologische Untersuchungen abgeschlossen war, hatte man fast eindeutige Spuren gefunden. „Das Opfer hatte keinen Alkohol oder andere nachweisbare Drogen in Blut oder Urin, es war gesund, aber an den Fußknöcheln habe ich ein paar Verfärbungen gefunden, die davon herrühren könnten, dass die jemand gepackt hat, als er sich über die Betonbalustrade gebeugt hat und ihn dann sozusagen ausgehebelt und in die Tiefe gestürzt hat!“ vermutete der Pathologe und dieser These stimmten Semir und Ben zu: „Dann war es also Mord!“ fragten sie und der Pathologe nickte: „Ich gehe davon aus, denn woher kämen sonst diese Druckstellen? Ich würde sagen der Breite der Abdrücke nach war das ein erwachsener Mann, eine Frau hätte nicht diese Fingerspannweite.“ erklärte er und gab den Polizisten dann noch die sorgfältig eingetütete Kleidung des Opfers mit. „Vielleicht findet Hartmut an den Socken oder den Hosenbeinen irgendwelche DNA des Täters, damit wir dem schnellstmöglich das Handwerk legen können, bevor noch mehr passiert!“ hoffte Ben und noch bevor die Obduktion des zweiten Opfers begann, verließen sie die Pathologie und fuhren zurück zur KTU-eine Tatsache die Ben erleichtert zum Aufatmen brachte, ihm wurde nämlich bei einer Obduktion immer noch schlecht und er drückte sich da, so gut es ging davor.

      Auf dem Weg dorthin rief Semir noch Frau Schnitzer an, dass die Leiche ihres Mannes nach der Identifizierung, die sie aber als reine Formsache auch mit den Mitarbeitern in der Gerichtsmedizin vornehmen konnte-die Identität war ja nie fraglich-zur Bestattung freigegeben war und mit ernster Stimme bedankte sich die trauernde Witwe. „Ich hätte jetzt noch eine Frage an sie: Kannte ihr Mann einen gewissen Herbert Krüger, der als Polier bei derselben Firma angestellt war?“ wollte der kleine Türke von der Witwe wissen und die bejahte sofort. „Na klar-früher als Stumpf-Bau noch nicht so groß war, waren die meisten Mitarbeiter per Du und Herbert war schon als Mann der Tat dabei, als mein Mann angefangen hat, sich auf die Planung von Brücken zu spezialisieren und hat ihm mit so manchem guten Rat zur Seite gestanden!“ erzählte sie wehmütig aus der Vergangenheit, um dann alarmiert zu fragen: „Warum was ist mit ihm?“ und als Semir ihr nun erzählte, dass auch der am Vormittag bei einem Brückensturz ums Leben gekommen war, wurde sie ganz still. „Ach du liebe Güte, der Arme!“ sagte sie dann bedrückt. „Bitte klären sie auf, wer oder was für die beiden Todesfälle verantwortlich ist und bringen sie den Verantwortlichen hinter Gitter!“ bat sie dann die beiden Polizisten und die versprachen ihr Möglichstes zu tun.
    • Nachdem Semir und Ben die Kleidungsstücke des ersten Opfers bei Hartmut abgegeben hatten, fuhren sie zur PASt zurück, um mit der Chefin zu beratschlagen, was für ein weiteres Vorgehen sinnvoll wäre. In ihrem Büro traf man sich zur Besprechung. „Chefin-was meinen sie-sollen wir abwarten, ob es noch weitere Todesfälle gibt, oder präventiv tätig werden?“ fragte Ben und nun sahen ihn Semir und Frau Krüger stirnrunzelnd an.
      In diesem Augenblick läutete das Telefon der Chefin und als sie ranging, wurde ihre Miene ernst: „Herr Stumpf-natürlich werden wir unser Möglichstes tun, sie und ihre Familie, sowie die Mitarbeiter der Firma zu schützen, wir haben gerade deswegen eine Konferenz-ich werde sie in Kürze davon in Kenntnis setzen, was wir für eine Strategie für ihr Problem haben-ich rufe sie zurück!“ sagte sie beschwichtigend und man merkte, dass der Anrufer am anderen Ende sehr aufgeregt war. Nachdem sie ihn fürs Erste abgewimmelt hatte, sah sie Semir und Ben ein wenig hilflos an: „Das war gerade der momentane Chef der Firma Stumpf-Andreas. Er hat vor wenigen Stunden vom Ableben seines langjährigen Poliers gehört und war schon deshalb in großer Sorge, zumal ein erneuter Brückensturz ja schon auf eine Verbindung zur Firma hinweist, auch wenn das Opfer seit kurzem berentet war. Nun hat sich gerade im Haushalt seines Vaters, der leider eine Alzheimerdemenz hat und sich deswegen schon vor einigen Jahren mehr oder minder unfreiwillig aus dem Firmengeschäft zurückgezogen hat, oder vielmehr von seiner Familie dazu gezwungen wurde, ein anonymer Anrufer gemeldet, der ihn unbedingt sprechen wollte und sich als Bekannter aus alten Zeiten ausgegeben hat. Die Pflegerin die zunächst am Apparat war, hat den Hörer an die Mutter von Herrn Stumpf jun. weitergegeben-der Anrufer hat anscheinend nicht gewusst, dass Herr Stumpf sen. infolge seiner Krankheit nicht mehr sprechen und sich mit Sicherheit nicht mehr an Menschen oder Ereignisse aus seiner Vergangenheit erinnern kann und er befürchtete jetzt, das könnte der Attentäter sein, der auch seinen Vater erledigen will, denn seit Jahren haben sich fast alle seiner Freunde und Bekannte zurückgezogen, wie das eben häufig geschieht, wenn eine Demenz fortschreitet.“ erklärte sie ihren beiden Polizisten den Inhalt des Gesprächs.

      „Dann ist meine Idee vermutlich völlig richtig und sinnvoll-ich muss irgendwie in die Firma eingeschleust werden, um dort Augen und Ohren offen zu halten und so herauszufinden, wer den Mitarbeitern von Stumpf-Bau nach dem Leben trachtet-und die Recherchen müssen vermutlich in die Vergangenheit zurückgehen, denn alle Opfer-und jetzt gehen wir mal davon aus, dass Adalbert Stumpf, der Seniorchef auch als solches vorgesehen wäre- sind schon älter und langjährige Firmenmitarbeiter.“ trug Ben seine Idee vor und irgendwie kamen von seinen beiden Konferenzpartnern keine Widerworte-vermutlich waren sie froh, dass er von selber drauf gekommen war und billigten auch seine Absicht. „Außerdem kennt mich dort noch niemand und ich denke mein Vater könnte mich durchaus briefen, wie man sich in so einer Firma zu verhalten hat, was man sagt und was besser nicht und außerdem habe ich vielleicht in meiner Kindheit doch mehr von Baufirmen und den fachlichen Zusammenhängen mitgekriegt, als jeder andere hier in der PASt!“ redete Ben sich nun in Fahrt und Semir und die Chefin wechselten einen Blick. Nach kurzer Zeit räusperte sich Kim Krüger und sagte dann: „Wohl wissend, dass dieser Einsatz gefährlich ist, weil sie vermutlich mit einem skrupellosen Mörder zusammentreffen werden und den stellen müssen, fällt mir nichts Besseres ein. Ich bin mir sicher, Herr Andreas Stumpf wird damit einverstanden sein, denn er will keine weiteren Toten-weder in seiner Firma, noch in der Familie und mit dessen Hilfe können wir eine Legende für sie erstellen Herr Jäger und so hoffentlich den Täter bald überführen!“ fasste sie ihre Gedanken in Worte und Semir, der am liebsten selber gegangen wäre, weil er sich schon wieder massive Sorgen um seinen jüngeren Partner machte, der bei solchen Aktionen schon mehrfach verletzt worden war, fiel jetzt aber auch kein zündendes Gegenargument ein und so war nach einem weiteren Telefonat mit Andreas Stumpf beschlossen, dass Ben am nächsten Morgen als potentieller Nachfolger von Erwin Schnitzer in der Firma angeblich anfangen sollte. Außerdem erhielt Susanne auch die Erlaubnis den Telefonanschluss zu überprüfen-es war wieder von dem ominösen Wegwerfhandy aus angerufen worden, wieder mitten aus der Stadt, wo es schwierig war einen Anrufer zu orten, weil dort einfach zu viele Menschen unterwegs waren und nach dem Anruf war es auch erneut aus. Man schickte zwei uniformierte Beamte zum Haus von Stumpf senior, um ihn zu beschützen, richtete eine Fangschaltung ein und mehr konnte man im Augenblick nicht tun.

      Nachdem sie noch einige Akten bearbeitet hatten, machten Semir und Ben Feierabend und es war beschlossene Sache, dass Ben am nächsten Morgen um 8.30 Uhr in der Firma Stumpf vorsprechen und erst einmal eine Führung durch den Betrieb erhalten würde.
      Nach Dienstende erzählte Ben, bevor er mit Lucky und Tim im Buggy joggen ging, seiner Sarah in Auszügen davon und fragte sie, ob er eigentlich noch ein paar Hemden im Schrank hätte, das war ja nicht so die Kleidung die er bevorzugte. „Es könnte sein, dass ich jetzt ein paar Tage als Anzugträger fungiere, obwohl das ja eigentlich nicht meine Lieblingskleidung ist!“ vertraute er ihr an und Sarah öffnete nur wortlos die Schranktür, wo mehrere Anzüge und dazu passende Hemden und Krawatten hingen-sie hatte da vor einiger Zeit ein wenig eingekauft, denn für Ben hätte in seinen Augen ein einziger Anzug genügt, aber diese Meinung vertrat sie nicht und wie man sah, hatte sie Recht behalten. „Na ja-übertreiben wollen wir ja nicht!“ sagte Ben und entschied sich für einen leichten, eher sportlichen, hellbraunen Sommeranzug und ein schwarzes Hemd dazu. Eine Luft abschnürende Krawatte würde er nur im äußersten Notfall tragen und so brach er jetzt erst mal in leichter Laufhose und T-Shirt mit Kind und Hund auf, um den wundervollen warmen Juliabend auf seine Weise zu genießen. Danach rief er nach einer erfrischenden Dusche seinen Vater an und ließ sich von ihm gute Tipps geben, wie er sich als angeblicher Architekt verhalten solle. In der Nacht konnte er erst schlecht einschlafen-ehrlich gesagt hatte er schon ein wenig Sorge, ob er gut genug schauspielern konnte, um die Mitarbeiter und eventuell den Mörder zu überzeugen!
    • Am nächsten Morgen schlüpfte Ben in den Anzug und stellte fest, dass der gar nicht so unbequem war. Darunter das schwarze Hemd und Sarah strich ihm noch liebevoll eine Strähne aus der Stirn, bevor sie ihn nach dem Frühstück verabschiedete. „Siehst du-ist es doch gut, dass ich manchmal einfach zuschlagen muss, wenn ich was Schönes für dich zum Anziehen sehe-auch wenn du dich damals geweigert hast, den auch nur anzuprobieren!“ konnte sie nun nicht umhin, ihn noch ein wenig anzusticheln und er musste jetzt zugeben, dass es ganz praktisch war und der eher sportliche Anzug auch nicht unbequem. „Aber du weisst, dass das eben normalerweise so gar nicht mein Stil ist-ne Jeans und ein Shirt passen viel besser zu mir!“ sagte er noch, bevor er auch Tim, der noch in seinem Hochstuhl saß und genüsslich einen Joghurt löffelte, mit einem Kuss auf die Stirn verabschiedete. „Tschüss kleiner Mann-sei brav und ärgere die Mama nicht allzu sehr!“ sagte er und mit einem weiteren liebevollen Kuss auf Sarah´s Mund und einem Streicheln von Lucky verließ er dann endgültig die Wohnung, um zu seinem Porsche zu gehen. Das war für diesen Einsatz der angebrachteste Wagen, wie er beschlossen hatte, denn so ein Architekt verdiente normalerweise nicht schlecht.

      Wenig später fuhr er vor der Firmenzentrale vor und als er sich suchend umsah, wo er wohl hin musste, folgten ihm die bewundernden Augen mehrerer weiblicher Bürokräfte unterschiedlichen Alters, die gerade im ersten Stock aus der großen Glasfront des neu erbauten Bürogebäudes nach unten sahen. „Na endlich hat der Chef bei der Auswahl des neuen Architekten mal an uns Frauen gedacht-das ist wenigstens was fürs Auge!“ sagte die eine Sekretärin und die beiden Auszubildenden prüften eilig, ob ihre Frisur saß und setzten ein betörendes Lächeln auf, als Ben, der den Hinweisschildern folgend, die Treppe und nicht den durchsichtigen Aufzug in den ersten Stock benutzte, auch schon das Großraumbüro betrat und mit einem freundlichen „Guten Morgen-bin ich hier richtig, wenn ich zu Herrn Stumpf möchte?“ den ersten Kontakt herstellte. „Wen darf ich anmelden?“ fragte die Sekretärin und erhob sich schon, um zu der Tür vorauszugehen, die in die heiligen Hallen des Chefs und der Chefsekretärin führte. Diese war schon sehr lange in der Firma und war sozusagen schon vom Vater auf den Sohn vererbt worden, aber mit ihrem Sachverstand hielt sie die Fäden in der Firma bald genauso zusammen, wie die Familie selber und als Ben nun sagte: „Ich bin Ben Jäger, Architekt, und habe ein Vorstellungsgespräch vereinbart!“ wurde ihm sofort die Tür geöffnet und wenig später stand er vor Andreas Stumpf, mit dem er am Vortag ja schon lange telefoniert hatte und auch die Chefsekretärin, die sicher schon um die sechzig war, hatte ihn mit einem wohlwollenden Lächeln gemustert, was Andreas nicht entgangen war.

      Die zog sich nun allerdings in ihr Vorzimmer zurück, schloss die Tür hinter sich und Ben musterte die vornehme Eleganz, die aus der Einrichtung und auch dem Stil des Gebäudes sprach-das hatte ein Meister seines Fachs geplant und ausgeführt. „Na da haben sie aber meine Damen da draußen ordentlich beeindruckt-wenn sogar Frau Rasp, meine rechte Hand ihnen schon am ersten Tag ein Lächeln schenkt, haben sie so gut wie gewonnen!“ sagte Andreas Stumpf während er Ben freundlich die Hand reichte. Ben nickte mit einem jungenhaften Lächeln und erwiderte den Händedruck, dieser Andreas Stumpf wirkte auf ihn sofort außerordentlich sympathisch. „Dann würde ich vorschlagen wir beginnen mit der vereinbarten Führung durch die Firma, wie sich das für ein erfolgreiches Vorstellungssgespräch gehört und ich werde die Augen und Ohren gleich offen halten, ob mir etwas auffällt, was einen Hinweis auf den Mörder geben könnte!“ sagte Ben. „Allerdings wissen wir ja nicht, wie dessen Verbindungen zur Firma überhaupt sind und ob er sich hier persönlich aufhält, aber wir dürfen einfach nichts unversucht lassen!“ fügte er hinzu und legte dann demonstrativ die dunkelbraune edle Ledertasche mit Zahlenschloss, in der er angeblich die Bewerbungsunterlagen transportierte, ab. „Sie haben auch an alles gedacht und wenn sie bei den Fachkonferenzen dann am besten nur Allgemeinplätze von sich geben, dann werden wir ihre Tarnung hoffentlich aufrecht erhalten können, bis wir den Täter geschnappt haben und uns alle wieder sicher fühlen können!“ bemerkte Andreas und Ben nickte.

      Sie hatten sich für den Klarnamen entschieden und die Wahrheit auch nur ein wenig verbogen-angeblich hatte Ben Jäger, der Sohn des bekannten Düsseldorfer Bauunternehmers, Architektur studiert und war danach einige Jahre im Ausland tätig gewesen, bis es ihn wieder zurück in die Heimat zog. Es war nicht anzunehmen, dass er in seiner Eigenschaft als Polizist mit einem der Firmenmitarbeiter schon in Berührung gekommen war und wenn ja, dann würde er sich eine Story einfallen lassen, so etwas wie-erst einmal von zuhause ausgebrochen, einen Beruf ergriffen, der dem Vater gar nicht recht gewesen war, aber dann reumütig zurück in die Branche gekommen-aber das würde er dann ad hoc entscheiden, wenn es notwendig werden würde. „Können sie mir dann bitte Einblick in die Personalakten gewähren-ich würde gerne alle Mitarbeiter überprüfen, ob da irgendjemand bei uns bekannt ist!“ bat Ben und der Firmenchef nickte. Mit ein paar Clicks an seinem Computer öffnete er eine Datei, suchte in seiner Schreibtischschublade nach einem Stick und speicherte binnen Kurzem die Daten darauf ab und gab sie Ben, der den auch gleich in dem Aktenkoffer verschwinden ließ. „Ich hätte jetzt erwartet, dass sie mir eine Menge Personalakten in Papierform vorlegen und ich mir da mühsam die benötigten Dinge heraussuchen müsste!“ bemerkte Ben, aber Andreas Stumpf nickte geschmeichelt. „Wir sind gerade dabei mit wenigen Ausnahmen alle Akten zu digitalisieren-das geht einfach schneller, braucht kaum Platz und ich finde, gerade in unserer Branche muss man mit der Zeit gehen!“ erklärte er und erhob sich dann, um die Führung zu beginnen.

      Aus dem Büro führte eine zweite Tür in einen Parallelflur, so dass der Firmenchef jederzeit das Gebäude verlassen konnte, ohne durch die verschiedenen Vorzimmer zu müssen, sogar eine eigene Treppe führte nach unten. „Sehr praktisch, wenn man mal schnell verschwinden möchte, gerade wenn aufgebrachte Kunden im vorderen Büro auf einen warten!“ erklärte Andreas mit einem Schmunzeln und dem konnte Ben sich nur anschließen-ja dieses Bürogebäude war sehr durchdacht! Sie durchschritten mehrere Konferenzräume, die alle mit hoch modernen PC s, Beamern und Lautsprecheranlagen ausgestattet waren, sogar die Waschräume strahlten zurückhaltende Eleganz aus. Sie kamen in verschiedene Abteilungen vom Personalbüro, das gerade die Lohnabrechnungen anfertigte, über die Wirtschaftsabteilung, die Auftragsannahme, wo zwei Damen mit freundlichen Telefonstimmen die potentiellen Kunden berieten, bis sie auch im Untergeschoss im Archiv anlangten, wo ein Mitarbeiter gerade dabei war, die Papierakten auseinanderzunehmen und Blatt für Blatt einzuscannen. „Ah-so funktioniert das also mit der Digitalisierung!“ bemerkte Ben und Andreas nickte, während sie nun nach draußen gingen, wo das Hochlager mit modernsten Maschinen auf sie wartete.
      Vorschriftsmäßig setzten die beiden einen gelben Helm auf und nun wurden die weiträumigen Außenanlagen besichtigt. Andreas kannte jeden seiner Mitarbeiter mit Namen und stellte Ben auch immer vor: „Das ist Herr Jäger, unser neuer Architekt!“ sagte er mehrfach und vom freundlichen Lächeln über so manchen Händedruck bekam Ben von fast allen eine nette Begrüßung. „Wir schreiben das Betriebsklima sehr hoch, bieten auch für unsere Arbeiter und Angestellten viele Programme zur Gesunderhaltung an und der Erfolg gibt uns Recht! Wir sind trotz aller Größe ein solider mittelständischer Familienbetrieb, der gute Arbeit abliefert und deshalb auch immer wieder Aufträge aus der öffentlichen Hand, aber auch dem Privatbau bekommt. Unsere Mitarbeiter arbeiten meist langjährig bei uns, wir zahlen vielleicht keine Spitzenlöhne, bieten aber dafür einen sicheren Arbeitsplatz mit vielen Sozialleistungen, sind stolz auf unser gutes Betriebsklima!“ erklärte Andreas und Ben musste insgeheim wirklich zugeben, dass die Firma auf ihn auf den ersten Blick einen guten Eindruck machte. Aber warum war dann hier ein Mörder unterwegs? Das würde er allerdings schon noch herausfinden!

      Im Anschluss fuhren sie noch gemeinsam im Auto des Firmenchefs, einem großen Geländewagen, zu einer Außenbaustelle, wo eine Autobahnbrücke saniert wurde und etwa zwanzig Mitarbeiter mit schwerem Gerät dabei waren, den Betonbau aus den Siebzigern zu restaurieren. „Ja das sind teilweise Brücken, die mein Vater oder mein Großvater vor vielen Jahren gebaut haben und an denen jetzt eben der Zahn der Zeit nagt. Erfreulicherweise bekommen wir sehr häufig bei der Ausschreibung den Zuschlag, weil wir ja über die Pläne verfügen und so schon einen Vorsprung vor den Mitbewerbern haben und witzigerweise ist an fast jeder Sanierungsbrücke meistens mindestens ein Mitarbeiter involviert, der schon bei der Errichtung dabei war!“ erzählte Andreas und begrüßte erneut einen seiner Vorarbeiter mit Namen. „Umso schrecklicher sind diese beiden Todesfälle und der Anruf bei meinem Vater. Irgendetwas muss vorgefallen sein, was diese Racheakte ausgelöst hat-wenn ich nur wüsste was!“ sinnierte Andreas unglücklich, während sie zum Hauptsitz zurückfuhren und nach einem kleinen Imbiss unterwegs, diesmal auf dem offiziellen Weg durch die lächelnden Vorzimmerdamen den Bürotrakt aufsuchten. „Ach übrigens-für Baustellenbesichtigungen bekommen sie natürlich einen Firmenwagen-ich denke ein Porsche ist für sowas nicht geeignet!“ erklärte er noch unterwegs.

      Inzwischen warteten bereits mehrere Kunden auf den Firmenchef und der wies nun Ben sein neues Büro zu, wo der Name „Schnitzer“ am Türschild kurz zuvor entfernt worden war. „Ich wünsche ihnen einen guten Arbeitbeginn!“ sagte er laut und Ben nickte freundlich und schloss die Tür hinter sich. Drinnen holte er sofort den Stick aus der Tasche und verbrachte die nächsten Stunden damit, sich durch Personalakten zu wühlen, ohne da irgendetwas herauszufinden. Hartmut würde die Namen und Bilder noch durch den Fahndungscomputer laufen lassen, aber nach dieser Besichtigung bezweifelte Ben, dass das irgendetwas bringen würde-zu solide wirkte die Firma und ihre Mitarbeiter! Ben trank mehrere Tassen wohlschmeckenden Kaffee, der den Angestellten aus einem Vollautomaten kostenfrei zur Verfügung gestellt wurde, aber er fand im Moment nichts heraus. Um kurz vor fünf machte er aufseufzend Feierabend und erfuhr, dass morgen eine Planungsbesprechung für das nächste Projekt, der Sanierung einer Hangbrücke aus den Siebzigern, für die die Firma den Zuschlag erhalten hatte, weil sie sie damals schon errichtet hatten, stattfinden würde. Na hoffentlich kamen da keine zu detaillierten Fragen an ihn, sonst wäre er aufgeschmissen, hoffte Ben und brauste wenig später-wieder verfolgt von sehnsüchtigen weiblichen Blicken- in seinem Porsche vom Hof. „Ob der wohl gebunden ist?“ fragte eine Angestellte in den Raum, wurde aber von ihrer Kollegin hart auf den Boden der Tatsachen zurück geholt: „So ein Musterexemplar von Mann läuft normalerweise nicht frei herum!“ gab sie zur Antwort und nun erschraken die beiden, als die Stimme ihres Chefs von hinten ertönte: „Machen sie sich keine Hoffnungen meine Damen!“ sagte er grinsend-„Herr Jäger hat Familie, also Finger weg!“ und nun packten die vorlauten Bürodamen mit rotem Kopf ihre Handtaschen, fuhren die PC`s herunter und verließen das Großraumbüro, um endlich Feierabend zu machen.
    • Ben fuhr am Nachhauseweg noch kurz in der KTU vorbei und brachte Hartmut, der gerade Überstunden machte, noch den Stick mit den Personalakten vorbei. Auch Susanne hätte die Daten sichten können, aber die eingescannten Passbilder waren ja teilweise schon älter und Hartmut hatte ein Programm entwickelt, dass die für den PC trotzdem lesbar machte und war gerade dabei, das einzuführen. Er hatte praktisch das Verfahren, mit dem man die natürliche Alterung am Computer simulieren konnte mit dem Polizeigesichtsscanner kombiniert und so konnten Verbrecher auch nach Jugendbildern zweifelsfrei identifiziert werden.
      Hartmut pfiff durch die Zähne als er Ben sah. Der hatte zwar schon bald am Vormittag seine Jacke abgelegt und trug nun nur die Anzughose mit feinen Lederschuhen und das schwarze Hemd mit aufgekrempelten Ärmeln, aber er sah trotzdem irgendwie ganz anders aus, als sonst, wo er eher zu Jeans mit Löchern und bequemen Shirts tendierte. „Hey-möchtest du das nicht als neue Dienstkleidung behalten?“ fragte er scherzhaft-„die Ladys werden dahin schmelzen!“ lästerte er, aber Ben gab ihm einen derben Schubs und sah ihn ein wenig zornig an. „Halt bloß die Klappe-ich musste mich heute schon der Bürodamen erwehren, die mich mit ihren Blicken sozusagen ausgezogen haben, dabei habe ich meinen Ehering immer demonstrativ vorgestreckt, das hat die aber überhaupt nicht interessiert-das sage ich dir, da bin ich lieber bei uns in der PASt, da passiert sowas nicht!“ erklärte er, als aber Hartmut nun fragte: „Bist du dir da so sicher?“ musste er in Deckung gehen, denn Ben hatte einen herumliegenden Kugelschreiber gepackt und ihn nach ihm geworfen. Nun wurden sie aber dienstlich und als Hartmut grob die Datenmenge gesichtet hatte, versprach er einen Teil davon heute zu bearbeiten und den Rest am nächsten Vormittag.

      Die Chefin und Semir hatte Ben von unterwegs aus angerufen und erzählt, dass er bisher noch keinen blassen Schimmer davon hatte, wer der Täter sein könnte und morgen seine Ermittlungen vor Ort weitergehen würden. „Dann wünsche ich ihnen einen schönen Abend Herr Jäger!“ hatte die Chefin gesagt und Semir hatte vorgeschlagen, sich abends, wenn die Kinder im Bett waren noch auf einen Absacker zu treffen. „Na hast du schon Sehnsucht nach mir-Semir!“ fragte Ben scherzhaft und sein Freund und Kollege erwiderte: „Na klar-ich kann doch ohne dich nicht leben!“ und so war das Treffen um acht ausgemacht.

      Sarah, Tim und Lucky erwarteten auch schon sehnsüchtig seine Ankunft und nach einem gemeinsamen Abendbrot ging Ben-wie immer wenn er keine Spätschicht hatte- noch mit Tim und Lucky joggen, so hatte Sarah da immer ein Stündchen für sich, was sie sehr genoss. Außerdem hatte Tim nach dem Nachhausekommen immer die nötige Bettschwere und schlief bald ein und auch Lucky lag dann ausgepowered in der Ecke und rührte sich nicht mehr. „Ich treffe mich nachher noch ein wenig mit Semir, wenn du nichts dagegen hast!“ erklärte Ben und Sarah lachte: „Na habt ihr schon Sehnsucht nacheinander, weil ihr euch mal einen Tag nicht gesehen habt?“ fragte sie und Ben stöhnte: „Jetzt fang nicht du auch noch an!“ aber dann musste er doch lachen und brach nach einer erfrischenden Dusche in seinen Wohlfühlklamotten Jeans und Shirt auf, um sich mit seinem Freund zu treffen.
      Er erzählte Semir von seinem Tag und der teilte ihm noch mit, dass leider keine DNA-Spuren an der Kleidung beider Opfer gefunden worden waren, was Ben aber schon von Hartmut wusste. Nach einem kurzen Abriss zur Firma Stumpf und deren Angestellten wandten sich die beiden aber vergnüglicheren Themen zu und als Ben kurz nach zehn wieder zuhause war, fühlte er sich rundum wohl, sah mit Sarah noch den Schluss eines Fernsehfilms an und dann gingen sie bald zu Bett.

      Am nächsten Tag hatte Sarah bereits ein anderes Hemd und eine Kombination aus heller Hose und dunklerem Sakko hergerichtet, dazu ein sportliches Hemd und Ben schlüpfte klaglos hinein und machte sich wieder in seinem Porsche zur Firma auf. Andreas Stumpf überreichte ihm gleich einmal den Schlüssel zu einem Firmenwagen, einem schon etwas älteren, aber gepflegten Geländewagen. „Damit sitzen sie wenigstens an der Baustelle nicht auf-falls sie irgendwo vor Ort ermitteln müssen!“ sagte er mit einem Augenzwinkern und Ben nickte dankbar. Ja mit seinem Porsche wollte er wirklich nicht irgendwo in den Schlamm fahren-da war ihm sein geliebter Oldtimer doch zu wichtig!
      Als Ben in sein neues Büro ging, verschwand gerade der Mann, den er gestern im Archiv kennengelernt hatte-wie hieß der noch gleich? Ach ja, Brummer-um die Ecke und ging dann die Hintertreppe hinunter. Er war auch schon ein älteres Semester, aber zu ihm hatte Andreas ihm erzählt, darum hatte Ben sich vermutlich den Namen merken können, dass der eigentlich schon berentet und sein Leben lang in einer anderen Firma im Büro tätig gewesen war. „Es ist doch traurig, wenn man nach vielen Berufsjahren nicht einmal so viel Rente bekommt, dass man sorglos seinen Lebensabend genießen kann. Seine Frau war nicht berufstätig, dessen Firma hat keine Zusatzversorgung wie wir für ihre Mitarbeiter gemacht und jetzt bessert er auf 450 €-Basis sein Einkommen auf, indem er unsere Akten auseinander nimmt, einscannt und so der Digitalisierung zuführt. Nachdem er nur ein paar Stunden täglich arbeitet und das auch keine schwere Tätigkeit ist, hat er noch auf Jahre hinaus zu tun und so ist uns beiden geholfen!“ hatte der junge Stumpf erzählt und Ben hatte zustimmend genickt. Das war zwar sicher keine sonderlich amüsante oder anspruchsvolle Tätigkeit, aber dennoch wichtig und er fand es vorbildlich, wie in dieser Firma gerade ältere Menschen geschätzt wurden. Was der Mann jetzt allerdings hier oben zu suchen hatte, war ihm nicht klar und er hatte fast den Eindruck gehabt, dass der gerade aus seinem Büro gekommen war. Er hatte es gestern nicht abgeschlossen, nachdem er ja keinerlei persönliche Dinge dort aufbewahrt hatte-allerdings hatte er heute ein schönes Foto von Sarah mit Tim und Lucky mitgebracht, das er demonstrativ auf seinem Schreibtisch aufstellte. Da würde er jedem erzählen, dass das seine kleine Familie war und damit hoffentlich den Nachstellungen ein Ende bereiten.

      Um neun fand dann die angekündigte Besprechung statt-es ging da um die bereits zweite Sanierung einer Hangbrücke, die durch hohes Verkehrsaufkommen sehr belastet war. „Die staatlichen Fachkräfte haben einen dringenden Sanierungsbedarf festgestellt, wir haben wie auch schon bei der ersten Generalüberholung in den Neunzigern, damals noch unter meinem Vater, den Zuschlag erhalten und müssen nun die Arbeitsschritte und die erforderlichen Sperrungen planen. Beim letzten Mal wurde das so gehandhabt, dass zunächst die eine Hälfte der Brücke gesperrt und überholt wurde und in dieser Zeit der Verkehr einspurig über die andere Seite geleitet wurde und nach der erfolgten einseitigen Fertigstellung dann das Ganze mit der anderen Fahrbahnhälfte wiederholt wurde. Unser verstorbener Herr Schnitzer hatte die Pläne dazu schon vorbereitet und Herr Jäger sein Nachfolger, wird nun seinen Part übernehmen!“ stellte er so Ben den etwa 20 Personen, die in dem Konferenzraum saßen, vor. Es waren Vertreter der Straßenbehörden, des Bauamts, aber auch der Bauleiter, der die Maßnahme leiten sollte und andere wichtige Personen dabei. Nachdem man noch im Detail besprochen hatte, wie man vorgehen würde, bekam Ben nun den Auftrag, zusammen mit dem Bauleiter die Brücke zu inspizieren, was sie am Nachmittag miteinander erledigen wollten. Das würde ihre letzte Tat vor dem Wochenende sein, denn es war Freitag und da machte man im Baugewerbe immer ein wenig früher Feierabend und das galt hier auch in der Firmenzentrale.

      Als die Besprechung zu Ende war, nahm Ben Andreas Stumpf zur Seite: „Verdammt-sie können mir doch hier keinerlei verantwortliche Tätigkeit geben, wo die Sicherheit von Menschen letztendlich davon abhängt-ich habe von der Materie ungefähr so viel Ahnung wie ein Schwein vom Stabhochsprung!“ zog Ben einen drastischen Vergleich, der Andreas zum Schmunzeln brachte. „Keine Sorge-die Sanierungspläne sind schon lange fertig und Herr Schnitzer hat mehrere Tage vor seinem Tod die zukünftige Baustelle, die anscheinend sehr marode ist, besichtigt, die Pläne gezeichnet und mir darüber Bericht erstattet, sie marschieren da also eher mit, damit niemand Verdacht schöpft. Legen sie sich einfach nicht fest, geben nur Allgemeinplätze von sich, dann wird das schon klappen!“ beruhigte er ihn und Ben atmete auf.
      Dann fiel ihm allerdings auf, dass der Juniorchef ziemlich blass war und Schweißtropfen auf seiner Stirn standen. „Geht´s ihnen nicht gut?“ fragte er besorgt, aber der Mann winkte ab. „Ich brüte vermutlich was aus und werde jetzt bald Feierabend machen und mich übers Wochenende zuhause ins Bett legen!“ erklärte er und während Ben die nächsten Stunden unauffällig durchs Gebäude schlenderte, seine Augen offen hielt und immer wieder pseudomäßig ins Büro ging, bis ihn der Bauleiter wie versprochen abholen würde, sah er kurz darauf den Juniorchef vom Hof fahren.
      Es waren mehrere Dinge die Ben aufgefallen waren, aber bisher hatte er noch keinen konkreten Verdacht. Er würde das einfach heute Abend mit Semir bequatschen-wenn er ebenfalls früher Feierabend hatte, konnte er den noch in der PASt antreffen und darauf freute er sich ehrlich gesagt. Dessen Menschenkenntnis und sein scharfer Verstand würden sicher mithelfen, den Fall bald zu lösen und den Mörder zu überführen!
    • Im Untergeschoß hatte derweil der Mann zufrieden seine Kopfhörer aus den Ohren genommen. Er hatte erfahren, was er wollte und machte sich jetzt auf den Weg um alles vorzubereiten. Kurz überlegte er, ob er die Wanze zuvor noch entfernen sollte, aber dann verzichtete er darauf-die konnte er nächste Woche immer noch holen, über die Hintertreppe war es ja problemlos möglich in die Chefetage zu gelangen. Er ging zu seinem Wagen und fuhr zu seinem Ziel. Gut dass er sich bei der Bundeswehr damals verpflichtet hatte und so Erfahrung mit Sprengstoff hatte. Er würde es schaffen eine Ladung so anzubringen, dass die Personen zwar getötet wurden, die Brücke aber nach außen hin unbeschädigt wirkte! So verlegte er Leitungen, bohrte sogar mit einer Akkubohrmaschine einige kleine Löcher und installierte einen Lautsprecher. Gut-der junge Architekt konnte zwar eigentlich nichts dafür, dass die Firma Stumpf-Bau so einen Pfusch abgeliefert hatte, der Menschen in Gefahr brachte und tötete, aber weil er sich dafür entschieden hatte seine Zukunft mit Brücken bauen zu verbringen, würde er jetzt einfach mitleiden müssen-er wusste nie, wann er die Gelegenheit nochmals bekommen würde den Verantwortlichen für das Schicksal seines Sohnes genau an diesem Ort in die Finger zu bekommen. Und eines war klar-seine Opfer mussten jedes an einer Brücke oder durch eine Brücke sterben, die sie selber mit gebaut hatten, das war schließlich ein Symbol, um die Öffentlichkeit darauf aufmerksam zu machen, welch gefährlicher Pfusch überall auf den Straßen herumstand und welche miserablen Sicherheitsvorkehrungen hier ergriffen wurden!

      Voller Genugtuung erinnerte er sich, wie arglos sich Schnitzer mit ihm an der Brücke getroffen hatte. Als er ihn gebeten hatte, sich doch einmal den Riss im Beton anzusehen, hatte er sich interessiert übers Geländer gebeugt und nur einmal kurz überrascht aufgeschrien, als er seine Fußknöchel gepackt und ihn einfach über die Betonwand gehebelt hatte. Zuvor hatte er ihm von seinem Sohn erzählt, während sie einträchtig nebeneinander den Gehsteig entlang gelaufen waren und er hatte sogar Mitleid geheuchelt, dabei könnte sein Sohn noch leben, wenn Schnitzer damals die Brücke anders geplant hätte. Diese Männer waren schuld, dass das Leben seiner Familie zerstört worden war und er jetzt vor wenigen Wochen das Wichtigste verloren hatte. Er würde erst wieder ruhig schlafen können, wenn sein Sohn gerächt war und alle Schuldigen ebenfalls tot waren-das hatte er ihm in seinen letzten Stunden versprochen, als der im Krankenhaus jämmerlich zugrunde gegangen war.

      Mit dem Polier war es noch einfacher gewesen, den hatte er unter dem Vorwand ein Pensionistentreffen aller früheren Stumpf-Mitarbeiter zu planen, zu einer Gaststätte bestellt, wo er von seiner Wohnung aus über die Fußgängerbrücke gehen musste. Dort war er ihm entgegen gelaufen und hatte so getan, als wäre ihm gerade etwas von der Brücke auf die Fahrbahn gefallen, auf der gerade kein Verkehr herrschte. Als sich der übers Geländer gebeugt hatte, um zu sehen, was dort unten lag, hatte er ihn ebenfalls gepackt und mit einem Schwung in die Tiefe gestürzt. Bis sein Opfer unten aufkam, war er schon ruhig weiter gelaufen und im Gewirr der Gassen verschwunden. Es war eigentlich so einfach einen Menschen zu töten, das hätte er sich zuvor nicht träumen lassen. Jetzt noch der Bauleiter und der Seniorchef, dann waren alle Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen und er konnte wieder ruhig schlafen.

      Der Bauleiter Friedrich Mittler war kurz nach der Mittagessenszeit, das Ben heute mit knurrendem Magen ausgelassen hatte, weil er später vorhatte mit Semir nen leckeren Döner an ihrem Lieblingsimbiss einzunehmen, zu ihm ins Büro gekommen und hatte interessiert das Familienbild gemustert: „Ihre Frau?“ hatte er gefragt und Ben hatte lächelnd genickt. „Sehr hübsch und ihr Sohn ist ja auch entzückend mit seinen dunklen Locken!“ hatte er bemerkt. „Wie alt ist er denn-auf dem Bild so knapp zwei würde ich sagen-mein Enkel ist nämlich genauso groß!“ teilte er seinem neuen Kollegen mit und Ben nickte zustimmend und erzählte dann noch, dass sie schon bald das zweite Kind bekommen würden.
      „Na dann wollen wir mal, damit wir danach dann Feierabend machen können. Wir werden uns grob die Örtlichkeiten ansehen und schauen vor Ort, ob die Pläne, die Erwin noch gezeichnet hat, umsetzbar sind-das ist eine Sache von einer halben Stunde!“ erklärte er und ergriff die Papprolle mit den Plänen in Papierform, die Andreas Stumpf bereitgelegt hatte. „Würden sie fahren? Mein Wagen hat einen fast leeren Tank-da komme ich gerade noch nach Hause damit, aber das ist schon toll, dass man bei dieser Firma ab einer bestimmten Position einen Firmenwagen bekommt, den man auch privat nutzen darf. Stumpf zahlt vielleicht nicht ganz so hohe Löhne wie andere, aber das Betriebsklima und die anderen Leistungen machen das absolut wett!“ plauderte er, während sie gemeinsam zum Geländewagen gingen. Ben setzte sich hinter das Steuer und während ihn sein Beifahrer zu der Hangbrücke ein wenig außerhalb Kölns dirigierte, sprachen sie über belanglose Dinge, bis sie dann den Wagen auf einem Feldweg direkt neben der Brücke, von der Straße aus verdeckt, abstellten. Der Bauleiter zog einen Schlüssel hervor und sagte: „Na dann wollen wir mal in die Katakomben dieser speziellen Brücke gehen!“ runzelte dann allerdings die Stirn, denn das Metalltor war nicht verschlossen. „Da hat wohl der Letzte, der die Enteisungsanlage getankt hat, vergessen abzuschließen!“ bemerkte er und dann traten sie aus der Wärme des Julinachmittags in das geheimnisvolle Dunkel der Brücke.
    • Ben hatte bisher keine Ahnung gehabt, wie so eine Hangbrücke von unten aussah. Er war erstaunt von der Technik, denn anders als die Brücken komplett aus Stein oder Beton die er kannte, war diese aus einem Mix verschiedener Materialien. Die Hauptunterkonstruktion mit den tragenden Teilen war Beton und teilweise gemauert, während der Fahrbahnunterbau an sich aus Metallträgern, so wie es aussah Stahl, bestand, die auf riesigen Lagern ruhten. Darauf war in mehreren Schichten der Fahrbahnbelag angebracht, so dass man von oben eigentlich meinte, das wäre eine ganz normale asphaltierte Straße mit Leitplanken und einem Metallgeländer auf beiden Seiten. Als Besonderheit waren die beiden Fahrbahnen, die sich jeweils zweispurig um den Hügel kräuselten, in unterschiedlichen Ebenen gebaut und fügten sich daher auch optisch wie selbstverständlich ins Gelände. „Diese Brücke ist schon etwas ganz Besonderes-auch für mich persönlich!“ erzählte Friedrich Mittler. „Ich war gerade mal 14 Jahre alt, als ich direkt aus der Schule kommend-damals hatten wir nur acht Klassen-hier als „Stift“, wie man damals zu uns Lehrlingen sagte, eine Betonbauerlehre bei der Firma Stumpf begann. Ich habe dann später nach dem Gesellenbrief auf dem zweiten Bildungsweg berufsbegleitend mein Fachabitur nachgemacht und danach-sehr unterstützt von Herrn Stumpf sen.- ein Ingenieursstudium aufgenommen und arbeite seitdem als Bauleiter in dieser Firma. Ich war sozusagen von der ersten Stunde dieser Brücke hautnah dabei und habe dann die erste Generalsanierung in den Neunzigern schon verantwortlich geleitet. Auch wenn der Materialmix einen höheren Wartungsaufwand bedeutet, aber optisch hat die Brücke nach ihrer Errichtung sogar Preise gewonnen, weil sie sich so harmonisch in die Landschaft einfügt und sich sozusagen wie selbstverständlich um den Berg schlängelt. Wir haben von Anfang an eine Enteisungsanlage mit eingebaut, weil auf Stahlbrücken eine erhöhte Glatteisgefahr im Winter besteht und bisher sind aus diesem Grund hier auch noch keine schlimmen Unfälle passiert.

      Allerdings hat man, auch um Material zu sparen, die beiden Fahrbahnhälften wirklich separat gebaut und durch den Versatz ist dazwischen natürlich eine Lücke. Da ist in den Neunzigern dann ein junger Mann aus Hilfsbereitschaft schwer verunglückt. Auf der einen Fahrbahn hat sich mitten in der Nacht ein Unfall ereignet, weil ein Auto wegen überhöhter Geschwindigkeit ins Schleudern gekommen und in der Leitplanke gelandet ist-allerdings ohne Personenschaden. Auf der Gegenfahrbahn hat das ein junger Mann beobachtet und wollte den Insassen zu Hilfe eilen. Durch die Aufregung und auch weil es stockfinstere Nacht war, hat er nicht bemerkt, dass es zwischen den beiden Fahrbahnen fast 15 Meter in die Tiefe geht und ist dort nach seinem Sprung über die Leitplanke abgestürzt und in dem Gebüsch darunter, Beine voraus, gelandet. Es haben sich in dieser lauen Sommernacht zwar viele gewundert, warum mitten auf so einer Straße verbotswidrig ein Auto abgestellt war, aber erst in den frühen Morgenstunden hat eine Polizeistreife den Wagen kontrolliert und dann schwache Hilferufe gehört und das Opfer entdeckt. Der junge Mann hat das zwar überlebt, aber seine Wirbelsäule war eingestaucht und zersplittert und er hat eine Querschnittslähmung davon getragen. Es gab damals mehrere Prozesse, weil vor allem die Eltern des jungen Mannes dachten, dass die Sicherheitsvorkehrungen an der Brücke zu lasch gewesen wären, aber die Höhe der Abtrennung hat den damals geltenden Vorschriften entsprochen. Trotzdem wurde danach ein Metallgeländer installiert, damit sowas nicht mehr vorkommen kann und der junge Mann hat auch eine Rente aus der gesetzlichen Unfallversicherung bekommen, weil er ja bei einer Hilfeleistung verunglückt ist, aber das hat ihm natürlich seine Gesundheit nicht mehr wiedergegeben. Die Firma Stumpf-Bau hat ihm noch freiwillig den Umbau der elterlichen Wohnung behindertengerecht finanziert, aber gerade der Vater konnte sich damit irgendwie nie abfinden. Ich habe keine Ahnung, wie es dem Mann heute geht, der müsste jetzt ja auch schon in den Vierzigern sein!“ erzählte er aus der Vergangenheit und Ben war nun plötzlich hellwach, während sich seine Augen langsam an das Dämmerlicht hier unten gewöhnten.
      Vielleicht war das das Motiv das sie suchten? Und sein Gesprächspartner war genau der Richtige, das herauszufinden! Wahrscheinlich konnte sich der Mann noch an den Namen des Opfers erinnern und Semir konnte den mal überprüfen.

      Der Bauleiter holte nun die Pläne heraus und schaltete seine Stirnlampe ein, die er in weiser Voraussicht mitgebracht hatte. „Hier unten gibt es zwar Strom, aber die Sicherungskästen sind verplombt und können nur mit Schlüsseln geöffnet werden, so einen Aufwand betreiben wir jetzt und heute nicht-wir kontrollieren nur, ob die Pläne den Anforderungen entsprechen, aber davon gehe ich aus, denn schon bei der ersten Sanierung hat die Erwin Schnitzer gezeichnet und seitdem hat sich ja baulich außer dem Metallgeländer nichts verändert!“ sagte er und als Ben nun seine Augen wie zufällig dem Lichtkegel der Stirnlampe folgen ließ, entdeckte er etwas, was im selben Moment sein Blut in den Adern gefrieren ließ! An der Wand hinter ihnen war eine Leitung verlegt und das was da an der Decke angebracht war, sah aus wie eine Sprengladung! Er packte sein Gegenüber am Arm und schrie: „Schnell-raus hier!“ und versuchte ihn Richtung Ausgang zu ziehen, aber da brach das Inferno schon los.
    • Brummer hatte eine kombinierte Lautsprecher- und Abhöranlage neben den Sprengladungen verlegt. Er hatte vorgehabt, diesem Mittler bevor er starb zu sagen, was er angerichtet hatte. Er hatte ihm erzählen wollen, was sein Sohn Peter hatte leiden müssen, bevor er vor kurzer Zeit im Krankenhaus jämmerlich an einer Infektion gestorben war. Er hatte sich als Rollstuhlfahrer, der sogar im Verein Rollstuhlrugby gespielt hatte, hinten aufgelegen-na ja eigentlich eher aufgesessen, denn trotz seiner schweren Behinderung hatte er leben wollen, einen Freundeskreis aus Schicksalsgenossen gehabt und zu ihm seinem Vater immer gesagt, er solle nicht so verbittert sein. Peter war einfach ein wundervoller Mensch gewesen, der es nicht verdient hatte, so früh zu sterben. Er hätte eine Familie haben sollen, Kinder, ein erfülltes Leben führen, aber so war er seit seinem Unfall, der ja in Brummer´s Augen ein Attentat auf seinen Sohn gewesen war, denn man konnte doch nicht einfach eine Brücke nicht ausreichend sichern-auf die Hilfe seiner Eltern angewiesen gewesen, die ihn in ihrer umgebauten Wohnung versorgt hatten, wenn er nicht gerade stundenweise arbeitete oder mit seinen Freunden unterwegs war. Als Querschnittgelähmter alleine zu leben war fast nicht möglich, weil man bei allen Alltagsdingen Hilfe brauchte. Seine Mutter war auch nie mehr arbeiten gegangen und als sie den Rentenbescheid bekommen hatten, hatten sie voller Entsetzen festgestellt, dass ihr Einkommen kaum reichen würde, um die Miete und die notwendigsten Dinge im Alter zu bestreiten.
      Peter hatte sie beruhigt, denn seine Rente plus das Einkommen, dass er nebenbei erzielte, indem er in der Rettungsleitstelle Telefondienst machte, hatten locker gereicht, um dennoch ein ruhiges Leben zu führen, denn natürlich war das fast alles in einen Topf geflossen, aber seit Peters Tod innerhalb weniger Tage, war nun auch noch die finanzielle Not über sie herein gebrochen.

      So war sein Plan gereift und er hatte bei der Firma Stumpf vorgesprochen, wo inzwischen der Juniorchef Andreas das Ruder in der Hand hielt und hatte tatsächlich von dem-der ihn natürlich sofort namentlich erkannt und sich sogar besorgt nach Peter erkundigt hatte- einen Job bekommen. Er hatte Betroffenheit geheuchelt, als er vom Tod Peters gehört hatte und hatte ihnen sogar einen Blumengruß fürs Urnengrab geschickt-allerdings war das zu spät. Peter hätte zu Lebzeiten eine Entschädigung in Millionenhöhe verdient gehabt, denn nur Stumpf-Bau war für sein Schicksal verantwortlich. Allerdings war dieses Nebeneinkommen in der Baufirma perfekt gewesen, denn so war es ihnen nicht nur finanziell besser gegangen, sondern er hatte beim Einscannen der Akten Einblick in die Sanierungspläne der verhängnisvollen Brücke bekommen, hatte die Namen der Verantwortlichen erfahren und über die Personalakten gleich ihre Adressen herausgefunden und so die Pläne schmieden können, die für ihre Bestrafung notwendig waren.
      Dieser Bauleiter sollte bezeichnenderweise am Ort des Geschehens sterben und anscheinend bekam er das schreckliche Unglück auch nicht mehr aus dem Kopf, denn sonst hätte er das dem jungen Architekten nicht erzählt. Brummer hatte ihm, bevor er aus sicherer Entfernung auf den Zünder drückte, noch über den Lautsprecher mitteilen wollen, warum er starb, aber Friedrich Mittler hatte das schon selber gewusst und deshalb hatte Brummer einfach die Sprengung eingeleitet, als seine beiden Opfer sich am dafür vorgesehenen Ort befanden. Er selber hatte sogar vorschriftsmäßig einen Kopfhörer aufgesetzt, damit er keinen Hörschaden bekam, wenn die Ladung detonierte und nach getaner Arbeit packte er seelenruhig seine Zündvorrichtung ein, verschloss das Metalltor und machte sich auf den Weg zu seinem Wagen, der um die Ecke, nicht einsehbar von der Brücke aus, geparkt war. Der Geländewagen des Architekten stand so versteckt-von der Fahrbahn aus konnte er nicht gesehen werden und hier herauf kam normalerweise nur die Straßenmeisterei, wenn sie die Enteisungsanlage tankte und das war im Juli nun beileibe nicht notwendig! Allerdings lag kurz vor dem Metalltor außen ein Handy auf dem Boden, das war anscheinend einem der beiden Opfer aus der Tasche gefallen, als sie zum Höhleneingang liefen, das hob Brummer auf und nahm es erst einmal mit, das würde er irgendwo unterwegs ins Gebüsch werfen. Er musste sich auch nicht überzeugen, ob seine Opfer bereits tot waren, denn hier oben würde sie niemand finden und auf der Straße darüber floss der Verkehr ruhig weiter, die Fahrbahn war nicht beschädigt und das nächste Haus lag eine ganze Ecke entfernt! So stieg Brummer in seinen Wagen, schmiss die hauchdünnen Einmalhandschuhe in den Fußraum, die er sich angewöhnt hatte bei seinen Attentaten zu tragen-so viele waren noch von der Pflege seines Sohnes übrig, wie er voller Kummer konstatierte-und machte sich auf den Weg nach Hause zu seiner Frau, die völlig ahnungslos war, was er vor und nach der Arbeit bei Stumpf-Bau so trieb. Sie war viel zu weich, sie würde das nicht gut heißen, aber er wusste einfach, was zu tun war, um Peter zu rächen!

      Ben warf sich instinktiv auf den Boden und hob schützend die Hände über den Kopf, als die Welt um ihn herum unterging. Er spürte noch, wie etwas schmerzhaft auf ihn drauf fiel und dann verlor er für einen Augenblick das Bewusstsein. Als er wieder zu sich kam, rang er erst einmal nach Luft, begann fürchterlich zu husten, was ihm vor Schmerzen die Tränen in die Augen trieb und wartete dann darauf, dass der dichte Staub sich verzog und er wieder atmen und herausfinden konnte, wie seine Lage und die von Friedrich Mittler war. Er war am Leben, aber ein alles umfassender Schmerz hielt ihn gefangen und wenig später vernahm er, wie ein Schlüssel sich im Schloss drehte und kurz darauf ein Auto wegfuhr. Der Täter hatte das Weite gesucht, aber was war hier mit ihnen?
    • Ben horchte in sich hinein. Er versuchte, bis der Staub sich verzogen hatte, herauszufinden, was ihm passiert war. Er konnte nicht lange bewusstlos gewesen sein, denn sonst wäre die Luft nicht immer noch von einem dichten Steinstaub erfüllt, der ihm in den Augen brannte und die Luft zum Atmen nahm. Neben sich hörte er nun ebenfalls keuchendes Atmen und trotz aller Pein war er erleichtert, dass Mittler anscheinend auch noch lebte. Als sich das Fahrzeug entfernt hatte und die Luft sich langsam klärte, wandte Ben unter Schmerzen den Kopf und sah unmittelbar neben sich den Bauleiter bäuchlings auf der Erde liegen und auf ihm drauf eine Menge Geröll, so dass er die Umrisse seines Körpers kaum erahnen konnte. Als er selber sich zu bewegen versuchte, durchfuhr ihn bei jeder Minimalbewegung ein starker Schmerz, aber er spürte noch alle Körperteile. Sein Fuß brannte fürchterlich und der Rücken fühlte sich an, als wäre da gerade ein Panzer darüber gerollt. „Mittler, wie geht es ihnen-wachen sie auf!“ flüsterte er mehr, als dass er es laut sagen konnte, aber außer dem schweren Atmen kam keine Antwort.

      In Zeitlupe bewegte Ben erst einmal seine Finger-gut das ging- und versuchte dann seine Arme zu rühren. Au, au, au, fast hätte er wieder aufgegeben, aber sein eiserner Wille brachte ihn dann doch dazu, die ersten kleinen Schuttbrocken abzuschütteln. Dann blieb er vor Erschöpfung erst einmal wieder eine Weile liegen, um neue Kraft zu sammeln, um dann in Zeitlupe mit den Armen hinter sich zu fassen und Brocken für Brocken, soweit er ihn erreichen konnte, zur Seite zu räumen. Unter der Brücke herrschte keine völlige Finsternis, da durch so manche Ritze nun das Sonnenlicht des wunderbaren Julinachmittags hereinschien, aber es war auch nicht sonderlich hell und an Geräuschen von außen hörte man nur das gleichmäßige Tosen des Verkehrs, der unbeirrt weiter über die Brücke rollte, ohne von der Katastrophe, die sich gerade wenige Meter unter der Fahrbahn ereignet hatte, etwas mitzubekommen.
      Getragen wurde die Brücke ja von riesigen Betonpfeilern und neben einem dieser Pfeiler hatte man den Vorratsbehälter für die Enteisungsanlage in einem kleinen fensterlosen Gebäude untergebracht, das nun über ihnen zusammengebrochen war. Allerdings waren in der Berechnung des erbauenden Architekten die Wände dieses Gebäudes durchaus tragende Teile, die der Brücke weitere Stabilität verliehen, aber obwohl man von Fahrbahnseite aus im Moment noch nichts feststellen konnte, war die Brücke durch die Detonation mit Sicherheit einsturzgefährdet, gerade wenn der Schwerlastverkehr darüber rollte.

      Irgendwann spürte Ben, dass die Last, die auf seinem Rücken und seinen Beinen geruht hatte, leichter wurde und mit jedem Brocken, den er erwischte, konnte er eine weitere Minimalbewegung ausführen. Irgendwann war es so weit, dass er es wagen konnte, sich umzudrehen, obwohl es ihm vor Schmerz beinahe übel wurde. Seine schmerzende verspannte Rückenmuskulatur bereitete ihm fürchterliche Pein, aber er rollte sich nun zur Seite und die kleinen Steine, die noch auf ihm gelegen hatten, purzelten mit einem dumpfen Poltern von ihm herunter. Schwer atmend blieb Ben jetzt erst einmal liegen und nachdem der Steinstaub sich inzwischen völlig verzogen hatte, konnte er daran gehen zu schauen, wie schwer es ihn und Mittler erwischt hatte. Als er an sich heruntersah, wurde ihm beinahe schlecht. Jetzt wusste er, warum sein Fußknöchel so dermaßen brannte-das Gelenk war offen und und Knochen und Sehnen ragten oberhalb des Schuhrandes heraus, alles war blutgetränkt-es hatte ihm den Fuß halb abgerissen-allerdings konnte er ihn schmerzhaft spüren, also wurde er wohl noch versorgt. Ansonsten war er von einer dichten Staubschicht bedeckt, die teilweise blutgetränkt war und war anscheinend überall schwer geprellt. Als er sich selber abtastete, konnte er mehrere Blutergüsse feststellen, die zu monströser Größe angeschwollen waren und wie dicke Beulen seine Rückseite bedeckten, besonders in der Nierenpartie.

      Als er mehrmals tief durchgeatmet hatte, wandte er sich nun dem Mann zu, der neben ihm lag und der anscheinend gerade dabei war, zu sich zu kommen, wie er an der veränderten Atmung erkennen konnte. „“Mittler?“ flüsterte er und war erleichtert, als der wenig später mühsam und schwach antwortete: „Ja-oh Gott, was ist passiert?“ „Wir wurden in die Luft gesprengt!“ berichtete Ben, aber nun ächzte der Bauleiter: „Ich kann fast nicht atmen!“ und ohne auf die heftigen Schmerzen zu achten, die mit jeder Bewegung verbunden waren, begann Ben nun die Gesteinsbrocken von dem Mann herunter zu räumen, der bäuchlings direkt neben ihm lag und dessen Umrisse er im Dämmerlicht nur schwach erkennen konnte. Die Stirnlampe die der aufgehabt hatte, lag zerbrochen neben ihm und je mehr Brocken Ben wegräumte, desto eher konnte er erkennen-Mittler war eingeklemmt, jetzt war guter Rat teuer!
    • Ben tastete nach seinem Handy. Er war sich sicher, das in die Hosentasche gesteckt zu haben, aber da war nichts. Allerdings war ihm das mit diesen blöden Anzügen jetzt schon öfter herausgefallen, weil die Taschen irgendwie kleiner waren und lockerer saßen. Vielleicht hatte er Glück und hatte es innerhalb ihres Gefängnisses verloren, aber auch wenn es im Wagen lag, oder auf dem kurzen Weg von dort hier hinein, konnte Susanne das sicher orten, wenn es auffiel, dass sie vermisst waren. Die Zeit arbeitete also für sie, aber Mittler´s Atem wurde jetzt schneller und er war richtiggehend panisch. „Ich kriege keine Luft, alles ist so eng um meine Brust!“ ächzte er und nun besah sich Ben aus der Nähe-inzwischen hatten sich seine Augen nämlich an die relative Dunkelheit gewöhnt-wie genau der eingeklemmt war. Ein Teil der Decke mit dem Gestänge für die Enteisungsanlage war auf Mittler herunter gekommen. Wenn es ihm gelang an einer bestimmten Ecke das Geröll wegzuräumen, konnte er vielleicht den Druck vermindern, oder ihn sogar herausziehen. Also flüsterte er beruhigend, denn es half ja nichts, wenn Mittler in dieser Situation noch eine Panikattacke bekam, das machte alles nur schlimmer: „Mittler beruhigen sie sich, ich hol sie hier raus!“ und ungeachtet seiner eigenen Schmerzen robbte er nun zu der Ecke und begann mühsam Stein für Stein ab zu tragen.

      Brummer war mit einem Triumphgefühl zu seiner Frau nach Hause gefahren. Der nächste der Verantwortlichen war erledigt-jetzt fehlte nur noch Stumpf sen. , aber auch den würde er irgendwie kriegen, obwohl der so klug gewesen war, nicht ans Telefon zu gehen, als er angerufen hatte. Aber bisher war alles so problemlos verlaufen, auch sein letztes Opfer würde er noch erledigen und dann konnte er endlich nachts wieder ruhig schlafen. Irgendwann unterwegs fiel sein Blick auf das Handy, das er auf den Beifahrersitz gelegt hatte. Er hielt an, zog sich Einmalhandschuhe an, wischte es sorgfältig ab, damit man keine Fingerabdrücke finden konnte, falls man es fand und warf es dann mit Schwung, viele Kilometer vom Ort des Attentats entfernt, in ein Gebüsch neben der Straße. Danach kehrte er zu seiner Frau zurück, die schon das Abendbrot vorbereitet hatte. „Und wie wars in der Arbeit?“ fragte sie ahnungslos und er bedachte sie mit einem Lächeln: „Wunderbar-endlich habe ich wieder das Gefühl etwas Sinnvolles zu tun!“ gab er zur Antwort, als er sich an den Tisch setzte.

      Andreas Stumpf war mit heftigen Bauchschmerzen nach Hause gekommen, wo ihn seine Frau besorgt betrachtet hatte. Nachdem er sich ins Bett gelegt hatte, es aber anstatt besser schlimmer und schlimmer wurde und er auf dem Weg zur Toilette kollabierte, rief sie den Notarzt und wenig später war Andreas mit Blaulicht auf dem Weg ins nächste Krankenhaus, wo nach wenigen Untersuchungen die Diagnose fest stand-ein perforierter Appendix, auf gut Deutsch eine durchgebrochener Blinddarm, wie seiner besorgten Ehefrau mitgeteilt wurde. Kaum eine halbe Stunde später lag der junge Stumpf auf dem OP-Tisch und nachdem er bereits eine heftige Vierquadrantenperitonitis und den Bauch voller Eiter hatte, ließ man ihn nachbeatmet und übernahm ihn auf die Intensivstation, weil er die nächsten Tage noch mehrfach im OP gespült werden musste. Voller Sorgen saß seine Frau eine Weile an seinem Bett, bevor sie nach Hause fuhr. Hoffentlich überlebte ihr Mann-man hatte sie aufgeklärt, dass er in akuter Lebensgefahr schwebte und das war alles, an was sie im Augenblick denken konnte!
    • Ben räumte verbissen das Geröll weg und tatsächlich gelang es ihm allmählich zu Mittler vorzudringen, obwohl ihm jede Bewegung durch und durch ging. Zuletzt war es nur noch eine Säule aus dem verbogenen Gestänge der Enteisungsanlage mit daran anhaftenden Betonbrocken, die seinen Mitgefangenen einklemmte und ihm die Luft zum Atmen nahm. Ben besah sich die durch die Explosion neu entstandene Konstruktion. Immer wenn ein LKW über die Brücke fuhr, bewegte sie sich ein wenig nach unten und quetschte Mittler mehr ein, war der dann weitergefahren, hob sich das Ganze wieder ein paar Millimeter-das lag vermutlich an den Lagern, mit denen die Stahlbrücke auf den Betonpfeilern ruhte und der Brücke eine minimale Beweglichkeit verliehen. Ihm lief es kalt den Rücken hinunter. Man konnte überhaupt nicht sagen, wie instabil die Brücke wirklich war, das Ganze konnte jeden Moment herunterkommen-oder auch noch tagelang halten, solange oben kein Panzer oder etwas Ähnliches darüber fuhr.
      Er sah sich suchend um, ob er nicht irgendetwas entdecken konnte, was er als Hebel nehmen konnte, aber die ganzen Metallgestänge hingen noch irgendwo fest und nirgends war eine Latte oder ein Brett, das er zu diesem Zweck verwenden konnte. Er musste es so probieren, denn Mittler wurde jetzt immer panischer und hatte schon zu hyperventilieren begonnen, was ihm natürlich subjektiv noch mehr Atemnot bescherte. Vermutlich hatte sich der ein paar Rippen gebrochen, so wie der Schutt auf ihm gelegen war und ob er innere Verletzungen hatte, konnte man auch nicht wissen, aber auf jeden Fall musste er ihn jetzt da raus holen und dann konnten sie vielleicht gemeinsam einen Ausweg aus ihrem finsteren Gefängnis finden.

      Die ganze Aktion hatte sowieso schon Stunden gedauert und Ben hoffte die ganze Zeit, dass man bald sein Handy orten konnte und Semir oder wer auch immer nachsehen kam, warum er sich nicht meldete. Sarah würde sicher bis acht oder so abwarten, aber dann Semir fragen, wo er denn wohl sei und der würde dann alles Nötige in die Wege leiten und sie befreien. Mittler und er mussten dringend in ein Krankenhaus und er konnte sich gerade nichts Schöneres vorstellen als zugedröhnt mit Schmerzmitteln in einem weichen Bett zu liegen, Sarah neben sich sitzend, die seine Hand hielt und dann das Ganze zu vergessen. Er vermied es auch seinen Fuß nochmals anzusehen, sonst wurde ihm nämlich schlecht und eigentlich war er fast froh, dass der noch so weh tat, denn das sagte ihm, dass er wenigstens noch dran war. Es hatte zwar zunächst einmal ziemlich geblutet, aber inzwischen war der Blutfluss versiegt und Ben fiel gerade ein, dass Sarah ihm einmal erzählt hatte, als sie eine potentielle Selbstmörderin im Krankenhaus betreut hatte, die sich die Pulsadern geöffnet hatte, dass es fast nicht möglich war mit peripheren Gliedmaßenverletzungen zu verbluten, da durch den Wundschock und den Blutdruckabfall der Körper sich selber schützte und so die Blutungen von alleine zum Versiegen kamen. Es war zwar nur ein kleiner Trost, aber die Praxis an seinem Knöchel gab ihr recht-es wäre aber nicht nötig gewesen, das gleich am eigenen Leib auszuprobieren-er hätte das Sarah auch so geglaubt.

      Nachdem es nun langsam dunkler wurde konnte er davon ausgehen, dass es so zwischen zwanzig und einundzwanzig Uhr war. Die Suchaktion müsste eigentlich schon in vollem Gange sein und kurz überlegte er, ob er jetzt der Erschöpfung nachgeben sollte und sich einen Moment auf den kühlen Steinboden legen und ausruhen sollte. Dann atmete er aber tief durch, was ebenfalls furchtbar stach in seinem Brustkorb-falls es doch noch länger dauerte mit der Rettung musste er Mittler einfach aus seiner misslichen Lage befreien, sonst würde der das nicht überleben. Und jetzt konnte er wenigstens noch ein wenig sehen, womit es in einer halben Stunde vermutlich vorbei war.
      Also kroch Ben nun neben seinen Leidensgenossen und sagte eindringlich: „Ich versuche jetzt diese Säule ein wenig anzuheben und sie müssen probieren, darunter herauszukommen!“ und der eingeklemmte Mann, der manchmal kaum mehr bei Bewusstsein war, nickte. Ben versuchte erst kniend mit beiden Händen die neu entstandene Säule, deren Basis sozusagen der Bauleiter war, anzuheben, aber so schaffte er es nur um wenige Millimeter, was nicht ausreichte, seinen Mitgefangenen zu befreien. So legte er sich neben ihn, fuhr von unten mit dem Arm darunter und schob, seinen Unterarm als Hebel benutzend, seinen Ellenbogen Zentimeter um Zentimeter unter die Säule und übernahm damit sozusagen die Last, die bisher Mittlers Brustkorb getragen hatte. Der merkte, wie ganz allmählich der Druck ein wenig leichter wurde und er hörte Ben, dessen Muskeln am rechten Arm arbeiteten, dass ihm die Adern an der Schläfe heraustraten, so strengte er sich an, zwischen den zusammengepressten Kiefern Laute von sich geben, die bewiesen, dass er gerade seine letzten Kräfte mobilisierte und plötzlich war Mittler frei und jetzt lag an seiner statt Ben als Säulenbasis unter dem Geröll. Während Mittler sich erst einmal stöhnend zur Seite rollte und tief durchatmete, wollte Ben seinen Arm wieder Millimeter für Millimeter so herausziehen, wie er es geschafft hatte ihn an Ort und Stelle zu bringen, da fuhr plötzlich ein schweres Fahrzeug oben über die Brücke und während der erste taghelle Blitz eines plötzlich auftretenden Sommergewitters das Verließ erleuchtete, gefolgt von einem lauten Donnergrollen, rutschte die Säulenkonstruktion nach unten und nun war Ben gefangen und lag da wie Herkules, der die Welt auf seinem Arm trug. Ben schossen vor Schmerz die Tränen in die Augen, aber auch als Mittler irgendwie trotz seiner schweren Verletzungen versuchte ihm zu Hilfe zu eilen und den Arm herauszuziehen, es ging nicht, er war gefangen!
    • Sarah sah auf die Uhr. Wo blieb Ben denn? Zunächst einmal wollte sie nicht anrufen, nicht dass sie irgendwelche Ermittlungen störte, darum machte sie die Abendrunde mit Tim im Buggy und Lucky frei laufend im Park heute alleine, aber als sie um acht immer noch nichts gehört hatte, wählte sie kurz entschlossen seine Nummer. Immerhin hatte er heute Morgen ja auch ein Familienbild ins Büro mitgenommen, da durfte man als besorgte Ehefrau sicher auch anrufen, ohne dass seine Tarnung aufflog. Das Handy läutete und irgendwann ging die Mailbox ran. Sie sprach darauf, dass Ben sich doch bitte melden solle und dass sie sich Sorgen mache, aber als sie eine Stunde später-Tim lag schon friedlich schlafend im Bett-immer noch keinen Rückruf hatte, wählte sie erst nochmals seine Nummer-mit demselben Ergebnis und rief danach kurz entschlossen Semir an.
      „Wie-Ben ist noch nicht nach Hause gekommen?“ fragte der alarmiert und versprach Sarah dann, sich sofort darum zu kümmern. Auch er versuchte es zunächst Ben telefonisch zu erreichen, aber als der nicht ranging, rief er kurz entschlossen in der PASt an und bat darum, Ben´s Handy zu orten. Die Nachtbereitschaft rief ihn kurz danach zurück und gab ihm den Standort durch, woraufhin Semir sich ins Auto setzte und die Koordinaten in sein Navi eingab. Je mehr er sich dem angegebenen Ort näherte, desto mehr wunderte er sich. Es war ein Stück außerhalb Kölns einfach auf freiem Feld-kein Haus oder so etwas war in der Nähe und als er den Platz erreicht hatte, stellte er seinen Wagen in einer kleinen Parkbucht ab und sah suchend um sich. Als er das Handy anrief, hörte er erst nichts, aber als er dann begann in konzentrischen Kreisen herumzugehen, näherte er sich einem dichten Gebüsch und nun vernahm er den typischen Klingelton, den Ben für ihn reserviert hatte. Voll banger Sorge teilte er die Zweige-um Himmels Willen-hoffentlich lag Ben nicht bewusstlos darin, oder gar tot, aber das Einzige was er fand, war dessen Handy, wo der Akku gerade begann schlapp zu machen. Vorsichtig zog er Einmalhandschuhe an und tütete es ein, um es nachher in der KTU vorbei zu bringen. Da war etwas absolut nicht in Ordnung-normalerweise ging Ben ohne sein Handy nirgendwohin!

      Semir überlegte kurz und fuhr dann erst einmal zur Firma Stumpf. Dort war alles ruhig, das große Metalltor am Eingang war verschlossen und keine Menschenseele war auf dem Gelände zu entdecken-allerdings sah Semir nun in der Entfernung bei der gerade einbrechenden Dunkelheit Ben´s Porsche vor dem Gebäude stehen. Verdammt-er musste hier rein und nach dem Rechten sehen, hier war etwas oberfaul! Gerade zog ein heftiges Sommergewitter auf und Semir floh nun vor dem Blitz und Donner in seinen Wagen und versuchte Stumpf zu erreichen, aber auch dessen Handy läutete, ohne dass jemand ranging. Kurz entschlossen verständigte Semir die Chefin, auch wenn die schon lange Feierabend hatte-sie mussten jetzt alle Kräfte mobilisieren um Ben zu suchen, er wusste-nein er fühlte es-der steckte in der Klemme!

      Ben steckte derweil wirklich und wahrhaftig in der Klemme. So sehr er auch zog und zerrte-sein Arm rührte sich keinen Millimeter und schmerzte am Handgelenk und Ellenbogen ungemein, wo es ihn gegen den betonierten Boden und oben gegen die Stein-Metallsäule drückte. Er konnte sich entweder seitlich oder auf den Rücken drehen, aber ansonsten war er an Ort und Stelle gefesselt und die furchtbaren Schmerzen in seinem Fuß machten ihm außerdem zu schaffen. Draußen brach nun ein heftiges Sommergewitter los und immer wieder erhellten geisterhafte Blitze den Raum und der danach einsetzende Platzregen lief durch Ritzen am Boden und durchnässte die beiden Verletzten, die vor Schmerzen und Verzweiflung beide vor sich hin stöhnten. Irgendwann sagte Mittler: „Übrigens-ich heiße Friedrich!“ und der junge Polizist gab zurück: „Und ich Ben!“ Jetzt war es nicht mehr notwendig sich zu siezen, denn vielleicht würden sie bald hier Seite an Seite sterben. Immer wieder ächzte das marode Gebäude und Ben wagte gar nicht daran zu denken, was geschehen würde, wenn sich plötzlich die Fahrbahn absenkte. Dann würden sie zerquetscht werden wie die Fliegen und man würde irgendwann ihre Leichen finden und sich fragen, was geschehen war!
    • Während die Chefin Verstärkung zu dem Firmengebäude schickte, versuchte Semir erst selbst die Privatnummer von Stumpf jun. herauszufinden, aber nachdem da im Telefonverzeichnis nichts zu finden war, beauftragte er die Nachtdienstsekretärin in der Zentrale damit, die ihm wenig später eine Festnetznummer durchgab. Semir rief an und kurz darauf meldete sich eine ängstliche Frauenstimme mit Stumpf und Semir runzelte schon beim Klang der Stimme die Stirn. Sein Gegenüber hatte sichtlich Angst und war nervös-was war da im Hause Stumpf vorgefallen? Wurde die Frau, die ja vermutlich Andreas´ Ehefrau war, bedroht, war ihr Mann vielleicht entführt worden oder hatte jemand dessen Kindern etwas angetan und hing Ben´s Verschwinden damit zusammen? Sein kriminalistischer Spürsinn war geweckt, aber zunächst meldete er sich mit Gerkhan und fragte einfach, ob er Herrn Stumpf sprechen könne. Mit gepresster Stimme, den Tränen nahe, gab die Frau zurück, dass das leider nicht möglich sei und erkundigte sich im Gegenzug darüber, woher er eigentlich ihre Nummer habe. Sie hüteten ihre Festnetznummer wie einen Schatz und sie hatte die gerade im Krankenhaus angegeben und befürchtete das Schlimmste, als nun das Telefon läutete. „Ich bin von der Polizei und wir haben andere Möglichkeiten, um Telefonnummern herauszufinden!“ gab Semir zurück und war sich im selben Augenblick nicht sicher, ob das eine gute Idee gewesen war, seine Identität preis zu geben-man wusste ja nie wer mithörte. Nun atmete allerdings die Frau am anderen Ende auf und vergewisserte sich, ob er auch nichts mit dem Krankenhaus zu tun habe, was Semir verwundert verneinte.
      „Wissen sie, mein Mann hat einen Blinddarmdurchbruch erlitten und liegt schwer krank und beatmet im Krankenhaus auf der Intensivstation!“ vertraute sie ihm ihren Kummer an. Ihre Kinder hatte sie auf dem Weg zur Klinik bei den Großeltern abgegeben, wo sie von der Oma betreut wurden und dort auch übernachten würden, damit sie jederzeit weg konnte und die ganze Familie außer dem dementen Stumpf sen., der das gar nicht mehr verstandesmäßig erfassen konnte, war in höchster Aufregung wegen der schwerer Erkrankung des Juniorchefs. Semir dachte kurz nach, aber nun konnte er die Emotionen verstehen und kam endlich zum Grund seines Anrufs: „Einer unserer Mitarbeiter wird vermisst und dessen Wagen steht noch auf dem Firmengelände-wir müssen unbedingt dort hinein und uns umsehen!“ gab er den Grund seines Anrufs preis und wenig später wusste er die Nummer des privaten Wachdienstes, der das Firmengelände mehrmals die Nacht kontrollierte und einen Schlüssel für alle Gebäude hatte und hatte auch die Erlaubnis, sich ohne Durchsuchungsbefehl in den Räumlichkeiten umzusehen. Er rief dort an und fast zeitgleich mit zehn uniformierten Polizisten, der Chefin und Hartmut, der das zufällig mitbekommen hatte, dass Ben vermisst wurde, weil er noch in der KTU Tests gemacht hatte und die Ergebnisse in der PASt hatte abgeben wollen, kam eine Streife des Wachdienstes mit allen Schlüsseln und nun schwärmten die Polizisten aus, um sich umzusehen und Ben zu suchen.
      Überall gingen die Lichter an und während die ersten Polizisten das Hochlager und das Außengelände kontrollierten, gingen Kim Krüger, Hartmut und Semir zunächst zu Ben´s verlassenem Porsche, der aber versperrt und dessen Motor auch kalt war und machten sich dann daran, das Bürogebäude zu durchsuchen.

      Nichts deutete auf irgendwelche Unregelmäßigkeiten hin, manche Büro´s waren zwar abgeschlossen, aber Hartmut hatte zufälligerweise ein Endoskop in seinem Wagen, womit man um Ecken und durch Schlüssellöcher sehen konnte und so hatten sie nach kurzer Zeit herausgefunden, dass auch in denen keine Person versteckt war. Sie hatten auch bald Ben´s Büro gefunden, das nicht versperrt war. Sein Name stand an der Tür und auf dem Schreibtisch war ein Bild seiner kleinen Familie, was Semir einen Stich versetzte. Wo war sein Freund und wo sollten sie zu suchen beginnen, wenn sie ihn hier nirgendwo fanden? Als sie im Untergeschoß ins Archiv sahen, dessen Tür zwar offen war, wo aber alle Akten in abgeschlossenen Stahlschränken lagerten, runzelte Hartmut die Stirn. „Moment mal-das hier ist eine Abhöranlage, was hat das zu bedeuten?“ murmelte er und lief nochmals hinaus zu seinem Wagen, der so einiges an technischem Gerät zu bieten hatte. So hatten sie wenig später die Wanze in dem Konferenzraum im Obergeschoß gefunden und rätselten nun, was hier vor sich ging. Fieberhaft strengten sie ihre Köpfe an, aber keiner von ihnen hatte irgendeine Ahnung wo sie noch nach Ben suchen sollten.Auch die Durchsuchung des Außenbereichs hatte nichts gebracht und so mussten sie weit nach Mitternacht-das Gewitter hatte sich wieder beruhigt und ein leichter Landregen tröpfelte über die Landschaft-die Aktion abbrechen und unverrichteter Dinge nach Hause, bzw. die Dienststelle fahren. Semir hatte Sarah, die voller Angst zuhause auf dem Sofa saß und Lucky streichelte, der auch irgendwie unruhig wirkte, noch angerufen, dass sie Ben leider nicht gefunden hätten und für den Augenblick die Suche abbrechen mussten.
      Hartmut hatte einige Fingerabdrücke genommen und abgeglichen, allerdings ohne einen Treffer. Wer auch immer da im Archiv zugange gewesen war-er war bisher nicht in ihrer Fingerabdruckdatei. Auch die Auswertung von Ben´s Handy hatte nichts Konkretes gebracht und so schlüpfte ein niedergeschlagener Semir irgendwann neben Andrea ins Bett, weil er einfach keine Ahnung hatte, wo er noch nach Ben suchen sollte. Vielleicht fiel ihm nach ein paar Stunden Schlaf, wenn er sich ausgeruht hatte, etwas Konstruktives ein, oder Kommissar Zufall kam ihnen zu Hilfe!

      Ben und Friedrich waren inzwischen alle beide völlig verzweifelt in eine Art Dämmerschlaf gefallen. Sie hatten noch eine Weile versucht zu rufen, aber außer den Fahrzeugen die über sie hinweg brausten, war hier keine Menschenseele. Ben hatte Friedrich noch leise gefragt, ob er denn nicht vermisst wurde, oder jemandem vom Ziel ihres Einsatzes erzählt hatte, aber der schüttelte den Kopf. „Meine Frau hatte sich das Bein gebrochen und ist gerade auf Reha weg-sie wird sich zwar wundern, dass ich sie nicht wie sonst jeden Abend angerufen habe, aber sie wird halt denken, dass da irgendwas dazwischen gekommen ist. „Und Handy-hast du ein Handy?“ fragte Ben angespannt-vielleicht trug Friedrich ihre Rettung ja in der Tasche spazieren, aber der erklärte, dass er privat ablehnte, ständig erreichbar zu sein und sein Diensthandy im Büro am Ladegerät hing-er hatte ja nach ihrer kurzen Stippvisite auf der Brückenbaustelle direkt nach Hause fahren wollen.
      Ben konnte sich zwar immer noch nicht vorstellen, warum Semir, der mit Sicherheit schon heftig nach ihnen suchte, noch nicht aufgetaucht war, aber er konnte sich keinen Reim darauf machen-außer dass vielleicht der junge Stumpf etwas zu verbergen und sie in die Falle gelockt hatte-ansonsten hätte der doch sofort gewusst, wo er und Mittler sich aufhielten-immerhin hatte er sie doch her geschickt? Das Ganze war mehr als merkwürdig, aber eines war klar, ohne fremde Hilfe waren sie beide dem Tod geweiht, und während ihre Kleidung sich mehr und mehr mit Feuchtigkeit vollsaugte und sie zusätzlich zu den Schmerzen jetzt auch noch froren, dass ihre Zähne klappernd aufeinander schlugen, begann sich eine große Hoffnungslosigkeit Ihrer zu bemächtigen.
    • Semir hatte unruhig geschlafen. Ben geisterte durch seine Träume, die sich immer insofern ähnelten, dass er in jedem einzelnen in großer Gefahr schwebte. Einmal legte ein Verbrecher mit der Pistole auf ihn an und Semir musste zusehen, wie sich der Finger um die Waffe krümmte, bis er schweißgebadet hochschreckte und dann froh war, dass es nur ein Traum gewesen war. Das nächste Mal stürzte Ben vor seinen Augen in einen Abgrund, ohne dass er ihn halten konnte, aber als er dann in die Tiefe sah, war er verschwunden. Dann wieder lag Ben festgebunden auf einer Straße und versuchte sich verzweifelt zu befreien, während ein riesiger Panzer gerade dabei war, ihn zu zerquetschen und als Semir laut und verzweifelt: „Ben!“ schrie, fühlte er eine Berührung und als er die Augen aufriss, sah ihn eine besorgte Andrea an, die sich über ihn beugte und fragte, was denn los sei. Inzwischen war es fünf Uhr morgens geworden und wenigstens für ein paar Stündchen fiel er danach noch in einen einigermaßen erholsamen Schlaf, aber als er gegen neun aufstand, war er deswegen noch keinen Millimeter weiter.
      Erst rief er in der PASt an, aber auch da hatte man keine neuen Erkenntnisse. Als Nächstes probierte es Semir bei Frau Stumpf, aber auch die konnte ihm keine Neuigkeiten mitteilen-höchstens dass sie genau so übernächtigt war wie er, weil sie vor Sorge um ihren Mann, der gerade wieder im OP war, kaum ein Auge zugetan hatte. Semir lief in seinem Haus umher wie der Tiger im Käfig und dachte noch voller Schuldbewusstsein an Sarah. Verdammt, wie gerne hätte er ihr gute Neuigkeiten gebracht, aber so traute er sich fast nicht anzurufen.

      Sarah hatte ebenfalls eine schreckliche Nacht hinter sich. Sie hatte sich vor Sorge um Ben in den Schlaf geweint und war nur froh gewesen, dass wenigstens Tim durchgeschlafen hatte. Lucky hatte immer wieder leise gewinselt, auch er wusste haargenau, dass mit Herrchen irgendetwas nicht stimmte und hatte todtraurig auf der Matte vor dessen Bett gelegen. Als Sarah wie eine Marionette am Morgen aufstand und Tim versorgte, der putzmunter und ausgeschlafen war, sich selber um des neuen Babys willen etwas Tee und ein Knäckebrot hineinwürgte, obwohl sie eigentlich vor Kummer gar keinen Appetit hatte, legte der riesige graue Hund seinen schmalen Kopf auf ihren Schoß und sah sie aus seinen dunkelbraunen Augen fragend an. „Ach Lucky-ich weiss doch auch nicht, wo Herrchen ist!“ weinte Sarah wieder los und rief dann kurz entschlossen Frau Brauner an, die als Tante Hildegard ihre große Stütze war und Tim liebte, wie ihren eigenen Enkel. „Ach du liebe Güte-arme Sarah! Das ist ja schrecklich, dass Ben verschwunden ist, ich komme sofort und nehme entweder Tim und Lucky mit, oder ich bleibe bei euch-ganz wie du möchtest!“ bot sie an und dankbar willigte Sarah ein, jetzt nicht alleine zu sein. Wenig später begrüßte Lucky seinen Freund Frederik und als Hildegard erst einmal eine große Gassirunde mit den beiden Hunden und Tim in den Park machte, rief Sarah Semir an und fragte voller Bangen: „Semir-weisst du schon was?“ aber der musste leider verneinen.

      Semir war erst in der PASt gewesen, wo ebenfalls niemand Neuigkeiten hatte und war dann nochmals zum Stumpf´schen Firmengelände gefahren und hatte sich das vom Wachdienst mit Einverständnis von Frau Stumpf erneut aufsperren lassen. Vielleicht fiel ihm bei Tageslicht noch irgendetwas auf, was sie in der Nacht übersehen hatten. Den halben Nachmittag lief er durch die Räume, sah in jedes Regal im Hochlager und irgendwann fiel ihm noch ein, dass vielleicht Ben´s Hund etwas finden könne. So holte er Lucky bei Sarah ab und war sehr froh, dass Sarah nicht alleine war, sondern Frau Brauner bei ihr war, die auch eine Suppe gekocht hatte und darauf achtete, dass Sarah nicht völlig dekompensierte, sie ablenkte und ihr eine starke Schulter zum Ausweinen bot. Lucky fuhr sofort bereitwillig mit, er kannte Semir und der war immer mit Herrchen zusammen-vielleicht führte der ihn zu ihm, aber auf dem Firmengelände konnte Lucky zwar überall Spuren seines Menschen riechen, aber er fand ihn nirgendwo. Semir war trotzdem irgendwie erleichtert, denn wenn Lucky Ben nicht aufstöberte, dann war er hier auch nicht und er hatte schon befürchtet, der würde irgendwo eine Leiche auffinden, wo sie vergessen hatten zu suchen. Allerdings hatte Semir es eigentlich im Gefühl, dass Ben noch am Leben war, aber wo steckte er, verdammt noch mal?

      Ben und Friedrich hatten zitternd die Nacht verbracht und waren irgendwie froh, als die Morgendämmerung endlich hereinbrach und sie in ihrem dunklen Verließ wieder wenigstens ein bisschen etwas wahrnehmen konnten. Ben spürte seinen Arm inzwischen fast gar nicht mehr, irgendwie war dieser dauernde Schmerz, der ja sein ständiger Begleiter war, in den Hintergrund getreten, gegen die pochenden Stiche in seinem Fuß und die massiven Schmerzen in Rücken und Brustkorb. Durst und Schwäche hatten von ihm Besitz ergriffen und trotzdem musste er jetzt pinkeln. Er wandte den Kopf und sah zu Friedrich, der direkt neben ihm lag. „Hey!“ sagte er und zwei trübe Augen musterten ihn voller Schmerz. „Friedrich-kannst du dich ein wenig bewegen?“ fragte er heiser, aber der schüttelte den Kopf. So drehte Ben sich mühselig zur Seite-weg von seinem Mitgefangenen, öffnete mit der freien Hand seine Hose und erleichterte sich auf den Boden. Allerdings lief seine Notdurft Gott sei Dank in die andere Richtung weg-es wäre schrecklich gewesen in seinen eigenen Ausscheidungen zu liegen. Langsam wurde es wieder ein wenig wärmer in ihrem Verließ und sie hörten auf zu zittern-oder vielleicht ging es nun einfach zu Ende mit ihnen? Der Verkehr brauste über sie hinweg, aber kein Auto hielt an, kein Hund bellte, nichts, einfach gar nichts! Inzwischen hatte Ben die Hoffnung aufgegeben, dass man sie bald finden würde, denn ansonsten wäre Semir schon lange da gewesen. Vermutlich hatte er sein Handy doch bereits in der Firma verloren und nun wussten die Helfer nicht, wo sie suchen sollten-aber warum brachte Semir die Wahrheit aus Stumpf nicht heraus? Wie hing das alles zusammen?

      Ben dachte voller Sehnsucht an seine kleine Familie zu Hause. Er freute sich doch so auf das neue Baby, sie hatten ihr Traumanwesen gefunden, aber anstatt jetzt mit Sarah durch Möbelhäuser zu streifen, einen vergnügten Tim ins Bällebad rutschen zu lassen oder seine langen Runden mit Lucky durch den Park oder am Rhein entlang zu drehen, lag er nun da und wartete darauf, dass die Brücke über ihm zusammenstürzte und ihn begrub. Auch der Durst wurde immer stärker. Obwohl es geregnet hatte, war auch nur so viel Wasser hereingelaufen, um ihre Kleidung zu durchnässen, aber nirgendwo stand eine Pfütze aus der sie trinken konnten. Friedrich stöhnte jetzt nur noch gelegentlich, aber irgendwann-Ben schätzte, dass es schon später Nachmittag war- gab er keine Antwort mehr, wenn Ben ihn ansprach und dann lauschte der junge Polizist nur noch verzweifelt auf das schwere Atmen und hatte jede Sekunde Angst, dass das irgendwann aufhörte und er neben einer Leiche lag.
      So ging der Samstag zu Ende und in der Nacht zum Sonntag schlief Ben doch immer wieder kurz ein und lauter Gedankenfetzen und Erinnerungen schossen durch seinen Kopf. Damals am Deutschen Eck war er gemeinsam mit Semir verschüttet gewesen, aber der Junge hatte sie gefunden und sie befreit und so war es ihnen gelungen Andrea und die ganzen Honoratioren zu retten. Immer hatte es einen Ausweg gegeben, aber jetzt schien die Lage hoffnungslos!
    • Semir fuhr am Sonntagmorgen zur Privatadresse von Stumpf jun., ein modernes, wundervoll eingerichtetes Haus und versuchte gemeinsam mit dessen Frau irgendeinen Hinweis auf den Verbleib Ben´s zu finden. Alle Polizeistreifen hatten ihn auf der Fahndungsliste, er zeigte Frau Stumpf ein Foto von ihm, aber sie konnte ihm diesbezüglich nicht weiter helfen. „Wissen sie, ich habe mit der Firma meines Mannes überhaupt nichts zu tun-ich bin eigentlich Innenarchitektin, aber seit der Geburt unserer Kinder nur noch im Freundeskreis tätig. Ich hasse das, wenn sich Frauen in eine Firma mischen, von der sie keine Ahnung haben, was ja leider nur allzu oft vorkommt. Wenn unsere Kinder größer sind möchte ich wieder in meinem eigenen Beruf arbeiten, aber Andreas erzählt eigentlich auch nichts von der Arbeit, sondern wir haben hier unser kleines Nest, das ganz privat und auch räumlich vom Familiensitz der Stumpf´s getrennt ist!“ erzählte sie. „Haben sie mir irgendeinen Namen, eine Kontaktadresse oder was weiss ich von jemandem, der sich in der Firma gut auskennt und der vielleicht Internas wissen könnte, wohin mein Freund und Kollege verschwunden ist?“ fragte Semir eindringlich. „Wir haben auch eine merkwürdige Abhöranlage im Archiv gefunden und können uns keinen Reim darauf machen, irgendwie treten wir auf der Stelle!“ informierte Semir sie und sie überlegte daraufhin fieberhaft. „Wissen sie, mein Mann hat mir schon sehr betroffen von den beiden Todesfällen seiner Mitarbeiter erzählt und auch wenn man noch nicht genau weiss, ob das nicht Unfälle waren-ein ungutes Gefühl bleibt und deshalb hat er sich auch nach dem Anruf bei seinem Vater bei der Polizei gemeldet. Wir sind auch sehr froh, dass die jetzt auf den Opa aufpasst, denn obwohl er schwer dement ist-seine Enkelkinder lieben ihren Großvater und das ist so ziemlich das Einzige, was ihm noch eine Gefühlsregung, ein Lächeln oder ein paar Worte abverlangt-seine Nachkommen, während er sonst kaum mehr jemanden erkennt!“ erzählte sie traurig und plötzlich fiel ihr ein Name ein:
      „Isolde Rasp-das ist die Chefsekretärin meines Mannes, die schon länger in der Firma ist als er-wenn jemand etwas weiss, dann sie-aber ich kann ihnen leider keine Adresse oder Telefonnummer geben, weil ich keine Ahnung habe, wo sie wohnt, ob sie Familie hat oder was auch immer. Ich kann nur sagen, dass mein Mann sie von seinem Vater übernommen hat und er ihrem Urteil vertraut, weil sie eine loyale, fähige Mitarbeiterin ist!“ erzählte sie und aufgeregt zückte Semir sofort sein Handy und rief Susanne in der PASt an, die heute Sonntagsdienst hatte. Sie ließ sich den Namen buchstabieren und versprach, Semir sofort zurück zu rufen, wenn sie deren Adresse herausgefunden hatte.

      Frau Stumpf sah auf die Uhr: „Ich werde jetzt meine Kinder wieder für ein paar Stunden zu Oma und Opa bringen, während ich meinen Mann auf der Intensivstation besuche. Ich hoffe, dass sie ihren Kollegen bald finden!“ sagte sie voller Wärme und während Semir sich erhob, kamen schon zwei Kinder hereingestürmt-ein Junge und ein Mädchen, die etwa so alt wie Ayda und Lilly sein dürften und wissen wollten, ob der Papa jetzt bald gesund wäre. „Ach Mäuse-wir hoffen sehr, dass der Papa bald nicht mehr schläft und zu uns nach Hause kommt-aber jetzt geht ihr erst einmal zu Oma und Opa, bis ich ihn besucht habe!“ sagte Frau Stumpf und Semir beobachtete gerührt, während er sich verabschiedete und langsam nach draußen ging, wie die beiden Kinder ihrer Mama Zeichnungen für den Papa gaben-da waren doch alle Kinder gleich-wie oft hatten er und Ben schon Genesungsbilder gemalt gekriegt?
      Kaum war er draußen, läutete sein Telefon und Susanne war am Apparat: „Es war jetzt zwar ein wenig schwierig, weil Frau Rasp verheiratet ist und im offiziellen Telefonbuch nur unter dem Namen ihres Mannes zu finden ist, der anders heißt, aber über den Abgleich aller innerdeutschen Mobilfunkanbieter habe ich ihre Handynummer und auch die Meldeadresse herausgefunden!“ erklärte sie und nachdem sie beides durchgegeben hatte, sprang Semir in den BMW, um ohne Voranmeldung zu der angegebenen Adresse, die hier ganz in der Nähe lag zu fahren.

      Brummer hatte sich einen Tag lang intensiv mit seiner Frau beschäftigt. Sie waren erst gemeinsam zum Friedhof gelaufen, wo ihr Sohn sein Plätzchen in einer Urnenwand gefunden hatte und als sie ein paar Blumen dort abgelegt hatten, beobachteten sie noch überrascht, wie mehrere junge Männer, die sie teilweise vom Sehen her kannten, ebenfalls dorthin kamen. „Wir wollten unseren Freund besuchen!“ sagte einer aus der Truppe gerührt und begrüßte die Eltern-jetzt fiel ihnen auch ein, dass sie diese Gesichter alle auf der Beerdigung gesehen hatten. „Wir vermissen ihn sehr, aber es ist gut so, wie es ist. Er hatte immer Angst vor dem Tag an dem sie beide sterben würden, die ihn mustergültig versorgt haben und wollte immer zuerst gehen. Er war trotz seiner Behinderung ein fröhlicher, lebenslustiger Mann und hat sein Schicksal angenommen. Wie oft hat er gesagt, dass der Unfall ja auch schließlich auf seine persönliche Blödheit zurückzuführen war. Man flankt einfach nicht in der stockfinsteren Nacht über eine Leitplanke, auch wenn man eigentlich helfen will, ohne zu wissen, was dahinter ist. Wie wir ja wissen ist den Fahrzeuginsassen denen er zu Hilfe kommen wollte nichts passiert, also war seine Aktion völlig unnötig und das hat er immer betont-er war selber schuld oder vielmehr hatte das Schicksal wohl genau diesen Plan für ihn. Wir vermissen ihn und besuchen ihn hin und wieder-und jetzt gehen wir dann einen auf ihn trinken-das hätte ihm noch viel besser gefallen!“ erklärte der Sprecher der kleinen Gruppe und ließ ein nachdenkliches Elternpaar zurück. Einen Moment kamen Brummer Zweifel, ob sein Rachefeldzug wohl im Sinne seines Sohnes gewesen wäre, aber dann schob er den Gedanken zur Seite. Er würde seinen Plan zu Ende bringen, dann wäre ihr Sohn gerächt und konnte seinen Frieden finden-gleich morgen würde er ihn vollenden und Notfalls dann eben ohne Brücke-wichtig war dass Stumpf Senior starb!

      Als der Sonntag anbrach war Ben völlig verzweifelt. Die Atmung Mittler´s hatte sich verändert, lange würde es wohl nicht mehr dauern, dass er neben einer Leiche lag. Sein Knöchel pochte wie verrückt und obwohl er in der Nacht wieder fürchterlich gefroren hatte, merkte er, wie er Fieber bekam. Obwohl er ja eigentlich leben wollte, erschienen ihm die Schmerzen immer unerträglicher und wenn er daran dachte, dass er seinen rechten Arm und vielleicht auch seinen Fuß vielleicht nie mehr richtig würde gebrauchen können, dann wäre er vielleicht besser tot, denn einen Mann mit Behinderung würde er Sarah und den Kindern, wobei das Ungeborene bisher nur ein grauer Schatten auf dem Ultraschallbild war, das er in der Tasche trug, nicht zumuten wollen. Immer wieder ächzte die Brücke über ihm und langsam war er-gequält von Durst und Schmerzen-soweit, dass er zu hoffen begann, dass sie nun endlich zusammenstürzen und seinem Leiden ein Ende bereiten würde.
    • Semir war an dem kleinen Reihenmittelhaus angekommen in dem Isolde Rasp wohnte. Als er läutete kam erst ein etwa sechzigjähriger Mann heraus, der dann sofort seine Frau rief und Semir herein bat, als der den Grund seines Besuchs offerierte und dabei seinen Polizeiausweis hochhob. Man führte ihn durch einen gepflegten Wohnbereich auf die Terrasse, wo man ihm selbst gemachten Eistee anbot, den er dankend annahm. „Frau Rasp, sie arbeiten ja langjährig bei der Firma Stumpf!“ begann Semir und die Frau nickte aufmerksam. „Nun sind da ja zwei Morde geschehen-gut der eine Mitarbeiter war bereits in Rente, aber trotzdem hat Herr Stumpf uns gebeten deshalb zu ermitteln und so wurde mein Kollege, Ben Jäger als angeblicher Architekt eingeschleust!“ erklärte Semir in Kürze. Nun sah ihn Isolde überrascht an. „Darf ich das richtig verstehen? Ben Jäger ist gar kein Architekt, sondern Polizeibeamter und Erwin Schnitzer und Herbert Krüger sind nicht durch Unfälle gestorben?“ vergewisserte sie sich und Semir nickte. „Dann hat er seine Rolle aber hervorragend gespielt-ich habe ihm das abgekauft!“ berichtete Frau Rasp.
      „Nun ist mein Kollege seit Freitagabend verschwunden, wir haben das Firmengelände bereits durchsucht, sein Wagen steht auch dort, aber von ihm selber haben wir keine Spur gefunden. Können sie uns helfen und sich vorstellen, wohin er verschwunden sein könnte?“ wollte Semir nun wissen und Frau Rasp bemerkte zunächst: „Warum fragen sie nicht Andreas Stumpf-der hat eigentlich am Freitag die Arbeitsanweisungen ausgegeben?“
      Semir sah sie voller Kummer an: „Der wurde am Freitag notoperiert und liegt seitdem beatmet im Krankenhaus-Blinddarmdurchbruch!“ informierte er sie und nun schlug die Chefsekretärin beide Hände vor den Mund. „Das ist ja schrecklich!“ erschrak sie und versicherte dann, natürlich zu helfen. „Ich weiss nicht genau, wohin Andreas Jäger noch schicken wollte, aber es ist anzunehmen, dass es eine der Baustellen ist, die entweder gerade am Laufen sind, oder eines der zukünftigen Projekte!“ überlegte sie. "Am Morgen war eine Besprechung mit dem Bauamt, bei der einige Behördenvertreter usw. bei uns in der Firma waren, da war Herr Jäger dabei und ansonsten von unserer Firma der Bauleiter Friedrich Mittler und eben Herr Stumpf!“ fiel ihr ein. „Haben sie eine Telefonnummer oder auch Adresse dieses Bauleiters?“ wollte Semir nun wissen und Isolde nickte, ging kurz ins Haus und holte ihr Handy, das dort das Wochenende über in einer Schublade verbrachte-ein wenig Privatsphäre musste sein-etwas was die jüngeren Mitarbeiter, die das Handy auch mit ins Bett nahmen nicht verstehen konnten. Sie fuhr es hoch, entsperrte es und hatte nach kurzem Suchen die Nummer Mittlers gefunden und wählte sie, aber außer der Mailbox ging niemand ran. Semir schaute inzwischen nach der Festnetznummer, aber auch da klingelte es lange, ohne dass sich jemand meldete. „Um was für ein Projekt ging es bei dieser Besprechung am Freitagmorgen bei der mein Kollege dabei war?“ fragte nun Semir-immerhin hatte er jetzt einen Ansatzpunkt oder sogar mehrere und als er den Ort der nächsten Baustelle, einer Hangbrücke die allerdings ein wenig außerhalb Kölns lag, erfuhr, beschloss er nun einfach dorthin zu fahren-vielleicht konnte er etwas entdecken.

      Isolde Rasp versprach, sich inzwischen in die Firma zu begeben, dort zu schauen welche Firmenwagen fehlten und überhaupt zu versuchen herauszufinden wo Ben Jäger, den sie ja als sehr sympathisch kennen gelernt hatte, abgeblieben war. So machten sich Semir und Isolde fast gleichzeitig auf den Weg und Semir hörte in den Nachrichten, dass ein überbreiter Schwertransport gerade seinen Weg durch die Gegend nahm und es dabei zu Verkehrsbehinderungen kommen würde. Hoffentlich kam ihm der nicht in die Quere, da hatte er nämlich keine Geduld sich jetzt vielleicht stundenlang in einen Stau zu stellen, bis die da im Schneckentempo eine Kurve passiert hatten!

      Brummer hatte sich nach dem sonntäglichen Frühstück von seiner Frau verabschiedet. Die würde jetzt zum Gottesdienst gehen und er versprach ihr, zum Abendbrot wieder zurück zu sein. „Vielleicht gehen wir dann noch ein wenig in das Gartenlokal um die Ecke, aber jetzt muss ich erst etwas Wichtiges erledigen!“ erklärte er ihr und sie sah ihm voller Kummer nach, als er die Wohnung über die Rollstuhlrampe verließ, die sie jetzt ja nicht mehr brauchten. Ihr Mann war seit dem Tod ihres Sohnes so merkwürdig geworden, er war wie besessen und voller Wut. Sie hatte ihn überreden wollen mit in den Trauerkreis zu gehen, der ihr persönlich sehr gut tat um den Schmerz zu verarbeiten, aber er blockte da jedes Mal ab. In der Nacht sprach er im Schlaf und der Inhalt seiner Worte erschreckte sie-hoffentlich tat er nicht etwas, was er später bereuen würde, das hätte ihr Sohn, der seinen Unfall und die Folgen als das hatte annehmen können was es war-nämlich sein von Gott geplantes Schicksal-nicht gewollt. Aber anstatt sich jemandem anzuvertrauen ging sie in die Kirche und betete. Gott würde das schon richtig machen-ihr Glaube hatte ihr immer schon geholfen!

      Ben war inzwischen wie erstarrt. Obwohl es draußen wieder warm war, fror und schwitzte er abwechselnd. Sein Durst war furchtbar, seine Zunge klebte trocken und rissig am Gaumen und die Schmerzen waren einfach unbeschreiblich. Arm und Bein, sowie sein Rücken wummerten und tobten im Rhythmus seines viel zu schnellen Herzschlags. Mittler hatte sich seit dem Vortag nicht mehr geregt, aber immer noch entwich in regelmäßigen flachen Zügen der Atem aus seinem Mund. Ben lauschte immer intensiver auf das Geräusch und hatte Angst, dass das irgendwann aufhören würde. Immer wieder fiel er zwischendurch in einen Fiebertraum in dem er Szenen aus der Vergangenheit vor sich sah, die er mit Semir, mit Sarah und Tim erlebt hatte. Er wollte so gerne an diesem Ort verweilen, aber jedes Mal holte ihn der brutale Schmerz, der ihn in Wellen überkam, wieder in die Realität zurück. Der Verkehr brauste gleichmäßig über ihn hinweg, er hatte auch nochmals schwach versucht zu rufen, aber wie schon die vergangenen beiden Tage hatte ihn niemand gehört. Was Sarah wohl gerade machte? Ben wusste, dass Semir alles daran setzen würde ihn zu finden, aber anscheinend hatte Stumpf den auf eine völlig falsche Fährte gelockt, sonst hätte ihn der doch schon lange ausfindig gemacht! Aber er musste sich der Realität stellen-lange würde er nicht mehr überleben und mit jeder Minute schwand die Hoffnung auf Rettung. Das hätte er sich auch nicht vorgestellt, dass er eingeklemmt unter einer Brücke sterben würde, aber er konnte es jetzt nicht mehr ändern. Die Angst vor dem Tod suchte ihn heim und er weinte ohne Tränen, denn dazu war in ihm nicht mehr genügend Flüssigkeit und er betete darum, endlich bewusstlos zu werden und es hinter sich zu haben!

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