IX

    • in Erarbeitung
    • Campino

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    Liebe Besucherinnen und Besucher,
    im Rahmen der neuen EU-Datenschutz-Grundverordnung sind wir dazu verpflichtet unsere bestehenden Datenschutzbestimmungen entsprechend der neuen Regularien anzupassen. Da uns der Schutz Ihrer Daten, Ihre Privatsphäre und ein transparentes Auftreten wichtig ist, zeigen wir Ihnen in unserer neuen Datenschutzerklärung ganz detailliert und verständlich auf, welche Daten wir zu welchem Zweck erfassen, wie wir die Daten nutzen und wie Sie die Nutzung dieser Daten kontrollieren können. Ihre Daten sind bei uns sicher und werden von uns nicht an Dritte verkauft.

    Mit dieser Aktualisierung folgen wir den strengen Datenschutzbestimmungen, die in der EU-Datenschutz-Grundverordnung (EU-DSGVO) festgelegt sind. Die vollständige Datenschutzerklärung finden Sie hier und gilt ab dem 25. Mai 2018. Sollten Sie Fragen dazu haben, melden Sie sich gerne bei uns: datenschutz@cobra11-fanclub.de

    • New York - 5:00 Uhr


      Es war verdammt früh, aber das machte ihm nichts aus. Schlafen konnte man, wenn man tot ist, dachte er oft. Jetzt war es Zeit für's Geschäft. Lucas stand vor dem Spiegel im Bad seines kleinen, aber feinen und nicht günstigen Appartement und knöpfte sich die letzten Knöpfe des blendend weißen Hemdes zu. Wurde es am Hals langsam ein wenig eng? Hatte er in letzter Zeit die Nackenmuskulatur zu sehr trainiert? Ausgeschlossen, dass er dick wurde... dachte er grimmig. Überhaupt konnte man von aussen meinen, dass der Mann vor dem Spiegel ausschließlich negative Gedanken in seinem Kopf trug, wenn man ihn beobachtete. Keine traurigen Gedanken, sondern grimmige. Sein Blick oft klar und stechend, sein Mund verriet keine Emotionen. Die Falten im Gesicht waren in den letzten Jahren nicht tiefer geworden, die wenigen Haare, die er rund um die Halbglatze noch besaß, hatte er sich auf wenige Millimeter rasiert. Auch das machte ihn nicht unbedingt jünger als Mitte 40, die er war.
      Ein kurzer Blick auf seine Armbanduhr verriet ihm, dass er voll im Zeitplan lag. Wie immer, den zu Verabredungen kam er immer pünktlich. Vor allem, wenn sie wichtig waren. Und diese war verdammt wichtig. Er nahm die schwarze Krawatte vom Kleiderständer, band sie sich mit schnellen und geübten Griffen um den Hals und zog den Knoten fest. Das Band der Krawatte verschwand unterm Hemdkragen. Dann schaltete er das Licht im Bad aus und ging zurück ins Wohnzimmer mit der kleinen noblen Küchenzeile.


      Dort auf dem Tresen lag seine Waffe, die er mit kurzem Blick prüfte. Das Magazin prall gefüllt, ein Ersatzmagazin war bereits in der Tasche seines Jackets. Die Waffe verschwand im Holster hinter seinem Rücken, der danach vom Jacket verdeckt wurde. Sicherheitshalber. Aber er glaubte nicht daran, dass er sie heute Nacht brauchen würde. Seine Auftraggeber hatten ihm mehr als einmal eingeredet, wie wichtig dieser Job heute Morgen sei. Dass es vielleicht seine letzte Chance sei, doch Lucas war kein Mann, der sich unter Druck setzen ließ. Würde jemand eine Statistik über ihn erstellen, wäre seine Erfolgsquote wohl im hohen 90iger Prozentbereich, und viele seiner Aufträge löste er vor allem mit seinen Charaterzügen: Ruhe, Genauigkeit und Zuverlässigkeit.
      Seine letzte Handlung, bevor er die Wohnung über den Aufzug verließ, war der Griff zu seinem Autoschlüssel und dem Aktenkoffer. Die Kabinentüren öffneten sich erst, als er in der Tiefgarage des großen Mietshaus in der Innenstadt von New York ankam, wo er zielgerichtet seinen schwarzen Audi A5 ansteuerte. Er fuhr seit 10 Jahren kein anderes Auto mehr als einen Audi, denn er war überzeugt dass Deutschland die besten Autos baute. In dieser Hinsicht hatte Lucas so manche Angewohnheit, von der er sich von niemandem abbringen ließ.


      Röhrend verließ der Sportwagen die Tiefgarage und ordnete sich in den, noch sehr überschaubaren Verkehr der Millionenmetropole ein. Wieder ein Blick auf die Uhr... er lag im Zeitplan. Die Adresse war in einem etwas heruntergekommenen Viertel, wo er seinen "Termin" treffen sollte. Klassisch, in einem kleinen Burger-Imbiss, der um diese Zeit Durchreisenden, müden Trucker-Fahrern die auf Stadttour waren, oder hungrigen Nachtschwärmern, die aus der Disko stolperten, das Geld mit fettigen Burgern, süßen Waffeln oder zuckergussüberzogenen Donuts das Geld aus der Tasche zogen. Vor diesem Laden parkte Lucas seine Luxuskarosse und stieg, mit prüfenden Blick nach links und rechts auf den Bürgersteig, aus. Punkt 5:30 Uhr war es, als er den Laden betrat und seine braunen Augen scannten den Laden. Keiner der wenigen Kunden traf auf die Beschreibung seines Termins zu. Mit dem Aktenkoffer in der Hand
      Er hasste Unpünktlichkeit, und eigentlich sollte sich der Typ, den er treffen wollte, bewusst sein um die Wichtigkeit dieses Termins. Er presste die Lippen zusammen, nahm Platz in einer der Tischnischen und bestellte bei dem asiatisch aussehnden Mann mit Schreibblock einen schwarzen Kaffee. Der bedankte sich mit einer leichten Verbeugung und verschwand hinter dem Tresen. Es dauerte nur einige Augenblicke, in denen Lucas nachdachte, wann er zum ersten Mal in dieser Lokalität eine asiatische Bedienung, und dann noch einen Mann, hatte, bevor der Mann den Imbiss betrat, der verdächtig nach der Beschreibung aussah. Groß, dunkle Haare, ein wenig fülliger aber nicht dick. Er war lange nicht so ruhig wie Lucas nach aussen wirkte, denn er sah sich gehetzt um und kam mit schnellen Schritten zu der Nische.


      "Sind sie...?", begann er in schlechtem Amerikanisch und Lucas machte sofort eine abbrechende Geste. "Sscht. Nicht so laut. Muss ja nicht jeder mitbekommen. Setzen sie sich.", sagte er mit seiner dunklen, leicht knarzigen Stimme. Er wartete nicht ab, dass der nervöse Mann seiner Anweisung Folge leistete und zog ihm am Jackenärmel um ihn zum Hinsetzen zu bewegen. Es war draussen recht kühl, der Herbst schickte seine Vorboten nach einem, bis dahin, sehr warmen September. "Ist ihnen jemand gefolgt?", fragte Lucas, und es war so etwas wie eine Standardfrage bei solchen Treffen. Ein nervöses Kopfschütteln war die Antwort, und anhand des Eindrucks seines Gegenübers war sich Lucas der Antwort nicht besonders sicher. Aber was sollte er machen, das Geschäft musste jetzt über die Bühne gehen.
      "Na dann...", war die kurze Forderung, die von dem Mann im schwarzen Anzug mit einem fordernden Blick aus seinen braunen Augen unterstrichen wurde. Der nervöse Mann griff in die Innentasche seiner Jacke, so dass sein Gegenüber alle Muskeln anspannte... schließlich traute er diesem Typen keinen Meter und nur so weit, wie er musste. Doch es kam keine Waffe zum Vorschein, es war kleiner so dass es von der gesamtem Handfläche verdeckt wurde, was er jetzt auf den Tisch legte und mit verdeckter Hand zu Lucas schob. Der wiederrum legte seine, etwas größere Hand über die des nervösen Mannes, beide sahen sich dabei um... Lucas wesentlich unauffälliger als sein Gegenüber, und doch hatte er mit seinem geübten Auge alle Leute im Blick. Es war nun nicht soviel los, und auch die Arbeitskraft hinter der Bar war beschäftigt mit dem Braten frischer Burger. Der Gegenstand unter seiner Handfläche, die er jetzt zu sich zog, fühlte sich genau nach dem an, was er haben wollte... klein, metallen. Er ließ ihn in seine Innentasche wandern.


      "Sie wissen, was drauf ist?", fragte er in einem kurzen Satz und nahm einen Schluck seines Kaffees. "Ich kanns mir denken, und ich bin froh, das Ding los zu sein.", war die leicht zitternde Antwort. Lucas nickte und schob den Aktenkoffer mit dem Fuß unterm Tisch herüber. "Wir sind ihnen sehr dankbar. Aber zu ihrer eigenen Sicherheit wäre es gut, wenn sie für einige Wochen das Land verlassen würden." Es war keine Drohung, doch aus Lucas' Mund klang sie wie eine. Der Mann schwitzte, er war bleich um die Nase, und er nickte. Als er zunächst keine Anstalten machte, zu gehen, half ihm sein Gegenüber auf die Sprünge. "Worauf warten sie? Ich würde meinen Kaffee gerne in Ruhe trinken." Der Blick auf den kleinen grünen Augen war von leichter Angst durchzogen, als der Mann den Aktenkoffer griff und mit kleinen schnellen Schritten, und mehrmaligem nervösen Umschauen das Lokal verließ. Es schien ihm egal zu sein, ob in dem Koffer Zeitschriften, Esspapier oder tatsächlich viele kleine 500 $-Scheine waren... hauptsache weg. Lucas beobachtete aus dem Fenster, wie er in ein Mietauto stieg und zügig davon fuhr. Dabei sah er ihm etwas missbilligend hinterher, und hatte zugleich Verständnis für seine Nervosität, denn wenn seine Informationen stimmten, war er einfach nur ein Physiker und hatte mit solchen heiklen Geschäften nichts am Hut. Völlig ruhig trank er seinen Kaffee aus, zahlte und verließ das Lokal. Nichts fiel ihm auf, als er sich in den Fahrersitz seines Audis gleiten ließ, den Motor startete und losfuhr. Doch wenige Meter später, als er an der ersten Ampel hielt, legte sich wie von Geisterhand aus dem Nichts hinter ihm eine Drahlschlinge um seinen Hals.
      Ich bin es so leid, ohne dich zu sein
      Ich spür' wie das Leben aus mir rinnt,
      Nichts dringt mehr bis zu mir herein
      Träumen und Wachen jetzt eins nur sind

      Hilf mir mich zu finden nach all diesen Jahren
      Nimm mich ein kleines Stück Weges mit dir
      Heile die Wunden, die unheilbar waren
      Ich wär' fast gefallen, doch dann warst du hier

      Illuminate - Verloren

      <3
    • Friedhof Köln - 09:45 Uhr


      Die Sonne stand noch nicht hoch am Himmel an diesem recht kühlen Herbstmorgen. Die Blätter der Bäume, durch die die Strahlen auf den Friedhof Köln durchschienen, begannen langsam das Grün zu verlieren und ein gelbrotes Farbenkleid anzunehmen. Sie beobachteten stumm die junge Frau vor einem ziemlich schlicht gestalteten Grab. Sie ging in die Hocke, und wischte das moderne gläsernde Gehäuse ein wenig ab, das schmutzig wurde von den letzten Sommer-Unwettern die vor der Kältephase gewütet hatte. Darin war eine weiße Kerze, die die junge Frau und ihre zwei Kollegen vor einigen Monaten noch "Hoffnungskerze" getauft hatten. Damals war sie sinnbildlich dafür, dass die drei ihren jungen Partner Kevin Peters, im kolumbianischen Urwald verschollen, noch nicht abgeschrieben hatten. Sie klammerten sich an jeden Strohhalm, an jede Unsicherheit nachdem soviel für seinen Tod sprach. Sie wurden nicht enttäuscht, zumindest was seinen Verbleib anging.
      Doch die Kerze hatte sich gewandelt... von einer Hoffnungs- in eine Trauerkerze. Jenny hatte sie aufgehoben, hatte sie oft in Hamburg und später in Köln angesehen und an die gemeinsame Zeit mit Kevin gedacht. Die grausame Erfahrung in Patricks Keller immer präsent hatten sie sich angenährt... wieder mal. Sie hatte ihm zugehört, er hatte ihr vertraut... die Einzige, der er vertraut hatte. Er hatte eine Entscheidung gefällt, gegen seine Vergangenheit und für seine Freunde Semir und Ben. Und dann hatte Kevin Jenny das Leben gerettet, gleich zweimal.


      Doch beim zweiten Mal hatte der junge Polizist teuer bezahlt. Die Verletzungen, die er durch die Schüsse seines Gegenspielers aus frühester Jugendzeit erlitten hatte, waren zu schwer und Kevin hatte das Kämpfen aufgegeben. Es war ein großer Schock für die Dienststelle, die sich im ewigen Kampf um Kevin befand. Gerade Ben und Semir lag unglaublich viel an dem eigensinnigen und schweigsamen jungen Mann, der so viele Schicksalsschläge erlitten hatte und immer gleichzeitig auf der Jagd nach, aber auch auf der Flucht vor seiner eigenen Vergangenheit war. Sie misstrauten ihm, er misstraute den beiden erfahrenen Polizisten. Sie rauften sich zusammen, sie stritten sich und Stück für Stück tauchten sie in die dunkle Seele des Mannes ein. Doch bis aufs Letzte blieb er ihnen immer fremd. Nur Jenny lernte ihn wirklich kennen.
      Als sich seine Vergangenheit endlich aufgeklärt hatte, er endlich sowohl die drei Mörder seiner Schwester, als auch den Verräter innerhalb seiner damaligen Jugendgruppe ausgerechnet mit seinem Mentor Jerry entlarvt hatte und er in seinem Innersten endlich zur Ruhe hätte kommen können, passierte der Anschlag vor der Autobahndienststelle, die ihn nach einigen Tagen Koma das Leben kosteten. Jenny war bis zum Schluß an seiner Seite und hatte ihn am Ende doch verloren. Die Tage danach waren die schwersten im Leben der jungen Polizisten, die ansonsten ebenfalls bereits einige Schicksalsschläge erleiden musste.


      Diese Gedanken gingen ihr jetzt durch den Kopf, als sie vor dem Grab ihres Freundes stand. Es war wie eine Biographie, ein kurzer Zusammenschnitt, mit all den Fehlern und guten Momenten, die die beiden gemeinsam hatten. Mit allen Traumata, allen Glücksgefühlen, allen Grausamkeiten. Jenny hielt sich an das, was ihr die Trauer vorgespielt hatte, was ihr Gewissen und ihre Erfahrung mit Kevin in ihr auslösten... sie klammerte nicht. Sie wandelte die Trauer in Erinnerung, an gute Erinnerung. Sie wollte nicht den gleichen Fehler machen, den Kevin im Bezug auf seine Schwester machte, die er zu einem Dämon verwandelte, der ihm das Leben zur Hölle machte. Jenny versuchte, auch wenn es natürlich nicht immer funktionierte, die Trauer in Energie zu wandeln, für ihren Beruf, ihre Kollegen. Hin und wieder hatte sie das Gefühl, dass Kevin ihr dafür dankbar war, wenn sie von ihm träumte.
      Manchmal erzählte sie ihm auf dem Friedhof, wenn etwas aussergewöhnliches auf der Dienststelle passierte. Der neue Kollege zum Beispiel, der seinen Platz einnehmen sollte und sich dabei so arrogant verhalten hatte, dass der mental angeschlagene Ben ihm Prügel in Aussicht stellte, sollte er sein Verhalten nicht ändern. Die Folge war eine strenge Ermahnung der Chefin und ein baldiger Versetzungsantrag des Kollegen. "Kannst du dir das vorstellen, dass unser Sunnyboy so schnell gereizt reagiert?", fragte sie sorgenvoll und strich zärtlich über den steinernden Rahmen, in dem das Bild von ihm und seiner Schwester sicher eingeschlossen war. "Du hättest ihm besser das Gleiche gesagt, wie mir.", meinte Jenny gedankenverloren und stellte das Bild zurück.


      Es funktionierte, so oft sie sich daran erinnerte. Doch es gab auch dunkle Momente, und in den letzten Wochen hatte sie das Gefühl, dass jene dunklen Momente die guten Tage überwiegten. Aber es war anders als bei Kevin selbst. Sie spürte keinen Hass auf den mutmaßlichen Mörder Kevins, der in Jennys Wissen im Gefängnis saß, auch wenn der wahre Mörder eigentlich tot war (aber das wussten die drei Polizisten nicht). Sie hatte keine Rachegefühle, sie hatte auch kein wirkliches Schuldgefühl, was ihr das Leben zur Hölle machte, wie es ihr junger Freund damals hatte gegenüber seiner toten Schwester. Jenny hätte in dem Moment nichts tun können, der Mörder hatte es scheinbar nur auf Kevin abgesehen und selbst ohne seine Rettungstat auf Kevin gezielt. Nein, Schuldgefühle machten ihr nicht das Leben schwer. Es war viel mehr eine, für sie nicht erklärbare Angst, die sie zeitweise überkam, meistens nachts wenn sie alleine in ihrer Wohnung war.
      Sie bildete sich ein, Schritte zu hören und das Gefühl, beobachtet zu werden. Jenny war nie ängstlich oder schreckhaft, sie interessierte sich eine Zeitlang für paranormale Aktivitäten, allerdings im Rahmen der Wissenschaft, nicht im Rahmen des Okkultimusmus. Doch seit Kevins Tod hatte sie Probleme damit, alleine zu sein. Sie schlief schlecht ein, sie lag lange wach und lauschte. Zuerst schob sie es auf die Trauer, danach auf den Stress den sich die junge Frau auf der Arbeit selbst machte.


      Sanft strich sie über den hellen Marmorstein, der einen Hauptteil des Grabes ausmachte und nur wenig Platz für Erde und Blumen ließ. Kevin würde es vermutlich nicht schön finden, dachte sie etwas belustigend... und merkte in diesem Moment, dass sie eigentlich so wenig über seinen Geschmack wusste. Was hätte er denn überhaupt schön gefunden? Wieviel weiß ich überhaupt von dem Mann, den ich geliebt habe? Langsam erhob sie sich wieder und ging zwei Schritte vom Grab weg. Die Steine auf dem Weg zwischen den Gräbern knirschten unter ihren Schuhen, als sie langsam wieder den Weg nach draussen, vom Friedhofsgelände herunter, antrat. Den Grabstein zu verlassen fiel ihr immer noch genauso schwer, wie damals das Krankenhaus zu verlassen. Damals hatte sie panische Angst, Kevin würde ausgerechnet dann sterben, wenn sie nicht da war. Jetzt hatte sie das Gefühl, sie ließe ihn alleine auf dem Friedhof zurück.
      Wenn Jenny dann im Wagen saß, war es ganz still um sie. Sie wusste, dass sie ihn nicht zurückließ, denn er würde wiederkommen. Vielleicht heute Nacht, vielleicht erst in ein paar Nächten. Zu Beginn, direkt nach Kevins Tod, hatte Jenny das Gefühl seiner Anwesenheit genossen, doch immer öfter in den letzten Tagen wandelte sich dieses Geborgenheitsgefühl zu Angst. Dabei war die junge Polizistin sich so sicher, dass Kevin das nicht wollte... ihr Angst machen.
      Ich bin es so leid, ohne dich zu sein
      Ich spür' wie das Leben aus mir rinnt,
      Nichts dringt mehr bis zu mir herein
      Träumen und Wachen jetzt eins nur sind

      Hilf mir mich zu finden nach all diesen Jahren
      Nimm mich ein kleines Stück Weges mit dir
      Heile die Wunden, die unheilbar waren
      Ich wär' fast gefallen, doch dann warst du hier

      Illuminate - Verloren

      <3
    • New York - 5:45 Uhr


      Die Berührung der Drahtschlinge mit Lucas' Hals war wie ein Schock. Sofort spannten sich alle Sehnen in seinem muskulösen Körper, sofort stieg sein Puls als es ihm unmöglich wurde, weiter normal zu atmen. Sein Kopf begann fieberhaft zu arbeiten, gleichzeitig hätte er sich für seine Unvorsichtigkeit ohrfeigen können. Doch zum Ärgern würde ihm hoffentlich später Zeit bleiben, zunächst versuchte er mit aller Macht einen oder zwei Finger unter den Draht zu bekommen, um wenigstens minimal atmen zu können. Doch die Gestalt hinter Lucas, die für den Anschlag verantwortlich war, schien zu wissen, was sie tat, und hatte dazu noch massig Kraft. Ein kurzer Blick in den Seitenspiegel seines Fahrzeuges verriet weiteren Ungemach, als mehrere schwarz gekleidete Männer mit Waffen aus dem Lokal kamen. Verdammt...
      Lucas tat das, was er am besten konnte... er trat aufs Gas. Der Audi heulte los und legte einen gewaltigen Sprint von der Ampel aus hin, denn der Motor war PS-stark und der Glatzkopf ein geübter Fahrer. Es hatte allerdings erst die unangenehme Folge, dass sich die Drahtschlinge noch tiefer in seine Haut und noch fester gegen seinen Kehlkopf drückte, weil der Mann auf den hinteren Sitzen nach hinten gedrückt wurde. Doch diese Physik machte Lucas sich zunutze, in dem er nach einigen Sekunden mit voller Wucht auf die Bremse stieg. Jetzt lockerte sich die Umklammerung seiner Kehle und er spürte im Rücken, wie der Mann gegen den Fahrersitz prallte.


      Für einen Moment sog der Glatzkopf gierig Luft in die Lungen, blitzschnell nutzte er aber die Überraschung, ergriff den Draht und riss ihn nach vorne. Er hörte das Schreien hinter ihm, denn der Angreifer hatte den Draht so fest in beiden Händen, dass er tiefe Fleischwunden in die Finger riss, auch Lucas tropfte danach Blut von der rechten Hand. Darum kümmerte er sich in diesem Moment aber nicht, denn er musste die Situation schnell nutzen, um den Angreifer auszuschalten. Mit geübter Bewegung drehte er seinen Oberkörper nach rechts um sich mit Blicken nach hinten orientieren zu können und kontrolliert zu zu packen. Er spürte den Hemdskragen des Mannes, denn er zuerst mit beiden Händen zu fassen bekam und hatte Glück, dass der Angreifer hinter ihm wohl ziemlich schmal, gewandt und leicht war. Lucas' Kraft in seinen Armen dagegen war nicht zu verachten, und so riss es den kleinen, in diesem Moment völlig unvorbereiteten Mann vom Sitz.
      Erst die beiden Vordersitze waren ein Hindernis, an denen er hängenblieb. "Ist das alles, was ihr Wich.ser zu bieten habt?", knurrte Lucas bevor er zwei blitzschnelle Schläge mit der geballten Faust ins Gesicht des Mannes knallen ließ. Blut aus der geplatzten Lippe tropfte dabei auf den Lederbezug der Mittelkonsole, es konnte aber auch von Lucas' rechter Hand sein. Die ganze Aktion ging für den Mann viel zu schnell, bevor er sich wirklich versah wurde er von Lucas am Hinterkopf gepackt und seine Stirn machte Bekanntschaft mit eben jener Mittelkonsole. Bei der Wucht und Kraft, die der Fahrer dabei an den Tag legte, fühlte sich das Leder an wie Stein - dem Mann gingen die Lichter aus. Er wurde von Lucas nach hinten zurück in die Sitze gestoßen.


      Für eine Inspektion des bewusstlosen Mannes war jedoch keine Zeit, denn gerade wurde ihm bewusst dass von diesem Typ erstmal keine Gefahr mehr ausging, da sah er bereits zwei weitere Männer auf das Auto zu rennen. Die asiatischen Verfolger, die gerade eben noch hektisch aus dem Lokal liefen und sahen, wie der Audi mit einem ihrer Männer auf dem Rücksitz davonfuhr, hatten danach sofort ihre Fahrzeuge aufgesucht, obwohl der Audi bereits einige Meter später wieder zum Stehen kam. In der Hoffnung, ihr Freund hätte den Job bereits erledigt, eilten zwei von ihnen mit gezückten Waffen aus einem Fahrzeug, als Lucas geistesgegenwärtig den ersten Gang einlegte und aufs Pedal stieg. Mit quietschenden Reifen beschleunigte der Wagen und den Verfolgern wurde klar, dass die Sache gerade schief lief. Die Antwort waren einige Kugeln, die in den Kofferraum und die Heckscheibe der kompakten Limousine einschlugen.
      Lucas war jetzt in seinem Element und gekonnt ließ er den Wagen um zwei Kreuzungen tanzen, wobei er einige Meter zwischen sich und seine Verfolger legen konnte, die aus zwei weiteren Fahrzeugen und einem Motorrad bestanden. Das Motorrad, dessen Fahrer nicht abgestiegen war, war ihm am dichtesten auf den Fersen, denn die Maschine war schneller und gewandter als Lucas' Audi. Gerade als das Bike neben Lucas' Seitenfenster war und der Fahrer mit einer automatischen Maschinenpistole zielte, bremste der Glatzkopf und veriss dabei das Lenkrad nach rechts. Mit einem metallischen Krachen berührte er die Maschine, geschickt ließ sich der Fahrer auf die Motorhaube des Audis fallen und klammerte sich an der Kante zur Frontscheibe fest. In der anderen Hand hielt er immer noch die Maschinenpistole und musste sich für einen Moment orientieren. Sekundenbruchteile nur sahen sich die beiden Männer in die Augen... Sekundenbruchteile zu lange für den Motorradfahrer. Lucas zog aus der Mittelkonsole seine "Waffe für Notfälle" und erbrachte den Beweis, dass Motorradhelme nicht wirksam gegen Pistolenkugeln waren. Was übrig blieb war ein Loch sowie Risse in der Scheibe, Blutspritzer und ein schlaffer Körper, der in der nächsten Kurve auf die Straße fiel.


      Lucas atmete kurz durch, legte die Waffe zurück in die Mittelkonsole und sah in den Rückspiegel. "Oh Fuck...", murmelte er und das nachfolgende Geräusch machte deutlich, dass seine Vorahnung eintraf. Weitere Kugeln ließen seine Heckscheibe komplett zersplittern und der Mann duckte sich tiefer in den Fahrersitz und versuchte mit wilden Lenkbewegungen durch die Innenstadt, die bis auf die Gegenfahrbahn reichten, den Verfolger abzuschütteln. Dabei kam ihm ein, an der Straßenecke abgestellter Müllcontainer zur Hilfe, auf den er zuhielt und erst im letzten Moment auswich... zu spät für seinen Verfolger. Mit einem lauten Dröhnen prallte der schwarze Geländewagen gegen das metallene Monster, weißer Rauch stieg in Lucas' Rückspiegel auf. Vielleicht hatten sie Glück und würden unverletzt davonkommen, dachte Lucas noch, doch das war ihm auch reichlich egal. Der zweite Verfolger schien verschwunden, jedenfalls war die Straße hinter ihm, bis auf ein paar verschreckte gelbe Taxen, wie ausgestorben.
      Der Puls des Mannes, der einzig vom Adrenalin, nicht von Angst, bestimmt war, beruhigte sich. Eigentlich hatte er vermutet dass die asiatische Mafia versuchen würde, ebenfalls an den USB-Stick zu kommen... doch nicht sofort im Lokal. Irgendwo, ausserhalb der Stadt auf dem Weg zur Zentrale, da hatte er mit einem Angriff gerechnet. Er wischte sich unauffällig über die Stirn und setzte die Fahrt mit normaler Geschwindigkeit fort. Er hoffte, keiner Polizeistreife zu begegnen, denn ein zerschossenes Auto mit Blut auf der Frontscheibe und einem bewusstlosen asiatischen Mitbürger im Fond würde Fragen aufwerfen. Und eigentlich sollte Lucas jegliches Aufsehen vermeiden.


      Doch damit wurde es nichts... jetzt wurde ihm auch bewusst, warum er den anderen SUV nicht mehr sah. Der hatte eine Abkürzung genommen, weil der Fahrer den Weg zur Zentrale, wie Lucas vermutet hatte, kannte. Jetzt kam er Lucas entgegen und er sah genau die Mündungsfeuer aus den beiden Pistolen, gehalten von den Männern die sich rechts und links aus den hinteren Fenstern lehnten. Blitzschnell duckte er sich hinters Lenkrad, griff nach der eigenen Pistole und zielte mit links aus dem Fahrerfenster. In der Hektik bekam er nicht mit, wie zwei Kugeln den Mann auf den hinteren Sitzen, der bewusstlos zur Mitte zusammengesackt war, in Oberkörper und Gesicht trafen, was ein hässliches Blutbad auf den hinteren Sitzen hinterließ. Lucas konzentrierte sich nur halbwegs in Fahrerrichtung zu zielen und drückte den Abzug im Sekundentakt bis der SUV die Fahrspur ruckartig verließ und ungebremst in die New Yorker Häuserzeile raste. Zum Glück waren zu dieser Uhrzeit fast keine Menschen auf dem Gehweg unterwegs und der Laden, in den das Fahrzeug rauschte und dort zerschellte, hatte noch geschlossen. Mit zusammengebissenen Zähnen setzte sich Lucas wieder aufrecht hin und sah drei bewusstlose oder tote Männer im Fahrzeug hängen. Den Fahrer hatte er definitiv tödlich getroffen, doch lange überprüfen konnte er das nicht. Die Anwohner hatten mit Sicherheit den Krach, die Schüsse und Lärm gehört, und würden zeitnah die Polizei verständigen, wenn nicht sogar eine Streife bereits aufmerksam wurde. Lucas trat aufs Gas und fuhr den schnellsten Weg auswärts aus der Stadt. Auf einer einsamen Landstraße hielt er an und blickte mit genervten Blick nach hinten. "Was eine Sauerei...", murmelte er. Soviel zum Thema "Keine Aufmerksamkeit erregen.", dachte er grimmig und musste jetzt auch noch das Auto los werden...
      Ich bin es so leid, ohne dich zu sein
      Ich spür' wie das Leben aus mir rinnt,
      Nichts dringt mehr bis zu mir herein
      Träumen und Wachen jetzt eins nur sind

      Hilf mir mich zu finden nach all diesen Jahren
      Nimm mich ein kleines Stück Weges mit dir
      Heile die Wunden, die unheilbar waren
      Ich wär' fast gefallen, doch dann warst du hier

      Illuminate - Verloren

      <3
    • Dienststelle - 10:00 Uhr


      Das Köcheln und Keuchen der Kaffeemaschine war im Moment das einzige Geräusch, das das kleine Büro der Autobahnpolizei erfüllte, bis Andrea mit den Fingerknochen von aussen an die Glastür klopfte. Semir sah sich kurz um, blickte in das lächelnde Gesicht seiner Frau und seine Mundwinkel hoben sich ebenfalls automatisch. Wenn so vieles hier in den letzten Wochen in die Brüche gegangen war... Andrea war Semirs großer Ankerpunkt. Und er war unendlich froh darüber dass sich das in diesen schweren Zeiten nicht geändert hatte. "Die soll ich dir geben... sind drei weitere Vorschläge der Chefin.", sagte die zweifache Mutter und gab Semir drei Akten in die Hand. Dabei machte sie einen etwas ernsten Gesichtsausdruck. "Sie meinte, wenn ihr euch nicht bald entscheidet, wird sie entscheiden." Der erfahrene Polizist nickte resignierend und das Lächeln verschwand. "Ich kanns mir denken..."
      Klatschend landeten die Akten auf Semirs Schreibtisch, mit der Kaffeetasse in der Hand landete Semir selbst wieder auf seinem Stuhl. Er spürte die kleineren Hände seiner Frau auf seinen Schultern, die ein wenig die Muskeln massierte. Sie wusste, was ihren Mann in den letzten Wochen bewegte und alles hatte seinen Ursprung auf dem Parkplatz vor der Dienststelle, wohin ihr Mann jetzt gedankenverloren durch die große Fensterfront schaute. Der Regen hatte den Blutfleck vom Asphalt gewaschen, doch die dunklen Wolken blieben und schienen sich zu vermehren.


      Semir erinnerte sich an die Tage, nachdem Kevin gestorben war, und da lief alles noch so, wie immer. Panikmodus, Trauermodus. Er kannte das, hatte er doch schon drei Kollegen verloren, dreimal getrauert und es wurde irgendwann zu einer Routine, die half. Denn er wusste, es würde vergehen. Der Schmerz, wenn man daran dachte, die Trauer wenn man ins Büro kam und ein Platz am Tisch blieb leer. Eine Stimme fehlte und der Autoschlüssel hing wochenlang unangetastet an seinem Platz. Irgendwann würde, Stück für Stück die Normalität einkehren. Aber zuerst tat es weh. Es tat weh, Jenny weinen zu sehen und im Arm zu halten, als der Arzt mit brutaler Ehrlichkeit mitteilte, dass die Wiederbelebungsversuche erfolglos blieben und letztendlich eine Lungenembolie wegen den Verletzungen ursächlich waren. Es tat weh, sich nicht richtig verabschieden zu können, weil sich das Krankenhaus und die Gerichtsmedizin strikt an die Gesetze hielt und nur nächste Verwandten zu ihm zu lassen. Die Mordkommission hatte auch Semir und Ben wegen Befangenheit nicht mal zur Gerichtsmedizin gelassen, was Jenny selbst auch nicht mehr wollte. Kevin, aufgeschnippelt und zugenäht auf dieser eiskalten Bahre liegen sehen... sie behielt ihn lieber anders in Erinnerung. Semir und Ben taten es ihr gleich, und so waren die beiden Polizisten neben Bonrath und Hartmut sowie zweier Träger des Bestattungsunternehmen die Sargträger an einem ungewöhnlich kühlen, windigen Sommertag. Sie kannten Kevins Verhältnis zu seinem Beruf, zur Polizei und sie erreichten zumindest dass seine Beerdigung nicht zu einem Polizeiakt verkam. Es kam niemand in Uniform, es wurde keine Rede des Polizeipräsidenten gehalten... nur Kevins Kollegen, seine Freunde, sowie Annie, Ole und Jerry waren da. Ben, der seine Emotionen hinter einer Sonnenbrille versteckte obwohl die Sonne dies hinter den Wolken ebenfalls tat, beobachtete kurz wie Jenny und Annie sich für einige Sekunden weinend in den Armen lagen und gegenseitig Trost spendeten.


      Zu diesem Zeitpunkt dachte sein älterer Kollege und bester Freund noch, dass alles in "geregelten" Bahnen verlief, doch das tat es nicht. Und ausgerechnet fiel es nicht ihm auf, sondern Carina, Bens Freundin. Im Laufe der Monate, in denen sie und Ben zusammen waren, freundete sich die blonde Frau natürlich auch mit Andrea und Jenny an, sie wurde Mitglied der großen "Familie". Und Andrea war es dann auch, der sie sich anvertraute. "Er ist seit Kevins Tod so schlecht gelaunt.", erzählte sie Andrea bei einer Tasse Kaffee in der Kölner Innenstadt, Jenny wollte sie damit nicht zusätzlich belasten. "Also nicht traurig... sondern... gereizt. Bei allem. Er mosert an mir herum, er schnauzt mich an. Ich weiß nicht, das hat er vorher nie gemacht." Andrea konnte die Sorgen von Carina verstehen, bedachte aber auch ihr gegenüber dass es für Ben sehr schwer war, die Sache mit Kevin zu verarbeiten.
      Ben konnte eine kurze Zündschnur haben, manchmal reagierte er impulsiv, bevor er nachdachte. Aber das beschränkte sich weitestgehend auf seine Arbeit. In einer Beziehung dagegen war Ben ein absoluter Harmoniemensch, der versuchte jeder Konfrontation aus dem Weg zu gehen und selbst, wenn seine Partnerin aus Stimmungsgründen weniger harmonisch unterwegs war schaffte er es mit seinem Witz und Charme jedes Streitpotential im Keim zu ersticken. Von manchem Verdächtigen ließ er sich schneller provozieren als der erfahrene Semir, aber Ben streitsüchtig in einer Beziehung? Das war für Andrea neu, und so erzählte sie es am Abend auch Semir. Der schüttelte zuerst nur mit dem Kopf. "Wir haben gerade unseren Partner verloren. Das gibt sich schon wieder."


      Doch er musste einsehen, dass er diesmal nicht Recht hatte. Ben reagierte unwirsch in Verhören... anfangs für Semir verständlich und er reagierte darauf eher tröstend als tadelnd. Als sich allerdings auch sechs Wochen nach Kevins Beerdigung, von denen Ben zwei davon im Urlaub zum "Runterkommen" verbrachte, keine Besserung eintrat, merkte auch dessen bester Freund, dass etwas nicht stimmte. Vor allem Bens Reaktion auf den neuen Kollegen stieß Semir sauer auf. Ja, Dominik Spenger war ein gewöhnungsbedürftiger Mensch... er stand gern im Mittelpunkt, schaffte es bereits nach drei Tagen sich durch sein arroganzes Verhalten mit Bonrath anzulegen (was bei dem gutherzigen, baumlangen Polizisten wirklich eine Kunst war) und kostete Semir bei dessen Eingewöhnung während Bens Urlaub manchen Nerv, weil er meinte, gewisse Situationen besser einschätzen zu können, als Semir selbst der diesen Job nun schon seit 20 Jahren machte.
      Ben staunte nicht schlecht, als ihn ein neuer Kollege begrüßte, der es sich an Kevins Tisch bequem gemacht hatte. Im Nachhinein wusste Semir, dass es nicht Dominiks Arroganz war, die Ben dazu brachte bei dem erstbesten Zwischenfall auszuflippen und dem neuen Kollegen Prügel anzudrohen, wenn er sich nicht sofort nach einer anderen Dienststelle umsehen würde... es war schlicht Bens Psyche und seine Vorstellung, dass dieser Kollege Kevins Platz besetzte. Als würde man ihn einfach "ersetzen" und damit vergessen machen. Dominik wollte es darauf anlegen, doch die Chefin, die von dem Charakter des neuen Kollegens eh nicht überzeugt war, zog schnell die Notbremse.


      Trotzdem konnte es so nicht bleiben. Nachdem ihr vor Monaten Kevin als dritter und Jenny als vierter Kommissar bewilligt wurde, vergrößerte sich ihr Einsatzgebiet, da eine kleinere Dienststelle an der Autobahn aus Personalgründen aufgegeben wurde. Sie brauchte also einen vierten Mann und beauftragte vor allem Semir in Zusammenarbeit mit Ben die möglichen Kandidaten anhand der Bewerbungen für diese Stelle auszusuchen, nachdem sie sich bei Dominik auf eine Bewertung "von außen" verlassen hatte. Doch Ben torpedierte dieses Vorhaben, wo er nur konnte... so auch heute, als er nach einer kurzen Pause in der Innenstadt zurück ins Büro kam und sah, dass Semir gedankenverloren über dem Schnellhefter brütete. Ein kurzer Blick über die kräftige Schulter seines besten Freundes, die Struktur eines Lebenslaufes auf dem Blatt.
      "Ah, mein Herr Kollege sucht den neuen Superbullen.", meinte er schnippisch, statt einer Begrüßung. Was Semir vor einigen Wochen noch als lustigen Spruch empfand, wie er auch damals auch gemeint war, klang jetzt wie eine schnippische Provokation. "Und mein Kollege benimmt sich immer noch wie ein kleines Kind.", war sein, ebenfalls wenig einfühlsamer Konter. Er hatte geredet, ruhig, besonnen, mit Trost, mit Aufmunterung in den letzten zwei Wochen als er feststellte, dass die "Down-Phase" in Bens Stimmung zu lange anhielt und sich keine Anzeichen der Besserung einstellte. Semir hatte es dann aufgegeben und reagierte ebenfalls giftig. Ben warf ihm dafür einen vernichtenden Blick zu und schüttelte den Kopf, während er sich auf seinen Platz setzte. "Du kannst sagen was du willst und suchen so lange du willst. Du wirst Kevin nicht ersetzt bekommen."


      Semir seufzte, er verdrehte die Augen bei soviel Sturheit. "Mein Gott, Ben... wie oft soll ich es dir noch erklären? Niemand will Kevin ersetzen. Nicht den Menschen Kevin, sondern ausschließlich Kevins Arbeitskraft. Wir brauchen noch einen vierten Kommissaren, oder sollen wir jeden Sommer um den Urlaub knobeln?", sagte Semir mit strenger Stimme und legte den Ordner für einen Moment beiseite. Ben dagegen schaute aus dem Fenster, als würde er merken, dass er sich mal wieder absolut daneben benahm, doch zugeben würde er das nicht. Es war für ihn einfach ein Unding, die Stelle von Kevin einfach mit einem fremden Polizisten zu besetzen. Er hatte das Gefühl, Kevin würde ihm das persönlich übel nehmen. Aber Kevin war tot.
      "Was meinst du, wie es mir ging, immer dann wenn die Chefin mit einem neuen Kollegen ankam? Als Chris Tom ersetzt hat. Als Tom André ersetzt hat. Und du weißt sicher noch, wie angenehm für dich unser erster Fall war, oder?" Ben musste das am eigenen Leib erfahren, wie ablehnend Semir sich ihm gegenüber benommen hatte, kurz nach Chris' Tod. Sein bester Freund seufzte, bevor er mit ruhiger Stimme fortfuhr. "Ich weiß, dass dieses Gefühl neu für dich ist. Und wenn man in den ersten Wochen mies gelaunt ist, ist das normal und okay. Aber irgendwann muss man auch wieder weitermachen... normal weitermachen." Er spürte, dass er nur Schweigen von seinem Gegenüber erntete, statt wie sonst eine Einsicht. "Oder glaubst du, Kevin wäre es Recht dass du seinetwegen dein Lachen gegenüber deinen Kollegen und deiner Freundin verlierst?" Ein kleiner Zusatz mit großer Wirkung, den bei dem Wort "Freundin", stand Ben ruckartig auf und zeigte mit dem Zeigefinger und wütendem Blick auf seinen besten Freund, bevor er ihn anblaffte: "Was in meiner Beziehung läuft, geht dich gar nichts an!" Er sprach noch, als er bereits zum Gehen ansetzte und verschwand mit einem Türknallen aus dem Büro. Semir saß da, wie zur Salzsäule erstarrt. Dieses Verhalten kannte er überhaupt nicht von Ben, und es schien, als würde es jeden Tag schlimmer.
      Ich bin es so leid, ohne dich zu sein
      Ich spür' wie das Leben aus mir rinnt,
      Nichts dringt mehr bis zu mir herein
      Träumen und Wachen jetzt eins nur sind

      Hilf mir mich zu finden nach all diesen Jahren
      Nimm mich ein kleines Stück Weges mit dir
      Heile die Wunden, die unheilbar waren
      Ich wär' fast gefallen, doch dann warst du hier

      Illuminate - Verloren

      <3
    • Autobahn - 10:30 Uhr


      Er war gerade erst ins Büro gekommen, jetzt war er schon wieder unterwegs auf der Autobahn. Doch diesmal war seine Stimmung und seine Laune noch mieser als vorher. Und Ben wusste, dass er sich unmöglich benahm, aber er konnte nichts daür, redete er sich ein. Die Mittelmarkierung der Autobahn huschte an ihm vorbei, er hatte sich seine Sonnenbrille aufgesetzt, die Miene verkniffen und hielt das Lenkrad mit einer Hand an der Oberkante des Kranzes fest. Immer, wenn sich der junge Polizist selbst einredete, vernünftig zu sein, ruhig zu sein, passierte etwas und die unfairen Worte sprudelten aus ihm raus. Und er konnte es nicht stoppen, seit Kevins Tod überkam ihn zu oft das Gefühl, Ungerechtigkeiten zu bemerken. Und eine davon war, Kevins Stelle einfach mit einem fremdem Polizisten zu besetzen.
      Sicher, in den Ohren eines neutralen Menschen hörten sich Semirs Argumente sinnvoll an. Natürlich brauchen sie Ersatz für Kevin, natürlich nahm die Arbeit überhand solange auch Jenny nur begrenzt einsatzfähig war und sich auffallend oft krank schreiben ließ. Aber sie konnten den jungen Polizisten nicht einfach ersetzen. Nicht mit so einem arroganten Fatzke der vermutlich ebenso gegen Kevin als Polizist gewesen wäre, wie Torben und Sebastian. Ben steigerte sich in diesen Gedanken, so absurd er vielleicht auch war, dermaßen hinein, dass er die Beherrschung verlor als der neue Kollege es wagte zwei Bandfotos, die Kevin im Büro an die Wand hing, abzuhängen und bei Seite zu legen.


      Es kam Ben vor, als würde Semir alles tun um ihren ehemaligen Mitarbeiter und Freund zumindest auf der Dienststelle vergessen zu machen. Abzudrängen, bei Seite zu schieben. Der Vorwurf war ungerecht, doch der Mann mit der Wuschelfrisur hatte im Moment den Sinn und sein Gefühl für Gerechtigkeit gegenüber seinen Freunden und auch gegenüber Carina verloren. Er sah nur sich selbst. Oft war ihm das bewusst, meistens wenn er, so wie jetzt gerade, auf der Autobahn alleine unterwegs war. Oft wollte er sich selbst ins Gesicht schlagen und sagen: "Benimm dich nicht wie ein kleines Kind.", um dann im nächsten Moment wieder mit Erinnerungen zugeschüttet zu werden. Erinnerungen, die wehtaten und ihn traurig machten. Er griff in die Mittelkonsole und nahm seine Sonnenbrille um seine traurigen Augen zu verstecken.
      Semir hatte das ganze schon dreimal mitgemacht, und er hatte ganz Recht mit dem was er sagte: Die Beziehung zwischen ihm und Ben war zu Beginn sehr schwer. Der erfahrene Polizist hatte gerade seinen Partner Chris verloren, der Mörder stand kurz davor wegen gekaufter Zeugen freigesprochen zu werden und Semirs Familie war in Lebensgefahr. Das Nervenkostüm war sowieso zum Zerreißen gespannt, und dann kam da noch dieser Jungspung mit lockerer großer Klappe und redete davon, dass die Autobahnpolizei eh nur eine Durchgangsstation zur großen Karriere wäre. Ein toller Start. Als er das bei einem Bierchen und zwischen zwei Songs Kevin erzählt hatte, war dessen kurzer Kommentar: "Das war nicht so clever... irgendwie." Daraufhin mussten beide lachen.


      Lachen... es war etwas, was Ben nicht oft bei Kevin sah. Der junge Polizist, um den bei der Autobahnpolizei alle trauerten, hatte sein Lachen an seinem 18. Geburtstag verloren. Bei einem Überfall durch einen Bekannten von Kevin wurde Janine Peters vergewaltigt und getötet, Kevin wurde durch seinen damals besten Freund verraten, was er erst kurz vor seinem eigenen Tod erfuhr. Danach flüchtete er sich in Alkohol und Drogen, bevor er zur Polizei ging um die Mörder seiner Schwester zu finden. Von denen waren jetzt alle tot... einer beging Selbstmord vor Kevins Augen, der Zweite starb bei einem Unfall im Gefängnis und der dritte wurde von Kevin selbst kaltblütig erschossen. Jenny musste es mit ansehen, Ben wollte die Geschichte von Jenny glauben, dass es in Notwehr geschah. Mittlerweile wussten sie die Wahrheit, die sie damals schon ahnten.
      Ben schluckte und blickte stumm auf die Straße. Eine Hand hatte er am Schaltknüppel, die andere am Lenkradkranz. Das Radio war ausgeschaltet, was für ihn ungewöhnlich war und es war nur das Rauschen des Autos zu hören. Wo sollte er hinfahren? Sollte er besser wieder umkehren? Semir würde toben, es würde die ganze Sache nicht besser machen, waren in diesem Moment seine vernünftigen Gedanken. Er musste sich selbst auf die Reihe kriegen, wieder den Spaß am Job finden... oder, dachte er bitter, er müsse aufhören. So wie Jenny alles hinter sich lassen, nachdem Kevin in Kolumbien verschollen war.


      Plötzlich hatte er das Gefühl, Kevin würde neben ihm sitzen. Er hatte den Sitz ganz zurückgeschoben, seine Flieger-Sonnenbrille aus den 80ern auf der Nase und die Converse-Schuhe gegen das Handschuhfach gestemmt... das war für ihn eine bequeme Position nach harten Nächten und Ben hätte jedes Mal einen Anfall bekommen können, wenn er danach Spuren von Kevins Schuhe auf dem Handschuhfach fand. Sie unterhielten sich über das neue Album von einer bekannten Rockgruppe, über ein Konzert das sie besuchen wollten oder Kevin hatte irgendwelche Zettel auf dem Schoß liegen mit Texten, an denen er nicht weiterkam. Oft las er Texte von Ben Korrektur und beschwerte sich über dessen Denglisch, eine Mischung aus Deutsch und English, die mit englischer Grammatik nicht viel zu tun hatten, damit es sich reimt. "Nicht mal die Engländer halten sich an ordentliche Grammatik in Liedtexten.", maulte Ben, wenn Kevin den Rotstift zückte. "So einen Text würden dir die Amerikaner um die Ohren hauen... FALLS du jemals eine CD dort verkaufen solltest.", lachte Kevin, während sie auf Streife waren. Ja, er lachte... und Ben erinnerte sich daran, als würde er in diesem Moment neben ihm sitzen. Doch immer, wenn er während seiner einsamen Fahrt nach rechts auf den Beifahrersitz schaute, saß dort niemand. Kein Kevin, der seinen Handschuhfachdeckel verunzierte, keine Blätter mit Liedtexten... einzig Kevins Sonnenbrille in der Mittelkonsole erinnerte an seine Anwesenheit.


      Es war merkwürdig, dachte Ben, dass er sich oft an solche guten Szenen erinnerte. Es täuschte darüber hinweg, dass solche unbeschwerten Momente nur sehr selten waren. Als er mit Jenny zusammen war und Semir gerade eine schwere Zeit durchmachte, fand Ben seinen Halt an Kevins guter Laune... ansonsten wäre es Ben über die Dauer schwer gefallen, Semir beizustehen. Umgekehrt war Semir für Ben ein Anker, als es Probleme mit Kevin gab. Er stand unter Mordverdacht, er war in Kolumbien verschollen, er nahm immer noch hin und wieder Drogen, und am schlimmsten war, als er sein Gedächtnis verlor und dachte, Ben hätte seine Schwester ermordet. Nein, er wollte nicht daran denken, er wischte die Gedanken mit einer imaginären Handbewegung beiseite und hoffte, dass auch Jenny nur die guten Zeiten von Kevin im Kopf behielt. Er blickte wieder zum Beifahrersitz und konnte Kevin da sitzen sehen... die Schuhe auf der Ablage, die Arme verschränkt und er döste hinter seiner großen Sonnenbrille, weil der Abend gestern wohl mal wieder später wurde. Ben lächelte, bevor er an einer Ausfahrt kehrtmachte und zur Dienststelle zurückfuhr...
      Ich bin es so leid, ohne dich zu sein
      Ich spür' wie das Leben aus mir rinnt,
      Nichts dringt mehr bis zu mir herein
      Träumen und Wachen jetzt eins nur sind

      Hilf mir mich zu finden nach all diesen Jahren
      Nimm mich ein kleines Stück Weges mit dir
      Heile die Wunden, die unheilbar waren
      Ich wär' fast gefallen, doch dann warst du hier

      Illuminate - Verloren

      <3
    • New York - zwei Tage später - 14:00 Uhr


      Grau, grau, grau. Die ganze Stadt schien in Wolken zu versinken, dachte Lucas, als er einen Blick aus seinem Appartment warf. Heute morgen war der Himmel noch klar, als langsam die Sonne aufging auf dem Weg zu seinen Auftraggebern. Er lieferte seine, hart umkämpfte, Beute ab. Schulterklopfen, stummes Nicken. Lucas brauchte keine Komplimente, denn er wusste um seine gute Arbeit. Und nur wenn die Arbeit auch Bares abwarf, war es gute Arbeit. Doch hinter diesem Job stand mehr... hinter diesem Job stand seine Zukunft. Und es würde gut aussehn, sagte man ihm. Man müsse natürlich das Material checken und sehen, dass man alles bekommen hatte, was man brauchte. "Wir melden uns.", war ein klischeebehafteter Spruch, egal ob man sich auf eine Stelle als Bankangestellter bewarb, oder man gerade den Deal seines Lebens abgeschlossen hatte.
      "Gab es Komplikationen?", wurde er gefragt und Lucas verzog keine Miene - wie so oft. Er ließ sich nicht hinter die Fassade blicken und meinte nur, ohne Emotionen in der Stimme: "Keine, die die Sache gefährdet hätten." Damit machte er schon deutlich, dass nicht alles glatt lief, er aber jegliche Schwierigkeiten überwunden hatte. Der Mann, der ihm gegen überstand, zog die Stirn in Falten. "Wer?" "Sahen asiatisch aus... vielleicht eine Splittergruppe der Yakuza, vielleicht aber eine Organisation. Ich habe nicht nachgefragt."


      Der flapsige Spruch kam todernst rüber... sowar Lucas Naturell. Seine Auftraggeber waren zufrieden, ein Fahrer fuhr ihn in die nächstgelegene kleinere Stadt vor New York, von wo aus er mit einem Taxi in sein Appartment fuhr. In der Nähe frühstückte er, dann lebte er wie einer von Millionen unbescholtenen Bürger der Millionenmetropole. Das Wetter zog sich zu und um die Mittagszeit begann es, Bindfäden zu regnen. Der Herbst war da. Lucas war nicht nervös, als er in seinem Appartment auf einen Anruf der Organisation wartete... er war maximal unruhig. Schließlich hing seine weitere Zukunft davon ab, was jetzt passierte. Weitere dieser Laufburschen-Jobs im Halbdunkeln würde er nicht mehr machen. Dann würde er eher die Stadt verlassen und das Ganze hinter sich lassen... wenn es nur so einfach wäre.
      Richtiger war, dass diese Organisation jemanden nicht einfach so aus seinem Arbeitsverhältnis entließ. Was das anging, war es ein gefährliches Unterfangen. Man würde ihn finden, man würde ihn einkassieren. Und was dann passieren würde, das wollte sich selbst ein hartgesottener Lucas nicht ausmalen. Und dass er überhaupt in diese Situation geraten war, war seine eigene Schuld... an einem Tag in seinem Leben, als er eine falsche Entscheidung getroffen hatte. Dabei war sich der Mann so sicher, alles richtig zu machen, wie tausende Male davor. Er erlebte es in seinen Träumen, immer und immer wieder... immer wieder ging es gut auf. Wachte er auf, wusste er... es ging nicht gut aus. Verdammt...


      Heute früh hatte er noch seine Kontakte bemüht... Leuten, denen er vertrauen kann. Das Auto plus Inhalt sicher entsorgt, auch wenn es ihm um seinen Audi weh tat. Die Organisation würde hoffentlich für die gute Arbeit etwas mehr springen lassen, dass er sich dementsprechend Ersatz besorgen könnte, auch wenn seine Fahrzeuge aufgrund seines Jobs eine eher geringe Halbwertszeit hatten. Immer wieder blickte er auf sein Handy, um ja keinen Anruf zu verpassen. Vielleicht sollte er doch noch eine Stunde in den Keller des Appartments gehen, wo er sich in seinem Raum ein kleines Fitnessstudio eingerichtet hatte, aber dort hatte er wenig Handyempfang und könnte den Anruf verpassen. Ein Anruf, der sein Leben endlich wieder in geregelte... oder geregeltere Bahnen lenken könnte.
      Endlich - "Unbekannt" stand auf dem Display, als der Klingelton seines Smartphones durch das Wohnzimmer schallte. Er ließ es, gewohnheitsmäßig, dreimal läuten, bevor er abhob. "Ja?" "Hallo Lucas... es gibt ein Problem." Der Hammerschlag kam ohne Umschweife... ohne Vorankündigung, ohne vorsichtiges Abtasten oder Hinarbeiten. Lucas war selbst ein Mann weniger Worte, und das erwartete er auch von seinem Gegenüber. "Was ist los?" "Du hast es versaut, mein Junge."


      Lucas' Augen verengten sich und der Regen kam ihm dichter vor als vorhin. "Was soll das heißen?" "Auf dem Stick ist nichts, was uns weiterhilft." Der Mann mit dem Handy am Ohr ging von der Fensterscheibe zum Sofa, vom Sofa zur Küchenanrichte und wieder zurück zum Fenster. Er wirkte in diesem Moment nervös. "Wieso ist das meine Schuld? Ihr habt mir gesagt, dass der Typ die Informationen hat. Hätte ich im Cafe nen Laptop aufstellen sollen, den Stick entschlüsseln während mir vielleicht irgendjemand dabei über die Schulter guckt?", rechtfertigte er sich. Doch er wusste, dass Argumentieren bei seinen Auftraggebern nichts bringen würde... schuld waren grundsätzlich die, die die Jobs ausführten. "Du solltest die Informationen heranschaffen. Wie, ist uns egal. Wir haben nur den Kontakt zu diesem Physiker hergestellt."
      Der Mann mit den Millimeterlangen Haaren rund um seine Glatze presste die Lippen zusammen und strich sich über seinen kratzigen Drei-Tage-Bart. Diskussionen waren zwecklos und bewirkten nur das Gegenteil. War jetzt alles verloren, die Chance auf sein altes, neues Leben verspielt? Seine Hand fuhr vom Bart über seinen ebenfalls kratzigen Hinterkopf und weiter bewegte er sich durch den Raum. "Und jetzt? Was kann ich jetzt tun?", fragte er, denn ihm war klar dass nur er alleine das ausbügeln konnte. Die Organisation würde den Stick nicht einfach so verloren geben, zu wichtig war die ganze Sache.


      "Wir haben die Fluglisten der umliegenden Flughäfen gecheckt. Allzu viel kriminelle Energie scheint der Kerl nicht zu haben, denn er hat keinen falschen Namen benutzt. Er hat vor zwei Tagen, am Mittag der Übergabe, einen Flug mit Endstation Köln genommen." Lucas setzte sich auf die Lehne des Sofas und bliess durch die aufgestellten Lippen, dabei machte er eine passende Handbewegung zu seinen Worten. "Köln ist nicht unbedingt klein." Wo sollte er anfangen? Die Hotels checken, die Innenstadt beobachten... das konnte Monate dauern. "Ganz cool bleiben.", mahnte ihn die Stimme am anderen Ende, die soviele Widersprüche nicht gewohnt war. Doch sie wusste, wer und welcher Typ Lucas war, jemand der keine Angst vor niemandem hatte. Jemand, der wenig Respekt vor Menschen hatte, die ihm keinen Respekt entgegenbrachten. Von Seiten der Organisation war das zwar nicht der Fall, man hatte durchaus Respekt vor Lucas, seiner Vergangenheit und seinem Können... aber das zeigten sie nicht. Man zeigte harte Hand, klare Kante. Nur so konnte man in gewissen Situationen Druck ausüben. "Christian Jäger hat Verwandtschaft in Köln. Sein Onkel Konrad Jäger ist dort ein hohes Wirtschaftstier... wenn er dort untergekrochen ist, wirds nicht einfach, ohne mediales Aufsehen an ihn heran zu kommen. Aber wir verlassen uns auf dein Geschick.", sagte die Stimme am Telefon, die Lucas kurz höhnisch auflachen ließ. "Eine weitere Möglichkeit ist sein Cousin, Ben Jäger. Laut unseren Informationen ein Polizist. Das sind zumindest zwei Anhaltspunkte, die Sinn ergeben, nachdem er den Flieger nach Köln genommen hat." Unsichtbar für den Mann am Telefon nickte Lucas nachdenklich und legte sich bereits einen Plan zurecht. "Also, flieg so schnell wie möglich nach Köln, und schaff uns den Stick ran... bevor er in falsche Hände gerät. Das ist deine letzte Chance.", sagte sie eindringlich und der Mann, der gerade auf die triste Stadt blickte, würde diese letzte Chance endgültig nutzen.
      Ich bin es so leid, ohne dich zu sein
      Ich spür' wie das Leben aus mir rinnt,
      Nichts dringt mehr bis zu mir herein
      Träumen und Wachen jetzt eins nur sind

      Hilf mir mich zu finden nach all diesen Jahren
      Nimm mich ein kleines Stück Weges mit dir
      Heile die Wunden, die unheilbar waren
      Ich wär' fast gefallen, doch dann warst du hier

      Illuminate - Verloren

      <3
    • Köln - 20:00 Uhr


      Das Abendessen zwischen Carina und Ben verlief, wie so oft in den letzten Tagen, schweigsam. Überwiegend. Sie redeten, wenn überhaupt, in Halbsätzen miteinander. Standardgespräche, über die man irgendwie zu einer Konversation finden wollte, die aber nicht gelang. "Wie war dein Tag?" "Anstrengend... ging so." "Wir wollten am Wochenende doch mal wieder etwas unternehmen?" Carinas Bitte klang beinahe flehentlich und Ben nickte kauend, ohne seine Freundin anzusehen. "Ja, mal sehen." Es war ausweichend und die junge Frau spürte, dass er mit seinem Kopf woanders war. Es war so schwierig seit Kevins Tod, zu Ben vorzudringen. Er sprach wesentlich weniger, er war weniger gut gelaunt. Klar hatte er auch gute Tage an denen Carina das Gefühl hatte, dass es "klick" gemacht hat. Er war wieder wie früher. Doch es brauchte nur einen Gedanken, und Ben verwandelte sich.
      Er änderte sich in einen Mann, der sprach als wolle er mit aller Macht einen Konflikt provozieren. Er sprach gereizt, einsilbig, patzig. Ben gab nichtssagende Antworten auf konkrete Fragen, obwohl es gar keinen Anlaß gab. Als Carina ihm vor einigen Tagen, wie so oft am frühen Nachmittag eine Nachricht schrieb, was er abends essen wolle, kam ein kurzes: "Mir egal, du kochst ja eh was du willst.", zurück. Völlig ohne Anlass, die Nachricht erwischte die Blondine eiskalt. Vorausgegangen war eine Diskussion mit Semir, die Ben die Stimmung versaute. Doch früher ließ er das nicht an anderen aus.


      Ben räumte den Tisch ab, als sie fertig waren, während Carina niedergeschlagen am Tisch sitzen blieb. So hatte sie sich die Beziehung nicht vorgestellt, vor allem nicht nach den ersten schönen Monaten. Auch, wenn in Bens Leben viel passierte, viel unschönes passierte wie zum Beispiel Kevins Gedächtnisverlust, manche nervenaufreibende und gefährliche Fälle... sie hatten viele schöne Stunden. Der Polizist schaffte es, einen Schalter im Kopf umzulegen und mit Carina zusammen die Arbeit zu vergessen. Stressiger Tag? Egal, er war zuhause bei seiner Lebensgefährtin, er spürte dass es diesmal so völlig anders war als all seine Beziehungen zuvor. Das hier war ernst, das war real. Sie unterhielten sich über die Zukunft, sogar über Kinder sprach Ben.
      Sollte das jetzt alles zusammenbrechen? Das hätte Kevin doch niemals gewollt, dass soviel in die Brüche ging wegen seinem Tod. "Ben... ich bin unglücklich." Die ganze Zeit hatte Carina überlegt, ob sie eine Diskussion an diesem Abend beginnen sollte, oder lieber nicht. Es würde ja doch im Streit enden, und das wollte sie eigentlich nicht. Aber weiter alles in sich hineinfressen? Nein, das war nicht Carina. Sie hatte, auch wenn sie das seltener zeigte und meistens sehr still wirkte, einen sehr starken Charakter und hielt mental einiges aus. Ansonsten hätte sie die Krankheit ihrer Mutter nicht durchgestanden.


      Ben sah von der Küchenzeile nach hinten gedreht zu Carina. Natürlich wusste er, warum sie unglücklich war... ihm fiel sein Verhalten ja selbst auf. Aber er konnte es nicht steuern. Im Wissen, wie unmöglich er sich benahm, konnte er seine schlechte Laune, seine negativen Gedanken nicht verbergen. Aber heute hatte er keine Lust auf Streit, er war einfach müde. Müde von seinen Gedanken. Im Irrglauben dachte er, jetzt wüsste er wie Kevin sich manchmal fühlte... auch wenn es bei seinem Ex-Partner um ein vielfaches schlimmer war, als er selbst immer zugab. "Ich weiß...", sagte er nur leise und schloß die Klappe der Geschirrspülmaschine. "Aber ich kann es momentan nicht ändern." Es klang ein wenig resignierend, auch ablehnend auf eine ausschweifende Diskussion.
      "Ist es wirklich nur wegen Kevin?", bohrte Carina trotzdem ein wenig nach, mit leiser, vorsichtiger Stimme. Sie versuchte, keinerlei Vorwurf in ihre Stimme zu legen, und eigentlich war die Frage altbekannt... die junge Frau stellte sie bereits mehrfach ihrem Lebensgefährten um auf die Spur seiner momentanen anhaltenden Stimmung zu kommen. Aber immer wieder blockte Ben ab, wollte mit seiner Trauer alleine sein. Er stützte sich mit beiden Händen auf die Arbeitsplatte und schüttelte den Kopf. "Ben... wenn wir unser ganzes Leben miteinander verbringen wollen, dann müssen wir uns in solchen Situationen zueinanderstehen... und diese gemeinsam überstehen." Dabei sah sie ihrem Freund in die Augen, der diesen Blick auch endlich mal erwiderte.


      In diesem Moment wurde das Gespräch durch die Türklingel unterbrochen. Carina hätte es am liebsten ignoriert, denn auf einmal spürte sie so etwas wie ein Einlenken in Bens Stimmung, doch der war über die Unterbrechung der Unterhaltung scheinbar froh... denn sofort bewegte er sich zu dem kleinen Tablet neben der Tür, womit er Zugriff auf die Kamera im Eingangsbereich hatte. Ein Sicherheitsaspekt seines modernen "Smarthome", was Hartmut ihm und Semir eingerichtet hatte. Der junge Polizist legte beim Blick auf das Display die Stirn in Falten. "Christian?", fragte er ungläubig und wartete, bis der Mann vor der Tür den Kopf ein wenig drehte, bis er in die Kamera sah. Tatsächlich... sein Cousin Christian, der eigentlich in den USA lebte, kam ihn scheinbar besuchen. Mit gemischten Gefühlen drückte Ben den Knopf zum Öffnen der Tür.
      Es dauerte nur wenige Sekunden, und ein breit grinsender Christian Jäger stand in der Tür zu Bens Wohnung. Er hatte die Haare in gleicher Farbe wie Ben, allerdings wesentlich kürzer. Die moderne, zur Seite gegeelte Frisur passte irgendwie zu seinem lockeren Kleidungsstil, mit teurer Jeans und Hemd, bei dem der oberste Knopf offen stand. Er war genauso groß wie sein Cousin, jedoch etwas dicker. Die beiden Männer schüttelten sich die Hände und Christian fiel seinem Cousin kurz um den Hals. "Na, ist das eine Überraschung?", fragte er lachend. "Allerdings...", war die kurze Antwort, und er konnte sich für einen Moment nicht entscheiden, ob es eine positive oder negative Überraschung war...
      Ich bin es so leid, ohne dich zu sein
      Ich spür' wie das Leben aus mir rinnt,
      Nichts dringt mehr bis zu mir herein
      Träumen und Wachen jetzt eins nur sind

      Hilf mir mich zu finden nach all diesen Jahren
      Nimm mich ein kleines Stück Weges mit dir
      Heile die Wunden, die unheilbar waren
      Ich wär' fast gefallen, doch dann warst du hier

      Illuminate - Verloren

      <3
    • Köln - 20:40 Uhr


      Es dauerte einen Moment, bis Ben realisierte dass sein Cousin vor ihm stand. Er konnte, adhoc, gar nicht sagen wann die beiden das letzte Mal Kontakt hatten... also, richtigen Kontakt. Bis auf ein "Alles Gute zum Geburtstag", aber auch nur weil das Datum im Terminkalender des Smartphones gespeichert war, hatten sie schon bestimmt mehrere Jahre nicht mehr miteinander gesprochen. Es hatte keinen Krach gegeben, aber sie lebten einfach in zwei verschiedenen Welten und fanden schon früher nie einen wirklichen "Draht" zueinander. Keine gemeinschaftlichen Interessen, keine Themen in denen sie sich hätten mit der Zeit verlieren können. Christian hatte sein Leben der Physik verschrieben. Er hatte studiert, zuerst in Köln, dann zog es ihn in die Staaten. Ben hatte gehört, dass er dort nach dem Studium einen Job gefunden hatte, der ziemlich lukrativ war. War es NASA oder so? Ach, er hatte es gehört und verdrängt, weil andere Dinge wichtiger waren. Vermutlich würde er es gleich in aller Ausführlichkeit hören, denn Christian erzählte gerne, vor allem von sich selbst. Vor allem, gute Dinge von sich, erfolgreichen Dingen. Das tat er früher schon. Hatte er als Jugendlicher in seinem Fussball-Verein zwei Tore geschossen, konnte er diese seinem jüngeren Cousin so detailliert erzählen, als würde Ben eine Zeitlupe sehen... und das in drei Ausfertigungen. Wenn er zugehört hätte, was er meist nicht tat, denn damals wie heute war Fussball für ihn uninteressant.


      "Komm doch rein." Es war mehr die Höflichkeit Bens, die ihn zu diesem Angebot verleiten ließ. Familie war Familie. Christian nickte dankend und nahm das Angebot an, ein kurzer Blick über die Schulter, bevor Ben die Tür hinter ihm schloß. Er bemerkte sofort den Reisekoffer, den Christian in der Hand hielt. "Bist du auf Reisen?" "Geschäftsreise, um genau zu sein. Deshalb wollte ich mal reinsehen.", lachte er und ging durch den kurzen Flur. "Hübsch hast du es hier. Lohnt sich bei Papa in der Firma?" Ben sah ihn arggewöhnisch von der Seite an. "Ich bin Polizist..." ... und das hab ich dir schon 99mal erzählt, setzte er missmutig in Gedanken hinterher. Aber was war ein Polizist schon gegen einen Physiker bei der NASA... oder wo auch immer. Es ging damals wohl zum rechten Ohr rein und zum linken wieder raus.
      Überrascht blieb der unerwartete Besuch dann im Türrahmen stehen, als er Carina erblickte, die noch am Esstisch saß und aufblickte. "Oh... bist du... also, du... das hattest du damals aber nicht erzählt, als wir uns zuletzt trafen.", entschuldigte sich Christian gleich, denn er hatte Bens Tonfall vorhin nicht überhört. "Nein. Das ist Carina, meine Lebensgefährtin. Wir sind seit knapp einem dreiviertel Jahr zusammen.", stellte der Polizist seine Freundin vor. Christian machte einen kleinen Knicks. "Freut mich sehr. Christian Jäger, Bens Lieblingscousin." Carina rang sich ein Lächeln ab, was ehrlicher wirkte als es war. "Der einzige.", setzte Ben dahinter, als er zum Kühlschrank ging. "Darf ich dich auf ein Bier einladen?" "Da sage ich nicht Nein."


      Während Ben die eisgekühlte Flasche aus dem Kühlschrank nahm, bat Carina den Gast, Platz zu nehmen. Der dankte nickend und kam der Aufforderung nach, bevor er sich umsah. "Wie... ähm... also läufts denn so bei dir momentan? Also, im Job meine ich.", fragte er und es klang wie erzwungener Smalltalk. Das bemerkte auch Carina und sie konnte nicht genau den Grund erraten, weshalb der Cousin hier auftauchte. War es eins dieser peinlichen "Ich bin jetzt in der Nähe, also muss ich unbedingt die Familie besuchen, obwohl ich nicht möchte" - Besuch? Man kam, sagte Hallo, und wollte am liebsten wieder gehen? Aber irgendwie wirkte Ben selbst abweisender als Christian. "Ja, ganz okay. Ich bin immer noch bei der Autobahnpolizei, mittlerweile Kriminalhauptkommissar.", antwortete Ben als er zum Tisch kam, Christian eine Flasche gab und zuprostete.
      Carina stand währenddessen vom Tisch auf und entschuldigte sich. "Ich geh mal schlafen... hab ein wenig Kopfschmerzen." Sie gab Ben einen Kuss auf die Wange, er tätschelte sie kurz am Rücken. "Aber macht euch noch einen schönen Abend.", sagte sie höflich, denn sie wollte damit den Besucher nicht abwimmeln. Allerdings verspürte sie tatsächlich ein Pochen in der Schläfe und merkte die unangenehme Stimmung zwischen den beiden Männern. Sie wollte nicht so sehr darüber nachdenken.


      Christian sah Carina kurz nach und hatte danach eine etwas betretene Miene aufgesetzt. "Oh... ich wollte dir... also euch jetzt nicht den Abend versauen." Ben schüttelte den Kopf und winkte ab. "War eh nicht mehr zu retten." "Hört sich nicht gut an. Auch dein Satz zu deinem Job eben... von der Tonlage her." Hörte Ben da zum ersten Mal ernsthaftes Interesse aus Christian? Er war kein grundsätzlich misstrauischer Mensch, ganz im Gegenteil, aber... es schien ihm fast so, als wäre Christian hierher gekommen, um sich Bens Probleme anzuhören. Er beschloss, eher abzuwiegeln. "Ich hab vor kurzem einen Kollegen und guten Freund verloren. Deswegen fällt der Job mir momentan etwas schwer und das drückt auf die ... Gesamtstimmung.", umschrieb er das berufliche und häusliche Dilemma kurz und knapp. "Oh, das tut mir leid."
      Ben wollte ablenken und nahm einen weiteren kühlen Schluck Gerstensaft. "Was läuft bei dir so? Auf welcher Geschäftsreise bist du, und wo genau arbeitest du momentan?" "Ich bin momentan bei der PEC, Physical Enviromnent Company. Wir forschen zur Zeit vor allem, wie wir mit physikalischen Mitteln die Umwelt entlasten können... du weißt schon, regenerative Energien. Damit versuchen heutzutage alle Firmen in der Technologie-Branche Geld zu machen." Jetzt gehts los, dachte Ben... ein Vortrag, von dem er selbst vermutlich nur die Hälfte verstand, ausser dass Christian ein ganz schlaues Köpfchen war. Schade, dass Hartmut nicht da war... der würde vermutlich einiges aus Christians Vorträgen als Blödsinn entlarven.


      Aber Christian ging nicht tiefer darauf ein, er lächelte und nickte. "Jedenfalls treffen sich hier in Köln einige Firmen, die den gleichen Sektor bearbeiten, im Rahmen der neuen Umweltvorgaben. Ein paar Politiker sind da auch dabei. Alles sehr steif." "Wirklich interessant...", sagte Ben nickend, und beide wussten, dass es ihnn wenig interessierte. Aber Ben war ein höflicher Mensch. "Geht das nicht morgen ziemlich früh los?" Ein versteckter, aber kleiner Fingerzeig darauf, dass Christian doch sicher morgen fit sein müsse, jetzt noch ins Hotel, einchecken... "Ja, also... nein, gegen vormittag erst. Aber meine Firma hat das mit der Hotelreservierung verdaddelt." Er grinste, wie ein Schuljunge, der gerade ein modisches Wort erfunden hatte.
      "Wie kann denn sowas passieren?" "Unsere Company hat ständig Geschäftsreisen. Wir dürfen das selbst nicht mehr planen und buchen, dazu haben wir eine Abteilung. Da ist scheinbar was schiefgelaufen, und ich hab in den letzten zweieinhalb Stunden damit verbracht, Hotels hier in Köln abzuklappern. Eigentlich wollte ich dich so spät gar nicht stören, ich wäre morgen in der Pause mal hereingeschneit aber..." Ben beendete den Satz mit hochgezogener Augenbraue "Alles ausgebucht, und du brauchst eine Bleibe?" Verlegen grinsend nickte sein Cousin. "Deine Wohnung liegt super zentral, ich kann direkt gegenüber in die U-Bahn hüpfen." Ben kratzte sich am Hinterkopf... verdammt, solche Überraschungen mochte er gar nicht... aber er war sein Cousin, der morgen einen wichtigen Termin hatte. Er könnte ihn nicht einfach auf die Straße setzen. "Du... na klar. Das Sofa ist ne Schlafcouch, die kann ich dir schnell zurecht machen." "Danke, du rettest meine Karriere!", lachte Christian übertrieben und prostete Ben nochmals zu.
      Ich bin es so leid, ohne dich zu sein
      Ich spür' wie das Leben aus mir rinnt,
      Nichts dringt mehr bis zu mir herein
      Träumen und Wachen jetzt eins nur sind

      Hilf mir mich zu finden nach all diesen Jahren
      Nimm mich ein kleines Stück Weges mit dir
      Heile die Wunden, die unheilbar waren
      Ich wär' fast gefallen, doch dann warst du hier

      Illuminate - Verloren

      <3
    • Köln - 1:00 Uhr


      Jenny erlebte es immer wieder. Immer und immer wieder. Jedes Mal, wenn sie spürte, dass sie träumte und durch den Flur der Dienststelle ging, wusste sie wohin der Traum sie führte. Eigentlich hätte sie sagen können: "Hey Gehirn, ich weiß, was hier gespielt wird. Lass mich jetzt wach werden.", doch sie durchspielte ihn jede Nacht, wenn sie ihn träumte. Einerseits, weil er manchmal anders endete... und weil sie Kevin sehen wollte. Wie er am Auto lehnte, wie er gedankenverloren an der Zigarette zog, als sie ihn durch die Fensterscheibe beobachtete. "Wenn du Kevin die Wahrheit sagst, zeigst du ihm, dass er dir vertrauen kann.", hörte sie Semirs Stimme hinter sich, während ihr Blick auf Kevin ruhte.
      Der Weg nach draussen, durch den Flur und die Glastür hinaus, kam ihr jede Nacht länger vor. Mittlerweile glich er einer Wanderung zu einem Berg... sie schwitzte, die Beine brannten und die Tür nach draussen ließ sich nur mit einer unmenschlichen Kraftanstrengung aufstemmen. Kevin schien so weit weg von ihr. Jedes Mal, wenn sie diesen Traum träumte, wollte sie ihn retten. Ihr konnte nichts passieren, sie träumte ja. Und wenn sie ihn rettete, würde er neben ihr im Bett liegen, wenn sie aufwachte.


      "Bitte versteh das jetzt nicht falsch. Aber du darfst nicht mit Jerry weggehen. Er... er ist nicht der, für den du ihn hälst." Ihre Stimme klang wie im Hall und Kevins Blick tat ihr jedes Mal weh. Sein Bild seines besten Freundes brach zusammen wie ein Kartenhaus. Jerry war neben Jenny der einzige Mensch, dem er blind vertraute. "Das kann nicht sein.", stammelte der junge Polizist und in Jennys Händen fühlte sich das Handy wie ein glühender Plastikstab an. Sie stöhnte auf und ließ es fallen, es zersprang in tausende Teile auf dem Asphalt.
      "Es... es tut mir so leid, Kevin." Dann hörte sie das Auto. Sie blickte auf Kevin, der ebenfalls den Kopf in Richtung des dröhnenden Geräusches drehte. Die junge Frau achtete jedes Mal auf seinen Blick, und sie war sich sicher, dass Kevin den Fahrer erkannt hatte. Er erkannte Anis, der mit der Pistole auf ihn zielte... er wusste, wer sein Mörder war. "KEVIN!!", schrie sie laut und stellte sich diesmal vor ihn. Sie sah Anis in die Augen, blickte direkt in seine Waffe und blieb fest auf den Füßen stehen. Selbst Kevins Griff brachte sie nicht ins Wanken... sie würde ihn retten. Die Schüsse knallten ohrenbetäubend... und wieder hörte sie hinter sich ein Stöhnen. Entsetzt blickte sie sich um, und sah wie Kevin blutüberströmt an dem Wagen zusammensackte. Mit aufgerissenen Augen sah er zu Jenny hoch und flüsterte: "Hilf mir... bitte." Von ihrem verzweifelten Schrei wurde sie wach.


      Mit einem Reflex schlug sie die Augen auf. Ihre Bettdecke war zerwühlt, ihr Brustkorb hob und senkte sich schnell. Sie spürte Feuchtigkeit auf ihrer Stirn und tastete mit der Hand nach dem Lichtschalter. Wenn das Licht funktionierte, war sie sich sicher, nicht mehr zu träumen. Die Energiesparlampe leuchtete auf und Jennys unsicherer Blick zur Seite bestätigte, dass ihre Rettung wieder nicht funktioniert hatte. Sie konnte tun, was sie wollte... sie hatte sich vor ihn gestellt, ihn selbst zur Seite geschubst oder ihn unter einem Vorwand vom Parkplatz weggelockt... es brachte nichts. Der Traum endete immer gleich. Träume ließen sich einfach nicht beeinflussen, obwohl die Wissenschaft mit dem Thema "Luzides Träumen" bereits gegenteiliges erforscht hatte.
      Jenny tapste ins Bad und hielt sich, nachdem sie auf Toilette war, den Kopf unter den Wasserhahn. Das kalte Wasser ließ sie mehr und mehr erwachen, obwohl sie gerade erst drei Stunden geschlafen hatte. Aber wie ein kleines Kind hatte sie nach einem Alptraum Angst, wieder einzuschlafen. Dann ging sie lieber ins Wohnzimmer, knipste dort das Licht an und setzte sich auf die Couch. Entweder nahm sie alte Bilder von Kevin, die ihn glücklich zeigten, oder andere Erinnerungsstücke hervor. Der Gedanke an ihre glückliche Zeit vertrieb alle bösen Geister. Sorgenvoll bemerkte Jenny jedoch, dass sich diese Prozedur immer öfter wiederholte... in immer kleiner werdenden Abständen.



      Am anderen Ende der Stadt hatte ein dunkler Volvo-SUV vor Bens Haus geparkt. Ein etwas kleinerer Mann, dunkel gekleidet, stieg auf der Beifahrerseite aus und ging mit schnellen Schritten zur Klingel. Er las die Namen, nickte kurz und begab sich zurück ins Fahrzeug. Der Fahrer hatte das Handy am Ohr und sprach in einer fremdartigen asiatischen Sprache. "Ja, wir haben ihn nicht aus den Augen gelassen. Wir dachten erst, er geht nur einen Bekannten besuchen, aber er ist da jetzt schon die ganze Zeit. Hier ist es nach Mitternacht." Die Stimme am anderen Ende der Leitung schien nicht zufrieden... sie klang gestresst. "Ihr geht jetzt da rein und holt mir den verdammten Stick. Wir dürfen nicht nochmal so versagen wie vor einigen Tagen."
      Der Fahrer des Wagens biss sich kurz auf die Lippen. "Wir wissen aber nicht, wer da noch alles drin ist. Also... ich denke, wir sollten..." Die Stimme aus dem Handy unterbrach ihn. "Du wirst aber nicht fürs Denken bezahlt! Ich denke gerade, was Ho Lee mit uns machen wird, wenn wir uns genauso anstellen wie die Jungs in den Staaten. Laut unseren Informationen wohnt an dieser Adresse, vor der ihr seit Stunden steht, genau ein Mann... und mit dem werdet ihr wohl noch fertig werden! Und das ist ganz sicher kein Lucas O'Connar!" "Alles klar..." Der Fahrer wusste, dass Widerworte wenig Sinn machten. "Meldet euch, wenn die Sache erledigt ist. Und versucht, nicht erwischt zu werden." Er legte auf und der Beifahrer entsicherte seine Handfeuerwaffe. Der Fahrer stieg ebenso aus und nahm eine kleine Uzi aus dem Kofferraum.


      Die Straßen waren menschenleer und mit einem Dietrich war es für den Mann ein Leichtes, das Schloß der Haustür zu knacken. "Erster Stock, Penthouse", flüsterte er seinem Kollegen dann zu. Die beiden Männer überwanden die Treppe beinahe lautlos und standen im Nu vor Bens Wohnungstür. Beide hatten die Waffe im Anschlag, während der Mann mit dem Dietrich auch jetzt zu Werke ging.
      Plötzlich wurde Ben von Carina geweckt. "Ben... hörst du das?" "Hmm?", murmelte der nur schlaftrunken und vergrub sein Gesicht im Kissen. "Ben! Werd mal bitte wach!!" "Was ist denn?" Er hörte Carinas ängstliche Stimme, sie saß bereits aufrecht im Bett. "Ich hab da ein... ein Poltern gehört." "Poltern?" "Ja... schau... schau doch mal bitte nach. Nicht dass dein Cousin irgendwo gegen gelaufen ist, auf der Suche nach der Toilette." Er hatte ihr, als er vorhin ins Bett kam, noch kurz gesagt, dass Christian bei ihnen übernachten würde. Als der Polizist das Schlafzimmer verließ und das Licht anknipste, sah er Christian halb aufrecht auf der Couch sitzen. Er bildete sich ein, sein Cousin wäre etwas blass um die Nase. "Hast du auch was gehört?" "Ich... ich glaube schon. Von der Wohnungstür..." Ben war nicht so vorsichtig... er selbst nannte es manchmal paranoid, um Semir zu ärgern... der bei unbekannten Geräuschen gerne zuerst den privaten Revolver aus dem Tresor holte. Ben dagegen griff zum Baseballschläger, den sein Vater ihm einst aus den Staaten mitbrachte. Damit ging er, mehr müde als wirklich ängstlich, Richtung Wohnungstür...
      Ich bin es so leid, ohne dich zu sein
      Ich spür' wie das Leben aus mir rinnt,
      Nichts dringt mehr bis zu mir herein
      Träumen und Wachen jetzt eins nur sind

      Hilf mir mich zu finden nach all diesen Jahren
      Nimm mich ein kleines Stück Weges mit dir
      Heile die Wunden, die unheilbar waren
      Ich wär' fast gefallen, doch dann warst du hier

      Illuminate - Verloren

      <3
    • Neu

      Köln - 1:15 Uhr


      Christian saß mehr auf seinem Schlaflager bei Ben auf der Couch, als dass er lag. Ihm war unwohl... das Ganze lief aus dem Ruder. Er wollte hier eigentlich nur für ein paar Tage untertauchen, ein paar Formalitäten erledigen um sich dann irgendwo "sicher" zu verstecken. Eine Südseeinsel oder irgendwas. Der Stick, den er bei seinem Gepäck versteckt hielt, brannte ihm auf der Seele. Er hatte seinen Geschäftspartner übers Ohr gehauen, um Vorsprung zu haben. Er hätte niemals gerechnet, dass derjenige den Fake-Stick so schnell entschlüsselt und drauf kommt, dass nicht die Informationen auf dem Speichermedium sind, die der Glatzkopf erwartete. Seine Hand grub sich in die Sitzfläche der Couch unter der Decke. "Vielleicht ist da ja gar nichts.", rief er Ben zu, als dieser bereits die Hand auf der Klinke hatte.
      Ben wartete einen Moment, bevor er die Tür öffnete und drehte sich zu Christian um. "Du hast doch selbst gesagt, dass du was gehört hast.", sagte Ben immer noch etwas schlaftrunken und nahm die ganze Sache scheinbar selbst nicht so ernst. "Naja..." Christian war blass um die Nase und sein Cousin schüttelte den Kopf. "Mach dir mal nicht ins Nachthemd.", meinte er nur lapidar. Er war selbst natürlich aus einem anderen Holz geschnitzt, was Gefahren anging, als sein Physiker-Cousin. Er drückte die Klinke und öffnete die Tür.


      Es dauerte nur einen Moment, und Ben hatte erraten, wo das Poltern herkam. Vor seiner Wohnungstür stand niemand, aber im Untergeschoss hörte er Stimmen, Lachen, Türenschlagen. Hans, ein älterer, etwas schrulliger Mann schien mal wieder Damenbesuch zu haben. Ben rätselte oft, ob er diese wohl irgendwo in einer Bar tatsächlich kennenlernte, oder ob es Escort-Damen auf Hausbesuch waren. Jedenfalls dauerte die Verabschiedung etwas länger und war etwas lauter. "Geht das auch etwas leiser? Hier wohnen auch Leute, die noch nicht in Rente sind.", zischte Ben durch das Auge des Treppenhauses. "Ja ja, Herr Kommissar.", kam lapidar und schallend von unten herauf. Dann kicherten wieder zwei verschiedene Frauenstimmen. "Mein Nachbar ist Polizist. Wir sollten leiser sein, sonst legt er euch noch Handschellen an.", meinte er schelmisch zweideutig. Die Antwort war wieder ein Kichern.
      Der angesprochene Polizist seufzte, liess ungesehen den Baseballschläger kreisen und überlegte, ob er ihn zum Einsatz bringen sollte... natürlich nicht ernsthaft. Halbwegs erleichtert schloss er die Tür und drehte den Schlüssel, entgegen seiner Gewohnheit, zweimal um. "Alles gut.", meldete er kurz angebunden zu Christian auf der Couch, dessen Atem sich, vor Ben gut versteckt, wieder etwas beruhigte. Trotzdem würde er dieses Spielchen wohl nicht lange durchhalten, wenn er bei jedem Geräusch in der Nacht eine Panikattacke bekam.


      Die beiden Männer, die bei den ersten Geräuschen von Hans und seinen beiden Gespielinnen in Windeseile die Treppe nach oben, die zum Speicher führte, nach oben gehuscht waren und in der Dunkelheit ungesehen und stocksteif verharrten, waren weniger entspannt, nach dem Schauspiel, das sich ihnen geboten hatte. "Verdammt... ein Polizist?" "Hat der das etwa ernst gemeint?" Sie sprachen weiter in asiatischer Sprache und sehr gedämpft, nach dem der ältere Mann wieder in seiner Wohnung verschwunden war und seinen Damenbesuch verabschiedet. "Und wenn? Ein Polizist kann sich wehren und eine zweite Pleite können wir uns nicht leisten!" "Aber er ist wohl allein! Wir sind zu zweit." Der Ältere der beiden schlug dem Jungen mit einem Klatschen gegen die Stirn. "Lucas war auch allein, verdammt!"
      Er dachte kurz nach, dann entschied er, erst einmal zum Auto zurück zu kehren, bevor einer der Hausbewohner auf die Idee kam, doch noch auf dem Speicher nach zu sehen, ob die Geräusche von dort kamen. Lautlos überwanden sie die Treppenstufen nach unten und saßen eine Minute später wieder im Auto. Der Fahrer zog wieder das Handy und drückte die Wahlwiederholung.


      "Das ging aber verdammt schnell!", meldete sich die Stimme von eben misstrauisch und ohne Begrüßung. "Es gibt ein Problem. Wenn dieser Typ wirklich hier untergetaucht ist, dann sitzt er gerade in der Wohnung eines Polizisten." "Was??", kam als Antwort, gefolgt von einem alten asiatischen Fluch, der im ungünstigsten Fall böse Geister beschwören könnte. "Das Risiko, dass wir erwischt werden, ist zu groß. Wir müssen abwarten und uns den Typ schnappen, wenn er alleine ist. Am besten auch ausserhalb des Hauses. Hier gibts Leute mit langen Ohren." Ein Schweigen war die Antwort, scheinbar dachte der Mann auf der anderen Seite der Leitung nach. Wieder ein Grummeln und der Fahrer fürchtete bereits den nächsten Wutanfall, der ihm um die Ohren fliegen wird.
      "Durch unseren Informanten, dass Lucas scheinbar gelinkt wurde, haben wir Vorsprung. Bis Lucas das rausfindet haben wir Zeit, aber die dürfen wir nicht verplempern. Na gut. Ihr beobachtet das Haus. Ihr regestriert jede Bewegung von dem Typen und bei der nächstbesten Gelegenheit nehmt ihr ihn in die Mangel. Wir brauchen den Stick." Der Fahrer nickte, für seinen Kommunikationspartner ungesehen. "Wobei ich mich immer noch frage, warum er Lucas verarscht hat? Was will der kleine Physiker mit dem Stick?" Die Antwort kam bellend: "Zerbrich dir den Kopf lieber über Dinge, die du zu lösen hast. Lee und mir ist es egal, welche Ziele der Typ verfolgt, und warum er sich einen ehemaligen Navy-Soldaten zum Feind macht! Wir brauchen den Stick, und damit ist alles gesagt. Ich melde mich morgen wieder." Daraufhin wurde die Leitung getrennt.


      Ben kroch wieder zu Carina ins Bett. Sie atmete leise und hatte angespannt die Geräusche verfolgt. "Wieder Hans?", fragte sie dann, denn sie hatte Bens Stimme gedämpft durch die Tür wahrgenommen. "Hmm...", murrte Ben zustimmend und legte sich wieder neben Carina. Ihre typische Bettstellung war, dass Carina auf ihrer Einschlafseite lag, mit dem Rücken zu Ben. Sie liebte es, wenn er dann als derjenige, der auf jeder Seite einschlafen konnte, seinen starken Arm um ihren Körper schlang, sein Gesicht in ihrem Haar vergrub und sie sein Atmen am Ohr vernehmen konnte. Sie wusste dann immer: Sie war nicht allein.
      Seit einigen Wochen aber tat er das nicht mehr. Wenn sie dann, hin und wieder verstohlen, herum sah, wie er denn lag, lag er meist auf dem Rücken und starrte an die Decke. Er konnte dann nicht schlafen und schien tausend Gedanken im Kopf zu haben. 900 davon, das konnte Carina wetten, drehten sich um seinen toten Partner Kevin. Die restlichen darüber, was er falsch gemacht hatte in der Beziehung zu dem jungen eigensinnigen Mann. Wenn es nur die gelegentlichen Reizbarkeiten bei Ben gewesen wären, die die Beziehung belasteten... darüber wäre die junge Frau wohl hinweggekommen, die Phase hätte man überstanden. Da aber in "normalen" Momenten die Zärtlichkeiten einer gewissen Gleichgültigkeit gewichen waren, machte es die schlechten Phasen besonders beschwerlich. Als sie sich gerade wieder in ihre Schlafposition gelegt hatte, wartete sie wie jeden Abend darauf, dass seine Hände über ihren Rücken strichen und den Weg um ihre Tallie fanden... auch jetzt wartete sie einige Minuten vergeblich.
      Ich bin es so leid, ohne dich zu sein
      Ich spür' wie das Leben aus mir rinnt,
      Nichts dringt mehr bis zu mir herein
      Träumen und Wachen jetzt eins nur sind

      Hilf mir mich zu finden nach all diesen Jahren
      Nimm mich ein kleines Stück Weges mit dir
      Heile die Wunden, die unheilbar waren
      Ich wär' fast gefallen, doch dann warst du hier

      Illuminate - Verloren

      <3