IX

    • in Erarbeitung
    • Campino

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    • Köln - 13:00 Uhr


      Die Durchsuchung hatte ungewöhnlich lange gedauert, was an dem durchaus aufwändigen Sicherheitssystem des chemischen Labors hing. Hartmut war wie gefesselt von der neuartigen Firewall- und Verschlüsselungstechnik, mit der er sich schnell vertraut machte. Dann musste er dafür sorgen, dass allerlei Aufzeichnungen und Unterlagen auf die eigens dafür vorgesehenen Festplatten kopiert wurden, die er aus der KTU mitbrachte. Man konnte natürlich nicht, wie bei einer Privatdurchsuchung, einfach einen PC mitnehmen, da es sich hier um größere Server handelte. Schubert erschien kooperativ, auch der IT-Techniker mit dem Hartmut zusammenarbeitete und mit dem er sich ausführlich austauschte, stellte sich in keinen Fragen oder Forderungen quer. Man hatte den Eindruck, als wolle die Firma mithelfen, den Fall zu lösen. Semir war dementsprechend misstrauisch bei soviel Hilfsbereitschaft.
      Er und Lucas beugten sich mit Bretten über sämtliche analoge Archive, die ehemalige Projekte mit der amerikanischen Firma PEC zusammen betrafen. Man durchblätterte Ordner für Ordner, zwei Forscher halfen mit wenn es an die technischen und chemischen Details ging. Doch Bretten hatte Recht, als er früh sagte: "Ich müsste mich doch sehr wundern, wenn jene Verbrecher schmutzige Geschäfte in den normalen Ordnern abheften würden." Semir stimmte dem zu: "Richtig. Aber manchmal findet man Codewörter, die in mehreren Projekten auftauchen, die vielleicht keinen Sinn ergeben." Allerdings würde es wohl Wochen dauern, das alles durchzuarbeiten.


      Semir war enttäuscht. Er hatte gehofft, dass sich einer der Techniker mit irgendwas verdächtig machen würde. Ironischerweise waren heute sogar alle Mitarbeiter des betreffenden Labors da, niemand hatte Urlaub, niemand hatte einen kurzfristigen Krankenschein. Allerdings konnte sich auch in den Verhören niemand erklären, warum der Raum nun in dem Gebäudeplan tatsächlich so markiert ist, wie er war. Und niemand konnte sich erklären, wie man mit regenerativen Energien irgendeinen Schaden anrichten konnte, was auf ein Verbrechen hindeutete... ausser, man missbrauchte die Labore natürlich für andere Zwecke. "Wir sind nicht nur auf regenerative Energien ausgerichtet", gab Bretten zu bedenken.
      Der erfahrene Polizist war sowieso mit seinem Kopf ganz woanders... nämlich bei seinem Partner. Ben hatte sich dermaßen kurzfristig einfach abgemeldet, das war nicht normal. Das Misstrauen siegte aber gegen die Neugier und die Sorge, mit der er seinen besten Freund unbekannten Zieles ziehen ließ. Das Misstrauen galt nämlich Lucas... nach wie vor. Und Ben schien am Telefon selbst ebenfalls ziemlich kurz angebunden... scheinbar wollte vor allem der Anrufer nicht, dass andere mithörten. Im Laufe des Mittags reifte immer mehr der Verdacht, dass es tatsächlich Christian gewesen sein könnte. Allerdings erwartete Semir zügige Nachrichten oder Rückmeldung seines Kollegens, die allerdings ausblieb. Dementsprechend nervös wurde er mit jeder Viertelstunde, die ohne Meldung verging.


      Als sie endlich mit dem Gröbsten fertig waren und Polizistenschlangen Körbe voll Akten und bespielten Festplatten raustrugen, konnte er endlich zumindest einen Anrufversuch unternehmen. Doch Bens Handy war ausgeschaltet und Semirs Gesicht wurde misstrauisch. "Alles okay?", fragte Lucas, der scheinbar mit Adleraugen Semir beobachtete. "Hmm, ja ja." "Wo ist dein Kollege hin?" "Musste was dringendes erledigen. Der erzählt mir ja auch nicht alles.", sagte der Polizist schulterzuckend und spielte dem CIA-Agenten vor, dass das Verhältnis zu Ben nicht so dicke war, wie in Wahrheit. Doch der schaute nur etwas missbilligend. Semir unterschätzte die Beobachtungsgabe von Lucas, der sich ziemlich schnell ein Bild von Menschen machen konnte, und wie sie miteinander umgingen.
      Als sie nach draussen gingen fragte Semir einen der uniformierten Kollegen, ob er sich einen Dienstwagen ausleihen könnte, um zurück zur Autobahndienststelle zu kommen. "Kein Problem.", rief Rolf, den er gut kannte, und warf ihm den Schlüssel zu. "Und das ist dann so üblich bei euch, dass zwei Kollegen einfach irgendwo ohne Auto stehen gelassen werden?", meinte Lucas nochmal mehr neugierig als schnippisch und Semir spürte, dass Lucas das Gegenteil von naiv war. "Kommt schon mal vor.", war seine kurze, nichtssagende Antwort.


      Kaum in der Dienststelle angekommen, versuchte es Semir noch zweimal. "Verdammt...", murmelte er, als jedes Mal nur die Mailbox reagierte. Er wurde unruhig, ein untrügerliches Gefühl das ihn selten täuschte. Und er wusste nichts, keinen Anhaltspunkt wo Ben hingefahren sein könnte. Oder was überhaupt los war... er sah auf die Uhr. Es war bereits kurz vor 14 Uhr und um diese Zeit hätte er sich längst gemeldet. Lucas bemerkte die Unruhe des Deutschtürken, als dieser heraus zu Andrea ging. "Andrea, hat sich Ben vielleicht bei dir gemeldet?" Sie schüttelte den Kopf und blickte vom Monitor auf. "Was ist denn los?" "Ich...", wollte er gerade beginnen, doch er spürte fast schon den Blick des CIA-Agenten hinter sich, der gerade von der Toilette kam und interessiert aufsah. "Nichts... nichts wichtiges."
      Es war schrecklich in seiner gewohnten Umgebung nicht einfach frei reden zu können. Das merkte auch Lucas, dem das ganze mehr als unangenehm war, denn mittlerweile fühlte er sich innerlich zerissen. Er wusste um die Absichten, hinter denen seine Organisation stand, und er wusste was für ihn auf dem Spiel stand wenn er die Regeln brach. Andererseits hatte Semir ihm den Hals gerettet, und Lucas war niemand, der sowas vergaß.


      Als die beiden zurück ins Büro gingen, hielt Lucas Semir am Arm fest. "Ich weiß nicht, was mit deinem Partner ist...", begann er mit fester bestimmter Stimme. "... aber wenn es den Fall betrifft, dann solltest du mit mir reden." Semir sah den Mann an. Hier standen sich zwei Männer auf Augenhöhe gegenüber mit einem riesigen Schatz an Menschenkenntnis, die in ihren jeweiligen Job bereits alles gesehen und alles erlebt hatten. Semir fühlte sich keinesfalls mental überlegen, was ihm gegenüber Kevin und Ben hin und wieder vorkam. "Vertrauen setzt einiges voraus.", merkte der erfahrene Polizist an und zog dabei eine Augenbraue hoch. "Zum Beispiel die Beantwortung unserer Frage heute morgen. Wegen ihres Namens." Lucas schnaubte: "Ich hab ihnen doch schon gesagt, dass ich mich..." "Wenn sie sich schon mal in diese Organisation eingeschlichen hätten, würde die CIA sie nicht an vorderste Front gegen diese Typen stellen. Oder hat das CIA so wenig fähige Männer?", kam Semir ihm mit lauter Stimme zuvor, die autoritär klang und keine Widerworte duldete. Lucas lehnte ein wenig am Türrahmen und schüttelte nur den Kopf. "Du hast keinen Schimmer...", sagte er geheimnisvoll was den Polizisten noch wütender machte. "Ich kann dir nur sagen, dass du meine Hilfe nicht ausschlagen solltest gegen diese Typen. Ich denke, du weißt mittlerweile wie gefährlich sie sind." Dann drehte er sich um und öffnete die Bürotür... und Semir musste zugeben, dass er Recht hatte. Mit Lucas an seiner Seite hatte er gegen diese Leute wahrlich bessere Chancen. Und sein erstes Ziel auf der Suche nach Ben war dessen Wohnung... ob allein, oder mit Lucas.
      Ich bin es so leid, ohne dich zu sein
      Ich spür' wie das Leben aus mir rinnt,
      Nichts dringt mehr bis zu mir herein
      Träumen und Wachen jetzt eins nur sind

      Hilf mir mich zu finden nach all diesen Jahren
      Nimm mich ein kleines Stück Weges mit dir
      Heile die Wunden, die unheilbar waren
      Ich wär' fast gefallen, doch dann warst du hier

      Illuminate - Verloren

      <3
    • Keller - 13:45 Uhr


      Schwärze... alles um Ben herum war in Schwarz getaucht, dachte er. Seine Augenlider schwer, er hörte dumpfe Geräusche. Als läge er irgendwo im Sarg... Oh Gott... nicht schon wieder. War da nicht auch ein Tropfen Wasser, der ihm ins Gesicht fiel, so wie damals. Plötzlich riss er die Augen auf, denn der Tropfen verwandelte sich in eine Welle, die sein Gesicht, die Haare und den oberen Teil seines Shirts durchnässte. Das Licht der einzelnen Fassung in dem schummrigen Keller brach sich an den Wasserfäden, die ihm vor die Augen liefen. Das Wasser stammte aus einem Eimer, der wiederrum von einem Mann mit asiatischem Aussehen gehalten wurde. "Wach werden! Los!", herrschte er Ben an und schlug ihm unsanft an den Hinterkopf, dass die Tropfen von den Haaren flogen.
      Der junge Polizist versuchte sich zu orientieren... der Unfall, die Verfolgungsjagd... dann Schwärze. Er musste das Bewusstsein verloren haben, an seiner Stirn, die Schläfe herab zur Wange spürte er angetrocknetes Blut und ein leichtes Brennen. Verdammt, sie hatten ihn geschnappt... und scheinbar nicht nur ihn. Seine Augen wanderten langsam durch den Raum, er erkannte seinen Cousin neben sich, an einen Stuhl gefesselt und mit Klebeband verstummt. Jetzt spürte auch Ben Beengtheit um seine Fußknöchel und Hände.


      Aber im hinteren Teil des Raumes standen weitere Männer, die auf eine Frau und ein Kind aufpassten. Die hatte Ben noch nie gesehen, beide sahen verängstigt aus und schauten in Richtung der beiden jungen Männer. "Was... was wollt ihr von uns?", fragte Ben, obwohl natürlich klar war, was hier ablief. Sie wollten den Stick... und nach langer Suche hatten sie zumindest endlich den Besitzer gefunden. Dass Christian noch lebte, bedeutete dass er bisher dicht gehalten hatte. "Frag nicht so dämlich.", sagte der Mann zu ihm in erstaunlich gutem Deutsch, sogar mit leicht französischem Akzent. Offenbar war die Gruppe derer, die den Stick an sich bringen wollten über ganze Europa verteilt. Wo waren sie jetzt, waren sie noch in Belgien? Wieder zurück in Deutschland? Wie spät war es eigentlich?
      "Leider redet dein Freund hier nicht... und wen er redet, sind es überflüssige Worte aus seinem Mund. Wir wollen nur wissen, wo der Stick ist." Ben schaute ruckartig zu Christian, dessen Augen voller Furcht und Panik waren. Er hatte geschwiegen und offenbar hatten sie ihm keine Gewalt angetan. Er hatte ebenfalls nur Kratzer im Gesicht, die nach Autounfall aussahen. Und irgendwie war er stolz auf seinen Cousin, dass er dicht hielt... nicht auszudenken, wenn die Typen an die brisanten Informationen kommen würden.


      "Ja... das ist Pech für euch, Jungs.", sagte Ben und setzte seine gespielte Lockerheit auf, die so manchen Geiselnehmer zur Weißglut bringen konnte. "Ich weiß es nämlich nicht." Der Mann, eine sehr stattliche, kräftige Erscheinung, schwarzem Pferdeschwanz und beinahe gutmütigem Gesicht, beugte sich zu Ben runter und kam mit seinem Gesicht dicht an Bens Gesicht heran. "Wie schade. Aber du kannst trotzdem zu etwas gut sein." Dann sah er auf und nickte kurz. Ben hatte sich nicht umdrehen können und sah deswegen den weiteren Mann hinter ihm nicht. Deswegen erschrak er, als dieser die Lehne des Stuhls griff und ihn nach hinten zog. Der Polizist fiel in die Waagerechte, fest an den Stuhl fixiert, den Kopf aber auf dem Boden liegend. "Hey!!" rief er kurz erschrocken und hörte noch unverständliche Laute seines Cousins.
      Mit einem lauten "Ratsch" bekam dieser das Klebeband vom Mund entfernt. "Lasst ihn da raus! Er hat damit nichts zu tun.", jammerte er mit weinerlicher Stimme. "Dann sag uns, wo der Stick ist!" "Nein Christian! Der Stick darf ihnen nicht in die Hände fallen", kam vom Boden von Ben. Der Mann lachte. "So so, ein Held. Und du weißt sogar, worum es hier geht. Das macht das Ganze einfacher." Ein paar Worte in einer absolut fremden Sprache fielen, es klang nach Anweisungen an die Männer um Ben und Christian herum.


      Plötzlich wurde Ben ein Lappen aufs Gesicht gedrückt. Um ihn herum wurde alles schwarz, der Lappen roch unangenehm modrig, aber nicht nach Betäubungsmittel. "Hey, lasst das!", wollte er rufen, aber es kam unverständlich gedämpft durch den Stoff durch. Auf einmal hatte der Polizist das Gefühl, dass man ihn unter Wasser drückte. Als hätte man seinen Kopf genommen und in eine Badewanne getaucht und zusätzlich das Wasser angemacht, das auf ihn herablief. Er versuchte die Luft anzuhalten, doch immer mehr Wasser fiel auf ihn herab, als würde er unter einem gigantischen Wasserfall stehen, dessen Säule ihn zu Boden drückte.
      Das Klebeband schnitt sich in seine Haut, weil er in Panik unmenschliche Kräfte entwickelte. Mit den Händen und Beinen zerrte er an den Fesseln, unverständliche Laute kamen von ihm, was sich, je mehr Wasser der Typ aus einer Flasche auf den Lappen in Bens Gesicht kippte, mehr nach einem Gurgeln anhörte. Er hatte tatsächlich das Gefühl, er müsste ertrinken. So hat sich sicher Jenny gefühlt, als sie gefesselt im Auto lag, das langsam im Rhein versank, ehe Kevin sie todesmutig gerettet hatte. Ganz dumpf, weil ihm auch Wasser in die Ohren lief, hörte er das Geschrei seines Cousins, doch verstehen konnte er ihn nicht. Dann hörte das Wasser auf, der Lappen kam weg und die ganze Szenario war vor Bens Augen verschwommen, er hustete und sog gierig Luft in seine Lungen, bevor die Tortur nochmals began.


      Bens Körper bebte, er erhob sich und bäumte sich auf, als wäre er im Todeskampf. Es konnte bei dieser Foltermethode im Prinzip nichts passieren, trotzdem hatte er das Gefühl zu ertrinken, er konnte dem Wasser nicht ausweichen, es floß durch den Lappen in sein Gesicht. "Hört auf!! Ich sags euch!", schrie Christian, und der Mann zog die Augenbrauen nach oben. Das Wasser hörte auf und während Ben erneut sich die Seele aus dem Leib hustete, wurde sein Stuhl wieder aufgerichtet. "Dann lass uns mal hören, wo du das kleine Ding hinterlegt hast, für uns.", sagte er erwartungsvoll während Ben keuchte: "Tu es nicht, Christian?" "Die bringen dich um..." "Quatsch...", Zwischendurch musste Ben immer wieder durchatmen. "Semir ist bestimmt auf dem Weg. Und ohne uns finden die das Ding nicht."
      Dem Mann wurde das Spielchen zuviel. "Na gut... wir haben auch noch andere Möglichkeiten.", sagte er wütend und Ben bekam es sofort zu spüren. Brutal wurde ihm der Kopf in den Nacken gelegt und mit Gewalt eine Apparatur in den Mund eingeführt, dass er diesen nicht schließen konnte. Wieder kamen panische Laute von ihm, wieder versuchte er sich zu wehren als er die Zange in der Hand des Mannes sah, der sich offenbar nicht davor scheute, selbst Hand anzulegen. "Welche Zähne braucht man wohl am wenigsten..."


      "Hört auf! Hört sofort auf. Ich sage es!!", schrie Christian wieder, denn er konnte nicht mehr zuschauen, was mit Ben passierte. Der spürte nur, wie sich das Eisen der Zange einen Zahn fasste und Druck ausübte. "Ob der so einfach rauskommt... oder ob man ihn abbrechen muss?", hörte er die grausame Stimme, die dann harsch forderte: "Wo ist der Stick!" "Er ist... in einem Blumenkübel vergraben. In einer Wohnung in Köln. Dort habe ich ihn versteckt." Der junge Polizist spürte, wie der Mann ein wenig mit der Zange wackelte... schon ohne große Gewalt oder Kraft löste es Schmerzen im Kiefer aus. "Die Adresse!" "Es... es ist..." und dann nannte Christian die Adresse. Plötzlich waren alle Schmerzen bei Ben vergessen und seine Augen fuhren herum zu seinem Cousin... es war Bens Adresse.
      Ich bin es so leid, ohne dich zu sein
      Ich spür' wie das Leben aus mir rinnt,
      Nichts dringt mehr bis zu mir herein
      Träumen und Wachen jetzt eins nur sind

      Hilf mir mich zu finden nach all diesen Jahren
      Nimm mich ein kleines Stück Weges mit dir
      Heile die Wunden, die unheilbar waren
      Ich wär' fast gefallen, doch dann warst du hier

      Illuminate - Verloren

      <3
    • Ben's Wohnung - 14:00 Uhr


      Carina hatte heute frei. Sie wusste noch gar nichts von den neuesten Verwicklungen in Bens Fall, dass dieser verschwunden war und seit zwei Stunden nicht mehr auffindbar. Überhaupt hatte die junge Frau, mit der Ben jetzt bereits fast ein dreiviertel Jahr zusammen war, noch wenig Gespür für Bens Job bekommen, weil sie noch nie direkt mit ihm konfrontiert wurde... ausser natürlich bei ihrem Kennenlernen. Aber danach konnte der Polizist sie oft aus allem raushalten, erzählte nur oberflächlich von den Fällen, zB als Kevin fremdgesteuert war, oder man wiederholt mit seiner Vergangenheit konfrontiert wurde. Sie hatte sich in ihrem zweiten Leben nach dem Tod ihrer Mutter zurecht gefunden, einen Job in einer kleinen familiären Tierarztpraxis gefunden, wo sie sich vor allem um den Verwaltungskram kümmerte... und mit Ben ihren rettenden Engel gefunden.
      Doch ihre Beziehung wurde gerade in den letzten Wochen auf eine harte Probe gestellt, nach Kevins Tod hatte Ben sich verändert. Leicht reizbar, aufbrausend und schlecht gelaunt. Carina nahm vieles hin, zeigte sehr viel Verständnis. Etwas, was sie durch die Alzheimer-Erkrankung ihrer Mutter geradezu lernen musste... doch irgendwann wurde es ihr zuviel. Es kam diese Tage zum Streit, und die blonde Frau sah ihr Glück aus den Händen gleiten. Dann kam er heute Nacht auch nicht nach Hause, was ihre Sorge weiter bestärkte, auch wenn die SMS von Semir am Abend die Sorge etwas abschwächte.


      Viel wohltuender war Bens Anruf am frühen Morgen. Er entschuldigte sich, sah ein wie falsch er gehandelt hatte und wie egoistisch er war. Irgendetwas musste vorgefallen sein, was ihm die Augen öffnete, doch er wollte nicht damit rausrücken. "Das erzähle ich dir in Ruhe heute Abend.", sagte er und wollte Jennys Ausfall nicht am Telefon erzählen. Carina war beruhigter... und glücklich. Jetzt saß sie in Bens (ehemaliger) Junggesellenwohnung und klickte sie im Internet wieder durch allerlei Häuser-Anzeigen und Prospekte von verschiedenen Bauherren. Das Projekt, das Appartement in ein Haus umzutauschen, hatten sie schon vor einigen Wochen mal besprochen, kurz bevor es zu Kevins Tod kam. Dann lag die Sache, zumindest von Bens Seite aus, erstmal auf Eis. Ermutigt durch seine Entschuldigung nahm Carina die Recherchen wieder auf.
      Unterbrochen wurde sie durch ein Klingeln an der Tür. Sie stand vom Küchentisch auf und schaltete an der Wohnungstür den kleinen Monitor, der wie ein Tablet an der Wand hing, ein um nach der Kamera zu schauen, die im Hauseingang angebracht war. Drei Männer in Anzügen standen da, sie blickten ohne Ausdruck in den Augen in alle Richtungen, so dass es Carina kurz mulmig wurde. Erwartete Ben Besuch? Und wenn ja... wer, zum Teufel, war das? Sie beschloss, weder den Öffner zu drücken, noch über die Sprechanlage die Männer zum Gehen zu bewegen. Stattdessen wählte sie Bens Handynummer, doch es meldete sich nur die Mailbox.


      Gerade, als Carina die Augen wieder vom Smartphone weghob, sah sie auf dem Bildschirm, dass die Männer verschwunden waren. Die junge Frau spürte ihr Herz schlagen, spürte das Pochen in ihrer Brust, denn ihr war unwohl zu Mute. Gerade das Auftauchen von Bens undurchsichtigem Cousin und der Angriff auf die beiden war ihr noch gut in Erinnerung geblieben. Langsam, als könnten die Männer es draussen noch hören, dass sich in der Wohnung doch etwas bewegt, ging sie zurück an den Laptop und setzte sich wieder hin.
      Dann schreckte sie wieder auf... und diesmal nahm der Herzschlag zu und drückte ihr die Kehle zu. Es klackerte, klickte und der Türgriff der Wohnungstür bewegte sich nach unten. Die Tür schwang auf und im Türrahmen standen jene drei Männer, die sie gerade noch über die Kamera beobachtet hatte. Sie hielt sich die Hände vor den Mund, als einer der Männer in die Jackentasche griff und eine Waffe mit Schalldämpfer auf sie richtete. "Oh mein Gott... bitte...", begann sie zu zittern und der Mann legte vielsagend einen Finger auf seine Lippen. Mit ein paar Schritten war er bei der jungen Frau, und sie spürte erst eine Waffenmündung an ihrer Stirn, dann einen Stich im Hals. Vor ihrem Blick verschwomm alles, und langsam, wie durch einen Schleier gehüllt, spürte sie noch, wie sie vom Stuhl auf den Boden glitt.


      "Da... schau mal." Semir zog die Stirn ein wenig in Falten, als Lucas auf dem Beifahrersitz auf einen schwarzen Jeep zeigte, der bei Ben vor der Tür stand. "Ich weiß nicht, aber seit ich mit diesen Typen zu tun habe, habe ich eine Paranoia bei schwarzen Autos.", setzte er noch hinzu. "Du meinst...", begann Semir und konnte Lucas Gedanken geradezu erraten... waren die Typen bei Ben in der Wohnung? Hatten sie ihn vielleicht hierher gebracht? Oder hatte Christian was damit zu tun? Semir hatte Lucas immer noch nicht anvertraut, warum Ben von der Durchsuchung abgehauen ist. "Was ist hier los?", fragte er deswegen nochmal, als Semir für die letzten Meter nochmal beschleunigte und mit quietschenden Reifen den Jeep ordentlich zu parkte... nur für den Fall der Fälle.
      Beide Männer liefen zur Tür und verharrten kurz. Lucas wollte schon die Klingel drücken, doch Semir hielt ihn zurück. "Damit warnen wir die Typen noch, falls jemand oben ist.", sagte er. "Und wie sollen wir dann rein?" "Mit dem Schlüssel natürlich." Semir und Ben waren beste Freunde... es war wie selbstverständlich, dass jeder für den Notfall einen Hausschlüssel des anderen hatte. Ben hatte einen Haustürschlüssel von Semirs Haus, Semir dagegen sowohl einen Haus- als auch Wohnungsschlüssel von Ben. In gebotener Eile, aber ohne lautes Gepolter, gingen die beiden Männer die Treppe hoch.


      Noch bevor sie die letzten Stufen erreichten, sahen sie die offene Haustür. "Fuck...", flüsterte Lucas und griff nach seiner Waffe, Semir tat es ihm gleich. "Ganz ruhig blieben. Bens Freundin darf nichts geschehen.", flüsterte Semir stattdessen und übernahm die Führung. Lucas wollte erwidern, dass er niemals Unschuldige in Gefahr bringen würde, doch er verkniff sich jedes weitere Wort. Langsam betraten sie die Wohnung. Es gab keinen richtigen Flur, sobald man durch die Tür ging, stand man mitten im riesigen Wohnzimmer. Eine Pflanze lag umgestürzt auf dem Boden, der Topf kaputt und die Erde ringsherum zerstreut. Die beiden Männer gingen im Schleichgang einige Schritte weiter. Sie konnten ein angestrengtes Scharren, das gedämpfte Reden in einer fremden Sprache hören.
      Als sie um die Ecke Richtung Esszimmer sahen, wurde ihnen ein groteskes, und gleichzeitig bedrohliches Bild geboten. Ein Mann, der im Blumenkübel auf einem Sideboard grub, ein zweiter gab gedämpfte, ungeduldig klingende Anweisungen und der dritte wiederrum hielt den erschlafften Körper von Carina im Arm und fuhr als erstes herum. "Keine Bewegung! Waffe fallen lassen!!", rief Semir und zielte, Lucas tat es ihm gleich. Doch der Mann benutzte Carina als lebendes, wenn auch bewusstloses Schutzschild und hielt ihr die Waffe an den Kopf, die anderen beiden Männer griffen ebenfalls zu den Waffen.
      Ich bin es so leid, ohne dich zu sein
      Ich spür' wie das Leben aus mir rinnt,
      Nichts dringt mehr bis zu mir herein
      Träumen und Wachen jetzt eins nur sind

      Hilf mir mich zu finden nach all diesen Jahren
      Nimm mich ein kleines Stück Weges mit dir
      Heile die Wunden, die unheilbar waren
      Ich wär' fast gefallen, doch dann warst du hier

      Illuminate - Verloren

      <3
    • Ben's Wohnung - 14:10 Uhr


      Es war eine klassische Patt-Situation, als Semir und Lucas ihre Waffen auf die unbekannten Männer richteten, die ihrerseits mit ihren Waffen auf die beiden Polizisten zielten. Es gab nur einen Unterschied... die Angreifer hatten einen Joker, ein fünftes Ass, nämlich die bewusstlose Carina im Arm, die zum Glück gerade nicht mitbekam, wie ihr die tödliche Mündung einer Pistole an die Schläfe gehalten wurde. "Werft die Waffen weg.", knurrte einer der Männer mit Akzent. "Oder ihr könnt ihr Hirn von der Küchenablage aufwischen.", setzte er noch als zusätzliche Drohung hinterher. "Vorher fangen wir mit deinem Hirn an.", war Lucas gleichermaßen drohende, wenn auch kühler formulierte Ankündigung. Semir sah konzentriert zwischen den Männern hin und her, wollte im ersten Affekt die Waffe senken, doch die eigene Sicherung hielt ihn zurück. Würden sie sich entwaffnen lassen, wäre das vielleicht ihr Todesurteil.
      Das Herz schlug ihm bis zum Hals, er hatte eine ungeheuere Verantwortung der Freundin Bens gegenüber. Würde ihr was passieren, er würde es sich wohl niemals verzeihen. Deswegen scheute er sich davor, einzugreifen, gleichzeitig aber auch die Waffe wegzulegen. Lucas schien entschlossener, man merkte ihm keinen Funken Nervosität an. Sein Augenpaar blieb starr auf den Mann gerichtet, der die junge bewusstlose Frau bedrohte. Kein Finger, der zuckte, er griff nicht nach, er zog nicht einmal mehr Luft durch die Nase als nötig.


      "Wo ist der Stick?", fragte der Mann irgendwann, der sich ein wenig hinter Carina verschanzte. "Welcher Stick?", fragte Lucas scheinheilig und schien den Mann nur nervöser zu machen. Die komplette Ruhe, die man von Handlangern eigentlich erwarten könnte, waren die drei nämlich nicht. "Frag nicht so dämlich, ihr wisst genau welchen Stick wir suchen. Händigt ihn uns aus, und keinem wird etwas passieren." "Wo ist mein Partner?", war nun Semirs Frage und er nahm immer abwechselnd die beiden Männer ins Visier, die ihrerseits mit der Waffe zielten. "Ihr werdet ihn nicht finden, bevor wir den Stick nicht haben! Und nun nehmt eure Waffen runter.", verlangte der Mann noch einmal mit Nachdruck. Semir begann immer mehr zu schwanken... der Finger am Abzug der Waffe an Carinas Kopf krümmte sich schon verdächtig.
      Ein kurzer Seitenblick zu Lucas, doch der blieb starr wie eine Statue. Plötzlich durchschnitt ein mechanisches Brummen, dass zweimal rythmisch erklang, die schneidende Stille. Es kam aus Lucas' Hosentasche. "Was war das?", fragte Semir. "Hab ne Whatsapp bekommen.", antwortete Lucas, ohne den Blick zu verändern. "Wie bitte?"


      In dem Moment knallte es, Blut spritzte über die Küchenzeile als Lucas den Abzug drückte... genau in dem Moment, als sich der Mann hinter Carina bewegt hatte. Lucas' Kugel schlug ihm über dem linken Auge in den Kopf, sein Griff löste sich augenblick um die bewusstlose Carina, die wie in Zeitlupe mit ihm zu Boden ging. Semir erschrak genauso, wie die beiden Männer, die kurz zusammenzuckten. Er war einerseits natürlich erschrocken, dass Lucas sich plötzlich zum Eingreifen entschlossen hatte und somit Carina einer erheblichen Gefahr aussetzte, gleichzeitig war er über die Skrupellosigkeit und Brutalität geschockt, auch wenn diese Gedanken erst später kommen würden. Mehr aus Reflex denn aus irgendeiner Absprache heraus, ging er in Hockestellung und schoss einem der beiden Männer zweimal in die Kniescheibe, während Lucas mit einem Hechtsprung sich auf in Richtung der bewusstlosen Frau warf, um sie vor dem dritten Mann zu schützen.
      Doch der war nun darauf bedacht, dass wenigstens einer aus diesem Raum heil herauskam. Er musste die Info weitergeben, dass die Suche hier erfolglos war, dass man wieder gescheitert war... und dass man dafür entweder den Polizisten, oder andere büßen lassen würde. Er schoss zweimal in Richtung Semir, traf aber durch die Reaktion des Polizisten nicht. Dann war er mit zwei schnellen Schritten an der Zwischentür zum Flur und auf dem Weg zur Wohnung hinaus. Semir kam der ganze Vorgang wie eine Zeitlupe vor, und erst als er sich aufrappelte, über den stöhnenden angeschossenen Verbracher hinwegstieg und dessen Waffe einsammelte, lief die Zeit wieder normal.


      Wo er sonst ein kurzes "Alles okay?" in Richtung seines Partners rief, unterließ er es diesmal. Er konnte später nicht sagen, warum... aber irgendetwas entfremdete ihn von Lucas noch mehr. Er nahm den selben Weg wie der Verbrecher, raus aus der Wohnung und durch das Treppenhaus nach unten. Dabei vernahm er auf dem Gehweg einen weiteren Schuss, und ahnte schon Furchtbares. Der Bursche war verdammt schnell, und als Semir auf dem Gehweg ankam, fuhr der schwarze Jeep gerade weg. Der erfahrene Polizist drehte sich zu seinem Wagen und sah die Bescherung des platt geschossenen Reifens. Einerseits Erleichterung, dass der Typ nicht auf Passanten geschossen hatte... andererseits Verärgerung, denn eine Verfolgungsjagd fiel aus. Und in der ruhigen Nebenstraße müsste er eher ein parkendes Auto aufbrechen, als dass er jemanden anhalten könnte. Der Typ war weg. "Warum kommen immer ausgerechnet die Typen raus, die den Schlüssel haben.", murmelte er.
      Als er wieder in der Wohnung ankam, hatte Lucas Carina bereits auf die Couch gelegt. Ihr Gesicht hatte einige Blutspritzer abbekommen, und sie konnte von Glück sagen, dass das Mittel, was man ihr injeziert hat, scheinbar sehr gut wirkte. "Sag mal, hast du sie noch alle? Bist du vollkommen wahnsinnig geworden? Du hättest sie fast abgeknallt!!", schrie Semir ohne Vorwarnung oder vernünftigem Gespräch und packte den glatzköpfigen Lucas am Kragen. Der sah die Sache natürlich anders.


      "Bleib mal auf dem Teppich. Die hätten uns abgeknallt, wie die Hasen. Du weißt nicht, wozu die fähig sind.", sagte er mit ruhigem, leicht arroganten Tonfall und schüttelte die Hände von seinem Kragen ab. "Ach ja? Ich weiß nur, dass du das Leben der Freundin meines besten Freundes aufs Spiel gesetzt hast." "Ich weiß nur, dass ich uns alle drei gerettet habe. Und jetzt sollten wir vielleicht die Spurensicherung suchen, damit die die Sauerei hier wegmachen, bevor die holde Schönheit wach wird, und direkt nochmal in Ohnmacht fällt, wenn sie ihre Küche sieht." Der Kopfschuss hatte wirklich ganze Arbeit geleistet, und Semir erinnerte sich plötzlich an Patrick und Kevin im Keller. Dann beugte sich Semir zu dem Mann am Boden. "Wo ist mein Partner! Spucks aus!" Wimmernd, aber hasserfüllt blickte der Mann Semir an und schwieg. "Vergiss es. Die würden sich eher die Zunge abschneiden lassen, als irgendwas zu verraten.", meinte Lucas. "Wir sollten lieber den Stick suchen, damit wir etwas zum Austausch deines Partners haben." Semir wählte schnell die Nummer der Zentrale, verlangte Krankenwagen, Leichentransport und die Spurensicherung. Dann beteiligte er sich mit Lucas zusammen als Gärtner. Gemeinsam begannen sie die restlichen Topfpflanzen zu durchwühlen, denn aus irgendeinem Grund hatten die Männer da gesucht. Lucas vermutete, dass man es schon aus Ben oder Christian rausgequetscht hat... die Yakuza hätten ihre speziellen Methoden. Der Satz flösste Semir im Gedanken an seinen besten Freund eine Gänsehaut ein.


      Endlich, im Gästezimmer, wurde Semir fündig. Lucas biss ein wenig die Zähne zusammen... hätte er den Stick gefunden, hätte er ihn besser verschwinden lassen können, um seine eigene Mission abzuschließen. Doch je länger er darüber nachdachte, desto mehr hatte er das Bedürfnis gegen seinen Auftraggeber zu handeln und Semir einzuweihen. "Gut so... und was jetzt?" "Jetzt...", doch die Männer wurden in ihrem Dialog jeweils unterbrochen. Beide bekamen per WhatsApp einen Videoanruf... und beide starrten mit weit aufgerissenen Augen auf ihr Smartphone. Auf Lucas' Telefon wurde in einem dunklen Raum auf zwei, mit Säcken über den Kopf vermummte Gestalten gezeigt. Eine der beiden Gestalten war klein und zierlich... die Statur eines Kindes. Der Magen des ehemaligen Navy-Soldaten zog sich zusammen, als die Säcke von den beiden entfernt wurden. Unbeschreiblicher Hass baute sich in den Augen auf, als er erkannte, dass unter dem ersten Sack seine geknebelte Ex-Frau Marlaine saß, die krampfhaft durch die Nase atmete und ihr Gesicht mit Tränenspuren übersät. Doch seine Hand begann zu zittern und wollte das Telefon zerdrücken, als unter dem zweiten Sack das verheulte und verängstigte, ebenfalls geknebelte Gesicht von Cynthia, seiner achtjährigen Tochter erschien. Er sah herüber zu Semir, der ebenfalls fassungslos auf sein Telefon starrte. In einem Video-Anruf ging derjenige, der das Smartphone zum Filmen hielt, gerade die Treppe eines Wohnhauses nach oben. Er ging durch den Flur geradewegs zu einer Zimmertür, die er langsam lautlos öffnete. Semir kannte die Treppe, den Flur und die Zimmertür. Genauso kannte er das junge Mädchen, das am Schreibtisch saß, mit dem Rücken zur Tür und mit In-Ears in den Ohren zum Takt der Musik wippend Hausaufgaben machte, und nicht zu merken schien, was hinter ihr passierte. Semir hatte ihr 100mal gesagt, dass sie sich sicher nicht besser mit Musik in den Ohren konzentrieren konnte... es war Ayda, seine Tochter.
      Ich bin es so leid, ohne dich zu sein
      Ich spür' wie das Leben aus mir rinnt,
      Nichts dringt mehr bis zu mir herein
      Träumen und Wachen jetzt eins nur sind

      Hilf mir mich zu finden nach all diesen Jahren
      Nimm mich ein kleines Stück Weges mit dir
      Heile die Wunden, die unheilbar waren
      Ich wär' fast gefallen, doch dann warst du hier

      Illuminate - Verloren

      <3
    • Keller - 14:10 Uhr


      Als die schwere Eisentür ins Schloß fiel und die vier Gefangenen alleine gelassen wurden, hatte das Geräusch der Tür etwas endgültiges. Sie hatten was sie wollten... jetzt konnten sie die vier da unten verschimmeln lassen. Die namenlosen Männer hatten Ben mitsamt seinem Stuhl wieder aufrechtgestellt, seine Haare klebten nass am Kopf und an der Stirn und seine Brust hob und senkte sich heftig. Ein ekliger eisenhaltiger Geschmack lag von der rostigen Zange auf seiner Zunge, die gerade noch drohend einen seiner Zähne gepackt hatte. Doch das merkte er gar nicht, er spuckte Wasser aus und blickte herüber zu seinem Cousin, der Höllenqualen zu leiden schien. "Sag mal, bist du wahnsinnig? Warum hast du es verraten? Weißt du, in welcher Gefahr meine Freundin jetzt schwebt?", rief Ben wütend.
      Die Antwort war ein verwirrter, verständnisloser Blick. Das Versteck zu verraten hatte Christian Überwindung gekostet, doch er konnte nicht den Profit, sein Gieren nach Aufmerksamkeit auf seine Arbeit bezogen über das Wohl seines Cousins stellen. "Ich... ich konnte doch nicht zusehen, wie sie dir die Zähne ziehen." Ben war rasend vor Sorge um Carina, denn es war glasklar, dass die Typen nun auf die Suche nach dem Stick gingen. "Scheiss auf meine Zähne! Wer weiß, was sie mit Carina anstellen.", schrie er wütend und wusste, dass er falsch reagierte. Christian sah bedrückt Richtung Boden: "Wenn sie sich nicht wehrt, werden sie ihr wohl nichts tun." "Ach..."


      Dann wurde Ben aktiv. Er zog an den Fesseln, zerrte, bewegte sich... keine Chance. Der Stuhl war aus massiven Holz, kein Stühlchen den man mit Wippbewegungen zum Brechen bringen konnte. Die Fesseln waren auch nicht von schlechten Eltern, man hatte alle gut verschnürt, so dass ihm alsbald die Arme einschliefen, weil er überhaupt keine Bewegungsfreiheit hatte. Jedes Rucken, auch der Versuch aufzustehen, brachte nichts. Und im Raum konnte er nichts entdecken, was er auch nur theoretisch benutzen konnte, um sich zu befreien. "Fuck... Fuck... FUCK!!!", wurde er dabei immer wütender, während Christian zunehmend apathisch neben ihm saß und selbst in ein Loch fiel. Die Schlacht war verloren, der Krieg kippte... seine Erfindung, zehn Jahre Arbeit, schien gerade zerstört zu werden.
      Ben beruhigte sich langsam und gab es auf. Er würde die Kraft vielleicht später noch brauchen, redete er sich ein. Doch kaum hatte er die Versuche aufgegeben, meldete sich die bohrende Sorge um seine Freundin zurück. Würden die Männer seine Wohnung überfallen, und sie war zuhause... nicht auszudenken. Er blickte auf und bemerkte jetzt erst vollständig die Anwesenheit der Frau und des Mädchens. "Wer sind sie?", fragte er mit wesentlich gemäßigterem Ton, doch sie sah ihn nur verständnislos an. Ben stellte die gleiche Frage nochmal auf Englisch, und jetzt antwortete sie. "Mein Name ist Marlaine. Das ist meine Tochter Cynthia." Beide Namen hörten sich amerikanisch oder englisch an, und auch ihr Englisch klang Amerikanisch. In Ben baute sich langsam ein Verdacht auf.


      "Sind sie... sind sie die Frau von Lucas? Lucas Blake?" Zuerst wollte sie nicken, doch als sie den Nachnamen hörte, verharrte sie. "Nein. Mein Ex-Mann heisst Lucas, und ich glaube wegen ihm sind wir auch hier. Aber er heisst O'Connor." Ben verdrehte innerlich die Augen, sie waren also doch auf der richtigen Spur. Doch warum kannten seine Feinde seinen richtigen Namen, während seine vermeintlichen Freunde, der CIA, einen falschen Namen gespeichert hatte. Wenn... Augenblick. Bens Hirn setzte aus. Wer sagte eigentlich, dass der CIA seine Freunde sind... und wer sagt, dass diese asiatischen Verbrecher immer seine Feinde waren. Verdammt, auf welcher Seite stand Lucas. Die Frau sah, wie es in dem jungen Polizisten arbeitete. "Was ist mit Lucas? Woher kennen sie ihn?", fragte sie dann und es schwang etwas Sorge in ihrer Stimme mit.
      "Arbeitet Lucas beim CIA?", fragte er dann und erhoffte sich, ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen. Die Frau schüttelte sofort den Kopf, allerdings zögerlich und wenig überzeugend: "Er war bei der Army. Er war in Krisengebieten und ständig unterwegs. Dann haben wir uns getrennt. Zuletzt, wenn wir geredet haben, haben wir wenig über Berufliches gesprochen. Er meinte, er hat etwas geregeltes... nichts gefährliches mehr. Die Voraussetzung, dass wir es vielleicht nochmal versuchen. Keine Behörde." Ben biss sich auf die Lippen. Irgendetwas stimmte nicht. So oft, wie sie von den Japanern aufgespürt wurden, aber warum hatten sie auch Lucas selbst unter Beschuss genommen? Welches Interesse hatte er an den Daten? Warum hatte er ihm im Parkhaus damals geholfen? Die Lüge mit dem CIA, seine gefakete Akte, und warum kidnappten die Typen seine Familie? Über das Nachdenken überhörte er die erneute Nachfrage der Frau, denn er befürchtete, dass Semir sich in großer Gefahr befand.



      Köln - 14:30 Uhr


      Semir war im Tunnelblick, nachdem er das Video gesehen hatte. Er bekam gar nicht mit, dass Lucas selbst ebenfalls erschreckende Nachrichten auf seinem Smartphone bekommen hatte, als er sein Handy einsteckte und mit schnellen Schritten die Wohnung verlassen wollte. Nur Carina hielt ihn noch zurück, natürlich konnten sie sie nicht einfach so liegen lassen. Zum Glück kam genau in diesem Moment die Verstärkung, Beamte, Krankenwagen, die KTU mit Meisner, der sich um den Toten kümmern sollte. "Es sei dringend, sie müssten weg.", liess sich der sonst zu ruhige besonnene Beamte noch entlocken, und Meisner reagierte verwirrt, wenn auch souverän. Semir wirkte nervös, irgendetwas musste vorgefallen sein. Ben fehlte... der grau-melierte Mann zählte Zwei und Zwei zusammen, und liess ihn gehen.
      Lucas unterdrückte seine innere Aggression. Sie durften sich jetzt nicht trennen, sie durften sich jetzt nicht entzweien in der Frage, wie man zuerst reagierte. Noch dazu hatte er keine Idee, woher dass Video stammte, wo dieser Ort war, wo man seine Tochter und seine Ex-Frau gefangen hielt. Semir dagegen schien ein klares Ziel zu haben. Im Treppenhaus begann er zu rennen, in den Wagen stieg er in Rekordzeit. Lucas schien er gar nicht mehr richtig wahrzunehmen, und der kahlköpfige Mann musste sich beeilen, die Füße in den Wagen zu ziehen, bevor der kleine Polizist beschleunigte.


      "Was ist los?", fragte er dann endlich, auch wenn er sich denken konnte, dass auch sein Sidekick eine beunruhigende Video-Message bekommen hatte, anders war seine Reaktion nicht zu deuten. Semir war im Ausnahmezustand, und seine Abteilung "Misstrauen" im Kopf funktionierte nicht richtig. Vor allem: Was sollte es jetzt noch schaden. Während er den Wagen in Rekordzeit durch den Vorstadtverkehr zwang und Kurs auf sein Wohngebiet nahm, zog er sein Handy aus der Jeans. "Hier!", sagte er und zeigte seinem Nebenmann das Video. Das Mädchen, abgelenkt von der Musik, und die unbekannte Hand, die im Video zu sehen war, schwarzer Handschuh, wie er dicht hinter dem Mädchen stand, und kurz davor war, zu zu packen. "Scheisse.", murmelte er. "Ja, scheisse. Richtig scheisse! Verdammt!!"
      Mit quietschenden Reifen warf Semir seinen Dienstwagen um die Ecken. Seine Sorge kannte keine Grenze. Andrea war im Büro, Ayda hatte nur bis 12 Uhr Schule und fuhr mit dem Bus nach Hause. Sie hatte sich seit dem Schul-Amoklauf wieder zurück an ihren normalen Rythmus gewohnt und wollte auch wieder auf den Fahrdienst ihres Papas verzichten. Lilly dagegen wurde von Andrea's Eltern von der Grundschule abgeholt und erst am späten Nachmittag nach Hause gebracht. Ayda war also allein daheim... grundsätzlich kein Problem. Jetzt würde es für Semir wieder zu einer Psychokiste kommen, wenn ihr etwas zugestoßen ist. Lucas hielt sich am Haltegriff über der Tür fest, obwohl er selbst jedes wagemutige Fahrmanöver beherrschte, aber Beifahrer zu sein war ihm suspekt.


      Vor dem Haus verlangsamte Semir, zog seine Waffe und entsicherte sie. Lucas packte ihn am Arm. "Glaub mir... die sind nicht mehr drin. Wenn, dann haben sie sie mitgenommen... oder sie wollen dir nur Angst machen." Er sah in Augen, die er in der kurzen Zeit des Zusammenarbeitens nie gesehen hatte. Braune aufgeschreckte Augen, Semirs Mund halboffen, als würde er einen Marathon laufen, die Augenbrauen drückten Sorge aus, und seine Falten an Stirn und Gesicht wirkten tiefer als sonst. "Ich werde mich jetzt nicht auf irgendwelche "Gefühle" von dir verlassen. Hier gehts um meine Tochter!!", sagte er uneinsichtig und stieg aus dem Wagen aus. Lucas presste die Lippen zusammen... und er verstand den Mann. Seine Sorgen waren die gleichen, er konnte sie im Moment nur mit Mühe unterdrücken.
      Die Haustür war verschlossen, aber nicht zugesperrt. Eigentlich wie immer, Ayda sperrte sich nie zu Hause ein. Mit zittrigen Fingern öffnete Semir die Haustür und eine umheimliche Stille empfing ihn. "Ayda? Bist du da?", rief er beinahe zaghaft, voller Sorge und bekam keine Antwort. Er hielt die Anspannung nicht mehr aus und verwarf sein eigenes Vorhaben, vorsichtig vor zu gehen. Lucas hatte Recht... warum sollten sie hier mit Ayda auf ihn warten? Sie war wohl nur die "Notlösung", falls die Suche bei Carina schief ging. Und so rannte er die Treppe rauf, so dass vermutlich jeder ihn im oberen Stockwerk hören könnte. Jeder, der nicht gerade in seine Hausaufgaben vertieft war und Inears mit Popmusik in den Ohren hatte, so wie Ayda in ihrem Zimmer, und die völlig überrascht war, als ihr Vater keuchend in der Tür stand, ein fremder Mann hinter ihm und sie, völlig perplex, von ihrem Vater in den Arm genommen wurde.
      Ich bin es so leid, ohne dich zu sein
      Ich spür' wie das Leben aus mir rinnt,
      Nichts dringt mehr bis zu mir herein
      Träumen und Wachen jetzt eins nur sind

      Hilf mir mich zu finden nach all diesen Jahren
      Nimm mich ein kleines Stück Weges mit dir
      Heile die Wunden, die unheilbar waren
      Ich wär' fast gefallen, doch dann warst du hier

      Illuminate - Verloren

      <3
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      Köln - 14:45 Uhr


      Unglaubliche Erleichterung machte sich in Semir breit, als die Erkenntnis in ihm reifte, dass Ayda in Sicherheit war. Niemand war ihm Haus, er nahm seine Tochter in den Arm die den Gefühlsausbruch ihres Vaters überhaupt nicht nachvollziehen konnte. Der erfahrene Polizist vermied es dann auch, die entsprechende Begründung zu liefern, er wollte seine Tochter nicht unnötig verängstigen. Vergegenwärtigte er sich dagegen aber, in welcher Gefahr sie schwebte, wurde ihm übel. Man wollte ihm Angst machen, und verdammt, man hatte es geschafft. Doch Semir war jetzt gewarnt und er leitete Gegenmaßnahmen ein. Kurzerhand "packte" er seine Tochter ins Auto und würde sie zur Dienststelle fahren, wo sie bei Andrea bleiben konnte. Die Großeltern wohnten nicht in Köln, trotzdem informierte Semir seinen Schwiegervater mit kurzen knappen Sätzen. Er solle niemanden reinlassen, am besten machten sie einen Ausflug.
      Lucas nahm das ganze stoisch und ruhig auf, obwohl er innerlich zum Zerreissen gespannt war. Und als er die Sorge eines Vaters in Semirs Augen sah, daraufhin seine Erleichterung, fasste er einen Entschluss. Er brauchte Hilfe, und in Semir fand er sie. Denn er war genauso Vater wie Lucas, er würde genau verstehen, was gerade in Lucas vorging. Seine Organisation dagegen hatte ihn verraten, und er konnte sich ausmalen, was sie ihm sagen würde. Gerade als Ayda nach hinten eingestiegen war, packte Lucas Semir am Ärmel und zeigte ihm stumm das Video, das er bekommen hatte. "Meine Ex-Frau und meine Tochter.", sagte er ohne weitere Erklärung. "Verfluchte Scheisse...", entfuhr es dem kleinen Polizisten.


      Gefahrlos, aber im höchsten Tempo fuhr er mit Lucas und Ayda zurück Richtung Dienststelle. Unterwegs funkte er bereits Hartmut an, inklsuive Ortungs-Equipment, zur Dienststelle zu kommen. Es sei dringend und Semirs Stimme duldete keinen Aufschub... das spürte Hartmut. Etwas in Semir sagte ihm, dass sich Ben und Lucas' Familie am gleichen Ort aufhielten. Erstmal stellte er dem Mann neben ihm keine bohrenden Fragen... aber das würde er müssen. Zunächst wählte der aber eine Nummer. Obwohl er Englisch sprach, konnte Semir fast alles verstehen. Lucas hatte, nachdem er seinen Entschluss gefasst hat, auch keinen Grund mehr für Heimlichtuerei.
      "Du verdammter Bastard", fluchte er in den Hörer und benutzte dafür das F-Wort, dass Ayda eigentlich nicht hören sollte. "Du hast gesagt, meine Familie wäre in Sicherheit. Einen Scheiss ist sie!" "Jetzt beruhig dich mal, Lucas.", kam die Stimme aus dem Lautsprecher des Smartphones. Sie klang ruhig, wenn auch leicht gestresst. Lucas' Auftraggeber machte sich weniger Sorgen um die Familie ihres besten Mannes, als um ihren besten Mann selbst... und dessen Entscheidungsfindung in dieser Ausnahmesituation. "Seit wann wisst ihr, dass sie weg sind? Hmm?" "Seit drei Tagen. Nachdem du uns angerufen hast, haben wir das leere Haus vorgefunden. Dein Sohn allerdings ist auf einer Klassenfahrt, er ist definitiv in Sicherheit." Lucas biss die Zähne zusammen, dass die Kiefer schmerzten.


      "Du musst jetzt die Nerven behalten. Haben die Typen Forderungen gestellt?" "Willst du mich verscheissern? Was wollen die woll? Den verdammten Stick wollen sie." Semir konzentrierte sich auf die Strasse und gleichzeitig auf das Gespräch. Lucas liess gerade so manche Maske fallen. Spätestens wenn die Familie in Gefahr war, wurde aus jedem eiskalten CIA-Mann... oder was auch immer Lucas war... ein Nervenbündel. "Okay.", meinte der Mann beschwichtigend. "Habt ihr den Stick?" Lucas sah auf die Straße. Er biss sich auf die Lippen, zog sich Luft durch die Nase. "Ja, den haben wir." "Dann will ich dass du so schnell wie möglich zu uns kommst. Damit der Stick in Sicherheit ist. Dann kümmern wir uns um deine Familie." Obwohl Lucas genau diese Antwort vermutete, konnte er es nicht fassen, dass sie tatsächlich kam.
      "Das kannst du dir in die Haare schmieren. Ich scheisse auf euch und den Auftrag. Zur Not tausche ich den Stick um meine Familie da raus zu holen." "Das wirst du nicht tun, Lucas. Es geht hier um tausende, wenn nicht hundertausende Menschenleben! Das weißt du ganz genau. Der Stick darf nicht in die falschen Hände kommen." Der Mann schwitzte und die Fahrt zur Dienststelle kam ihm ewig lange vor. "Das ist mir scheissegal!" "Wenn du den Stick nicht lieferst, werden wir dich finden. Du weißt, was das bedeutet.", sagte der Mann drohend. "Was willst du machen, hmm? Mir ein Killerkommando schicken?" "Nein, Lucas. Du kommst vors Kriegsgericht... vielleicht erinnerst du dich an Afghanistan. Und du weißt, dass es die Todesstrafe in Amerika auch im Militärstrafrecht gibt." Sein Puls pochte in seinen Schläfen. "Sei vernünftig, Lucas. So leid es mir tut... aber du kannst deine Frau und deine Tochter nicht gegen 100.000 unschuldige Zivilisten aufwiegen, die sterben werden wenn die Pläne dieser Waffe an Terroristen und Diktatoren verkauft wird." Der Mann fuhr sich mit den Fingern durch die Augen. Wenn man selbst nicht betroffen war, dann hatte die Stimme am anderen Ende der Leitung nicht unrecht. "Genauso würdest du im Krieg auch handeln. Du würdest zwei deiner Männer opfern um Tausende Unschuldige zu retten. Ist es nicht so? War es nicht so?" "Halts Maul!", rief Lucas. "Ich hole meine Familie da raus. Was du danach mit mir machst, ist mir scheissegal." Dann legte er auf und wollte das Handy am liebsten mit den bloßen Händen zerdrücken.


      Semir blieb stumm, bis er den Wagen auf dem Parkplatz stoppte. Hartmuts Wagen war noch nicht zu sehen. "Lauf schon mal rein zu Mama.", sagte er Ayda, und die älteste Tochter stieg aus dem BMW. Auch Lucas machte Anstalten, auszusteigen doch Semir hielt ihn am Arm fest. "Ich will jetzt die ganze Geschichte hören. Wenn wir deine Familie und meinen Partner da rausholen wollen, müssen wir uns vertrauen. Ich kenne jetzt zwei Namen von dir... welcher ist der Richtige?" Lucas atmete durch. Es war sowieso alles durch... er wollte nur noch seine Familie zurück und müsste sich danach in ein kleines Rattenloch verkriechen. "O'Connor. Den Namen, den die Asiaten kennen." Semir nickte... das machte die Sache nicht einfacher. "Was hat es mit diesem Lucas Blake auf sich? Das CIA-Profil?" "Das ist mein Alias. Für Jobs wie dieser." Eigentlich das, was Semir und Ben irgendwie schon vermuteten. "Deshalb ist er auch recht einfach zu finden... wenn es mal jemand nachprüft, so wie ihr."
      Wieder ein Nicken. Semir hatte sich halb zu Lucas gedreht, den linken Arm auf den Lenker gelegt. Solange Hartmut nicht da war, brauchten sie keine Eile zu schieben. "Gut. Du arbeitest nicht für den CIA und für die Jungs aus Asien auch nicht. Ich will jetzt wissen, für wen du arbeitest und ich will nicht angelogen werden." Semir erreichte Lucas nicht mit seiner Autorität, wie er einen Ben oder Kevin erreichen würde. Aber Lucas erreichte er damit, dass er auf Augenhöhe sprach. Und weil Lucas spürte, dass Semir ihm helfen würde.


      "Okay. Ich arbeite für eine Organisation. Der Name ist unwichtig und es ist besser für dich, wenn du ihn nicht kennst." Semir wollte bereits protestieren, doch Lucas kam ihm zuvor: "Wichtig ist nur, dass du weißt, dass wir zu den "Guten" gehören. Wenn der CIA oder das FBI Aufträge hat, Operationen und ähnliches, an denen man sich die Finger verbrennen kann, in denen man nicht nach dem Gesetz der USA vorgehen kann... dann ruft man uns. Ich wurde von einem Mann dort hineingebracht, der mich aus der Army kannte. Und nachdem ich dort..." er räusperte sich kurz, was Semir sofort erkannte, dass Lucas hier einen Teil der Geschichte ausliess "... dort aufgehört hatte, hat er mir dieses Angebot gemacht. Und mein Auftrag war, den Stick mit den Plänen zum Projekt IX zu beschaffen." "Projekt IX?", fragte Semir nach. "Das Projekt IX steht für eine neuartige chemische Waffe, mit den 9 gefährlichsten chemischen Giften dieser Welt. Die Pläne für diese Waffe wurden in einer Firma erstellt... und dieser Christian ist unser Kontaktmann, da er daran beteiligt war. Er sollte mir den Stick beschaffen. Das hat auch geklappt, aber er hat mich bei der Übergabe in New York betrogen."
      Semir zog die Stirn in Falten... das war also Christians Rolle an der ganzen Geschichte. Er nickte und hörte weiter zu: "Naja, und den Rest solltest du kennen. Ich habe ihn hierher verfolgt, er ist zu seinem Cousin gegangen und den Stick dort versteckt. Seitdem werden wir von den Yakuzas verfolgt, die alles drumgeben, an diesen Stick zu kommen. Und jetzt werden sie ihn gegen meine Familie austauschen wollen."


      Der erfahrene Kommissar schüttelte den Kopf. Die Sache war weitaus größer, schwerwiegender und weitreichender als er je angenommen hatte. Musste er bei sowas nicht die Chefin informieren? Konnte man das noch, mir nichts dir nichts, einfach alleine durchziehen. "Mit was erpresst dich die Organisation?", fragte er noch und Lucas sah überrascht zu Semir. "Wie meinst du das?" "Ich hab das Telefonat schon auch verstanden. Und ich sage dir aus eigener Erfahrung: Bei einer solchen Bedrohung sind zwei Menschenleben nichts wert. Und die Organisation will sicherlich den Stick... egal was mit deiner Familie passiert. Vor der gleichen Entscheidung stand ich auch schon mal... meine Familie zu retten, oder hundertausende Menschen in Köln." Semirs Stimme zitterte, als er sich an diese Situation im Fernsehturm vor fast 12 Jahren zurückerinnerte. Und dass er sich damals, obwohl in der Überzeugung, das Richtige getan zu haben, schwere Vorwürfe gemacht hat. "Und? Wie hast du dich entschieden?", fragte Lucas.
      Semir blickte kurz geradeaus durch die Scheibe, bevor er antwortete. "Im Affekt... für die Menschen in Köln. Aber zum Glück konnte ich meine Familie dennoch retten. Aber das war Zufall. Ich hatte im Affekt meine Familie, meine Frau und meine erste Tochter geopfert." Seine Stimme war plötzlich leise, und Lucas hatte eine andere Antwort erwartet. "Solch eine Entscheidung wünsche ich meinem schlimmsten Feind nicht.", setzte er noch hinzu. In diesem Moment rollte Hartmuts Transporter auf den Parkplatz, und beide Männer waren froh von dieser unangenehmen Situation erlöst zu werden. Semir sagte: "Komm... wir werden versuchen, beides zu schaffen. Deine Familie und meinen Partner zu retten... und den Stick."
      Ich bin es so leid, ohne dich zu sein
      Ich spür' wie das Leben aus mir rinnt,
      Nichts dringt mehr bis zu mir herein
      Träumen und Wachen jetzt eins nur sind

      Hilf mir mich zu finden nach all diesen Jahren
      Nimm mich ein kleines Stück Weges mit dir
      Heile die Wunden, die unheilbar waren
      Ich wär' fast gefallen, doch dann warst du hier

      Illuminate - Verloren

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      Dienststelle - 15:00 Uhr


      Es musste schnell gehen, und es wurde hektisch. Hartmut eilte, von Semir getrieben, in die Dienststelle und baute sein Equipment im Büro von Semir und Ben auf. Jenny blickte von ihrem Platz auf, als sie das hektische Treiben mitbekam und lief ebenfalls zu Semir ins Büro, wo sie von dem kleinen Polizisten kurz über die neuesten Entwicklungen in dem Fall instruiert wurde. Eigentlich sollte sie heute und morgen zusammen mit Semir und ein paar Kollegen zur Verstärkung die beschlagnahmten Akten aus dem Labor durchwälzen, doch Semir hatte das im Kopf schon abgehakt. Es würden nicht mehr viel Ermittlungen auf sie zu kommen, jetzt war schnelles Handeln gefragt. Natürlich wurde auch die Chefin auf die hektische Versammlung aufmerksam. "Darf ich, nur nebenbei, fragen was hier vor sich geht?", fragte sie mit katzenfreundlicher Stimme, bevor sie in das Büro trat.
      Semir nahm sie kurz beiseite und warf einen schnellen Blick auf Lucas. Nachdem der Semir reinen Wein eingeschenkt hatte, und der erfahrene Polizist das Gefühl hatte, dass der Amerikaner kein Interesse mehr an Verheimlichung hatte, wollte er auch die Chefin in alles einweihen. Lucas nickte, während Hartmut seinen Laptop hochfuhr um sofort zu versuchen, jegliche verfügbare Handynummern von Ben, Christian, Lucas Ex-Frau und dem Dienstwagen von Ben zu orten. Zu Semir und Anna Engelhardt gesellte sich auch Jenny, um alles zu erfahren.


      "Ben wurde von Christian während unsrer Durchsuchung angerufen. Scheinbar ist irgendetwas vorgefallen, jedenfalls ist Ben von der Durchschung abgedüst." "Und sie haben ihn einfach gehen lassen?", fragte die Chefin erstaunt und Semir sah kurz auf Lucas. "Wir konnten uns nicht verständigen... weil ich nicht wusste, auf welcher Seite Lucas steht." "Und auf welcher Seite steht er?", fragte Jenny nun interessiert, während Semir den Kopf kurz hin und her wog. "Er hat uns bezüglich des CIAs tatsächlich angelogen und uns einiges verschwiegen. Aber er steht auf unserer Seite. Er arbeitet für eine Organisation, die verhindern will, dass der Stick in falsche Hände gerät. Der CIA und das FBI sind die Auftraggeber, wenn sie selbst nichts tun könnten." Die Chefin griff sich mit einer Hand in den Nacken, eine Geste die sie oft tat, wenn sie ihre Skepsis zum Ausdruck bringen wollte.
      "Glauben sie ihm?" "Zumindest glaube ich ihm, dass er erstmal das Gleiche will, wie wir. Die Asiaten haben seine Frau und seine Tochter in ihrer Gewalt. Er hat ein Video bekommen. Ausserdem..." er blickte kurz durch die Fensterscheibe, wo Ayda es sich neben Andrea am Schreibtisch bequem gemacht hat. "... war jemand bei mir in der Wohnung. Bei Ayda. Um mich, quasi, zu warnen." "Was?", fragte Jenny nun entsetzt und sah sorgenvoll auf das Mädchen bei Andrea. Nicht auszudenken, was passieren hätte können, gerade bei Ayda, die in den letzten zwei Jahren einiges mitmachen musste...


      "Ausserdem wussten die Typen, dass Christian den Stick in Bens Wohnung versteckt hat. Diese Information können sie nur von Christian selbst bekommen haben. Und wenn Ben sich mit Christian getroffen hat...", erklärte der kleine Polizist ernst "... dann ist es sehr gut möglich, dass Ben ebenfalls von den Gangstern einkassiert wurde.", schlussfolgerte Jenny sorgenvoll, was Semir nickend bestätigte. Man hatte also mindestens drei, mit Christian sogar vier Leute in unmittelbarer Gefahr. "Ich informiere das SEK... damit die bereit sind, wenn wir wissen, wo es hingeht.", sagte die Chefin und wollte sich schon zum Gehen wenden. "Was ist jetzt überhaupt auf diesem Stick?", fragte sie dann noch und ihre Besorgnis wurde nicht kleiner, als Semir ihr auch darüber kurz Auskunft gab. Zumindest eine Sache beruhigte sie: Lucas schien mit offenen Karten zu spielen.... schien.
      Anna Engelhardt, mit all ihrer Erfahrung, gab aber zu bedenken: "Natürlich dürfen wir den Stick nicht aus der Hand geben, sondern versuchen die Geiseln so zu befreien. Aber Semir... bei aller Liebe. Ich weiß nicht ob es klug ist, den Stick danach Lucas zu überlassen. Wer weiß, für welche Zwecke ihn diese ominöse Organisation benutzt, wenn diese Waffe wirklich so gefährlich ist." "Ja, darüber habe ich auch schon nachgedacht.", sagte Semir mit leichtem Nicken. "Aber zunächst mal ist nur wichtig, dass wir Ben und Lucas' Familie da rausbekommen. Und Christian natürlich auch. Wobei mir noch nicht ganz klar ist, welche Absicht der verfolgt."


      Nach dem Austausch verschwand die Chefin in ihrem Büro um Schröder, den Chef des SEKs anzurufen und über die Lage zu informieren. Man solle sich bereithalten. Das Innenministerium wollte sie zunächst nicht informieren, weil auch ihr klar war, dass dann ein wesentlich größerer Apparat in Gang gesetzt wurde, und man dann das Wohl des Sticks über das Wohl ihres Beamten und der jungen Familie stellen würde. Dafür war auch während des Einsatzes noch Zeit, und sie würde das entsprechend begründen können. Jenny hielt Semir kurz am Arm fest: "Hast du gar nichts mehr von Ben gehört?", fragte sie voll Sorge und Semir schüttelte den Kopf. In Jenny machte sich eine untrügerliche Angst breit... es war erst wenige Wochen her, als sie den wichtigsten Menschen in ihrem Leben verloren hatte. Ben war für sie ebenfalls eine ganz enge Bezugsperson.
      "Mach dir keine Sorgen. Ben kann auf sich aufpassen, und wir holen ihn raus, wenn er in Problemen steckt.", sagte Semir und wollte in erster Linie beruhigend wirken, auch wenn er selbst natürlich voll Sorge um seinen besten Freund war. "Ich weiß... aber... weißt du. Das mit Kevin ist noch so frisch. Was wenn... was wenn wir auch noch Ben.", sagte sie auf einmal stockend, als kämen urplötzlich Erinnerungen und Bilder in ihr hoch. "Darüber darfst du jetzt nicht nachdenken, ok? Wir holen ihn da raus. Ja?", sagte der erfahrene Polizist und griff Jenny an beide Handgelenke. Sie riss sich zusammen und nickte fest. Als Semir sich umdrehte, wischte sie sich kurz durch die Augen.


      "Einstein, hast du schon was?", fragte Semir, als er mit Jenny zusammen wieder sein Büro betrat. Hartmut, das rothaarige Genie der KTU und enger Freund der Dienststelle, saß an seinem Laptop und seine Finger flogen über die Tastatur. "Also... hmm... erstmal haben wir Lucas' und dein Handy auf Überwachung, falls die Typen sich melden. Dann haben wir versucht die Handys zu orten. Das Handy von Lucas' Frau ist seit drei Tagen ausgeschaltet. Da ist nichts zu holen. Das gleiche gilt für Christians Handy. Bens Handy war bis vor kurzem noch eingeloggt, und zwar in einem Waldstück in den Ardennen. Dort in der Nähe ist auch das letzte Funksignal des Dienstwagens." "In den Ardennen?", fragte Semir nochmals nach und der KTU-Techniker nickte. "Scheisse, da müssen wir sogar noch die ausländischen Behörden informieren.", stöhnte Jenny.
      "Wie weit kannst du das Gebiet eingrenzen?", fragte Lucas sofort. "Das Handysignal ist weitläufig... alles Wald, das ist riesig. Aber das GPS-Signal des Autos kann ich sehr genau lokalisieren...", sagte er und tippte. "Das wird nicht nötig sein, Hartmut.", hörten alle die Stimme von Bonrath, der in der Tür stand, den letzten Satz mitbekommen hat... und ebenfalls sorgenvoll blickte. "Diese Mail ist gerade gekommen. Von den belgischen Kollegen." Es war ein offizielles Schreiben, das Protokoll eines gemeldeten Helikopterabsturz auf einer Landstrasse. Direkt daneben das Unfallauto mit den Kennzeichen, die auf die Autobahnpolizei zugelassen waren. "Oh Fuck...", sagte Semir und bei den Bildern drängte nun die Angst um Ben in den Vordergrund, die er die ganze Zeit erfolgreich nach hinten gedrängt hatte, um konzentriert zu bleiben. "Man hat nur zwei Leichen im Helikopter gefunden, nicht im Fahrzeug. Allerdings Blutspuren am Lenker und am Beifahrersitz." Semir biss sich auf die Lippen. Die Gangster würden sich kaum die Mühe machen, Ben und Christian in den brennenden Helikopter zu ziehen. Oder hatte man versucht, die beiden nach dem Unfall zu entführen und war dann abgestürzt? Nein... Semir schüttelte den Kopf. Ausgeschlossen... dann hätten sie die Information zum Stick nicht gehabt. Ihr Problem war allerdings jetzt, dass sie keinerlei Hinweis auf einen Aufenthaltsort hatten.
      Ich bin es so leid, ohne dich zu sein
      Ich spür' wie das Leben aus mir rinnt,
      Nichts dringt mehr bis zu mir herein
      Träumen und Wachen jetzt eins nur sind

      Hilf mir mich zu finden nach all diesen Jahren
      Nimm mich ein kleines Stück Weges mit dir
      Heile die Wunden, die unheilbar waren
      Ich wär' fast gefallen, doch dann warst du hier

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