IX

    • in Erarbeitung
    • Campino

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    • Fühlinger See - 19:00 Uhr


      Sein Kopf schmerzte nicht, eher der Nacken. Das beruhigte Ben insofern, dass er keine Gehirnerschütterung hatte und nicht durch einen Schlag auf den Kopf ohnmächtig war. Aber der Hals tat ihm weh, weswegen er den Kopf immer mal hin und her drehte, als er sich vom Boden wieder aufgerafft hatte. Jemand hatte die Hütte ganz schön auf links gedreht, nachdem er ihn ausgeschaltet hatte. "Was ein Scheisstag...", murmelte er missmutig und ging einige wacklige Schritte durch das Chaos. Scheinbar hatte der Typ nicht das gefunden, was er wollte, denn in wirklich allen Zimmern herrschte Chaos. Aber zuerst wollte er seinen Partner beruhigen, auch wenn sie vorhin im Streit auseinander gegangen waren. Er sah die vielen Anrufe in Abwesenheit und wählte mit seinem Smartphone Semirs Nummer.
      Es dauerte nur kurz, bis der kleine Polizist hektisch abnahm. "Ah, du lebst also noch.", war eine Mischung aus Vorwurf und Erleichterung, die Ben ins Ohr drang. "Gerade so..." "Was war denn los? Wo bist du? Warum gehst du nicht an dein Handy? Hast du geschmollt?", überfuhr Semir ihn mit Fragen und der großgewachsene Kommissar verdrehte die Augen. "Ja, weil ich ein kleines Kind bin." Er seufzte und hätte sich für den Ton schon wieder selbst ohrfeigen können. "Nein, ich hab nicht geschmollt. Ich hab einen Tipp bekommen, wo Christian sein könnte... und scheinbar war der Tipp nicht verkehrt."


      Während er redete, tapste er über das Chaos durch die Räume und versuchte, selbst noch etwas zu finden, was dem Typ vielleicht entgangen war. "Hast du ihn gefunden?" "Das leider nicht. Aber scheinbar ist hier etwas, was begehrt ist." Er konnte Semir am Telefon seufzen hören. "Du sprichst in Rätseln." "Ich bin in einer Hütte, die Christians Vater gehört. Kurz nachdem ich hier an kam, wurde ich niedergeschlagen. Und jetzt ist die ganze Bude auf links gedreht." "Wie bitte?", fragte Bens Partner ungläubig. "Du hast schon richtig gehört. Mir muss jemand gefolgt sein. Scheinbar sind wir nicht die einzigen, die Christian suchen." "Das würde zumindest bedeuten, dass die Angreifer heute Morgen keinen dritten oder vierten Mann hatten, die Christian aufgegriffen haben." "Ja... falls es die Asiaten waren."
      Semir dachte nach. "Wer hat sonst noch Interesse an deinem Cousin?" Er konnte hören, dass sein Partner offenbar ebenfalls noch auf die Suche nach Hinweisen ging. "Du, keine Ahnung. Ich blick da sowieso noch nicht ganz durch.", meinte Ben missmutig, aber immerhin wieder in einer Art der Zusammenarbeit. Keiner der beiden brauchte sich zu entschuldigen nach dem Streit am Nachmittag, Ben wusste dass er sich blöd benommen hatte, und die Tatsache dass er jetzt wieder normal auf Semir reagierte, nahm dieser als stumme Entschuldigung an. Sie funktionierten, wie ein altes Ehepaar.


      "Ich informier die Spurensicherung.", meinte Semir dann, doch Ben schüttelte den Kopf. "Ich glaub nicht, dass das was bringt. So professionell der mich ausgeschaltet hat, wird der hier keine Spuren hinterlassen haben... wart mal grad." Bens Hände hatten zwischen den Kissen der kleinen Couch etwas gefunden. "Ich glaube, ich hab hier etwas, was der Typ übersehen hat." Er zog das Blatt mit der Klarsichtfolie hervor und warf einen Blick darauf. "Sieht aus wie ein Gebäudeplan." "Von welchem Gebäude?", kam sofort die Frage durchs Telefon, doch Ben konnte darauf keine Antwort geben. "Keine Ahnung. Es steht nix dabei. Aber das bekommt Hartmut sicher raus..." Der junge Polizist konnte sich nicht erklären, warum Christian hier einen Gebäudeplan verstecken sollte.
      "Soll ich vorbeikommen?", fragte Bens Partner dann, und seine Stimme klang fürsorglich. "Nein, kein Problem. Ich fahr direkt nach Hause. Ich glaub nicht, dass wir heute noch viel rausbekommen. Morgen früh fahren wir direkt zu Hartmut, ok?" "Alles klar. Dann erhol dich mal von dem Schrecken.", sagte Semir und die beiden beendeten das Gespräch. Ben sah sich in der Hütte noch etwas um, dann fotografierte er, wie Lucas vorher, den Plan und sendete ihn direkt an Hartmut, mit der Bitte heraus zu bekommen, von welchem Gebäude dieser Plan sei. Danach fuhr er, mit 1000ten Gedanken nach Hause.



      Jennys Wohnung - 22:30 Uhr


      Jenny schreckte hoch... für einen Moment wusste sie nicht, wo sie sich befand. Nur langsam gewöhnten sich ihre Augen an die Umgebung, der Ton des Fernsehers drang zu ihr und sie spürte, dass sie auf ihrer Couch eingeschlafen war. Aber warum hatte sie sich so erschreckt? Hatte sie geträumt? Einer der zahllosen ruhelosen Träume, die sie in den letzten Wochen immer wieder heimsuchte? War sie überhaupt wach? Sie hatte sich einen Trick angewöhnt und zwickte sich in den Oberarm... ja, sie war wach. So oft, wo sie in letzter Zeit dachte, sie sei aufgewacht... dabei war sie gerade nur von einer in die andere Traumebene gewechselt. Das gemeinste, was einem das Hirn vorgaukeln konnte. 'Vielleicht sollte ich einfach ins Bett gehen...' dachte sie sich und schauderte.
      Die junge Polizistin hatte vor nicht vielen Dingen Angst, als sie zur Polizei gekommen war. Angst war ein schlechter Begleiter im Dienst, aber auch im Privatleben war sie unbeschwert. Die letzten 12 Monate hatten das geändert. Sie hatte Liebe erfahren, Unsicherheit, Verlust. Kevin, ihr Kind, und nochmal Kevin. Sie hatte erfahren, was nackte, pure Angst bedeutete. Als Mark Schneider über sie herfiel, als sie von Carsten entführt wurde und als sie in Kevins eiskalte Augen blickte, der ohne Gedächtnis eine Waffe auf sie richtete. Das Schlimmste aber war, dass sie Kevin vor einigen Wochen verlor. Seitdem hatte sie Angst... Angst vor Alpträumen, Angst vor der Dunkelheit. Sie hielt Versprechen und ließ es nicht zu, dass ihre Trauer und ihre Gedanken an Kevin in Hass umschlugen. Im Hellen verwandelte sie die Gedanken in Energie in ihren Job, was ihr immer besser gelang, auch wenn ihre Unbeschwertheit fehlte. Aber im Dunkeln wandelten sich die Gedanken in Angst...


      Sie gingen müde ins Badezimmer, zog sich aus und stellte die Dusche an. Nach einer Minute war das Wasser warm, das aus dem Duschkopf strömte und Jenny stellte sich unter den Wasserfall. Tropfen perlten von ihrer Haut, sie schloß die Augen und genoß für einen Moment diese Wohltat, als sie plötzlich in mitten des rauschenden Wassers ein Geräusch vernahm. Es klang, wie ein Klopfen und sofort riss Jenny die Augen. Sie hörte angestrengt, da war es wieder, und sofort stellte die junge Polizistin das Wasser ab. Ihr Herz klopfte bis zum Hals, als sie im stillen Badezimmer stand und lauschte, ob es nochmal klopfte, nur das Tropfen des Wasserhahns und das Gluckern des Abflusses war zu hören. Und ihr Herzschlag zu spüren, sie schien dabei den Atem anzuhalten. Doch nichts tat sich mehr, bis sie zum Wasserhahn griff. Noch bevor sie ihn erneut aufdrehte, klopfte es erneut. Es kam von weit weg, aber nicht aus Richtung der Wohnungstür. Es klang, als klopfe jemand gegen Blech, eine Autotür oder die Motorhaube... nicht gegen die Wohnungstür aus Holz oder ein Fensterglas. Es klopfte immer zweimal... im gleichen Abstand, wie die Schüsse auf Kevin fielen. Jenny nahm ein großes Handtuch und wickelte sich darin ein, bevor sie langsam mit nassen Füßen die Badezimmertür öffnete. Die Wohnung lag dunkel und still vor ihr, sofort knipste sie das Licht überall an um alle bösen Geister zu vertreiben. "Ganz ruhig, Jenny. Du bildest dir das schon wieder ein. Du bist einfach nur müde.", sagte sie zu sich mit zitternder Stimme. Sie ging zurück ins Badezimmer und sah in den Spiegel. So müde sah sie eigentlich nicht aus... ihre Augen waren groß vor Schreck. Aber ihr Atem beruhigte sich langsam wieder. Sie hatte das Handtuck fest um sich gebunden, nahm ein zweites Handtuch um die Haare abzutrocknen. Dabei lehnte sie sich ein wenig nach vorne und begann die langen Haare trocken zu rubbeln.


      Als sie sich wieder aufrichtete und in den Spiegel sah, erstarrte sie. Hinter ihr stand Kevin, der sie mit seinen blauen Augen, in seinem weißen Shirt und seinem melanchonischen, manchmal traurig wirkenden Blick ansah. "Hilf mir.", konnte sie seine monotone Stimme hören. Blitzschnell drehte sie sich vom Spiegel weg und starrte auf die offene Tür, wo ihr verstorbener Freund gerade noch im Spiegel zu sehen war, doch da war niemand. Nur einmal konnte sie noch das Klopfen hören, als Jenny Tränen in die Augen stiegen und sie sich am Waschbecken festhalten musste, weil ihr die Beine versagen wollten...
      Ich bin es so leid, ohne dich zu sein
      Ich spür' wie das Leben aus mir rinnt,
      Nichts dringt mehr bis zu mir herein
      Träumen und Wachen jetzt eins nur sind

      Hilf mir mich zu finden nach all diesen Jahren
      Nimm mich ein kleines Stück Weges mit dir
      Heile die Wunden, die unheilbar waren
      Ich wär' fast gefallen, doch dann warst du hier

      Illuminate - Verloren

      <3
    • Dienststelle - 8:00 Uhr


      Ben hatte verdammt schlecht geschlafen und war trotzdem so pünktlich, dass Semir erstaunt die Augenbrauen hob, als er durch die Glasfront seines Büros sah, wie der Mercedes mit Schwung auf den Parkplatz fuhr. Er machte sich Gedanken um seinen Cousin. Sein Onkel hatte ihn am Abend nochmal mit sorgenvoller Miene angerufen. "Irgendwas ist da passiert. Das ist nicht seine Art.", hatte er immer wieder gesagt, und Ben hatte größte Mühe Christians Vater halbwegs zu beruhigen... Wohl im Wissen, dass das eh nichts bringen würde. Manfred Jäger kam eben nicht aus seiner Haut heraus, und die war nun mal die Haut eines sorgenden Vaters, dessen Kind spurlos verschwunden war, nachdem es mit Waffengewalt angegriffen wurde. Und so trugen Ben keine wachen Beine ins Büro, sondern vor allem die Neugier, was Hartmut aus dem Gebäudeplan herausgefunden hatte.
      Als er die Dienststelle betrat, sah er wie Jenny sich gerade ebenfalls hinter ihren Schreibtisch in dem zweiten Kommissars-Büro setzte, das sie seit Kevins Tod immer noch alleine beherbergte... bis auf die paar Tage, als Kevins eigentlicher Nachfolger da war, und von Ben sodenn wieder "vertrieben" wurde. Auch sie sah müde und geschafft aus, obwohl sie sich im Dienst wacker schlug. Sie brachte auch sofort ein kurzes Lächeln über die Lippen, als sie Ben sah und ihm als "Guten Morgen" - Gruß zunickte. Danach ging der Polizist mit der Wuschelfrisur in Richtung seines Büros.


      Dort wurde er mit einer Überraschung konfrontiert, denn sein Stuhl war besetzt. "Was machen sie denn hier?", blaffte er überrascht und alle guten Vorsätze, heute mal nicht besonders unfreundlich zu sein, waren über den Haufen geworfen. Lucas sah mit arggewöhnischem Blick auf und sagte erstmal nichts, das übernahm Semir, der innerlich schon wieder den Kopf schüttelte. "Guten Morgen erstmal...", war die erste spitze Bemerkung auf Bens fehlende Begrüßung. "Jaja, guten Morgen.", wiederholte dieser genervt und fühlte sich sofort wieder, wie ein kleines Kind, das gemaßregelt wurde. "Und zum Zweiten: Lucas wird uns offiziell unterstützen, da seine Ermittlungen gegen die asiatische Mafia offenbar mit dem Verschwinden von deinem Cousin zu tun haben." Als Semir Bens misstrauischen Blick auf Lucas bemerkte, verbesserte er sich sofort: "Oder besser gesagt: Wir sollen Lucas unterstützen... denn eigentlich hat der Fall mit uns nichts zu tun. Kannst mir später danken, dass ich das bei der Chefin durchgedrückt habe, und wir nun hochoffiziell nach deinem Cousin suchen dürfen." Semir sah seinen Partner beinahe herausfordernd an. Er erwartete kein überschwängliches Dankeschön oder ähnliches, er erwartete dass sein bester Freund endlich wieder wie ein erwachsener Polizist verhielt und nicht wie ein pubertierender Jugendlicher, auch wenn er natürlich immer die besonderen Umstände im Bezug auf Kevin im Hinterkopf hatte. "Schön schön.", meinte Ben halbwegs und erzwungen versöhnlich. "... trotzdem ist das mein Stuhl." Dabei zeigte er mit dem Finger auf den Platz, wo Lucas saß.


      Der wiederrum grinste kurz, stand mit erhobenen Händen auf und trat zwei Schritte zurück um Ben seinen Platz zu überlassen. Der setzte sich, ein kurzes "Danke" murmelnd, dann auch sofort hin. "Hat Hartmut sich schon gemeldet?" "Noch nicht.", antwortete Semir und blickte kurz zu Lucas. "Aber Lucas hat vielleicht noch ein paar interessante Infos." Der wiederrum hatte sich mit dem Gesäß an die niedrige Fensterbank gelehnt und die Arme verschränkt. Die Haltung erinnerte Ben, als er sich umsah, für einen Moment ganz intensiv an Kevin, der oft bei Besprechungen stumm im Hintergrund genauso dort stand. Aber Lucas redete jetzt: "Ich habe gestern abend noch mit meinen Kollegen in den Staaten telefoniert. Die Yakuzi sind in den USA ziemlich präsent, und unsere Aufgabe ist es, sie in gewisser Weise unter Kontrolle zu haben. Wir haben es hier mit einer Art Paralellgesellschaft zu tun, die die hiesigen Regeln nicht akzeptiert. Ähnlich...", er sah kurz zu Semir, von dem er keine Nationalität wusste, aber vermutlich aufgrund seines Namens kurz Skrupel hegte. "Entschuldigung, wenn ich es so offen sage, ähnlich wie es in Deutschland Probleme mit arabischen Clans gibt." Semir zuckte nur mit den Schultern und sagte: "Ich kann nichts für den schlechten Teil meiner Landsleute. Alles gut."


      Lucas nickte kurz, und fuhr dann fort: "Jedenfalls ist eine ganze Ermittlungsgruppe dabei, verschiedene japanische Großfamilien in erster Linie zu beschatten und Informationen zu sammeln. Ich habe nachhören lassen, ob es gewisse Bestrebungen gibt, die in das Arbeitsumfeld ihres Cousins fallen. Umwelttechnik, Physik und ähnliches." Er nickte Semir zu, der über seinen Rechner einige Bilder aufrief, die ihm Lucas auf einem Stick gegeben hatte... es war das perfekte Ablenkungsmanöver für ihn, um die Ermittlungen voran zu treiben, ohne die wahren Gründe zu nennen. Zuerst leuchtete ein Bild auf, das aussah wie das Logo einer Firma. Ein Blitz, japanische Schriftzeichen in Grün und ein Baum. "Das ist das Logo der Firma National Engineering. Diese Firma wurde von diesem Herrn." Das Bild wechselte zu einigen Fotos eines Japaners, die offenbar heimlich geschossen worden sind. "...vor einigen Wochen gegründet. Xiao ist eins der Oberhäupter der Familie, die wir vorrangig beschatten, und die Firma soll demnächst ein Photo-Voltaik und Solarpanel auf den Markt bringen, welches den herkömmlichen Panels in Sachen Wirkungsgrad überlegen sein soll. Eine Weltneuheit... eine Gelddruckmaschine. Gesponsort wird die angeblicke Entwicklung von diesem Herrn..." Erneut wechselte das Bild auf einen Mann im Anzug, grauem Spitzbart und Halbglatze, ebenfalls ein Japaner. "Sein Name ist Ho Lee. Ebenfalls unter unserer Beobachtung. Als wir von dieser Firmengründung erfuhren, hat uns das erstmal nicht sonderlich interessiert, weil es nicht wirklich in die Geschäftsfelder passte."


      Der Mann hatte Semir diese Story bereits aufgetischt, der wiederum keinerlei Grund sah, Lucas die ganze Sache nicht zu glauben. "Dass dein Cousin, als ziemlich erfolgreicher Entwickler im Bereich Umwelt- und grüne Energie, nun ausgerechnet von Mitgliedern der japanischen Yakuza angegriffen wird, lässt die Sache aber nun doch interessant erscheinen.", meinte Semir, der sich mit Lucas bereits ausgetauscht hatte. Ben hörte aufmerksam zu. "Natürlich ist das eher eine Spekulation, aber vermutlich geht es hier um Industrie-Spionage, oder besser gesagt: Diebstahl. Wir gehen davon aus, dass dein Cousin... ich darf doch auch "du" sagen, oder?", unterbrach Lucas für einen Moment, und Ben nickte nur. "Dass dein Cousin wichtige Daten, Unterlagen, Simulationsergebnisse oder was weiß ich auf diesem Stick hatte. Und die Yakuza diese Informationen brauchen, um in Amerika auf diese Technik Patente anzumelden, und ordentlich Geld zu verdienen. Durch das Sponsoring von Ho Lee ist das dazu noch eine perfekte Geldwaschmaschine für allerlei illegale Einkünfte." Ben nickte anerkennend... die Theorie klang schlüssig, und zumindest hatte man jetzt ein wenig Grundlage. "Was uns aber immer noch nicht hilft zu wissen, wo Christian ist." "Das ist leider richtig...", meinte Semir, fügte aber an: "Aufgrund der Tatsache, dass jemand seine Hütte gestern abend verwüstet hat, kann man aber davon ausgehen, dass er nicht in der Gewalt der Japaner ist." Allein das machte Ben Mut. Das Geräusch seines Mail-Postfaches ließ ihn aufblicken und mit wenigen Klicks öffnete er die Mail, die direkt aus der KTU kam. "Hartmut weiß, von welchem Gebäude der Plan ist..."
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      Illuminate - Verloren

      <3
    • Chemisches Labor - 10:00 Uhr


      Die beiden Polizisten, sowie ihre Begleitung Lucas kamen sich für einen Moment vor wie in einem Hochsicherheitstrakt... und genau das war das chemische Forschungslabor im Industriegebiet nahe Köln auch. Kamerasysteme, mehrfache Sicherheitsschleusen und jede Menge Security-Personal waren zugegen, damit niemand Unbefugtes in diese Einrichtung hineinkam. Hartmut war recht zügig mit der Analyse des Plans, weil manche Räume typisch für ein Labor angeordnet waren, die er aus seiner Studienzeit kannte. Seine zweite Vermutung war dann auch schon ein Volltreffer. Forschung passte, Naturwissenschaft auch, aber Chemie? Was hatte Chemie den mit angeblichen Photovoltaik-Anlagen zu tun. "Zumindest Solaranlagen haben zur Kühlung eine sogenannte Solarflüssigkeit. Die besteht zu 40% aus Polypropylenglykol, und das muss ja irgendwo hergestellt werden, und wird immer wieder verbessert.", erklärte Hartmut den drei erstaunten Zuhörer, bevor sie sich auf den Weg gemacht hatten.
      Mit dem grauen Mercedes durchfuhren sie die Schleuse und konnten auf dem Werksgelände parken. Ein grauhaariger Mann in Jacket und Jeans empfing sie an einer Glastür und schüttelte allen dreien die Hand. "Karl Bretten, ich bin der Personalchef unserer Firma. Unser Geschäftsführer ist zur Zeit nicht im Hause, was kann ich denn für sie tun?" "Wir haben im Zuge eines Vermisstenfalls, sowie beim Verdacht auf Diebstahl geistigen Eigentums bei dem Entführungsopfer den Gebäudeplan ihres Labors gefunden. Dazu hätten wir ein paar Fragen an sie.", sagte Semir nachdem er sich ausgewiesen hatte. Bretten schaute kurz zwischen den drei Männern hin und her und bat sie dann herein.


      In seinem Büro bat er die Männer, sich zu setzen. Das Büro grenzte sich zum sonstigen, schlichten modernen Bau ein wenig ab. Viele Bilder, helle Holzmöbel und ein super moderner Flatscreen an der Wand ließen diesen Raum futuristisch wirken. "Mein lieber Mann... und das brauchen sie alles als Personalchef?", fragte Semir anerkennend. "Wie bitte? Ach so, nein... das Büro gehörte vorher einem unserer Entwicklungsleiter. Allerdings sind einige umgezogen, und ich kam hier rein.", antwortete Bretten und setzte sich ebenfalls. "Wie kann ich ihnen denn weiterhelfen?" "Arbeitet ein gewisser Christian Jäger bei ihnen?" Ben bekam bei dem Namen sofort ein Stechen in den Magen. Egal, wie wenig er mit seinem Cousin zu tun hatte, er machte sich immer noch Sorgen um ihn. "Einen Moment..."
      Karl Brettner ließ seinen Finger über die Tastatur fliegen, als er den Namen in die Datenbank eingab. "Nein... ist nicht bei uns aufgeführt." "Hab ich dir ja gesagt.", raunte Ben in Richtung seines Partners, schließlich hatte Christian ihm selbst erzählt, dass er in einer Firma in Amerika angestellt war. "Können sie sich erklären, warum er einen Gebäudeplan ihres Hauses aufbewahren sollte? Noch dazu gut versteckt?", fragte Lucas, der hinter den beiden Polizisten stand, weil sonst keine Sitzmöglichkeit mehr vorhanden war.


      Bretten schüttelte den Kopf. "Nicht wirklich. Also, wir haben zwar einige hochinteressante Forschungen zur Zeit am Laufen, aber darüber ist in der Öffentlichkeit kaum bekannt." "Industriespionage?", fragte Semir konkret. Der Personalchef dachte nach. "Darüber kann ich ihnen eher weniger sagen. Aber selbst wenn... sie haben selbst gesehen, wie gut gesichert das Gebäude hier ist." "Herr Bretten, wir haben schon so manch vermeintlich sicheres Gebäude kennengelernt in unserer Karriere.", sagte der kleine Kommissar ein wenig schnippisch.
      "Mein Cousin hat scheinbar an Solar bzw Photovoltaik-Technik gearbeitet. Entwickeln sie hier etwas in dem Bereich?", fragte Ben dann und lehnte sich bei der Frage ein wenig nach vorne, so als wolle er es dem Personalchef direkt sagen, ohne dass es jemand anders hört. Doch dafür sprach er eindeutig zu laut. Lucas hielt sich schweigend im Hintergrund und sog jede Antwort in sich auf. "Ich bin nicht über jeden einzelnen Arbeitsbereich informiert.", meinte der grauhaarige Mann "... aber von Photovoltaik oder Solartechnik wüsste ich zur Zeit nichts." "Irgendwas anders im Bereich von erneuerbaren Energien?" Wieder ein kurzes Nachdenken, wieder ein verneinendes Kopfschütteln. Gedankenverloren sah Ben auf das Bild mit dem Gebäudeplan auf seinem Handy, als ihm etwas auffiel.


      "Sagen sie... schauen sie mal. Der Raum dort oben. Die Linien sind dicker gezeichnet als bei allen anderen Räumen.", sagte er plötzlich hastig und zeigte Bretten das Bild. Semir stand ein wenig vom Stuhl auf um selbst auch nochmal einen Blick darauf zu werfen. "Das kann auch ein unsauberer Druck sein, oder?", meinte er nachdenklich. "Hmm... ich weiß nicht. Warten sie mal." Bretten klickte wieder mit seiner Maus und konnte im Archiv den Gebäudeplan aus der Bauphase aufrufen. Die Datis am Rande des Plans stimmten überein. Auf dem Bildschirm sah man jedes Detail viel genauer. Lucas kniff ein wenig die Augen zusammen. "Also, hier sieht man die dickeren Linien nicht.", meinte Bretten und Ben sah nochmal genau auf sein Handybild. "Das ist kein unsauberer Druck. Die Linie ist überall gleich dick."
      "Was ist das für ein Raum?" "Das ist eins unserer Testlabore. Kein besonderes eigentlich.", meinte der Personalchef. "Können wir uns dort mal umsehen?" "Hmm... da müsste ich mal nachfragen, ob...", der Mann wurde sofort von einem energischen und ungeduldig wirkenden Ben unterbrochen. "Herr Bretten, es geht hier vielleicht um ein Menschenleben. Je eher wir Informationen bekommen, was hinter der ganzen Sache steckt, umso eher finden wir Herr Jäger." Semir war froh, dass Ben sich unter Kontrolle hatte, sein Ton war bestimmt, aber sachlich ohne Anzeichen von Kontrollverlust. "Na schön, kommen sie mit."


      Die kleine Gruppe verließ das Büro des Personalchefs und wanderte durch verschiedene Flure. Semir hatte die Schweigsamkeit von Lucas bemerkt, und irgendwie erinnerte es ihn an Kevin, der in Verhören oder Vernehmungen ebenfalls oft sehr ruhig wirkte, beinahe desinteressiert, bevor er dann ein oder zwei Fragen stellte, die plötzlich neue Türen öffnete... als bräuchte er so lange, um genau die richtigen Fragen zu stellen, während Ben und Semir das Übliche abfrühstückten. Wie es bei Lucas nun aussah, konnte der kleine Kommissar natürlich nicht sagen, aber er hatte eine Vermutung. Unterwegs ging er ein Stück neben dem breit gebauten Mann. "Wenn dir irgendwas komisch vorkommt, oder Fragen auftauchen... ich meine, du bist ja selbst vom Fach... grätsch uns ruhig dazwischen." Er dachte, dass der "Fremde" in dem Bunde vielleicht ein wenig Scheu davor hatte, sich einzumischen.
      Doch Lucas schüttelte den Kopf. "Keine Panik, ich bekomme dann schon meinen Mund auf.", sagte er dann ohne erkennbare Emotion in der Stimme. Er wirkte konzentriert und fokussiert, ein schwer zu durchschauender Mann, fand Semir. Unangenehm undurchschaubar, nicht wirklich geheimnisvoll wie es Kevin war. Eher verschlagen... aber der Gedanke war unfair, dachte Semir für sich. "Alles klar. Hast du eigentlich bei der normalen Polizei angefangen, bevor du zum CIA gegangen bist?", fragte er dann um noch ein wenig Hintergrundwissen zu bekommen, mit wem sie es eigentlich zu tun hatten. Freundschaftlicher Smalltalk, nannte er das gern, doch ausser einem kurzen "Nein." ohne den Alternativweg zu erzählen machte Lucas Blake klar, dass er an Smalltalk nicht interessiert war...
      Ich bin es so leid, ohne dich zu sein
      Ich spür' wie das Leben aus mir rinnt,
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      Hilf mir mich zu finden nach all diesen Jahren
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      Illuminate - Verloren

      <3
    • Chemisches Labor - 10:20 Uhr


      Als die kleine Gruppe an Männern den Verwaltungskomplex verließen und in den Forschungskomplex überwechselten, verwandelten sich die Farben um sie herum. Die Wände wurden strahlend weiß, die Neonröhren über ihnen spendeten zusätzlich gleißendes Licht. Semir kniff ein wenig die Augen zusammen und Ben merkte an, dass er seine Sonnenbrille im Auto hat liegen lassen. "Für die Versuche in den Laboren brauchen wir teilweise das helle Licht.", sagte der Personalchef Bretten, der Bens Spruch sofort richtig deutete. Am Fahrstuhl musste Bretten sich anhand eines Fingerabdrucks identifizieren, und dem Polizisten mit dem Wuschelkopf wurde mulmig. "Gibt es hier kein Treppenhaus? Ich brauche etwas Bewegung." Semir sah ihn von der Seite an und zog ihn am Ärmel. "Na komm. Konfrontationstherapie!" "Es ist nur ein Stockwerk, Herr Jäger.", lächelte Bretten, während Lucas stumm, ohne ein Wort in den Fahrstuhl ging.
      Bens Beine wurden zu Pudding und seine Schuhsohlen waren wie festgenagelt. Es fühlte sich an, als würde er durch flüssigen Teer waten, der nicht nur zähflüssig war, sondern auch unangenehm heiß, so sehr kroch die Hitze von seinen Schuhen die Beine hoch bis in seinen Kopf. Lucas etwas genervter Gesichtsausdruck in diesem Moment gab den Ausschlag, dass er sich vor dem, nach aussen hin furchtlosen CIA-Beamten keine Blöße geben wollte, und letztendlich in den Aufzug stieg. Das Schild, dass er Baujahr 2014 war, beruhigte den jungen Polizisten. Trotzdem war er heilfroh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben, als er ausstieg.


      Bretten steuerte auf eine automatische Schleusentür zu, die luftdicht verriegeln konnte, im Katastrophenfall. "Schließlich arbeiten wir hier teilweise mit gefährlichen Chemikalien.", erläuterte er. Das Zischgeräusch hatte etwas unheimliches, etwas futuristisches. Ein Mann im weißen Kittel, mit blonden gescheitelten Haaren, die ihm teilweise im Gesicht hingen, kam ihnen entgegen und legte gerade eine Schutzbrille ab. "Hallo Herr Bretten. Machen sie einen Rundgang?", fragte er lächelnd und schüttelte Brettens Hand. "Nein. Die Herren sind von der Polizei." Der Blonde nickte und stellte sich als Kai Schubert vor, der die Leitung dieses Laborbereiches hatte. Bretten erläuterte in kurzen Sätzen, warum die drei Herren von der Autobahnpolizei hier waren, Lucas schloß er dabei wie selbstverständlich mit ein.
      "Können sie sich erklären, warum dieser Bereich besonders markiert wurde?" Kai Schubert warf einen Blick auf den Plan und strich sich eine Strähne aus dem Gesicht. "Hmm... das ist exakt mein Bereich.", sagte er murmelnd und strich sich mit den Fingern über sein perfekt rasiertes Kinn. "Ist ihr Bereich besonders?" "Besonders gefährlich.", war die kurze Antwort und er grinste. "Wir forschen hier an chemischen Prozessen, im Sinne der Wissenschaft, mit Stoffen, die besser nicht in falsche Hände geraten. Stichwort: Chemische Waffen." Das klang unheilvoll, empfand Semir sofort. "Gefährlicher ist eigentlich nur unser Labor für Krankheitserreger-Forschungen.", meinte der Wissenschaftler lachend.


      "Ist das erste, was ihnen zu ihren Forschungen einfällt, chemische Waffen?", fragte Semir ein wenig misstrauisch und sah sich im Raum um. Wieder lachte Schubert. "Natürlich nicht. In erster Linie forschen wir am Verhalten verschiedener gefährlicher Stoffe. Wie wirken sie, was können sie, und wie können wir sie zum Wohle der Menschheit noch einsetzen. Das hat man zum Beispiel mit dem Stoff Chlor bereits vor Jahrzehnten gemacht. Sie wissen sicherlich, dass man es als Teil von schmutzigen Waffen einsetzen kann, genauso aber auch zum Reinigen ihres Pools zu Hause.", erklärte er sich, und die drei Männer hörten zu. "Und wenn die Polizei einen Gebäudeplan bringt, in dem unser Bereich der chemischen Prozesse markiert ist, dann glaube ich nicht, dass jemand Chlortabletten für den Pool benötigt... habe ich Recht?"
      "Teilweise. In der Tat vermuten wir ein Verbrechen, allerdings bisher eher weniger im Bereich von chemischen Waffen.", sagte Semir und sein Blick landete für einen Moment bei Lucas, der scheinbar interessiert zuhörte. Er bemerkte allerdings den Blick des kleinen Polizisten... er spürte Misstrauen. "Ich kann ihnen allerdings auch versichern, dass wir in unserer Firma die allerhöchsten Sicherheitsstandards haben. Hier würde kein Stoff den Raum verlassen, ohne dass es auffällt, da können sie sicher sein.", erklärte der blonde Mann, und Personalchef Bretten nickte eifrig.


      "Und ein Stick?", fragte Ben nun und sah den Wissenschaftler fest an. "Wie meinen sie das?" "Na, ein USB-Stick. Der könnte doch unauffällig hier raus." "Eigentlich werden wir alle vom Sicherheitsdienst bei Betreten und Verlassen des Bereiches kontrolliert. Wir dürfen keine Daten aus dem Gebäude mitnehmen. Das meiste liegt sowieso auf unserem Zentral-Server und die Daten sind verschlüsselt. Sie können nur mit einem bestimmten Softwareschlüssel entschlüsselt werden, und der ist nur in unserem System verfügbar.", folgte die nächste Erklärung, um danach noch eine Frage anzubringen. "Aber wieso kommen sie auf einen Stick?" "Der Mann, auf den ein Attentat verübt wurde, wurde nach einem Stick gefragt. Kennen sie einen Christian Jäger?" Wieder legten sich Denkfalten auf die Stirn des Mannes, den Semir auf Ende 30 schätzte.
      "Nein, ich glaube nicht. Ich hab in meiner Studienzeit viele Leute kennengelernt, Christian Jäger ist ja ein Allerweltsname. Aber jetzt auf Anhieb fällt mir nichts ein." "Fällt ihnen zur amerikanischen Firma PEC etwas ein?" "Ja, die sind marktführend in der Entwicklung von regenerativer Energie. In manchen Projekten arbeiten wir mit ihnen zusammen." Jetzt wurden die drei Männer hellhörig... zwei vor Überraschung, der Dritte weil er diese Information schon hatte, und die beiden Polizisten scheinbar auch ohne versteckte Hinweise von ihm, ohne zuviel Wissen preiszugeben, auf die richtige Spur kamen. Ben wollte gerade Luft holen, als Semir ihn mit einem kurzen "Hand auflegen" an der Schulter stoppte. "Danke Herr Schubert. Sie haben uns sehr geholfen." Der Mann lächelte und nickte freundlich, als die vier Männer den Laborbereich wieder verließen.


      Herr Bretten brachte Ben, Lucas und Semir zum Ausgang, wo man sich händeschüttelnd verabschiedete. Ben biss sich auf die Zunge, es musste einen Grund haben, warum Semir die Befragung so ruckartig abbrach. Lucas fluchte innerlich, denn er hatte sich Informationen zu Christians Aufenthaltsort erhofft... oder zumindest eine neue Spur. Warum das Labor markiert war, wussten sie nun immer noch nicht. Semir startete den Wagen und man rollte langsam auf den Ausgang zu, jetzt fand auch Ben die Stimme wieder. "Also, ich hätte ja noch die ein oder andere Frage gehabt...", meinte er schnippisch und drehte sich zu Lucas um "...aber Papa hat mir den Mund mal wieder verboten." "Hör auf zu meckern.", meinte Semir und blickte kurz in den Rückspiegel, wo Lucas aus dem Fenster sah.
      "Ich weiß, was du den Typ noch fragen wolltest. Nenn mich paranoid oder nicht, aber ich traue diesem Schubert nicht. Und deswegen wollte ich ihm keine Veranlassung geben, auf ihren Systemen etwas zu löschen, was wir noch brauchen." Ben blickte Semir überrascht an. "Was meinst du?" "Ich meine, dass wir uns dringend einen staatsanwaltlichen Beschluss nehmen, um alle relevanten Akten zu Projekten, die die PEC zusammen mit diesem Labor betrieben haben, oder noch betreiben, beschlagnahmt werden. Wenn wir danach jetzt gefragt hätten, hätte dieser Schubert freundlich genickt, und uns nur gegeben, was eventuell ungefährlich für ihn ist. Bei der Durchsuchung sind sie unvorbereitet, und Hartmut wird den Leuten dort auf die Finger gucken. Zur Not beschlagnahmen wir alles, was da ist."


      Ben nickte anerkennend, Semir hatte bereits über zwei Ecken weitergedacht. Er hätte tatsächlich Schubert sofort nach gemeinsamen Projekten gefragt. "Und wenn er jetzt bereits misstrauisch wird?", fragte Lucas, nun ernsthaft interessiert, den Semirs Sicherheitsvorkehrrung imponierte auch ihm. "Dann ist es halt so... wir konnten schließlich nicht als Putzkolonne nach den Dingen fragen, sondern als Polizei. Aber es ist vielleicht nicht schlecht, wenn die denken, dass wir noch keinen Zusammenhang wüssten." Und leise, selbstkritisch fügte er an: "Vielleicht täusche ich mich ja auch."
      Ich bin es so leid, ohne dich zu sein
      Ich spür' wie das Leben aus mir rinnt,
      Nichts dringt mehr bis zu mir herein
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      Hilf mir mich zu finden nach all diesen Jahren
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      Ich wär' fast gefallen, doch dann warst du hier

      Illuminate - Verloren

      <3
    • Autobahn - 11:30 Uhr


      Die Fahrt in Richtung Dienststelle verlief bis auf die Autobahn schweigend. Ben versuchte sporadisch immer noch, Christian auf dem Handy zu erreichen, doch immer wieder kam kein Freizeichen. Wäre der Angriff im Parkhaus nicht gewesen, hätte der Polizist wohl längst aufgegeben, wenn er seinen Cousin hätte erreichen wollen. Sie hatten nie ein besonderes Verhältnis, eigentlich konnte Ben den oftmals hochnäsigen Christian nicht leiden. Er hätte sich gesagt, verdammt, der Kerl ist 5mal 7 Jahre alt, der kann alleine auf sich aufpassen. Aber die Sachlage war anders. Der Angriff auf die beiden im Parkhaus am Hotel, die Forderung des Asiaten nach dem Stick... sie waren brutal vorgegangen und einer der Typen hätte Ben vermutlich eiskalt erschossen, wenn Lucas nicht rechtzeitig gekommen wäre. Hatte er sich eigentlich bedankt dafür?
      Semir ging in seinem Kopf dagegen ganz andere Gedanken um. Er hatte seine rechte Hand auf die Mitte des Lenkrades gelegt und hielt den BMW so in der Spur. Sein Blick wanderte für Sekundenbruchteile immer wieder in den Rückspiegel zu Lucas, der stumm und regungslos aus dem Fenster sah. Ein CIA-Agent, der sich, einfach so an die Ermittlungen der Autobahnpolizei hing? Der erfahrene Polizist hatte noch nicht viel mit der amerikanischen Polizei, geschweige denn mit dem Geheimdienst zu tun, aber würden die solche Angelegenheiten nicht lieber selbst erledigen? Oder wenn überhaupt, dann mit dem BKA zusammen? Warum übernahm das BKA den Fall nicht selbst... schließlich schien es hier um mehr zu gehen, als nur um das Verschwinden von Christian.


      Die Stille im Fahrzeug war unangenehm und so ließ sich Semir von dem "Abschmettern" Lucas' von vorhin nicht entmutigen. "Gefährliche Chemikalien... ich kenne mich ja jetzt nicht besonders gut aus, aber nach Photovoltaik-Anlagen hörte sich das nicht gerade an." Dabei beobachtete er im Rückspiegel so genau wie möglich die Reaktion des Glatzkopfes. Dessen Augen bewegten sich, sie sahen ebenfalls in den Rückspiegel und trafen sich mit Semirs Blick. Nur Sekundenbruchteile, dann trennten sich die Blicke wieder. Lucas spürte ganz genau, dass dieser Satz ohne genannten Adressaten im Unterton einen klaren Adressaten hatte... nämlich ihn. Von ihm waren nämlich genau jene Informationen. "Das sind die Infos, die ich von meinen Mitarbeitern habe.", meinte er mit ruhigem Ton und blickte für einen Moment wieder aus dem Seitenfenster.
      Semir konnte seine Skepsis nicht einfach abschütteln. Zu oft war er das Opfer von korrupten Kollegen, die sich erstmal wie Komplizen gaben um ihn und seine jeweiligen Partner dann zu hintergehen. "Vielleicht besteht ja ein Zusammenhang aus dieser Chemikalie für die Solaranlagen und einer anderen, gefährlicheren Zutat.", überlegte Ben. "Das kriegen wir wohl erst raus, wenn wir den Laden dort auf Links drehen." Semir nickte und merkte, dass Ben seinen Zweifel wohl weder teilte, noch bemerkte. Immerhin auch nicht bemerkte, wobei dessen Sensoren sicher durch die Sorge um seinen Cousin und die immer noch anhaltende Trauer um Kevin wohl nicht wirklich richtig funktionierten.


      Er wollte bereits einfach nur an etwas "Schöneres" denken, zumindest bis sie auf der Dienststelle angekommen waren, wo sich der kleine Kommissar genug Gedanken um den Fall machen würde, als er erneut in den Rückspiegel sah. Nur ein Sekundenbruchteil sah er, wie aus dem dunkelblauen Mercedes hinter ihnen aus den beiden hinteren Fenstern zwei Gestalten auftauchten und mit Pistolen auf sie zielte. Genauso kurz war dann auch Semirs Reaktion: "RUNTER!!", rief er laut als die ersten Kugeln im Kofferraum und der Heckscheibe einschlugen. Lucas warf seinen Körper zur Seite auf die gesamte Rückbank, Ben rutschte instinkstiv in seinem Sitz etwas tiefer, genaus wie Semir. Der wiederrum reagierte auch mit den Füßen und beschleunigte die Sport-Limousine abrupt.
      Doch davon ließ sich der Verfolger nicht beeindrucken und beschleunigte ebenfalls. Zeitgleich begann Semir durch den Verkehr Schlangenlinien zu fahren und hoffte, das Feuer würde eingestellt werden wenn die beiden Autos zuviel "Bewegung" hatten um ordentlich zielen zu können. "Fuck...", murmelte er und zog mit einem gewagten Manöver auf den Standstreifen. "Wir müssen von der Autobahn runter! Das ist viel zu gefährlich hier!", rief Ben hektisch als die nächsten Versuche der Verbrecher ohne Erfolg blieben. Semir spürte die Erschütterungen im Lenkrad, scheinbar zielten sie jetzt auf die Reifen.


      Unschuldige waren in Gefahr, konnten getroffen werden, denn natürlich wusste keiner der Polizisten, wie skrupellos ihre Verfolger vorgehen würden. "Wie wäre es, wenn ihr mal Antwort geben würdet! Aber seid vorsichtig, wo ihr hinschiesst!", rief Semir ungeduldig. Er wusste, dass in den nächsten Kilometern keine Ausfahrt und kein Rastplatz kommen würde. Aber trotzdem mussten sie etwas tun, notfalls die Kerle stoppen. Ben entsicherte seine Waffe, Lucas tat es ihm gleich. Er schoß geduckt aus der zersplitterten Heckscheibe auf den Kühler des Mercedes, Ben lehnte sich aus dem offenen Seitenfenster nach hinten. Nun war der Verfolger es, der begann, wild auszuweichen und andere Fahrzeuge als Deckung nutzte. Dann stellten Lucas und Ben das Feuer sofort ein, andererseits waren dann auch Unschuldige in besonderer Gefahr.
      So passierte es auch dann, dass sich der Fahrer des Mercedes verschätzte. Er brüllte seine beiden Schützen gerade an, dass sie aufpassen sollten, niemanden zu töten, schließlich brauche man die beiden Typen lebend. Ein Kleinwagen wich währenddessen erschrocken dem BMW vom Semir aus und traf dabei den Mercedes. Das schwere Auto geriet nicht aus der Kontrolle, der Kleinwagen einer jungen Frau dagegen prallte in die Mittelleitplanke. Semir konnte es gerade im Seitenspiegel erkennen. "Verdammt!" "Cobra 11 an Zentrale, wir werden von einem dunklen Mercedes auf der A4 Richtung Köln verfolgt. Erbitten Verstärkung! Schusswaffengebrauch! Ausserdem RTW und Feuerwehr zu Kilometer 33.", rief Ben ohne Umweg ins Funkgerät. Dann sah er gehetzt zu seinem Partner, der im Rückspiegel sah, dass ein weiterer Wagen sich schnell näherte. "Da kommt noch einer. Jetzt haben wir ein Problem.", meinte Semir. "Hier kommt gleich der gesperrte Rastplatz... der hat einen Forstwirtschaftsweg über die Felder.", sagte sein bester Freund und wechselte dabei das Magazin. "Da können wir sie genauso wenig abhängen." "Aber immerhin sind dann keine Unschuldigen mehr in Gefahr!" Semir dachte kurz nach, und nickte dann.


      Lucas schoss sein Magazin leer und tauchte dann wieder auf die Rückbank. Eine seiner Kugeln traf die Windschutzscheibe des Mercedes. "Halt auf den Kühler, oder die Reifen!", rief im Ben durch den Fahrtwind des offenen Fensters entgegen, doch der Mann mit dem Drei-Tage-Bart antwortete nicht. Wenn es die Männer waren, die ihn schon in New York angegriffen hatten, dann bestand die Gefahr, dass sie Lucas kannten... und somit seine wahre Identität, seine wahren Beweggründe. Das konnte er nicht riskieren, und so hoffte er insgeheim, die Verfolger würden den nächsten Brückenpfeiler treffen.
      Semir zeigte sein Können am Lenkrad, erst im letzten Moment und bei hohem Tempo zog er den BMW auf die Abbiegespur des gesperrten Rastplatzes. Die Baustellenschilder, mit denen die Einfahrt gesperrt war, flogen im hohen Bogen aus dem Weg und einige Lackkratzer verewigten sich in der Motorhaube. Er bremste, sah in den Rückspiegel, sah wie Lucas mit ruhiger Hand erneut schoß. Scheinbar kannte er Situationen wie diese... keine Nervosität, keine Angst und kein Anflug von Unsicherheit. Der Amerikaner, wie Semir dachte, verzog nicht mal eine Miene. Trotzdem schoß er weiterhin zu hoch, doch das fiel dem Fahrer nicht auf. Das Auto hüpfte und schepperte, als Semir über einen niedrigen Bordstein abkürzte und den BMW zum Forstwirtschaftsweg schleudern ließ. "Der zweite hat die Ausfahrt verpasst!", rief Lucas währenddessen.


      Der Forstwirtschaftsweg war staubig, links und rechts säumten Felder die Straße, die voller Herbsternte waren. Staubwolken stiegen von den Fahrzeugen auf, die sich jetzt von der Autobahn entfernten. Lucas musste sich den Arm vor den Mund legen, durch die offene Heckscheibe kam jede Menge Dreck ins Auto hinein, doch ein Gutes hatte es... sie waren beinahe unsichtbar für die Verfolger. Das Schlechte: Der eingenebelte Verfolger war auch unsichtbar für sie. Dann wechselten die Felder von Sand auf Wiese, unbepflanzte Felder weiter hinten Richtung des Waldes, auf denen scheinbar lange nichts mehr bewirtschaftet wurde. Die Straße wurde besser, Lucas erblickte den Verfolger wieder und nahm gerade den Fahrer ins Visier, als der Hinterreifen des BMWs explodierte.
      Semir kannte diese Situation, doch egal wie oft er sie erlebte: Meistens ging es schief... so wie jetzt. Ein Schlag ging durch das Lenkrad des Wagens und wegen der schmalen Straße hatte der Polizist keine Möglichkeit den Wagen abzufangen. Beim ruckartigen Übergang von Asphalt in die Wiese blieb der schleudernde Wagen in einem Graben hängen und überschlüg sich über die Längsachse mehrfach. Lucas krümmte sich im Fond zusammen, es krachte und schepperte, Gras und Erde flogen zusammen mit Funkgeräten, Kelle und Bens Handy durch den Fahrerraum, bis das Auto endlich still stand...
      Ich bin es so leid, ohne dich zu sein
      Ich spür' wie das Leben aus mir rinnt,
      Nichts dringt mehr bis zu mir herein
      Träumen und Wachen jetzt eins nur sind

      Hilf mir mich zu finden nach all diesen Jahren
      Nimm mich ein kleines Stück Weges mit dir
      Heile die Wunden, die unheilbar waren
      Ich wär' fast gefallen, doch dann warst du hier

      Illuminate - Verloren

      <3
    • Landstrasse - 11:45 Uhr


      Der dunkelblaue Mercedes hielt mit quietschenden Reifen auf dem Forstweg an, als der Fahrer die Bescherung sah. "Scheisse... die hats erwischt.", sagte er in ausländischer Sprache. Er sah, wie das zweite Fahrzeug, ein Range Rover, hinter ihnen ebenfalls gehalten hatte und die Männer allesamt vorsichtig ausstiegen. "Schauen wir mal nach."
      In Semirs Kopf drehte sich alles. Der BMW lag auf dem Dach, Qualm stieg aus dem Motorraum und alles war durcheinander geflogen. Handys, Blaulicht, Kelle und die drei Männer... alles lag durcheinander. Warmes Blut sickerte an Semirs Stirn herab und erleichtert bemerkte er, dass Ben bei Bewusstsein war und sich ebenfalls umblickte. "Alles klar?" "Ja ja...", keuchte er mit schwerem Atem. Sein Herz schlug schneller, auf dem Dach liegend kam dem jungen Beamten das Auto wieder wesentlich enger vor als vorher. Semir versuchte durch die Seitenscheibe zu blicken und sah ausser einer Menge Sand auch Füße, die sich langsam aufs Auto zu bewegen. "Scheisse, die kommen... wir müssen raus, los los!" Mit aller Kraft stemmte Semir die Seitentür auf, die sie gemeinsam durch den Sand drücken mussten, aufgrund der Lage des Autos. Ben hatte den Griff fest um seine Waffe, die er zum Glück sofort wieder gefunden hatte und kletterte zuerst raus. "Lucas, was ist?", flüsterte Semir in Richtung Fond, wo er ein Stöhnen vernahm. "Alles okay...", war dann die Antwort des sonst schweigsamen Amis.


      Ben hatte sich gerade durch die halboffene Tür in den Sand geschält und nur einen Blick übers Auto geworfen. "Scheisse, sie kommen!", rief er dann und schoss sofort zur Warnung in Richtung ihrer Verfolger. Er konnte deutlich ein ausländisch klingendes Fluchen hören und sah, wie die Typen sofort den Rückzug antraten um sich hinter ihren, quer geparkten Autos verschanzten. Offenbar hatten sie damit gerechnet, dass die drei Männer verletzt waren, und deshalb nur noch leichte Beute. Semir hörte die Schüsse und legte einen Zahn zu, aus dem Auto zu kommen und Ben zu helfen. Der tauchte immer hinter dem umgestürzten BMW weg, wenn der Gegner schoss und umgekehrt. Die Kugeln schlugen Funken, als sie in das Bleck des Fahrzeugs einschlugen. "Lucas! Komm raus!", rief der erfahrene Polizist gegen die Schüsse an.
      "Ich hänge fest... scheisse!", kam zur Antwort aus dem Inneren des Wagens. In diesem Moment splitterte das letzte intakte Glas einer Seitenscheibe und der CIA-Agent spürte, wie eine Kugel dicht an seinem Ohr vorbeizischte und ins Polster einschlug. Trotz, dass er in unhandlicher, unbequemer Lage in dem Fahrzeug hing, packte er mit zwei Händen die Waffe und feuerte durch das offene Fenster zurück. Einer der Angreifer schien er getroffen zu haben, stöhnend sank einer der Männer hinter dem Mercedes zu Boden.


      "Fuck...", knurrte Semir und beugte sich als Kleinerer sofort wieder herunter um ins Auto zu krabbeln. "Wo hängts denn?", fragte er halb hektisch, halb salopp. "Ich hänge mit dem Fuß unterm Sitz. Der hat sich verschoben und verklemmt." rief Lucas und zog den Kopf vor weiteren Kugeln ein. Semir sah, dass die Situation brandgefährlich war und griff hektisch nach Lucas Fußgelenk, kam aber fast nicht dran. Es war einfach zu eng. "Verdammt nochmal...", knurrte er und die Situation war höchst gefährlich. Ben und Lucas versuchten mit Dauerfeuer die Bande hinter ihrer Deckung zu halten, doch immer wieder flogen Lucas und Semir die tödlichen Kugeln um die Ohren. "Ich schaffs nicht. Ich muss von der anderen Seite ran." "Das ist viel zu gefährlich.", sagte Lucas. Auf einmal regte sich so etwas wie Skrupel in ihm. Klar hatte er eine Aufgabe, und er tat sie nicht aus Überzeugung, sondern endlich um aus diesem Kreislauf aus Lügen auszubrechen. Dieser eine Auftrag erfolgreich abschließen, und er wäre aus allem draussen. Dass dabei Verbrecher wie Mitglieder dieses Syndikats dabei draufgingen... geschenkt. Dass er die deutsche Polizei belog, war ihm egal. Er hatte aber schon Bauchschmerzen, dass er die beiden Beamten in gefährliche Situationen wie diese brachte, dabei sollte möglichst kein Unschuldiger draufgehen. Klar suchte Ben seinen Cousin, aber mit der ganzen Geschichte im Hintergrund hatten die beiden einfach nichts zu tun. Sie waren für Lucas Werkzeug, und dabei ging er skrupellos vor nach dem eigenen Vorteil. "Es ist für dich viel zu gefährlich hier drin zu bleiben.", sagte Semir voller Überzeugung und kletterte wieder aus dem Fahrzeug zu Ben.


      Lucas sah hilflos aus und er duckte sich, so gut es ging. Sein Fuß klemmte, er zog daran doch kam einfach nicht frei. "Das kannst du nicht machen, Semir!", rief er, als er Semirs Stimme hörte. "Hier... auf drei gibst du Dauerfeuer. Ich muss auf die andere Seite.", sagte der erfahrene Polizist zu Ben, dem er in dieser Extremsituation blind vertraute... egal, wie weit neben der Spur sein junger Partner gerade lief. Dabei übergab Semir seine Waffe an Ben, damit der doppelt schiessen konnte und er selbst beide Hände frei hatte. "Semir, das ist zu gefährlich!", rief Lucas von drinnen nochmal. In ihm kamen Erinnerungen auf an Szenen, die er sein ganzes Leben nicht mehr vergessen würde. An Bombenhagel am Kundus, an Kameraden die man in aussichtslosen Situationen im Stich lassen musste. Würde die Weltöffentlichkeit von manchem Vorgang in den undurchsichtigen Kriegen erfahren - es gäbe einen internationalen Aufschrei. Jetzt schlugen keine Bomben um Lucas ein, aber Kugeln. Und gerade riskierte ein Mann sein Leben, den er erst zwei Tage kannte.
      Ben hatte sein Magazin gewechselt, das von Semir war voll. Er atmete tief durch und sah zu Semir, der bereits am Rand des Autos stand. "Versuch die Tür irgendwie aufzudrücken.", rief er noch zu Lucas, der seinen Widerstand aufgab. Er kam gerade dran, den Griff zu öffnen, doch aufdrücken konnte er sie nicht, dazu war er zu weit weg.


      "Lass mich das machen, Semir. Das ist alles wegen meinem Cousin!", sagte Ben plötzlich, gerade als Semir das Signal geben wollte. "Nein!" "Warum nicht?" "Weil ich schneller bin als du! Und schlanker!" Für einen Moment wollte Ben protestieren, doch dann sah er das kurze Lächeln auf Semirs Gesicht. Wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, war er nicht mehr davon abzubringen. Und es gab nichts, was ihn jetzt davon abbrachte, dem Mann zu helfen, der gestern noch Ben geholfen hatte. "Auf drei?", fragte Ben nochmal und Semir nickte. "DREI!"
      Der junge Polizist tauchte aus der Deckung auf und schoss mit beiden Pistolen gleichzeitig. Ein ohrenbetäubender Lärm, die Hülsen fielen ihm vor die Füße und Qualm stieg von der Waffe vor ihm auf. Die Gangster duckten sich unter dem plötzlichen Kugelhagel und dachten wohl an eine Verzweiflungstat. "Nur Geduld, das kann nicht lange dauern!", rief einer von ihnen. Semir war im gleichen Moment losgesprintet, dass der Sand von seinen Schuhen wegflog. Er flankte um den Kofferraum herum ins Schussfeld, duckte sich vor Bens Schüssen und zog mit Ruck an der geöffneten Hintertür, die er durch den Sand zog. In diesem Moment sah einer der Gangster, was passierte, und gerade als Semir hinter der Tür in Deckung ging, riskierte der Kerl einen Schuss, der sich in Semirs Oberarm bohrte.


      Ein brennender Schmerz durchzuckte den Kommissar und ließ ihn aufstöhnen. "Schneller, Semir!!", rief Ben in die Schüsse hinein. Mit zusammengebissenen Zähnen griff Semir in den verengten Fussraum, packte Lucas Fußgelenk und drückte gleichzeitig den, nach hinten verschobenen Fahrersitz nach vorne. Sofort kam der Glatzkopf frei, packte Semir am Arm und zog ihn in das halbwegs schützende Auto. Der erfahrene Polizist zog hinter sich noch die Tür wieder zu, genau im gleichen Moment waren die beiden Waffen von Ben leer. "Lucas O'Connor!! Gib endlich auf!!", schrie einer der Gangster erst auf Englisch, dann auf Deutsch, gerade als dieser zuerst aus dem Auto kam, sich aufrichtete und nochmal über das Auto hinweg feuerte. Doch auch er hatte, wegen der Verfolgungsjagd davor, keine Kugeln mehr.
      "Ist alles klar?", erkundigte er sich bei Semir, als dieser in sicherer Deckung aus dem Auto kroch und sich seinen Arm besah, an dem das Blut runterlief. "Ja, geht schon.", presste er schmerzhaft hervor. "Wir müssen in das Waldstück da. Dort können wir sie vielleicht abhängen.", sagte Lucas sofort. "Aus der sicheren Deckung raus?", warf der jüngste der Dreien sofort ein und klang skeptisch, während die Gangster das Feuer wieder eröffneten. "Wenn wir hier bleiben, kommen sie uns holen, wenn sie merken dass wir nicht mehr schiessen. Wir müssen in den Wald... der ist dicht genug." Ben sah in Lucas Augen plötzlich Entschlossenheit. "Vertraut mir! Ich weiß, was ich tue!"
      Ich bin es so leid, ohne dich zu sein
      Ich spür' wie das Leben aus mir rinnt,
      Nichts dringt mehr bis zu mir herein
      Träumen und Wachen jetzt eins nur sind

      Hilf mir mich zu finden nach all diesen Jahren
      Nimm mich ein kleines Stück Weges mit dir
      Heile die Wunden, die unheilbar waren
      Ich wär' fast gefallen, doch dann warst du hier

      Illuminate - Verloren

      <3
    • Landstraße - 11:55 Uhr


      Die Lage war verzwickt. Ben und Semir sahen sich für kurze Sekundenbruchteile an, und jeder versuchte aus dem Blick des anderen heraus zu lesen, was er von Lucas' Idee hielt. Doch hatten sie eine Wahl? Die Munition ging zu Neige, die Angreifer feuerten noch immer Löcher in das umgekippte BMW-Wrack, nach rechts und links gab es kein Entkommen. Und von ihrer Sichtperspektive würden die Typen es wohl zu spät merken, dass die drei Polizisten in den Wald geflüchtet sind. Dahingehend hatten sie in ihrer Position Glück, den Wald direkt im Rücken zu haben. "Na gut, wir versuchen es.", entschied Semir nachdem er in Bens Blick Zustimmung gelesen hatte. Der nickte als Bestätigung und Lucas ließ sein Magazin aus der Waffe gleiten und verteilte noch ein paar Kugeln an die beiden Autobahnpolizisten.
      "Dann los. Wir laufen gebückt zur ersten Baumgruppe und dann tiefer in das Waldstück. Bleibt dicht hinter mir. Es wird dauern, bis sie merken dass wir weg sind.", sagte Lucas und machte eine typische Geste des "Vorgehens", wie man sie von Spezialeinheiten kannte. Semir fiel dies sofort auf, offenbar hatte der Mann Erfahrung darin, Gruppen zu führen, was auch seine natürliche Autorität unterstrich. Alle drei hörten, als sie sich schnell Richtung Baumgruppe bewegten, das "Plong" immer wenn eine Kugel ins Blech einschlug.


      Das Geräusch wurde leiser, je weiter sie sich von ihrer sicheren Deckung entfernten. So leise wie möglich bewegten sich die drei durchs Unterholz, gebückt und immer wieder von kleineren Bäumen und Büschen geschützt. "Hier ist ein Graben, von da haben wir die Richtung gut im Blick. Los, rein da!", flüsterte Lucas. Ben sprang zuerst herunter, dann half er mit Lucas zusammen Semir, damit der sich nicht die offene Wunde schmutzig machte. Die Schüsse hatten mittlerweile aufgehört, scheinbar hatten ihre Verfolger gemerkt, dass den Polizisten die Munition ausging oder dass sie geflüchtet waren. Ben und Semir versuchten, ihre Atmung so flach wie möglich zu halten, sie lagen mehr hinter dem Erdwall, der nach unten hin als Graben abfiel, als dass sie standen, während Lucas etwas oberhalb kniete und alles im Blick hielt. Dabei hielt er die Waffe immer schussbereit.
      "Warst du bei einer Spezialeinheit?", fragte Ben flüsternd in Lucas' Richtung, der sich mit der Antwort ein paar Sekunden Zeit liess, bevor er sich für die Wahrheit entschied. "Ich war bei der Armee." Seine Stimme klang ein wenig gedämpft und auch Semir sah sich zu den beiden um. "Im Einsatz?" Lucas nickte ohne Ben anzusehen. "Im Kundus vor einigen Jahren." "An der Front?" Jetzt blickte der CIA-Mann von seiner Beobachtung weg und sein Blick fesselte den von Ben für einen Moment. "Vorderste Front." Dem jungen Polizisten war mit einem Mal unbehaglich. "Und jezt Ruhe!"


      Semir und Ben waren zwar in manchen Fällen tagtäglich gewissen Gefahren, auch für ihr Leben ausgesetzt, so wie jetzt gerade... aber eine Kriegssituation in einem Krisengebiet stellten sie sich furchtbar vor, und es war noch einmal eine völlig fremde Welt für die beiden. Man konnte nicht einfach Feierabend machen und nach Hause gehen, dem Gegner sagen dass man morgen früh um 8 Uhr weitermachen würde. Man musste immer mit Gefahren rechnen, immer auf der Hut sein. Natürlich wurden Semir und Ben auch schon einmal bedroht, waren auch ausserhalb ihres Dienstes gefährdet, aber ein Krieg hatte eine andere Dimension. Das wurde Semir bewusst, als er sich nochmal umblickte und auf Lucas blickte. "Sie kommen.", sagte der leise und Ben entsicherte als Signal seine Waffe und kletterte etwas weiter hoch zu Lucas.
      Er konnte die Männer sehen, wie sie vorsichtig, wohl aus Angst vor einem Hinterhalt, sich durch das kleine Waldstück bewegten. Lucas blickte konzentriert, atmete flach durch die Nase und schien in seiner Körperbewegung völlig ruhig und entspannt, was Ben beeindruckte. Ihn hätte man stechen können, und es wäre kein Blut geflossen, so angespannt fühlte er sich. Nicht ängstlich, aber nervös. Die Männer konzentrierten sich nicht, leise und vorsichtig vorzugehen, deswegen wusste man allein vom Gehör immer, wo sie waren, auch wenn man sie für einen Moment nicht sah.


      Dann kam den drei Polizisten ein anderes Geräusch ans Ohr... ein Geräusch, dass sie aufatmen ließen, auch als sie die Reaktion der Männer beobachteten. Ein Hubschrauber näherte sich schnell und von der Autobahn fahren schwach Polizeisirenen vernehmbar. Die Verstärkung traf ein, offenbar hatte man Semirs Wagen geortet. Die Verfolger blieben für einen Moment stehen, und scheinbar bekam der Anführer kalte Füße. Auf einer, nicht näher verständlichen Sprache, gab er Anweisungen und alle bewegten sich zügig zurück zu den Autos. Scheinbar hatte man große Befürchtungen, dass die Polizei schnell an die Wagen gelangen würde. Lucas fluchte, aber er fluchte lautlos, denn zu gerne hätte er alle drei aufs Korn genommen, damit niemand von ihnen seine Mission weiter gefährden konnte. "Sie hauen ab.", flüsterte Ben, und in seiner Stimme schwang eine gehörige Portion Erleichterung mit.



      Dienststelle - 13:00 Uhr


      Es dauerte, bis man das ganze Kuddelmuddel aufgelöst hatte. Die Verstärkung fand den Weg zum Forstwirtschaftsweg zu spät und konnte mit dem Auto die Verfolgung nicht aufnehmen, stattdessen rief man umgehend einen Krankenwagen für Semir und den Abschleppdienst für seinen BMW. Mit einem Streifenwagen wurden die drei schmutzigen Waldpolizisten dann zurück zur Dienststelle gefahren, wo die Chefin schon ungeduldig wartete, hatte sie doch den Hilferuf über Funk mitbekommen. Auch Jenny und Bonrath schauten besorgt, dann jedoch erleichtert. Alle drei gingen auf den eigenen Füßen, und die einzige Verletzung war Semirs Armdurchschuss, bei dem er, beinahe schon traditionell, die Fahrt ins Krankenhaus abgelehnt hatte. Nur ein Verband um den Oberarm kündete von der Verletzung, bei der Andrea mal wieder die Hände überm Kopf zusammenschlug.
      Ein Fingerzeit der Chefin ließen die beiden Autobahnpolizisten sofort aufblicken. "Ich glaube, wir sollen zu ihr kommen.", meinte der Jüngere der beiden. "Blitzmerker." Während Lucas kurz zur Toilette verschwand um sich das Gesicht zu waschen, gingen die beiden Polizisten zu ihrer Vorgesetzten. "Immerhin sind sie noch in einem Stück.", begann sie mit erleichterter Stimme und besah sich ihre Beamten, sandig im Gesicht, die Kleider woller Dreck und Staub, Semirs Verband am Arm. "Dann erzählen sie mal, was schon wieder los war."


      In kurzen, knappen Sätzen erklärte Semir erst, was man im Labor herausfand, und was sich danach auf der Autobahn zu trug. "Scheinbar wurden wir verfolgt. Wir hatten allerdings nix bemerkt, und scheinbar waren es die gleichen Typen, die Christian im Parkhaus aufgelauert haben." "Das würde aber bedeuten, dass sie ihren Cousin nicht in ihrer Gewalt haben... ich meine, warum sollten sie dann einen Anschlag auf sie verüben?" Semir nickte: "Ja, das habe ich auch schon überlegt. Ich denke, sie denken dass wir Christian auch suchen... oder wissen, wo er ist." Ben schien nachzudenken, ihm kam plötzlich eine Erinnerung. "Oder Lucas weiß, wo er ist." "Wie meinen sie das?" Die Chefin schaute aufmerksam zu ihrem jungen Beamten. "Sie haben nach Lucas gerufen. Er solle aufgeben. Gerade, als er dich aus dem Auto geholt hat." Semir verzog den Mund. "Ich hab davon nix mitbekommen." "Sie haben ihn aber nicht Lucas Blake genannt... sondern... warte." Ben kramte angestrengt im Kopf herum. "Okana. Oder O'Connor, ja so." "Hartmut fand es auffällig, dass seine Akte nicht besonders gut geschützt wäre.", meinte Semir in Gedanken dann noch. "Sie haben Hartmut beauftragt, Blakes Akte zu überprüfen?", fragte Anna Engelhardt, und ihre Stimme wurde schärfer... denn das war ein ziemlich deutlicher Verstoß gegen jegliche Regeln, denn natürlich kam die deutsche Polizei nicht einfach so an CIA-Akten. "Ääähm..."


      Die Chefin lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. "Gehen sie der Sache nach... aber am besten so, dass Blake, oder wie er nun wirklich heisst, nichts davon mitbekommt. Nicht, dass wir eine Laus im Pelz haben." "Aber Chefin... warum sollte er sich mit uns in Gefahr begeben, wenn er wüsste, wo Christian steckt. Mal davon abgesehen... welchen Nutzen hat er daraus?", fragte Semir. "Genau das sollen sie ja rausfinden. Vielleicht sucht er ihn selbst... zu welchem Zwecke auch immer." Und nach einer kurzen Pause fragte sie, ebenfalls in katzenfreundlicher Stimme. "Was ist eigentlich mit ihrem Dienstwagen?" Ben und Semir sahen sich kurz unsicher an... wie immer, wenn einer von ihnen den Dienstwagen verschrottet hatte. "Naja, Chefin... also, die haben ja auf uns geschossen, und..." "Hat er ein paar Kratzer?" Ben wackelte mit dem Kopf. "Krater... ähm, Kratzer, naja." "Löcher?" Semir dagegen zog kurz die Mundwinkel nach oben und beide machten einen kurzen Schritt nach hinten zur Tür. "Ein paar Löcher hat er auch." "Sind vielleicht die Scheiben kaputt?", ergründete die Chefin mit immer schärfer werdender Stimme die Schäden, die sie in einem Schreiben wieder begründen müsse. "Ein paar... vielleicht." "Haben wir vielleicht wieder einen Totalschaden?", kam sie dann auf den Punkt, und sofort hörten die Bewegungen von Semir und Ben auf... bis Ben den Anfangssatz der Chefin wiederholte: "Aber immerhin sind wir noch in einem Stück.", wobei er das "Wir" betonte. Als Antwort hatte die Chefin mit zu Schlitzen zusammengekniffenen Augen nur ein zischendes "Raus!" übrig, was die beiden Beamten dann auch befolgten.
      Ich bin es so leid, ohne dich zu sein
      Ich spür' wie das Leben aus mir rinnt,
      Nichts dringt mehr bis zu mir herein
      Träumen und Wachen jetzt eins nur sind

      Hilf mir mich zu finden nach all diesen Jahren
      Nimm mich ein kleines Stück Weges mit dir
      Heile die Wunden, die unheilbar waren
      Ich wär' fast gefallen, doch dann warst du hier

      Illuminate - Verloren

      <3
    • Dienststelle - 13:20 Uhr


      Lucas wollte nicht in die Besprechung mit der Chefin platzen, so wartete er für einen Moment in dem Großraumbüro der Autobahnpolizei. Andrea hatte ihm den Verbandskasten und Pflaster für ein paar Kratzer an der Stirn angeboten, die er sich bei dem Überschlag zu gezogen hatte, doch freundlich lächelnd lehnte er ab. "Sie haben sich ja schon gut eingewöhnt.", meinte Andrea grinsend, denn die gleiche Antwort bekam sie auch immer von ihrem Mann und dessen Partnern. Lucas' Blick fiel dabei in das Nebenbüro, wo Jenny seit einiger Zeit alleine saß. Still beobachtete er die junge Frau, wie sie vor einem hüfthohen Schrank stand, und irgendwie in eine andere Welt entrückt schien. In der Hand hielt sie ein Foto im Rahmen.
      Jenny hatte sich in Gedanken verloren. Der Traum, die Erscheinung in der letzten Nacht saß ihr tief im Gedächtnis. Sie wusste, dass sie sich das eingebildet hatte, als sie Kevin im Spiegel hinter sich sah. Aber warum spukte er in ihrem Kopf. Sie hatte sich selbst doch auferlegt, nicht den gleichen Fehler zu machen wie er selbst, und den schlimmen Verlust negativ zu verarbeiten. Warum träumte sie nicht von schönen Dingen, was sie und Kevin erlebt hatten in den, leider nur sehr wenigen positiven Momenten. Sie würde dann zwar vermutlich sehr traurig aufwachen, aber wenigstens mit einem Lächeln wieder einschlafen, statt verängstigt.


      "Ihr Freund?" Mit dieser Frage wurde die junge Polizistin aus ihrer Gedankenwelt gerissen, und sie drehte den Kopf zur offenen Tür. Was sollte sie darauf antworten? Wie war ihre Beziehung zu dem Zeitpunkt, als Kevin aus dem Leben gerissen wurde. Sie hatten sich gestritten, Kevin wollte Deutschland verlassen und gerade hatte Jenny ihm die Wahrheit über seinen besten Freund Jerry erzählt... nicht aus Eigennutz aber mit der Hoffnung, den jungen Polizisten hier halten zu können und ihm unendliches Vertrauen zu beweisen. Seine Entscheidung würde sie allerdings niemals erfahren. Ihre erste Reaktion, war ein trauriges Nicken und Lucas konnte sich denken, dass der Mann auf dem Foto entweder fort oder tot war. Jenny nahm ihm die Unwissenheit dann nach einigen Momenten doch ab. "Aber er ist leider vor einigen Wochen verstorben."
      Sie stellte das Foto zärtlich wieder auf den Platz und ging langsam zum Drehstuhl. Der ehemaige Navy-Soldat hatte eine gute Menschenkenntnis und beobachtete die Frau dabei. Er konnte erkennen, dass die Trauerbewältigung der jungen Polizistin sehr zu schaffen machte, doch er fühlte sich zu fremd und gerade mit dem Kopf auch zu sehr bei anderen Dingen, als dass er irgendeine Hilfestellung geben konnte. "Mein Beileid.", sagte er nur sehr kurz angebunden, und seine Aufmerksamkeit wurde durch Semir und Ben abgelenkt, die gerade aus dem Büro der Chefin kamen.


      Er nickte Jenny nochmal kurz zu, die sich für seine Beileidsbekundung bedankte, dann drehte er sich zu den beiden Beamten. "Und... war die Chefin sauer wegen des Fahrzeugs?" Ben winkte kopfschüttelnd ab und Bonrath kicherte. "Das ist sie doch längst gewohnt bei den beiden." "Danke Bonrath, sehr witzig.", bemerkte Semir und schüttelte kurz den Kopf, bevor er sich an Lucas wandte. "Nein, alles in Ordnung. Die Chefin meinte, wir sollten für heute Feierabend machen nach dem schweren Unfall und uns ein wenig erholen." Diemal schaute Bonrath ein wenig arggewöhnisch, denn diese Gangart war er nun nicht gewohnt. Er kannte es von früher, dass die beiden Partner in besonderen Fällen auch nach solchen Ereignissen weiterarbeiteten, als wäre nichts gewesen.
      Auch Lucas zog die Stirn ein wenig in Falten. "Es geht uns doch gut." "Trotzdem. Die Durchsuchung des Labors setzen wir für morgen früh an, vorher werden wir erstmal nichts mehr unternehmen.", ordnete Semir an. Wie mit einem siebten Sinn ahnte Lucas, dass etwas nicht stimmte. "Was ist mit deinem Cousin?" Innerlich drängte er natürlich zur Eile, Ben aber schüttelte den Kopf. "Ich gehe auch nicht davon aus, dass er sich in Gefahr befindet. Warum hätten die Asiaten uns sonst angreifen sollen?", wobei er kurz mit den Schultern zuckte. Was sollte Lucas sagen... er musste klein beigeben und nickte. "Gut... dann sehen wir uns morgen früh?" "Jap... morgen früh um halb 9 hier im Büro.", sagte Semir mit einem aufgesetzten Lächeln.


      Natürlich wollten die beiden Polizisten Lucas erstmal loswerden, um frei reden zu können... und um zu sehen, wo sich Lucas aufhielt, wenn er nicht mit den beiden Männern zusammen arbeitete. Sie warteten nur wenige Augenblicke, nachdem Lucas das Büro verlassen hatte und mit seinem Wagen vom Parkplatz fuhr, da rannten die beiden zu Bens Mercedes und nahmen, mit Sicherheitsabstand, die Verfolgung auf. "Dann wollen wir doch mal sehen, wie Lucas so seinen freien Nachmittag verbringt.", meinte Ben und hielt das Steuer fest umklammert. Semir teilte seine Gedanken laut mit. "Im CIA-Computer stand er mit Lucas Blake. Und der Asiate rief ihn als O'Connor. Jetzt ist die Frage: Wen belügt er? Die Asiaten oder uns... und den gesamten CIA?" "Was hälst du für wahrscheinlicher?", fragte Ben und überholte zwei Fahrzeuge vor sich, bevor er sich schnell wieder auf der rechten Spur einfädelte.
      "Eigentlich ersteres... vielleicht hatte er mit den Typen schon einmal zu tun. Vielleicht ist er sowas, wie ein verdeckter Ermittler." "Aber warum spielt er dann uns gegenüber nicht mit offenen Karten? Wir wollen doch alle das Gleiche." Semir sah Ben nachdenklich an. "Du weißt ja nicht, was er eigentlich will. Worum geht es? Um den Stick, in erster Linie." "Mir geht es um Christian!", protestierte Ben sofort. "Ja, dir. Ich meine das jetzt allgemein. Was auch immer auf dem Stick drauf ist... niemand weiß, wo Christian ist und wo der Stick ist. Die Asiaten verfolgen uns, um an Lucas heran zu kommen. Der aber hängt sich an uns, um Christian zu finden."


      Ben rieb sich mit den Fingern über die Stirn, es schien alles verzwickt und kompliziert. Lucas setzte den Blinker und fuhr die Ausfahrt zur Innenstadt ab. Ben atmete auf, als weitere Fahrzeuge zwischen dem dunklen Audi und seinem Mercedes ebenfalls abbogen, so dass er nicht direkt hinter dem Observations-Objekt fahren musste. "Die Frage bleibt immer noch... wenn die Asiaten ihn nicht haben... wo ist Christian dann? Und warum meldet er sich nicht?", führte Semir seine Gedanken verbal fort und blickte ein wenig unsicher auf seinen Partnern, der stumm nickte. Denn der erfahrene Polizist hatte auch eine Theorie, die Ben gar nicht gefallen würde, da war er sich sicher.
      "Dafür muss es ja einen Grund geben, verstehst du?", versuchte er seinen jungen Freund selbst auf diese Fährte zu schicken, doch der weigerte sich, an diese Möglichkeit auch nur zu denken. Sie fuhren über die Landstraße, die herbstliche Landschaft zog an ihnen vorbei und am Horizont sah es nach Regen aus. Unheilvoller Regen. Semir biss sich auf die Lippen, sie waren Partner, sie mussten über alles reden können. Konnten sie normalerweise auch, doch was war schon normal in den letzten Tagen mit Bens wankelmütiger Laune. "Was ist denn, wenn Christiann weiß, was auf dem Stick ist... und... naja... versucht diese Informationen für sich selbst zu nutzen?" Jetzt war es raus, und Ben hatte die Worte genau verstanden. Semir wartete gebannt auf seine Reaktion, konnte jedoch schon erkennen, dass Bens Miene sich verfinsterte.
      Ich bin es so leid, ohne dich zu sein
      Ich spür' wie das Leben aus mir rinnt,
      Nichts dringt mehr bis zu mir herein
      Träumen und Wachen jetzt eins nur sind

      Hilf mir mich zu finden nach all diesen Jahren
      Nimm mich ein kleines Stück Weges mit dir
      Heile die Wunden, die unheilbar waren
      Ich wär' fast gefallen, doch dann warst du hier

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    • Köln - 14:00 Uhr


      Die dunklen Wolken, die beinahe symbolisch am Horizont aufzogen, verdunkelten auch gleichzeitg Lucas' Laune. Die Hände fest um das Lenkrad geklammert, die Backenzähne fest aufeinander gedrückt. Verdammt, dachte er. Dieser bescheuerte Asiate hatte ihn bei seinem wahren Namen genannt. Woher wussten sie, wie er heißt? Die Yakuza hatten erstklassige Informanten in allerlei Behörden der USA sitzen, aber dort wo Lucas arbeitet, das war keine Behörde. Und bei der CIA ist er unter seinem Decknamen registriert. Dass die Yakuza seinen Namen wusste, schmeckte ihm nicht. Ganz und gar nicht, es war gefährlich und das nicht nur für ihn. Mehrfach wählte er die Nummer von Marlaine, seiner Ex-Frau. Nach dem dritten misslungenen Versuch schlug er wütend mit der flachen Hand aufs Lenkrad.
      Marlaine und er hatten sich vor fünf Jahren getrennt. Vorher führten sie eine scheinbar perfekte Ehe, mit dem kleinen Schönheitsfehler, dass Lucas einem gefährlichen Job nach ging, der ihn oftmals ausser Haus führte. Auslandseinsätze mit der Navy, am Kundus gerade als sie frisch verheiratet waren, im Tschad als ihr Sohn geboren wurde, in Mali als die Ehe langsam kriselte. "Was nützt mir unser gesichertes Einkommen, wenn ich jeden Tag Angst haben muss, dass dein Sarg mit Stars and Stripes umwickelt zurückgeschickt wird?", hatte die blonde Frau ihn angeschrieen, als Lucas, wie so oft, das Argument des Geldes anführte.


      Lucas selbst lebte in seiner eigenen Scheinwelt. Er wollte immer das Beste für seine Familie, doch er bemerkte nicht, dass seine Familie etwas anderes brauchte als ein reichhaltiges Gehalt. Sie brauchten ihren Ehemann, ihren Vater. Und er bemerkte zu spät, dass ihm diese Ehe entglitt, durch die Finger rieselte wie Wüstensand. Doch Marlaine hielt aus, bearbeitete Lucas. Ein anderer Job, weniger Einkommen, geregelteres Leben. Und sie hatte Erfolg... beinahe. Der Mann am Steuer kniff die Augen zusammen, als die Gedanken ihn überfielen. Es sollte der letzte Einsatz sein, eine harmlose Sache im afghanischen Hinterland. Er gab nur einen Befehl - und es war der falsche. Am Ende waren fünf Kameraden tot, er selbst kam mit leichten Verletzungen davon. Er war sich so sicher, alles richtig entschieden zu haben.
      Danach nutzte er die Chance, sich versetzen zu lassen, doch Lucas hatte sich verändert. Schuldgefühle verdrängte er und immer wieder redete er sich ein, genauso wieder zu entscheiden. Es war einfach Pech... doch immer wieder bröckelte diese Haltung. Er wurde jähzornig, er wurde beinahe gefühlskalt. Zeit, um die Sache hinter sich zu lassen und Verständnis, damit umzugehen, konnte Marlaine nach Jahren des Verzichts auf ihren Mann nicht mehr entgegenbringen. Sie ließ sich scheiden, bekam das Sorgerecht für Josh und Cynthia... und Lucas war am Ende. Ein alter Weggefährte aus der Armee fing ihn zumindest beruflich aus, und nahm ihn in die Organisation, die zwischen den Gesetzen stand.


      Der Mann mit den millimeter kurzen Haaren wollte gerne zurück. Er wusste, dass die Zeiten sich geändert hatten, dass er sich geändert hatte... und Marlaine schien den Glauben ebenfalls nicht aufzugeben. In den letzten Monaten telefonierten sie oft, wollten sich treffen, doch immer wieder sagte Lucas ab, wegen seines Berufes. Er konnte sich lange nicht dazu durchringen, seiner Ex-Frau die Wahrheit zu sagen, doch er war ein geradliniger Mann, für den Ehrlichkeit an erster Stelle stand, und so offenbarte er seiner Frau die Wahrheit, woraufhin sie den Kontakt erstmal wieder abbrach. Es tat dem Mann, der äusserlich ohne Gefühle wirkte, sehr weh. Vor einigen Wochen hatte sie ihn angerufen... sie vermisse ihn, Josh und Cynthia vermissten ihren Vater. "Wenn du deinen Job aufgibst... dann versuchen wir es nochmal.", hatte sie voller Ernst gesagt. Er stimmte zu.
      "Ein letzter Job noch.", sagte ihm sein Boss und Auftraggeber. "Dann kündigen wir den Vertrag, der eigentlich nicht zu kündigen ist, weil du uns und dem Land mehr geholfen hast, als irgendjemand anderes." Lucas traute der, oftmals fremden Stimme nicht über den Weg, aber es blieb ihm nichts anderes übrig, ihr zu glauben. Bisher hatte sie jedes Wort gehalten, als es beispielsweise darum ging, Josh einen Platz auf einer der renommiertesten Sportschulen Amerikas zu besorgen, wozu man normalerweise ausgezeichnete Kontakte benötigte und jede Bewerbung mit einer Absage endete. "Wir kümmern uns darum.", sagte die fremde Stimme und Lucas verdrehte die Augen und dachte nur: "Na klar... ihr kümmert euch." Zwei Wochen später hörte er am Handy seinen Sohn jubeln: "Dad, sie haben mich genommen! Sie haben mich genommen!" Er konnte es kaum erwarten, seinen Sohn vom Spielfeldrand aus zu beobachten.


      Aber dieser letzte Job stand ihm jetzt im Weg, und plötzlich steigerte sich die Unruhe in ihm. "Lucas, was gibts? Wie gehts voran?", meldete sich die Stimme seines Auftraggebers, dessen Nummer er jetzt wählte. "Überhaupt nicht." "Das ist nicht gut. Uns läuft die Zeit davon." "Der Physiker ist nicht aufzufinden. Ich habe mich unter meinem CIA-Namen mit der deutschen Polizei zusammengetan, um den Kerl zu finden." Nach dem ihm seine Frau nicht mehr aus dem Kopf ging, konzentrierte er sich jetzt mehr auf das Gespräch, als auf den Verkehr... oder verdächtigen Autos hinter ihm, auch wenn er mehrfach in den Rückspiegel sah. Den grauen Mercedes sah er nicht, denn Ben war zu geschickt ihm unauffälligen Verfolgen. "Vielleicht die Yakuza?" Lucas' Kopfschütteln konnte sein Gesprächspartner nicht sehen. "Glaube ich nicht... die haben uns nochmal angegriffen... vermutlich weil sie denken, wir wüssten mehr als sie. Dabei...", er zögerte kurz. "Was?" "Dabei hat einer der Typen mich beim Namen gerufen... meinem echten." Es blieb still in der Leitung und für einen Moment war, ausser dem Rauschen des Verkehrs und dem Summen des Wagens nur ein leises Atmen zu hören. "Das ist nicht gut." "Ach was..." "War die Polizei dabei? Haben die was bemerkt?" Ein kurzes Hin- und her wiegen des Kopfes, Gesten der Verunsicherung. "Kann schon sein." "Die dürfen keinesfalls herausfinden, wer du bist und für wen du arbeitest. Ich will dir die Folgen dessen gar nicht aufzeichnen. Zur Not musst du eben..."


      Die unheilvolle Stille nach dem abgebrochenen Satz unterbrach Lucas ruckartig. "Vergiss es. Auf keinen Fall." "Lucas...", begann die Stimme aus dem Telefon, doch der Mann am Steuer wurde lauter. "Nein! Erstens will ich mir keine Polizistenmord-Ermittlungen hier ans Bein binden, zweitens brauch ich die beiden Jungs um Jäger und damit den Stick zu finden, und drittens...", er brach ab. Biss sich auf die Zähne bis der Kiefer schmerzte. "Drittens?", schnarrte es abwartend aus dem Hörer und Lucas seufzte. "Drittens hat einer der beiden mir vor wenigen Stunden das Leben gerettet." Der ehemalige Soldat glaubte, das Augenrollen hören zu können. "Ich sag es ja nicht gern, aber wir können uns keine Schwäche leisten. Du hast zwei Aufgaben zu erfüllen. Schaff den Stick ran, egal wie. Und schütze unsere Organisation, egal wie. Wenn die Bullen etwas rausfinden, dann sorg dafür, dass sie es nicht verwenden. Oder bring sie zum Schweigen. Du weißt, was passiert, wenn wir auffliegen!", kam es nun deutlicher aus dem Hörer und bedurfte keiner Widerworte.
      Mit verkniffenem Gesicht sah Lucas in den Rückspiegel, nachdem er gerade abgebogen war und sah den grauen Mercedes noch abbiegen. Seine Augen wurden schmal. "Warum hast du angerufen?", kam dann die Frage aus dem Hörer. "Marlaine geht nicht ans Telefon. Ich will, dass ihr checkt, ob mit meiner Familie alles in Ordnung ist, nachdem die Typen wissen wie ich heisse." "Okay, ich kümmere mich drum." Wenigstens das beruhigte Lucas...
      Ich bin es so leid, ohne dich zu sein
      Ich spür' wie das Leben aus mir rinnt,
      Nichts dringt mehr bis zu mir herein
      Träumen und Wachen jetzt eins nur sind

      Hilf mir mich zu finden nach all diesen Jahren
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      Köln - 14:00 Uhr


      "Du spinnst." Es waren zwei Worte, aber sie kamen direkt und unvermittelt, nachdem Semir seine theoretischen Gedankenspiele beendet hatte. Und es war ein Satz, den man als scherzhaftes Kompliment, als auch als abwertende Beleidigung aufnehmen konnte. Oder aber als Übertreibung. Für einen Moment war sich der erfahrene Polizist nicht ganz sicher, wie er den Satz verstehen sollte und er drehte den Kopf ein wenig in Richtung seines besten Freundes, der auch damit beschäftigt war, hinter Lucas' Audi nicht aufzufallen. Doch die Bestätigung kam sofort: "Ernsthaft, du hast sie nicht alle. Was soll das?" Bens Stimme klang erregt, verärgert... von einem auf den anderen Moment die Laune verändert. Als hätte Semir einen Kippschalter betätigt, der Ben in den Rasend-Modus versetzte.
      "Ben, ich versuche nur jede Möglichkeit abzuwägen. Fakt ist, dass die Asiaten scheinbar hinter deinem Cousin her sind. Also, wo soll er sein und vor allem, warum meldet er sich nicht?" Semirs Stimme blieb ruhig und sachlich... noch. Er sah Bens verkniffenen Gesichtsausdruck, das Kopfschütteln. Seine Hände, wie sie sich um das Lederlenkrad krampften und sein Blick, stur auf den Asphalt. "Ich versuche doch einfach nur, ein wenig logisch nachzudenken. Es ist nur eine Theorie, ich hab das doch gar nicht als Vorwurf formuliert."


      "Logisch nachdenken?", giftete Ben mit aggressiver Stimme zurück. "Dann denk mal logisch nach: Warum sollte Christian dann ausgerechnet zu mir kommen, wenn er mit den Informationen auf dem Stick das große Verbrechen vor hat? Zu einem Polizisten? Dann lässt er sich von mir noch in ein Hotel fahren? Wo liegt denn da die Logik?" Semir musste zugeben, dass Bens Einwand berechtigt ist, doch dessen aggressiver Ton gefiel ihm nicht. Für einen Moment erwischte er sich bei dem Gedanken einfach zu schweigen und seine Theorien für sich zu behalten. Aus Rücksicht auf Ben, auf Rücksicht auf seine eigenen Nerven. Aber das war doch keine Zusammenarbeit. Sie mussten sich doch austauschen können, ihre Gedanken teilen, ohne sich sofort anzugreifen. Na klar gab es Meinungsverschiedenheiten, auch zwischen den beiden besten Freunden. Aber Bens Verhalten war unausstehlich, und gerade jetzt, nachdem es die letzten Stunden wieder halbwegs normal war.
      "So läuft das nicht. Ich habe keinen Vorwurf gemacht.", sagte Semir nochmal und sein erster Satz war gleichzeitig dann doch ein Vorwurf. Allerdings gegen Ben, nicht gegen dessen Cousin. "Wir müssen doch offen miteinander über den Fall reden. Ich hab wirklich das Gefühl gerade, mit Kevin zu reden statt mit dir, wo ich mir jedes Wort zweimal überlegen muss, ob ich es nun sagen kann oder nicht." Und auch Semirs Stimme wurde jetzt lauter, was wiederrum Ben nicht gefiel. Die Stimmung im Wagen schaukelte sich hoch.


      "Ja toll.", blaffte nun der jüngere Kollege und meinte sarkastisch. "Dann schreib Christian zur Fahndung aus. Tot oder lebendig." Dabei nahm er das Funkgerät von der Halterung und warf es seinem verdutzten Kollegen in den Schoß. Er wusste, es war nicht richtig was er tat. Aber ein unangenehmes Engegefühl machte sich in seiner Brust breit, das er scheinbar nur dadurch los wurde, dass er wütend war. Ein Gefühl, das er nie zuvor gespürt hatte und erst seit ein paar Wochen seinen Kopf dominierte. Wenn er jemanden beschimpft hatte, oder gemein zu jemandem war, fühlte er sich besser. Es war grotesk. Ben wollte das nicht, und doch konnte er nichts dagegen tun. Weder konnte der Polizist dieses Gefühl unterdrücken, noch ignorieren und alle Menschen, die ihm wichtig waren, hatten darunter zu leiden.
      "Ich weiß, was mit dir ist.", hörte er dann nach ein paar Minuten der Stille, sowie dem lautlosen Zurücklegen des Funkgerätes in die Halterung durch Semir, dessen Stimme. "Und ich kann dich verstehen. Ich kann es nachvollziehen." Ähnliche Worte hatte er vor einigen Tagen schon mal benutzt, und sie endeten im Fiasko weil der erfahrene Kommissar Bens Beziehung miteinbezogen hatte. In dessen Augen ein böses Foul.


      "Nachvollziehen, aha." Wieder dieser sarkastische, völlig uneinsichtige Unterton. Früher hatte Semir Ben oft auf der ruhigen Ebene erreicht, ihn quasi zur Vernunft gebracht, wenn mit ihm mal wieder die Pferde durchgingen. Doch auf dieser Ebene erreichte Semir seinen besten Freund überhaupt nicht mehr. "Erst ist dieser Verräter bei Kevins Beerdigung, und euch scheint das alles scheissegal zu sein...", spielte er gereizt darauf an, dass Jerry an der Beerdigung teilnahm... der Mann, der dem Mörder von Kevins Schwester Janine damals den entscheidenden Tipp gab und somit für größtenteils für Kevins Lebenslauf verantwortlich war. Semir musste mit Engelszungen vor der Beerdigung reden, dass Ben keinen Aufstand machte, als er den Boxer und Ex-Knacki sah. Semir schüttelte innerlich den Kopf, während er ruhig zu hörte. Er hatte auch Aversionen gegen Annie, die Frau war verantwortlich für die vermutlich schlimmste Nacht seines Lebens im Keller einer Kneipe, als er dort von Neo-Nazis psychisch gefoltert wurde... und trotzdem war es für den erfahrenen Polizisten wie selbstverständlich, dass die junge Punkerin von ihrer Jugendliebe Abschied nahm, mit dem sie so viel schönes und schlimmes erlebt hatte. Aber Semir dachte da mehr mit dem Kopf als mit dem Herzen, im Gegensatz zu seinem Kollegen. "Und jetzt tut ihr einfach so, als wäre nichts geschehen. Als wäre Kevin tatsächlich mit Jerry nach England gefahren. Die Blumen auf seinem Grab sind gerade frisch gepflanzt, da schleppts du schon irgendeinen anderen Kommissar an." Semir schluckte für einen Moment, den er spürte, dass die Angriffe nun unter die Gürtellinie gingen. Und es traf ihn bis ins Mark, so dass er selbst nicht mehr wirklich auf die Verfolgung von Lucas achtete.


      "Sag mal, bist du noch ganz dicht?", fuhr er seinen Partner auf dem Fahrersitz an, und mittlerweile hatte der Streit der beiden Polizisten eine Dimension erreicht, die noch nie schlimmer war. "Das ist mein Job! Das habe ich dir schon mal erklärt." Seime Stimme zitterte. Warum konnte Ben es nicht verstehen, dass man zwischen dem Menschen Kevin und dem Polizisten unterscheiden musste. "Verdammt nochmal, Kevin ist tot! Er ist tot, begreif das endlich! Und er wird nicht mehr wieder lebendig werden dadurch, dass du dich hier wie ein Arschloch aufführst!", schrie der sonst so besonnene Polizist, dem aber auch durchaus mal der Kragen platzen konnte. Er hatte Streit mit seinen Partnern, mit Chris als dieser in einem Einsatz das Leben seiner und Semirs Tochter gefährdete, mit André als dieser Semirs Cousin des Mordes verdächtigte und die beiden sich beinahe auf der Dienststelle prügelten. Dabei war Semir zwar immer aufgeregt, in Chris' Fall eher ängstlich, aber jetzt war er verletzt von Bens Worten, und das hörte man seiner Stimme an. "Im Polizeidienst müssen wir damit klar kommen, dass wir unsere Freunde verlieren! Und wenn du das nicht kannst, dann solltest du dir gut überlegen, ob du noch weiterhin Polizist sein willst! Du musst jetzt endlich wissen, ob du das hier noch alles willst, Ben!" Die Worte flogen in Bens Kopf und stachen ihn wie Messer ins Hirn. Krampfhaft biss er die Zähne aufeinander, bis er seinen Kopf rüber zu Semir drehte. Der erschrak innerlich bei Bens Kälte in seinen Augen, etwas was gar nicht zu dem Sunnyboy passte. Doch es machte den Eindruck, als sei der Sunnyboy in Ben mit Kevin gestorben. "Ja... vielleicht sollte ich mir überlegen, ob ich noch weiter Polizist sein will.", sagte er mit einer unheimlichen Ruhe in der Stimme. Beide merkten nicht, dass sich gerade kein Auto mehr zwischen ihnen und Lucas befand.
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      Hilf mir mich zu finden nach all diesen Jahren
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      Köln - 14:15 Uhr


      Lucas hatte gerade per Tastendruck auf sein Lenkrad das Gespräch beendet, als er zur Überprüfung nochmal in den Rückspiegel sah. Tatsächlich war es Bens grauer Mercedes, der ihm folgte. Sicherlich kein Zufall, allerdings versuchte der Autobahnpolizist gar nicht, die Verfolgung unauffällig zu gestalten. Das verwirrte Lucas. Wollten die beiden ihn beschatten, würden sie das doch unauffälliger machen. So dilettantisch, das hatte der vermeintliche CIA-Mann nicht erwartet. Oder waren sie gerade nur unaufmerksam? Der kahlköpfige Mann fuhr weiter, behutsam und nicht auffällig schnell, als hätte er die beiden bemerkt. Der Weg führte jetzt auf eine Schnellstraße, die auf ihrer Seite für einige Kilometer zweispurig wurde. Lucas beschleunigte auf die Höchstgeschwindigkeit von 100 km/h und blickte wieder in den Rückspiegel.
      "Aha... doch nicht ganz so zufällig.", murmelte er als er beobachtete, wie Ben sich von zwei anderen Autos bereitwillig überholen ließ. Er blinkte rechts und fuhr die nächste Abfahrt Richtung Innenstadt. Die beiden Autos folgten ihm, sowie der graue Mercedes, den Lucas nun nur noch wahrnehmen konnte, wenn er während des Abbiegens auffällig und konzentriert in den Rückspiegel sah. Würde er nun ohne Wissen, verfolgt zu werden, fahren, hätte er die beiden Polizisten nicht gemerkt. Doch jetzt war er gewarnt.


      "Der hat uns längst bemerkt.", sagte Semir mit grummelnder Stimme, als die beiden ebenfalls die Abfahrt nahmen. Ben biss sich auf die Zähne, um die spitze Bemerkung nicht aus seinem Mund zu lassen. Es war das erste Wort, das sie seit einigen Minuten miteinander sprachen, nachdem sie sich eben gerade noch angeschrieen hatten. Und es kam deutlich genervt bei Ben an, der mit seinem emotionalen Ohr hörte. Trotzdem hielt er die, nun wieder verdeckte Verfolgung aufrecht. Wenn Lucas sie bemerkt hatte, würden die beiden das wohl gleich bemerken, entweder dadurch, dass er sie versuchte abzuhängen, oder anhielt um sie zur Rede zu stellen. Zweiteres würde vermutlich ziemlich peinlich werden. Aber innerlich dachte der junge Polizist gerade, dass das dann Semir übernehmen könnte.
      "Dann schauen wir mal, wie gut ihr wirklich seid.", dachte Lucas sich und begann, wie ein Hase Haken schlägt, abzubiegen. Innerhalb der Innenstadt war das irgendwann für den Amerikaner kein Problem mehr, hatte er doch genügend Gelegenheiten, die Fahrspuren zu wechseln, ohne Blinken doch schnell nach rechts zu fahren und damit vor allem Mitfahrer in seinem Umfeld zur Weißglut zu bringen. Und Ben damit auch, der sich immer wieder zwischen Fahrzeuge drängeln musste und auch öfters erst im letzten Moment sah, dass der dunkle Audi doch noch abgebogen ist. "Der hat uns längst bemerkt.", wiederholte Semir in gleicher Tonlage wie vorher, als würde er eine Kasette abspielen. Er wusste natürlich um die Wirkung bei seinem Partner, doch beide Polizisten waren einander gereizt. "Wie oft willst du das jetzt noch wiederholen?", war die bissige Antwort, die Ben sich diesmal nicht verkniff.


      Eine halbe Stunde kurvten die beiden Fahrzeuge nun, immer mit ein paar Autos dazwischen, durch die Kölner Innenstadt. "Du hängst mich nicht ab.", sagte Ben zu sich selbst, als sei das ganze mittlerweile ein persönliches Spiel. Bringen tat die Überwachung nun wirklich nichts mehr, denn Lucas würde nun nichts tun, was für die beiden Polizisten von Interesse wäre. Einige Minuten später hielt er sogar am Straßenrand, so dass Ben den Atem kurz anhielt. Geistesgegenwärtig beschleunigte er, wechselte eine Spur nach links und war gerade, als Lucas ausstieg und von Ben und Semir passiert wurde, im Schatten eines kleinen Transporters. Danach bog der graue Mercedes rechts ab und war aus Lucas Sichtfeld verschwunden, der über den Bürgersteig schritt und sich in ein Café setzte. "Mal sehen, wie lange die beiden Überstunden machen wollen.", dachte er sich und setzte sich extra an die Fensterfront, um beobachten zu können, ob die beiden irgendwo auf einem anderen Parkplatz an der Straßen parkten. Beim Kellner bestellte sich Lucas einen Latte Macciato.
      Ben hatte, nachdem er in die Seitenstraße abgebogen war, den Mercedes direkt an der Straße im Halteverbot geparkt. "Und jetzt?", fragte Semir missmutig, denn wenn es nach ihm ginge, hätte er die Verfolgung an dieser Stelle abgebrochen, weil er sicher war, dass Lucas die beiden Polizisten schon längst bemerkt hatte. Doch Ben hatte noch nicht aufgegeben. "Wir machen einen VFW.", sagte er und stieg aus. "Einen was?", rief sein Partner ihm hinterher und öffnete seinerseits die Tür, um halb auszusteigen.


      Ben war währenddessen auf die Straße gelaufen und hielt einen weißen KIA Kombi mit gezücktem Ausweis an, der in umgekehrter Richtung die Straße entlang Richtung Hauptstraße fuhr und abrupt abbremste. "Ein Verfolgungsfahrzeugwechsel!", rief er seinem Partner noch zu, als der Fahrer des Wagens die Seitenscheibe herunterließ. "Was ist denn los?" "Autobahnpolizei Jäger. Wir müssen ihr Fahrzeug beschlagnahmen, das ist eine Amtsmaßnahme.", sagte er und ließ dem Mann gerade noch Zeit, den Ausweis zu studieren, bevor er ihn, mehr als eilig, aus dem Fahrzeug bat. "Aber..." "Wir lassen sie abholen!", hörte er gerade noch von dem Mann mit der Wuschelfrisur, während Semir kopfschüttelnd auf der Beifahrerseite einstieg. Ben legte den Wählhebel des Autos auf D und ließ ihn zurück zur Hauptstraße rollen, entgegen der vorherigen Fahrtrichtung am Cafe vorbei und dann auf der anderen Straßenseite parkend. Sie setzten sich beide etwas geduckt und Ben stellte den Seitenspiegel so ein, dass er den Ausgang des Cafes genau im Blick hatte.
      "Wenn wir der Chefin nachher noch erklären müssen, dass unser Auto abgeschleppt wurde...", hörte er die Stimme von Semir, die er sofort abwürgte. "Du kannst ja gern am Auto warten. Aber im Benz hat er uns wirklich erkannt." Lucas bekam in der Zwischenzeit seinen Kaffee und blickte immer wieder hinaus. Der weiße KIA war ihm natürlich nicht aufgefallen im Verkehrsgewirr, vor allem weil er primär auf den grauen Mercedes achtete, doch der war nirgends zu sehen.


      Trotzdem verbrachte er über eine halbe Stunde im Café, bevor er bezahlte und wieder auf die Straße trat. Er sah sich aufmerksam um, er war vorsichtig, geübt... denn er traute den beiden Autobahnpolizisten nicht. Doch der graue Mercedes war nirgends zu sehen, und soweit er es überblicken konnte, saß auch niemand in den direkt umliegend stehenden Autos. Sein naheliegender Gedanke: Die beiden hatten aufgegeben, nachdem durch seine Irrfahrt klar war, dass er sie bemerkt hatte. Ein wenig siegessicher lächelte er, auch wenn in ihm drin der Ärger überwog. Sie waren misstrauisch... vermutlich hatte doch einer der beiden mitbekommen, als der Asiate ihn bei seinem wahren Nachnamen gerufen hatte. Er stieg in seinen Audi, startete und fädelte sich in den Verkehr ein. Ben startete den weißen KIA, drehte über die Hauptstraße allerdings erst, als Lucas bereits einiges an Abstand hatte. Diesmal waren die beiden Polizisten vorsichtiger.
      Lucas wählte währenddessen eine, ihm sehr gut bekannte Handynummer. Es läutete nur zweimal, dann wurde abgehoben und eine asiatisch klingende Stimme meldete sich. "Hier ist Lucas. Was soll der Scheiss?", knurrte er. "Lucas... liebster Freund. Ich hoffe, meine Leute haben dir keine Umstände in Deutschland gemacht." Die Stimme klang gönnerhaft, hell, voll Freude. Beinahe konnte der Amerikaner das Grinsen hören. "Deine Männer haben mich heute mittag beinahe um die Ecke gebracht." Immer wieder schaute er dabei in den Rückspiegel, doch er konnte keinen grauen Mercedes mehr sehen. Die beiden hatten tatsächlich aufgegeben. "Zu schade.", hörte er. "Dann sollte dir das eine Lehre sein. Flieg zurück nach Amerika, und überlass uns den Stick. Ihr wisst damit eh nichts anzufangen." Lucas grinste, ein böses selbstsicheres Grinsen. "Ich gebe dir jetzt mal einen Rat. Beim nächsten Mal ziele ich besser, und dann kannst du schon mal ein Charterflugzeug neuer Männer nach Deutschland schicken. Also geb dich mit deinen Geldwäsche-Firmen, Drogenproduktion und Prostitution zufrieden und lass die Finger davon. Die Sache ist eine Nummer zu groß! Ihr wisst überhaupt nicht, auf was ihr euch einlasst." "Hauptsache du weißt es, Lucas... hauptsache, du weißt es." Dann trennte der unbekannte Mann die Verbindung.
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