Zurück in der Hölle

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    • Zurück in der Hölle

      Prolog
      In einer Bäckerei, Anfang 2008
      Es ist Freitag. Alle warten auf den Feierabend. Das Wochenende. Die meisten Kunden haben gute Laune. Die Kollegen auch. Aber ich wünsche mir, es wäre schon wieder Montag früh. Nicht, weil ich den Job hier in der Bäckerei so liebe. Es ist in Ordnung, ja. Mein Chef ist auch okay. Wir dürfen uns in der Pause immer etwas heraussuchen, so viel wir wollen. Verhungern muss ich bestimmt nie, so lange ich hier arbeite. Eben waren Herr und Frau Bolschläger da. Ein süßes Paar. Beide um die 90. Aber sie treiben mir die Tränen in die Augen. Weil ich genau weiß, dass ich das, was die beiden haben, verlor. Ich weiß nicht wann. Ich weiß nicht wie. Seit ein paar Monaten ist meine Liebe fort. Und an ihrer Stelle ist die Angst bei uns eingezogen. Manchmal sehe ich meinen Mann an und ich habe genau den vor mir, den ich vor 1,5 Jahren geheiratet habe. Alles schein wie früher. Dann dreht er sich um und ein Monster ist vor mir. Laut, aggressiv, unberechenbar. Wie es ist, wenn man nicht nach Hause will? Wie es ist, wenn es überall besser zu sein scheint als zu Hause? Ich weiß es. Aber ich habe keine Idee, wie ich da raus komme. Ich weiß ja noch gar nicht mal, was los ist, kann es kaum in Worte fassen...ach, wenn es doch nie 20 Uhr würde!

      Jetzt
      Andrea packte die Koffer. Gleich käme Ben um sie und die kleineren Mädchen abzuholen. Sie wollten Semir aus der Reha nach Hause holen und noch ein paar schöne Tage am Bodensee verbringen. Andrea hoffte, der Abstand zu Köln hätte ihrem Mann so gut getan, wie der Arzt gemeint hatte. Ihr war klar, dass er an auch nach der Reha noch einen langen Weg vor sich hatte - aber wie lange der wäre, wusste sie nicht. Und auch nicht, ob er steinig und steil wäre. Sie seufzte und drückte den Koffer mit Aydas Kuscheltier fester zu. Ihr Blick fiel auf ihr Smartphone. Sie nahm es zur Hand und blätterte kurz in den Bildern der letzten Monate. Semir auf Intensiv. Semir auf Normalstation. Semir zu Hause. Semir in Reha. Auch für sie war es eine harte Zeit gewesen. Jetzt konnte doch eigentlich nur noch alles gut werden. Jetzt musste einfach alles gut werden. Es klingelte. Freudiges Toben und Rufen kündigte ihr an, dass Ben angekommen war. "Seine Wirkung auf Frauen ist wohl vom Alter unabhängig," dachte sich Andrea schmunzelnd und trug Ben den ersten Koffer entgegen. Er umarmte sie. Sie roch sein Aftershave. Es war seit 10 Jahren das gleiche. Sie kannte es aus der Zeit, in der er und ihr Mann noch Partner gewesen waren. Andrea drückte eine Träne weg. Sie vermisste plötzlich ihren Semir so sehr....
    • Semir lag auf seinem Bett. Er wollte einschlafen. Er war müde, sehr müde. Aber wie so oft in letzter Zeit, nickte er zwar ein. Aber der tiefe, erholsame Schlaf, den er gebraucht hätte, wollte sich nicht einstellen. Anstelle dessen fand er sich immer wieder auf der Intensivstation wieder. Er schnappte nach Luft, wachte daran auf: Er atmete selbst! Aber er war nicht zu Hause! Wo war Andrea? Wo die Kinder? Es waren grausame Sekunden, die er zu seiner Orientierung benötigte. Schließlich ließ er das Licht im Zimmer brennen und öffnete das Fenster weit. Die frische Nachtluft war genau das, was ihm guttat. Er legte sich ins Bett, deckte sich zu. Leise flüsterte er einen Satz vor sich hin, den seine Großmutter ihm immer gesagt hatte, wenn sie etwas Böses von ihm hatte fern halten wollen: Euzu billahi mineşşeytan irracim. " Dabei erschien ihm ihr gültiges Lächeln und er träumte davon, wie er als Junge neben ihr auf einer Anhöhe gesessen und ins Tal hinab gesehen hatte.

      Es war keine lange Nacht, aber immerhin eine halbwegs erholsame. Es war kurz nach 5 als lautes Vogelgezwitscher ihn weckte. Semir schälte sich aus dem Bett, zog sich an und verließ leise das Zimmer. Seine Krücken ließ er absichtlich stehen. Er wollte sie nicht mehr brauchen! Er würde sie nicht mehr brauchen! Er verließ die Kurappartements und ging in den Park. Er genoss die Ruhe und das Vogelzwitschern der blauen Stunde. Später käme Andrea mit seinen beiden Jüngsten. Ben würde sie hier herbringen und gemeinsam würden sie die letzten Tage seiner Rehabilitation hier verbringen. "Rehabilitation," flüsterte Semir leise vor sich hin. Fast war es ein Fauchen. Denn ganz so, wie es vor den Schüssen auf ihn gewesen war, würde es wohl nie mehr sein. Langsames Gehen klappte inzwischen wieder ganz gut. Die Wunden im Oberkörper waren nur noch an den Narben zu erkennen. Und alle um ihn herum freuten sich, dass in seinem Kopf wohl alles wieder funktionierte. Aber das Bein, der Oberschenkel,ob er je wieder damit rennen oder springen könnte? Betrübt sah er darauf - er spürte es überdeutlich, dass die Krücken keine sinnlosen Begleiter gewesen wären - und setzte sich auf die Bank. Autofahren hatte er noch gar nicht wieder versucht - vor seiner Kur hatte ihm noch jede Kraft gefehlt und jetzt? Was wäre ein Autobahnpolizist, der nicht mehr rennen könnte? Ein Stubenhocker. Er mochte gar nicht daran denken. Sein Blick wanderte in den Himmel. Da sah er häufiger hin, seit er aus dem Krankenhaus entlassen worden war. Es war nicht nur sein Bein. Es war auch etwas in ihm, das noch nicht wieder ganz war. Manchmal hatte er das Gefühl, er wäre allein auf einer langen Reise gewesen und wäre nun erschöpft aber voller neuer Bilder. Bilder aus einer inneren Welt. Er stand auf, ging weiter. Manchmal kam es ihm so vor, als könnte ihm nie wieder jemand etwas vom Leben erzählen, weil seines doch schon zu Ende gewesen war. Er hätte sich einsam gefühlt, wäre da nicht jemand gewesen, der schon vor ihm einsam gewesen war und der unter den Geschehnissen im letzten März auch gelitten hatte.
    • In den letzten Tagen war Alex, der seine Handverletzung ebenfalls hier therapieren ließ, ihm immer vertrauter geworden. Es war anders als mit Ben. Er konnte schweigend neben Alex sitzen und es war, als hätte jeder dem anderen seinen Roman aus den Tiefen der Dunkelheit erzählt. Vor Andrea, Ben und den Kindern wollte Semir keine Schmerzen zeigen. Aber bei Alex hatte er keine Scheu mehr (auch wenn er wusste, dass er das bei den anderen auch nicht hätte haben müssen). Vielleicht konnte er ihm auch das alles eingestehen, ihn etwas näher an sich lassen, weil er bemerkt hatte, wie wichtig es für Alex war. Der hatte sich lange Vorwürfe gemacht, nicht schnell genug gewesen zu sein. Er hätte gerne alles auf sich genommen, was Semir durchgemacht hatte, wenn er nur die Schuldgefühle losgeworden wäre! Semir hatte das erkannt. Es war gut, ja heilsam, dass Alex eigentlich alles wusste, was passiert war. Semir war klar : Was immer er aus seiner Zeit in der Klinik wissen wollte - er müsste nur Alex fragen und der würde es ihm klar und deutlich beantworten. Aber momentan reichte ihm die Möglichkeit. Die gab es bei Andrea wohl auch, aber in ihren Augen spiegelte sich noch immer die Angst um ihren geliebten Mann. Und das konnte er jetzt noch nicht ertragen. Ja, er war schwach...
      Wie sollte es nur weiter gehen? Semir hinkte durch den Park, bis die Schmerzen zu groß wurden und seine Verzweiflung ihm Tränen in die Augen trieb. Er schloss sie. Verdammt, er wollte doch wieder auf die Autobahn! Er wollte wieder normal sein. Nur normal - sich hinlegen und einschlafen oder einfach nur eine kleine Treppe hoch gehen mit beiden Beinen abwechselnd.... Seine Hand verbiss sich beinahe in seinen Oberschenkel, so dass er nicht mehr wusste, woher der Schmerz dort kam. Da spürte er, wie sich eine Person neben ihn stellte. Noch bevor er die Augen öffnete, sprach Alex: "Hey! Super! Heute schon zwei Runden mehr als gestern. Komm, wir müssen los..."
      Alex zerrte leicht an Semirs Shirt. "Was..." "Wenn ich schon hier bin, will ich es ein Mal erleben, komm einfach..." Zwar hatte er keine Ahnung, wovon sein Partner sprach, aber es versprach eine willkommene Abwechslung. Semir kämpfte gegen seine Schmerzen an und folgte Alex zu dessen Wagen. Auch wenn es ihm schwer fiel, stieg er auf der Beifahrerseite ein. Erwartungsvoll sah er zu seinem Partner. Aber der lächelte nur. Alex fuhr vom Parkplatz, die B 30 nach Süden, während das Blau des Himmels immer heller wurde. "Anja hat mir erzählt, dass man das gesehen haben muss." "Anja?" Semir grinste - auch wenn ihn eigentlich mehr interessierte, wohin sie fuhren. Auch Alex grinste. "Ja, Anja. Die Physiotherapeutin mit den langen braunen Haaren..." Semir grinste noch breiter "ach, DIE Anja mit den langen Beinen und großen..." "...braunen Augen.Und den Zauberhänden, genau." Semir sah aus dem Fenster und lächelte in sich hinein. Ihm war der bewundernde Blick von Alex, wenn dieser Anja sah, nicht entgangen. Wenn er ehrlich war, wünschte er ihm eine glückliche Beziehung. So, wie er sie inzwischen mit Andrea führte. Andrea... Was hatte er nur für ein Glück mit dieser Frau! Wie freute er sich auf das Wiedersehen!

      Bald erreichten sie den Bodensee, an dessen Ufer sie sich auf einer Bank niederließen. "Kaffee," fragte Alex und bot Semir einen von zwei Thermosbechern an. Der sah ihn verwundert an und nahm den Kaffee voller Freude zu sich. Während das perfekt temperierte Getränk seinen Hals herunter lief, sah Semir, wie die Sonne über die Berge der Alpen stieg und langsam das Wasser des Sees glitzern ließ. Es war wunderschön. "Ja, da hat sie recht, die Anja," fand er und legte anerkennend seine Hand auf Alex Schulter. Alex nickte und sah zu seinem Partner. Der wirkte gerade richtig gelöst, fast schon glücklich. Endlich.

      2008
      Ich drehe den Schlüssel im Schloss um. Er ist schon da."Guten Abend, Schatz," sagt er und küsst mich. "Willst du erst was essen oder gehen wir gleich raus?" "Wo willst du denn hin?" "In die Disco oder in die Wunder-Bar... Komm, ich habe schon auf dich gewartet!" Ich bin müde, ich bin total fertig, möchte schlafen. Habe 12 Stunden am Stück gearbeitet. Aber ich will nicht riskieren, dass es gleich wieder Stress gibt. Das Wochenende kann lang sein. Also gehe ich ins Bad, ziehe mich um, schminke mich. Ein bisschen. Er geht rauchen. Wir treffen uns im Flur."Wow!" Seine Augen sind glasig. Seine Hände schnell, seine Finger noch schneller. Er drückt mich gegen die Wand. "Du bist so heiß! Und du bist meine Frau! Wie geil...." Sein Mund voll Zigaretten-Geschmack presst sich auf meinen. Was wird das? Nein... Nein! Ich versuche, ihn von mir zu drücken. "Wir wollten doch gehen," werfe ich ein. Aber er hat nur noch ein Ziel. Und wenn ich nicht mitmache, wird es nur noch mehr weh tun...
    • Ben hatte Frühstück mitgebracht. Ohne etwas zu essen würde er nicht auf die Fahrt in den Süden starten. Während sie aßen, unterhielten sich die Kinder darüber, was sie alles mit Onkel Ben und ihrem Papa anstellen wollten. Auf jeden Fall einmal mit dem Schiff fahren. Zur Blumeninsel. Auf den Affenberg und natürlich ins Spieleland. "Woher wisst ihr denn das alles," wollte Ben wissen. "Hat uns Dana im Internet rausgesucht,"erzählte Ayda stolz, was die Erwachsenen schmunzeln ließ.

      Zwei Stunden später waren sie auf der Autobahn. Ben gerade überholte auf der mittleren Spur einen Lastwagen, während er selbst links von einem Mercedes überholt wurde. Da kam plötzlich wie aus dem Nichts ein weiterer Wagen mit Lichthupe links angeschossen. Der Mercedes - Fahrer erschrak sichtlich und riss sein Lenkrad nach rechts. Ben legte eine Vollbremsung ein. Er fluchte, die Reifen quietschten. Ayda und Lilly kreischten, denn auch sie sahen sich von Fahrzeugen eingekeilt. Um wenige Millimeter verfehlte der Mercedes ihr Auto. Der Fahrer hob entschuldigend die Hand. Der BMW jedoch, der die gefährliche Situation verursacht hatte, war eilig an ihnen vorbei geschossen, ohne auch nur ein wenig abzubremsen. Ben sah in den Rückspiegel. Die Kinder kreischten immer noch. "Alles gut," sagte er. "Das war knapp," löste sich die Schockstarre auch bei Andrea. Sie versuchte, ihren Kindern ein sicheres Lächeln zu schenken. Die hörten darauf hin wenigstens mit dem Kreischen auf - Lilly schluchzte nur noch kurz, während Ayda die Bestätigung für Ihre Vermutung suchte:"Der war doch verrückt, oder?" Ben zuckte seufzend mit den Achseln. Andrea sah sich zu Ayda um: "Ich glaube schon, mein Schatz!" Zu Ben gewandt fuhr sie fort: "Habt ihr gesehen? Da waren Kindersitz und Babyschale drin und dann rast der so..." "Der hatte auch ein "K"-Kennzeichen, "bemerkte Ayda. Ben und Andrea mussten schmunzeln. Da war wohl etwas von Semirs Erziehung hängen geblieben...

      Die restliche Fahrt verlief ruhig. Die Kinder waren bei Ulm eingeschlafen und erwachten erst wieder, als Ben das Auto auf dem Parkplatz in Bad Waldsee abstellte. Dort wartete Semir bereits ungeduldig. "Wo bleibt ihr denn? Alles okay? Ist er anständig gefahren?" Andrea umarmte ihren Mann innig und küsste ihn. "ich habe dich auch vermisst..." Semir sah sie an und musste schmunzeln. "Ich dich auch. Und wie..." Nach einem erneuten Kuss klopfte er Ben auf die Schulter. "Danke. Vielen Dank, Ben!" "Onkel Ben kann ganz toll bremsen," meldete sich Lilly schlaftrunken von der hinteren Sitzbank."Es hat gar nicht geknallt..." "So, so" bemerkte Semir kritisch.
      "Ich glaube, Ben hätte heute was drum gegeben, sich wieder ein Blaulicht aufs Dach setzen zu können," sagte Andrea. "Kann man wohl sagen! So rücksichtslos und dann noch Kinder dabei..." echauffierte sich der dunkelhaarige Freund.
      "Aber es ist ja alles gut gegangen. Wollen wir auf den Spielplatz am See?" "Guter Vorschlag, Semir," lobte Andrea "Ich habe auch noch eine Kleinigkeit zu Essen dabei" Das war der Satz, der Ben ebenfalls zustimmen ließ. "Ich sag nur kurz Alex Bescheid. Er hat nachher noch Physio. Kann ja dann nachkommen," fand Semir, der plötzlich neue Kräfte in sich spürte.

      2008
      Ich stehe in der Bäckerei. Bin für Nilam eingesprungen. Wie gut, einen Grund zu haben, nicht bei ihm zu sein. Ich versuche, nicht an gestern zu denken. Aber jeder Schritt erinnert mich schmerzhaft mit einem Brennen. Gut, dass ich nicht sitzen muss. Gut, dass heute Abend Fußball ist. Hoffentlich geht er zum Training....

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    • Ben spielte mit Ayda ausgelassen auf dem Spielplatz am See. Es war ein sehr schöner Frühlingstag, kurz vor Eröffnung der Freibadsaison am See. Weil es ein Donnerstag-Vormittag war, war nicht viel los. Lilly hatte ihre helle Freude im Sandkasten, wo sie mit einem jüngeren, blondgelockten Mädchen "Eiscafé" spielte. Immer und immer wieder wurden Andrea und Semir riesige Portionen Sand in Plastikeiswaffeln angeboten, die sie voll gespieltem Genuss auslöffeln mussten. Lilly schickte die kleine Eisverkäuferin zu ihren Eltern, um die Plastikeiswaffeln wieder einzusammeln und diese fragte: "Eis gut, ja? Namal?" Dabei leuchteten ihre blauen Augen - da traute keiner "Nein" zu sagen! "Wie alt ist sie," fragte Semir die Mutter der Kleinen, die mit einem Baby im Tragetuch neben ihnen stand. "Marie ist 24, Leon gerade 3 Monate alt." "Und? Ist sie eifersüchtig?" "Nein. Gar nicht. Sie ist total lieb zu ihm, aber manchmal ist er einfach eine lebendige Puppe für sie - da muss man aufpassen." Leon war wach geworden und bewegte schlaftrunkend suchend sein Köpfchen auf dem Dekolleté der Mutter hin und her. "Ich würde Leon gerne stillen..." Andrea lächelte - gerne erinnerte sie sich an diese Zeit: "Kein Problem. Wir passen auf Marie auf." Die junge Frau bedankte sich und setzte sich etwas abseits auf eine Bank, wo sie ihr inzwischen ungeduldiges Baby so in das Tuch legte, dass es trinken konnte. "Praktisch, so ein Tuch," stellte Semir fest. Andrea nickte und lenkte dann seinen Blick auf Ben, der Ayda beim Wettrennen gewinnen ließ. Semir müsste schmunzeln, denn der Betrug war allzu offensichtlich.Es versetzte ihm einen Stich, weil ihm klar war, dass Ayda wohl momentan gegen ihn tatsächlich gewonnen hätte. Aber ihr helles, fröhliches Lachen ließ wenig Platz für dunkle Gedanken. Eine Stunde später war die kleine Marie müde und ihre Mutter verabschiedete sich von Ben Jäger und den Gerkans. Auch Ben knurrte der Magen und so packten sie ebenfalls ihre Sachen zusammen. "Alex kommt bestimmt gleich zum Parkplatz, er müsste schon mit seinem vorletzten Physiotermin fertig sein...." bemerkte Semir. "Schaffst du es bis zum Parkplatz," fragte Ben besorgt. Darauf erntete er einen vernichtenden Blick und ein überzeugtes "Natürlich, was denkst du denn," von Semir. Andrea nahm ihn liebevoll in den Arm, gab ihm einen Kuss und zwinkerte Ben zu, als sie sagte: "Natürlich schaffst du das, mein starker türkischer Hengst!" Lächelnd nickte auch Semir und wies mit einer bestätigenden Handbewegung auf seine Frau, als er zu Ben sah. Der lachte und nahm Lilly auf die Schultern. Andrea nahm den Rucksack mit und reichte Ayda die Hand. Semir versuchte, alle anderen mehr von sich zu überzeugen, als er selbst es war. Und so humpelte er rasch an Krücken voran in Richtung Parkplatz.

      2008
      Ich stehe in der Küche, warte darauf, dass das Wasser für meinen Tee kocht. Ich habe das Radio angeschaltet. Seit langem mal wieder - er kann es nicht leiden. Aber er ist beim Fußball. "Radio Köln spielt verrückt. Heute Abend spielen wir alles. Und ich meine wirklich : Alles. Sogar den Song von Bushido, den sich Alina aus Delbrück gewünscht hat....." Sagt mir nichts, aber so richtig aufmerksam werde ich erst, als nach einem dramatischem Intro eine männliche Stimme fragt:
      "Was ist mit uns passiert? Du bist mir fremd geworden.
      Ich guck' dich an und fühle: Ich bin bei dir nicht geborgen.
      Wir beide wollten reden, jetzt streiten wir uns wieder.
      Wenn du ehrlich bist, weißt du, dass ich das nicht verdient hab'.
      Ich kriege so langsam Angst, dass du nicht mehr lieben kannst.
      Dass du Gefühle, die ich habe, nicht erwidern kannst.
      Es macht mich krank, wenn du sagst, dass das nicht stimmt.
      Du redest vom großen Glück, doch verhältst dich wie ein Kind.
      Warum tust du mir das an, woher kommt der Hass in dir..... "
      Noch bevor das Wasser siedet, schalte ich den Wasserkocher aus. Ich muss das hören. Auch als der Song zuende ist, bleibe ich wie versteinert stehen. Wie konnte das im Radio kommen? Jemand - irgendwo da draußen - hat einen Song aus dem gemacht, was ich fühle! Wie krass! Das Mädchen in dem Song stirbt allerdings - ob nun durch Selbstmord oder die Hand des Partners. Tot. Ich atme tief durch. Reibe meine Arme, um mich selbst zu spüren. Wenn das so weiter geht... In letzter Zeit hat es mehr als einen Moment gegeben, in dem ich ihn gedanklich vor mir sah. Wie er mit einem Messer auf mich losgeht. Wie er mir mit dem Wellholz den Kopf einschlägt. Trotzdem bin ich noch da. Wo soll ich denn hin? Wo wird er mich nicht finden? Wovon soll ich leben? Vielleicht liegt es auch einfach an mir. Vielleicht ist es gar nicht so. Vorhin war er so süß - hat mich von der Arbeit abgeholt, wir haben uns eine Pizza geteilt. Er war so liebevoll und zärtlich wie damals vor 3 Jahren, als ich ihn kennen gelernt habe. Wahrscheinlich spinne ich. Ich bilde mir das nur ein.....
    • Alex hatte sich etwas verspätet. Er hatte es tatsächlich geschafft, mit Anja Bährle die Handynummern auszutauschen! Auch sie schien nicht uninteressiert zu sein, hatte Alex aber ganz klar gemacht, dass nichts zwischen ihnen liefe, so lange er ihr Patient war. Allein die Aussicht auf ein mögliches Wiedersehen mit der hübschen jungen Frau nach der Reha, ließ den Platz in seiner Hose schrumpfen. Er schalt sich selbst einen Idioten, denn was war eine Nummer schon anderes als die Abfolge von Zahlen?
      So war er in Gedanken versunken, fuhr über die Bahnschienen, sah unten den See in der Sonne. Hinten näherte sich eine kleine Gruppe dem Parkplatz. Das waren wohl Ben, Semir und seine Familie. Auf dem Parkplatz selbst stand ein Nissan Evalia, in den eine Frau gerade etwas gelegt hatte. Hinter ihr stand eine weitere Person. Gerade wunderte sich Alex noch, warum die Person eine dicke schwarze Mütze zu tragen schien, da geschah etwas Unglaubliches.

      Semir war ein kleines Stück voran gehumpelt - er wollte der erste am Parkplatz sein. Und Ben und Andrea ließen ihn zeigen, wie fit er war. Er behielt sein Ziel fest im Blick. Da vorne am Parkplatz sah er, wie die junge Mutter noch kurz ihr Tragetuch und die Tasche in den Evalia legte, bevor sie die Heimfahrt antreten wollte.
      Aber wer war die Person mit der Mütze hinter ihr? Sein Instinkt sagte ihm, dass da etwas nicht stimmte. Kaum beschleunigte er seine Schritte, sah er etwas, was ihn innerlich erstarren ließ. Nein! Das durfte nicht wahr sein! Mit ganzer Kraft brüllte er nach dem Einzigen, der das jetzt vielleicht noch verhindern konnte: "Ben!"


      Seltsam... Was macht das Seil an unserer Anhängerkupplung? Das war doch vorhin noch nicht da. habe das Gefühl, jemand stünde hinter mir. Ich drehe mich um. Das Gesicht ist mit einer Sturmhaube bedeckt. Aber ich sehe die Augen. Nein! Bitte nicht....

      Ein Schmerz durchzieht meinen Körper, ich spüre mich fallen. Was geschieht mit mir? Marie! Leon! Etwas wird um meinen Hals gelegt..Nein! Ich muss hier weg. Aber mein Körper gehorcht mir nicht. Stattdessen sehe ich Bilder von Hinrichtungen. Wie in einem Film. Die Klappe geht auf... Leon!!! Marie...
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      Sofort hatte Ben Lilly abgesetzt und war losgerannt. Zuerst hatte er gedacht, es wäre Semir schlecht geworden. Aber dann sah er, wie dessen Krücken nur so flogen,um nur so schnell wie möglich zum Parkplatz vor ihnen zu kommen. Jetzt sah auch er, warum: Eine Person mit Sturmhaube auf die junge Mutter vom Spielplatz mit einer Eisenstange einschlug. Die Stange fiel zu Boden, die Frau neben sie. Ben rannte, er überholte Semir kurz vor dem Übergang zum Parkplatz. Die Person mit der Sturmhaube - war es eine Frau oder ein zierlicher Mann? Sie legte die wehrlos am Boden liegenden Frau ein Seil um den Hals, nahm den am Boden liegenden Schlüssel und stieg ins Auto. Ben und Semir schrien beide aus voller Kehle: "Stehen bleiben! Polizei!" "Wie früher," schoss es beiden durch den Kopf. Doch das Auto, in dem Baby Leon und die kleine blondgelockte Marie saßen, fuhr unbeeindruckt los und schleifte die Mutter der beiden über den Asphalt.
      Lilly hatte erst protestieren wollen, als Ben sie einfach abgesetzt hatte. Dann aber war Andrea an ihr vorbei gerannt und hatte Ayda angewiesen :" Nimm Lilly an der Hand und kommt! Da ist was passiert, wir müssen Papa helfen!" So rannten die Mädchen hinter ihren Eltern her. Selbst Lilly hatte kapiert, dass jetzt keine Zeit für Theater war.
      Alex hatte das grausame Geschehen ansatzweise verfolgt. Er war gerade den Bahndamm herunter gefahren. Als der Nissan den Parkplatz verlassen wollte, versuchte er, ihm den Weg zu versperren. Doch der Nissan hielt auf ihn zu. Er rammte ihn, wodurch Alex' Auto zur Seite geschoben wurde.
      Ben hatte aufgeholt. Er warf sich kurz vor dem Aufprall nach vorne und erwischte tatsächlich das Seil, an dem die Mutter der Kinder hing. Er riss daran - in dem Moment fuhr der Nissan einfach weiter. Ben hörte das Schreien der Kinder im Inneren. Im Bruchteil einer Sekunde klemmte er sich hinter den Findling, der als Begrenzungsstein diente und stemmte sich dagegen. Mit der Kraft der Verzweiflung riss und rüttelte er an dem Seil, während sie weiter gezogen wurden.
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      Tatsächlich! Es gelang ihm - der angerostete Kopf der Anhängerkupplung gab nach! Noch ein Ruck und das Seil rutschte von dem verbogenen Metall. Der Nissan fuhr nach einem Wackeln einfach weiter. Ben blickte laut ausatmend auf das rot-bläulich verfärbte Gesicht der inzwischen bewusstlosen Frau. Gerade wollte er sich um sie kümmern, da stürzte Andrea auf ihn zu:
      "Ich mach das! Fahr mit Alex! Schnappt das Schwein." Dieser hatte schon die Tür geöffnet - Ben sprang hinein. Alex raste den Bahndamm hinauf, hinter dem Nissan her. In just diesem Moment gingen die Bahnschranken hinunter - der Nissan fuhr noch hindurch. Doch die paar Sekunden Abstand zwischen ihnen machten es Alex unmöglich, ihm nachzufahren. Die Gefahr war zu groß, dass sie von dem nahenden Zug erfasst worden wären.
      "Scheiße,"brüllte Alex. Ben schlug auf die Konsole. Tränen standen ihm in den Augen.
      "Was..." fragte Alex.
      "Da werden vor unseren Augen ein 2-Jähriges Mädchen und ein 3-Monate alter Junge brutal entführt. Und wir können nichts tun...." bemerkte Ben tonlos. Alex ballte die Hände zu Fäusten und schlug sie auf das Lenkrad.

      Auch Andrea hatte im ersten Moment Angst um Semir gehabt, aber ähnlich schnell wie Ben realisiert, dass es diesmal nicht um sein Leben ging. Schnell hatte sie das Handy aus dem Rucksack geholt und die 112 angerufen.
      Sie rannte weiter - verdammt, wie lange dauerte das denn, bis jemand dran ging?
      "Integrierte Rettungsleitstelle Ravensburg..."
      "Andrea Gerkan. Wir sind am großen Parkplatz zum Stadtsee in Bad Waldsee - hier ist gerade eine Frau überfallen und ihre Kinder entführt worden. Die Frau ist schwer verletzt..."

      Während des Notrufs lief Andrea weiter. Sie hatte gerade das Telefonat beendet, da erreichte sie die junge Mutter vom Spielplatz. Ben hatte das Seil gerade vom Auto losreißen können. Ohne lange zu überlegen, schickte Andrea Ben auf Verfolgungsjagd. Jetzt holte sie Taschenmesser aus dem Rucksack. Ganz vorsichtig aber so rasch wie möglich versuchte sie, das Seil am Hals zu durchtrennen. Es gelang ihr. Just in dem Moment hörte sie ein :
      "Mama?!" Ayda und Lilly hatten aufgeholt.
      "Was machst du da? Wo ist Marie? Und das Baby?"
      Diese Fragen versetzten Andrea einen heftigen Stich.
      "Ich versuche, ihr zu helfen. Seid kurz leise, ich muss schauen, ob sie noch atmet?!" Sie legte die Hand auf den Brustkorb der Frau und hielt ihr Ohr über deren Nase und Mund. Sie spürte zwar einen langsamen Herzschlag, aber keine Atmung. Beherzt griff Andrea zu, überstreckte vorsichtig den Kopf der Frau und begann mit der Atemspende.
      " Mama? Warum küsst du die Maries Mama," fragte Ayda, die Lilly immer noch festhielt.

      Semir hatte die Eisenstange im Einsatz gesehen. Er hatte rasch bemerkt, dass er noch nicht schnell und kräftig genug war, um sich der Situation zu stellen. Das musste er Ben überlassen. Für einen kurzen Moment verfluchte er sich selbst, aber da bemerkte er ein Fahrzeug, das gerade zur rechten Zeit kam. So schnell er konnte, schlug er den Weg vom Parkplatz zur Krankenhaus ein. Er schrie und wedelte mitten auf der Straße mit seinen Krücken.

      Ben und Alex hatten derweil beschlossen, den Nissan zu suchen. Ben hatte die 110 gewählt und kurz die Situation geschildert. Erst hatte der Polizist am anderen Ende an einen bösen Scherz geglaubt - schließlich waren sie hier in Oberschwaben und nicht in einer südamerikanischen Metropole! Da schrie Alex vom Lenkrad aus in das Gespräch :
      "Kollege, das ist kein Fake! Ich bin Hauptkommissar Alex Brandt von der Kölner Autobahnpolizei... Ich bestätige die Angaben von Herrn Jäger! Fangt endlich an, den Fahrer des Nissan Evalia, Kennzeichen RV-LB 2016 zu suchen!"
      Er fuhr mit Ben die Biberacher Straße entlang. Aber keine Spur von dem Nissan. Es war eher ruhig, kurz vor der B 30 fuhr von links kommend ein dunkler BMW auf die Straße auf.
      "Guck mal, hat auch ein Kölner Kennzeichen. Und Kindersitze... " fiel Ben auf. Alex zuckte mit den Schultern
      "Du, hier ist so ein großer Versandhandel für Baby- und Kindersachen mit Werksverkauf um die Ecke...wir brauchen den Nissan..." Alex bog nach rechts ab. Sie suchten in den Nebenstraßen weiter.
    • Neu

      Waren heute noch mehr Verrückte unterwegs als sonst? Diese Frage stellte sich Florian Frey, als sein Partner Matthias laut" Vorsicht! " schrie. Plötzlich war da ein kleiner Mann vor ihnen. Mitten auf der Straße! Er wedelte mit Stöcken - nein, Krücken. Für den Bruchteil einer Sekunde war Florian wütend. Dann aber sah er den verzweifelten Gesichtsausdruck und konnte durch das halb offene Fenster die Hilferufe hören."Der ist bestimmt von da drüben," deutete Matthias auf die über der Verletzten gebeugte Andrea und die Kinder. Florian bremste, ließ das Fenster ganz herunter. Semir schrie: "Schnell! Da drüben wurde eine Frau niedergeschlagen und hinter einem Auto hergeschleift!"
      Florian Frey fuhr seit 15 Jahren Rettung und Krankentransport im Landkreis Ravensburg. Soetwas war hier in der ländlichen Idylle fast undenkbar. Hier wurden Leute vom Traktor überfahren, von der Kuh gegen die Stallwand gedrückt oder schlugen sich beim Holzhacken das Bein ab. Aber überfallen... Nach einem kurzen zögerlichen Blick nach links zu den Personen auf dem Parkplatz und einem rückversichernden Blick zu Matthias nach rechts, nickte er Semir seufzend zu. Er lenkte den KTW zum Parkplatz, während Matthias von der Leitstelle erfuhr, dass bereits Polizei und Rettungsdienst unterwegs waren.

      Ben traute seinen Augen kaum: "Da vorne steht der doch, oder? " Alex nickte. "Kennzeichen stimmt. Sag der Polizei Bescheid!" Ben griff zum Handy. Alex fuhr langsam an dem Nissan vorbei, der auf dem Parkplatz des Versandhauses stand. "Ich sehe Keinen..." Auch Ben konnte um das Auto herum niemanden erkennen. "Das ist mir jetzt zu blöd," fand Alex impulsiv und stieg aus. Ben folgte ihm, obwohl er ein schlechtes Gefühl hatte - schließlich war keiner von beiden bewaffnet und wer konnte wissen, was solch ein Mensch noch tun würde? Vorsichtig aber so rasch wie möglich näherten sie sich dem Parkplatz des Versandhandels.

      Florian Frey und sein Kollege Matthias hatten routiniert ihre Ulmer Koffer gepackt und waren auf Andrea zugegangen. Die beatmete die immer noch Bewusstlose weiter - obwohl sie sich nicht sicher war, ob diese nicht vielleicht doch wieder selbst versuchte, Luft zu holen. "Was ist genau passiert," fragte Florian. Andrea drehte sich kurz zu ihm und gab damit den Blick auf seine Patientin frei. Ihm stockte der Atem. Obwohl deren Augenbereiche rötlich verfärbt waren, war ihm sofort klar, wer da vor ihnen lag. Auch Matthias erstarrte für eine Sekunde.

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    • Neu

      2008
      Scheiße, was ist das? Ich bekomme keine Luft! Etwas liegt auf mir. Ich reiße die Hände nach oben - ein Kissen! Was soll das? Ich werde sterben! Nein! Ich will nicht sterben! Wie bekomme ich ihn weg von mir? Er sagt "Du weißt, ich könnte dich jetzt töten. Ich habe dir doch gesagt :" Warte auf mich! Nicht einschlafen!"" Seine Stimme, sein Atmen. Er drückt mir ein Kissen auf das Gesicht! Ich wehre mich mit aller Kraft, versuche, mich mit dem ganzen Körper aus seinem Griff zu bewegen. Seine Stimme lacht. Das Kissen verschwindet. Es ist stockdunkel. Das Lachen wird noch lauter, bösartiger. "Krieg dich wieder ein," höre ich, während ich immer noch nach Luft ringe. Die Zimmertür geht zu. Ja. Ich habe mich hingelegt. Ich war eingeschlafen - in meinem Bett- warum auch nicht?
      Jetzt ist wieder alles dunkel, ruhig. War das ein Albtraum?
    • Neu

      Jenny und Endres machten sich bereit, um den zweiten Teil ihrer heutigen Schicht auf der Autobahn anzutreten. "Jenny," rief Susanne ihre Kollegin zurück, kurz bevor diese die Tür des Büros verlassen könnte. "Die Chefin will euch noch sprechen." Was die wohl wollte? Jenny sah Endres an. Der lächelte nur und zuckte mit den Schultern.
      "Ich nehme an, Sie haben von der großen Audi Rückruf Aktion gehört?!" Jenny und Endres nickten - erst gestern hatten sie den Fall gehabt, dass sich bei einem neuen Audi plötzlich mitten im Überholvorgang der Begrenzungs-Tempomat einschaltete und den Wagen auf 120 km/h herunterbremste. Hätten sie nicht vorab schon von ähnlichen Fällen gehört - sie hätten den Fahrer für verrückt erklärt! "Und wie Sie sicher auch wissen, haben die Kollegen aus Rheinland-Pfalz vor Kurzem neue Dienstwagen bekommen - die jetzt ebenfalls von dem Rückruf betroffen sind. Kurz: Unsere Innenminister haben vereinbart, dass wir - aber auch die Kollegen aus Hessen und Baden-Württemberg die nächsten 2 Wochen die Autobahnen in Rheinland-Pfalz mitbetreuen. Der Erlass gilt ab heute. Sie setzen also Ihre Schicht mit einer Fahrt auf der A 61 bis Worms und zurück fort."
      "Na, ist doch mal was anderes" freute sich Jenny beim Rausgehen "Ja," stimmte ihr Endres zu. "Und es ist alle Mal besser, als jetzt die nächsten 2 Wochen Ablage oder Inventur machen zu müssen."
      "Und besser als in einem Dienstwagen zu sitzen, der plötzlich das Tempo drosselt alle Mal," fand Jenny, was ihr ein "Wohl wahr," von Endes einbrachte. Parallel dazu schloss er ihren Dienstwagen auf.
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      "Laura," sprachen Florian und Matthias fast gleichzeitig aus. "Um Gottes Willen..." "Sie kennen die Frau," fragte Andrea entsetzt. Die Eisenstange, das Blut hier, das durchtrennte Seil und die Male am Hals - das waren keine Filmrequisiten und wohl der Grund für den Zustand ihrer Bekannten. "Ja. Das ist Laura Bährle. Ihr Mann war mit mir in der Landjugend. Und wenn Lukas sie nicht geheiratet hätte..." deutete Matthias an. "Halts Maul, das tut jetzt nichts zur Sache! Konzentriert dich lieber und hilf ihr! Gib mal ein paar Coolpacks rüber, " Florian Frey fühlte sich, als hätte man ihm den Strick um den Hals gelegt. Sein Körper trennte sich von seinen Gedanken und völlig mechanisch packte er den Beatmungskoffer aus. Laura - gab es eine Frau, die dieses Schicksal noch weniger verdient hatte?
      "Papa, Papa! Mama hat die Frau geküsst," petzte Ayda ihrem Vater, der inzwischen auch dazu gekommen war. Der legte die Krücken ab, nahm seine Töchter in die Arme und sah wortlos zu, was da vor ihnen passierte. Er sah, wie Andrea in die Versorgung eingebunden wurde: Sie aktivierte die Coolpacks, legte sie der Frau auf den Hals. In seinem Kopf rauschte es, Bilder zogen wie Blitze vor seinem inneren Auge vorbei. Lag er jetzt dort am Boden? Er strich Ayda und Lilly über den Rücken. Nein, er war es nicht. Ihm war, als fühlte er die weichen Gummikissen der Beatmungsmaske auf seinem Gesicht, als würde die Eile des eingetroffenen Notarztes ihm gelten. Zwischendrin flackere die Erinnerung daran auf, wie auch schon Andrea leblos vor ihm gelegen hatte. Wie er von ihr weggezogen worden war, so wie Andrea jetzt vorsichtig von einer Polizistin zu sich gezogen wurde. Sie befragte Andrea zu den Geschehnissen. Semir sah, wie Matthias sich nach einem Ort umsah, an dem er die Infusionsflasche befestigen konnte. Wie in Trance fügte Semir die Hände seiner Töchter zusammen, sprach ein "Bin gleich wieder da" aus. Er ging zu Matthias, streckte ihm seine Hand entgegen:"Lassen Sie mich das machen. Bitte!" Als Infusionsständer war er geübt und etwas in ihm schrie geradezu danach, das jetzt wieder zu tun. War es sein Wunsch nach Normalität? Oder ging es darum, diese Situation jetzt bewusst durchleben zu wollen? Er schüttelte die Fragen wie Fliegen ab, sah das aufgequollene Gesicht der jungen Frau. Der Notarzt mühte sich mit der Intubation ab, der Schweiß stand auf seiner Stirn. Die Zeit drängte - der Hals schwoll auch innen immer stärker zu. "Ich kann den Kehlkopf nicht sehen," seufzte der Arzt. Semir führte unbewusst die Finger seiner freien Hand von seinem Mund am Hals entlang bis zu seiner frischesten Narbe. Er war bei vielen Unfällen dabei gewesen, hatte soetwas schon öfter gesehen. Aber selten hatte das sein Inneres so bewegt, wie jetzt. Sein eigener Atem war ganz flach. Alle hier waren aufs Äußerste angespannt.
      Ben und Alex waren vorsichtig um das Auto geschlichen - immer darauf vorbereitet, dass der oder die Fahrerin sie überraschen könnte. "Hey, Sie? Was machet Sia do," rief da plötzlich eine Stimme aus dem Laden hinter ihnen. Zugleich hörten sie das Martinshorn des sich nähernden Streifenwagens. Ben lief winkend auf die Straße. Alex trat auf die ältere Verkäuferin zu, zückte seinen Dienstausweis." Brandt. Kripo Autobahn - sind die Insassen des Nissans hier bei Ihnen im Laden?" Die Dame schüttelte den Kopf. Gerade als sie anfing, zu erzählen, kamen auch die beiden schwäbischen Polizisten mit Ben hinzu. "Vor oiner Schtond kam do en BMW us Köln ond hot Do driba barkt. Grad kam dann der Nissan, Do isch ebber ausgschtiega, hot des Mädle ond den MaxiCosi backt, in den donkelblaua BMW nei ond isch davo'..." Ben war sich erst nicht sicher, ob er die Frau richtig verstanden hatte. Aber Alex war schon etwas mehr an den Dialekt gewöhnt und begann zu fluchen:" Scheiße, Ben, du hattest Recht, das war der dunkle BMW, der vorhin vor uns auf die Straße aufgefahren ist! "" Welche Richtung, " wollte der Württemberger wissen" B 30 - mehr weiß ich leider nicht. " Gleich lief der Uniformierte los, um die Zentrale zu informieren.Sein Kollege wandte sich, auf den Nissan zeiged, an Ben:"So, ond des isch etza des Audo henter dem dia Frau herzoga worra isch?" Ben nickte - auch wenn er außer "Auto" und "Frau" kaum etwas verstanden hatte. Er ging mit dem Polizisten zum Fahrzeug und zeigte ihm die ramponierte Anhängerkupplung. "Ich konnte das Seil abreißen..." Der Polizist nickte anerkennend und begann, den Nissan zu fotografieren. "Hond Sia gseah, wer des gmacht hot?" "Bitte?" Konsterniert sah der Schwabe in Bens Gesicht. Der zuckte mit den Schultern: "Tut mir leid, Englisch würde ich ja noch verstehen..." "Mir kennet älles-außer Hochdeutsch," bemerkte sein Gegenüber grinsend. "Abr i brobiers mol: Haben Sie gesehen, wer die Frau... ähm...überfallen hat?" "Es war eine Person ca. 1,70m groß, mit Turnschuhen, weiten Jeans, dunklem Sweatshirt und dunkler Sturmhaube..." "Mann oder Frau?" "Konnte ich nicht klar erkennen...."
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      "Geschafft!" Die Erleichterung des Notarztes angesichts der doch noch geglückten Intubation übertrug sich rasch auf alle Umstehenden. Florian legte dem Arzt kurz anerkennend die Hand auf die Schulter und flüsterte ein "Danke!". Auch Semir atmete auf. So ähnlich hatte er dagelegen. Und es hatte Menschen gegeben, die ihm geholfen hatten. Allerdings war es hier noch etwas knapper. Und an die süßen Kinder wollte er gar nicht erst denken. "Gut, dass sie nichts mitbekommt," dachte er. Die Haare der Frau lagen braun und weich um ihr Gesicht. "Wie damals bei Andrea," schoss es Semir durch den Kopf. Es arbeitete in ihm. Er erinnerte sich lebhaft daran, wie er nach ihrem Bauchschuss verzweifelt den Brustkorb seiner Frau malträtiert und ihr dabei zwei Rippen gebrochen hatte. Ja, es war viel passiert in den letzten beiden Jahren. Er begann zu schwitzen, zu zittern, es war ihm kalt und heiß zugleich.
      "Alles klar bei Ihnen," fragte Matthias ihn. Ihm war aufgefallen, dass der kleine hilfsbereite Mann weiß geworden war und die Infusion auch auf seine Ansprache (die Semir tatsächlich gar nicht wahrgenommen hatte) hin nicht ablegen wollte.
      "Ja, ja," murmelte Semir und reichte dem Rettungssanitäter die Flasche.
      "Sind Sie Diabetiker," fragte der zurück, was Semir mit einem Kopfschütteln quittierte. Er trat einen Schritt nach hinten, machte Platz für die Trage. Die Frau darauf ließ er nicht aus den Augen. In die Bilder von seiner letzten Verletzung und der Reanimation seiner geliebten Frau mischten sich Bilder von einer Fahrt bei dichtem Schneetreiben auf der Autobahn. Was um alles in der Welt hatte das zu bedeuten? Jetzt hatte er wirklich Angst, durchzudrehen!

      "Entschuldigung, habe ich Sie richtig verstanden? Marie und Leon sind entführt worden?" Florian Frey war nach dem Abtransport der Patientin mit dem Rettungswagen zu Andrea und den Polizisten getreten. Andrea nickte ergriffen und strich Lilly über den Kopf
      "Es ist so schrecklich..."
      "War es der Vater," fragte Florian, wurde aber sofort von dem dazukommenden Matthias unterbrochen.
      "Lukas? Du spinnst wohl! Der räumt bestimmt gerade noch in der Backstube auf... Und hat keine Ahnung..."
      "Wir werden ihn informieren. Wenn Sie mir bitte die Adresse mitteilen könnten," bat die Polizistin Matthias.

      "Sie mögen Laura sehr..." bemerkte Andrea. Florian Frey versuchte, alle Hinterlassenschaften auf dem Parkplatz zu entfernen. Erst reagierte er nicht auf die Andeutungen der Ersthelferin. In Gedanken versunken hob er die Haarklammer auf, die Laura Bährle verloren hatte, als sie hinter dem Auto hergeschleift worden war. Dann sah er mit seinen blauen Augen direkt in Andreas Gesicht und sagte:
      "Ich werde nie den Tag vergessen, als ich sie zum ersten Mal sah. Ich werde nie vergessen, wie ich sie" Er stockte, denn er dachte an die Worte des kleinen Mädchens vorhin. "wie ich sie geküsst habe. Aber danach... Ich habe es einfach nicht auf die Reihe bekommen, daraus eine Beziehung zu machen...Sie muss gedacht haben, ich... Und sie war trotzdem immer so nett zu mir. Auch als sie mit Lukas zusammen kam, ihn geheiratet hat. Ich war so ein Idiot..."
      "Was heißt da" war"? Was sollte das mit Lukas vorhin, hm? Als würde der Laura so was antun und erst recht seinen Kindern." Matthias gab seinem Schichtpartner einen leichten Schubs.
      Florian zog die Schultern hoch:"Rein statistisch gesehen, sind das doch immer Beziehungstaten..."
      "Rein statistisch gesehen passiert das hier gar nicht und - rein statistisch gesehen - müsste Laura sterben..."

      Ohnehin emotional geladen, ging Florian Matthias nun an: "Was willst du damit sagen?"
      "Was wolltest du..."

      "Jetzt reicht es aber," schritt Andrea ein. "Ich kann Sie ja verstehen, alle beide. Nur bringt es niemanden weiter, wenn Sie sich streiten. Es ist einfach nur schrecklich..." Betreten sahen die beiden Rettungsdienstmitarbeiter zu Boden.

      Dann begann Florian: "Matthias, es tut mir leid. Alles was ich will, ist, dass Laura das gut übersteht und ihre Kinder auch. Mein Gott, wie sie da lag... Mir will es einfach nicht in den Kopf, dass jemand so etwas tut..."
      Er reichte Matthias die Hand, der einschlug. " Ich weiß doch, wie viel dir an ihr liegt. Aber Lukas war es bestimmt nicht. Ich würde zu gern wissen, wer...Erinnerst du dich noch an Sabrina?"
      Florian hielt kurz inne. Er zuckte mit den Schultern.
      "Nicht so wirklich..."
      "Du? Ich hab da was gefunden...,"hörte er da eine Stimme von hinten.