Zurück in der Hölle

    • in Erarbeitung

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    • Es dauerte noch etwas bis Kim Krüger Lukas Bährle erreichte. Der hatte sich gleich nach seinem letzten Gespräch mit Ben auf den Weg zur Ravensburger Polizei gemacht und Anzeige gegen Sabrina Schmied erstattet. Dass er mit Ben und Alex unabhängige Zeugen hatte, verstärkte seine Glaubwürdigkeit deutlich - seine impulsive Art war hingegen wenig hilfreich. Zurück in der Klinik traf er immerhin auf Ärzte, die verhalten optimistisch waren, dass seine Laura das Bewusstsein doch wieder erlangen könnte. Dass ihm dabei jedoch gleichzeitig prognostiziert wurde, sie würde mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit bleibende Beeinträchtigungen zurückbehalten, zerstörte alle Freude in ihm. Kurz ertappte er sich sogar bei der Frage, ob es nicht besser für alle Beteiligten wäre, wenn seine geliebte Frau bereits voran gehen dürfte. Und wer sollte sich künftig um Marie kümmern? Wovon würden sie leben, wenn sie die Bäckerei aufgeben müssten? Beim Stichwort "Leben" kam ihm schmerzlich die Ungewissheit, was sein jüngstes Kind anging, ins Bewusstsein. Er dachte daran, wie er bei der Geburt dabei gewesen war - hilflos war er sich vorgekommen, so wie jetzt auch. Aber am Ende, da hatte ihm jemand dieses kleine perfekte Menschlein in den Arm gedrückt. Das seine Hand in den Mund gesteckt und ihn mit großen Augen angesehen hatte - als wäre er, Lukas, ein Alien. Und was war danach gekommen?
      Er hatte gearbeitet, Laura hatte sich um die beiden Kinder gekümmert. Am Abend waren sie beide müde gewesen - er hatte kaum etwas von Leon und Marie gehabt. Leon hatte vor ein paar Tagen sogar gebrüllt, als er ihn auf dem Arm gehalten hatte - wie bei einem Fremden. Ja, das beruhte auf Gegenseitigkeit: Leon war ihm irgendwie fremd geblieben, er war eben ein Baby und das Zentrum von Leons Welt war Laura. Und jetzt waren beide getrennt. Als er gerade darüber nachdachte, erreichte Kim Krüger den Bäcker auf dem Handy. Vielleicht war sein Leon gefunden worden - lebend! Aber was, wenn er es nicht wäre? Außerdem: Jetzt nach Köln fahren und Laura alleine lassen? Sabrina freie Bahn lassen, seine Bäckerei schließen? Kam nicht in Frage! Er sah sich außerstande, die Identifizierung vorzunehmen. Aber Anja war ja ohnehin da - er würde sie schicken.
      "Gibt es denn ein eindeutiges Merkmal, das dabei helfen könnte, ihren Sohn zu identifizieren," fragte ihn die Polizistin.
      "Ja. Er hat am Po einen großen hellbraunen Fleck. Ich hab zuerst gedacht, da wäre was aus der Windel...naja..."
      "Kennt Ihre Schwestern den Fleck auch?"
      Nun musste Lukas Bährle trotz allen Leids lächeln - auch Anja hatte sich zuerst vor dem Fleck geekelt: "Jeder, der das nackte Ärschle mal gsehen hat, kennt den Fleck!"
    • Anja war sofort bereit, sich das Kind anzusehen. Kim Krüger beauftragte Alex und Jenny, die heute gemeinsam auf Streife waren, damit, Anja Bährle zur Familie Weis zu fahren. Allerdings hatte die Dame vom Psychologischen Dienst erst nach 17 Uhr Zeit und sie sollte als Erste vor Ort sein.
      Alex, der heute seine erste Schicht nach der Krankheit mit Jenny zusammen hatte, hatte Jenny davon erzählt, dass Anja in der Reha seine Physiotherapeutin gewesen war. Allerdings hatte Jenny inzwischen ausreichend Erfahrung als Polizistin gesammelt, um zu bemerken, dass Alex' Stimme anders klang und sein Blick etwas verändert war. Aber was genau das bedeutete, war ihr nicht klar, deshalb fragte sie:
      "Bist du etwa verliebt?"
      Alex' Gesicht rötete sich leicht. Er räusperte sich bevor er sagte: "Wäre ein denkbar schlechter Moment, oder?"
      Jenny grinste: "Seit wann warten Gefühle auf den richtigen Moment,hm? Außerdem lernt man Menschen ja erst dann so richtig kennen, wenn nicht alles "Friede-Freude-Eierkuchen" ist!"
      Alex blickte gezielt aus dem Fenster und murmelte: "Ja, da hast du wohl recht!"
      Tatsächlich war er sich selbst nicht sicher, was er nun für Anja empfand. Sie war wunderschön, ihr Körper zog ihn magisch an. Aber irgendetwas in ihm mahnte ihn zur Vorsicht - und er war sich nicht sicher, ob es das ihm eigene Misstrauen war, oder doch etwas anderes.
      Semir kam gut mit Marie zurecht. Deshalb hatte er auch ohne Zögern angeboten, auf sie aufzupassen, während Anja mit Jenny und Alex zur Familie Weis fuhr. Er freute sich an der Unbeschwertheit der Kleinen, was ihm half, besser mit seinen trüben Gedanken angesichts der noch ausstehenden Entscheidung über seine weitere Dienstfähigkeit zurecht zu kommen.
      Es war schon gegen 18 Uhr, als Alex und Jenny zusammen bei der Familie Weis eintrafen. Jenny öffnete Anja die Autotür. Während sie sie aussteigen ließ, erklärte sie ihr nochmals, was Alex auf der Fahrt bereits erwähnt hatte:
      "Unser Besuch dient nur der Identifizierung. Wie dann weiter verfahren wird, darüber entscheiden Jugendamt und Justiz -nicht wir, okay."
      Anja nickte leicht abwesend. Ihre Nerven waren zum Reißen gespannt. Sie betrat das Haus zwischen Alex und Jenny. Im Wohnzimmer wartete bereits die Psychologin bei Frau Weis, die ebenfalls angespannt mit dem schlafenden Baby auf dem Arm neben ihrem älteren Sohn stand.
      Anja sah das Baby. Sofort stürzte sie auf Frau Weis zu. Dabei schrie sie "Das ist Leon! Geben Sie ihn her!"
      Alex entwich ein kurzes "Fuck", seine Hand, mit der er Anja noch zu greifen versuchte, griff ins Leere. Glücklicherweise reagierte die füllige Psychologin schnell und stellte sich zwischen die beiden Frauen. Sie streckte ihre Arme aus und rief ein deutliches "Stopp!"
      Alex bekam dadurch Anjas Schultern zu fassen: "Anja, so geht das nicht!"
      "Aber das ist Leon! Hundert Pro!"
      "Selbst wenn: Wir sind nur da, um das festzustellen," sagte Alex und behielt den festen Griff bei.
      "Lass mich los! Das ist Leon!"
    • Herr Weis stand inzwischen neben seiner Frau und hatte seinen älteren Sohn auf den Arm genommen. Von dem Theater um es herum war das Baby aufgewacht und brüllte. Frau Weis versuchte, es zu beruhigen. "Er hat sicherlich Hunger," erklärte sie und sah hilfesuchend zu der Psychologin. Die legte ihr beruhigend die Hand auf die Schulter, doch bevor sie etwas sagen konnte, rief Anja: "Sie werden ihm jetzt nicht auch noch ihre Milch..."
      Jenny verdrehte die Augen, während Alex Anja anzischte: "Jetzt ist aber mal gut!"
      Die korpulente Psychologin sah Jennys Reaktion und musste kurz trotz der ernsten Situation schmunzeln. Sie würde gerade mit niemandem hier tauschen wollen! Dann bat sie Frau Weis: "Bevor Sie ihn stillen, was Sie zweifellos weiterhin dürfen, würden Sie uns bitte kurz helfen und seine Windel entfernen?"
      "Wenn es Leon Bährle ist, dann hat er am Hintern ein unübersehbares Muttermal," erläuterte Jenny.
      "Er hat kein Muttermal," sagte nun Herr Weis.
      "Das kann nicht sein! Er lügt," rief Anja. Alex seufzte.
      "Bitte," forderte die Psychologin Frau Weis auf, während sie eine Decke auf dem Tisch ausbreitete. Mit zitternden Händen legte Frau Weis das heftig protestierende Baby darauf. Sie hatte Tränen in den Augen, als sie ihm die Windel entfernte und dabei versuchte, ruhig zu dem Kind zu sprechen. Dann hob sie den kleinen Jungen hoch, streifte noch seinen Body nach oben. Alle Blicke bis auf ihren waren auf den nackten Hintern des Babys gerichtet. Das Kind selbst brüllte noch immer - jetzt nicht nur vor Hunger und wegen der verspürten Anspannung sondern auch, weil es so ungewohnt frisch an seinen Genitalen war. Der kühle Reiz war zu viel - und so pinkelte er in hohem Bogen los. Die Länge der Arme seiner Pflegemutter reichte gerade noch aus, um nicht getroffen zu werden.
      "Auf jeden Fall ein echter Kerl," stellte Jenny schmunzelnd fest.
      "Ja. Aber nicht Leon. Keine Spur von einem Muttermal, "sagte Alex nach eindringlicher Betrachtung des Babypopos. Die Psychologin nickte zustimmend. Nur Anja schüttelte wehement den Kopf: "Das kann nicht sein! Das muss Leon sein! So blonde Haare, diese blauen Augen....mein Bruder sah als Baby genauso aus!"
      "Frau Bährle, es tut mir wirklich Leid. Aber das ist nicht Ihr Neffe! Wir kennen seine wahre Identität zwar nicht, aber viel wichtiger ist doch, dass die Polizei jetzt schnell mit der Suche nach Ihrem Neffen weiter macht..." erklärte die Psychologin einfühlsam.
      Anja sah kurz noch eimal auf den kleinen Jungen, den seine Pflegemutter nun in die Decke gewickelt an sich nahm und mit ihm zum Sofa ging. Dann blickte sie mit leicht verächtlichem Blick zu Alex und Jenny und murmelte: "Ja, genau: Die Polizei..." Ohne weiter auf irgendwen zu achten, hob sie ihr Kinn und ging aus dem Raum. Kurz darauf hörten alle, wie die Tür ins Schloss fiel. Zwei Sekunden später sauste ein Schatten durch den Garten. Herr Weis erkannte sofort das Problem und eilte zur Haustür. Als er sie öffnete, fiel ihm Anja beinahe in die Arme. Vor ihr stand - knurrend und bellend- der Nachbarshund.
      "Aus! Jackie! Aus!" Herr Weis nahm den Hund am Halsband und zog ihn zur Seite. Anja blickte ihn erschrocken wie wütend an. Doch noch bevor sie etwas sagen konnte, kamen Alex und Jenny hinzu. "Frau Bährle, kommen Sie bitte mit zum Wagen. Ich bringe Sie zu den Gerkans zurück," sagte Jenny förmlich. Bei allem Verständnis für die schwierige Situation der Physiotherapeutin: Anjas impulsives und fast schon arrogantes Verhalten war ihr übel aufgestoßen. Was fand Alex bloß an der? Sie sah Anja an. Hübsch war sie ja. Aber war Alex wirklich so oberflächlich?
      Dieser hatte sich noch drinnen verabschiedet und sich bei den Frauen für die Unannehmlichkeiten entschuldigt. Dann gab er noch Herrn Weis, der immer noch Jackie beaufsichtigte, die Hand, bevor er ebenfalls zum Auto kam.
    • 2008
      Diese Nacht schlafe ich bei Helene in Ravensburg. Ab morgen dann über der Backstube der Bäckerei Bährle. Sie richten noch das Zimmer her, meinte Anja, die Tochter vom Bäckermeister. Wir dürften ähnlich im Alter sein. Sie hat auch noch einen älteren Bruder, aber der arbeitet in Österreich.
      Ich wünschte, ich könnte schlafen. Aber ich schrecke immer wieder hoch. Ich habe das Gefühl, André wäre da, würde mir gleich wieder ein Kissen aufs Gesicht drücken. Aber er ist weit weg. In letzter Zeit war er so unberechenbar. Er hat behauptet, die Nachbarn würden uns beobachten. Ich wollte ihm nur noch Böses, hätte einen Teufel in mir. Was ist nur los mit ihm? Es war, als wäre er ein ganz anderer Mensch. Waren das die Drogen?
      Ich wüsste gern, was mit ihm, was mit uns passiert ist. Ob ich es jemals erfahre? Ich erinnere mich, dass Andrés Mutter auch mal davon erzählt hat, sein Vater hätte sich wohl auch immer wieder seltsam verhalten. Gewalttätig war er wohl nicht, er hätte nur immer wieder Angst im Dunkeln gehabt, schreckliche Albträume. Es war, als hätte er den Unfall vorhergesehen: Auf dem Heimweg an einem Abend im Januar vom LKW am Fußgängerüberweg überfahren. André war da 12. Vielleicht kommt er einfach nicht damit klar? Am besten, ich erzähle niemandem davon. Was auch immer ihn dazu gebracht hat, so zu werden: Helene hat Recht, wenn sie sagt, dass er mich nicht so behandeln durfte. Dass kein Mensch einen anderen so behandeln darf. Dass, wo Angst ist, kein Platz mehr für Liebe ist.
      Helene meinte, einmal müsste ich ihn noch sehen - bei der Scheidung. Aber sie rät mir von jedem Kontakt zu ihm ab. Er dürfe nicht mehr an mich rankommen. Ich müsse aufpassen auch hier. Es sei keine Seltenheit, dass verlassene, gewalttätige Männer die Frauen verfolgen, auch töten. Mir kam da sofort die Sache mit dem Kopfkissen in den Sinn. Und ich habe bei der Polizei auch meine Angst geäußert, dass André bei meinen Eltern auftauchen wird.
    • Cengiz stand wie ein Fels in der Brandung vor der Disco in der Dunkelheit. Anders als Timur, für den das der Wochenend-Nebenjob war, verdiente er als Security-Mitarbeiter verschiedener Läden sein Geld. Die Motorradwerkstatt betrieb er nur nebenher, sie warf nicht genug ab. Natürlich hatte er sich das einmal anders vorgestellt - aber inzwischen hatte er sich damit arrangiert, dass seine Leidenschaft für Motorräder und das Fitnessstudio seinen Ruf des unerbittlichen, harten Rockers unterstrich, den keiner unbestraft verarschte.
      Gerade drückte er die Handinnenflächen gegeneinander, lies abwechselnd die rechte und die linke Oberarmmuskulatur sich anspannen. Mit Blick in die Ferne träumte er von der großen Motorradtour durch Zentralasien, die er und Timur für nächstes Jahr planten. Sie beide, von ihren Eltern nach großen Herrschern benannt, auf den Spuren jener Urahnen, die sich deutlich in ihren Gesichtszügen spiegelten... In diesem Moment huschte ein Schatten aus der Gegenwart an ihm vorbei und wurde von seinem Kollegen in die Disco gelassen. Sofort war Cengiz klar, dass sein Schicksal heute wohl noch andere Pläne für ihn hatte. Er zückte sein Smartphone und hatte auch sofort seinen besten Kumpel am Ohr:
      "Timur, der Typ von dem Foto ist gerade an mir vorbei. In die Disco."
      Timur, der es sich eben auf dem Sofa gefragt hatte, ob er vielleicht doch jetzt schon schlafen gehen sollte - etwas Sinnvolles hatte er heute eh nicht mehr vor und der Tag auf dem Bau war hart genug gewesen - sprang auf, warf sich in seine Bikerklamotten und fuhr los.
      Es dauerte nicht lange bis Timur mit dem Motorrad durch den abendlichen Kölner Verkehr bis Disco willkommen gekommen war. Geschwindigkeitsbegrenzungen gab es heute für ihn nicht mehr - er musste diesen Kerl schnappen. Vor der Disco rannte er auf Cengiz zu.
      "Wo ist er?"
      Cengiz klopfte ihm stumm auf die Schulter. Dann übergab die Tür an seinen Kollegen: "Mach weiter! Da drinn ist einer, der Stress macht...." und ging mit seinem Freund in das Innere der Diskothek.
      Timurs Augen brauchten einen Moment bis sie sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Rasch bahnten sich die kräftigen Männer einen Weg durch die Stehenden und Tanzenden. Hinten, im dunkelsten Eck, entdeckten sie den Mann, den sie suchten: Er war gerade dabei, einen anderen Gast der Diskothek mit einem Briefchen zu versorgen und kassierte dafür einen 50 € Schein. Cengiz legte ihm die Hand auf die Schulter und Timur sagte mit unnachgiebiger Stimme und eindeutiger Geste "Mitkommen."
      Sie nahmen André zwischen sich, so dass der gar nicht erst versuchte, zu entkommen. Die beiden Typen waren definitiv stärker als er und das hier war der falsche Ort, um Stress zu machen. Das letzte Briefchen, dass er bei sich hatte, versuchte er, am Ausgang unauffällig zu Boden fallen zu lassen. Aber Timur durchschaute ihn und hielt seine Hand fest. "Darum wird sich nachher die Polizei kümmern."
      "Freu dich auf die Bullen," fauchte Cengiz und zog André mit sich hinter das Gebäude. Es war ein eher dunkles Eck, zwei alte Straßenlaternen erleuchteten den Bereich nur spärlich. Nur ein Haus weiter war der Schotterplatz, der von der Disco als Parkplatz genutzt wurde. Die zwei Biker hatten André vor sich an die Außenwand gedrängt. Der hatte zwar ordentlich Schiss, versuchte aber, möglichst cool zu wirken, als er fragte:
      "Was wollt ihr überhaupt von mir?"
      "Wir haben gesehen, wie du bei uns im Club Drogen verticket hast..."
      "Ach kommt...das Bisschen...die kleinen Fische schnappt ihr und die großen schwimmen da drinnen einfach weiter?"
      "Halts Maul! Wo ist das Baby," fragte Cengiz deutlich und baute sich vor André weiter auf. Der wurde noch nervöser:
      "Was laberscht du?"
      "Du hast doch zwei kleine Kinder entführt. Wolltest ihre Mutter töten..." Timurs Stimme war bedrohlich tief und leise.
      "Ich weiß nicht wovon du redest, Mann! Und jetzt lass mich vorbei!" André Wieler hob die Hände von vorn nach jeweils seitlich oben, um seiner Forderung Nachdruck zu verleihen. Dabei traf er Cengiz unbeabsichtigt am Kinn. Der verlor kein Wort, sondern schlug einfach mit der Faust zu. André taumelte. Dabei berührte er Timur. Der widerum packte richtig zu. Der Griff um den Hals war zwar nicht wirklich gefährlich. Aber dennoch äußerst unangenehm. "Na, wie ist das? Denk an die Mutter von Marie!"
      André Wieler versuchte, sich zu befreien. Aber je mehr er um sich schlug, desto fester wurde Griff des Türstehers. In dessen dunkelbraunen Augen funkelte die Entschlossenheit. Er würde nicht eher nachgeben, bevor er nicht den Verbleib von Maries Bruder geklärt hätte. Und im Gegensatz zur Polizei würde er dafür auch körperliche Gewalt anwenden.
      "Nochmal: Wo ist das Baby?"
      André Wieler grinste noch und schüttelte den Kopf. Das Grinsen ging Cengiz, in dessen Club André ja die Drogen verticken wollte, zu weit. Was erlaubte sich dieser kleine Dealer da eigentlich? Er schlug wieder zu - mit einer gestreckten Geraden mitten auf die Schläfe. Dort platzte die Haut unter dem Druck sofort auf. Das Blut lief André in die Augen. Wenn es eins gab, das er nicht ertragen konnte, dann war es der Anblick von Blut. Ihm wurde sofort schwarz vor Augen, er sackte leicht nach unten. Das verstärkte den Druck auf seinen Hals noch. So schwanden ihm auch noch die restlichen Sinne. Sein Körper glitt nach unten.
    • Timur ließ los. Sein Ziel war schließlich kein Toter oder Schwerverletzter, sondern in erster Linie die Information, wo sich der Bruder von Marie befand. Wenn er dies nicht gebraucht hätte, wäre ihm alles egal gewesen. Wirklich alles. Aber keinesfalls wollte er Schuld daran tragen, dass da vielleicht irgendwo ein hilfloses Baby litt oder gar starb! Wenn es nicht schon längst zu spät war... Deshalb hockte er sich zu seinem Gegner ab. Er verpasste ihm eine kräftige Ohrfeige.
      " Aufwachen! Wir waren noch nicht fertig!"
      In diesem Moment schrie sein Freund Cengiz: "Timur!"
      Reflexartig wich er zurück, schnellte auf die Beine nach oben. André stieß sich gleichzeitig an der Hauswand ab und versuchte, Timur das Messer, das er beim Absinken in seinem Hosenbein ertastet hatte, tief in den Bauch zu rammen.
      Als Türsteher war Timur die Gefährlichkeit von Messern durchaus klar. Schnell reagierte er mit einer spontanen Abwehrbewegung, ließ von André ab und wich zurück. Dieser grinste hämisch.
      "Na? Wie sieht's jetzt aus?" fragte er. Einen Augenblick hielt er inne, die beiden Motorradfahrer fest im Blick. Das Messer direkt auf sie gerichtet, bereit wieder zuzustechen, wenn ihm einer der beiden zu nahe kommen sollte. Dann rannte er durch die Dunkelheit zu seinem Auto. Timur und Cengiz sahen sich nur kurz an und rannten dann ebenfalls gemeinsam zu ihren Motorrädern. Es gab keinen Plan. Aber jetzt aufzugeben, ihn laufen zu lassen - das kam nicht in Frage.
      André Wieler besah sich mit einem kurzen Blick das Messer, das er gerade neben sich auf den Beifahrersitz geworfen hatte. Es war blutig. Von wem, von welcher Bewegung -egal: Das bedeutete, dass ihm mindestens einer der beiden nicht lange würde folgen können. Zufrieden gab er weiter Gas. Er fuhr Richtung Autobahn, sein Tank war voll. Jetzt müsste er nur noch diese beiden Kletten los werden - aber irgendwie würde ihm auch das gelingen. Er war so kurz vor dem Ziel. Sein neues Leben wartete auf ihn - ein Leben außerhalb der Hölle, in die ihn seine Exfrau so rücksichtslos gestürzt und darin zurückgelassen hatte. Auch wenn er inzwischen eine neue Liebe gefunden hatte - die Rache an Laura war wesentlicher Teil, ja Bedingung seines Plans, um den Teufel in sich ein für alle Mal zu befriedigen.
    • Er fuhr auf die Autobahn auf. Schnell, aber nicht waghalsig. Er überholte viele Autofahrer, aber die Biker wurde er nicht los. Sie hingen fest an ihm, was auch immer er versuchte. Immerhin war der Abstand zu ihnen inzwischen etwas größer, so hatte André den Eindruck. Sie waren schon ein ganz schönes Stück nördlich von Köln, als die Lichthupe, die André dem Fahrer auf der linken Spur vor ihm gab, nicht die erwünschte Wirkung hatte: Nach kurzer Beschleunigung bremste der recht neue Audi aprupt auf knapp 100 km/h ab. André konnte nicht so schnell reagieren und so fuhr er mit voller Wucht auf den Wagen vor ihm auf. Cengiz und Timur hatten ausreichend Abstand aufkommen lassen und konnten jetzt auf die Standspur wechseln. Kaum stand sein Bike, zückte Timur sein Handy und wählte den Notruf. Cengiz lief so lange durch den zum Stehen gekommenen Verkehr zu den beiden Unfallfahrzeugen. Er sah im wenigen Licht der Scheinwerfer, dass André regungslos im Gurt hing. Der würde wohl nicht so schnell weglaufen. Der Fahrer des Autos, auf das André aufgefahren war, öffnete gerade seine Tür. "Ich helfe gleich, Moment," rief Cengiz ihm zu, während er im Kofferraum von Andrés Auto das Warndreieck suchte. In seinem Augenwinkel sah er hellblaues Licht. Klar, da standen schon die ersten Gaffer!
      "Hey," rief Cengiz und drehte sich zu den beiden jungen Typen "mithelfen! Absichern oder verschwinden!" Und als sie nicht sofort reagierten, machte er mit Andrés verpacktem Warndreieck drohend ein paar Schritte auf sie zu. In dem Moment kam auch Timur hinzu und drückte ihm den Verbandskasten in die Hand:
      "Polizei ist unterwegs."
      Widerwillig packten die beiden Kerle ihre Smartphones weg und bewegten sich zu ihren Autos. Der Verkehr war inzwischen völlig zum Erliegen gekommen, sie kamen da also nicht raus. Cengiz rief nochmals: "Los! Absichern!" Und tatsächlich kramten beide in ihren Fahrzeugen die Warndreiecke hervor.
      Währenddessen stellte Timur das Eck aus Andrés Wagen in 300m Entfernung auf. Dann spurtete er zu seinem Bike zurück. Er hatte mit Cengiz vereinbart, dass er etwas voraus fahren würde: Zwei Mal innerhalb so kurzer Zeit etwas mit der Polizei zu tun haben, das brachte nur dumme Fragen. Bevor er Cengiz den Verbandskasten übergeben hatte, hatte er sich vorhin noch Material für die Schnittwunde herausgenommen, die ihm André an der linken Hand zugefügt hatte. Das würde er sich später wohl noch genauer ansehen müssen. Aber jetzt im Dunkeln machte das wenig Sinn. Also wartete er auf seinen Freund. Auf seinem Motorrad sitzend, dachte er nach, was er nun noch für Marie und ihren Bruder tun könnte.