Zurück in der Hölle

    • in Erarbeitung

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    Liebe Besucherinnen und Besucher,
    im Rahmen der neuen EU-Datenschutz-Grundverordnung sind wir dazu verpflichtet unsere bestehenden Datenschutzbestimmungen entsprechend der neuen Regularien anzupassen. Da uns der Schutz Ihrer Daten, Ihre Privatsphäre und ein transparentes Auftreten wichtig ist, zeigen wir Ihnen in unserer neuen Datenschutzerklärung ganz detailliert und verständlich auf, welche Daten wir zu welchem Zweck erfassen, wie wir die Daten nutzen und wie Sie die Nutzung dieser Daten kontrollieren können. Ihre Daten sind bei uns sicher und werden von uns nicht an Dritte verkauft.

    Mit dieser Aktualisierung folgen wir den strengen Datenschutzbestimmungen, die in der EU-Datenschutz-Grundverordnung (EU-DSGVO) festgelegt sind. Die vollständige Datenschutzerklärung finden Sie hier und gilt ab dem 25. Mai 2018. Sollten Sie Fragen dazu haben, melden Sie sich gerne bei uns: datenschutz@cobra11-fanclub.de

    • Semir wollte sich von Ben zur Kurklinik zurückfahren lassen. Sein Oberschenkel bereitete ihm heftige Schmerzen, so dass er sich kaum auf das konzentrieren konnte, was Ben ihm aus der Notaufnahme berichtete. Und in seinem Kopf spukte immer noch eine Nachtschicht auf verschneiten Autobahnen bei Köln herum. Wenn er die Augen schloss, vermischten sich Bilder von der verletzten Frau mit seiner Erfahrung. Wie er selbst um jeden Atemzug hatte kämpfen müssen, wie ihm die Sinne geschwunden waren und er sich später langsam wieder ins Leben hatte zurück kämpfen müssen. Immer wieder fuhr er mit seiner Hand am Hals entlang. Er wusste nicht, was gerade schwerer wog: Die immer noch nicht völlig abgeheilte Schussverletzung oder die Zweifel, die er an seiner geistigen Gesundheit hegte.
      Kurz bevor sie die Kurklinik erreichten, fragte ihn Ben: "Weißt du, was seltsam ist?"
      "Hm?" Semir öffnete die Augen und sah seinen Freund an. Der fuhr fort:
      "Sorry, ich weiß, du hast Schmerzen und willst deine Ruhe..."
      Semir machte eine abwehrende Bewegung. Jede Abwechslung war ihm willkommen. Ben nickte leicht und sah ihn kurz an:
      "Als ich Laura Bährle heute Morgen zum ersten Mal auf dem Spielplatz gesehen habe, hatte ich das Gefühl, ich hätte schon mal was mit ihr zu tun gehabt..."
      Jetzt musste Semir grinsen: "Da sieht Ben ein hübsches Mädel und fragt gleich " kennen wir uns nicht? "..."
      Ben zog eine Schnute.
      "Im Ernst jetzt. Ich glaube sogar, du warst dabei. Mal auf Streife..."
      Plötzlich richtete sich Semir auf und murmelte etwas vor sich hin, was Ben nicht verstand. Bevor der noch fragen konnte, bat ihn Semir:
      "Ben bitte fahr' nochmals zu dem Parkplatz am See. Ich muss da was nachsehen..." und leise dachte er bei sich:"Wenn Ben meint, Laura Kern schon mal begegnet zu sein, vielleicht bin ich dann doch nicht verrückt...."

      "Ich dachte, du wolltest dich ausruhen?"

      "Kann ich danach bestimmt besser..."meinte Semir und griff zum Smartphone. Kurz darauf hatte er Susanne am Apparat. Die freute sich, ihn mal wieder zu hören, aber Semir war nicht nach Geplänkel.
      "Sag mal, kannst du nachsehen, ob Ben oder ich dienstlich mal etwas mit einer Laura Kern oder Laura Bährle zu tun hatten? Kann auch schon 10 Jahre her sein...Bährle schreibt man Berta, Ärger, Heinrich Richard Ludwig Emil"

      "Tut mir leid, beide Namen tauchen hier nicht auf!"

      "Schade. Danke dir! Gute Schicht noch!"

      "Semir? Ihr seid aber schon noch krank geschrieben oder? Ich meine, vor fünf Minuten rief Alex an und wollte Hartmut, der mal wieder das Telefon nicht gehört hatte, jetzt du...Hat das was mit der Entführung heute Morgen zu tun?"

      "Vielleicht" sagte Semir kurz angebunden "Danke für deine Hilfe, Susanne! Wünsche dir noch eine gute Schicht."
      "Danke, grüß mir Andrea."

      Ben hatte zugehört und zuckte mit den Schultern.
      "Dann habe ich mich wohl getäuscht..."
      Semir sah nachdenklich aus dem Fenster, wo er bald schon den Parkplatz am Stadtsee entdeckte.

      Im Licht des Spätnachmittags flogen Schwalben und Mauersegler zwitschernd über ihren Köpfen hinweg. Aber Semir schenkte ihnen keine Beachtung. Er betrachtete intensiv den Boden vor sich, den die örtliche KTU in den letzten Stunden abgesucht hatte. Vielleicht erinnerte er sich hier an etwas, was er unterbewusst wahrgenommen hatte? Dabei fiel sein Blick auf das Gras neben dem Begrenzungsstein, vor dem der Nissan gestanden hatte. Er nahm seine Krücken zu Hilfe - sein Oberschenkel ließ heute keine Belastung mehr zu - und humpelte dorthin. Er bewegte das Gras mit den Krücken hin und her. Tatsächlich! Dort lag ein Zigarettenstummel... Natürlich könnte der auch dorthin gekommen sein, seit die KTU das Feld geräumt hatte. Oder schon länger dort liegen.
      "Ben! Hast du noch eine saubere Tüte?"
      Der dunkelhaarige Freund schüttelte seine Haarpracht.
      "Aber ich," rief da eine bekannte Stimme. "Eine hab ich noch!"
      Es war Alex, den Semir darüber informiert hatte, dass sie zum Stadtsee gefahren waren. Er ging mit der Beweismitteltüte zu Semir, wo er geschickt die Zigarettenstummel aus dem Gras fischte. Währenddessen berichtete er von seinen Erkenntnissen.
      "Wir sollten unbedingt mal in Weingarten bei Sabrina Schmied vorbei. Die Adresse habe ich schon über das Melderegister abgefragt. Das ist die Ex von Lukas Bährle und hat ihm wohl früher mal gedroht, dass er die Trennung noch bereuen würde. Sie wollte unbedingt Kinder von ihm... "

      Semir war ganz froh, dass Alex eine plausible Spur hatte. Er stieg zu Ben in den Wagen, gemeinsam fuhren sie hinter Alex her. Die Fahrt über schwieg Semir. Wie kämen sie wohl an die mutmaßliche Entführerin heran? Einfach nur klingeln und nachfragen? Oder einfach die örtliche Polizei informieren und die ihren Job machen lassen? Wieder brachte sich seine Verletzung schmerzhaft in Erinnerung...
    • 2008

      Ich fand es nett, dass er mich abholt. Schließlich ist ziemlich widerliches Wetter mit Schneetreiben und Schneematsch. Ich habe mich gefreut, dass er mich zu meiner Mutter bringen will, die seit gestern aus der Klinik ist. Ich dachte, er hätte sich wieder eingekriegt. Aber kaum war ich eingestiegen, meinte er, ich sei ja noch gar nicht verkleidet.
      "Dieses Jahr ist mir nicht nach Fasching dafür geht's einfach meiner Mutter zu schlecht," sage ich und er nickt. Ich dachte, wir würden jetzt - wie vereinbart - zu ihr fahren. Aber stattdessen fährt er, los Richtung Kölner Innenstadt. Er will sich amüsieren - ich will zu meiner Mutter, die schon wartet. Er will, dass wir auf Karneval gehen, lässt sich nicht davon abbringen. Ich sage:
      "Lass mich bitte aussteigen." Aber er lacht und verriegelt die Türen! Und an meine Tasche auf dem Rücksitz, in dem das Handy ist, komme ich so leicht nicht dran.
      "Was machst du? Willst du mich jetzt entführen?"
      "Ach komm, hab dich nicht so! Auf einen Abend mehr oder weniger kommt es bei deiner Mutter doch auch nicht mehr an."

      Ich bin kurz sprachlos. Hat er das gerade wirklich gesagt?
      "Aber sie würde sich freuen und es war für heute ausgemacht!"
      Er macht eine abwertende Geste mit der Hand. Ich bin sauer.
      "Halt sofort an! Lass mich aussteigen!"
      Er lacht nur.
      "Ich ziehe die Handbremse, wenn du mich jetzt nicht sofort aussteigen lässt," drohe ich. "Traust dich ja doch nicht!"
      Ich schaue mich um. Tatsächlich ist es keine so gute Idee, die Handbremse zu ziehen, hier mitten im Verkehr. Keine Ahnung, was dann passiert. Wir halten an der Ampel. Neben uns auf der rechten Spur hält ein BMW. Der Fahrer ist ein Mann mit kurzen Haaren, dunklen Augen und einer Lederjacke. Der Beifahrer Beifahrer ist etwas jünger, mit dunklen wuscheligen Haaren. Sie diskutieren. Vielleicht kann ich sie darauf aufmerksam machen, dass ich hier in dem Auto sitze und nicht rauskomme? Ich klopfe gegen die Scheiben. Ich winke, ich schreie.

      "Hör auf mit dem Scheiß! Hab dich nicht so."
      Da wird es grün. Er startet durch.

      Zur gleichen Zeit im Auto daneben :
      Ben : " Ach komm, du kannst mich doch nicht verhungern lassen..."
      Semir :"Ich lass dich nicht verhungern. Ich will nur endlich nach Hause zu Andrea und Ayda. Und außerdem will ich nicht, dass das Auto wieder vollgesaut wird. Du kannst ruhig noch ein bisschen warten, fällst schon nicht vom Fleisch."
      Ben: "Ich verspreche:Ich mache den Wagen sauber, aber lass mich endlich was essen..."
      Semir: "Ja, ja. Dein Wagen sauber machen kenne ich : Einmal kurz drüber wischen, das war's."
      Ben: "Hey, guck mal da drüben! Meinst du, da ist alles in Ordnung?"
      Semir: "Keine Ahnung. Können wir ja gleich mal schauen. Jedenfalls meint der auch, er wäre in Hockenheim und nicht in Köln...."

      Semir fuhr hinter dem weißen BMW her, der jetzt plötzlich am rechten Fahrbahnrand hält.

      Er entriegelt die Tür, motzt:
      "Na, dann geh doch zu deiner Mama... "
      Es gelingt mir gerade noch, meine Tasche vom Rücksitz zu angeln, bevor er schon wieder Gas gibt.

      Die Beifahrertür öffnete sich, kurz darauf stieg eine junge Frau aus. Der BMW fuhr gleich darauf weiter, während Semir nun an dessen Stelle anhielt. Ben ließ das Fenster herunter:
      "Alles in Ordnung bei Ihnen?"

      Die Männer aus dem Wagen neben uns hatten mich tatsächlich bemerkt. Der mit dem Wuschelkopf fragt, ob alles okay ist. Ich nicke nur, sage irgendwas wie
      "Ja, ja. Danke!"
      Er sieht mich noch einen Moment an, scheint mir nicht zu glauben.
      "Alles okay," lüge ich ihn mit meinem freundlichsten Lächeln an. Was soll ich ihm auch sagen? "Mein Mann wollte mich gerade zum Karneval entführen, obwohl meine todkranke Mutter in Koblenz auf mich wartet?" Klingt doch völlig irre! Jetzt lächelt er auch. Der Fahrer nickt mir freundlich zu. Er fährt wieder an.
    • Heute
      Sabrina Schmied schloss die Tür zum Wohnzimmer. Sie setzte sich auf ihr großes breites Sofa, trank den letzten Rest Cognac aus ihrem Glas. Ihre nackten Füße streiften immer wieder über die Flokati-Teppiche, der wie das Haus und die vielen Kissen Erbstücke ihrer Großmutter gewesen waren. Genau diese Dame hatte ihr stets erklärt :
      " Wenn du etwas willst, wirst du es auch bekommen. Du musst nur dafür arbeiten - vielleicht manchmal auch mit weniger akzeptierten Methoden..."
      Sabrina sah ihre Großmutter vor sich, wie sie mit Augenzwinkern diesen Satz sagte. Dann blickte sie durch die weite Fensterfront hinaus in den Garten. Seit sie als Kind hier gespielt hatte, war es immer ihr Traum gewesen, dass hier auch ihre Kinder spielen würden. Und daran hielt sie fest, auch jetzt, mit Ende 30.
      Sie öffnete die Champagnerflasche und goss sich genüsslich ein Glas ein. Sie war hundemüde, aber heute war der Tag ihres Erfolges. Jahrelang hatte sie auf diesen Tag hingearbeitet! Und niemand würde ihr diesen Triumph zerstören können. Sie prostete sich selbst zu.
      "Gut gemacht, Sabrina! Jetzt bekommt Lukas endlich, was er verdient hat!"
      Sie trank das Glas auf ex und goss sich ein zweites Glas ein. Bei diesem ließ sie den Champagner langsam innen den Hals hinunter laufen, prickelnd, kitzelnd, wärmend. Was für ein erhebendes Gefühl! Sie hatte die ganze letzte Nacht die letzten Vorbereitungen getroffen und heute Mittag endgültig dafür gesorgt, dass zukünftig in der Bäckerei Bährle nichts mehr so sein würde wie bisher. Sie goss sich das dritte Glas ein und prostete in die Luft:
      "Auf dich, mein Lieber! Dem ich meine besten Jahre und Chancen geopfert habe!"
    • Langsam zeigte der Alkohol Wirkung. Gemeinsam mit der Müdigkeit ergab sich eine angenehme Schwere. Sabrina legte ihren eher breit gebauten Körper auf dem Sofa ab.

      Sie griff nach den Zigaretten, die auf dem Couchtisch lagen und zündete sich eine an. Genüsslich zog sie daran, atmete den Rauch in ihre Lungen und blies ihn mit spitzen Lippen wieder aus. Mit dem nächsten Zug grinste sie breit. Sie setzte sich nochmals kurz auf, nahm einen weiteren Schluck und rückte ihre Brüste in den BH-Schalen zurecht. Sie strich sich über den Oberkörper bis hinab zu den Knien.
      "Alles hättest du haben können, Lukas. Alles..."
      Dann ließ sie sich in die Kissen zurück fallen und sog erneut den Rauch ein.

      Semir und Ben waren Alex gefolgt, der im Feierabendverkehr durch Weingarten fuhr. An einer Ampel auf einer zweispurigen Straße hielt Ben neben ihm und rief:

      "Hast du eigentlich den Kollegen vor Ort Bescheid gesagt?"

      Alex sah ihn unverwandt an:
      "Nein, meiner Oma! Mensch Ben! Klar hab ich das gemeldet. Aber es hieß nur, sie würden dem nachgehen. Spricht doch nichts dagegen, dass wir nachsehen - wenn da schon alles geklärt ist, umso besser, oder?"

      Semir war müde. Er hatte Schmerzen - so heftig, dass ihm fast übel war - und auch Zweifel daran, dass dieser Fall noch heute gelöst werden würde. Selbst wenn - für die Familie würde noch lange nichts mehr so sein wie heute morgen. Wenn überhaupt jemals wieder. Er konnte das sehr gut verstehen. Er zückte sein Handy und schrieb Andrea eine kurze Nachricht :
      "Ich liebe dich und freue mich nachher auf eine Pizza mit euch!" Auch wenn es ihm gerade nicht nach Essen war. Immerhin : Er spürte, gut es ihm tat, wieder zu ermitteln.

      Schließlich, in einem Wohngebiet mit vielen kleinen Häusern aus den 30er Jahren,wurde Alex langsamer - offensichtlich suchte er nach Hausnummer oder Parkplatz.
      Etwas weiter oben sah Semir ein bekanntes Gesicht.

      "Ben, fahr mal zu dem jungen Mann da vor. Ich glaube, ich kenne ihn..."
      Semir ließ das Fenster herab und beugte sich soweit er konnte zu dem Mann auf dem Gehsteig.
      "Na, Feierabend," fragte er freundlich.

      Der junge Mann wurde feuerrot im Gesicht. "Ja," antwortete er knapp.
    • "Matthias, richtig," fragte Semir, um nach dem Nicken des Rettungsassistenten weiter zu fragen:"Du wohnst doch nicht wirklich hier? Und es ist auch kein Zufall..."

      "Nein," antwortete Matthias wiederum einsilbig.

      "Sabrina Schmied, hm?" Matthias schaute nach oben - er war schon immer ein schlechter Lügner und dieser kleine Mann verstand etwas von seinem Job. Also gab er zu: "Ja, zu der will ich."

      "Warum? Meinst du, sie war's?"
      Matthias zuckte mit den Schultern und beugte sich weiter zu Semir. "Ich weiß nur, dass Sie Lukas gedroht hat, er würde es noch bereuen."
      " Das scheint also ein offenes Geheimnis zu sein," meinte Semir und forderte Matthias dann auf: "Komm mit. Vielleicht kannst du uns helfen - auch wenn das eigentlich Polizeiarbeit ist und nichts für den Rettungsdienst.."
      "Hoffentlich," antwortete Matthias, der jetzt doch erleichtert war, dass Semir ihn mitnehmen wollte. Schließlich hatte er das Gefühl, Lukas den "Besuch" bei Sabrina zu schulden.

      Alex war schon vorangegangen. Er hatte sich versichert, dass das Namensschild an der Klingel auch auf Schmied lautete.
      Dann kam er zur Straße zurück, wo Ben ihm entgegen kam. Semir folgte ihm mit etwas Abstand in Begleitung von Matthias.
      "Ben, ich schlage vor, wir beide teilen uns auf. Ich gehe rechts,du links herum. Wir schauen einfach, ob wir etwas sehen, was auf die Kinder hindeutet. Wir halten per Handy Kontakt. Semir, du klingelst und lenkst die Frau oder andere Bewohner ab..."

      "Das kann ich auch übernehmen, " mischte sich Matthias ein "Ich hätte da nämlich schon eine Idee..."

      Alex sah vorsichtig in die Räume, die von der Straße aus zugänglich waren. Er sah in die Küche, die jedoch einen völlig aufgeräumten Eindruck machte. Plötzlich ertönte ein Alarm. Alex dachte zunächst an eine Alarmanlage und duckte sich. Aber mit Blick nach oben konnte er nichts entdecken, was auf das Vorhandensein einer Alarmanlage hingedeutet hätte.

      Ben hatte auf der anderen Seite des kleinen Hauses gerade das offene Fenster im Badezimmer bemerkt - offensichtlich hatte dort vor kurzem jemand ein Bad genommen und lüftete nun - als ihm der einsetzende Alarm einen Schreck versetzte. Allerdings hatte er bereits einen seltsamen Geruch wahrgenommen. Rasch drückte er sich am Beet vorbei zum Wohnzimmer. Schon beim ersten Blick schrie er:
      "Alex! Feuer! Es brennt!"

      Alex hörte Bens Ruf und beeilte sich, mit einem Sprung über die Hecke zu ihm zu kommen. Hinter der Glastür war eine deutliche Rauchansammlung an der Decke zu sehen. Es war dicker schwarzer Rauch, der offensichtlich vom Teppichboden und Sofa aufstieg. Nahe der Glastür standen mehrere Ordner und ein Papierstapel auf dem Boden. Mit dem Kopf über dem Sofa hängend, war eine Person zu sehen. Ihr Kopf und Rumpf war bereits vom dichten Rauch bedeckt, nur Beine und Füße die nackten Füße waren noch klar zu erkennen. Ben hatte bereits versucht, die Glastüre zu öffnen, was ihm jedoch nicht gelungen war. Alex war sofort zur Stelle. Ben rief ihm zu:
      "Ich versuche durch das Bad zu kommen - vielleicht kannst du die Glastür einwerfen! Da ist mindestens noch ein Mensch drin!"

      Während Ben in das Badfenster kletterte, suchte Alex einen größeren Stein. Er fand aber nur einen Spaten, mit dessen Metallseite er mit aller Kraft gegen die Scheibe des Wohnzimmers schlug. Diese war jedoch so stabil, dass sie nur einen großen Sprung bekam. Zugleich sah Alex, dass innen die Tür des Wohnzimmers geöffnet wurde. Ben tastete sich auf allen Vieren von der Gegenseite an die Glastür heran und öffnete sie. Sofort zog der Rauch auch nach draußen. Alex kam herein. Gemeinsam zogen sie den regungslosen Körper vom Sofa durch den Papierstapel nach draußen. Draußen angekommen, kam langsam wieder Leben in die Frau. Kräftiges Husten verriet, dass die Gerettete zumindest atmete und die Schutzreflexe funktionierten.
      "He," sprach Alex sie an: "Wo sind die Kinder?" Aber Sabrina gab außer weiterem Husten keine Antwort.

      Semir hatte die Hilferufe gehört und die Feuerwehr verständigt. Matthias hatte das mitbekommen und hatte ebenfalls losrennen wollen, aber Semir hielt ihn zurück:
      "Warte kurz. Wir haben noch einen Feuerlöscher im Auto - vielleicht bringt der ja was!"

      Mit dem Feuerlöscher im Arm kam Matthias zu Ben und Alex gerannt. Gerade sah er, wie diese wie die beiden Sabrina auf der Wiese ablegen.
      "Lasst mich das mal machen. Ich hab euch was mitgebracht."
      Ben nahm Matthias den Feuerlöscher ab. Er ging an die Glastür und zielte mit dem Schlauch des Feuerlöschers auf den vermeintlichen Brandherd auf Teppich und Sofa. Dabei fiel sein Blick zufällig auf die am Boden verstreut liegenden Papiere. Da waren verschiedene Dokumente, die er eher in der Bäckerei Bährle vermutet hätte, als hier. Es gab also tatsächlich einen Zusammenhang! Auch Alex waren ein paar der Papiere aufgefallen.

      "Wir müssen noch mal rein," schrie er "Was ist, wenn die Kinder da noch drin sind?"

      Matthias rüttelte seine in Seitenlage befindliche Patientin. Deren Fahne war trotz des Brandgeruchs deutlich wahrnehmbar.

      "Sabrina! Wo sind die Kinder?"

      Da murmelte sie stockend:"Ich... Habe... Keine... Kinder." Sie hustete wieder, antwortete jedoch nicht mehr, obwohl jetzt Alex kräftig an ihr rüttelte.

      Von Weitem hörten sie die ersten Martinshörner. Ben löschte stoßweise, wie ihm das bei der letzten Fortbildung beigebracht worden war, auch wenn der Qualm ihn ebenfalls husten ließ. Immerhin schien er Erfolg zu haben - Flammen waren keine mehr zu sehen und auch der Rauch wurde deutlich weniger.
      Alex wollte nochmal über das Badfenster ins Haus, aber Semir, der um die Ecke kam, hielt ihn davon ab:
      "Du, warte! Hier ist nichts, was auf ein Baby und kleines Kind hinweist. Keine Kindersitze im Renault, kein Wagen bei der Haustür, keine Fläschchen in der Küche - rein gar nichts! Vor allem : Kein Geschrei!"
      Bis zu diesem Wort hatte Semir seinen Freund erreicht. Er musste sich an ihm festhalten, so schlimm waren körperliche wie seelische Schmerzen. Traurig sagte er:
      "Alex, entweder hat sie damit nichts zu tun. Oder... Sie hatte nie vor, die Kinder lebend hier her zu bringen...."
    • Inzwischen traf die Feuerwehr ein und auch die von Alex vor einer gefühlten Ewigkeit alarmierte Polizei hielt vor dem kleinen Haus in Weingarten.
      Als letzte Vertreter der Blaulichtorganisationen kam schließlich noch ein Notarzt mit zwei Rettungswägen-bei seinem Notruf hatte Semir bereits angegeben, dass möglicherweise auch noch zwei kleine Kinder in dem Haus waren.
      Matthias' Kollegen kümmerten sich sofort um Sabrina.

      Alex brachte indessen Semir zu seinem Auto :
      "War anstrengend heute," sagte er und legte Semir die Hand auf die Schulter. Dieser nickte traurig. Die Ungewissheit, was mit den entführten Kindern geschehen war, bedrückte beide. Alex wies auf die Polizisten hin:
      "Ich gehe mal meine Aussage machen und schick sie dann zu dir. Okay?"

      Semir nickte. Er lehnte sich zurück und schloss erschöpft die Augen.

      Zwei Feuerwehrleute mit Atemschutzmasken waren auf Ben zugekommen. Sie hatten ihm kollegial auf die Schulter geklopft und den Feuerlöscher abgenommen. Als Ben aus der Hocke aufstehen wollte, bemerkte er jedoch, wie es ihm schwindelig wurde. Vor seinen Augen tanzten 1000 Sterne. Er schwankte und wurde glücklicherweise von den beiden Feuerwehrleuten aufgefangen. Ben sah sie irritiert an.

      "Na, geht's," fragte ihn einer der Männer, was Ben mit einem "Ja, ja," bestätigte.

      Sie begleiteten den keuchenden Ben langsam und vorsichtig zum Rettungswagen.

      "Ich glaube, wir haben hier Kundschaft für euch. Hat wohl was von dem Rauch erwischt," sagte einer der Männer.

      Semir sah auf: Ein schlurfendes Geräusch, das von leisem Klirren begleitet war, näherte sich. Er drehte sich auf seinem Sitz um und sah zwei Feuerwehrmänner. Sie gingen mit Ben zwischen sich auf den Rettungswagen zu, der auf der Straße parkte angehalten hatte. Ben schien kaum noch selbst gehen zu können. Das versetzte Semir einen ordentlichen Schreck. Der Adrenalinstoß reichte aus, dass er zu sich aufraffen und mit den Krücken zu der Gruppe humpeln konnte.

      Er rief: "Ben, was ist mit dir?"

      Aber der antwortete gar nicht, sondern ließ sich mit letzter Kraft auf die Trage fallen, die die Rettungsdienstler bereit gehalten hatten. Ihm war ganz elend. Benommen registrierte er ein Stimmengewirr. Jemand hob seinen Oberkörper an. Irgendwer hielt ihm etwas vor Mund und Nase, was nach Plastik roch. Selbst als er nochmals Semirs Stimme hörte, war es ihm nicht möglich, die Augen zu öffnen. Er entfernte sich.

      Semir blieb nichts anderes übrig, als hilflos mitanzusehen, wie sein Freund das Bewusstsein verlor und eilig von den Rettungsdienstlern in den Wagen geschoben wurde.

      Den Notarzt hatte der Einsatzleiter der Feuerwehr gleich zu sich gerufen, nach dem der eingetroffen war.

      "Wissen Sie schon was von den Kindern," fragte der Notarzt.
      "Meine Männer suchen gerade das ganze Haus mit Wärmebildkameras ab. Sollte da irgendjemand sein, finden wir die."
      Dann räusperte er sich:
      "Das war zwar nur ein kleiner Brand. Aber so wie es aussieht, sind hier Federkissen und ein Woll-Kunstfasergemisch im Teppich in Brand geraten. Das gibt böse Rauchgasvergiftungen, ich sag' nur: Cyanid..."
    • Alex stand noch bei den Polizisten, hatte Ihnen gerade berichtet, was er wusste, da erreichte diese der Funkspruch des Einsatzleiters. Trotz sorgfältiger Suche hatten sie keine Kinder gefunden - weder tot noch lebendig. Wirklich erleichtert war jedoch niemand. Alex ging zum Haus zurück, wo immer noch diverse Zettel im Beet und Gras verteilt lagen. Er besah sich die einzelnen Blätter, die zum Teil Kopien bereits zerknüllter oder aus Fetzen zusammengesetzter Kopien zu sein scheinen. Mit seinem Smartphone knipste er Bilder von allen Dokumenten, die er fand.
      Semir gab derweil alle notwendigen Daten von Ben an die Rettungskräfte weiter. Es tat ihm in der Seele weh, ihn so zu sehen und ihm weder die Hand halten geschweige denn sonst irgendwie helfen zu können. Dazu kamen seine blitzartige Erinnerungen: Er sah, wie die Verneblermaske auf Bens Gesicht saß. Und ihn überkam das Gefühl, auch er bekäme gerade wieder Hilfe beim Atmen - was ja tatsächlich mehrere Wochen gebraucht hatte. Er brauchte ein paar Atemzüge mit Blick in den freien Himmel, um sich klar zu machen, dass dahingehend bei ihm alles in Ordnung war. Mit etwas Erleichterung bemerkte er, dass Ben sich wieder etwas rührte, seit er ein Medikament bekommen hatte.

      Ben hatte einen Stich verspürt. Anschließend hatte jemand an seiner linken Hand gearbeitet. Irgendwer klebte ihm etwas auf den Oberkörper. Ansonsten nahm er seine Umgebung nur schemenhaft wahr. Er hörte Semirs Stimme, was ihm signalisierte, dass er nicht alleine unter Fremden war. Er hörte ein zischendes Rauschen direkt vor seinem Gesicht, hatte aber den Eindruck, dass die kühle feuchte Luft, die da ausströmte ihm gut hat. Er hörte ein rasches Piepsen, das ihn an die letzte Deep-House-Party erinnert hätte - wenn da nicht die Übelkeit gewesen wäre, die in ihm tobte. Er hörte wie ihn jemand anfasse und ihn mit seinem Namen ansprach:
      "Herr Jäger, hören sie mich?"

      Er versuchte zu nicken, doch alleine der Versuch der Bewegung verstärkte die Übelkeit massiv. Er konnte sie nicht mehr kontrollieren und begann zu würgen - schnell nahm der Sanitäter ihm die Maske vom Gesicht und hielt ihm eine Nierenschale unter. Doch trotz heftigen Würgens kam nur Magensaft.

      "Oh je, Sie Armer," bedauerte ihn der Arzt. "Nichts gegessen und dann das...Moment, ich gebe Ihnen gleich etwas dagegen..."

      Ben spürte nur kurz einen Druck am Handrücken, dem er aber angesichts des Würgereizes keine Beachtung schenkte. Kurz darauf ließ der Brechreiz nach und Ben fiel erschöpft zurück auf die Trage. Der Sanitäter setzte ihm die Verneblermaske wieder auf und stimmte dem Notarzt zu, als der sagte: "Ich denke, wir schauen, dass wir schnell in die Klinik kommen..."

      Semir hatte inzwischen Andrea angerufen:

      "Andrea, mein Herz! Ich glaube, ihr müsst ohne uns Pizza essen. Wir müssen erst noch ins Krankenhaus. "

      "Semir! Alles in Ordnung? Was ist mit dir?"

      "Nichts. Andrea, mir geht es gut. Aber Ben liegt hier neben mir im Rettungswagen. Der Notarzt ist bei ihm..."

      "Um Gottes Willen! Warum?"

      "Er hat bei einem Brand gelöscht - ich denke, der Rauch...Aber er ist wohl ansprechbar. "

      "Oh je! Natürlich ist dann die Pizza nicht mehr so wichtig!"

      Nach kurzer Pause schlug Andrea dann vor: "Pass auf, wie wäre es, wenn wir uns in einer halben Stunde am Krankenhaus treffen? Wir können zu Fuß gehen. Ich bestelle Pizza und bringe Ben die Tasche mit seinen Sachen."

      Dieses Angebot zauberte Semir ein Lächeln ins Gesicht.

      "Das wäre ganz toll, Andrea! So machen wir das!"

      Sowohl der Rettungswagen mit Sabrina als auch der mit Ben waren losgefahren. Da kam zuerst Matthias und kurz darauf Alex um die Ecke. Alex hatte von Bens Zusammenbruch noch gar nichts mitbekommen und war entsprechend betroffen. Sie vereinbarten, gemeinsam zum Krankenhaus zu fahren - Matthias übernahm Bens Wagen, in dem die Kindersitze für Ayda und Lilly waren. Er wollte ohnehin nach seinem Freund Lukas sehen und er hoffte inständig, dass es Laura besser ging, als er anhand des ersten Eindrucks im Einsatz befürchten musste.
    • Kaum am Krankenhaus eingetroffen, rief Alex Anja auf dem Handy an:
      "Anja, gut, dass ich dich erreiche! Wo bist du?"
      "Ich warte immer noch in der Klinik - bei Lukas. Es gibt immer noch nichts Neues!"
      "Das tut mir leid. Ich komme gleich zu euch."

      Nach kurzem Blick zu Semir - der ihm nickend bestätigte, dass er allein klar käme- lief Alex los. Kaum öffnete sich die Glastür zu dem Wartebereich, hörte Alex schon die ersten Worte von Lukas Bährle:

      "Na, da kommt ja unser Super-Kommissar," feixte der Bäcker. Alex überging die ironische Bemerkung.
      Er fixierte nur Anja mit den Augen und hätte sich so sehr gewünscht, jetzt mit ihr an einem völlig anderen Ort mit weniger Sorgen zu sein!
      "Ich komme gleich auf den Punkt : Wir waren bei Sabrina."
      Gerade da öffnete sich die Tür erneut und Matthias kam herein. Lukas stand auf, die beiden umarmten sich herzlich.
      "Mensch, Lukas, es tut mir echt leid," beteuerte Matthias.
      "Ich war auch bei Sabrina. Hat es Alex euch schon erzählt?"
      Alex fiel es schwer, der jetzt etwas verwunderten Anja von den Ereignissen zu berichten. Nach tiefem Luftholen begann er: "Also, es sieht danach aus, als wäre es Sabrina nicht gewesen. Wir haben die Kinder dort nicht gefunden und auch keine Spur von Ihnen. Allerdings hat es bei unserem Eintreffen gebrannt. Ben Jäger und ich konnten Sabrina gerade noch aus dem brennenden Wohnzimmer retten..."
      Ungläubig sahen die Geschwister Bährle den Autobahnpolizisten an. Matthias ergänzte:
      " Ja, sie und Ben sind mit einer Rauchvergiftung hier eingeliefert worden. Bei ihr ist es etwas kritischer als bei ihm..."
      "Was? Sabrina ist hier," fragte Lukas mit lauterem, bedrohlichen Ton in der Stimme.
      "Ja, aber nicht ansprechbar," stellte Matthias klar. Er fasste den impulsiven Bäcker am Arm.
      "Außerdem - wie gesagt - die Kinder wurden dort nicht gefunden. Und es gibt auch keinen Anhalt dafür, dass sie dort wären."
      "Es tut mir sehr leid," fügte Alex nochmals mit Blick auf die verzweifelte Anja hinzu.
      "Ich habe auch nicht viel erwartet," erklärte Lukas und ließ sich wieder auf den Sitz fallen." Dann kann man schon nicht enttäuscht werden." Er starrte weiter auf die Tür, aus der heraus hoffentlich bald Nachricht kommen würde.

      " Allerdings war etwas merkwürdig,"sagte Alex zu Anja: "Ich habe eine Menge Unterlagen bei Sabrina gesehen, die eigentlich nichts bei ihr verloren haben, wenn ich das richtig beurteile. Schau mal!"
      Er zückte sein Smartphone und zeigte zunächst Anja die gemachten Bilder. Doch schon nach den ersten Bildern fragte sie Alex:
      " Darf ich kurz?"
      Alex nickte und gab ihr das Smartphone. Sie reichte es an ihren Bruder weiter. Der wechselte darauf hin in rascher Folge die Gesichtsfarben von zunächst sehr weiß auf recht rot.
      "Lukas was ist das," fragte Anja ihn. "Das sind doch alles Unterlagen aus der Bäckerei. Was hat Sabrina damit zu schaffen?"
      "Keine Ahnung, wie sie da dran kommt."
      Es vergingen einige Minuten, in denen Lukas stumm vor sich herscrollte. Immer wieder schüttelte er den Kopf. Manchmal fluchte er leise vor sich hin. Als er Alex das Handy zurückgab, bedankte er sich zum ersten Mal bei ihm und sah ihm dabei fest an. Alex sah in den blauen Augen den Schmerz des kräftigen Mannes mit den rotblonden Haaren, der nun sagte:
      "Wenn ich dich irgendwie blöd angemacht habe - sorry echt!" Er atmete tief ein, sah aus dem Fenster und sagte stockend:
      "Heute Morgen... sehe ich meine Kinder und meine Frau schlafend im Bett - wenn ich jetzt heimkomme,... ist da niemand mehr...."
      Er sah betroffen auf den Boden und murmelte : "Meine Kinder, mein Baby, sind weg und ich weiß nicht, bei wem und ob sie noch leben. Ich weiß nicht, ob meine Frau die Nacht überlebt... "
      Er schluchzte auf, hielt sich die Hände vor das Gesicht. Matthias legte ihm tröstend die Hand auf die Schulter. Anja sah Alex flehentlich an. Vorsichtig tastete sie nach seiner Hand, als könnte er sie davor bewahren, im Strudel der Gefühle ihres Bruders weggeschwemmt zu werden.
      Der rang um Fassung bevor er sagte:
      "Dazu kommt : Ich habe ein paar Unstimmigkeiten entdeckt, in der Buchhaltung. Jetzt, wo ich sehe, was du bei Sabrina fotografiert hast... Dieses Miststück! Ich habe bloß gerade nicht den Nerv dazu, mir das alles genauer anzusehen. Es sieht so aus, als hätte sie unseren Müll durchwühlt - seit Monaten... "

      "Krass," entfuhr es Matthias, der sich nur schwer vorstellen konnte, dass sich Sabrina, die ihm sonst als etepetete in Erinnerung war, freiwillig im Müll wühlte.

      Alex nickte:" Ja, ich verstehe. Vielleicht gibst du das besser an die Kollegen hier vor Ort weiter. Ich meine: Richtige Polizisten, ja? "
      Er grinste dabei schief. Und fügte hinzu :
      " Hey, es tut mir wirklich leid mit Laura. Ich wünschte, ich könnte es ändern und ich hoffe ihr bekommt bald Nachricht... "

      Gerade als Alex das ausgesprochen hatte, öffnete sich die Tür und eine Ärztin kam heraus. Sie ging direkt auf die Gruppe zu, Alex trat einen Schritt zurück.
      "Herr Bährle, Sie können jetzt zu Ihrer Frau. Aber erschrecken Sie nicht und - Herr Bährle - Sie hat die Operation überstanden. Das heißt leider noch nicht, dass sie über den Berg ist. Nur, dass die Hirnblutung jetzt steht. "
      Lukas nickte. Er fühlte sich taub. Er stand auf, um der Ärztin zu folgen. Kurz vor der Tür fiel ihm ein, dass er noch etwas fragen wollte:
      "Darf meine Schwester auch mit? Sie ist Physiotherapeutin in der Kurklinik.."
      Die Ärztin nickte freundlich - insgeheim war sie erleichtert. Da kannte sich die Schwester sicher etwas aus und sie als Ärztin musste nicht jedes schmerzliche oder verunsichernde Detail erklären.
      Alex blieb mit Matthias auf dem Flur zurück und wandte sich nach einem kurzen Durchatmen an ihn:
      "Komm, wir gehen jetzt erstmal was essen. Oder?" Matthias nickte erleichtert - eine gute Idee!
    • Timur Köse war ein leidenschaftlicher Motorradfahrer. Es gab für ihn nichts Schöneres und die Beziehung zu seiner Maschine war enger und liebevoller als zu den meisten Frauen, die er in den letzten Jahren kennengelernt hatte. In dem Motorradclub, dessen Jacke er mit Stolz über seinen breiten Schultern trug, war er da nicht allein. Und auch in seinem "Wohnzimmer", wie er das Fitnessstudio im Spaß nannte, kannte er Gleichgesinnte. Wenn er mit seinem Motorrad über die Straße bretterte, konnte er die schwere Arbeit als Zimmermann auf dem Bau vergessen, sich frei fühlen. Freitags und oft auch samstags verdiente er sich als Türsteher noch ein paar Euro dazu. Ihm gefiel es, Musik im Hintergrund laufen zu haben und für seine Art Ordnung zu sorgen. Außerdem fand er es spannend, die unterschiedlichen Typen zu beobachten - er hatte eine Menge über Menschen gelernt! Er war niemand, der Streit anzettelte. Aber eben auch niemand, der es nötig hatte, dem aus dem Weg zu gehen: Auf seine 1,90m verteilten sich etwas über 120 durchtrainierte Kilogramm. Seine langen schwarzbraunen Haare, hatte er meist im Nacken zusammengebunden. Der schmale Lippen- und der spitze Kinnbart modellierte das Gesicht zusätzlich zu den ausgeprägten dunklen Augenbrauen über den leicht mandelförmigen braunen Augen, die ihm sein Vater vererbt hatte. Doch selbst diese Augen vermochten im immer stärker werdenden Regen nicht mehr so viel zu sehen, dass es ein angenehmes Fahren auf der A61 Richtung Köln war. Er fuhr auf die rechte Fahrspur und drosselte sein Geschwindigkeit. In zwei Kilometern käme eine große Brücke. Unter der würde er warten, bis das da Wetter Unwetter vorbei wäre. Doch was war das?Timur Köse traute seinen Augen nicht! Ca 20 m vor ihm war etwas auf dem Standstreifen, was da definitiv nicht hingehörte!

      Jenny und Endres waren nach der Befragung von Siegfried Kern gerade noch ins Auto gekommen, bevor es anfing, zu regnen. Jeder Tropfen band Staub und man konnte riechen, wie durstig die Natur war. Aus dem Regen wurde ein Starkregen, dann ein Wolkenbruch. Endres mochte diesen Geruch. Aber Jenny war angespannt:
      Siegfried Kern hatte offensichtlich das Verhältnis zu seiner Tochter nicht so wesentlich verbessern können, dass er ihnen echte Hinweise geben konnte. Vielleicht auch bedingt durch die Entfernung, hatte er seine Tochter und Enkel zuletzt direkt nach der Geburt des Jüngsten gesehen und von Bedrohungen oder Problemen hatte sie ihm nichts erzählt. Auch schien Siegfried Kern ihr noch immer vorzuhalten, dass sie nicht mehr aus sich gemacht hatte, als Mutter und Bäckerin. Immerhin hatte er ein paar aktuelle Fotos gehabt, die sie für die Fahndung gut brauchen konnten. Was Jenny momentan jedoch noch mehr ärgerte:.Bei diesem Wetter zu fahren, war alles andere als angenehm. Und - so viel Erfahrung hatte sie inzwischen auch schon - man konnte darauf wetten, dass irgendwer sich überschätzte und einen Unfall baute! Dann im Regen draußen zu stehen, war nun wirklich eine der unangenehmeren Seiten des Jobs. Gerade hatte sich dieser Gedanke in Jennys Gehirn gebildet, da kam der Ruf der Zentrale.
    • Timur Köse konnte es nicht glauben: Vor ihm lief ein kleines Kind laut brüllend im prasselnden Regen auf dem Standstreifen! Kurz sah er sich um: War hier irgendwo ein Unfall? Ein liegengebliebenes Fahrzeug? Er sah keinen Hinweis auf die Herkunft des Kindes.
      Kurz entschlossen schnappte der Motorradfahrer das Kind, presste es an sich und fuhr mit angeschaltee Warnblinker auf dem Standstreifen weiter bis unter die Brücke. Dort zog er dem weiter nach seiner Mutter schreienden Kind die nassen Kleider aus, riss sich seine Clubjacke vom Körper und wickelte das Mädchen darin ein. Dann hockte er sich nieder, nahm sie sanft in seine tätowierten Arme und flüsterte ihr ins Ohr, was seine Mutter auch immer gesagt hatte: "Alles gut. Ich bin ja da!"

      Jenny war nervös : Was sollte das heißen "Ein Motorradfahrrad hat ein kleines Kind auf dem Standstreifen gefunden." Super - ein normaler Auffahrunfall war heute wohl nicht drin... Nach wenigen Minuten waren sie in Sichtweite der Brücke. Jennys Herz klopfte bis zum Hals, als sie das Motorrad sah. Dahinter, näher am Brückenpfeiler, kauerte ein kräftiger Mann im Staub.
      Endres sah das Emblem des Motorradclubs auf der Maschine und war alarmiert: Diese Leute hatten ihre eigenen Gesetze, schreckten vor Selbstjustiz nicht zurück - er erinnerte sich da spontan an mehrere böse Auseinandersetzungen. Daher lief er sofort mit gezogener Waffe hinter Jenny her, als diese aus dem eben vor dem Motorrad abgestellten Dienstwagen sprintete und rief: "Dorn, Kripo Autobahn! Was ist passiert?"

      Timur Köse sah ihr stumm direkt ins Gesicht. Genau darunter bewegte sich ein kleiner blonder Lockenschopf. Jenny hörte ein wimmerndes "Mama!" und als der Motorradfahrer während seiner Schilderung der Ereignisse seine Jacke, in die er das Kind gewickelt hatte, zur Seite nahm, sahen Jenny und der in etwas Abstand dazu stehende Endres das Gesicht des Kindes.

      "Marie? Heißt du Marie Bährle," fragte Jenny, die sich zu ihr abgehockt hatte. Außer einem weiteren weinerlichen "Mama", kam zwar nichts von dem Kind. Aber die beiden Polizisten waren sich unabhängig von einander sicher, dass dies das gesuchte Mädchen war. Gleichzeitig war es - obwohl der Mann bereits einmal eine Anzeige wegen Körperverletzung kassiert hatte - unwahrscheinlich, dass sie auch den Entführer vor sich hatten:
      Dass er das Kind gerade an der Autobahn gefunden hatte, wie er angab, dafür sprach eigentlich alles. Für einen längeren Transport eines Kindes (geschweige denn von zweien) war das Motorrad nicht geeignet und wenn er ihr zuvor irgendetwas angetan hätte, so würde sich Marie sicherlich nicht so an ihn klammern, wie sie es jetzt tat.

      Endres zückte sein Telefon und sagte: "Ich fordere die Hundestaffel an!"

      "Was ist denn passiert? Wie kommt das Kind auf die Autobahn," wollte Timur Kösen wissen.

      Jenny ging nicht auf die Frage des Mannes ein. Er aber ließ nicht locker:
      "Ein Unfall? Sie wissen doch etwas..." fragte er besorgt und mit ungewöhnlichem Grauen in der Stimme. Im Grunde war er friedfertig, nur wenn ihm jemand richtig dumm kam, reagierte er schon mal handfest. Aber ein Kleinkind, noch dazu ein so engelsgleiches, alleine auf dem Standstreifen im strömenden Regen, zwei Polizisten, die bei der Antwort auf die Frage nach der Mutter zögerlich reagierten - das erfasste sein ganzes Herz.

      "Ist sie verletzt," wollte Jenny wissen, worauf hin Timur Köse nochmals kurz seine Jacke öffnete und auf die Schrammen zeigte, welche die Kleine an Knien und dem rechten Arm hatte.
      "Nichts Schlimmes, denke ich," sagte er und Jenny nickte. Sie versuchte, mehr aus ihr heraus zu bekommen :
      "Marie? Wo ist Leon? Dein Bruder. Das Baby?"
      Aber außer einem "Mama!" kam nichts zurück. Der lange Endres beugte sich nun nach seinem Telefonat ebenfalls zu Marie hinunter und sagte:
      "Marie, deine Mama ist ganz weit weg. Du bist ja ein ganzes Stück ohne sie hierher gefahren..."
      "Mama..."
      "Aber Jenny und ich, wir sind von der Polizei. Wir fahren jetzt erstmal zu uns und rufen da deinen Papa oder deinen Opa Siegfried an. Einverstanden?".

      Die Kleine klammerte sich nach wie vor an den kräftigen Kerl, der ihr vermutlich das Leben gerettet hatte, und gab keine Antwort.
      Endres erkannte, dass es besser war, das Kind nicht von dem Mann zu lösen.

      "Wäre es für Sie in Ordnung, wenn Sie uns mit ihr zusammen zur nächsten Dienststelle begleiten würden? Sie hat heute schon zu viel durchgemacht...Und für das Protokoll brauchen wir Ihre Aussage auch noch," erklärte Endres .

      Zu seiner Überraschung nickte der Türsteher sofort heftig und antwortete:
      "Klar. Ich hab schon zwei Jungens angerufen, die kommen gleich, damit das Motorrad wegkommt. Aber was ist eigentlich passiert?"
      Jenny und Endres sahen sich kurz an. Jenny zückte ihr Smartphone und zeigte dem noch immer vor ihr knienden Mann den Auszug aus dem Polizeibericht wie er auch an die Presse gegangen war. Während er las, verfinsterte sich seine Miene.
      ."Is jetzt echt nich' wahr, oder?" Er drückte das kleine Mädchen, das seinen Zorn wahrgenommen und wieder zu wimmern begonnen hatte, sanft an sich.
      "War aber nicht der Vater, oder?"
      "Wir ermitteln noch, aber: Es deutet nichts auf ihn."
      "Und... ihr Bruder?"
      "Gleich werden die Kollegen von der Bereitschaft mit Hunden kommen. Falls er hier auch irgendwo ist...."

      Timur Köse wollte gerade etwas sagen, da näherte sich ein dunkler VW Amarok. Aus der Beifahrertür stieg ein Mann um die 50 mit langen dunklen Locken und der gleichen Lederjacke aus. Er ging breitbeinig auf die Polizisten und das ungleiche Paar zu.

      "Marie? Schau mal, Onkel Cengiz ist da. Dann gehen wir jetzt mit der Polizei mit. Komm, ich trag' dich,ja?"

      Jenny war ganz gerührt von der sanften Fürsorge des Türstehers: Er hob die Kleine behutsam in seiner viel zu großen Jacke hoch und nahm fest sie in den Arm. Dabei wurde der Stoff des T-Shirts am Ärmel stark gespannt, so muskulös waren seine Oberarme. Er ging auf seinen Kumpel zu und reichte ihm die Schlüssel zu seinem Motorrad. Der nickte nur - als er jedoch einen Blick auf Marie werfen wollte, rief diese wieder herzzereißend nach ihrer Mutter und vergrub ihr Gesicht tief auf der Brust ihres Trägers. Der sprach ihr beruhigend zu und folgte Jenny zum automatisch mitalarmierten Rettungswagen . Endres gab da gerade dem Leiter der Bereitschaftspolizei eine erste Lagemeldung.
    • Wieder zurück vor dem Krankenhaus trafen sie auf Semir und seine Familie. Andrea hielt 4 große Schachteln Pizza und Bens Tasche im Arm. Gemeinsam gingen sie in den kleinen Park unweit der Klinik und picknickten dort. Es war jetzt halb sieben. Für einen Moment stellte sich eine ähnliche Unbeschwertheit wie am Vormittag ein. Nach einer Dreiviertel Pizza vibrierte Alex' Smartphone. Die Nachricht, die er nun öffnete, elektrisierte ihn geradezu. Er las sie mehrfach bevor er den anderen mitteilte:

      "Ich habe Nachricht von Jenny. Marie Bährle wurde gefunden und ist nun wohlbehalten bei Jenny und Endres."

      Er zeigte ein Foto von dem kleinen Mädchen auf dem Arm von Timur Köse, von dem allerdings nur Haare und Tattoos zu sehen waren. Matthias glitt ein Lächeln über das Gesicht. Semir und Andrea umarmten sich kurz.

      " Und das Baby, "fragte Ayda.
      Alex zuckte mit den Schultern :

      " Nach dem suchen jetzt ganz viele Polizisten mit Hunden. So wie es aussieht, war Marie ganz allein. Sie ist von einem Motorradfahrer am Straßenrand gefunden worden."

      Andrea nahm ihre Töchter ganz fest in den Arm. Fast empfand sie es positiv, dass die Mutter der beiden entführten Kinder dieses Drama nicht erleben musste.

      "Ich gehe zu Lukas und Anja," erklärte Alex.
      "Ich komme mit," entschied Matthias.
      "Wenn mir einer von euch noch Bens Tasche mitnimmt, kann ich auch mitbekommen," sagte Semir.
      "Na, dann bleiben wir wohl hier und räumen auf," schlussfolgerte Andrea etwas resigniert.
      "Dafür liebe ich dich, mein Herz. Vielen Dank für die Pizza," versuchte Semir, die aufkommenden Wogen zu glätten und gab seiner Frau einen Kuss. Diesen erwiderte sie und strich ihm über die Wange.
      "Du gehörst ins Bett! Semir, du bist doch total fertig."

      Semir humpelte auf Krücken zu der Station, auf die man Ben gebracht hatte. Matthias half ihm, die Tasche bis dorthin zu bringen und verabschiedete sich dann. Leise betrat Semir das Zimmer. Es waren zwei Betten, von denen eines belegt aber gerade nicht benutzt war. Hinten am Fenster lag Ben mit erhöhtem Oberkörper. Er reagierte nicht auf Semirs Eintreten und schien zu schlafen. Leise bewegte Semir, der die Tasche geschultert hatte, sich zu ihm und setzte sich auf einen Stuhl in seiner Nähe. Er beobachtete ihn. Ben hatte die Augen geschlossen und atmete regelmäßig und langsam unter der Verneblermaske, die immer noch zischte. Unter seinem Krankenhaushemd zeichneten sich die Kabel des EKGs ab. An seiner linken Seite stand ein Infusionsständer. Aus der noch vollen Flasche tropfte in kurzen Abständen Flüssigkeit in Bens linken Arm.

      Semir atmete tief ein. Vor drei Monaten hatte Ben an seinem Bett gesessen - gut, vermutlich ging es Ben jetzt etwas besser, als ihm damals, denn immerhin war das hier nicht die Intensivstation. Wenn er Ben so sah, kam dennoch alles wieder in ihm hoch. Das wievielte Mal war das heute? Er sinnierte: Eigentlich war das doch keine große Sache gewesen, dieser kleine Zimmerbrand. Eigentlich war auch sein Aufprall nach den Schüssen auf ihn keine wirklich große Sache gewesen. Und trotzdem war der Körper doch so angreifbar, so verletzlich. Wie schnell es mit dem Leben vorbei sein konnte, wie schnell alles anders sein konnte...
      Er dachte an die Frau mit den zwei kleinen Kindern. Wie Marie und Lilly so süß gespielt hatten...
      Er dachte an den Mann, den er aus der Backstube geholt hatte. Was für ein Tag! Er streckte sich, nahm seine Arme nach hinten, dehne seine Rückenmuskulatur indem er die Oberarme über die Ellbogen nach hinten drückte. Dabei stieß er eine seiner Krücken um, die klappernd auf den Boden fiel. Ben schlug die Augen auf. Als er Semir sah, lächelte er.

      "Na, dir geht es schon besser, hm," fragte sein älterer Freund.

      Mit etwas heiserer Stimme erwiderte Ben: "Keine Ahnung was mit mir los ist... sie meinen, ich hätte eine Rauchvergiftung. Von dem bisschen Rauch! Da haben wir doch schon viel Schlimmeres erlebt."

      Semir zuckte mit den Schulter : "Ich habe nur mitbekommen, dass wohl Federn und Wolle verbrannt sind..."

      "Tja, und die produzieren Blausäure," ergänzte der Pfleger, der gerade herein gekommen war, um Ben nochmals Blutdruck zu messen. Er lächelte: " Aber Ihre letzten Blutgase waren schon besser als die davor und die waren auch besser, als die, die Sie bei der Aufnahme hatten. Die Medikamente schlagen gut an. "
      "Wie lange muss er denn hier bleiben," wollte Semir wissen.

      "Auf jeden Fall diese Nacht, wahrscheinlich eher länger. Rauchvergiftungen sind ganz schön tückisch," meinte der Pfleger.

      Semir nickte - den Eindruck hatte er auch!

      "Ich habe dir von Andrea die Sachen bringen lassen."

      "Danke," keuchte Ben, der versuchte, seinem Freund zu verheimlichen, wie fertig er doch war. Aber dem entging das nicht. Er legte seine Hand auf Bens inzwischen wieder freien rechten Arm.
      "Eins noch : Marie, das kleine Mädchen wurde auf der Autobahn Richtung Köln gefunden."

      Ben schreckte hoch und Semir bedauerte sofort seine Formulierung.
      "Hey, ihr geht es gut. Sie ist mit Jenny und dem neuen Kollegen Endres auf dem Weg zur PASt."

      Ben war jetzt völlig fertig. Die kurze Aufregung hatte ihn mehr Energie gekostet, als er gerade hatte. Wieder stieg Übelkeit in ihm auf. Aber eines musste er doch noch loswerden:
      "Alex und du, ihr fahrt da doch hin, oder? Ihr müsst doch den Bruder suchen und das Kind zurück bringen!?"

      "Ja, ich denke schon. Aber ruh' du dich gut aus, erhol Dich.."

      "Danke gleichfalls," murmelte Ben, bevor er die Augen schloss. Semir hatte noch nicht die Tür erreicht, da hörte er ein leises Schnarchen hinter sich.
    • Erleichtert darüber, dass es Ben besser ging, suchte Semir Alex. Er fand ihn mit Anja an seiner Seite im Park, wo Andrea die Kinder beaufsichtigte, die an den generationsübergreifenden Fitnessgeräten turnten.

      "Wie geht es deiner Schwägerin," wollte Semir von Anja wissen. Doch sie schüttelte den Kopf :
      "Ich weiß nicht, ob ich ihr wünschen soll, dass sie das überlebt...Keine Ahnung, wie lange ihr Gehirn zu wenig Sauerstoff hatte und wie sich die Blutung auswirkt. Im schlimmsten Fall..." Anja versuchte professionelle Distanz zu wahren und atmete tief ein, bevor sie sagte:" wird sie blind und ein totaler Pflegefall sein. Es sieht nicht gut aus. Deshalb soll Lukas bei ihr bleiben."

      Betroffen sahen sich die Erwachsenen gegenseitig an. Alex hatte seine Hände zu Fäusten geballt.
      "Und was ist mit Marie," fragte Semir. Alex räusperte sich und legte vorsichtig den Arm auf Anjas Schulter: "Wir haben den Schwiegervater angerufen - der war so besoffen, der sollte sich vor morgen Mittag nicht hinters Steuer setzen. Ich werde Anja nach Köln fahren."
      Er sah Semir gespannt an. Sicherlich würde der bei Ben und seiner Familie bleiben wollen. Doch da hatte er sich getäuscht.
      "Ich komme mit, das habe ich Ben versprochen!"
      Andrea schüttelte nur den Kopf. Aber sie wusste, dass sie ihren Mann nicht davon abhalten könnte, weiter zu ermitteln. Sie sah ihm tief in die braunen Augen. Und nach einem tiefen Seufzer sagte sie :
      "Ich denke, ihr solltet mit Marie in unserem Haus übernachten. Nehmt einfach, was ihr braucht. Unten im Keller müssten auch noch ausreichend Anziehsachen für Marie sein. Sie kann einfach in Lillys Bett schlafen. Und achtet darauf, dass sich mein Mann auch mal ausruht..."

      Es dauerte tatsächlich nicht lange, bis Semir auf der Rückbank eingeschlafen war. Doch an einen ruhigen Schlaf war nicht zu denken. Dies lag nicht nur an Alex' Fahrstil und der wenig bequemen Position, sondern auch an einer Erinnerung die ihm jetzt im Traum kam.
    • Semir fand sich im März 2008 wieder: Der Winter war nochmals zurückgekommen. Semir und Ben hatten Nachtschicht.

      Es war kurz nach Mitternacht. In dichtem Schneetreiben fuhren sie Streife auf der wenig befahrenen Autobahn. Die Scheinwerfer strahlten die heranfliegenden Flocken an, so dass selbst Semir die Orientierung schwerer fiel als sonst. Er fuhr auf der mittleren Spur an den LKWs vorbei.
      "Man glaubt es kaum: Die Leute fahren vorsichtig," stellte Ben fest. Erst nach dem zweiten Wischvorgang des Scheibenwischers antwortete Semir:
      "Stimmt. Erstaunlich ruhig für das Wetter..." Just in diesem Moment preschte ein heller BMW an ihnen vorbei, zog knapp vor dem vor ihnen fahrenden Auto nach rechts, so dass dessen Fahrer scharf bremsen musste.
      "Der hat sie doch nicht mehr alle!" Fluchend wechselte Semir nach links und verfolgte den BMW mit Blaulicht. Ben hielt sich mit der rechten Hand fest, mit der linken griff er zum Funkgerät und teilte der Zentrale die Situation mit. Es war eine wilde Verfolgungsjagd, die sich trotz des Schneefalls über mehrere Kilometer erstreckte. Kurz vor einer Ausfahrt schnitt der BMW-Fahrer einen ausfahrenden LKW, der die Kollision nicht mehr verhindern konnte. Semir und Ben konnten nur zusehen, wie der LKW den hinteren Teil des BMWs touchierte. Während Ben die Unfallstelle absicherte, kam Semir schon der LKW-Fahrer entgegen :
      "So ein Arschloch! Ha'm Sie gesehen, dass der mich geschnitten hat?" Semir nickte und ging an dem kräftigen Mann vorbei.

      „Verlassen Sie den Wagen mit erhobenen Händen,“ forderte Semir den Fahrer auf. Der grinste breit und schälte sich betont langsam aus dem warmen Sitz des Wagens.
      „Los, mach schon! Raus mit dir, Hände auf's Dach,“ rief nun auch Ben dem jungen Kerl hinterm Steuer zu. Semir kochte vor Wut, aber Ben hielt ihn am Arm zurück und machte eine Kopfbewegung, die seinem Partner vermitteln sollte:
      „Ruhig, das lohnt nicht!“
      Endlich stand er vor ihnen.
      „Umdrehen,“ herrschte Semir ihn an. Der Junge grinste ihn weiter an, drehte sich mit weit ausladender Hüftbewegung um, wodurch er Semir mit seinem Hinterteil berührte. Ben beeilte sich, ihn abzutasten.
      „Na, das gefällt dir,“ fragte der Junge provokativ stöhnend. Aber Ben ließ sich nicht darauf ein, sondern förderte mehrere Tütchen und zwei Feuerzeuge aus den Taschen des Jungen hervor. Den Geldbeutel aus der Hosentasche reichte er Semir rüber. Der strahlte mit seiner Taschenlampe in das Gesicht des Jungen, dann auf den Geldbeutel und den darin befindlichen Personalausweis.
      „André Wieler, geboren 08.02.1985 in Hachenburg.“ Der Angesprochene hatte die geröteten Augen vom grellen Licht der Lampe abgewandt und nickte.
      „Einmal Mund auf für den Drogenschnelltest,“ befahl Semir.
      „Nee, das ist freiwillig...“ maulte André.
      „Wie Sie wollen. Dann kommen Sie mit auf die Wache und wir warten dort auf die richterliche Anordnung.“
      „Na und?“ André streckte den Polizisten die Zunge heraus, was Ben nutzte, um schnell das Teststäbchen darüber zu führen.
      „Hey! Das dürft ihr nicht,“ zeterte der junge Mann und versuchte, Ben's Arm zu greifen. Aber der war schneller – ohnehin war die Reaktionsfähigkeit des Unfallfahrers nicht die Beste.
      „Sorry. Hab das konkludente Handlung wahrgenommen,“ zuckte Ben mit den Schultern und drehte sich um. Semir schaute kritisch, während André Wieler zu zetern begann
      „Ich will einen Anwalt! Sofort!“
      „So, Ruhe jetzt. Das Ergebnis ist ja wohl klar, oder? Und der Anwalt kommt zur Wache.“ Ben nickte Semir zu.
      „Vorher darfst du aber noch hier ins Becherchen pinkeln,“ forderte Ben den jungen Mann auf und reichte ihm ein Becherchen mit Deckel.
      „Das könnte dir so passen. Du bist doch bloß scharf drauf, mein Teil zu sehen, weil es dich geil macht...“ vermutete André. Aber Ben ignorierte die anzügliche Bemerkung.
      „Ach weißt du: Wir können warten. Wir haben ja auch Jacken an,“ stellte Semir fest. Unschlüssig betrachtete André das Becherchen, stellte sich dann aber doch an das Auto und füllte es.
      „Na, dann auf zur Wache,“ befand Ben und nahm etwas angewidert das warme Becherchen mit Deckel entgegen.
      Dann stieg er zu Semir ins Auto, der nur murrte: "So,so: Konkludente Handlung?! Man, Ben, was sollte das denn?"
    • Sie waren gut bis kurz vor Köln durchgekommen. Es war halb elf, als sie an der PASt ankamen. Während Alex mit Anja so schnell wie möglich zu Marie in die PASt eilten, humpelte Semir etwas verschlafen in die KTU. Dort hatte er sich mit Hartmut verabredet.
      Der Rotschopf lugte hinter einem Bildschirm hervor, als der kleine Kommissar eintrat.
      "Semir, schön dich zu sehen! Na, so ganz fit siehst du aber nicht aus..."
      "Du auch nicht, " konterte der, führte aber gleich weiter aus: "Hör mal Einstein, ich habe hier was." Er reichte dem KTU-Leiter die Beweismitteltüte."Bitte schau mal, ob du herausfindest, wer die geraucht hat. Also, ob wir den oder die schon kennen."
      "Alles klar, Semir, ich mach' mich da mal dran.
      Kim Krüger war nochmals aus dem Feierabend zurückgekehrt. Sie wollte sich persönlich davon überzeugen, dass es dem Kind auch wirklich gut ging und es wieder in die Obhut seiner Familie kam. Sie begrüßte ihre Beamten, die sie überraschten :
      " Frau Krüger, wir melden uns wieder einsatzbereit," sagte Alex. Die Chefin sah Alex und Semir gleichermaßen irritiert und belustigt an.
      "Ich verstehe ja, dass sie der Fall besonders mitnimmt - schließlich waren Sie direkte Zeugen. Aber genau deshalb darf ich Sie da nicht einfach ermitteln lassen. Von Ihrer körperlichen Verfassung mal ganz abgesehen. Herr Brandt - wenn Sie morgen früh eine Schießprüfung erfolgreich absolviert haben, könnte ich Ihre Meldung auch wieder annehmen. Aber, Gerkan, ehrlich so wie Sie daher kommen..."
      Semir widersprach:
      "Chefin, ich bin zwar noch nicht wieder so flott - ich habe aber auch nicht gesagt, dass ich gleich wieder hinters Steuer will oder auf die Autobahn. Es gibt doch bestimmt ausreichend Berichte zu schreiben..." Er sah sie mit einem Hundeblick an. Sie hätte gute Lust gehabt, ihm die Hand auf die Stirn zu legen - vielleicht hätte er ja Fieber oder es war bei der Kopfverletzung doch etwas durcheinander geraten. Sie hielt sich jedoch zurück und meinte nur:
      " Gerkan, alleine, dass Sie mir anbieten, Berichte zu schreiben, lässt mich daran zweifeln, dass Sie gesund sein könnten...."
      "Aber ich will wieder in den Dienst - ich kann hier bestimmt helfen..."
      Kim Krüger verdrehte die Augen und seufzte. Natürlich fehlten ihr die beiden Kommissare an allen Ecken und Enden. Und sie wusste auch, dass Semir nicht locker lassen würde. Aber sie hatte auch eine Fürsorgepflicht zu erfüllen! Und Semir schien ihr wirklich alles andere als fit zu sein. Selbst wenn sie die Bedingungen der Uhrzeit berücksichtigte.
      "Ein Vorschlag, Gerkhan: Sie lassen sich jetzt erstmal nach Hause bringen. Schlafen Sie sich aus. Dann kümmere ich mich morgen um einen Termin bei der Amtsärztin. Wenn Sie wollen, wird sie einschätzen, ob jetzt schon eine stundenweise Wiedereingliederung für Sie in Frage kommt. Einverstanden? "
      Semir nickte etwas enttäuscht. Aber was blieb ihm anderes übrig, als mit diesem Vorschlag einverstanden zu sein.

      Es war nach Mitternacht, als Ben aus seinem Erschöpfungsschlaf erwachte. Er hatte das Gefühl, dass es ihm schon viel besser ging - bis auf den riesigen Durst und den Hunger, den er jetzt wieder spürte. Als er die Maske von seinem Gesicht entfernt hatte, setzte er sich auf. Rasch spürte er jedoch, dass sein Kreislauf den Weg zur Toilette noch nicht begleiten wollte. Er klingelte nach dem Pfleger, der ihm half, kurz auf die Toilette zu gehen. Er gab Ben auch etwas zu trinken. Ben hätte gern auch etwas zu essen bekommen, doch der Pfleger lehnte freundlich ab:
      "Herr Jäger, das mit dem Essen lassen wir heute noch. In sechs Stunden kann ich Ihnen Frühstück bringen, wenn es bis dahin weiterhin bergauf geht, in Ordnung?
      "Bis dahin bin ich längst verhungert," protestierte Ben. Der Pfleger sah ihn etwas skeptisch an (könnte er es wirklich wagen?) und meinte dann nachgiebig:
      "Einen kleinen Natur-Joghurt hätte ich noch im Kühlschrank, ich weiß nicht, ob Sie den wollen..."
      "Ja, aber wenn das gut geht, brauche ich trotzdem das doppelte Frühstück," verhandelte Ben. Woraufhin der Pfleger lächelnd den Raum verließ - das sah doch schon ganz gut aus, selbst wenn man bei Rauchvergiftungen wirklich vorsichtig sein musste.
      Kurz darauf löffelte Ben den Joghurt und es kam ihm vor, als wäre dies der beste Joghurt der Welt. Erleichtert lehnte er sich wieder zurück. Nachdem sich jetzt sein Magen beruhigt hatte, überkam ihn ein nicht zu unterdrückender Hustenreiz. Jetzt spürte er, dass ihm das Atmen nicht so leicht fiel, wie sonst. Vielmehr war es wie bei einer heftigen Bronchitis. Wie gut, dass jetzt der Pfleger mit einer frisch befüllten Verneblermaske kam und den leeren Joghurtbecher mitnahm. Es dauerte nicht lange, bis Ben unter dem kontinuierlichen Rauschen eingeschlafen war. Dabei überkam ihn ein seltsamer Traum:
    • Im März 2008 hatten er und Semir in einer winterlichen Nachtschicht den jungen Unfallverursacher André Wieler auf die Wache gebracht.
      Dessen Drogentest auf Amphetamine und THC war deutlich positiv ausgefallen, die Fahne war deutlich wahrnehmbar, so dass auch der hinzugerufene Pflichtverteidiger und auch die plötzliche Verschwiegenheit des Unfallverursachers keine Rolle spielten – ein vom Richter angeordneter Bluttest wurde vorgenommen. Endlich – es war schon halb vier - fuhren Semir und Ben den müden André Wieler zu der angegebenen Adresse. Es war ein etwas heruntergekommenes Mehrfamilien-Haus in Ehrenfeld, auf dessen Briefkästen Semir rasch neben dem Namen „Wieler“ auch „Kern“ las. Sie klingelten zwei Mal. André, der bereits vor Müdigkeit und Kälte zitterte, motzte sie an:
      „Hey, was soll der Scheiß? Ihr habt gesagt, ihr bringt mich nur nach Hause?! Ihr braucht nicht klingeln – ich hab nen Schlüssel.“
      Semir drehte sich lächelnd um, während Ben eine junge Frau die Tür öffnete. Irgendwie kam sie ihm bekannt vor. Zu seiner Überraschung war sie bereits komplett angezogen und geschminkt.
      „Ja bitte?“
      „Guten Morgen,“ lächelte Ben sie an und zückte seinen Dienstausweis:
      „Mein Name ist Jäger, das ist mein Kollege Gerkan, Kripo Autobahn. Frau ...“
      „Kern... äh, Wieler.“
      „Frau Wieler, wir bringen ihren Mann nach Hause – er hat auf der Autobahn einen Unfall verursacht – allem Anschein nach unter dem Einfluss von Alkohol und Drogen.“
      „Ey, was quatscht ihr da meine Frau voll, das interessiert die doch gar nicht,“ meinte André und drückte sich an den Polizisten vorbei in die Wohnung.
      „Naja – das Auto steht jetzt bei der KTU und muss am Dienstag abgeholt werden...“ Der jungen Frau stand vor Überraschung der Mund offen.
      „Scheiße…Entschuldigung….. und wie komme ich die nächsten Tage zur Arbeit? Um die Zeit fährt noch kein Bus und ich muss um 4 Uhr in der Bäckerei sein.“
      „Das sollten Sie mit Ihrem Mann klären...“ fand Semir und klopfte Ben, der noch immer die junge Frau ansah, auf die Schulter.
      „Äh, ja. Schönen Tag, trotz allem,“ wünschte Ben darauf hin.
      „Danke, dann brauch ich wohl ein Taxi. Mann hoffentlich schaff ich das noch...“ sagte Laura Wieler während sie die Tür schloss.
      Ben folgte Semir…
      „Wir hätten sie doch mitnehmen können… bei dem Schnee … und sie sieht auch nicht gerade so aus, als wäre das Taxi wirklich drin...“
      „Dafür hat sie so ausgesehen, dass sie dir gefallen hat, hm?“
      „Ach, Quatsch. Mir tut sie nur leid! Verheiratet mit so einem…“
      „Weißt du, ob sie nicht auch was nimmt?“
      „Ich glaube nicht...und außerdem, selbst wenn...“ Sie standen noch am Wagen vor dem Haus, wollten gerade einsteigen, als das Streitgespräch so laut wurde, dass die Stimmen aus der Wohnung zu ihnen auf die ruhige, verschneite Straße getragen wurden.
      „Na, das Mädel scheint ja Temperament zu haben,“ vermutete Semir. Plötzlich klirrte etwas, sie hörten den undefinierten Schrei einer weiblichen Stimme. Semir rannte zurück und klingelte Sturm. Ben zog die Waffe und rief:
      „Frau Wieler? Alles in Ordnung?“ Es vergingen drei Sekunden – Ben breitete sich schon darauf vor, die Glaselemente der Haustür einzuwerfen - bis sie die Wohnungstür hörten. Laura rief:
      „Ja. Ich bin okay!“ Ein paar Schritte später stand sie – ihre Wimperntusche war inzwischen verlaufen – im dicken Mantel vor ihnen.
      „Ich muss wohl zu Fuß laufen. Das Rad hat einen Platten. Die Haushaltskasse ist leer, Ende des Monats, Sie verstehen...“
      „Heute ist der 25.ste,“ bemerkte Semir.
      „Wo ist denn Ihre Bäckerei,“ fragte Ben mitleidig – die Sneaker der jungen Frau wären schon nach kurzem Weg durchnässt.
      „In Junkersdorf“
      „Ach, da müssen wir auf dem Weg zur Wache eh dran vorbei… dürfen wir sie mitnehmen?“ Laura sah ihn mit großen Augen an :
      “Echt? Das würden Sie tun?“ Semir lächelte kurz:
      „Klar. Ausnahmsweise. Die nächsten Tage werden dann sicher schwieriger...steigen Sie ein.“
      Auch Ben lächelte der jungen Frau, die erleichtert einstieg, zu.
      „Sie haben es nicht leicht mit ihrem Mann...“ begann er das Gespräch auf der kurzen Fahrt.
      „ Also so etwas hat er bisher noch nicht gebracht… Er kann ganz anders sein – lieb, freundlich…“ sie schluchzte. „Ich hab nicht gewusst, dass er… vielleicht mal Bier, oder nen Schnaps. Aber er ist sonst nie damit gefahren…..scheiße….. ich hab nicht gewusst, dass er was nimmt. Ich hab mich nur gewundert….“
      „Ja?“
      „dass er so anders ist...aber ...Sie hatten schon recht: Ich muss das mit ihm selbst klären. Heute Abend...“ Sie sah so traurig aus, dass Ben sie gerne getröstet hätte, aber bevor er mehr sagen konnte, rief sie:
      “ Da vorne links ab. Dann sind wir schon da!“
      Semir fuhr in die Straße ein, in der die Bäckerei gut sichtbar war.
      „Ab wann haben Sie denn geöffnet,“ fragte Ben, dessen Magen bereits seit einer Stunde knurrte.
      „Eigentlich erst in eineinhalb Stunden. Aber die ersten Sachen sind bestimmt schon fertig, wenn Sie kurz warten wollen?“
      „Oh...Sie sind ein Engel,“ entwich es Ben und er sah die junge Frau mit seinen großen braunen Augen an. Die aber murmelte nur traurig etwas, das sich anhörte wie: „Hoffentlich macht mich André nicht bald zu einem...“ während sie das Auto verließ und durch den Hintereingang in die Bäckerei ging.
      „Sag mal, WAS hat sie da eben gefragt,“ wollte Ben entsetzt von Semir wissen. Der schaute ihn kritisch an: „Ich hab's ehrlich auch nicht ganz verstanden...
      Gerade da kam sie wieder mit einer großen Tüte Gebäck, die sie Ben ins Auto reichte.
      „Danke,“ strahlte Ben sie an und Semir nickte freundlich.
      „Ich danke. Wirklich. Schönen Tag noch...“
      Schon war sie wieder in der Bäckerei verschwunden.
    • Jetzt

      Es war lange her gewesen, dass Timur Köse mit einem anderen Menschen so viel Körperkontakt gehabt hatte. Seit seiner eigenen Zeit als Kleinkind hatte er nie wieder gespürt, dass er für jemand anderen der wichtigste Mensch überhaupt in diesem Moment war. Die Begegnung mit und das Schicksal der kleinen Marie hatten ihn tief berührt. Es war etwas völlig anderes, als mit seinen Jungs abzuhängen oder die rauhe Tätigkeit auf dem Bau. Auch als er Marie an ihre Tante Anja abgegeben hatte, meinte er, ihre weichen Haare weiter an seinem Hals zu spüren. Allein, dass sie zu ihrer Tante ebenfalls Vertrauen zu haben schien, konnte ihn dazu bringen, sie überhaupt in deren Arme abzugeben. Innerhalb kürzester Zeit hatte er die Bereitschaft entwickelt, für dieses Kind uneingeschränkt alles zu tun und alles Böse von ihm abzuwenden. Dass er soetwas überhaupt empfinden könnte, noch dazu für ein Kind, das definitiv nicht seines war, überraschte ihn selbst.
      Als er zu seinem Freund Cengiz kam, der das Motorrad abgeholt hatte, scherzte der erst: "Wo ist deine Freundin?" merkte aber sofort, dass etwas nicht stimmte und fragte: "Ne oldu sana? Was ist los mit dir? " Und obwohl es schon ein Uhr in der Nacht war, erzählte Timur seinem älteren Freund von seinen Erlebnissen. Der hörte nur ruhig zu - große Worte waren nicht sein Ding. Aber an der Frequenz, mit der Cengiz seinen Hand- und Unterarmtrainer betätigte, konnte Timur ahnen, dass es ihm nicht gleichgültig war. Schließlich bot Cengiz ihm an, auf der Couch zu übernachten, was Timur gerne annahm. Er legte seine Hand auf das Handy in dem er Anjas Nummer gespeichert hatte. Eigentlich hatte sie ihm die gegeben, damit er ihr die Reinigungkosten für die Lederjacke schicken könnte. Aber er nahm sich vor, bald eine Nachricht zu schreiben und fragen wie es Marie ging. "Wer auch immer ihr das angetan hat - es wäre besser für ihn, mir nie zu begegnen," entschied er, bevor er einschlief. Er wusste, dass sein Freund und Gastgeber das auch so sah - und mit dem war nicht zu spaßen.
      Es war eine Frage weniger Minuten gewesen, bis alle Motorradclubmitglieder von dem Vorfall in Oberschwaben und dem Fund der kleinen Marie Kenntnis gehabt hatten. Bis zum nächsten Morgen kannte nahezu die ganze rheinländische Türsteherszene das Bild des kleinen blondgelockten Mädchen, wie es auf der tätowierten Brust von Timur Köse erschöpft eingeschlafen war.
    • 2008

      Ich komme nach Hause. Er ist schon da - hatte sich heute bei der Arbeit krank gemeldet. Ausgeschlafen ist er und ich müde! Vor allem aber stinksauer. Als Erstes nehme ich beide Autoschlüssel vom Haken an mich. Ich sage nichts. Koche mir nur einen Tee. Da kommt er. Legt mir die Hand auf die Schulter, versucht, mich am Hals zu küssen. Ich weiche aus.
      Er hält mich fest, fragt scheinheilig: "Schatz, was ist denn los?"
      Ich reiße meinen Arm aus seiner Umklammerung und drehe mich zu ihm um.
      "Du nimmst Drogen?! Wie oft hab' ich dich gefragt, ob du was nimmst - aber nein! Du hast mich angelogen!"
      "Scheiße, verdammt! Kann ich doch nichts dafür, dass die Bullen uns erwischen! Was machst du für ein Theater? In ein paar Tagen hab ich den Führerschein wieder! Die können mir nichts nachweisen!"
      "Du nimmst Drogen! Und fährst dann auch noch Auto? Ist dir eigentlich klar, dass du da das Leben Unschuldiger riskierst?"
      "Laura... Schatz... Ich habe das im Griff...ich höre damit beruhig' dich doch."
      Aber ich will mich gar nicht mehr beruhigen. Zu viel wird mir jetzt klar. Zu viel hat sich angestaubt, zu viel hab ich ertragen...
      "Jetzt ist mir auch klar, wo das Haushaltsgeld von diesem und letzten Monat geblieben ist. Und meine goldene Halskette von Mama und der Ring! Das war der Verlobungsring meiner Großeltern. Ich habe die nicht verlegt! Du hast... oh verdammt!" Ich stütze mich auf dem Tisch auf. Er versucht gar nicht, es zu leugnen. Sagt einfach nur:
      "Laura! Du bekommst es zurück."
    • Alex war morgens um 8 Uhr bereits auf dem Schießstand. Er war nervös. Es war jetzt 3 Monate her, seit er das letzte Mal geschossen hatte. Und seine Erinnerungen an diesen Einsatz waren alles andere als angenehm. Außerdem hatten seine Kopfschmerzen seit gestern Abend eher zugenommen und sein Hals kratzte unangenehm. Er hielt seine Dienstwaffe in der Hand, drehte sie hin und her, griff sie fester, dann lockerer. Es ging wieder. Keine Schmerzen, keine Blockade. Er hatte vom Schießtrainer, der auch Schießleiter war, bereits die Übungsmunition erhalten, als der an ihn herantrat:
      "Brandt, ich weiß, es geht bei Ihnen nur um die Prüfung, ob Sie nach Verletzung wieder an die Waffe dürfen. Ich mache heute aber hier das Quartalstraining und hätte gerne, dass Sie das gleich mitabsolvieren. In Ordnung?"
      Alex lächelte und bestätigte dem Prüfer mit "Ja, klar," dass er einverstanden war. Dabei lag sein letztes Training schon fast ein halbes Jahr zurück und aus eigener Erfahrung wusste er, dass die Trainings meist anstrengender als ein echter Einsatz waren. Wieder und wieder durchlief man das Angriffszenario, das sich der Prüfer für den Tag zurecht gelegt hatte. Mal mit Maschinenpistole, mal mit der Dienstwaffe. Mal im Hellen, mal im Dunkeln mit Taschenlampe.
      Alex trat an den Schießstand. Doch: Die Maschinenpistole schien sich gegen ihn verschworen zu haben - er traf den Gegner aus Pappe zunächst nur mit Streifschüssen. Im zweiten Durchgang erwischte er den Gegner sofort tödlich mit zwei Schüssen in die Stirn, obwohl die Vorgabe gewesen war, ihn nur kampfunfähig zu machen.
      "Hey, Brandt! Ich hoffe, Sie würden im Ernstfall die Sauerei hier wegmachen..." frotzelte der Schießleiter. "Kurze Pause. Danach geht es im Dunkeln weiter."
      Das machte es nicht besser. Alex hatte plötzlich das Gefühl, wieder an jenem Abend im Frühjahr zu sein, an dem Semir vor seinen Augen niedergeschossen worden war. Er erinnerte sich an die Auseinandersetzung mit den Islamisten im Hof der Firma Brightwithe, bei der er verletzt worden war. Und vor lauter Gedanken achtete er nicht ausreichend auf den Untergrund. Mitten in der Suche nach dem Täter - die Taschenlampe in der einen, die Waffe in der anderen Hand - stieß er mit dem Fuß gegen eine Holzkiste, die er zuvor eigentlich schon gesehen und als Hindernis wahrgenommen hatte. Er verlor kurz das Gleichgewicht, die Taschenlampe wackelte und drohte, ihm aus der Hand zu fallen.
      "Was soll das, Brandt? Man könnte glauben, Sie würden das erste Mal hier stehen?" Der Schießtrainer war jetzt richtig sauer. Außerdem war er froh, nicht nur die bloße Prüfung mit der Dienstwaffe am Schießstand abgenommen zu haben. Das hier ließ ja nichts Gutes erwarten.
      Alex war frustriert. Was war nur los? Steckten ihm die letzten 24 Stunden so in den Knochen? Kam das von den Kopfschmerzen? Oder ging es ihm psychisch ebenso schlecht, wie Semir? Dass der Probleme hatte, davon hatte er in letzter Zeit mehr als genug mitbekommen - aber, der hatte auch deutlich mehr mitgemacht. Älter war er obendrein. Verdammt... In der kurzen Pause bis zu seinem nächsten Einsatz, hörte er das Gespräch zweier Kollegen :
      "Hast du von dem Mädchen gehört, dass ein Biker an der Autobahn gefunden hat?"
      "Klar! Ist heute auf der Titelseite vom Express..."
      "Nach dem Baby-Bruder wird noch gesucht... Ich mache mir ja wenig Hoffnung, dass der noch lebt..."
      "Hm... Angeblich sind die Kinder ja direkt vor den Augen von zwei Polizisten da im Schwäbischen entführt worden..."
      "Ha, das wäre uns nicht passiert, " meinte einer der beiden Polizisten und trat an den Schießstand. Er gab seine Schüsse mit der Dienstwaffe ab - er traf den Gegner, allerdings waren die Treffer recht gestreut.
      " Eingebildeter Vollpfosten, " dachte sich Alex. Vor seinem innerem Auge lief die Szene von gestern ab. Er hatte nicht anders handeln können, das war ihm klar. Aber solch hochnäsiges Geschwätz konnte noch nie leiden. Und jetzt schon gleich zweimal nicht!
      Er trat vor, nun war er an der Reihe
      " Erster Durchgang mit Dienstwaffe, Brandt. Gegner sollen kampfunfähig, aber nicht tot sein. Verstanden," wies ihn der Schießtrainer nochmals ein. Alex nickte, setzte den Gehörschutz auf, zog seine Waffe, entsicherte sie.
      Er atmete ein - was, wenn das hier der Angreifer von gestern wäre? In rascher Folge kamen die Figuren in unterschiedlichen Posen. Alex schoss - und traf! Bei allen Figuren hatte er das Ziel erreicht - wobei zwei davon sicher mehr als kampfunfähig gewesen wären, aber vermutlich auch nicht sofort tot. Der Schießleiter nickte Alex anerkennend zu. Beim nächsten Durchgang mit der Dienstwaffe im Dunkeln mit Taschenlampe war die Ansage "Notwehrsituation - schützen Sie sich und die Umstehenden vor dem Angreifer, der zu allem bereit ist".
      Wieder setzte Alex seine Ohrschützer auf. Er stellt seine Taschenlampe vor sich auf den Tisch. Er zog seine Waffe, entsicherte sie. Die rechte Hand legte er auf dem linken Arm auf. Mit der linken Hand griff er die Lampe mit dem Leuchtmittel nach unten, drehte sie aus dem Handgelenk in Richtung der Attrappen.
      Jetzt ging das Licht aus. Kurz darauf erschien der erste Angreifer. Alex zielte nur kurz, dann schoss er. Wie oft hatte er schon solche Einsätze erlebt, bei welchen alles von seinem Schuss abhängig gewesen war! Was wäre, wenn er tatsächlich Semir schützen müsste? Oder Anja? Die weiteren Schüsse folgten. Als das Licht wieder an ging, hörte Alex ein Raunen, das durch die Reihen der Anwesenden ging.
      "Nach der Vorstellung vorhin, hätte ich dir das gar nicht zugetraut," meinte einer der Umstehenden zu Alex. Der blickte fast schon verwundert auf seine tadellosen Treffer.
      "Brandt, Ihr Partner kann sich glücklich schätzen. Mit einem wie Ihnen an der Seite kann ihm nichts passieren. Jedenfalls, wenn Sie Ihre Waffe haben," lobte nun auch der Schießtrainer.
      Alex nickte nur dankend. Es war wie eine Art Freispruch - die letzte Absolution, die er nach dem Vorfall mit Semir im Frühjahr noch gebraucht hatte, um ohne Zweifel den Dienst wieder antreten zu können. Auch was die Handhabung seiner Waffe anging, war er sich jetzt wieder sicherer. Selbst wenn es gerade im Handgelenk ordentlich zog - Anja hatte da wirklich gute Arbeit geleistet!
    • 2008

      Von dem Bitten und Betteln gestern ist nichts mehr übrig. Heute ist er arrogant und meint er käme "schon davon". Keine Rede mehr davon, dass er einen Entzug macht, um unsere Ehe zu retten. Oder auch nur mal zu einer Beratung geht. Er wäre ja nicht süchtig, er hätte nur beim "Genuss" ein bisschen viel erwischt...Ich soll ihm den Autoschlüssel geben. Damit er morgen das Auto abholen kann. Er will wieder fahren. Ich hatte mir so etwas schon gedacht und den Autoschlüssel versteckt, ihm nicht gesagt, wohin. Er hat mich gepackt, mich geschüttelt. Den Schlüssel hat er nicht bekommen. Meine Arme sind zwar voller roter und blauer Flecken. Mein Genick tut weh. Aber: Ich habe mich gewehrt.
    • Semir hatte in seiner Erschöpfung gut geschlafen. Gefühlt das erste Mal seit Monaten. Es war schon nach 10 Uhr, als ihn das Klingeln seines Handys weckte. Es war Hartmut.
      "Guten Morgen Einstein! Hast du die Nacht durchgemacht?"

      "Nein, nicht nötig. Ich habe nur hier geschlafen. Und die Geräte haben so lange gearbeitet. Erfolgreich. Übrigens, wusstest du..."

      "Einstein, du hast mich gerade geweckt.

      "Entschuldigung. Also:Ich habe die DNA von der Zigarette extrahiert. Aber die Kollegen in Ulm waren schneller - ich denke es geht dir ja darum, herauszufinden, wer die Frau überfallen hat oder ? Und du weißt ja dass ich erst die DNA extrahieren muss und dann eine Prüfung durchführen kann. "

      Semir stöhnte: "Genau, Hartmut."

      "Also die Kollegen der KTU in Oberschwaben haben an dem Seil den Teil eines Fingernagels gefunden. Ist dem Täter wohl abgebrochen. Saubere Arbeit, muss ich sagen. Haben sie gut gemacht. "

      " Hartmut...komm zur Sache," forderte Semir ihn auf.

      " Ähm. Ja, also gut, das ist ein alter Bekannter. Bisher vorrangig Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz. Ein bisschen Körperverletzung. Ein eingestelltes Verfahren wegen sexueller Nötigung. Naja, so wie es aussieht, hat der auch die Zigarette geraucht. Aber wie gesagt, ich bin noch nicht ganz fertig.. Du müsstest ihn auch kennen..."

      Semir verlor langsam die Geduld: "Jetzt sag schon!"

      "Sagt dir André Wieler was?"

      Wie elektrisiert saß Semir auf seinem Bett. "Klar! Den habe ich doch mal mit Drogen am Steuer erwischt!"

      "Donnerwetter! Dass du das noch weißt! Ist doch zehn Jahre her," wunderte sich Hartmut am anderen Ende der Leitung.

      "Tja, da siehst du mal," sagte Semir stolz. Dass es ihm selbst etwas unheimlich war, dass er von genau diesem Vorfall geträumt hatte, musste er ihm ja nicht sagen!
      Nach dem er sich bei Hartmut bedankt hatte, rief Semir Susanne an:

      "Guten Morgen, Susanne sag mal, kannst du bitte nachsehen, wie die Verbindung zwischen Laura Bährle und André Wieler ist? Und vor allem bräuchte ich die aktuelle Meldeadresse von diesem André Wieler. "

      "Semir, soweit ich weiß, bist du noch gar nicht wieder im Dienst. Die Amtsärztin hätte übrigens nächsten Montag um 11 einen Termin für dich..."

      "Was? Am Montag erst?" Semir war enttäuscht, fuhr dann aber fort: "Kannst du mir jetzt bitte sagen, wie der Zusammenhang zwischen Laura Kern bzw. Bährle und André Wieler ist?"

      "Du weißt, dass ich dir darüber eigentlich nichts sagen darf. Du bist noch im Krankenstand und es ist nicht dein Fall..."

      Semir schluckte kurz und verlegte sich dann aufs Betteln: " Susanne, bitte! Du weißt, dass ich nichts Falsches damit anstellen werde! "

      " Also gut, weil du es bist: Laura Bährle bzw. Kern war einmal verheiratet - wenn auch nur kurz - mit diesem André Wieler. Die Ehe wurde nach nicht ganz eineinhalb Jahren wieder geschieden."

      " Danke Susanne! So etwas habe ich mir schon fast gedacht! Ähm.. und die Adresse von diesem André Wieler? "

      " Semir, das kannst du dir echt sparen, da aufzutauchen. Das haben die Kollegen aus Ehrenfeld heute morgen schon gemacht - nachdem klar war, dass er in den Fall involviert ist. Unter der Meldeadresse ist er nicht mehr anzutreffen."
      Semir seufzte. Wäre ja auch zu schön gewesen! Dann sagte er:

      "Gut, dann dürfte es ja kein Problem sein, wenn du mir die Adresse gibst."

      Susanne lachte am Telefon. "Nein, Semir, es ist kein Problem, falls du zufällig an dieser Adresse in Ehrenfeld auftaucht. Aber mach keinen Stress bitte ja ?"