Time of Revenge

    • in Erarbeitung

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    Liebe Besucherinnen und Besucher,
    im Rahmen der neuen EU-Datenschutz-Grundverordnung sind wir dazu verpflichtet unsere bestehenden Datenschutzbestimmungen entsprechend der neuen Regularien anzupassen. Da uns der Schutz Ihrer Daten, Ihre Privatsphäre und ein transparentes Auftreten wichtig ist, zeigen wir Ihnen in unserer neuen Datenschutzerklärung ganz detailliert und verständlich auf, welche Daten wir zu welchem Zweck erfassen, wie wir die Daten nutzen und wie Sie die Nutzung dieser Daten kontrollieren können. Ihre Daten sind bei uns sicher und werden von uns nicht an Dritte verkauft.

    Mit dieser Aktualisierung folgen wir den strengen Datenschutzbestimmungen, die in der EU-Datenschutz-Grundverordnung (EU-DSGVO) festgelegt sind. Die vollständige Datenschutzerklärung finden Sie hier und gilt ab dem 25. Mai 2018. Sollten Sie Fragen dazu haben, melden Sie sich gerne bei uns: datenschutz@cobra11-fanclub.de

    • Time of Revenge

      Die Ereignisse des ersten Teils – Nightmare – liegen ungefähr ein Jahr zurück. Ben hat in Anna tatsächlich seine Traumfrau fürs Leben gefunden. Der Alltag mit seinen kleinen und großen Freuden und Problemen hat wieder auf der Dienststelle und im Privatleben unserer Helden Einzug gehalten.

      *****

      Seit Wochen machte eine organisierte Bande die Autobahnrastplätze unsicher. Zielsicher raubten sie Lastwagen mit besonders wertvoller Fracht aus. Hinter den Überfällen lag definitiv ein System. Die Fahrer wurden während ihrer vorgeschriebenen Pausenzeiten entweder mit Chloroform betäubt, wenn sie in ihren Fahrerkabinen schliefen. Oder ihre Fahrzeuge wurden einfach vom Rastplatz gestohlen, während sich die Fahrer in einem Rasthof aufhielten, um zur Toilette zu gehen oder während der Pause zu duschen. Der Schaden, der den Spediteuren und deren Auftraggeber bisher entstanden war, hatte längst die Millionengrenze überschritten. Die ersten Versicherungen weigerten sich, besonders wertvolle Ladungen auf bestimmten Routen zu versichern. Unter anderem gehörte dazu die A3 auf ihrer gesamten Länge von Passau bis zur holländischen Grenze. Entsprechend groß war der Druck von oben aus dem Wirtschaftsministerium und dem Justizministerium, der auf die ermittelnden Polizeibehörden ausgeübt wurde.

      Kurz vor Dienstschluss hatte Semir eine heftige Auseinandersetzung mit Frau Krüger gehabt, bei der Frau Schrankmann ebenfalls im Büro der Chefin anwesend war. Der Türke und die beiden Frauen hatten völlig unterschiedliche Auffassungen darüber, wie man die organisierte Räuberbande überführen könnte. Entsprechend lautstark waren die Diskussionen gewesen, denn der Kommissar war die letzten beiden Wochen, in denen sich sein Freund und Partner, Ben Jäger, im Urlaub befunden hatte, bei seinen Ermittlungen keinen Schritt weitergekommen. Seine Laune nach Feierabend war entsprechend mies, obwohl das erste dienstfreie Wochenende seit langem stand vor der Tür stand.

      Der Türke parkte seinen BMW im Carport und verweilte noch für einige Minuten im Fahrzeug. Er presste seinen Hinterkopf gegen die Nackenstütze und schloss seine Augen. Krampfhaft versuchte er seine Gedankengänge, die sich um die laufenden Ermittlungen drehten, aus seinem Kopf zu verbannen. Dieses Wochenende sollte seiner Familie gehören. Ein Ruck ging durch seinen Körper, mit einer müden Bewegung streifte er sich über das Gesicht und stieg aus.
      Als Semir sich seinem Wohnhaus näherte, stellte er verwundert fest, dass nur aus dem Wohnzimmerfenster ein Lichtschein fiel. Er schloss die Haustür auf und erwartete, dass ihn seine Kinder stürmisch begrüßen würden. Doch nichts dergleichen passierte. Es herrschte eine merkwürdige Stille im Haus. Seine Frau saß alleine auf dem Sofa und erwartete ihn. Er warf seinen Schlüssel auf die Kommode, hängte seine Jacke an die Garderobe und ging zu Andrea ins Wohnzimmer.

      „Guten Abend Schatz! Wo sind denn die Kinder?“ fragte er seine Frau und hauchte ihr im Vorbeigehen einen Kuss zur Begrüßung auf die Wange.
      „Guten Abend Semir! Meine Eltern haben sie heute Nachmittag abgeholt. Sie werden eine Nacht dort schlafen“, erklärte sie ihrem Mann das Fehlen seiner Töchter. Fragend blickte dieser seine Frau über die Schulter an, während er weiter zum Kühlschrank ging und sich eine Flasche Bier herausnahm. Nach dem Öffnen trank er einen kräftigen Schluck daraus und steuerte das Sofa an.
      „Ich habe mein freies Wochenende. Wir wollten doch morgen einen Ausflug machen. Wie soll das denn jetzt gehen?“, meinte er mit einem grimmigen Unterton.
      „Du wolltest einen Ausflug machen Semir!“ stellte Andrea fest. Sie hatte ihre Hände vor sich auf dem Schoß gefaltet. Ihre Anspannung stand ihr ins Gesicht geschrieben.
      „Nur Ich?“, fragte er verwundert über die Reaktion seiner Frau und nahm erneut einen kräftigen Schluck aus der Bierflasche.
      „Ja du Semir! Oder hast du mich einmal gefragt, was ich denn gerne an deinem freien Wochenende mit dir unternehmen würde?“, legte sie gleich noch mal nach.
      „Ich dachte, du bist damit einverstanden. Die Kinder waren begeistert von meinem Vorschlag ein Picknick am See zu machen.“ Er hatte gegenüber seiner Frau auf dem Sessel Platz genommen. „Das Wasser des Sees lädt bei den sommerlichen Temperaturen zum Baden ein!“, versuchte er ihr seinen Vorschlag schmackhaft zu machen. Die Bierflasche hielt er zwischen seinen Händen und nippte hin und wieder daran. Er konnte förmlich spüren, wie die Luft zwischen ihnen beiden vor Spannung knisterte. Ihre Mimik ließ keinen Zweifel offen, wie innerlich aufgewühlt Andrea war.
      „Wir müssen miteinander reden Semir und ich möchte nicht mehr, dass die Kinder mitbekommen, wenn wir uns streiten und wie wir uns anschreien.“ Sie bemerkte, wie sich unaufhörlich ein Kloß in ihrer Kehle ausbreitete und ihre Stimme heißer klingen ließ. „Es geht so einfach nicht mehr weiter mit uns. ….. Ich habe mit meinen Eltern gesprochen. Ich werde ab Montag, wenn die die Sommerferien beginnen und Aida keine Schule mehr hat, zwei Wochen zu ihnen ziehen. … Ich kann nicht mehr Semir. … Ich brauche eine Auszeit, Zeit zum Nachdenken … über uns … unsere Ehe … und …“ Sie kniff die Lippen zusammen. „Vielleicht solltest auch du mal über unsere Beziehung nachdenken.“

      In den letzten Monaten hatten Andrea und Semir einige Streitgespräche dieser Art geführt. Die Abstände dazwischen waren immer kürzer geworden und deren Intensität immer heftiger. Das letzte Gespräch lag gerade mal zwei Tage zurück und war völlig eskaliert. Semir hatte seine Frau außer sich vor Wut angebrüllt, so dass die Kinder erschrocken aufgewacht waren und Lilly weinend und völlig verängstigt nach ihrer Mutter gerufen hatte.
      Innerhalb von einer Minute war seine Temperamentskurve von null auf hundert angestiegen. Gereizt sprang er vom Sofa auf und knallte die Bierflasche ungestüm auf den Glastisch. Der Knall hallte im Raum nach. Als er seiner Frau antwortete, hatte seine Stimme schon deutlich an Lautstärke zugenommen.
      „Reden … wir reden doch miteinander Andrea! … Was ist los mit dir in der letzten Zeit? …Was willst du? …. Oder hast du gar einen anderen?“ zischte er sie aufgebracht und mit einer Spur von Misstrauen an.
    • „Genau das ist es, was ich meine! … Reden? … Nennst du das, was du gerade machst, … reden?“ wisperte sie entsetzt und versuchte die Tränen in ihren Augen wegzublinzeln. „Was denkst du darüber, wie reden miteinander funktioniert? … Das du sprichst und ich höre dir zu? …. Du brüllst mich an, so wie gerade eben und ich schweige!“ Andrea blickte zu Boden und anschließend ihrem Mann ins Gesicht „Wann Semir? ... Sag mir, wann hast du mir das letzte Mal richtig zugehört? … Wann? … Wann haben dich meine Probleme … mit den Kindern, bei meiner ehrenamtlichen Arbeit wirklich interessiert? … Wann hast du mich das letzte Mal gefragt, wie ich mich fühle? … Wie es mir geht? … Sag mir WANN?“
      Ihre Stimme bebte vor Erregung. Sie war zwischenzeitlich auch aufgestanden und stand ihrem Mann gegenüber. Andrea versuchte in seinem Gesicht zu lesen, ob ihre Worte ihn erreicht hatten, ihn in seinem Herzen berührten, ihr Mann sie verstand. Die Enttäuschung in ihr war groß, als sie erkannte, seine Mimik sprach eine andere Sprache. Zornesfalten zeichneten sich auf seiner Stirn ab. Seine Lippen waren zusammengekniffen und glichen einen Strich. Seine Hände hatte er in den Hosentaschen vergraben und dennoch sah sie, wie er sie zu kleinen Fäusten ballte.
      „Wenn wir reden geht es immer nur um dich, deinen Job …und ich … ich bleibe auf der Strecke …“, sie brach ab, schluchzte kurz auf und riss sich zusammen, damit sie nicht endgültig in Tränen ausbrach. „So kann es einfach nicht weitergehen. …. Ich bin am Ende … Und um die Frage zu beantworten und ein für alle Mal aus der Welt zu schaffen: Nein es gibt keinen anderen Mann in meinem Leben. … Den hat es nie gegeben! … Hier geht es nur um uns! Was ist aus unserer Liebe geworden Semir? … Sag mir was?“
      Andrea breitete ihre Hände flehentlich aus … Was hätte sie in diesem Moment dafür gegeben, wenn Semir sie in den Arm genommen hätte, an sich gedrückt hätte und ihr einfach ins Ohr geflüstert hätte, wie sehr er sie liebt. Doch stattdessen verlief der Streit in eine völlig andere Richtung.
      Zu Beginn ihrer Rede lief sein Gesicht vor Zorn rot an. Als Semir jedoch ihr emotionales Gefühlschaos sah, wurde er blass. Sprachlos schaute er seine Frau an und überlegte … fühlte sich hin- und hergerissen. In diesen Sekunden des Schweigens konnte Andrea förmlich sehen, wie es in ihm arbeitete. In ihr keimte schon die Hoffnung, dass er einlenken würde … Verständnis zeigen würde …sich ihre Hoffnung erfüllen würde … Doch dann kam seine Antwort, glich einem Paukenschlag und zerstörte alles.
      Eigensinnig schüttelte Semir seinen Kopf und blaffte seine Frau an: „Und dann?... Was ist nach zwei Wochen? …. Wie stellst du dir das vor Andrea? Ihr kommt zurück … wir fahren anschließend in Urlaub? …. Alles ist wieder Friede, Freude … Eierkuchen?“ Sein hitziges Temperament fing an mit ihm durchzugehen. Der Türke in ihm übernahm sein Denken und Handeln. Er hämmerte mehrfach seine Faust wütend auf die Sofalehne.
      „ Nein! …“, widersprach ihm Andrea heftig und lehnte sich haltsuchend an der Wand zur Terrasse an. Ihre Hände suchten verzweifelt in ihren Hosentaschen nach einem Taschentuch. Ihre Augen rollten flehentlich nach oben. Warum verstand sie ihr Mann nicht? Warum nur? Andrea versuchte ihrer Stimme ein wenig Festigkeit zu verleihen.
      „Ich möchte, dass du dir einmal Gedanken über uns … unsere Beziehung, unsere Ehe … unsere Kinder … unsere Zukunft machst. Ich habe es hingenommen, dass du den Job beim LKA hingeschmissen hast. Gleichzeitig hast du mir auch was versprochen. … Auf der Arbeit kürzer zu treten … weniger Überstunden zu machen … mal abends mit mir auszugehen, ein Candle-Light-Dinner, Tanzen gehen … so wie früher! … Was ist aus deinen Versprechungen geworden? … Nichts! … Alles leere Versprechungen! … Alles ist so geblieben, wie vorher. Denk noch mal nach, unser Termin bei Dr. Eberlein steht immer noch.“ Kam sie auf den entscheidenden Punkt. Andrea hielt krampfhaft das Taschentuch fest und versuchte das Zittern ihrer Hände zu verbergen.
      „Ich brauche keinen Psychoklempner, der mir erzählt, wie ich eine Ehe zu führen habe?“, brauste er auf. „Ich bin dein Mann!“
      Wild gestikulierend lief er im Wohnzimmer auf und ab.
      „Semir bitte, wenn schon nicht für mich, … dann tue es für die Kinder. Ich will unsere Ehe retten, denn ich liebe dich nach all den Jahren immer noch“, flehte sie förmlich ihren Mann an. Doch der ging überhaupt nicht auf ihre Worte ein.
      „Meine Frau soll sich um die Erziehung unserer Kinder kümmern, um unser Hause oder verdiene ich dir nicht genug?“, fauchte er sie an.
      „Darum geht es doch gar nicht. Du hörst mir einfach nicht zu. Aida geht in die Schule, Lilly ab August in den Kinderhort. Ich fühle mich im Leben noch zu etwas anderem berufen, als Heimchen am Herd zu spielen. Als du mich geheiratet hast, wusstest du, dass ich keine Frau bin, deren Lebensinhalt aus Haushalt und Kinder besteht. Meine Sozialprojekte, bei denen ich ehrenamtlich mitgearbeitet habe, stehen mit dem Ende des Monats vor dem finanziellen aus. Da gibt es keine Zukunft mehr. Ich möchte wieder halbtags arbeiten gehen. Außerdem wäre ein Umzug oder der Kauf eines anderen Hauses mit einem zweiten Einkommen kein Problem mehr.“
      Jetzt rastete der Türke endgültig aus. Der Streit eskalierte immer mehr. Ein Wort gab das andere und endete damit, dass Semir seine Frau nur noch anbrüllte und Andrea weinend auf die Terrasse flüchtete und sich dort mit zitternden Fingern eine Zigarette zur Beruhigung anzündete.
      Sie hörte durch die geöffnete Terrassentür, wie sich ihr Mann seinen Schlüssel schnappte und aus dem Haus stürmte. Mit einem dumpfen Schlag fiel die Haustür ins Schloss. Kurz darauf heulte der Motor des BMWs auf und mit durchdrehenden Reifen fuhr er vom Grundstück weg.
      Andrea war sich im Klaren, so konnte es nicht weiter gehen. Ihre Nerven lagen völlig blank. Es musste sich etwas ändern. Deshalb beschloss sie, ihre Koffer zu packen und noch am gleichen Abend vorübergehend zu ihren Eltern zu ziehen.
    • Montagmorgen

      Mit einem Schmunzeln stand Anna in der Tür zu ihrem Schlafzimmer und musterte ihren schlafenden Freund. Ben hatte sich ihr Kopfkissen geschnappt, es an sich herangezogen und umschlang es mit seinen Armen. Auf seinem Gesicht lag so ein sinnliches, verträumtes Lächeln. Er schwelgte in seinen Träumen, befand sich noch in der Toskana, in dem wunderschönen Landhaus mit dem Pool und wurde urplötzlich herausgerissen.
      „Hallo, du Schlafmütze!“, rief Anna mit einem vorwurfsvollen Unterton, „wolltest du nicht längst unter der Dusche stehen?“
      „Oh neee. Lass mich doch einfach pennen!“, grummelte Ben verschlafen zurück, „nur noch fünf Minuten pennen!“ und schien sich noch tiefer in sein Kopfkissen zu vergraben.
      Anna betrachtete den tropfnassen Waschlappen in ihrer Hand und fing an zu kichern, während der Dunkelhaarige weiter vor sich hinmurmelte „…. Ich will nicht aufstehen. Nur noch fünf Minuten!“
      Zielgerichtet flog der nasse Lappen in Richtung Bett und landete in Bens Gesicht. Lauthals lachend, beobachtete Anna, wie er fast senkrecht in die Höhe fuhr und vor sich hin prustete. Mit gespielter Entrüstung in ihre Richtung knurrte Ben: „Boah, das war fies! … Na warte! … Das hast du nicht umsonst gemacht.“ Anna bewegte sich kichernd rückwärts.
      „So billig kommst du mir nicht davon!“ In Sekunden schnelle war Ben aus dem Bett gesprungen und hatte den Arm seiner Freundin ergriffen. Anna quiekte lachend auf, als der Dunkelhaarige sie zurück ins Schlafzimmer zog und auf das Bett drängte. Seine Hände schoben sich unter ihr Shirt, er kitzelte sie, liebkoste sie und sie quietschte vor Vergnügen laut auf. Aus dem wilden Gerangel wurde schnell mehr. Ihre Lippen fanden einander und ihre Zungen führten einen heißen Tanz auf. Das gegenseitige Verlangen übermannte sie und sie liebten sich ziemlich wild.
      Eine halbe Stunde später saß Ben frisch geduscht am Frühstückstisch in Annas kleiner Wohnküche. Zwischen zwei Bissen Toast murmelte er: „Anna, ich hätte da eine Idee. Was hältst du davon, wenn ich die Krüger und deinen Professor anrufe und denen erkläre, sie müssen noch einen Tag länger auf unsere Anwesenheit verzichten.“ Er blickte sie dabei so verliebt an, „Wir gehen zurück ins Bett, machen da weiter, wo wir aufgehört haben und fahren anschließend mit dem Motorrad zu einem Badesee!“
      Sie seufzte auf: „Schrecklich gerne! … Ich fürchte nur, unsere Vorgesetzten werden etwas dagegen haben.“ Anna war aufgestanden und schenkte nochmals Kaffee nach. Ben nutzte die Gelegenheit und zog sie auf seinen Schoß und küsste sie verlangend. „Oh hör auf, bevor ich schwach werde!“ Ihr Blick fiel auf die kleine Küchenuhr und sie löste sich aus seiner Umarmung. „Du musst los, wenn du nicht gleich wieder am ersten Tag zu spät kommen willst!“
      Wenn auch ein bisschen widerwillig, erhob sich der junge Polizist und küsste seine Freundin voller Leidenschaft zum Abschied.

      *****

      Gut gelaunt betrat Ben die PAST. Ein Blick zur Uhr zeigte ihm, er hatte es tatsächlich noch geschafft, pünktlich zu sein. Wie üblich saß Susanne schon am Schreibtisch und empfing ihn mit einem freundlichen Lächeln.

      „Guten Morgen Urlauber! Wie geht’s?“ Sie lachte kurz auf. „Die Frage erübrigt sich. Man braucht ja nur in dein strahlendes Gesicht zu schauen.“
      Er blieb vor ihr stehen und deutete eine leichte Verbeugung an. „Einen wunderschönen guten Morgen Frau König! Hübsch sehen sie heute wieder aus. Diese Bluse steht ihnen wirklich ausgezeichnet!“
      „Oh du Charmeur! Dich sollte man öfters in Urlaub schicken, wenn du anschließend solche Komplimente verteilst.“ Doch dann wurde ihr Gesicht wieder ernst. „Ähm, ich warne dich vor. Da drinnen herrscht dicke Luft.“ Dabei deutete sie mit ihrem Daumen in Richtung von Semir, der bereits am Schreibtisch saß und in einem Aktenordner rumblätterte.

      „Danke, für die Warnung. Werde mal schauen, welche Laus unserem türkischen Hengst über die Leber gelaufen ist!“ Dabei zog er ein paar feixende Grimassen. Noch bevor er die Tür zu gemeinsamen Büro öffnen konnte, erklang aus dem Hintergrund die Stimme von Frau Krüger.
      „Gerkhan … Jäger! Sofort in mein Büro!“

      Wow, dachte sich Ben, früher hat die Zeit noch für ein „guten Morgen“ gelangt. Der Tonfall verhieß nichts Gutes. Also machte er auf dem Absatz kehrt und stapfte ins Büro seiner Chefin. Wie selbstverständlich lümmelte er sich in einem der Besucherstühle vor dem Schreibtisch und schaute Kim erwartungsvoll an.
      „Guten Morgen Ben!“, lautete die knappe Begrüßung durch seinen Partner, der nach ihm das Zimmer der Chefin betrat und ebenfalls Platz nahm. Diese betrachtete die beiden Kommissare vor sich. Ihr Blick fiel auf Ben, der selbstzufrieden vor sich hin grinste.

      „Schön, dass Sie zur Abwechslung mal pünktlich zum Dienst erscheinen Herr Jäger!“, raunzte sie ihn gleich an.
      Ben schluckte, schlechte Laune ist noch ein harmloser Ausdruck für das, was die Krüger gerade versprühte. Auch das Gesicht des Türken sprach Bände, dessen Gemütsverfassung schien nicht viel besser zu sein. Na Klasse, dachte sich Ben, was für ein Empfang.
      „So meine Herren, kommen wir zur Sache! Ich hatte gerade einen Anruf vom Polizeipräsidenten und der hatte einen vom Innenminister.“
      Alles klar dachte sich Ben, daher die schlechte Laune, sprich sie hat einen Einlauf bekommen, der gleich weitergereicht wird. Super Start! Und das gleich am ersten Arbeitstag, herzlich willkommen zurück im Alltag.
      „Jäger!“ schrie da jemand seinen Namen … oh verdammt, er hatte ihr nicht zugehört. „Ihr Urlaub ist vorbei. Vielleicht hören Sie mir mal zu und schwelgen nicht nur in Urlaubserinnerungen!“, pflaumte die Chefin ihn an. Ben riss sich zusammen und bemühte sich, einen aufmerksamen Gesichtsausdruck auszusetzen und den Ausführungen seiner Chefin zu folgen.
      „Also Kurzfassung für sie noch einmal, Susanne hat ihnen die Unterlagen bereits auf den Server bzw. den Schreibtisch gelegt. Sie können dort alle Details nachlesen. Es geht darum, dass in den letzten vier Wochen die Raubüberfälle nachts auf LKWs zunehmen. Auf der Rastanlage Siegburg hat es vergangene Nacht den ersten Toten unter den LKW Fahrern gegeben.“ Sie berichtete über einige weitere Details, die ihr die Kollegen vor Ort übermittelt hatten.

      „Wieso machen die hohen Herren da so viel Stress?“, fragte der dunkelhaarige Kommissar nach. „Wir schlagen uns seit Wochen mit dieser Bande rum …auch bereits vor meinem Urlaub!“
      „Weil ein paar Großspediteure Druck auf den Wirtschaftsminister machen. Die kriegen nämlich für die wertvollen Ladungen keine Versicherungen mehr. Es sieht eindeutig nach organisierter Kriminalität aus.“ Unterbrach sie den jüngeren der beiden Kommissare, lehnte sich in ihren Bürosessel zurück „Bevor sie jetzt den Einwand bringen, dafür ist eine andere Abteilung zuständig, gebe ich ihnen nur bedingt recht. Die Überfälle haben alle auf Autobahnrastplätzen oder auf Autohöfen nahe der Autobahn stattgefunden. Sie werden mit den Kollegen vom LKA und dort mit der Abteilung für organisierte Kriminalität zusammenarbeiten. Ihnen wird die Aufgabe zukommen, relevante Rastplätze der A3 und A4 zu observieren. Ihr Dienstplan wird entsprechend ab morgen auf Nachtschichten geändert! Noch Fragen?“

      Wortlos erhoben sich Ben und Semir aus den Stühlen. Auf dem Weg zum Büro dachte sich der junge Kommissar bei sich, ich kriege gleich das Kotzen, sprich ich sehe meine Freundin höchstens, wenn ich ihr die Türklinke in die Hand drücke, weil ihre Schichtpläne für die kommenden Tage hauptsächlich Tagschicht beinhaltete. Wenn Anna Dienstschluss hatte, musste er weg zum Nachtdienst. Sein Stimmungsbarometer sank deutlich und die gute Urlaubslaune verflog merklich. Als sie in ihrem gemeinsamen Büro angekommen waren, ließen sich die beiden Kommissare hinter ihren Schreibtischen nieder. Semir war immer noch schweigsam und sehr verschlossen. Unter seinen Augen lagen dunkle Ränder. Er schien die letzten Nächte nicht besonders gut geschlafen zu haben.
      „Hallo Partner! Was ist denn los? Du bist so ruhig …. So anders?“ erkundigte sich Ben vorsichtig bei seinem Kollegen.
      Der blickte von seinem Schreibtisch hoch und überlegte kurz. „Andrea und ich haben uns am Wochenende mal wieder gestritten. Dabei sind so richtig die Fetzen geflogen!“ seine Stimme klang belegt. Semir schüttelte so andeutungsweise leicht den Kopf und seufzte auf. „Ich … will jetzt nicht weiter drüber reden Ben!“

      Der junge Polizist fuhr sich nachdenklich mit der Hand über das Gesicht und überlegte.
      „Was hältst du davon, wenn wir erst Mal eine Runde Streife fahren und uns die Tatorte mal anschauen? Vielleicht fällt uns ja was auf! Außerdem bringt dich das auf andere Gedanken“, schlug er seinem älteren Kollegen vor. Dieser nickte zustimmend, schnappte sich seine Lederjacke, die über dem Stuhl hing und den Autoschlüssel, der auf dem Schreibtisch lag.
      „Aber ich fahre Kollege!“ Zusammen verließen sie die PAST.

      Susanne schaute den beiden Kommissaren gedankenverloren hinterher. Andrea, ihre beste Freundin, hatte ihr gestern in einem stundenlangen Telefongespräch ihr Herz ausgeschüttet. Sie hatte noch in jener Nacht ihre Sachen gepackt und war zusammen mit den Kindern vorübergehend zu ihren Eltern gezogen. Susanne hätte den beiden Gerkans so gerne geholfen. Nur wie? Semir blockte sofort ab, wenn man ihn nur auf seine Eheprobleme ansprach. Er hatte ihr recht eindeutig vergangene Woche klar gemacht, dass sie sich raus halten sollte. Wie konnte man nur so stur sein, fragte sich die Sekretärin. Wenn der Türke in ihm sich mal eine Meinung gebildet hatte, war es schwer, ihn von was anderem zu überzeugen. Ob es Ben wohl gelingen würde? Ob der sich überhaupt in die Angelegenheiten von Andrea und Semir einmischte?
    • Auf der Autobahn in Richtung Aachen

      Solange die beiden Kommissare während der Fahrt über die Überfälle und die daraus resultierenden Ermittlungen redeten, war Semir recht gesprächig. Zwischen durch erzählte Ben ein bisschen was über seinen Urlaub und erntete dafür von seinem Partner einen genervten Blick. Also entschied Ben für sich, lieber mal für die nächsten Minuten zu schweigen. Doch seinen Vorsatz hielt er nicht lange durch. Er kannte Semir einfach zu gut. Dieser Satz, „Die Fetzen sind geflogen“ … hallte Bens Kopf nach und hörte sich nach einem mittelprächtigen Orkan an. Also startete er den nächsten Versuch, seinem türkischen Partner etwas über den neuesten Stand seines Familienlebens zu entlocken.

      „Glaubst du Schweigen löst Probleme?“, fragte ihn Ben einfach, lehnte den Kopf gegen die Scheibe der Beifahrertür und beobachtete seinen Partner.

      „Hmmm? Was meinst du?“, gab der als Antwort zurück.

      „Du weißt genau, wovon ich spreche Semir. Als rück mal raus mit der Sprache, was ist am Wochenende zwischen dir und Andrea wirklich passiert!“
      Ben erkannte, wie sein Partner mit sich rang, nach Worten suchte, um dann ziemlich kleinlaut zu sagen: „Andrea ist am Wochenende mit den Kindern zu ihren Eltern gezogen!“
      Mit einem Schlag wurde Ben die Gemütsverfassung seines Partners klar. Seine Familie war ihm heilig. „Einfach so? … Worüber habt ihr denn gestritten?“, bohrte er vorsichtig nach.
      Unwillig schüttelte Semir den Kopf. „Ich kann jetzt nicht darüber reden Ben. …. Außerdem erreichen wir gleich den letzten Tatort für heute.“
      Er setzte den Blinker, wechselte die Fahrspur und steuerte mit dem BMW die Ausfahrt zum Parkplatz an.

      Die beiden Kommissare der Autobahnpolizei hatten sich mittlerweile drei Tatorte der letzten Überfälle angeschaut. Dabei handelte es sich um ältere Rastplätze, die nicht gut ausgeleuchtet waren. Auf dem letzten Rastplatz befand sich ein kleiner Kaffeeshop. Während Semir den Besitzer des kleinen Shops und das Personal hinter der Theke befragte, ob die in jener fraglichen Nacht und die Tage davor etwas Auffälliges bemerkt hatten, begab sich Ben erst einmal zur Toilette.

      Während der junge Kommissar sich die Hände wusch, betrachtete er sein Spiegelbild. Er hatte das Gefühl zwischen zwei Stühlen zu sitzen und rang mit sich, ob er seinen Partner nochmals auf seine Eheprobleme ansprechen sollte. Aber die beiden, Semir und Andrea, waren ihn so ans Herz gewachsen, dass er nicht einfach so mitanschauen konnte, wie sie sich mehr und mehr zerstritten und ihre Ehe den Bach hinunterging. Die Gerkhans waren für ihn wie seine Familie, waren ihm wichtig. Nein beschloss Ben, auch wenn es gleich einen Riesenkrach geben würde, er konnte sich einfach nicht raushalten. Zumindest einen letzten Versuch wollte er starten, um Semir zum Nachdenken zu bringen. Bei einem seiner letzten Besuche vor seinem Urlaub hatte er sich lange mit Andrea unterhalten, kannte deren Standpunkt … deren Gefühle … deren Sorgen.

      Der dunkelhaarige Polizist kaufte für sich und seinen Partner einen Becher Kaffee – Extra groß und ein paar Schoko-Muffins. Nachdem die beiden Autobahnpolizisten die süße Leckerei verspeist hatten, nippten sie an dem heißen Getränk und Ben dachte bei sich, dies sei eine gute Gelegenheit Semir anzusprechen. Zu Beginn verlief das Gespräch noch sehr ruhig und harmonisch bis Ben den ersten heiklen Punkt ansprach.

      „Was ist daran so schlimm, dass Andrea wieder halbtags arbeiten will? Sie hat doch vor den Kindern auf der PAST gearbeitet. Warum hast du Bedenken dagegen? Aida geht in die Schule und Lilly ist bald im Kindergarten. Eure Schwiegereltern unterstützen euch in den Ferien. Ist doch perfekt!“

      „Meine Frau braucht nicht zu arbeiten. Ich bringe genug Geld nach Hause. Sie soll sich um unsere Kinder und das Haus kümmern. Verstanden!“, maulte der Türke gleich mürrisch zurück.

      „Sorry Partner! Genau darum geht es. Wir leben nun nicht mal mehr, wie vor fünfzig Jahren oder irgendwo im tiefsten Anatolien. Andrea ist eine moderne Frau, die möchte halt auch mal ein bisschen mehr Anerkennung bekommen, als nur Schatz, das Essen war gut oder unser Haus ist heute aber schön sauber.“ Ben unterstrich seine Bemerkungen noch mit entsprechenden Gestiken und Grimassen. „Darauf warten, wann du von der Arbeit nach Hause kommst. Klar hatte sie in der Vergangenheit ihre ehrenamtliche Sozialarbeit! Aber die steht vor dem Ende, die finanzielle Unterstützung für diese Projekte laufen aus … oder sind bereits zu Ende. Ist dir das denn bewusst? Was soll daran so schlimm sein, dass Andrea den Job bei der Staatsanwaltschaft annimmt?“

      Sie lehnten sich beide mit ihren Armen auf das Autodach und blickten sich direkt an. Ben konnte klar erkennen, dass sein türkischer Partner gleich endgültig ausflippen würde. Seine Gesichtsfarbe hatte sich schon vor Zorn verfärbt.

      „Oh hör auf! Fang du nicht auch noch an mit diesem albernen Geschwätz von wegen Selbstverwirklichung usw. Das kommt doch alles nur von diesem Psycho-Futzie. Das hat dieser Dr. Eberlein ihr eingeredet. Solange Andrea nicht zu diesem Heini hingerannt ist, war sie doch zufrieden mit ihrem Leben, so wie es war!“ brauste er auf. „Und überhaupt? Während der Fahrt hierher laberst du mich die ganze Zeit über damit voll, wie toll dein Urlaub mit Anna war. Kümmere dich lieber mal um deine Freundin, damit sie dir nicht wegläuft und lass meine Frau in Ruhe! …. Misch DU dich nicht in meine Ehe ein! … Denn ich schreibe dir schließlich auch nicht vor, wie du mit deinen diversen Freundinnen umgehen sollst. Und zum letzten Mal: ANDREA ist MEINE FRAU! HALTE DICH RAUS AUS MEINER EHE!!!!“
    • „Aber Semir!“ versuchte er ihn zu unterbrechen … keine Chance im Tonfall noch ein paar Nuancen lauter und schärfer, ging es weiter.
      „Weist du was Ben, nur weil bei dir mal eine Beziehung länger als ein paar Monate hält, brauchst du mir nicht zu erzählen, wie eine Partnerschaft funktioniert. Oder bist du jetzt unter die Frauen-Versteher gegangen? … !“ blaffte er seinen Kollegen mit wütend funkelnden Augen an. Die Bemerkung saß. Ben schluckte erst mal und schwieg. Vor Anspannung lag seine Stirn in Falten. Mit der Hand fuhr er sich über das Kinn und überlegte, ob er noch einen Vorstoß auf ein anderes heikles Thema wagen sollte, vielleicht zeigte sich sein Freund hier ein bisschen einsichtiger, war vielleicht ein bisschen zugänglicher.

      „Mensch Semir, ich meine es doch nur gut mit dir. Du bist mein Freund, wie ein Bruder für mich und als Dritter sieht man vielleicht manches auch ein bisschen anders. Ihr seid doch wie eine Familie für mich … du … Andrea und die Kinder…. Bitte … Und ich kann doch nicht einfach so zuschauen, wie das mit euch so den Bach runter geht!“ er legte eine kurze Pause ein und seine Stimme bekam fast einen flehentlichen Ausdruck. „Bitte, … Semir … ich kann Andreas Wunsch nach einem Umzug in ein anderes Haus verstehen? Die Erinnerungen, an das was im vergangenen Jahr dort geschah, sind für sie allgegenwärtig, kommen immer wieder hoch, wenn sie sich im Wohnzimmer aufhält, sie auf eurer Terrasse steht!“

      Ihm selbst lief ein kalter Schauer über den Rücken, wenn er daran dachte, wie er damals dort brutal niedergeschlagen wurde und was sich daraufhin ereignete. Bei seinen Besuchen vermied er es nach Möglichkeit, den Teil der Terrasse zu betreten, wo sich die getrocknete Blutlache befunden hatte, sein Blut. Man konnte diese nur noch als einen Schatten erahnen. „Was wäre denn so schlimm daran, sich ein anderes Haus zu kaufen? Ich könnte doch mit meinem Vater reden“, schlug er ihm vorsichtig vor.

      Der kleine Türke flippte nun endgültig aus. Er schrie seinen Partner auf eine Art und Weise an, dass selbst die umstehenden Personen, die auf den Disput der beiden aufmerksam geworden waren, nur den Kopf schüttelten.
      „Merk dir mal eins Ben, ich brauche keine Almosen von dir und deiner superreichen Familie.“ Dabei verzog er angewidert das Gesicht, als würde Ben einen ekligen Geruch verströmen. „Ja Mann, ich weiß, ich bin nur ein armer Bulle, der aus Köln Kalk stammt. Aber wir haben ein Haus und meine Familie und ich sind darin sehr glücklich und zufrieden. Ich habe da meinen Traum verwirklicht. Und dieses ganze Gerede von wegen Traumata und usw. hat ihr doch dieser Psycho Doktor eingeredet. Das bildet sich Andrea doch nur alles ein. Wenn sie da nicht mehr hinrennt, wird alles wieder so wie es mal war und sie vergisst den ganzen Scheiß, den ihr der Typ eingeredet hat! Ich kenne ja schließlich meine Frau!“
      Semirs Gesichtszüge hatten sich zum Schluss vor Wut zu einer hässlichen Fratze verzerrt.

      Als der dunkelhaarige Kommissar antwortete, war seine Stimme ungewöhnlich ruhig geworden, dennoch war der vibrierende Unterton darin unüberhörbar. „Du bist also der Meinung, dass alles, was da vergangenes Jahr passierte, die Entführung und was sonst noch geschah, nur ein böser Alptraum war, aus dem man aufwacht … und wusch zack ist der weg.“ Er schnippte dabei mit seinen Fingern, „Vielleicht vergisst du etwas PARTNER“, dieses Wort betonte er besonders, „Andrea und Aida waren dabei, haben es hautnah erlebt, waren Gefangene dieser Verrückten … wurden bedroht … hatten Angst … Todesangst.“ Ben verstummte, fuhr sich über das Kinn, rang sichtlich darum, seine Fassung zu behalten. „Weißt du was? … Die beiden sind halt nicht so gestrickt, wie der große Semir Gerkan, der sich einmal schüttelt und alles ist vergessen und vorbei. … Du stürzt dich in deine Arbeit, deinen nächsten Fall und machst anschließend weiter mit Buisness as ususal. Aber es gibt auch Menschen, die leiden unter solchen Erlebnissen, werden davon nachts in ihren Träumen verfolgt und stecken das nicht so einfach weg!“

      Damit schloss er auch sich mit ein. Ben hatte ebenfalls einige Therapiesitzungen mit dem Psychologen Dr. Eberlein im vergangenen Jahr verbracht, um die traumatischen Erlebnisse der Entführung und der Flucht durch den Wald zu verarbeiten.
      Der Türke verlor endgültig die Beherrschung. Den halb ausgetrunkenen Kaffeebecher warf er wutentbrannt ins nächste Gebüsch am Straßenrand. „Ehrlich Ben, … es reicht! … Sei endlich ruhig!“ Wild gestikulierte er mit seinen Armen rum, hieb mit seiner Faust wütend auf das Autodach, dass eine kleine Delle entstand. „Zum letzten Mal: Halte dich aus meiner Ehe raus! … Misch dich nicht in Sachen ein, von denen DU, gerade DU, keine Ahnung hast! Und vor allen Dingen höre auf, wie dieser Psycho Doc, meiner Frau irgendwelche Flausen in den Kopf zu setzen... Von wegen neues Haus! … Arbeiten gehen … Geld verdienen, wo kommen wir da hin, wenn ich meine Familie nicht mehr ernähren kann. … Pah!“ Er schnaubte wie ein wild gewordener gereizter Büffel durch. „Andrea ist eine starke Frau, … eine Persönlichkeit, die haut so leicht nichts um. Die hätte sich wahrscheinlich ohne Psycho Doc viel schneller wieder eingekriegt.“

      Ben war bei den letzten Worten leichenblass geworden, etwas schnürte seine Kehle zu. Das blanke Entsetzen stand ihm ins Gesicht geschrieben. Mit allem hätte er gerechnet, doch die Worte seines Partners trafen ihn mitten ins Herz. … „Du willst mir allen Ernstes erklären, ich weiß nicht wovon ich rede?“
      Fassungslos bewegte er seinen Kopf hin und her. Er schluckte seine letzten Worte hinunter und stieg ohne ein weiteres Wort in den BMW ein.

      Als Semir das entsetzte Gesicht seines jungen Kollegen blickte, aus dem jegliche Farbe gewichen war, wurde ihm bewusst, was er gerade von sich gegeben hatte und mit seiner Unbeherrschtheit angerichtet hatte. Oh Fuck! Ben wäre bei der Entführung fast draufgegangen. Sein Freund und Partner war bereit gewesen, für seine Familie sein Leben zu opfern. Innerlich bereute der Türke sofort seine Worte. So hatte er seinen Freund nicht verletzten wollen. Er focht einen inneren Kampf mit sich aus. Aber er konnte in diesem Moment einfach nicht über seinen Schatten springen und sich bei Ben entschuldigen. Die Wut und Empörung darüber, dass sein Freund Partei für seine Frau ergriffen hatte, überwog.
      Semir stieg in den BMW ein und fuhr langsam los in Richtung PAST. Sein Partner setzte seine Sonnenbrille auf, blickte zum Seitenfenster raus und schwieg. Bis zum Dienstschluss sprachen die beiden Polizisten kein Wort mehr mit einander.
      ****

      Auch die nächsten beiden Arbeitstage bzw. Nachtschichten verliefen ungewöhnlich wortkarg zwischen den beiden Hauptkommissaren. Semir war kurz angebunden und sprach mit seinem jüngeren Kollegen nur das Nötigste über dienstliche Angelegenheiten. Kein Scherz von Ben, kein lockerer Spruch! Die Spannung, die zwischen den beiden Kommissaren herrschte, war fast körperlich von allen anwesenden Kollegen der Dienststelle zu spüren. Für die Mitarbeiter der PAST war es ein ungewohntes Bild, das die beiden Kommissare so giftig miteinander umgingen.
    • Wie Ben von Susanne in der Zwischenzeit bei einer Tasse Kaffee in der kleinen Küche der Dienststelle erfahren hatte, war Andrea mit ihren Kindern ein paar Tage zu ihren Eltern gefahren. Sie wollte sich eine Auszeit nehmen, zur Ruhe kommen und nachdenken. Aber irgendwie klang es für den jungen Kommissar nach dem Anfang vom endgültigen Ende der Beziehung zwischen Andrea und Semir. Der kleine Türke tat ihm unendlich leid, wusste Ben doch, dass seine Familie ALLES für ihn war. Doch wie hilft man jemanden, der sich nicht helfen lassen will, fragte sich der junge Kommissar immer wieder.

      Als Semir am Donnerstagabend unrasiert, sichtlich ungepflegt und völlig verkatert zur Nachtschicht erschien, wollte Frau Krüger eingreifen. Susanne stand bei ihr im Büro und hatte kurz vor Dienstschluss ihrer Chefin noch ein paar Akten gebracht.

      „Jetzt reicht es!“ entfuhr es Kim, als sie Semir sah und fuhr empört aus ihrem Stuhl hoch. „Was ist denn nur mit Gerkhan los? Der Zoff mit Jäger die letzten Tage! Man hat ja das Gefühl zwischen den beiden ist eine Eiszeit ausgebrochen. Und jetzt dieser Auftritt!“ Sie schürzte die Lippen und musterte durch die Glasscheibe ihren Mitarbeiter. „Der sieht aus, als käme er frisch von einer Sauftour! So geht das nicht weiter, der lässt sich ja völlig gehen! Da muss man ja Angst haben, ihn Streife fahren zu lassen. Schick ihn zu mir rein Susanne! Mit dem muss ich ein ernstes Wörtchen reden!“, sprudelten die wütenden Worte nur so aus Kim heraus. Susanne hielt ihre Chefin am Ärmel fest, als diese im Begriff war aus ihrem Büro zu stürmen.
      „Kim, bitte, gib ihm noch ein paar Tage. Das renkt sich schon wieder ein zwischen ihm und Ben. Die brauchen einander und spätestens, wenn sie sich aufeinander verlassen müssen, wird alles wieder gut. Semir macht halt die Trennung von Andrea und den Kindern schwer zu schaffen!“, gab sie aufklärend zurück, „da hilft es auch nichts, wenn du ihn einen Einlauf verpasst oder sogar vom Dienst suspendierst. Lass ihn seine Arbeit machen, sonst dreht er endgültig durch!“

      Überrascht blickte Kim ihre Freundin an, „Die Gerkhans haben sich getrennt? … Das wusste ich nicht! … Hmmm! … Erklärt aber einiges!“ kommentierte Frau Krüger und verschränkte ihre Arme vor der Brust. „Na gut, schick mir Herrn Jäger noch mal rein. Ich will kurz mit ihm reden, wie er die Situation einschätzt und dann eine Entscheidung treffen.“

      ******

      Am darauf folgenden Tag...
      Es war die Tage zuvor ... Semir hielt die Stille in seinem Haus nicht mehr aus, sie machte ihn verrückt. Er hatte nach der Nachtschicht nur ein paar Stunden auf dem Sofa im Wohnzimmer geschlafen. Das leere Bett von Andrea ließ ihn im gemeinsamen Schlafzimmer keine Ruhe finden. Wenn er durchs Haus tigerte und in die Kinderzimmer blickte, waren die Betten leer. Die Sehnsucht nach seiner Frau und seinen Kindern war allgegenwärtig. Das Leben war aus dem Haus verschwunden. Seine Familie war aus seinem Leben entschwunden.
      Semir hatte mehrmals versucht, Andrea telefonisch zu erreichen. Doch diese hatte seine Anrufe auf dem Handy einfach abgewiesen. Auf seine SMS oder Whatsapp Nachrichten nicht reagiert. Seine Schwiegereltern schirmten ihre Tochter zusätzlich ab.

      Semir saß auf dem Sofa. Seine Ellbogen waren auf den Oberschenkeln abgestützt und mit seinen Fingerkuppen massierte er seine Schläfen. Er grübelte vor sich hin, während er den geöffneten Pizzakarton auf den Fußboden anstarrte, in dem eine halb aufgegessene Pizza vom Vortag vor sich hingammelte. Einige leere Bierflaschen lagen darum verteilt. Alkohol war auch keine Lösung seiner Probleme, hatte er festgestellt. Sie ließen sich auch nicht damit ertränken. Sein Schädel brummte von dem Folgen des übermäßigen Alkoholgenusses.

      Auf dem Couchtisch lag ein zusammengefaltetes Blatt Papier. Er griff danach. In seinen zitternden Händen hielt er Andreas Brief, den sie ihn zum Abschied Freitagnacht hinterlassen hatte. Ihre Tränen hatten ihre Schrift teilweise verschwimmen lassen. Immer wieder hatte er ihre verzweifelten Worte gelesen, dass sie ihn immer noch liebe, aber keine Liebe der Welt diese Spannungen aushält. Sie fragte ihn, ob er sie denn noch liebte? Wo waren ihre Gemeinsamkeiten geblieben? Was verband sie noch? Seine Fürsorglichkeit, die schon in Bevormundung ausartete, erstickte sie, nahm ihr die Luft zum Atmen … auch sie brauche Freiheiten in der Ehe. Sie war nicht nur die Mutter seiner Kinder, seine Ehefrau, sie wollte auch als die eigenständige Person Andrea wahrgenommen werden. So wie früher, wie damals, als ihre Liebe begann. Wo war sie geblieben? Wo? Wo war ihr Platz geblieben? Diese Zeilen und ihre anderen Worte hatten ihn sehr nachdenklich gemacht.

      Dazu kam der Streit mit Ben, der erneut eskaliert war. Er wusste genau, dass er nicht ganz schuldlos an der zerfahrenen Situation war. Er hatte seinen besten Freund mit seinen Bemerkungen tief verletzt. Dessen enttäuschter Blick heute Morgen ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. Dabei sollte er sich doch glücklich schätzen, so einen Freund wie Ben zu haben, der ihn vor einer riesen Dummheit bewahrt hatte. Ihm war nicht entgangen, dass nach dem morgendlichen Disput die Augen des jungen Kommissars feucht geschimmert hatten, als sie in seinen grauen Mercedes gestritten hatten.

      Was war nur aus dem großen Semir Gerkhan geworden? Was hatte er nur angerichtet? Das Gedankenkarrussell drehte sich unaufhörlich in seinem Kopf. Es fiel ihm so schwer über seinen eigenen Schatten zu springen, seinen Stolz zu überwinden und seine Fehler einzugestehen. Sein Blick fiel auf die Uhr. Wenn er sich beeilte, konnte er vor Dienstbeginn, noch bei Andreas Eltern vorbeifahren. Er musste mit seiner Frau reden. Es wurde Zeit, dass er den Anfang machte, bevor es endgültig zu spät war.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Mikel ()

    • Irgendwo in der Nähe von Köln
      Ein Telefon klingelte. Es meldete sich eine Stimme am anderen Ende der Leitung, die Deutsch mit einem leichten Akzent sprach.
      „Hallo, was gibt es Remzi?“
      „Jäger ist wieder da!“
      Am anderen Ende der Leitung herrschte kurzes Schweigen und ein hörbares Ausatmen war zu vernehmen.
      „Gut! Sehr gut! Bereitet alles für den ersten Teil des Plans vor! Sind die Wanzen in seiner Wohnung angebracht worden?“
      „Ja, wir haben alles so gemacht, wie du es gewünscht hast. Die Wohnung ist verwanzt, sein Telefon und sein Diensthandy werden abgehört. Nur seine private Handy Nummer haben wir noch nicht. Keine Sorge, dieser Penner Memphis ist bald weich. Sobald das Startzeichen gegeben wird, läuft alles nach Plan!“
      „Ich kann es kaum erwarten!“, brummte die Stimme „Ich melde mich wieder!“

      *****

      Ben stand, seine Handflächen an die Fliesenwand gestützt, unter der Dusche und ließ die warmen Wassertropfen auf sich herunterprasseln, in der Hoffnung diese würden seine düsteren Gedanken etwas vertreiben. Er hatte furchtbar schlecht geträumt, fand sich in einem dunklen Loch gefangen, ohne Ausweg und war schreiend und schweißgebadet aufgewacht. Danach hatte er keinen Schlaf mehr gefunden und beschlossen früher als üblich aufzustehen.
      Ein kalter Lufthauch strich über seinen Rücken. Jemand hatte die Tür der Duschkabine geöffnet. Bevor er dazu kam, sich umzudrehen, umschlangen ihn zwei warme Hände und ein weicher Körper schmiegte sich an ihn heran.
      „Anna?“ entfuhr es ihm verwirrt, „Bist du schon zu Hause?“
      „Ja mein Schatz! Ich konnte heute früher gehen, nennt sich Überstundenabbau!“, gab sie als Erklärung zurück und fuhr sanft mit den Handflächen über seinen Rücken. „Du bist total verspannt. Was ist los? … Semir?!“
      Er nickte zustimmend und genoss es zeitgleich, wie sie seine Nacken- und Schultermuskeln massierte. Wohlig stöhnte er auf.
      „Entspanne dich einfach und genieße es!“ Ihre Hände wussten genau, wo sie ihn berühren mussten.
      „Du weißt schon, was du anrichtest?“
      „Hmmm!“, brummte sie genüsslich, denn er war auch nicht untätig geblieben, hatte sich umgedreht und begann seine Freundin ebenfalls mit seinen Händen und Lippen zu verwöhnen. In ihren Augen stand das pure Verlangen, als sie ihn küsste. Mit seinen starken Armen hob er sie leicht an, sie schlang ihre Beine um seine Hüften und die Arme um seinen Nacken. Er drückte ihren Rücken gegen die gekachelte Wand. Die nächsten Minuten gehörten alleine dem entbrannten Sturm ihrer Leidenschaft.
      Kurze Zeit später hantierte Anna in der Küche und bereitete für sich und Ben einen Kaffee und einen kleinen Imbiss zu.
      „Wow!“ entfuhr es ihm, als er an die Theke trat. Seine Freundin trug ein buntes kurzes Top, dazu schwarze Shorts, die ihre Figur noch mehr zur Geltung brachten. „Also! Wenn ich dich so anschaue, könnte ich den Imbiss glatt sausen lassen und an etwas anderem Naschen!“, dabei leckte er sich genüsslich über die Lippen. Als Antwort beugte sie sich über die Theke und küsste ihn. Anschließend drückte sie ihm ein Toast mit Marmelade in die Hand.
      „Damit du groß und stark bleibst!“ und lachte dabei herzerfrischend auf. Dann wurde sie wieder ernst. „Hattest du wieder Streit mit Semir?“
      „Ja!“, er fuhr sich nachdenklich über das Gesicht und überlegte, ob er die schöne Stimmung zerstören sollte. Auf der anderen Seite tat es gut, mit jemanden darüber zu reden. Er erzählte, dass Semir gestern Abend leicht angetrunken zum Dienst gekommen war. Die Krüger war entsprechend sauer gewesen und hatte ihn, Ben, zur Rede gestellt, wegen des Streits unter den beiden Kommissaren. Ben berichtete weiter, was sich in den frühen Morgenstunden zum Ende der Nachtschicht ereignet hatte, während er von seinem Toast abbiss und an seinem Kaffee nippte.
    • Rückblick
      Die Morgendämmerung am Horizont kündigte den neuen Tag an. Die Nacht war genauso ereignislos verlaufen, wie die Nächte davor. Ben und Semir saßen im silbernen Mercedes und beobachteten den Verkehr auf dem Rastplatz, bis ein BMW Cabriolet, in den vier Männer, Anfang zwanzig mit südländischem Aussehen saßen, Semirs Aufmerksamkeit erregten. Die Bassboxen des blauen Fahrzeugs beschallten den kompletten Parkplatz und der Fahrer fuhr mit überhöhter Geschwindigkeit die Parkplätzte entlang. So nah wie möglich, stoppte der BMW vor der Toilettenanlage. Die Jungs stiegen laut grölend aus und wollten ihr Geschäft im WC Häuschen erledigen. Der Fahrer blieb währenddessen wartend im Fahrzeug sitzen, drehte die Musik noch ein bisschen lauter und steckte sich eine Kippe zwischen die Lippen.

      „Na warte, die kaufe ich mir! Das ist Ruhestörung!“, brummte der kleine Türke und sein Blick haftete förmlich auf dem BMW Cabriolet.
      „Mensch Semir, lass doch die Jungs in Frieden! Die sind doch harmlos und wollen nur ein bisschen Spaß haben und Party machen!“
      Bens Worte waren noch nicht verhallt, als sein älterer Partner die Fahrzeugtür aufstieß und auf den blauen BMW zu stapfte.
      „Vergiss es! Wo kommen wir denn hin, wenn sich jeder so aufführt!“

      „Oh fuck,“ entfuhr es Ben, der schon ahnte, dass bei der derzeitigen Verfassung seines Kollegen die Situation eskalieren würde. So schnell, es ging eilte er seinem Partner hinterher, hatte aber den längeren Weg zum verdächtigen Fahrzeug. Zu seinem Entsetzen stellte er fest, dass Semir seine Dienstwaffe gezogen hatte und den Fahrer aufforderte, dass Fahrzeug zu verlassen und ihm Führerschein und Fahrzeugpapiere auszuhändigen. Gleichzeitig trafen die anderen drei Kumpels des schwarzhaarigen Fahrers ein. Einer davon, der scheinbar der Wortführer der jugendlichen Gruppe war, blaffte provozierend in Richtung des kleinen Türken:
      „Hey, was geht denn hier ab Opa?“
      „Gerkhan, Kripo Autobahn!“, wies sich der ältere Polizist aus und hielt dem Wortführer seinen Dienstausweis unter die Nase, „das hier ist eine Fahrzeug- und Personenkontrolle. Also Ausweis her! Sofort!“
      „Na, da haste aber noch frisch und knackig ausgesehen Opa!“, meinte der junge Mann frech in Richtung des Türken. Er wandte sich wieder seinen beiden Kumpels zu, die hinter ihm standen und seine Kommentare durch hämisches Lachen unterstützen.
      „Habt ihr das gehört Jungs, wat das Streifenhörnchen von uns will?“, meinte der Anführer lauthals lachend. „Hey Opa, geh doch nach Hause! Wärme deiner Mutti das Bett und lass uns in Frieden!“

      Auf diese Aussage hin, brannten bei Semir die Sicherungen durch. Blitzschnell drehte er sich auf dem Absatz um, warf den Wortführer mit dem Gesicht nach vorne gegen den Kofferraumdeckel. Der Wortführer jaulte auf, als Blut aus seiner Nase auf den Kofferraumdeckel tropfte. Mit einem eisernen Griff fixierte der Türke den Jugendlichen. Dessen Kumpels verstummten eingeschüchtert. Jetzt erst hatte Ben die Gelegenheit aktiv in die Situation einzugreifen. Im Hintergrund erklangen schon murmelnde Stimmen über Polizeigewalt im Dienst und Polizeiwillkür, von anderen Besuchern der Rastanlage.

      Als erstes zog Ben Semir zurück, redete beschwichtigend auf ihn ein, „Lass es gut sein Semir!“ und drückte ihm die Fahrzeugpapiere und die Ausweise in die Hand und meinte bestimmend: „Ich glaube Kollege, es ist besser, du gehst zurück zu unserem Dienstwagen und über prüfst mal unsere Jungs hier.“

      Er schob den kleinen Türken in Richtung des Mercedes und richtete seine Aufmerksamkeit auf die Jugendlichen. Der Wortführer hatte sich aufgerichtet und hielt seine schmerzende Nase. In Richtung des Türken blaffte er:
      „Das Bullenschwein, hat mir die Nase gebrochen! Das gibt eine fette Anzeige.“
      Ben entwich hörbar die Atemluft. Mit seinen Blicken musterte er einen Jugendlichen nach dem anderen.
      „Und jetzt zu euch Freunde! Mein Kollege hatte heute eine ganz miese Nacht hinter sich. Und eure Bemerkungen trugen nicht unbedingt dazu bei, seine Laune zu verbessern. Was haltet ihr davon, wenn wir mal ein bisschen Taschenkontrolle machen, ob ihr Gras oder sonst ein paar unerlaubte Pillchen von eurer Party einstecken habt?“
      Der kleinste des Quartetts wurde um einige Nuancen bleicher. Wahrscheinlich Volltreffer, dachte sich der junge Kommissar.
      „Auf geht’s! Legt mal schön euren Tascheninhalt auf die Motorhaube von eurem Flitzer!“ Dabei schritt er auf den Wortführer der Gruppe zu, umfasste dessen Kinn und betrachtete ihn eingehend.
      „Wenn du meinst, dass bisschen Nasenbluten ist eine gebrochene Nase, dann reden wir von Beamtenbeleidigung und Provokation! Verstanden!“ Dieser bewegte seinen Kopf auf und ab und drückte mit seinem Finger auf das blutende Nasenloch.
      „Sehr schön Jungs! Ich sehe, wir verstehen uns! Wir kontrollieren noch kurz eure Papiere und der Fahrer darf einen Alkoholtest machen!“

      Ben ging zurück zu seinem silbernen Dienstwagen, in dem auf dem Beifahrersitz ein äußerst gereizter Semir saß. In seinen Händen hielt er die Ausweispapiere, die Ben wortlos an sich nahm. Der Türke saß da und starrte vor sich hin. Den Zustand seines Partners ignorierend, gab der Jüngere die Daten der Jugendlichen per Funk an die Zentrale durch. Ben stand neben seinen Wagen, die Unterarme auf das Wagendach gestützt und beobachtete die Jugendlichen. Weder er noch Semir sprachen ein Wort. Nach wenigen Minuten bekam Ben vom Kollegen am Funk die Mitteilung, dass die Papiere der Jugendlichen in Ordnung waren. Jedoch ergab der Alkoholtest des Fahrers, dass dieser etwas getrunken hatte, der Wert aber unterhalb des Grenzwertes lag. Zu seinem Glück war er vor zwei Tagen einundzwanzig geworden.

      Als Ben vom Mercedes zurückkam, blickten die jugendlichen Draufgänger etwas betreten drein.
      „So wie sieht es aus? Bestehen die Herren auf eine Anzeige?“ Dabei schaute er in Richtung des Wortführers, „dann können wir selbstverständlich gerne zu unserer Dienststelle fahren und diese aufnehmen. Ihnen ist doch aber klar, dass es im Gegenzug eine Anzeige wegen Beleidigung, Lärmbelästigung etc geben wird und …!“ Den Rest seiner Worte ließ er unausgesprochen im Raum stehen.

      „Schon gut, schon gut!“ wiegelte der Wortführer ab, dem ebenfalls klar war, dass er eine Menge Ärger zu erwarten hatte. Sein Kumpel hatte noch eine komplette Ration der kleinen blauen Glücklichmacher in der Hosentasche. „Wer wird denn wegen ein bisschen Nasenbluten gleich einen Aufstand bauen!“, räumte er ein und trat den Rückzug an. Seine Freunde nickten beifällig.
      Ben beließ es bei einer polizeilichen Belehrung wegen des Fehlverhaltens der Jugendlichen. Die Sache schien noch mal für seinen Partner glimpflich auszugehen.

      Nachdem Ben auf dem Fahrersitz des Mercedes Platz genommen hatte, hatte auch seine Beherrschung eine Grenze erreicht. Er schnaufte mehrmals deutlich hörbar ein und aus. Seine Hände hatten das Lenkrad fest umklammert, dass das Weiße des Handrückens erkennbar war. Dann brach es aus ihm heraus.
      „Sag mal, was war das gerade für eine Wild-West-Nummer, die du da abgezogen hast Semir? … Drehst du nun endgültig durch? … Willst du deinen Job auch noch riskieren, reicht es noch nicht, dass dir deine Frau davongelaufen ist? … Was glaubst du denn, was die Krüger mit dir macht, wenn sie von der Zirkusnummer erfährt! … Hey schau mich an, wenn ich mit dir rede!“, die letzten Sätze brüllte er nur so raus.
      Semir starrte zum Beifahrerfenster hinaus und schwieg.
      „Verdammt noch mal rede mit mir Partner! So geht das einfach nicht weiter zwischen uns! … Ich kann nichts dafür, was zwischen dir und Andrea passiert ist. Du bist auch nicht der erste Mann, dem die Frau davongelaufen ist! Kriege dein Leben endlich wieder in den Griff, denn das hier ist unser Job! Wenn du dich nicht mehr unter Kontrolle hast, weil du angetrunken zur Arbeit kommst und bei dir deswegen einige Sicherungen durchgebrannt sind …“

      Rückblick Ende

      „Daraufhin haben wir uns wieder gestritten, Anna. So richtig heftig.“ Ben rang sichtlich um seine Fassung „Er hat mir vorgeworfen, nicht sein Freund zu sein … ihn in den Rücken zu fallen …er hat mir Vorwürfe wegen Andrea gemacht, es war … es war …!“
      Der junge Mann konnte einfach nicht weitersprechen. Ungläubig schüttelte er mehrmals an den Kopf. Anna kam um die Theke herum und nahm ihm mitfühlend in den Arm. Ben sah so verzweifelt aus.
      „Und jetzt? … Was machst du jetzt?“
      „Semir ist mein Freund. Verstehst du Anna?“ Er sah seine Freundin mit seinen dunklen Augen an, in denen sich sein Seelenleben wiederspiegelte. „Ich werde nicht einfach aufgeben und ihn hängen lassen. Gerade jetzt braucht er einen Menschen, der zu ihm hält und für ihn da ist. Irgendwann muss doch auch dieser sture Bock zur Einsicht kommen, was richtig und falsch ist!“, meinte er fast schon beschwörend.
    • „Wobei wir beim Thema wären, mein Schatz! Julia hat mich heute Morgen angerufen, ob wir am Sonntag zum Mittagessen kommen!“
      Ben verdrehte genervt die Augen nach oben. „Oh nee, muss das sein, du weißt genau, was passieren wird!“
      „Ben!“, ermahnte sie ihren Freund, stützte sich mit ihren Unterarmen auf die Arbeitsplatte der Küchentheke und reckte ihren Kopf ein bisschen in seine Richtung und setzte ihren süßesten Schmollmund auf.
      „Julia möchte gerne, dass du dich mit Peter aussöhnst und wieder verträgst! … Bitte tue es, Julia und mir zu Liebe ja!“

      Der Dunkelhaarige seufzte tief auf. Seiner Freundin konnte er einfach keinen Wunsch abschlagen, vor allem wenn sie ihn mit einem solchen Augenaufschlag ansah. Er schmolz einfach dahin. Magisch zog ihr Mund ihn an und ihre Lippen berührten sich, zu einem innigen Kuss. Zärtlich streifte er ihr eine ihrer widerspenstigen lockigen Haarsträhnen hinter ihr Ohr. Dabei ging er in sich und dachte nach.

      Ben hatte es einfach nicht über das Herz gebracht, seiner Freundin zu erzählen, worum es letztendlich bei der Auseinandersetzung mit Peter und seinem Vater wirklich gegangen war. Sein Schwager hatte es tatsächlich fertig gebracht, einen Privatdetektiv damit zu beauftragen, über seine Freundin Anna Nachforschungen anzustellen. Sein Schwager hatte in den letzten Monaten Konrad Jäger mit seiner Meinung so aufgestachelt, dass Anna es nur auf Bens Geld abgesehen hätte, dass dieser missmutig das Vorhaben gebilligt hatte. Es kam, wie es kommen musste! Der Typ war so unvorsichtig bei seiner Recherche gewesen, dass er Ben aufgefallen war, als er Annas Wohnung observiert hatte. Er hatte den Kerl, einen Kevin Schröder, so lange in den Schwitzkasten genommen, bis der den Namen seines Auftraggebers Preis gegeben hatte. Anschließend war der junge Kommissar wutentbrannt in die Firma seines Vaters gefahren und hatte dort seinen Schwager zur Rede gestellt. Der Krach, der darauf zwischen den beiden Männern entbrannte, war über die komplette Büroetage deutlich hörbar gewesen, so dass auch der letzte Angestellte es mitbekommen hatte. Fast wäre es in Handgreiflichkeiten ausgeartet, wenn Konrad Jäger nicht dazwischen gegangen wäre. Der Disput der beiden jungen Männer war noch Tage danach Gesprächsthema Nummer eins in der Konrad Jäger AG gewesen.

      In den vergangenen sechs Wochen hatten die beiden Männer kein Wort mehr miteinander gewechselt und waren sich aus dem Weg gegangen. Am meisten litt Julia unter der angespannten familiären Situation.

      Zumindest sein Vater, mit dem Ben zwischenzeitlich eine Aussprache hatte, begriff langsam, dass es in der Beziehung zwischen Ben und Anna wirklich um Liebe und nicht um Geld ging. Vor seinem gemeinsamen Urlaub mit Anna in Italien hatte ihn sein Vater auf der PAST aufgesucht. Bei diesem Gespräch hatte Konrad Jäger versucht, Ben klar zu machen, warum ihn Anna als zukünftige Schwiegertochter nicht behage. Der dunkelhaarige Polizist hatte daraufhin seinen Vater angebrüllt, ob es denn nicht in seinen verdammten Dickschädel rein wolle, dass seine Freundin keine arme Krankenschwester sei, die sich im vergangenen Jahr einen reichen Patienten geangelt habe. Sie sei Ärztin, die einen gut bezahlten Job an der Uni-Klinik habe! … Geld … Geld … wenn er das schon hörte, als ob das alleine glücklich machen würde. Fast schon flüsternd hatte er Konrad gefragt, ob es in seiner Beziehung zu seiner Mutter auch nur um Geld gegangen sei oder ob er seine Mutter aus Liebe geheiratet habe. Daraufhin hatte er fast schon ein bisschen schuldbewusst eingelenkt.

      Bisher hatte Ben seinem Vater verschwiegen, dass seine Freundin durchaus aus einem wohlhabenden Haus stammte. Leider mussten die beiden verliebten jungen Leute, die gleiche Erfahrung bei Annas Familie machen, die ein riesiges Weingut an der Mosel ihr Eigen nannten. Diese hielten ihn für einen armen Polizisten, der keine standesgemäße Beziehung für ihre Tochter darstellte. Der letzte Besuch an der Mosel zum Jahreswechsel wäre fast ebenfalls in einem Fiasko geendet, weil Anna mit keiner Silbe etwas davon erwähnt hatte, dass Ben der Sohn eines Multimillionärs war. Die Welt war schon verrückt, schoss es Ben durch den Kopf.

      „Ok, sag zu! … Aber erst nachmittags und es kann sein, dass ich abends wieder zum Dienst muss, solange wir diese Diebesbande nicht gestellt haben!“

      Ben umrundete die Küchentheke und umarmte Anna und küsste sie liebevoll.

      „Wenn du nicht gleich losfährst, kommst du wieder mal zu spät! Pass auf dich auf, ja! Versprich es mir!“

      Nur widerwillig löste er sich von ihr, schnappte sich den Autoschlüssel und seine Jacke. Seine Pistole hatte er schon vorher aus dem abschließbaren Fach in der Garderobe geholt. Als er seinen silbernen Mercedes aufschloss, beschlich ihn das merkwürdige Gefühl beobachtet zu werden. Sorgfältig sondierte er mit seinen Blicken die parkenden Fahrzeuge, die Fußgänger, die Häuserfassaden der Umgebung …. Alles sah wie üblich aus. Vielleicht bildete er sich das auch nur alles ein, weil er so schlecht geträumt hatte.

      **

      Einige Zeit vorher …. Vor dem Grundstück von Andreas Eltern
      Semir hatte seinen BMW noch nicht richtig am Straßenrand geparkt, als Aida auf ihn zugestürmt kam. Sie hatte mit ihrer Schwester im Garten der Großeltern Ball gespielt und das Auto ihres Vaters sofort erkannt. Das Mädchen eilte durch eine kleine Gartentür auf den Gehsteig.
      „Papa … Papa …!“ rief sie freudestrahlend.
      Er kniete sich zu ihr runter, herzte sie, küsste sie und drückte Aida ganz fest an sich heran. Semir genoss einfach in diesem Moment die Nähe seiner großen Tochter, die seine Liebkosungen mit der gleichen Herzlichkeit erwiderte.
      „Holst du uns nach Hause Papa? … Und bist du nicht mehr böse auf die Mami!“ fragte sie mit großen Augen.
      Er löste sich ein bisschen vor seiner Tochter, umfasste zärtlich ihre Schultern.
      „Hallo mein Schatz! … Wie kommst du darauf, dass ich böse auf die Mami bin?“
      „Weil die Mami so furchtbar traurig ist … und immer wenn sie denkt, ich sehe es nicht, weint sie leise vor sich hin.“ Aida schaute sich suchend um, ob auch ja keiner zuhört und flüsterte ihm ins Ohr „Oma und Opa haben sich unterhalten und gesagt, du bist böse auf die Mami und wir sind deshalb keine Familie mehr!“ Sie schniefte kurz aber heftig auf „Aber Papa, bitte verrate mich nicht, ich habe an der offenen Wohnzimmertür gelauscht!“ gab sie als Erklärung zurück und legte beschwörend einen Zeigefinger auf ihre Lippen.

      Hatte Semir anfangs die Stirn ärgerlich gerunzelt, begriff er endlich, wie auch seine Kinder unter der familiären Situation litten. Es fühlte sich für ihn an, als hätte er eine schallende Ohrfeige bekommen. Er strich Aida sanft über die Haare.
      „Der Papa und die Mama haben gestritten, Aida. … und das ziemlich schlimm … Das kommt halt auch manchmal bei Erwachsenen vor. Aber ich bin da, um mich bei der Mami zu entschuldigen und um mit ihr zu reden. Und glaube mir meine Große, ich bin nicht böse auf die Mami!“
      Er versuchte ihr aufmunternd zuzuzwinkern, während er aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahrnahm

      Aus dem Haus kamen seine Schwiegereltern auf ihn zu. Seine Schwiegermutter zog Aida mit zurück in den Garten, inzwischen hielt ihn sein Schwiegervater am Ärmel fest und wollte verhindern, dass er das Grundstück betrat. Semir versuchte sich loszureißen und sich an seinen Schwiegervater vorbei zu drängen. Dem Türken stand sein Ärger ins Gesicht geschrieben. Jedoch auch Andreas Vater war ziemlich sauer auf seinen Schwiegersohn.

      „Ich muss mit ihr reden Walter! Und das geht nur Andrea und mich etwas an!“ protestierte Semir gegen die Behandlung. Nach einiger hitzigen Diskussion zwischen den beiden Männern und einigem Zögern lenkte sein Schwiegervater ein. „Vielleicht hast du Recht, wir sollten uns da nicht einmischen. Andrea ist in ihrem alten Zimmer. Ich sorge dafür, dass ihr alleine bleibt. Und damit das klar ist mein Sohn! Versaue es nicht wieder! Denn sonst, kriegst du richtig Ärger mit mir!“
    • Auf der PAST …. Am Abend …

      Ben kam mit einem flauen Gefühl im Magen pünktlich zu Dienstbeginn an. Der neuerliche Streit am Morgen mit seinem Partner hatte doch tiefere Spuren in seinem Seelenleben hinterlassen, als er anderen gegenüber zugeben wollte. Erwartungsgemäß war sein türkischer Kollege wieder einmal vor ihm da, sein BMW parkte bereits am gewohnten Platz. Als er das gemeinsame Büro betrat, erwartete ihn eine Überraschung. Auf seinem Schreibtisch stand eine Tasse mit dampfenden Kaffee und dazu ein Teller voller Schoko-Muffins. Dies entlockte ihm ein überraschtes: „Wow! Was ist denn hier ausgebrochen?“

      Hinter ihm erklang die Stimme von Semir: „Guten Abend Partner!“

      Ben drehte sich um und blickte seinem Kollegen mit einem fragenden Ausdruck im Gesicht an.
      „Guten Abend! Willst du mich jetzt vergiften, nach der Ansage von heute Morgen?“

      Der Türke schüttelte leicht verlegen den Kopf. „Vergiften? ….Nein! … Nein!“ Und lachte beschämt auf, „nein, höchstens wenn der Kaffee kalt wird und dadurch nicht mehr schmeckt, gilt das vielleicht sogar als ein Attentat.“ Der Ältere schluckte und man merkte, wie er nach den richtigen Worten suchte. „Ich … ich wollte mich bei dir entschuldigen Ben. … Tut mir Leid, … wirklich aufrichtig leid, was ich dir alles in den letzten Tagen an den Kopf geknallt habe. … Ich war wohl ein riesen A.rschloch, so wie ich mich dir gegenüber verhalten habe! … und nicht nur dir gegenüber … “ Er hob entschuldigend die Hände und stand wie ein reuiger Sünder mit hängenden Schultern vor Ben, „Du hattest Recht, mit dem was du gesagt hattest. Vielleicht habe ich tatsächlich noch so einen Einlauf von dir wie heute Morgen gebraucht, um mal aufzuwachen und zur Vernunft zu kommen. …!“ Er verdrehte seine Augen hilfesuchend nach oben, kniff die Lippen zusammen … „Ich war heute Nachmittag vor Dienstbeginn bei Andrea und habe mit ihr gesprochen!“ fügte er erklärend hinzu.

      „Und?“

      „Ich glaube, wir haben seit Monaten das erste Mal wirklich mit einander gesprochen … ich … !“ gab Semir kleinlaut zu und verstummte, dachte nach bevor er fortfuhr. „Es ist alles nicht so einfach, wie ich es mir vorgestellt habe. … Ich habe in der letzten Zeit so viel Mist gebaut … Andrea bleibt vorerst bei ihren Eltern mit den Kindern …“ Er nickte zuversichtlich … „Aber der Anfang ist gemacht!“

      Der dunkelhaarige Kommissar schnaufte erleichtert durch, ging auf seinen Freund zu und schlug in die dargereichte Hand ein. Mit einem leichten Brennen in den Augen und der Kehle zog er seinen kleineren Partner zu sich heran und nahm ihm in die Arme.
      „Schwamm drüber, die Sache zwischen uns beiden ist schon vergessen!“
      Ben spürte wie der Körper des Türken bebte. Er hielt seinen Freund einfach nur fest. So leicht, wie ihm diese Worte über die Lippen gingen, entsprach das nicht seinem Gemütszustand. Die vergangenen Tage, das frostige Klima zwischen ihm und Semir hatten ihn psychisch schwer belastet. Mehr als einmal hatte sich der junge Polizist schwere Vorwürfe gemacht, ob er zu weit gegangen war … ihre Freundschaft aufs Spiel gesetzt hatte, die ihm doch so viel bedeutete…
      „… Ist schon ok, Partner! Mach dir keine Gedanken mehr! Dafür sind ja Freunde da! Schau einfach nur, dass du die Sache mit Andrea wieder hinkriegst. … Ihr beide wieder einen gemeinsamen Weg zueinander findet. Ehrlich, ich wünsche es euch von Herzen!“
      Die Erleichterung war ihm anzuhören. Freundschaftlich klopften sich die beiden Kommissare auf den Rücken. Täuschte er sich oder schniefte Semir tatsächlich leise.

      Ben marschierte zurück an seinen Schreibtisch, lümmelte sich in seinen Bürostuhl und machte sich über die Muffins her. Mit einem Grinsen im Gesicht hielt er den Teller mit dem Letzten seinem gegenüber hin „Willst du auch einen?“
      Bis er sich verguckt hatte, hatte sich sein Partner den letzten geschnappt. Ben betrachtete nachdenklich seinen Schreibtisch, auf dem mal wieder das Chaos regierte. Aktenberge stapelten sich links und rechts von der Tastatur, Berichte der Spurensicherung über die Tatorte der LKW Überfälle, dazwischen Anfragen des LKAs, die Informationen wollten. Ben seufzte aus tiefster Seele auf. Nein, nach dieser Art von Arbeit stand ihm nicht der Sinn.

      „Hast du Lust auf Berichte lesen und schreiben?“, fragte der Jüngere den Älteren mit so einem hilflosen Unterton in der Stimme und einem verzweifelten Ausdruck in den Augen. „Komm Semir, lass uns eine Runde Streife fahren. Vielleicht entdecken wir ja was in Zusammenhang mit den Überfällen!“

      Diese Aussage und der Anblick von Ben dabei zauberten bei dem kleinen Türken ein feixendes Grinsen auf dem Gesicht. Der Ältere schnappte sich seinen Autoschlüssel und meinte nur. „Unter der Voraussetzung, dass ich heute zur Abwechslung mal wieder fahre!“

      ******

      Laut Einsatzplan hätten die beiden Autobahnpolizisten heute die Strecke auf der A3 zwischen Köln Nord und Siegburg kontrollieren sollen. Der planlose Beginn ihrer Streifenfahrt hatte die beiden Autobahnpolizisten auf die A4 in Richtung Aachen gebracht, eigentlich eine völlig andere Fahrtrichtung. Anfangs hatten sie sich angeregt unterhalten. Semir öffnete sich und redete sich seinen Kummer von der Seele und Ben merkte, wie sich sein Partner mehr und mehr entspannte. Der Blick des Dunkelhaarigen hing dabei am Außenspiegel, in dem er den Verkehr hinter dem BMW beobachtete. Die Dämmerung setzte bereits ein.

      „Sag mal Semir, täusche ich mich oder haben wir einen Schatten an der Backe?“

      Der Türke warf ihm einen verwunderten Blick zu und beobachtete anschließend den Verkehr im Rückspiegel. „Wen meinst du?“

      „Den schwarzen Toyota! Vier Fahrzeuge hinter uns! … Ich könnte schwören, der hängt seit der Ausfahrt Köln Nord hinter uns … immer schön im gleichen Abstand …Mal hinter einem LKW … da passt was nicht!“
    • „Was hältst du davon, wenn wir die nächste Rastanlage ansteuern? Dann sehen wir ja, ob er uns folgt!“

      Ben nickte zustimmend und beobachtete weiter das verdächtige Fahrzeug. Und tatsächlich, als Semir den Blinker setzte, um von der Autobahn abzufahren, folgte ihnen das auffällige Auto mit gebührendem Abstand.

      „Schauen wir uns die Galgenvögel mal näher an?“, schlug Ben vor.

      Obwohl es schon früher Abend war, war der Rasthof noch nicht mit LKWs überfüllt, deren Fahrer für die Nacht einen Schlaf- und Ruheplatz benötigten. Langsam rollte der silberne BMW durch die Parkreihen. Suchend blickten sich die beiden Autobahnpolizisten nach einem passenden Parkplatz, ein wenig abseits, um.

      „… Park dort drüben ein und dann knöpfen wir uns die Typen einmal vor!“

      Ben zeigte auf eine großzügige Parklücke am Ende der ausgewiesenen Parkfläche für PKWs.
      Im Schritttempo befuhr der schwarze Toyota die Parallelspur des Parkplatzes und schien gleichfalls eine Parklücke zu suchen. Das Fahrzeug setzte an, einzuparken. Der Fahrer hatte den Toyota angehalten, als die beiden Kommissare den silbernen BMW verlassen hatten und auf die Verdächtigen zusteuerten.

      Im schwarzen RAV4 blaffte der Beifahrer seinen jüngeren Fahrer wutentbrannt an.
      „Hau ab! … Die Bullen haben was gemerkt! … Die laufen direkt auf uns zu! … Los mach schon! … Licht aus! Und zurück auf die Autobahn!“
      Der Fahrer startete den Motor und setzte seinen Toyota rücksichtslos zurück und beschleunigte das Fahrzeug, so dass die Reifen durchdrehten. Mit völlig überhöhter Geschwindigkeit raste das verdächtige Fahrzeug zurück auf die Autobahn.
      „Du Trottel, das nächste Mal hältst du mehr Abstand, wenn ich es dir befehle!“ grummelte der Beifahrer des schwarzen Fahrzeugs verärgert weiter und überzeugte sich durch einen Blick über die Schulter, ob ihnen die Autobahnpolizisten folgten.

      Selbst ein Zwischenspurt half Ben nichts. Er hatte nicht einmal den Hauch einer Chance das Nummernschild entziffern können.
      „Hast du dir das Kennzeichen merken können?“, erkundigte er sich etwas außer Atem beim Älteren. Der schüttelte den Kopf.
      „Verfolgen ist zwecklos, den kriegen wir in dem Feierabendverkehr sowieso nicht mehr!“, stellte der Türke fest.
      „Naja, dann könnten wir ja eine kleine Kaffeepause einlegen und Hunger habe ich auch!“ meinte Ben und deutete auf die Raststätte, „außerdem stehen hier so viele LKWs rum, kontrollieren wir halt hier und nicht hundert Kilometer weiter südlich! Ich habe nach den letzten Nächten sowieso das Gefühl, die Typen wissen genau wo wir Streife fahren.“

      Sie beratschlagten noch kurz, ob sie sich bei der Zentrale abmelden sollten, ließen es aber sein. Den Anschiss von der Krüger konnten sie sich auch noch morgen früh abholen. Semir parkte seinen BMW nochmals um, um nachts möglichst einen guten Überblick auf die parkenden LKWs zu haben. Währenddessen holte Ben belegte Brötchen und für jeden einen Becher Kaffee. Zäh zogen sich die nächsten Stunden dahin. Mehr als einmal gähnte Ben herzzerreißend vor sich hin.

      Es war bereits weit nach Mitternacht. Die beiden Autobahnpolizisten wollten die Aktion schon abbrechen, als Semir ein paar verdächtige Männer entdeckte, die aus einem Sprinter ausgestiegen waren und zwischen den LKWs herumschlichen, als suchten sie etwas Bestimmtes. Er stupste Ben an, der vor sich hindöste.

      „Ssst, wach auf! … Siehst du die Kerle dort drüben, die zwischen den LKWs mit der gelben Plane herumschleichen!“

      Innerhalb einer Sekunde war der Dunkelhaarige hellwach. Mit seiner Linken griff er zum Mikro der Funkanlage und blickte seinen älteren Kollegen fragend an. Dieser schüttelte ablehnend den Kopf.

      „Lass mal! … Ist mehr so ein Bauchgefühl! Wir rufen die Kavallerie erst, wenn wir einen Treffer gelandet haben.“

      So leise wie möglich verließen die beiden Polizisten ihr Dienstfahrzeug, zogen ihre Schusswaffen aus dem Holster und entsicherten diese. Stumm, mit Handzeichen verständigten sich die beiden Freunde. Als einer der Verdächtigen ein Taschenmesser aus der Hosentasche zog und mit der Klinge die Plane des LKWs aufschlitzte, war Ben und Semir klar, dass sie vermutlich einen Volltreffer gelandet hatten. Der Jüngere blieb ein bisschen zurück und zückte wie vereinbart sein Handy, leise fast schon flüsternd informierte er die Dienststelle. Zu seiner Überraschung antwortete Kim Krüger am Ende der Leitung. „Guten Abend Frau Krüger! Jäger hier! … Keine Vorträge! Hören sie mir einfach zu! Semir und ich befinden uns auf der Rastanlage Frechem in Fahrtrichtung Aachen. Wir brauchen dringend Verstärkung. Schicken Sie alles her, was verfügbar ist. Die Kerle, die die LKWs ausrauben, schlagen hier gerade zu.“
      „Jäger, sind Sie sich sicher?“
      „Ja, wir sind uns absolut sicher!“

      Bevor die Chefin zu einer weiteren Erwiderung oder Frage ansetzen konnte, hatte Ben das Gespräch beendet. Jedoch entwickelten sich die Dinge so rasend schnell, dass keine Zeit mehr blieb, um auf die Verstärkung zu warten.

      Jede Deckung ausnutzend, huschte Ben näher an den Tatort heran. Sein Freund benötigte dringend seine Rückendeckung. Das musste der dunkelhaarige Kommissar der Diebesbande zugestehen, die Typen waren ein eingespieltes Team, die diese Aktion bestimmt nicht das erste Mal durchführten. Alle drei Männer, die umher schlichen, waren in dunklen einteiligen Arbeitsanzügen gekleidet. Ihre Gesichter wurden von Sturmmasken verborgen. Und sie waren bewaffnet und gefährlich! Deutlich zeichneten sich im schwachen Licht der Parkplatzbeleuchtung ihre Schusswaffen ab, die sie in Holstern an der Hüfte trugen. Während einer der Diebe geschickt auf die Ladefläche des LKWs kletterte, fuhr ein weiterer Verdächtiger den dunklen Sprinter ohne Aufschrift zum Abtransport der gestohlenen Ware näher heran. Zwischen den Reihen der parkenden LKWs waren sie vor ungewollten Blicken gut geschützt. Der Kleintransporter hielt vor dem Zielobjekt an und der Motor verstummte. Zwei weitere bullige Typen stiegen aus dem Kleintransporter aus und blickten sich sichernd um. Scheinbar sollten sie die Aktion absichern und unerwünschte Zuschauer vom Eingreifen abhalten. Sie teilten sich auf.
    • Durch Handzeichen gab Semir seinem jüngeren Kollegen zu verstehen, dass er einen der Typen ausschalten sollte, während er sich um dem anderen kümmerte. Von hinten näherte sich Ben leise den etwa gleich großen Mann an. Bevor dieser so richtig begriff, was los war, hatte ihn der jüngere Kommissar mit einem gezielten Hieb seines Pistolenknaufs auf den Kopf ins Land der Träume geschickt. Vorsichtig ließ er den Bewusstlosen zu Boden gleiten und legte ihm Handschellen an. Auf der anderen Seite des LKWs gab ihm Semir durch ein Handzeichen „Daumen hoch“ zu verstehen, dass auch seine Aktion erfolgreich war. Jetzt galt es die restlichen Typen zu stellen. Wieder zählte der Ältere über Handzeichen runter … drei … zwei … eins … null – Faust! … Fast synchron schrien die beiden Kommissare lauthals ihren Befehl.

      „Halt Polizei! … Waffen fallen lassen! … Stehen bleiben und Hände an die Bordwand des LKWs!“

      Dabei näherten sie sich mit gezückten und entsicherten Schusswaffen dem Kleintransporter und den Verdächtigen an. Nur die Diebe dachten überhaupt nicht daran sich zu ergeben und der Aufforderung der Polizisten Folge zu leisten. Der nächste Befehl blieb Semir förmlich in der Kehle stecken. Die Hecktüren des Transporters wurden aufgestoßen und eine weitere Person mit einer Maschinenpistole in der Hand erschien. Ohne Warnung eröffnete der Tatverdächtige das Feuer in Richtung auf die Polizisten. Das Mündungsfeuer am Maschinengewehr blitzte auf.

      Gerade noch rechtzeitig schaffte es Ben mit einem wagemutigen Hechtsprung hinter dem Reifen eines LKWs Deckung zu finden. Er atmete kurz durch, drehte sich um die eigene Achse und erwiderte auf dem Boden liegend das Feuer. Die nächste Salve des Verdächtigen ging in seine Richtung. Bei jedem Einschlag einer Kugel in den Boden spritzten kleine Erdbrocken auf.

      „Oh Fuck!“ entfuhr es Ben wütend, als die Erdklumpen auf ihm niederfielen. Er rollte sich erneut um die eigene Achse und bekam ein freies Schussfeld auf den Kleintransporter. Mit gezielten Schüssen gelang es Ben, die Hinterreifen des Fahrzeugs zu zerschießen. Seine Gegner heulten wütend auf, als er ihnen ihre mobile Fluchtmöglichkeit geraubt hatte. Es war Semir, der den Heckenschützen im Heck des Transporters mit einem gezielten Schuss außer Gefecht setzte. Sein schmerzerfüllter Schrei durchdrang die Nacht.

      Geweckt durch den Lärm des Schusswechsels, waren inzwischen aus den geparkten LKWs deren Fahrer herausgekrochen. Der eine oder andere rieb sich verschlafen über die Augen und versuchte herauszufinden, was um ihn herum geschah. Semir brüllte ihnen hektisch zu.
      „Im Fahrzeug bleiben! … Polizei …. Verschwinden sie aus der Schusslinie!“
      Der Kommissar lief zum verletzten Heckenschützen hinüber und kickte dessen Maschinengewehr zur Seite. Trotz der Verwundung legte er ihm Handschellen an. Die drei anderen Diebe hatten zwischenzeitlich auch kapiert, dass dieser Überfall gescheitert war und suchten zu Fuß ihr Heil in der Flucht.

      Zeitgleich hatten ein paar entschlossene Brummi Fahrer recht schnell begriffen, was hier auf dem Rastplatz sich abspielte und ließen sich von den umherfliegenden Kugeln bzw. den gezogenen Waffen der Täter nicht abschrecken. Gewarnt durch den gewaltsamen Tod ihres Kollegen vor einigen Tagen, hatten sie Baseballschläger und andere Verteidigungsmittel in ihren Fahrerkabinen gelagert, um sich im Falle eines Angriffs ihrer Haut erwehren zu können. Ihre Übermacht bereitete der Flucht von den drei Verdächtigen ein schnelles Ende. Eingekesselt von den wütenden Fahrern blieb denen gar nichts anders übrig, als sich zu ergeben.

      Der Fahrer des Kleintransporters ergriff ebenfalls zu Fuß die Flucht. Während Semir den Tatort absicherte, verfolgte Ben den Verdächtigen. Leichtfüßig sprang der Mann über die Leitplanken und Absperrungen des Parkplatzes und eilte in Richtung der Fahrstreifen der Autobahn. Dabei übersah der Verdächtige einen PKW, dessen Fahrer zurück auf die Autobahn wollte, bereits beschleunigte und zur nächtlichen Stunde den rennenden Mann zu spät erkannte. Frontal wurde der Flüchtige von dem hellen Fahrzeug erfasst und durch die Luft gewirbelt. Er landete auf einem Findling, der auf dem Grünstreifen das unerlaubte Parken verhindern soll.

      Ben stoppte seinen Lauf ab. Ein Schauer rann ihm über den Rücken, beim Anblick des Unfallopfers. Langsam näherte er sich dem Mann und prüfte an der Halsschlagader, ob der Mann noch lebte. Nichts! Gar nichts! Der Kopf lag in einer unnatürlichen Haltung und eine Blutlache breitete sich unaufhaltsam darunter aus, tropfte über den Stein gen Boden. Der Fahrer des PKWs war ausgestiegen. Die spärliche Beleuchtung des Parkplatzes reichte aus, damit Ben erkennen konnte, wie kreidebleich der ältere Herr war und zitterte.
      „Ich habe ihn nicht gesehen … ich habe ihn nicht gesehen!“ murmelte er völlig geschockt vor sich hin. „Das müssen sie mir glauben … Sie haben es doch auch gesehen!“
      Beschwörend hob der Grauhaarige seine Hände entgegen. Im Hintergrund flackerten am nächtlichen Himmel Blaulichter auf. Die Sirenen wurden von Sekunde zu Sekunde lauter. Die Kollegen, die Frau Krüger zur Verstärkung geschickt hatte, waren in Anmarsch.
      „Beruhigen sie sich! …. Sie können nichts dafür!“, redete der junge Kommissar auf den geschockten Mann ein. Im fahlen Licht konnte er erkennen, wie der Mann vor Aufregung an seine Brust auf Höhe des Herzens griff. „Atmen sie langsam ein und aus!“ Ben schob den älteren Herrn vom Unfallopfer weg und über gab ihn an einen der Kollegen aus den ersten Streifenwagen, die mittlerweile am Tatort eingetroffen waren. „Ruf ihm am besten einen Rettungswagen!“ Mit Hilfe eines anderen Kollegen des Streifendienstes sicherte er die Unfallstelle ab und warf eine Decke über das Unfallopfer.

      Ben machte sich Sorgen um seinen Partner. Im Hintergrund waren nochmals Schüsse gefallen. Nachdem er sich sicher war, dass seine Kollegen alles im Griff hatten, eilte er sorgenvoll im Laufschritt zurück zum Sprinter.
    • Dort angekommen, stellte er erleichtert fest, dass mit seinem Partner alles in Ordnung war und auch Semir die Situation völlig unter Kontrolle hatte, dank der Verstärkung.

      „Hast du den Fahrer?“, erkundigte sich der Ältere beim Jüngeren.

      „Wie man es nimmt! Der Kerl wollte Kühlerfigur spielen und ist stockvoll in ein Auto gerannt, den werden die Jungs wohl von dem Steinblock, auf dem er gelandet ist, runter kratzen müssen!“, lautete der trockene Kommentar des jüngeren Kommissars, der damit die dramatische Situation und seine eigenen Emotionen etwas überspielen wollte, „Und bei dir?“ Sein Blick schweifte in die Runde. „Was war bei dir los?“

      „Ich musste ein paar Mal in die Luft schießen, sonst hätten die Brummi-Fahrer unsere Freunde hier abgeschlachtet!“

      Dabei deutete er auf drei Verdächtige, die bereits Handschellen trugen und in zwei Streifenwagen verfrachtet wurden. Nach und nach trafen noch mehr Streifenwagen und der Rettungsdienst ein. Zum Schluss kamen die Kollegen von der KTU. Bis alle Spuren und Beweise mit Hilfe der Kollegen gesichert waren, alle Zeugen befragt waren, setzte bereits am Horizont die Morgendämmerung ein.

      Völlig erschöpft kehrten Ben und Semir auf die PAST zurück, auf der sie von Frau Krüger erwartet wurden. Die Verdächtigen waren von ihr und Kollegen des LKAs bereits vorab verhört worden und auf dem Weg zur JVA Ossendorf. Ohne zu zögern, hatte der Richter Haftbefehle erlassen.
      Innerlich bereite Ben sich schon darauf vor, von seiner Chefin wieder mal einen Einlauf zu bekommen, weil sie sich nicht an die Anweisungen gehalten hatten und auf einem anderen Teilstück der Autobahn, als abgesprochen, aufgehalten hatten. Ihr Kommentar beim Telefonanruf vor einigen Stunden verhieß nichts Gutes. Mit verschränkten Armen erwartete sie ihre beiden Kommissare bereits in der Nähe der Eingangstür.

      „Gute Arbeit, Männer!“, begrüßte sie Ben und Semir, die überrascht, die Augenbrauen hoben. Ein Lächeln huschte über ihren Mundwinkel, als sie den verdutzten Gesichtsausdruck ihrer Kommissare sah. „Wenn sie ihre Berichte fertig geschrieben haben, legen sie diese auf meinen Schreibtisch. Anschließend können sie Feierabend machen! So wie es aussieht, haben sie tatsächlich einen Volltreffer gelandet. Glückwunsch Jungs! … Sprich die Nachtschicht morgen entfällt und ich sehe sie erst am Montagmorgen zur Frühschicht wieder meine Herren!“

      *****

      Semir verbrachte an seinen beiden freien Tagen jede mögliche Minute mit seiner Familie oder mit Andrea alleine. Er ließ nichts unversucht, um sich mit Andrea wieder zu versöhnen, signalisierte seine Bereitschaft für Veränderungen. Aber seiner Frau fiel es nicht leicht, ihrem Mann einfach so seine Fehler zu verzeihen. Zu oft, war sie in der Vergangenheit von ihm enttäuscht worden, hatte er ihr Versprechungen gemacht und diese nicht eingehalten. Sie machte ihm klar, dass, wenn ihre Beziehung, ihre Ehe, eine neue Chance bekommen sollte, sich einiges im Familienleben und ihrem Zusammenleben grundlegend ändern musste, er sich verändern musste. Andrea stellte ihren Mann Bedingungen, bei denen der Türke erst einmal schlucken musste. Sie beharrte darauf, zumindest wieder halbtags zu arbeiten und wollte die Stelle in der Staatsanwaltschaft annehmen. Auch der Auszug aus dem gemeinsamen Haus war unabdingbar, entweder als geschiedene Eheleute oder in ein gemeinsames neues Domizil als Familie Gerkhan.

      Der Türke brauchte ebenso ein bisschen Bedenkzeit, vor allem Andreas Bedingung einen gemeinsamen Gesprächstermin bei dem Psychologen Dr. Eberlein wahrzunehmen, stellte für ihn eine riesige Hürde dar. Deshalb verbrachte der kleine Türke den Sonntagnachmittag alleine mit seinen Kindern im Kölner Zoo. Als er seine rumtollenden Mädchen auf dem Abenteuerspielplatz beobachtete, hatte er das Gefühl einen Spiegel vorgehalten zu bekommen, der ihn mehr als deutlich zeigte, welchen Stellenwert seine Familie in seinem Leben besaß. Am späten Abend brachte er die beiden Mädchen zurück zu ihrer Mutter.

      Aida und Lilly stürmten in das Haus ihrer Großeltern und plapperten munter drauf los, erzählten von ihren Erlebnissen im Zoo, dem Abendessen in der Pizzeria und der Rieseneisportion als Nachtisch. Mit einem Lächeln auf den Lippen blieb Andrea währenddessen am Gartentor stehen.

      „Der Nachmittag hat den Mädels scheinbar riesigen Spaß gemacht! Ich …!“

      „Andrea!“ fiel ihr Semir ins Wort und hielt sie fast schon zärtlich am Arm fest. „Ich habe nachgedacht. Heute Nachmittag … über die Kinder … uns beide …!“ er suchte irgendwie verzweifelt nach den richtigen Worten. „Du hast in vielen Dingen Recht. … Mach den Termin bei diesem Psychologen! Ich werde mitkommen, versprochen!“

      Die Augen von Andrea leuchteten auf.

      „Ehrlich?“

      Er bewegte den Kopf auf und ab. „Ja! Versprochen! … und keine unerwarteten Zwischenfälle werden mich davon abhalten!“

      Sie hauchte ihm zum Abschied einen Kuss auf die Lippen, der Erste seit einer gefühlten Ewigkeit.
    • Es kostete Ben am Sonntagmittag einige Überwindung zu Anna ins Auto zu steigen, um die Einladung zum Mittagessen bei seiner Schwester anzunehmen. Der Zorn gegenüber seinem Schwager Peter schwelte noch unterschwellig in ihm. Mit Engelszungen redete Anna während der Fahrt auf ihren Freund ein. Was Ben nicht wusste, hinter seinem Rücken hatten sich Anna und Julia zusammengetan und sich einen Plan ausgedacht, um die beiden Streithähne wieder miteinander zu versöhnen.

      Julia und ihr Mann wohnten seit einem knappen Jahr in der Villa von Konrad Jäger. Einen Teil der Räumlichkeiten hatte ihnen Bens Vater nach seinem Herzinfarkt zu Verfügung gestellt. Dank eines kleinen Anbaus und einigen Umbauarbeiten innerhalb des Hauses, hatten die beiden jungen Leute einen eigenen Seiteneingang und ein eigenes, von Konrads Wohnräumen abgegrenztes Reich.

      Julia öffnete die Haustür und Ben konnte gar nicht anders, als seine Schwester in den Arm zu nehmen und herzlichst an sich zu drücken, soweit das mit ihrem vorgewölbten Bauch möglich war. Er hatte die vergangen vier Wochen nur mit ihr telefoniert und als sie so vor ihm stand, wurde ihm bewusst, wie sehr er seine Schwester vermisst hatte. Er freute sich auf das Baby. Dank der Vorsorgeuntersuchungen wussten die werdenden Eltern, dass es ein Junge werden würde. Und klar, für Julia stand fest, dass ihr Bruder Patenonkel werden würde.

      „Du bist aber auseinander gegangen Schwesterherz“, meinte Ben mit einem schelmischen Grinsen im Gesicht. Mit seiner Hand streichelte er zärtlich über ihren Babybauch. „Der kleine Mann da drinnen, ist ganz schön gewachsen, seit ich dich das letzte Mal gesehen habe.“ So als hätte das Ungeborene seine Worte verstanden, verspürte er einen leichten Tritt gegen seine Hand. „Oha!“ lachte er auf. „Da hat jemand Temperament!“ Ben war in diesem Augenblick so glücklich und dankte seiner Freundin innerlich dafür, dass sie ihn zu diesem Besuch mehr oder weniger gezwungen hatte. Die beiden Frauen begrüßten einander nicht weniger herzlich.

      Im Esszimmer trafen sie auf Peter, Bens Schwager, der sich sehr zurückhielt. Auch während des Mittagsessens beteiligte sich Julias Mann kaum an dem Tischgespräch. Das vorherrschende Thema zwischen den beiden jungen Frauen drehte sich, wie sollte es anders sein, um das ungeborene Baby. Nach dem Essen begaben sich Anna und Julia in das zukünftige Kinderzimmer im ersten Stock. Bis auf die Terrasse hörte man die beiden jungen Frauen miteinander kichern. Julia führte ihrer Freundin Anna ihre neuesten Teile der Babyausstattung vor. Das vorherrschende Satz war „Oh, wie süß ist das denn!“

      Die beiden jungen Männer hatten sich mit einem Espresso auf die Terrasse begeben. Peter zog nervös an seiner Zigarette. Schuldbewusst blickte er auf den Terrassenboden aus italienischem Marmor. „Ich … ähm … ich … möchte mich … bei dir entschuldigen Ben!“ quetschte er heraus, schaffte es jedoch nicht, dabei Ben in die Augen zu blicken. „Das mit dem Privatdetektiv tut mir leid. … Ich habe wohl etwas überzogen reagiert!“ versuchte er sich zu rechtfertigen
      .
      Ben dachte an das, was ihm seine Freundin eingeschärft hatte. Beherrsche dich und flippe nicht aus, redete er sich ein, es geht um deine Schwester. Deutlich hörbar atmete der dunkelhaarige Mann aus und nuschelte: „Ich nehme die Entschuldigung an, Peter. Doch mach so etwas nie wieder! … Verstehst du! … Gerade du! …“ Ben stand an der Brüstung der Terrasse und blickte hinunter. Seine Hände hatte er abgestützt. Dort unten hatten seine Schwester und Peter vor gut zwei Jahren geheiratet. Die dramatischen Ereignisse des damaligen Tages kamen ihm wieder in den Sinn und Ben drehte sich um. Er stellte sich direkt vor Peter und zwang seinen Schwager ihm in die Augen zu blicken.

      „Weißt du was Peter? Ich habe dich nie gefragt, woher du das Geld genommen hast, um deine Schulden an diesen Kredithai zurückzuzahlen! … Ich habe nie ein Wort über deine Geldprobleme bei meinem Vater verloren … dir nie Vorhaltungen gemacht! … Niemals! … Für mich war nur immer ein Punkt wichtig, dass meine kleine Schwester Julia glücklich ist! Ich weiß, dass sich bei dir und Vater immer alles ums Geld dreht! Geld … Geld und nochmals Geld.“ Ben verzog bei diesen Worten sein Gesicht zu einer abfälligen Grimasse und machte mit der Hand eine wegwerfende Geste. „Doch gerade du solltest doch wissen, dass es im Leben noch etwas anderes gibt, was viel wichtiger ist: die Liebe. … Gönnst du mir mein Glück nicht? … Dass ich in Anna die Frau fürs Leben gefunden habe?“

      Peter schwieg betroffen. In seiner Mimik arbeitete es.

      Ben sprach weiter „Ich beneide dich nicht um den Job in der Firma meines Vaters. Ich konnte damit noch nie etwas anfangen. Dieses Gerede um Geld und Macht war mir noch nie wichtig! …Verstehst du! …“

      „Es ist gut Ben!“ fiel ihm Peter ins Wort „es ist gut! … Ich weiß nicht, welcher Teufel mich da geritten hat! …“ verzweifelt suchte er nach Worten, um sich zu verteidigen. Er kam nicht mehr dazu. Fröhliches Lachen erklang aus einem der Fenster über der Terrasse. Aus dem geöffneten Fenster blickte Julia auf die Terrasse herunter und rief in Richtung Ben.

      „Hallo Bruderherz strenge dich mal an! Anna ist völlig aus dem Häuschen, seit sie die Babykleidung für dein kleines Patenkind gesehen hat.“ Sie zeigte ihm einen Baby-Strampler. „Na wäre das nichts für euch?“

      „Nee, lass mal Julia! Anna und ich lassen uns noch ein bisschen Zeit mit Nachwuchs!“

      Der Rest des Nachmittags verlief relativ ausgeglichen. Zwischen Ben und Peter war noch nicht die alte Harmonie von früheren Zeiten zu spüren. Doch die beiden Damen registrierten beruhigt, dass die beiden Männer sich zumindest wieder über Autos und Motorräder unterhielten. Da die hochschwangere Julia bereits seit einigen Tagen leichte Wehen hatte, hatte ihr Frauenarzt empfohlen, viel zu ruhen und sich nicht mehr anzustrengen. Ben und seine Freundin verabschiedeten sich früher als ursprünglich geplant. Auf der Rückfahrt drehte sich das Gespräch von Anna und Ben natürlich um das ungeborene Baby und Julia.
    • Das LKA hatte den Fall wegen der Überfälle auf die LKWs komplett übernommen. Die Bande agierte bundesweit. Semir und Ben sollten nur noch auf Anforderung unterstützend mit eingreifen. Einer der Verhafteten der Rastanlage Frechem packte aus und lieferte entscheidende Hinweise zur Festnahme von weiteren Überfallkommandos und der Hintermänner. Somit wurde der Arbeitsalltag von den beiden Autobahnpolizisten von täglicher Routinearbeit beherrscht.

      Ben lümmelte so richtig bequem auf dem Beifahrersitz und verspeiste einen Snack nach dem anderen, die er sich bei einem Zwischenstopp auf einer Rastanlage gekauft hatte.

      „Oh man Ben, muss das sein?“ maulte Semir seinen jüngeren Kollegen an.
      „Was hast du denn Kollege?“ meinte er mit vollem Mund. „Du wolltest doch nichts ab haben!“
      „Na das!“ dabei zeigte der Türke auf die zerknüllten Verpackungen der Müsliriegel im Fußraum und die Bananenschale auf der Mittelkonsole. „Mein Auto sieht aus wie eine Müllhalde!“
      Ben stopfte sich den letzten Bissen der Banane in den Mund. „Was kann ich dafür, dass ich ständig Hunger habe!“
      „Wie hält das Anna denn nur mit dir aus?“
      „Ganz einfach, die isst mit!“, feixte Ben. „Wie läuft es denn bei dir und Andrea? Wie geht es weiter? … Hattet ihr den Termin beim Psychologen schon?“
      Mit seinen Fragen versuchte Ben seinen Partner abzulenken, da er befürchtete, sonst nach Dienstschluss tatsächlich das Auto putzen zu müssen.
      „Der Termin war gestern Abend. Wenn es den Herrn interessiert und übermorgen werden Andrea und ich so richtig groß ausgehen!“, grinste Semir selbstzufrieden vor sich hin. Bevor er weitere Details verraten konnte, wurden sie durch einen Funkruf unterbrochen.

      „Zentrale für Cobra 11! Hallo Jungs, wo seid ihr denn gerade?“, säuselte kurz vor Dienstschluss Susannes Stimme aus dem Lautsprecher. Ben stöhnte auf, das konnte nur Überstunden bedeuten. Darauf hatte er absolut keinen Bock.

      „Na los, geh schon ran!“, forderte ihn der Deutsch-Türke auf.

      Nach einem langen Seufzer nahm er das Mikro in die Hand „Cobra 11 hört! Was gibt es denn noch Susanne, wir sind auf der A4 in Fahrtrichtung Olpe. Sprich wir haben nur noch ein paar Kilometer bis zur PAST und zum Feierabend!“

      „Das trifft sich gut. Ihr müsstet eigentlich den Stau gleich bemerken. Bei Kilometer 756 hat ein PKW die Leitplanke durchbrochen und Feuer gefangen. Sorry, … ihr seid die letzten, die vor Schichtwechsel noch draußen seid. Schaut euch die Sache mal an. Der Autofahrer, der den Unfall gemeldet hat, hat so ein paar komische Beobachtungen gemacht!“

      „Oh nee, das ist doch nicht dein Ernst Susanne“, nörgelte Ben los. „Kann das nicht die Nachtschicht übernehmen?“, legte er gleich vorwurfsvoll hinterher. Von seinem Fahrer erntete er dafür einen anerkennenden Blick.

      „Vergiss es Ben! Schau da, vorne! Wir haben schon das Stauende erreicht!“, revidierte der Türke gleich wieder seine Meinung. Gleichzeitig schaltete er Blaulicht und Sirene ein, in der Hoffnung, dass die anderen Verkehrsteilnehmer eine Rettungsgasse bildeten, damit sie schneller den Unfallort erreichen konnten.

      „Ok Susanne, wir übernehmen! Sind denn der Rettungsdienst und die Feuerwehr schon unterwegs?“, fragte Ben sicherheitshalber nach und tippte seinen Partner an der Schulter an und deutete auf die dunkle Rauchsäule, die am Horizont nach oben stieg.

      „Alles schon in die Wege geleitet Ben. Keine Ahnung, wie lange die durch den dichten Feierabendverkehr brauchen. Und keine Sorge, die Kollegen von der Nachtschicht schicken sofort Streifenwagen zur Unterstützung raus. Ähm … ich sehe gerade, die ersten Fahrzeuge fahren gerade vom Hof. Zentrale Ende!“

      „Oh, man können die nicht zur Seite fahren und Platz machen!“, regte sich der junge Kommissar über das Verhalten der anderen Verkehrsteilnehmer auf. „Komm fahr über die Standspur Semir, so brauchen wir ja eine halbe Ewigkeit, bis wir am Unfallort ankommen!“ die letzten Worte klangen schon recht genervt.

      „Wie der Herr befehlen!“, meinte der Deutsch-Türke mit einem leichten Grinsen im Gesicht und scherte aus. „Bitte festhalten Kollege, es könnte ein bisschen holprig werden!“ Währenddessen fuhr er über den Grünstreifen und nicht nur er, sondern auch Ben wurde ordentlich durchgeschüttelt. „Boah, mein Essen kommt gleich wieder hoch! Kannst du nicht ein bisschen sanfter fahren!“, beschwerte sich der junge Kommissar.

      Sie kamen dem Unfallort näher. Von ihrer Position aus konnte Ben die durchbrochene Leitplanke am rechten Straßenrand erkennen und wurde schlagartig ernst. Schaulustige standen herum und diskutierten miteinander. Semir betätigte die Hupe, damit er Platz zum Durchfahren bekam
      .
      „Oh man, immer das gleiche mit diesen Vollpfosten!“ fing Ben an rum zu maulen. Der Rest seiner Worte blieb ihm förmlich in der Kehle stecken. Er hatte den Wagen, der dort im Getreidefeld lag, erkannt. Es war der metallic-blaue Mercedes SLK seiner Schwester. Er spürte förmlich wie ihm alle Farbe aus dem Gesicht wich, sein Herz fing wie wild an zu rasen und er keuchte völlig verstört auf: „Oh mein Gott! Bitte nicht! …. Nein bitte nicht!“ Noch bevor sein Kollege den BMW endgültig zum Stillstand gebracht hatte, öffnete er die Beifahrertür und verließ den noch rollenden Wagen. Im Vollsprint rannte er auf die Unfallstelle zu und rief dabei wiederholt den Namen seiner Schwester „Juuuliiiaaaa!“
    • Semir verstand im ersten Moment überhaupt nicht, was plötzlich in seinen jungen Partner gefahren war.

      „Hey Ben! … Spinnst du vollkommen?“

      Der Türke parkte seinen Wagen am Straßenrand und stieg aus. Zum einen vernahm er Bens fast schon hysterische Stimme. Welchen Namen rief er denn da? Verwundert blickte der Ältere hinter den jungen Polizisten her, der völlig durchgedreht auf den Wagen zu rannte, der dort lichterloh brannte. Er schien jeglichen Selbstschutz vergessen zu haben. Das konnte nur in einer Katastrophe enden.

      „Ben! …. Ben pass auf! Der Wagen fliegt gleich in die Luft!“, warnte er seinen Partner lautstark.

      Hinten am Kofferraum neben dem Benzintank schlugen die lodernden Flammen ins Freie, es war nur noch eine Frage von Sekunden bis der Mercedes explodieren würde.

      „Los weg hier!“, forderte er die Schaulustigen mit einer entsprechenden Geste seiner Hände auf, sich vom Unfallort zu entfernen. Einige der Gaffer schien das nicht zu interessieren. Sie hielten ihre Handys in den Händen und filmten die dramatische Szene, die sich vor ihren Augen abspielte. „Verdammt!“, fluchte Semir „Habt ihr was an den Ohren? … Leute los, macht einen Abflug! … Bringt euch aus der Gefahrenzone!“
      Auch wenn die Leute murrten, erkannte selbst der Letzte unter ihnen die Gefahr, in der sie schwebten und sie leisteten der Aufforderung des Autobahnpolizisten Folge. Aus der Ferne waren die Sirenen der herannahenden Feuerwehr und des Rettungsdienstes zu vernehmen.

      Ben hörte den Warnschrei seines Partners nicht. Der Dunkelhaarige kannte nur noch ein Ziel, seine Schwester aus dem brennenden Wagen retten. Obwohl er das letzte aus seinem Körper herausholte, kam er zu spät. Keine Chance! Der Wagen explodierte vor seinen Augen. Die Druckwelle schleuderte ihn auf den Boden und er landete hart auf seinem Rücken. Mit dem Kopf schlug er auf einen Stein auf. Um ihn herum wurde es dunkel.

      ****

      Langsam schwanden die dunklen Schatten, die den jungen Kommissar gefangen hielten. Wie lange war er ohnmächtig gewesen? Ben konnte es nicht sagen … waren es nur Sekunden oder gar Minuten gewesen. Es regnete Erdbrocken, kleine Steine, Glassplitter und andere Kleinteile des Mercedes auf ihn runter. Seine Ohren pfiffen und rauschten nur noch. Er nahm seine Umgebung überhaupt nicht mehr richtig wahr. Mit seiner Hand wischte er sich den Schmutz aus dem Gesicht. Einige Hautstellen an der Wange und der Stirn brannten, aber irgendwie war dies Ben überhaupt nicht bewusst. Mühsam stützte er sich auf seinen rechten Unterarm und richtete seinen Oberkörper in Zeitlupentempo wieder auf. Kniend blieb sein Blick an dem brennenden Auto vor ihm haften. Eine dunkle Rauchwolke stand über dem Wrack. Die Flammen schlugen aus dem Inneren des Wagens ins Freie. Die Hitze des Feuers verhinderte, dass man sich dem Mercedes annähern konnte. In dem jungen Polizisten war nur noch grenzenlose Verzweiflung. Sein Körper zitterte. Etwas Warmes sickerte am Rücken entlang und tränkte sein Shirt. Tränen rannen ihm über das Gesicht vermischten sich mit dem Schmutz und dem Blut aus den kleinen Risswunden. Die Martinshörner der Einsatzkräfte, die sich dem Unfallort näherten, drangen an sein Ohr. Plötzlich spürte Ben, wie sich eine Hand auf seine Schulter legte und ihn jemand ansprach. Es dauerte eine Weile bis er den Sinn der Worte erfasste und die Person erkannte.

      „Ben! … Ben! Beruhige dich! Um Gottes Willen, Partner komm wieder zu dir! Julia war nicht mehr im Wagen. Hörst du mich?“ Semir kniete vor ihm und hielt ihn an den Schultern fest. Mit einer Hand tätschelte er Bens Wange. „Hey Partner, schau mich an. Ein paar beherzte Männer haben sie rechtzeitig aus den Wagen gezogen. Sie ist bewusstlos und liegt dort drüben, aber sie ist verletzt. Wie schwer, kann ich dir nicht sagen?“ Langsam sprach Semir auf seinen Freund ein. „Hast du mich verstanden?“ Andeutungsweise nickte der junge Kommissar und suchte mit seinen tränenverschleierten Blick nach seiner jüngeren Schwester. Semir erhob sich und zog seinen jungen Kollegen auf die Beine.

      „Ist mit dir alles in Ordnung? … Ist dir was passiert? Du blutest!“

      Bens Knie waren immer noch butterweich. Wenn ihn Semir nicht gestützt hätte, wäre er wahrscheinlich wieder in sich zusammengesunken. Er spürte nichts … nur das lästige Pfeifen in den Ohren. Das Zittern seines Körpers war verflogen und stattdessen machte sich ein Eisklumpen, der seine Kälte verbreitete, in ihm breit.

      „Alles ok Semir!“, nuschelte er und versuchte seinen besorgten Partner zu beruhigen.

      Langsam gingen sie auf die Stelle zu, an der man seiner Schwester Erste Hilfe leistete. Irgendjemand hatte sie in eine stabile Seitenlage gebracht. Deutlich zeichnete sich ihr gewölbter Bauch unter der Rettungsdecke ab. Aus einer klaffenden Kopfwunde an ihrer linken Schläge strömte unaufhaltsam Blut. Ein älterer Herr drückte eine Kompresse darauf und versuchte die Blutung zum Stillstand zu bringen. Ansonsten sah sie unverletzt aus. Ben nahm alles wie durch einen Schleier wahr. Als er sich neben seiner Schwester hinknien wollte, wurde er von einem Sanitäter zur Seite geschoben, der zwischenzeitlich mit dem Notarzt eingetroffen war.

      „Machen Sie mal Platz! Na los! Gehen sie auf Seite, damit wir die Verletzte besser versorgen können!“

      Die Anweisung galt auch die für umher stehenden Schaulustigen, die den Rettungskräften im Weg standen. Wie gebannt, beobachtete Ben den Notarzt und die Sanitäter, als diese sich um seine Schwester kümmerte. Sein Herzschlag hämmerte in seinen Schläfen. Vereinzelte Wortfetzen kamen in seinem Gehirn an.

      „… Verdacht auf Schädel-Hirn-Trauma … Rettungshubschrauber … Uni-Klinik … Neurologie …“

      Panik stieg in ihm auf. Bitte nicht seine kleine Schwester, sie musste weiterleben, sie hatte sich doch so auf das Baby gefreut. Er hatte sich darauf gefreut Onkel zu werden und jetzt das.
      Übelkeit stieg in ihm hoch. Ben wendete sich zur Seite ab und übergab sich. Auf einmal fing alles an sich zu drehen, vor seinen Augen wurde es schwarz. Im letzten Moment konnte Semir den Sturz seines Partners abfangen und ließ ihn zu Boden gleiten.
    • Ein Sanitäter, der auf die Situation aufmerksam wurde, kam auf die beiden Polizisten zu.

      „Was ist mit dem Mann? Saß er auch im Unfallfahrzeug? erkundigte er sich hilfsbereit.

      Semir schüttelte den Kopf. „Nein, aber die Frau dort drüben ist seine Schwester! Er dachte, sie befindet sich noch im Mercedes und wollte sie aus dem brennenden Fahrzeug retten, als der Benzintank explodiert ist. Die Wucht der Explosion hat ihn voll erfasst und über den Boden geschleudert!“
      Wissend nickte der erfahrene Sanitäter. „Ok, ihr Kollege hat wahrscheinlich neben seinen Blessuren einen schweren Schock erlitten. Am besten wir nehmen ihn im Rettungswagen mit ins Krankenhaus. Seine Schwester wird mit dem Rettungshubschrauber transportiert. Der müsste sowieso jeden Moment hier eintreffen!“ Er hatte noch nicht zu Ende gesprochen, als die Geräusche eines sich nahenden Helikopters zu hören waren.
      Mittlerweile waren noch andere Streifenbeamte der PAST eingetroffen, die den Unfallort weiträumig abriegelten. Die Feuerwehr hatte mit Schaum das brennende Fahrzeug gelöscht.

      Ben öffnete seine Augenlider und wunderte sich, warum er auf dem Boden lag und jemand an seinem Arm zu schaffen machte. Ein Paar gutmütige blaue Augen blickten ihn an. Neben ihm kniete ein Sanitäter, der seinen Blutdruck messen wollte. Das Wort Krankenhaus hallte noch in seinem Kopf nach. Eigenwillig murmelte er: „Kein Krankenhaus! Ich gehe in kein Krankenhaus!“ und versuchte den Arm wegzuziehen.

      „Ben, sei vernünftig! Du bist gerade umgekippt. Wahrscheinlich hast du doch was bei der Explosion abbekommen, als du durch die Gegend geflogen bist!“, appellierte Semir an die Vernunft seines Partners, der auf der anderen Körperseite kniete. Aber der Ältere kannte den jungen Polizisten zu gut. Gegen den Widerstand des Sanitäters richtete Ben sich langsam auf. Sein Interesse galt einzig und allein dem Befinden seiner Schwester, die gerade vom Rettungsteam zum Rettungshubschrauber transportiert wurde. Der Hubschrauber startete und flog in Richtung Uni-Klinik Köln.

      „Ich muss meinem Vater Bescheid geben und Peter!“, wisperte der dunkelhaarige Polizist, der auf die umstehenden Personen noch völlig verstört wirkte.

      Der ältere Sanitäter, der noch neben Ben gekniet und den jungen Kommissar untersucht hatte, versuchte sein Glück, den jungen Polizisten zur Besinnung zur bringen.

      „Passen Sie auf! So wie Sie aussehen, sollten Sie sich im Krankenhaus durchchecken lassen. Was halten Sie davon, wir bringen Sie in die Notaufnahme der Uni-Klinik und anschließend können Sie nach ihrer Schwester sehen“, schlug er ihm vor.

      Stur wie Ben nun mal war, schüttelte er den Kopf und stöhnte unterdrückt auf, als das kleine Männchen in seinem Kopf wieder mit dem Hämmerchen zuschlug. Mit seinen Handflächen drückte er gegen seine Schläfen, als könne er so den Schmerz vertreiben.

      „Na gut“, erwiderte darauf der Sanitäter, Herr Naumann, stand auf seinem Namensschild. „Wenn Sie es schaffen selbstständig aufzustehen und zehn Schritte alleine zu laufen, gebe ich mich geschlagen. Schaffen Sie es nicht und kippen um, gehören Sie mir und meinem Kollegen. Verstanden!“
      Wild entschlossen versuchte Ben aufzustehen, als er sich aufgerichtet hatte, tanzte ein Feuerwerk aus bunten Sternen vor seinen Augen herum, in seinen Ohren rauschte es fürchterlich. Er kam sich vor, als wäre er an Deck eines Schiffes bei Windstärke zehn. Übelkeit stieg in ihm hoch. Der junge Polizist drohte wieder in sich zusammenzusacken. Wenn der Sanitäter und Semir nicht beherzt zugegriffen hätten, wäre er erneut in sich zusammengesackt.

      „Jetzt reicht es Ben!“, herrschte ihn sein Partner an „du lässt dich im Krankenhaus durchchecken und die Platzwunde verarzten! Oh, vergiss es mir zu erklären, dir geht es gut!“ Dabei zog er seine Hand hinter Bens Rücken hervor und zeigte ihm das Blut an seinen Fingern. Zusammen mit dem Sanitäter brachten er ihn zum Rettungswagen „Keine Widerrede du Dickschädel, ich rufe Anna an! Auch deinem Vater und Peter sage ich Bescheid. Also mach dir deswegen keine Gedanken.“

      Die Drohung mit seiner Freundin verfehlte nicht ihre Wirkung. Anna würde ihm die Hölle heiß machen, wenn er sich nicht durchchecken ließ.

      „Ja Papa Semir …. !“ murmelte der dunkelhaarige Polizist und gab sich geschlagen. Mit einem erleichterten Stöhnen ließ er sich auf die Transportliege niedersinken. Er spürte kaum den Einstich, als ihm der zwischenzeitlich weitere eingetroffene Notarzt einen Zugang für eine Infusion legte. Wenigstens würde er in die Uni-Klinik gebracht … also konnte er so schnell wie möglich zu seiner Schwester.
      *****
      In der Notaufnahme waren sein Kopf und Rumpf vorsorglich geröntgt worden. Seine Platzwunde und die kleinen Risswunden im Gesicht waren verarztet worden. Die Übelkeit und der Schwindel waren auch Stunden später nach dem Unfall noch da und bestätigten den Verdacht des behandelnden Arztes auf eine Gehirnerschütterung. Am Oberkörper hatte Ben einige schmerzhafte Prellungen erlitten, jedoch konnte der Arzt keine Knochenbrüche feststellen.

      Der behandelnde Arzt, Dr. Renger, saß an dem kleinen Schreibtisch des Behandlungszimmers und füllte die Patientenunterlagen aus. Ben lag mit geschlossenen Augen auf der Behandlungsliege. Die verabreichten Medikamente zeigten langsam ihre Wirkung. Der Schwindel und seine Schmerzen am Rücken verschwanden. Er überlegte gerade, ob er es riskieren könnte, sich zu erheben und zur neurologischen Intensivstation zu marschieren. Langsam richtete er seinen Oberkörper auf, als die Krankenschwester, die Dr. Renger zu Beginn der Behandlung assistiert hatte, etwas hektisch die Tür aufstieß, um das Krankenbett für Ben Jäger rein zu schieben.

      „Halt Herr Jäger! Bleiben sie liegen! Sie können nicht aufstehen!“, schrie sie los.

      „Erzählen sie mir nicht, was ich kann oder nicht kann, Schwester Nadja!“, gab Ben ächzend zurück. Mittlerweile saß er auf dem Rand der Liege und seine Füße hatten Bodenkontakt, als aus dem Hintergrund die Stimme des Arztes ihn ebenfalls ermahnte: „Herr Jäger, bitte sind sie doch vernünftig! Ich kann sie unmöglich in diesem Zustand nach Hause gehen lassen!“ Dr. Renger hätte den jungen Polizisten wegen des schweren Schocks gerne zur Beobachtung über Nacht auf Station behalten. Er erhob sich von seinem Stuhl und baute sich vor seinem Patienten auf.

      „Vergessen Sie das Doc! Ich bleibe nicht hier! Ich will zu meiner Schwester!“, widersprach Ben ihm schon ein bisschen energischer. Mit seiner linken Hand tastete er nach seiner Jacke und seinem verschmutzten Shirt. Mit zusammengekniffenen Lippen zog er sich dieses über, eisern darauf bedacht, ja keinen Schmerzenslaut von sich zu geben. „Sie können mich nicht zwingen, Doc! Und langsam sollten sie mich auch kennen!“

      Oh ja, Dr. Renger kannte seinen Patienten noch von dem Klinikaufenthalt im vergangenen Jahr. Noch einmal versuchte er an Bens Vernunft zu appellieren. Keine Chance. Der junge Polizist bestand darauf, auf eigenen Wunsch und Risiko entlassen zu werden. „Wo sind diese komischen Zettel Dr. Renger? Geben Sie schon her und ich unterschreibe Sie ihnen!“ Notgedrungen gab der Arzt nach. Mit ein paar Schmerztabletten für seinen Kopfschmerzen und Prellungen am Rücken, zusammen mit einer Krankmeldung für den kommenden Tag und Verhaltensmaßregeln entließ er den Patienten.

      Als Ben das Behandlungszimmer verlassen hatte, griff Dr. Renger nach dem Telefonhörer und wählte die Nummer der Chirurgischen Abteilung und verlangte Frau Dr. Becker zu sprechen. Er war etwas enttäuscht, als er hörte, dass diese sich noch in einer Operation befand. Die Krankenschwester am anderen Ende der Leitung versprach aber, dass Bens Freundin sich so schnell wie möglich beim Oberarzt melden würde.

      Auf wackeligen Beinen wankte Ben quer durch das Gelände der Uni-Klinik zur neurologischen Intensivstation. Mehr als einmal musste er sich an der Wand des Flures abstützen, damit er nicht einfach umkippte. Kalter Schweiß stand ihm auf der Stirn, als er endlich den Wartebereich der Intensivstation erreicht hatte.
    • Seit einer halben Stunde saß Ben alleine im Wartebereich, nachdem er sich bei der Stationsschwester als Angehöriger von Julia Jäger angemeldet hatte. Die Schwester vertröstete ihn damit, dass die Untersuchungen noch nicht abgeschlossen seien und bat um Geduld. Der behandelnde Arzt würde so schnell wie möglich zu ihm kommen.

      Zu Beginn der Wartezeit beobachtete der junge Mann unaufhörlich die Eingangstür zur Intensivstation in der Hoffnung, dass sich diese öffnete und ein Arzt zu ihm herauskam. Um die Zeit zu überbrücken, fischte er sein Handy aus der Hosentasche und rief seinen Freund Semir an. Dieser war erst einmal beruhigt, als Ben ihm so weit versicherte, dass es ihm gut gehe. Von ihm erfuhr der junge Polizist, dass sein Vater und Schwager wegen eines Geschäftstermines in Osnabrück unterwegs gewesen seien. Semir hatte bereits mehrmals mit der Sekretärin von Bens Vater telefoniert. Auf Grund des dichten Feierabendverkehrs und Staus auf der Autobahn würde es mindestens noch eine Stunde dauern, bis sie hier in der Uniklinik Köln ankommen würden.

      „Und wie konnte es zu dem Unfall kommen Semir? Was sagen die Zeugen?“; murmelte er ins Handy.

      „So wie es aussieht, hat Julia mit hoher Geschwindigkeit einen Laster überholt und beim Einscheren auf die rechte Fahrbahn die Kontrolle über ihren Wagen verloren. Die Zeugen bestätigen einvernehmlich, dass der Mercedes ohne Fremdverschulden anfing zu schleudern, die Leitplanke durchbrach und sich anschließend mehrmals überschlug, bevor er in dem Getreidefeld landete. Scheinbar hat die Benzinleitung etwas abbekommen und deshalb fing der Wagen Feuer.“

      Ben verstand die Welt nicht mehr, seine Schwester war eine ausgezeichnete Autofahrerin und die sollte einfach so, die Kontrolle über ihren Wagen verloren haben. Nachdenklich fuhr er sich durchs Haar.

      „Wird der Wagen in der KTU untersucht?“

      „Mensch Ben, es war ein ganz alltäglicher Unfall, so wie sie jeden Tag auf der Autobahn passieren. Nein, das Fahrzeug wird nicht in die KTU gebracht. Dafür besteht kein Grund. Du kennst die Vorgehensweise! Der Versicherungssachverständige wird sich das Fahrzeugwrack morgen anschauen und wenn dem nichts auffällt, ist der Fall für uns praktisch erledigt.

      Ben hatte sich von dem Gespräch mehr erhofft. Recht schnell beendete er es und lehnte es auch ab, dass Semir ihn vom Krankenhaus abholte. Während des Telefongespräches war der Dunkelhaarige, an der Wand lehnend gestanden. Langsam ließ er sich zu Boden sinken, zog seine Beine an, umfasste diese mit den Armen und bettete seine Stirn auf den Knien. Er war zum hilflosen Warten verdonnert. Gedankenversunken saß er da und nahm nach einer gewissen Zeit überhaupt nicht mehr wahr, was sich um ihn herum abspielte. Jemand klopfte ihn auf die rechte Schulter. Erschreckt blickte er auf und schaute in zwei blaue Augen, die zu einem markant geschnittenen sonnengebräunten Gesicht gehörten, dass von einem grauen Haarkranz eingerahmt wurde. Der Mann mittleren Alters trug die typische Kleidung eines Arztes. Dr. Beiersdorf las Ben auf dem Namensschild an seinem Kittel. Er hatte eine angenehme Stimme, als er den jungen Kommissar ansprach.

      „Herr Jäger?“; kam es fragend. „Ich bin Dr. Beiersdorf und der behandelnde Arzt ihrer Schwester!“

      Ben nickte und rappelte sich mühselig auf. Seine Glieder waren von dem langen Sitzen am Boden ganz steif geworden. Im ersten Moment war es ihm auch ein bisschen schwindlig, weswegen er sich kurz an der Wand abstützte und seinen Kopf schüttelte.

      „Ist alles in Ordnung mit ihnen? Saßen Sie bei dem Unfall mit im Wagen?“; erkundigte sich der Arzt für vorsorglich. Sein Gegenüber war kreidebleich geworden und machte auf den Arzt den Eindruck, dass er jeden Moment umkippen würde.

      „Alles ok! Geht schon!“; wiegelte Ben wie üblich ab, auch wenn er gerade das Gefühl hatte, sich jeden Augenblick übergeben zu müssen. „Wie geht es meiner Schwester? Kann ich zu ihr? Kann ich sie sehen? Wie geht es dem Baby?“, überfiel er den Arzt mit seinen Fragen. Seine dunklen Augen blickten ihn angstvoll an.

      „Wollen wir uns nicht lieber hinsetzen Herr Jäger? Und jetzt zu ihrer Schwester: Sie muss beim Überschlag des Autos mit dem Kopf seitlich an die Fahrertür gestoßen sein. Sie hat eine Platzwunde, die wir genäht haben … ja und keine Sorge, die Narbe wird später mal fast nicht zu sehen sein. Was aber schlimmer ist, sie hat durch diesen Aufprall einen Schädelbasisbruch erlitten. Bis aktuell können wir keine Blutungen ins Gehirn bzw. eine Anschwellung des Gehirns feststellen. Ihre Schwester ist noch bewusstlos, das macht uns am meisten Sorgen. Wir können nichts weiter tun als abwarten und hoffen, dass nicht doch noch weitere Komplikationen auftreten. Dem Baby geht es sehr gut. Es steht ein Notfallteam bereit, falls wir es frühzeitig holen müssen.“

      Ben war bei diesen Nachrichten noch blasser geworden und musste diese Informationen erst mal verarbeiten. Er hatte die abschließende Frage des Arztes überhaupt nicht wahrgenommen.

      „Herr Jäger? Herr Jäger?“ - „Ähm, sorry, was wollten Sie wissen Herr Dr. Beiersdorf?“

      „Wissen Sie in welcher Schwangerschaftswoche ihre Schwester ist?“, fragte der Neurologe nochmals nach
      .
      Der junge Mann schüttelte den Kopf. „Nein, tut mir Leid, ich weiß nur, dass das Baby in der letzten Juliwoche kommen sollte, ich glaube am 28.“
      „Das reicht mir schon als Information, danke. Wissen Sie wo der Ehemann ist?“

      Wieder dauerte es eine Weile, bevor Ben antwortete. Er fuhr sich mit der Hand über das Gesicht: „Peter, mein Schwager? Er müsste jeden Moment zusammen mit meinem Vater hier eintreffen. Die beiden waren geschäftlich unterwegs!“

      „Ok! Wenn sie möchten, dürfen Sie für ein paar Minuten zu ihrer Schwester.“

      Der Arzt führte ihn durch die Schleuse der Intensivstation zum Krankenzimmer seiner Schwester. Der Anblick, der sich Ben bot, wirkte auf ihn wie ein kleiner Alptraum. Seine Schwester trug einen weißen Verband um den Kopf, ansonsten sah sie unverletzt aus, vielleicht ein bisschen blasser von der Gesichtsfarbe als sonst. Überall waren Kabel, die mit verschiedenen Monitoren verbunden waren. Diese gaben teilweise aufgeregte, piepsende Töne von sich.

      „Nicht erschrecken, das hektische Piepsen ist der Herzschlag des Babys!“, erklärte ihm der Arzt, der den Blick von Ben richtig gedeutet hat.
      Der junge Mann trat seitlich an das Bett seiner Schwester. Sanft ergriff er ihre Hand und streichelte über ihren Handrücken, dabei wisperte er ihren Namen
      „Julia … Julia, ich bin es Ben. Du hast mir einen schönen Schrecken eingejagt. Normalerweise bin ich doch für solche Katastrophen zuständig.“

      Er konnte es nicht verhindern, Tränen stiegen in ihm hoch und liefen über seine Wangen. Sein Blick wanderte zur Zudecke, unter der sich der Babybauch seiner Schwester abzeichnete. Seine Hand glitt darunter und er streichelte über die Bauchdecke. Als hätte das Ungeborene darauf gewartet, bekam er prompt einen kleinen Tritt. „Na wenigstens dir geht’s gut kleiner Mann!“ Er streichelte die Bauchdecke weiter und hielt auf diese Art eine stille Kommunikation mit dem Baby. Sein Blick richtete sich wieder auf das bleiche Gesicht von Julia, „Komm kleine Schwester, wach wieder auf! Ich möchte doch mein Patenkind gerne zusammen mit dir erleben!“

      Bevor er weitersprechen konnte, wurde die Eingangstür zum Patientenzimmer seiner Schwester aufgerissen. Atemlos und völlig aufgelöst stand sein Schwager Peter unter der Tür und fuhr ihn barsch an: „Raus Ben! … Geh weg von Julia! … Raus! Verschwinde von hier!“
    • Ben verstand überhaupt nicht, warum ihn sein Schwager so rabiat angefahren hatte. Klar, dass dieser außer sich vor Sorge um seine Frau und das Ungeborene war, aber diese aggressive Reaktion? Sein Vater stand ebenfalls mit einer grimmigen Miene unter der Tür und gab ihm durch ein Handzeichen zu verstehen, das Krankenzimmer zu verlassen. Als er an ihm vorbeiging, sprach Konrad Jäger ihn leise an.

      „Warte draußen auf mich mein Sohn, ich will erst mit dem Arzt reden und komme noch mal zu dir! Wir haben einiges zu klären!“

      Der dunkelhaarige Kommissar wusste nicht, wieviel Zeit vergangen war, seit er hier am Fenster des Warteraums an die Wand angelehnt stand, hinausblickte, ohne etwas zu sehen. Er hatte seine Arme vor seinem Körper verschränkt. Plötzlich wurde er herumgerissen. Sein Schwager stand mit einem vor Wut verzerrten Gesicht vor ihm. Er packte Ben an den Aufschlägen seiner Jacke und presste ihn gegen die Wand. Seine Stimme bebte vor Empörung.

      „Was hast du dir dabei gedacht Ben? Du hirnverbrannter A.rsch! … Warum hast du Julia angerufen und ihr solche Angst eingejagt? Was sollte das? Du Idiot wusstest doch genau, dass Julia kein Auto mehr fahren sollte?“

      Ben japste nach Luft, da sein aufgebrachter Schwager mit dem Unterarm gegen seinen Kehlkopf drückte. Entsprechend heiser klang seine Antwort.
      „Hey, hör auf! … Spinnst du! …. Du erwürgst mich ja!“ röchelte der junge Polizist. Mit seinen Händen versuchte er Peters Unterarm wegzuziehen und sich aus dem Würgegriff zu befreien. Doch irgendwie hatte er Hemmungen sich energischer gegen seinen aufgebrachten Schwager zur Wehr zu setzen und zu Selbstverteidigungsgriffen überzugehen. Julias Mann lockerte etwas den Griff. Nach Luft schnappend, krächzte Ben: „Was soll das Peter? ... Ich habe Julia nicht angerufen! … Wir sind nur zufällig an den Unfallort gerufen worden! Ich wollte Julia ….!“ Die Worte erstarben auf Bens Lippen.

      Peters Augen blitzten ihn fast schon hasserfüllt an, als dieser erneut den Druck auf Bens Hals verstärkt hatte. Verzweifelt japste der junge Polizist nach Luft. „Halts Maul du Heuchler!“ fauchte Bens Schwager, der mit seiner freien Hand ein Handy aus der Jackentasche fischte, etwas eintippte und das Display Ben vor Augen hielt.

      „Schau her! … Lies! …. Du Lügner! … Du gottverdammter Lügner! … Dann erkläre mir mal bitte diese Nachricht von Julia!“ brüllte Peter lautstark, dass sich sogar auf dem Krankenhausflur einige Besucher und Schwestern neugierig umdrehten. Auf dem Protokoll der eingehenden SMS war eine Nachricht zu lesen. „Hallo Schatz, mach dir keine Sorgen! Ben braucht mich dringend! Ist ein Notfall! Fahre zur PAST! In Liebe Julia“ „Warum lügst du mich an Ben? Warum? … Was wolltest du von Julia, dass sie so dringend zu dir kommen sollte! … Erkläre mir diese Nachricht? … Der Anruf! …Hast du wieder mal eine Cowboy-Nummer auf der Autobahn abgezogen, so wie du aussiehst? Du schuldest mir eine Antwort. Und gib sie mir schnell, bevor ich mich endgültig vergesse!“, fauchte Peter und krallte sich in die Jacke seines Schwagers fest und schlug Bens Kopf mehrmals gegen die Wand, der dadurch viel zu benommen war, um sich zu wehren. Wieder nahm er Ben in den Schwitzkasten und presste ihn gegen die Wand und drückte ihn mit seinem Unterarm gegen den Hals.

      Konrad Jäger griff beherzt in die Situation ein und riss seinen Schwiegersohn an der Schulter zurück.
      „Das reicht! … Lass Ben los, Peter!“ erklang befehlend die Stimme von Bens Vater. „Reiß dich zusammen! Es reicht ja wohl, wenn Julia hier im Krankenhaus liegt.“
      Man hörte Konrad deutlich schnaufen. „Aber in einem gebe ich Peter Recht Ben, auch mich würde interessieren, was du von Julia wolltest, dass sie Hals über Kopf sofort zu dir kommen sollte.“

      Der Druck auf seinen Hals lockerte sich und der junge Polizist bekam wieder Luft. Der Dunkelhaarige röchelte, hustete und saugte deutlich hörbar die Luft in seine Lunge ein. Ben lehnte sich an die Wand sonst wäre er zusammengesunken. Vor seinen Augen flackerte ein Funkenregen auf. Sein lädierter Kopf rebellierte gegen die rüde Behandlung. Keuchend und kaum verständlich antwortete er seinem Vater.
      „So glaub mir doch Papa, ich habe Julia nicht angerufen!“, startete der verzweifelte junge Mann einen erneuten Versuch sich zu rechtfertigen. Sein Vater fiel ihm ins Wort und blaffte ihn grimmig an „Ich habe ja schon viel mit dir erlebt mein Junge…Warum lügst du mich an? Du bist so eine Enttäuschung für mich! … Julia hat mich noch extra vor dem Meeting mit dem Kunden angerufen, um uns mitzuteilen, dass sie zu dir fährt. Wir sollten uns keine Sorgen um sie machen. … Ich wollte es ihr in ihrem Zustand noch ausreden. Doch sie meinte, du brauchst sie, du hättest sie nochmals angerufen … sie angefleht, zu ihr zu kommen. Sie hatte Angst um dich, weil klangst du so verzweifelt klangst, dass sie sofort los fahren wollte.“ Das Gesicht seines Vaters hatte sich zu einer abweisenden Grimasse verzogen.

      Der dunkelhaarige Polizist schüttelte ungläubig den Kopf. „Nein! … Nein! … Nein, so glaub mir doch endlich! Wir waren auf Streife unterwegs. Frag Semir, ich habe Julia nicht angerufen!“ Er wankte auf seinen Vater zu und hob flehentlich die Hände „Papa … bitte! So glaub mir doch!“
      „Tut mir leid Ben, ich glaube dir nicht! Ich vertraue Julias Aussagen mehr. Schau dich doch mal an, wie du wieder aussiehst. Du hast Mist gebaut und Julia sollte dir wohl aus der Patsche helfen. Ich denke, es ist momentan das Beste, du hältst dich von deiner Schwester fern. Geh mir aus den Augen!“
      Die kaltherzige Antwort seines Vaters empfand Ben, wie eine schallende Ohrfeige. Warum glaubte ihm sein alter Herr nicht? Gerade sein Vater sollte doch wissen, dass Ben seiner Schwester niemals schaden würde. Niemals etwas tun würde, was sie in Gefahr brachte oder gar das Baby. Im Gegenteil! Er überlegte gerade, wie er den Beiden klar machen könnte, dass er nicht der Anrufer gewesen war, als noch jemand, der von ihm unbemerkt in den Warteraum getreten war und den Großteil der Unterhaltung verfolgt hatte, das Wort ergriff. Es war seine Freundin Anna.
    • „Lass es gut sein Ben, das bringt ja doch nichts!“ Anna war zu ihm getreten und nahm ihn sanft in die Arme und hauchte ihm einen Kuss auf die Lippen. „Kollege Renger und auch Semir haben mich angerufen und mir erzählt, was passiert ist!“ Als er darauf etwas entgegnen wollte, legte sie ihm ihren rechten Zeigefinger auf den Mund. „Pssst! Sag nichts. Es bringt ja sowieso nichts. …. Ich denke, wir gehen erst mal nach Hause und ich kümmere mich um dich mein Schatz!“

      Ihr zukünftiger Schwiegervater quetschte ein mühseliges „Hallo Anna!“ hervor, während sich ihr zukünftiger Schwager demonstrativ von ihr abwendete, so als würde sie in seinen Augen ebenfalls Schuld an Julias Unfall und gesundheitlichen Zustand tragen.
      Konrads Anschuldigungen seinem Sohn gegenüber hatten Anna tief schockiert. So bescheuert konnte man doch ihrer Ansicht nach gar nicht sein und glauben, dass Ben seine Schwester absichtlich in Gefahr bringen würde. Sie kochte innerlich vor Wut und versuchte ihr Temperament zu zügeln. Die junge Frau stützte Ben. Auf dem Weg zum Krankenhausflur hielt sie am Türrahmen einen Moment inne und flüsterte zu Ben.
      „Bleib mal stehen und halte dich hier fest!“

      Sie konnte es sich einfach nicht verkneifen und drehte sich zu Konrad Jäger um. Sie blickte dem älteren Mann mit einem tödlichen Blick in die Augen. Mit einer eisigen Stimme, die es geschafft hätte, im Hochsommer einen Badesee in Sekunden Schock-zu-Frosten, raunte sie Bens Vater zu: „Etwas kann ich nicht verstehen Herr Jäger! Wie kann jemand geschäftlich so erfolgreich sein wie Sie und gleichzeitig im privaten Bereich mit seiner Meinung über andere Menschen so daneben liegen!“ Sie kam so richtig in Fahrt und Peter Kreuzer-Jäger bekam auch noch sein Fett ab. In seiner Richtung schnaubte sie verächtlich „Und du Peter? Deine Menschenkenntnis ist irgendwo auf deinem Bankkonto hängen geblieben, sonst würdest du Ben nicht solche Vorhaltungen machen. … Keine Ahnung, was Julia an solch einem Vollposten wie dich findet. … Richtet Julia schöne Grüße und gute Besserung von uns aus, wenn sie aufwacht. Ich werde mich bei ihr direkt melden!“

      Sie zog Bens Arm über ihre Schulter und stapfte mit ihm Richtung Ausgang. Ben murmelte noch einen Abschiedsgruß und Genesungswünsche für seine Schwester.

      Peter Kreuzer-Jäger ließ nur ein abfälliges „Pffff, das sagt gerade die Richtige!“, hören und schlich zurück zu seiner Frau auf die Intensivstation. Bens Schwager sah in Anna nach wie vor eine ständige Bedrohung, die es nur auf das Vermögen der Familie Jäger abgesehen hatte.
      Etwas verlassen in der Mitte des Warteraumes stand Konrad Jäger stand da und hatte an der Ansage, die ihm Anna gegeben hatte, schwer zu schlucken. Ihr Blick hatte ihn durchbohrt und ihre Worte ihn wie ein Nadelkissen durchlöchert. Abermals war er in seiner Denkweise über die junge Frau innerlich hin und her gerissen. Zum einen bewunderte er deren Mut, mit welchem Anna klar und deutlich ihre ehrliche Meinung zum Ausdruck brachte. Eigentlich zeigte ihm das unmissverständlich, dass diese Frau weder raffiniert noch durchtrieben war, wie es sein Schwiegersohn ein ums andere Mal in der Vergangenheit behauptet hatte.

      Zum anderen war da sein Freund Prof. Dr. Kraus, ein langjähriger Freund der Familie Jäger. Dieser hatte ihm erst kürzlich an seiner Geburtstagsfeier Ende März ordentlich die Meinung gesagt, warum er der jungen Frau gegenüber so misstrauisch und distanziert auftrat. Dr. Kraus könnte sich gar keine bessere Ehefrau für Ben vorstellen als Anna Becker. Und zuletzt war da seine Tochter Julia, auch die schwärmte von der dunkelhaarigen Frau in den höchsten Tönen, nannte sie ihre Freundin und meinte mehr als einmal, dass die Beziehung zwischen Ben und Anna das Beste war, was ihrem Bruder hatte passieren können. Julia war Annas größte Fürsprecherin in der Familie. Wenn Konrad Jäger ehrlich zu sich selbst war und seinen Sohn und seine Freundin so beim Weggehen betrachtete, musste er seiner Tochter zustimmen. Die junge Dame hatte es anscheinend geschafft, seinen widerspenstigen Sohn zu zähmen. In ihren Händen war er weich wie Wachs. Es wurde wirklich Zeit, dass er sein Verhalten gegenüber Bens Freundin gründlich überdachte. Er war schon im Begriff den beiden jungen Leuten hinterher zu gehen, als ihn eine Krankenschwester der Intensivstation ansprach.
      „Herr Jäger, kommen sie bitte. Dr. Beiersdorf hat jetzt Zeit für Sie und ihren Schwiegersohn!“

      *****

      Wie ein Schlafwandler tapste Ben durch die langen Krankenhausflure neben seiner Freundin her, bis sie den Parkplatz erreicht hatten. Anna, die mit ihrem 1,72 m einen halben Kopf kleiner als Ben war, hatten ihren Arm um seine linke Flanke gelegt und seinen rechten Arm über ihre Schulter gezogen.

      „Lass das!“ meinte sie, als er zurückweichen wollte, „mach mir nichts vor Ben! Du kannst dich doch kaum noch auf den Beinen halten!“

      Er widersprach ihr nicht, denn letztendlich hatte sie Recht. Der Rest des Weges verlief relativ schweigsam. Der junge Kommissar hatte sich innerlich schon darauf vorbereitet, dass er eine Strafpredigt von seiner Freundin über sich ergehen lassen muss, weil er sich einer stationären Aufnahme im Krankenhaus widersetzt hatte. Gewohnheitsgemäß steuerte er am geparkten Golf die Fahrertür an.

      „Vergiss es Ben! In diesem Zustand fährst du mir kein Auto!“ - „Aber …“ - „Keine Diskussionen, bitte! … Schau dich doch mal an, wie du aussiehst! Wie eine wandelnde Leiche!“
      Sorge schwang in ihrer Stimme mit. Wortlos ließ sich Ben in den Beifahrersitz sinken und lehnte seinen Kopf gegen die Beifahrerscheibe. Mit einem leeren Blick starrte er nach draußen.
      Mehrmals sprach Anna ihn an. Sorgenvoll musterte sie ihren Freund. Als keine Reaktion von erfolgte, stupste sie ihn an einer roten Ampel am Arm an.
      „Ben? Entscheide dich! … In deine oder meine Wohnung?“
      „Nach Hause!“ murmelte er und verfiel wieder in seinen Grübeleien. Der Vorwurf und die Anschuldigungen seines Vaters und seines Schwagers gingen ihm einfach nicht aus dem Kopf. Er hätte Julia zu dieser Autofahrt animiert und trug somit die Schuld an dem Unfall. Schuld! … Schuld! Du bist schuld! Dieses Wort hämmerte unaufhörlich auf ihn ein.

      Zu Hause in seiner Wohnung angekommen, verschwand Ben wortlos im Bad. Anna bereitete in der Zwischenzeit in der Küche einen kleinen Imbiss zu, den sie liebevoll auf dem gläsernen Esstisch anrichtete. Als Ben aus der Dusche kam, steuerte er den Kühlschrank an und wollte sich eine Flasche Bier rausnehmen.
      „Bitte Ben! … Nicht! … Kein Alkohol!“
      Wütend schleuderte er die Kühlschranktür wieder zu, trat einen Schritt zur Seite und klammerte sich leicht vornübergebeugt an die Kante der Arbeitsplatte. Anna konnte sehen wie seine Schultern bebten. Sein Atem ging keuchend und schwer. Leise rief sie seinen Namen.
      „Ben? … Ben!“
      Keine Antwort, keine Reaktion. Sie rief seinen Namen etwas lauter.
      „Ben, was ist los?“ Sie eilte zu ihrem Freund. „Ben, bitte schau mich an!“
      Von hinten umfasste sie ihn zärtlich, drehte ihn zu sich herum. In seinen Augen standen Tränen. Nicht nur das konnte sie darin lesen, da standen auch Angst und Verzweiflung. „Warum Julia? … Sag mir warum Anna?“ stöhnte er mit tränenerstickter Stimme. „Oh verdammte Scheiße!“ Er hämmerte mit der Faust auf die Arbeitsplatte ein. Anna zog ihn näher zu sich heran, drückte ihn fester an sich.
      „Scht …. Scht … Es wird alles wieder gut, glaube mir Ben!“ und strich ihm beruhigend über den Rücken, durch sein feuchtes Haar. Er löste sich ein bisschen von ihr. Seine Lippen suchten die ihren und fanden sich. Anna konnte den salzigen Geschmack seiner Tränen schmecken, als sie sein Gesicht mit Küssen bedeckte.
      „Komm! … Leg dich hin und ruh dich ein bisschen aus!“

      Sanft drängte sie ihn in Richtung des Schlafzimmers. Das Abendessen blieb unbeachtet stehen. Ben zog seine Freundin zu sich runter ins Bett, schmiegte sich an sie heran. Seine starken Arme umklammerten sie, legten sich schützend um sie. Es dauerte nicht lange und Anna merkte, wie Bens Körper und die verabreichten Medikamente ihren Tribut einforderten. Seine Atemzüge wurden gleichmäßiger, er war eingeschlafen.
    • Benutzer online 1

      1 Besucher