Time of Revenge

    • in Erarbeitung

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    • Time of Revenge

      Die Ereignisse des ersten Teils – Nightmare – liegen ungefähr ein Jahr zurück. Ben hat in Anna tatsächlich seine Traumfrau fürs Leben gefunden. Der Alltag mit seinen kleinen und großen Freuden und Problemen hat wieder auf der Dienststelle und im Privatleben unserer Helden Einzug gehalten.

      *****

      Seit Wochen machte eine organisierte Bande die Autobahnrastplätze unsicher. Zielsicher raubten sie Lastwagen mit besonders wertvoller Fracht aus. Hinter den Überfällen lag definitiv ein System. Die Fahrer wurden während ihrer vorgeschriebenen Pausenzeiten entweder mit Chloroform betäubt, wenn sie in ihren Fahrerkabinen schliefen. Oder ihre Fahrzeuge wurden einfach vom Rastplatz gestohlen, während sich die Fahrer in einem Rasthof aufhielten, um zur Toilette zu gehen oder während der Pause zu duschen. Der Schaden, der den Spediteuren und deren Auftraggeber bisher entstanden war, hatte längst die Millionengrenze überschritten. Die ersten Versicherungen weigerten sich, besonders wertvolle Ladungen auf bestimmten Routen zu versichern. Unter anderem gehörte dazu die A3 auf ihrer gesamten Länge von Passau bis zur holländischen Grenze. Entsprechend groß war der Druck von oben aus dem Wirtschaftsministerium und dem Justizministerium, der auf die ermittelnden Polizeibehörden ausgeübt wurde.

      Kurz vor Dienstschluss hatte Semir eine heftige Auseinandersetzung mit Frau Krüger gehabt, bei der Frau Schrankmann ebenfalls im Büro der Chefin anwesend war. Der Türke und die beiden Frauen hatten völlig unterschiedliche Auffassungen darüber, wie man die organisierte Räuberbande überführen könnte. Entsprechend lautstark waren die Diskussionen gewesen, denn der Kommissar war die letzten beiden Wochen, in denen sich sein Freund und Partner, Ben Jäger, im Urlaub befunden hatte, bei seinen Ermittlungen keinen Schritt weitergekommen. Seine Laune nach Feierabend war entsprechend mies, obwohl das erste dienstfreie Wochenende seit langem stand vor der Tür stand.

      Der Türke parkte seinen BMW im Carport und verweilte noch für einige Minuten im Fahrzeug. Er presste seinen Hinterkopf gegen die Nackenstütze und schloss seine Augen. Krampfhaft versuchte er seine Gedankengänge, die sich um die laufenden Ermittlungen drehten, aus seinem Kopf zu verbannen. Dieses Wochenende sollte seiner Familie gehören. Ein Ruck ging durch seinen Körper, mit einer müden Bewegung streifte er sich über das Gesicht und stieg aus.
      Als Semir sich seinem Wohnhaus näherte, stellte er verwundert fest, dass nur aus dem Wohnzimmerfenster ein Lichtschein fiel. Er schloss die Haustür auf und erwartete, dass ihn seine Kinder stürmisch begrüßen würden. Doch nichts dergleichen passierte. Es herrschte eine merkwürdige Stille im Haus. Seine Frau saß alleine auf dem Sofa und erwartete ihn. Er warf seinen Schlüssel auf die Kommode, hängte seine Jacke an die Garderobe und ging zu Andrea ins Wohnzimmer.

      „Guten Abend Schatz! Wo sind denn die Kinder?“ fragte er seine Frau und hauchte ihr im Vorbeigehen einen Kuss zur Begrüßung auf die Wange.
      „Guten Abend Semir! Meine Eltern haben sie heute Nachmittag abgeholt. Sie werden eine Nacht dort schlafen“, erklärte sie ihrem Mann das Fehlen seiner Töchter. Fragend blickte dieser seine Frau über die Schulter an, während er weiter zum Kühlschrank ging und sich eine Flasche Bier herausnahm. Nach dem Öffnen trank er einen kräftigen Schluck daraus und steuerte das Sofa an.
      „Ich habe mein freies Wochenende. Wir wollten doch morgen einen Ausflug machen. Wie soll das denn jetzt gehen?“, meinte er mit einem grimmigen Unterton.
      „Du wolltest einen Ausflug machen Semir!“ stellte Andrea fest. Sie hatte ihre Hände vor sich auf dem Schoß gefaltet. Ihre Anspannung stand ihr ins Gesicht geschrieben.
      „Nur Ich?“, fragte er verwundert über die Reaktion seiner Frau und nahm erneut einen kräftigen Schluck aus der Bierflasche.
      „Ja du Semir! Oder hast du mich einmal gefragt, was ich denn gerne an deinem freien Wochenende mit dir unternehmen würde?“, legte sie gleich noch mal nach.
      „Ich dachte, du bist damit einverstanden. Die Kinder waren begeistert von meinem Vorschlag ein Picknick am See zu machen.“ Er hatte gegenüber seiner Frau auf dem Sessel Platz genommen. „Das Wasser des Sees lädt bei den sommerlichen Temperaturen zum Baden ein!“, versuchte er ihr seinen Vorschlag schmackhaft zu machen. Die Bierflasche hielt er zwischen seinen Händen und nippte hin und wieder daran. Er konnte förmlich spüren, wie die Luft zwischen ihnen beiden vor Spannung knisterte. Ihre Mimik ließ keinen Zweifel offen, wie innerlich aufgewühlt Andrea war.
      „Wir müssen miteinander reden Semir und ich möchte nicht mehr, dass die Kinder mitbekommen, wenn wir uns streiten und wie wir uns anschreien.“ Sie bemerkte, wie sich unaufhörlich ein Kloß in ihrer Kehle ausbreitete und ihre Stimme heißer klingen ließ. „Es geht so einfach nicht mehr weiter mit uns. ….. Ich habe mit meinen Eltern gesprochen. Ich werde ab Montag, wenn die die Sommerferien beginnen und Aida keine Schule mehr hat, zwei Wochen zu ihnen ziehen. … Ich kann nicht mehr Semir. … Ich brauche eine Auszeit, Zeit zum Nachdenken … über uns … unsere Ehe … und …“ Sie kniff die Lippen zusammen. „Vielleicht solltest auch du mal über unsere Beziehung nachdenken.“

      In den letzten Monaten hatten Andrea und Semir einige Streitgespräche dieser Art geführt. Die Abstände dazwischen waren immer kürzer geworden und deren Intensität immer heftiger. Das letzte Gespräch lag gerade mal zwei Tage zurück und war völlig eskaliert. Semir hatte seine Frau außer sich vor Wut angebrüllt, so dass die Kinder erschrocken aufgewacht waren und Lilly weinend und völlig verängstigt nach ihrer Mutter gerufen hatte.
      Innerhalb von einer Minute war seine Temperamentskurve von null auf hundert angestiegen. Gereizt sprang er vom Sofa auf und knallte die Bierflasche ungestüm auf den Glastisch. Der Knall hallte im Raum nach. Als er seiner Frau antwortete, hatte seine Stimme schon deutlich an Lautstärke zugenommen.
      „Reden … wir reden doch miteinander Andrea! … Was ist los mit dir in der letzten Zeit? …Was willst du? …. Oder hast du gar einen anderen?“ zischte er sie aufgebracht und mit einer Spur von Misstrauen an.
    • „Genau das ist es, was ich meine! … Reden? … Nennst du das, was du gerade machst, … reden?“ wisperte sie entsetzt und versuchte die Tränen in ihren Augen wegzublinzeln. „Was denkst du darüber, wie reden miteinander funktioniert? … Das du sprichst und ich höre dir zu? …. Du brüllst mich an, so wie gerade eben und ich schweige!“ Andrea blickte zu Boden und anschließend ihrem Mann ins Gesicht „Wann Semir? ... Sag mir, wann hast du mir das letzte Mal richtig zugehört? … Wann? … Wann haben dich meine Probleme … mit den Kindern, bei meiner ehrenamtlichen Arbeit wirklich interessiert? … Wann hast du mich das letzte Mal gefragt, wie ich mich fühle? … Wie es mir geht? … Sag mir WANN?“
      Ihre Stimme bebte vor Erregung. Sie war zwischenzeitlich auch aufgestanden und stand ihrem Mann gegenüber. Andrea versuchte in seinem Gesicht zu lesen, ob ihre Worte ihn erreicht hatten, ihn in seinem Herzen berührten, ihr Mann sie verstand. Die Enttäuschung in ihr war groß, als sie erkannte, seine Mimik sprach eine andere Sprache. Zornesfalten zeichneten sich auf seiner Stirn ab. Seine Lippen waren zusammengekniffen und glichen einen Strich. Seine Hände hatte er in den Hosentaschen vergraben und dennoch sah sie, wie er sie zu kleinen Fäusten ballte.
      „Wenn wir reden geht es immer nur um dich, deinen Job …und ich … ich bleibe auf der Strecke …“, sie brach ab, schluchzte kurz auf und riss sich zusammen, damit sie nicht endgültig in Tränen ausbrach. „So kann es einfach nicht weitergehen. …. Ich bin am Ende … Und um die Frage zu beantworten und ein für alle Mal aus der Welt zu schaffen: Nein es gibt keinen anderen Mann in meinem Leben. … Den hat es nie gegeben! … Hier geht es nur um uns! Was ist aus unserer Liebe geworden Semir? … Sag mir was?“
      Andrea breitete ihre Hände flehentlich aus … Was hätte sie in diesem Moment dafür gegeben, wenn Semir sie in den Arm genommen hätte, an sich gedrückt hätte und ihr einfach ins Ohr geflüstert hätte, wie sehr er sie liebt. Doch stattdessen verlief der Streit in eine völlig andere Richtung.
      Zu Beginn ihrer Rede lief sein Gesicht vor Zorn rot an. Als Semir jedoch ihr emotionales Gefühlschaos sah, wurde er blass. Sprachlos schaute er seine Frau an und überlegte … fühlte sich hin- und hergerissen. In diesen Sekunden des Schweigens konnte Andrea förmlich sehen, wie es in ihm arbeitete. In ihr keimte schon die Hoffnung, dass er einlenken würde … Verständnis zeigen würde …sich ihre Hoffnung erfüllen würde … Doch dann kam seine Antwort, glich einem Paukenschlag und zerstörte alles.
      Eigensinnig schüttelte Semir seinen Kopf und blaffte seine Frau an: „Und dann?... Was ist nach zwei Wochen? …. Wie stellst du dir das vor Andrea? Ihr kommt zurück … wir fahren anschließend in Urlaub? …. Alles ist wieder Friede, Freude … Eierkuchen?“ Sein hitziges Temperament fing an mit ihm durchzugehen. Der Türke in ihm übernahm sein Denken und Handeln. Er hämmerte mehrfach seine Faust wütend auf die Sofalehne.
      „ Nein! …“, widersprach ihm Andrea heftig und lehnte sich haltsuchend an der Wand zur Terrasse an. Ihre Hände suchten verzweifelt in ihren Hosentaschen nach einem Taschentuch. Ihre Augen rollten flehentlich nach oben. Warum verstand sie ihr Mann nicht? Warum nur? Andrea versuchte ihrer Stimme ein wenig Festigkeit zu verleihen.
      „Ich möchte, dass du dir einmal Gedanken über uns … unsere Beziehung, unsere Ehe … unsere Kinder … unsere Zukunft machst. Ich habe es hingenommen, dass du den Job beim LKA hingeschmissen hast. Gleichzeitig hast du mir auch was versprochen. … Auf der Arbeit kürzer zu treten … weniger Überstunden zu machen … mal abends mit mir auszugehen, ein Candle-Light-Dinner, Tanzen gehen … so wie früher! … Was ist aus deinen Versprechungen geworden? … Nichts! … Alles leere Versprechungen! … Alles ist so geblieben, wie vorher. Denk noch mal nach, unser Termin bei Dr. Eberlein steht immer noch.“ Kam sie auf den entscheidenden Punkt. Andrea hielt krampfhaft das Taschentuch fest und versuchte das Zittern ihrer Hände zu verbergen.
      „Ich brauche keinen Psychoklempner, der mir erzählt, wie ich eine Ehe zu führen habe?“, brauste er auf. „Ich bin dein Mann!“
      Wild gestikulierend lief er im Wohnzimmer auf und ab.
      „Semir bitte, wenn schon nicht für mich, … dann tue es für die Kinder. Ich will unsere Ehe retten, denn ich liebe dich nach all den Jahren immer noch“, flehte sie förmlich ihren Mann an. Doch der ging überhaupt nicht auf ihre Worte ein.
      „Meine Frau soll sich um die Erziehung unserer Kinder kümmern, um unser Hause oder verdiene ich dir nicht genug?“, fauchte er sie an.
      „Darum geht es doch gar nicht. Du hörst mir einfach nicht zu. Aida geht in die Schule, Lilly ab August in den Kinderhort. Ich fühle mich im Leben noch zu etwas anderem berufen, als Heimchen am Herd zu spielen. Als du mich geheiratet hast, wusstest du, dass ich keine Frau bin, deren Lebensinhalt aus Haushalt und Kinder besteht. Meine Sozialprojekte, bei denen ich ehrenamtlich mitgearbeitet habe, stehen mit dem Ende des Monats vor dem finanziellen aus. Da gibt es keine Zukunft mehr. Ich möchte wieder halbtags arbeiten gehen. Außerdem wäre ein Umzug oder der Kauf eines anderen Hauses mit einem zweiten Einkommen kein Problem mehr.“
      Jetzt rastete der Türke endgültig aus. Der Streit eskalierte immer mehr. Ein Wort gab das andere und endete damit, dass Semir seine Frau nur noch anbrüllte und Andrea weinend auf die Terrasse flüchtete und sich dort mit zitternden Fingern eine Zigarette zur Beruhigung anzündete.
      Sie hörte durch die geöffnete Terrassentür, wie sich ihr Mann seinen Schlüssel schnappte und aus dem Haus stürmte. Mit einem dumpfen Schlag fiel die Haustür ins Schloss. Kurz darauf heulte der Motor des BMWs auf und mit durchdrehenden Reifen fuhr er vom Grundstück weg.
      Andrea war sich im Klaren, so konnte es nicht weiter gehen. Ihre Nerven lagen völlig blank. Es musste sich etwas ändern. Deshalb beschloss sie, ihre Koffer zu packen und noch am gleichen Abend vorübergehend zu ihren Eltern zu ziehen.
    • Montagmorgen

      Mit einem Schmunzeln stand Anna in der Tür zu ihrem Schlafzimmer und musterte ihren schlafenden Freund. Ben hatte sich ihr Kopfkissen geschnappt, es an sich herangezogen und umschlang es mit seinen Armen. Auf seinem Gesicht lag so ein sinnliches, verträumtes Lächeln. Er schwelgte in seinen Träumen, befand sich noch in der Toskana, in dem wunderschönen Landhaus mit dem Pool und wurde urplötzlich herausgerissen.
      „Hallo, du Schlafmütze!“, rief Anna mit einem vorwurfsvollen Unterton, „wolltest du nicht längst unter der Dusche stehen?“
      „Oh neee. Lass mich doch einfach pennen!“, grummelte Ben verschlafen zurück, „nur noch fünf Minuten pennen!“ und schien sich noch tiefer in sein Kopfkissen zu vergraben.
      Anna betrachtete den tropfnassen Waschlappen in ihrer Hand und fing an zu kichern, während der Dunkelhaarige weiter vor sich hinmurmelte „…. Ich will nicht aufstehen. Nur noch fünf Minuten!“
      Zielgerichtet flog der nasse Lappen in Richtung Bett und landete in Bens Gesicht. Lauthals lachend, beobachtete Anna, wie er fast senkrecht in die Höhe fuhr und vor sich hin prustete. Mit gespielter Entrüstung in ihre Richtung knurrte Ben: „Boah, das war fies! … Na warte! … Das hast du nicht umsonst gemacht.“ Anna bewegte sich kichernd rückwärts.
      „So billig kommst du mir nicht davon!“ In Sekunden schnelle war Ben aus dem Bett gesprungen und hatte den Arm seiner Freundin ergriffen. Anna quiekte lachend auf, als der Dunkelhaarige sie zurück ins Schlafzimmer zog und auf das Bett drängte. Seine Hände schoben sich unter ihr Shirt, er kitzelte sie, liebkoste sie und sie quietschte vor Vergnügen laut auf. Aus dem wilden Gerangel wurde schnell mehr. Ihre Lippen fanden einander und ihre Zungen führten einen heißen Tanz auf. Das gegenseitige Verlangen übermannte sie und sie liebten sich ziemlich wild.
      Eine halbe Stunde später saß Ben frisch geduscht am Frühstückstisch in Annas kleiner Wohnküche. Zwischen zwei Bissen Toast murmelte er: „Anna, ich hätte da eine Idee. Was hältst du davon, wenn ich die Krüger und deinen Professor anrufe und denen erkläre, sie müssen noch einen Tag länger auf unsere Anwesenheit verzichten.“ Er blickte sie dabei so verliebt an, „Wir gehen zurück ins Bett, machen da weiter, wo wir aufgehört haben und fahren anschließend mit dem Motorrad zu einem Badesee!“
      Sie seufzte auf: „Schrecklich gerne! … Ich fürchte nur, unsere Vorgesetzten werden etwas dagegen haben.“ Anna war aufgestanden und schenkte nochmals Kaffee nach. Ben nutzte die Gelegenheit und zog sie auf seinen Schoß und küsste sie verlangend. „Oh hör auf, bevor ich schwach werde!“ Ihr Blick fiel auf die kleine Küchenuhr und sie löste sich aus seiner Umarmung. „Du musst los, wenn du nicht gleich wieder am ersten Tag zu spät kommen willst!“
      Wenn auch ein bisschen widerwillig, erhob sich der junge Polizist und küsste seine Freundin voller Leidenschaft zum Abschied.

      *****

      Gut gelaunt betrat Ben die PAST. Ein Blick zur Uhr zeigte ihm, er hatte es tatsächlich noch geschafft, pünktlich zu sein. Wie üblich saß Susanne schon am Schreibtisch und empfing ihn mit einem freundlichen Lächeln.

      „Guten Morgen Urlauber! Wie geht’s?“ Sie lachte kurz auf. „Die Frage erübrigt sich. Man braucht ja nur in dein strahlendes Gesicht zu schauen.“
      Er blieb vor ihr stehen und deutete eine leichte Verbeugung an. „Einen wunderschönen guten Morgen Frau König! Hübsch sehen sie heute wieder aus. Diese Bluse steht ihnen wirklich ausgezeichnet!“
      „Oh du Charmeur! Dich sollte man öfters in Urlaub schicken, wenn du anschließend solche Komplimente verteilst.“ Doch dann wurde ihr Gesicht wieder ernst. „Ähm, ich warne dich vor. Da drinnen herrscht dicke Luft.“ Dabei deutete sie mit ihrem Daumen in Richtung von Semir, der bereits am Schreibtisch saß und in einem Aktenordner rumblätterte.

      „Danke, für die Warnung. Werde mal schauen, welche Laus unserem türkischen Hengst über die Leber gelaufen ist!“ Dabei zog er ein paar feixende Grimassen. Noch bevor er die Tür zu gemeinsamen Büro öffnen konnte, erklang aus dem Hintergrund die Stimme von Frau Krüger.
      „Gerkhan … Jäger! Sofort in mein Büro!“

      Wow, dachte sich Ben, früher hat die Zeit noch für ein „guten Morgen“ gelangt. Der Tonfall verhieß nichts Gutes. Also machte er auf dem Absatz kehrt und stapfte ins Büro seiner Chefin. Wie selbstverständlich lümmelte er sich in einem der Besucherstühle vor dem Schreibtisch und schaute Kim erwartungsvoll an.
      „Guten Morgen Ben!“, lautete die knappe Begrüßung durch seinen Partner, der nach ihm das Zimmer der Chefin betrat und ebenfalls Platz nahm. Diese betrachtete die beiden Kommissare vor sich. Ihr Blick fiel auf Ben, der selbstzufrieden vor sich hin grinste.

      „Schön, dass Sie zur Abwechslung mal pünktlich zum Dienst erscheinen Herr Jäger!“, raunzte sie ihn gleich an.
      Ben schluckte, schlechte Laune ist noch ein harmloser Ausdruck für das, was die Krüger gerade versprühte. Auch das Gesicht des Türken sprach Bände, dessen Gemütsverfassung schien nicht viel besser zu sein. Na Klasse, dachte sich Ben, was für ein Empfang.
      „So meine Herren, kommen wir zur Sache! Ich hatte gerade einen Anruf vom Polizeipräsidenten und der hatte einen vom Innenminister.“
      Alles klar dachte sich Ben, daher die schlechte Laune, sprich sie hat einen Einlauf bekommen, der gleich weitergereicht wird. Super Start! Und das gleich am ersten Arbeitstag, herzlich willkommen zurück im Alltag.
      „Jäger!“ schrie da jemand seinen Namen … oh verdammt, er hatte ihr nicht zugehört. „Ihr Urlaub ist vorbei. Vielleicht hören Sie mir mal zu und schwelgen nicht nur in Urlaubserinnerungen!“, pflaumte die Chefin ihn an. Ben riss sich zusammen und bemühte sich, einen aufmerksamen Gesichtsausdruck auszusetzen und den Ausführungen seiner Chefin zu folgen.
      „Also Kurzfassung für sie noch einmal, Susanne hat ihnen die Unterlagen bereits auf den Server bzw. den Schreibtisch gelegt. Sie können dort alle Details nachlesen. Es geht darum, dass in den letzten vier Wochen die Raubüberfälle nachts auf LKWs zunehmen. Auf der Rastanlage Siegburg hat es vergangene Nacht den ersten Toten unter den LKW Fahrern gegeben.“ Sie berichtete über einige weitere Details, die ihr die Kollegen vor Ort übermittelt hatten.

      „Wieso machen die hohen Herren da so viel Stress?“, fragte der dunkelhaarige Kommissar nach. „Wir schlagen uns seit Wochen mit dieser Bande rum …auch bereits vor meinem Urlaub!“
      „Weil ein paar Großspediteure Druck auf den Wirtschaftsminister machen. Die kriegen nämlich für die wertvollen Ladungen keine Versicherungen mehr. Es sieht eindeutig nach organisierter Kriminalität aus.“ Unterbrach sie den jüngeren der beiden Kommissare, lehnte sich in ihren Bürosessel zurück „Bevor sie jetzt den Einwand bringen, dafür ist eine andere Abteilung zuständig, gebe ich ihnen nur bedingt recht. Die Überfälle haben alle auf Autobahnrastplätzen oder auf Autohöfen nahe der Autobahn stattgefunden. Sie werden mit den Kollegen vom LKA und dort mit der Abteilung für organisierte Kriminalität zusammenarbeiten. Ihnen wird die Aufgabe zukommen, relevante Rastplätze der A3 und A4 zu observieren. Ihr Dienstplan wird entsprechend ab morgen auf Nachtschichten geändert! Noch Fragen?“

      Wortlos erhoben sich Ben und Semir aus den Stühlen. Auf dem Weg zum Büro dachte sich der junge Kommissar bei sich, ich kriege gleich das Kotzen, sprich ich sehe meine Freundin höchstens, wenn ich ihr die Türklinke in die Hand drücke, weil ihre Schichtpläne für die kommenden Tage hauptsächlich Tagschicht beinhaltete. Wenn Anna Dienstschluss hatte, musste er weg zum Nachtdienst. Sein Stimmungsbarometer sank deutlich und die gute Urlaubslaune verflog merklich. Als sie in ihrem gemeinsamen Büro angekommen waren, ließen sich die beiden Kommissare hinter ihren Schreibtischen nieder. Semir war immer noch schweigsam und sehr verschlossen. Unter seinen Augen lagen dunkle Ränder. Er schien die letzten Nächte nicht besonders gut geschlafen zu haben.
      „Hallo Partner! Was ist denn los? Du bist so ruhig …. So anders?“ erkundigte sich Ben vorsichtig bei seinem Kollegen.
      Der blickte von seinem Schreibtisch hoch und überlegte kurz. „Andrea und ich haben uns am Wochenende mal wieder gestritten. Dabei sind so richtig die Fetzen geflogen!“ seine Stimme klang belegt. Semir schüttelte so andeutungsweise leicht den Kopf und seufzte auf. „Ich … will jetzt nicht weiter drüber reden Ben!“

      Der junge Polizist fuhr sich nachdenklich mit der Hand über das Gesicht und überlegte.
      „Was hältst du davon, wenn wir erst Mal eine Runde Streife fahren und uns die Tatorte mal anschauen? Vielleicht fällt uns ja was auf! Außerdem bringt dich das auf andere Gedanken“, schlug er seinem älteren Kollegen vor. Dieser nickte zustimmend, schnappte sich seine Lederjacke, die über dem Stuhl hing und den Autoschlüssel, der auf dem Schreibtisch lag.
      „Aber ich fahre Kollege!“ Zusammen verließen sie die PAST.

      Susanne schaute den beiden Kommissaren gedankenverloren hinterher. Andrea, ihre beste Freundin, hatte ihr gestern in einem stundenlangen Telefongespräch ihr Herz ausgeschüttet. Sie hatte noch in jener Nacht ihre Sachen gepackt und war zusammen mit den Kindern vorübergehend zu ihren Eltern gezogen. Susanne hätte den beiden Gerkans so gerne geholfen. Nur wie? Semir blockte sofort ab, wenn man ihn nur auf seine Eheprobleme ansprach. Er hatte ihr recht eindeutig vergangene Woche klar gemacht, dass sie sich raus halten sollte. Wie konnte man nur so stur sein, fragte sich die Sekretärin. Wenn der Türke in ihm sich mal eine Meinung gebildet hatte, war es schwer, ihn von was anderem zu überzeugen. Ob es Ben wohl gelingen würde? Ob der sich überhaupt in die Angelegenheiten von Andrea und Semir einmischte?
    • Auf der Autobahn in Richtung Aachen

      Solange die beiden Kommissare während der Fahrt über die Überfälle und die daraus resultierenden Ermittlungen redeten, war Semir recht gesprächig. Zwischen durch erzählte Ben ein bisschen was über seinen Urlaub und erntete dafür von seinem Partner einen genervten Blick. Also entschied Ben für sich, lieber mal für die nächsten Minuten zu schweigen. Doch seinen Vorsatz hielt er nicht lange durch. Er kannte Semir einfach zu gut. Dieser Satz, „Die Fetzen sind geflogen“ … hallte Bens Kopf nach und hörte sich nach einem mittelprächtigen Orkan an. Also startete er den nächsten Versuch, seinem türkischen Partner etwas über den neuesten Stand seines Familienlebens zu entlocken.

      „Glaubst du Schweigen löst Probleme?“, fragte ihn Ben einfach, lehnte den Kopf gegen die Scheibe der Beifahrertür und beobachtete seinen Partner.

      „Hmmm? Was meinst du?“, gab der als Antwort zurück.

      „Du weißt genau, wovon ich spreche Semir. Als rück mal raus mit der Sprache, was ist am Wochenende zwischen dir und Andrea wirklich passiert!“
      Ben erkannte, wie sein Partner mit sich rang, nach Worten suchte, um dann ziemlich kleinlaut zu sagen: „Andrea ist am Wochenende mit den Kindern zu ihren Eltern gezogen!“
      Mit einem Schlag wurde Ben die Gemütsverfassung seines Partners klar. Seine Familie war ihm heilig. „Einfach so? … Worüber habt ihr denn gestritten?“, bohrte er vorsichtig nach.
      Unwillig schüttelte Semir den Kopf. „Ich kann jetzt nicht darüber reden Ben. …. Außerdem erreichen wir gleich den letzten Tatort für heute.“
      Er setzte den Blinker, wechselte die Fahrspur und steuerte mit dem BMW die Ausfahrt zum Parkplatz an.

      Die beiden Kommissare der Autobahnpolizei hatten sich mittlerweile drei Tatorte der letzten Überfälle angeschaut. Dabei handelte es sich um ältere Rastplätze, die nicht gut ausgeleuchtet waren. Auf dem letzten Rastplatz befand sich ein kleiner Kaffeeshop. Während Semir den Besitzer des kleinen Shops und das Personal hinter der Theke befragte, ob die in jener fraglichen Nacht und die Tage davor etwas Auffälliges bemerkt hatten, begab sich Ben erst einmal zur Toilette.

      Während der junge Kommissar sich die Hände wusch, betrachtete er sein Spiegelbild. Er hatte das Gefühl zwischen zwei Stühlen zu sitzen und rang mit sich, ob er seinen Partner nochmals auf seine Eheprobleme ansprechen sollte. Aber die beiden, Semir und Andrea, waren ihn so ans Herz gewachsen, dass er nicht einfach so mitanschauen konnte, wie sie sich mehr und mehr zerstritten und ihre Ehe den Bach hinunterging. Die Gerkhans waren für ihn wie seine Familie, waren ihm wichtig. Nein beschloss Ben, auch wenn es gleich einen Riesenkrach geben würde, er konnte sich einfach nicht raushalten. Zumindest einen letzten Versuch wollte er starten, um Semir zum Nachdenken zu bringen. Bei einem seiner letzten Besuche vor seinem Urlaub hatte er sich lange mit Andrea unterhalten, kannte deren Standpunkt … deren Gefühle … deren Sorgen.

      Der dunkelhaarige Polizist kaufte für sich und seinen Partner einen Becher Kaffee – Extra groß und ein paar Schoko-Muffins. Nachdem die beiden Autobahnpolizisten die süße Leckerei verspeist hatten, nippten sie an dem heißen Getränk und Ben dachte bei sich, dies sei eine gute Gelegenheit Semir anzusprechen. Zu Beginn verlief das Gespräch noch sehr ruhig und harmonisch bis Ben den ersten heiklen Punkt ansprach.

      „Was ist daran so schlimm, dass Andrea wieder halbtags arbeiten will? Sie hat doch vor den Kindern auf der PAST gearbeitet. Warum hast du Bedenken dagegen? Aida geht in die Schule und Lilly ist bald im Kindergarten. Eure Schwiegereltern unterstützen euch in den Ferien. Ist doch perfekt!“

      „Meine Frau braucht nicht zu arbeiten. Ich bringe genug Geld nach Hause. Sie soll sich um unsere Kinder und das Haus kümmern. Verstanden!“, maulte der Türke gleich mürrisch zurück.

      „Sorry Partner! Genau darum geht es. Wir leben nun nicht mal mehr, wie vor fünfzig Jahren oder irgendwo im tiefsten Anatolien. Andrea ist eine moderne Frau, die möchte halt auch mal ein bisschen mehr Anerkennung bekommen, als nur Schatz, das Essen war gut oder unser Haus ist heute aber schön sauber.“ Ben unterstrich seine Bemerkungen noch mit entsprechenden Gestiken und Grimassen. „Darauf warten, wann du von der Arbeit nach Hause kommst. Klar hatte sie in der Vergangenheit ihre ehrenamtliche Sozialarbeit! Aber die steht vor dem Ende, die finanzielle Unterstützung für diese Projekte laufen aus … oder sind bereits zu Ende. Ist dir das denn bewusst? Was soll daran so schlimm sein, dass Andrea den Job bei der Staatsanwaltschaft annimmt?“

      Sie lehnten sich beide mit ihren Armen auf das Autodach und blickten sich direkt an. Ben konnte klar erkennen, dass sein türkischer Partner gleich endgültig ausflippen würde. Seine Gesichtsfarbe hatte sich schon vor Zorn verfärbt.

      „Oh hör auf! Fang du nicht auch noch an mit diesem albernen Geschwätz von wegen Selbstverwirklichung usw. Das kommt doch alles nur von diesem Psycho-Futzie. Das hat dieser Dr. Eberlein ihr eingeredet. Solange Andrea nicht zu diesem Heini hingerannt ist, war sie doch zufrieden mit ihrem Leben, so wie es war!“ brauste er auf. „Und überhaupt? Während der Fahrt hierher laberst du mich die ganze Zeit über damit voll, wie toll dein Urlaub mit Anna war. Kümmere dich lieber mal um deine Freundin, damit sie dir nicht wegläuft und lass meine Frau in Ruhe! …. Misch DU dich nicht in meine Ehe ein! … Denn ich schreibe dir schließlich auch nicht vor, wie du mit deinen diversen Freundinnen umgehen sollst. Und zum letzten Mal: ANDREA ist MEINE FRAU! HALTE DICH RAUS AUS MEINER EHE!!!!“
    • „Aber Semir!“ versuchte er ihn zu unterbrechen … keine Chance im Tonfall noch ein paar Nuancen lauter und schärfer, ging es weiter.
      „Weist du was Ben, nur weil bei dir mal eine Beziehung länger als ein paar Monate hält, brauchst du mir nicht zu erzählen, wie eine Partnerschaft funktioniert. Oder bist du jetzt unter die Frauen-Versteher gegangen? … !“ blaffte er seinen Kollegen mit wütend funkelnden Augen an. Die Bemerkung saß. Ben schluckte erst mal und schwieg. Vor Anspannung lag seine Stirn in Falten. Mit der Hand fuhr er sich über das Kinn und überlegte, ob er noch einen Vorstoß auf ein anderes heikles Thema wagen sollte, vielleicht zeigte sich sein Freund hier ein bisschen einsichtiger, war vielleicht ein bisschen zugänglicher.

      „Mensch Semir, ich meine es doch nur gut mit dir. Du bist mein Freund, wie ein Bruder für mich und als Dritter sieht man vielleicht manches auch ein bisschen anders. Ihr seid doch wie eine Familie für mich … du … Andrea und die Kinder…. Bitte … Und ich kann doch nicht einfach so zuschauen, wie das mit euch so den Bach runter geht!“ er legte eine kurze Pause ein und seine Stimme bekam fast einen flehentlichen Ausdruck. „Bitte, … Semir … ich kann Andreas Wunsch nach einem Umzug in ein anderes Haus verstehen? Die Erinnerungen, an das was im vergangenen Jahr dort geschah, sind für sie allgegenwärtig, kommen immer wieder hoch, wenn sie sich im Wohnzimmer aufhält, sie auf eurer Terrasse steht!“

      Ihm selbst lief ein kalter Schauer über den Rücken, wenn er daran dachte, wie er damals dort brutal niedergeschlagen wurde und was sich daraufhin ereignete. Bei seinen Besuchen vermied er es nach Möglichkeit, den Teil der Terrasse zu betreten, wo sich die getrocknete Blutlache befunden hatte, sein Blut. Man konnte diese nur noch als einen Schatten erahnen. „Was wäre denn so schlimm daran, sich ein anderes Haus zu kaufen? Ich könnte doch mit meinem Vater reden“, schlug er ihm vorsichtig vor.

      Der kleine Türke flippte nun endgültig aus. Er schrie seinen Partner auf eine Art und Weise an, dass selbst die umstehenden Personen, die auf den Disput der beiden aufmerksam geworden waren, nur den Kopf schüttelten.
      „Merk dir mal eins Ben, ich brauche keine Almosen von dir und deiner superreichen Familie.“ Dabei verzog er angewidert das Gesicht, als würde Ben einen ekligen Geruch verströmen. „Ja Mann, ich weiß, ich bin nur ein armer Bulle, der aus Köln Kalk stammt. Aber wir haben ein Haus und meine Familie und ich sind darin sehr glücklich und zufrieden. Ich habe da meinen Traum verwirklicht. Und dieses ganze Gerede von wegen Traumata und usw. hat ihr doch dieser Psycho Doktor eingeredet. Das bildet sich Andrea doch nur alles ein. Wenn sie da nicht mehr hinrennt, wird alles wieder so wie es mal war und sie vergisst den ganzen Scheiß, den ihr der Typ eingeredet hat! Ich kenne ja schließlich meine Frau!“
      Semirs Gesichtszüge hatten sich zum Schluss vor Wut zu einer hässlichen Fratze verzerrt.

      Als der dunkelhaarige Kommissar antwortete, war seine Stimme ungewöhnlich ruhig geworden, dennoch war der vibrierende Unterton darin unüberhörbar. „Du bist also der Meinung, dass alles, was da vergangenes Jahr passierte, die Entführung und was sonst noch geschah, nur ein böser Alptraum war, aus dem man aufwacht … und wusch zack ist der weg.“ Er schnippte dabei mit seinen Fingern, „Vielleicht vergisst du etwas PARTNER“, dieses Wort betonte er besonders, „Andrea und Aida waren dabei, haben es hautnah erlebt, waren Gefangene dieser Verrückten … wurden bedroht … hatten Angst … Todesangst.“ Ben verstummte, fuhr sich über das Kinn, rang sichtlich darum, seine Fassung zu behalten. „Weißt du was? … Die beiden sind halt nicht so gestrickt, wie der große Semir Gerkan, der sich einmal schüttelt und alles ist vergessen und vorbei. … Du stürzt dich in deine Arbeit, deinen nächsten Fall und machst anschließend weiter mit Buisness as ususal. Aber es gibt auch Menschen, die leiden unter solchen Erlebnissen, werden davon nachts in ihren Träumen verfolgt und stecken das nicht so einfach weg!“

      Damit schloss er auch sich mit ein. Ben hatte ebenfalls einige Therapiesitzungen mit dem Psychologen Dr. Eberlein im vergangenen Jahr verbracht, um die traumatischen Erlebnisse der Entführung und der Flucht durch den Wald zu verarbeiten.
      Der Türke verlor endgültig die Beherrschung. Den halb ausgetrunkenen Kaffeebecher warf er wutentbrannt ins nächste Gebüsch am Straßenrand. „Ehrlich Ben, … es reicht! … Sei endlich ruhig!“ Wild gestikulierte er mit seinen Armen rum, hieb mit seiner Faust wütend auf das Autodach, dass eine kleine Delle entstand. „Zum letzten Mal: Halte dich aus meiner Ehe raus! … Misch dich nicht in Sachen ein, von denen DU, gerade DU, keine Ahnung hast! Und vor allen Dingen höre auf, wie dieser Psycho Doc, meiner Frau irgendwelche Flausen in den Kopf zu setzen... Von wegen neues Haus! … Arbeiten gehen … Geld verdienen, wo kommen wir da hin, wenn ich meine Familie nicht mehr ernähren kann. … Pah!“ Er schnaubte wie ein wild gewordener gereizter Büffel durch. „Andrea ist eine starke Frau, … eine Persönlichkeit, die haut so leicht nichts um. Die hätte sich wahrscheinlich ohne Psycho Doc viel schneller wieder eingekriegt.“

      Ben war bei den letzten Worten leichenblass geworden, etwas schnürte seine Kehle zu. Das blanke Entsetzen stand ihm ins Gesicht geschrieben. Mit allem hätte er gerechnet, doch die Worte seines Partners trafen ihn mitten ins Herz. … „Du willst mir allen Ernstes erklären, ich weiß nicht wovon ich rede?“
      Fassungslos bewegte er seinen Kopf hin und her. Er schluckte seine letzten Worte hinunter und stieg ohne ein weiteres Wort in den BMW ein.

      Als Semir das entsetzte Gesicht seines jungen Kollegen blickte, aus dem jegliche Farbe gewichen war, wurde ihm bewusst, was er gerade von sich gegeben hatte und mit seiner Unbeherrschtheit angerichtet hatte. Oh Fuck! Ben wäre bei der Entführung fast draufgegangen. Sein Freund und Partner war bereit gewesen, für seine Familie sein Leben zu opfern. Innerlich bereute der Türke sofort seine Worte. So hatte er seinen Freund nicht verletzten wollen. Er focht einen inneren Kampf mit sich aus. Aber er konnte in diesem Moment einfach nicht über seinen Schatten springen und sich bei Ben entschuldigen. Die Wut und Empörung darüber, dass sein Freund Partei für seine Frau ergriffen hatte, überwog.
      Semir stieg in den BMW ein und fuhr langsam los in Richtung PAST. Sein Partner setzte seine Sonnenbrille auf, blickte zum Seitenfenster raus und schwieg. Bis zum Dienstschluss sprachen die beiden Polizisten kein Wort mehr mit einander.
      ****

      Auch die nächsten beiden Arbeitstage bzw. Nachtschichten verliefen ungewöhnlich wortkarg zwischen den beiden Hauptkommissaren. Semir war kurz angebunden und sprach mit seinem jüngeren Kollegen nur das Nötigste über dienstliche Angelegenheiten. Kein Scherz von Ben, kein lockerer Spruch! Die Spannung, die zwischen den beiden Kommissaren herrschte, war fast körperlich von allen anwesenden Kollegen der Dienststelle zu spüren. Für die Mitarbeiter der PAST war es ein ungewohntes Bild, das die beiden Kommissare so giftig miteinander umgingen.
    • Wie Ben von Susanne in der Zwischenzeit bei einer Tasse Kaffee in der kleinen Küche der Dienststelle erfahren hatte, war Andrea mit ihren Kindern ein paar Tage zu ihren Eltern gefahren. Sie wollte sich eine Auszeit nehmen, zur Ruhe kommen und nachdenken. Aber irgendwie klang es für den jungen Kommissar nach dem Anfang vom endgültigen Ende der Beziehung zwischen Andrea und Semir. Der kleine Türke tat ihm unendlich leid, wusste Ben doch, dass seine Familie ALLES für ihn war. Doch wie hilft man jemanden, der sich nicht helfen lassen will, fragte sich der junge Kommissar immer wieder.

      Als Semir am Donnerstagabend unrasiert, sichtlich ungepflegt und völlig verkatert zur Nachtschicht erschien, wollte Frau Krüger eingreifen. Susanne stand bei ihr im Büro und hatte kurz vor Dienstschluss ihrer Chefin noch ein paar Akten gebracht.

      „Jetzt reicht es!“ entfuhr es Kim, als sie Semir sah und fuhr empört aus ihrem Stuhl hoch. „Was ist denn nur mit Gerkhan los? Der Zoff mit Jäger die letzten Tage! Man hat ja das Gefühl zwischen den beiden ist eine Eiszeit ausgebrochen. Und jetzt dieser Auftritt!“ Sie schürzte die Lippen und musterte durch die Glasscheibe ihren Mitarbeiter. „Der sieht aus, als käme er frisch von einer Sauftour! So geht das nicht weiter, der lässt sich ja völlig gehen! Da muss man ja Angst haben, ihn Streife fahren zu lassen. Schick ihn zu mir rein Susanne! Mit dem muss ich ein ernstes Wörtchen reden!“, sprudelten die wütenden Worte nur so aus Kim heraus. Susanne hielt ihre Chefin am Ärmel fest, als diese im Begriff war aus ihrem Büro zu stürmen.
      „Kim, bitte, gib ihm noch ein paar Tage. Das renkt sich schon wieder ein zwischen ihm und Ben. Die brauchen einander und spätestens, wenn sie sich aufeinander verlassen müssen, wird alles wieder gut. Semir macht halt die Trennung von Andrea und den Kindern schwer zu schaffen!“, gab sie aufklärend zurück, „da hilft es auch nichts, wenn du ihn einen Einlauf verpasst oder sogar vom Dienst suspendierst. Lass ihn seine Arbeit machen, sonst dreht er endgültig durch!“

      Überrascht blickte Kim ihre Freundin an, „Die Gerkhans haben sich getrennt? … Das wusste ich nicht! … Hmmm! … Erklärt aber einiges!“ kommentierte Frau Krüger und verschränkte ihre Arme vor der Brust. „Na gut, schick mir Herrn Jäger noch mal rein. Ich will kurz mit ihm reden, wie er die Situation einschätzt und dann eine Entscheidung treffen.“

      ******

      Am darauf folgenden Tag...
      Es war die Tage zuvor ... Semir hielt die Stille in seinem Haus nicht mehr aus, sie machte ihn verrückt. Er hatte nach der Nachtschicht nur ein paar Stunden auf dem Sofa im Wohnzimmer geschlafen. Das leere Bett von Andrea ließ ihn im gemeinsamen Schlafzimmer keine Ruhe finden. Wenn er durchs Haus tigerte und in die Kinderzimmer blickte, waren die Betten leer. Die Sehnsucht nach seiner Frau und seinen Kindern war allgegenwärtig. Das Leben war aus dem Haus verschwunden. Seine Familie war aus seinem Leben entschwunden.
      Semir hatte mehrmals versucht, Andrea telefonisch zu erreichen. Doch diese hatte seine Anrufe auf dem Handy einfach abgewiesen. Auf seine SMS oder Whatsapp Nachrichten nicht reagiert. Seine Schwiegereltern schirmten ihre Tochter zusätzlich ab.

      Semir saß auf dem Sofa. Seine Ellbogen waren auf den Oberschenkeln abgestützt und mit seinen Fingerkuppen massierte er seine Schläfen. Er grübelte vor sich hin, während er den geöffneten Pizzakarton auf den Fußboden anstarrte, in dem eine halb aufgegessene Pizza vom Vortag vor sich hingammelte. Einige leere Bierflaschen lagen darum verteilt. Alkohol war auch keine Lösung seiner Probleme, hatte er festgestellt. Sie ließen sich auch nicht damit ertränken. Sein Schädel brummte von dem Folgen des übermäßigen Alkoholgenusses.

      Auf dem Couchtisch lag ein zusammengefaltetes Blatt Papier. Er griff danach. In seinen zitternden Händen hielt er Andreas Brief, den sie ihn zum Abschied Freitagnacht hinterlassen hatte. Ihre Tränen hatten ihre Schrift teilweise verschwimmen lassen. Immer wieder hatte er ihre verzweifelten Worte gelesen, dass sie ihn immer noch liebe, aber keine Liebe der Welt diese Spannungen aushält. Sie fragte ihn, ob er sie denn noch liebte? Wo waren ihre Gemeinsamkeiten geblieben? Was verband sie noch? Seine Fürsorglichkeit, die schon in Bevormundung ausartete, erstickte sie, nahm ihr die Luft zum Atmen … auch sie brauche Freiheiten in der Ehe. Sie war nicht nur die Mutter seiner Kinder, seine Ehefrau, sie wollte auch als die eigenständige Person Andrea wahrgenommen werden. So wie früher, wie damals, als ihre Liebe begann. Wo war sie geblieben? Wo? Wo war ihr Platz geblieben? Diese Zeilen und ihre anderen Worte hatten ihn sehr nachdenklich gemacht.

      Dazu kam der Streit mit Ben, der erneut eskaliert war. Er wusste genau, dass er nicht ganz schuldlos an der zerfahrenen Situation war. Er hatte seinen besten Freund mit seinen Bemerkungen tief verletzt. Dessen enttäuschter Blick heute Morgen ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. Dabei sollte er sich doch glücklich schätzen, so einen Freund wie Ben zu haben, der ihn vor einer riesen Dummheit bewahrt hatte. Ihm war nicht entgangen, dass nach dem morgendlichen Disput die Augen des jungen Kommissars feucht geschimmert hatten, als sie in seinen grauen Mercedes gestritten hatten.

      Was war nur aus dem großen Semir Gerkhan geworden? Was hatte er nur angerichtet? Das Gedankenkarrussell drehte sich unaufhörlich in seinem Kopf. Es fiel ihm so schwer über seinen eigenen Schatten zu springen, seinen Stolz zu überwinden und seine Fehler einzugestehen. Sein Blick fiel auf die Uhr. Wenn er sich beeilte, konnte er vor Dienstbeginn, noch bei Andreas Eltern vorbeifahren. Er musste mit seiner Frau reden. Es wurde Zeit, dass er den Anfang machte, bevor es endgültig zu spät war.

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    • Irgendwo in der Nähe von Köln
      Ein Telefon klingelte. Es meldete sich eine Stimme am anderen Ende der Leitung, die Deutsch mit einem leichten Akzent sprach.
      „Hallo, was gibt es Remzi?“
      „Jäger ist wieder da!“
      Am anderen Ende der Leitung herrschte kurzes Schweigen und ein hörbares Ausatmen war zu vernehmen.
      „Gut! Sehr gut! Bereitet alles für den ersten Teil des Plans vor! Sind die Wanzen in seiner Wohnung angebracht worden?“
      „Ja, wir haben alles so gemacht, wie du es gewünscht hast. Die Wohnung ist verwanzt, sein Telefon und sein Diensthandy werden abgehört. Nur seine private Handy Nummer haben wir noch nicht. Keine Sorge, dieser Penner Memphis ist bald weich. Sobald das Startzeichen gegeben wird, läuft alles nach Plan!“
      „Ich kann es kaum erwarten!“, brummte die Stimme „Ich melde mich wieder!“

      *****

      Ben stand, seine Handflächen an die Fliesenwand gestützt, unter der Dusche und ließ die warmen Wassertropfen auf sich herunterprasseln, in der Hoffnung diese würden seine düsteren Gedanken etwas vertreiben. Er hatte furchtbar schlecht geträumt, fand sich in einem dunklen Loch gefangen, ohne Ausweg und war schreiend und schweißgebadet aufgewacht. Danach hatte er keinen Schlaf mehr gefunden und beschlossen früher als üblich aufzustehen.
      Ein kalter Lufthauch strich über seinen Rücken. Jemand hatte die Tür der Duschkabine geöffnet. Bevor er dazu kam, sich umzudrehen, umschlangen ihn zwei warme Hände und ein weicher Körper schmiegte sich an ihn heran.
      „Anna?“ entfuhr es ihm verwirrt, „Bist du schon zu Hause?“
      „Ja mein Schatz! Ich konnte heute früher gehen, nennt sich Überstundenabbau!“, gab sie als Erklärung zurück und fuhr sanft mit den Handflächen über seinen Rücken. „Du bist total verspannt. Was ist los? … Semir?!“
      Er nickte zustimmend und genoss es zeitgleich, wie sie seine Nacken- und Schultermuskeln massierte. Wohlig stöhnte er auf.
      „Entspanne dich einfach und genieße es!“ Ihre Hände wussten genau, wo sie ihn berühren mussten.
      „Du weißt schon, was du anrichtest?“
      „Hmmm!“, brummte sie genüsslich, denn er war auch nicht untätig geblieben, hatte sich umgedreht und begann seine Freundin ebenfalls mit seinen Händen und Lippen zu verwöhnen. In ihren Augen stand das pure Verlangen, als sie ihn küsste. Mit seinen starken Armen hob er sie leicht an, sie schlang ihre Beine um seine Hüften und die Arme um seinen Nacken. Er drückte ihren Rücken gegen die gekachelte Wand. Die nächsten Minuten gehörten alleine dem entbrannten Sturm ihrer Leidenschaft.
      Kurze Zeit später hantierte Anna in der Küche und bereitete für sich und Ben einen Kaffee und einen kleinen Imbiss zu.
      „Wow!“ entfuhr es ihm, als er an die Theke trat. Seine Freundin trug ein buntes kurzes Top, dazu schwarze Shorts, die ihre Figur noch mehr zur Geltung brachten. „Also! Wenn ich dich so anschaue, könnte ich den Imbiss glatt sausen lassen und an etwas anderem Naschen!“, dabei leckte er sich genüsslich über die Lippen. Als Antwort beugte sie sich über die Theke und küsste ihn. Anschließend drückte sie ihm ein Toast mit Marmelade in die Hand.
      „Damit du groß und stark bleibst!“ und lachte dabei herzerfrischend auf. Dann wurde sie wieder ernst. „Hattest du wieder Streit mit Semir?“
      „Ja!“, er fuhr sich nachdenklich über das Gesicht und überlegte, ob er die schöne Stimmung zerstören sollte. Auf der anderen Seite tat es gut, mit jemanden darüber zu reden. Er erzählte, dass Semir gestern Abend leicht angetrunken zum Dienst gekommen war. Die Krüger war entsprechend sauer gewesen und hatte ihn, Ben, zur Rede gestellt, wegen des Streits unter den beiden Kommissaren. Ben berichtete weiter, was sich in den frühen Morgenstunden zum Ende der Nachtschicht ereignet hatte, während er von seinem Toast abbiss und an seinem Kaffee nippte.
    • Rückblick
      Die Morgendämmerung am Horizont kündigte den neuen Tag an. Die Nacht war genauso ereignislos verlaufen, wie die Nächte davor. Ben und Semir saßen im silbernen Mercedes und beobachteten den Verkehr auf dem Rastplatz, bis ein BMW Cabriolet, in den vier Männer, Anfang zwanzig mit südländischem Aussehen saßen, Semirs Aufmerksamkeit erregten. Die Bassboxen des blauen Fahrzeugs beschallten den kompletten Parkplatz und der Fahrer fuhr mit überhöhter Geschwindigkeit die Parkplätzte entlang. So nah wie möglich, stoppte der BMW vor der Toilettenanlage. Die Jungs stiegen laut grölend aus und wollten ihr Geschäft im WC Häuschen erledigen. Der Fahrer blieb währenddessen wartend im Fahrzeug sitzen, drehte die Musik noch ein bisschen lauter und steckte sich eine Kippe zwischen die Lippen.

      „Na warte, die kaufe ich mir! Das ist Ruhestörung!“, brummte der kleine Türke und sein Blick haftete förmlich auf dem BMW Cabriolet.
      „Mensch Semir, lass doch die Jungs in Frieden! Die sind doch harmlos und wollen nur ein bisschen Spaß haben und Party machen!“
      Bens Worte waren noch nicht verhallt, als sein älterer Partner die Fahrzeugtür aufstieß und auf den blauen BMW zu stapfte.
      „Vergiss es! Wo kommen wir denn hin, wenn sich jeder so aufführt!“

      „Oh fuck,“ entfuhr es Ben, der schon ahnte, dass bei der derzeitigen Verfassung seines Kollegen die Situation eskalieren würde. So schnell, es ging eilte er seinem Partner hinterher, hatte aber den längeren Weg zum verdächtigen Fahrzeug. Zu seinem Entsetzen stellte er fest, dass Semir seine Dienstwaffe gezogen hatte und den Fahrer aufforderte, dass Fahrzeug zu verlassen und ihm Führerschein und Fahrzeugpapiere auszuhändigen. Gleichzeitig trafen die anderen drei Kumpels des schwarzhaarigen Fahrers ein. Einer davon, der scheinbar der Wortführer der jugendlichen Gruppe war, blaffte provozierend in Richtung des kleinen Türken:
      „Hey, was geht denn hier ab Opa?“
      „Gerkhan, Kripo Autobahn!“, wies sich der ältere Polizist aus und hielt dem Wortführer seinen Dienstausweis unter die Nase, „das hier ist eine Fahrzeug- und Personenkontrolle. Also Ausweis her! Sofort!“
      „Na, da haste aber noch frisch und knackig ausgesehen Opa!“, meinte der junge Mann frech in Richtung des Türken. Er wandte sich wieder seinen beiden Kumpels zu, die hinter ihm standen und seine Kommentare durch hämisches Lachen unterstützen.
      „Habt ihr das gehört Jungs, wat das Streifenhörnchen von uns will?“, meinte der Anführer lauthals lachend. „Hey Opa, geh doch nach Hause! Wärme deiner Mutti das Bett und lass uns in Frieden!“

      Auf diese Aussage hin, brannten bei Semir die Sicherungen durch. Blitzschnell drehte er sich auf dem Absatz um, warf den Wortführer mit dem Gesicht nach vorne gegen den Kofferraumdeckel. Der Wortführer jaulte auf, als Blut aus seiner Nase auf den Kofferraumdeckel tropfte. Mit einem eisernen Griff fixierte der Türke den Jugendlichen. Dessen Kumpels verstummten eingeschüchtert. Jetzt erst hatte Ben die Gelegenheit aktiv in die Situation einzugreifen. Im Hintergrund erklangen schon murmelnde Stimmen über Polizeigewalt im Dienst und Polizeiwillkür, von anderen Besuchern der Rastanlage.

      Als erstes zog Ben Semir zurück, redete beschwichtigend auf ihn ein, „Lass es gut sein Semir!“ und drückte ihm die Fahrzeugpapiere und die Ausweise in die Hand und meinte bestimmend: „Ich glaube Kollege, es ist besser, du gehst zurück zu unserem Dienstwagen und über prüfst mal unsere Jungs hier.“

      Er schob den kleinen Türken in Richtung des Mercedes und richtete seine Aufmerksamkeit auf die Jugendlichen. Der Wortführer hatte sich aufgerichtet und hielt seine schmerzende Nase. In Richtung des Türken blaffte er:
      „Das Bullenschwein, hat mir die Nase gebrochen! Das gibt eine fette Anzeige.“
      Ben entwich hörbar die Atemluft. Mit seinen Blicken musterte er einen Jugendlichen nach dem anderen.
      „Und jetzt zu euch Freunde! Mein Kollege hatte heute eine ganz miese Nacht hinter sich. Und eure Bemerkungen trugen nicht unbedingt dazu bei, seine Laune zu verbessern. Was haltet ihr davon, wenn wir mal ein bisschen Taschenkontrolle machen, ob ihr Gras oder sonst ein paar unerlaubte Pillchen von eurer Party einstecken habt?“
      Der kleinste des Quartetts wurde um einige Nuancen bleicher. Wahrscheinlich Volltreffer, dachte sich der junge Kommissar.
      „Auf geht’s! Legt mal schön euren Tascheninhalt auf die Motorhaube von eurem Flitzer!“ Dabei schritt er auf den Wortführer der Gruppe zu, umfasste dessen Kinn und betrachtete ihn eingehend.
      „Wenn du meinst, dass bisschen Nasenbluten ist eine gebrochene Nase, dann reden wir von Beamtenbeleidigung und Provokation! Verstanden!“ Dieser bewegte seinen Kopf auf und ab und drückte mit seinem Finger auf das blutende Nasenloch.
      „Sehr schön Jungs! Ich sehe, wir verstehen uns! Wir kontrollieren noch kurz eure Papiere und der Fahrer darf einen Alkoholtest machen!“

      Ben ging zurück zu seinem silbernen Dienstwagen, in dem auf dem Beifahrersitz ein äußerst gereizter Semir saß. In seinen Händen hielt er die Ausweispapiere, die Ben wortlos an sich nahm. Der Türke saß da und starrte vor sich hin. Den Zustand seines Partners ignorierend, gab der Jüngere die Daten der Jugendlichen per Funk an die Zentrale durch. Ben stand neben seinen Wagen, die Unterarme auf das Wagendach gestützt und beobachtete die Jugendlichen. Weder er noch Semir sprachen ein Wort. Nach wenigen Minuten bekam Ben vom Kollegen am Funk die Mitteilung, dass die Papiere der Jugendlichen in Ordnung waren. Jedoch ergab der Alkoholtest des Fahrers, dass dieser etwas getrunken hatte, der Wert aber unterhalb des Grenzwertes lag. Zu seinem Glück war er vor zwei Tagen einundzwanzig geworden.

      Als Ben vom Mercedes zurückkam, blickten die jugendlichen Draufgänger etwas betreten drein.
      „So wie sieht es aus? Bestehen die Herren auf eine Anzeige?“ Dabei schaute er in Richtung des Wortführers, „dann können wir selbstverständlich gerne zu unserer Dienststelle fahren und diese aufnehmen. Ihnen ist doch aber klar, dass es im Gegenzug eine Anzeige wegen Beleidigung, Lärmbelästigung etc geben wird und …!“ Den Rest seiner Worte ließ er unausgesprochen im Raum stehen.

      „Schon gut, schon gut!“ wiegelte der Wortführer ab, dem ebenfalls klar war, dass er eine Menge Ärger zu erwarten hatte. Sein Kumpel hatte noch eine komplette Ration der kleinen blauen Glücklichmacher in der Hosentasche. „Wer wird denn wegen ein bisschen Nasenbluten gleich einen Aufstand bauen!“, räumte er ein und trat den Rückzug an. Seine Freunde nickten beifällig.
      Ben beließ es bei einer polizeilichen Belehrung wegen des Fehlverhaltens der Jugendlichen. Die Sache schien noch mal für seinen Partner glimpflich auszugehen.

      Nachdem Ben auf dem Fahrersitz des Mercedes Platz genommen hatte, hatte auch seine Beherrschung eine Grenze erreicht. Er schnaufte mehrmals deutlich hörbar ein und aus. Seine Hände hatten das Lenkrad fest umklammert, dass das Weiße des Handrückens erkennbar war. Dann brach es aus ihm heraus.
      „Sag mal, was war das gerade für eine Wild-West-Nummer, die du da abgezogen hast Semir? … Drehst du nun endgültig durch? … Willst du deinen Job auch noch riskieren, reicht es noch nicht, dass dir deine Frau davongelaufen ist? … Was glaubst du denn, was die Krüger mit dir macht, wenn sie von der Zirkusnummer erfährt! … Hey schau mich an, wenn ich mit dir rede!“, die letzten Sätze brüllte er nur so raus.
      Semir starrte zum Beifahrerfenster hinaus und schwieg.
      „Verdammt noch mal rede mit mir Partner! So geht das einfach nicht weiter zwischen uns! … Ich kann nichts dafür, was zwischen dir und Andrea passiert ist. Du bist auch nicht der erste Mann, dem die Frau davongelaufen ist! Kriege dein Leben endlich wieder in den Griff, denn das hier ist unser Job! Wenn du dich nicht mehr unter Kontrolle hast, weil du angetrunken zur Arbeit kommst und bei dir deswegen einige Sicherungen durchgebrannt sind …“

      Rückblick Ende

      „Daraufhin haben wir uns wieder gestritten, Anna. So richtig heftig.“ Ben rang sichtlich um seine Fassung „Er hat mir vorgeworfen, nicht sein Freund zu sein … ihn in den Rücken zu fallen …er hat mir Vorwürfe wegen Andrea gemacht, es war … es war …!“
      Der junge Mann konnte einfach nicht weitersprechen. Ungläubig schüttelte er mehrmals an den Kopf. Anna kam um die Theke herum und nahm ihm mitfühlend in den Arm. Ben sah so verzweifelt aus.
      „Und jetzt? … Was machst du jetzt?“
      „Semir ist mein Freund. Verstehst du Anna?“ Er sah seine Freundin mit seinen dunklen Augen an, in denen sich sein Seelenleben wiederspiegelte. „Ich werde nicht einfach aufgeben und ihn hängen lassen. Gerade jetzt braucht er einen Menschen, der zu ihm hält und für ihn da ist. Irgendwann muss doch auch dieser sture Bock zur Einsicht kommen, was richtig und falsch ist!“, meinte er fast schon beschwörend.
    • „Wobei wir beim Thema wären, mein Schatz! Julia hat mich heute Morgen angerufen, ob wir am Sonntag zum Mittagessen kommen!“
      Ben verdrehte genervt die Augen nach oben. „Oh nee, muss das sein, du weißt genau, was passieren wird!“
      „Ben!“, ermahnte sie ihren Freund, stützte sich mit ihren Unterarmen auf die Arbeitsplatte der Küchentheke und reckte ihren Kopf ein bisschen in seine Richtung und setzte ihren süßesten Schmollmund auf.
      „Julia möchte gerne, dass du dich mit Peter aussöhnst und wieder verträgst! … Bitte tue es, Julia und mir zu Liebe ja!“

      Der Dunkelhaarige seufzte tief auf. Seiner Freundin konnte er einfach keinen Wunsch abschlagen, vor allem wenn sie ihn mit einem solchen Augenaufschlag ansah. Er schmolz einfach dahin. Magisch zog ihr Mund ihn an und ihre Lippen berührten sich, zu einem innigen Kuss. Zärtlich streifte er ihr eine ihrer widerspenstigen lockigen Haarsträhnen hinter ihr Ohr. Dabei ging er in sich und dachte nach.

      Ben hatte es einfach nicht über das Herz gebracht, seiner Freundin zu erzählen, worum es letztendlich bei der Auseinandersetzung mit Peter und seinem Vater wirklich gegangen war. Sein Schwager hatte es tatsächlich fertig gebracht, einen Privatdetektiv damit zu beauftragen, über seine Freundin Anna Nachforschungen anzustellen. Sein Schwager hatte in den letzten Monaten Konrad Jäger mit seiner Meinung so aufgestachelt, dass Anna es nur auf Bens Geld abgesehen hätte, dass dieser missmutig das Vorhaben gebilligt hatte. Es kam, wie es kommen musste! Der Typ war so unvorsichtig bei seiner Recherche gewesen, dass er Ben aufgefallen war, als er Annas Wohnung observiert hatte. Er hatte den Kerl, einen Kevin Schröder, so lange in den Schwitzkasten genommen, bis der den Namen seines Auftraggebers Preis gegeben hatte. Anschließend war der junge Kommissar wutentbrannt in die Firma seines Vaters gefahren und hatte dort seinen Schwager zur Rede gestellt. Der Krach, der darauf zwischen den beiden Männern entbrannte, war über die komplette Büroetage deutlich hörbar gewesen, so dass auch der letzte Angestellte es mitbekommen hatte. Fast wäre es in Handgreiflichkeiten ausgeartet, wenn Konrad Jäger nicht dazwischen gegangen wäre. Der Disput der beiden jungen Männer war noch Tage danach Gesprächsthema Nummer eins in der Konrad Jäger AG gewesen.

      In den vergangenen sechs Wochen hatten die beiden Männer kein Wort mehr miteinander gewechselt und waren sich aus dem Weg gegangen. Am meisten litt Julia unter der angespannten familiären Situation.

      Zumindest sein Vater, mit dem Ben zwischenzeitlich eine Aussprache hatte, begriff langsam, dass es in der Beziehung zwischen Ben und Anna wirklich um Liebe und nicht um Geld ging. Vor seinem gemeinsamen Urlaub mit Anna in Italien hatte ihn sein Vater auf der PAST aufgesucht. Bei diesem Gespräch hatte Konrad Jäger versucht, Ben klar zu machen, warum ihn Anna als zukünftige Schwiegertochter nicht behage. Der dunkelhaarige Polizist hatte daraufhin seinen Vater angebrüllt, ob es denn nicht in seinen verdammten Dickschädel rein wolle, dass seine Freundin keine arme Krankenschwester sei, die sich im vergangenen Jahr einen reichen Patienten geangelt habe. Sie sei Ärztin, die einen gut bezahlten Job an der Uni-Klinik habe! … Geld … Geld … wenn er das schon hörte, als ob das alleine glücklich machen würde. Fast schon flüsternd hatte er Konrad gefragt, ob es in seiner Beziehung zu seiner Mutter auch nur um Geld gegangen sei oder ob er seine Mutter aus Liebe geheiratet habe. Daraufhin hatte er fast schon ein bisschen schuldbewusst eingelenkt.

      Bisher hatte Ben seinem Vater verschwiegen, dass seine Freundin durchaus aus einem wohlhabenden Haus stammte. Leider mussten die beiden verliebten jungen Leute, die gleiche Erfahrung bei Annas Familie machen, die ein riesiges Weingut an der Mosel ihr Eigen nannten. Diese hielten ihn für einen armen Polizisten, der keine standesgemäße Beziehung für ihre Tochter darstellte. Der letzte Besuch an der Mosel zum Jahreswechsel wäre fast ebenfalls in einem Fiasko geendet, weil Anna mit keiner Silbe etwas davon erwähnt hatte, dass Ben der Sohn eines Multimillionärs war. Die Welt war schon verrückt, schoss es Ben durch den Kopf.

      „Ok, sag zu! … Aber erst nachmittags und es kann sein, dass ich abends wieder zum Dienst muss, solange wir diese Diebesbande nicht gestellt haben!“

      Ben umrundete die Küchentheke und umarmte Anna und küsste sie liebevoll.

      „Wenn du nicht gleich losfährst, kommst du wieder mal zu spät! Pass auf dich auf, ja! Versprich es mir!“

      Nur widerwillig löste er sich von ihr, schnappte sich den Autoschlüssel und seine Jacke. Seine Pistole hatte er schon vorher aus dem abschließbaren Fach in der Garderobe geholt. Als er seinen silbernen Mercedes aufschloss, beschlich ihn das merkwürdige Gefühl beobachtet zu werden. Sorgfältig sondierte er mit seinen Blicken die parkenden Fahrzeuge, die Fußgänger, die Häuserfassaden der Umgebung …. Alles sah wie üblich aus. Vielleicht bildete er sich das auch nur alles ein, weil er so schlecht geträumt hatte.

      **

      Einige Zeit vorher …. Vor dem Grundstück von Andreas Eltern
      Semir hatte seinen BMW noch nicht richtig am Straßenrand geparkt, als Aida auf ihn zugestürmt kam. Sie hatte mit ihrer Schwester im Garten der Großeltern Ball gespielt und das Auto ihres Vaters sofort erkannt. Das Mädchen eilte durch eine kleine Gartentür auf den Gehsteig.
      „Papa … Papa …!“ rief sie freudestrahlend.
      Er kniete sich zu ihr runter, herzte sie, küsste sie und drückte Aida ganz fest an sich heran. Semir genoss einfach in diesem Moment die Nähe seiner großen Tochter, die seine Liebkosungen mit der gleichen Herzlichkeit erwiderte.
      „Holst du uns nach Hause Papa? … Und bist du nicht mehr böse auf die Mami!“ fragte sie mit großen Augen.
      Er löste sich ein bisschen vor seiner Tochter, umfasste zärtlich ihre Schultern.
      „Hallo mein Schatz! … Wie kommst du darauf, dass ich böse auf die Mami bin?“
      „Weil die Mami so furchtbar traurig ist … und immer wenn sie denkt, ich sehe es nicht, weint sie leise vor sich hin.“ Aida schaute sich suchend um, ob auch ja keiner zuhört und flüsterte ihm ins Ohr „Oma und Opa haben sich unterhalten und gesagt, du bist böse auf die Mami und wir sind deshalb keine Familie mehr!“ Sie schniefte kurz aber heftig auf „Aber Papa, bitte verrate mich nicht, ich habe an der offenen Wohnzimmertür gelauscht!“ gab sie als Erklärung zurück und legte beschwörend einen Zeigefinger auf ihre Lippen.

      Hatte Semir anfangs die Stirn ärgerlich gerunzelt, begriff er endlich, wie auch seine Kinder unter der familiären Situation litten. Es fühlte sich für ihn an, als hätte er eine schallende Ohrfeige bekommen. Er strich Aida sanft über die Haare.
      „Der Papa und die Mama haben gestritten, Aida. … und das ziemlich schlimm … Das kommt halt auch manchmal bei Erwachsenen vor. Aber ich bin da, um mich bei der Mami zu entschuldigen und um mit ihr zu reden. Und glaube mir meine Große, ich bin nicht böse auf die Mami!“
      Er versuchte ihr aufmunternd zuzuzwinkern, während er aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahrnahm

      Aus dem Haus kamen seine Schwiegereltern auf ihn zu. Seine Schwiegermutter zog Aida mit zurück in den Garten, inzwischen hielt ihn sein Schwiegervater am Ärmel fest und wollte verhindern, dass er das Grundstück betrat. Semir versuchte sich loszureißen und sich an seinen Schwiegervater vorbei zu drängen. Dem Türken stand sein Ärger ins Gesicht geschrieben. Jedoch auch Andreas Vater war ziemlich sauer auf seinen Schwiegersohn.

      „Ich muss mit ihr reden Walter! Und das geht nur Andrea und mich etwas an!“ protestierte Semir gegen die Behandlung. Nach einiger hitzigen Diskussion zwischen den beiden Männern und einigem Zögern lenkte sein Schwiegervater ein. „Vielleicht hast du Recht, wir sollten uns da nicht einmischen. Andrea ist in ihrem alten Zimmer. Ich sorge dafür, dass ihr alleine bleibt. Und damit das klar ist mein Sohn! Versaue es nicht wieder! Denn sonst, kriegst du richtig Ärger mit mir!“
    • Auf der PAST …. Am Abend …

      Ben kam mit einem flauen Gefühl im Magen pünktlich zu Dienstbeginn an. Der neuerliche Streit am Morgen mit seinem Partner hatte doch tiefere Spuren in seinem Seelenleben hinterlassen, als er anderen gegenüber zugeben wollte. Erwartungsgemäß war sein türkischer Kollege wieder einmal vor ihm da, sein BMW parkte bereits am gewohnten Platz. Als er das gemeinsame Büro betrat, erwartete ihn eine Überraschung. Auf seinem Schreibtisch stand eine Tasse mit dampfenden Kaffee und dazu ein Teller voller Schoko-Muffins. Dies entlockte ihm ein überraschtes: „Wow! Was ist denn hier ausgebrochen?“

      Hinter ihm erklang die Stimme von Semir: „Guten Abend Partner!“

      Ben drehte sich um und blickte seinem Kollegen mit einem fragenden Ausdruck im Gesicht an.
      „Guten Abend! Willst du mich jetzt vergiften, nach der Ansage von heute Morgen?“

      Der Türke schüttelte leicht verlegen den Kopf. „Vergiften? ….Nein! … Nein!“ Und lachte beschämt auf, „nein, höchstens wenn der Kaffee kalt wird und dadurch nicht mehr schmeckt, gilt das vielleicht sogar als ein Attentat.“ Der Ältere schluckte und man merkte, wie er nach den richtigen Worten suchte. „Ich … ich wollte mich bei dir entschuldigen Ben. … Tut mir Leid, … wirklich aufrichtig leid, was ich dir alles in den letzten Tagen an den Kopf geknallt habe. … Ich war wohl ein riesen A.rschloch, so wie ich mich dir gegenüber verhalten habe! … und nicht nur dir gegenüber … “ Er hob entschuldigend die Hände und stand wie ein reuiger Sünder mit hängenden Schultern vor Ben, „Du hattest Recht, mit dem was du gesagt hattest. Vielleicht habe ich tatsächlich noch so einen Einlauf von dir wie heute Morgen gebraucht, um mal aufzuwachen und zur Vernunft zu kommen. …!“ Er verdrehte seine Augen hilfesuchend nach oben, kniff die Lippen zusammen … „Ich war heute Nachmittag vor Dienstbeginn bei Andrea und habe mit ihr gesprochen!“ fügte er erklärend hinzu.

      „Und?“

      „Ich glaube, wir haben seit Monaten das erste Mal wirklich mit einander gesprochen … ich … !“ gab Semir kleinlaut zu und verstummte, dachte nach bevor er fortfuhr. „Es ist alles nicht so einfach, wie ich es mir vorgestellt habe. … Ich habe in der letzten Zeit so viel Mist gebaut … Andrea bleibt vorerst bei ihren Eltern mit den Kindern …“ Er nickte zuversichtlich … „Aber der Anfang ist gemacht!“

      Der dunkelhaarige Kommissar schnaufte erleichtert durch, ging auf seinen Freund zu und schlug in die dargereichte Hand ein. Mit einem leichten Brennen in den Augen und der Kehle zog er seinen kleineren Partner zu sich heran und nahm ihm in die Arme.
      „Schwamm drüber, die Sache zwischen uns beiden ist schon vergessen!“
      Ben spürte wie der Körper des Türken bebte. Er hielt seinen Freund einfach nur fest. So leicht, wie ihm diese Worte über die Lippen gingen, entsprach das nicht seinem Gemütszustand. Die vergangenen Tage, das frostige Klima zwischen ihm und Semir hatten ihn psychisch schwer belastet. Mehr als einmal hatte sich der junge Polizist schwere Vorwürfe gemacht, ob er zu weit gegangen war … ihre Freundschaft aufs Spiel gesetzt hatte, die ihm doch so viel bedeutete…
      „… Ist schon ok, Partner! Mach dir keine Gedanken mehr! Dafür sind ja Freunde da! Schau einfach nur, dass du die Sache mit Andrea wieder hinkriegst. … Ihr beide wieder einen gemeinsamen Weg zueinander findet. Ehrlich, ich wünsche es euch von Herzen!“
      Die Erleichterung war ihm anzuhören. Freundschaftlich klopften sich die beiden Kommissare auf den Rücken. Täuschte er sich oder schniefte Semir tatsächlich leise.

      Ben marschierte zurück an seinen Schreibtisch, lümmelte sich in seinen Bürostuhl und machte sich über die Muffins her. Mit einem Grinsen im Gesicht hielt er den Teller mit dem Letzten seinem gegenüber hin „Willst du auch einen?“
      Bis er sich verguckt hatte, hatte sich sein Partner den letzten geschnappt. Ben betrachtete nachdenklich seinen Schreibtisch, auf dem mal wieder das Chaos regierte. Aktenberge stapelten sich links und rechts von der Tastatur, Berichte der Spurensicherung über die Tatorte der LKW Überfälle, dazwischen Anfragen des LKAs, die Informationen wollten. Ben seufzte aus tiefster Seele auf. Nein, nach dieser Art von Arbeit stand ihm nicht der Sinn.

      „Hast du Lust auf Berichte lesen und schreiben?“, fragte der Jüngere den Älteren mit so einem hilflosen Unterton in der Stimme und einem verzweifelten Ausdruck in den Augen. „Komm Semir, lass uns eine Runde Streife fahren. Vielleicht entdecken wir ja was in Zusammenhang mit den Überfällen!“

      Diese Aussage und der Anblick von Ben dabei zauberten bei dem kleinen Türken ein feixendes Grinsen auf dem Gesicht. Der Ältere schnappte sich seinen Autoschlüssel und meinte nur. „Unter der Voraussetzung, dass ich heute zur Abwechslung mal wieder fahre!“

      ******

      Laut Einsatzplan hätten die beiden Autobahnpolizisten heute die Strecke auf der A3 zwischen Köln Nord und Siegburg kontrollieren sollen. Der planlose Beginn ihrer Streifenfahrt hatte die beiden Autobahnpolizisten auf die A4 in Richtung Aachen gebracht, eigentlich eine völlig andere Fahrtrichtung. Anfangs hatten sie sich angeregt unterhalten. Semir öffnete sich und redete sich seinen Kummer von der Seele und Ben merkte, wie sich sein Partner mehr und mehr entspannte. Der Blick des Dunkelhaarigen hing dabei am Außenspiegel, in dem er den Verkehr hinter dem BMW beobachtete. Die Dämmerung setzte bereits ein.

      „Sag mal Semir, täusche ich mich oder haben wir einen Schatten an der Backe?“

      Der Türke warf ihm einen verwunderten Blick zu und beobachtete anschließend den Verkehr im Rückspiegel. „Wen meinst du?“

      „Den schwarzen Toyota! Vier Fahrzeuge hinter uns! … Ich könnte schwören, der hängt seit der Ausfahrt Köln Nord hinter uns … immer schön im gleichen Abstand …Mal hinter einem LKW … da passt was nicht!“
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      „Was hältst du davon, wenn wir die nächste Rastanlage ansteuern? Dann sehen wir ja, ob er uns folgt!“

      Ben nickte zustimmend und beobachtete weiter das verdächtige Fahrzeug. Und tatsächlich, als Semir den Blinker setzte, um von der Autobahn abzufahren, folgte ihnen das auffällige Auto mit gebührendem Abstand.

      „Schauen wir uns die Galgenvögel mal näher an?“, schlug Ben vor.

      Obwohl es schon früher Abend war, war der Rasthof noch nicht mit LKWs überfüllt, deren Fahrer für die Nacht einen Schlaf- und Ruheplatz benötigten. Langsam rollte der silberne BMW durch die Parkreihen. Suchend blickten sich die beiden Autobahnpolizisten nach einem passenden Parkplatz, ein wenig abseits, um.

      „… Park dort drüben ein und dann knöpfen wir uns die Typen einmal vor!“

      Ben zeigte auf eine großzügige Parklücke am Ende der ausgewiesenen Parkfläche für PKWs.
      Im Schritttempo befuhr der schwarze Toyota die Parallelspur des Parkplatzes und schien gleichfalls eine Parklücke zu suchen. Das Fahrzeug setzte an, einzuparken. Der Fahrer hatte den Toyota angehalten, als die beiden Kommissare den silbernen BMW verlassen hatten und auf die Verdächtigen zusteuerten.

      Im schwarzen RAV4 blaffte der Beifahrer seinen jüngeren Fahrer wutentbrannt an.
      „Hau ab! … Die Bullen haben was gemerkt! … Die laufen direkt auf uns zu! … Los mach schon! … Licht aus! Und zurück auf die Autobahn!“
      Der Fahrer startete den Motor und setzte seinen Toyota rücksichtslos zurück und beschleunigte das Fahrzeug, so dass die Reifen durchdrehten. Mit völlig überhöhter Geschwindigkeit raste das verdächtige Fahrzeug zurück auf die Autobahn.
      „Du Trottel, das nächste Mal hältst du mehr Abstand, wenn ich es dir befehle!“ grummelte der Beifahrer des schwarzen Fahrzeugs verärgert weiter und überzeugte sich durch einen Blick über die Schulter, ob ihnen die Autobahnpolizisten folgten.

      Selbst ein Zwischenspurt half Ben nichts. Er hatte nicht einmal den Hauch einer Chance das Nummernschild entziffern können.
      „Hast du dir das Kennzeichen merken können?“, erkundigte er sich etwas außer Atem beim Älteren. Der schüttelte den Kopf.
      „Verfolgen ist zwecklos, den kriegen wir in dem Feierabendverkehr sowieso nicht mehr!“, stellte der Türke fest.
      „Naja, dann könnten wir ja eine kleine Kaffeepause einlegen und Hunger habe ich auch!“ meinte Ben und deutete auf die Raststätte, „außerdem stehen hier so viele LKWs rum, kontrollieren wir halt hier und nicht hundert Kilometer weiter südlich! Ich habe nach den letzten Nächten sowieso das Gefühl, die Typen wissen genau wo wir Streife fahren.“

      Sie beratschlagten noch kurz, ob sie sich bei der Zentrale abmelden sollten, ließen es aber sein. Den Anschiss von der Krüger konnten sie sich auch noch morgen früh abholen. Semir parkte seinen BMW nochmals um, um nachts möglichst einen guten Überblick auf die parkenden LKWs zu haben. Währenddessen holte Ben belegte Brötchen und für jeden einen Becher Kaffee. Zäh zogen sich die nächsten Stunden dahin. Mehr als einmal gähnte Ben herzzerreißend vor sich hin.

      Es war bereits weit nach Mitternacht. Die beiden Autobahnpolizisten wollten die Aktion schon abbrechen, als Semir ein paar verdächtige Männer entdeckte, die aus einem Sprinter ausgestiegen waren und zwischen den LKWs herumschlichen, als suchten sie etwas Bestimmtes. Er stupste Ben an, der vor sich hindöste.

      „Ssst, wach auf! … Siehst du die Kerle dort drüben, die zwischen den LKWs mit der gelben Plane herumschleichen!“

      Innerhalb einer Sekunde war der Dunkelhaarige hellwach. Mit seiner Linken griff er zum Mikro der Funkanlage und blickte seinen älteren Kollegen fragend an. Dieser schüttelte ablehnend den Kopf.

      „Lass mal! … Ist mehr so ein Bauchgefühl! Wir rufen die Kavallerie erst, wenn wir einen Treffer gelandet haben.“

      So leise wie möglich verließen die beiden Polizisten ihr Dienstfahrzeug, zogen ihre Schusswaffen aus dem Holster und entsicherten diese. Stumm, mit Handzeichen verständigten sich die beiden Freunde. Als einer der Verdächtigen ein Taschenmesser aus der Hosentasche zog und mit der Klinge die Plane des LKWs aufschlitzte, war Ben und Semir klar, dass sie vermutlich einen Volltreffer gelandet hatten. Der Jüngere blieb ein bisschen zurück und zückte wie vereinbart sein Handy, leise fast schon flüsternd informierte er die Dienststelle. Zu seiner Überraschung antwortete Kim Krüger am Ende der Leitung. „Guten Abend Frau Krüger! Jäger hier! … Keine Vorträge! Hören sie mir einfach zu! Semir und ich befinden uns auf der Rastanlage Frechem in Fahrtrichtung Aachen. Wir brauchen dringend Verstärkung. Schicken Sie alles her, was verfügbar ist. Die Kerle, die die LKWs ausrauben, schlagen hier gerade zu.“
      „Jäger, sind Sie sich sicher?“
      „Ja, wir sind uns absolut sicher!“

      Bevor die Chefin zu einer weiteren Erwiderung oder Frage ansetzen konnte, hatte Ben das Gespräch beendet. Jedoch entwickelten sich die Dinge so rasend schnell, dass keine Zeit mehr blieb, um auf die Verstärkung zu warten.

      Jede Deckung ausnutzend, huschte Ben näher an den Tatort heran. Sein Freund benötigte dringend seine Rückendeckung. Das musste der dunkelhaarige Kommissar der Diebesbande zugestehen, die Typen waren ein eingespieltes Team, die diese Aktion bestimmt nicht das erste Mal durchführten. Alle drei Männer, die umher schlichen, waren in dunklen einteiligen Arbeitsanzügen gekleidet. Ihre Gesichter wurden von Sturmmasken verborgen. Und sie waren bewaffnet und gefährlich! Deutlich zeichneten sich im schwachen Licht der Parkplatzbeleuchtung ihre Schusswaffen ab, die sie in Holstern an der Hüfte trugen. Während einer der Diebe geschickt auf die Ladefläche des LKWs kletterte, fuhr ein weiterer Verdächtiger den dunklen Sprinter ohne Aufschrift zum Abtransport der gestohlenen Ware näher heran. Zwischen den Reihen der parkenden LKWs waren sie vor ungewollten Blicken gut geschützt. Der Kleintransporter hielt vor dem Zielobjekt an und der Motor verstummte. Zwei weitere bullige Typen stiegen aus dem Kleintransporter aus und blickten sich sichernd um. Scheinbar sollten sie die Aktion absichern und unerwünschte Zuschauer vom Eingreifen abhalten. Sie teilten sich auf.