Time of Revenge

    • in Erarbeitung

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • In seinem Gehirn fing es fieberhaft an zu arbeiten. Verdammt … verdammt … dann befand sich Ben in größter Gefahr. Doch noch eine Frage beschäftigte Semir, wer war diese geheimnisvolle Frau, die es geschafft hatte einen Keil, zwischen Anna und Ben zu treiben?

      „Kennst du den Namen der Frau? … Was genau hat Sie dir erzählt? Bitte Anna, erzähl mir jedes Detail, welches dir noch einfällt! Alles ist wichtig!“ forderte er sie auf vom Besuch von Bens Ex-Freundin zu berichten.

      Die dunkelhaarige junge Frau hatte ihr Beine angezogen und auf dem Sofa abgelegt. Andrea drückte ihr eine Tasse Tee in die Hand, an der sie sich krampfhaft festhielt. Semir nahm die Teetasse ebenfalls in Empfang. Er war aufgestanden und wanderte ruhelos im Wohnzimmer umher, während seine Frau anstelle von ihm neben Anna Platz genommen hatte und sie tröstend in den Arm nahm. Zuerst noch sehr stockend, doch dann immer flüssiger berichtete die junge Frau über das, was sich vor einigen Tagen in ihrer Wohnung zugetragen hatte.

      „Die Frau war ungefähr so alt wie Ben und hat sich als Jessica Habermann vorgestellt. Sie sei mit Ben zur Schule gegangen!“ Sie erzählte alle Details, die ihr einfielen … über das Kettchen, die Fotos, die Geschichte mit dem Kind, das angebliche Verhältnis zu Bens Familie, den Rauswurf aus der Wohnung einfach alles. Zwischendrin nippte sie an ihrem Tee.
      Semir stand etwas ratlos da und zuckte hilflos mit den Schultern.
      „Sorry, ich kenne die Frau nicht. … Nie gesehen! …. Den Namen habe ich noch nie gehört. Aber es sollte kein Problem sein, über sie etwas raus zubekommen. Ich denke, auch da kann uns Susanne weiterhelfen.“

      „Ich glaube, ich weiß, wer da bei dir war!“ meldete sich zu Semirs Überraschung Andrea zu Wort. Anna wendete ihr Gesicht Andrea zu und blickte sie erwartungsvoll an. „Es war an irgendeinem Abend … Semir und ich hatte einen tollen Wellness-Nachmittag verbracht und Ben hatte den Babysitter-Job bei Aida und Lilly übernommen. Selbst nach unserer Rückkehr hat er so liebevoll mit den beiden Mädchen gespielt. Nachdem wir zusammen die Kinder ins Bett gebracht hatten, sprach ich ihn darauf an, ob er sich denn auch mal Kinder wünsche“, sie dachte sinnend nach und versuchte sich an die Einzelheiten zu erinnern. Mit ihrer ruhigen Stimme fuhr sie fort, „Er erzählte mir, dass er schon fast einmal vor ein paar Jahren Papa geworden wäre. Er nannte die Frau Jessie. Sie war mit ihm zusammen zur Schule gegangen. Damals waren sie miteinander befreundet gewesen, ein Paar gewesen. Nach der Schule hatten sie sich aus den Augen verloren. Bei einem LKA Einsatz im Rotlicht Milieu trafen sie sich nach Jahren wieder. Diese Jessie hatte Ben um Hilfe gebeten, um auszusteigen. Als Gegenleistung sagte sie gegen einen der Zuhälter aus.“ Sie strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Ihr Mann hatte sich ihr gegenüber hingesetzt und hörte fasziniert zu. Die Verblüffung, dass seine Frau etwas über seinen Partner wusste, was er selbst nicht kannte, stand ihm im Gesicht geschrieben. Auch Anna saß schweigend dabei und hielt ihre leere Teetasse krampfhaft in den Händen, als könne sie ihr einen Halt geben. „Ich weiß nicht, ob die beiden zu diesem Zeitpunkt wirklich was miteinander hatten. Auf jeden Fall war diese Jessie schwanger und Ben half ihr von ihrer Alkoholsucht loszukommen und wieder auf die Füße zu kommen, kümmerte sich um Mutter und Kind. Lange Zeit spielte er wohl auch so ein bisschen Ersatz-Papa für das Kind und diese Jessie schien sich schon berechtigte Hoffnungen gemacht zu haben, dass Ben sie vielleicht heiraten würde. Scheinbar ging das auch relativ lange gut, bis der kleine Junge so ungefähr eineinhalb Jahre alt war. Diese Jessie fing wieder an zu trinken. Mehr als einmal hatte Ben den Jungen völlig verwahrlost und alleine gelassen in der Wohnung vorgefunden. Das eingeschaltete Jugendamt machte Hausbesuche, stellte der Mutter eine Familienhelferin zur Seite, nur es änderte sich nichts. Daraufhin wurde der kleine Junge für einige Wochen in die Obhut einer Pflegefamilie gegeben. Die Mutter begann eine Therapie, legte Beschwerde ein und bekam ihr Kind wieder zurück. Das Jugendamt vertrat zu diesem Zeitpunkt die Meinung, ein Kind gehöre zu seiner Mutter. Aber kaum war der Kleine wieder bei dieser Jessica, begann diese wieder damit Alkohol zu trinken und zusätzlich noch Drogen zu nehmen. Ben hatte damals das Gefühl, das Jugendamt schaute einfach weg.“ Für einige Sekunden verstummte Andrea. Zu sehr hatte sie das Schicksal des hilflosen Kindes berührt. Semir stand, wie eine Statue an die Terrassentür gelehnt, völlig geschockt da. Das Schicksal von Kindern, denen ein Leid zugefügt worden war, berührte ihn ganz besonders. Es machte ihn wütend. „Eines Abends, die Nachbarn hatten Ben verständigt, weil der Junge so gottjämmerlich den ganzen Tag über geweint hatte, fand er den Jungen mit einem Fieberkrampf und einer schweren Lungenentzündung allein gelassen in seinem Kinderbettchen vor. Er hat dem kleinen Kind an jenem Abend das Leben gerettet, wie die Ärzte im Krankenhaus bestätigten. Anschließend hatte Ben mit Hilfe eines Anwalts dafür gesorgt, dass dieser Jessie der Junge weggenommen wurde, das Sorgerecht entzogen wurde. Er hätte ihn gerne selbst adoptiert, aber nachdem er nachweislich nicht der leibliche Vater war, wurde der kleine Junge vom Jugendamt zu Pflegeeltern gegeben. Die hatten anfangs noch in Köln gelebt, doch diese Jessie schien die Pflegefamilie regelrecht terrorisiert zu haben, gestalked zu haben, wo sie nur konnte. Selbst vor Gewalt gegenüber der Pflegemutter schreckte sie nicht zurück. Die Familie, die den Jungen in Obhut hatte, wollte verhindern, dass das Kind von einer Pflegefamilie zur andern weitergereicht wurde und so sind sie schließlich aus Köln weggezogen. Solange der Junge in Köln gelebt hat, hatte Ben auch noch Kontakt zu ihm gehabt. Um ihn zu schützen, hat er den Kontakt abgebrochen. Ich glaube, wenn es diese Jessie war, die Anna besucht hat, hatte die auch ein Motiv Ben eins auszuwischen. Denn der von Ben beauftragte Anwalt, der die Rechte des Kindes vertrat, machte richtig Druck. Auf Veranlassung des Jugendamtes bekam diese Jessica eine richterliche Anordnung, die ihr das Besuchs- und Umgangsrecht mit ihrem Sohn entzog.“

      Als sie verstummte, herrschte Schweigen im Raum. Semir schaute mit einem leeren Blick zum Fenster raus in den Garten und musste das gehörte erst mal verarbeiten. Anna saß mit zitterndem Körper neben Andrea auf dem Sofa. Diese konnte spüren, wie innerlich aufgewühlt die junge Frau war. Semir drehte sich zu den beiden Frauen um und kniete sich vor Anna hin und umschlang deren Hände.
      „Anna!“ fast schon beschwörend sprach er sie an, „wann hast du das letzte Mal etwas von Ben gehört? Es ist wichtig! …Mit ihm gesprochen!“
      Mit bebender Stimme wisperte sie stockend „Vor drei Tagen … nachdem … ich ihn aus meiner Wohnung rausgeschmissen hatte … versuchte … er mich anzurufen … Ich …ich bin nicht rangegangen … und … und er … hat … mir daraufhin eine SMS geschickt!“ Sie schluchzte lauthals auf … mit zitternden Fingern suchte sie in ihrer Hosentasche nach ihrem Handy, zog es heraus und öffnete die Nachricht, bevor sie es an Semir weiterreichte. Dieser las die letzten Worte, die Ben an seine Freundin geschrieben hatte.

      'Anna bitte, ich flehe Dich an … lass es nicht so zwischen uns enden! Vertraue mir, niemals könnte ich Dir so etwas antun. Verstehst DU? NIEMALS! Raube mir nicht meinen letzten Hoffnungsschimmer, Dir die Wahrheit zu beweisen. Du trägst meine Liebe … mein Herz in deinen Händen … Wenn Du es fallen lässt, zerbricht es …zerbreche ich daran in tausend Scherben … Ohne Dich kann ich nicht sein und will ich nicht sein, du bist die Liebe meines Lebens … Glaube mir, man kann mir alles nehmen, das ist mir egal. Aber Deine Liebe bedeutet mir alles, ohne diese kann ich nicht existieren … Denk an unsere Pläne und Träume, ich werde dafür kämpfen … bitte Du auch … in Liebe Ben'

      Semir legte das Handy zurück auf das Sofa und murmelte fassungslos vor sich hin: „Oh mein Gott … oh mein Gott!“ Der Türke umschlang Annas eiskalte Hände. „Scht … beruhige dich doch! … Wir finden ihn Anna, versprochen! Verstehst DU? Ich werde Ben finden! Bei allem was mir heilig ist. … Versprochen!“

      Bens Freundin fühlte sich schuldig und hundeelend. Leise, kaum hörbar flüsterte die junge Frau vor sich hin „Was habe ich nur getan? … Oh mein Gott! … oh mein Gott! … Semir! … Was habe ich nur Ben angetan? …“

      Ständig wiederholte sie monoton diese Worte, schlug sich die Hände vor das Gesicht und fing erneut hemmungslos an zu weinen ... Semir war in diesem Moment vollkommen hilflos, was sollte er nur sagen, um Anna Trost zu spenden. Als er seine Hände ihre Schultern legen wollte, schüttelte Andrea den Kopf und gab ihm mit einer Geste zu verstehen, dass er die beiden Frauen alleine im Wohnzimmer lassen sollte.

      Für ihn war es die passende Gelegenheit auf die Terrasse zu gehen, um mit Susanne zu telefonieren.
    • Nach dem Gespräch verharrte Semir noch einige Minuten auf dem Gartenstuhl, der im Schatten einer großen Tanne stand. Das Gehörte musste er erst einmal verarbeiten. Er beugte sich vornüber. Seine Ellbogen ruhten auf seinen Oberschenkel. Er schloss seine Augen und vergrub sein Gesicht in seinen Händen. Sein letztes Gespräch mit Ben auf der PAST lief wie ein Film vor seinem inneren Auge ab. Alle Einzelheiten … Bens verzweifelte Verteidigungsrede, dass alles ein Komplott gegen ihn sei. Wie ein Paukenschlag fiel ihm der schwarze Toyota ein, der sie vor einiger Zeit auf der Streifenfahrt verfolgt hatte. Ben hatte damals behauptet, das auffällige Fahrzeug schon mehrmals in der Nähe der PAST und seiner Wohnung gesehen zu haben.

      „Verdammt! … Verdammt!“, entfuhr es ihm unwillkürlich. Was war, wenn Bens Beobachtungen zugetroffen hatten. Hätte er damals schon, die Fakten anders betrachtet … seinem Partner vertraut … hätte, … wenn … und aber … jetzt und heute war es zu spät. Zusätzlich zu seinem mulmigen Bauchgefühl plagte ihn das schlechte Gewissen.

      Mühsam erhob er sich und schaute durch das Wohnzimmerfenster ins Innere des Hauses. Anna lag in Andreas Armen und schien sich beruhigt zu haben. Seine Frau hatte den Körper von Bens Freundin mit einer Fleece-Decke zugedeckt. Als er die Terrassentür öffnen wollte, erkannte er, wie seine Frau ihren Zeigefinger an den Mund legte und ihm zu verstehen gab, leise zu sein. Bens Freundin hatte sich in den Schlaf geweint.

      Der kleine Türke betrachtete das sorgenvolle Gesicht von Andrea. Es versetzte ihn ein Stich ins Herz. In den letzten Tagen hatten die Eheleute glückliche Stunden der Zweisamkeit in der Hütte am See verbracht. Es war wie im Paradies gewesen, eine Traumwelt ohne Sorgen und voller Unbeschwertheit. Eigentlich wollten sie am Nachmittag sich das hübsche Häuschen am Stadtrand anschauen, welches Andrea so gut gefiel. Mittlerweile konnte er ihre Beweggründe für einen Umzug verstehen. Sie schien seine Gedanken lesen zu können. Ein aufmunterndes Lächeln huschte über ihr Gesicht. Sie wisperte: „Ist schon ok, das Häuschen läuft uns nicht weg! Kümmere dich um Ben mein türkischer Hengst!“

      „Du bist die Beste mein Schatz und wenn ich dich nicht bereits geheiratet hätte, würde ich dir glatt einen Heiratsantrag machen.“

      Er hauchte ihr einen liebevollen Kuss auf die Lippen, schnappte sich leise den Autoschlüssel und verließ das Haus.
      Als die Haustür ins Schloss gezogen wurde, schreckte Anna hoch und murmelte vor sich hin: „Ben … Ben … bist du da?“ Sie riss die Augen auf und erkannte, dass sie sich noch im Wohnzimmer von Andrea und Semir befand und ihr Kopf auf Andreas Schoß ruhte.

      „Scht …. Anna, alles wird wieder gut. Semir sucht nach Ben. … Nicht mehr weinen, meine Liebe!“

      „Es ist nur … ich … ich fühle mich so schuldig Andrea! … So als hätte ich Ben … irgendwo hingetrieben … und … und ich wollte das doch gar nicht!“

      Andreas weibliche Intuition regte sich. Da war noch mehr, irgendetwas verheimlichte Anna. So sanft wie möglich sprach sie die junge Frau darauf an.

      „Anna? Was ist los mit DIR? … Da ist doch noch was?“ Bens Freundin schaffte es erfolgreich gegen ihre Tränen anzukämpfen. Wenn auch von Aufschluchzen unterbrochen, gestand sie Andrea, dass sie schwanger war und was sich noch an dem fraglichen Tag zugetragen hatte. Liebevoll drückte Andrea die junge Frau an sich „Oh mein Gott, ich freue mich so für euch! Du wirst sehen, Ben wird der beste Vater für euer Kind werden, den du dir nur vorstellen kannst.“

      „Verstehe mich doch!“, unterbrach Anna sie verzweifelt, „ich habe einfach schreckliche Angst, dass Ben etwas passiert ist und er niemals sein Kind sehen wird!“

      „Hey, nicht wieder weinen, bitte! Semir sucht nach Ben. Er wird ihn finden und helfen seine Unschuld zu beweisen. Komm, ich koche uns eine Kleinigkeit und nach dem Essen schläfst du ein bisschen!“

      „Ich habe keinen Hunger und schlafen kann ich auch nicht!“, gab Anna mitgenommen zurück.

      „Sorry, Anna! Du bist schwanger. Du musst auch an dein Baby denken. Also, ich koche eine Kleinigkeit!“, sie schüttelte energisch den Kopf, als die Dunkelhaarige erneut widersprechen sollte, „Essen und anschließend schlafen. Du siehst so übermüdet aus. Ich bleib bei dir, versprochen!“

      Sanft strich Andrea ihr über das dunkle Haar, bis die junge Ärztin zustimmend nickte. Danach erhob sich Semirs Frau und ging in die Küche. Nach dem Essen, das Anna lustlos runter würgte, brachte Andrea sie ins angrenzende Gästezimmer und blieb bei ihr am Bettrand sitzen, bis nach einiger Zeit die Müdigkeit die junge Frau übermannte.
    • Auf der Fahrt zu Bens Wohnung versuchte Semir zuerst einmal seine Gedankengänge zu sortieren. Ihm wollte einfach nicht in den Kopf, dass Ben einen eiskalten Mord begangen haben sollte. Auf der anderen Seite hatte er mehr als einmal in seinem Beruf erleben müssen, wozu verzweifelte und in die Enge getriebene Menschen in der Lage waren. Diese Jessica hatte Ben an jenem Abend das wertvollste und wichtigste in dessen Leben genommen: Die Liebe von Anna. Semir durchfuhr ein Schauder, als er sich über die Konsequenzen seiner Gedanken klar wurde.

      Der Türke hatte seinen Zweitschlüssel an Bens Wohnungstür gerade ins Schlüsselloch gesteckt, als ihn eine weibliche Stimme von hinten ansprach.
      „Guten Tag Herr Gerkan! Wie gut, dass ich Sie treffe!“
      Er blickte über die Schulter und sah Frau Müllender, die vor ihrer Wohnungstür stand. Die Penthouse-Wohnung war damals geteilt worden. Ben war der Ansicht gewesen, dass zweihundert Quadratmeter Wohnfläche völlig für ihn ausreichend seien. Aus dem anderen Drittel wurde eine zweite Dachwohnung erbaut, die Frau Müllender bezogen hatte. Die nette alte Dame war Semir bestens bekannt. Die Nachbarin seines Partners kam regelrecht auf den Türken zugestürmt. Etwas schien gehörig ihren Unmut erregt zu haben, denn sie war außer sich. Sie stemmte ihre Hände in die Hüften und baute sich regelrecht vor dem Kommissar auf.

      „Stellen Sie sich vor Herr Gerkan! … Heute Morgen stand hier ein völlig unsympathischer Kommissar der Kripo Köln vor meiner Wohnungstür. Der Mann war unfreundlich und ich meine unfreundlich!“, betonte sie, „stank nach Alkohol. Seine Fahne schwebt wahrscheinlich noch im Aufzug und Treppenhaus herum. Er hielt den Schlüsselbund von Herrn Jäger in der Hand. Als ich mich bei ihm erkundigte, wie er in den Besitz desselbigen gekommen ist, brüllte er mich in einem unverschämten Tonfall an. Das ginge mir überhaupt nichts an und ich solle mich um meine Angelegenheiten kümmern. So ein rüder Kerl ist mir noch nicht untergekommen. Ich habe schon ernsthaft in Erwägung gezogen, mich bei dessen Vorgesetzten zu beschweren. … So was arbeitet bei der Polizei. …“ Sie schüttelte empört den Kopf und fuhr mit ihren Ausführungen fort. „Dieser merkwürdige Kommissar behauptete, er würde polizeiliche Ermittlungen durchführen und wollte den Aufenthaltsort von Herrn Jäger wissen. Stellen Sie sich vor, er nötigte mich regelrecht, ihn meine Wohnung betreten zu lassen, weil er sich überzeugen wollte, dass sich Herr Jäger dort nicht aufhält.“

      Sie gestikulierte dabei wild mit ihren Armen herum. Ihre Stirn war in Zornesfalten gelegt. So leicht brachte niemand die allein stehende Witwe, die früher einmal als Chefsekretärin in einem großen Konzern gearbeitet hatte, aus der Ruhe. Bis ins kleinste Detail berichtete Hertha Müllender dem Autobahnpolizisten über den Besuch von Kommissar Kramer.

      Währenddessen hatte Semir die Wohnungstür geöffnet und blieb erst einmal in der geöffneten Tür erschrocken stehen. Seit Ben mit Anna zusammen lebte, war seine Wohnung auch an den Tagen, wo die Putzfrau nicht da war, aufgeräumter und ordentlicher.

      „Ach du meine Güte, welche Bombe hat denn hier eingeschlagen?“, entfuhr es Frau Müllender und blieb fassungslos an der Eingangstür stehen.

      Wortlos zog sie sich ins Treppenhaus zurück, während Semir leise vor sich hin fluchend den großen Wohn- und Essbereich betrat. Von seinem Standort aus ließ er seinen Blick umherschweifen. Die Schubladen der Schränke waren teilweise komplett aus ihrer Halterung rausgerissen und beschädigt worden. Ein anderer Teil war halb raus gezogen worden. Jemand hatte deren Inhalt durchwühlt oder achtlos auf den Boden geworfen. Daneben standen Schranktüren halb offen. An einer Stelle war der Fußboden mit Glasscherben übersät. Einige Gitarren von Bens Gitarrensammlung waren achtlos auf das Sofa geworfen worden.

      Im Schlafzimmer bot sich der gleiche Anblick. Hier lagen Bens und Annas Kleidungsstücke verstreut auf dem Bett oder dem Fußboden, die Schubladen waren ebenfalls durchsucht worden. Der große Kleiderschrank stand offen, die Hosen, Shirts; Hemden raus gerissen und sonstige Wäschestücke lagen wild verteilt auf dem Fußboden.

      Semir stapfte kopfschüttelnd zurück ins Wohnzimmer. Selbst Vandalen hätten nicht schlimmer hausen können. Auf dem Esstisch lagen geöffnete Ordner, in denen Ben offensichtlich seine Rechnungen und sonstige Dokumente aufbewahrte. Jemand hatte die Wohnung ohne Rücksicht auf Verluste durchsucht. Dieser JEMAND war eindeutig dieser Kommissar Kramer von der Kripo Köln gewesen. So wahr ich Semir Gerkan bin, der Mistkerl würde für den Saustall, den er in Bens Wohnung angerichtet hatte, zur Verantwortung gezogen werden. Das schwor sich der Türke.

      Eine kleine rote Geschenkschachtel eines bekannten Kölner Juweliers, die auf dem Boden vor dem Sideboard lag, erregte Semirs Aufmerksamkeit. Er kniete nieder und öffnete diese. Darin befand sich ein Diamantring.

      „Du bist ja wahnsinnig Ben!“ murmelte er vor sich hin, während der Türke den Ring der kleinen Schachtel entnahm und ihn ins Licht der Sonnenstrahlen hielt, um ihn zu betrachten. Der in Gold gefasste Diamant, war wohl der Traum einer jeden Frau. Ben hatte eine Widmung für Anna eingravieren lassen. Falls Semir überhaupt den Hauch eines Zweifels hatte, dass sein Partner seine Freundin betrogen hatte, waren diese damit endgültig aus dem Weg geräumt. Kein Mann kauft solch ein wertvolles und wundervolles Geschenk für seine Freundin, lässt solche Worte der Liebe eingravieren und betrügt sie gleichzeitig mit einer anderen. Niemals! Zwischen den am Boden verteilten Blättern entdeckte er einen verschlossenen Briefumschlag, der an Anna adressiert war. Kurz entschlossen steckte der Türke den Umschlag und die Geschenkschachtel, die ja offensichtlich für Anna bestimmt waren, in seine Jackentasche, bevor sie bei einer neuerlichen Durchsuchung der Wohnung in die falschen Hände gerieten.

      Es widerstrebte Semir weiter in Bens Sachen rum zu wühlen. Ihm war in dem Moment klar, sollte es einen Hinweis auf den Aufenthaltsort seines Partners gegeben haben, hielt ihn bestimmt dieser Kommissar Kramer in den Händen. Er gewann die Einsicht, erst einmal zur Dienststelle zu fahren und sich mit Hilfe von Susanne einen Überblick über alle Fakten zu verschaffen.
    • Das Erste was Ben fühlte als er aus seiner Ohnmacht erwachte, war eine Benommenheit und Übelkeit. In seinem Mund machte sich ein merkwürdiger eisenhaltiger und gleichzeitig bitterer Geschmack breit. Er merkte, wie dieser regelrecht einen Brechreiz auslöste und fing an zu würgen. Er ließ sich nicht mehr unterdrücken und der Inhalt seines Magens landete vor ihm auf dem weißen Fliesenboden. Dennoch fühlte er sich nicht besser. Schmerz kam hinzu. Sein Kopf dröhnte und jede Körperstelle, die von den gnadenlosen Fäusten seines Widersachers getroffen worden waren, brannte vor Schmerz. Langsam registrierte er, dass er auf einem Stuhl saß. Seine Arme waren nach hinten verdreht und mit einem Klebeband an der Lehne gefesselt worden.
      Stimmen drangen zu ihm durch.

      „Wir sollten mal ein bisschen nachhelfen, damit unser Freund hier wach wird?“, meinte die bekannte männliche Stimme, die den merkwürdigen südländischen Akzent hatte und ihn aus seinem Gefängnis geschleppt hatte.
      Statt einer Antwort hörte er ein Klappern und das Plätschern von Wasser, das aus einem Wasserhahn gezapft wurde. Mit voller Wucht klatschte das eiskalte Wasser in Bens Gesicht. Er japste im ersten Moment nach Luft, prustete und hustete und zwang sich die Augen aufzuschlagen. Zuerst war sein Blick verschwommen und die Umrisse der Gestalten vor ihm, nahmen langsam Form und Gestalt an. Zwei Männer standen vor ihm, an denen ihm auffiel, dass sie beide das gleiche Tattoo auf dem rechten Handrücken trugen. Trotz der sommerlichen Hitze trugen die Männer Kampfhosen und Springerstiefel. Ihre Körpersprache und Haltung bestärkte Ben in seiner Meinung, dass er es mit ehemaligen Soldaten oder Söldnern zu tun hatte. Das Gesicht des Jüngeren wurde von einem riesigen dunklen Schnauzbart verziert, der dessen Mundwinkel verdeckte. In seiner rechten Hand hielt er einen weiteren Blecheimer bereit, gefüllt mit Wasser, um den nächsten Schwall Wasser über den Gefangenen zu gießen.

      „Noch eine Ladung Erfrischung gefällig?“, brummte die tiefe Bassstimme des Grauhaarigen ihn an, der ein fast akzentfreies deutsch sprach. Sein südländisches Aussehen war ebenfalls unübersehbar. Bevor der Polizist reagieren konnte, ergoss sich der nächste Schwall Wasser über seinen Oberkörper. Ben schüttelte den Kopf und schnappte nach Luft. Seine Kleidung troff nur so vor Nässe.

      „Danke für die Dusche! Mein Bedarf ist für heute gedeckt!“, ächzte Ben mühsam hervor. Dabei bemerkte er, dass seine Unterlippe angeschwollen war. Als er das fiese Grinsen des Größeren sah, konnte er nicht umhin, als diesem vor die Füße zu spucken. Dieser holte postwendend aus, um seine Faust in Bens Gesicht zu platzieren.

      „Halt, Remzi!“

      Der Ruf lies nicht nur den Söldner in seiner Bewegung innehalten, sondern auch Ben hatte das Gefühl zu einer Statue aus Stein zu erstarren. Ohne dass er den Kopf wenden musste, war ihm klar, hinter ihm stand Gabriela Kilic. Seine Nackenhärchen und sämtliche Körperhaare stellten sich vor Entsetzen auf. Ein eiskalter Schauer rann ihm über dem Rücken. Wie zum Teufel kam dieses rachsüchtige Miststück hierher? Wie hatte sie aus dem Gefängnis entkommen können? Er hatte keine Gelegenheit weiter darüber nachzudenken. Das Klappern ihrer Absätze auf dem Fliesenboden kam näher, er roch ihr Parfum und sie geriet in Bens Blickwinkel. Dieser konnte seine schlimmste Widersacherin eingehend mustern.

      Ihr Anblick war völlig ungewohnt. Sie trug ein luftig helles Sommerkleid und offene Sandalen. Über ihre Schultern hing lose eine dünne Strickjacke, die scheinbar die Folgen der Verletzungen des rechten Armes kaschieren sollte, von dem nur die Hand sichtbar war, um die sie eine Spezialbandage trug. Ihre Haare waren mittlerweile wieder halblang und dunkel.
      Gleich einem Raubtier, dass seine Beute in Augenschein nahm, umrundete Gabriela den Gefangenen auf dem Stuhl und musterte dabei Ben eingehend.

      „Hallöchen, du ahnst gar nicht, wie sehr ich mich freue, dich hier in meinem kleinen Häuschen als Ehrengast begrüßen zu dürfen, Herr ... Hauptkommissar … Ben … Jäger!“ Ihre Augen blitzten ihn dabei hasserfüllt an. „Ich hoffe, die Unterbringung trifft deinen Geschmack und DU konntest DICH in den letzten Tagen ein bisschen einleben! Naja … ist vielleicht ein bisschen klein geraten, aber das stört ja nicht.“, verhöhnte sie ihn.

      „Danke der Nachfrage! Auf diese Art der Gastfreundschaft könnte ich gut verzichten!“ knurrte Ben wütend zurück. In seinem Kopf begannen sich die Gedanken zu überschlagen.

      Sie umrundete den Stuhl und fixierte mit ihrem Blick den gefangenen Polizisten.
      „Weist du was Jägerlein? Du ahnst gar nicht, wie oft ich mir in den vergangenen Tagen, Wochen und Monaten in meiner Gefängniszelle ausgemalt habe, wie du dreinblickst, wenn wir uns wieder begegnen! … Was ist Jägerlein?“, fragte Gabriela spöttisch und lachte „Denkst du darüber nach, wie ich fliehen konnte?“
      Sie verzog ihr Gesicht zu Grimassen, feixte vor sich hin und sog jede von Bens Gefühlsregungen in sich auf, wie ein ausgetrockneter Schwamm einen Wassertropfen.
      „Falls du es vergessen hast? … Ich habe Freunde! Mächtige Freunde!“ …. Wieder lachte sie sadistisch auf, „Oder überlegst du, ob du eine Chance hast hier lebend raus zu kommen. Gib DIR keine Mühe! …“ Wieder erklang ihr teuflisches Lachen. „Diesmal gibt es für DICH keinen Ausweg mehr. … kein Entrinnen!“
      Mit Genugtuung registrierte die Kroatin wie es in der Mimik ihres Gefangenen arbeitete. Sie konnte darin lesen, wie in einem offenen Buch.

      „Ich kann mich nicht erinnern, dass wir beide schon mal auf Brüderschaft getrunken haben!“ fiel ihr Ben ins Wort. „Seit wann DUZEN wir uns denn?“

      Die beiden Söldner lachten schallend auf, als hätten sie den besten Witz des Jahrhunderts gehört. Eine Geste von Gabriela ließ sie verstummen. Sie umfasste Bens Kinn und zwang ihn, ihr direkt in ihre grauen Augen zu blicken.

      Gleich einer Schlange zischelte sie ihn an, „Ich hatte dir im Gerichtssaal nach der Urteilsverkündung etwas zugeflüstert, als du ihn verlassen hast und an mir vorbei gelaufen bist. Erinnerst du dich an mein Versprechen? … Ich werde dir alles wegnehmen, was dir im Leben wichtig ist!“ Sie ließ Bens Kinn los und trat einen Schritt zurück und lachte teuflisch auf, „Ups! … Oder habe ich das nicht bereits gemacht?“ Sie tippte mit ihrem linken Zeigefinger an den Mund. Ihre Augen rollten nach oben, als würde sie ernsthaft nachdenken. Ihr Gesicht verzog sich dabei zu einer gehässigen Fratze. „Wie war das denn mit deinem Job? … Einen Partner, der für dich durchs Feuer lief. … Und wie war das mit deiner Freundin? … Dieser Ärztin? … Eine Familie?“

      Sie kicherte niederträchtig vor sich hin und konnte sich gar nicht beruhigen, als sie das blanke Entsetzen erkannte, das Ben ins Gesicht geschrieben stand.
    • So langsam dämmerte dem jungen Kommissar, wer für Julias Unfall und all die anderen Ereignisse in den letzten Tagen und Wochen, die sich gegen ihn gerichtet hatten, verantwortlich war. All diese Intrigen, die bei Anna, seiner Familie und letztendlich auf der PAST für Zwietracht, Misstrauen und böses Blut gesorgt hatten. Innerlich zerriss es ihn vor Zorn und Frust. Ben zerrte wütend an den Fesseln, was zur Folge hatte, dass seine Gegnerin erneut in einen diabolischen Lachanfall verfiel.

      „Vergeude doch nicht deine Kräfte! … Du wirst sie schon noch brauchen, denn etwas verspreche ich dir Jägerlein, wenn ich mit dir fertig bin, wirst du mich anflehen, mich anwinseln, damit ich dich von deinen Qualen erlöse! Du wirst deinen Tod herbeisehnen!“

      Sie gab ihren beiden Handlangern ein Zeichen. Camil trat hinter den Stuhl. Mit einem Messer durchtrennte er geschickt die Fesseln von Ben. Mit seinen Bärenkräften stemmte er den Gefangenen in die Höhe und hielt ihn mit nach hinten verdrehten Armen gnadenlos fest. Bens Widerstand erstarb im Keim, er hatte diesen Händen, die ihn wie Stahlklammern festhielten, nichts entgegenzusetzen.

      „Einen kleinen Vorgeschmack kannst DU Jägerlein gleich bekommen!“

      Der ältere Söldner ließ daraufhin seine Fäuste gezielt auf Bens Körper einprasseln. Der dunkelhaarige Polizist spannte seine Muskeln an, in der Hoffnung den Schlägen einiges von ihrer Wucht und Wirkung zu nehmen. Eisern bis er die Zähne zusammen, damit kein Schmerzenslaut über seine Lippen kam, als die Wellen von Schmerzen seinen Körper durchfluteten. Nur sein Ächzen und Stöhnen zeigten seinen Gegnern, dass die Treffer Wirkung zeigten.

      „Stopp!“, gebot Gabriela ihren Männern Einhalt. „Der soll noch eine Weile durchhalten! Das war doch erst das Vorspiel. … Aber wenn ich es so recht bedenke, fehlt so ein kleines Finale für die heutige Partie!“

      Bei diesen Worten lief sie seitlich an Ben vorbei, der es kaum noch schaffte seinen Kopf zu heben. Sie umrundete ihn und ergriff einen Holzstecken, der in der Ecke bereit stand. Gabriela holte mit dem Stock aus und ließ ihn mit der ganzen Kraft ihres linken Armes gegen Bens linkes Schienbein krachen. Das Brechen des Holzes erfüllte den Raum. Ben hatte das Gefühl sein Bein sei in zwei Teile geteilt worden. Er schrie gellend auf.
      „Oh Gott!… Fuuuuuuuck!“

      Der junge Polizist kämpft gegen die Tränen des Schmerzes an, wand sich unter dem Griff seiner Widersacher. Sein Bein sackte weg und trug das Gewicht seines Körpers nicht mehr.

      „Der wird dir bestimmt nicht helfen Jägerlein! Falls du es noch nicht bemerkt hast, du bist nicht im Himmel sondern in der Hölle gelandet und dort gibt es bekanntlich keinen Gott, sondern nur den Teufel! Und der ist im Vergleich zu mir ein kleiner Engel!“, spottete Gabriela. „Schafft ihn zurück in seinen Holzverschlag!“
      Camil lockerte etwas seinen Griff und zwang Ben das volle Gewicht auf sein lädiertes Bein zu übernehmen. Das war zu viel für den jungen Polizisten. Seine Schmerzgrenze war überschritten und eine wohltuende Ohnmacht erlöste ihn.

      *****

      Als Semir gegen 15.00 h die PAST betrat, wirkte diese wie ausgestorben. Die Kollegen waren entweder auf Streife oder die Kollegen der Tagesschicht nahmen in der Kantine, die in der Nähe lag, ihr verspätetes Mittagessen ein. Ein paar vereinzelte fröhliche Grüße wurden ihm zugerufen. Sein Weg führte ihn direkt zu Susannes Schreibtisch.

      „Hallo Semir!“, begrüßte die Blondine ihn mit einer Spur Erleichterung, „Gut das du da bist! Am besten wir gehen gleich in dein Büro!“

      Die Sekretärin schnappte sich zwei Aktendeckel, stand auf folgte ihm. Sorgfältig schloss sie die Zugangstür und zog einen Besucherstuhl neben Semirs Bürostuhl.
      „Fahre mal deinen Computer hoch! Ich habe auf dem Server einige Dateien hinterlegt, die du dir unbedingt anschauen musst!“
      Während Semir seinen Computer startete und hochfuhr, brachte er Andreas Freundin auf den neuesten Stand seines Ehelebens. Als die Beiden in ihrem Gespräch zum Punkt ihres Zusammentreffens kamen, bildeten sich tiefe Sorgenfalten auf der Stirn der Sekretärin. Anhand der geöffneten Dateien schilderte sie Semir die Ergebnisse ihrer Nachforschungen, um die Ben sie vor einigen Tagen gebeten hatte.

      Mit einem Ruck wurde die Tür zu Semirs Büro aufgerissen. Die Alu-Lamellen der Sichtblende schepperten gegen die Glasscheibe. Erschrocken und etwas verblüfft, drehten sich sowohl Semir, als auch Susanne um. Mit verschränkten Armen und einem ziemlich wütenden Gesichtsausdruck stand Kim Krüger unter der Tür. Noch bevor Susanne oder Semir eine Chance hatten, etwas zu erklären, blaffte sie lautstark los.

      „Was machen Sie denn auf der Dienststelle Herr Gerkhan? Erst brauchen Sie Sonderurlaub … wollen eine Verlängerung ihres Urlaubs und dann tauchen sie hier auf, um scheinbar zu arbeiten?!“, sie zeigte dabei auf den eingeschalteten Rechner und die Akten in Semirs Hand, „Mir reicht schon der Ärger, weil Herr Jäger aus der Reihe tanzt! Und jetzt das hier!“, sie klopfte dabei wütend gegen die Ermittlungsakte, die Semir in den Händen hielt. „Macht hier neuerdings, jeder was er will, ohne mich zu fragen!“ Sie schob ihr Kinn vor und trat einen Schritt näher heran, um zu erkennen, was auf dem Bildschirm angezeigt wurde. Es war die Polizeiakte von einem der Streifenpolizisten, Knut Villmoz, die gegen Ben ausgesagt hatten. „Ich hoffe für dich Susanne, du hast eine vernünftige Erklärung dafür!“

      So leicht ließ sich die Sekretärin nicht mehr von Kims barschen Tonfall einschüchtern. Nach den dramatischen Stunden im vergangenen Jahr pflegten die beiden Frauen eine lockere Freundschaft miteinander.

      „Vorschlag!“, unterbrach Susanne ihre Chefin „Ich hole uns allen erst mal eine Tasse Kaffee und du setzt dich neben Semir. Anschließend hörst du dir an, was ich zwischenzeitlich rausgefunden habe. Es geht nämlich um BEN. Falls es Dich überhaupt interessiert Kim?“ Sie konnte sich dabei einen schnippischen Unterton nicht verkneifen.

      „Pffff ….!“, atmete Kim Krüger deutlich hörbar aus, gab sich aber geschlagen und ließ sich auf den Stuhl neben dem Hauptkommissar nieder. Schweigend hörte sie sich an, warum Semir während seines Urlaubs, auf der Dienststelle erschienen war. Als der bei seinem Bericht an die Stelle gelangt war, wo er beschrieb, in welchem Zustand er Bens Wohnung vorgefunden hatte, kommentierte Kim trocken, „Das riecht nach unserem Kommissar Kramer! Bei dem Mann wundert mich langsam nichts mehr!“
    • Nach ihrer Rückkehr wandte sich Susanne zu Beginn ihrer Ausführungen direkt an Kim: „Bevor du mir noch einen Vortrag über Pflichten und Aufgaben einer Sekretärin der Dienststelle hältst, ich habe alles außerhalb meiner Arbeitszeit recherchiert! … Denn ich bin das Ben schuldig. … Ich glaube nicht, was man ihm da alles von Seiten der Kollegen Kripo Köln Nord vorwirft!“ Diesen Seitenhieb in Richtung Kim konnte sie sich einfach nicht verkneifen. „So! Schau dir einfach mal die Fakten an und denke nach! … Hast du gewusst, dass gegen die beiden Streifenpolizisten, die Ben mit ihren Aussagen so schwer belastet haben, bereits die Interne Abteilung mehrmals wegen Korruption und Bestechlichkeit im Dienst ermittelt hatte?“

      Susanne ließ die Frage im Raum stehen, öffnete die entsprechenden Dateien am Computer und bemerkte aus den Augenwinkeln, wie das Gesicht ihrer Chefin neben ihr einige Nuancen blasser wurde, als sie die Einträge in den Personalakten durchlas.

      „Ich möchte mal behaupten, die Kollegen vom Nordrevier sind keine Kinder von Traurigkeit und haben eine ganze Wagenladung Dreck am Stecken. Da sollte man doch mal gründlicher nachforschen! Meiner Meinung nach scheuen die Herren bestimmt auch nicht davor zurück, einen Kollegen anzuschwärzen, wenn die Kohle stimmt!“, meinte Susanne noch bisschen schnippisch hinterher. „Das ist noch nicht alles! Auf Bens Wunsch hin habe ich noch ein paar Recherchen angestellt. Von den Kandidaten, die in letzter Zeit aus dem Gefängnis entlassen wurden und auf Rache gegenüber Ben sinnen könnten, käme nur ein Boris Stojkovicz in Frage. Nur der liegt zum Sterben in einem Kölner Hospiz.“

      Susanne hielt die Fernbedienung in der Hand und auf dem Bildschirm an der Wand des Büros erschienen verschiedene Fotos, Zeitungsausschnitte, Auszüge aus Ermittlungsakten und Berichte über die damalige Verhaftung, die ihre Ausführungen unterstrichen. „Dieser Clan-Chef hatte Ben damals blutige Rache im Gerichtssaal geschworen. Ben hat die Adresse von mir bekommen, das war auch der letzte Kontakt, den ich mit ihm hatte. Zwischenzeitlich habe ich raus gefunden, dass dieser Stojkovicz noch einen Sohn hat, einen Rashid Stojkovicz, 26 Jahre alt, der hier in Köln gemeldet ist. Der junge Mann hat Elektrotechnik und IT an der TU Aachen studiert und hatte scheinbar mit den früheren Geschäften seines Vaters nichts zu tun. Die Familiengeschäfte, die hauptsächlich aus Prostitution und Drogenhandel bestanden haben, hat der jüngere Bruder, Zladan, des alten Boris Stojkovicz übernommen. Nur an die entsprechenden Akten der Drogenfahndung und der Sitte bin ich noch nicht rangekommen. … ja und weiter bin ich nicht, denn das wäre eine Aufgabe für die Kollegen vom Außendienst oder für dich Kim, dass wir Akteneinsicht beim LKA oder der Drogenfahndung bekommen.“

      Dabei warf sie einen auffordernden Blick in Richtung Kim Krüger. Deutlich hörbar entwich die Luft aus Kims Nase. Die Chefin musste diese Informationen erst einmal verarbeiten, die im krassen Gegensatz zu dem standen, was sie vor einer Stunde gehört hatte. Mit knappen Worten berichtete sie von ihrem Besuch bei der Staatsanwaltschaft. Man hatte Bens Motorrad in der Nähe des Hauptbahnhofs ausfindig gemacht. Mit seiner Kreditkarte hatte er sich scheinbar gestern ein Bahnticket für einen Schlafwagen bis Ancona gebucht und anschließend eine Überfahrt auf einer der Fähren nach Griechenland. Entsprechende Reiseunterlagen hatten sich auch in seiner Wohnung befunden und waren von Kommissar Kramer sichergestellt worden. Der leitende Oberstaatsanwalt ging davon aus, dass der wegen Mordes gesuchte Hauptkommissar der Autobahnpolizei seine Flucht ins Ausland gründlich geplant hatte und ließ Ben mittlerweile mit einem Internationalen Haftbefehl suchen. Aus diesem Grund unterstellte man dem jungen Kommissar, dass der Mord vorsätzlich begangen worden war und er galt als bewaffnet und gefährlich. Die Kollegen in Italien waren bereits alarmiert worden und warteten darauf, Ben Jäger im italienischen Fährhafen Ancona zu verhaften. Ein Auslieferungsgesuch lag griffbereit in der Schublade des Staatsanwalts.

      „Zu allem Überfluss gibt es ein Leck innerhalb der Staatsanwaltschaft oder den Polizeibehörden. Auf jeden Fall hat jemand der Presse Unterlagen aus der Ermittlungsakte Ben Jäger im Mordfall Jessica Habermann zugespielt. Der Kölner Stadtanzeiger hat bei der Staatsanwaltschaft die Echtheit dieser Dokumente nachgefragt. Oberstaatsanwalt van den Bergh hat vergeblich versucht, die Presse daran zu hindern, diese Meldungen zu veröffentlichen. Man wird Ben Jäger als Mörder an den Pranger stellen. Nachdem er Mitarbeiter dieser Dienststelle ist, brauche ich ihnen ja wohl nicht beschreiben, was uns da für ein Shitstorm in den nächsten Tagen erwarten wird!“

      Semir saß leichenblass da und brummte empört: „Chefin, das ist doch kein Zufall mehr! Da will jemand Ben systematisch fertig machen! Wer auch immer dahinter steckt, würde damit erreichen, dass sich die öffentliche Meinung gegen Ben richtet und er praktisch ohne Gerichtsverhandlung bereits als Mörder verurteilt wird.“

      Kim nickte zustimmend.

      Nachdenklich fuhr der Kommissar sich mit seinen gespreizten Fingern durch das kurz geschorene Haar und dachte nach. Nach wenigen Augenblicken kam er zu der Einsicht, wenn er Ben helfen wollte, war er auf die Unterstützung und Hilfe von Kim Krüger und Susanne angewiesen. Er musste mit offenen Karten spielen. Mit knappen Sätzen schilderte der Türke die Details von Annas Besuch, die er bisher verschwiegen hatte. Als er geendet hatte, starrten ihn die beiden Frauen mit aufgerissenen Augen entsetzt an.

      Kim gewann als erste ihre Fassung wieder und murmelte, „Sie wissen schon, dass sie gerade eben das perfekte Mordmotiv geliefert haben, Herr Gerkan!“ Der kleine Türke fuhr senkrecht in die Höhe. „Frau Krüger, überlegen sie mal, was sie da sagen! Ben mag zwar ein Heißsporn sein, ein Draufgänger, der ab und an auch mal eine Cowboynummer durchzieht. Aber ein kaltblütiger Mord? … Eine Frau einfach so erwürgen???“

      „Das wird die Staatsanwaltschaft anders sehen. Und denken sie doch selbst einmal nach. … der Streit mit seiner Freundin, … die Trennung … alles … einfach alles, was die Tage vorher passiert ist …!“ Ein beklemmendes Schweigen herrschte für einige Atemzüge im Raum. „Herr Gerhkan, machen wir uns nichts vor, wir beide sind lange genug in unserem Job und wissen, wozu Menschen fähig sind, die verzweifelt sind, wenn man sie in die Enge getrieben hat und sie sich in einer psychischen Ausnahmesituation befinden!“, konterte die Chefin zurück.

      Semir gab seinen Bürostuhl solch einen Tritt, so dass er laut knallend gegen einen der Büroschränke donnerte und in der Schiebetür eine Delle hinterließ. Er wandte den beiden Frauen den Rücken zu und ging in Richtung der Fensterfront zum Parkplatz. Dort stützte er sich mit seinen Handflächen an der Außenwand ab. Seine Stirn ruhte ebenfalls an der kalten Betonwand. Krampfhaft versuchte er seinen keuchenden Atem und rasenden Herzschlag unter Kontrolle zu bringen. Er schloss seine Augen und lauschte in sich hinein. Was sagte sein Bauchgefühl? Nein …. Nein … Nein und nochmals nein, Ben würde so etwas nicht tun … nein keinen kaltblütigen Mord, schon gar nicht an einer Frau. Ein Ruck ging durch seinen Körper, er straffte sich und wandte sich Kim zu.

      „Auch wenn alle Indizien gegen Ben sprechen, mein Gefühl sagt mir etwas anderes. Susannes Nachforschungen haben belegt, es gibt auch eine andere Sichtweise der Ermittlungen. Nur hatte bisher scheinbar niemand ein Interesse daran Bens Unschuld zu beweisen … mich inbegriffen. Oder haben Sie es versucht Frau Krüger?“
      Betreten blickte Kim zu Boden und bewegte ihren Kopf hin und her. Sie zog es vor zu schweigen.

      „Wenn ich bisher noch den Hauch eines Zweifels hatte, so ist eines gewiss, an dieser Sache stinkt etwas…. Die stinkt gewaltig! Allein schon die Tatsache: Da will uns allen Ernstes jemand glauben lassen, Ben hätte sich ins Ausland abgesetzt und sich dabei noch so stümperhaft verhalten, dass selbst ein Blinder die Spur noch verfolgen könnte.“ Ungläubig schüttelte der Türke den Kopf und trank stehend den Rest der Kaffeetasse aus, die er mit einem lauten Knall auf die Schreibtischplatte zurückstellte. „Wissen Sie was Frau Krüger?“ er legte eine Pause ein, stützte sich mit seinen geballten Fäusten auf der Schreibtischplatte ab und schaute seiner Chefin lange in die Augen, „Wissen Sie, was mir so richtig Angst macht? Was ist, wenn Ben tatsächlich unschuldig ist? Was ist, wenn er Recht hatte und dies alles ein perfekt eingefädeltes Komplott gegen ihm ist und war?“
    • Irgendwo….

      Das Gefühl über dem Boden zu schweben, verschwand in dem Augenblick als der Schmerz einsetzte. Ben konnte ein Aufstöhnen nicht unterdrücken. An seinen Armen wurde gezerrt … seine Wahrnehmung war noch völlig durcheinander. Kopfschmerzen blockierten sein Denken. Ziemlich rüde zogen die beiden Entführer ihn über den Fliesenboden des Kellerraumes in Richtung seines Verlieses. Ihnen war das Erwachen des Gefangenen nicht entgangen. Statt einer Schleifspur zierte eine verwischte Blutspur ihren Weg. Vor der Stahltür zu dem Holzverschlag, in dem Ben die letzten Tage über gefangen gehalten worden war, ließen die beiden Serben den jungen Polizisten wie auf ein Kommando rücksichtslos auf den Steinboden fallen. Der Zugang war zu schmal, um den Gefangenen nebeneinander laufend, rein zu ziehen. Ben schrie vor Schmerz auf, als sein Oberkörper auf den kalten Steinboden des Weinkellers knallte. Der Befehl von Remzi drang wie durch Watte zu ihm durch und er benötigte einige Augenblicke, bis er den Sinn der Worte verstanden hatte.

      „Na los Bulle! … Beweg dich! … Kriech da wie ein Wurm hinein!“

      Um seiner Aufforderung mehr Nachdruck zu verleihen, trat er mit seiner Stiefelspitze gezielt auf Ben ein. Der Söldner wusste genau, wo man seinem Opfer Schmerzen zufügen konnte. Unter Aufbietung seiner letzten Kräfte robbte der junge Polizist los. Er wollte nur noch eines … weg, diesen mörderischen Tritten entfliehen.

      „Geht doch!“, kommentierte einer seiner Peiniger den schmerzvollen Weg. Im Hintergrund lachte eine Frauenstimme gehässig auf. Gabriela war ihnen gefolgt und hatte mit Wohlwollen das Schauspiel beobachtet.
      Völlig erschöpft, brach Ben in der Mitte des kleinen Raumes zusammen. Er wehrte sich nicht gegen die aufkommende Ohnmacht. Von ihm unbemerkt, verlosch das Licht. Remzi versicherte sich vorher mit einer kleinen Untersuchung, dass der Gefangene nur ohnmächtig geworden war und verschloss die stählerne Zugangstür sorgfältig. Gabriela wartete im Zugangsraum, dem früheren Hauswirtschaftsraum, auf ihre beiden Komplizen. Der Schnauzbärtige stellte sich wortlos neben sie und blickte erwartungsvoll seinem Kumpel entgegen.
      „Der hat vorerst einmal genug!“, kommentierte Remzi den Zustand des Gefangenen.

      „Na dann lassen wir ihn mal seine Wunden lecken und ein bisschen über sein Schicksal nachdenken! Schließlich ist Jäger nur der erste Streich! Der zweite folgt sogleich! Es wird Zeit, dass wir uns um die anderen Herrschaften kümmern, die auf meiner persönlichen Liste für Vergeltung stehen.“

      Gabriela kicherte gefährlich vor sich hin, als sie zusammen mit den Männern den Raum verließ. In ihren Augen blitzte es heimtückisch auf.

      *****

      Zurück auf der PAST

      Eisige Minuten des Schweigens waren vergangen. Kim erhob sich von ihrem Stuhl und kniff ihre Lippen zusammen. Mit verschränkten Armen stand sie da, an einen der niedrigen Büroschränke gelehnt und musterte ihren Hauptkommissar. Das Gespräch mit dem Staatsanwalt gestern und heute kehrte in ihre Erinnerung zurück. Wer sie kannte, sah wie die Fakten des Falles Ben Jäger in ihrem Inneren arbeiten, ihr Gehirn auf Hochtouren lief.

      „In einem Punkt gebe ich ihnen Recht Herr Gerkhan! Bisher wurde von den ermittelnden Kollegen der Mordkommission und der Internen Abteilung nur gezielt nach belastenden Material gesucht, die Bens Schuld belegen!“ Sie blickte nachdenklich auf den Computerbildschirm und strich sich eine ihre Haarsträhnen hinter das Ohr, „Doch wenn ich das hier lese … kommen auch mir begründete Zweifel. … Finden Sie die Wahrheit raus, Herrn Gerkhan! … Semir! … Ich will wissen, ob Ben Jäger schuldig ist!“
      Nach diesen Worten verließ sie den Raum und steuerte den direkten Weg nach draußen zum Parkplatz an. Kim Krüger wollte alleine sein und nachdenken. Sie setzte sich in ihr Auto ohne es zu starten und umschlang mit ihren Händen das Lenkrad. Blicklos starrte sie auf den silbernen Mercedes, der auf dem Parkplatz vor der Dienststelle stand. Ihre Vorgesetzten hatten Ben Jäger auf Grund der Beweislage schon wie eine heiße Kartoffel fallen gelassen. Die Ansage des Polizeipräsidenten heute Morgen im Büro des Oberstaatsanwalts war eindeutig gewesen. „Solch ein Mann ist für die Polizei nicht tragbar! … eine Schande für die Polizei!“ waren noch die harmloseste Bemerkung gewesen. Für ihn war der Hauptkommissar Ben Jäger bereits ein verurteilter Mörder, der dem Ansehen der Polizei nur Schaden zufügte.

      Semir Gerkhans Frage, ob das alles nur ein perfekt eingefädeltes Komplott gegen Ben Jäger war, rückte in ihren Focus und stand im krassen Gegensatz zu den Ermittlungsergebnissen. Noch etwas beschäftigte Kim. Hendrik van den Bergh! Der Oberstaatsanwalt hatte sie für den heutigen Abend zum Essen eingeladen. All diese Gedanken schwirrten wie ein aufgeregter Bienenschwarm in ihrem Kopf herum. Unbewusst startete sie nach einiger Zeit den Motor und fuhr über die Autobahn in Richtung Kölner Innenstadt.

      Währenddessen setzten Semir und Susanne sich gemeinsam vor den Bildschirm und studierten deren Ermittlungsergebnisse. Am Ende meinte die Sekretärin fast schon ein bisschen erschrocken: „Das hätte ich fast vergessen. … Du hast mich doch gebeten, zu der ermordeten Jessica Habermann einige Nachforschungen anzustellen und die Akten der Kollegen von der Mordkommission anzufordern!“

      Der Türke nickte zustimmend. Susanne zog die Tastatur zu sich heran, wechselte die Programme und tippte darauf rum, bis sich wie von Zauberhand ein Fenster nach dem anderen auf dem Bildschirm öffnete und eine Ermittlungsakte des LKAs zeigte. Gleich darauf tat sich ein weiteres Fenster der Mordkommission Köln auf.

      „Man hat Jessica Habermann vor zwei Tagen in ihrem Wohnwagen in einem Industriegebiet in Hürth tot aufgefunden. Erwürgt! Das blutverschmierte Messer hielt sie in ihrer rechten Hand!“ Sie deutete auf das Foto am Bildschirm. „Laut DNA Schnelltest stammt das Blut eindeutig von Ben!“

      Aufmerksam las sich der Autobahnpolizist die Ermittlungsunterlagen seiner Kollegen durch. Die Indizien gegen seinen Freund waren erdrückend. Die Sorgenfalten gruben sich immer tiefer in seine Stirn ein.
      „Ich fahr dahin und schaue mich selbst mal um, anschließend gehe ich in dieses Hospiz!“, verkündete der Kommissar kurz entschlossen, schnappte sich die ausgedruckten Blätter, und eilte nach draußen.
    • Zurück im Holzverschlag …

      Ben fröstelte es … es war kalt … ihm war einfach nur kalt … die Kälte kroch in seine Glieder. Seine nasse Kleidung klebte ihn am Körper. Die Verdunstungskälte linderte anfangs noch die Schmerzen der Schläge. Jede Stelle seines Körpers, die einen Treffer abbekommen hatte, brannte und sandten ihre eigenen Schmerzsignale aus. Mühsam versuchte sich Ben ein wenig aufzurichten. Über den rechten Unterarm robbte er in eine der hinteren Ecken des Verschlags. Mit der Wand als Stütze im Rücken gelang es ihm in eine sitzende Position zu kommen. Ben hatte seine Augen geöffnet. Nach wie vor hüllte ihn diese undurchdringliche Dunkelheit ein und er musste sich ausschließlich auf seinen Tastsinn verlassen.

      Mit steifen Fingern untersuchte er seine Verletzungen. Seine Unterlippe war angeschwollen und das rechte Auge fast zugeschwollen. Ja wenn er etwas zum Kühlen hätte. Seine Hand fuhr über das feuchte T-Shirt. Das wäre eine Möglichkeit. Außerdem musste er es ausziehen oder er würde sich eine Erkältung einfangen. Bei dem Gedanken daran lachte er hysterisch auf und vor sich hin. Eine Erkältung, was war die im Vergleich zu dem, was ihm Gabriela angedroht hatte.

      Ben musste sich selbst überwinden, sich förmlich zwingen, das klamme Shirt auszuziehen. Sein Körper protestierte erwartungsgemäß mit Wellen von Schmerzen, die ihn überfluteten. Der Polizist stöhnte und ächzte, fluchte lauthals los, als ihn der Schmerz zu überrollen drohte und schaffte es trotzdem das Kleidungsstück auszuziehen. Keuchend lehnte er sich an die kühlende Wand und drückte das Shirt auf sein zugeschwollenes Auge. Zumindest dies verschaffte ein wenig Linderung. Er kannte seinen Körper sehr genau. Der Typ, der ihn durch die Mangel gedreht hatte, hatte ihm schmerzhafte Prellungen und Blutergüsse zugefügt. Die Blessuren waren oberflächlich, aber gebrochen war nichts, da war er sich sicher, auch wenn seine Rippen tiefe Atemzüge mit einem schmerzhaften Stechen quittierten.

      Vorsichtig zog er das verletzte Bein heran und tastete mit seinen Fingerkuppen über sein Schienbein. Mehr als einmal hätte er vor Schmerz laut aufschreien können. Durchgebrochen war der Knochen nicht, aber vermutlich war das Schienbein stark geprellt oder vielleicht sogar auch angebrochen. In seiner jetzigen Verfassung wollte er gar nicht erst den Versuch starten, aufzustehen und das Bein zu belasten.

      Irgendwo hier in der Ecke musste doch auch seine Lederjacke liegen. Mit seinen Fingerspitzen suchte er nach ihr und seufzte erleichtert auf, als er sie gefunden hatte. Anziehen? … Nein, keine Chance! Nicht noch einmal würde er sich diese Tortur freiwillig antun. Also nahm Ben sie und bedeckte damit seinen entblößten Oberkörper. Die Jacke wärmte ein bisschen. Seine Schmerzen hielten ihn wach. Er dachte über die letzten Stunden nach, das plötzliche Auftauchen von Gabriela Kilic, die sich letztendlich als seine Entführerin entpuppt hatte, die Ereignisse der vergangenen Tage und Wochen. Er bebte innerlich vor Zorn und Frustration.

      Der junge Mann kam sich irgendwie verraten, verkauft und hintergangen vor und allein gelassen vom Rest der Welt, vor allem wenn er an das letzte Gespräch mit Semir und der Krüger dachte.

      Nachdem er die Kilic gesehen hatte, bekam alles einen Sinn. Er war aus dem einen Alptraum erwacht, der ihn gefangen gehalten hatte, um in einem noch viel schrecklicheren Alptraum zu landen. Fieberhaft dachte er über seine Möglichkeiten nach, diesem zu entrinnen. Er gestand sich ein, es gab nach Lage der Dinge keine Chance auf eine erfolgreiche Flucht für ihn. Zurück blieb die bittere Erkenntnis, dass dieser Alptraum für ihn tödlich enden würde.

      Die verdammte Kroatin hatte alles sehr geschickt eingefädelt. Die richtigen Leute manipuliert, bestochen oder sie wie willige Marionetten gegen ihn eingesetzt. Dabei dachte er an Begegnung von Jessica Habermann und seiner Freundin Anna. Oh mein Gott, was würde er darum geben, Anna noch einmal in den Armen zu halten, ihre Lippen zu spüren … sie zu küssen … ihr strahlendes Lächeln zu erblicken. Doch stattdessen blieb als letzte Erinnerung an Anna … ihre Verzweiflung … ihre Not, die ihr in den Augen geschrieben stand, als sie ihn aus ihrer Wohnung warf …

      Tränen der Verzweiflung liefen ihm über die Wangen.
    • Industriegebiet Hürth

      Sehr zum Ärger der anderen Verkehrsteilnehmer fuhr der Autobahnpolizist die Reihe der geparkten Wohnwagen im Schritttempo ab. Der eine oder andere Autofahrer, der ihn überholte, quittierte seine Fahrweise mit wütendem Hupkonzert.
      „Du mich auch … !“ kommentierte Semir nur das Verhalten seiner aufgeregten Zeitgenossen mit einer eindeutigen Geste seiner Hand durch das geöffnete Seitenfenster.

      Viele der Caravans waren schon in die Jahre gekommen. Der Zahn der Zeit und das Wetter hatten deutliche Spuren an den Außenhüllen hinterlassen. Auf diesem Straßenstrich herrschte wahrscheinlich erst mit Einbruch der Nacht Hochbetrieb. Vereinzelt posierten vor einigen Wohnmobilen die Damen des horizontalen Gewerbes und warteten auf Kundschaft. Semir hielt seinen Wagen auf einem freien Seitenstreifen an und schaute nochmals nach dem Straßennamen und der genauen Lage des Tatorts an. Er ließ den BMW wieder langsam anrollen und fuhr weiter.

      Endlich entdeckte er das gesuchte Objekt auf einer der Parkflächen am Straßenrand. In einer in der Nähe gelegenen Seitenstraße parkte er seinen silbernen BMW. Bis auf die vorbeifahrenden PKWs und LKWs wirkte dieser Teil des Industriegebietes wie ausgestorben. Jessica Habermanns Wohnwagen gehörte zu den älteren Modellen. Wie so oft, war Semir etwas zu klein geraden und er musste sich auf die Deichsel stellen, um durch die dreckverschmierte Fensterscheibe einen vagen Blick ins Innere zu werfen. Mit einem Taschentuch, das er aus der Hosentasche gezogen hatte, versuchte er den Staub auf dem Kunststofffenster beiseite zu wischen. Das große Bett war zerwühlt. Zudecke und Kopfkissen lagen auf dem Boden. Auf dem weißen Bettlaken war nirgends ein Blutfleck zu erkennen. Auch sonst konnte Semir keine Blutspuren an den Wänden oder auf dem grauen PVC-Boden erkennen. Komisch dachte er bei sich. Semir blieb bei seiner These, dass jemand die Prostituierte als lästige Zeugin aus dem Weg geräumt hatte.

      „Hey du Spanner! Was machst du da? Verschwinde oder ich ruf die Bullen!“, forderte eine energische tiefe Frauenstimme ihn von hinten auf.

      Semir drehte sich um und blickte in das üppig geschminkte Gesicht einer Blondine, die auch schon mal bessere Zeiten gesehen hatte. Ihr Lebenswandel hatte deutliche Zeichen hinterlassen. Ihr Körper war ein bisschen aus den Fugen geraten und die knappe Kleidung, die vermutlich ihre weiblichen Reize betonen sollte, verstärkte diesen Eindruck.
      „Was suchst du da?“
      „Ganz ruhig!“, beruhigte der Türke die Frau und fischte seinen Ausweis aus der Hosentasche. „Die Polizei ist schon da. Kannten Sie Jessica Habermann, die hier gearbeitet hat?“
      Er sprang von der Deichsel herunter auf den Gehsteig und stand der Frau gegenüber, die ihn immer noch misstrauisch beäugte.
      „Wieso fragst du so dämlich? Und was heißt: kanntest?“, fragte die nachgemachte Blondine vorsichtig nach.
      Semir blickte zu der Frau auf, die ihn auf ihren Stilettos um Haupteslänge überragte.
      „Man hat sie vor zwei Tagen hier Tod aufgefunden. Haben Sie nichts mitbekommen?“
      Er konnte an ihrer Mimik erkennen, wie es in ihr arbeitete.

      „Kommen Sie mit zu meinem Wohnwagen! So fallen wir zu sehr auf. Ich heiße übrigens Kiki!“, stellte sie sich vor und er folgte ihr, wie ein gewöhnlicher Freier. Von außen wirkte der Wohnwagen genauso schmuddelig und runtergekommen, wie die benachbarten Exemplare. Zu seiner Überraschung war es drinnen sehr sauber. Gleich zu Beginn ihrer Unterredung stellte Kiki klar, die mit richtigen Namen Kristina Bauer hieß, dass sie nur gegen die Zahlung eines kleinen Obolus bereit war, Semir ein wenig ihrer kostbaren Zeit zu widmen und Informationen Preis zu geben. Nachdem Semir mit einer 50-Euro Note vor ihrer Nase rumwedelte, wurde sie gesprächiger. Er stellte ihr weiteren 50 Euro Schein in Aussicht, falls ihre Hinweise einen gewissen Wert bei seinen Nachforschungen für ihn darstellen würden.

      Die Dame vom horizontalen Gewerbe machte es sich auf ihrem Bett gemütlich, einladend klopfte sie neben sich. „Setzen Sie sich neben mir!“ Doch der Polizist zog es vor, auf dem kleinen Hocker vor dem Bett Platz zu nehmen. Nachdem Semir ihr mitgeteilt hatte, wie ihre Freundin umgekommen war und ob sie oder eine der anderen Prostituierten etwas von einem Kampf mitbekommen hatte, schüttelte sie energisch den Kopf. Bei den Details hatte sie leise vor sich hin geflucht und versucht die Tränen, die ihr in die Augen schossen wegzublinzeln. Semir reichte ihr ein Taschentuch. Ihre üppige Schminke verwischte.

      „Scheiße! … Scheiße! … Scheiße!“, murmelte sie vor sich hin. „Ich hatte es geahnt, dass die Geschichte für Jessica nicht gut ausgeht! Ich hatte sie noch gewarnt!“

      Kiki schnaubte lautstark in das Taschentuch und zog eine Schublade, die in ihrer Griffweite lag, auf. Daraus holte sie eine kleine Flasche Whiskey, schraubte sie auf und nahm einige kräftige Schlucke. „Nur zur Beruhigung der Nerven! … Wollen Sie auch einen Schluck Herr Kommissar?“

      Semir schüttelte ablehnend den Kopf. „Geht’s wieder?“ – „Ja! Es muss! Nur Freundinnen sind rar in unserem Gewerbe! Es schmerzt, jemanden, der einem nahe steht zu verlieren.“ – Vorsichtig begann der Autobahnpolizist nochmals mit seiner Befragung und erkundigte sich, ob Kiki etwas Verdächtiges vor zwei Tagen bemerkt hatte.

      „Tut mir Leid, Herr Kommissar? Ich war die letzten beiden Tage bei meiner kranken Mutter und bin vor zwei Stunden wieder hierher zurückgekommen. Naja, ich muss halt Geld verdienen! Ist ein Job, wie jeder andere!“ Kiki nahm einen weiteren kräftigen Schluck Whiskey und fing anschließend an zu erzählen. Der Türke unterbrach ihren Redefluss nicht und hörte einfach zu. Zwischendurch nippte sie immer wieder an der Whiskeyflasche. Entgegen seinen Erwartungen erwies sich Kiki als reinster Glücksgriff.
    • Die beiden Frauen, Jessica Habermann und Kristina Bauer, kannten sich seit ungefähr vier Jahren und waren mittlerweile miteinander befreundet. In dieser Ecke des Straßenstrichs gab es keine Zuhälter, sondern man passte gegenseitig aufeinander auf. Wenn ein Freier mal Randale machte oder für erwiesene Dienste nicht zahlen wollte, gab es ein paar Typen einer Motorrad Gang, die gegen Bezahlung für Ordnung sorgten. Die Blonde kannte auch die Geschichte mit dem kleinen Jungen, natürlich nur die Version von Jessica, die immer die Hoffnung gehegt hatte, das Sorgerecht für den Jungen, der mittlerweile die Schule besuchte, zurückzubekommen.

      Vor gut zwei Wochen hatte Jessica von einem ganz großen Deal gesprochen, den sie machen würde. Mit dem Geld und ihrem Ersparten könnte sie aufhören auf den Strich zu gehen, ihr Leben ändern und sich einen kleinen Coffeeshop kaufen, um damit ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Kiki hatte ihr von dem Geschäft mit den Albanern abgeraten. Sie traute diesem schmierigen Typen einfach nicht. Mehr als einmal hatte sie ihre ermordete Freundin gewarnt. Sie lieferte Semir eine genaue Beschreibung des jungen Mannes, der Jessica mehrmals aufgesucht hatte. Auf Grund der Ermittlungsakten war dem Kommissar klar, dass es sich dabei um Rashid Stojkovicz gehandelt hatte. Er zog sein Handy aus der Tasche und zeigte Kiki ein Foto des jungen Albaners, die seinen Verdacht bestätigte. Auf Nachfrage erfuhr der Türke, dass bisher kein Polizeibeamter Kiki über ihre Freundin Jessica befragt hatte. Semir zeigte ihr ein Foto von Ben und erkundigte sich weiter, ob Kiki ihn in der Nähe von Jessicas Wohnwagen in den letzten Tagen beobachtet hatte.

      „Nein! Nein! … Das ist also der Polizist, der daran schuld war, dass ihr der Kleine weggenommen worden war. … Jessica hatte ihn abgrundtief gehasst! Er soll so ein verwöhntes Millionärssöhnchen sein, der aus Zeitvertreib zur Polizei ging.“

      Semir ging nicht näher auf diese Bemerkung ein, bestätigte sie ihm letztendlich nur, dass die Ermordete bereit gewesen war, sich an Ben zu rächen.

      „Eine Frage letzte Frage noch! … War Jessica Habermann Rechtshänderin oder Linkshänderin?“

      „Linkshänderin!“, kam es sofort von der Dame auf dem Bett, „Sie ging immer in so einem Extra Laden in der Innenstadt, um sich Sachen für Linkshänder zu kaufen!“

      Semir bedankte sich bei der Blondine und überreichte ihr seine Visitenkarte und eine weitere 50 Euro Note. „Wenn ihnen noch was einfällt oder etwas Verdächtiges beobachten, können Sie mich auf meiner Dienststelle erreichen!“

      Zum Abschied kam doch die Prostituierte bei Kiki wieder durch. Sie konnte es einfach nicht lassen und machte dem Türken noch ein eindeutiges Angebot. Genießerisch fuhr sie sich mit ihrer Zunge über die Lippen, strich mit ihren Händen an den Hüften entlang und hob zum Schluss ihre Brüste an, dass sie fast aus dem engen Oberteil heraus sprangen.

      „Na was ist Herr Kommissar? Hätten Sie nicht doch Lust auf Abwechslung und darauf, sich von mir verwöhnen zu lassen? Sie könnten mich über den Verlust meiner Freundin ein wenig trösten und ich würde sie ein bisschen auf andere Gedanken bringen!“

      Trotz seiner Anspannung musste Semir auflachen.

      „Vergiss es Schätzchen! Ich bin glücklich verheiratet!“

      Dabei deutete er auf seinen Ehering, hauchte einen Kuss darauf und verließ den Wohnwagen. Unschlüssig stand er einen Moment rum und überlegte, versuchte sich in Ben hineinzuversetzen. Nach der Abfuhr von Anna war er sicherlich hierhergekommen und hatte Jessica Habermann zur Rede zu stellen wollen. Langsam schritt er zurück zum Wohnwagen der Toten und betrachtete das Polizeisiegel an der Eingangstür und die Außenhülle des Campers. Akribisch suchte er vor der Eingangstür und auf dem Asphalt des Gehweges nach verdächtigen Spuren. … Nach Blutspuren.

      War es Instinkt oder Eingebung, er konnte es später nicht sagen. Auf dem Weg zu seinem geparkten BMW musterte er eingehend die Grünstreifen neben dem Gehweg, die mit Büschen und Hecken bewachsen waren. Der Grasbewuchs auf dem Seitenstreifen schimmerte angesichts der hochsommerlichen Temperaturen in allen braunen Schattierungen. Unter einem der verdorrten Büsche lag ein schwarzes etwas, das sich bei näherem Hinschauen als Motorradhelm entpuppte. Der Kommissar kniete sich nieder, streifte sich ein Paar Einweghandschuhe über und krabbelte unter dem Busch. Lauthals fluchte er los, als ein spitzer Ast die Haut an seinem Arm aufritzte. Das Brennen der kleinen Wunde war schnell vergessen. Semirs Augen weiteten sich vor Schreck, als er den schwarzen Helm näher in Augenschein nahm. Er sah die Initialen, die eingestanzt waren.
      „Scheiße … ! Scheiße!“
      Es folgte noch eine Reihe türkischer Flüche, die nicht ganz jugendfrei waren, als er sich ziemlich fertig auf dem heißen Grasboden hinsetzte. ‚Das ist doch Bens Motorradhelm oder träume ich‘ dachte er bei sich. ‚Ben war also doch am Tatort gewesen.‘ Ein dunkler Fleck auf dem asphaltierten Gehweg zog seine Blicke magisch an. Er war lange genug Polizist, um zu erkennen, dass es sich hierbei um eingetrocknetes Blut handelte. Sein Herzschlag beschleunigte sich und gleichzeitig schnürte ihm die Beklemmung die Kehle zu.

      „Verdammt, das darf nicht wahr sein! … Ben, was hast du gemacht?“, stammelte er entsetzt vor sich hin. War der schlimmste anzunehmende Fall eingetreten und sein Freund wahrhaftig zu einem Mörder geworden?

      Semir konnte und wollte es einfach nicht glauben! Wer auch immer von seinen Kollegen aus der Mordkommission hier vor zwei Tagen ermittelt hatte, hatte s.chlampig gearbeitet, hatte sich für den Umkreis des ursprünglichen Tatorts überhaupt nicht interessiert. Der Türke brauchte Gewissheit darüber, was vermutlich geschehen war. Mehr mechanisch zog er sein Handy aus der Hosentasche und wählte die Nummer der KTU. Nach einer energischen Diskussion mit Hartmut hatte er diesen überzeugt, dass dessen Dienste hier dringend benötigt wurden. Einstein war der Einzige, dem Semir zu traute Licht ins Dunkel zu bringen, die Spuren des Tatorts zu lesen und zu interpretieren.

      Zu Beginn der Wartezeit saß Semir im Schatten eines großen Strauchs. Nicht nur die sommerliche Hitze trieben ihm die Schweißperlen auf die Stirn. Es war die Sorge um seinen Freund und Partner. Schlimme Gedanken peinigten ihn. Diese Ungewissheit, ob Ben schuldig war? War er wirklich zum Mörder geworden und deshalb spurlos verschwunden? Oder war seinem Freund etwas passiert?

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Mikel ()

    • Für Semir bestand kein Zweifel darin, woher das eingetrocknete Blut stammt, von Ben! War er doch mit dem Messer ernsthaft verletzt worden? Aber warum gab es nur hier auf dem Gehsteig eine kleine Blutlache? Unterwegs hatte er keine Blutflecke entdecken können. Er war zwischenzeitlich mehrmals den Weg zwischen Wohnwagen und Fundort des Motorradhelms abgelaufen. Nichts! Absolut Nichts! Nicht mal den Hauch eines Bluttropfens hatte er auf dem Gehweg oder auch an den Laternenmasten finden können. Er schloss seine Augen. Die Spuren waren so widersprüchlich. Hartmut, der zusammen mit seinem Kollegen Bernd gekommen war, weckte ihn aus seinen düsteren Gedanken.

      „Hallo Semir, was ist denn so wichtig, dass du uns bei dieser Hitze quer durch die halbe Stadt jagst?“, maulte der Rotschopf pampig rum.

      Wortlos hielt ihm der Angesprochene Bens Motorradhelm hin. Die Buchstaben „B.J.“ waren unübersehbar und Semir deutete auf den Blutfleck auf dem Gehsteig.
      „Sag mir einfach, dass es nicht von Ben stammte!“, meinte Semir schon leicht resignierend. Er blickte zu seinem Kollegen von der KTU hoch und schirmte mit einer Hand, seine Augen gegen die grelle Nachmittagssonne ab. Hartmut stand vor ihm, wie das schlechte Gewissen höchst persönlich und stotterte vor sich hin.

      „Semir? … Semir? … Weißt du wo Ben ist? … Er war vor drei Tagen bei mir …. Wollte meine Hilfe haben … aber … Fuck!“ … Hartmut fluchte leise vor sich hin und benutzte einen Wortschatz, der jedem Bierkutscher alle Ehre gemacht hätte. Nachdem er sich ein wenig beruhigt hatte, stellte er zerknirscht fest: „Ben ist mein Freund! …. Und … und ich bekomme einfach dieses Gefühl nicht mehr los, dass ich ihn im Stich gelassen habe, als er mich brauchte … Ich komme mir gerade wie der letzte Dreck vor!“

      „Glaub mir Hartmut, ich weiß, wie du dich fühlst!“, beschwichtigte Semir sein gegenüber „mir geht es nicht viel besser!“ Er nahm die angebotene Hand von Hartmut an und stand langsam auf. „Schau dich genau um. Dort drüben steht der Wohnwagen der Ermordeten!“ Er deutete zu Jessicas Wohnwagen hinüber. „Sag mir Bescheid.“
      Ohne sich umzublicken, ging Semir mit hängenden Schultern zu seinem BMW und machte sich auf den Weg zum Hospiz.

      *****

      Zurück auf der PAST
      In den frühen Abendstunden befand sich Semir auf der Rückfahrt zur Dienststelle. Tagsüber war es hochsommerlich heiß gewesen. Er dachte an seine Kinder, die mit den Großeltern an einem Badesee den Nachmittag verbracht hatten. Am Horizont trug die untergehende Sonne ein einzigartiges Farbenspiel der Natur in Rottönen zur Schau und verhieß für den morgigen Tag erneut schönes Sommerwetter. Laut Wetterbericht sollten in den kommenden Tagen tagsüber die bisher höchsten Temperaturen des Sommers erreicht werden. Die Nächte sollten tropisch warm bleiben und luden zu einer Grillparty am See ein, mit einer Übernachtung im Zelt, wie lange hat er dies schon seinen Mädels versprochen.
      Susannes Funkspruch riss ihn aus seinen Träumen.

      „Zentrale für Cobra 11!“

      „Cobra 11 hört!“, antwortete der Kommissar schon automatisch. Sein Blick fiel auf den Beifahrersitz, während er das Funkgerät bediente. Sonst ging Ben an den Funk. Ein Schauder rann ihn über den Rücken, als er daran dachte, was er bei seinen Ermittlungen im Laufe des Nachmittags herausgefunden hatte.

      „Semir! … Semir träumst du oder warum antwortest du nicht?“, erklang Susannes Stimme leicht frustriert.

      „Sorry … tut mir leid, ich war gerade abgelenkt“, antwortete er.

      „Die Chefin wartet auf dich! Wann kommst du?“

      „Die Antwort erübrigt sich Frau Kollegin. Schau mal zum Fenster raus!“ meinte er scherzhaft, obwohl ihm nach den Erlebnissen des heutigen Tages gar nicht danach zu Mute war. Wenige Minuten später betrat er die PAST. Zuerst steuerte er Susannes Schreibtisch an. Sein Blick fiel in Richtung des Büros seiner Chefin. Dort saß ein ihm unbekannter dunkelhaariger Mann und schien sich angeregt mit Frau Krüger zu unterhalten. Wie angewurzelt blieb er stehen und runzelte verwundert die Stirn, als er bemerkte, dass Kim mit dem Kerl so richtig zu kokettieren schien. Sie lächelte verklärt vor sich hin und ihre Wangen waren leicht gerötet.

      „Was geht denn da drinnen im Büro der Chefin ab?“, fragte er bei Susanne nach. „Hat die Krüger einen neuen Freund?“

      „Nein! Darf ich vorstellen, das ist Mister Arrogant höchstpersönlich oder mit anderen Worten der Oberstaatsanwalt van den Bergh, der die Ermittlungen in Bens Fall leitet!“ klärte sie Semir auf. „Deswegen solltest du auch zur Dienststelle kommen. Die beiden wollen unbedingt mit dir reden, bevor sie sich in ihren Feierabend verabschieden!“

      Semirs Weg führte zum Büro seiner Chefin. Er klopfte kurz an und trat ein. Nach einer kurzen Begrüßung wurde ihm der dunkelhaarige Mann offiziell vorgestellt. Trotz der hochsommerlichen Temperaturen trug Herr van den Bergh einen blau-grauen Leinenanzug mit hellblauen Hemd und einer passenden Krawatte trug. ‚Geschniegelter Lackaffe‘ war Semirs erster Gedanke. Auf seinem persönlichen Barometer für Sympathien erreichte der Oberstaatsanwalt gerade mal Stufe 2. Der Kommissar zog es deshalb vor, seinen Bericht über die Ermittlungen im Industriegebiet Hürth und dem Hospiz im Stehen abzugeben. Ihm entging nicht, wie der Oberstaatsanwalt seine Beine übereinanderschlug und sich mit einem selbstzufriedenen Grinsen in seinen Stuhl zurücklehnte, als Semir vom Fund von Bens Motorradhelm und der Blutlache in der Nähe des Tatorts berichtete.

      „Hervorragende Arbeit Herr Gerkan!“, lobte er den kleinen Türken, „sie haben soeben den letzten Beweis geliefert, dass sich Herr Jäger tatsächlich am Tatort aufgehalten hatte.“

      In Semirs Ohren klang das schon fast wie ein endgültiges Urteil. Dieser Typ wurde ihm immer unsympathischer. Sein wütender Blick richtete sich auf Kim Krüger, die diesem auswich und ihre Lippen zu einem Strich zusammen kniff.

      „Sie sagen gar nichts dazu Frau Krüger!“, fuhr Semir sie in einem barschen Tonfall an.
      „Was erwarten Sie denn Herr Gerkhan? … Nach solchen Beweisen? … Soll ich mich vor Sie und Herr van den Bergh hinstellen und behaupten, ich halte Herrn Jäger für unschuldig?“, gab sie kühl zurück.
      „Das hörte sich vor ein paar Stunden noch völlig anders an Chefin! Woher kommt der Sinneswandel? Hat Sie dieser Schlipsträger so lange beschwatzt, dass sie wirklich Ben für einen Mörder halten? Was ist nur in sie gefahren!“, empörte sich der Türke. Zornesfalten lagen auf seiner Stirn und die Gesichtsfarbe wechselte auf dunkelrot.
      „So wie die Dinge liegen Herr Hauptkommissar Gerkhan!“, fiel ihm der Oberstaatsanwalt mit seiner sonoren Stimme ins Wort, „müssen doch selbst Sie zugeben, dass alle Indizien gegen Herrn Jäger sprechen. Aber wenn es sie beruhigt, ein Gericht wird darüber entscheiden, ob die Beweise für einen Schuldspruch ausreichen!“
      „Aus ihrem Mund klingt das, als wenn mein Kollege bereits ein verurteilter Mörder ist Herr Oberstaatsanwalt!“, brüllte Semir wütend zurück, „es ist mir so was von egal, was sie glauben oder auch sie, Frau Krüger.“
    • Semir sandte einen traurigen und gleichzeitig verzweifelten Blick in Richtung seiner Chefin. Mit seiner Linken strich er sich über sein kurz geschorenes Haar und suchte erneut Blickkontakt mit Kim Krüger.

      „Frau Krüger, bitte! … Denken Sie doch mal nach! … Hören Sie auf ihr Gefühl!“, seine Stimme wurde leiser und eindringlicher. Er hob seine Hände beschwörend an, „Ben mag zwar ein Heißsporn sein, aber eine Frau eiskalt erwürgen? … Tut mir leid. Glauben sie das wirklich? …“ Für einige Augenblicke herrschte Stille im Raum. „Für mich gibt es noch immer ein paar offene Fragen und Details, die den Herrn Oberstaatsanwalt oder die ermittelnden Kollegen der Kripo Köln Nord, seines Zeichens Herr Kommissar Kramer, scheinbar nicht zu interessieren scheinen. Seit wann sticht eine Linkshänderin mit der rechten Hand zu? …. Warum gab es im Umkreis des Wohnwagens keine Blutspuren oder im Wohnwagen selbst? … Sondern nur gut dreihundert Meter entfernt eine eingetrocknete Blutlache?“
      Semir stützte sich auf die Schreibtischplatte mit seinen Händen, wandte dem Staatsanwalt den Rücken zu und blickte seine Chefin eindringlich an.
      „Frau Krüger!“, appellierte er, „Lesen Sie noch einmal den Tatortbericht. Die Klinge des Messers war vollkommen mit Blut benetzt. Das muss laut dem Gerichtsmediziner und den Kollegen der Kriminaltechnik eine tiefe Wunde gewesen sein, die heftig geblutet hatte. … Nicht ein Blutstropfen im Wohnwagen? … Kommen Sie mir nur nicht mit der Behauptung, Ben hätte was auf die Wunde gedrückt. … Keine Fingerabdrücke von ihm im Wohnwagen und trotzdem soll Ben so bescheuert gewesen sein und ausgerechnet seinen Schlüssel dort verloren haben, ohne dass er es merkte? … Da war der Zündschlüssel für sein Motorrad dran! … Dass passt nicht zusammen! … Sehen Sie nicht die Widersprüche?“

      Er schwieg wieder für einen Moment. … Sah, wie es in der Mimik seiner Vorgesetzten arbeitete, die mit verschränkten Armen in ihrem Bürosessel saß und ihre Lippen zusammenpresste.
      „… Haben sie auf meine Fragen auch Antworten für mich?“
      Erneut schwieg er für einige Atemzüge und ließ seine Worte auf Kim Krüger wirken, bevor er die nächste spitze Bemerkung in Richtung seiner Chefin losließ.
      „Was ist mit ihrem tollen Spruch von heute Nachmittag Frau Krüger, sie wollen die Wahrheit wissen? Ist das Schnee von gestern, weil ihnen der Herr Staatsanwalt ein paar schöne Augen gemacht hat?“

      Das war zu viel. Kim atmete deutlich hörbar scharf aus und schoss förmlich aus ihren Bürosessel in die Höhe.
      „Gerkhan! Das geht zu weit!“, fauchte sie ihn an. „Das geht wirklich zu weit!“

      Trotzdem, die Ansprache ihres besten Mitarbeiters hatte gesessen. Wortlos drehte sie sich um und fuhr sich mit ihren Händen über das Gesicht. Betreten schaute sie zum Fenster hinaus auf den Parkplatz. Im Licht der Parkplatzbeleuchtung sah sie Bens silbernen Mercedes. Ihr Gehirn arbeitete auf Hochtouren. Vor dem Eintreffen des Staatsanwaltes hatte Kim den Bericht der KTU über den Tatort in Hürth gelesen. Der Türke war einer der besten Ermittler, mit denen sie in ihrer bisherigen polizeilichen Laufbahn zusammengearbeitet hatte. Seine Argumente hatten Hand und Fuß, ließen die Indizien der Staatsanwaltschaft und die gesammelten Beweise von Kommissar Kramer in einem anderen Licht erscheinen. Sie biss sich auf die Lippen und wandte sich ihrem Kommissar wieder zu.

      „Sie haben ja Recht Herr Gerkhan! Ich habe mich irgendwie zu sehr von anderen beeinflussen lassen und eine objektive Betrachtung der Tatsachen aus den Augen verloren.“, lenkte sie kleinlaut ein, was ihr einen vorwurfsvollen Blick des Staatsanwaltes einbrachte. „Herr Jäger mag ein Draufgänger mit einem losen Mundwerk sein. In unserem Fuhrpark gibt es bestimmt fast kein Fahrzeug mehr, in das er noch keine Delle rein gefahren hat.“ Der Ansatz eines Lächelns huschte in ihren Mundwinkel, „Und im Schrotten von Dienstwagen macht er ihnen ernsthafte Konkurrenz, Herr Gerkhan!“
      Sie blickte dem Staatsanwalt direkt in die Augen und stützte ihre Hände auf der Schreibtischplatte ab. Ihr Körper bebte vor Erregung ebenso wie ihre Stimme.
      „Ach, zum Teufel noch mal, Herr van den Bergh. Ich bin nicht bereit, einen meiner Männer, dem ich bisher immer vertrauen konnte, einfach so fallen zu lassen. Dieser Pressemeute zum Fraß vorzuwerfen, nur weil es ein paar von unseren oberen Herren so passen würde. Ob mit oder ihrem Einverständnis Herr Oberstaatsanwalt beauftrage ich ab sofort Herrn Gerkhan offiziell damit, eigene Ermittlungen der PAST in allen Fällen, die Herr Jäger zur Last gelegt werden, anzustellen. Und kommen Sie mir jetzt nicht mit dem Einwand, dass Herr Gerkhan persönlich befangen ist. Selbst Sie, Herr Oberstaatsanwalt, müssen zugeben, dass speziell die Ermittlungen in Hürth alles andere als professionell von den zuständigen Ermittlern durchgeführt wurden. …" Sie richtete sich auf und wandte sich dem Türken zu. "Herr Gerkhan, Sie sind ab sofort wieder im Dienst und sobald Frau Dorn kommende Woche von ihrem Lehrgang zurück ist, wird sie sie bei den Nachforschungen unterstützen.“

      Hendrik van den Bergh war sich gar nicht bewusst, wie er Kim Krüger anstarrte. Genau das war es, was ihn so an dieser Frau faszinierte, diese selbstbewusste Art, ihre Ausstrahlung und in seinen Augen sah sie einfach umwerfend gut in dem engen taubenblauen Rock mit der passenden Weste aus. An der Bluse stand ein Knopf mehr offen, als sein musste. Er konnte ihr einfach nicht widersprechen und bewegte seinen Kopf auf und ab, obwohl er innerlich schon triumphiert hatte. Die Verurteilung eines Hauptkommissars mit solch einem interessanten familiären Hintergrund wäre seinem Sprung nach oben auf der Karriereleiter äußerst förderlich gewesen.

      Die Besprechung, die sich eigentlich ihrem Ende zuneigte, wurde unterbrochen. Susanne kam ohne Vorwarnung ins Büro gestürmt. Ihre sommerliche Gesichtsfarbe war gewechselt in einem unnatürlichen bleichen Farbton.

      „T’schuldigung! Aber ich glaube das ist wichtig! Gerade eben kam eine Fahndungsmeldung rein!“ Erwartungsvoll blickten die drei anderen Anwesenden Susanne an. „Gabriela Kilic ist gestern Spätnachmittag bei einem Gefangenentransport geflohen!“

      Diese Nachricht verfehlte nicht ihre Wirkung. Der Oberstaatsanwalt schaute irritiert von Kim zu den anderen beiden Mitarbeitern der PAST. Alle schienen regelrecht geschockt zu sein, nur er verstand nicht warum.

      Kim gewann als erste ihre Fassung wieder und schilderte Hendrik van den Bergh mit knappen Sätzen das Drama, das sich im vergangenen Jahr abgespielt hatte. Die Entführung von Gerkhans Familie, die Flucht und die Rolle, die Ben Jäger dabei gespielt hatte.

      Semir brannte nur eine Frage auf der Seele „Wird meine Familie ab sofort Polizeischutz bekommen Frau Krüger?“

      Der Oberstaatsanwalt übernahm für die Chefin der PAST die Antwort. „Dafür besteht doch momentan überhaupt keine Veranlassung Herr Gerkhan. Ihre Frau hat damals in der Gerichtsverhandlung ausgesagt. Warum also Polizeischutz? … Wissen Sie, was das dem Steuerzahler kostet? Außerdem kann man doch davon ausgehen, dass sich die entflohene Frau bestimmt schon längst ins Ausland abgesetzt hat!“, bekräftigte er seine Meinung. „Denn zu welchem Zweck fliehen Gefangene denn sonst aus dem Gefängnis?“

      Semir nahm diese Aussage des Oberstaatsanwalts widerspruchslos hin. Die letzte Stunde hatten ihm mehr als deutlich gezeigt, dass es zwecklos war, mit dem Dunkelhaarigen zu diskutieren, ihn davon zu überzeugen, dass die Kilic eine von Rachsucht besessene Frau war.
      Wer waren ihre möglichen Opfer? … Seine Frau? … Ben! …. OMG … in seinem Gehirn machte es nur noch klick … klick … klick. Ein Zahnrädchen passte perfekt ins andere. Er musste dringend nach Hause. Ihm würde schon etwas einfallen, wie er seine Familie schützen könnte. Und Ben?????

      „Susanne, schickst du mir alle Informationen zur Flucht von Frau Kilic aufs Handy! Ich fahre sofort nach Hause!“
      Der Türke drehte sich wortlos um und stürmte aus der PAST.
    • Gabriela machte es sich in einen gemütlichen Liegestuhl auf der Terrasse bequem und genoss bei einem Glas Rotwein den lauen Sommerabend. Sie war frei … endlich wieder frei … raus aus der engen Gefängniszelle … Keine Wärter mehr, die ihr Befehle erteilen konnten. Sie bestimmte selbst darüber, was sie tun und lassen würde … Jäger war in ihrer Gewalt … Das Leben war mit einem Male wieder so wunderschön. Ein Schwall wahrer Glücksgefühle durchströmten sie.

      Sie lauschte den Geräuschen ihrer Umgebung. Der Abendwind rauschte leicht in den Wipfeln der Bäume und sorgte für angenehme Temperaturen. Aus einem der Schlafzimmer im oberen Stockwerk erklang das Gekicher der jungen Russin. Scheinbar vergnügte sich Rashid mit ihr. Remzi und Camil saßen mit einer Flasche Bier in der Hand im Wohnzimmer und unterhielten sich in ihrer Muttersprache über die gemeinsame Vergangenheit … was wohl aus ihnen geworden wäre ohne den Balkankrieg. Gesprächsfetzen drangen zu ihr durch.

      Ihr Blick fiel auf ihren rechten Arm, der von der Kerze im Windlicht gespenstisch beleuchtet wurde. Der Physiotherapeut hatte ihr Hoffnung gemacht, dass sie mit viel Ausdauer und Training zumindest wieder einfache Tätigkeiten mit dem Arm ausführen konnte.

      Ihre Gedanken schweiften ab in Richtung von Boris Stojkovicz. Die Kroatin hatte den albanischen Mafia Boss vor drei Monaten während ihres Aufenthalts in der Uni-Klinik kennengelernt, als ihr rechter Arm operiert worden war. Die Schrauben und Platten, die den Knochen zusammengehalten hatten, waren entfernt worden, Teile der Sehnen repariert worden. Sowohl die Klinikleitung, als auch die Gefängnisleitung hatten beschlossen die beiden Gefangenen aus organisatorischen Gründen in einem Krankenzimmer unterzubringen. Eine spanische Wand trennte die beiden Krankenbetten voneinander und sollte deren Privatsphäre wahren. Doch das hinderte weder die Kilic noch Stojkovicz daran, miteinander ins Gespräch zu kommen, da sich ihre Bewacher vor allem während der Nachtstunden auf Anordnung der behandelnden Ärzte nicht ständig im Zimmer aufhielten. Als Gabriela ihrem Bettnachbarn erzählte, wie sie zu ihrer Schussverletzung gekommen war, hatten die beiden Patienten Recht schnell ein Gesprächsthema gefunden: BEN JÄGER. Sie entdeckten ihre Gemeinsamkeit: Ihre Rache.

      Nachdem Boris Stojkovicz die niederschmetternde Diagnose mit seiner tödlich verlaufenden Krebserkrankung bekommen hatte, wurden die beiden Gefangenen zu Verbündeten und schmiedeten in jener Zeit im Krankenhaus ihre Rachepläne.
      Ursprünglich war geplant gewesen, dass der Mafia Boss nach Gabrielas Flucht vom Pflegeheim hierher in die Villa transportiert werden sollte. Eine Krankenschwester aus dem Kosovo sollte sich zusammen mit deren Mann, der einmal Arzt gewesen war, um den Patienten kümmern. Der Todkranke wollte an den Folterungen, die man Ben Jäger in dem Anwesen zufügen wollte, teilhaben. Seine Rache in vollen Zügen genießen. Doch Rashid hatte ihr am gestrigen Nachmittag erklärt, dass sich der Gesundheitszustand seines Vaters in den letzten Wochen dramatisch verschlechtert hatte und einen Krankentransport unmöglich machen würde.

      Nicht eine Spur des Bedauerns oder Mitleids hatte die Kroatin bei dieser Nachricht empfunden. Boris Stojkovicz war gewissermaßen für sie nur Mittel zum Zweck gewesen. Der alte Mafia Boss hatte trotz seines Gefängnisaufenthaltes noch immer ungeahnte Verbindungen in die Kölner Unterwelt gehabt, kannte bestechliche Polizeibeamte und andere Staatsbedienstete. All das war nützlich gewesen, für die Ausführung ihrer gemeinsamen Rachepläne. Nun hatte die Kroatin freie Hand, konnte schalten und walten, wie sie es ihr beliebte und musste keine Rücksicht mehr nehmen.
      Der Deal, den sie mit dem alten Mann eingegangen war, würde sie einhalten. Das war Ehrensache. Boris Stojkovicz wollte den Staatsanwalt, der für die Undercover-Action verantwortlich war und den SEK-Beamten, der damals den Zugriff geleitet hatte, tot sehen. Dazu kamen noch die beiden Beamten, die die tödlichen Schüsse auf seine Söhne abgegeben hatten. Diese standen auf der Todesliste. Diese Wünsche würde sie ihm in jeden Fall erfüllen. Im Gegenzug gehörte ihr alleine Ben Jäger.
      Unterdessen näherte sich das Liebesspiel seines Sohnes Rashid seinem Höhepunkt, durch das geöffnete Fenster war jedes Detail unüberhörbar. Gabriela war klar, sie musste ihr Aussehen verändern, wenn sie sich außerhalb des Grundstücks und der Villa frei bewegen wollte. Die Russin??? Vielleicht hatte diese Frau noch anderen Fähigkeiten, als Männer zu befriedigen.
      Ihr Gedankenkarussell drehte sich wieder zurück zu ihren Rachefeldzug und nahm ihren Geist vollkommen in Besitz. Ihr Focus war aber nicht allein auf Ben Jäger gerichtet, der heute einen kleinen Vorgeschmack bekommen hatte, auf das was ihn die kommenden Tage erwarten würde.

      Am späten Nachmittag hatten ihn Remzi und Camil nochmals aus seiner Holzkiste gezogen und mit ihm ein bisschen Waterboarding gespielt. Nach Luft japsend, von Hustenanfällen geplagt, kaum dass Jäger einen Ton rausbekam, kommentierte der verdammte Bulle die Folter mit einem Satz: „Danke für die Dusche!“ Der Kerl war knallhart. Es würde ein hartes Stück Arbeit werden, seine Persönlichkeit zu brechen, bevor er das Zeitliche segnen würde. Ein anderer Teil ihrer Pläne betraf Semir Gerkhan. Er sollte nicht sterben. Wenn Gabriela mit dem verhassten Türken fertig war, sollte nur noch ein menschliches Wrack übrigbleiben. Aber das war nicht alles. Es gab noch mehr Kandidaten auf ihrer Todesliste.

      So saß sie bis spät in die Nacht hinein, nippte hin und wieder am Rotwein und schmiedete in ihren Gedanken ihre Rachepläne.
    • Als Semir in die Zufahrt zu seinem Anwesen einbog, hatte sich der erste Schock über die Flucht von Gabriela Kilic gelegt.
      Zu seinem Erstaunen war kein Fenster seines Hauses erleuchtet. In der Annahme die beiden Frauen würden schlafen, schlich er sich auf Zehenspitzen leise ins Haus. Als er den Autoschlüssel auf den Garderobenschrank ablegte, fiel sein Augenmerk auf ein flackerndes Kerzenlicht auf der Terrasse, deren Schein durch das große Wohnzimmerfenster ins Haus leuchtete. Die Umrisse einer Person, die auf einem der Liegestühle saß, wurden schemenhaft sichtbar. Zwischendrin glühte der rote Punkt einer brennenden Zigarette auf: Da saß Andrea.

      Ohne das Licht im Wohnzimmer anzuknipsen, huschte er leise durch den Raum auf die Terrasse.
      „Hallo mein Schatz!“, wurde er von seiner Frau begrüßt, die sich vom Liegestuhl erhob, ihn umarmte und innig küsste. „Wie ist es auf der Dienststelle gelaufen? Hast du etwas über Ben raus gefunden?“

      Semir nahm auf dem anderen Liegestuhl ihr gegenüber Platz. Er stützte seine Ellbogen auf die Knie und fuhr sich mit seinen Händen nachdenklich über das Gesicht, bevor er seiner Frau seine neuesten Erkenntnisse zu Ben erzählte. Dann kam der alles entscheidende Satz. „Gabriela Kilic ist gestern Spätnachmittag bei einem Gefangentransport geflohen.“

      Selbst im flackernden Licht des Kerzenscheins konnte Semir erkennen wie seine Frau die Augen vor Entsetzen aufriss und sie schlagartig kreidebleich wurde.

      „Die Kilic ist frei!“, hauchte sie. „Oh mein Gott, Semir! … Ich habe Angst!“
      Der Türke beugte sich weiter nach vorne und umfasste mit seinen Händen die Handgelenke seiner Frau.
      „Keine Sorge mein Schatz! Ich pass auf euch auf, damit nichts passiert!“ Er atmete einmal tief durch und suchte mit seinen Augen im schummrigen Licht des Kerzenscheins Blickkontakt zu seiner Frau. „Hör zu Andrea! … Es sollte eigentlich eine Überraschung für dich und die Kinder werden. … Du weißt doch, dass mein Bruder Mehmet einige Ferienhäuser in Antalya besitzt. Es war geplant, dass wir am kommenden Sonntag zusammen dort hinfliegen und für drei Wochen dort unseren Familienurlaub verbringen, wenn du damit einverstanden gewesen wärst.“

      Andreas Augen leuchteten auf. Ja, genau so etwas hatte sie sich seit langem gewünscht, einen Familienurlaub. Semirs nächste Worte holten sie wieder zurück in die Gegenwart.

      „Ich habe mit Mehmet während der Fahrt nach Hause telefoniert. Er könnte alles so arrangieren, dass ihr bereits morgen ein Ferienhaus, praktisch in seiner Nachbarschaft, 150 Meter vom Strand weg, beziehen könnt.“ Er drückte ihre Hand fester, „Sag einfach ja und du und die Kinder wärt in Sicherheit! … Ich komme nach, sobald ich Ben gefunden habe … Bitte!“
      „Du wolltest wirklich dein lang gegebenes Versprechen mit dem Türke-Urlaub einhalten!“ Andrea blinzelte vor Rührung die Tränen weg, während ihr Semir mit zusammengekniffenen Lippen zu nickte.
      „Nur versteh Andrea, ich muss wissen, was mit Ben ist! … Wo er ist? … Ich würde keine Minute Ruhe finden! … Die Kilic können meinetwegen die Kollegen jagen.“
      „Schon gut! … Schon gut! … Ich verstehe dich besser als du denkst! Ben hat dir eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen. Der Klang seiner Stimme … er muss völlig verzweifelt gewesen sein …am Ende … ich habe ihn so noch nie erlebt! Höre es dir an!“

      Andrea drückte auf den Wiedergabeknopf des Telefons, das neben ihr auf dem kleinen Glastisch stand.

      „Ich … bin … es … Ben! … Ich stecke … bis … zum Hals in der Scheiße! … Die wollen …mir den Tod des Penners … als Mord … anhängen. …. Anna … hat … Schluss … gemacht! … Die … wollen … mich … fertig machen!!!!“ Das unterdrückte Aufschluchzen seines Freundes war durch den kleinen Lautsprecher zu hören. Der Türke konnte fast körperlich die Verzweiflung seines Freundes spüren. „… Semir! …. Semir … ich weiß … nicht mehr weiter! … Bitte Semir … hilf mir …bitte! …Andrea, ich weiß … was … ich von euch verlange, …. Semir ich brauche dich! … Hilf mir!“

      Dann brach die Nachricht plötzlich ab.

      Der Türke saß wie gelähmt da. Für einige Minuten herrschte Schweigen, bevor Semir deutlich hörbar die Atemluft entwich. Er erhob sich von seiner Sitzgelegenheit, wanderte umher und murmelte einige nicht jugendfreie Flüche vor sich hin. Von einer Sekunde zur anderen blieb er schlagartig stehen und blickte seine Frau an.

      „Oh, verdammt!“ entfuhr es Semir, „hat Anna das gehört?“
      „Zum Glück nicht!“, erwiderte Andrea und nippte von ihrem Glas Rotwein, „Ich habe die Nachricht erst abgehört, als sie schon gegangen war. Basti hat sich um sie Sorgen gemacht und Anna gesucht. Vor zwei Stunden hat er sie abgeholt und nach Hause gebracht. Er hat mir versprochen, heute Nacht bei ihr zu bleiben und sich um Anna zu kümmern. Du brauchst dir also keine Sorgen um sie machen!“

      Die beiden Eheleute besprachen noch viele Einzelheiten, die in den kommenden Tagen geregelt und organisiert werden mussten. Zusammen packten sie die Koffer für die Abreise in die Türkei. Nachdem Andrea mit ihren Eltern telefoniert hatte, stand Semir hinter ihr und umschlang sie liebevoll mit seinen Armen. Zarte Küsse hauchte er ihr auf den Hals. Sie seufzte genießerisch auf. Er drehte sie zu sich um und ihre Lippen fanden einander. Seine Hände wanderten über ihren Rücken, ihren Po, streichelten sie und erregten sie. Wohlig stöhnte sie auf.
      „Schaff mich ins Bett mein türkischer Hengst!“
      Das ließ sie Semir nicht zweimal sagen. Die beiden blendeten für einige Minuten all ihre Sorgen und Probleme aus ihrem Bewusstsein aus und gaben sich ihrer Leidenschaft hin. Völlig erschöpft rollte sich Semir von seiner Frau herunter und sank auf das Kopfkissen. Es war Mitternacht geworden. Andrea war nach wenigen Minuten eingeschlafen. Ihr Kopf ruhte auf Semirs Brust und mit ihrem Arm umschlang sie seinen Oberkörper.

      Trotz seiner Müdigkeit und Erschöpfung fand der Türke keine Ruhe. Bens Worte auf dem Anrufbeantworter gingen ihm einfach nicht aus dem Kopf. Seine Verzweiflung … so viel Verzweiflung war aus seiner Stimme herauszuhören gewesen, sollte tatsächlich das Unfassbare geschehen sein? Diese Beweise, die gegen seinen Freund sprachen, … Kim Krügers Aussage kam dazu, wozu Menschen in der Lage sind, die man in die Enge getrieben hatte, denen man alles genommen hatte … Diese Jessica hatte Ben das Wertvollste geraubt, das er besaß: Die Liebe seiner Freundin. Nein, er wagte diesen Gedankengang einfach nicht zu Ende zu denken … Wenn er seinem Freund und Partner diese Tat schon zu traute, wer sollte sich noch für ihn einsetzen, seine Unschuld beweisen, wenn nicht er, wer dann?
    • Einige Stunden vorher

      Anna saß neben Basti auf dem Beifahrersitz ihres schwarzen Golfs. Andi, der Drummer von Bens Band, hatte ihn zu Semirs Anwesen gefahren. Vorher hatten die beiden Jungs ein paar Kneipen in der Altstadt von Köln und einige Freunde abgeklappert, in der Hoffnung irgendwo eine Spur von Ben zu finden. Selbst dem blonden Krankenpfleger, der immer einen kessen Spruch auf der Lippe hatte, war in den letzten Tagen das Lachen vergangen. Er schaffte es nicht seine Freundin ab zu lenken oder aufzuheitern. Sie starrte gedankenverloren zum Beifahrerfenster hinaus.

      „Fährst du mich direkt zur Uni-Klink!“, bat Anna ihren Fahrer, „ich habe heute Nachtdienst und komme ja sowieso schon zu spät!“
      „Nein ich bringe dich nach Hause. Und du hast heute keinen Nachtdienst!“
      Auf diese Aussage hin, kam ein bisschen Leben in die dunkelhaarige Frau. Sie richtete sich in ihrem Sitz auf und blickte erstaunt zu ihrem Freund rüber.
      „Wieso? ... Ich will aber arbeiten, das lenkt mich zumindest ein bisschen ab!“, widersprach sie mit einem energischen Unterton.
      „Tut mir leid Anna! … Der Chefarzt hat mich heute Morgen angesprochen, was mit dir los. Du bist so was von neben der Spur, dass es selbst ihm nicht entgangen ist. Ich habe ihm alles erzählt, soweit es nötig war.“
      „Du hast bitte was gemacht!“, fiel sie ihm im Tonfall ungehalten ins Wort. „Spinnst DU! … Was geht dem Chef mein Privatleben an?“
      „Mensch Anna! … Jetzt reg dich wieder ab! … Schau dich doch mal im Spiegel an! … Höre dich mal reden, wie du drauf bist! Der Chef hatte schon Recht, in solch einer Verfassung kannst du niemals in den OP. Dr. Kraus hat dir morgen einen Tag frei gegeben, damit du etwas zur Ruhe kommen kannst und ab Montag arbeitest du vorerst auf Station.“

      Seine blauen Augen funkelten sie dabei aufgebracht an. Als Sebastian jedoch sah, wie seine Beifahrerin in sich zusammensank und anfing, am ganzen Körper zu zittern, taten ihm seine Worte schon wieder furchtbar leid. Anna kämpfte gegen ihre Tränen an. Als der Krankenpfleger den Golf vor dem Haus einparkte, traf ihn ihr flehentlicher Blick.

      „Kommst du mit hoch, Basti? Ich ertrage es nicht alleine zu sein und Anja hat Nachtdienst!“
      „Natürlich! Ich mach uns, erst einmal eine Kleinigkeit zu essen. … Einverstanden!“
      Anna murmelte nur, „Ich habe bei Andrea bereits eine Kleinigkeit gegessen und du kannst doch sowieso nicht kochen!“
      „Sorry Madame! Für eine Tiefkühlpizza oder eine Portion Rührei mit Schinken reichen meine Fähigkeiten noch aus!“

      Als sie in Annas Wohnung angekommen waren, zog sich die junge Frau in ihr Schlafzimmer zurück. Sie warf sich aufs Bett und konnte ihrem Tränenstrom einfach kein Einhalt mehr bieten. Sebastian ließ in der Küche alles stehen und liegen und eilte zu ihr, als er ihr hemmungsloses Schluchzen vernahm. Er nahm sie liebevoll in den Arm und hielt sie fest. Wie eine Ertrinkende an ihren Retter, so klammerte sich Anna an ihn fest. Beruhigend strich er ihr über den Rücken und sprach auf sie ein.
      „Du wirst sehen, alles wird wieder gut und Ben hat dir längst verziehen.“
      Sie schluchzte weiter vor sich hin. „Ich war so … wütend auf ihn … die Behauptungen dieser Frau hatten mich … zu tiefst gekränkt… ich wollte ihm in dem Moment als er vor mir stand, auch weh tun … ihn in diesem Moment verletzen!“
      Anna versuchte ihr abgehacktes Schluchzen etwas zu unterdrücken, aber es gelang ihr nicht. Ihr Körper erbebte weiter unter ihren emotionalen Druck.
      „Du … hättest Ben sehen … sollen! … Basti! …. Meine Worte! … ich habe ihn so … verletzt … ihn so furchtbar verletzt …Sein Blick, als ich ihn … geohrfeigt habe … OH GOTT BASTI … was habe ich … nur gemacht …ICH WOLLTE DAS DOCH NICHT …. ICH WILL IHN ZURÜCK BASTI, … ICH WILL BEN ZURÜCK …!“

      Der Rest ihrer Worte erstarb in ihrem Schluchzen. Sebastian hielt sie einfach nur fest. Ihre Tränen durchnässten sein Shirt. Irgendwann, als es draußen schon längst dunkel geworden war und das helle Mondlicht das Schlafzimmer ausleuchtete, war Anna eingeschlafen. Der Krankenpfleger wagte es nicht, sich von ihr zu lösen. Fürsorglich zog er eine der Zudecken heran und deckte sie damit zu. Obwohl er sich vorgenommen hatte, wach zu bleiben, dämmerte auch er in den Schlaf hinüber.

      Ein Schreien und Stöhnen weckte ihn auf. Anna bewegte sich unruhig hin und her, murmelte vor sich im Schlaf hin und schrie plötzlich auf „BENNN …. NEIIIIIIN … BEENNN!“ Er rüttelte sie an der Schulter. „Hey Anna, wach auf!“ Völlig verwirrt blickte die junge Frau aus ihren dunklen Augen den Krankenpfleger an. Ihr Körper war in Schweiß gebadet. „Alles wird gut Anna, du wirst sehen!“ Langsam begriff sie, dass die Bilder, die vor ihrem geistigen Auge sich abgespielt hatten, nur ein Traum gewesen waren.

      „Ich habe so schreckliche Angst Basti. …Ich habe immer wieder diesen schrecklichen Traum … Ben liegt blutüberströmt in einer dunklen Gasse und ruft nach Hilfe … nach mir … ich will zu ihm … ihm helfen und werde festgehalten … muss zusehen wie er verblutet … BASTI!“, schrie sie zum Schluss auf.
      „Scht! …. Scht! … Oh Gott Anna, beruhige dich … glaube mir, alles wird wieder gut!“
      „Ich habe ANGST, furchtbare Angst Basti! … Verstehst du mich nicht!“
      „Doch!“ Er drückte die junge Frau wieder an sich. „Versuch noch ein bisschen zu schlafen!“ Er wiegte sie sanft in seinen Armen, in der Hoffnung die junge Frau würde sich beruhigen.
    • Ben schlief, als die Tür zu seinem Verlies geöffnet wurde. Brutal weckten ihn seine Widersacher. Er hatte keine Chance zur Gegenwehr, als sie ihn an den Füßen packten und über den Boden schleiften. Benommen versuchte er sich zu orientieren. Als er die Augen öffnete, wurde ihm ein Sack über den Kopf gestülpt. Ben versuchte sich zu wehren. Doch dem erbarmungslosen Griff des Mannes, der seinen Oberkörper festhielt, hatte er nichts entgegenzusetzen.

      Wütend fauchte er: „Ihr verdammten Schweine, was habt ihr nun wieder vor? Eine kleine Dusche?“ Schweigen war die Antwort. „Lass mich los du Arschloch!“

      Man drückte ihn runter auf einen Stuhl. Seine Arme wurden rücksichtslos nach hinten gedreht und mit Kabelbindern fixiert. Schon nach wenigen Augenblicken schnitt die zu enge Fesselung in die Haut. Daraufhin zog man ihm seine Socken aus und band seine Füße in gleicher Art und Weise an die Stuhlbeine. Ohne ein Wort zu reden verließen die beiden Männer den Raum, knipsten das Licht aus und zogen die Tür ins Schloss.

      Dunkelheit und Stille um gab den Polizisten. Gewaltsam unterdrückte er den Anflug von Panik, dass er unter diesem Sack ersticken würde. Er zerrte an den Fesseln, was zur Folge hatte, dass die sich tiefer und tiefer in die Haut schnitten. An seinem kleinen Finger rann etwas Warmes entlang. Nach einiger Zeit schmerzten seine Arme unerträglich von der verdrehten Haltung. Seine Handgelenke brannten wie Feuer und in seinen Beinen verlor er langsam das Gefühl. Sie fühlten sich an abgestorben, als wären sie nicht mehr vorhanden.

      Die Zeit verstrich.

      Ben hatte keine Ahnung, wie lange er hier schon auf diesem Stuhl saß und vor sich hindöste. Das Zeitgefühl war ihm verloren gegangen. Das unangenehme Drücken einer vollen Blase weckte ihn. Krampfhaft versuchte er es zu ignorieren. Diese Demütigung würde er sich nicht antun.
      Die Tür zu seinem Gefängnis wurde geöffnet. Ben hörte das tack, tack, wenn Absätze auf Fliesenboden klappern und dann war sie da, diese verhasste Stimme.

      „Zieh ihm den Sack vom Kopf. Ich möchte meinem Lieblingsbullen in die Augen schauen!“

      Gierig sog Ben die Luft in seine Lungen, nachdem man den Sack entfernt hatte. Das grelle Licht stach wie kleine Nadelstiche in seinen Augen. Mühsam blinzelte er und versuchte etwas zu erkennen. Wie erwartet, stand Gabriela vor ihm, bekleidet mit einer Kampfhose und einem schwarzen Top. Ob er wollte oder nicht, der vernarbte Oberarm zog seinen Blick magisch an. Die Hand und ihr Unterarm wurden durch eine Spezialmanschette verdeckt. Der Kroatin war dies nicht entgangen und es stachelte ihre Wut und Hass noch mehr an.

      „Guten Morgen, ich hoffe der Herr Polizist hatten eine angenehme Nachtruhe!“
      „Danke der Nachfrage, habe schon besser geschlafen!“, gab Ben mit einem frechen Grinsen zurück.
      „Unbelehrbar wie immer! Keine Sorge, deine schlechten Manieren treibe ich dir noch aus!“, zischte sie zurück. Der Grauhaarige war hinter ihr aufgetaucht und reichte ihr einen Bambusstecken.
      „Brauchst du mich noch?“ fragte er unter der Tür stehend.
      „Nein! Mein morgendliches Training schaffe ich auch ohne dich!“

      Sie wandte sich wieder Ben zu. In der Hand ihres verkrüppelten Armes hielt sie den Stock. Es sah etwas unbeholfen und linkisch aus, wie sie damit in ihre linke Handfläche klopfte. Eine dumpfe Ahnung stieg in Ben auf, was auf ihn zukommen würde. Seine Nackenhärchen stellten sich vor Entsetzen auf. Wie zur Bestätigung, schlug ihm Gabriela mit dem Stockende gegen die Beine.

      „Weißt du Jägerlein, mein Physiotherapeut hat mir empfohlen, viel zu üben und zu trainieren, um wieder meine Beweglichkeit in dem Arm zurück zu bekommen. Und wer wäre denn besser als Trainingspartner geeignet als du!“
      Sie holte erneut aus und schlug kräftiger zu. Hatte Ben geglaubt in seinen Oberschenkeln kein Gefühl mehr zu haben, wurde er getäuscht. Auch wenn hinter den Schlägen nicht die Wucht und die Kraft gelegen hatte, die diese Frau noch im vergangenen Jahr in diesem Arm hatte, fügten sie ihm Schmerzen zu.

      „Na wie gefällt dir das?“

      „Besorge es dir doch selbst?“, fauchte Ben zurück.

      Sie wechselte das Bambusrohr in die linke Hand und holte aus. Der Hieb traf seinen Oberkörper. Trotz Anspannung seiner Muskeln hatte er das Gefühl, seine Rippen würden brechen. Gnadenlos schlug sie wieder zu. Die Atemluft wurde aus seinen Lungen gepresst und entwich pfeifend über seine Lippen. Der Schmerz trieb ihm die Tränen in die Augen, die sich ihren Weg über seine Wangen bahnten.

      Gabriela lachte triumphierend auf. „Doch nicht so hart wie du dachtest!“

      Der Stecken wechselte die Hand. Ben war nicht bereit sich einfach so verprügeln zulassen. Diese Hexe quälte ihn einfach nur zu ihrem Spaß. Vielleicht sollte er sie ein bisschen provozieren, damit sie einen Grund dafür hatte, um dieser Tortur ein schnelleres Ende zu bereiten.
      Zwischen zwei Schlägen presste er hervor: „Na macht es Spaß? Das mit deinem Arm hast du Miststück dir selbst zuzuschreiben. Ich bedauere es jeden verfluchten Tag, dass Semir dir damals nicht gleich eine Kugel in deine hohle Birne gejagt hat!“
      Als der Gefolterte erkannte, welche Wirkung seine Worte bei ihr erzielten, wie sich ihr Gesicht vor Wut verzerrte, sie die Zähne fletschte, legte er noch einen nach.
      „Das Gleiche gilt für deinen schwachsinnigen Bruder. War doch klar, dass dieser faule Sack von deinem Cousin sich nicht um ihn kümmern würde. Du hättest ihn niemals mit ihm allein in dem verfallenen Bauernhof zurücklassen dürfen! Du bist schuld an seinem Tod! Du bist selbst schuld am Tod deines Bruders.“

      Wütend heulte sie auf. Sie war außer sich. Unbewusst hatte Ben einen ihrer wunden Punkte erwischt. Wie oft hatte sie sich in den Tagen im Gefängnis gefragt, was wäre gewesen … wenn, sie ihrem Gefühl vertraut hätte, wenn sie ihren Bruder beschützt hätte, so wie sie es ihm versprochen hatte.
      Bens Brüllen erfüllte den Raum, als der nächste Schlag ihn am Oberkörper traf. Er war sich sicher, das bedeutete mindestens eine gebrochene Rippe. Gabriela verlor die Kontrolle über sich. Der nächste Treffer am Kopf erlöste den Polizisten von seinen Qualen. Die Dunkelheit einer Ohnmacht hüllte ihn ein.

      *****

      Semir fuhr vom Flughafen direkt zu Annas Wohnung. Er musste unbedingt noch einmal mit Bens Freundin reden. Außerdem wollte er ihr den Briefumschlag und das Geschenk geben, welches er in Bens Wohnung für sie gefunden hatte. Sebastian öffnete ihm die Wohnungstür. „Hallo Semir, tut gut dich zu sehen. Weißt du was Neues wegen Ben?“, überfiel er ihn gleich mit der Frage, die den Krankenpfleger am meisten bewegte. Die beiden Männer umarmten sich zur Begrüßung und tuschelten leise miteinander weiter.

      „Nein, nichts Neues wegen Ben. Ich muss unbedingt mit Anna sprechen. Wie geht es ihr heute Morgen!“

      „Unverändert! Sie weigert sich, etwas zu essen. Sie ist psychisch total angeschlagen. … fast am Ende … Semir, so habe ich sie noch nie erlebt. Seit fast einer Stunde sitzt sie auf dem Sofa und starrt auf eine Fotografie von Ben und ihr!“

      Die Anspannung und Sorge in Sebastians Gesicht war für den kleinen Türken unübersehbar, während sie gemeinsam ins Wohnzimmer schritten. Anna saß mit angezogenen Beinen in einer Ecke des Sofas. In ihrer linken Hand hielt sie ein Bild. Ihren Kopf hatte sie an der Lehne abgelegt. Mit dem Daumen ihrer rechten Hand strich sie zärtlich über die Stelle, an der Ben abgebildet war. Ein sinnliches Lächeln umspielte ihren Mund und trotzdem konnte man erkennen, wie sie mit sich kämpfte, um nicht in Tränen auszubrechen. Semir setzte sich neben sie in den Sessel, lehnte sich zu ihr rüber und ergriff ihre freie Hand. Sie hob den Kopf an und blickte ihn aus ihren rotgeränderten Augen hoffnungsvoll an. Semir räusperte sich, wusste nicht so recht, wie er das Gespräch beginnen sollte. In knappen Sätzen berichtete er von seinen gestrigen Ermittlungen. Bisher hatte ihn Anna schweigend angestarrt. Als er die Flucht von Gabriela Kilic erwähnte, weiteten sich ihre Augen vor Entsetzen.

      „Diese Frau ist frei!“, hauchte sie.

      Semir nickte ihr mit zusammengekniffenen Lippen zu. „Ja, Andrea und die Kinder sind deswegen auch heute Morgen in die Türkei geflogen. Ich ….!“ Er brach ab, die junge Frau verstand ihn auch so und der Kommissar wechselte das Thema.
      Der kleine Türke hatte lange überlegt. Wenn sein Freund tatsächlich durch einen Messerstich schwer verletzt worden wäre, wie es die Kriminaltechnik und Spurensicherung behaupteten, wo wäre der Verletzte hingegangen. Auf keinen Fall in ein Krankenhaus, da war er sich sicher. Seine Hoffnungen ruhten auf die junge Ärztin.
    • Semir nickte ihr mit zusammengekniffenen Lippen zu. „Ja, Andrea und die Kinder sind deswegen auch heute Morgen in die Türkei geflogen. Ich ….!“ Er brach ab, die junge Frau verstand ihn auch so und der Kommissar wechselte das Thema.
      Der kleine Türke hatte lange überlegt. Wenn sein Freund tatsächlich durch einen Messerstich schwer verletzt worden wäre, wie es die Kriminaltechnik und Spurensicherung behaupteten, wo wäre der Verletzte hingegangen. Auf keinen Fall in ein Krankenhaus, da war er sich sicher. Seine Hoffnungen ruhten auf die junge Ärztin.

      „Anna, das ist wichtig! Ist Ben in den letzten Tagen vor seinem Verschwinden verletzt worden?“
      Ihre Lippen bebten. Das Foto samt Bilderrahmen rutschten kraftlos an der Lehne zur Sitzfläche des Sofas runter.
      „Wieso fragst du?“
      Ihre Gegenfrage war für Semir schon die Antwort. „Es ist wichtig! … Bitte! … Ich muss die Wahrheit wissen!“, legte er energisch nach und umschlang ihre kalten Hände.
      „Ja, vor gut einer Woche, in der Nacht zum Montag, lag er blutend vor meiner Wohnungstür!“
      „Es ist wichtig! Erzähl mir alles was du weißt!“

      Sie nickte langsam und schilderte Semir alle Details, an die sie sich noch erinnern konnte, wie es zu der Verletzung gekommen war, wo sich Ben für seine Nachforschungen aufgehalten hatte und was er in jenen Nächten gemacht hatte. „Krieg ich jetzt Ärger, Semir, weil ich ihm geholfen habe und es nicht gemeldet habe?“

      „Nein, das werde ich zu verhindern wissen! Du hast gerade den ersten echten Beweis geliefert, dass man Ben einen Mord anhängen will. Gibt es noch irgendeinen Zeugen für deine Aussage? Wo ist Bens Kleidung?“
      „Ja mich!“, kam es aus der Küche von Sebastian, der der Unterhaltung schweigend gelauscht hatte. „Ich war nach meinem Frühdienst am Montag in Annas Wohnung und habe auf Ben aufgepasst.“

      Das war die beste Aussage in den letzten vierundzwanzig Stunden in Semirs Augen. Dagegen konnte auch dieser arrogante Fatzke von einem Staatsanwalt nichts mehr machen. „Können wir eure Aussagen noch heute auf der PAST protokollieren? Und wir nehmen bei dieser Gelegenheit Bens Kleidung mit!“

      „Ich denke, wir haben mal gerade nichts Besseres vor!“, kam es kess von Sebastian.

      Semir zog aus seiner Jackentasche den Briefumschlag und das kleine Geschenk für Anna. „Ich habe das gestern Mittag in Bens Wohnung gefunden. Der Brief ist an dich adressiert. Ich denke, Ben hätte gewollt, dass du ihn in dieser Situation bekommst! Ich lass dich einen Moment allein!“

      Der kleine Türke folgte Sebastian in die Küche, der dort für ihn eine Tasse Kaffee bereitgestellt hatte. Anna hörte die beiden Männer miteinander tuscheln. Der Inhalt des Briefumschlags fühlte sich hart an. Ungeduldig riss sie ihn auf. Eine CD mit einem Klebezettel und ein Brief fielen heraus. Fast automatisch erhob sie sich vom Sofa und legte die CD in den Player ein und las die Zeilen, die Ben auf dem Zettel an sie gerichtet hatte.

      Ben schrieb Anna, dass er in ihr die Liebe seines Lebens gefunden hatte und deswegen hatte er für sie dieses Lied mit seiner Band aufgenommen … „Ich will doch nur, dass du alles bist!“(*1) Anschließend ließ sie sich einfach in den Sessel fallen, der dem Player am nächsten stand, faltete den Brief auseinander und begann zu lesen. Im Hintergrund ertönte zuerst eine wunderschöne Melodie, gespielt mit dem Klavier. Nach dem Intro erklang Bens Stimme aus den Lautsprechern der Boxen.

      „Du siehst wirklich aus
      Eigentlich bist du genau mein Typ

      Ich will doch nur, dass du alles bist …..“ (*1)

      und Anna las die Zeilen des Briefes, den Ben an sie gerichtet hatte:

      Hallo Anna, mein Schatz!
      Oder sollte ich besser schreiben, Du Liebe meines Lebens.
      Wenn Du diesen Brief in den Händen hältst, sind wohl meine schlimmsten Befürchtungen zur Wahrheit geworden und ich bin vielleicht nicht mehr in der Lage, es Dir selbst zu sagen.
      Nenne es eine Vorahnung, nur seit heute Morgen habe ich bei diesem Komplott, das sich gegen mich richtet, ein richtig mieses Gefühl, wie es für mich ausgehen könnte. Dabei gibt es noch so vieles was ich Dir sagen möchte, mit Dir zusammen erleben möchte. In Dir habe ich die Liebe meines Lebens gefunden, mein zweites ICH. Mit Dir wollte ich eine Familie gründen, Kinder haben und erleben, wie sie heranwachsen, … mit Dir alt werden. Du wärst bestimmt eine wundervolle Mutter geworden.
      Wenn ich meine Augen schließe, fange ich an, davon zu träumen …
      Zwei Deiner Träume und Wünsche möchte ich Dir erfüllen, egal was noch kommen wird.
      Du wolltest immer, dass ich mit den Jungs der Band nur für Dich einen Song aufnehme. Wir haben es gemacht. Eigentlich wollte ich Dich in unseren Probenraum entführen. Ich hatte mit den Jungs schon alles bis ins kleinste Detail geplant. Den Tag … Die Stunde … Nur für Dich allein, nur für DICH wollte ich dieses Lied singen und anschließend um Deine Hand anhalten.
      Schließe Deine Augen Schatz, stell Dir den Probenraum vor, abgedunkelt hinter mir ein Gitternetz mit vielen kleinen LED-Leuchten, die wie ein Sternenmeer funkeln. Das alte Sofa steht in der Mitte des Raums, umgeben von vielen kleinen Kerzen. Du sitzt da, vor mir, so wie damals in der Bar, als ein Blick in Deine Augen mich magisch angezogen hat. Es war ein Zauber … ein unbeschreiblicher Liebeszauber gewesen, der mich nicht mehr losgelassen hat. Ich bin dankbar für jeden Tag, für jede Stunde, die ich mit Dir zusammen verbringen durfte. Sie waren ein Geschenk des Himmels … so wie DU, mein Engel …
      … und nun hör in den Song rein … mehr kann ich mit Worten nicht ausdrücken, was ich für Dich empfinde …
      … Ich weiß zu einer Verlobung gehört auch ein Ring … Kannst Du Dich noch an unseren gemeinsamen Besuch beim Juwelier Meissner erinnern … Ja? … Dieser kleine wunderschöne Diamantring, dessen Steinchen so herrlich im Sonnenlicht gefunkelt haben? Ich habe ihn für Dich gekauft … Er wartet nur darauf von Dir aus der kleinen Geschenkschachtel geholt zu werden … Nimm ihn und trage ihn … Oh Gott, was hätte ich darum gegeben … vor Dir zu knien und Dir den Ring über den Finger zu streifen …
      … Glaube mir, ich wünsche mir nichts sehnlichster, als dass diese Alpträume, die mich seit Tagen plagen, niemals Wahrheit werden … ich dies alles zusammen mit Dir durchleben darf und Du diese Zeilen niemals lesen wirst … wir unser Leben gemeinsam bis ans Ende unserer Tage miteinander verbringen werden.
      Doch ich weiß nicht, was das Schicksal uns vorherbestimmt hat …. Ich weiß es nicht. … Ich weiß es wirklich nicht … Ich sitze hier und denke darüber nach, wann ich das letzte Mal Dir diese magischen drei Worte ins Ohr geflüstert habe … ICH LIEBE DICH … war es oft genug? ….
      Es gibt so vieles, was ich Dir noch sagen möchte, hier schreiben möchte …
      denke immer an mich, vergiss mich nicht …
      Auf immer und ewig in Liebe DEIN Ben

      Basti stand in der Küche und kämpfte mit seinen Gefühlen, die ihn gerade überwältigten, als der Song erklang. Die blauen Augen des Blonden schimmerten feucht. Einsam rollte eine Träne über seine Wange. Er drehte sich um, konnte es einfach nicht hinnehmen, dass Semir ihn so sah. Er stützte sich mit seinen Händen an einen der Hängeschränke in der Küche ab und rang darum, seine Fassung wieder zu gewinnen. Siedend heiß fiel ihm plötzlich Anna ein. Wie mochte es ihr dabei ergehen? Er drehte sich um und durch den Türspalt sah er, dass Semir bereits vor der dunkelhaarigen Frau kniete und sie an den Handgelenken festhielt. Leise drangen ihre Worte zu ihm durch, mit denen sie fast schon beschwörend auf Semir einsprach.

      „Bitte Semir, versprich, dass du mir Ben zurückbringst! Bitte Semir!“ „Versprochen Anna! …. Versprochen!“

      (*1) Dieser Song gehört selbstverständlich Tom Beck … wer möchte, kann ja einfach einmal reinhören.
    • Auf der Dienststelle der Autobahnpolizei herrschte für einen Sonntag absoluter Hochbetrieb, als Semir mit Anna und Sebastian im Schlepptau eintraf. Werner Holzinger, ein Kollege der Streife fuhr, fragte Semir, „Haben Sie dich auch aus deinem wohlverdienten Wochenende geholt?“

      Verwundert schüttelte der Türke den Kopf und stoppte am Schreibtisch des Kollegen. In Richtung von Anna und dem Krankenpfleger meinte er, „Geht schon mal durch in mein Büro. Ich komme gleich nach!“

      Er wandte sich wieder seinem jüngeren Kollegen zu. Im Hintergrund entbrannte unter anderen Kollegen der Dienststelle eine heiße Diskussion. Währenddessen berichtete Werner Holzinger dem Kommissar, was sich im Laufe des Morgens in Düsseldorf ereignet hatte. Es hatte auf einige SEK Beamte tödliche Anschläge gegeben. Unter einem Einsatzfahrzeug war eine Bombe angebracht worden, die die vier Beamten, die darin saßen, mit in den Tod gerissen hatte. Ein weiterer leitender SEK-Beamter war kaltblütig beim Verlassen seines Wohnhauses aus großer Entfernung erschossen worden. Semir war fassungslos.
      Der Kommissar musste sich regelrecht zusammenreißen, um die Zeugenaussage von Anna und Sebastian bezüglich Bens Verletzung zu protokollieren. Dieter Bonrath, der zwei Stunden früher als üblich zum Nachtdienst erschienen war, brachte die blutbefleckte Kleidung von Ben in der Zwischenzeit in die KTU.

      Anna erweckte den Anschein, dass sie sich einigermaßen beruhigt hatte. Seit sie den Brief gelesen hatte, hatte sie aufgehört zu weinen, war in ihr eine Änderung vorgegangen. Dennoch die dunklen Ränder um ihren Augen waren unübersehbar. Den kleinen Diamantring, der sich in der Geschenkschachtel von Ben befunden hatte, trug sie an einer Kette um ihren Hals. Sie hatte sich geweigert, ihn über ihren Ringfinger zu streifen. Dieses Recht habe nur Ben, hatte sie dem Krankenpfleger klar gemacht. Mit Engelszungen hatten Sebastian und Semir auf sie eingeredet und versucht, sie von der Idee abzubringen, morgen wieder zur Arbeit zu gehen.

      Keine Chance. Sie blieb stur.

      Bonrath hatte auf dem Rückweg bei einem Asia Imbiss Halt gemacht und Abendessen für alle eingekauft und mitgebracht. Recht kurz angebunden meinte Sebastian in Richtung Anna, „Wer arbeiten gehen will, muss auch essen!“ und hielt ihr eine Schachtel Nasi Goreng unter die Nase.
      „Essen! … Wenigstens die Hälfte, sonst sorge ich eigenhändig dafür, dass der Chef dich den Rest der Woche außer Gefecht setzt.“

      Die Drohung verfehlte nicht ihre Wirkung. Man sah Anna an, dass sie keinen Appetit hatte und sich regelrecht zwang, ein bisschen was zu essen. Anschließend brachte der Krankenpfleger Bens Freundin wieder nach Hause und versprach Semir bei allem, was ihm heilig war, auf sie gut aufzupassen.

      ******

      Als er alleine war, zog sich der Autobahnpolizist in das gemeinsame Büro mit Ben zurück. Inzwischen hatte sich sein Bruder Mehmet auf dem Handy gemeldet. Andrea und die Mädchen waren wohlbehalten in dem Küstenstädtchen Belek angekommen, in dem Mehmet mit seiner Frau Ayshe und ihren vier Kindern lebte. Sein Bruder hatte Semir mehrfach versichert, dass er sich keine Sorgen zu machen brauche. Andrea und die Kinder stünden unter seinem Schutz, unter dem Schutz der Familie. Ayshes Brüder unterstützten Mehmet bei seinen Bemühungen und der Autobahnpolizist war sich mittlerweile sicher, kein Sonderkommando der Polizei könnte bessere Dienste leisten.

      Gedankenverloren rührte er mit seinem Löffel in seiner Tasse Kaffee und studierte eingehend nochmals alle Ermittlungsprotokolle und Beweise gegen Ben. Vor allem die beiden Streifenpolizisten, die mit ihren Aussagen seinen Freund und Partner schwer belastet hatten, interessierten den Kommissar. Susanne hatte ihm entsprechende Auszüge aus den Personalakten der beiden Herren auf den Schreibtisch gelegt. Kollege Villmoz hatte behauptet, er hätte gesehen, wie Ben zuerst auf den Obdachlosen mit der Faust eingeschlagen hätte. Als das Opfer anschließend zu Boden gesunken war, hätte der junge Polizist wütend auf den bewusstlosen Penner am Boden eingetreten. Semir verglich die Angaben in der Zeugenaussage mit dem Obduktionsbericht der Gerichtsmedizin, wo die Verletzungen des Verstorbenen dokumentiert worden waren. Das passte nicht zusammen.
      Wütend murmelte er halblaut vor sich hin: „Das schwöre ich dir du miese Drecksau, ich kriege dich für deine Falschaussage dran! Dann gnade dir Gott!“

      Was ihn ebenfalls wunderte, warum stieß nur er auf diese Ungereimtheiten. War der Kollege Kramer von der Kripo Köln Nord ein Anfänger in seinem Job oder steckte der gar mit den beiden anderen Polizisten unter einer Decke? Selbst die Staatsanwaltschaft schien sich nicht für diese Widersprüche zu interessieren.
      Er machte sich Notizen, wo er mit seinen Ermittlungen weiter ansetzen wollte, suchte im Internet die Adressen der Kneipen raus, die ihm Anna genannt hatte und durchsuchte die Datenbank nach den Namen der Leute, die Ben vor seinem Verschwinden aufgesucht hatte.

      Es war schon eine Stunde nach Mitternacht. Semir hatte sich aus der Küche nochmals eine Tasse Kaffee geholt. Während er an dem heißen Getränk schlürfte, betrachtete er nachdenklich die Landkarte von Nordrhein-Westfalen und den Stadtplan vom Großraum Köln, die im Gang zum Umkleideraum an der Wand hingen. Mit seinem Zeigefinger tippte er auf die verschiedenen Tatorte, die Kneipen, in denen er Ben suchen wollte und fuhr sich mit der Hand müde über seine Augen.

      In einer Sache war sich der Autobahnpolizist ziemlich sicher, man hatte seinen Freund und Partner reingelegt, wollte ihm Morde anhängen, die er nicht begangen hatte. Die entlastenden Beweise hierfür zu finden, das würde ihm sicherlich gelingen. Doch Ben war nach wie vor spurlos verschwunden. An das Märchen mit der Flucht nach Griechenland glaubte Semir sowieso nicht. Ben war weder an der gebuchten Fähre in Ancona aufgetaucht, noch hatte er das Abteil im Schlafwagen des Reisezuges von Köln nach Süditalien benutzt. Die Großfahndung im In- und Ausland war bislang erfolglos verlaufen. In all den Akten und Unterlagen, die er durchgeschaut hatte, war nicht der leiseste Hinweis über den Verbleib seines Freundes.

      Semir kam sich gerade vor, als müsste er die berühmte Stecknadel im Heuhaufen suchen und hatte keinen Plan, wo er eigentlich bei seinen Ermittlungen als Erstes ansetzen sollte. Wer steckte hinter Bens Verschwinden? Diese Familie Stojcovicz oder doch Gabriela Kilic? … Beide kamen dafür in Frage. Viele ungeklärte Fragen standen im Raum, auf die er keine Antwort wusste und er wurde das beklemmende Gefühl nicht los, dass ihm die Zeit unter den Fingern zerrann.
      Wo bist du mein Freund? ….
      Wo bist du Ben?
    • Neu

      Am darauffolgenden Tag … irgendwo …

      Die Zeit hatte für Ben jegliche Bedeutung verloren. Er vermochte nicht zu sagen, wie viele Stunden verstrichen waren, seitdem die Tür zum Verlies das letzte Mal geöffnet worden war und die Deckenbeleuchtung aufgeflammt war. Man hatte ihn zwischenzeitlich mit Essen und Trinken versorgt, jedoch immer von ihm unbemerkt. Seine Peiniger schienen jedes Mal darauf gewartet zu haben, bis er schlief. Irgendwo hatte er mal in seiner Ausbildung einen Bericht gelesen, dass Folterknechte im Mittelalter ihre Opfer zwischendurch schön hegten und pflegten, damit sie länger durchhielten. Genau so kam Ben sich mittlerweile vor. Die Schmerzen der letzten Prügel waren auf ein erträgliches Maß verebbt. Die Schwellung am rechten Auge und am rechten Hinterkopf hatte nachgelassen. Zu seiner Überraschung waren seine Rippen noch heil geblieben, auch wenn jeder tiefer Atemzug schmerzte.

      Der junge Polizist saß in einer der hinteren Ecken, die dem Eingang gegenüber lag und grübelte darüber nach, was seine Peiniger als Nächstes mit ihm vor hatten. Zweifellos nichts Gutes, als sich mit einem leisen Quietschen die Stahltür öffnete.
      Im Lichtschein der geöffneten Tür erschien Gabriela, die heute eine hautenge schwarze Hose, ein dunkles Top und wieder eine über die Schulter hängende schwarze Strickjacke trug. Ihre Haare waren streng nach hinten gekämmt und zu einem Zopf zusammengefasst. Täuschte er sich? Nein … der Ansatz der Haare war auf einmal blond.

      Ihre beiden Komplizen flankierten sie rechts und links. Der Größere hielt einen Schlagstock in der Hand, mit dem er demonstrativ in die geöffnete Handfläche der linken Hand klopfte. „Hoch mit dir Bulle!“ befahl der Größere Ben, der in seiner Lieblingsecke saß, „Die Schonzeit ist vorbei. Es wird Zeit für die nächste Runde.“

      Camil betrat die Holzkiste. Der Schnauzbärtige hielt einen Elektroschocker in seiner Rechten. Um die Worte seines Kumpels zu unterstreichen, schaltete er das Gerät an. Das leise Surren war unüberhörbar.
      Ben merkte, wie ihn angesichts des Elektroschockers das blanke Entsetzen packte. In der Vergangenheit hatte er schon einmal die Bekanntschaft mit diesem Folterinstrument gemacht. Ein kalter Schauer durchrann seinen Körper. Er biss sich auf die Lippen, was sollte er angesichts dieser Übermacht tun? Widerstand leisten? Zwecklos! Das letzte Mal hatte er eine ordentliche Tracht Prügel von den beiden Söldnern bezogen. Er gab dennoch die Hoffnung nicht auf, seine Stunde würde noch kommen.
      Mühsam kämpfte der Polizist sich auf die Beine und stand schwankend in der Mitte des kleinen Raumes. Camil gab ein gehässiges Lachen von sich. Ben konnte seinen Atem im Nacken spüren, begleitet vom Surren des Schockers, als er sich an der Wand abstützend, auf seinen anderen Peiniger zu humpelte. Bei jedem Schritt durchströmte Ben ein Schmerzimpuls seines rechten Beines. Über Gabrielas Züge huschte ein teuflisches Lächeln, als sie ihr Opfer beobachtete. Sie schnalzte genüsslich mit der Zunge und lobte ihn.

      „Sehr gut! … Es geht doch! Scheinbar hast du dich von der letzten Kostprobe gut erholt. Du wirst dich freuen Bulle, wir haben ein paar nette Überraschungen für dich parat, damit es dir in der nächsten Zeit nicht langweilig wird!“

      Gabriela trat einen Schritt näher an Ben heran. Er konnte ihren Atem praktisch in seinem Gesicht spüren.

      „Ach ja! … Verzichte dankend auf deine Art des Austausches von Höflichkeiten!“, konterte Ben.

      Mit ihrer Linken umfasste sie sein Kinn und drückte es leicht nach oben. Der Elektroschocker surrte noch immer in seinem Nacken. Ihm war klar, eine falsche Bewegung und der Schnauzbärtige würde das Folterinstrument gnadenlos anwenden.

      „Kaum kann er wieder stehen, schon wird er wieder aufmüpfig unser kleiner Polizist. Das wird dir schon noch vergehen!“, gab sie zurück. Die Kroatin ließ Ben los und trat zur Seite. Mit ihrer Linken gab sie Remzi ein Zeichen, der den Gefangenen die Arme brutal nach hinten auf den Rücken riss und jede Gegenwehr im Keim erstickte.

      Bens Augen hatten sich zwischenzeitlich an die Helligkeit gewöhnt. Zum ersten Mal hatte er die Gelegenheit die anderen Räumlichkeiten seines unfreiwilligen Aufenthaltsortes genauer zu mustern. Man hatte tatsächlich in einem Gewölbekeller, der als Weinlager diente, einen Holzverschlag hineingebaut, der einzig und allein dem Zwecke seiner Gefangenschaft diente. Die Weinregale waren an dieser Stelle abgerissen worden. Die Regalbretter lagen lose aufeinander getürmt in einer Ecke. Die Außenhülle der Holzkiste war mit Akustikdämmwolle komplett verkleidet. Wenn er an die ersten Stunden seines Aufenthaltes hier dachte, war ihm klar, was man damit bezwecken wollte.

      Sie durchschritten den dahinterliegenden Raum. Die Spuren seiner letzten Misshandlungen waren längst beseitigt worden. Diesmal ging es weiter durch einen langen Gang, dessen Boden mit Marmorfliesen bedeckt war, bevor sie das eigentliche Ziel erreichten. Der Söldner veränderte den Handgriff und zwang Ben die letzten Meter bis in die Mitte des Raumes vornübergebeugt zu laufen.

      Dort gab es zwei dicke Seile, die über Umkehrrollen von der Decke herabhingen, an deren Enden dünne Hanfseile befestigt waren. Der Schnauzbärtige zog die Hanfseile zu sich heran und legte sie um Bens Handgelenke und zurrte sie fest. Währenddessen hielt ihn Remzi in seinem Klammergriff brutal fest. Gemeinsam zogen die beiden Söldner an den dicken Stricken, bis Bens Füße den Kontakt zum Fußboden verloren hatten. Hilflos pendelte er mit nach oben gestreckten Armen hin und her.

      Zum ersten Mal konnte der Polizist den gesamten Raum vor sich erfassen. Sein Blick schweifte umher. Kaltes Licht aus unzähligen Halogenlampen leuchtete ihn aus. Die Fenster und vermutlich eine Terrassentür waren abgedunkelt worden. Beim näheren Betrachten erkannte er eine Akustikdämmung, wie er sie mit seiner Band im Probenraum benutzte. Diese Dämmung war auch an der Rückseite der Tür angebracht worden. Ihn fröstelte bei dem Gedanken, was die mit anstellen würden, wenn seine Peiniger solche Vorkehrungen trafen, damit kein Laut nach draußen dringen konnte. Die beiden Söldner hatten die Enden der Seile an Halterungen an der Wand befestigt und sich seitlich neben ihre Chefin gestellt.

      Ihm gegenüber war eine Kamera auf einem Stativ aufgebaut, die von einem jungen Mann ausgerichtet wurde. Die Gesichtszüge des Schwarzhaarigen kamen ihm merkwürdig vertraut vor. Jedoch hatte er keine Zeit weiter darüber nachzudenken, die Szenen, die sich vor ihm abspielten, nahmen ihn völlig gefangen. Das ist doch abartig, dachte Ben bei sich, die wollten ihn allen Ernstes auch noch filmen, während sie ihn folterten. Das war doch pervers, vollkommen pervers.

      Rashid, der sich mit Internet, Computertechnik, Netzwerken und allem was dazu gehörte, perfekt auskannte, programmierte noch ein paar Verknüpfungen für die Aufzeichnungen an seinem Laptop. Daneben stand ein kleiner Computertisch, auf dem sein Laptop, auf dessen Tasten der Dunkelhaarige wild rumhämmerte und ein weiterer Computerbildschirm in der Größe eines Fernsehers aufgebaut worden waren. Der Bildschirm war schwarz und fing an zu flackern.

      Ben überlegte, welche Schweinerei die Kilic sich für ihn ausgedacht hatte. Seine Schultermuskeln begannen bereits von der unnatürlichen Haltung zu schmerzen. Der junge Kommissar presste die Zähne zusammen, die dünnen Hanfseile schnitten sich in die Haut der Handgelenke. In ihm schwelte eine abgrundtiefe Angst vor dem, was da auf ihm zukommen würde. Sein Herz raste wie wild. Kalter Schweiß bildete sich auf seiner Stirn. Irgendwann hielt er die Anspannung nicht mehr aus und lauthals brüllte er los: „Was soll das hier alles? Ihr habt doch nicht mehr alle Latten am Zaun! Ihr seid vollkommen irre!“

      Gabrielas eisgrauen Augen leuchteten erwartungsvoll auf, ihre Lippen bebten vor freudiger Erregung. Genüsslich leckte sie sich mit ihrer Zunge darüber. „Rashid, ist alles fertig für die Sondervorstellung? Du hast doch gehört, unser Herr Hauptkommissar wird ungeduldig! Er darf doch ruhig wissen, warum wir ihm bisher so wenig Zeit widmen konnten!“
    • Benutzer online 1

      1 Besucher