Time of Revenge

    • in Erarbeitung

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    • In seinem Gehirn fing es fieberhaft an zu arbeiten. Verdammt … verdammt … dann befand sich Ben in größter Gefahr. Doch noch eine Frage beschäftigte Semir, wer war diese geheimnisvolle Frau, die es geschafft hatte einen Keil, zwischen Anna und Ben zu treiben?

      „Kennst du den Namen der Frau? … Was genau hat Sie dir erzählt? Bitte Anna, erzähl mir jedes Detail, welches dir noch einfällt! Alles ist wichtig!“ forderte er sie auf vom Besuch von Bens Ex-Freundin zu berichten.

      Die dunkelhaarige junge Frau hatte ihr Beine angezogen und auf dem Sofa abgelegt. Andrea drückte ihr eine Tasse Tee in die Hand, an der sie sich krampfhaft festhielt. Semir nahm die Teetasse ebenfalls in Empfang. Er war aufgestanden und wanderte ruhelos im Wohnzimmer umher, während seine Frau anstelle von ihm neben Anna Platz genommen hatte und sie tröstend in den Arm nahm. Zuerst noch sehr stockend, doch dann immer flüssiger berichtete die junge Frau über das, was sich vor einigen Tagen in ihrer Wohnung zugetragen hatte.

      „Die Frau war ungefähr so alt wie Ben und hat sich als Jessica Habermann vorgestellt. Sie sei mit Ben zur Schule gegangen!“ Sie erzählte alle Details, die ihr einfielen … über das Kettchen, die Fotos, die Geschichte mit dem Kind, das angebliche Verhältnis zu Bens Familie, den Rauswurf aus der Wohnung einfach alles. Zwischendrin nippte sie an ihrem Tee.
      Semir stand etwas ratlos da und zuckte hilflos mit den Schultern.
      „Sorry, ich kenne die Frau nicht. … Nie gesehen! …. Den Namen habe ich noch nie gehört. Aber es sollte kein Problem sein, über sie etwas raus zubekommen. Ich denke, auch da kann uns Susanne weiterhelfen.“

      „Ich glaube, ich weiß, wer da bei dir war!“ meldete sich zu Semirs Überraschung Andrea zu Wort. Anna wendete ihr Gesicht Andrea zu und blickte sie erwartungsvoll an. „Es war an irgendeinem Abend … Semir und ich hatte einen tollen Wellness-Nachmittag verbracht und Ben hatte den Babysitter-Job bei Aida und Lilly übernommen. Selbst nach unserer Rückkehr hat er so liebevoll mit den beiden Mädchen gespielt. Nachdem wir zusammen die Kinder ins Bett gebracht hatten, sprach ich ihn darauf an, ob er sich denn auch mal Kinder wünsche“, sie dachte sinnend nach und versuchte sich an die Einzelheiten zu erinnern. Mit ihrer ruhigen Stimme fuhr sie fort, „Er erzählte mir, dass er schon fast einmal vor ein paar Jahren Papa geworden wäre. Er nannte die Frau Jessie. Sie war mit ihm zusammen zur Schule gegangen. Damals waren sie miteinander befreundet gewesen, ein Paar gewesen. Nach der Schule hatten sie sich aus den Augen verloren. Bei einem LKA Einsatz im Rotlicht Milieu trafen sie sich nach Jahren wieder. Diese Jessie hatte Ben um Hilfe gebeten, um auszusteigen. Als Gegenleistung sagte sie gegen einen der Zuhälter aus.“ Sie strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Ihr Mann hatte sich ihr gegenüber hingesetzt und hörte fasziniert zu. Die Verblüffung, dass seine Frau etwas über seinen Partner wusste, was er selbst nicht kannte, stand ihm im Gesicht geschrieben. Auch Anna saß schweigend dabei und hielt ihre leere Teetasse krampfhaft in den Händen, als könne sie ihr einen Halt geben. „Ich weiß nicht, ob die beiden zu diesem Zeitpunkt wirklich was miteinander hatten. Auf jeden Fall war diese Jessie schwanger und Ben half ihr von ihrer Alkoholsucht loszukommen und wieder auf die Füße zu kommen, kümmerte sich um Mutter und Kind. Lange Zeit spielte er wohl auch so ein bisschen Ersatz-Papa für das Kind und diese Jessie schien sich schon berechtigte Hoffnungen gemacht zu haben, dass Ben sie vielleicht heiraten würde. Scheinbar ging das auch relativ lange gut, bis der kleine Junge so ungefähr eineinhalb Jahre alt war. Diese Jessie fing wieder an zu trinken. Mehr als einmal hatte Ben den Jungen völlig verwahrlost und alleine gelassen in der Wohnung vorgefunden. Das eingeschaltete Jugendamt machte Hausbesuche, stellte der Mutter eine Familienhelferin zur Seite, nur es änderte sich nichts. Daraufhin wurde der kleine Junge für einige Wochen in die Obhut einer Pflegefamilie gegeben. Die Mutter begann eine Therapie, legte Beschwerde ein und bekam ihr Kind wieder zurück. Das Jugendamt vertrat zu diesem Zeitpunkt die Meinung, ein Kind gehöre zu seiner Mutter. Aber kaum war der Kleine wieder bei dieser Jessica, begann diese wieder damit Alkohol zu trinken und zusätzlich noch Drogen zu nehmen. Ben hatte damals das Gefühl, das Jugendamt schaute einfach weg.“ Für einige Sekunden verstummte Andrea. Zu sehr hatte sie das Schicksal des hilflosen Kindes berührt. Semir stand, wie eine Statue an die Terrassentür gelehnt, völlig geschockt da. Das Schicksal von Kindern, denen ein Leid zugefügt worden war, berührte ihn ganz besonders. Es machte ihn wütend. „Eines Abends, die Nachbarn hatten Ben verständigt, weil der Junge so gottjämmerlich den ganzen Tag über geweint hatte, fand er den Jungen mit einem Fieberkrampf und einer schweren Lungenentzündung allein gelassen in seinem Kinderbettchen vor. Er hat dem kleinen Kind an jenem Abend das Leben gerettet, wie die Ärzte im Krankenhaus bestätigten. Anschließend hatte Ben mit Hilfe eines Anwalts dafür gesorgt, dass dieser Jessie der Junge weggenommen wurde, das Sorgerecht entzogen wurde. Er hätte ihn gerne selbst adoptiert, aber nachdem er nachweislich nicht der leibliche Vater war, wurde der kleine Junge vom Jugendamt zu Pflegeeltern gegeben. Die hatten anfangs noch in Köln gelebt, doch diese Jessie schien die Pflegefamilie regelrecht terrorisiert zu haben, gestalked zu haben, wo sie nur konnte. Selbst vor Gewalt gegenüber der Pflegemutter schreckte sie nicht zurück. Die Familie, die den Jungen in Obhut hatte, wollte verhindern, dass das Kind von einer Pflegefamilie zur andern weitergereicht wurde und so sind sie schließlich aus Köln weggezogen. Solange der Junge in Köln gelebt hat, hatte Ben auch noch Kontakt zu ihm gehabt. Um ihn zu schützen, hat er den Kontakt abgebrochen. Ich glaube, wenn es diese Jessie war, die Anna besucht hat, hatte die auch ein Motiv Ben eins auszuwischen. Denn der von Ben beauftragte Anwalt, der die Rechte des Kindes vertrat, machte richtig Druck. Auf Veranlassung des Jugendamtes bekam diese Jessica eine richterliche Anordnung, die ihr das Besuchs- und Umgangsrecht mit ihrem Sohn entzog.“

      Als sie verstummte, herrschte Schweigen im Raum. Semir schaute mit einem leeren Blick zum Fenster raus in den Garten und musste das gehörte erst mal verarbeiten. Anna saß mit zitterndem Körper neben Andrea auf dem Sofa. Diese konnte spüren, wie innerlich aufgewühlt die junge Frau war. Semir drehte sich zu den beiden Frauen um und kniete sich vor Anna hin und umschlang deren Hände.
      „Anna!“ fast schon beschwörend sprach er sie an, „wann hast du das letzte Mal etwas von Ben gehört? Es ist wichtig! …Mit ihm gesprochen!“
      Mit bebender Stimme wisperte sie stockend „Vor drei Tagen … nachdem … ich ihn aus meiner Wohnung rausgeschmissen hatte … versuchte … er mich anzurufen … Ich …ich bin nicht rangegangen … und … und er … hat … mir daraufhin eine SMS geschickt!“ Sie schluchzte lauthals auf … mit zitternden Fingern suchte sie in ihrer Hosentasche nach ihrem Handy, zog es heraus und öffnete die Nachricht, bevor sie es an Semir weiterreichte. Dieser las die letzten Worte, die Ben an seine Freundin geschrieben hatte.

      'Anna bitte, ich flehe Dich an … lass es nicht so zwischen uns enden! Vertraue mir, niemals könnte ich Dir so etwas antun. Verstehst DU? NIEMALS! Raube mir nicht meinen letzten Hoffnungsschimmer, Dir die Wahrheit zu beweisen. Du trägst meine Liebe … mein Herz in deinen Händen … Wenn Du es fallen lässt, zerbricht es …zerbreche ich daran in tausend Scherben … Ohne Dich kann ich nicht sein und will ich nicht sein, du bist die Liebe meines Lebens … Glaube mir, man kann mir alles nehmen, das ist mir egal. Aber Deine Liebe bedeutet mir alles, ohne diese kann ich nicht existieren … Denk an unsere Pläne und Träume, ich werde dafür kämpfen … bitte Du auch … in Liebe Ben'

      Semir legte das Handy zurück auf das Sofa und murmelte fassungslos vor sich hin: „Oh mein Gott … oh mein Gott!“ Der Türke umschlang Annas eiskalte Hände. „Scht … beruhige dich doch! … Wir finden ihn Anna, versprochen! Verstehst DU? Ich werde Ben finden! Bei allem was mir heilig ist. … Versprochen!“

      Bens Freundin fühlte sich schuldig und hundeelend. Leise, kaum hörbar flüsterte die junge Frau vor sich hin „Was habe ich nur getan? … Oh mein Gott! … oh mein Gott! … Semir! … Was habe ich nur Ben angetan? …“

      Ständig wiederholte sie monoton diese Worte, schlug sich die Hände vor das Gesicht und fing erneut hemmungslos an zu weinen ... Semir war in diesem Moment vollkommen hilflos, was sollte er nur sagen, um Anna Trost zu spenden. Als er seine Hände ihre Schultern legen wollte, schüttelte Andrea den Kopf und gab ihm mit einer Geste zu verstehen, dass er die beiden Frauen alleine im Wohnzimmer lassen sollte.

      Für ihn war es die passende Gelegenheit auf die Terrasse zu gehen, um mit Susanne zu telefonieren.
    • Nach dem Gespräch verharrte Semir noch einige Minuten auf dem Gartenstuhl, der im Schatten einer großen Tanne stand. Das Gehörte musste er erst einmal verarbeiten. Er beugte sich vornüber. Seine Ellbogen ruhten auf seinen Oberschenkel. Er schloss seine Augen und vergrub sein Gesicht in seinen Händen. Sein letztes Gespräch mit Ben auf der PAST lief wie ein Film vor seinem inneren Auge ab. Alle Einzelheiten … Bens verzweifelte Verteidigungsrede, dass alles ein Komplott gegen ihn sei. Wie ein Paukenschlag fiel ihm der schwarze Toyota ein, der sie vor einiger Zeit auf der Streifenfahrt verfolgt hatte. Ben hatte damals behauptet, das auffällige Fahrzeug schon mehrmals in der Nähe der PAST und seiner Wohnung gesehen zu haben.

      „Verdammt! … Verdammt!“, entfuhr es ihm unwillkürlich. Was war, wenn Bens Beobachtungen zugetroffen hatten. Hätte er damals schon, die Fakten anders betrachtet … seinem Partner vertraut … hätte, … wenn … und aber … jetzt und heute war es zu spät. Zusätzlich zu seinem mulmigen Bauchgefühl plagte ihn das schlechte Gewissen.

      Mühsam erhob er sich und schaute durch das Wohnzimmerfenster ins Innere des Hauses. Anna lag in Andreas Armen und schien sich beruhigt zu haben. Seine Frau hatte den Körper von Bens Freundin mit einer Fleece-Decke zugedeckt. Als er die Terrassentür öffnen wollte, erkannte er, wie seine Frau ihren Zeigefinger an den Mund legte und ihm zu verstehen gab, leise zu sein. Bens Freundin hatte sich in den Schlaf geweint.

      Der kleine Türke betrachtete das sorgenvolle Gesicht von Andrea. Es versetzte ihn ein Stich ins Herz. In den letzten Tagen hatten die Eheleute glückliche Stunden der Zweisamkeit in der Hütte am See verbracht. Es war wie im Paradies gewesen, eine Traumwelt ohne Sorgen und voller Unbeschwertheit. Eigentlich wollten sie am Nachmittag sich das hübsche Häuschen am Stadtrand anschauen, welches Andrea so gut gefiel. Mittlerweile konnte er ihre Beweggründe für einen Umzug verstehen. Sie schien seine Gedanken lesen zu können. Ein aufmunterndes Lächeln huschte über ihr Gesicht. Sie wisperte: „Ist schon ok, das Häuschen läuft uns nicht weg! Kümmere dich um Ben mein türkischer Hengst!“

      „Du bist die Beste mein Schatz und wenn ich dich nicht bereits geheiratet hätte, würde ich dir glatt einen Heiratsantrag machen.“

      Er hauchte ihr einen liebevollen Kuss auf die Lippen, schnappte sich leise den Autoschlüssel und verließ das Haus.
      Als die Haustür ins Schloss gezogen wurde, schreckte Anna hoch und murmelte vor sich hin: „Ben … Ben … bist du da?“ Sie riss die Augen auf und erkannte, dass sie sich noch im Wohnzimmer von Andrea und Semir befand und ihr Kopf auf Andreas Schoß ruhte.

      „Scht …. Anna, alles wird wieder gut. Semir sucht nach Ben. … Nicht mehr weinen, meine Liebe!“

      „Es ist nur … ich … ich fühle mich so schuldig Andrea! … So als hätte ich Ben … irgendwo hingetrieben … und … und ich wollte das doch gar nicht!“

      Andreas weibliche Intuition regte sich. Da war noch mehr, irgendetwas verheimlichte Anna. So sanft wie möglich sprach sie die junge Frau darauf an.

      „Anna? Was ist los mit DIR? … Da ist doch noch was?“ Bens Freundin schaffte es erfolgreich gegen ihre Tränen anzukämpfen. Wenn auch von Aufschluchzen unterbrochen, gestand sie Andrea, dass sie schwanger war und was sich noch an dem fraglichen Tag zugetragen hatte. Liebevoll drückte Andrea die junge Frau an sich „Oh mein Gott, ich freue mich so für euch! Du wirst sehen, Ben wird der beste Vater für euer Kind werden, den du dir nur vorstellen kannst.“

      „Verstehe mich doch!“, unterbrach Anna sie verzweifelt, „ich habe einfach schreckliche Angst, dass Ben etwas passiert ist und er niemals sein Kind sehen wird!“

      „Hey, nicht wieder weinen, bitte! Semir sucht nach Ben. Er wird ihn finden und helfen seine Unschuld zu beweisen. Komm, ich koche uns eine Kleinigkeit und nach dem Essen schläfst du ein bisschen!“

      „Ich habe keinen Hunger und schlafen kann ich auch nicht!“, gab Anna mitgenommen zurück.

      „Sorry, Anna! Du bist schwanger. Du musst auch an dein Baby denken. Also, ich koche eine Kleinigkeit!“, sie schüttelte energisch den Kopf, als die Dunkelhaarige erneut widersprechen sollte, „Essen und anschließend schlafen. Du siehst so übermüdet aus. Ich bleib bei dir, versprochen!“

      Sanft strich Andrea ihr über das dunkle Haar, bis die junge Ärztin zustimmend nickte. Danach erhob sich Semirs Frau und ging in die Küche. Nach dem Essen, das Anna lustlos runter würgte, brachte Andrea sie ins angrenzende Gästezimmer und blieb bei ihr am Bettrand sitzen, bis nach einiger Zeit die Müdigkeit die junge Frau übermannte.
    • Auf der Fahrt zu Bens Wohnung versuchte Semir zuerst einmal seine Gedankengänge zu sortieren. Ihm wollte einfach nicht in den Kopf, dass Ben einen eiskalten Mord begangen haben sollte. Auf der anderen Seite hatte er mehr als einmal in seinem Beruf erleben müssen, wozu verzweifelte und in die Enge getriebene Menschen in der Lage waren. Diese Jessica hatte Ben an jenem Abend das wertvollste und wichtigste in dessen Leben genommen: Die Liebe von Anna. Semir durchfuhr ein Schauder, als er sich über die Konsequenzen seiner Gedanken klar wurde.

      Der Türke hatte seinen Zweitschlüssel an Bens Wohnungstür gerade ins Schlüsselloch gesteckt, als ihn eine weibliche Stimme von hinten ansprach.
      „Guten Tag Herr Gerkan! Wie gut, dass ich Sie treffe!“
      Er blickte über die Schulter und sah Frau Müllender, die vor ihrer Wohnungstür stand. Die Penthouse-Wohnung war damals geteilt worden. Ben war der Ansicht gewesen, dass zweihundert Quadratmeter Wohnfläche völlig für ihn ausreichend seien. Aus dem anderen Drittel wurde eine zweite Dachwohnung erbaut, die Frau Müllender bezogen hatte. Die nette alte Dame war Semir bestens bekannt. Die Nachbarin seines Partners kam regelrecht auf den Türken zugestürmt. Etwas schien gehörig ihren Unmut erregt zu haben, denn sie war außer sich. Sie stemmte ihre Hände in die Hüften und baute sich regelrecht vor dem Kommissar auf.

      „Stellen Sie sich vor Herr Gerkan! … Heute Morgen stand hier ein völlig unsympathischer Kommissar der Kripo Köln vor meiner Wohnungstür. Der Mann war unfreundlich und ich meine unfreundlich!“, betonte sie, „stank nach Alkohol. Seine Fahne schwebt wahrscheinlich noch im Aufzug und Treppenhaus herum. Er hielt den Schlüsselbund von Herrn Jäger in der Hand. Als ich mich bei ihm erkundigte, wie er in den Besitz desselbigen gekommen ist, brüllte er mich in einem unverschämten Tonfall an. Das ginge mir überhaupt nichts an und ich solle mich um meine Angelegenheiten kümmern. So ein rüder Kerl ist mir noch nicht untergekommen. Ich habe schon ernsthaft in Erwägung gezogen, mich bei dessen Vorgesetzten zu beschweren. … So was arbeitet bei der Polizei. …“ Sie schüttelte empört den Kopf und fuhr mit ihren Ausführungen fort. „Dieser merkwürdige Kommissar behauptete, er würde polizeiliche Ermittlungen durchführen und wollte den Aufenthaltsort von Herrn Jäger wissen. Stellen Sie sich vor, er nötigte mich regelrecht, ihn meine Wohnung betreten zu lassen, weil er sich überzeugen wollte, dass sich Herr Jäger dort nicht aufhält.“

      Sie gestikulierte dabei wild mit ihren Armen herum. Ihre Stirn war in Zornesfalten gelegt. So leicht brachte niemand die allein stehende Witwe, die früher einmal als Chefsekretärin in einem großen Konzern gearbeitet hatte, aus der Ruhe. Bis ins kleinste Detail berichtete Hertha Müllender dem Autobahnpolizisten über den Besuch von Kommissar Kramer.

      Währenddessen hatte Semir die Wohnungstür geöffnet und blieb erst einmal in der geöffneten Tür erschrocken stehen. Seit Ben mit Anna zusammen lebte, war seine Wohnung auch an den Tagen, wo die Putzfrau nicht da war, aufgeräumter und ordentlicher.

      „Ach du meine Güte, welche Bombe hat denn hier eingeschlagen?“, entfuhr es Frau Müllender und blieb fassungslos an der Eingangstür stehen.

      Wortlos zog sie sich ins Treppenhaus zurück, während Semir leise vor sich hin fluchend den großen Wohn- und Essbereich betrat. Von seinem Standort aus ließ er seinen Blick umherschweifen. Die Schubladen der Schränke waren teilweise komplett aus ihrer Halterung rausgerissen und beschädigt worden. Ein anderer Teil war halb raus gezogen worden. Jemand hatte deren Inhalt durchwühlt oder achtlos auf den Boden geworfen. Daneben standen Schranktüren halb offen. An einer Stelle war der Fußboden mit Glasscherben übersät. Einige Gitarren von Bens Gitarrensammlung waren achtlos auf das Sofa geworfen worden.

      Im Schlafzimmer bot sich der gleiche Anblick. Hier lagen Bens und Annas Kleidungsstücke verstreut auf dem Bett oder dem Fußboden, die Schubladen waren ebenfalls durchsucht worden. Der große Kleiderschrank stand offen, die Hosen, Shirts; Hemden raus gerissen und sonstige Wäschestücke lagen wild verteilt auf dem Fußboden.

      Semir stapfte kopfschüttelnd zurück ins Wohnzimmer. Selbst Vandalen hätten nicht schlimmer hausen können. Auf dem Esstisch lagen geöffnete Ordner, in denen Ben offensichtlich seine Rechnungen und sonstige Dokumente aufbewahrte. Jemand hatte die Wohnung ohne Rücksicht auf Verluste durchsucht. Dieser JEMAND war eindeutig dieser Kommissar Kramer von der Kripo Köln gewesen. So wahr ich Semir Gerkan bin, der Mistkerl würde für den Saustall, den er in Bens Wohnung angerichtet hatte, zur Verantwortung gezogen werden. Das schwor sich der Türke.

      Eine kleine rote Geschenkschachtel eines bekannten Kölner Juweliers, die auf dem Boden vor dem Sideboard lag, erregte Semirs Aufmerksamkeit. Er kniete nieder und öffnete diese. Darin befand sich ein Diamantring.

      „Du bist ja wahnsinnig Ben!“ murmelte er vor sich hin, während der Türke den Ring der kleinen Schachtel entnahm und ihn ins Licht der Sonnenstrahlen hielt, um ihn zu betrachten. Der in Gold gefasste Diamant, war wohl der Traum einer jeden Frau. Ben hatte eine Widmung für Anna eingravieren lassen. Falls Semir überhaupt den Hauch eines Zweifels hatte, dass sein Partner seine Freundin betrogen hatte, waren diese damit endgültig aus dem Weg geräumt. Kein Mann kauft solch ein wertvolles und wundervolles Geschenk für seine Freundin, lässt solche Worte der Liebe eingravieren und betrügt sie gleichzeitig mit einer anderen. Niemals! Zwischen den am Boden verteilten Blättern entdeckte er einen verschlossenen Briefumschlag, der an Anna adressiert war. Kurz entschlossen steckte der Türke den Umschlag und die Geschenkschachtel, die ja offensichtlich für Anna bestimmt waren, in seine Jackentasche, bevor sie bei einer neuerlichen Durchsuchung der Wohnung in die falschen Hände gerieten.

      Es widerstrebte Semir weiter in Bens Sachen rum zu wühlen. Ihm war in dem Moment klar, sollte es einen Hinweis auf den Aufenthaltsort seines Partners gegeben haben, hielt ihn bestimmt dieser Kommissar Kramer in den Händen. Er gewann die Einsicht, erst einmal zur Dienststelle zu fahren und sich mit Hilfe von Susanne einen Überblick über alle Fakten zu verschaffen.
    • Neu

      Das Erste was Ben fühlte als er aus seiner Ohnmacht erwachte, war eine Benommenheit und Übelkeit. In seinem Mund machte sich ein merkwürdiger eisenhaltiger und gleichzeitig bitterer Geschmack breit. Er merkte, wie dieser regelrecht einen Brechreiz auslöste und fing an zu würgen. Er ließ sich nicht mehr unterdrücken und der Inhalt seines Magens landete vor ihm auf dem weißen Fliesenboden. Dennoch fühlte er sich nicht besser. Schmerz kam hinzu. Sein Kopf dröhnte und jede Körperstelle, die von den gnadenlosen Fäusten seines Widersachers getroffen worden waren, brannte vor Schmerz. Langsam registrierte er, dass er auf einem Stuhl saß. Seine Arme waren nach hinten verdreht und mit einem Klebeband an der Lehne gefesselt worden.
      Stimmen drangen zu ihm durch.

      „Wir sollten mal ein bisschen nachhelfen, damit unser Freund hier wach wird?“, meinte die bekannte männliche Stimme, die den merkwürdigen südländischen Akzent hatte und ihn aus seinem Gefängnis geschleppt hatte.
      Statt einer Antwort hörte er ein Klappern und das Plätschern von Wasser, das aus einem Wasserhahn gezapft wurde. Mit voller Wucht klatschte das eiskalte Wasser in Bens Gesicht. Er japste im ersten Moment nach Luft, prustete und hustete und zwang sich die Augen aufzuschlagen. Zuerst war sein Blick verschwommen und die Umrisse der Gestalten vor ihm, nahmen langsam Form und Gestalt an. Zwei Männer standen vor ihm, an denen ihm auffiel, dass sie beide das gleiche Tattoo auf dem rechten Handrücken trugen. Trotz der sommerlichen Hitze trugen die Männer Kampfhosen und Springerstiefel. Ihre Körpersprache und Haltung bestärkte Ben in seiner Meinung, dass er es mit ehemaligen Soldaten oder Söldnern zu tun hatte. Das Gesicht des Jüngeren wurde von einem riesigen dunklen Schnauzbart verziert, der dessen Mundwinkel verdeckte. In seiner rechten Hand hielt er einen weiteren Blecheimer bereit, gefüllt mit Wasser, um den nächsten Schwall Wasser über den Gefangenen zu gießen.

      „Noch eine Ladung Erfrischung gefällig?“, brummte die tiefe Bassstimme des Grauhaarigen ihn an, der ein fast akzentfreies deutsch sprach. Sein südländisches Aussehen war ebenfalls unübersehbar. Bevor der Polizist reagieren konnte, ergoss sich der nächste Schwall Wasser über seinen Oberkörper. Ben schüttelte den Kopf und schnappte nach Luft. Seine Kleidung troff nur so vor Nässe.

      „Danke für die Dusche! Mein Bedarf ist für heute gedeckt!“, ächzte Ben mühsam hervor. Dabei bemerkte er, dass seine Unterlippe angeschwollen war. Als er das fiese Grinsen des Größeren sah, konnte er nicht umhin, als diesem vor die Füße zu spucken. Dieser holte postwendend aus, um seine Faust in Bens Gesicht zu platzieren.

      „Halt, Remzi!“

      Der Ruf lies nicht nur den Söldner in seiner Bewegung innehalten, sondern auch Ben hatte das Gefühl zu einer Statue aus Stein zu erstarren. Ohne dass er den Kopf wenden musste, war ihm klar, hinter ihm stand Gabriela Kilic. Seine Nackenhärchen und sämtliche Körperhaare stellten sich vor Entsetzen auf. Ein eiskalter Schauer rann ihm über dem Rücken. Wie zum Teufel kam dieses rachsüchtige Miststück hierher? Wie hatte sie aus dem Gefängnis entkommen können? Er hatte keine Gelegenheit weiter darüber nachzudenken. Das Klappern ihrer Absätze auf dem Fliesenboden kam näher, er roch ihr Parfum und sie geriet in Bens Blickwinkel. Dieser konnte seine schlimmste Widersacherin eingehend mustern.

      Ihr Anblick war völlig ungewohnt. Sie trug ein luftig helles Sommerkleid und offene Sandalen. Über ihre Schultern hing lose eine dünne Strickjacke, die scheinbar die Folgen der Verletzungen des rechten Armes kaschieren sollte, von dem nur die Hand sichtbar war, um die sie eine Spezialbandage trug. Ihre Haare waren mittlerweile wieder halblang und dunkel.
      Gleich einem Raubtier, dass seine Beute in Augenschein nahm, umrundete Gabriela den Gefangenen auf dem Stuhl und musterte dabei Ben eingehend.

      „Hallöchen, du ahnst gar nicht, wie sehr ich mich freue, dich hier in meinem kleinen Häuschen als Ehrengast begrüßen zu dürfen, Herr ... Hauptkommissar … Ben … Jäger!“ Ihre Augen blitzten ihn dabei hasserfüllt an. „Ich hoffe, die Unterbringung trifft deinen Geschmack und DU konntest DICH in den letzten Tagen ein bisschen einleben! Naja … ist vielleicht ein bisschen klein geraten, aber das stört ja nicht.“, verhöhnte sie ihn.

      „Danke der Nachfrage! Auf diese Art der Gastfreundschaft könnte ich gut verzichten!“ knurrte Ben wütend zurück. In seinem Kopf begannen sich die Gedanken zu überschlagen.

      Sie umrundete den Stuhl und fixierte mit ihrem Blick den gefangenen Polizisten.
      „Weist du was Jägerlein? Du ahnst gar nicht, wie oft ich mir in den vergangenen Tagen, Wochen und Monaten in meiner Gefängniszelle ausgemalt habe, wie du dreinblickst, wenn wir uns wieder begegnen! … Was ist Jägerlein?“, fragte Gabriela spöttisch und lachte „Denkst du darüber nach, wie ich fliehen konnte?“
      Sie verzog ihr Gesicht zu Grimassen, feixte vor sich hin und sog jede von Bens Gefühlsregungen in sich auf, wie ein ausgetrockneter Schwamm einen Wassertropfen.
      „Falls du es vergessen hast? … Ich habe Freunde! Mächtige Freunde!“ …. Wieder lachte sie sadistisch auf, „Oder überlegst du, ob du eine Chance hast hier lebend raus zu kommen. Gib DIR keine Mühe! …“ Wieder erklang ihr teuflisches Lachen. „Diesmal gibt es für DICH keinen Ausweg mehr. … kein Entrinnen!“
      Mit Genugtuung registrierte die Kroatin wie es in der Mimik ihres Gefangenen arbeitete. Sie konnte darin lesen, wie in einem offenen Buch.

      „Ich kann mich nicht erinnern, dass wir beide schon mal auf Brüderschaft getrunken haben!“ fiel ihr Ben ins Wort. „Seit wann DUZEN wir uns denn?“

      Die beiden Söldner lachten schallend auf, als hätten sie den besten Witz des Jahrhunderts gehört. Eine Geste von Gabriela ließ sie verstummen. Sie umfasste Bens Kinn und zwang ihn, ihr direkt in ihre grauen Augen zu blicken.

      Gleich einer Schlange zischelte sie ihn an, „Ich hatte dir im Gerichtssaal nach der Urteilsverkündung etwas zugeflüstert, als du ihn verlassen hast und an mir vorbei gelaufen bist. Erinnerst du dich an mein Versprechen? … Ich werde dir alles wegnehmen, was dir im Leben wichtig ist!“ Sie ließ Bens Kinn los und trat einen Schritt zurück und lachte teuflisch auf, „Ups! … Oder habe ich das nicht bereits gemacht?“ Sie tippte mit ihrem linken Zeigefinger an den Mund. Ihre Augen rollten nach oben, als würde sie ernsthaft nachdenken. Ihr Gesicht verzog sich dabei zu einer gehässigen Fratze. „Wie war das denn mit deinem Job? … Einen Partner, der für dich durchs Feuer lief. … Und wie war das mit deiner Freundin? … Dieser Ärztin? … Eine Familie?“

      Sie kicherte niederträchtig vor sich hin und konnte sich gar nicht beruhigen, als sie das blanke Entsetzen erkannte, das Ben ins Gesicht geschrieben stand.
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