Time of Revenge

    • in Erarbeitung

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    Liebe Besucherinnen und Besucher,
    im Rahmen der neuen EU-Datenschutz-Grundverordnung sind wir dazu verpflichtet unsere bestehenden Datenschutzbestimmungen entsprechend der neuen Regularien anzupassen. Da uns der Schutz Ihrer Daten, Ihre Privatsphäre und ein transparentes Auftreten wichtig ist, zeigen wir Ihnen in unserer neuen Datenschutzerklärung ganz detailliert und verständlich auf, welche Daten wir zu welchem Zweck erfassen, wie wir die Daten nutzen und wie Sie die Nutzung dieser Daten kontrollieren können. Ihre Daten sind bei uns sicher und werden von uns nicht an Dritte verkauft.

    Mit dieser Aktualisierung folgen wir den strengen Datenschutzbestimmungen, die in der EU-Datenschutz-Grundverordnung (EU-DSGVO) festgelegt sind. Die vollständige Datenschutzerklärung finden Sie hier und gilt ab dem 25. Mai 2018. Sollten Sie Fragen dazu haben, melden Sie sich gerne bei uns: datenschutz@cobra11-fanclub.de

    • Zu Beginn des Gesprächs entschuldigte sich der Dunkelhaarige für den Ausraster am Morgen. Allerdings war er immer noch nicht bereit, mit Frau Krüger zu reden. Zu tief saß der Stachel in ihm drinnen, den ihr Misstrauen, ihre Vorwürfe und ihre Schuldzuweisungen in ihm hervorgerufen hatten.

      Nach dem Telefongespräch erwachte in Ben der Wunsch, er wollte Julia besuchen. Vielleicht hatte er Glück und Peter war im Büro. Irgendwie brauchte er die Gewissheit, dass diese nicht weiter in Lebensgefahr schwebte, sondern weiter auf dem Wege der Besserung …

      Hier erwartete ihn die nächste Enttäuschung. Sein Vater hatte verfügt, dass er bis auf weiteres Julia nicht besuchen durfte. Völlig erbost stürmte er aus der Uni-Klinik und rief seinen Vater außer sich vor Wut an. Er stand auf dem Besucherparkplatz neben seinem Motorrad. Ungeduldig wartete er darauf, dass sich Konrad Jäger am anderen Ende der Leitung meldete. Endlich erklang dessen Stimme.

      „Ben hier!“ …

      „Hallo Junge! … Es ist gerade unpassend! In fünf Minuten beginnt eine wichtige Besprechung!“ versuchte Konrad Jäger ihn geschäftsmäßig abzuwimmeln, denn er ahnte, warum sein Sohn ihn anrief.

      „So nicht Papa! … So nicht! Spare dir diese Floskeln für deine Geschäftspartner auf. Du schuldest mir eine Antwort! … Warum darf ich Julia nicht besuchen?“ fauchte der Dunkelhaarige ins Handy.

      „Tut mir leid Ben! … Julia braucht absolute Ruhe und ich kann es nicht riskieren, dass du und Peter nochmals an ihrem Krankenbett an einander geraten werdet. … Außerdem was hast du dir dabei gedacht Julia anzurufen? Du wusstest doch genau, dass sie kein Auto mehr fahren soll? … Warum?“, brummte Konrad Jäger gereizt zurück.

      Ben schloss seine Augen und holte tief Luft. „Papa … bitte … wie oft denn noch? So glaubt mir doch endlich! Warum geht das nicht in deinen Kopf rein, ich habe Julia nicht angerufen!“ Vergeblich bettelte er … flehte er … seinen alten Herrn an, seine Entscheidung nochmals zu überdenken. Wenn er vor ihm gestanden wäre, wäre er auf die Knie gefallen und hätte ihn angebettelt.

      „Nein!“, knurrte dieser als Antwort. „Es bleibt dabei! Julia entscheidet selbst, wann sie dich wiedersehen will. … Ich bin enttäuscht von dir mein Junge, maßlos enttäuscht. Ich hätte nie gedacht, dass du mich anlügst. Deine Schwester und ihr Baby in Gefahr bringen würdest. Wo bleibt denn dein Verantwortungsgefühl? Denn die Tatsachen sprechen eine andere Sprache. Egal was du behauptest! … Ich habe gelernt mich im Geschäftsleben an die Fakten zu halten, und jetzt lass mich in Ruhe! Ich habe ein Unternehmen zu führen!“

      Konrad Jäger beendete das Gespräch und sein Sohn hörte nur noch das monotone tut …tut … tut … in der Leitung.
      Sein angeschlagenes Nervenkostüm war sehr dünnhäutig geworden. Die Ansage seines alten Herren empfand er wie eine Tracht Prügel, die er sich als Unschuldiger eingefangen hatte. Seine bedrückenden Gedanken fingen an sich wie im Kreis zu drehen, aus dem er keinen Ausweg mehr fand. Angst … ja richtige Angst … vor dem was da auf ihm zukam machte sich in ihm breit. Das Gefühl eine Lawine, die aus Gewalt und Bedrohung bestand, würde sich unaufhaltsam auf ihn zu wälzen, drohte ihn zu überrollen, machte sich in ihm breit. Er musste raus … weg … einfach nur weg und dem Ganzen entfliehen. Völlig aufgewühlt fuhr Ben zuerst orientierungslos durch die Stadt und anschließend über die Landstraßen der Kölner Umgebung.

      *****

      Der Polizist war so mit sich beschäftigt, dass er gar nicht bemerkte, wie ihm der schwarze Toyota RAV4 folgte. Im Wagen saßen zwei sehr ungleiche Männer. Der Fahrer hatte seine besten Jahre schon hinter sich gebracht. Die grauen Haare waren kurz geschoren und unterstrichen noch sein brutales Aussehen. Die dunkelgraue Cargohose zusammen mit dem schwarzen T-Shirt und der schwarzen Lederjacke verstärkten noch den Eindruck. Einige Narben zierten sein Gesicht, aus dem seine dunklen Augen hervorstachen. Auf dem Rücken seiner rechten Hand, mit der er das Lenkrad führte, war das Tattoo eines Skorpions. Es war das Erkennungszeichen seiner ehemaligen Einheit im Bosnienkrieg.

      Remzi Berisha musterte seinen wesentlich jüngeren Beifahrer, der mit seinem Alter von Mitte zwanzig locker sein Sohn hätte sein können. Rashid legte sehr viel Wert auf sein äußeres Erscheinungsbild. Seine schwarzen Haare waren sorgfältig nach hinten gekämmt und zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Er bevorzugte eine modische Kleidung, die seine sportliche Figur zur Geltung brachte. Er war der Typ Mann auf DEN die Frauen flogen.
      Seit Ben Jäger seinen sterbenden Vater in dem Hospiz besucht hatte, war der junge Mann am Ausflippen. Das Gespräch mit der Krankenschwester, die Rashid anschließend angerufen hatte, trug zusätzlich dazu bei, seinen Zorn zu schüren. Seine Augen glühten hasserfüllt auf.

      Der Boss hatte Remzi beauftragt, darauf zu achten, dass der junge Mann, der als Heißsporn galt, keine Fehler machte und damit das gesamte Vorhaben zum Scheitern brachte. Als der junge Mann das Gespräch beendet hatte, schimpfte er nur vor sich hin, bis es Remzi zu bunt wurde. Wütend blaffte er den Beifahrer an „Halt dein Maul Jüngelchen, sonst stopfe ich es dir. Wir halten uns an den Plan! Verstanden!“

      Rashid äffte Remzi nach „Wir halten uns an den Plan … auf was warten wir noch? Dieser Jäger kommt uns schon verdammt nahe auf die Spur! … Wie lange sollen wir ihn noch an der langen Leine laufen lassen? Wie lange noch Remzi?“

      „Lass ihn erst mal zu seiner Freundin.“ Über das Gesicht des Serben huschte ein hämisches Grinsen. Zu gerne, würde er bei der Unterredung der beiden jungen Leute Mäuschen spielen. „Und dann Rashid, …holen wir uns den Dreckskerl! Verstanden! … Der Rest läuft wie besprochen!“

      Der Jüngere zog eine Schnute und gab sich geschlagen, was der Söldner mit einem wohlwollenden Grunzen zur Kenntnis nahm. Mit gebührendem Abstand verfolgten sie mit Hilfe des Peilsenders die weiteren Aktivitäten von Ben Jäger.
    • Als die Abenddämmerung einsetzte, fand Ben sich vor dem Haus, in dem sich die Wohnung seiner Freundin befand, wieder zurück im Hier und Jetzt. Ein Blick zur Uhr zeigte ihm, dass Anna noch zu Hause sein müsste. Er brauchte dringend jemand zum Reden, jemanden, der ihm das Gefühl gab, nicht der einsamste Mensch der Welt zu sein. Kurz entschlossen, parkte er sein Motorrad am Straßenrand und sprintete die Treppe hoch bis zur Dachwohnung. Nach zweimal Klingeln wurde die Tür geöffnet. Beim Anblick seiner Freundin schrak er zurück.

      Anna hatte geweint. Ihr Gesicht war verquollen und die Augen rot unterlaufen. Sie schluchzte haltlos vor sich hin.
      „DU?“, waren ihre einzigen Worte zur Begrüßung und ihm schwante nichts Gutes.

      Vergessen waren in diesem Moment all seine Probleme. Seine gesamte Aufmerksamkeit und Sorge galt seiner Freundin. So aufgelöst hatte Ben sie noch nie erlebt.

      „Hey, mein Engel was ist los? Was ist passiert Anna?“, fragte er mitfühlend bei ihr nach. Er betrat die Wohnung, schloss die Eingangstür hinter sich und ging auf sie zu und wollte sie tröstend in den Arm nehmen.

      „Geh weg! Fass mich nicht an!“
      Fast schon aggressiv schleuderte sie ihm diese Bemerkungen ins Gesicht, bevor sie erneut gequält aufschluchzte.
      „Anna, was ist los? …“
      Trotz ihrer ablehnenden Haltung versuchte Ben erneut seiner Freundin zärtlich über das Gesicht zu streichen. Sie wich vor ihm zurück.
      „Ich versteh DICH nicht. Was habe ich denn getan?“ er konnte sich des Gefühls nicht erwehren, dass hier ein neues Desaster auf ihm zukommt.

      Anna versuchte sich zu sammeln. Sie fasste in die Hosentasche ihrer Jogginghose und zog ein kleines goldenes Armkettchen hervor und hielt es Ben vor die Nase.

      „Kennst du das?“, zischte sie ihn aufgebracht an, während das Kettchen in ihren Fingern tanzte.
      „Ja klar, das hast du mir zu Weihnachten geschenkt. Wo hast du es gefunden? Du weißt doch, dass ich es seit dem letzten Besuch im Fitnessstudio vor unserem Urlaub vermisst habe!“

      Seine Stimme klang verwundert, was sich auch auf seinem Gesicht wiederspiegelte. Er verstand nicht, worauf Anna raus wollte. Mit fragenden Augen blickte er sie an. Doch der Gewittersturm, der anschließend über ihn hereinbrach, zog ihn förmlich den Boden unter den Füßen weg. Noch nie hatte Ben seine Freundin so außer sich vor Zorn erlebt.
      „Kennst du eine Jessica Habermann?“
      „Ja, klar kenne ich eine Jessica Habermann. Wir sind mal zusammen zur Schule gegangen. Aber was hat Jessi mit dem Armkettchen zu tun!“
      Er konnte schon bei seiner Antwort erkennen, dass diese Anna noch mehr erregte.
      „DU GIBST ES AUCH NOCH ZU!“, schrie sie ihn erbost an. „Du besitzt tatsächlich die Frechheit es zuzugeben!“
      „Was Anna? … Was gebe ich zu? Erkläre es mir doch bitte!“, flehte er sie an.
      Sie schnaufte tief durch und fauchte ihn erneut wütend an: „Du hast ein Verhältnis mit ihr Ben. Während du mir was von ewiger Liebe erzählst, hältst du dir nebenbei noch eine Freundin! …. So ein billiges Flittchen!“
      „Bitte was? … Wie kommst du auf solch einen verrückten Gedanken? Wer erzählt dir so einen Mist Schatz? … Ja, ich hatte mal was mit ihr, während unserer Schulzeit und kurz danach … aber das ist schon eine gefühlte Ewigkeit her! Bitte glaube mir doch, du bist die Liebe meines Lebens, die Frau die ich schon immer gesucht habe. ….“
      „HÖR AUF BEN!“, fiel sie ihm ins Wort. „HÖR AUF! … HÖR AUF!“ Anna presste ihre Hände auf die Ohren. „Lüg mich nicht an!“

      Ihre Augen blitzten ihn wütend an und der Erbteil ihres italienischen Temperaments kochte hoch und ging mit ihr durch. Sie stampfte zornig mit dem Fuß auf und hatte ihre Hände zu Fäusten geballt. Auf ihrer Stirn hatten sich tiefe Zornesfalten gebildet. Ihr Körper bebte vor Erregung und mit einer merkwürdig ruhigen Stimme fuhr sie fort.
      „Sie war hier Ben. Diese Jessica Habermann war hier … Deine Ex oder noch Freundin war bei mir in der Wohnung! Sie hat mir das Schmuckstück gebracht. Du hast es bei deinem letzten Date mit ihr vor unserem Urlaub auf ihrem Nachttisch vergessen. Auf dem Kettchen steht ja eine Widmung für dich. Sie wollte mich vor der gleichen Dummheit bewahren, die sie gemacht hat!“

      Ben blickte seine Freundin immer verständnisloser an. Was war hier nur passiert? Ihre nächsten Worte trafen ihn wie Hammerschläge. Er wurde immer blasser.

      „Sie hat mich darüber aufgeklärt, dass EIN Jäger niemals eine Frau heiraten würde, die nicht mindestens so viel Kohle auf dem Bankkonto hat, wie er selbst. Pscht sei ruhig!“ Er wollte ihr ins Wort fallen. „Oder bestreitest du, dass dein Vater und dein lieber Schwager Peter gegen unsere Beziehung sind, weil ich denen zu arm bin! Klar hat meine Familie nicht so viel Kohle, wie der große Baulöwe Konrad Jäger. Von der Geschichte mit dem Privatdetektiv reden wir mal gar nicht …Sag mir die Wahrheit Ben! … Wäre es mir so ergangen, wie dieser Jessica? …. Deine Familie war damals dagegen, dass du Jessi heiratest, obwohl sie von dir schwanger war?“ Sie sah wie seine Augen feucht glitzerten, Tränen sich ihren Weg über seine Wangen bahnten … und Anna empfand es als sein Schuldeingeständnis. „Ja, sie hat mir Fotos von eurem gemeinsamen Sohn gezeigt. Einen glücklichen Ben Jäger, der mit einem kleinen Jungen auf einem Spielplatz rumalbert, auf einem Bolzplatz Fußball spielt! Bestreite es nicht Ben! Wie konntest du mir das nur antun? … Wie konntest du nur? … War sie etwa die Frau, die letztes Jahr im Krankenhaus ständig nach dir gefragt hat? …“ Sie holte tief Luft. „Ich dämliche Kuh habe deinen Liebesschwüren, deinen Versprechungen geglaubt. Geh jetzt Ben, geh! Verlasse meine Wohnung! Ruf mich nicht mehr an! Da hast du deinen Schlüssel und gib mir meinen sofort! Deine Sachen bringt dir Anja vorbei! Und jetzt raus! … Raus! … Verschwinde!“ Ihre Stimme überschlug sich zum Schluss.

      Anna warf ihm seinen Wohnungsschlüssel vor die Füße. Ben stand vor ihr, wie versteinert, zu keiner Regung fähig. Ihre Worte hatten ihn mitten ins Herz getroffen. Sie raubten ihn fast den Verstand. Er startete einen letzten Versuch mit ihr zu reden, beschwor sie förmlich

      „Bitte Anna! Bitte hör mich doch an! … Es ist alles nicht so wie du denkst!“, flehte er sie an. Doch als Antwort erhielt er von ihr eine schallende Ohrfeige auf die Wange. Sie brannte wie Feuer… es brach ihm das Herz …
      „HAU AB, Ben! RAUS! … RAUS! … Verschwinde aus meiner Wohnung! …Hau ab aus meinem Leben! …Was hast DU mir nur angetan!“

      Anna hämmerte mit ihren kleinen Fäusten wutentbrannt auf seine Brust ein. Jeder Satz traf ihn wie eine erneute Ohrfeige … brannte in seinem Herz … und taten so unendlich weh.

      Er setzte nochmals zum Sprechen an und erntete als Antwort eine weitere Schelle. Seine Lippe platzte auf. Ein blutiger Geschmack breitete sich in seinem Mund aus. Das war zu viel für ihn. Ohne ein weiteres Wort bückte er sich, hob das Kettchen und seinen Wohnungsschlüssel auf. Tränen rannen über sein Gesicht, als er sich umdrehte und ihre Wohnung verließ.
    • Als die Wohnungstür hinter Ben ins Schloss fiel, wankte Anna zur Tür. Während ihr Verstand weiter schrie … verschwinde aus meinem Leben Ben Jäger, sprachen ihr Herz und ihre Seele eine völlig andere Sprache. Der Mann, den sie über alles liebte, war über diese Türschwelle gegangen, würde aus ihrem Leben verschwinden, weil sie ihn rausgeworfen hatte.

      Gut so, sagte ihr Gehirn, super gemacht Mädchen! Der Mistkerl hat dich betrogen, Dich genauso verarscht wie dein EX Andre. Das verdammte Schwein hat ein Kind mit einer Anderen. So ein Kerl hat DICH doch gar nicht verdient Anna!

      Ihr Herz sprach … Nein! Nein, das würde DIR Ben nie antun. Niemals! Du kannst doch gar nicht mehr ohne ihn leben. Hole ihn dir zurück du dumme Gans! Das ist der Mann, mit dem du den Rest deines Lebens verbringen willst. Der Mann ist dein Seelenverwandter, dein zweites ICH.

      Dieser Widerspruch in ihr zerriss Anna förmlich, trieb die junge Frau an den Rand des Wahnsinns.
      In einem ersten Impuls siegte ihr Herz. Sie wollte die Tür aufreißen … ihm hinterherrufen „Bleib bei mir! Verlasse mich nicht!“ …Ben hinterherrennen … ihn aufhalten, er gehörte doch zu ihr, er war die andere Hälfte von ihr. Was hatte sie nur gerade getan?

      Ihr Kopf lag am Türblatt. Ihr Körper gehorchte ihr nicht. Ihre Arme, ihre Hände waren wie gelähmt. Sie hörte noch wie ihr Freund mehr die Treppe runterstolperte als lief, hörte seine verzweifelten Aufschreie, bevor die Geräusche im Treppenhaus verstummten. Mit einem dumpfen Knall fiel die Haustür ins Schloss.
      Zu spät! Zu spät! Alles zu spät!

      Der Boden um sie herum begann zu wanken, ihre Knie gaben nach und Anna sackte haltlos in sich zusammen. Weinkrämpfe schüttelten ihren Körper.

      Nie würde sie den Ausdruck seiner Augen vergessen. Nein, Augen konnten nicht lügen, das hatte ihre Mutter ihr immer gesagt! Sieh einem Menschen in die Augen und du wirst erkennen, ob er dir die Wahrheit sagt, mein Kind.
      Und Ben? Diese Fassungslosigkeit … diesen Schmerz, den seine Augen wiederspiegelt hatten … Jeder Vorwurf, den Anna ihm entgegengeschmettert hatte, hatte ihn tief in seiner Seele verletzt … sie hatte es in seinen Augen lesen können! … Sein Herz schien in viele tausend Teile zerbrochen zu sein … so wie das Ihre, als er ihre Wohnung verlassen hatte. Warum hatte sie ihm nicht zugehört … ihn zu Wort kommen lassen … Warum? Warum???? Ohne dass es ihr bewusst war, schrie sie dieses Wort mehrfach hysterisch heraus.
      Das Chaos ihrer Gefühlswelt raubte ihr fast endgültig den Verstand.

      Sie hatte dieser Frau jedes Wort geglaubt, die Beweise, ihre Fotos: Ben im Krankenhaus mit dem Neugeborenen im Arm … die Spaziergänge am Rheinufer, als er den Buggy schob … auf dem Spielplatz als er mit dem dunkelhaarigen Jungen Fußball spielte … Im Kindergarten … Alles schien so eindeutig … es hatte sie innerlich so verletzt, was Ben ihr angetan hatte … doch jetzt … jetzt, wo sie Ben erlebt hatte, kamen Zweifel in ihr hoch, die alles nur noch schlimmer machten. Oh Gott, was war, wenn diese Frau gelogen hatte? Wenn ihre Schilderungen über die Erlebnisse der letzten Monate nicht der Wahrheit entsprochen hatten?

      Ihr Herz hämmerte wie wild, drohte ihre Brust zu sprengen. Vor ihre Augen verschwamm alles. Unfähig sich zu erheben, kroch sie über dem Boden zu ihrer Handtasche. Blind vor Tränen ertastete sie ihr Handy und wählte die Nummer ihrer Freundin. Nach einer gefühlten Unendlichkeit meldete sich diese… Anna setzte mehrmals an, bevor ein Laut aus ihrer Kehle kam … „Anja … Anja … ich brauche dich!“ Der Rest ging in ihrem Wimmern und Weinen unter. Das Handy entfiel ihrer Hand und gab Summtöne von sich, die von einer eingehenden Nachricht erzeugt wurden. Jedoch war die junge Frau unfähig es an sich zu nehmen, wie unter Krämpfen wand sie sich am Boden, zusammengerollt wie ein Igel lag sie da.

      *****

      Ben torkelte mehr als er lief zu seinem Motorrad. In ihm war nur noch Leere … grenzenlose Leere … Diese Anschuldigungen von Anna hatten ihn emotional den Rest gegeben. Ihre Worte hatten ihn so verletzt, hatten sich tief in seiner Seele sich eingebrannt … sein Herz gebrochen. Weg … alles war weg! Alles was ihm in seinem Leben wichtig war, hatte man ihm genommen! Seine Freundin … seine Familie … seinen Job.

      Er hatte das Gefühl in einen nicht enden wollenden schwarzen Abgrund abzustürzen. Ein unaufhaltsamer Tränenstrom bahnte sich seinen Weg, benetzte seine Jacke, tropfte auf den Sitz seines Motorrads, auf das er sich abgestützt hatte, um ein bisschen Halt zu finden. Er schlug sich selbst auf die Wangen, in der Hoffnung einfach aus diesen bösen Alptraum aufzuwachen. Das konnte doch alles nicht wahr sein. Doch er war weiterhin in diesem schwarzen Loch gefangen… sein Atem ging keuchend … seine Gedankengänge spielten verrückt.

      Welchen Sinn hatte sein Leben noch?

      Er starrte auf die Straße und die vorbeifahrenden Fahrzeuge. Was hielt ihn davon ab, sich auf sein Motorrad zu schwingen und mit Höchstgeschwindigkeit das Zweirad gegen die nächste Wand oder Brückenpfeiler zu setzen. …
    • Ben fischte in seiner Hosentasche nach dem Zündschlüssel. Seine Hände ertasteten das kleine Kettchen. Er zog es heraus. Seine Hände zitterten, als er es im Schein der Straßenlaterne betrachtete. Jessica! … Jessica, du elendes Miststück, dachte er bei sich. Du bist schuld! Du hast mir Anna genommen. Wie bist Du in Besitz von diesem Armkettchen gekommen? Seine Verzweiflung verschwand ein wenig und etwas anderes glomm in ihm hoch und überlagerte alles … grenzenlose Wut auf diese Frau, die überging in unbändigen Hass. Hass auf Jessica Habermann. Wie kam dieses heruntergekommene Frauenzimmer dazu, ihm und Anna das anzutun, zu behaupten er hätte eine Affäre mit ihr. Diese Geschichte von dem gemeinsamen Kind zu erzählen, dem kleine Nico, wie konnte sie das nur tun?

      Der junge Polizist versuchte sich zu beruhigen, murmelte leise beschwörend vor sich hin. Die Tränen versiegten. Seine Hände hatte er zu Fäusten geballt und auf dem Motorradsitz abgestützt. Langsam bekam er das Gefühlschaos, das in seinem Kopf tobte, unter Kontrolle. Nur nicht durchdrehen, sprach er sich selbst Mut zu. Keine Kurzschlusshandlung! Das wollte sein unbekannter Gegner doch nur. Neben ihm kannte noch jemand die Wahrheit. Jessica Habermann … Er musste Jessica finden und sie zwingen, notfalls mit Gewalt, Anna die Wahrheit zu sagen.

      Mit zitternden Fingern fischte er sein Pre-Paid-Handy aus der Hosentasche und wählte Annas Nummer. Besetzt! Ben wartete, ein Hoffnungsschimmer glomm in ihm auf. Erwartungsvoll blickte er auf sein Display … wartete auf den eingehenden Anruf! Doch nichts geschah. Erneut wählte er ihre Nummer … das Besetztzeichen erklang wieder, sie telefonierte mit jemand anderem … er keuchte enttäuscht auf.

      „Fuck!“, brüllte er lauthals in das Dunkel der Nacht und hieb mit der geballten Faust auf den Ledersitz des Motorrads ein. Was hatte er denn anderes erwartet. So einfach gab er nicht auf und schickte ihr eine SMS. Wieder wartete er einige Minuten. Doch nichts geschah. Kein Anruf … keine Antwort.

      Der dunkelhaarige Polizist warf einen letzten sehnsüchtigen Blick hoch zu den erhellten Fenstern der Dachwohnung, bevor er sich seinen Motorradhelm aufsetzte. Er schwang sich auf seine Harley und überlegte. Als er das letzte Mal Kontakt mit Jessica hatte, finanzierte sie sich ihren Lebensunterhalt durch Prostitution. Damals stand ihr Wohnwagen in einem Gewerbegebiet Nahe Köln in Hürth. Dies würde sein erster Anlaufpunkt werden.
      Wieder war Ben so mit sich selbst beschäftigt, dass er nicht bemerkte, wie ihm unauffällig ein Fahrzeug folgte.

      *****

      Der Telefonanruf von Anna war wie ein Notruf für Anja gewesen. Sie ahnte schon, dass etwas Fürchterliches passiert sein musste. Seit über zehn Jahren kannte sie mittlerweile die junge Frau, seit sie mit der Ausbildung zur Krankenschwester an der Uni-Klinik begonnen hatte. So leicht brachte nichts und niemand die junge Ärztin aus der Fassung. In Anja, die ebenfalls als Krankenschwester an der Uni-Klinik arbeitete, hatte Anna gleich zu Beginn ihrer Ausbildung eine sehr gute Freundin gefunden, obwohl diese vom Altersunterschied her, locker ihre Mutter hätte sein können.

      Als Anja ihr Auto am Straßenrand eingeparkt hatte, erkannte sie, dass die Dachwohnung ihrer Freundin hell erleuchtet war. Schon seit Jahren besaß die Krankenschwester einen Zweitschlüssel zu Annas Wohnung für besondere Notfälle. Als auf ihr Klingeln und Klopfen niemand öffnete, beschloss sie diesen zu benutzen.

      Sie öffnete die Eingangstür zur Wohnung. Zum Glück war die Sperrkette nicht vorgelegt. Einige Kleidungsstücke von Ben lagen wild verstreut im Flur herum. Aus dem Badezimmer drang ein leises Wimmern zu ihr durch.

      „Anna? …. Anna, ich bin es Anja!“ fragte sie leise, als sie die angelehnte Tür zum Bad aufstieß. Zusammengekauert mit verquollenen Augen saß die Dunkelhaarige vor der Toilette auf dem kalten Fliesenboden. Die Tränen liefen an ihren Wangen herunter und benetzten ihr hellblaues Shirt. Der Rotz tropfte aus der Nase. Spuren von Erbrochenen waren in der Toilettenschüssel und den Fliesen deutlich sichtbar. Anja kniete sich neben ihrer Freundin auf den Fliesenboden, nahm Anna in den Arm und drückte sie mitfühlend an ihre Brust.
      „Hey Mädchen, …. Scht … alles wird wieder gut …!“, sprach sie in einem beruhigenden Tonfall auf ihr ein. Sie streichelte über ihre dunklen Haare und merkte wie das Beben des Körpers etwas nachließ.

      „Anja … Anja … Furchtbares … geschehen!“, quetschte Anna mit tränenerstickter Stimme heraus.

      „Na, komm, Kindchen! …So schlimm wird es schon nicht sein. Wir haben doch die letzten Jahre schon einiges zusammen durchgestanden, da schaffen wir das auch. Komm hoch, wir gehen erst mal rüber ins Wohnzimmer und dann erzählst du mir, was passiert ist.“

      Anja half der jungen Frau auf die Beine, reichte ihr ein Taschentuch, in welches sie mehrmals geräuschvoll schnaubte. Im Wohnzimmer kauerte sich Anna auf dem Sofa zusammen. Ihren Kopf hatte sie auf Anjas Schoß abgelegt, die neben ihr saß und ihr mit der einen Hand beruhigend über das Haar strich, während sie mit der anderen Annas Hand umschlang.

      „So und jetzt mal raus mit der Sprache! Was ist passiert? … Irgendetwas mit Ben? Dein Vater wieder einmal? Oder was ist los?“

      Stotternd, von Aufschluchzen unterbrochen, vertraute sich Anna ihrer Freundin an. Sie erzählte ihr vom Besuch Jessica Habermanns und den anschließenden Rauswurf von Ben aus ihrer Wohnung. Die Ältere musste erst einmal diese Informationen ein bisschen verdauen. Es herrschte für einige Minuten Stille im Raum.

      „Okay Anna!“ Anja schürzte ihre Lippen, zog die Fleece-Decke über Annas Schultern, da die Haut der jungen Frau sich noch immer eiskalt anfühlte und blickte auf ihr Gesicht herunter. „Was hat Ben zu den Vorwürfen gesagt? … Es zugegeben? ... Oder was hat die Welt untergehen lassen?“

      „Ich habe ihn gar nicht zu Wort kommen lassen, als er sich rechtfertigen wollte. …. Ich … habe … ihm … eine Ohrfeige verpasst …. und noch eine … und noch eine … ihn angeschrien … Ich …. Ich …. will keine Lügen mehr hören!“ jammerte sie leise schniefend vor sich hin.

      Anja atmete pustend ein und aus. „Du willst mir also allen Ernstes erklären, du hast einer fremden Frau, in diesem Moment mehr geglaubt und vertraut als Ben? …. Wir reden von BEN … nicht von Andre, der alles flach gelegt hatte, was nicht bei DREI auf dem Baum war ….. Puuuuh … Mädchen … Mädchen! … Wir reden von Deinem Ben!“ gab ihr Anja zu Bedenken und schüttelte dabei ungläubig den Kopf. Anna deutete ein leichtes Nicken ihres Kopfes an.
      „Anna! …. Ich kenne dich nun schon so lange. Du weißt, wenn ich Kinder hätte haben können, hätte ich mir nichts mehr gewünscht, als so eine Tochter, wie du es bist.“ Sie atmete mehrmals hörbar durch die Nase aus, bevor sie mit ihrer kleinen Ansprache fortfuhr. „Aber ich glaube, du hast einen riesigen Fehler gemacht. Tut mir leid für dich Herzchen ….“

      „Aber sie hatte doch diese Fotos … !“, unterbrach Anna die Ältere leise.

      „Anna, bitte! So wie ich Ben kennen und schätzen gelernt habe, nein … nein … der würde so etwas nicht machen. Dieser Mann würde dich nicht betrügen. Dafür würde ich meine Hand ins Feuer legen. Egal was dieses Flittchen dir erzählt hat. Egal, was die dir für Fotos gezeigt hat! … Er mag ja vielleicht der Vater ihres Kindes sein, mit ihr vielleicht auch mal früher eine Affäre gehabt haben. Schließlich hatte er auch eine Vergangenheit … doch der Rest von ihrer Story, dass er sie regelmäßig in den letzten Wochen besucht hatte … Nein Mädchen! Nein!“

      Anja drehte Annas Kopf leicht nach oben, so dass sich die beiden Frauen in die Augen blicken konnten.

      „So Mädchen, nun mal raus mit der Sprache! Was ist wirklich mit dir los? Ihr beide, du und Ben, ihr habt in den letzten Monaten wie Pech und Schwefel zusammengehalten, als eure Väter versucht haben, euch auseinander zu bringen und da kommt so eine Frau daher und es klappt!“ Die Krankenschwester schnippte mit den Fingern ihrer freien Hand, „Sei ehrlich zu mir Anna, was ist los mit dir? … Da ist nicht bloß das Temperament deiner italienischen Großmutter mit dir durchgegangen!“
    • Anna schwieg und fing an zu zittern, was Anja in ihrer Meinung bestärkte, dass das noch nicht alles war. Da war noch mehr. Welches Geheimnis versuchte die junge Ärztin vor ihr zu verbergen?

      „Also raus mit der Sprache!“, forderte sie in einem etwas energischeren Ton.

      Es herrschte Stille im Raum. Man hätte das Fallen einer Stecknadel auf dem Fußboden hören können.
      Anjas Tonfall wurde noch intensiver und entschlossener, „Lass dir nicht jedes Wort einzeln aus der Nase ziehen!“
      Kaum hörbar murmelte Anna vor sich hin, „Ich … bin … schwanger Anja! … Heute Nachmittag … bevor …bevor … diese Frau kam … habe ich einen positiven Test … gemacht! …Und … und … und … ich war … so durcheinander Anja… das war nicht geplant …! Wie soll … es denn … nur … weitergehen? … Ich kann nicht mehr …. In mir herrscht nur noch Chaos.“

      Wieder bahnten sich die Tränen ihren Weg über Annas Wangen. So sehr sich die junge Frau bemühte, sie konnte sie einfach nicht unterdrücken. Beruhigend strich ihr Anja über den Rücken und die Haare. Tränenerstickt jammerte die junge Frau weiter.

      „Verstehst … du nicht! … Es ist alles aus! … Alles wofür ich … die vergangenen Jahre Opfer … gebracht habe … Vorbei! … Wovon ich geträumt habe, ist … zerplatzt wie eine Seifenblase! … Die Fortbildung … zum Facharzt … alles futsch! …“

      Nun war Anja einiges klar. Anna hatte vor wenigen Wochen ihre Weiterbildung zum Facharzt für Chirurgie anfangen. Sie wusste, dass Ben und Anna ihre Familienplanung noch bis zum Ende dieser Ausbildung aufschieben wollten.
      „Ach Kindchen!“, seufzte die Ältere auf. „Du bist nicht die erste Frau, die ungeplant schwanger wird und wirst auch nicht die Letzte sein!“ Sie umfasste Annas Kinn und strich ihr über die Wange. „Lass mal den Kopf nicht hängen! Das Würmchen da drinnen,“, dabei streichelte Anja über Annas Bauch „das wird auch groß werden und du wirst sehen, deinen Facharzt brauchst du noch lange nicht an den Nagel hängen. Rede mit dem Chef! Der wird schon eine Lösung für dich wissen!“, sprach sie der Jüngeren weiter Mut zu. Anna beruhigte sich wieder und bewegte ihren Kopf auf und ab.
      Fast unhörbar hauchte sie, „Du hast ja wieder einmal Recht!“
      Doch es ging Anja nicht aus dem Kopf, wer hatte diese wildfremde Frau zu Anna geschickt.
      „Diese Jessica Habermann! … Kann es sein, dass dein Vater dahintersteckt Anna? Nachdem du seinen letzten Heiratskandidaten vor versammelter Großfamilie hast abblitzen lassen! Vielleicht hättest du ihm doch einmal die Wahrheit über seinen zukünftigen Schwiegersohn offenbaren sollen!“

      Langsam richtete sich Anna auf. „Mein Vater … mein Vater, der kann mich mal. Wenn er Ben nicht als seinen zukünftigen Schwiegersohn akzeptiert, so wie er ist, sondern nur, weil dessen Vater ein noch dickeres Bankkonto hat, als er selbst. Vergiss es … Dann soll er dahingehen, wo der Pfeffer wächst. Von mir aus soll Papa doch weiter glauben, dass Ben nur ein armer Streifenpolizist ist!“, empörte sich die junge Frau.

      „Na siehst, du! So gefällst du mir schon viel besser! Das ist die Anna, die ich kenne! … So Kindchen!“ Anja reichte der Jüngeren ein Taschentuch, in welches sie geräuschvoll schnäuzte. „Zuerst rufst du Ben an und hörst dir seine Version der Geschichte mit dieser „Jessica“ an. Danach kannst du immer noch entscheiden, ob du ihm wirklich den Laufpass geben willst oder deinen Ben behältst. Auch wenn er nach dieser Geschichte vielleicht ein paar Fehler und Macken hat.“

      Langsam rappelte sich Anna vom Sofa hoch, suchte ihr Handy, das sie irgendwo auf dem Weg, als sie ins Bad gekrochen war, verloren hatte. Als sie fündig geworden war, tippte sie Bens Nummer. Doch statt seiner erhofften Stimme, erklang nur die mechanische Ansage „Der Teilnehmer ist zur Zeit leider nicht erreichbar ….“ Dann fiel ihr ein, dass ihr Freund zurzeit ein Pre-Paid-Handy benutzte. Doch auch diese Telefonnummer erwies sich als Fehlschlag. Kein Ben, sondern nur die Ansage, der Teilnehmer ist zurzeit nicht erreichbar. Als sie es auf der Festnetznummer probierte, erlebte sie die nächste Enttäuschung. Hier meldete sich nur der Anrufbeantworter, auf dem Anna ebenfalls eine Nachricht hinterließ, dass sich Ben so schnell wie möglich bei ihr melden sollte.

      Niedergeschlagen ließ sie sich auf das Sofa fallen. Ihr Blick war auf das Display des Handys gerichtet. Ein kleines Icon machte sie darauf aufmerksam, dass sie eine eingehende SMS hatte. Die Telefonnummer, die angezeigt wurde, gehörte zu Bens Pre-Paid-Handy. Es war eine Nachricht von Ben. Mit zitternden Fingern öffnete sie die elektronische Nachricht. Ihr Pulsschlag beschleunigte sich. Die junge Frau las die SMS:

      Anna bitte, ich flehe Dich an … lass es nicht so zwischen uns enden! Vertraue mir doch! Niemals könnte ich Dir so etwas antun. Verstehst DU? NIEMALS! Raube mir nicht meinen letzten Hoffnungsschimmer, Dir die Wahrheit zu beweisen. Du trägst meine Liebe … mein Herz in deinen Händen … Wenn Du es fallen lässt, zerbricht es …zerbreche ich daran in tausend Scherben … Ohne Dich kann ich nicht sein und will ich nicht sein, du bist die Liebe meines Lebens … Glaube mir, man kann mir alles nehmen, das ist mir egal. Aber Deine Liebe bedeutet mir alles, ohne diese kann ich nicht existieren … Denk an unsere Pläne und Träume, ich werde dafür kämpfen … bitte Du auch …
      in Liebe Ben

      Die junge Frau schrie gequält auf.
    • Langsam fuhr Ben auf seinem Motorrad die Straßen des Straßenstrichs im Gewerbegebiet Hürth entlang. Die Straßenbeleuchtung lieferte ein spärliches Licht. Bei Nacht sahen die Wohnwagen der Damen vom horizontalen Gewerbe, die hier ihre Freier empfingen, irgendwie alle gleich aus. Auch wenn es Ben in diesen Moment schwerfiel, versuchte er sich zu konzentrieren. Er war vorher in seiner Wohnung gewesen und hatte nach alten Unterlagen gesucht, unter denen sich ein Foto von Jessica befand und dieses heraus gekramt. Als er eine ruhige Seitenstraße gefunden hatte, parkte er sein Motorrad auf einem Grünstreifen. Der Dunkelhaarige nahm seinen Helm ab und wuschelte sich durch die Haare. Mit dem Foto in der Hand machte er sich auf die Suche nach Jessica Habermann. Seine grenzenlose Wut auf die Prostituierte beherrschte sein Handeln und Denken.

      Eingehend sondierte er die geparkten Autos und die Umgebung. Auf dem Straßenstrich herrschte um diese Uhrzeit Hochbetrieb. Einige der Damen vom horizontalen Gewerbe posierten vor ihren Wohnwagen oder saßen auf Hockern davor. Potentielle Freier fuhren im Schritttempo die Straßen entlang und stellten ihre Fahrzeuge ab, wo es ihnen gerade passte. Ben zeigte einigen Damen das Foto von Jessica und fragte sich so langsam durch. Nach kurzer Zeit hatte er den genauen Standort des gesuchten Wohnwagens erfahren.

      Einige Straßen entfernt in gleichem Industriegebiet …
      „Oh, verdammt, wo ist der Bulle nur hin verschwunden? Der kann sich doch nicht in Luft aufgelöst haben!“, knurrte Remzi wütend seinen jüngeren Beifahrer an. „Was sagt denn die Kiste?“
      Dabei deutete er auf das Tablet, das Rashid auf den Knien hielt. Der Albaner versuchte den Standort des Peilsenders an Bens Motorrad zu lokalisieren.

      „Die nächste rechts … und dann nochmals rechts …!“, gab er die Anweisung, wie der Ältere zu fahren hatte. Im Kegel des Scheinwerferlichtes entdeckte der Serbe Bens geparktes Motorrad am Straßenrand.

      „Da vorne ist seine Maschine!“ Er pfiff anerkennend durch die Zähne. „Verdammt, der Kerl ist echt gut! Hätte nicht gedacht, dass er die N.utte so schnell finden wird. Park den Wagen an der nächsten freien Stelle und dann lass uns den Kerl suchen! Weit kann er nicht sein und ich ahne wo wir ihn finden werden.“

      Beim Aussteigen musterte der Söldner kritisch die Umgebung und die Personen, die umher liefen. Remzi konnte bei dem, was er vorhatte, keine lästigen Zeugen gebrauchen. Mit dem Ellbogen stieß er Rashid in die Seite und forderte ihn auf ihm zu folgen. An der Kreuzung deutete: „Da drüben ist der Wohnwagen. Dort schnappen wir uns den Mistkerl!“

      *****
      In seiner Wut achtete Ben nicht auf seine Umgebung. Sein ganzes Denken drehte sich nur um Jessica Habermann. Als er ein leises Geräusch hinter sich hörte, war es zu spät. … Ein mörderischer Schlag auf seinen Hinterkopf beförderte ihn von einer Sekunde zur anderen ins Land der Träume. Sein Helm entfiel seinen Händen und kullerte ins Unterholz der Sträucher. Remzi, der Söldner, fing den Sturz ab und ließ den Polizisten zu Boden gleiten. „Los hol den Wagen!“ forderte er seinen jungen Begleiter auf „Ich bleibe hier und pass auf den Bullen auf! Alles Weitere läuft wie besprochen!“
      Er betäubte Ben noch zusätzlich mit Chloroform und fesselte ihn. Vorher leerte er die Hosen- und Jackentaschen des Polizisten und nahm die Gegenstände an sich.

      ****
      Das Erwachen war schmerzhaft. Bens erster Gedanke war, was hämmert nur so furchtbar auf meinen Kopf ein. Zwischen seinen Schläfen pochte es im Takt seines Herzschlages. Er hielt seine Augen geschlossen und versuchte sich daran zu erinnern, was geschehen war. In kleinen Bruchstücken kamen seine Erinnerungen wieder. Er lauschte in seinen Körper hinein. Seine anderen Sinne nahmen im Schneckentempo ihre Tätigkeit auf.

      Ben hörte jemanden aufstöhnen, bis ihm bewusst war, dass er das selbst war. Das nächste, was er wahrnahm, war ein leicht muffiger, modriger Geruch, der die Schleimhäute seiner Nase reizte. Seine Hände waren mit engen Schnüren, die ins Fleisch schnitten, vor seinem Körper an einander gefesselt. Zuerst begann er mit den Spitzen seiner Finger die nähere Umgebung um seinen Liegeplatz zu erkunden, den Boden abzutasten, bis ihm klar wurde, dass er seitlich mit der linken Gesichtshälfte nach unten auf rauen Holzbrettern lag. Seine Fingerkuppen wanderten weiter … erkundeten die Wand und die weitere Umgebung um ihn herum.

      Gestützt auf seinen linken Unterarm, richtete er sich zum Sitzen auf, was sein Kopf mit einer kleinen Schmerzattacke quittierte. Er lehnte sich mit dem Rücken an die Holzwand. Vorsichtig begann er mit seinen Fingern seinen Hinterkopf abzutasten, was sich wegen der Fesselung schwieriger gestaltete, als er dachte. Seinen Kopf musste er deshalb leicht nach vorne neigen. Hinter seinem linken Ohr wurde sein Kopf von einer Beule geziert. Das Haar war an dieser Stelle verklebt. Sein Magen quittierte diese Bewegung mit einer Welle von Übelkeit. Mühsam kämpfte er mit sich, damit sich nicht der kümmerliche Rest seines Mageninhalts seinen Weg nach draußen bahnte. Der säuerliche Geschmack im Mund verstärkte sich noch mehr. Irgendwie war Ben klar, dass der Brechreiz und das Schwindelgefühl nicht nur von dem Schlag auf dem Kopf herrührten. Man hatte ihn vermutlich zusätzlich betäubt.

      Als er die Augen aufschlug, durchfuhr ihn ein eisiger Schreck. Ihn umgab eine undurchdringliche Finsternis. Kein Hauch von einem Lichtschein drang durch eine Ritze zwischen den Holzbrettern in sein Gefängnis. Er spürte wie ein Anflug von Grauen und Panik in ihm hoch stieg. Sein Pulsschlag beschleunigte sich und hallte in seinem Kopf wieder. War er nun wirklich blind oder war es einfach nur stockdunkel in diesem Raum?

      Stille umgab ihn, kein Geräusch war zu hören, außer seinen hektischen Atemzügen oder das Rascheln seiner Kleidung. Ihm fröstelte. Mit seinen Lippen und seiner Zunge untersuchte Ben die Art der Fesselung seiner Hände.
      „Scheiße! … Scheiße! … Scheiße!“, entfuhr es ihm wütend, als er feststellte, dass es sich dabei um Kabelbinder handelte. Die waren ohne Hilfsmittel so gut wie nicht durchtrennbar.

      Okay, sprach er sich selbst Mut zu, so schnell wird nicht aufgegeben. Zuerst musste er mal rausfinden, wie der Ort beschaffen war, an dem man ihn gefangen hielt. Schwerfällig begann er sich zum Stehen aufzurichten. Als er auf seinen Füßen stand, fing trotz der Dunkelheit sich alles an zu drehen. Der Boden schien zu schwanken. Ben lehnte sich mit dem Rücken gegen die Holzbretter, schloss die Augen und wartete darauf, sein Gleichgewichtsgefühl wieder zu finden.

      Trotz der Einschränkung in ihrer Beweglichkeit erforschte Ben mit seinen gefesselten Händen weiter sein Gefängnis. Der Raum war in seiner Vorstellung winzig klein. Zwar hatte er sich ausgestreckt hinlegen können, doch er konnte den Abstand zu den Seitenwänden nicht abschätzen. Innerlich zeichnete sich der dunkelhaarige Polizist ein Bild von dem Ort, in dem man ihn gefangen hielt. Er tastete sich an den Wänden entlang in eine der hinteren Ecken, so wie er sich sein Verlies vorstellte, dabei wäre er fast über ein niedriges Plastikbehältnis gestolpert, welches ihm gerade Mal bis zu den Knien reichte. Ben ging in die Hocke und tastete nach dem Gegenstand. Dieser entpuppte sich nach näherem Untersuchen als eine kärgliche Campingtoilette.

      „Super! … echt große Klasse! Fuck! … Fuck! ... Fuck!“, brüllte er in die Stille hinein und seine Stimme überschlug sich dabei, „Wollte ihr Schweine mich verarschen? … Was soll das sein? Ein besonderer First-Class- Service? Oder was?“
      Ironisch lachte er lauthals auf, was in seinem Kopf widerhallte. Als er verstummte, herrschte wieder diese gnadenlose Stille. Ein Schauder befiel ihn. Gänsehaut lief über seinen Körper. Es half nichts. Diese verdammte Bretterkiste musste doch irgendwo einen Zugang haben. Die Erkundungstour im Dunkeln ging weiter. Auf der gegenüberliegenden Seite befand sich eine stabile Eisentür, an deren unteren Seite, mittig, sich eine Art Rahmen befand. Wie in einer Gefängniszelle das Guckloch für den Wärter fiel Ben spontan dazu ein. Seine Finger und Handgelenke schmerzten mittlerweile von den ungewohnten Bewegungen.

      Sein Blick wanderte hoch zur Decke. Bildete er sich das nur ein oder war da im Dunkel ein winzig kleiner grüner Punkt. Also doch nicht blind. Aber nicht nur diese Erkenntnis gewann er, sondern auch, dass er von seinen Kidnappern beobachtet wurde. Danach passierte etwas in Ben. Schlagartig waren sie da. Diese lang verdrängten Erinnerungen an die Stunden im Sarg, als er lebendig begraben gewesen war.

      Begraben ... genau so kam er sich auch in diesem Moment vor. Er ballte seine gefesselten Hände zur Faust und hämmerte wie wild gegen die Stahltür, dabei schrie er seine ganze Wut und seinen Frust heraus, die er empfand.
      Sein Herz fing an, wie wild zu rasen. Schweiß brach ihm aus. Seine Atmung wurde immer hektischer und abgehackter. Der dunkelhaarige Polizist war dabei durchzudrehen.

      „Lasst mich hier raus! … Zeig dich doch du perverses Arschloch … Wo bist du? … Hast du Angst vor mir! …. Na los, komm doch her, wenn du Mut hast! ….“

      Er schrie und schrie, beschimpfte die Geiselnehmer mit seinem kompletten Repertoire an Schimpfworten, bis seine Stimme nur noch ein erbärmliches Krächzen war. Erschöpft und schweißgebadet sank Ben an der Tür entlang zu Boden. Sein Atem war nur noch ein hektisches Keuchen. Die Therapiestunden bei dem Psychologen tauchten wie ein Rettungsanker in seinem Kopf auf, seine Ratschläge und irgendwie versuchte er wieder Herr seines Gefühlschaos und seiner Sinne zu werden. Er fing an mit sich selbst zu reden.

      „Beruhige dich Ben! Beruhige dich … Langsam atmen … alles wird gut … schön gleichmäßig ein- und ausatmen … eins … zwei …alles wird wieder gut!“

      Leise summte er eines seiner Lieblingslieder vor sich hin. Er schloss seine Augen und dämmerte vor sich hin.
    • Einige Stunden später ….
      Ein Stockwerk über dem gefangenen Polizisten beobachten ihn seine beiden ungleichen Entführer auf dem Monitor. Der Jüngere der Beiden, Rashid, lächelte spöttisch und verzog verächtlich die Lippen.

      „Und das soll ein knallharter Bulle sein! Der jammert da unten rum, wie ein wehleidiges Kind! Der Typ ist fertig mit sich und dem Rest der Welt. Wie konnte so ein Weichei meinen Vater auffliegen lassen!“

      Remzi, der ehemalige Söldner, stand hinter ihm und studierte ebenfalls das Verhalten des Gefangenen. Dieser reagierte, wie erwartet, mit wiederholten Panikattacken auf sein enges und stockdunkles Gefängnis. Er konnte nach wie vor dem jungen Schnösel, der vor ihm saß, einfach nichts abgewinnen. Für ihn war er nur ein williges Werkzeug, um die Rachepläne seines Auftraggebers umzusetzen. Dementsprechend blaffte er ihn mit seiner tiefen Stimme an.

      „Merke dir etwas Jüngelchen! Wenn man die Schwächen seines Gegners studiert hat und diese bis ins kleinste Detail kennt, ist es keine Kunst diesen fertig zu machen und auszuschalten!“

      „Nenn mich nicht so Remzi!“, fauchte Rashid. Sein heißblütiges südländisches Temperament kochte langsam hoch. „Weißt du, was der Kerl dort unten meiner Familie angetan hat? Wer sollte denn mehr Rechte auf eine Vendetta haben als ich, im Namen meiner Familie!“

      Die dunklen Augen von Rashid glühten auf vor Hass, während er auf dem Monitor weiter den gefangenen Polizisten anstarrte, der unter den Folgen einer erneuten Panikattacke litt. Der junge Albaner war dabei in seiner eigenen Gedankenwelt gefangen. Irgendwie fühlte er sich um seine persönliche Vergeltung betrogen. Warum hatte er damals, als sein Vater ins Gefängnis musste, seiner Mutter versprochen, dass er nichts gegen diesen verräterischen Polizisten unternehmen würde. Warum nur? Hätte er ihm doch schon damals eine Bombe unter das Auto gelegt. Warum hatte er es nicht gemacht? Diese Frage hatte er sich unzählige Male gestellt, denn dann wäre die Familienehre längst wiederhergestellt worden. Die Toten wären gerächt. Nur weil er das Nesthäkchen war, meinte damals jeder in seiner Familie, dass er, Rashid, nicht für das harte Geschäft mit Drogen, Menschenhandel, Prostitution und auch Mord geeignet war.

      Damals … ja damals, so viele Jahre waren seitdem vergangen und vieles hatte sich geändert. Vor mehreren Wochen war er mit seiner Geliebten in dieses Haus gezogen, um auf Wunsch seines Vaters bei der Umsetzung der Rachepläne gegen Ben Jäger mitzuwirken. Bei seinem letzten Gespräch mit Boris Stojkovicz vor drei Tagen war der junge Mann über seinen Schatten gesprungen und hatte solange mit seinen Fragen nachgebohrt, bis sein Vater ihn in die weiteren Details seiner Rachepläne eingeweiht hatte. Das Oberhaupt der Familie hatte ihm bestätigt, dass es noch einen Unbekannten im Hintergrund gab, der die Fäden in der Hand hielt. Bisher hatte Rashid diesen großen Boss weder zu Gesicht bekommen noch gesprochen. Über diesen Boss war der widerlichen Söldner angeheuert worden. Als er anfing, bei seinem Vater über die raue Art des Grauhaarigen zu jammern, hatte dieser ihn nur ausgelacht und ein Weichei und Versager genannt, der es nicht würdig war, den Namen Stojkovicz zu tragen. Anschließend war genau das passiert, was Rashid, bei all den Gesprächen vorher mit seinem Vater vermieden hatte, es kam zu einer heftigen Auseinandersetzung, die damit endete, dass sein Vater, bevor er vor Erschöpfung ohnmächtig wurde, von ihm unbedingten Gehorsam einforderte.

      Dieser Muskelprotz hinter ihm schien dies genau zu wissen. Ständig bevormundete er ihn, machte ihm Vorschriften, akzeptierte ihn nicht als gleichwertigen Partner … Doch jetzt …jetzt hatten sie diesen Hauptkommissar Ben Jäger, der an allem Schuld trug, in ihrer Gewalt. Es brodelte in ihm. Rashid hatte keine Lust mehr auf diese Psycho-Spielchen. Er wollte diesen verhassten Polizisten tot sehen. Tot, getötet durch seine Hände.

      Klar hatte es ihm Spaß gemacht, zu sehen, wie dieser Jäger beim Unfall seiner Schwester ausgerastet war, aber der junge Mann wollte etwas völlig anderes. Er war beseelt von dem Wunsch dem Kommissar ein Messer in den Leib zu rammen, ihm zu zusehen wie er langsam dahin siechte … verendete … und einfach nur litt, so wie sein Vater in den letzten Wochen gelitten hatte. Es wurde Zeit, dass es dieser Muskelprotz hinter ihm endlich kapierte. Rashid fasste all seinen Mut zusammen und zischte mit einem giftigen Unterton in der Stimme in Richtung seines Widersachers:
      „Ich bin es leid, Remzi! Ständig machst du mir Vorschriften, was ich zu tun und zu lassen habe! Hör auf damit! …“

      Der junge Mann drehte sich zu dem Älteren um. Den Rest seiner Worte verschluckte er, als er das grimmige Gesicht des Grauhaarigen erblickte. Remzi packte den jungen Albaner mit seiner rechten Faust am Hemdkragen und zog ihn aus seinem Bürostuhl hoch.

      „Ich weiß nicht, was du da oben in deiner Birne drinnen hast!“ Dabei klopfte der Söldner mit der flachen Hand gegen die Stirn des Jüngeren, „Zum letzten Mal! Merk dir Jüngelchen! …. Dein Vater hat einen Deal mit meinem Boss. Hältst du dich nicht daran, bist du fällig! … Kapiert! Ansonsten kümmere dich um die Sachen, für die du da bist! Schneide die Szenen, die den Boss und deinen Vater interessieren aus der Aufnahme raus.“

      Rashid wand sich und versuchte sich aus dem knallharten Griff des Söldners zu befreien. Dessen Knoblauchfahne widerte ihn an. Aber er hatte gegen dessen Bärenkräfte keine Chance.

      „Das Sagen bei diesem Kommando habe ich und niemand sonst! Entweder du spurst … oder….!“ Er deutete mit einer Geste seiner Hand an, dass er dem jungen Mann die Kehle durchschneiden würde. Die Drohung stand im Raum und der Jüngere hatte verstanden. Unter seiner sonnengebräunten Haut erbleichte Rashid und nickte zustimmend.
      „Gut! … Sehr gut, Jüngelchen. So langsam kapierst es auch du. Am Ende wirst du belohnt werden. Wir werden dafür sorgen, dass du deinen Erbteil bekommst … und so lange machst du, was ich oder mein Boss will! …!“

      Mit diesen Worten stieß er ihn wieder zurück auf seinen Stuhl. Durch die Wucht kam dieser ins Rollen und knallte gegen die Schreibtischkante, auf denen die Monitore und Laptops platziert waren. „Bereite die Videozusammenschnitte für den Boss vor! Ich geh runter in den Partyraum und bereite den nächsten Teil der Show vor! Wage es nicht in die Nähe des Kerls zu gehen! Der bleibt die nächsten 24 Stunden isoliert vom Rest der Welt! Verstanden! … Oder muss ich … !“

      Eingeschüchtert bewegte der Jüngere den Kopf von oben nach unten, um den Älteren seine Zustimmung zu signalisieren. Remzi verließ den Überwachungsraum. Als er die Eingangshalle der riesigen Villa in Richtung des Kellergeschosses durchquerte, dachte er daran, was er in dem ehemaligen Partyraum noch vorzubereiten hatte.
      Morgen würde endlich sein Boss in der Villa eintreffen und sein alter Freund Camil Musicz, auf den er schon sehnsüchtig wartete. Die beiden ungleichen Männer hatten im Bosnienkrieg Seite an Seite miteinander gekämpft. Camil aus Überzeugung für sein Land und er, Remzi, wegen des Geldes. Trotz des Altersunterschieds von zehn Jahren hatte sich zwischen den beiden Männern eine echte Freundschaft entwickelt. Sein Freund war ein Partner, auf den er sich uneingeschränkt verlassen konnte.
    • Von alle dem ahnte der junge Polizist nichts in seinem Verlies. Während seines Dämmerschlafs überfielen ihn wilde Träume. Alles was ihn in den letzten Tagen und Wochen widerfahren war, flammte vor seinem inneren Auge auf. Den Rauswurf aus Annas Wohnung durchlebte er in mit all seinen Emotionen noch mal. Bittere Tränen rollten über seine Wangen. Eine eiskalte Hand umschloss sein Herz und riss es ihm förmlich aus der Brust. Der Schmerz über den Verlust seiner Freundin war unbeschreiblich. Der Gedanke, dass er in seiner augenblicklichen Situation keine Möglichkeit hatte, Anna von der Wahrheit zu überzeugen, trieb ihn an den Rand des Wahnsinns. Vor Entsetzen riss er seine Augen auf.

      Nach wie vor umgab ihn eine vollkommene Dunkelheit.

      Er lauschte angespannt. … Nichts außer dem Rascheln seiner Kleidung war zu hören.
      Ben hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Regungslos saß er an der Holzwand gelehnt da und grübelte darüber nach, wie lange war er wohl in diesem Verschlag eingesperrt war. Wie viele Minuten … Stunden oder gar schon mehr als ein Tag?

      Die Zeit hatte ihre Bedeutung verloren. Er war gefangen im Nirgendwo … in einem dunklen schwarzen Loch, in dem nichts war, außer ihm selbst. Ein eiskalter Schauer rann ihm über den Rücken.
      Seine Überlegungen gingen weiter.

      Wer würde ihn vermissen? …
      Wer? …
      Wer würde sich auf die Suche nach ihm machen?
      Er ging der Reihe nach alle in Frage kommenden Personen durch.

      Anna, seine Freundin oder sollte er besser sagen seine Ex-Freundin, ihre Worte und ihr Verhalten beim Rauswurf aus der Wohnung waren eindeutig gewesen. Bei dem Gedanken daran spürte er im nach hinein das Brennen auf seiner Wange von ihren Schlägen. Seine Augen brannten. Er hatte die Liebe seines Lebens verloren.

      Semir war dabei seine Ehe zu retten. Wie oft hatte er den Türken um seine Familie und sein Familienleben beneidet. Er konnte ihn ja bis zu einem gewissen Punkte verstehen. Die Familie war seinem Freund heilig. Dennoch … seine Ansage auf der Dienststelle war unmissverständlich gewesen. Die Enttäuschung über das Verhalten seines Partners, seines Freundes in ihrem letzten Gespräch schnürte ihm die Kehle zu. Der kleine Türke hatte ihm nicht geglaubt und ihm den gewalttätigen Angriff gegenüber den Obdachlosen zugetraut. Dieser Verdacht des Freundes hatte ihn tief gekränkt. Er fühlte sich von ihm in Stich gelassen.

      Seine Familie? Er lachte ironisch auf. Nein! Die Ansage seines Vaters war wohl eindeutig gewesen.
      Wer blieb noch übrig?

      Seine Kollegen auf der Dienststelle? - Ja, Susanne würde sich vielleicht Sorgen machen? Ihn vermissen?
      Aber nach ihm suchen? Nein! Das konnte er sich nicht vorstellen.

      Das blanke Entsetzen packte ihn.

      Niemand, wahrscheinlich würde niemand sein Verschwinden in den nächsten Tagen bemerken. Niemand würde ihn vermissen und nach ihm suchen!

      NIEMAND!

      Ben fühlte, wie sich seine Nackenhärchen aufstellten. Sämtliche Körperhaare stellten sich auf. Ein unkontrolliertes Zittern durchströmte seinen Körper gefolgt von kalten und heißen Schauern. Sein Herz fing an zu rasen und seine Atemfrequenz erreichte neue ungeahnte Dimensionen. Das Blut rauschte in seinen Ohren. Er richtete sich mühsam auf. Die Panik hatte ihn voll in Besitz genommen und jegliches rationale Denken ausgeschaltet. Wie irre, hämmerte er mit seinen gefesselten Fäusten gegen die Tür, bis die Haut aufriss und warmes Blut daran herunterrann. Dabei schrie er!

      Er schrie und schrie, bis seine Stimme versagte.

      KEINER hörte ihn.

      KEINER half ihm.

      Schwindel erfasste ihn. Der Boden unter ihm fing an sich zu bewegen, zu schwanken. Ein komisches Gefühl machte sich in ihm breit, bis das Ganze in eine für Ben wohltuende Ohnmacht endete. An der Tür entlang rutschend, sackte sein Körper in sich zusammen auf den Fußboden.

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Mikel ()

    • 24 Stunden später …. Auf der PAST

      Susanne hatte heute Morgen etwas später angefangen. Sie machte sich ernsthaft Sorgen um Ben. Da er sich nicht wie verabredet bei ihr telefonisch gemeldet hatte, war sie auf dem Weg zur Arbeit am Probenraum der Band vorbeigefahren, sein letzter ihr bekannter Aufenthaltsort. Doch sie fand dort keine Spur von ihm.

      Nachdenklich hatte sie an ihrem Schreibtisch Platz genommen, als ein groß gewachsener Mann, so um die vierzig, die Dienststelle betrat. Wow, was ist das denn für eine Sahneschnitte am frühen Morgen, dachte sich die Sekretärin. Der Typ könnte glatt als Doppelgänger von Hugh Jackman durchgehen. Der dunkelhaarige Mann, der sich seiner Ausstrahlung bewusst zu sein schien, steuerte direkt ihren Schreibtisch an und baute sich vor ihr auf. Aus dem männlich markant geschnittenen Gesicht stachen die tiefblauen Augen heraus. Sein Körper wirkte sportlich durchtrainiert und der blaue Leinenanzug, den er trotz der hochsommerlichen Temperaturen trug, war keine übliche Stangenware und passte im Farbton irgendwie zu seinen blauen Augen. Die Haut des glattrasierten Gesichts war leicht gebräunt.

      „Guten Morgen, ich suche die Dienststellenleiterin, Frau Krüger!“

      Die Stimme war tief und klang angenehm. Trotzdem rümpfe die Sekretärin die Nase, na Klasse, so was liebte sie, nicht mal vorstellen konnte sich der Kerl.

      „Und wen darf ich bitte bei Frau Krüger melden?“

      „Danke, es reicht, wenn sie mir den Weg zu ihrem Büro zeigen, den Rest schaffe ich durchaus alleine!“, gab er befehlsgewohnt zurück.

      Susanne erhob sich von ihrem Stuhl und zeigte auf die Bürotür von ihrer Chefin. „Da vorne links, finden sie das Büro von Frau Krüger!“, meinte sie ein bisschen schnippisch.

      Ohne Antwort oder ein Wort des Dankes drehte sich der Mann um und steuerte das Zimmer der Chefin an.
      „Arrogantes Arschloch!“, grummelte Susanne leise vor sich hin, als sie sich fast schon ein bisschen beleidigt wieder hinsetzte. Sie beobachtete den Dunkelhaarigen argwöhnisch weiter, zu gerne hätte sie gewusst, was er von Frau Krüger wollte.

      Er klopfte nur einmal an der Glastür von ihrer Chefin an und schien das Herein gar nicht abgewartet zu haben. Susanne entging nicht, dass Kim etwas irritiert und leicht verärgert von ihrem Schreibtisch hochblickte. „Mäuschen müsste man sein, dann könnte man zuhören was da drinnen gesprochen wird!“ murmelte sie vor sich hin.

      „Guten Tag, entschuldigen Sie bitte Frau Krüger, wenn ich so unangemeldet hier hereinplatze, mein Name ist Hendrik van den Bergh, ich bin Oberstaatsanwalt am Landgericht Köln und leite die Ermittlungen gegen Ben Jäger!“

      Die Begrüßung wirkte, Kim musste erst einmal schlucken, erhob sich von ihrem Stuhl und reichte dem Dunkelhaarigen die Hand zur Begrüßung.

      „Kim Krüger, Leiterin dieser Dienststelle hier und die Vorgesetzte von Herrn Jäger. Was verschafft mir denn die Ehre ihres Besuches? Ich dachte die Ermittlungen wegen dieses Obdachlosen sind seit gestern abgeschlossen.“

      „Nun ja!“, druckste der Oberstaatsanwalt ein bisschen rum, „so einfach ist der Sachverhalt wohl doch nicht, wie sie denken, Frau Krüger. Wollen wir uns nicht erst einmal setzen?“, übernahm er wie selbstverständlich die Gesprächsführung und steuerte die Besucherecke an.
      Kim zog eine verärgerte Schnute und runzelte die Stirn. „Das ist noch immer mein Büro Herr Oberstaatsanwalt!“, wies sie den Mann gegenüber in seine Schranken, „Wenn Sie möchten, können sie gerne auf einem der beiden Stühle hier Platz nehmen!“
      Dabei deutete sie auf die Besucherstühle vor ihrem Schreibtisch. Demonstrativ setzte sich Kim zurück auf ihren Bürostuhl und verschränkte ihre Arme vor der Brust. Der Dunkelhaarige stutzte, da er gerade im Begriff war, auf einem der Sessel Platz zu nehmen. Zwangsweise drehte er sich in Richtung Schreibtisch und setzte sich auf einen der Besucherstühle.

      „Was kann ich denn für Sie tun, Herr van den Bergh?“

      Bewusst verzichtete Kim auf den Titel Oberstaatsanwalt. Sie hatte ihre Hände auf der Schreibtischplatte abgelegt und die Finger ineinander verschlungen.

      „Wir ermitteln gegen Herrn Jäger in einem weiteren Mordfall. Auf dem Straßenstrich in Hürth wurde eine Prostituierte tot aufgefunden. Auf Grund gewisser Beweise am Tatort gilt Herr Jäger als der Hauptverdächtigte!"

      Kim riss vor Entsetzen ihre Augen weit auf. Die Farbe wich aus ihrem Gesicht. „Beweise?“, ächzte sie, „Welche Beweise?“ und rang sichtlich darum ihre Fassung zu wahren.

      Der Staatsanwalt räusperte sich und machte eine theatralische Handbewegung, als würde er in einem Gerichtssaal stehen und sein Plädoyer halten, bevor er fortfuhr.

      „In dem Wohnwagen der Getöteten gab es eindeutige Spuren!“

      Wieder machte er eine künstlerische Pause, in der ihn Kim anblaffte: „Was soll das? Lassen sie sich nicht jedes Detail einzeln aus der Nase ziehen, Herr Staatsanwalt! Wie kommen Sie auf die Idee, Herr Jäger, könnte einen Mord begangen haben!“

      Ihr Mienenspiel wechselte zwischen purem Entsetzen und Verärgerung und spiegelte das Gefühlschaos in ihrem Inneren wieder. Ihr Pulsschlag beschleunigte sich merklich bei den nächsten Worten von Herrn van den Bergh.
      „In der rechten Hand der Ermordeten lag ein Messer mit Blutspuren. Ein DNA-Schnell-Test belegte, dass das Blut an dem Messer eindeutig von Herrn Jäger stammte. Die Frau ist erwürgt worden. Es gab Kampfspuren, der Wohnwagen war verwüstet. In dem Bett, na sie wissen schon, welchen Zweck so ein Riesenbett in dem Wohnwagen hat, wurde ein Schlüsselbund gefunden, auf dem die Fingerabdrücke von Herrn Jäger nachgewiesen wurden. Nachdem mit dem Schlüssel der Zugang zur Wohnung von Herrn Jäger möglich war, ist wohl davon auszugehen, dass er ihn bei dem Kampf mit der Ermordeten am Tatort verloren hat. … Und ja bevor sie weiter fragen, es gibt verständlicherweise Fingerabdrücke ohne Ende am Tatort. Die Kollegen von der Kriminaltechnik sind noch bei der Auswertung. Die ermittelnden Beamten der Mordkommission gehen davon aus, dass Herr Jäger Handschuhe getragen hat. Es war also ein geplanter Mord, bei dem sich das Opfer scheinbar mehr zu Wehr gesetzt hatte, als es von Herrn Jäger erwartet wurde.“ Immer wieder unterstrich Staatsanwalt mit Gesten seiner Hände seine Ausführungen. Sein Blick war dabei unablässig auf Kim Krüger gerichtet, „Seit einer halben Stunde existiert ein Haftbefehl wegen Mordes gegen Herrn Jäger! Er steht ab sofort auf der bundesweiten Fahndungsliste ganz oben!“

      Diese Nachricht saß, Kim rang sichtlich um ihre Fassung. Sie ließ sich in ihrem Bürostuhl nach hinten fallen. Mühsam konnte sie ein Aufstöhnen unterdrücken und schloss für einen Augenblick die Augen. Ihre Gedankenwelt wurde gerade wild durcheinandergewirbelt … Ben Jäger war zwar ein Heißsporn, aber ein kaltblütiger Mord … nein … nein … das passte überhaupt nicht zu dem jungen Mann, den sie kannte. Sie schob ihr Kinn eigensinnig nach vorne und setzte unbewusst ihre trotzige Miene auf.

      „Nein … Nein …!“ Sie schüttelte ungläubig den Kopf, „das glaube ich nicht! … Niemals! Dafür würde ich meine Hand ins Feuer legen! Herr Jäger würde keinen Mord begehen. Sind Sie sich absolut sicher? Welches Motiv sollte denn Herr Jäger haben, solch eine Frau zu ermorden?“

      „Viele Fragen auf einmal Frau Krüger! Die Ermittlungen laufen erst an. Und ja, wegen des Motivs bin ich bei ihnen. Diese Frage wollte ich ihnen stellen. Was verbindet Herrn Jäger mit DER Prostituierten Jessica Habermann?“, stellte er mit hochgezogener Augenbraue seine Gegenfrage.

      „Der Name sagt mir nichts!“, gab Kim tonlos zurück.

      Der Staatsanwalt ließ nicht locker und bombardierte die Chefin der PAST weiter mit seinen Fragen.
      „Kennen Sie den aktuellen Aufenthaltsort von Herrn Jäger? … Wer sind hier auf der Dienststelle seine Freunde? … Wer hatte Kontakt mit ihm in den letzten Tagen? Wer kann etwas zu seinem Verhältnis zu dieser Jessica Habermann sagen? Hat er eine Freundin oder verkehrte er regelmäßig mit Damen des horizontalen Gewerbes, um seine sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen?“

      „Herr Jäger hat eine Freundin und ich glaube nicht, dass er bei seinem Aussehen auf bezahlte Liebesdienste angewiesen war!“, platzte es aus ihr heraus.

      Unzählige Gedanken schossen Kim durch den Kopf. Hatte der junge Kommissar durchgedreht? Die Szene bei der Entführung seiner Schwester fiel ihr wieder ein, als er seinen ehemaligen Freund Sven mit brachialer Gewalt zwingen wollte, den Aufenthaltsort seiner Schwester Julia Preis zu geben. Kim war sich nicht bewusst, dass sie dabei den silbernen Mercedes, der vor dem Bürofenster parkte, anstarrte. Ein Ruck ging durch ihren Körper. Sie hatte eine Entscheidung getroffen.
      „Ich rede mit meinen Leuten. Aber bitte, ersparen Sie uns die Befragung durch die Kollegen vom Revier Nord.“
      Der Staatsanwalt rümpfte die Nase und rollte verstimmt seine Augen nach oben.
      „Bitte!“, legte Kim abermals nach, als sie die Reaktion von Hendrik van den Berg als Ablehnung sah. „Bitte! … Kommissar Kramer hat sich hier gestern wie ein Elefant im Porzellanladen aufgeführt. … Dazu noch diese Presse-Heinis, die die Dienststelle gestern und vorgestern belagert haben. Nochmals, bitte, Herr Oberstaatsanwalt, ich kenne meine Leute besser, als jeder anderer …! Ich versichere ihnen, ich werde Sie bei den Ermittlungen nach besten Kräften unterstützen, denn mir ist daran gelegen, die Wahrheit heraus zu finden!“

      Der Staatsanwalt schürzte seine Lippen, überlegte und bewegte seinen Kopf zustimmend auf und ab. Die Chefin nutzte die Gelegenheit und versuchte von dem Hugh-Jackman-Verschnitt noch weitere Informationen aus erster Hand wegen der Ermittlungen gegen Ben Jäger zu bekommen. Der schmuddelige Kommissar Kramer hatte ihr am gestrigen Tag jegliche Auskunft verweigert. Ihre Beharrlichkeit zahlte sich aus. Kim bekam endlich einige Antworten auf ihre Fragen.

      Auch wenn es sich Hendrik van den Bergh nicht anmerken ließ, war er vom Verhalten von Kim Krüger schwer beeindruckt. Diese Frau faszinierte ihn und er blieb unbewusst länger in ihrem Büro, als er ursprünglich geplant hatte.
      „Bitte halten Sie mich weiter auf dem Laufendem Herr van den Bergh!“, mit diesen Worten verabschiedete sie sich von dem Staatsanwalt. Als er ihre Hand zum Abschied drückte, blickten sich die beiden tief in die Augen und Kim spürte wie diese Berührung ein angenehmes Kribbeln in ihr auslöste.


      Irgendwo im Nirgendwo … zur gleichen Zeit …

      Der dunkelhaarige Polizist lehnte mit dem Rücken an der Wand. Er hatte seine Beine angezogen. Sein Kopf ruhte auf seiner Brust. Das Gefühl von Angst und Panik war stetig von etwas anderem verdrängt worden. Neben dem nagenden Hunger quälte ihn der Durst.
      Sein Hals schmerzte fürchterlich und seine Zunge klebte förmlich am Gaumen und war leicht angeschwollen. Mit jeder weiteren Minute, die verstrich, beherrschte das Verlangen nach etwas zum Trinken sein komplettes Denken. Sobald Ben die Augen schloss, gaukelte ihm sein Verstand wunderbare Bilder von sprudelnden Wasserhähnen … Regenschauer … Wasserfällen oder von der Brandung des Meeres vor.
      Er spürte, wie seine Sinne und dadurch seine Wahrnehmung sich veränderten und sein Körper schwächer wurde.
    • Ben hatte keine Ahnung, wieviel Zeit verstrichen war, als er schon glaubte, dass die Halluzinationen endgültig seinen Geist ergriffen hatten und er am Rande des Wahnsinns stand. Ein schwacher Lichtschein schimmerte unter dem Türspalt in das Dunkel seines Verlieses. Die Schritte eines schweren Körpers näherten sich der Tür. Mit einem leisen Quietschen wurde die Klappe im unteren Bereich der Tür geöffnet.

      Zum ersten Mal fiel ein bisschen Helligkeit in sein Gefängnis. Wider Erwarten stellte Ben fest, dass die Dimensionen des Raumes größer waren, als er es sich vorgestellt hatte. Und etwas anderes geschah! … Es war für ihn wie ein Wunder! …Eine Flasche Wasser und eine Konservendose wurden durch das Loch in der Tür in den Raum geschoben. Ungläubig richtete er sich ein bisschen auf … träumte er oder war es Wahrheit. Mit seinen gefesselten Händen robbte er über den Boden entlang in Richtung der Wasserflasche, besessen von der Gier nach Flüssigkeit.

      Remzi beobachtete über das Guckloch in der Mitte der Tür das Verhalten des Gefangenen. Zufrieden grunzte er vor sich hin, als er sah, wie dieser in Zeitlupentempo zum Leben erwachte.

      Als der Polizist die Wasserflasche erreicht hatte, verschloss er die Klappe in der Tür wieder und verließ den Zugang zum Verlies. Der Söldner knipste das Licht aus und tauchte den Raum, in dem Ben gefangen gehalten wurde, wieder in diese undurchdringliche Schwärze.

      Ben klemmte die Flasche zwischen seine Beine und versuchte krampfhaft mit seinen zitternden Fingern diese zu öffnen. Jede Zelle seines Körpers lechzte nach einem Tropfen Flüssigkeit. Es kostete ihn fast schon ein unmenschliches Maß an Selbstbeherrschung seinem Verlangen nicht statt zu geben und die Flasche in einem Rutsch leer zu trinken. Seine spröden und aufgerissenen Lippen brannten wie Feuer, als die ersten Tropfen Feuchtigkeit sie benetzten. Die ersten Schlucke schmerzten in seiner ausgedörrten Kehle. Ben zwang sich zu beherrschen und langsam und schluckweise zu trinken. Jeder Tropfen Wasser weckte seine Lebensgeister.

      Als das erste Verlangen nach Flüssigkeit gestillt war, untersuchte der die Konservendose. Er ertastete den Verschluss eines Aufreißdeckels und zog daran. Der Duft von Tomaten strömte ihm entgegen. Sein Magen knurrte und der Bärenhunger, der ihn quälte, wollte befriedigt werden. Mit seinen gefesselten Händen gestaltete es sich als äußerst schwierig an die Füllung der Dose zu gelangen. Ben hatte mit allem gerechnet, aber nicht, dass sich der Inhalt als Ravioli entpuppte. Er schlang das Essen förmlich in sich hinein. Nachdem seine grundlegenden Bedürfnisse gestillt waren, übermannte ihn die Müdigkeit und er fiel in einen tiefen Schlaf.

      Einige Zeit später ….
      Ben erwachte aus einem tiefen Erholungsschlaf. Sein Körper hatte sich nach dem langen Entzug von Flüssigkeit und Nahrung eine Auszeit genommen. Als er die Augen aufschlug, hüllte ihn nach wie vor diese unheimliche Finsternis ein. Er lag lang ausgestreckt auf dem Rücken. Sein Körper schmerzte und fühlte sich wie gerädert an, von dem langen Liegen auf dem harten Untergrund. Ihm fröstelte, unwillkürlich begann er mit seinen Händen an seinen Armen entlang zu reiben. Überrascht hielt Ben in der Bewegung inne. Träumte er gerade oder? …. Nein, es war tatsächlich so, seine Handfesseln waren entfernt worden. Von alleine waren diese bestimmt nicht abgefallen, also hatte ihn sein Entführer einen Besuch abgestattet. Scheinbar schien man auf einmal darauf bedacht zu sein, dass er noch nicht vorzeitig das Zeitliche segnet. Anders konnte er sich die plötzliche Versorgung mit Wasser und etwas Essbaren nicht erklären.
      Wasser! Trinken! Der quälende Durst war wieder da.

      Angst durchfuhr ihn, was war, wenn der Entführer die Wasserflasche, die er noch nicht vollständig geleert hatte, mitgenommen hatte. Mühsam richtete er sich auf, krabbelte auf seinen Knien entlang über den Boden und suchte mit seinen Fingern nach der Getränkeflasche.Grenzenlose Erleichterung überkam ihn, als er sie gefunden hatte. Gierig trank er sie in einem Zug aus. Als die geleerte Flasche über den Fußboden kullerte, stieß sie gegen etwas. Neugierig forschte Ben nach. Kaum zu glauben, dachte er sich, da steht noch eine Wasserflasche und daneben lag ein eingepacktes Sandwich. Nicht viel, für den Hunger, der ihn plagte, aber besser als gar nichts.

      Nachdem er seine menschlichen Bedürfnisse zufrieden gestellt hatte, kauerte er sitzend in einer Ecke, die der Eingangstür gegenüberlag und überdachte seine augenblickliche Lage. Sein Kopf ruhte auf seinen angezogenen Knien. Mit seinen Armen hatte er seine Unterschenkel umschlungen. Vorher hatte er seine Finger und Hände nach Verletzungen abgetastet. Seine Handkanten waren übersät mit kleinen verschorften Risswunden, ebenso die Handgelenke, also nichts, was nicht wieder von alleine heilen würde. Man hatte seine Jacken- und Hosentaschen komplett entleert. Seine Schuhe und sein Hosengürtel waren ebenfalls verschwunden. Alles was als Hilfsmittel zum Öffnen dieser verdammten Eisentür hätte benutzt werden können, hatte man ihm abgenommen.

      Ben wurde irgendwo in einem Kellerloch gefangen gehalten. Dies rief sich der junge Kommissar ins Bewusstsein, als er merkte, wie erneut eine Panikattacke in ihm aufstieg. Er zwang sich ruhig zu bleiben und sich zu entspannen und seine Atmung unter Kontrolle zu behalten. Er schloss die Augen und drückte seinen Hinterkopf und den Rücken gegen die Holzwand. Diese vermittelte ihm auf einmal so etwas wie Sicherheit. Auf Hilfe von draußen brauchte er nicht zu warten. Diesmal würde selbst Semir nicht kommen, um seinen Arsch zu retten, das hatte der Türke ja bei ihrem letzten Streitgespräch auf der PAST deutlich zum Ausdruck gebracht. Ben lachte ironisch auf … wie sollte er alleine aus diesem Verlies fliehen? Keine Chance. Oder doch? Seine durchschnittenen Fesseln zeigten ihm, dass die Entführer sich in seiner Nähe befanden, ihn beobachteten und irgendwann würden sie durch diese verschlossene Tür kommen.
      War er noch vor einer gefühlten Ewigkeit davon ausgegangen, dass man ihn hier einfach elendig verrecken lassen wollte, war er zwischenzeitlich zu der Überzeugung gekommen, die Psycho-Spielchen mit dem dunklen Raum und Nahrungsentzug waren erst der Anfang von etwas Größeren.

      Um sich zu wehren, sollte er körperlich fit bleiben. Also begann er etliche Liegestütze zu machen, leise zählte er vor sich hin, um sich zu motivieren. Als sein Körper vor Erschöpfung schlapp machte, kroch er zurück in eine der Ecken.
      Ben fiel in einen unruhigen Halbschlaf, geplagt von seinen Ängsten und Alpträumen.
    • Währenddessen saß Remzi angespannt vor dem Bildschirm und studierte das Verhalten des Gefangenen. Die Spezialkamera für Aufnahmen im Dunkeln, die auf Bewegung reagierte, zeichnete alles auf.

      Als der Polizist stundenlang regungslos am Boden gelegen hatte, hatte der Söldner schon die Befürchtung gehabt, dessen Kreislauf sei kollabiert, weil er es mit der Dauer des Flüssigkeitsentzugs übertrieben hatte. Sein Auftrag lautete, den Dunkelhaarigen zu quälen und ihn psychisch fertig zu machen, ihn an seine mentalen Grenzen zu bringen, aber nicht ihn zu töten. Im Gegenteil, der Gefangene sollte sich in einer guten körperlichen Verfassung befinden, wenn sein Boss in der Villa ankam.

      Überrascht stellte er fest, dass der Polizist seit einigen Minuten ruhig und entspannt da saß. Der Gefangene schien sich mit der Enge des Raumes und der dort herrschenden Dunkelheit und Stille arrangiert zu haben. Keine Panikattacken … keine Gefühlsausbrüche. Erstaunlich, damit hätte der Söldner nicht gerechnet, sondern eher mit dem Gegenteil. Sein Auftraggeber hatte ihn schon vor den Fähigkeiten des jungen Mannes gewarnt. Scheinbar nicht grundlos.

      Sein Blick fiel auf die Armbanduhr. In zwei Stunden sollte er den Boss am vereinbarten Treffpunkt abholen. Nein, vielleicht sollte er passender sagen, aus dem Gewahrsam der Justiz befreien. Es wurde Zeit, dass er Camil weckte und sie ihre letzten Vorbereitungen und Absprachen für die Befreiungsaktion abschließen konnten, bevor sie sich mit den Albanern trafen.

      *****

      Nördlich von Köln einige Zeit später ….

      Gabriela Kilic hatte nach der nochmaligen Operation ihres Armes in der Uni-Klinik Dank ihrer Beziehungen in die Justizkreise über ihren Rechtsanwalt das Privileg erkämpft, eine ambulante Reha-Behandlung außerhalb der Gefängnismauern zur Wiederherstellung der Funktionalität ihrer rechten Hand und des Armes durchführen zu können. Dafür war die Kroatin bereit gewesen, jeden Preis zu zahlen. Der Deal mit der Justiz, den ihr Rechtsanwalt Hans-Heinrich Hinrichsen mit Justin von Cronau ausgehandelt hatte, war einfach gewesen. Die Kroatin hatte als Informantin des BKAs einen Ring von Waffenhändler in Südosteuropa auffliegen lassen, mit denen sie früher selbst zusammengearbeitet hatte. Sie hatte mögliche Verstecke der Söldner im In- und Ausland genannt, deren Schmuggelrouten, das Geldwäsche-System. Ohne die Spur eines schlechten Gewissens hatte Gabriela ihre ehemaligen Partner den Justizbehörden auf dem Silbertablett serviert.

      Als Gegenleistung durfte sie deshalb seit mehreren Wochen zwei Mal wöchentlich zu einer Physio-Praxis im Kölner Stadtteil Nippes zur Krankengymnastik. Der Physio-Therapeut, der Gabriela Kilic behandelte, war ein angesehener Spezialist auf seinem Fachgebiet. Musiker, Sportler oder auch Handwerker, die auf die Geschicklichkeit ihrer Hände und Finger angewiesen waren, suchten vor allem nach Unfällen Carsten Junkers auf, um Funktionalität ihrer Hände wieder zu erlangen. Über den Therapeuten wurden wahre Wunderdinge berichtet. Auch die Kroatin träumte nach der letzten Operation davon, dass die Funktionalität ihrer rechten Hand und des Armes ganz oder teilweise wiederkehren würden.

      Was niemand ahnte, der Physio-Therapeut war der Familie Stojkovicz zu Dank verpflichtet gewesen. Gabriela Kilic hatte in den vergangenen Wochen die Therapiestunden genutzt, um unbeobachtet über ein Handy mit der Außenwelt Kontakt aufzunehmen und ihre Flucht vorzubereiten und nicht nur das, sondern auch den Beginn ihres Rachefeldzugs gegen ihren Erzfeind Ben Jäger.

      Zu Beginn der Therapie war die Vollzugsbeamtin noch bei den Einheiten dabeigesessen und hatte gemäß der Vorschrift die Gefangene keinen Moment unbeobachtet gelassen. Auf Gabrielas Drängen hin, fing der Krankengymnast an, rum zu maulen, dass er sich durch die Anwesenheit der Beamtin während der Therapie-Einheiten gestört fühlte. Nach einigen Tagen bat der Physio-Therapeut, Carsten Junkers, die Beamten vor der Tür des Behandlungszimmers Platz zu nehmen und dort zu warten. Es bestand ja offensichtlich keine Fluchtgefahr, denn das einzige Fenster des Raumes im Erdgeschoß war vergittert und Gabriela Kilic trug zusätzlich Fußfesseln.

      Die Behandlung mit Fahrt dauerte in der Regel zwei bis drei Stunden, je nachdem welche Anwendungen Gabriela Kilic in der Physio-Praxis bekam. Normalerweise war dies eine angenehme Abwechslung im Arbeitsalltag für die Vollzugsbeamten, welche die Gefangene begleiten durften, nur nicht an diesem Tag.
      Der Vollzugsbeamte, Ottfried Volkerts, am Steuer des Kleintransporters blickte genervt zur Uhr. Der Rücktransport der Gefangenen ins Frauengefängnis dauerte auf Grund des einsetzenden Feierabendverkehrs länger als ursprünglich geplant.

      „Frau Hinnerkopf, wie lange dauert es denn noch? Ich halte es nicht mehr länger aus!“, quengelte die dunkelhaarige Gefangene. Bereits seit einer halben Stunde jammerte sie der Vollzugsbeamtin, die mit ihr im hinteren Teil des Transporters saß, die Ohren voll, dass sie eine Toilette aufsuchen müsste. Diese rollte bereits genervt die Augen.
      „Ottfried!“, sprach sie ihren grauhaarigen Kollegen an, „komm, wir sind sowieso schon zu spät dran. Am Tor wissen sie doch auch schon Bescheid, fahr am nächsten Rastplatz mit WC raus! Auf diese drei Minuten kommt es auch nicht mehr an!“

      Ihr Kollege brummte zustimmend, da auch ihm dieses ständige Lamentieren der Gefangenen die Laune verdarb. Nur mit Mühe konnte Gabriela ein triumphierendes Aufleuchten ihrer Augen unterdrücken.
    • Was die beiden Beamten nicht ahnten, seit sie das Gelände der Physio-Praxis verlassen hatten, folgten ihnen unauffällig zwei schwarze Audi A6 Kombis, in denen Remzi und seine Komplizen saßen.

      Das Fahrzeug verlangsamte seine Fahrt und bog in den nächsten Rastplatz ein. Die Vollzugsbeamtin begleitete die Gefangene zur Toilettenanlage. Trotz des hohen Verkehrsaufkommens waren sie die einzigen Besucher des kleinen Parkplatzes. Im Toilettenhäuschen hielt Gabriela der Beamtin auffordernd die Hände hin.

      „Wie soll ich mir damit den Hintern abputzen? Oder wollen Sie das für mich machen?“
      Etwas missmutig schloss Frau Hinnerkopf die Handschellen auf, was sich angesichts der Bandage am rechten Arm als schwierig gestaltete. Gabriela verschwand in der Toilettenkabine. Die Beamtin wendete sich ab und kehrte auch der Eingangstür den Rücken zu. Nachdenklich betrachtete sie das verfleckte Handwaschbecken aus Aluminium. Der Abfalleimer neben dem Becken quoll über vor genutzten Papierhandtüchern und Taschentüchern. Es stank in dem kleinen Raum furchtbar nach Ammoniak und sonstigen Gerüchen von menschlichen Ausscheidungen. Die sommerliche Hitze verstärkte noch den unangenehmen Gestank. Die Beamtin zählte schon die Sekunden, um diesen widerlichen Ort zu verlassen.

      Von der Vollzugsbeamtin unbemerkt öffnete sich die Eingangstür und bevor Frau Hinnerkopf reagieren konnte, hatte sie Remzi mit einem Hieb auf den Hinterkopf brutal niedergeschlagen. Regungslos lag die Beamtin vor dem Waschbecken am Boden. Unterhalb ihres Kopfes bildetes sich eine kleine Blutlache.

      „Die Luft ist rein, du kannst rauskommen Gabriela!“, rief Remzi.

      Sichtlich erleichtert verließ Gabriela die Toilette und würdigte die Bewusstlose mit keinem Blick mehr. Sofort eilte die Kroatin in Richtung des abfahrbereit stehenden Audis.

      Dem Beamten Volkerts war es nicht viel besser als seiner Kollegin ergangen. Abgelenkt durch sein Smartphone, hatte er überhaupt nicht bemerkt, wie sich Camil von hinten näherte und ihn ebenfalls niederschlug. Die beiden Justizbeamten wurden zusätzlich noch mit Chloroform betäubt, gefesselt und geknebelt und in den hinteren Bereich des Kleintransporters verstaut. Der eingebaute GPS-Sender im Gefangenentransporter wurde von dem Serben entfernt. Die Gruppe der Fluchthelfer teilte sich auf.
      Während einer der Helfershelfer den Gefangenentransporter in einem entlegenen Waldstück entsorgte, fuhren deren Komplizen im anderen Audi zu einer Rastanlage und zerstörten dort den GPS-Sender. Dadurch sollte es viele Stunden dauern, bis die Vollzugsbeamten durch einen Jäger zufällig gefunden wurden.

      *****

      Der schwarze Audi Q5 rollte langsam den Kiesweg, der von Unkraut überwuchert wurde, entlang auf das riesige Anwesen zu. Camil, der Fahrer, hatte es vorgezogen, während der Autofahrt zu schweigen. Gabriela, die auf der Rücksitzbank Platz genommen hatte, war durch die abgedunkelten Scheiben vor interessierten Blicken verborgen gewesen. Sie genoss sichtlich ihre erste Stunde in Freiheit und war ebenfalls recht einsilbig gewesen.

      Remzi saß auf dem Beifahrersitz und hörte sicherheitshalber den Polizeifunk ab, falls der Gefangenentransporter und die Flucht wider Erwarten vorzeitig entdeckt worden wäre. Als sich das automatische Tor hinter ihnen geschlossen hatte, atmeten die beiden Serben und die Kroatin erleichtert auf. Die Flucht war geglückt. Keiner würde die entflohene Kroatin inmitten von Köln vermuten.

      Eine hohe Mauer schützte die Bewohner der großzügigen Villa, die von einem riesigen Grundstück umgeben war, vor neugierigen Blicken. Den Abschluss der Mauerkrone bildete Stacheldraht, der zusammen mit dem installierten Überwachungssystem unerwünschte Besucher fern hielt. Gabriela hatte das Anwesen bereits vor über einem Jahr mitten in Köln ausfindig gemacht. Über eine Briefkastenfirma mit Firmensitz in der Schweiz, die ihr gehörte, hatte die Kroatin ihren Rechtsanwalt Dr. Hinrichsen beauftragt, das Anwesen zu kaufen. Schon damals wurden auf ihre Anweisung hin einige Umbaumaßnahmen im Kellergeschoß durchgeführt, um Ben Jäger hier für längere Zeit gefangenen zu halten und zu foltern.
      Der Vorbesitzer der Villa hatte sich an der Börse verspekuliert. Er musste mit seiner Investmentfirma Insolvenz anmelden und hatte das Anwesen aus seiner finanziellen Not heraus, voll möbliert an den meist Bietenden veräußert. Das luxuriöse zweigeschossige Haus wurde von einem parkähnlichen Garten umgeben, der mittlerweile leicht verwildert war. Die riesigen Bäume mit ihrem Blätterwald schirmten das Anwesen vor neugierigen Blicken zusätzlich ab. Neben Rashid Stojkovicz, Camil Musik und Remzi, bewohnte noch Elena Olimov, die Freundin des jungen Albaners, das Anwesen.

      Elena war durch eine Schleuser-Bande, die im Auftrag der Familie Stojkovicz arbeitete, illegal nach Deutschland eingereist. Man hatte sie damit angelockt, dass reiche russische Landsleute, Haushälterinnen und Kindermädchen suchten. Von ihrem Gehalt sollte sie dann Stück für Stück den Preis für den Menschenschmuggel abverdienen. Aber es kam alles anders. Man nahm ihr alle Ausweispapiere ab und die junge Frau landete in einem Edelbordell der Familie Zladan Stojkovicz. In der Zeit, als Rashid gezwungen war, für seinen Onkel Zladan in jenem Bordell als Türsteher und Barmixer zu arbeiten, hatte er die hübsche Russin kennengelernt und hatte sich unsterblich in die hübsche Frau verliebt. Auch wenn sein Vater Boris alles andere als begeistert war über die Wahl seiner zukünftigen Frau, setzte Rashid seinen Willen durch und nahm Elena mit in die Villa. Bei dieser Gelegenheit hatte er zum ersten Mal die Macht seines sterbenden Vaters erleben dürfen. Sein Onkel Zladan und dessen Familie hatten die bittere Pille widerstandslos geschluckt.

      Remzi war anfangs gegen die Anwesenheit der jungen Russin gewesen und über die Eigenmächtigkeit des jungen Albaners sehr erbost gewesen. Doch nicht nur die Kochkünste der jungen Frau überzeugten ihn von den Vorteilen, den ihr Aufenthalt bot, sondern sie hielt auch das riesige Haus in Ordnung. Auf eine Bedingung bestand der grauhaarige Serbe: Elena durfte das Grundstück nicht alleine verlassen und auch sonst keinen Kontakt zur Außenwelt pflegen. Die Räumlichkeiten im Keller waren tabu.

      Für Elena bot die Anwesenheit in der Villa auch ihre Vorteile. Sie liebte auf ihre Art den jungen Albaner, der sie aus dem Sumpf des Bordells mit Alkohol und Drogen befreit hatte. Rashid hatte Elena versprochen, sie zu heiraten. Sobald die Familienehre der Familie Stojkovicz wiederhergestellt war und ihm sein Anteil aus dem Familienvermögen ausbezahlt worden war. Anschließend wollten sich Rashid und Elena unter neuem Namen in Kroatien oder einem der angrenzenden Balkanländer eine neue Existenz aufbauen.

      Nach ihrer Ankunft begab sich Gabriela zunächst einmal ins Obergeschoss. Eines der Schlafzimmer hatte sie gleich nach dem Kauf des Anwesens nach ihrem Geschmack eingerichtet. Als die Kroatin im vergangenen Jahr ihre Tarnwohnung in Köln Kalk Hals über Kopf räumen musste, hatte sie ihre persönlichen Gegenstände, ihre Kleidung, ihr heiß geliebtes Lieblingsparfum in der Villa vor dem Zugriff der Polizei versteckt. Sie wollte erst einmal duschen und die verhasste Gefängniskleidung loswerden. Auf ihren Befehl hin wurde von Elena die verhasste Kleidung im Garten verbrannt.
    • Einige Zeit später ….

      Mit Remzi, ihrem Vertrauten und ehemaligen Ausbilder bei der Söldnertruppe, zog sich Gabriela Kilic anschließend in das Arbeitszimmer im Erdgeschoss zurück. Die beiden Freunde umarmten einander und begrüßten sich herzlichst, was sie auf dem Autobahnrastplatz aus Sicherheitsgründen unterlassen hatten.

      „Schön, dass du da bist Remzi und mir geholfen hast. Danke für alles!“

      In kurzen Sätzen berichtete der grauhaarige Söldner ihr über den aktuellen Stand der Umsetzung ihrer Rachepläne. „Und bist du zufrieden Gabriela?“ erkundigte sich der Söldner abschließend.

      „Du bist jeden einzelnen Euro wert, den ich dir bezahlt habe und noch bezahlen werde Remzi, mein Freund. Ohne dich hätte ich meine Pläne nie so verwirklichen können.“

      Sie hatten zwischenzeitlich auf den bequemen Stühlen Platz genommen und tranken einen Kaffee. Draußen hatte die Abenddämmerung eingesetzt und die einfallenden Strahlen der untergehenden Sonne tauchten das Zimmer in ein gespenstisches Zwielicht.

      In dem Raum standen auf Tischen die Monitore und Festplatten, an welchen die Kameras angeschlossen waren, die Bens Gefängnis überwachten. Aufmerksam beobachtete die Kroatin den Gefangenen, der scheinbar aus seinem Schlaf aufgewacht war. Zuvor hatten ihr der Söldner einige Aufzeichnungen der vergangenen Tage vorgespielt. Ein teuflisches Grinsen huschte über ihr Gesicht, als sie die Panikattacken und die Verzweiflung von Ben Jäger am Bildschirm miterleben durfte.

      „In bin beeindruckt!“, gab sie zu, „von dem was du geleistet hast. Die ersten Filmausschnitte sehen sehr viel versprechend aus und sind ganz in meinem Sinn. Der Junge soll schauen, dass sie drüben auf dem Flat-Screen-Fernseher laufen. Die will ich heute Abend noch einmal in Großaufnahme sehen!“ Genüsslich leckte sie sich voller Vorfreude über die Lippen. „Wie macht sich der Junge denn? Boris hatte so seine Bedenken, ob sein Sohn für solch einen Racheplan brauchbar wäre!“

      Mit knappen Worten ließ der Serbe seine ehemalige Weggefährtin wissen, was er von dem jungen Albaner hielt. Remzi interessierte etwas anderes viel mehr. Er hatte Gabriela seit ungefähr fünf Jahren nicht mehr gesehen. Ihm war aufgefallen, dass der rechte Arm seiner Weggefährtin schlaff herab hing, als gehöre er nicht zu ihrem Körper, dazu die Manschette.
      „Was ist mit deinem Arm … deiner Hand … passiert?“, fragte er vorsichtig nach.

      In ihren Augen blitzte es sofort wütend auf. „Das habe ich dem Partner dieses verdammten Bullen zu verdanken!“ Mit ihrer gesunden Hand zeigte Gabriela auf den Monitor, der Ben zeigte, wie er verzweifelt sein Gefängnis untersuchte. „Dieser Knoblauch fressende Türke hat auf mich geschossen und die Kugel hat den Oberarmknochen zersplittert, die Sehnen, die Nerven, die Muskeln einfach alles zerfetzt. Vor drei Monaten war nochmals eine OP. So langsam kehrt das Gefühl in den Fingern und der Hand wieder zurück. Aber ich werde noch viele Monate trainieren müssen, bis der Arm und die Hand wieder halbwegs zu gebrauchen sind.“ Sie hielt dem Serben den lädierten Arm hin, bewegte ihre Finger und demonstrierte die eingeschränkte Beweglichkeit. „Deshalb habe ich mit dem Autobahnbullen ebenfalls noch eine Rechnung offen.... Aber alles zu seiner Zeit!“

      Anschließend erklärte sie Remzi den Rest ihrer Vorstellungen, wie sie sich die Umsetzung ihrer Rachepläne vorstellte. Außerdem berichtete sie ihm ausführlich, wie ihr Bruder Luca und ihr Cousin Mario ums Leben gekommen waren. So nach und nach verstand der Söldner die Beweggründe für den Hass seiner alten Bekannten gegen die beiden Autobahnpolizisten. Dabei beobachtete sie den Monitor. Nicht eine Geste, Mimik und Bewegung des gefangenen Polizisten entging ihr.

      „Morgen nach dem Frühstück werden wir uns ausgiebig unserem Gast widmen. Es wird Zeit, dass er weiß, wer wirklich hinter seiner Entführung steckt. Ich freue mich schon darauf, ihn gebührend zu begrüßen!“
    • Neu

      Am darauffolgenden Morgen … irgendwo in der Düsseldorfer Innenstadt …

      Verzweifelt hatte Anna in den letzten beiden Tagen versucht, eine Spur von Ben zu finden. Bitterlich bereute es die junge Frau mittlerweile, ihren Freund einfach so aus der Wohnung geworfen zu haben. Sebastian, der blonde Krankenpfleger, beteiligte sich ebenfalls an der Suche nach Ben. Er war in der Kölner Innenstadt und in den Stammkneipen seines Freundes unterwegs gewesen. Selbst die Mitglieder seiner Musikband unterstützten die Bemühungen der Ärztin auf der Suche nach Ben.

      Nichts … keine Spur … kein Hinweis … absolut nichts, was darauf hindeutete, wo sich Ben momentan aufhalten würde. Der junge Polizist reagierte nicht auf Anrufe, Nachrichten über WhatsApp oder SMS… nichts. Sein Motorrad war aus der Garage verschwunden. Keiner seiner Freunde und Bekannten hatte ihn gesehen oder gesprochen. Auch Leon, Bens Rechtsanwalt, wusste nicht, wo sich der junge Kommissar aufhielt. Er hatte gegenüber Anna die Vermutung geäußert, dass sich der Polizist im Probenraum der Band aufhalten könnte. Aber auch an diesem Ort erlebte die junge Frau eine Enttäuschung, als sie durch die Stahltür den Innenraum der ehemaligen Werkstatt betrat. Ihr Freund war nicht da. Seine Sporttasche stand einsam und verlassen neben dem braunen Sofa. Er war wie vom Erdboden verschluckt. Ein letzter Strohhalm blieb übrig.

      Schweren Herzens suchte Anna Konrad Jäger in dessen Firma auf, nachdem die Sekretärin ihre Telefonanrufe alle unter fadenscheinigen Gründen abgewimmelt hatte. Ihre Hoffnung war, dass Bens Vater einen Platz kennen würde, wohin sein Sohn flüchten würde, wenn er aus lauter Verzweiflung nicht mehr ein noch aus wusste. Es war nicht das erste Mal, dass die junge Ärztin die Firmenzentrale der Konrad Jäger AG betrat. Sie hatte Julia schon einige Male hier abgeholt, als sich die beiden Frauen zu einem Mädels-Abend oder einer Shopping Tour verabredet hatten. Zielgerichtet durchschritt Anna die große Eingangshalle und steuerte auf den Aufzug für die Geschäftsführung zu.

      Die Dame am Empfang diskutierte mit einem Besucher, der erbost darüber war, dass er irgendeinen Mitarbeiter der Personalabteilung nicht sprechen konnte. Die junge Ärztin konnte ungehindert zum Fahrstuhl gelangen. Mit klopfenden Herzen drückte sie den Knopf für die fünfte Etage. Surrend fuhr die Aufzugtür zu. Die Seitenwände des Aufzugs waren verspiegelt. Anna nahm ihre Sonnenbrille ab und betrachtete ihr Spiegelbild. Die Urlaubsbräune war aus ihrem Gesicht gewichen. Ihre Wangen wirkten blass und eingefallen. In den letzten drei Tagen hatte sie keinen Bissen mehr gegessen. Um ihre Augenränder lagen dunkle Ringe. Ihre Augen selbst waren leicht gerötet und verquollen vom vielen Weinen. Das leise „Ping“ des Aufzugs, als er die oberste Etage erreicht hatte, schreckte sie aus ihren trübsinnigen Gedanken. Sie betrat den großen Flur, rechts rum, dritte Tür am Ende des Gangs, dort befand sich das Direktionszimmer von Konrad Jäger. Wie durch einen Tunnel schritt Anna auf die Mahagoni-Tür zu.

      Die beiden Empfangsdamen davor beachtete sie nicht. „Halt! … Sie können nicht so einfach zu Herrn Jäger hinein! … Wer sind sie denn bitte?“, rief ihr die ältere der beiden Damen aufgebracht zu, als Anna kurz am Türblatt klopfte und die Türklinke in die Hand nahm und runterdrückte. Die Mitvierzigerin erhob sich mit einer Geschwindigkeit, die man ihr bei ihrer Körperfülle nicht zugetraut hätte und rauschte hinter Anna her. Gleichzeitig befahl sie ihrer jüngeren Kollegin: „Ruf die Security!“

      Anna wartete nicht auf ein „Herein“ sondern betrat das Allerheiligste von Konrad Jäger, der hinter seinem großen Schreibtisch residierte. Der Firmenchef, der gerade seine Korrespondenz unterschrieb, blickte von seinem Schreibtisch hoch zur Tür. Das Büro des Firmenchefs war schlicht und zweckdienlich mit dunklen Möbeln im Kolonial-Stil eingerichtet. Die Wände bildeten mit ihrem weißen Farbton einen Kontrast und hellten das Zimmer auf.

      „Tut mir leid Herr Jäger, die junge Frau ließ sich einfach nicht aufhalten!“, ging die Sekretärin in Verteidigungshaltung, „Die Security ist unterwegs und wird die Dame hinausbefördern!“

      „Schon gut Bernadette! Bei Frau Becker handelt es sich um die Freundin meines Sohnes.“, klärte er die Sekretärin auf und lehnte sich in seinem Bürostuhl zurück. „Lassen Sie uns bitte allein und die Security brauchen wir nicht!“
      Konrad musterte die junge Frau abschätzend von oben bis unten. Ihm war die schlechte Verfassung nicht entgangen, in der sich Bens Freundin befand.
      „Was kann ich für Sie tun, Anna?“, meinte er in einem herablassenden Tonfall. Er hatte dabei sein geschäftsmäßiges Pokerface aufgesetzt. Eine Maske ohne Emotionen. Er saß hinter seinem Schreibtisch und lehnte sich entspannt in seinem Bürosessel zurück. Dabei spielte er mit seinem goldfarbenen Kugelschreiber, den er durch seine Finger tanzen ließ. „Geht es um das Besuchsverbot bei Julia?“

      Die junge Frau kämpfte mit sich, kämpfte die aufkommenden Tränen nieder, nur keine Blöße zeigen, nur keine Schwäche zeigen. Ihre Stimme vibrierte und spiegelte ihre Seelenleben wieder, als sie antwortete: „Es geht nicht um Julia! Sondern um Ben!“ krampfhaft hielt sie ihre Sonnenbrille und Handtasche umklammert, damit ihr gegenüber nicht das Zittern ihrer Hände sah.

      „Um Ben?“, überrascht zog Konrad seine Augenbrauen in die Höhe. „Hat er sie jetzt vorgeschickt, um einen auf schönes Wetter zu machen!“

      Geräuschvoll atmete Anna aus, bevor ihr mit einem traurigen Unterton und einer gewissen Fassungslosigkeit entfuhr: „Sind sie wirklich so eiskalt, wie sie gerade tun? ... Was sind sie für ein Mensch? … Was sind Sie nur für ein Vater?" Anna schwieg für einige Atemzüge, bevor sie fortfuhr. "In meinen Augen sind sie ein selten dämlicher Idiot!“ Bens Freundin erkannte wie es Konrads Augen verräterisch flackerte. Ihre Worte hatten ihn getroffen. Mit jedem weiteren Satz wurde seine Gesichtsfarbe bleicher. „Als Menschenkenntnis von dem da oben verteilt wurde, haben sie sich wohl in einen Schutzbunker verkrochen? …“ Sie deutete mit ihrem Daumen ihrer Rechten nach oben in Richtung Zimmerdecke. „Wie konnten Sie nur eine Sekunde lang überhaupt glauben, dass Ben irgendetwas tun würde, was Julia und das Baby in Gefahr bringen würde, wie konnten sie nur? … Steckt Peter dahinter? Hat ihr Schwiegersohn sie mittlerweile so aufgehetzt, dass sie ihrem eigenen Sohn so etwas zutrauen würden? … Ich verstehe es nicht! … Ich verstehe es einfach nicht, dass man als Vater so verblendet sein kann.“ Unwillig schüttelte sie den Kopf. Für einen Moment schloss sie die Augen, sammelte Kraft und murmelte: „Ben ist seit fast drei Tagen spurlos verschwunden! Er geht nicht ans Handy, antwortet auf keine Nachricht. Niemand weiß, wo er sich aufhält!“

      Stille herrschte im Raum, die durch das Ticken der Wanduhr durchbrochen wurde.
      Tick … Tick … Tick …Tick …
    • Benutzer online 1

      1 Besucher