Time of Revenge

    • in Erarbeitung

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    • Vendetta – oder die Rache ist mein
      „Nun fahr schon schneller Remzi!“ drängte der junge Mann den Fahrer die Auffahrt zum Landhaus, das zu einem privaten Pflegeheim und Hospiz umgebaut worden war, hochzufahren. Ein Hinweisschild an der Grundstückseinfahrt wies den Besucher darauf hin, dass auf dem gesamten Gelände nur Schrittgeschwindigkeit erlaubt war. Kaum hatte der Ältere den schwarzen Toyota RAV4 auf dem Besucherparkplatz vor dem großen Eingangsportal eingeparkt, als Rashid ausstieg und in die Eingangshalle stürmte. Diese erinnerte von ihrer Ausstattung her, eher an den Empfangsbereich eines vornehmen Kurhotels als an den Eingang zu einem Hospiz und Pflegeheim. Die Bewohner dieser Luxuseinrichtung hatten auch ein entsprechendes Vermögen auf ihren Bankkonten.
      Schwester Jutta, die auf der Hospiz-Station arbeitete und sich vornehmlich um das Wohlbefinden seines Vaters kümmerte, erwartete ihn bereits ungeduldig und eilte in der Halle auf ihn zu.

      „Hallo Herr Stojkovicz, schön dass sie so schnell kommen konnten. Ihr Vater wartet schon sehnsüchtig auf sie.“

      Rashid wollte an ihr vorbeistürmen, als die grauhaarige Schwester ihn am Arm festhielt. Unwillig brummte er vor sich hin und versuchte den Griff abzuschütteln. In ihrem Blick lag jedoch so etwas Bestimmendes, was ihn ermahnte, ihr zuzuhören.

      „Ihr Vater ist bei klarem Verstand. Nutzen sie diesen Moment, es wird nicht mehr viele solche Gelegenheiten geben, mit ihm zu reden. Wenn sie noch was mit ihm zu klären haben, ist das vielleicht ihre letzte Chance!“

      Die Worte der Schwester riefen ihm ins Bewusstsein, sein geliebter Vater war dem Tode geweiht. Sein Verstand wehrte sich gegen diese Vorstellung, dass Boris Stojkovicz nach Aussage der behandelnden Ärzte nur noch wenige Tage zu leben hatte. Der Hospizbereich lag im Erdgeschoss des riesigen Anwesens. Alle Zimmer hatten über Panorama Fenster einen weitläufigen Blick auf den angrenzenden Park, in dessen Mitte sich ein Teich mit Wasserspielen befand. Auch sein Vater starrte durch das Fenster hinaus, als Rashid leise die Zimmertür öffnete und beobachtete die Menschen, die dort im Schatten der Bäume verweilten oder spazieren gingen. Ohne dass der alte Mann den Kopf wendete, wusste er, wer eintrat. „Hallo mein Sohn! Komm setze dich neben mich!“ Rashid setzte sich auf den Besuchersessel neben dem Krankenbett. Man hatte das Kopfteil des Bettes hochgestellt und seinen Vater so gelagert, dass er bequem liegen konnte. Über eine Nasenbrille bekam er zusätzlich Sauerstoff verabreicht. Ohne das Pflegebett und die medizinische Ausrüstung hätte man glauben können, in einem Komfort-Luxus-Hotelzimmer zu residieren. Die restlichen Möbel waren allesamt aus Edelhölzern gefertigt worden. Die geöffnete Tür erlaubte einen Blick ins Badezimmer, dessen Ausstattung aus feinstem italienischem Marmor, farblich aufeinander abgestimmt, bestand.

      Der junge Mann ergriff die knöcherne Hand seines Vaters, die eher an eine Klaue erinnerte und küsste diese zärtlich.
      „Wie geht es dir heute Papa? Besser?“ Es war das Betteln nach einem Hoffnungsschimmer. „Lassen wir dieses Geplänkel mein Sohn! Du weißt, es wird zu Ende gehen, meine Tage sind gezählt!“

      Ein Hustenanfall übermannte ihn, der Kranke japste röchelnd nach Luft und Rashid geriet schon in Versuchung nach der Krankenschwester klingeln. Eine Geste seines Vaters ließ ihn inne halten. „Wie ist es gelaufen? Erzähl mir lieber, ob die Schwester von diesem verdammten Jäger tot ist!“
      Der junge Mann schüttelte den Kopf. „Nein, ein paar Unfallzeugen konnten sie rechtzeitig aus dem Fahrzeug retten, bevor dieses explodiert ist. Dein Super-Experte aus Serbien ist scheinbar doch nicht so perfekt!“

      Der alte Mann schloss die Augen, die tief in den Augenhöhlen lagen. Sein Gesicht verzog sich zu einer hassverzerrten Fratze. Leise stieß er ein paar derbe Flüche und Verwünschungen aus.

      „Aber ich habe ein paar Videoaufnahmen gemacht Papa! Willst du Sie dir ansehen?“ meinte Rashid, um Versöhnung heischend, zog sein Handy aus der Hosentasche und startete das Video. Als die Szene kam, wo Ben Jäger auf das brennende Auto zu rannte und hilflos schrie, fing der alte Mann bösartig an zu lachen. Der nächste Hustenanfall stoppte ihn. Keuchend und nach Luft ringend lag er in seinem Krankenbett. Die Verzweiflung des jungen Polizisten verschaffte ihm eine gewisse Genugtuung.

      Boris Stojkovicz hätte seine Seele dem Teufel verkauft, wenn er dafür noch einige Tage länger leben würde und dadurch das Ende von Ben Jäger miterleben könnte. Warum musste ihn dieser verdammte Lungenkrebs auch innerlich auffressen, bevor er seinen Rachedurst an diesem verräterischen Bullen hatte stillen können. Vor vielen Jahren hatte dieser sich sein Vertrauen erschlichen, als er Undercover im Auftrag des LKAs tätig gewesen war. Ben Jäger trug an allem die Schuld: Dem Untergang seiner Familie, dem Tod seiner drei anderen Söhne, dem Tod seiner Frau, die sich aus Gram selbst das Leben genommen hatte und dass er die letzten Jahre im Rollstuhl verbringen musste. Nicht zuletzt, dass seine Krebserkrankung tödlich verlaufen würde. Der Gefängnisarzt hatte seine Beschwerden nicht ernst genommen und als er auf Drängen seines Anwalts zur weiteren Diagnose in die Uni-Klinik verlegt worden war, war es zu spät gewesen. Der Lungenkrebs hatte über seinen Körper Metastasen gestreut. Es gab keine Rettung mehr. Dabei hätte er nur noch ein Jahr bis zu seiner Entlassung absitzen müssen, dann wäre er auf Bewährung auf Grund seines Alters und Behinderung frei gekommen. Wie oft hatte er sich in der Gefängniszelle in seinen Gedanken ausgemalt, wie er Blutrache in diesem verräterischen jungen Polizisten nehmen würde. Die Zeit zerrann dem Todkranken zwischen den Fingern.

      Rashid dachte schon, dass ein Vater eingeschlafen sei, als dieser unvermittelt die Augen aufschlug. So wie früher blitzten ihn diese an.
      „Ich weiß nicht, ob ich das Ende von Ben Jäger noch erleben werde.“
      „… dann lass mir doch einfach eine Bombe unter sein Auto legen und er ist tot!“ fiel ihm sein Sohn ins Wort. „Nein! … Nein! … Und nochmals nein! … Verstehst du nicht, das wäre viel zu billig! Der Kerl soll leiden. … Wissen, was es heißt einen Verlust zu verspüren, um jemand zu trauern … eine Bombe! ...“ hasserfüllt lachte der alte Mann auf, „das wäre zu billig … zu einfach! Der Verräter hat deinen ältesten Bruder Sergej erschossen, mich angeschossen …!“

      Der Alte geiferte richtig vor sich hin. Mit seinem knochigen Finger deutete er auf das bereitgestellte Getränk auf dem Nachttisch. Rashid hielt ihm den Becher mit dem Strohhalm hin und der alte Mann trank gierig einige Schlucke.

      „Hör zu, mein Sohn! Es gibt noch ein paar Dinge, die du wissen solltest und die ich für dich geregelt habe.“ Rashid stellte den Trinkbecher zurück und lauschte den Worten seines Vaters. Dabei umfasste er mit seinen beiden Händen dessen kalte Hand. „Rechtsanwalt Dr. Hinrichsen war heute Nachmittag ebenfalls da und hat noch ein paar Instruktionen für den Fall meines Ablebens bekommen.“ Immer wieder legte der Todkranke Pausen während des Sprechens ein, um neue Kraft zu sammeln. „Dein Onkel Zladan hat dich gegen meinen Willen in die Familiengeschäfte mit reingezogen. Nach dem letzten Wunsch deiner Mutter, war dir bestimmt, ein bürgerliches Leben zu führen und für den Fortbestand unserer Familie zu sorgen. Meinetwegen heirate diese Elena, wenn sie dich glücklich macht, hast du meinen Segen. Dr. Hinrichsen wird dafür sorgen, dass du ein finanzielles Auskommen haben wirst. Dein Onkel wird dir deinen Erbteil aus den Geschäften überweisen! Jeden Cent einschließlich Zinsen!“ Der Alte lachte meckernd vor sich hin, als hätte er den Clou seines Lebens gemacht.

      „Aber Papa! Du kennst doch Onkel Zladan! Er hat mich mit ein paar mickrigen Euros fürs Studium abgespeist. Wenn ich mehr Geld möchte, soll ich für ihn arbeiten!“ warf der junge Mann ein.

      „Pffff, vergiss das! Dr. Hinrichsen hat Mittel und Wege und auch mächtige Verbündete, die deinem Onkel klar machen, wer das Sagen hat!“ Wieder fing der Alte an bösartig vor sich hinzulachen. Er glich in diesem Moment einem Dämon, der Ausgeburt der Hölle. „Schade …. Einfach … nur schade! Was ich wirklich bedauere, ist, dass ich das Gesicht von diesem Jäger nicht erleben kann, wenn er erfährt, wer hinter seinem Untergang steckt“, krächzte der Alte. Er verfiel für ein paar Minuten in ein Schweigen. Rashid wagte es nicht das Wort zu ergreifen. „Denke immer daran mein Sohn, auch wenn ich sterbe, du bist nicht allein bei deinem Rachefeldzug! … Du hast mächtige Verbündete! Vertraue diesen Leuten! Außerdem wird dieser Remzi auf dich aufpassen! …“

      Rashid wollte seinem Vater lieber nicht sagen, wie er die Fürsorge dieses Söldners empfand. In den letzten Tagen und Wochen ihrer Zusammenarbeit und des Zusammenlebens hatte er diesen rücksichtslosen Menschen näher kennengelernt. Der junge Albaner sehnte schon den Tag herbei, wenn er aus der Obhut dieses gewalttätigen Kerls, den er nicht ausstehen konnte, entfliehen konnte. Er hatte keine Ahnung, wie sein Vater ausgerechnet auf diesen Mann für die Ausführung seines Racheplans gekommen war. Woher kannte er diesen Mann? Der junge Albaner wusste, dass der Grauhaarige im Balkankrieg gekämpft hatte. Wahrscheinlich stammte daher seine Lieblingsbeschäftigung, andere Leute, einschließlich ihm, mit seiner sadistischen und menschenverachtenden Art zu quälen.

      „Papa, bitte! Warum ausgerechnet dieser Kerl? Sascha und ich kriegen das alleine hin und …!“

      „Du und Sascha?“ unterbrach ihn der Alte mit einem geringschätzigen Lachen. „Nein, nein mein Sohn! Wovon träumst du denn! Weder Sascha noch du haben den nötigen Grips, die solch ein ausgeklügelter Racheplan mit sich bringt! “ Wieder krümmte sich der Kranke in einem Hustenanfall zusammen. Sein Gesicht wirkte grau und eingefallen, als wer wieder Luft bekam und seinem Sohn eine letzte Botschaft mitgab. „Kümmere dich nicht um Details mein Sohn! Es ist alles geregelt! Mach, was Remzi dir sagt und am Ende wirst du, wenn Ben Jäger tot ist, belohnt werden!“

      Rashid quälten noch viele Fragen im Zusammenhang mit diesem Rachefeldzug. Bis zum Schluss hatte sein Vater Geheimnisse vor ihm. Als er das letzte Mal nachgebohrt hatte und das wieso und warum hinterfragt hatte, war sein alter Herr regelrecht ausgeflippt. Die Worte der Krankenschwester kamen ihm wieder in den Sinn. Nein, einen Streit als letztes Gespräch, nein, das wollte er nicht riskieren. Rashid wollte in Frieden mit seinem Vater hier und heute auseinandergehen. Die beiden Männer wechselten noch ein paar Worte, die die Zukunft des jungen Mannes betrafen, bevor der Todkranke erschöpft einschlief.

      Rashid verharrte noch einige Minuten regungslos in seinem Sessel. Irgendwie war ihm klar, dass er Abschied nehmen musste von seinem Vater. Er kniff die Lippen zusammen und aus den Augenwinkel rannen Tränen über seine Wangen. Viele Gedanken schossen ihm durch den Kopf, über die Vergangenheit und seine Zukunft. Das Piepsen seines Handys, auf dem eine neue Nachricht angekommen war, riss ihn aus seiner Traumwelt. Remzi wartete auf ihn und drängte zum Aufbruch. Der junge Albaner erhob sich aus dem Sessel und hauchte seinem Vater zum Abschied einen Kuss auf die Stirn.
    • Am darauffolgenden Morgen erwachte der junge Polizist kurz nach 07.30 h. Viel zu spät, wie ihm ein Blick auf dem Wecker verriet! Er hatte verschlafen.

      „Fuck! … Fuck!“ entfuhr es ihm, als er sich mühsam aus seinem Bett quälte. Die Prellungen des gestrigen Unfalls schmerzten erst heute so richtig heftig. In seinem Kopf hämmerte es. Ohne dass es ihm bewusst wurde, stöhnte Ben leise vor sich hin. Selbst der kleine Gang ins Bad wurde zur Qual. Nachdem er sich erleichtert hatte, überlegte er kurz und stellte sich dann doch unter die Dusche, in der Hoffnung, dass dies ihn etwas erfrischen und beleben würde. Als er aus der Duschkabine stieg und sich ein Handtuch um die Hüften schlang, öffnete sich leise die Badezimmertür. Der verlockende Geruch von frisch gekochten Kaffee stieg ihm in die Nase. Anna stand in der Tür und hielt eine Tasse dampfenden Kaffee in der Hand.

      „Hey du!“ raunte sie ihm zu, „wie geht es dir? Dein Rücken sieht auf jeden Fall recht farbenfroh aus.“ Sie ging auf ihm zu und hauchte Ben einen liebevollen guten Morgen Kuss auf die Lippen.

      „Guten Morgen, mein Schatz!“ wisperte er zurück.

      „Wie wäre es erst einmal mit einem Frühstück?“

      Er schüttelte den Kopf und meinte, „Ich bin viel zu spät dran. Die Zeit hat gerade noch für eine Dusche ausgereicht, bevor ich weg muss!“

      „Ben!“ ermahnte seine Freundin ihn, „schon vergessen, du bist für heute krank geschrieben.“ „Oh, vergiss das Anna! Mir geht es gut!“ widersprach er.

      „Du bist unmöglich Ben!“ stellte sie kopfschüttelnd fest. „Ich habe bereits mit Frau Krüger telefoniert und dich krank gemeldet.“

      „Du hast bitte was gemacht?“ empörte er sich und schüttelte ihre Hand ab, die auf seinem Arm lag.

      „Ben! Betrachte dich mal richtig im Spiegel!“ Ihr Finger zeigte auf sein Spiegelbild, „fit sieht wohl anders aus. Du bleibst heute zu Hause!“

      Bevor eine Diskussion zwischen den beiden entbrennen konnte, klingelte es an der Wohnungstür. Ben hegte die leise Hoffnung, dass Semir vorbeikommen würde, um ihn zum Dienst abzuholen. So schnell es ihm sein körperlicher Zustand erlaubte, trocknete er sich ab. Die kleinen Männchen in seinem Kopf schienen dabei eine wundersame Vermehrung zu erfahren. Es pochte und klopfte, zumindest das Schwindelgefühl war weg. Er massierte seine Schläfen und suchte im Medizinschrank ein nach ein paar Schmerztabletten, von denen er auch gleich zwei nahm, bevor er ins Schlafzimmer huschte, um sich anzukleiden. Als er sich nach den Boxershorts das T-Shirt überstreifte, vernahm er eine Stimme aus dem Wohnzimmer, die er definitiv nicht erwartet hätte. Ungläubig tapste er halb bekleidet ins Wohnzimmer. Tatsächlich da stand Sebastian, der blonde Krankenpfleger.

      Völlig verblüfft meinte Ben „Guten Morgen, was machst du denn hier, Basti?“

      „Guten Morgen Ben! Auf dich aufpassen!“, gab der Blonde zurück.

      „Anna, das ist nicht dein Ernst oder? Ich brauche keinen Babysitter!“ entrüstete sich Ben.
      Anna stellte ihre Kaffeetasse geräuschvoll auf die Anrichte und schritt auf ihren Freund zu. Mit ihren Händen umfasste sie seine Schultern und suchte Blickkontakt zu seinen Augen. „Du bist nicht Wolverine oder sonst ein Superman mit Selbstheilungskräften Ben Jäger!“ Ihre Sorge schwang unüberhörbar in ihrer Stimme mit. Ihre Augen hatten so einen flehenden Ausdruck, dass Ben sein eigensinniges Verhalten fast schon Leid tat. „Du hattest einen schweren Schock, leidest an den Folgen einer leichten Gehirnerschütterung, von deinen Prellungen wollen wir mal gar nicht reden! Normalerweise gehörst du in ein Krankenhaus und nicht nach Hause! … Mein Gott Ben, ich habe Angst um dich. Du stehst unter Medikamenteneinfluss, solltest kein Auto fahren …. Geschweige denn, irgendwo auf der Autobahn eine Cowboy-Nummer abziehen …! Und du brauchst sehr wohl einen Babysitter. Denn wenn ich da zur Tür rausgehe, dauert es keine fünf Minuten und du sitzt in deinem Auto, egal wie es dir geht“ Ihre Worte trafen ihn hart und er schluckte.

      Sebastian, der die Unterhaltung bisher schweigend verfolgt hatte, unterstütze seine Freundin.
      „In einem gebe ich Anna Recht. Du siehst echt Scheiße aus, Ben! Keine Ahnung, wie du dich fühlst. Aber so solltest du keinen Dienst auf der Autobahn schieben. Und unter uns Männern, gib es auf, du kommst sowieso nicht gegen Anna an. Kannst mir ja mal ein paar der versprochenen Gitarrenstunden geben.“, meinte er abschließend mit einem Augenzwinkern und schelmischen Grinsen.

      „Ihr habt ja beide Recht!“ lenkte Ben ein und seufzte auf. „Mir brennt nur eine Sorge auf der Seele: Julia!“

      „Sobald ich im bin Krankenhaus bin, erkundige ich mich nach deiner Schwester und gebe dir Bescheid. … Versprochen!“ Annas Blick richtete sich auf Sebastian „Bitte pass auf ihn auf! Das Frühstück habe ich euch vorbereitet. Ich bemühe mich, heute früher Feierabend zu machen!“

      Sie hauchte Ben einen innigen Kuss auf die Lippen, schnappte sich ihre Handtasche und den Autoschlüssel von der Kommode und verschwand. Die beiden jungen Männer verzehrten das reichhaltige Frühstück. Sebastian versuchte im gemeinsamen Gespräch Ben ein wenig von seinen Sorgen abzulenken. Aber erst als Anna anrief und ihn über Julias Zustand informierte, war Ben tatsächlich ein wenig beruhigter. Im Gegensatz zu dem jungen Kommissar war der Krankenpfleger ein sehr ordnungsliebender Mensch. Deshalb schlug er Ben vor, während er die Küche aufräumte und das sonstige Chaos beseitigte, solle dieser sich solange auf der Couch ausruhen und Musik hören. Als Sebastian nach einer halben Stunde fertig war und sich zu Ben setzen wollte, bemerkte er, dass dieser schlief. Während er eine Decke über den Schlafenden legte, meinte er zu sich selbst, so viel zu dem Thema, wie fit jemand ist. Der Blonde machte es sich in dem Sessel gemütlich und zappte gelangweilt durch das morgendliche Fernsehprogramm.
    • Am späten Nachmittag kam Anna, früher als erwartet, nach Hause, wo sie von dem befreundeten Krankenpfleger bereits sehnsüchtig erwartet wurde.
      „Danke noch Mal, dass du deinen freien Tag geopfert hast!“

      „Für Freunde doch immer, das weißt du doch Anna! Ben liegt drüben im Schlafzimmer und pennt seit etwa zwei Stunden. So wie ich ihn kenne, wird er nach dem Aufwachen Hunger haben.“

      Nachdem sie mit Sebastian schnell ein paar medizinische Fakten über Bens Gesundheitszustand ausgetauscht hatte, verabschiedete sich der Blonde. Anna schlich zur Schlafzimmertür und warf einen Blick hinein. Ben lag tatsächlich quer über dem Bett und hielt ihr Kopfkissen im Arm, eng an sich herangedrückt. Sie schnappte sich ihre Lieblingsshorts und ein Top aus dem Schrank. Ihr Freund schien von alledem nichts mitbekommen zu haben und schnarchte leise vor sich hin. Nach einer erfrischenden Dusche öffnete sie die Tür zur Dachterrasse und trat hinaus bis ans Geländer. Sie genoss die Wärme der Sonnenstrahlen und den leichten Sommerwind in ihrem nassen Haar. Anna überlegte, ob sie erst noch schnell eine Runde joggen gehen sollte oder erst ein Abendessen für Ben und sich zubereiten. Ihre Shorts kniffen und zwickten, mit Mühe und Not hatte sie den Reißverschluss hochziehen können und den Bund zuknöpfen. Der Italienurlaub mit dem leckeren Essen hatte eindeutig Spuren in Form von ein paar Pfunden zu viel hinterlassen.

      „Pfff!“ entfuhr es ihr, leise redete sie mit sich weiter „Geht gar nicht! Das heißt Salat für mich und für Ben eine Portion gefüllte Tortellini mit Käsesauce!“
      Sie beschloss auf ihre Hotpants mit Gummizug zurückzugreifen und eine Runde Sport war auf jeden Fall heute noch fällig.
      Der verführerische Geruch von Essen weckte Ben aus seinem tiefen Erholungsschlaf. Sein Magen grummelte laut und verstärkte das Hungergefühl. Schnell schlüpfte er in seine Bermudashorts und streifte sich ein Shirt über. Aus der Küche erklang das Geklapper von Geschirr. Sebastian kochte? Nee, das konnte er sich nicht vorstellen. Der Blonde mixte zwar die besten Cocktails der Welt aber vom Kochlöffel sollte er lieber die Finger lassen. Barfuß tapste er in die geräumige Wohnküche und erblickte durch die geöffnete Terrassentür seine Freundin, die draußen auf der Dachterrasse den Tisch deckte.
      Sein Ärger über ihre Eigenmächtigkeit heute Morgen war zwischenzeitlich verflogen. Er konnte ihr nicht böse sein und wenn er ehrlich war, hatte sie mit ihrer Entscheidung, ihn aus dem Verkehr zu ziehen, recht gehabt. Bis auf leichte Kopfschmerzen und Zippen am Rücken, wenn er eine unbedachte Bewegung machte, ging es ihm gut. Die Übelkeit und das Schwindelgefühl waren komplett verschwunden.

      Leise schlich er sich von hinten an Anna ran. Diese summte ihr Lieblingslied vor sich hin und bekam von seiner Annäherung nichts mit. Zärtlich hauchte Ben seiner Freundin einen Kuss an den Hals, umarmte sie von hinten und wisperte ihr ins Ohr: „Hallo mein Schatz!“

      Erschrocken fuhr die dunkelhaarige Frau bei der unerwarteten Berührung zusammen. Sekunden später schmiegte sie sich an ihren Freund und erwiderte seine Küsse und Zärtlichkeiten. Ben unterbrach die Begrüßung. Ihn brannte eine Frage auf der Seele, „Hast du Neuigkeiten von Julia? Wie geht es ihr? Warst du noch mal auf der Intensivstation?“ Er hielt dabei seine Freundin im Arm und versuchte ihren Ausführungen zu folgen.
      „Ich war nachdem ich Feierabend gemacht hatte, noch mal auf der Neuro-Intensivstation und habe auch mit dem behandelnden Arzt Dr. Beiersdorf gesprochen.“ Daraufhin erfolgte ein kleiner medizinischer Vortrag über Julias Gesundheitszustand, den Ben schon nach dem dritten Satz unterbrach.
      „Bitte Anna! Ich bin kein Mediziner! All dieses fachliche Gelabber verstehe ich doch sowieso nicht. Erkläre es mir in einfachen Worten!“

      „Oh sorry“, sie kicherte kurz „tut mir leid. Ich versuche mich so verständlich wie möglich auszudrücken. Julia hatte Glück im Unglück und ein ganzes Heer Schutzengel. Hmm, wie erkläre ich dir das!“ Sie setzte sich an den Tisch, zog eine Servierte heran und malte darauf rum. Mit wenigen Worten machte sie ihrem Freund begreiflich, wo es zum Bruch in der Schädeldecke gekommen war und wie sich dieser auswirkte. „Gut ist, es ist kein Hirnwasser ausgetreten. Es kam bisher zu keiner Schwellung des Gehirns und auch zu keinen Blutungen. Dr. Beiersdorf macht sich nur Sorgen, weil Julia so lange bewusstlos gewesen war. Sie war heute bereits zweimal kurz wach. Wirkt aber vollkommen orientierungslos und leidet auch unter einer Amnesie.“ Anna bemerkte wie Ben erbleichte und anfing zu zittern. „Hey Schatz! Bitte, nicht aufregen. Es grenzt wirklich an ein Wunder, dass Julia und das Ungeborene den Unfall so überstanden haben. Der kleine Racker ist putz munter. Semir hat mir ein paar Fotos von der Unfallstelle geschickt. Also Kopf hoch, nach dem Essen fahren wir rüber in die Uni-Klinik. Dr. Beiersdorf hat mir versprochen, dass du auch außerhalb der Besuchszeit ein paar Minuten zu Julia darfst.“

      *****

      Eine Stunde später stand der junge Mann vor Julias Krankenbett. Umgeben von unzähligen medizinischen Geräten, blinkenden Monitoren lag seine Schwester im Bett. Im ersten Moment wirkte es, als würde sie friedlich schlafen, wären da nicht die störenden Infusionsschläuche und Kabel gewesen. Außerdem hatte sich auf der linken Gesichtshälfte im Bereich des Auges und der Wange eine Schwellung mit einem riesigen Hämatom gebildet. Auch andere Körperstellen waren von Blutergüssen gezeichnet. Der Oberarzt hatte ihn wie Anna über Julias Gesundheitszustand beruhigt. Es war noch kritisch, aber nicht mehr lebensbedrohlich. Wenn die kommenden beiden Tage auch ohne nennenswerte Komplikationen ablaufen würden, wäre das Schlimmste überstanden. Ein Problem bei der Behandlung war die Schwangerschaft, die man aus Sicht der Ärzte nur im Notfall mittels Kaiserschnitt unterbrechen wollte. Die Nachrichten waren für Ben ein Wechselbad der Gefühle.

      Anna und Dr. Beiersdorf blieben vor der Schiebetür zu Julias Zimmer stehen und beobachteten Ben durch das Fenster. Mit hängenden Schultern, als hätte er eine schwere Last zu tragen, trat der Dunkelhaarige näher zu seiner Schwester heran und umfasste ihre Hand. Leise sprach er mit ihr, streichelte sie auf den Wangen, fuhr zärtlich über den Bauch. Seine Mimik entspannte sich dabei und sein Gesicht nahm einen sinnlichen Ausdruck an. Der Oberarzt hatte Ben versichert, auch wenn Julia schlief, konnte sie die Anwesenheit ihres Bruders spüren.

      Leider wurde aus dem Krankenbesuch tatsächlich nur ein Kurzbesuch von zehn Minuten. Die Patienten, einschließlich Julia, mussten für die Nacht vorbereitet werden. Um die Privatsphäre der Kranken zu wahren, wurde Ben gebeten, die Intensivstation zu verlassen.
    • Am darauffolgenden Morgen setzte sich der junge Kommissar seiner Freundin gegenüber durch und trat seinen Dienst auf der PAST an. Dort erlebte er eine herbe Enttäuschung. Frau Krüger verdonnerte ihn zum Innendienst, was er mit einer missmutigen Laune quittierte. Selbst Semir, der an diesem Morgen auf Wolke sieben schwebte, weil er heute Abend mit Andrea vornehm ausgehen würde, konnte ihn nicht ablenken und aufmuntern.

      Griesgrämig saß Ben mit einer Leichenbittermiene hinter seinem Schreibtisch. Zu allem Überfluss hatte ihn die Chefin dazu verdammt, das Chaos auf seinem Arbeitsplatz zu beseitigen und aufzuräumen. Irgendwann stieß er auf die Berichte, Zeugenaussagen und Fotos zu Julias Unfall, die er eingehend studierte. Der Sachverständige der Versicherung ging davon aus, dass ein Fahrfehler von Bens Schwester die Unfallursache war. Die Zeugenaussagen schienen seine Meinung zu bestätigen. Damit war der Fall für alle Beteiligten soweit formal abgeschlossen, da keine weiteren Personen zu Schaden gekommen waren.

      Aber nicht für Ben! Er konnte und wollte es einfach nicht glauben, dass es sich bei Julias Crash, um einen Unfall, wie sie tagtäglich auf der Autobahn geschahen, gehandelt hatte. Seine Intuition sagte ihm, da steckte mehr dahinter. Seine Schwester war eine sehr sichere Autofahrerin, hatte zig Fahrsicherheitstrainings absolviert, um ihre Fähigkeiten auch in kritischen Situationen zu verbessern …. Nein, nein und nochmals nein … sagte ihm seine Logik, so verlor sie trotz Schwangerschaft nicht die Kontrolle über ihren Mercedes.

      Ohne das Wissen von Kim Krüger und Semir veranlasste der Kommissar, dass das Fahrzeugwrack nach Freigabe zur Verschrottung zur KTU der Autobahnpolizei transportiert werden würde. Die Rechnung für den Abschleppdienst wollte er selbst begleichen.

      Zwei Stunden früher als üblich machte Semir Feierabend. Er wollte sich noch richtig schick rausputzen und es auf keinen Fall riskieren, Andrea zu spät abzuholen. Es würde die große Chance des Türken für eine Versöhnung mit seiner Frau werden. Er verabschiedete sich mit einem fröhlichen Grinsen.
      „Komm Partner! Lächle auch mal! Drück mir die Daumen für heute Abend! Auf deine Empfehlung hin habe ich bei diesem tollen italienischen Restaurant Toscanini in der Innenstadt reserviert!“

      Ben hob interessiert den Kopf und zwang sich zu einem Lächeln. „Du kriegst das schon hin Partner!“

      Aufgeregt wie ein Teenager vor seinem ersten Date, suchte Semir seine Autoschlüssel auf dem Schreibtisch. Nun konnte sich Ben ein Lachen nicht verkneifen, feixend erhob er sich von seinem Stuhl und hob einen der grünen Aktendeckel an.
      „Suchst du etwa diesen da?“
      Dabei hob er klappernd den Autoschlüssel hoch in die Luft, dass ihn Semir mit seiner Körpergröße nur hüpfend erreichen konnte. Lachend verabschiedeten sich die beiden Kommissare voneinander.

      *****

      Zwei Stunden später … Feierabend auf der PAST

      Der Himmel hatte sich verdunkelt und ein leichter Regen hatte eingesetzt. Hoffentlich ist das kein böses Omen für Semirs Absichten, dachte Ben bei sich, als er das grau in grau des Abendhimmels auf dem Weg zu seinem silbernen Mercedes betrachtete. Auf dem Nachhauseweg schaute der junge Kommissar in der KTU vorbei und informierte Hartmut von dem bevorstehenden Attentat.
      „Ben! Das ist nicht dein Ernst! Ich ersticke hier fast vor Arbeit und soll dann auch noch den Wagen deiner Schwester anschauen! Vergiss es!“
      „Hartmut bitte! … Du hast was gut bei mir ehrlich! … Sag mir was und ich erfülle dir fast jeden Wunsch!“ flehte er den Rotschopf an.

      Hartmut grummelte verärgert vor sich hin. Ben verfolgte ihn auf Schritt und Tritt in der Fahrzeughalle und redete ununterbrochen auf ihn ein.

      „Ben, du machst mich wahnsinnig mit deinem Gerede und dem Hinter-Her-Gelaufe!“ Dabei hatte er sich umgedreht und fuchtelte aufgeregt mit einem Gabelschlüssel durch die Gegend. „Also gut!“ lenkte der Rotschopf ein, als er Bens verzweifelten Gesichtsausdruck sah. Er hatte ja selbst eine Schwester und konnte sich recht gut in Bens Situation rein versetzen. „Wenn es dir so wichtig ist und nicht sofort gemacht werden muss. Der Abschleppdienst soll die Karre draußen auf dem Hof abstellen und abdecken! … Aber ich verspreche dir nichts! … Verstanden!“

      „Danke Hartmut!“

      Im Gehen fischte der Kommissar sein Handy aus der Hosentasche und informierte die Abschleppfirma. Anschließend fuhr er zur Uni-Klink. Hier erlebte der junge Polizist die nächste Enttäuschung. Seine Schwester schlief wieder. Der behandelnde Arzt war nach wie vor optimistisch, was den Krankheitsverlauf betraf. Beim Verlassen der Intensivstation begegnete er im Zugang zur Intensivstation seinem Schwager. Dieser brauste sofort wieder wutentbrannt auf, als er Ben erblickte.

      „Wer hat dir erlaubt Julia zu besuchen?“, brüllte er lautstark Ben an. „Schon vergessen, wer an ihrem Unfall schuld ist? Und da wagst du es noch in ihre Nähe zu kommen!“
      Wie beim letzten Aufeinandertreffen versuchte er gegenüber Ben handgreiflich zu werden, was sich der junge Kommissar diesmal nicht gefallen ließ. Recht schnell hatte er Peter Kreuzer-Jäger in den Schwitzkasten genommen und fauchte ihn aufgebracht an.
      „Falls es irgendwann in deinem Gehirnkasten mal ankommt, ich habe Julia nicht angerufen noch habe ihr sonst wie eine Nachricht zukommen lassen. … Außerdem, verdammt noch mal, sie ist meine Schwester und du bist der Letzte, der mir verbieten wird, diese zu besuchen.“

      Bevor der Streit der beiden jungen Männer weiter eskalieren konnte, schritt Dr. Beiersdorf ein, der unfreiwillig Zeuge der Szene wurde.
      „Meine Herren! Ich darf sie doch bitten! Dies ist ein Krankenhaus. Sie befinden sich vor einer Intensivstation und nicht in irgendeiner Hinterhofkneipe! … Also benehmen Sie sich entsprechend!“

      Er trennte die beiden Männer und Ben trottete innerlich aufgewühlt in Richtung des Ausgangs.

      Peter Kreuzer-Jäger murmelte vor sich hin „Na warte! Wir werden schon sehen, wer hier am längeren Hebel sitzt!“

      *****

      Irgendwo in Köln …. Einige Zeit später

      Ben befand sich auf der Fahrt von der Uni-Klinik nach Hause, als sein privates Handy klingelte. Verwundert blickte er auf das Display. Die angezeigte Nummer war ihm nicht bekannt. Trotzdem entschloss er sich über die Freisprecheinrichtung ran zu gehen.

      „Jäger“
      …..
      „Ja Sie sprechen mit Ben Jäger, Hauptkommissar bei der Autobahnpolizei.“
      ….
      „Um meine Schwester Julia? Den Unfall von vor zwei Tagen. Woher haben Sie denn meine Nummer?“

      „Nein schon ok. Wenn Memphis die Nummer weitergegeben hat, passt das schon!“
      ….
      „Kommt drauf an was Sie an Informationen zu verkaufen haben.“
      ….
      „Wo wollen wir uns treffen?“
      ….
      „In Ordnung …. Ja ich weiß wo das ist und ich komme sicher alleine!“
      ….
      „Und wie erkenne ich Sie?“
    • Kölner Innenstadt …

      Die Dunkelheit war zwischenzeitlich über die Stadt hereingebrochen. Der Mercedes des Hauptkommissars bog in die Marktgrafenstraße ein. Ben hatte noch überlegt, ob er Rückendeckung anfordern sollte. Semir fiel aus, der hatte heute seinen großen Abend mit Andrea. Jenny vielleicht? Aber die war in seinen Augen zu unerfahren. Außerdem drängte die Zeit. Der angebliche Informant wollte ihm Beweise liefern, dass es sich bei dem Unfall tatsächlich um einen Mordversuch gehandelt hatte. Der Mann hatte darauf bestanden, dass Ben am vereinbarten Treffpunkt alleine erscheinen würde.
      Das Licht der Scheinwerfer spiegelte sich in der regennassen Straße. Überall am Straßenrand waren Pfützen, die beim Durchfahren aufspritzen. Die Straße wirkte einsam und verlassen. Und trotzdem störte ihn irgendwas. Er hatte fast den vereinbarten Treffpunkt erreicht, als er im Kegel des Scheinwerferlichtes die Umrisse einer am Boden liegenden Gestalt wahrnahm, die merkwürdig zusammengekrümmt dalag. Erneut warnte ihn sein inneres Gefühl, in eine Falle zu tappen.

      Ben stoppte den Wagen und scannte im Zwielicht der Straßenbeleuchtung die Umgebung. Als der dunkelhaarige Kommissar ausstieg, blickte er sich nochmals sichernd um. Er fühlte sich beobachtet, zog seine Waffe und entsicherte diese. Von der Gestalt am Boden war ein lautstarkes Stöhnen und Jammern zu hören. Der junge Polizist sondierte erneut die Lage, versuchte in den Hauseingängen und Gebäudeumrissen irgendetwas Auffälliges oder Verdächtiges zu erkennen. Der feine Dauerregen behinderte zusätzlich die Sicht. Als er sich vom Auto weg zum Verletzten hinbewegte, sprach er beruhigend auf den Mann ein.

      „Hallo, ich bin Polizist! Ganz ruhig, gleich bin ich bei ihnen. Was ist den passiert?“ Bei seiner letzten Frage hatte er den Verletzten erreicht und kniete bei ihm nieder.
      „Fuck!“ entfuhr es ihm, als die Feuchtigkeit der Straße sein Hosenbein durchdrang. Er steckte die Waffe zurück in das Holster und zog eine kleine Taschenlampe aus seiner Jackentasche. Als er dem Verletzten ins Gesicht leuchtete, erschrak er im ersten Moment. Aus dessen Mund und Nase floss das Blut in Strömen und vermischte sich mit dem Regenwasser auf der Straße. Die Wasserlache vor dem Verletzten war bereits blutrot gefärbt.

      „Ok, bleiben sie ruhig! Ich ruf gleich einen Rettungswagen! Mein Name ist Ben Jäger, ich bin Kommissar bei der Kripo Autobahn. Waren wir hier verabredet? … Hatten Sie mich angerufen? … Was ist denn passiert?“ fragte er erneut bei dem Mann nach. „Wer hat sie denn so übel zugerichtet?“

      Als Antwort auf seine Fragen erhielt der Kommissar nur ein gequältes Stöhnen. Der Mann, seinem Aussehen nach jemand, der auf der Straße lebte, öffnete den Mund. Doch statt Worte quoll nur ein Schwall Blut heraus. Der Verletzte nickte andeutungsweise. Sein zerschlissener Mantel hatte sich ebenfalls mit Regenwasser voll gesogen, woraus Ben schloss, dass er schon länger am Boden lag. Er zückte sein Handy, um einen Notruf abzusetzen. In der anderen Hand hielt er vorsichtshalber wieder seine Waffe. Noch bevor er die Nummer des Rettungsdienstes gewählt hatte, flackerte Blaulicht hinter ihm auf, das sich an den Hauswänden wiederspiegelte. Ben konnte sich gar nicht daran erinnern, dass er die Annäherung eines Fahrzeuges gehört hatte. Das Geräusch, wenn eine Schusswaffe entsichert wurde, durchdrang die Schwärze der Nacht. Eine markante männliche Stimme erklang.

      „Hier spricht die Polizei! Keine falsche Bewegung! … Legen Sie ihre Schusswaffe auf den Boden, strecken Sie die Hände deutlich sichtbar nach oben und stehen Sie ganz langsam auf und drehen sich um!“

      Ben war im ersten Moment total verblüfft. Der Streifenwagen war wie aus dem Nichts aufgetaucht.

      „Ganz ruhig! Wir sind Kollegen“, versuchte er die Situation zu entschärfen, außerdem kam er den Aufforderungen des Polizisten nach. Als der Kommissar aufgestanden war, fühlte er, wie zwei Hände ihn abtasteten. „Mein Ausweis steckt in der rechten hinteren Hosentasche. Ich bin Hauptkommissar Ben Jäger von Kripo Autobahn!“ klärte er seinen Kollegen auf und drehte sich langsam um, als dieser seinen Dienstausweis in der Hand hielt. Er konnte die Gesichter der Kollegen in der Dunkelheit nicht richtig erkennen, denn das Licht von deren eingeschalteter Taschenlampe blendete ihn zusätzlich.

      „Sollten wir nicht erst mal einen Rettungswagen für den armen Kerl rufen“, schlug er mit dem Handy in der Hand vor.

      Sein gegenüber nickte zustimmend. Ben setzte den Notruf ab. Während der Wartezeit sprach der junge Autobahnpolizist beruhigend auf den verletzten Mann ein. Vorsichtig durchsuchte Ben dabei die Taschen des Opfers nach irgendwelchen Ausweispapieren und wurde leider nicht fündig. Bei jeder Bewegung stöhnte das Opfer schmerzvoll auf. Der Hauptkommissar hatte auf der Autobahn schon unzählige Male bei Verkehrsunfällen erste Hilfe geleistet und sah nach kurzer Zeit ein, dass er in diesem Fall dem Verletzten am besten damit half, wenn er auf die Fachleute wartete. Wenige Minuten später waren die Sirenen des sich nähernden Rettungswagens zu hören. Nach dessen Eintreffen kümmerten sich die Sanitäter und der Notarzt um den Verletzten.

      Ben wandte sich wieder den Polizisten zu, die sich dezent im Hintergrund gehalten hatten. Seine Kollegen waren vom Polizeirevier Nord und stellten sich als Walther Meyer und Knut Villmoz vor. Die beiden Streifenbeamten hatten sich ihre wetterfeste Kleidung übergestreift und standen relativ wortlos dabei und beobachteten mit verschränkten Armen die Szene bis zum Abtransport des Verletzten. Seine Fragen beantworteten sie recht einsilbig. Zwischenzeitlich waren auf Bens Wunsch noch Kollegen von der Spurensicherung hinzugekommen, die dem ebenfalls aus dem Polizeirevier Nord stammten. Angesichts des schlechten Wetters machten sich der grauhaarige Mann und seine jüngere Kollegin äußerst schlecht gelaunt an die Arbeit, die diese nach Bens Meinung sehr oberflächlich erledigten. Am liebsten hätte Ben Hartmut angerufen, aber bei dem hatte er wohl heute schon das Limit für Gefälligkeiten erreicht.

      Eine Frage brannte den jungen Kommissar noch auf der Seele und er ging auf die beiden Streifenbeamten zu, die sich nach wie vor bei der Ermittlungsarbeit sehr zurück hielten.

      „Ähm, sorry Kollegen, wo seid ihr denn so plötzlich hergekommen?“

      „Wir erhielten einen Notruf, dass hier jemand um Hilfe gerufen hätte. … Anonym!“, legte Knut Villmoz gleich nach, als er das Aufblitzen in Bens Augen sah.

      „Ach ja Kollege, um den Papierkram zu erleichtern, würde es ihnen was ausmachen, wenn Sie bei uns im Revier kurz vorbeifahren würden und ihre Aussage zu Protokoll geben. Kollege Villmoz hat dort schon Bescheid gegeben. Die warten auf Sie. Wenn Sie sich bitte an Herrn Oberkommissar Arthur Kramer wenden würden.“, meldete sich Walther Meyer zu Wort.

      Dieser nickte beifällig und meinte: "Wir übernehmen ab sofort die Ermittlungsarbeit vor Ort und werden uns noch ein wenig umsehen."

      „Ja klar, mach ich!“ sagte Ben zu, verabschiedete sich und ging zurück zu seinem Wagen.

      Selbst durch seine Lederjacke kroch langsam Feuchtigkeit des Regens hindurch bis auf die Haut. Im Grunde wollte Ben nur noch nach Hause, raus aus den feuchten Klamotten, eine heiße Dusche nehmen und schlafen. Bevor er den Motor seines Mercedes startete, beobachtete er nochmals die Szene vor sich. Das komische Gefühl blieb und er konnte förmlich riechen, dass hier etwas faul war. Was hätte er darum gegeben, wenn jetzt Semir bei ihm gewesen wäre. Sein erster Impuls war ihn anzurufen, damit er an seiner Stelle die Ermittlungsarbeit am Tatort überwachte. Doch halt! Stopp!, mahnte ihn seine innere Stimme. Das ging nicht. Das konnte er nicht bringen, den großen Versöhnungsabend zwischen Semir und Andrea zerstören. Morgen war ja schließlich auch noch ein Tag, versuchte er seinen Argwohn zu beruhigen.
      Der junge Mann seufzte auf und fuhr los in Richtung Polizeirevier Köln Nord. Wenn er in diesem Augenblick geahnt hätte, was da auf ihm zukommt, dann ….
    • Bens Blick wanderte zur Uhr, die über der Tür angebracht war. Zu seiner Verwunderung hatte man ihn in einen Verhörraum gebracht. Seit über einer Stunde wartete er nun schon auf diesen Oberkommissar Kramer. Er kam sich mittlerweile vor, wie ein Schwerverbrecher, den man durch das bewusste Warten in einem Verhörraum weich klopfen wollte. Bei seinen Nachfragen wurde er von den diensthabenden Kollegen an der Theke mit fadenscheinigen Ausflüchten vertröstet. Er hatte seine Ellenbogen auf der Tischplatte abgestützt und sein Gesicht in seinen Händen vergraben. Der junge Kommissar grübelte darüber nach, wo der Streifenwagen so plötzlich hergekommen war. Es war ihm ein Rätsel, wie bei der regennassen Fahrbahn eine solch geräuschlose Annäherung des Streifenwagens möglich gewesen war. Es ging ihm einfach nicht in den Kopf. Mehr und mehr beschlich ihn ein ungutes Gefühl … eine Ahnung … Semir. Er brauchte die Hilfe seines erfahrenen Partners. Wider besseres Wissen probierte er diesen auf seinen Handy zu erreichen. Die Zeiger der Uhr zeigten eine Stunde vor Mitternacht an. Das Abendessen mit Andrea sollte ja vorbei sein. Nach zehnmal Läuten wurde das Gespräch vom anderen Teilnehmer weggedrückt. Ihm entfuhr ein enttäuschtes „Fuck!“ Wütend hämmerte er mit der Faust auf die Tischplatte.

      Klar, das hätte er sich doch denken können, wenn die Beiden ohne Kinder Versöhnung feierten, dass es nicht nur bei einem gemeinsamen Abendessen blieb. Ben war schon versucht, seine Chefin anzurufen, um diese um Hilfe zu bitten, als sich die Tür zum Verhörraum öffnete.
      Mit müden Schritten betrat ein Mann, der seine besten Jahre schon längst hinter sich gebracht hatte, den Raum. Ben, der den Hauptkommissar Kramer nicht kannte, nahm an, dass es sich um die lang ersehnte Person handelte. Er stand auf und wollte ihm zur Begrüßung die Hand reichen. Doch sein gegenüber winkte mit einer abweisende Geste ab.

      „Guten Abend, ich bin Oberkommissar Kramer. Und sie sind Ben Jäger von der Kripo Autobahn?“ begrüßte er den jungen Kollegen recht unfreundlich.
      Beide nahmen am Tisch auf ihren Stühlen, die sich gegenüber standen, Platz. Das grau karierte Hemd seines Gegenübers zeigte deutliche Schweißspuren unter den Achseln. Auch die Spuren des letzten Abendessens hatten offensichtliche Spuren auf der Kleidung des Hauptkommissars hinterlassen. Unangenehmer Schweißgeruch und andere körperliche Ausdünstungen begleiteten den älteren Kommissar. Er wirkte schmuddelig und ungepflegt. Sein schulterlanges graumeliertes Haar lichtete sich deutlich am Scheitel und glänzte strähnig vor Fett. Er hatte es einfach nach hinten gekämmt. Der ungepflegte Kerl war Ben total unsympathisch und der junge Mann hätte schwören können, dass der Ältere eine Alkoholfahne hatte. Ben wollte nur noch eines, so schnell wie möglich raus aus diesem Besprechungszimmer.

      „Können wir es kurz machen Herr Kramer? Der Kollege Villmoz von der Streife hat sie ja vorab informiert, was passiert ist.“, bemerkte Ben kurz angebunden. Die Antwort des älteren Kommissars verschlug ihm fast die Sprache.

      „Ich denke, in ihrem eigenen Interesse, Herr Hauptkommissar Ben Jäger“, er betonte den Namen mit einem süffisanten Unterton „sollten sie sich etwas Zeit nehmen für ihre Zeugenaussage. Immerhin wird ihnen hier eine schwere Körperverletzung vorgeworfen.“

      Ben schluckte erst Mal und riss seine Augen weit auf. Er glaubte sich verhört zu haben. „Bitte was?... Was?“ fragte er verwirrt nach „Was haben sie gerade gesagt? Körperverletzung? …. Ich????“

      „Jetzt tun Sie doch nicht so unschuldig!“ wies ihn Herr Kramer arrogant zu recht „Sie wissen genau wovon ich rede. Die Kollegen Villmoz und Meyer sind schließlich unfreiwillige Zeugen gewesen, als sie den armen Kerl zusammengeschlagen haben. Ein Glück, dass die beiden Kollegen noch rechtzeitig dazu kamen und eingegriffen haben und das Schlimmste verhindern konnten.“ Der Mundwinkel des Älteren hatte einen Anflug eines Lächelns, als er in seinen Ausführungen fortfuhr. „Übrigens der Freund des Verletzten hat die Aussage meiner Kollegen bestätigt.“

      Während dieser Ansprache hielt der Kommissar Kramer krampfhaft ein paar Blätter, auf denen die Zeugenaussagen seiner Kollegen dokumentiert waren, in seinen Händen fest. Er schaffte es nicht einmal, bei seinen Anschuldigungen Ben in die Augen zu blicken. Auf seiner Stirn hatten sich kleine Schweißperlen gebildet. Seine teigige Gesichtsfarbe unterstrich bei Ben noch den Eindruck, dass mit dem Mann nicht alles in Ordnung ist, doch diese Erkenntnis half ihm in diesem Augenblick nichts.

      „Hallo! Geht’s noch?“ Erbost war der dunkelhaarige Polizist von seinem Stuhl hochgefahren und hämmerte mit seiner Faust auf die Tischplatte. „Ihr spinnt doch? Was soll das? Es hat sich doch alles völlig anders zugetragen!“ Bens Atem ging keuchend. Mit seinen Händen stützte er sich auf die Tischkanten und versuchte sich etwas zu beruhigen. Ein klarer Kopf half ihm mehr, als auszuflippen. In was, war er hier nur hineingeraten. „Ich bestehe darauf, dass sie jetzt meine Zeugenaussage zu Protokoll nehmen! Wo sind ihre Kollegen von der Streife? … Wie können die solch einen Schwachsinn behaupten?“ fauchte er wütend seinen Gesprächspartner an.
      Dieser zog ein verdrecktes Stofftaschentuch aus seiner Hosentasche und tupfte sich den Schweiß von der Stirn. Während Ben seine Aussage machte, konnte er klar erkennen, wie unwohl sich Kommissar Kramer fühlte, der an seiner verschmutzten Krawatte zog, um den Knoten zu lockern. Daraufhin öffnete er den obersten Knopf seines Hemdes. Ständig wischte er sich den Schweißfilm von der Stirn weg.
      „Ich möchte eine Kopie meiner Zeugenaussage mitnehmen.“ Diese Forderung schien den grauhaarigen Kommissar zu überraschen und widerwillig erfüllt er den Wunsch des Autobahnpolizisten. Seine Stimme hatte einen ironischen Unterton, als er die Kopie weiterreichte und sich vom dem jungen Kommissar verabschiedete.

      „Naja, sie sind sich wohl über die Konsequenzen ihres Fehlverhaltens im Klaren, Herr Hauptkommissar! Die Zeugenaussagen meiner Kollegen werden der Staatsanwaltschaft, ihrer Vorgesetzten und der inneren Abteilung vorgelegt. Ich gehe davon aus, dass die Innere alle weiteren Ermittlungen gegen Sie übernehmen wird. Gute Nacht, Herr Hauptkommissar Ben Jäger.“

      Dabei hatte er so ein dreistes Grinsen im Gesicht, dass Ben alle Beherrschung aufbringen musste, um ihm nicht seine Faust auf die Nase zu setzen.
      Mit seiner Zeugenaussage in der Hand verließ er das Polizeirevier. Vor der Eingangstür verharrte er und starrte mit einem leeren Blick vor sich hin. Eigentlich wartete Ben darauf, dass sich jemand neben ihn stellen würde, mit den Fingern vor seinem Gesicht schnippen würde und klack … er aus dem falschen Film, in dem sich gerade befand, aufwachte.
      Etwas schnürte ihn förmlich die Kehle zu. Was … verdammt was … hatte sich in diesem Verhörraum gerade abgespielt?
    • Ben schloss leise die Eingangstür zu seiner Wohnung auf. Von unten, bei der Einfahrt in die Tiefgarage hatte er gesehen, dass die Fenster seiner Wohnung alle dunkel waren. Wahrscheinlich hatte sich Anna schon schlafen gelegt, war ja auch verdammt spät geworden. Mitternacht war mittlerweile vorüber. Er bemühte sich, kein Geräusch zu machen und schlich in die Wohnung. Seinen Schlüsselbund legte er auf das Schränkchen unterhalb der Garderobe. Das gedämpfte Klappern der Schlüssel durchdrang die Stille. Seine feuchte Lederjacke hing er auf einen Kleiderbügel. Verschlafen erklang die Stimme seiner Freundin aus dem Bereich des Sofas.

      „Schatz? Bist du das?“

      Obwohl von ihm nicht beabsichtigt, war Anna wach geworden. Er knipste den Lichtschalter an und die Halogenleuchten tauchten das Wohnzimmer in einen angenehmen Lichtschein. Schlaftrunken blinzelte seine Freundin ihn vom Sofa aus an. Sie hatte sich in ihre braune Kuscheldecke gelümmelt. Als ihr Blick auf seine feuchte Jeanshose fiel, die mit angetrockneten Blutflecken übersät war, schreckte sie hoch und war mit einem Schlag hellwach.
      „Ist dir was passiert?“, erkundigte Anna sich besorgt und die Ärztin kam voll durch. Sie schälte sich aus der Decke und lief Ben entgegen. Sein Blick wirkte auf sie so verstört. Irgendetwas hatte ihn total aufgewühlt. Sie umarmte ihn zärtlich, während er ihre Frage beantwortete.

      „Nein, mir ist nichts passiert. Zumindest …“, er stockte, nahm sie in den Arm und seufzte abgrundtief auf, bevor er weitersprach „Anna ich habe Angst!“

      Sie spürte, wie er am ganzen Körper vibrierte. Das war kein Zittern, das nur von der feuchten Kleidung kam, da war mehr, was ihn beunruhigte. Ben klammerte sich förmlich an seine Freundin, wie ein Ertrinkender an den Rettungsring.

      „Hey Babe, was ist los? Erzähl es mir!“, ermunterte sie ihn, sich ihr anzuvertrauen. Mit ihren Daumen streichelte sie über seine Wangen. Er hielt sie weiter eng an sich gedrückt und fing an, ihr von der Begegnung mit dem möglichen Zeugen und dem Ende auf der Polizeiwache zu berichten.

      „Ich weiß nicht was los ist, ich kann nicht mehr nur an Schicksal oder Fügung glauben Anna. Erst der Unfall von Julia, diese angeblichen Telefonanrufe von mir, dann heute Abend der Anruf von diesem Penner … diese Anschuldigung auf der Wache!“ Erneut erschauderte er. „Verdammt, ich bin da heute Abend wie ein blutiger Anfänger in eine bereit gestellte Falle getappt! … Verdammt! … Verdammt! … Ich habe das Gefühl, da braut sich ein Unheil über mir zusammen und ich weiß nicht warum? Wer immer sich das ausgedacht hat, führt nichts Gutes im Schilde. … Das Schlimmste ist, mein inneres Gefühl sagt mir, keiner wird mir bei dieser Beweislage glauben.“ Seine letzten Worte klangen schon fast verzweifelt. „KEINER! …Verstehst DU! … KEINER!“

      Ben rang um seine Fassung. Wieder durchschoss ihn der Gedanke seine Chefin anzurufen und um Hilfe zu bitten, als Anna seine Gedankengänge durchbrach.

      „Doch! … Ich glaube dir Ben! … Du wirst schon sehen, wenn du morgen auf der PAST bist, werden dir Semir, Frau Krüger und die anderen helfen, deine Unschuld zu beweisen“, munterte sie ihn auf. „Boah, du zitterst vor Kälte, geh erst mal duschen! Sonst fängst du dir auch noch einen Bombenerkältung ein Schatz!“

      Er zog sie an sich, küsste sie heiß und … verlangend.

      „Hey, Ben alles wird gut, glaube es mir. Und so lange wie wir uns beide haben, kriegt uns nichts unter!“ meinte sie optimistisch und strahlte ihn mit ihrem Lächeln an.

      „Ja, du hast Recht!“ wisperte er ihr zärtlich ins Ohr, „ich liebe dich so sehr. Du bist ein Teil von mir Anna, ich kann ohne dich nicht mehr sein. Das was ich für dich empfinde, habe ich noch nie vorher für eine Frau gefühlt. Ich liebe dich!“

      Seine Worte waren so gefühlvoll, ihr rann ein wohliger Schauer über den Rücken. Ein Blick in seine dunklen Augen offenbarten ihr, dass seine Liebeserklärung aus tiefstem Herzen kam. Mit einem heißen und innigen Kuss schenkte sie ihm ihre Antwort. Sie empfand dasselbe für ihn. Anfangs waren ihre Küsse zärtlich, sinnig und wurden immer wilder und verlangender. Ihre Hände schoben sich unter sein feuchtes Shirt, zogen es ihn über den Kopf und streichelten ihn zärtlich über den Rücken. Seine Hände legten sich auf ihren Po und zogen sie an sich heran. Sie konnte deutlich seine Härte spüren.

      „Ich will dich …Ben Jäger“, hauchte sie ihm ins Ohr und knabberte zärtlich an seinem Ohrläppchen. Ihre Finger nestelten an der Gürtelschnalle herum und öffneten seine Hose. Seine Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Genussvoll stöhnte er auf und mit seiner Zunge eroberte er ihren Mund, mit seinen Händen ihren Körper und binnen weniger Minuten hatten sie sich ihrer überflüssigen Kleidungsstücke entledigt. All der Frust und die Emotionen, die sich in den letzten Stunden in Ben aufgestaut hatten, suchten ein Ventil. Ungestüm drängte er sie in Richtung des Schlafzimmers.
      „Oh Gott, wie ich dich liebe!“ stöhnte sie wohlig auf, als sie im Bett unter ihm lag und sich bereitwillig für ihn öffnete. Wild und heißblütig gaben sich die beiden ihrer Leidenschaft und ihrem Verlangen hin. Völlig verschwitzt lagen sie einige Zeit später nebeneinander und genossen noch die Nachwehen ihrer Ekstase. Anna streichelte ihm zärtlich durch das Haar. Ben hatte seinen Kopf auf ihrer Brust abgelegt und lauschte ihrem wild pochenden Herzschlag.

      „Ich liebe dich Anna“, gestand er ihr erneut seine Gefühle für sie. „Egal was ist, ich werde immer bei dir sein, immer für dich da sein mein Schatz.“
      Ihre erhitzten Körper schmiegten sich aneinander und die Müdigkeit übermannte sie.
    • Am nächsten Morgen auf der Dienststelle

      „Herr Jäger! Sofort in mein Büro!

      Die schrille Stimme von Frau Krüger hallte durch das Großraumbüro, kaum dass Ben durch die Eingangstür die PAST betreten hatte. Schlagartig war ihm klar, warum seine Chefin so aufgebracht war. Sie hatte wahrscheinlich, die Berichte über den Vorfall am gestrigen Abend auf dem Tisch liegen. Ob sie ihm glauben würde? Nein, ihre Stimmlage verhieß nichts Gutes. Noch bevor sie ein Wort mit ihm gesprochen hatte, war Ben sich darüber im Klaren, dass sie der Aktenlage und den Kollegen mehr Glauben schenken würde, als seiner Aussage, dass man ihm eine Falle gestellt hatte.

      „Was haben Sie sich bei dieser Cowboy-Nummer vergangene Nacht in der Kölner Innerstadt gedacht Herr Jäger?“ blaffte Frau Krüger ihn ziemlich erbost an, als Ben ihr Büro betrat. „Verdammt noch mal, was ist nur in Sie gefahren, dass sie so die Kontrolle über sich verlieren konnten. Die Staatsanwaltschaft klingelt mich mitten in der Nacht aus dem Bett!“
      Kim stand hinter ihrem Schreibtisch. Für jeden Mitarbeiter auf der PAST war deutlich erkennbar, die Chefin kochte vor Wut. Ihre Stirn war in Zornesfalten gelegt, ihre Adern an der Schläfe angeschwollen.
      „Sogar der Polizeipräsident rief heute Morgen wutentbrannt an … Was glauben Sie, wie sich die Schlagzeile in der lokalen Klatschpresse macht ‚Brutalität im Polizeidienst! Hauptkommissar der Autobahnpolizei schlägt Zeugen krankenhausreif!‘ … Wie konnten Sie nur so durchdrehen?“

      Semir war ebenfalls dazugekommen in der Annahme, dass es eventuell wegen des gemeinsamen Falles Ärger geben würde. Da er den Zusammenhang nicht verstand, fragte er verwundert nach.

      „Was hast du denn angestellt Ben?“

      Noch bevor sein Partner ihm eine Antwort geben konnte, erklärte ihn Frau Krüger an Hand der vorliegenden Berichte und Beweise, die sie zornig auf die Schreibtischplatte knallte, was sich am vergangenen Abend ihrer Meinung nach abgespielt hatte, dabei lief sie hinter ihrem Schreibtisch aufgebracht auf und ab. Der Türke wurde angesichts der aufgeführten Einzelheiten immer fassungsloser. Sein ungläubiger Blick wanderte zu seinem Partner, der kreidebleich vor Kim Krügers Schreibtisch stand. Was war denn nur mit Ben los? Hatten ihn der Unfall seiner Schwester und der anschließende Streit mit seiner Familie ihn so aus der Bahn geworfen? Seine einzigen Worte, die er an seinen Partner richtete, klangen bereits wie eine Anklage in dessen Ohren.

      „Mensch Ben, wie konntest du so was tun? Was ist denn nur in dich gefahren? Wie konntest du nur so ausrasten? “

      Der dunkelhaarige Kommissar spürte, wie bei den Worten seines Partners Panik in ihm aufstieg. Dass selbst Semir ihn nicht glauben würde, hätte er nicht erwartet. Es versetzte ihn regelrecht einen Schock. In ihm machte sich das Gefühl völliger Hilflosigkeit breit. Sein Herzschlag beschleunigte sich und hämmerte in seinen Schläfen. Die letzten Sätze seiner Chefin, die sich zwischenzeitlich wieder hingesetzt hatte, drangen wie durch einen Wattebausch zu ihm hindurch.

      „Herr Jäger!“ … Ben reagierte nicht. Im Tonfall etwas lauter wiederholte Kim ihre Aufforderung. „Herr Jäger, ich rede mit Ihnen!“

      Der junge Kommissar richtete seinen Blick auf seine Chefin. Der verzweifelte Ausdruck seiner Augen ging Kim durch und durch. Der Hauch eines Zweifels durchflutete sie. Trotzdem musste sie gemäß den Anweisungen der Staatsanwaltschaft und des Chefs der Kölner Polizei handeln. Als seine Chefin sollte Kim Krüger eine abschließende Befragung von Ben Jäger durchführen und ihn anschließend aus dem Verkehr ziehen, bevor er noch mehr Imageschaden für die Polizei anrichten konnte.

      „Bleiben Sie bei Ihrer Aussage Herr Jäger, dass Sie angerufen wurden, der Verletzte bereits am Boden lag und man Ihnen eine Falle gestellt hat?“, lenkte Frau Krüger das Gespräch, das sich für Ben wie ein weiteres Verhör anmutete, in die von ihr gewünschte Richtung. Die ganze Zeit saß sie mit einer eisernen und undurchschaubaren Miene hinter ihrem Schreibtisch und hielt die einzelnen Seiten Papier, auf denen die Berichte gedruckt worden waren, in ihrer Hand.

      „Ja, Frau Krüger! Es war so, auch wenn mir hier scheinbar niemand glaubt!“, versuchte der junge Mann sich erneut zu rechtfertigen.

      „Dann tut es mir leid, Herr Jäger. Sie sind ab sofort auf Anweisung der Staatsanwaltschaft vom Dienst suspendiert, bis die Ermittlungen abgeschlossen sind. Halten Sie sich zur Befragung durch die Staatsanwaltschaft bzw. die interne Ermittlungsabteilung zur Verfügung. Die Kollegen vom Polizeirevier Nord-Ost werden die Ermittlungen unterstützen. Herr Kommissar Kramer wird direkt mit Ihnen Kontakt aufnehmen. Händigen Sie mir bitte Ihren Dienstausweis, die Autoschlüssel und Ihre Waffe aus!“

      Dabei hielt sie ihm auffordernd die Hand entgegen. Ben hatte das Gefühl, jemand zöge ihm den Boden unter den Füßen weg. Der dunkelhaarige Kommissar hatte Hilfe erwartet und wurde stattdessen mit Vorwürfen konfrontiert. Der junge Mann war von der Reaktion seiner Chefin und seines Freundes enttäuscht. Wutentbrannt knallte Ben die geforderten Gegenstände auf die Schreibtischplatte. Er startete noch einen letzten verzweifelten Versuch seine Chefin umzustimmen und flehte sie förmlich an.

      „Frau Krüger, bitte glauben Sie mir doch! Ich habe den Mann nicht zusammengeschlagen. Schauen Sie sich doch meine Hände an!“ Dabei hielt er ihr seine Handrücken unter die Augen. Sie schüttelte ablehnend den Kopf.

      „Tut mir leid Herr Jäger! Diesmal sind Sie wohl mit Ihrer Cowboynummer ein bisschen zu weit gegangen. Ich kann ihnen da auch nicht mehr helfen. Sie kennen die Spielregeln und Vorschriften. Der Staatsanwalt wird nach Abschluss der Ermittlungen vermutlich Anklage gegen Sie erheben.“
      Ben stand wie verloren da, schnaufte tief durch und sagte nur leise resignierend.

      „Ok, ich habe es verstanden! In ihren Augen bin ich also schon verurteilt“, drehte sich um und verließ das Büro. Auf halben Weg vom Schreibtisch zur Bürotür warf er seiner Chefin nochmals einen traurigen Blick zu, den diese aber ignorierte.

      Sie wandte sich stattdessen Semir Gerkan zu, der seitlich von seinem Partner gestanden war. Kim Krüger sprach mit dem älteren der beiden Kommissare. Ihre Mimik lockerte sich etwas auf. Ben schenkte sie überhaupt keine Beachtung mehr, der regungslos in der Tür verharrte und mit seinen Händen den Rahmen umklammerte. Er war für sie förmlich Luft.

      „Und jetzt zu ihnen Herr Gerkan! Hier ist ihr Urlaubsantrag! Ich habe ihn unterschrieben, wir sehen uns Montag in drei Wochen wieder. Übergeben Sie ihre laufenden Akten Bonrath und Meyer, die werden die Ermittlungen fortführen. Ich wünsche ihnen ein paar schöne Tage und viel Glück. Sie kriegen das wieder hin mit ihrer Frau!“

      Mit diesen Worten händigte sie dem Kommissar den unterschriebenen Antrag aus. Semir verließ wortlos das Zimmer seiner Chefin und ging an Ben vorbei in Richtung ihres gemeinsamen Büros.
    • Bens Hoffnung auf Unterstützung, die Wahrheit herauszufinden, schlug um in Frustration, die ein Ventil suchte. Beim Verlassen des Büros hieb er wutentbrannt mit der Faust gegen den Türrahmen und schrie lauthals:
      „Fuck! … Fuck!“

      Susanne, sowie einige der anwesenden Kollegen, zuckten erschrocken an ihren Schreibtischen zusammen, als sie Bens Wutausbruch erlebten und gleichzeitig seine Verzweiflung erkannten. Die Sekretärin wollte zu ihm eilen, ihre Hilfe anbieten, doch das Klingeln des Telefons hielt sie von ihrer Absicht ab.

      Der dunkelhaarige Polizist rang um seine Fassung. Er stürmte hinter seinen kleineren Kollegen her in ihr Büro. Mit einem lauten Knall flog die Eingangstüre zu und der Motorradhelm, den er die ganze Zeit über auf seinem linken Arm aufgefädelt hatte, landete scheppernd auf dem Büroschrank neben der Tür. Als nächstes lies Ben die Jalousien runter, um so den anwesenden Kollegen den Einblick ins Büro zu verwehren. Daraufhin stützte er sich mit seinen Handflächen und seiner Stirn gegen die Glaswand, holte tief Luft und versuchte sich zu sammeln.

      Semir, der zwischenzeitlich angefangen hatte, die Akten auf seinem Schreibtisch zu sortieren, konnte deutlich sehen, wie der Körper seines jungen Kollegen vor Erregung bebte. Dann ging ein Ruck durch Ben und er drehte sich um. In seinen Augen lag so viel Verbitterung und Enttäuschung. Mit einer ungewöhnlich leisen Stimme sprach Ben seinen Kollegen an:

      „Semir, was war denn das gerade im Büro der Chefin? … Ich dachte, wir sind Partner! … Freunde, …. die zueinander stehen, sich helfen, die einander vertrauen und glauben. Und jetzt? … Keine Reaktion von dir! … Keine Hilfe! … Ist das dein Ausdruck von Loyalität? …. Dein Verständnis für Freundschaft? …. Ich hätte dich gestern Abend vor dem Treffen angerufen, dich um Rückendeckung gebeten, wenn du nicht deinen Abend mit Andrea gehabt hättest. Auf dem Polizeirevier hätte ich deine Hilfe gebraucht! Habe es spät nachts noch probiert, dich telefonisch zu erreichen! … Kannst ja gerne auf deinem Handy nachschauen.“ Ben atmete mehrmals tief durch. „Mensch Semir, da will mir einer was anhängen!“

      Semir starrte seinen Freund an und war innerlich hin und hergerissen. Er focht in diesem Moment einen schweren inneren Kampf mit sich aus. Da war zu einem seine letzte große Chance auf eine Versöhnung mit Andrea, die letzte Chance seine Familie wieder zurückzubekommen und da stand Ben, sein bester Freund und bat ihn um Hilfe. Dessen Anschuldigungen hallten in seinem Kopf wider. Was sollte er nur tun? Wie sich entscheiden? Für einen Augenblick hatte er Zweifel. Doch dann tauchten die Worte der Chefin in seinem Gedächtnis auf, als sie die Zeugenaussage vorgelesen hatte und sein heißblütiges Temperament übernahm sein Denken und Handeln.

      „Hallo Partner, komm mal zurück auf den Boden der Tatsachen. Bist nicht du es, der sich immer wieder darüber beschwert, ich solle mich aus deinen Angelegenheiten raushalten und meinen Papa-Modus mal ausstellen.“ Mit seinem Zeigefinger deutete er dabei in Bens Richtung. „Ja, und stell dir vor! Ich kümmere mich einmal um meine Sachen! Nämlich um meine Ehe, um Andrea! Um meine Familie … Oder hast du mir das nicht genau vor ein paar Tagen vorgehalten! Ja, ich hatte gestern Abend keine Zeit. Du sagtest doch, ich solle mit zu diesen Psycho Fuzzie gehen, mir Zeit für meine Frau nehmen, ihr zuhören … und ja, Andrea und ich fahren ein paar Tage alleine weg, ohne Kinder. Das ist vielleicht meine letzte Chance meine Ehe zu retten. … Verstehst du? Meine allerletzte Chance. … Hier geht es um mein Leben! … Meine Familie!" Er tippte mit dem Zeigefinger auf sein Brustbein, baute sich vor dem hochgewachsenen Polizisten auf und polterte weiter drauf los. „Sorry Ben! Die Suppe musst du diesmal selbst auslöffeln!“

      Semir drehte sich von Ben weg und wandte sich seinem Schreibtisch zu. Einen Augenblick herrschte Schweigen. Als der Türke anfing seine Ermittlungsakten weiter zu sortieren, hielt ihn der Jüngere am Arm fest und zog am Ärmel der Jacke und zwang den Älteren, ihn anzublicken.

      „Heißt das, selbst mein eigener Partner glaubt mir nicht?“ Ben hatte dabei so einen ungläubigen Ausdruck in den Augen. Sein Atem ging keuchend.

      Der Türke ließ die Akten zurück auf den Schreibtisch fallen. „Mensch Ben! ... Deine Aussage steht gegen die Aussage von zwei Polizisten und einem Zeugen. Du hast doch gehört, was die Kollegen zu Protokoll gegeben haben. Der Sachverhalt liegt doch klar auf der Hand!“ Er klatschte demonstrativ in seine Handfläche. „Denke mal dran, wie du damals bei der Entführung von Julia ausgeflippt bist … Du hättest diesen Sven vor unseren Augen fast umgebracht … Dein Verhalten … Vor einigen Tagen an der Unfallstelle. Hier geht es wieder um deine Schwester. Tut mir leid Partner, aber für mich ist der Tatbestand klar!“, legte der kleine Türke noch einen nach.

      Völlig perplex blickte der Jüngere den älteren Kommissar an und mit einer heißeren Stimme konterte er: „Du lässt mich im Stich? … Hilfst mir nicht? … Glaubst mir nicht?“

      „Was meinst du mit im Stich lassen?“ Semir runzelte ärgerlich die Stirn. „Ich bin Polizist und halte mich an die Fakten und die sind in deinem Fall eindeutig!“ Semir umfasste Bens Arme und blickte zu ihm hoch. „Tue dir und uns einen Gefallen Ben! Suche dir einen guten Anwalt, der dich da wieder raushaut. Vielleicht gibt es eine kleine disziplinarische Strafe und eine Geldstrafe und gut ist es. Es handelt sich schließlich hier um eine Körperverletzung und wenn man deinen emotionalen Zustand betrachtet, gibt es bestimmt mildernde Umstände!“

      Ben konnte nicht glauben, was er da gerade gehört hatte. Er schüttelte einfach nur ungläubig den Kopf, riss sich los und tapste mit unsicheren Schritten rückwärts. War das Semir gewesen? Sein Freund Semir? … Es schnürte ihm förmlich die Luft ab. Das Gefühl ersticken zu müssen, breitete sich in ihm aus. Er musste hier raus … raus an die frische Luft. Wortlos schnappte er sich seinen Motorradhelm und stürmte aus dem Büro. Draußen schwang er sich auf sein Motorrad und fuhr wie wild drauf los.

      Als Semir an seinem Bürofenster stand und seinem Freund hinter herblickte, wurde er sich erst bewusst, zu welchen Aussagen er sich im Eifer des Gefechtes hatte hinreißen lassen. Scheiße dachte er bei sich, hoffentlich habe ich keinen Fehler gemacht. Weiter kam er nicht mit seinen Gedanken. Das Handy in seiner Hosentasche vibrierte. Im ersten Moment dachte er, vielleicht ist das Ben. Doch Andreas Name stand auf dem Display und er nahm das Gespräch an.

      „Hallo mein Schatz!“, meldete er sich. „Wie versprochen, werde ich dich abholen, damit wir pünktlich zum Mittagessen bei deinen Eltern erscheinen!“ ….
    • Nach einer wilden und kilometerlangen Fahrt auf der Autobahn mit seinem Motorrad kam Ben kurz vor der Ausfahrt Eifeltor auf der A4 wieder zur Besinnung. Unbewusst hatte er die Richtung zu einer seiner Lieblingsmotorradstrecken in der Eifel eingeschlagen. Entlang der Bergstrecke befand sich auf einer Anhöhe ein Rastplatz, den er in der Vergangenheit gerne aufgesucht hatte, wenn er Zeit und Ruhe zum Nachdenken brauchte. Als er auf dem Parkplatz einbog, stellte er zu seiner Erleichterung fest, dass er zu dieser Stunde der einzige Besucher war.

      Der dunkelhaarige Polizist parkte sein Motorrad und nahm seinen Helm ab. Suchend blickte er sich um und sah doch nichts. Eine entsetzliche Leere hatte sich in der letzten Stunde in ihm ausgebreitet. Er setzte sich auf einen der Holztische. Seine Füße stellte er auf die Sitzfläche der Holzbank ab. Den Motorradhelm legte er neben sich und wuschelte sich mit seinen gespreizten Fingern durchs Haar. Seine Arme stütze er auf den Knien ab und vergrub sein Gesicht in seinen Händen. Obwohl die Mittagssonne ihre sommerliche Wärme aussandte, war ihm einfach nur kalt. Ben dachte über die Ereignisse der letzten Tage nach.

      Nach dem gestrigen Abend glaubte er an keinen Zufall mehr. Er war überzeugt, dass es jemand auf ihn abgesehen hatte. Jemand mit Macht und Beziehungen! So betrachtet, war es kein Wunder, dass ihm niemand auf der Dienststelle glaubte. Die Aussagen von zwei Streifenpolizisten zu manipulieren oder diese zu bestechen, war nicht so einfach. Hier hielt jemand die Fäden in der Hand, der ihn ganz genau zu kennen schien, sein persönliches Umfeld studiert hatte, seine Reaktionen auf Ereignisse berechnet hatte…. Jemand der sich offensichtlich an ihm rächen wollte. Doch wer? Auf Anhieb fielen ihm einige Straftäter ein, die er hinter Gitter gebracht hatte und die ihm ewige Rache geschworen hatten. Sein Gedankenkarussell drehte sich weiter.

      Er stand von seinem Sitzplatz auf und lief an den Rand des Parkplatzes bis zur steil abfallenden Böschung. Dort stützte er seine Hände auf das Holzgeländer und klammerte sich daran fest, bis das Weiße seiner Fingerknöchel hervortrat. An dieser Stelle hatte man einen außergewöhnlich guten Ausblick auf die Landschaft der Eifel. Normalerweise genoss er diesen Anblick besonders an solch einem sonnigen Tag wie heute. Es vermittelte ihm ein Gefühl von grenzenloser Freiheit. Mehr als einmal hatte er eine Motorradtour unternommen, um das Ende der Bergkette zu erreichen. Doch heute war es anders. Heute war alles anders. Sein Gedankenkarussell drehte sich weiter. Ben setzte eine trotzige Miene auf. Egal was sein unbekannter Gegner plante, er war nicht bereit sich wie ein Lämmchen einfach abschlachten zu lassen, die Opferrolle anzunehmen. NEIN! Unbewusst fing er an, leise vor sich hinzusprechen.

      „Vergiss es du Schwein! … Wer immer du bist, ich werde kämpfen, meine Unschuld beweisen! … Ich werde es allen beweisen!“ Fast schon beschwörend machte er sich selbst Mut. Ihm war aber auch klar, dass er dazu Hilfe brauchen würde.

      Wer konnte ihm helfen? Semir? … Nein! … Der Dunkelhaarige schüttelte energisch den Kopf. Er hätte ja verstanden, wenn ihn der kleine Türke wegen seiner familiären Probleme vertröstet hätte, doch der junge Kommissar konnte den Blick des Türken nicht vergessen, als Kim Krüger die Aussage des Streifenpolizisten Villmoz vorgelesen hatte. Diese Mischung aus Unglauben und puren Entsetzen glich einem Schuldspruch. Ben dachte über Semirs letzten Worte nach … Sie brannten in seiner Seele, hatten ihn tief verletzt … Sein unbekannter Gegner war geschickt vorgegangen, wenn selbst sein bester Freund, ihm solch eine Tat zutrauen würde.

      Die Krüger? Na die hatte ihn ebenfalls bereits verurteilt, ohne dass er eine Chance hatte, seine Unschuld zu beweisen.

      Wer blieb noch übrig? Hartmut? Einstein kam erst am Montag wieder von einer Fortbildung zurück. Bis dahin waren ja noch ein paar Tage … also wer? Jenny? Nein, die war zu unerfahren und Bonrath war zwar ein gutmütiger Kerl, aber bestimmt nicht der Richtige. Susanne? Er schnaufte auf … Ja … die Sekretärin und gute Seele der PAST, sie würde er um Hilfe bitten … Ein Blick zur Uhr zeigte ihm es war kurz nach 13.00 h. Die Chancen standen gut, dass sich die Krüger in der Mittagspause befand und nichts von seinem Anruf mitbekam. Kurz entschlossen wählte er die direkte Durchwahl der Sekretärin, die sich nach dreimal läuten auch meldete.

      „Hey Ben! Wie geht es dir? Ich habe das Ganze nur am Rande mitbekommen? Was war denn los, dass die Krüger so ausgeflippt ist?“, erkundigte sie sich leise.

      „Bist du alleine Susanne? Kannst du Reden?“, fragte der junge Mann vorsichtig nach.

      „Ja, alles ok Ben! Semir hat sich vor einer halben Stunde in seinen Urlaub verabschiedet und die Krüger ist zu Tisch und die restlichen Kollegen sind auf Streife.“

      Sie hörte ihn erleichtert aufschnaufen. In knappen Worten fasste er die Ereignisse der letzten Tage und vor allem des gestrigen Abends und der Nacht für seine Kollegin zusammen. Sie unterbrach ihn nicht, sondern machte sich nebenbei Notizen. Der dunkelhaarige Kommissar lief während des Telefongesprächs unruhig auf dem Rastplatz umher, bis die für ihn fast schon lebenswichtige Frage kam.

      „Ich brauche deine Hilfe Susanne“, bettelte Ben sie förmlich an, „glaub mir, bei allem, was mir heilig ist, ich habe diesen Obdachlosen nicht zusammengeschlagen. Man hat mir eine Falle gestellt und die zwei Streifenbeamten stecken mitten drinnen! Die haben Dreck am Stecken und dieser Kommissar auf der Wache auch. Ich bin mir so was von sicher, dass die in dieses Komplott gegen mich verstrickt sind. Durchleute die mal, alles was dir einfällt und mir vielleicht helfen könnte.“

      Er strich sich mit seinen gespreizten Fingern nervös durch sein Haar und setzte seine Wanderung über den Rastplatz fort.

      „Ben ist doch selbstverständlich, dass ich dir helfe. Hey! Du bist mein Freund und Kollege. Ich lass dich nicht im Stich.“

      Bei diesen Worten fiel dem jungen Polizisten eine Last von den Schultern. Erleichtert atmete er durch und wisperte: „Danke!“

      „Gut Ben, ich schaue mal was ich rausfinden kann? Hast du sonst noch was, auf was ich mich stürzen kann?“

      „Ja, wenn Hartmut wieder da ist, würdest du ihn bitten, dass er sich den Wagen meiner Schwester noch mal anschaut. Ich habe veranlasst, dass er von der Kfz-Werkstatt zur KTU gebracht wird. … Das Wichtigste hätte ich fast vergessen! Schau mal nach, wer in letzter Zeit aus der Haft entlassen wurde, der es auf mich abgesehen haben könnte.“

      „Gut! Und wie kann ich dich erreichen? … Vor allem? … Was hast du vor Ben?“

      Er überlegte kurz bevor er antwortete. „Entweder auf dem Handy oder wenn du mich da nicht erreichen kannst, dann hinterlasse mir auf dem AB zu Hause eine Nachricht! … Ich werde auf eigene Faust ermitteln. Wer immer sich diesen perfiden Plan ausgedacht hat, war mir immer einen Schritt voraus. Dieses Schwein scheut nicht davor zurück, Menschen, die mir wichtig sind, etwas anzutun! ….“

      Zu Hause … siedend heiß fiel ihm ein: Anna … sie befand sich auf dem Weg zu seiner Wohnung … JULIA! … der Anschlag auf seine Schwester … Oh Gott er durfte gar nicht daran denken, wenn seiner Freundin etwas passierte. Er beendete das Gespräch mit Susanne. Ihre letzten Worte klangen ihm noch im Ohr nach. „Pass auf dich auf Ben! Versprich es!“

      Ben wollte nur noch zurück nach Köln und seine Freundin in Sicherheit wissen. Er schwang sich auf sein Motorrad und fuhr weit über der Grenze des erlaubten in Richtung Kölner Innenstadt. Anna hatte heute Frühdienst und wenn er sich beeilte, konnte er sie direkt am Krankenhaus abfangen. Unaufhörlich hämmerte die Frage auf ihn ein, wie sollte er seine Freundin vor einer lauernden Gefahr beschützen… Er wusste ja nicht, wann und wo sein Gegner zuschlagen würde? Es machte ihm unheimliche Angst … Er konnte sich gar nicht vorstellen, wie sein Leben ohne Anna aussehen sollte. Nach einer für ihn gefühlten Ewigkeit oder tatsächlich eine Stunde später hatte Ben den Personalparkplatz der Uni-Klinik Köln erreicht. Er stellte sein Motorrad auf einem der Besucherparkplätze ab und suchte die geparkten Autoreihen nach dem schwarzen Golf seiner Freundin ab.
    • Neu

      Personalparkplatz der Uni-Klinik Köln

      Ein bisschen versteckt am hinteren Ende des Parkplatzes entdeckte Ben den schwarzen Golf seiner Freundin. Anna war gerade im Begriff einzusteigen, als sein Ruf sie erreichte. Sie hielt einen Moment inne und schaute sich suchend um. Etwas außer Atem erreichte der Dunkelhaarige den Wagen seiner Freundin.

      „Hallo Schatz!“, begrüßte er sie, zog sie an sich und ihre Lippen fanden sich für einen innigen Kuss.
      „Hey, mein Großer! Was ist los?“ Anna konnte es in seinen Augen schon lesen „Ist nicht gut gelaufen für dich heute Morgen! … Ich hatte es schon befürchtet. Die Schlagzeile in der Klatschpresse war am Zeitungsständer im Kiosk unübersehbar.“

      Ben schüttelte den Kopf, holte tief Luft und berichtete seiner Freundin von dem Gespräch mit Frau Krüger und anschließend mit Semir. Als er bei der Stelle mit seinem Partner angelangt war, konnte Anna fast schon körperlich spüren, wie aufgewühlt ihr Freund war … wie sehr ihn die Worte seines Partners getroffen. Die blanke Verzweiflung stand ihm ins Gesicht geschrieben. Er nahm sie in den Arm, küsste sie erneut und hielt sie fest an sich gedrückt.

      „Du verschweigst mir doch was Schatz? Da ist doch noch mehr?“, forschte sie nach. Sie hatte wieder ihre Grübchen am Mund und die Falten an der Stirn. Der Dunkelhaarige fuhr sich mit der Hand über das Gesicht, ließ den Blick in die Ferne schweifen und wandte sich wieder ihr zu.

      „Anna, ich habe Angst, schreckliche Angst, dass dir etwas passieren könnte, dass man dir etwas wegen mir antun könnte. Bitte versprich mir, dass du bei Fremden aufpasst und komm die nächsten Tage nicht in meine Wohnung. Wenn, dann komme ich zu dir!“
      Sie wollte dagegen aufbegehren. Er legte ihr zärtlich den Finger auf den Mund.
      „Nein mein Schatz, ich liebe dich mehr als mein Leben. Bitte …! Am liebsten wäre es mir, du würdest bei Anja zur Untermiete einziehen. Denke an Julia!“
      In dem Augenblick, als er diese Worte aussprach, war ihm bewusst geworden, wie vergänglich Glück sein konnte, wie schnell ein Unheil über einen hereinbrechen konnte und von einer Sekunde zur anderen nichts mehr war wie vorher. Sie lehnte ihren Kopf an seine Brust, lauschte seinem Herzschlag und genoss den Moment ihm so nahe zu sein.

      „Und was machst du jetzt?“, wisperte sie leise.
      Er streichelte ihr zärtlich über den Rücken und hauchte einen Kuss in ihr Haar.
      „Ich gehe erst mal zu Leon. Er ist Rechtsanwalt und hat mit mir zusammen Abi gemacht. Er arbeitet in der Kanzlei, die auch die Firma meines Vaters vertritt. So einfach gebe ich nicht auf, vielleicht kann er mir ein paar Informationen besorgen, die mir helfen, dass Puzzle zusammenzusetzen. Als Anwalt bekommt er Einsicht in die Akten. … Vielleicht kann ja das Opfer aus der Markgrafenstraße bald polizeilich vernommen werden und sagt die Wahrheit. Laut der Krüger hätte ich ihn so brutal zusammengeschlagen, dass er aktuell nicht vernehmungsfähig ist …!“ Er seufzte abgrundtief auf „und ja, anschließend werde ich versuchen Memphis zu finden. Der Kerl am Handy hatte gestern Abend seinen Namen genannt, behauptet Memphis hätte ihm meine Handy-Nummer gegeben! Sonst wäre ich doch nicht so leichtsinnig gewesen und ohne Rückendeckung zu dem Treffen hingefahren. Mach dir keine Sorgen, auch wenn ich mich nicht melde, werde wohl in ein paar dunkle Kneipen abhängen müssen, bis ich ihn finde.“

      Bei seinem letzten Satz fing sie an zu zittern. Sanft zog er ihr Gesicht zu sich heran, bis sich ihre Lippen einander fanden und küsste sie zärtlich.

      „Hey Anna, alles wird wieder gut glaube es mir! So lange wir uns haben, kann uns die Welt nicht unterkriegen!“ flüsterte er ihr optimistisch ins Ohr. Sie nickte ihm zustimmend zu. „Pass auf dich auf Ben! Versprich es mir!“

      Statt einer Antwort küssten sie leidenschaftlich und verabschiedeten sich voneinander.


      100 Meter entfernt hinter einer Hecke
      Gut versteckt hinter Gebüsch und im Schatten einer großen Eiche, die ihn vor der sommerlichen Hitze schützte saß ein junger Mann und beobachtete Annas Auto. Rashid war beauftragt gewesen, Ben am heutigen Tag zu beschatten. Der grauhaarige Söldner wollte zwischenzeitlich ein paar Besorgungen erledigen. Als der verhasste Polizist wie ein Verrückter mit seinem Motorrad über die Autobahn gerast war, hatte der junge Albaner keine Chance gehabt ihm im schwarzen Toyota zu folgen. Remzi hatte am Telefon wie ein Verrückter getobt und ihm befohlen, den Peilsender am silbernen Mercedes zu entfernen und bei nächster Gelegenheit am Motorrad anzubringen. Der nächste Befehl lautete hier auf dem Uni-Parkplatz auf das Erscheinen von Ben Jäger zu warten.

      Als dieser vor wenigen Minuten auf der Bildfläche auftauchte, murmelte der junge Albaner leise vor sich hin. „Ich fasse es nicht, der alte Drecksack hat schon wieder recht gehabt. Jäger taucht tatsächlich hier auf.“ Rashid beeilte sich, den Peilsender an Bens Motorrad anzubringen. Sichernd blickte er sich um, ob er bei dieser Aktion nicht zufällig von einer Überwachungskamera gefilmt wurde. Während der junge Mann Ben und Anna beobachtete, fischte er sein Handy aus der Hosentasche. Diesmal wollte er auf Nummer sicher gehen und holte sich vorher neue Instruktionen von Remzi Berisha ab. Nach drei Mal klingeln meldete sich der Angerufene.

      „Berisha hier! Was gibt es?“

      Bereitwillig beantwortete Rashid die Frage des Älteren. Der Albaner hatte sich an den Stamm der Eiche gelehnt. „Jäger ist tatsächlich bei seiner Freundin aufgetaucht. Der Peilsender sitzt am Motorrad. Soll ich ihn weiter beschatten?“, erkundigte sich der sportlich gut durchtrainierte junge Mann.
      „Ja, bleib an Jäger dran. Ich habe gute Nachrichten für Dich. Es läuft alles nach Plan Rashid! Die deutsche Polizei ist doch so berechenbar!“ Remzi lachte selbstgefällig vor sich hin „Der erste Teil des Planes ist erfolgreich abgeschlossen. Herr Hauptkommissar Ben Jäger ist zurzeit suspendiert und ohne Job!“ Wieder erklang ein hämisches Lachen am Ende der Leitung. „Es kommt noch besser. Der Türke, sein großer Beschützer, ist ab heute in Urlaub, laut unseren Quellen. Sprich, der kommt uns er einmal nicht in die Quere! Na Jüngelchen, was sagst du nun!“

      Wie der junge Albaner diese Bezeichnung hasste. Er konnte es sich nicht verkneifen und konterte zurück „Aber Jägers Schwester lebt immer noch!“
      Remzi atmete deutlich hörbar aus und ein. „Diesen Schönheitsfehler im Plan werden wir bald beseitigen. Dein Freund Sascha hat alle Möglichkeiten untersucht. Solange diese Julia Jäger auf der Intensivstation liegt, kommt keiner von uns an sie ran. Na gut, lässt sich nicht ändern. Aber sobald die auf Normalstation liegt…!“, er lachte boshaft auf, „Aufgeschoben ist nicht aufgehoben.“
      „Und die andere? Habt ihr sie endlich gefunden?“
      „Ja, Sascha hat seine Beziehungen spielen lassen und die N.utte über ihren Dealer gefunden. Sie geht auf den Straßenstrich in Hürth. Für ein paar Gramm Koks oder genug Kohle macht die alles!“ Der Serbe legte eine Pause ein und sprach mit einer Person, die scheinbar neben ihm stand. Die Worte waren zu undeutlich, als dass der junge Albaner sie hätte verstehen können. „Rashid! Behalte Jäger gut im Auge, der Typ ist unberechenbar.“

      „Was ist mit den beiden Pennern? Wer kümmert sich um die?“

      „Alles zu seiner Zeit! Um die kümmern wir uns später. Erst ist mal Jäger dran!“

      Der grauhaarige Serbe beendete ohne weitere Worte das Gespräch.
      Rashid hatte während des Telefongesprächs Ben Jäger und seine Freundin nicht eine Sekunde aus den Augen gelassen. Geschickt verfolgte er den verhassten Polizisten in den nächsten Stunden.
    • Neu

      Nach dem Besuch bei Leon fuhr Ben erst einmal zurück in seine Wohnung. Dort führte ihn sein erster Gang zum Kühlschrank, wo er sich eine Flasche Bier herausholte. Die geöffnete Flasche setzte er an seinen Lippen an und trank die halbe Flasche in einem Zug leer. Mit dem Handrücken wischte er sich über den Mund. Weder der bittere Geschmack im Mund, noch seinen düsteren Gedanken ließen sich verscheuchen. Mit der Bierflasche in der Hand schlurfte er zum großen Panoramafenster, lehnte sich mit dem Rücken an der Ecke der Fensterlaibung an und schaute nach draußen. Langsam ließ Ben das Gespräch mit seinem Freund Revue passieren.

      Zwischendrin nippte er an seiner Bierflasche. Der Rechtsanwalt glaubte zuerst an einen schlechten Scherz, als Ben ihm sein Anliegen vortrug. Recht schnell hatte der Rotblonde den Ernst der Lage begriffen und sich noch im Beisein von dem jungen Kommissar telefonisch mit dem ermittelnden Staatsanwalt van den Bergh in Verbindung gesetzt. Der Rechtsanwalt verlangte sofortige Akteneinsicht. Frau Krüger hatte diese Ben verwehrt, weil sie über das Verhalten ihres Mitarbeiters so erbost gewesen war. Nachdem Leon am Telefon richtig laut und energisch geworden war, bot der Staatsanwalt an, die wichtigsten Teile der Ermittlungsakte Ben Jäger vorab sofort per Fax zu schicken. Nach wenigen Minuten summte das Faxgerät. Sorgsam lasen sowohl der Rechtsanwalt, als auch der Autobahnpolizist die angekommenen Blätter durch.

      Ben erfuhr dadurch erstmals den Namen seines angeblichen Opfers: Dieser hieß Korbinian Unterbauer und hatte keinen festen Wohnsitz in Köln. Der Verletzte lag in der Marien-Klinik und war aktuell nach wie vor nicht vernehmungsfähig. Sprich der einzige Zeuge, der seine Unschuld bestätigen konnte, war außer Gefecht. Dem armen Mann war mehrfach der Unterkiefer gebrochen worden, er hatte einige Zähne verloren, das Jochbein war gebrochen, Rippenbrüche, ansonsten war sein Körper übersät mit schweren Prellungen und inneren Verletzungen. Laut Aussage des behandelnden Arztes musste jemand unkontrolliert auf den am Boden liegenden Mann eingetreten haben. Man hatte ihn für die nächsten Tage in ein künstliches Koma gelegt, um seinen Kiefer zu richten und um seine Alkoholabhängigkeit besser therapieren zu können. Der Zeuge des Überfalls, ein Matthias Moosgruber, war ebenfalls im Obdachlosen Milieu von Köln unterwegs. Die Beamten des Reviers Nord hatten ihn in einer sicheren Wohnung der Kölner Polizei untergebracht. Leon hatte Ben ans Herz gelegt, bei seinen eigenen Ermittlungen vorsichtig zu sein und sich von ihm verabschiedet.
      Ben schloss seine Augen und überlegte, in welcher Kneipe er die größte Chance hatte, seinen alten Freund Memphis zu finden. Memphis, der mit richtigen Namen Charles Callahan hieß, war ein ehemaliger US-Soldat, der in Deutschland gestrandet war. Der Amerikaner war ein begnadeter Musiker und Gitarrist. Wahrscheinlich sollte er in den Bars der Kölner Innenstadt, in denen Live-Musik gespielt wurde, beginnen. Bei diesen Auftritten sammelte Memphis so viel Geld, dass er davon bescheiden leben konnte.

      Die Nacht würde lang werden, also beschloss der junge Kommissar sich erst einmal aufs Ohr zu legen und noch mal eine Mütze voll Schlaf zu nehmen. Er löste sich von der Wand, stellte die leergetrunkene Flasche auf die Anrichte der Küche und begab sich in sein Schlafzimmer. Aus seinem Kleiderschrank suchte der Dunkelhaarige sich seine älteste Jeans, ein uraltes Kapuzenshirt heraus und legte es auf dem Hocker neben dem Bett bereit. Die Kleidung, die er trug, streifte er ab und lies sie achtlos einfach auf den Boden fallen. Im Bett zog er das Kopfkissen, auf dem normalerweise Anna schlief zu sich heran. Der Duft ihres Parfums haftete daran. Er sog ihren Geruch gierig in seine Nase, schloss die Augen und fing an zu träumen. Von Anna … von sich selbst … ihrem Urlaub … und driftete ab in den Schlaf …

      …. Er rannte … Seine Verfolger waren dicht hinter ihm. Ben hörte wie der Große Befehle erteilte. Sie wollten ihn dem Weg zu seinem Wagen abschneiden. Fieberhaft suchte der junge Kommissar einen Ausweg. Er war seinem Gegner unwissentlich in die Falle gegangen. Die nächste Seitengasse, war sie die Rettung? Als er darin einbog, klatschte eine Kugel in das Mauerwerk hinter ihm. Gesteinsbrocken spritzten auf ihn. Mit seiner Waffe erwiderte Ben das Feuer und zwang seine Gegner in Deckung zu gehen. Keuchend ging sein Atem … weiter, er musste weiter … weg von hier. Auf die Hilfe der Anwohner brauchte er nicht zu hoffen, die gingen in dieser Gegend lieber in Deckung, als bei einem Schusswechsel die Polizei zu rufen. Er bog um die nächste Gebäudeecke. Nach ungefähr 100 m Metern versperrte eine mannshohe Mauer seinen weiteren Fluchtweg. „Fuck!“ entfuhr es ihm frustriert. Ok, dachte er sich mit ein bisschen Anlauf, sollte er drüber kommen. Ben startete einen verzweifelten Versuch … sprintete los, sprang ab und hüpfte hoch. Seine Fingerspitzen krallten sich in die Mauerkrone und er versuchte seinen Körper mit letzter Kraft hochzuziehen, als ihn ein Befehl erstarren ließ. „Vergiss es Jäger! … Das war es! Dein Weg ist hier zu Ende! … Komm runter und schau mir ins Gesicht, wenn ich dir das Leben auspuste!“

      Ben gab auf, seine letzte Chance bestand darin, mit der Waffe schneller als sein Gegner zu sein. Er ließ los und landete mit seinen Füßen auf dem Asphaltboden. Seine Waffe steckte vorne im Hosenbund. Umdrehen und das Ziehen der Waffe waren eine Bewegung. Ben zog den Abzug der Waffe durch, sah die Überraschung des Anderen und es machte einfach nur Klack … Leer … Seine Waffe war leer geschossen. Sein Gegner fing an zu lachen, laut … hässlich … schadenfroh. Er schob seine Kapuze, die bisher sein Gesicht verborgen hatte nach hinten. Ben erkannte ihn. Er hatte den grauhaarigen Mann vor Jahren wegen Mordes hinter Gittern gebracht. Bei einem Banküberfall mit Geiselnahme hatten er und sein Bruder auf der Flucht Geiseln erschossen. Ja bis … bis Ben beim Zugriff mit dem SEK jenen Bruder erschossen. Nun stand dieser Mann vor ihm, lachte und lachte. „Das war es Jäger, verabschiede dich von dieser Welt und Grüße meinen Bruder, wenn du in der Hölle begegnest.“ Der Grauhaarige hob die Waffe an. Ben blickte genau in die Mündung, sah es aufflammen und spürte nur wenige Sekundenbruchteile später den Einschlag der Kugel …

      Schweißgebadet und schreiend fuhr Ben in seinem Bett in die Höhe. „Nein! … Nein!“ Sein Atem ging stoßweise. Es dauerte einige Sekunden, bis er begriff, dass er sich in seinem Schlafzimmer befand und es sich bei dem Durchlebten um einen Alptraum gehandelt hatte. Ein Schauder durchlief seinen Körper und ließ ihn erzittern.

      „Scheiße … Scheiße!“, murmelte er vor sich hin und versuchte die aufkommende Panik in ihm zu unterdrücken. Was wäre, wenn diese Alpträume, die er soeben und in den vergangenen Nächten schon wiederholt durchlebt hatte, die immer mit seinem Tod endeten, wenn diese Alpträume zur Wahrheit werden würden. Nein das durfte nicht sein. Niemals. Es wie eine Prophezeiung der fürchterlichsten Art! Benommen blickte er auf den Wecker, es war kurz vor 20:00 h. Aufseufzend schüttelte Ben seinen Kopf. Die Bilder in seinem Kopf waren so real gewesen. Immer wieder versuchte er sich einzureden, es war nur ein Traum Ben! Es war nur ein Traum gewesen und trottete ins Badezimmer. Vor dem Waschbecken blieb er stehen und betrachtete sich im Spiegel. Dunkle Ringe lagen um seine Augen. Der junge Polizist schaufelte einige Hände voll kaltem Wasser in sein Gesicht und entschied, eine Dusche wäre wohl sinnvoller.

      Eine halbe Stunde später stand Ben gedankenverloren in seiner Küche und hielt eine Tasse Kaffee in der Hand. Sein Blick schweifte in seiner Wohnung umher und blieb auf seiner Post haften, die er bei seiner Ankunft am frühen Nachmittag achtlos auf den Esstisch geworfen hatte. Ein DINA5 Umschlag des Tonstudios erregte seine Aufmerksamkeit. Er entnahm die darin befindliche CD, legte sie in den CD-Player ein. Ben ließ sich auf sein Sofa fallen und startete mit der Fernbedienung die CD. Anfangs lauschte der Dunkelhaarige mit geschlossenen Augen der Musik. Als der Refrain begann, nahm Ben einen Bilderrahmen vom Beistelltisch, darin befand sich ein Foto von Anna. Völlig verträumt streichelte er mit seinen Fingerkuppen darüber. Am Ende des Songs schimmerten seine Augen feucht. Kurz entschlossen erhob er sich, suchte in den Schubladen nach Briefpapier und setzte sich an den Tisch. Seine düsteren Ahnungen trieben ihn förmlich dazu, seine Gedanken zu Papier zu bringen. Er schrieb und schrieb. Einzelne Tränen tropften auf das Briefpapier, als er sich die Zeilen nochmals durchlas. Ben biss sich leicht auf die Unterlippe und dachte nach, sollte er besser den Brief zerknüllen und wegwerfen. Er zögerte. Nein er fühlte sich irgendwie besser, wenn Anna diese Nachricht bekam!

      Ben holte die CD aus dem Player steckte die silberne Scheibe, die er vorher mit einer Widmung versah, zurück in den Umschlag, strich die Adresse durch und schrieb mit großen Buchstaben „Für Anna“ darauf. Den handgeschriebenen Brief legte er darunter. Daraufhin eilte er zurück ins Schlafzimmer und durchsuchte die unterste Schublade seiner Nachtkonsole. Achtlos warf er die sich darin befindlichen Shorts auf das Bett. Endlich entdeckte er das gesuchte kleine Geschenk, nahm es an sich und legte es auf den Umschlag mit der CD zwischen seiner Gitarrensammlung. Er konnte nicht anders. Er öffnete die kleine Geschenkschachtel und betrachtete den Inhalt verträumt.

      Wenn seine Wünsche zur Wirklichkeit werden sollten, wurde es Zeit, dass er etwas unternahm, damit seine Hirngespinste und Alpträume nicht Realität wurden. Ben war bereit den Kampf mit seinem unbekannten Gegner aufzunehmen.
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