Time of Revenge

    • in Erarbeitung

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    • Vendetta – oder die Rache ist mein
      „Nun fahr schon schneller Remzi!“ drängte der junge Mann den Fahrer die Auffahrt zum Landhaus, das zu einem privaten Pflegeheim und Hospiz umgebaut worden war, hochzufahren. Ein Hinweisschild an der Grundstückseinfahrt wies den Besucher darauf hin, dass auf dem gesamten Gelände nur Schrittgeschwindigkeit erlaubt war. Kaum hatte der Ältere den schwarzen Toyota RAV4 auf dem Besucherparkplatz vor dem großen Eingangsportal eingeparkt, als Rashid ausstieg und in die Eingangshalle stürmte. Diese erinnerte von ihrer Ausstattung her, eher an den Empfangsbereich eines vornehmen Kurhotels als an den Eingang zu einem Hospiz und Pflegeheim. Die Bewohner dieser Luxuseinrichtung hatten auch ein entsprechendes Vermögen auf ihren Bankkonten.
      Schwester Jutta, die auf der Hospiz-Station arbeitete und sich vornehmlich um das Wohlbefinden seines Vaters kümmerte, erwartete ihn bereits ungeduldig und eilte in der Halle auf ihn zu.

      „Hallo Herr Stojkovicz, schön dass sie so schnell kommen konnten. Ihr Vater wartet schon sehnsüchtig auf sie.“

      Rashid wollte an ihr vorbeistürmen, als die grauhaarige Schwester ihn am Arm festhielt. Unwillig brummte er vor sich hin und versuchte den Griff abzuschütteln. In ihrem Blick lag jedoch so etwas Bestimmendes, was ihn ermahnte, ihr zuzuhören.

      „Ihr Vater ist bei klarem Verstand. Nutzen sie diesen Moment, es wird nicht mehr viele solche Gelegenheiten geben, mit ihm zu reden. Wenn sie noch was mit ihm zu klären haben, ist das vielleicht ihre letzte Chance!“

      Die Worte der Schwester riefen ihm ins Bewusstsein, sein geliebter Vater war dem Tode geweiht. Sein Verstand wehrte sich gegen diese Vorstellung, dass Boris Stojkovicz nach Aussage der behandelnden Ärzte nur noch wenige Tage zu leben hatte. Der Hospizbereich lag im Erdgeschoss des riesigen Anwesens. Alle Zimmer hatten über Panorama Fenster einen weitläufigen Blick auf den angrenzenden Park, in dessen Mitte sich ein Teich mit Wasserspielen befand. Auch sein Vater starrte durch das Fenster hinaus, als Rashid leise die Zimmertür öffnete und beobachtete die Menschen, die dort im Schatten der Bäume verweilten oder spazieren gingen. Ohne dass der alte Mann den Kopf wendete, wusste er, wer eintrat. „Hallo mein Sohn! Komm setze dich neben mich!“ Rashid setzte sich auf den Besuchersessel neben dem Krankenbett. Man hatte das Kopfteil des Bettes hochgestellt und seinen Vater so gelagert, dass er bequem liegen konnte. Über eine Nasenbrille bekam er zusätzlich Sauerstoff verabreicht. Ohne das Pflegebett und die medizinische Ausrüstung hätte man glauben können, in einem Komfort-Luxus-Hotelzimmer zu residieren. Die restlichen Möbel waren allesamt aus Edelhölzern gefertigt worden. Die geöffnete Tür erlaubte einen Blick ins Badezimmer, dessen Ausstattung aus feinstem italienischem Marmor, farblich aufeinander abgestimmt, bestand.

      Der junge Mann ergriff die knöcherne Hand seines Vaters, die eher an eine Klaue erinnerte und küsste diese zärtlich.
      „Wie geht es dir heute Papa? Besser?“ Es war das Betteln nach einem Hoffnungsschimmer. „Lassen wir dieses Geplänkel mein Sohn! Du weißt, es wird zu Ende gehen, meine Tage sind gezählt!“

      Ein Hustenanfall übermannte ihn, der Kranke japste röchelnd nach Luft und Rashid geriet schon in Versuchung nach der Krankenschwester klingeln. Eine Geste seines Vaters ließ ihn inne halten. „Wie ist es gelaufen? Erzähl mir lieber, ob die Schwester von diesem verdammten Jäger tot ist!“
      Der junge Mann schüttelte den Kopf. „Nein, ein paar Unfallzeugen konnten sie rechtzeitig aus dem Fahrzeug retten, bevor dieses explodiert ist. Dein Super-Experte aus Serbien ist scheinbar doch nicht so perfekt!“

      Der alte Mann schloss die Augen, die tief in den Augenhöhlen lagen. Sein Gesicht verzog sich zu einer hassverzerrten Fratze. Leise stieß er ein paar derbe Flüche und Verwünschungen aus.

      „Aber ich habe ein paar Videoaufnahmen gemacht Papa! Willst du Sie dir ansehen?“ meinte Rashid, um Versöhnung heischend, zog sein Handy aus der Hosentasche und startete das Video. Als die Szene kam, wo Ben Jäger auf das brennende Auto zu rannte und hilflos schrie, fing der alte Mann bösartig an zu lachen. Der nächste Hustenanfall stoppte ihn. Keuchend und nach Luft ringend lag er in seinem Krankenbett. Die Verzweiflung des jungen Polizisten verschaffte ihm eine gewisse Genugtuung.

      Boris Stojkovicz hätte seine Seele dem Teufel verkauft, wenn er dafür noch einige Tage länger leben würde und dadurch das Ende von Ben Jäger miterleben könnte. Warum musste ihn dieser verdammte Lungenkrebs auch innerlich auffressen, bevor er seinen Rachedurst an diesem verräterischen Bullen hatte stillen können. Vor vielen Jahren hatte dieser sich sein Vertrauen erschlichen, als er Undercover im Auftrag des LKAs tätig gewesen war. Ben Jäger trug an allem die Schuld: Dem Untergang seiner Familie, dem Tod seiner drei anderen Söhne, dem Tod seiner Frau, die sich aus Gram selbst das Leben genommen hatte und dass er die letzten Jahre im Rollstuhl verbringen musste. Nicht zuletzt, dass seine Krebserkrankung tödlich verlaufen würde. Der Gefängnisarzt hatte seine Beschwerden nicht ernst genommen und als er auf Drängen seines Anwalts zur weiteren Diagnose in die Uni-Klinik verlegt worden war, war es zu spät gewesen. Der Lungenkrebs hatte über seinen Körper Metastasen gestreut. Es gab keine Rettung mehr. Dabei hätte er nur noch ein Jahr bis zu seiner Entlassung absitzen müssen, dann wäre er auf Bewährung auf Grund seines Alters und Behinderung frei gekommen. Wie oft hatte er sich in der Gefängniszelle in seinen Gedanken ausgemalt, wie er Blutrache in diesem verräterischen jungen Polizisten nehmen würde. Die Zeit zerrann dem Todkranken zwischen den Fingern.

      Rashid dachte schon, dass ein Vater eingeschlafen sei, als dieser unvermittelt die Augen aufschlug. So wie früher blitzten ihn diese an.
      „Ich weiß nicht, ob ich das Ende von Ben Jäger noch erleben werde.“
      „… dann lass mir doch einfach eine Bombe unter sein Auto legen und er ist tot!“ fiel ihm sein Sohn ins Wort. „Nein! … Nein! … Und nochmals nein! … Verstehst du nicht, das wäre viel zu billig! Der Kerl soll leiden. … Wissen, was es heißt einen Verlust zu verspüren, um jemand zu trauern … eine Bombe! ...“ hasserfüllt lachte der alte Mann auf, „das wäre zu billig … zu einfach! Der Verräter hat deinen ältesten Bruder Sergej erschossen, mich angeschossen …!“

      Der Alte geiferte richtig vor sich hin. Mit seinem knochigen Finger deutete er auf das bereitgestellte Getränk auf dem Nachttisch. Rashid hielt ihm den Becher mit dem Strohhalm hin und der alte Mann trank gierig einige Schlucke.

      „Hör zu, mein Sohn! Es gibt noch ein paar Dinge, die du wissen solltest und die ich für dich geregelt habe.“ Rashid stellte den Trinkbecher zurück und lauschte den Worten seines Vaters. Dabei umfasste er mit seinen beiden Händen dessen kalte Hand. „Rechtsanwalt Dr. Hinrichsen war heute Nachmittag ebenfalls da und hat noch ein paar Instruktionen für den Fall meines Ablebens bekommen.“ Immer wieder legte der Todkranke Pausen während des Sprechens ein, um neue Kraft zu sammeln. „Dein Onkel Zladan hat dich gegen meinen Willen in die Familiengeschäfte mit reingezogen. Nach dem letzten Wunsch deiner Mutter, war dir bestimmt, ein bürgerliches Leben zu führen und für den Fortbestand unserer Familie zu sorgen. Meinetwegen heirate diese Elena, wenn sie dich glücklich macht, hast du meinen Segen. Dr. Hinrichsen wird dafür sorgen, dass du ein finanzielles Auskommen haben wirst. Dein Onkel wird dir deinen Erbteil aus den Geschäften überweisen! Jeden Cent einschließlich Zinsen!“ Der Alte lachte meckernd vor sich hin, als hätte er den Clou seines Lebens gemacht.

      „Aber Papa! Du kennst doch Onkel Zladan! Er hat mich mit ein paar mickrigen Euros fürs Studium abgespeist. Wenn ich mehr Geld möchte, soll ich für ihn arbeiten!“ warf der junge Mann ein.

      „Pffff, vergiss das! Dr. Hinrichsen hat Mittel und Wege und auch mächtige Verbündete, die deinem Onkel klar machen, wer das Sagen hat!“ Wieder fing der Alte an bösartig vor sich hinzulachen. Er glich in diesem Moment einem Dämon, der Ausgeburt der Hölle. „Schade …. Einfach … nur schade! Was ich wirklich bedauere, ist, dass ich das Gesicht von diesem Jäger nicht erleben kann, wenn er erfährt, wer hinter seinem Untergang steckt“, krächzte der Alte. Er verfiel für ein paar Minuten in ein Schweigen. Rashid wagte es nicht das Wort zu ergreifen. „Denke immer daran mein Sohn, auch wenn ich sterbe, du bist nicht allein bei deinem Rachefeldzug! … Du hast mächtige Verbündete! Vertraue diesen Leuten! Außerdem wird dieser Remzi auf dich aufpassen! …“

      Rashid wollte seinem Vater lieber nicht sagen, wie er die Fürsorge dieses Söldners empfand. In den letzten Tagen und Wochen ihrer Zusammenarbeit und des Zusammenlebens hatte er diesen rücksichtslosen Menschen näher kennengelernt. Der junge Albaner sehnte schon den Tag herbei, wenn er aus der Obhut dieses gewalttätigen Kerls, den er nicht ausstehen konnte, entfliehen konnte. Er hatte keine Ahnung, wie sein Vater ausgerechnet auf diesen Mann für die Ausführung seines Racheplans gekommen war. Woher kannte er diesen Mann? Der junge Albaner wusste, dass der Grauhaarige im Balkankrieg gekämpft hatte. Wahrscheinlich stammte daher seine Lieblingsbeschäftigung, andere Leute, einschließlich ihm, mit seiner sadistischen und menschenverachtenden Art zu quälen.

      „Papa, bitte! Warum ausgerechnet dieser Kerl? Sascha und ich kriegen das alleine hin und …!“

      „Du und Sascha?“ unterbrach ihn der Alte mit einem geringschätzigen Lachen. „Nein, nein mein Sohn! Wovon träumst du denn! Weder Sascha noch du haben den nötigen Grips, die solch ein ausgeklügelter Racheplan mit sich bringt! “ Wieder krümmte sich der Kranke in einem Hustenanfall zusammen. Sein Gesicht wirkte grau und eingefallen, als wer wieder Luft bekam und seinem Sohn eine letzte Botschaft mitgab. „Kümmere dich nicht um Details mein Sohn! Es ist alles geregelt! Mach, was Remzi dir sagt und am Ende wirst du, wenn Ben Jäger tot ist, belohnt werden!“

      Rashid quälten noch viele Fragen im Zusammenhang mit diesem Rachefeldzug. Bis zum Schluss hatte sein Vater Geheimnisse vor ihm. Als er das letzte Mal nachgebohrt hatte und das wieso und warum hinterfragt hatte, war sein alter Herr regelrecht ausgeflippt. Die Worte der Krankenschwester kamen ihm wieder in den Sinn. Nein, einen Streit als letztes Gespräch, nein, das wollte er nicht riskieren. Rashid wollte in Frieden mit seinem Vater hier und heute auseinandergehen. Die beiden Männer wechselten noch ein paar Worte, die die Zukunft des jungen Mannes betrafen, bevor der Todkranke erschöpft einschlief.

      Rashid verharrte noch einige Minuten regungslos in seinem Sessel. Irgendwie war ihm klar, dass er Abschied nehmen musste von seinem Vater. Er kniff die Lippen zusammen und aus den Augenwinkel rannen Tränen über seine Wangen. Viele Gedanken schossen ihm durch den Kopf, über die Vergangenheit und seine Zukunft. Das Piepsen seines Handys, auf dem eine neue Nachricht angekommen war, riss ihn aus seiner Traumwelt. Remzi wartete auf ihn und drängte zum Aufbruch. Der junge Albaner erhob sich aus dem Sessel und hauchte seinem Vater zum Abschied einen Kuss auf die Stirn.
    • Am darauffolgenden Morgen erwachte der junge Polizist kurz nach 07.30 h. Viel zu spät, wie ihm ein Blick auf dem Wecker verriet! Er hatte verschlafen.

      „Fuck! … Fuck!“ entfuhr es ihm, als er sich mühsam aus seinem Bett quälte. Die Prellungen des gestrigen Unfalls schmerzten erst heute so richtig heftig. In seinem Kopf hämmerte es. Ohne dass es ihm bewusst wurde, stöhnte Ben leise vor sich hin. Selbst der kleine Gang ins Bad wurde zur Qual. Nachdem er sich erleichtert hatte, überlegte er kurz und stellte sich dann doch unter die Dusche, in der Hoffnung, dass dies ihn etwas erfrischen und beleben würde. Als er aus der Duschkabine stieg und sich ein Handtuch um die Hüften schlang, öffnete sich leise die Badezimmertür. Der verlockende Geruch von frisch gekochten Kaffee stieg ihm in die Nase. Anna stand in der Tür und hielt eine Tasse dampfenden Kaffee in der Hand.

      „Hey du!“ raunte sie ihm zu, „wie geht es dir? Dein Rücken sieht auf jeden Fall recht farbenfroh aus.“ Sie ging auf ihm zu und hauchte Ben einen liebevollen guten Morgen Kuss auf die Lippen.

      „Guten Morgen, mein Schatz!“ wisperte er zurück.

      „Wie wäre es erst einmal mit einem Frühstück?“

      Er schüttelte den Kopf und meinte, „Ich bin viel zu spät dran. Die Zeit hat gerade noch für eine Dusche ausgereicht, bevor ich weg muss!“

      „Ben!“ ermahnte seine Freundin ihn, „schon vergessen, du bist für heute krank geschrieben.“ „Oh, vergiss das Anna! Mir geht es gut!“ widersprach er.

      „Du bist unmöglich Ben!“ stellte sie kopfschüttelnd fest. „Ich habe bereits mit Frau Krüger telefoniert und dich krank gemeldet.“

      „Du hast bitte was gemacht?“ empörte er sich und schüttelte ihre Hand ab, die auf seinem Arm lag.

      „Ben! Betrachte dich mal richtig im Spiegel!“ Ihr Finger zeigte auf sein Spiegelbild, „fit sieht wohl anders aus. Du bleibst heute zu Hause!“

      Bevor eine Diskussion zwischen den beiden entbrennen konnte, klingelte es an der Wohnungstür. Ben hegte die leise Hoffnung, dass Semir vorbeikommen würde, um ihn zum Dienst abzuholen. So schnell es ihm sein körperlicher Zustand erlaubte, trocknete er sich ab. Die kleinen Männchen in seinem Kopf schienen dabei eine wundersame Vermehrung zu erfahren. Es pochte und klopfte, zumindest das Schwindelgefühl war weg. Er massierte seine Schläfen und suchte im Medizinschrank ein nach ein paar Schmerztabletten, von denen er auch gleich zwei nahm, bevor er ins Schlafzimmer huschte, um sich anzukleiden. Als er sich nach den Boxershorts das T-Shirt überstreifte, vernahm er eine Stimme aus dem Wohnzimmer, die er definitiv nicht erwartet hätte. Ungläubig tapste er halb bekleidet ins Wohnzimmer. Tatsächlich da stand Sebastian, der blonde Krankenpfleger.

      Völlig verblüfft meinte Ben „Guten Morgen, was machst du denn hier, Basti?“

      „Guten Morgen Ben! Auf dich aufpassen!“, gab der Blonde zurück.

      „Anna, das ist nicht dein Ernst oder? Ich brauche keinen Babysitter!“ entrüstete sich Ben.
      Anna stellte ihre Kaffeetasse geräuschvoll auf die Anrichte und schritt auf ihren Freund zu. Mit ihren Händen umfasste sie seine Schultern und suchte Blickkontakt zu seinen Augen. „Du bist nicht Wolverine oder sonst ein Superman mit Selbstheilungskräften Ben Jäger!“ Ihre Sorge schwang unüberhörbar in ihrer Stimme mit. Ihre Augen hatten so einen flehenden Ausdruck, dass Ben sein eigensinniges Verhalten fast schon Leid tat. „Du hattest einen schweren Schock, leidest an den Folgen einer leichten Gehirnerschütterung, von deinen Prellungen wollen wir mal gar nicht reden! Normalerweise gehörst du in ein Krankenhaus und nicht nach Hause! … Mein Gott Ben, ich habe Angst um dich. Du stehst unter Medikamenteneinfluss, solltest kein Auto fahren …. Geschweige denn, irgendwo auf der Autobahn eine Cowboy-Nummer abziehen …! Und du brauchst sehr wohl einen Babysitter. Denn wenn ich da zur Tür rausgehe, dauert es keine fünf Minuten und du sitzt in deinem Auto, egal wie es dir geht“ Ihre Worte trafen ihn hart und er schluckte.

      Sebastian, der die Unterhaltung bisher schweigend verfolgt hatte, unterstütze seine Freundin.
      „In einem gebe ich Anna Recht. Du siehst echt Scheiße aus, Ben! Keine Ahnung, wie du dich fühlst. Aber so solltest du keinen Dienst auf der Autobahn schieben. Und unter uns Männern, gib es auf, du kommst sowieso nicht gegen Anna an. Kannst mir ja mal ein paar der versprochenen Gitarrenstunden geben.“, meinte er abschließend mit einem Augenzwinkern und schelmischen Grinsen.

      „Ihr habt ja beide Recht!“ lenkte Ben ein und seufzte auf. „Mir brennt nur eine Sorge auf der Seele: Julia!“

      „Sobald ich im bin Krankenhaus bin, erkundige ich mich nach deiner Schwester und gebe dir Bescheid. … Versprochen!“ Annas Blick richtete sich auf Sebastian „Bitte pass auf ihn auf! Das Frühstück habe ich euch vorbereitet. Ich bemühe mich, heute früher Feierabend zu machen!“

      Sie hauchte Ben einen innigen Kuss auf die Lippen, schnappte sich ihre Handtasche und den Autoschlüssel von der Kommode und verschwand. Die beiden jungen Männer verzehrten das reichhaltige Frühstück. Sebastian versuchte im gemeinsamen Gespräch Ben ein wenig von seinen Sorgen abzulenken. Aber erst als Anna anrief und ihn über Julias Zustand informierte, war Ben tatsächlich ein wenig beruhigter. Im Gegensatz zu dem jungen Kommissar war der Krankenpfleger ein sehr ordnungsliebender Mensch. Deshalb schlug er Ben vor, während er die Küche aufräumte und das sonstige Chaos beseitigte, solle dieser sich solange auf der Couch ausruhen und Musik hören. Als Sebastian nach einer halben Stunde fertig war und sich zu Ben setzen wollte, bemerkte er, dass dieser schlief. Während er eine Decke über den Schlafenden legte, meinte er zu sich selbst, so viel zu dem Thema, wie fit jemand ist. Der Blonde machte es sich in dem Sessel gemütlich und zappte gelangweilt durch das morgendliche Fernsehprogramm.
    • Am späten Nachmittag kam Anna, früher als erwartet, nach Hause, wo sie von dem befreundeten Krankenpfleger bereits sehnsüchtig erwartet wurde.
      „Danke noch Mal, dass du deinen freien Tag geopfert hast!“

      „Für Freunde doch immer, das weißt du doch Anna! Ben liegt drüben im Schlafzimmer und pennt seit etwa zwei Stunden. So wie ich ihn kenne, wird er nach dem Aufwachen Hunger haben.“

      Nachdem sie mit Sebastian schnell ein paar medizinische Fakten über Bens Gesundheitszustand ausgetauscht hatte, verabschiedete sich der Blonde. Anna schlich zur Schlafzimmertür und warf einen Blick hinein. Ben lag tatsächlich quer über dem Bett und hielt ihr Kopfkissen im Arm, eng an sich herangedrückt. Sie schnappte sich ihre Lieblingsshorts und ein Top aus dem Schrank. Ihr Freund schien von alledem nichts mitbekommen zu haben und schnarchte leise vor sich hin. Nach einer erfrischenden Dusche öffnete sie die Tür zur Dachterrasse und trat hinaus bis ans Geländer. Sie genoss die Wärme der Sonnenstrahlen und den leichten Sommerwind in ihrem nassen Haar. Anna überlegte, ob sie erst noch schnell eine Runde joggen gehen sollte oder erst ein Abendessen für Ben und sich zubereiten. Ihre Shorts kniffen und zwickten, mit Mühe und Not hatte sie den Reißverschluss hochziehen können und den Bund zuknöpfen. Der Italienurlaub mit dem leckeren Essen hatte eindeutig Spuren in Form von ein paar Pfunden zu viel hinterlassen.

      „Pfff!“ entfuhr es ihr, leise redete sie mit sich weiter „Geht gar nicht! Das heißt Salat für mich und für Ben eine Portion gefüllte Tortellini mit Käsesauce!“
      Sie beschloss auf ihre Hotpants mit Gummizug zurückzugreifen und eine Runde Sport war auf jeden Fall heute noch fällig.
      Der verführerische Geruch von Essen weckte Ben aus seinem tiefen Erholungsschlaf. Sein Magen grummelte laut und verstärkte das Hungergefühl. Schnell schlüpfte er in seine Bermudashorts und streifte sich ein Shirt über. Aus der Küche erklang das Geklapper von Geschirr. Sebastian kochte? Nee, das konnte er sich nicht vorstellen. Der Blonde mixte zwar die besten Cocktails der Welt aber vom Kochlöffel sollte er lieber die Finger lassen. Barfuß tapste er in die geräumige Wohnküche und erblickte durch die geöffnete Terrassentür seine Freundin, die draußen auf der Dachterrasse den Tisch deckte.
      Sein Ärger über ihre Eigenmächtigkeit heute Morgen war zwischenzeitlich verflogen. Er konnte ihr nicht böse sein und wenn er ehrlich war, hatte sie mit ihrer Entscheidung, ihn aus dem Verkehr zu ziehen, recht gehabt. Bis auf leichte Kopfschmerzen und Zippen am Rücken, wenn er eine unbedachte Bewegung machte, ging es ihm gut. Die Übelkeit und das Schwindelgefühl waren komplett verschwunden.

      Leise schlich er sich von hinten an Anna ran. Diese summte ihr Lieblingslied vor sich hin und bekam von seiner Annäherung nichts mit. Zärtlich hauchte Ben seiner Freundin einen Kuss an den Hals, umarmte sie von hinten und wisperte ihr ins Ohr: „Hallo mein Schatz!“

      Erschrocken fuhr die dunkelhaarige Frau bei der unerwarteten Berührung zusammen. Sekunden später schmiegte sie sich an ihren Freund und erwiderte seine Küsse und Zärtlichkeiten. Ben unterbrach die Begrüßung. Ihn brannte eine Frage auf der Seele, „Hast du Neuigkeiten von Julia? Wie geht es ihr? Warst du noch mal auf der Intensivstation?“ Er hielt dabei seine Freundin im Arm und versuchte ihren Ausführungen zu folgen.
      „Ich war nachdem ich Feierabend gemacht hatte, noch mal auf der Neuro-Intensivstation und habe auch mit dem behandelnden Arzt Dr. Beiersdorf gesprochen.“ Daraufhin erfolgte ein kleiner medizinischer Vortrag über Julias Gesundheitszustand, den Ben schon nach dem dritten Satz unterbrach.
      „Bitte Anna! Ich bin kein Mediziner! All dieses fachliche Gelabber verstehe ich doch sowieso nicht. Erkläre es mir in einfachen Worten!“

      „Oh sorry“, sie kicherte kurz „tut mir leid. Ich versuche mich so verständlich wie möglich auszudrücken. Julia hatte Glück im Unglück und ein ganzes Heer Schutzengel. Hmm, wie erkläre ich dir das!“ Sie setzte sich an den Tisch, zog eine Servierte heran und malte darauf rum. Mit wenigen Worten machte sie ihrem Freund begreiflich, wo es zum Bruch in der Schädeldecke gekommen war und wie sich dieser auswirkte. „Gut ist, es ist kein Hirnwasser ausgetreten. Es kam bisher zu keiner Schwellung des Gehirns und auch zu keinen Blutungen. Dr. Beiersdorf macht sich nur Sorgen, weil Julia so lange bewusstlos gewesen war. Sie war heute bereits zweimal kurz wach. Wirkt aber vollkommen orientierungslos und leidet auch unter einer Amnesie.“ Anna bemerkte wie Ben erbleichte und anfing zu zittern. „Hey Schatz! Bitte, nicht aufregen. Es grenzt wirklich an ein Wunder, dass Julia und das Ungeborene den Unfall so überstanden haben. Der kleine Racker ist putz munter. Semir hat mir ein paar Fotos von der Unfallstelle geschickt. Also Kopf hoch, nach dem Essen fahren wir rüber in die Uni-Klinik. Dr. Beiersdorf hat mir versprochen, dass du auch außerhalb der Besuchszeit ein paar Minuten zu Julia darfst.“

      *****

      Eine Stunde später stand der junge Mann vor Julias Krankenbett. Umgeben von unzähligen medizinischen Geräten, blinkenden Monitoren lag seine Schwester im Bett. Im ersten Moment wirkte es, als würde sie friedlich schlafen, wären da nicht die störenden Infusionsschläuche und Kabel gewesen. Außerdem hatte sich auf der linken Gesichtshälfte im Bereich des Auges und der Wange eine Schwellung mit einem riesigen Hämatom gebildet. Auch andere Körperstellen waren von Blutergüssen gezeichnet. Der Oberarzt hatte ihn wie Anna über Julias Gesundheitszustand beruhigt. Es war noch kritisch, aber nicht mehr lebensbedrohlich. Wenn die kommenden beiden Tage auch ohne nennenswerte Komplikationen ablaufen würden, wäre das Schlimmste überstanden. Ein Problem bei der Behandlung war die Schwangerschaft, die man aus Sicht der Ärzte nur im Notfall mittels Kaiserschnitt unterbrechen wollte. Die Nachrichten waren für Ben ein Wechselbad der Gefühle.

      Anna und Dr. Beiersdorf blieben vor der Schiebetür zu Julias Zimmer stehen und beobachteten Ben durch das Fenster. Mit hängenden Schultern, als hätte er eine schwere Last zu tragen, trat der Dunkelhaarige näher zu seiner Schwester heran und umfasste ihre Hand. Leise sprach er mit ihr, streichelte sie auf den Wangen, fuhr zärtlich über den Bauch. Seine Mimik entspannte sich dabei und sein Gesicht nahm einen sinnlichen Ausdruck an. Der Oberarzt hatte Ben versichert, auch wenn Julia schlief, konnte sie die Anwesenheit ihres Bruders spüren.

      Leider wurde aus dem Krankenbesuch tatsächlich nur ein Kurzbesuch von zehn Minuten. Die Patienten, einschließlich Julia, mussten für die Nacht vorbereitet werden. Um die Privatsphäre der Kranken zu wahren, wurde Ben gebeten, die Intensivstation zu verlassen.
    • Neu

      Am darauffolgenden Morgen setzte sich der junge Kommissar seiner Freundin gegenüber durch und trat seinen Dienst auf der PAST an. Dort erlebte er eine herbe Enttäuschung. Frau Krüger verdonnerte ihn zum Innendienst, was er mit einer missmutigen Laune quittierte. Selbst Semir, der an diesem Morgen auf Wolke sieben schwebte, weil er heute Abend mit Andrea vornehm ausgehen würde, konnte ihn nicht ablenken und aufmuntern.

      Griesgrämig saß Ben mit einer Leichenbittermiene hinter seinem Schreibtisch. Zu allem Überfluss hatte ihn die Chefin dazu verdammt, das Chaos auf seinem Arbeitsplatz zu beseitigen und aufzuräumen. Irgendwann stieß er auf die Berichte, Zeugenaussagen und Fotos zu Julias Unfall, die er eingehend studierte. Der Sachverständige der Versicherung ging davon aus, dass ein Fahrfehler von Bens Schwester die Unfallursache war. Die Zeugenaussagen schienen seine Meinung zu bestätigen. Damit war der Fall für alle Beteiligten soweit formal abgeschlossen, da keine weiteren Personen zu Schaden gekommen waren.

      Aber nicht für Ben! Er konnte und wollte es einfach nicht glauben, dass es sich bei Julias Crash, um einen Unfall, wie sie tagtäglich auf der Autobahn geschahen, gehandelt hatte. Seine Intuition sagte ihm, da steckte mehr dahinter. Seine Schwester war eine sehr sichere Autofahrerin, hatte zig Fahrsicherheitstrainings absolviert, um ihre Fähigkeiten auch in kritischen Situationen zu verbessern …. Nein, nein und nochmals nein … sagte ihm seine Logik, so verlor sie trotz Schwangerschaft nicht die Kontrolle über ihren Mercedes.

      Ohne das Wissen von Kim Krüger und Semir veranlasste der Kommissar, dass das Fahrzeugwrack nach Freigabe zur Verschrottung zur KTU der Autobahnpolizei transportiert werden würde. Die Rechnung für den Abschleppdienst wollte er selbst begleichen.

      Zwei Stunden früher als üblich machte Semir Feierabend. Er wollte sich noch richtig schick rausputzen und es auf keinen Fall riskieren, Andrea zu spät abzuholen. Es würde die große Chance des Türken für eine Versöhnung mit seiner Frau werden. Er verabschiedete sich mit einem fröhlichen Grinsen.
      „Komm Partner! Lächle auch mal! Drück mir die Daumen für heute Abend! Auf deine Empfehlung hin habe ich bei diesem tollen italienischen Restaurant Toscanini in der Innenstadt reserviert!“

      Ben hob interessiert den Kopf und zwang sich zu einem Lächeln. „Du kriegst das schon hin Partner!“

      Aufgeregt wie ein Teenager vor seinem ersten Date, suchte Semir seine Autoschlüssel auf dem Schreibtisch. Nun konnte sich Ben ein Lachen nicht verkneifen, feixend erhob er sich von seinem Stuhl und hob einen der grünen Aktendeckel an.
      „Suchst du etwa diesen da?“
      Dabei hob er klappernd den Autoschlüssel hoch in die Luft, dass ihn Semir mit seiner Körpergröße nur hüpfend erreichen konnte. Lachend verabschiedeten sich die beiden Kommissare voneinander.

      *****

      Zwei Stunden später … Feierabend auf der PAST

      Der Himmel hatte sich verdunkelt und ein leichter Regen hatte eingesetzt. Hoffentlich ist das kein böses Omen für Semirs Absichten, dachte Ben bei sich, als er das grau in grau des Abendhimmels auf dem Weg zu seinem silbernen Mercedes betrachtete. Auf dem Nachhauseweg schaute der junge Kommissar in der KTU vorbei und informierte Hartmut von dem bevorstehenden Attentat.
      „Ben! Das ist nicht dein Ernst! Ich ersticke hier fast vor Arbeit und soll dann auch noch den Wagen deiner Schwester anschauen! Vergiss es!“
      „Hartmut bitte! … Du hast was gut bei mir ehrlich! … Sag mir was und ich erfülle dir fast jeden Wunsch!“ flehte er den Rotschopf an.

      Hartmut grummelte verärgert vor sich hin. Ben verfolgte ihn auf Schritt und Tritt in der Fahrzeughalle und redete ununterbrochen auf ihn ein.

      „Ben, du machst mich wahnsinnig mit deinem Gerede und dem Hinter-Her-Gelaufe!“ Dabei hatte er sich umgedreht und fuchtelte aufgeregt mit einem Gabelschlüssel durch die Gegend. „Also gut!“ lenkte der Rotschopf ein, als er Bens verzweifelten Gesichtsausdruck sah. Er hatte ja selbst eine Schwester und konnte sich recht gut in Bens Situation rein versetzen. „Wenn es dir so wichtig ist und nicht sofort gemacht werden muss. Der Abschleppdienst soll die Karre draußen auf dem Hof abstellen und abdecken! … Aber ich verspreche dir nichts! … Verstanden!“

      „Danke Hartmut!“

      Im Gehen fischte der Kommissar sein Handy aus der Hosentasche und informierte die Abschleppfirma. Anschließend fuhr er zur Uni-Klink. Hier erlebte der junge Polizist die nächste Enttäuschung. Seine Schwester schlief wieder. Der behandelnde Arzt war nach wie vor optimistisch, was den Krankheitsverlauf betraf. Beim Verlassen der Intensivstation begegnete er im Zugang zur Intensivstation seinem Schwager. Dieser brauste sofort wieder wutentbrannt auf, als er Ben erblickte.

      „Wer hat dir erlaubt Julia zu besuchen?“, brüllte er lautstark Ben an. „Schon vergessen, wer an ihrem Unfall schuld ist? Und da wagst du es noch in ihre Nähe zu kommen!“
      Wie beim letzten Aufeinandertreffen versuchte er gegenüber Ben handgreiflich zu werden, was sich der junge Kommissar diesmal nicht gefallen ließ. Recht schnell hatte er Peter Kreuzer-Jäger in den Schwitzkasten genommen und fauchte ihn aufgebracht an.
      „Falls es irgendwann in deinem Gehirnkasten mal ankommt, ich habe Julia nicht angerufen noch habe ihr sonst wie eine Nachricht zukommen lassen. … Außerdem, verdammt noch mal, sie ist meine Schwester und du bist der Letzte, der mir verbieten wird, diese zu besuchen.“

      Bevor der Streit der beiden jungen Männer weiter eskalieren konnte, schritt Dr. Beiersdorf ein, der unfreiwillig Zeuge der Szene wurde.
      „Meine Herren! Ich darf sie doch bitten! Dies ist ein Krankenhaus. Sie befinden sich vor einer Intensivstation und nicht in irgendeiner Hinterhofkneipe! … Also benehmen Sie sich entsprechend!“

      Er trennte die beiden Männer und Ben trottete innerlich aufgewühlt in Richtung des Ausgangs.

      Peter Kreuzer-Jäger murmelte vor sich hin „Na warte! Wir werden schon sehen, wer hier am längeren Hebel sitzt!“

      *****

      Irgendwo in Köln …. Einige Zeit später

      Ben befand sich auf der Fahrt von der Uni-Klinik nach Hause, als sein privates Handy klingelte. Verwundert blickte er auf das Display. Die angezeigte Nummer war ihm nicht bekannt. Trotzdem entschloss er sich über die Freisprecheinrichtung ran zu gehen.

      „Jäger“
      …..
      „Ja Sie sprechen mit Ben Jäger, Hauptkommissar bei der Autobahnpolizei.“
      ….
      „Um meine Schwester Julia? Den Unfall von vor zwei Tagen. Woher haben Sie denn meine Nummer?“

      „Nein schon ok. Wenn Memphis die Nummer weitergegeben hat, passt das schon!“
      ….
      „Kommt drauf an was Sie an Informationen zu verkaufen haben.“
      ….
      „Wo wollen wir uns treffen?“
      ….
      „In Ordnung …. Ja ich weiß wo das ist und ich komme sicher alleine!“
      ….
      „Und wie erkenne ich Sie?“
    • Neu

      Kölner Innenstadt …

      Die Dunkelheit war zwischenzeitlich über die Stadt hereingebrochen. Der Mercedes des Hauptkommissars bog in die Marktgrafenstraße ein. Ben hatte noch überlegt, ob er Rückendeckung anfordern sollte. Semir fiel aus, der hatte heute seinen großen Abend mit Andrea. Jenny vielleicht? Aber die war in seinen Augen zu unerfahren. Außerdem drängte die Zeit. Der angebliche Informant wollte ihm Beweise liefern, dass es sich bei dem Unfall tatsächlich um einen Mordversuch gehandelt hatte. Der Mann hatte darauf bestanden, dass Ben am vereinbarten Treffpunkt alleine erscheinen würde.
      Das Licht der Scheinwerfer spiegelte sich in der regennassen Straße. Überall am Straßenrand waren Pfützen, die beim Durchfahren aufspritzen. Die Straße wirkte einsam und verlassen. Und trotzdem störte ihn irgendwas. Er hatte fast den vereinbarten Treffpunkt erreicht, als er im Kegel des Scheinwerferlichtes die Umrisse einer am Boden liegenden Gestalt wahrnahm, die merkwürdig zusammengekrümmt dalag. Erneut warnte ihn sein inneres Gefühl, in eine Falle zu tappen.

      Ben stoppte den Wagen und scannte im Zwielicht der Straßenbeleuchtung die Umgebung. Als der dunkelhaarige Kommissar ausstieg, blickte er sich nochmals sichernd um. Er fühlte sich beobachtet, zog seine Waffe und entsicherte diese. Von der Gestalt am Boden war ein lautstarkes Stöhnen und Jammern zu hören. Der junge Polizist sondierte erneut die Lage, versuchte in den Hauseingängen und Gebäudeumrissen irgendetwas Auffälliges oder Verdächtiges zu erkennen. Der feine Dauerregen behinderte zusätzlich die Sicht. Als er sich vom Auto weg zum Verletzten hinbewegte, sprach er beruhigend auf den Mann ein.

      „Hallo, ich bin Polizist! Ganz ruhig, gleich bin ich bei ihnen. Was ist den passiert?“ Bei seiner letzten Frage hatte er den Verletzten erreicht und kniete bei ihm nieder.
      „Fuck!“ entfuhr es ihm, als die Feuchtigkeit der Straße sein Hosenbein durchdrang. Er steckte die Waffe zurück in das Holster und zog eine kleine Taschenlampe aus seiner Jackentasche. Als er dem Verletzten ins Gesicht leuchtete, erschrak er im ersten Moment. Aus dessen Mund und Nase floss das Blut in Strömen und vermischte sich mit dem Regenwasser auf der Straße. Die Wasserlache vor dem Verletzten war bereits blutrot gefärbt.

      „Ok, bleiben sie ruhig! Ich ruf gleich einen Rettungswagen! Mein Name ist Ben Jäger, ich bin Kommissar bei der Kripo Autobahn. Waren wir hier verabredet? … Hatten Sie mich angerufen? … Was ist denn passiert?“ fragte er erneut bei dem Mann nach. „Wer hat sie denn so übel zugerichtet?“

      Als Antwort auf seine Fragen erhielt der Kommissar nur ein gequältes Stöhnen. Der Mann, seinem Aussehen nach jemand, der auf der Straße lebte, öffnete den Mund. Doch statt Worte quoll nur ein Schwall Blut heraus. Der Verletzte nickte andeutungsweise. Sein zerschlissener Mantel hatte sich ebenfalls mit Regenwasser voll gesogen, woraus Ben schloss, dass er schon länger am Boden lag. Er zückte sein Handy, um einen Notruf abzusetzen. In der anderen Hand hielt er vorsichtshalber wieder seine Waffe. Noch bevor er die Nummer des Rettungsdienstes gewählt hatte, flackerte Blaulicht hinter ihm auf, das sich an den Hauswänden wiederspiegelte. Ben konnte sich gar nicht daran erinnern, dass er die Annäherung eines Fahrzeuges gehört hatte. Das Geräusch, wenn eine Schusswaffe entsichert wurde, durchdrang die Schwärze der Nacht. Eine markante männliche Stimme erklang.

      „Hier spricht die Polizei! Keine falsche Bewegung! … Legen Sie ihre Schusswaffe auf den Boden, strecken Sie die Hände deutlich sichtbar nach oben und stehen Sie ganz langsam auf und drehen sich um!“

      Ben war im ersten Moment total verblüfft. Der Streifenwagen war wie aus dem Nichts aufgetaucht.

      „Ganz ruhig! Wir sind Kollegen“, versuchte er die Situation zu entschärfen, außerdem kam er den Aufforderungen des Polizisten nach. Als der Kommissar aufgestanden war, fühlte er, wie zwei Hände ihn abtasteten. „Mein Ausweis steckt in der rechten hinteren Hosentasche. Ich bin Hauptkommissar Ben Jäger von Kripo Autobahn!“ klärte er seinen Kollegen auf und drehte sich langsam um, als dieser seinen Dienstausweis in der Hand hielt. Er konnte die Gesichter der Kollegen in der Dunkelheit nicht richtig erkennen, denn das Licht von deren eingeschalteter Taschenlampe blendete ihn zusätzlich.

      „Sollten wir nicht erst mal einen Rettungswagen für den armen Kerl rufen“, schlug er mit dem Handy in der Hand vor.

      Sein gegenüber nickte zustimmend. Ben setzte den Notruf ab. Während der Wartezeit sprach der junge Autobahnpolizist beruhigend auf den verletzten Mann ein. Vorsichtig durchsuchte Ben dabei die Taschen des Opfers nach irgendwelchen Ausweispapieren und wurde leider nicht fündig. Bei jeder Bewegung stöhnte das Opfer schmerzvoll auf. Der Hauptkommissar hatte auf der Autobahn schon unzählige Male bei Verkehrsunfällen erste Hilfe geleistet und sah nach kurzer Zeit ein, dass er in diesem Fall dem Verletzten am besten damit half, wenn er auf die Fachleute wartete. Wenige Minuten später waren die Sirenen des sich nähernden Rettungswagens zu hören. Nach dessen Eintreffen kümmerten sich die Sanitäter und der Notarzt um den Verletzten.

      Ben wandte sich wieder den Polizisten zu, die sich dezent im Hintergrund gehalten hatten. Seine Kollegen waren vom Polizeirevier Nord und stellten sich als Walther Meyer und Knut Villmoz vor. Die beiden Streifenbeamten hatten sich ihre wetterfeste Kleidung übergestreift und standen relativ wortlos dabei und beobachteten mit verschränkten Armen die Szene bis zum Abtransport des Verletzten. Seine Fragen beantworteten sie recht einsilbig. Zwischenzeitlich waren auf Bens Wunsch noch Kollegen von der Spurensicherung hinzugekommen, die dem ebenfalls aus dem Polizeirevier Nord stammten. Angesichts des schlechten Wetters machten sich der grauhaarige Mann und seine jüngere Kollegin äußerst schlecht gelaunt an die Arbeit, die diese nach Bens Meinung sehr oberflächlich erledigten. Am liebsten hätte Ben Hartmut angerufen, aber bei dem hatte er wohl heute schon das Limit für Gefälligkeiten erreicht.

      Eine Frage brannte den jungen Kommissar noch auf der Seele und er ging auf die beiden Streifenbeamten zu, die sich nach wie vor bei der Ermittlungsarbeit sehr zurück hielten.

      „Ähm, sorry Kollegen, wo seid ihr denn so plötzlich hergekommen?“

      „Wir erhielten einen Notruf, dass hier jemand um Hilfe gerufen hätte. … Anonym!“, legte Knut Villmoz gleich nach, als er das Aufblitzen in Bens Augen sah.

      „Ach ja Kollege, um den Papierkram zu erleichtern, würde es ihnen was ausmachen, wenn Sie bei uns im Revier kurz vorbeifahren würden und ihre Aussage zu Protokoll geben. Kollege Villmoz hat dort schon Bescheid gegeben. Die warten auf Sie. Wenn Sie sich bitte an Herrn Oberkommissar Arthur Kramer wenden würden.“, meldete sich Walther Meyer zu Wort.

      Dieser nickte beifällig und meinte: "Wir übernehmen ab sofort die Ermittlungsarbeit vor Ort und werden uns noch ein wenig umsehen."

      „Ja klar, mach ich!“ sagte Ben zu, verabschiedete sich und ging zurück zu seinem Wagen.

      Selbst durch seine Lederjacke kroch langsam Feuchtigkeit des Regens hindurch bis auf die Haut. Im Grunde wollte Ben nur noch nach Hause, raus aus den feuchten Klamotten, eine heiße Dusche nehmen und schlafen. Bevor er den Motor seines Mercedes startete, beobachtete er nochmals die Szene vor sich. Das komische Gefühl blieb und er konnte förmlich riechen, dass hier etwas faul war. Was hätte er darum gegeben, wenn jetzt Semir bei ihm gewesen wäre. Sein erster Impuls war ihn anzurufen, damit er an seiner Stelle die Ermittlungsarbeit am Tatort überwachte. Doch halt! Stopp!, mahnte ihn seine innere Stimme. Das ging nicht. Das konnte er nicht bringen, den großen Versöhnungsabend zwischen Semir und Andrea zerstören. Morgen war ja schließlich auch noch ein Tag, versuchte er seinen Argwohn zu beruhigen.
      Der junge Mann seufzte auf und fuhr los in Richtung Polizeirevier Köln Nord. Wenn er in diesem Augenblick geahnt hätte, was da auf ihm zukommt, dann ….