Freudenberg

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    • Freudenberg

      Johanna, von allen nur „Joshi“ genannt, Schimke, war in Polizeikreisen als kompliziertes Individuum bekannt. Auf der einen Seite galt sie als freundliche, aufgeschlossene Frau und auf der anderen Seite, als tiefes Gewässer, in dieses man kaum durchdringen konnte. Hinter der offenen Fassade der 28-jährigen Frau, die sich rockig-modern kleidete, kurze Haare hatte und sogar mit Piercings im Gesicht verziert war, versteckte sich, so glaubten zumindest alle, ein kleines, verdrängtes Mädchen.
      Als frischgebackene Kommissarin wurde sie oft in Abteilungen weitergereicht, weil viele Männer mit ihrer direkten Art nicht klargekommen waren. Denn neben ihrer Offenheit war sie auch direkt. Sehr direkt sogar. Zumindest unter den Kollegen. Während sie ein absolutes Verständnis für Zeugen und Opfer zeigte, so war sie teilweise sehr harsch zu den eigenen Arbeitskollegen.
      Die gebürtige Dortmunderin hatte des Öfteren bereits den Wohnort gewechselt gehabt und hatte eigentlich daran geglaubt, den Polizeiberuf an den Nagel zu hängen, bis auf einmal der neugebackene Chef der Autobahnpolizei des Kreises Freudenberg sie persönlich ansprach und bereits einen Partner für sie gefunden hatte. Jemand, der sie unterstützen und auf ihrem Weg begleiten wollte.
      Den letzten Strang Hoffnung greifend, nahm Johanna die Herausforderung an und seit gut einem Monat war sie nun ein vollständiges Mitglied des Kollegiums. Selbst das versteckte, kleine Städtchen Siegen, in dem sie inzwischen wohnte, gefiel ihr und die ruhigen Fälle schienen ebenso eine beruhigte Stimmung in ihre aufgewühlte Persönlichkeit zu bringen.
      Besonders ihr neuer Partner schien absolut keine Probleme mit ihr zu haben. Besonders ihre Direktheit war für ihn überhaupt kein Problem, da er sich nicht scheute, ebenso klar seine Meinung ihr mitzuteilen. Zudem fühlte sie sich zum ersten Mal ernst genommen und nicht als Brillenträgerin mit nun ja zwei distinktiven fraulichen Merkmalen gesehen.
      Für ihn war sie sogar bereit, nach der zweiten Woche auch mal einen Snack vorzubereiten für die langen Tage während der Streife. Selbst in der kurzen Zeit, war er mehr wie ein großer Bruder für sie geworden, als ein Arbeitskollege, der sie nur als Stolperstein in der Karriere sah.

      Genau einen solchen Snack, selbst getrocknete und geschnittene Apfelstücke, reichte sie am Start der fünften Woche der gemeinsamen Zeit. Sie hatten in einer abgelegenen Seitenstraße geparkt und beobachteten die Autobahnfahrer, die, die A45 hinunterbretterten, die schlussendlich in die A4 endete.
      Niemand schien den dunkelblauen Mercedes zu bemerken, denn teilweise überschritten die Fahrer das Tempolimit deutlich und ein entnervtes Hupen war zu hören, als sie den Blitzer bemerkt hatten, den die Beiden aufgestellt hatten.
      „34ter und das in der zweiten Stunde“, bemerkte Joshi und stopfte sich einen der Schnitze in den Mund, nachdem ihr Partner den Schnitz aus der Schüssel genommen hatte, die sie nun aufs Armaturenbrett stellte.
      „Die Kollegen wird’s freuen und das Rechnungspapier wird mal wieder knapp“, stimmte er ihr zu und sie grinsten.
      „Apropos Kollegen, konntest du deinen ehemaligen Partner erreichen?“, fragte sie ihn neugierig und er schüttelte mit dem Kopf. „Er war im Männerurlaub mit seinem aktuellen Partner und dessen Vater. Zuvor hatte er ja Hochzeitsstress und alles. Von dem her, nein. Aber ich versuche es morgen wieder!“
      „Hoffentlich, denn ich will diesen türkischen Hengst kennenlernen, Alex!“, scherzte Johanna und Alexander „Alex“ Brandt lächelte.
      „Zentrale an Falke 1, bitte kommen?“, erklang eine helle Stimme aus dem Funkgerät und Joshi nahm das Mikrofon an sich. „Falke 1 am Apparat, was können wir für dich tun, Maria?“
      Maria Gomez, die hübsche Kriminalbeamtin mittleren Alters, antwortete sofort. „Es wurde auf der A45 Richtung Siegen ein verlassenes Auto im Waldstück hinter der Kilometertafel gesichtet. Es sind bereits mehrere Meldungen eingegangen. Geht euch das bitte ansehen! Müller und Strohbart kommen gleich um euch bei der Streife zu ersetzen.“, erklärte sie und Alex zog eine Augenbraue hoch.
      „Und bevor ihr fragt, Anweisung des Chefs. Keine Widerrede!“ Mit diesen Worten hängte Maria auf und Joshi presste die Lippen zusammen. „Man...Müller und Strohbart wären näher gewesen und jetzt tauschen wir nur weil der Chef meint uns könnte langweilig werden?“, fauchte sie und verschränkte die Arme, während Alex sich anschnallte und den Motor startete. „Du kennst doch sein berühmtes Bauchgefühl. Was das betrifft ist er genauso unheimlich wie mein ehemaliger Partner.“
      „Du meinst, da könnte mehr dahinterstecken, als ein möglicher Versicherungsbetrug?“, fragte Joshi mehr als skeptisch und Alex zuckte mit den Achseln, als er das Lenkrad drehte um aus der Parklücke zu fahren. „Wir werden es sehen, sei doch froh um die Abwechslung...“, entgegnete er und fuhr auf die Autobahn, wo noch immer das entnervten Hupen der Fahrer, zu hören war.
      „Irgendwann lernen Sie’s noch“, seufzte Joshi und Alex konnte nur grinsen. Er fuhr die Strecke ab und kam zu der besagten Kilometertafel und tatsächlich schien etwas inmitten des Waldstückes zu stehen.
      Alex parkte seinen Wagen auf den Pannenstreifen und stieg gemeinsam mit Johanna aus. „Reichst du mir noch das Pack mit den Handschuhen?“, rief Alex seiner Partnerin zu und diese nahm aus dem Handschuhfach den gewünschten Gegenstand und warf ihn Alex zu, der diesen einhändig auffing. „Man dankt!“
      Sie liefen in den Wald hinein und langsam wurde der Wagen sichtbar. „Eine Shelby Cobra? Wer lässt so ein Schätzchen denn bitte hier zurück im Wald? Das alte Metall ist doch so anfällig für Rost!“, fragte Johanna erstaunt und Alex sah sie verwundert an.
      „Was? Mein Vater ist Oldtimer-Fan, da kriegt man so was mit!“, erklärte sie und während Alex grinsend weiterlief, rollte Joshi kurz mit den Augen und ging hinterher.
      Je näher sie sich dem Wagen näherten, umso bissiger und fauler wurde die Luft um sie herum. Während Alex seinen Arm vor die Nase hielt, zupfte Johanna ihren schwarzen Rollkragenpullover unter ihrem zugeknöpften Flanellhemd hervor und stülpte es über ihr Riechorgan.
      Semir: Du blutest übrigens!
      Alex: Ich blute?! Ja, ich blute! Ich habe mir 'ne Kugel für dich eingefangen! Man ich stehe hier vielleicht auf der Fahndungsliste!
      Semir: Alex...
      Alex: Weisst du wie Knast hier aussieht?
      Semir: Alex...
      Alex: WAS?!
      Semir: Ich hab dich lieb...
      Alex: Ja schönen Dank auch!
    • „Bah...das riecht ja wie Marias Kochkünste, oder zumindest danach, wenn sie ihr Essen in der Mikrowelle in der Kantine aufwärmt!“, hustete Joshi und Alex näherte sich dem Wagen, der von außen her unversehrt aussah. Instinktiv legte er die Box mit den Handschuhen auf den Boden und zog sich ein Paar davon an. „Versuch durch den Mund zu atmen, das hilft mir zumindest immer“, riet er seiner jungen Partnerin und versuchte den Wagen zu öffnen, während Joshi sich ihr Paar Handschuhe anzog.
      Mit einem Klack öffnete sich das Schloss und Alex sah seine Partnerin an. „Offen?“, fragte Johanna überrascht nach und Alex nickte. „Jep, und der Geschmack wird intensiver.“
      „Ich denke ich habe die außerordentliche Ehre den Kofferraum zu öffnen?“, fragte Johanna gar schnippisch und Alex sah sie mit einem Lächeln an. „War ja klar“, grummelte sie und begann am Kofferraum rumzuhantieren.
      Alex hingegen, setzte beugte sich in die Fahrerkabine und nahm eine kleine Taschenlampe aus seiner Brusttasche der Lederjacke und leuchtete hinein. Am Beifahrer- und Rücksitz waren Spuren von roter Flüssigkeit zu sehen und sofort krümmte sich sein Magen ein wenig. Er streckte sich zum Handschuhfach und öffnete es. Darin zu sehen waren drei Pässe, alle sorgsam zusammengefaltet und aufeinandergestapelt. Er packte sie in einem Handgriff und zog sie hervor.
      „Ähm Partner? Ich denke, das solltest du sehen und zwar schnell!“, hörte er Johannas gepresste Stimme und er erhob sich wieder. Er sah das bleiche Gesicht seiner Kollegin und wie sie schwer schluckte. Sie schritt ein wenig zurück und war dieses Mal diejenige, die sich den Arm vor die Nase hielt. Alex lief auf sie zu und blickte in den Kofferraum. „Ach du Scheiße...“, stieß er aus und musste ebenfalls, die aufkommende Übelkeit herunterschlucken.

      Zu sehen war eine männliche Leiche, so brutal zusammengeschlagen, dass ein Gesicht nicht mehr erkennbar war. Der Körper war in eine Fötus Position gekrümmt und an der Schläfe ragte ein Loch in der Größe einer Münze. Der Boden des Kofferraums war mit Blut und Menschlichen Überresten verschmutzt. Der faulige Gestank kam von Kot und Urinresten, die deutlich an der hellen Jeans des Toten zu erkennen waren.
      „Ruf’ Maria an. Wir brauchen die Spurensicherung und den Leichenbeschauer!“, befahl Alex seiner Partnerin und zur Abwechslung nickte diese nur. Sie zückte ihr pechschwarzes Handy aus der Gesäßtasche ihrer Jeans, wählte eine Kurzwahlnummer und entfernte sich ein wenig vor Alex, der noch immer auf die Leiche starrte.
      „Soviel zu einem ruhigen Montag“, murmelte dieser und öffnete den ersten der Pässe, „sehen wir mal, mit wem wir es zu tun haben!“
      Zu sehen war ein junger Mann mit blonder Haarfarbe. „Paul Renner...“, murmelte er und öffnete den zweiten Pass, den er auf den ersten legte. „Klaus Renner...anscheinend Vater und Sohn“, schlussfolgerte er und klappte den letzten Pass auf.
      Er zuckte leicht zurück und ließ fast die Papiere fallen. Sein Herz machte einen unerwarteten, beinahe schmerzhaften Sprung doch nicht vor Freude, sondern aus purem Schock.
      „JOSHI“, schrie er und die Angesprochene drehte sich um, das Handy noch immer an ihrem Ohr.
      „Einen Moment bitte, Chica!“, bat sie die Person am anderen Ende, näherte sich sofort und ohne ein Wort, zeigte Alex ihr das Foto des Besitzer des letzten Passes.
      „Maria...“, begann Joshi danach mit weit geöffneten Augen, „informier sofort den Chef. Ich denke, er sollte sich das hier ebenfalls ansehen kommen. Such uns bitte ebenfalls die Nummer des Autobahnpolizeipräsidiums Köln-Düsseldorf raus...und sag dem Chef, dass ich sein Bauchgefühl niemals mehr anzweifle...“
      Semir: Du blutest übrigens!
      Alex: Ich blute?! Ja, ich blute! Ich habe mir 'ne Kugel für dich eingefangen! Man ich stehe hier vielleicht auf der Fahndungsliste!
      Semir: Alex...
      Alex: Weisst du wie Knast hier aussieht?
      Semir: Alex...
      Alex: WAS?!
      Semir: Ich hab dich lieb...
      Alex: Ja schönen Dank auch!

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    • Fabian Reichenbach fuhr auf den abgesperrten Pannenstreifen der A45 und stieg aus. Er sah einige der uniformierten Polizisten, wie sie Anweisungen bekamen und dann sogleich wieder davonrannten. Als er selbst zur Absperrung lief, wurde ihm sofort Zugriff gewährt und er lief in das Waldstück, wo er bereits begrüßt wurde. Seine neuste Mitarbeiterin, Kriminalkommissarin Johanna Schimke, rannte sofort auf ihn zu.
      „Danke, dass Sie sofort gekommen sind Chef!“
      „Wie sieht die Lage aus, Schimke?“
      Johanna lief neben ihrem Chef her und begleitete ihn zur Gerichtsmedizinerin Yasmina Gruber, die in Vollmontur, neben einer Leiche kniete und mit einem Messgerät die Lebertemperatur entnahm.
      Die Halbdeutsche, -asiatin anfangs vierzig hatte ihr schwarzes Haar zu einem Zopf gefunden, der unter der Kapuze des Schutzanzuges hervorlugte. Ihre mandelförmigen, smaragdgrünen Augen sah auf die Gruppe hinauf.
      „Unbekannte, männliche Leiche. Wir haben sie im Kofferraum dieses Shelly Cobras gefunden!“, begann Johanna zu erzählen und zeigte auf das erwähnte Gefährt, „wir sind wie angeordnet hier her gefahren und hatten den Wagen untersucht, dabei ist uns der furchtbare Gestank aufgefallen!“
      Fabian stutzte und blickte auf Yasmina. „Der Tote hatte sich im Wagen noch entleert. Er war zwar quasi schon tot, als man ihn in seinem zerschlagenen Zustand da hineingelegt hatte, aber der Körper war noch in einer Schockstarre, die sich erst im Kofferraum löste, nachdem man ihn darin erschossen hatte“, erklärte sie und Fabian nickte verstanden. „Okay und drei Personen sind also verschwunden...und einer dieser Personen...“
      „...ist Alex’ ehemaliger Partner Semir Gerkhan, zumindest lag sein Pass neben zwei anderen im Handschuhfach“, vollendete Johanna den Satz und Fabian verschränkte die Arme. „Die Legende der Autobahnpolizei...Maria informiert gerade die Kollegen. Wo ist Brandt eigentlich?“ Johanna wies wieder auf das Auto. Dahinter kam Alex zum Vorschein.
      „Er durchsucht den Wagen auf weitere Hinweise. Die KTU sucht gerade mit Spürhunden nach weiteren Indizien und wie weit sie das Suchgebiet ausweiten müssen.“
      „Und wie geht es ihm?“
      „Er hat kaum ein Wort gesprochen, seit ich Sie informiert hatte, Chef. Er wirkt beinahe wie ein Raubtier auf der Suche nach seiner Beute. Ich habe ihn noch nie so gesehen! Es ist beinahe schon furchteinflößend...“
      „Ich weiß, es ist fremd Schimke, aber Sie kennen Brandt noch nicht so lange...ich genauso wenig, aber ich kenne seine Geschichte. Seine GANZE Geschichte. Bleiben Sie einfach eine treue Kollegin und er wird sich Ihnen öffnen. Er hat ja auch eine Menge Geduld mit Ihnen...und...“, entgegnete Fabian und begann mit Johanna auf den Wagen zuzulaufen.
      „...seien Sie bitte geduldig Schimke...“
      „Nicht gerade meine Stärke, Chef...ich bin ja nicht gerade für mein nachsichtiges Naturell bekannt...auch wenn ich mir mehr Mühe gebe als früher...“
      „...deshalb sage ich es Ihnen ja!“
      Johanna seufzte und sah, wie Fabian sich so beugte, dass er zu Alex in den Wagen blickten konnte. Ohne ein Wort zu sagen, stieg Alex daraufhin aus dem Wagen und reichte Fabian ein paar Handschuhe.
      „Danke, dass Sie sofort gekommen sind, Chef!“, murmelte Alex und Fabian nickte. „Und? Haben Sie bereits was gefunden, Brandt?“

      Alex nickte und winkte Fabian und Johanna zur Motorhaube, wo diverse Dinge (sorgsam eingetütet) auflagen.
      „Diverse Gegenstände waren im Laub verstreut. Geldbörsen, zerstörte Handys sowie dieser Ausweis.“ Alex nahm einer der Tüten auf und darin zu sehen war ein gelber, zusammengefalteter Karton. Aufgezeichnet war die Silhouette eines Kopfes, wo das Gehirn weiß hervorgehoben war mit Blitzen, die sich darin hineinbohrten.
      „Komisches Ding, hab’ ich ja noch nie gesehen...“, murmelte Fabian ehrlich und Johanna streckte ihre Hand aus. „Darf ich?“, fragte sie und Fabian übergab ihr die Tüte. „Klaus Renner...ich nehme an, Paul Renners Vater...“
      „Paul Renner ist Semirs aktueller Partner, ihre Polizeiausweise lagen unter den Fahrzeugpapieren versteckt im Handschuhfach“, fügte Alex auf Johannas Feststellung an, zeigte auf die entsprechende Archivtüte und die Frau der Truppe nickte verstanden. Danach seufzte sie mit tiefen Falten auf der Stirn. „Ich kenne diesen Ausweis. Ich habe als freiwillige Mitarbeiterin für das Pilotprojekt gearbeitet, wo dieses Papier entworfen wurde. Das ist ein Demenzausweis.“
      Die beiden Männer sahen die junge Frau mit großen Augen an.
      „Viele soziale Einrichtungen und Therapeuten haben mit Polizisten zusammengearbeitet. Es gibt immer wieder Vorkommnisse, wo öffentliche Beamte gerufen werden, weil Menschen meinen, dass Demenzkranke entführt werden, weil die ihre eigene Verwandten nicht mehr wieder erkennen! Dieser Ausweis wurde nun Testweise an einige Kranke vergeben. Sie sollen zeigen, dass die Person nicht mehr Herr seiner Sinne ist und die Begleitperson wirklich zu ihr gehört. So können auch die Beamten mehr Ruhe in die Sache bringen und unnötige Ausartungen vorbeugen!“
      „Soll heißen, dass sich unter der verschwundenen ein Demenzkranker befindet?“ Johanna nickte auf Alex Frage und Fabian atmete tief durch.
      Semir: Du blutest übrigens!
      Alex: Ich blute?! Ja, ich blute! Ich habe mir 'ne Kugel für dich eingefangen! Man ich stehe hier vielleicht auf der Fahndungsliste!
      Semir: Alex...
      Alex: Weisst du wie Knast hier aussieht?
      Semir: Alex...
      Alex: WAS?!
      Semir: Ich hab dich lieb...
      Alex: Ja schönen Dank auch!
    • „Wenn die Drei wirklich entführt wurden...erschwert das die Sache deutlich. Ohne es zu wollen könnte Senior Renner seinen Sohn und dessen Kollegen in größte Gefahr bringen!“, fügte er seiner Geste hinzu und Alex verschränkte mit einem dunklen Blick die Arme.
      „Aber genauso verwirrt wie der gute Herr Renner, scheinen mir die Täter zu sein“, begann Johanna und unterbrach so die kurze, entstandene Stille, „seht euch das alles an!“ Sie begann um das Auto zu laufen und zeigte zunächst auf die Leiche.
      „Der Mann wurde brutal so zusammengeschlagen, dass man sein Gesicht nicht mehr erkennen kann und dann erschossen? Warum? Schon alleine das macht für mich keinen Sinn! Außerdem...die Pässe wurden zurückgelassen und Alex, du sagtest du hättest die Polizeiausweise versteckt gefunden? Wieso? Wieso die Pässe offen lassen aber die Ausweise nicht? Wenn man verdecken will, dass man zwei Polizisten mitgenommen hat, dann nimmt man doch auch die Ausweise mit!“
      Alex sah seine Partnerin an und kratzte sich kurz an der Wange. „Außerdem wurden die Geldbörsen unangetastet zurückgelassen...“, sagte er dann murmelnd.
      Fabian zuckte kurz auf, als sein Handy klingelte. Nach einem kurzen Blick auf das Display nahm er ab.
      „Maria, was haben Sie für mich?“, fragte er ohne seine Anruferin zu begrüßen und hörte danach aufmerksam zu.
      Johanna und Alex erkannten dies, weil ihr Chef sich immer wieder die nackenlangen Haare hinter die Ohren strich. Eine Geste, die er nur tat, wenn er konzentriert war.
      „In Ordnung. Wir werden gleich im Präsidium sein. Richten Sie bitte alles ein! Vielen Dank!“ Mit diesen Worten hängte er auf und zog seine Handschuhe aus.
      „Wir müssen ins Präsidium und zwar jetzt!“, bestimmte er forsch und Alex, sowie Johanna sahen ihn mit hochgezogenen Augen an.
      „Ich weiß, Ihnen liegt es besonders am Herzen Brandt, dass Sie beide Ihre Arbeit hier weiterführen können, aber Maria hat die Kollegen erreicht...“
      „...und?“, funkte Alex seinem Chef sofort ins Wort und dieser hob mahnend die Hand. „Die Chefin hält die Sache noch bedeckt. Sie möchte zuerst den Eindruck von Ihnen beiden erfahren.“, erklärte Fabian danach ruhig und Johanna verschränkte die Hand. „Ich nehme an über Videokonferenz“, deduzierte sie. „Richtig. Steigen Sie in Ihren Wagen. Wir haben 20 Minuten. Wir sehen uns dort!“ Mit diesen Worten schritt Fabian voraus und ließ seine beiden Kommissare zurück.

      Johanna nutzte die Gelegenheit und ging auf Alex zu, der besorgt ins Leere blickte und kurz davor war, sich an den Nägeln zu kauen, bis er die Hand seiner Partnerin an der Schulter spürte.
      „Geht’s?“, fragte sie leise und für sie in einem ungewohnten, zarten Ton. Alex zuckte mit den Achseln und atmete tief durch. „Ich...“, begann er stockend und sah dann Johanna in die Augen, danach schüttelte er mit dem Kopf, „nein...nein ehrlich gesagt es geht nicht...“
      „Ich bin sicher es geht Ihnen gut“, versuchte Johanna hilflos ihn aufzumuntern was aber nur dazu führte, dass Alex falsch auflachte.
      „Nichts gegen dich Joshi...aber du hast das Blut gesehen, nicht wahr? Und wenn man sieht was die Wahnsinnigen mit dem Typen im Kofferraum gemacht haben, will ich mir gar nicht vorstellen, was sie mit...“ Alex presste die Lippen zusammen und atmete nur stoßend aus .
      „Ja ich bin ein Realist Alex, du kennst mich besser wie jeder andere hier“, sagte Johanna langsam und stellte sich dann vor ihren fast gleich großen Partner (sie trug immer flache Schuhe, damit sie niemals auf ihn herunter sah), „aber selbst ein Realist wie ich weiß, dass Negativität nun überhaupt nichts hilft. Ich will mit dir diesen Fall durchziehen, aber dazu müssen wir einen kühlen Kopf behalten. Du kennst Reichenbach, er wird uns selbst über die Grenzen unterstützen, aber auch er stößt dann irgendwann an seine Grenze. Er hätte den Fall direkt an jemanden anderen abgeben können, hat’s aber nicht getan...“
      „Ich weiß...“, murmelte Alex und sah dann, wie Johanna ihre Hand ausstreckte.
      „Wir stehen das gemeinsam durch, okay Partner? Ich halte zu dir egal was geschehen wird und glaube mir, ich sage das nicht zu jedem. Aber dazu musst du die Nerven behalten, für mich, Deal?“
      Alex lächelte traurig, schlug ein und nickte. „Deal!“
      Semir: Du blutest übrigens!
      Alex: Ich blute?! Ja, ich blute! Ich habe mir 'ne Kugel für dich eingefangen! Man ich stehe hier vielleicht auf der Fahndungsliste!
      Semir: Alex...
      Alex: Weisst du wie Knast hier aussieht?
      Semir: Alex...
      Alex: WAS?!
      Semir: Ich hab dich lieb...
      Alex: Ja schönen Dank auch!
    • „Ihr Mistkerle! Was habt ihr mit ihm gemacht?! Wo habt ihr ihn hingebracht! Hey!“



      Der laute Schrei seines Partners drang in seine Ohren und langsam kamen seine Sinne wieder zurück. Das Gehör nahm immer mehr das andauernde Surren eines Tiefkühlers war und die Augen lösten sich langsam von dem Nebel, der sich über ihnen gebildet hatte. Die Nase erhaschte den Geruch von Metall, Fleisch und Plastik.

      Doch mit dem Rückkehr der Sinne, kam auch das körperliche Empfinden wieder zurück. Seine Muskel brannten und jede Sehne stand in Flammen. Besonders seine rechte Schulter fühlte sich gleichzeitig taub an und doch war die Pein beinahe kaum zu ertragen.

      „Semir...hey, kannst du mich hören?“

      Er sah nach oben und erblickte den blonden Schopf seines besten Freundes. „Oh Gott...“

      Semir konnte fühlen, wie sein verletzter Arm hochgehoben wurde und ohne dass er es wollte, stieß er einen grellen Schrei aus, als die Bewegung durch die Schulter ging.

      „Nein...nicht, bitte Paul...!“, wimmerte Semir und spürte, wie sein Arm wieder gesunken wurde.

      „Tut mir leid, Partner, aber es muss sein...“, flüsterte Paul und Semir stöhnte erneut auf, als Paul ihn aufrichtete und an die Wand lehnte.

      „Was zur Hölle ist passiert?“, keuchte Semir und Paul presste die Lippen aufeinander. Als sein Partner aufstand bemerkte Semir, dass die Beiden sich in einem Lager befanden. Überall standen Regale mit Konservenbüchsen und gefüllten Plastikflaschen. Jedoch hatten sich über all diese Artikel bereits ein leichter Staubfilm gebildet und die trockenen Partikeln flogen im schwachen, bläulichen Licht der lose hängenden Glühbirnen.

      Ohne ein Wort zu sagen begann Paul die Schränke zu durchsuchen und nahm weiße Stoffreste sowie eine Packung Gaze hervor. Er beugte sich erneut zu Semir hinunter.

      „...Paul...?“

      „Ich hätte niemals vorschlagen sollen, ihn mitzunehmen...“, flüsterte Paul und begann Semirs Schulter zu versorgen. Im Augenwinkel konnte der Deutschtürke nun erkennen, dass es sich um eine Steckschusswunde handelte.

      „Es tut mir so leid, Semir...“ Der Angesprochene konnte seinen Blick nicht von seinem Partner wenden, der auf der einen Seite hoch konzentriert seine Wunde verarztete und doch immer wieder blinzelte, um aufkommende Tränen zu unterdrücken.



      „Oh Scheiße...der kurze Stopp wegen deines Vaters...diese komischen Typen...ich erinnere mich!“, kamen die Bilder nun zurück in Semirs Kopf. Er zuckte erneut auf als Paul seinen Arm an den Körper lehnte und aus dem weißen Stoff eine Schlinge bastelte.

      „Ich habe die Wunde abgedrückt und die kleine Kugel herausgenommen, sie steckte zum Glück nicht tief. Jedoch bis wir hier raus sind, solltest du den Arm ruhig halten...“, erklärte der Blonde langsam und setzte sich dann gegenüber seines besten Freundes und stützte die Arme auf den angewinkelten Knien ab, nur um die Hände ineinander zu falten und den Kopf darauf zu legen.

      „Wir waren so gut wie zuhause...ich hätte nur einmal strenger mit ihm sein sollen! Aber nein, ich sage ihm noch dass es okay ist wenn er im Wald frische Luft schnappen will...“ Semir bemerkte wie stark Pauls Stimme bebte und obwohl er das Gesicht nicht sehen konnte, so konnte er jeden Ton des Selbstvorwurfes hören.

      „...dort sah er die Typen, die auf ihren Kollegen einprügelten und wollte eingreifen. Langsam kommt alles wieder zurück. Als wir flüchten wollten haben die mich als Schussübung benutzt...“ Semir blickte auf Pauls provisorische Vorrichtung und rieb sich mit der gesunden Hand die verletzte Schulter. „Moment...wo haben die deinen Vater hingebracht?“, schoss es dann in Semirs Kopf und Paul zuckte mit den Achseln.

      „Ich weiß es nicht...“, antwortete er heiser und dieses Mal konnte Semir ein leises Schniefen hören, „ich habe keine Ahnung...“

      „Er lebt Paul, da bin ich mir sicher!“, sagte Semir nun wieder mit klarer Stimme, „Wir müssen einen Weg hier rausfinden. Ich möchte nicht so enden wie den Typen, den die verprügelt hatten...“

      „...und erschossen...“, fügte Paul hinzu, „als du angeschossen zu Boden gefallen bist, haben die den Typen in den Kofferraum des Shelbys verfrachtet und mit einem Kopfschuss niedergestreckt.....“

      „...Nette Zeitgenossen!“, grummelte Semir und richtete sich mit verzogenem Gesicht auf. Er streckte Paul die gesunde Hand hin und dieser verstand. Er schlug ein und stand auf. „Ich mache die körperliche Arbeit. Ich konnte zwar die Schulter notdürftig versorgen, wir sollten aber nichts riskieren!“, fügte er seiner Geste hinzu und wusch sich mit dem Unterarm die letzten Tränen aus dem Augenwinkel.
      „Geht’s?“, fragte Semir mit väterlicher Fürsorge und Paul nickte. „Muss ja!“
      Semir: Du blutest übrigens!
      Alex: Ich blute?! Ja, ich blute! Ich habe mir 'ne Kugel für dich eingefangen! Man ich stehe hier vielleicht auf der Fahndungsliste!
      Semir: Alex...
      Alex: Weisst du wie Knast hier aussieht?
      Semir: Alex...
      Alex: WAS?!
      Semir: Ich hab dich lieb...
      Alex: Ja schönen Dank auch!
    • Semir schaute sich um. „Was soll das eigentlich sein? Ein alter Lagerraum?“ Paul lief herum und sah sich die Dosen und Verpackungen. „So alt kann der nicht sein. Manche der Dosen und alles sind noch lange gültig.“
      „Mag sein...aber das Gebäude selbst kann nicht so neu sein!“ Er zeigte auf Pauls fragenden Blick auf die Wände. „Dieser Baustil wird schon lange nicht mehr angefertigt. Das ist typischer 70er Jahre Aufbau.“
      Paul kletterte auf einer der Regale und sah sich die Decke und die oberen Teile der Wände an. Nebenbei klopfte er an die Wand und rieb sich danach kurz die Knöchel. „Hartes Material...und ich sehe keinen richtigen Lüftungsschacht. Das fällt also aus!“ Er sprang auf den Boden zurück und Semir durchsuchte seine Taschen. „Die haben uns jedenfalls alles abgenommen. Kontaktieren können wir auch niemanden!“
      „Oder jemand uns...“, murmelte Paul und verschränkte die Arme. „Auf gut Deutsch: Wir stecken in der Scheiße...“, knurrte Semir und zischte kurz auf, bevor er sich die verletzte Schulter hielt.
      „Komm setzt dich wieder hin!“, befahl Paul beinahe forsch und half Semir, sich wieder auf den Boden zu setzten. „Meine alte Knochen sind nicht mehr das, was sie mal waren...früher habe ich so was leichter weggesteckt.“ Ohne es zu wollen konnte Semir mit diesem Satz seinem Partner ein Lächeln entlocken. „Dafür hast du ja mich!“, sagte er daraufhin und tastete die Türe ab. „Von außen verriegelt. Keine Chance!“, stöhnte Paul und schlug mit der geballten Faust dagegen. Erneut schlug er dagegen.
      „WO IST MEIN VATER, IHR SCHWEINE!“, schrie er und kickte gegen das eiskalte Metall der Türe.
      „SCHNAUZE DA DRIN!“, kam es dumpf von draußen und Paul schreckte zurück als das Gegenüber anscheinend ebenfalls gegen die Türe schlug.
      „Netter Typ!“, murmelte Semir und Paul begann zu schnauben. Er rannte gegen die Türe und schlug mehrere Male dagegen. „Du Dreckskerl! Mach die Türe auf! Wo ist mein Vater!?“, Pauls Stimme überschlug sich mehrmals und er stemmte seinen ganzen Körper gegen die Türe.
      „Paul...“, mahnte Semir, als die Wache auf der anderen Seite ebenfalls zurückschrie. Doch Paul redete sich weiter in Rage.
      „PAUL!“, schrie Semir nun und der Blonde schritt schwer atmend zurück. „Das bringt weder uns noch deinem Vater etwas...“, begann Semir als Paul ihn endlich ansah, „momentan müssen mir mitspielen, ob du willst oder nicht...“, sagte er sanfter und Paul fuhr sich durchs Haar. „Semir...du weißt...“
      „...ja weiß ich! Deshalb mahne ich dich ja! Wenn die mitbekommen was mit deinem Vater ist, könnte er in großer Gefahr sein.“
      „Das ist ein Alptraum...“, flüsterte Paul, lehnte sich an die Wand und ließ sich auf das Gesäß fallen.

      Er schreckte wieder zurück, als die Türe sich öffnete und etwas in den Raum geworfen wurde, bevor die Tüte wieder zugeschlagen wurde.
      Semir, der sich als Erster wieder vom Schrecken erholt hatte, erkannte sofort, um was es sich handelte und seine Augen rissen weit auf. „Oh mein Gott!“, stieß er aus und drehte den Körper um. Nun war auch Paul wieder Besinnen und sein ganzer Leib begann zu zittern. „PAPA!“, schrie er, war in einem Eiltempo bei dem Körper und erblickte das zerschlagene, blutige Gesicht seines Vaters.
      Klaus Renners Augen waren so zugeschwollen, dass nur zwei Geschwulste zu sehen waren. Von diversen Cuts an der Stirn, lief das Blut in diversen Striemen die Wangen hinunter. Die Lippen waren aufgesprungen und der linke Wangenknochen wirkte eingedrückt.
      „Oh Gott“, schluchzte Paul und legte sofort zwei Finger auf den Hals seines Vaters. Ein rasender Puls schlug seinen Kuppen entgegen und Paul sah, wie Semir mit Eis und dem restlichen weißen Stoff neben ihm hinkniete. Mit dem gesunden Arm reichte er Paul sofort das Eis und dieser legte es auf die Augen seines Vaters.
      Dieser zuckte auf und ein leises Wimmern entwich seinen Lippen. „Nicht...noch mehr schlagen...“, murmelte er und Paul biss sich auf die Unterlippe. „Wir sind’s Papa...Semir und ich...“, sagte er leise.
      „Paulchen?“, flüsterte Klaus. „Ja Papa...wir sind da. Die Typen sind weg. Du wirst nicht mehr geschlagen...“
      „Die haben mich geschlagen...sagten ich sei Schuld an allem. Es tut mir so leid Paul...“
      „Ist okay Papa...ist okay...“
      Semir: Du blutest übrigens!
      Alex: Ich blute?! Ja, ich blute! Ich habe mir 'ne Kugel für dich eingefangen! Man ich stehe hier vielleicht auf der Fahndungsliste!
      Semir: Alex...
      Alex: Weisst du wie Knast hier aussieht?
      Semir: Alex...
      Alex: WAS?!
      Semir: Ich hab dich lieb...
      Alex: Ja schönen Dank auch!
    • Johanna und Alex betraten den Sitzungsraum wo Fabian bereits bereitstand und Maria am Laptop saß. Sie verband ihn mit dem Touchbildschirm an der Wand und sogleich begann der Klingelton eines Programmes zu läuten.
      „Seid ihr bereit?“, fragte Fabian und Johanna sah zu Alex, der nickte. „Annehmen Maria!“ Die Polizeibeamtin drückte einen Kopf und Alex atmete tief durch, als der gesamte Oberkörper seiner ehemaligen Chefin Kim Krüger erschien. Sie hatte die Finger gefaltet und blickte streng in die Kamera.
      Dennoch war die tiefe Sorgenfalte auf der Stirn deutlich zu erkennen. Ihr Blick wanderte sofort zu Alex.
      „Brandt...“
      ...Frau Krüger...“, begrüßte er sie ebenso knapp zurück und die Luft schien zum zerschneiden dick.
      „Werte Kollegin...es tut mir leid Sie unter einem solchen Umstand zu kontaktieren“, begann Fabian sachlich und mit ruhiger Stimme, „neben Ihrem ehemaligen Kollegen, Alexander Brandt, steht seine aktuelle Partnerin: Kriminalkommissarin Johanna Schimke. Sie haben den Wagen sowie die Leiche gefunden.“ Kim atmete tief durch. „Es wurden die Ausweise der Männer gefunden?“, fragte sie und Alex nickte.
      „Ja leider Frau Krüger. Der Wagen ist ebenso auf Paul und Klaus Renner zugelassen. Es besteht kein Zweifel.“
      „Außerdem wurde noch ein Demenzausweis von Klaus Renner dazu gefunden. Jedoch sind die Männer nicht aufzufinden, wir müssen davon ausgehen, dass sie entführt wurden“, fügte Johanna zu Alex Ausführungen hinzu und die Chefin der Autobahnpolizei Köln/Düsseldorf rang sichtlich um Fassung.
      „Hinweise zur Leiche?“
      „Sie wird derzeit untersucht. Sie wurde bis zur Unkenntlichkeit zusammengeschlagen. Wir müssen also auf Zahnabgleiche oder DNA hoffen.“, antwortete nun Fabian. „Frau Krüger, stimmt es wirklich dass Klaus Renner an Demenz leidet?“ Auf Johannas Frage hin seufzte die Angesprochene und rieb sich die Schläfe. „Ja, dies ist bekannt. Die Krankheit schreitet langsam voran und die Erinnerungslücken und Aussetzer werden allmählich schlimmer...“, erklärte sie und Alex schluckte.
      „Frau Krüger, wenn Sie wünschen, werde ich Ihr Team und die Verwandten informieren“, bot Fabian an und Kim winkte ab. „Nein, das ist meine Aufgabe. Ich bitte um eine Zusammenarbeit. Ich werde alleine kommen, da wir aufgrund Weiterbildungen und der gegebenen Umstände unterbesetzt sind.“
      „Wir gehen Ihrem Wunsch gerne nach“, entgegnete Fabian, „bitte teilen Sie unserer Polizeibeamtin mit, wann Sie eintreffen werden. Sie wird Ihnen eine Unterkunft und ein Arbeitsplatz organisieren! Ich stelle Ihnen in dieser Zeit eine Akte zusammen mit allen Informationen, die wir bis dahin finden können!“
      „Ich danke Ihnen!“ Mit diesen Worten wurde die Konferenz unterbrochen und Alex atmete tief durch.
      „Wir gehen zurück! Wir drehen alles um, bis wir einen Hinweis gefunden haben“, bestimmte er danach, packte seine Jacke von einem der Stühle und Johanna tat es ihm gleich. „Brandt!“, rief Fabian und seine beiden Mitarbeiter blieben stehen. Die beiden Männer tauschten kein Wort. Nur einen Blick.
      „Verstanden“, murmelte Alex und zog seine Partnerin aus dem Raum.

      Gemeinsam liefen die Beiden auf Johannas Dienstwagen, einen silbernen Audi A7, zu und stiegen ein. In diesem Moment klingelte Alex’ Handy und er nahm ab.
      „Ja?“ Er wartete ab und ohne ein Wort zu sagen, legte er nach einem kurzen „Mhm“ wieder ab. „Mishka?“, fragte Johanna sofort und Alex nickte. „Die Blutspuren im Wagen selbst stammen von Klaus Renner. Außerdem wurden im Wald Blutspuren gefunden...“, flüsterte er leise und Johanna legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Semir?“, fragte sie leise. „Ja...“, antwortete er und atmete tief durch, bevor er sein Handy einsteckte. „Fahren wir...“
      Johanna startete den Motor und fuhr in die Autobahneinfahrt ein. Im Rückspiegel sah sie das rote Ziegelgebäude, dass das Präsidium der Autobahnpolizei Kreis Freudenberg verkörperte.
      „Die leben noch, das spüre ich!“, sprach sie dann aus und spürte Alex Blick in ihrem Nacken. Sie sah ihn kurz an und lächelte aufmunternd.
      „Nenn’ es weibliche Intuition...“
      „...aha...“
      „Hey, große, geniale Entscheidungen sind aufgrund weiblicher Intuition gefallen.“
      „Ich möchte nur, dass der Mann, der mich wieder auf die Beine gebracht hat, heil aus der Sache herauskommt...seine Freunde ebenso!“
      Johanna legte einen Gang nach Alex Satz ein und erhöhte das Tempo. „Wie du gesagt hast. Wir drehen jeden Kieselstein um wenn es sein muss!“ Sie steuerte auf den Waldabschnitt zu und parkte den Wagen in den abgesicherten Bereich, nachdem sie einem uniformierten Kollegen den Ausweis gezeigt hatte. Dieses Mal war es Johanna, die, die Packung mit den Handschuhen Alex zuwarf und dieser legte sie, nachdem er sein Paar angezogen hatte, auf die Motorhaube.
      „Dann lass uns jeden Stein umkehren!“, sagte er entschlossen und sie liefen auf den Tatort zu.
      Semir: Du blutest übrigens!
      Alex: Ich blute?! Ja, ich blute! Ich habe mir 'ne Kugel für dich eingefangen! Man ich stehe hier vielleicht auf der Fahndungsliste!
      Semir: Alex...
      Alex: Weisst du wie Knast hier aussieht?
      Semir: Alex...
      Alex: WAS?!
      Semir: Ich hab dich lieb...
      Alex: Ja schönen Dank auch!
    • Dort trafen sie auf Mishka Kowalksi, die Chefin der KTU Siegen. Die Frau Mitte Dreißig war alles andere als normal. Gegen Sie, war Joshi mit ihrem Nasenpiercing und drei Löchern in jedem Ohr, eine dezente Persönlichkeit.
      Mishka trug ihr Haar wasserstoffblond während die Enden auf je einer Seite je in Blau oder Pink gefärbt waren. Zwei mittelgroße Plugs steckten in je einem Ohr und an ihrer Unterlippe steckte ein schwarzer Ring. Unter dem Anzug war der Totenkopfpullover sowie die violett-schwarzen Leggins zu sehen.
      Die azurblauen Augen blickten auf das Polizistenteam. „Hat euch mein Anruf nicht gereicht?“, fragte sie mit ihrer tiefen, rostigen Stimme und sah Johanna an. „Mäddche, was ist denn mit deinem bunten Haarstreif passiert?“
      „Anweisung vom Chef. Entweder die Piercings raus oder die Naturhaarfarbe zurück. Und ich bevorzuge dunkelbraun, als auf meinen Schmuck zu verzichten...“ Johanna bemerkte Alex hochgezogene Augenbraue und räusperte sich. „Hast du noch etwas anderes gefunden?“
      „Ich habe vor zwanzig Minuten angerufen...ich weiß ihr haltet mich für den Flash, aber so schnell bin ich dann doch nicht! Aber bitte, mein Spielplatz ist auch der eurer!“ Alex schritt voraus und Johanna wurde von Mishka aufgehalten.
      „Mäddche...stimmt es was geflüstert wird, einer der vermissten Personen ist Alex’ ehemaliger Partner?“ Johanna seufzte und klopfte Mishka auf die Schulter.
      „En joah...“, flüsterte Johanna in Siegerländer Platt zurück und lief auf Alex zu, der sich über eine gesicherte Spur beugte.
      „Mishka!“ Die Angesprochene blickte auf den Kriminalhauptkommissar. „War hier die Blutspur von Semir?“
      Mishka nickte. „Ist man der Spur gefolgt?“, fragte Alex nach und versuchte, in einer normalen Tonlage zu bleiben.
      „En joah, aber außer einen Kerfich von weggeschmissenen Hamstern und Mäusen, haben wir bisher nichts gefunden!“
      Alex blickte hilflos auf Johanna und diese rollte mit den Augen. „Kerfich ist Friedhof“, übersetzte sie und sah auf Mishka. „Mishka dat is kenn Seejeländer! Denk’ dran!“ Die KTU-Chefin grinste und fuhr ihre Arbeit fort.
      „Die Blutspur ist vom Shelby entfernt. Sprich Semir wollte entweder fliehen oder Hilfe holen.“, schlussfolgerte Alex und Johanna wies auf das Feld, das zwischen den Bäumen zu erkennen war.
      „Und da die Shelby noch dasteht müssen die Drei auf eine andere Weise weggeschleppt worden sein!“ Alex richtete sich auf und begann mit Johanna den Weg abzulaufen. Nach einer Weile war eine Einbuchtung im Laub ersichtlich.
      „Alex“, murmelte Johanna und zeigte darauf. „Sieht aus als wäre hier jemanden gestürzt.“ Auf diversen Blättern waren wieder rote Blutspuren zu erkennen. „Jemand, der bereits verletzt war!“

      Alex sprang auf und rannte den Hang hinunter zum Feld. Er hörte wie Johanna ihm hinterhersprang und mit ihm am Feld ankam. In dem gelblichen, absterbenden Gras, waren zwei dicke eingefahrene Spuren zu erkennen.
      „Mishka!“, schrie Johanna in den Wald und beugte sich über die Spuren. „Sieht mir nach einem Pick Up oder was ähnlichem aus...für einen normalen Kleinwagen sind die Spuren zu breit“, murmelte sie und Alex gesellte sich neben sie. „Stimme ich dir zu. Sprich sie wurden hier hergeschleppt und dann in einem Wagen mitgenommen...“
      Die Beiden richteten sich auf und Johanna wies auf die Spur. „Sie führt zurück auf die Autobahn...sprich die Typen haben die Drei gepackt und sind dann einfach abgehauen...“
      „Je mehr wir da sehen, umso weniger macht alles Sinn...“, begann Alex, seufzte und verschränkte die Arme, „alles wirkt so überstürzt und doch geplant. Sie lassen vieles zurück, schaffen es aber die Drei beinahe spurlos mitzunehmen.“
      Johanna musste ihrem Partner Recht geben. „Das Gleiche mit der Leiche. Zuerst wird sie beinahe zu Tode geprügelt und auf der anderen Seite mit einem präzisen Schuss in die Schläfe niedergestreckt...“
      „Überstürzt und doch bedacht...“, murmelte Alex.
      „Leute!“, erklang Mishkas Stimme aus dem Wald, „ich weiß ja nicht was ihr gefunden habt, aber meins kann’s sicher nicht trumpfen!“
      Semir: Du blutest übrigens!
      Alex: Ich blute?! Ja, ich blute! Ich habe mir 'ne Kugel für dich eingefangen! Man ich stehe hier vielleicht auf der Fahndungsliste!
      Semir: Alex...
      Alex: Weisst du wie Knast hier aussieht?
      Semir: Alex...
      Alex: WAS?!
      Semir: Ich hab dich lieb...
      Alex: Ja schönen Dank auch!
    • Alex und Johanna rannten zurück und Mishka kam auf sie zu. „Seht euch das Mal an!“ Die Forensikerin hatte ein Stück Stoff in der Hand.
      „Äh ja, wir haben gerade Reifenspuren gefunden und du einen Fetzen. Du hast uns deutlich überholt“, bemerkte Johanna sarkastisch und Mishka ließ sich davon nicht beeindrucken. „Seht es euch einfach mal an!“ Alex nahm den Fetzen entgegen und sah ihn sich an. Darauf war eine Libelle sowie die Zahl 7777. „Klingelt’s?“, fragte Mishka ungeduldig und Johannas Miene wurde finster.
      „Allerdings. Die Siegerländer Libellen...die verzogene Frucht der zerstörten Stadt...“, flüsterte sie und Alex sah die beiden Frauen fragend an. „Kann mich bitte jemand aufklären?“
      „Die Siegerländer Libellen gelten als Brut der Nazigeschichte. Siegen war schließlich eine Hochburg und vollkommen zerstört worden im zweiten Weltkrieg. Viele haben den Hass versteckt und heimlich an ihre Kinder weitergegeben. Eine Zeitlang wurden sie nicht ernstgenommen, weil es auch verzogene Kinder waren, inzwischen (aufgrund auch der letzten Ereignisse) haben sie aber wieder an Stärke gewonnen!“
      „Na klasse“, stöhnte Alex nach Johannas Erklärung und drückte Mishka den Fetzen an die Brust. „Jemand soll auch noch die Reifenspuren sichern“, knurrte er anschließend und lief davon.
      „Danke“, flüsterte Johanna, Mishka zu und rannte Alex hinterher. Dieser zog die Handschuhe aus und stopfte sie in die Jackentasche.
      „Verdammte Scheiße!“, schrie er und Johanna zuckte zusammen. In ihrer bisherigen Zusammenarbeit war Alex immer der ruhige, besonnene Pool und Johanna die junge, leicht aufbrausende Persönlichkeit.
      „Alex noch ist es ja nicht sicher...vielleicht lag das schon länger da...“, versuchte Johanna langsam ihn zu beruhigen und Alex stemmte die Hände in die Hüfte. Sie sahen gemeinsam auf die Autobahn, die sich aufgrund des Mittagsverkehrs immer mehr füllte.
      „Das lag nicht länger da Joshi und das weißt du...“
      „Du weißt wie beschissen ich mit Aufmunterungen bin...“
      Alex atmete tief durch und sah seine Partnerin an. „Weiß ich...“, erwiderte er mit einem traurigen Lächeln, „...haben diese „Libellen“ auch einen Sitz in Siegen?“ Johanna nickte. „Gemäß letzten Informationen an der Fischbacherstrasse nahe dem Berufsschulzentrum. Dort ist ein altes Einfamilienhaus. Dort sollen sie letztens ihr Lager aufgeschlagen haben!“ Alex klopfte ihr auf die Schulter. „Dann lass uns mal dort einen Blick hineinwerfen. Ich bin gerade in der richtigen Stimmung für solche Vollidioten!“, knurrte Alex und Johanna zog einen Nasenflügel hoch, bevor sie mit den Schulter zuckte. „Wer nicht?“, murmelte sie und lief auf ihren Dienstwagen zu.

      Sie setzte sich mit Alex in den Wagen und steckte ihr Handy in den Halter, bevor sie ihr Handy-Headset aufsetzte und eine Kurzwahl eingab, bevor sie den Motor startete und losfuhr. Zur gleichen Zeit hatte sie den Lautsprecher betätigt und so war der Verbindungston zu hören, als sie mit dem Wagen in die Spur einfuhr. Nach einigen Sekunden wurde abgenommen.
      „Schimke, sagen Sie mir bitte, dass Sie was haben. Dienststellenleiterin Krüger ist auf dem Weg und gemäß ihrem letzten Telefonat ist sie wirklich nervös.“
      „Kein Wunder...“, murmelte Alex und Johanna holte Luft. „Kowalski hat am Tatort das Wappen der Siegener Libellen gefunden, Chef“, begann sie und ein genervtes Stöhnen war am anderen Ende zu hören, „wir sind gerade auf dem Weg zum letzten notierten Lager der Truppe.“
      „Das an der Fischbacherstrasse?“, fragte Fabian. „Exakt. Vielleicht können wir etwas aus denen entlocken...“
      „Aber Schimke...Brandt, bitte denken Sie daran...“
      „...diskret, auch wenn wir auf die Kacke hauen!“, erwiderten Johanna und Alex gleichzeitig und Johanna bog in die Einfahrt zur Stadt ab.
      „Richtig. Teilweise sind, gerüchteweise, hohe Anwälte unter den Libellen und wir können uns, sichtlich der Umstände, keine Verzögerung leisten!“ Johanna und Alex sahen sich für einen kurzen Moment ernst an, bevor Johanna ihren Blick wieder auf die Straße richtete.
      „Chef...“
      „...wie gesagt, diskret!“ Mit diesen Worten wurde aufgehängt und Johanna zog eine Augenbraue hoch. „Diskret...mein Lieblingswort.“, brummelte sie und fuhr in die Richtung des Berufsschulzentrums. „Wir gehen ja erst mal uns erkundigen.“, sagte Alex und sah, wie Johanna vor einem Haus parkte dass im „Alten Flecken“-Stil von Freudenberg gebaut war. Am Briefkasten klebte der Sticker einer Libelle, die in einem dunklen Silber war, so dass sie kaum auf dem Metall zu sehen war.
      „Scheint als wären sie noch immer hier...“, murmelte Alex und Johanna zog ihren Ausweis aus der Tasche. „Dann los!“
      Semir: Du blutest übrigens!
      Alex: Ich blute?! Ja, ich blute! Ich habe mir 'ne Kugel für dich eingefangen! Man ich stehe hier vielleicht auf der Fahndungsliste!
      Semir: Alex...
      Alex: Weisst du wie Knast hier aussieht?
      Semir: Alex...
      Alex: WAS?!
      Semir: Ich hab dich lieb...
      Alex: Ja schönen Dank auch!
    • Sie liefen auf die Türe zu und Alex betätigte die Klingel. Es war Schritte zu hören und nach einiger Zeit wurde die Türe sogar geöffnet.
      Ein Mann mittleren Alters stand vor ihnen. Im Mundwinkel hing eine Zigarette und das glühende Ende drohte beinahe die längeren, grauen Haare anzusengen. Auf der höckerigen Nase saß eine alte Drahtbrille, die, die klaren, blauen Augen vergrößerten. Gar abschätzend, blickte er auf die Ausweise, die Alex und Johanna hochhielten.
      „Brandt und Schimke, Autobahnpolizei Freudenberg. Mit wem haben wir das Vergnügen?“, fragte Alex beinahe tonlos und der alte Mann rümpfte die Nase. „Autobahnpolizei? Ich fahre nicht mal Auto! Kann also kein Knöllchen fabriziert haben!“ Die Stimme war rostig und doch schneidend wie ein frisches Messer. Johanna glaubte sogar, dass ihr die Nackenhaare aufstanden.
      „Wir sind auch wegen einer anderen Sache hier. Ihr schönes Libellenlogo wurde an einem Tatort gefunden!“
      „Was denn für ein Tatort?“, ächzte der Namenlose zurück. „Ein Mordtatort. Sowie Entführung“, mischte sich nun Johanna in die Konversation ein und zum ersten Mal zeigte das Gesicht des Mannes Regung. Er schloss die Türe hinter sich und zündete die Zigarette erneut an.
      „Okay hören Sie“, begann er nun in einem gar Business-gleichen Ton und seine Haltung wirkte auf einmal strammer und disziplinierter, „ich weiß dass unsere Organisation nicht in ihr Weltbild passt, aber aufgrund unserer Historie sollten Sie wissen, dass wir nicht auf diese Spur setzten!“
      „Es gibt immer ein erstes Mal“, erwiderte Johanna unbeeindruckt und der Mann atmete tief durch.
      „Ernst August ist mein Name nebenbei. Sicherlich brauchen Sie ihn für Ihre Aufzeichnungen. Wäre nicht das erste Mal, dass ich in einer Polizeiakte auftauche!“
      „Okay Herr August. Wie gesagt, ein Stück Stoff mit dem Logo Ihrer „Organisation“ wurde am Tatort gefunden. Es wurde eine verunstaltete Leiche in einer Shelby Cobra gefunden. Nebenbei wurden drei Personen entführt.“, wiederholte Alex.
      „Und ich kann Ihnen nur sagen, dass wir nicht auf einer solchen Schiene fahren. Ich weiß nicht wie dieses Stück Stoff an Ihren Tatort gelangt ist, aber ich kann Ihnen versichern, dass wir nichts damit zu tun haben!“
      „Niemand, der Ihnen in letzter Zeit komisch aufgefallen ist?“ Auf Johannas Frage hin warf August seine Zigarette auf den Boden und trat sie aus.
      „Wir hatten unser letztes Meeting Anfangs Monat. Seitdem habe ich niemanden gesehen.“, antwortete er knapp und Alex verschränkte die Schulter. „Gibt es vielleicht eine Lister Ihrer Mitglieder?“
      „Gibt es einen Grund, dass ich diese hinausgeben muss?“, fragte August zurück und obwohl Alex von außen her ruhig erschien, konnte Johanna die angespannte Halsschlagader sehen. „Als Polizisten müssten Sie ja wissen, dass ich ohne dringenden Tatverdacht gar nichts muss!“

      Alex verstrickte sich in mit dem Mann in eine Diskussion, während Johanna auf die offene Garage blickte. Auf dem alten Asphalt waren Reifenspuren zu sehen. Reifenspuren, die ihr nur sehr bekannt vorkamen.
      „Herr August, fahren Sie einen Pick-Up?“ Ihre Frage durchbrach die Diskussion und August hob eine Augenbraue. „Nein, wie kommen Sie darauf. Wie erwähnt, ich fahre keinen Wagen!“, antwortete mehr als sichtlich verwirrt.
      „Hatten Sie in dem Falle Besuch in letzter Zeit?“ August stemmte die Hände in die Hüfte. „Selbst wenn, ist es nichts, dass Sie interessieren muss.“, knurrte er und Johanna hob lächelnd die Hand.
      „Es interessiert mich, weil diese Reifenspuren auch am Tatort gefunden wurden“, erklärte sie mit einem gar schnippischen Unterton und Augusts Augen weiteten sich ein wenig. Nur für einen kurzen Moment, aber es war deutlich ersichtlich.
      „Was?“, flüsterte er und Johanna nickte. „Selbst wenn, es gibt hunderte, tausende Pick-Ups. Also lassen Sie mich nun bitte in Ruhe!“ Mit diesen Worten stampfte August in sein Haus zurück, schlug die Türe zu und schloss sie hörbar.
      Alex blickte auf die Reifenspuren. „Selbst wenn, sehr komischer Zufall...“, murmelte er und Johanna sprang hinunter, während Alex zu ihrem Wagen ging und ein paar Handschuhe, sowie eine Aservatentüte hervornahm. In einem geeigneten Augenblick entnahmen sie ein wenig der abgestandenen, feuchten Erde der Reifenspuren und gingen dann zurück in den Wagen, wo Alex auf dem Beifahrersitz die Tüte verschloss.
      „Schnell zur KTU damit!“, murmelte er und Johanna startete den Motor.
      Semir: Du blutest übrigens!
      Alex: Ich blute?! Ja, ich blute! Ich habe mir 'ne Kugel für dich eingefangen! Man ich stehe hier vielleicht auf der Fahndungsliste!
      Semir: Alex...
      Alex: Weisst du wie Knast hier aussieht?
      Semir: Alex...
      Alex: WAS?!
      Semir: Ich hab dich lieb...
      Alex: Ja schönen Dank auch!
    • Paul hatte die Wunden seines Vaters notdürftig versorgt und übernahm das Kühlen der geschwollenen Augen seines Vaters, da Semirs gesunder Arm langsam unter der Anstrengung zu zittern begann. „Danke“, flüsterte Paul und Semir nickte bloß.
      Klaus zischte kurz auf und Paul legte eine Hand beruhigend auf seine Schulter. „Tut mir leid Papa, aber das muss sein!“, sagte er sanft. Das Kühlen schien zu wirken, da Klaus es schaffte, seine Augen leicht zu öffnen.
      „Ist das meine Schuld?“, fragte er mit zitternder Stimme und Paul atmete kurz scharf ein, während Semir seine gesunde Hand nun auf die andere Schulter von Klaus legte. „Nein. Du hast das Richtige getan, Klaus. Du wolltest dem Jungen helfen!“
      „Aber wegen mir...sind wir nun hier...“ Semir konnte Paul deutlich ansehen, wie die traurigen Worte seines Vaters ihm schier das Herz zerbrachen. Der blonde Polizist atmete tief durch und strich seinem Vater sanft über die geschundene Wange. „Wir kommen hier raus, Paps. Es wird uns nichts mehr passieren. Du bist nun bei uns. Wir sind schon aus viel Schlimmerem rausgekommen, nicht war Semir?“ Semir lächelte ebenfalls, als Klaus ihn ansah. „Aber so was von!“, stimmte er Paul zu.
      Alle zuckten auf, als eine laute Stimme aus dem anderen Raum zu hören war.
      „Es ist einfach passiert! Der Typ wollte aussteigen, da wollten wir ihm eine Lektion erteilen! Wusste doch nicht, dass der so wenig verträgt! Und dann kamen auch noch diese Typen! Wir mussten sie mitnehmen! Ja er ist einfach durchgedreht und hat geschossen!“
      Klaus begann zu zittern, während Semir auf die Türe zuging und sein Ohr dicht daran legte.
      „Es tut mir leid! Ich weiß auch nicht was wir machen sollen! Der eine von denen hat ein mächtiges Rad ab! Da kann ich doch nichts für! Ich werde schon was rausfinden! Halt du uns einfach die Bullen vom Hals! Reicht, dass wir schon zwei in dem Lagerraum haben!“ Es wurde aufgehängt.
      „Scheisse, was machen wir jetzt?“
      „Ich rede nun mit Ihnen und du bleibst ruhig, klar? Du hast schon zu viel versaut!“
      Semir wich zurück, als er Schritte hörte und kniete sofort zur Gruppe zurück. Die Türe öffnete sich und ein junger Mann, Mitte Zwanzig, kam in den Raum und schloss die Türe hinter sich.
      Der athletisch gebaute Mann mit Kurzhaarschnitt und schwarzer Kleidung, war mit einer Pistole bewaffnet, die er lässig in seiner rechten Hand hielt. Die eisblauen Augen sahen auf die Gruppe hinab und wirkten kalt und emotionslos.
      „Ich sehe, man weiß sich zu helfen!“, begrüßte er sie und die jugendliche Stimme passte überhaupt nicht zu dem durchtrainierten Bild, „Entschuldigen Sie die Umstände, aber bis ich weiß, was ich mit Ihnen anstelle, muss ich Sie hier behalten!“
      „Hören Sie, wenn Sie uns gehen lassen, wird niemand von dieser Geschichte erfahren!“, erwiderte Semir ruhig und der junge Mann lächelte.
      „Das sind große Worte so einfach ausgesprochen. Ich wünschte ich könnte Ihnen glauben.“

      „Dann lassen Sie bitte meinen Vater gehen, bitte...“, begann Paul und stand langsam auf, worauf der Mann seine Waffe nun in den Anschlag nahm.
      „Paul, nicht!“, schrie Klaus geschockt, doch Semir konnte ihn zurückhalten. „Wieso soll ich das?“, fragte der junge Mann und Paul atmete tief durch. „Bitte...er ist krank...er hat Demenz...“
      Für einen kurzen Moment hielt der junge Mann inne. „Er wird sich sowieso bald nicht mehr erinnern können, was passiert ist...“, flüsterte Paul.
      „Paul nicht! Ich lasse dich hier nicht allein!“, schrie Klaus und konnte sich dieses Mal aus Semirs Griff befreien. Schwankend, stand Pauls Vater auf und drohte fast umzufallen, doch im letzten Moment konnte er sich fangen.
      „Das kannst du nicht tun Paul!“
      Der junge Mann blickte auf das ärmliche Bild des älteren Mannes, der zerschunden und geschlagen dastand und zwar klar wirkte und doch so einen seltsamen Nebel auf den Augen hatte.
      Anschließend klopfte er an die Tür und ein Mann in seine Alter, nur rundlicher und erbärmlicher aussehend, kam hinein. „Nimm den Alten mit. Setzt ihm was über den Kopf und schmeiß ihn irgendwo raus!“ Der rundliche Typ nickte, packte Klaus und dieser begann um sich zu schlagen. „Nein! Nein das kann ich nicht machen! Das ist mein Sohn!“, schrie er und Paul ging auf ihn zu. Der junge Mann wollte wieder die Waffe auf Paul richten, doch hielt inne, als dieser mit den Lippen formte, dass er ihn nur beruhigen wollte.
      „Lass ihn!“, befahl der Gutaussehende seinem Freund und ließ Paul zu Klaus. Sanft nahm der Sohn das Gesicht seines Vaters in die Hände und legte seine Stirn auf die von Klaus. „Jeder Schritt, eins zwei, eins zwei! Dann komme ich ans Ziel“, flüsterte Paul seinem Vater ins Ohr und dieser verzog den Mund, ließ sich aber von dem rundlichen Typen mitnehmen
      Ohne ein Wort ging der gutaussehende Mann hinterher und schloss die Türe hinter sich zu.
      Semir: Du blutest übrigens!
      Alex: Ich blute?! Ja, ich blute! Ich habe mir 'ne Kugel für dich eingefangen! Man ich stehe hier vielleicht auf der Fahndungsliste!
      Semir: Alex...
      Alex: Weisst du wie Knast hier aussieht?
      Semir: Alex...
      Alex: WAS?!
      Semir: Ich hab dich lieb...
      Alex: Ja schönen Dank auch!
    • So! Nach den Feiertagen melde ich mich wieder zurück :D. Ich hoffe, ihr hatte schöne Weihnachtstage und seid gut ins neue Jahr gerutscht! <3

      --------------

      Nachdem Johanna und Alex die Reifenprobe in der KTU abgegeben hatte, fuhren sie ins Präsidium zurück und Alex lief beinahe in Fabian hinein.
      „’Tschuldigung Chef“, keuchte er erschrocken und Fabian legte seine Haare hinter die Ohren. „Haben Sie was rausgefunden?“, fragte er danach räuspernd und Johanna nickte. „Wir haben am Tatort neben dem Wappen noch Spuren eines Pick-Ups gefunden.“
      „Und an der Fischbacherstrasse?“
      „Wie erwartet war kaum was hinauszubekommen. Jedoch haben wir in einem heimlichen Moment, ebenfalls Reifenspuren eines Pick-Ups auf dem Grundstück gefunden und die Erdspuren darauf gesichert.“, antwortete Alex und Fabien strich über seinen fein geschnittenen Bart.
      „Habt ihr...“
      „Ist bereits bei der KTU“, antwortete Johanna nun und Fabian verschränkte die Arme. „Auf wen genau seid ihr genau an der Fischbacherstrasse gestoßen?“
      „Ernst August. Ich habe bezüglich der Libellen diesen Namen noch nie gehört“, murmelte Johanna und Alex konnte als Neuzugezogener nur mit den Achseln zucken. „Kein Wunder“, begann Fabian und winkte zu seinem Büro, wo sie gemeinsam hinein gingen. Dort drin, saß die Chefin der Autobahnpolizei Köln / Düsseldorf. Als sie sah, dass die Türe geöffnet wurde und Menschen das Büro betraten, erhob sie sich vom Stuhl und sah alle an.
      „Frau Krüger...“, begrüßte Alex sie förmlich und Kim umarmte ihren ehemaligen Mitarbeiter. Für einen kurzen Moment, fiel die kühle Maske und sie atmete tief durch. „Entschuldigung“, murmelte sie und ging auf Johanna zu.
      „Ich wünschte, wir hätten uns unter anderen Umständen getroffen, Frau Krüger“, sagte Johanna förmlich und legte eine Hand auf die Kims. „Ich auch, Schimke, ich auch...haben Sie bereits etwas herausgefunden?“
      Fabian bat Kim, sich wieder zu setzten und Johanna, sowie Alex begannen ihren bisherigen Stand mitzuteilen. In dieser Zeit begann die rötliche Abendsonne in das Büro zu scheinen.
      „...verdammter Mist...“, murmelte Kim nach der Erläuterung und Fabian verschränkte die Arme.
      „Gruber hat im Übrigen angerufen, Sie ist mit den Untersuchungen fertig. Bitte gehen Sie sofort zu Ihr.“, sagte Fabian. „Ich werde Sie begleiten“, bestimmte Kim, nachdem sie aufgestanden war.
      Alex und Johanna sahen auf Fabian, der bloß nickte. „Okay“, Johanna nahm den Schlüssel aus ihrer Tasche, „gehen wir!“

      Sie liefen aus dem Präsidium und stiegen in Johannas Audi ein. Alex stieg hinten ein, während Kim sich auf den Beifahrersitz gesellte. Ohne ein Wort zu sagen, startete Johanna den Motor und fuhr los.
      Erst auf der Autobahn, wurde das Eis gebrochen, als Kim durch den Rückfahrtspiegel auf Alex blickte. „Schön Sie wieder hier bei uns zu haben, Brandt.“, deutete sie an und Alex wusste genau, worauf sie anspielte.
      „Danke...dachte auch nicht, dass ich wieder hier landen würde. Ich wollte eigentlich Semir erreichen und alle dann besuchen kommen...“, murmelte er leise und Johanna fühlte sich sofort unwohl. Sie wusste genau, dass die Person neben ihr mehr über ihren Partner wusste als sie selbst. Sie war nicht eifersüchtig, doch sie wusste genau, dass nun lauter offene Fragen in diesem kleinen Raum lagen.
      „Dann wird das wohl so sein...“, sagte Kim leise und Johanna versuchte verkrampft, ihren Blick auf der Straße zu behalten.
      „Frau Krüger...Brasilien hatte einige Enttäuschungen mit sich gebracht. Bitte verstehen Sie, dass ich nicht darauf eingehen will...“
      Nach Alex Satz blickte Kim nun direkt auf ihn und nickte. „Natürlich, entschuldigen Sie...“, sagte sie und Johanna atmete tief durch.
      „Er wollte Gerkhan wirklich erreichen Frau Krüger. Ich muss es ja wissen“, bekräftigte sie Alex und Kim lächelte traurig auf den süßen, wenn auch hilflos wirkenden Versuch der jungen Frau. „Keine Sorge, das glaube ich“, bekräftigte sie ihre Geste.
      „Frau Krüger, wie kam es dass die Drei gemeinsam weg waren?“, durchbrach er nun das Gespräch und Kim seufzte.
      „Wie Sie sicherlich schon herausgefunden haben, leidet Renners Vater an Demenz und in letzter Zeit war es schlimmer geworden. Renners Mutter litt körperlich und auch seelisch unter der Belastung eine Werkstatt zu leiten und nebenbei einen Mann zu betreuen, der an einer degenerativen Belastung des Gehirns leidet. Gerkhan selbst kam mit der Idee, einen Männerausflug zu machen. Andrea hingegen gab die Kinder zu ihrer Mutter und überholte in dieser Zeit mit Frau Renner die Buchhaltung und Unterlagen, da Herr Renner mit seiner Krankheit so einiges hat schleifen lassen. Die Männer fuhren an die Nordsee zum Fischen“, erklärte sie.
      „Wurden die Angehörigen denn schon informiert?“, fragte nun Johanna und Kim presste die Lippen zusammen.
      „In solchen Momenten bewundere ich Andrea einfach. Pauls Mutter erlitt einen mittleren Nervenzusammenbruch und Andrea kümmert sich nun um sie, anstatt in Panik zu geraten.“
      „Die Frau ist wirklich der Wahnsinn.“, stimmte Alex seiner ehemaligen Chefin zu. „Sorgen wir dafür, dass wir sie nicht enttäuschen!“, sagte Johanna entschlossen und fuhr in die Einfahrt zur Stadt ein.
      Semir: Du blutest übrigens!
      Alex: Ich blute?! Ja, ich blute! Ich habe mir 'ne Kugel für dich eingefangen! Man ich stehe hier vielleicht auf der Fahndungsliste!
      Semir: Alex...
      Alex: Weisst du wie Knast hier aussieht?
      Semir: Alex...
      Alex: WAS?!
      Semir: Ich hab dich lieb...
      Alex: Ja schönen Dank auch!
    • Yasmina Gruber stand in ihrem geheiligten Reich, als die Türe sich öffnete und drei Personen den Raum betraten.
      „Ah, Frau Krüger, Herr Reichenbach hat mich informiert“, übernahm sie sofort die Initiative und schüttelte der Frau die Hand. „Yasmina Gruber. Ich bin die örtliche Gerichtsmedizinerin“, stellte sie sich vor und Kim nickte dankend.
      „Gruber, was hast du für uns?“, fragte Johanna und die Angesprochene führte das Trio zu einer aufgebahrten Leiche, deren frische Ypsilon-Narbe noch kirschrot zu leuchten schien. Als sich alle um den Tisch versammelt hatten, begab sich Yasmina auf die gegenüber liegende Seite und räusperte sich kurz.
      „Todesursache ist definitiv den Schuss in den Kopf. Allerdings hätte man den Mann auch liegen lassen können, denn es wäre nur eine Sache von Minuten gewesen, bevor er an den Folgen des Schädeltraumas gestorben wäre. Zudem waren die Wangenknochen und der Kiefer zertrümmert und am ganzen Körper konnte ich Hämatome feststellen. Aufgrund der Form und Stärke der blauen Flecken nehme ich an, dass der Schuh, mit dem getreten wurde, mit Stahlkappen verstärkt war.“
      „Konntest du die Identität des Mannes herausfinden?“, fragte Alex nun nach Yasminas Erläuterung und sie nickte. „Es war ein kleines Kunststück, doch ich konnte trotzt der kaputten Zähne einen Gebissabdruck machen, denn die Kieferfehlstellung alleine war einzigartig.“ Yasmina ging auf ihren Schreibtisch zu, nahm eine Akte und übergab sie Alex. „Nikolas Schmid, 21 Jahre alt. Arbeitslos und das schon seit seiner abgebrochenen Lehre als Bauarbeiter. Über ihn war kein Wohnort bekannt, aber seine Eltern sind hier ins Siegen sesshaft. Ich habe euch die Adresse aufgeschrieben.“
      „Du bist die Beste“, seufzte Johanna und Yasmina hob die Hand. „Ich bin noch nicht fertig, spar dir das Lob fürs Ende auf“, zwinkerte sie und tippte auf die Schulter des Toten. „Ich habe außerdem eine Hohe Dosis an Xanax in dem Blut des Toten gefunden.“
      „Xanax?“, fragte Kim verwirrt nach und bevor Yasmina antworten konnte, funkte Johanna ihr ins Wort. „Ein Medikament gegen Angstzustände und Panikattacken. Allerdings kann es in großen Mengen, oder bei regelmäßiger Einnahme, süchtig machen.“, erklärte sie und alle sahen sie erstaunt an.
      „Man darf doch mal was wissen“, murmelte sie und Yasmina schüttelte kurz mit dem Kopf. „Wie auch immer. Bei einer solchen Menge kann man nicht von einer regelmäßigen Einnahme sprechen. Ich vermute eher, der Gute hatte eine Menge Tabletten noch am Abend zu sich genommen.“

      „Am Abend? Wann war denn der Todeszeitpunkt eingetreten?“ Auf Kims Frage verschränkte Yasmina die Arme. „Zwischen 24 und 03 Uhr. Um diese Zeit müssen auch die vermissten Personen entführt worden sein...“
      „...gut...vielen Dank!“, sagte Alex und jeder verabschiedete sich mit einem Nicken von der Gerichtsmedizinerin, nachdem diese die Notizen mit der Adresse abgegeben hatte.
      An Johannas Wagen blieben alle stehen. „Ein junger Mann, arbeitslos, der am Abend eine hohe Dosis eines Beruhigungsmittel nimmt und dann zu Tode geprügelt wird...“, fasste Johanna zusammen und Kim verschränkte die Arme.
      „Das Treffen war also geplant im Walde. Denn der Junge hatte Panik. Aber wie kommen Gerkhan und die Renners dabei ins Spiel?“
      „Wahrscheinlich haben sie gesehen wie das Opfer geschlagen wurde und wollten helfen“, antwortete Alex auf Kims Frage und stemmte die Hände in die Hüfte. „Wir müssen die Eltern informieren...vielleicht können wir bei denen auch etwas herauskriegen“, beschloss Johanna und Alex warf ihr den kleinen Notizblock mit der Adresse zu. „Dann los!“
      Semir: Du blutest übrigens!
      Alex: Ich blute?! Ja, ich blute! Ich habe mir 'ne Kugel für dich eingefangen! Man ich stehe hier vielleicht auf der Fahndungsliste!
      Semir: Alex...
      Alex: Weisst du wie Knast hier aussieht?
      Semir: Alex...
      Alex: WAS?!
      Semir: Ich hab dich lieb...
      Alex: Ja schönen Dank auch!
    • Hallo Zusammen

      Als Erstes entschuldige ich mich für die Verspätung. Ich hatte zum Start des neuen Jahres eine heftige Grippe mit Krankenhausaufenthalt.
      Wurde ein wenig zurückgeworfen. Jetzt bin ich aber wieder fit und da und es geht weiter :).

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      Nicolas Schmids Eltern lebten in einem Wohnblick am Rande der Stadt Siegen. Als die Türe geöffnet wurde, nachdem Alex geklingelt hatte, starrte ihnen eine Frau Ende vierzig entgegen. Das lange, dünne dunkelblonde Haar war mit grauen Fäden überzogen. Die grünen Augen waren leer und starr.
      „Ja?“, fragte sie uninteressiert und alle nahmen ihre Ausweise hervor. „Frau Schmid? Schimke, Brandt und Krüger, Polizei.“ Nun hatten sich die Augen der Frau leicht geöffnet. „Ja...was wollen sie denn hier?“, fragte sie mit leicht zitternder Stimme und Johanna nahm tief Luft. „Frau Schmid, wir müssen Sie leider informieren, dass Ihr Sohn Nikolas verstorben ist!“ Ohne ein Wort, ohne eine Emotion, öffnete die Frau die Türe und bat mit einer Handbewegung ihre Besucher hinein. Die erstaunten Polizisten folgten ihr in das Wohnzimmer, dass in einem gar bäuerlichen Stil eingerichtet worden war.
      Im braunen Ohrensessel saß ein dicklicher Mann mit rotem Gesicht und weißem Schnauzbart, während die Haarpracht auf dem Kopf gänzlich fehlte.
      Überrascht blickte er auf die Gruppe und Frau Schmid zeigte kurz auf sie. „Schatz...das sind Polizisten...Nikolas ist tot...“, sagte sie beinahe teilnahmslos und setzte sich auf die Couch, während Herr Schmid seine Pfeife vom Tisch nahm und anzündete.
      „Ähm...“, begann Alex langsam, da er als Erstes wieder bei Sinnen war, „...Sie scheinen nicht gerade erschüttert zu sein...“
      Herr Schmid nahm einen Zug seiner Pfeife. „Wir hatten eigentlich schon Wetten abschließen wollen, wann die Polizei mit dieser Nachricht kommen wird...ich möchte nicht so wirken, als hätte ich meinen Sohn nicht geliebt...aber...“
      „...den Sohn den wir geliebt hatten...war bereits gestorben, als Nikolas die Lehre abgebrochen hatte...“, vollendete Frau Schmid den Satz und wies auf die freien Plätze auf der Couch und auf einen weiteren Sessel, „bitte setzten Sie sich!“
      Jeder setzte sich und nun öffnete auch Johanna ihren Mund. „Sie sagten, Ihr Sohn sei bereits gestorben, als er die Lehre abgebrochen hatte. Was meinen Sie damit?“
      „Als er seine Ausbildung begonnen hatte, lernte er einen gewissen Dirk Lohner kennen. Ein komischer Geselle, das sah man bereits auf den ersten Blick. Nikolas aber, war schon immer leicht zu beeinflussen gewesen - er war sehr naiv. Doch dieses Mal, war es nicht eine Phase...Nikolas wendete sich immer mehr von uns ab, begann mit seltsamen Idealen und Ansichten herum zu prahlen...und er wurde gewalttätig...“, erklärte Herr Schmid und Kim hob eine Augenbraue. „Inwiefern gewalttätig?“, fügte sie ihrer Geste hinzu und Frau Schmid hob ihren linken Pullover Ärmel, wo eine grässliche, längliche Narbe am Unterarm zum Vorschein kam.
      „Er kannte keine Grenzen mehr. Es interessierte ihn nicht mehr, was wir sagten oder taten...nach dem Frust und der Trauer, kam die Lethargie...“, sagte Frau Schmid leise und Herr Schmid schüttelte mit de Kopf. „Wär er bloß diesem Typen nicht begegnet...der mit seiner doofen Gang!“
      „Diese Gang, meinen Sie damit die Libellen?“ Das Ehepaar sah erstaunt auf Alex. „Am Tatort wurde ein Stück Stoff mit dem Logo dieser Gruppe gefunden.“, erklärte er anschließend.

      „Sie müssen verstehen, wir sind sehr konservativ...aber auch wenn wir unsere Ansichten haben, so sollte keinem Mensch psychische oder physische Gewalt angetan werden. Es gibt andere Lösungen, aber Nikolas kam total vom Weg ab...“, seufzte Herr Schmid und Johanna atmete tief durch.
      „Sie hatten ihn aufgegeben?“, fragte sie direkt und Frau Schmid nickte ohne zu Zögern. „Es gab nichts mehr zu retten...“, flüsterte sie und zum ersten Mal, brach sie nun in Tränen aus. Ihr Mann stand auf, setzte sich neben sie und legte zärtlich einen Arm um seine gebrechliche Partnerin.
      „Wir danken Ihnen, für Ihre Offenheit“, begann Alex und nahm eine Visitenkarte aus der Brusttasche seiner Jacke, „Sie können im Präsidium anrufen, wenn Sie bereit für die Identifizierung sind. Aber bitte, lassen Sie sich Zeit...“, sagte er emphatisch und verabschiedete sich mit den Anderen, bevor sie das Haus verließen.
      Bevor sie in den Wagen einstiegen, klingelte Alex’ Handy und er blickte auf den Display. „Mishka“, kündete er an und nahm ab. Im Augenwinkel sah er, wie Johanna, Kim erklärte wer der Anrufer war. „Mishka, sag’ mir bitte dass wir vorbeikommen sollen und du was für uns hast!“
      „Du kannst ja richtig Gedankenlesen, Huskyauge! Ich erwarte euch!“, entgegnete die Anruferin und legte bereits wieder auf. Alex lief auf die beiden Frauen zu. „Mishka hat was für uns!“, kündete er an und mit einem Handgriff hatte Johanna ihre Autoschlüssel in die Hand. „Worauf warten wir dann noch?“

      Der Weg zur KTU selbst war ruhig, doch die KTU nicht. Kim musste ihre Ohren zuhalten, als sie die magischen Hallen von Mishka betraten, da dröhnende Bässe versuchten, ihr Trommelfell anzugreifen. Auch Alex zuckte zusammen, doch Johanna rollte nur mit den Augen und ging auf eine I-Pod-Station zu. Mit einem Drücken auf den Bildschirm des grellpinken Handys, war die Musik bereits ausgeschaltet.
      Mit einem erleichterten Seufzen sank Kim die Hände, erschrak dennoch beinahe wieder, als Mishka den Raum betrat. Die schrille Persönlichkeit hatte überhaupt nichts gemeinsam mit Hartmuts ruhiges Naturell.
      „Wann wirst du aufhören, diesen Sleaze zu hören. Das ist keine Musik, Mishka“, knurrte Johanna und Mishka zuckte mit den Achseln. „Nun ja, du bist jünger als ich und hörst alten Rock, ich bin älter und liebe brummende Bässe!“, kicherte sie und stellte sich dennoch anständig bei Kim vor.
      „Du sagtest, du hättest was für uns?“, fragte Alex ungeduldig und Mishka nickte. „Folgt mir edle Ritter des Gesetztes!“, rief sie und führte alle zu einem beleuchteten Tisch. „Wie ihr seht, habe ich Überstunden gemacht, aber es war’s wert!“ Sie zog ein Blatt Papier mit einem Diagramm hervor. „Ich habe die Blutproben analysiert. Der größte Teil stammt vom Opfer, dass ist klar, aber ein weiterer Teil stammt von Semir Gerkhan!“ Alex’ und Kims Gesicht verlor jegliche Farbe, während sich auf Johannas Stirn eine tiefe Stirn bildete.
      „Genug um...?“ Mishka schüttelte auf Johannas Andeutung mit dem Kopf. „Nein. Er wird verletzt sein, aber bestimmt nicht tot. Dafür ist die Blutmenge zu klein.“, fügte sie ihrer Geste hinzu.
      „Was konntest du zu den Reifenspuren herausfinden?“
      Mishka grinste auf Alex’ Frage und überreichte ihm einen Durchsuchungsbefehl. „Beantwortet das deine Frage?“, kicherte sie und Alex nickte. „Allerdings. Die Schweine waren wirklich noch beim Quartier!“, sagte er und zeigte Johanna und Kim den Durchsuchungsbefehl.
      „Leider kann ich aber euch nicht mehr dazu sagen...die Spuren zeigen wirklich nur, dass diese Typen im Wald und dort waren. Mehr aber nicht...“
      „Das ist mehr als genug“, murmelte Kim und sah Mishka mit einem dankenden Lächeln an.
      „Es reicht, um mit dem Rammbock bei diesen Drecksäcken einzudringen.“, mischte sich nun auch Johanna ein und ballte heimlich ihre Hand zur Siegerfaust. „Vielleicht lockert das auch ihre Zunge...“, seufzte Kim und Mishka faltete die Hände. „Es gibt noch was...es gab’ noch eine dritte Person die geblutet hat!“ Alle sahen die Forensikerin an. „Einer der Renners. Aufgrund des engen Verwandtschaftsgrades war es aufgrund der kleinen Menge nicht möglich herauszufinden wer es ist...aber einer der Beiden ist ebenfalls verletzt.“
      „Das heißt, uns rennt die Zeit davon. Wer weiß wie die Drei behandelt werden. Es kann alles passieren! Je schneller wir sie finden, umso besser!“, atmete Johanna tief durch und festigte ihren Griff um den Durchsuchungsbefehl.
      Semir: Du blutest übrigens!
      Alex: Ich blute?! Ja, ich blute! Ich habe mir 'ne Kugel für dich eingefangen! Man ich stehe hier vielleicht auf der Fahndungsliste!
      Semir: Alex...
      Alex: Weisst du wie Knast hier aussieht?
      Semir: Alex...
      Alex: WAS?!
      Semir: Ich hab dich lieb...
      Alex: Ja schönen Dank auch!
    • Semir hatte sich ans Regal gelehnt, als er Paul dabei zuschaute, wie dieser die Möbel hinaufkletterte um sich die Lage genauer anzuschauen. „Keine Chance?“, fragte er nach einer Weile und Paul sah auf ihn hinab.
      „Jedenfalls nichts auf den ersten Blick“, erklärte der Angesprochene und sprang vom Regal, „aber bisher gab’s doch immer einen Weg nach draußen...“ Semir fiel auf, wie tief sein Partner durchatmete und seufzte. „Es war besser Paul...hier drin hätten sie ihn fertig gemacht...ich hab’s in den Augen den Beiden gesehen, sie werden ihn nicht töten.“
      „Zu hoffen ist es“, erwiderte Paul auf Semirs Aufmunterungsversuch und Semir erschrak, als sein bester Freund kurz stöhnte und sich danach am Regal festhielt. „Paul, alles klar?“, fragte er besorgt und wollte auf ihn zu rennen, doch Paul hob die Hand. „Ja...ja...war nur alles grad ein bisschen viel...“ Semir runzelte die Stirn und hob eine Augenbraue, doch Paul sah ihn mit einem Lächeln an.
      „Sorg’ dich lieber um dich selber. Was macht deine Schulter?“ Semir hielt sich das verletzte Gelenk. „Was immer du geleistet hast, ist ein kleines Meisterwerk. Es brennt, aber ich habe zum Glück nicht das Gefühl, vor Schmerz schreien zu müssen.“
      „Nun ja, du bist ja schmerzunempfindlich inzwischen...solltest du aber den Arm nicht mehr fühlen, sagst du es mir, klar?!“ Semir nickte langsam und Paul verschränkte die Arme. „Irgendwo muss es doch eine Möglichkeit geben...“, murmelte der Blonde und verschwand wieder zwischen den Regalen. Semir wollte gerade hinterher als er bemerkte, dass er in etwas Rutschiges getreten war. Als er seinen Fuß hob, hinterließ sein abgetretener Turnschuh einen roten Abdruck.

      „Paul...“, begann er langsam und blickte durch das offene Regal auf seinen Partner, „da ist frisches Blut auf dem Boden!“ Paul zuckte mit den Achseln. „Sicher, ich habe dich auch verarztet.“, antwortete er unbeeindruckt, doch im selben Moment begann er zu taumeln und konnte sich noch gerade am Regal festhalten. „Es geht gleich wieder...ich...au...“, pustete Paul aus und sank langsam auf den Boden.
      „Paul...PAUL!“ Semir rannte sofort auf die andere Seite und konnte einarmig seinem Partner noch helfen sich zu setzten. „Paul...was...“ Semir zog seine Hand weg, die mit Blut verschmiert war. Als er auf Pauls Bauchgegend blickte, sah er, dass sich der schwarze Kapuzenpullover seltsam kreisförmig verdunkelt hatte. Augenblicklich begann Semir mit Müh und Not den Reisverschluss des Pullovers aufzureißen und sah, wie das weiße T-Shirt an derselben Stelle blutrot verfärbt war.
      „Oh mein Gott...“ Semir hob das Shirt und sah, wie sich Paul oberhalb des Hüftbereichs ein provisorisches Pflaster angeklebt hatte, dass inzwischen vollständig vollgesogen war. Als er es entfernte, entdeckte er eine Schusswunde, aus der ein kleiner Schwall Blut floss.
      „Nein Partner...“, flüsterte Semir geschockt und zuckte zusammen, als Pauls Kopf auf seine verletzte Schulter fiel. Dennoch überwog die Sorge den Schmerz und Semir verzog deshalb seine Miene aus purer Angst und nicht aus Pein. Sofort legte er seine Hand auf Pauls Wange und tätschelte ihn leicht. „Paul, nicht einschlafen! Bei mir bleiben, Kumpel! Komm schon!“
      Semir: Du blutest übrigens!
      Alex: Ich blute?! Ja, ich blute! Ich habe mir 'ne Kugel für dich eingefangen! Man ich stehe hier vielleicht auf der Fahndungsliste!
      Semir: Alex...
      Alex: Weisst du wie Knast hier aussieht?
      Semir: Alex...
      Alex: WAS?!
      Semir: Ich hab dich lieb...
      Alex: Ja schönen Dank auch!
    • Ernst August blickte mit weit aufgerissenen Augen auf den Durchsuchungsbefehl, dem ihm von der jungen Kriminalhauptkommissarin vors Gesicht gehalten wurde.
      „Das nächste Mal sollten Sie auch auf Ihre Parkplätze achten, August“, sagte sie mit einem frechen Unterton und als sie den Durchsuchungsbefehl sank, erschienen dahinter ihr Partner sowie mehrere, uniformierte Polizisten sowie KTU-Beamte. „Auf geht’s Leute!“, befahl Alex und die Leute drängten sich an August vorbei, der wie gelähmt neben der Eingangstreppe stehen blieb.
      Noch bevor er ein Wort sagen konnte, war das Klirren einer Scheibe zu hören, sowie das Schreien verschiedener Leute. Alex und Johanna blickten an dem Haus vorbei und sahen einen grünlichen Audi mit Flammenverzierung davonfahren.
      Ohne etwas zu sagen, warf Johanna Alex ihren Wagenschlüssel zu und die Beiden stiegen ein. Noch bevor Johnanna auf dem Beifahrersitz richtig Platz genommen hatte und sich anschnallen konnte, trat Alex so auf das Gaspedal, dass die Reifen durchdrehten und erst mit einem lauten Quietschen wieder auf dem Asphalt greifen konnte.
      „Falke 1 an Zentrale! Verdächtige Person auf der Flucht Richtung A45, brauchen dringend Verstärkung!“, rief Johanna in das Funkgerät und zog aus dem Halfter ihre Waffe hervor.
      Der grüne Audi bog von der Fischbacherstrasse in die Autobahneinfahrt und Alex folgte ihn mit einem gekonnten Drift. Als er den Hügel überquert hatte, öffnete Johanna die Scheibe und lehnte ihre Hand hinaus, welche sie im rechten Moment noch einziehen konnte, als eine Kugel knapp an ihrem Gelenk vorbeiflog.
      „Zwei Dumme ein Gedanke!“, keuchte sie und löste ihren Gurt. „Das wollte ich schon immer einmal machen“, grinste sie diabolisch, als Alex sie verwirrt ansah und lehnte nun ihren ganzen Oberkörper aus dem Wagen. Sie zielte auf einen der Reifen, doch verfehlte, da Alex einem verwirrten Autofahrer ausweichen musste.
      Johanna spürte, wie ihre Augen aufgrund des kalten Windes zu Tränen begannen und doch setzte sie wieder an, um in den Reifen des Audis zu schießen. Doch wieder wurde sie von einer Kugel gestört, doch dieses Mal, drang diese durch die Frontscheibe und sie spürte die Glassplitter auf ihre Beine fallen.
      „ALEX!“, schrie sie in Schock doch als das Auto immer noch seinen Kurs behielt, beruhigte sie sich ein wenig. „Mir geht’s gut! Doch so kommen wir nicht weiter!“, rief Alex zurück und Johanna steckte ihre Waffe in den Halfter. „Versuch an den Typen heranzukommen!“

      Ohne auf Alex Antwort zu warten, kletterte Johanna auf das Autodach und wartete in kauernder Position auf ihren Moment. Tatsächlich schaffte es Alex, sich dem grünen Audi zu nähern. Nach einem kurzen Durchatmen, sprang Johanna auf das Dach des Audis und stürzte auf die Seite, als der Lenker des Wagens eine Kurve machte. Mit einem lauten Stöhnen prallte sie auf und schaffte es, sich an dem Dachspoiler festzuhalten.
      Weit entfernt konnte sie den entsetzten Schrei ihres Partners hören. Sie hob kurz ihre Hand mit geballter Faust und hochgestrecktem Daumen und versuchte sich auf dem Dach zu kehren. Dennoch versuchte der Flüchtige sie immer wieder abzuschütteln und so war es Johanna kaum möglich, auf dem Dach zu kriechen.
      Aus diesem Grund blickte sie durch das Rückfenster des Wagens und sah, dass der Flüchtige alleine war. Im rechten Moment konnte sie ihren Kopf heben, als drei Schüsse hintereinander, durch die Scheibe drangen und diese danach in tausend Teile sprang. Als kein Schuss folgte, riskierte Johanna es und hechtete durch das offene Fenster in den Wagen.
      „Du verdammtes Miststück!“, schrie der Flüchtige ihr entgegen und entpuppte sich nun als dickliche, ärmliche Gestalt, deren Gesicht vor Angst verzerrt war. Dennoch hielt er ihr einhändig die Waffe entgegen und wollte schießen, doch Johanna schaffte es den Arm zu packen und ihn so wegzudrehen, so dass der Schuss in das Polster des Sitzes drang. „Noch nist nichts verloren! Halten Sie den Wagen an!“
      „Ich gehe nicht in den Knast!“, knurrte der Angreifer und wollte wieder schießen, doch Johanna hob ihr eines Bein und trat dem Mann gezielt in die Schulter. Sie spürte, selbst durch die dicke Sohle ihrer Schuhe, dass sich das Gelenk des Mannes ausrenkte. Mit einem grellen Schrei ließ der Mann die Waffe fallen und schaffte es, sich aus Johannas Griff zu befreien.
      „Du Miststück!“, wimmerte er und Johanna wollte sich auf den Beifahrersitz schleichen, doch der Mann sah sie nun mit einem entschlossenen Blick an. „Ich...gehe...nicht in...den...Knast!“, knurrte er erneut und bevor Johanna überhaupt reagieren konnte, drehte der Mann das Lenkrad und sie krachten durch die Leitplanke auf einen Hügel, wo der Wagen den Halt verlor und sich zu überschlagen begann.
      Semir: Du blutest übrigens!
      Alex: Ich blute?! Ja, ich blute! Ich habe mir 'ne Kugel für dich eingefangen! Man ich stehe hier vielleicht auf der Fahndungsliste!
      Semir: Alex...
      Alex: Weisst du wie Knast hier aussieht?
      Semir: Alex...
      Alex: WAS?!
      Semir: Ich hab dich lieb...
      Alex: Ja schönen Dank auch!
    • „Ach du Scheiße“, stieß Alex geschockt aus und packte das Funkgerät. „Falke 1 an Zentrale, wir brauchen sofort ein Rettungsteam nähe Abzweigung Richtung Olpe! Und zwar dringend!“ Er steckte das Funkgerät zurück in den Halter und parkte den Wagen auf den Pannenstreifen. Mit einem Sprung war er draußen und rannte den Hügel hinunter auf das Wrack, das früher einst der grüne Audi war. Neben dem Schrotthaufen, lag ein regungsloser Körper, den Alex aufgrund des roten Flanellhemdes sofort erkannte.

      „JOSHI!“, schrie er und kniete sich sofort zu seiner Partnerin. Die Kleidung war verdreckt und Teile der Jeans waren aufgerissen. Die linke Hand war mit Blutstriemen übersäht und an der selben Richtung liegende Seite der Schläfe ragte eine Platzwunde. Augenblicklich legte Alex, zwei Finger an Johannas Hals und spürte den kräftigen Puls gegen seine Kuppen pochen. „Johanna...Joshi...komm schon...“, flüsterte er leise und strich ihr sanft über die Wangen. Tatsächlich regte sich Johannas Körper und die Augen öffneten sich langsam. „Au...“, murmelte sie und richtete sich langsam auf, indem sie sich auf dem gesunden Arm abstützte, „...der Mistkerl hat einfach das Lenkrad umgerissen...“, keuchte sie und Alex legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Geht es dir gut?“, fragte er besorgt und sie nickte. „Die linke Hand tut weh und ich habe das Gefühl als hätte mir jemand einen Holzhammer über den Schädel gezogen, aber ich lebe noch. Was ist mit dem Typen?“ Alex und Johanna blickten auf den Wagen und die Augenpaare der Beider rissen sich weit auf.

      Der Oberkörper des Mannes war verdreht und blickte unter dem Wrack hervor. Die glasigen, leeren Augen blickten auf die Beiden und verschwanden beinahe unter den unzähligen Blutstriemen.

      „Verdammt“, flüsterte Johanna geschockt und begann mit dem Kopf zu schütteln. Alex packte sie sofort an den Schulter und drückte zu. „Joshi, das war nicht deine Schuld, klar?! Du hast den Wagen nicht gedreht. Du wolltest ihn nur aufhalten.“ Er bemerkte sofort, wie ihr Blick noch immer auf die Leiche gerichtet war.

      „HEY!“, rief er und richtete so endlich ihre Aufmerksamkeit auf ihn. „Es war nicht deine Schuld Johanna Maria Schimke, okay?! Du hast den Wagen nicht gedreht und du wolltest ihm helfen! Es war seine Entscheidung und du hast sie zum Glück überlebt, klar?“ Johanna nickte, nachdem sie tief geschluckt hatte und zuckte erstaunt zusammen, als Alex seine Arme um sie legte und sie an sich drückte.

      „Jag’ mir ja nie wieder so eine Angst ein, kapiert?!“, hörte sie Alex’ Stimme in ihrem Ohr und musste Lächeln. Erschöpft, lehnte sie sich gegen ihren Partner und hörte die Sirenen des Rettungswagens von weitem, wie sie sich näherten.


      Fabian und Kim stiegen aus dem Wagen aus und rannten auf den Krankenwagen zu, der auf dem Pannenstreifen der Autobahn geparkt hatte. Auf der Abladefläche saß Johanna, über deren Schulter war eine Decke geworfen worden und die Hand, mit der sie ein heißes Getränk in der Hand hatte, war verbunden. Unter ihren langen Stirnfransen war ein dickes Pflaster auf der Schläfe sichtbar. In ihrem rechten Unterarm steckte eine Kanüle, die mit einer Infusion verbunden war, die im Wagen hing.

      „Mein Gott Schimke“, keuchte Fabian und schüttelte mit dem Kopf, „müssen Sie uns so eine Angst einjagen?“

      „Willkommen in meiner Welt“, murmelte Kim und verschränkte die Arme. Johanna nahm einen Schluck ihres Getränkes, das sich nun als warmer Tee entpuppte und atmete tief durch. „Soll nicht wieder vorkommen“, seufzte die Verletzte und Kim setzte sich neben sie. „Wie geht es Ihnen?“, fragte sie mit gar mütterlicher Stimme und Johanna sah sie mit einem aufgezwungenen Lächeln an. „Laut den Ärzten habe ich ein gestauchtes Handgelenk, eine Platzwunde am Kopf und wurde ein wenig durchgeschüttelt, sonst werde ich einfach noch mit kreislaufhebenden Mittel vollgepumpt“, antwortete sie und zeigte auf den Schlauch der Infusion, doch Kim sah sie ernst an.

      „Das meinte ich nicht“, gab sie deutlich zu verstehen und Johanna nickte. „Ich weiß. Ich wollte ihn aufhalten Chef, doch so schnell wie er den Wagen umgerissen hat...ich konnte nicht reagieren...dabei hätte der Flüchtige wahrscheinlich wichtige Informationen gehabt...“ Johanna sank ihren Kopf und Kim blickte auf Fabian, der vor Johanna kniete und ihren Kopf sanft mit Daumen- und Zeigefinger hob. „Ich bin sicher, dass Brandt Ihnen das schon gesagt hat aber, es ist nicht Ihre Schuld Schimke. Man hat mir berichtet, dass ihre Waffe sogar im Halter steckte, also sind Ihre Absichten deutlich.“ Johanna atmete tief durch und spürte nun auch Kims Hand auf ihrer Schulter.

      „Auch wenn die Zeit drängt, es hätte niemandem etwas gebracht, wenn auch Sie gestorben wären...wo ist eigentlich Brandt?“

      „Unten mit Mishka. Sie untersuchen den Wagen.“, antwortete Johanna und Fabian richtete sich wieder auf.

      „Ernst August wurde ins Revier gebracht. Obwohl er noch kurz von der Rolle wirkte, begann er schon zu keifen, als wir dort angekommen sind. Was bloß aus unserem Staat geworden wäre und so weiter...“, erklärte er und Johanna konnte nur abwertend lachen.

      „Wurde schon was entdeckt?“

      „Vieles, was wir gegen die Libellen selbst verwenden können, aber nichts, was uns zum Aufenthalt von den Dreien weiterhelfen könnte“, antwortete nun Kim und Johanna schüttelte mit dem Kopf. „Ich hätte mir eine Kugel oder so einfangen sollen, vielleicht würde der Typ dann noch leben...“

      Sie erschrak, als Fabian neben ihr mit der flachen Hand gegen das Auto schlug. „Sagen Sie so was noch einmal und Sie werden eine Woche am Schreibtisch verbringen! Haben wir uns verstanden?!“ Als er den letzten Satz beinahe herausschrie, sank Johanna beinahe in sich zusammen und sah ihn mit großen Augen an.
      Semir: Du blutest übrigens!
      Alex: Ich blute?! Ja, ich blute! Ich habe mir 'ne Kugel für dich eingefangen! Man ich stehe hier vielleicht auf der Fahndungsliste!
      Semir: Alex...
      Alex: Weisst du wie Knast hier aussieht?
      Semir: Alex...
      Alex: WAS?!
      Semir: Ich hab dich lieb...
      Alex: Ja schönen Dank auch!
    • „Ihr Leben ist kostbar Schimke! Sie und Brandt sind die Besten in meinem Team. Dank Ihnen können wir das Präsidium Freudenberg wieder neu aufbauen und den Kollegen von Köln-Düsseldorf so eine neue Stütze bieten. Ihr Verlust wäre hart für uns alle!“, schnaubte er und Kim räusperte sich kurz. Auch sie wirkte von Fabians Ausbruch total überfahren, doch im Gegensatz zu Johanna, hatte sie sich schneller gesammelt.
      „Ich muss meinem Kollegen zustimmen“, begann sie langsam und blickte Johanna tief in die Augen, „glauben Sie mir, mit Brandt auszukommen ist schwer und Sie scheinen es zu schaffen. Zudem, auch wenn ich mir meine besten Männer so schnell wie möglich zurückwünsche und jede Minute dafür bete, dass sie noch leben, so soll kein anderes Leben darunter leiden. Auch dieser Typ hätte für das alles nicht sterben müssen. Ich weiß, dass der Tod von jemandem, besonders in den ersten Fällen, hart ist...doch Sie sind stärker als das Schimke!“
      Johanna atmete tief durch. „Tut mir leid, ich war vorhin wahrscheinlich nicht ganz ich selbst...“
      „Das ist der Schock, das ist ganz normal“, tröstete Kim sie und tätschelte sie leicht an der Schulter. „Man sitzt schließlich nicht jeden Tag in einem überschlagenden Auto.“, fügte Fabian, nun wieder Herr seiner Sinne, an undblickte Richtung Hügel, als er zwei Gestalten dahinter hervorkommen sah.„Mäddche, geht’s wieder?“, war nun Mishkas Stimme deutlich zu hören und sieerschien mit Alexander neben Fabian. „Ja...werde noch fitgepumpt und dann bin ich wieder startklar.“
      „Das ist gut, denn wir sind da auf was gestoßen!“, sagte Alex und hielttriumphierend ein Gerät in der Hand.

      „Eine Dashcam?“, fragte Kim erstaunt und Mishka nickte mit einem Grinsen. „Dem Typen war dieses giftgrüne Ding anscheinend sehr wichtig und es hat den Sturz überlebt.“, fügte sie ihrer Geste an und Alex übergab das Gerät an Johanna. Fabian gesellte sich hinter die beiden Frauen, so dass auch er auf den Bildschirm blicken konnte.
      „Der Junge war vor seinem Besuch bei August noch unterwegs. Leider hat er die Dashcam zu spät eingeschaltet, aber er muss etwas, oder jemand abgesetzt haben, denn das ist auf Band.“, erklärte Alex und Johanna ließ die Aufnahme laufen. Zusehen war wie der Wagen einer Waldstrecke entlang fuhr und dann anhielt. Das Gefährt rüttelte und es waren Schreie zu hören. „Das ist Klaus Renner“, stieß Kim aus, „Die Stimme ist so was von erkennbar!“ Während Fabian sie gespannt ansah, starrte Johanna auf den Bildschirm und hielt die Aufnahme an.
      „Sieh an“, lächelte Mishka und als sie alle, bis auf Johanna ansahen, wies sie auf die junge Polizistin, „unser laufendes GPS, scheint zu starten!“
      „Kommt Ihnen die Umgebung bekannt vor?“, fragte Fabian langsam und Johanna nickte. „Woher kennst du das alles so gut? Du bist doch ursprünglich aus Dortmund“, murmelte Alex erstaunt und Johanna wippte mit dem Kopf hin und her. „Ja, aber ich lebte nur meine ersten vier Lebensjahre in Dortmund. Meine Eltern sind Ärzte und hatten eine Praxis eines verstorbenen Kollegen in Siegen übernommen. Außerdem ist meine Oma aus Siegen. Ich bin dann erst wieder nach Dortmund zurückgezogen, als ich mit der Polizeischule angefangen hatte.“, erklärte sie mit gedankenverlorener Stimme und zuckte dann auf.
      „Mein Gott...der Mistkerl hat den armen Herr Renner in den Wäldern nähe Artendorf ausgesetzt!“
      „Artendorf? Das ist über 40 Fahrminuten von hier!“, stieß Mishka aus und näherte sich dem Bildschirm und Johanna zeigte auf ein Schild, dass zu sehen war. „Tatsächlich, ein Schild zu den Atta-Höhlen!“, bestätigte sie und Johanna wies auf eine kleine Statue. „Außerdem ist da eine Schnitzerei zu sehen, die wurde für das Jubiläum der Höhlen dort aufgestellt von diversen Fans.“
      Johanna riss den Infusionskatheter aus dem Arm und presste auf die blutende Wunde. „Wir gehen sofort dahin!“, sagte sie beschlossen und Alex ging auf sie zu.
      „Bist du sicher?“, fragte er besorgt und Johanna blickte auf Fabian. Dieser seufzte kurz und nickte dann. „Beeilen Sie sich. Wie schon gewusst, Herr Renner leidet an Demenz, nicht dass er sich noch was antut, oder ihm was angetan wird!“ Alex und Johanna verabschiedeten sich mit einem Nicken und rannten zu Johannas Wagen, wo Alex auf der Fahrerseite einstieg und den Motor sofort startete, als Johanna ebenfalls im Wagen saß.
      Semir: Du blutest übrigens!
      Alex: Ich blute?! Ja, ich blute! Ich habe mir 'ne Kugel für dich eingefangen! Man ich stehe hier vielleicht auf der Fahndungsliste!
      Semir: Alex...
      Alex: Weisst du wie Knast hier aussieht?
      Semir: Alex...
      Alex: WAS?!
      Semir: Ich hab dich lieb...
      Alex: Ja schönen Dank auch!

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    • Als Paul kleine Klapse auf seiner Wange spürte, zuckte er zusammen und öffnete die Augen. Er blickte direkt in die rehbraunen Augen von Semir. Ohne es zu wollen, musste er lächeln und schüttelte leicht mit dem Kopf.
      „Scheisse...also habe ich nicht durchgehalten...“, flüsterte er und spürte Semirs gesunde Hand auf seiner Schulter. „Nicht durchgehalten? Nicht durchgehalten?! Paul du hast‚ ne Schusswunde im Bauch! Warum zum Teufel...“
      Paulspürte den dumpfen Schmerz in seiner Bauchhöhle und atmete tief durch. „Ich wollte Papa nicht aufregen...“, sagte er leise und Semir seufzte. „Seit wann hast du die?“, fragte er nun sanfter und Paul konnte mit Hilfe von Semir in eine aufrechtere Position sitzen.
      „Ich wollte, dass die Typen nur mich behalten und hatte mich aufgeregt, als sie Papa in einen separaten Raum gerissen haben. Ich hatte für einen kurzen Moment die Kontrolle verloren, vor allem auch als sie dich wie ein nasser Sack in dieses Lager geschmissen hatten...ich wollte denen die Meinung geigen, doch dieser Model-Verschnitt war schneller...“
      Semir schloss für einen kurzen Moment die Augen und rieb sich die Lider. „Du verdammter Vollidiot...“, murmelte er und sammelte die Dinge zusammen, die Paulzuvor für Semirs Behandlung benutzt hatte. Er nahm ein paar Fetzen der Gaze und faltete sie mehr schlecht als recht einhändig zusammen. „Drück mit denen auf die Wunde.“, befahl er Paul und dieser stöhnte kurz auf, als er Semirs Anweisung befolgte „und bleib mir ja wach!“ Paul nickte langsam und er, sowie Semir, schraken auf, als sich die Türe geöffnet hatte und der gutaussehende Mann den Raum betrat.
      „Also hatte mein Kumpel doch getroffen! Hätte ich ihm gar nicht zugetraut!“, murmelteer und Semir stand sofort auf.
      „Hören Sie allmählich mit der Scharade auf und lassen Sie uns gehen!“, zischte er und der Mann lächelte und schüttelte mit dem Kopf. „Tut mir leid, aber Sie haben einfach zu viel gesehen. Ich mach nicht gerne meine Hände schmutzig, aber ich muss noch eine Lösung finden, wie ich Sie Beide loswerden kann.“, erklärte er mit einer Engelsgeduld und Semir schüttelte fassungslos mit dem Kopf. „Sie spinnen! Lassen Sie uns gehen!“, schrie er und stürzte sich auf den Mann. Er hörte Paulhinter sich schreien vor Schreck. „Lass mich los du Scheisstürke!“, schrie der Mann, stieß Semir mit den Händen vor sich so, dass der Deutschtürke gegen das Regal knallte und kurz scharf einatmete. Ohne ein Wort zu sagen, ging der Mann wieder aus dem Raum und schloss die Türe.
      „Puh...“,murmelte Semir und Pauls Augen waren weit aufgerissen. „Puh...puh?! Bist du von Sinnen?“, hastete er mit heiserer Stimme und Semir grinste. „Ach, mein bester Freund“, begann er schelmisch und zog eine Pistole hinter dem Rücken hervor, „du solltest mich doch inzwischen besser kennen!“

      Alex folgte Johannas Anweisungen und sie fuhren wirklich auf die Waldlichtung zu ,die im Video gezeigt wurde. Auch die kleine Statue wurde sichtbar und er parkte direkt davor. „Du bist die Beste!“, murmelte Alex erleichtert und stieg gemeinsam mit Johanna aus. „Ich habe im Kofferraum zwei Handscheinwerfer, damit sollten wir im Wald gut vorankommen!“, sagte sie und tatsächlich fand Alex im Kofferraum die erwähnten Gegenstände. Er reichte seiner Partnerin eine davon und Johanna nahm mit der verbundenen Hand ihr Handy hervor, wo sie die Karte des Waldes aufrief.
      „Fußspuren können wir vergessen. Die Erde ist zu trocken“, knurrte Alex genervt und Johanna atmete tief durch. „Stell dir vor du bist ein Mann mittleren Alters der an Demenz leidet und du wirst als Entführungsopfer mitten in einen Waldausgesetzt, den du möglicherweise nicht kennst...wo gehst du hin?“
      Auf Johannas Frage hin schaltete Alex seine Lampe an und schien auf den Boden. „Wahrscheinlich hat er ein Mantra oder irgendwas, sieh dir das an...“ Johanna ging neben ihren Partner. „Obwohl die Erde trocken ist, hat er mit seinen Füssen so sehr darauf gestampft, so dass man die Spuren sieht. Es sieht gar wie ein Rhythmus aus...“
      „Jeder Schritt, eins zwei, eins zwei! Dann komme ich ans Ziel...“, flüsterte Johanna und Alex sah sie fragend an.
      „Ein alter Reim den wir beim Wandern immer aufgesagt haben. Sein Sohn oder seine Frau, muss ihm diesen Reim gelernt haben. So weiß er, dass er immer mit den Füssen so aufstampfen muss, dass man ihn findet...“
      „Also, dann los...“, entschied Alex und sie begannen, den Weg abzulaufen. Die Schritte waren immer aufs genaueste in den Boden gestampft. Sie führten tief in den Waldhinein und Johanna blieb stehen, als sie inmitten des Weges einen blutigen Stoff fand. Sorgsam hob sie ihn auf und zeigte ihn Alex.
      „Ein wenig Blut, aber nicht viel...“, stellte er fest und Johanna presste die Lippenzusammen. „Wahrscheinlich hat er den Verband gemerkt und ist erschrocken. Das heißt, er mag sich vielleicht schon gar nicht mehr erinnern, was passiert ist!“Alex begann mit Johanna den Fußspuren entlang zu rennen. Sie stoppten, als die Spur an einem Moosabteil zu Ende ging und von weitem, das leise Echo eines Wimmerns zu hören war. Alex stoppte Johanna mit einem Handzeichen und die junge Polizistin verzog kurz das Gesicht. „Geht’s?“, fragte Alex besorgt und Johannanickte. „Ja, mein Schädel brummt nur...“, flüsterte sie und richtete sich auf. „Du hörst das auch oder?“ Alex nickte auf Johannas Frage und leuchtete an die Bäume. „Herr Renner?“, rief er laut, „Mein Name ist Alexander Brandt, ich bin Kriminalhauptkommissar am Präsidium Freudenberg. Ich bin ein alter Freund von Semir Gerkhan. Dem aktuellen Partner von Ihrem Sohn Paul!“
      Johannaleuchtete in eine bestimmte Richtung, als das Wimmern lauter wurde und erblickte eine Silhouette, die sich hinter einem Baum versteckte. „Ich hab ihn“, sagte sie leise zu Alex und lief mit ihm vorsichtig zu der Person.
      Semir: Du blutest übrigens!
      Alex: Ich blute?! Ja, ich blute! Ich habe mir 'ne Kugel für dich eingefangen! Man ich stehe hier vielleicht auf der Fahndungsliste!
      Semir: Alex...
      Alex: Weisst du wie Knast hier aussieht?
      Semir: Alex...
      Alex: WAS?!
      Semir: Ich hab dich lieb...
      Alex: Ja schönen Dank auch!
    • Als der zerschundene Körper des Mannes nun erkennbar war, schalteten Johanna und Alex ihre Lampen aus und Alex kniete langsam vor den Mann. „Herr Renner?“, fragte er leise und der Mann sah ihn an. „Ich habe Ihr Gesicht mal auf einem Foto gesehen“, begann der Angesprochene leise und Alex nickte mit einem Lächeln. „Ja, wie gesagt, ich bin ein alter Freund von Semir...“, erklärte Alex nochmals und in dem Moment rissen Klaus Renners Augen auf.
      „SEMIR, MEIN SOHN! Sie sind...oh mein Gott...ich hatte es wieder vergessen...ich wurde verprügelt...es...oh...“, stammelte er hervor und Johanna nahm auf Alex Geste her schnell ihr Handy hervor und verständigte die Zentrale.
      „Ganz ruhig Herr Renner. Sie wurden entführt und dann freigelassen, erinnern Sie sich?“ Klaus sah Alex tief in die Augen und nickte heftig. „Ja...ja! Ich...Gott, das ist alles wegen mir passiert...“
      Johanna steckte ihr Handy zurück in die Hosentasche und kniete auf die freie Seite an Klaus’ Seite. „Wie es ist Ihre Schuld? Wie kommen Sie darauf?“, fragte sie mit einer Sänfte in der Stimme, die Alex noch nie an ihr gehört hatte. „Ich wollte dem Jungen helfen, den diese beide Typen verprügelt hatten...durch dass haben die dann auf uns geschossen und uns mitgenommen...“, stockte Klaus hervor und nun waren die Tränen in seinen Augen deutlich zu sehen. „Das war nicht Ihre Schuld Herr Renner...“, begann Johanna leise und nahm sanft seine Hand, „...Sie wollten helfen. Das ist doch nichts Schlimmes“, sagte sie beinahe in einer mütterlicher Stimme und Klaus sah sie an. „Sind Sie auch Polizistin?“, fragte er und Johanna nickte. „Ja, ich bin Alexanders Partnerin und will ihm helfen, Semir und Ihren Sohn zu finden!“, antwortete sie und spürte dann Klaus Hand an ihrer Stirn. „Sie sind verletzt“, stellte er fest und sie winkte ab. „Das ist nicht schlimm...nun zählt es, Semir und Ihren Sohn zu finden! Können Sie sich erinnern, wo Sie hingebracht wurden?“
      Klaus schüttelte mit dem Kopf. „Nein...wir wollten in den Wagen flüchten und da haben Sie bereits auf uns geschossen. Semirs Schulter wurden dabei verletzt und das Blut spritzte in unser Auto...es war furchtbar...“

      „Das muss es definitiv gewesen sein“, sagte Alex, „aber als Sie von dem Versteck weggebracht gebracht wurden...haben Sie da was gesehen?“
      „Nein...der dickliche Typ hat mir etwas über den Kopf gestülpt...das wurde mir erst abgenommen, als wir bei der Lichtung angekommen sind!“ Johanna konnte deutlich die Enttäuschung in Alex Gesicht sehen.
      „Wie sah der den Raum aus, wo Sie drinnen waren? Können Sie sich daran erinnern?“ Klaus legte seine Stirn in Runzeln. „Da war ein Lebensmittellager. Ich konnte es nicht sehen, Sie erhaschen ja vielleicht meine violetten Augen..., aber es schmeckte danach. Ich kannte das von früher. Es roch nach Salz und der seltsame metallene Geruch von alten Konservendosen.“, erklärte er und Alex nickte verstanden.
      „Hilft das...?“, fragte Klaus zögerlich und Johanna klopfte ihm auf die Schulter. „Sehr sogar, Herr Renner, sehr! Können Sie sich noch an etwas erinnern?“
      „In dem Raum...wo Sie mich geschlagen haben...da hing eine alte, deutsche Flagge. Wissen Sie, wie aus dem zweiten Weltkrieg. Die war mir sofort aufgefallen, weil die Dinger sogar verboten sind.“
      „Eine Hitler-Flagge?“, fragte Alex nach und Klaus nickte heftig. „Ja, ja genau eine solche. Das so etwas noch irgendwo hängen darf...“ Johanna sah auf, als das Martinshorn eines Krankenwagens zu hören war. „Ich hole sie“, sagte Alex bestimmt und rannte los, während Johanna sanft Klaus Hände nahm.
      „Ich wünschte...ich könnte mich an mehr erinnern“, schluchzte Klaus leise, „was, wenn die Typen, Paulchen und Semir schon...“ Johanna strich sanft über Klaus Hände und schüttelte heftig mit dem Kopf.
      „So dürfen Sie schon gar nicht denken! Und was Sie uns da erzählt haben, hilft schon viel.“ Sie nahm eine Packung Papiertaschentücher aus ihrer Hemdtasche. „Kommen Sie, hier“, sie reichte ihm einen der Tücher und so konnte sich Klaus die Tränen aus den Augen wischen. „Ich konnte kein Vater für meinen Sohn sein...ich...ich musste von meinem Sohn gerettet werden!“, brach Klaus in Tränen aus und Johanna legte ihre Arme so um ihn und drückte ihn an ihren Körper.
      „Sie helfen nun Ihrem Sohn, Herr Renner, dank ihm, werden wir ihn finden, dass verspreche ich Ihnen!“, sagte sie leise und stand langsam auf, als Alex mit Kim Krüger zusammen mit Sanitätern auf sie zukam.
      „Herr Renner“, stieß Kim aus und kniete sofort auf den Vater ihres Mitarbeiters hinunter. „Frau Krüger...Sie hier?“, sagte er erstaunt und Kim ließ ihn gewähren, als er nach ihren Armen suchte. „Ja...ich bin hier. Und ich habe Ihre Frau angerufen. Sie wird zusammen mit Frau Gerkhan im Krankenhaus Siegen auf Sie warten!“ Kim nickte Johanna zu und diese stand auf. Sie lief auf Alex zu und verschränkte die Arme.
      Semir: Du blutest übrigens!
      Alex: Ich blute?! Ja, ich blute! Ich habe mir 'ne Kugel für dich eingefangen! Man ich stehe hier vielleicht auf der Fahndungsliste!
      Semir: Alex...
      Alex: Weisst du wie Knast hier aussieht?
      Semir: Alex...
      Alex: WAS?!
      Semir: Ich hab dich lieb...
      Alex: Ja schönen Dank auch!