Gefangene der Dunkelheit

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    • Gefangene der Dunkelheit

      Das erste, was Semir bemerkte, war die Schwere seiner Glieder. Die heftigen Schmerzen. Die vollumfängliche Dunkelheit. Er konnte sich nicht rühren, keine seiner Zellen schien ihm mehr zu gehorchen. Nicht einmal die Augenlieder ließen sich bewegen. Kein Laut entwich seinem Mund, der mit irgendetwas gefüllt war. Panik ergriff ihn. Wo war er? Was war passiert? Er spürte sein Herz rasen. So schnell, so unbändig, dass ihm das Hämmern des Pulsschlags in den Ohren kreischte. Im selben Moment musste etwas an seinem Verhalten seine Peiniger informiert haben, dass er im Begriff war, zu sich zu kommen: Ein schriller Alarm ertönte. Semir hörte ein Fluchen. Ein unmenschlicher Schmerz durchzog seinen Kopf. Ihm wurde übel. Wieder verlor er das Bewusstsein und mit ihm jeden Schmerz.

      Ein paar Tage zuvor :

      "Deniz, Deniz! Bitte! Halt an! Ich muss mal!" "Das ist das vierte Mal, seit wir losgefahren sind." "Mir ist so schlecht. Das Hackfleisch gestern..." "Ich merke nichts..." Widerwillig lenkte Deniz den Wagen in Richtung des Parkplatzes. Kaum war er zum Stehen gekommen, öffnete eine schwarz verhüllte Frau die Beifahrertür. Sie rannte zum Toilettenhäuschen, die Tür der Frauenkabine fiel krachend ins Schloss.

      Henri Endres genoss es, mit Jenny auf Streifen zu fahren. Die jüngere, impulsive Kollegin ergänzte seine ruhige Art perfekt. Äußerlich erinnerte er seine neuen Kollegen an den verstorbenen Bonrath. Groß und hager war er auch. Da seine Haare sich nun schon mit Ende 30 stark lichteten, rasierte er die restlichen Haare stets kurz. Nur die Lachfältchen um die dunklen Augen verrieten, dass er
      ein durchweg positiver Mensch war.
      "So, lass uns mal da raus fahren," bat ihn Jenny. "Ich muss den Kaffee weg bringen." Endres schmunzelte und fuhr von der Autobahn ab.





    • Angeekelt hörte Jenny das Würgen in der Kabine neben ihr, das sich mit einem eindeutigen, plätschernden Geräusch abwechselte. Sie dachte an die vielen Schnapsleichen am gerade ausklingenden Karneval. Und die letzte Runde Brechdurchfall, welche ihr den Start ins neue Jahr vermiest hatte. Erst als sie leises Stöhnen und Schluchzen vernahm, kam ihr Mitleid durch. An der Stahltür begann Deniz zu hämmern:"Ruqiya! RUQIYA! Was machst du so lange da drin! Antworte!" Aber aus der Kabine neben Jenny kam nur ein Seufzen und ein leises Schniefen. "Ich warne dich! Verarscht mich nicht! Ich komme jetzt rein,wenn du nicht sofort selbst heraus kommst!" Jenny ging leise zum Waschbecken und wusch sich dort umso geräuschvoller die Hände. "Wird ja auch Zeit! Um 16Uhr geht unser Flieger von Frankfurt. Deine Aktion heute Morgen hat uns schon genug Zeit gekostet! Ruqiya?" Deniz klopfte wieder an die Tür. Jenny schlich zu der Kabine, in der die Frau sein musste. "Hallo? Geht es Ihnen gut? Brauchen Sie Hilfe?" In diesem Moment flog die Tür auf und Deniz stand im Vorraum der Damentoilette. "Hey, was machen Sie hier," empörte sich Jenny viel lauter als eigentlich nötig. "Geht Sie gar nichts an." Er schob Jenny zur Seite und hämmerte weiter gegen die Tür, hinter der die Frau kauerte. "Wenn du nicht sofort raus kommst, wird es dir Leid tun," drohte er," Du machst mir doch was vor! Ich habe das Gleiche gegessen! Mit geht es gut! Du bist eine schlechte Frau! Du willst nur hier bleiben, dieser Kuffar haben dich bequatscht! KOMM! JETZT! RAUS!" Mit jedem Wort trat er gegen die Tür." Jetzt reicht es aber mal," rief Jenny." Sie lassen jetzt die Frau in Ruhe!" Aber Deniz ignorierte sie völlig."Ruqiya! Ich bekomme die Tür auf, und dann..." Von draußen kam Endres hinzu. "Jenny? Kann ich dir irgendwie behilflich sein," ulkte er noch, bis bevor er den nächsten Tritt gegen die Tür hörte. "Schluss jetzt," rief Jenny "Sie verlassen nun die Toilette, sonst..." "Endres! Autobahnpolizei, kommen Sie sofort raus!" Mit einem Schwung versetzte Deniz Jenny einen heftigen Kinnhaken, so dass sie gegen die Tür, die Endres gerade öffnete, fiel. Sie taumelte ihm in die Arme. Deniz schob sich katzengleich mit einem Fluch zwischen ihnen hindurch." Jenny? Alles klar? " Sie hielt sich das schmerzende Kinn. "Ja, ja! Los hinterher!!" Schon spurtete Endres los. Doch noch ehe er eingestiegen war, fuhr Deniz mit quietschenden Reifen an ihm vorbei.

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    • Endres nahm die Verfolgung auf. Der Abstand wurde so kurz, dass er mit der Boardkamera das Kennzeichen fotografieren konnte. "Zentrale für Cobra 9" "Zentrale hört" "Verfolge silbernen Mazda 3, Münsteraner Kennzeichen. Fahrer widersetzte sich Personenkontrolle, mutmaßlich häusliche Gewalt. Kollegin kümmert sich an Rastplatz um die Frau." "Cobra 11 für Zentrale" "Cobra 11 hört!" "Haben Sie Cobra 9 gehört? Sie sind das nächste Fahrzeug!" "Cobra 11: Verstanden. Sehe verdächtiges Fahrzeug im Rückspiegel. Wir übernehmen," meldete Alex an Susanne, während Semir schon auf die mittlere Spur wechselte, um im richtigen Augenblick den silbernen Mazda auszubremsen. Doch gerade als Alex das Blaulicht aufgesteckt hatte, bemerkte Deniz, dies. Semir wechselte auf die linke Spur, um ihn auszubremsen. Deniz nutzte einen kleinen Platz auf der rechten Spur aus, überholte wagemutig rechts. Ein Hupkonzert folgte. "Ich glaub s nicht," fauchte Semir. Er gab Gas. Zwischen Deniz und ihm waren mehrere Fahrzeuge. "Freundchen, du kannst was erleben!" Sein Jagdtrieb kam durch. "Zentrale für Cobra 11" "Zentrale hört" "Susanne, was hast du mir über den Wagen Münster Emil Konrad 1990" "Moment. Gehört einem Yves Signet. Aber der hat gerade keinen Führerschein." "Na das erklärt einiges." Semir schlängelte sich geschickt zwischen den Fahrzeugen hindurch, holte weiter auf. Die nächste Ausfahrt näherte sich. Ein Treibstofflaster war noch vor Deniz, der diesen schnitt. Der Fahrer bremste aprupt ab. Der Laster stellte sich quer. Ein nachfolgender Kleintransporter konnte nicht mehr bremsen und krachte in den Tanklaster. Anderen Fahrzeugen ging es ähnlich. Deniz war über die Ausfahrt entkommen. "F...CK," schrie Alex. Sie sahen, wie der Fahrer des Tanklasters ausstieg und wild gestikulierte. "Wir müssen schauen, dass die Leute weg kommen. Hast du den gesehen," fragte Alex und deutete auf den Kleintransporter vor ihnen. "Nein," rief Semir, schon zum Transporter rennend.
    • Alex gab noch schnell Susanne Bescheid, dass ihnen der Mazda entkommen war, bevor er Semir folgte. Die Fahrerinnen der beiden Fahrzeuge zwischen ihnen und dem Kleintransporter waren ausgestiegen. "Laufen Sie weg," schrie Alex ihnen zu. "Nach hinten," schrie er weiter und rannte an ihnen vorbei.
      Hinter den ausgelösten Airbags hing der Fahrer des Kleintransporters bewusstlos im Gurt. Die Fahrertür war so sehr verkeilt, dass weder Semir noch Alex sie öffnen konnten. Unter Einsatz seines ganzen Körpergewichts bekam Semir die Beifahrertür auf. Er stürzte hinein und schnitt mit seinem Rettungsmesser die Gurte auf. Er rüttelte und zog an dem Bewusstlosen, der sich jedoch kaum bewegen ließ. "Alex," schrie er. In diesem Moment löste sich der Mann mit einem Ruck und fiel auf den kleinen Polizisten. Dieser befreite sich mit einer schlängelnden Bewegung seitwärts, während Alex den Bewusstlosen unter den Achseln packte. Semir griff dessen Beine und sprang aus dem Unfallfahrzeug. Gemeinsam trugen sie ihn so schnell sie konnten hinter die Leitplanken. Gerade hatten sie ihn abgelegt, da explodierte der Tanklaster in einer Feuerkugel. Semir und Alex warfen sich schützend über den Geretteten und drückten ihre Köpfe nach unten. Noch im Rauch der verhallenden Explosion schrie Semir Alex zu: "Er atmet noch! Das ist Ismael." "Du kennst ihn," fragte Alex als er den Verletzten in die Seitenlage drehte. Semir hatte sich aufgerichtet. "Ja, das ist der Sohn meines früheren Hodschas." "Deines was?" Alex sah ihn verständnislos an. "Ja, ich kenne seine Familie gut," fasste Semir zusammen. "Ach so," grummelte Alex und spurtete zu ihrem Wagen, um einen Verbandskasten zu holen und über die Zentrale weitere Einsatzkräfte anzufordern. Semir strich dem jüngeren Mann vor ihm sanft eine dunkle Strähne aus dem etwas verschrammten Gesicht. Innerlich war er sehr froh darüber, dass Ismael keine größeren blutende Wunde hatte. Das war einfach nichts für ihn. "Ismael, duyuyor musun? Hörst du mich?" Er sah, wie die Finger des Mannes zitterten. "Ist gut. Schhhh... Hast du Schmerzen?" Ein leises Stöhnen war die Antwort.
    • Das Gesicht der jungen Frau war bleich, ihre hellgrünen Augen vom Weinen gerötet, die linke Wange war rot und geschwollen. Es roch sauer nach Erbrochenem und offensichtlich hing auch etwas davon an ihrem weiten, dunklen Mantel und dem nach unten gezogenen Gesichtsschleier. Jenny trat angewidert einen Schritt zurück. „Ich kann nicht nach Syrien,“ schluchzte die junge Frau auf. „Das müssen Sie auch nicht. Wie heißen Sie denn?“ „Kannst ruhig „Du“ sagen. Steffi Ceylan – Ruqiya ist mein muslimischer Name....das vorhin war mein Mann Deniz Ceylan. Er will nach Syrien...“ sie lehnte sich an die Wand des Häuschens. „Nach Syrien,“ murmelte Jenny. „Sie müssen Deniz aufhalten! Er will in den Krieg! Er ist ganz besessen davon...“ „Entschuldigung,“ sagte die junge Frau noch und eilte wieder zur Toilette. Instinktiv stellte sich Jenny wieder vor die Tür. Noch während sie das erneute Würgen hörte, funkte Jenny Susanne an: „Zentrale für Cobra 9/1“ „Zentrale hört“ „Der Gesuchte heißt Deniz Ceylan, mutmaßlicher Freiwilliger des IS. Seine Frau ist bei mir...“
      Steffi erschien wieder an der Tür. „Entschuldigung.“ „Magen-Darm-Grippe ist das nicht, oder?“
      Steffi schüttelte den Kopf. „Ich bin schwanger. Fast vierzehnte Woche. Deniz weiß nichts davon.“ „Ist es nicht sein Kind,“ fragte Jenny. Steffi sah Jenny verstört an: „Doch! Natürlich! Was denkst du von mir?“ Jenny zuckte mit den Schultern. „Entschuldige. Aber warum hast du ihm nichts gesagt? Freut er sich nicht?“ Steffi seufzte:“ Er ist so anders, seit er in die Al-Aqsa-Moschee geht. Ich wollte auch noch warten. Manchmal wird ja auch nichts draus...“
      Inzwischen war Endres wieder auf den Parkplatz gefahren. „Na, die Damen? Bereit für die Fahrt zur PASt?“ „Sie haben ihn nicht erwischt,“ fragte Steffi Endres mit großen Augen. Endres schüttelte den Kopf: „Ich darf das gar nicht allein. Aber unsere besten Kollegen sind dran,“ versicherte er und verschwieg, dass er schon von der erfolgreichen Flucht wusste. „Bitte! Sie müssen ihn finden, bevor er mich findet!“ Jenny öffnete Steffi die Tür zur Rückbank: „Du kommst jetzt mal mit uns. Auf der PASt kannst du dich frisch machen. Und wie ich Susanne kenne, hat sie bestimmt noch einen guten, warmen Tee für dich.“ Als Endres los gefahren war, fragte Jenny: “Was macht dir solche Angst?“
      Steffi zog zwei Reisepässe und Flugtickets unter ihrem schwarzen Umhang hervor und reichte sie Jenny.
      „Er weiß es noch nicht: Aber ohne mich kommt er nicht weit,“ sagte Steffi. Jenny und Endres sahen sich an: „Du hast das geplant?“ Steffi blickte zu Boden. „Erst habe ich gedacht: Der kriegt sich schon wieder ein. Aber das Gegenteil war der Fall. Er redete immer mehr von Syrien. Vom Kampf gegen Kuffar, Ungläubige. Er meinte, ich müsste helfen. Ich müsste meine Fähigkeiten einsetzen...“ „Fähigkeiten,“ wunderte sich Jenny. „Ja. Ich habe im Juli meine Ausbildung zur Chemisch Technischen Assistentin abgeschlossen. Im Labor stört das Kopftuch niemanden...Aber seit ich nun wusste, dass unser Baby eine Seele haben würde, war mir klar: Er geht den falschen Weg!“ „Eine Seele,“ hakte Endres nach „Ja. Wir glauben, dass Gott den Körper eines Menschen erst zwölf Wochen im Mutterleib wachsen lässt. Erst dann schenkt er ihm eine Seele.“ Jenny nickte. „Und wenn es zu einer frühen Fehlgeburt kommt...“ „Brauchst du nicht traurig sein,“ ergänzte Steffi eifrig. „Überhaupt,“ fuhr sie fort: „Es ist ja Gottes Wille.“ „Naja,“ warf Endres ein „wenn du dich schon freust und hoffst, ist das dann nicht auch Gottes Wille?“ „Ja. Natürlich. Man darf auch traurig sein. Unser Prophet hat fast alle seine Kinder zu Grabe tragen müssen. Und er hat auch geweint. Aber nie das Vertrauen zu Gott verloren.“ „Aha,“ antwortete Endres. Von Jenny kam nur ein kurzes „Mhm“, denn ihr war der Eifer der Konvertitin suspekt. Der kurze Moment peinlichen Schweigens wurde durch Alex' Funkspruch und die Nachforderung weiterer Kräfte durchbrochen. Nun war auch Steffi klar, dass Deniz entkommen war.
    • Semir war bei dem Verletzten geblieben, hatte ihn mit der Rettungsdecke aus ihrem Wagen zugedeckt. Er hatte beim Aufwachen ruhig zugesprochen, während sich Alex ein Bild von der Lage machte. Der Splitterregen der Explosion hatte für weitere Verletzte gesorgt. Und eine Frau, die in einem der Fahrzeuge weiter hinten gesessen hatte, war beim Aufprall nicht angeschnallt gewesen. Sie hatte es mindestens genau so schlimm erwischt, wie Ismael Güner. Sie wurde von dem ersten eintreffenden RTW versorgt und Semir musste noch weiter bei Ismael warten. Der hatte ihn erst verwundert angesehen – irgendwie kam ihm das Gesicht bekannt vor. Bald aber hörte er auf zu denken, schloss wieder die Augen und stöhnte vor Schmerzen. Semir blieb wenig übrig, als seine Hand zu halten – wie er diese Hilflosigkeit hasste!
      Immerhin waren die zwei vom Rettungsdienst ein eingespieltes Team. Jeder Handgriff saß und Semir fühlte sich sogar in der Funktion als Infusionsständer deutlich wohler, als zuvor. Gerade wurde Ismael in den Rettungswagen geschoben, da kam Alex zurück und stellte fest: „Ich versteh's nicht...“ „Ich auch nicht,“ meinte Semir. Beide grinsten sich kurz an. „Was meinst du eigentlich,“ fragte Semir. „Dass sich die Leute nicht anschnallen,“ meinte Alex und sah sich wütend den Blutfleck auf seiner Jacke an. „Ja, das ist in der Tat unverständlich,“ pflichtete ihm der hinzugekommene Notarzt bei, bevor er zu seinem Patienten in den Wagen stieg. „Und ich versteh's nicht, dass mir so ein popeliger Mazda entkommen konnte,“ grummelte Semir. „Na, könnt' ihr eure Unterhaltung auch ohne uns weiterführen? Wir würden gern die Türen schließen,“ fragte der Rettungssanitäter. „ Klar. Sorry,“ sagte Semir und hüpfte aus dem Türbereich nach draußen zu Alex. „Alles Gute, Ismael,“ rief er noch, bevor die Türen schlossen. „Komm, lass uns zur PASt fahren. Wir müssen uns auch erst mal wieder aufwärmen,“ forderte dieser seinen Partner auf. „Endres und Jenny haben das Mädchen, also die Frau von dem Geflohenen, mitgenommen. Das ist übrigens nicht der Halter des Fahrzeugs. Der Typ, der uns abgehängt hat, heißt Deniz Ceylan. 24, seit Geburt wohnhaft in Köln-Kalk. Er wurde wohl heute auf seinem Weg nach Syrien in den Dschihad gestört.“
      „Versteh' ich auch nicht, solche Leute,“ sagte Semir kopfschüttelnd, während er sich anschnallte und den Rückwärtsgang einlegte. „Ich meine: Andere fliehen von dort hierher. Und so ein kleiner Pascha von hier will da hin, Krieg spielen, oder was?“ „Pascha...“ feixte Alex „Du musst es ja wissen...“
    • Susanne hatte Steffi einen Ingwertee gemacht. „Der hilft gegen die Übelkeit,“ bewarb sie das scharfe Gebräu, nachdem Steffi sich gleich bei Ankunft in der PASt wieder auf direktem Weg zur Damentoilette begeben hatte. Diese nickte und bedankte sich. „Kein Problem. Ich kenne das auch,“ erklärte ihr Susanne. „So schlimm wie heute war's noch nie. Aber beim Autofahren wurde mir schon als Kind schnell übel und jetzt die Aufregung und die Schwangerschaft...“ entschuldigte sich Steffi. Die fürsorgliche Susanne gab ihr Wechselklamotten und ihren Schal. Kurz darauf saß die junge Frau in Kopftuch, Pullover und Jeans der Chefin und Jenny gegenüber. „Haben Sie denn irgendeine Idee, wo wir ihren Mann finden können,“ fragte Kim Krüger. Steffi zog die Schultern hoch. „Wenn er weiß, dass ich die Pässe und Tickets habe, wird er zuerst nach mir suchen.“ „Der Flug von Frankfurt geht in zwei Stunden. Den kann er stecken,“ bemerkte Jenny trocken. „Und dann ist ihm auch klar, dass ich hier alles sagen werde...“ Steffi hatte sichtlich Angst. „Wo wird er Sie denn suchen.“ „Zu Hause. Bei seiner Familie. Oder bei meinen Eltern. Wobei… mein Vater hat ihm beim letzten Besuch eh' erklärt, dass er ihn niemals wiedersehen will. Jedenfalls nicht, bevor er wieder „normal“ wäre. Deniz hatte verlangt, dass ich auch vor meinem Vater einen Niqab, einen Gesichtsschleier, trage. Weil er kein Muslim ist. Dabei ist das Unsinn...“ Jenny seufzte leicht genervt auf. Sie konnte mit dem ganzen religiösen Kram wenig anfangen. Um die Sache voran zu bringen, fragte sie: „Und wo kannst du wirklich hin?“ „Ich weiß es nicht. Ich habe ja immer noch gehofft, ich könnte ihn mit Worten umstimmen...Das mit den Tickets und den Pässen, das sollte meine Versicherung sein. Ich wollte sie notfalls im Flughafen Frankfurt im Gebetsraum verstecken. Oder in den Müll werfen...Er sollte das nicht bei mir finden können.“ „Hm. Deine Wange sieht nicht danach aus, als hättest du bei diesem Mann mit Worten eine Chance..“ warf Jenny ein. Kim Krüger sah ihre Mitarbeiterin tadelnd an. Mitgefühl ging anders. Steffi schluckte, sah zuerst nach unten, dann Jenny direkt in die Augen. „Bis heute Morgen hatte ich die Hoffnung, mein Baby könnte einen normalen, liebevollen Vater haben.“ Tränen standen in ihren Augen. „ Da habe ich ihm gesagt, dass es falsch ist, nach Syrien zu gehen. Wer wirklich helfen will, der findet hier genug zu tun. Die Antwort war ohne Worte. Ein Schlag in mein Gesicht, so heftig, dass ich mich gerade noch abfangen konnte.“ Sie zog ihren Pulloverärmel bis zum Ellbogen. Auf dem Unterarm zeichnete sich eine rot-blaue Linie an. „Da wusste ich: Der Deniz, den ich geliebt und geheiratet habe, ist schon weg.“

      Kim Krüger stand auf. „Gerkan soll zur Familie und die mal vorwarnen. Wie stehen denn Ihre Schwiegereltern zu den Plänen Ihres Mannes? Wissen sie von der Schwangerschaft?“ „Nur Aynur, meine beste Freundin weiß es. Sie ist meine Schwägerin. Über sie habe ich auch Deniz kennengelernt. Ihre Eltern, also meine Schwiegereltern, sind sehr, sehr gute Menschen. Ich glaube, sie wussten nichts von Deniz wahren Plänen. Vor zwei Monaten hatten er und sein Vater einen riesigen Streit. Deniz hat seinem Vater vorgehalten, selbst ein Ungläubiger zu sein. Weil der ihm verboten hatte, auch nur vom IS zu reden. „Worte sind der Beginn der Taten. Und ich will nicht, dass du da irgendetwas tust. Sei es Geld sammeln, sei es in der Moschee Reden halten oder Schlimmeres!“ hat er gesagt. Dabei findet er es durchaus grausam, was Assad mit den Menschen dort macht. Aber meine Schwiegereltern haben lieber Essen in die Turnhalle zu den Flüchtlingen gebracht, als sich mit den politischen Dingen auseinanderzusetzen. Deniz hatte mir also verboten, mit meinen Schwiegereltern noch groß Kontakt zu haben. Damit ich bloß nichts erzählen konnte. Ja, total verrückt...“
    • Inzwischen waren Semir und Alex hinzugekommen. „Herr Gerkan, Herr Brandt. Das ist Steffi Ruqiya Ceylan, die Frau des Flüchtigen.“ Alex streckte Steffi die Hand entgegen. Steffi ließ sie im Raum stehen, nahm sie nicht an. „Entschuldigen Sie, es ist mir unangenehm, fremden Männern die Hand zu geben,“ sagte sie. „Ja, unhygienisch ist Händeschütteln sowieso,“ stellte Jenny etwas ironisch fest. Kim Krüger überging den peinlichen Moment schnell indem sie sich an ihre Männer wandte: „Frau Ceylan hat uns darüber informiert, dass Deniz Ceylan nach Syrien ausreisen und für den IS kämpfen will. Die Ausreise war für heute geplant. Frau Ceylan hat jedoch die Pässe und Tickets an sich genommen und damit eine legale Ausreise unmöglich gemacht. Herr Ceylan wird also versuchen, seine Frau zu finden und zu bestrafen. Da seine Eltern ebenfalls gegen eine Ausreise waren, bitte ich Sie, Herr Gerkan, sie zu informieren. Die Adresse haben Sie schon auf Ihrem Smartphone. Vielleicht haben sie neue Anhaltspunkte über seinen Aufenthaltsort. Eine weitere Adresse wäre auch die Al-Aqsa-Moschee, aber bevor sie dort hin gehen, sollten wir nochmals sprechen.“ „Gut, Chefin, aber was ist mit ihr,“ fragte Alex. Etwas ratlos sahen sich alle im Raum an.Kim Krüger sah Steffi an: „Ihr Einverständnis vorausgesetzt, bringen Frau Dorn und Herr Endres Sie nachher erst mal in die Rechtsmedizin. Die Verletzungen müssen dokumentiert werden. Aber danach? Für einen Personenschutz reicht es noch nicht. Tut mir leid,“ sagte die Chefin. „Aber bei ihren Eltern oder Schwiegereltern wird er sie doch als Erstes suchen. Und sie ist schwanger. Wir dürfen doch nicht zulassen...“ warf Semir ein. Gerade hatte seine Chefin den Mund geöffnet, da fragte Steffi: „Müssen Sie mich nicht eigentlich hier behalten? Für eine Nacht? Das können Sie doch, oder?“ Die Chefin überlegte kurz: „Naja, wenn wir das mal so betrachten: Wir haben Sie jetzt ja eigentlich daran gehindert, eine terroristische Vereinigung zu unterstützen… also zumindest besteht der dringende Verdacht, dass auch Sie nach Syrien reisen wollten. Das mit der Schwangerschaft und den Pässen – ich habe keinen Beweis dafür, dass Sie auch die Wahrheit sprechen...“ Etwas ängstlich widersprach Steffi: “Aber es ist die volle Wahrheit!“ Die Chefin nickte, leicht lächelnd. „Wir müssen sowieso das LKA und das BKA informieren. Die werden Sie auch befragen wollen. Semir und Alex waren beim ersten Satz schon aus dem Zimmer gekommen: „Komm, lass uns fahren, bevor die Besserwisser sich da einmischen,“ sagte Alex zu seinem Partner. Semir nickte und startete den Wagen. „Das ist in Köln-Kalk. Da kenne ich mich bestens aus. Das ist mein Revier.“ Alex grinste. Wenige Straßen vor dem Ziel hielt Semir jedoch an einem Obst- und Gemüseladen an. „Hey, Partner, was machst du denn jetzt,“ fragte Alex Semir, der aus dem Wagen stieg. „Ich dachte, du kennst dich aus? Wir sind noch nicht da!“ „Ich weiß,“ knurrte Semir kurz. „Nicht quatschen. Mitkommen. Zuhören.“
    • „Frau Ceylan? Bitte denken Sie nach! Wir sollten die Hintermänner kennen, um Ihnen und Ihrem Kind besser helfen zu können,“ forderte Kim sie auf. Steffi zuckte wieder mit den Schultern. „Ich kenne die nicht wirklich. Ich denke, das sind die Leute um Abu Djaffar, den Imam aus der Al-Aqsa-Moschee. Aber ich kann mich auch irren. Deniz Handy durfte ich in den letzten Wochen auch nicht anfassen. Ich weiß nur, dass Deniz mit den Kontaktleuten über so einen Messenger-Dienst regelmäßig Kontakt hatte. Vor allem auf Türkisch, das kann ich ja nicht wirklich.“ „Mist,“ sagte Hartmut, der eigentlich nur eine Freizeichnung der Chefin auf seinem Urlaubsantrag hatte haben wollen und deshalb herein gekommen war. „Warum,“ fragte Kim Krüger den Rotschopf. „Na, weil die Kommunikation der Messenger-Dienste ja immer verschlüsselt abläuft. E-Mail, SMS, Telefonate und so, das ist alles viel einfacher abzuhören.“ „Aber er sichert seine Nachrichten doch auf seinem Doggle-Konto,“ warf Steffi ein. „Neulich ging sein altes Handy kaputt – er hat so geflucht, weil er meinte, alle Kontakte wären verloren. Und dann hat er nur ganz erleichtert gemeint: Es wäre alles wieder da, er hätte ganz vergessen, dass Doggle alles sichert.“ Ein breites Grinsen in Hartmuts Gesicht sprach Bände. „Ich weiß ja noch nicht genau, worum es geht. Aber wenn Messengernachrichten bei Doggle abgespeichert werden, kommen wir da dran.“ „Mir ist noch etwas eingefallen: Deniz hat mir heute Morgen mein Handy abgenommen. Damit ich nicht „auf blöde Gedanken käme“, wie er es nannte. Es war frisch geladen und angeschaltet...“ „Das heißt, wir können ihn vielleicht auf darüber orten, wenn es mit seinem Handy nicht gelingt?“ Hartmut nickte und winkte Susanne herein, damit die Chefin ihre beiden Techniker schnell instruieren konnte. Wenige Minuten später saß Hartmut an einem Rechner in der PASt und versuchte, über das Doggle-Konto an die Messenger-Nachrichten zu kommen. Susanne ortete derweil die beiden Mobiltelefone „Beide Geräte bewegen sich auf der A 3 Richtung Frankfurt, knapp hinter Limburg.“ „Danke Susanne. Das BKA und LKA habe ich informiert. Da sind jetzt ja schon die Hessischen Kollegen mit im Boot...“

      Semir war mit einem freundlichen „Merhaba“ in den Laden gekommen. Die ältere Frau mit dem Kopftuch an der Kasse sah ihn freundlich an, hinter ihr erschien ein Mann um die vierzig. „Selam aleyküm, Hoca Hanim,“ grüßte Semir die ältere Frau mit einer leichten Verbeugung. Diese lächelte nun und grüßte zurück: „Aleykümselam, Semir Gerkan!“ Ihr Sohn Haluk umarmte ihn mit einem Schulterklopfen. Aber Semir wich zurück: „Ist dein Vater auch da?“ „Nein, er ist in der Moschee.“ „Wie immer,“ lächelte die Frau. Und man konnte in ihrem Gesicht erkennen, dass Fröhlichkeit, Milde und Freude mehr Spuren hinterlassen hatten, als jeder böse Gedanke. Semir lächelte ebenfalls, aber es war ihm anzumerken, dass er gerne den alten Herrn getroffen hätte. Er stellte Alex vor: „Das ist mein Kollege Alex Brandt. Wir sind leider dienstlich hier.“ „Aber für einen Tee habt ihr wohl Zeit,“ fragte Haluk die eher rhetorische Frage und ging zu dem Samowar, der in der Nähe der Stehtische und den Backwaren stand. „Eigentlich,“ rief Alex und wurde durch einen heftigen Zug am Ärmel gestoppt „...nicht?!“ fügte er leiser und mit fragendem Blick hinzu.
      Während Alex den Löffel im Teeglas klingen ließ, um den Zucker zu verteilen, erklärte Semir der älteren Frau und Haluk behutsam, warum Ismael Güner heute immer noch nicht von der Fahrt zur Bonner Filiale zurück war. Er wusste von Susanne auch, welches Krankenhaus der Rettungswagen angefahren hatte. Obwohl weder er noch Alex erwähnten, dass sie dem Mann das Leben gerettet hatten, bedankten sich die Angehörigen herzlich für die persönliche Mitteilung. Die Mutter rief mit Tränen in den Augen im Krankenhaus an und bekam dort die gute Nachricht, dass ihr Sohn außer Lebensgefahr war. Dann warf sie sich einen dicken langen Wollmantel über und ging mit wiegendem Gang die Treppe aus dem Geschäft hinunter: „Ich hole den Hoca. Damit wir ins Krankenhaus können...“ „Ja, ja. Mein lieber alter Hoca,“ seufzte Semir. „Ich habe so viel von ihm gelernt. Aber so sanft und weise wie er werde ich wohl nie.“ Der Sohn lächelte: „Ja, Vater hat den Koran im Herzen und nicht nur auf der Zuge. Nicht so wie diese….“ (er suchte sichtbar nach einem freundlichen Wort, als das, das ihm zuerst in den Sinn gekommen war) „Schreihälse. Ihr wisst schon, diese modernen, islamisch-super-korrekten Typen aus den Internet-Video-Predigten und so...“ Plötzlich war auch Alex wieder aufmerksam. „Ich habe gehört, ihr habt hier auch so eine Moschee um die Ecke,“ fragte er. Haluk sah Alex leicht befremdet an: „Meinst du die Al-Aqsa-Moschee? Ja, da gibt’s schon ein paar sehr strenge Leute. Aber ich geh' da nicht hin, ich kann dazu nichts sagen. Manche kommen hier her, weil sie wissen, dass hier alles im Laden halal ist, kein Alkohol, keine Zigaretten, keine Schweine-Gelatine oder so. Einer von denen war allerdings ein bisschen komisch, den hab' ich länger nicht mehr gesehen. Der wollte nicht bei meiner Mutter einkaufen. Weil sie eine Frau ist. Und hat mit meinem Vater Streit gesucht, weil Mutter hier im Laden arbeitet. Sie sollte nicht in der Öffentlichkeit zu sehen sein, meinte er.“ Alex rollte mit den Augen. Oh Mann, das war echt nicht seine Welt. Semir aber fragte: „Weißt du noch den Namen dieses Mannes?“ Haluk schlug Semir freundschaftlich auf die Schulter: „Ha, du alter Polizist! Nein. Aber mein Vater wird ihn nicht vergessen haben...“
    • Kurz darauf standen Semir und Alex vor der Tür der Familie Ceylan. Es war inzwischen kurz nach 15 Uhr. Niemand öffnete. "Komm, lass uns einfach mal bei der Al Aqsa Moschee vorbei schauen," meinte Alex. "Ich will wissen, mit wem ich es da zu tun habe." "Gute Idee," fand Semir "Aber wir gehen nicht rein. Wenn da irgendwas nicht stimmt, werden die uns Polizisten gegenüber nichts verraten. Und wenn alle in Ordnung ist, erfahren wir erst recht nichts." So fuhren die beiden direkt zu der berüchtigten Adresse. Durch Zufall fuhr ein Fahrradfahrer vor ihnen." Mitten auf der Straße. Hätte nicht gedacht, dass ich mal so einem dankbar wäre," stellte Semir fest. Alex und er konnten so völlig unauffällig langsam vorbei fahren und dabei aus dem Fenster sehen. Zu sehen waren nur wenige Männer, allesamt handbreite Bärte, lange weiten weißen Hemden und dunklen Käppchen. Eine bis auf die Augen komplett schwarz verschleierte Frau schob einen Kinderwagen an ihnen vorbei. "Hm," fragte sich Alex "Wie das wohl für das Kind ist, wenn es das Gesicht der Mutter gar nicht sehen kann." "Keine Ahnung... ist ja anderswo auf der Welt normal. Aber ob die dann da Kinderwagen haben...mach mal das Fenster auf : Was sprechen die denn?" Sie spitzten die Ohren, hörten aber nur eine schwer verständliche Mischung aus deutsch und arabisch. "Jetzt probieren wir es einfach nochmal bei der Familie," seufzte Semir ratlos. Da fasste Alex sich in den Rücken. Als seine Hand wieder nach vorne kam, war sie blutverschmiert."Und ich dachte mir noch:" Es fühlt sich so feucht an, " stellte er trocken fest."Mann, du versaust uns den ganzen Wagen," schimpfte Semir laut, um zu verbergen, dass ihm der Anblick von Blut so gar nicht gut tat. Gleich darauf hatte er sich aber wieder gefangen und sagte Susanne Bescheid, dass er seinen Partner jetzt erstmal ins Krankenhaus brächte. Kaum hatte er den Motor gestartet,klingelte sein Handy. Es war Dana. "Papa," fragte da eine zuckersüße Teenagerstimme. "Papa, kannst du mich, Ayda und Lilly abholen? Wir warten im Elisabethen-Krankenhaus auf dich. Aber bitte sag Andrea nichts. Ich habe die Kleinen heute wie versprochen abgeholt..."
    • "Dana? Du sagst mir jetzt sofort, was du angestellt hast!" Semir kochte. Von der leichten Schwäche angesichts Alex' Blut war nichts mehr vorhanden. "Ich habe gar nichts angestellt," empörte sich Dana "Ayda hat sich geprügelt und dabei ihr Handgelenk verstaucht..." "Ayda hat... Was? Egal, Dana, ich bin unterwegs." Semir legte auf und gab Gas. Alex sah ihn verwundert an. "Alles okay?" "Also heute hätte ich auch KTW-Fahrer werden können... Dana ist mit den beiden Jüngsten im Elisabethen-Krankenhaus. Angeblich hat sich Ayda geprügelt..." "Die fängt ja früh an," stellte Alex leicht grinsend fest. Semir sah ihn verächtlich an. "Als ich sie zum ersten Mal im Arm hielt, nach ihrer Geburt, klein und rosa und einfach das hübscheste Baby der Welt,da war ich so dankbar, dass ich eine Tochter hatte. Sanft, süß,brav, schutzbedürftig. Sie würde wunderschöne Kleider bekommen, meine Prinzessin sein. Vielleicht mal ins Ballett gehen und als Primaballerina in der Schulaufführung ihren Vater stolz machen."Er sah scheinbar ins Nichts und doch auf die rote Ampel vor ihnen." Die besten Boxer haben auch Balettunterricht genommen, "wusste Alex,was ihm aber wieder nur ein Schnauben einbrachte.
      In der Notaufnahme war es ein eher ruhiger Tag. Alex nahm Platz im Warte Bereich und Semir suchte seine Töchter. Kurz darauf hatte er sie gefunden."Papa," fing Dana ihn ab "Bevor du loslegst: Die Ärztin wollte noch mit dir reden. Ich bin ja nicht erziehungsberechtigt..." Also setzte sich Semir zu seinen Töchtern in den Behandlungsraum, wo Ayda mit geschientem Handgelenk auf der Liege wartete und Lilly mit Danas Smartphones in den Händen neben ihr saß." Papa!" Die beiden Mädchen strahlten um die Wette. Lilly reckte die Arme nach oben, wollte hochgenommen werden. "Connum benim-Meine Süße," herzte Semir seine Jüngste. Er sah demonstrativ an Ayda vorbei. "Papa," schluchzte diese jetzt und hielt ihm ihren linken Arm entgegen, "es tut so weh!" "Na, dann lernst du vielleicht daraus und lässt es in Zukunft..." Dana schaute zu Ayda und schüttelte mit einem "Pffff..." den Kopf. Semir, dem dies nicht entgangen war, fragte sie erbost :"Was? Findest Du es etwa gut, dass sich Deine kleine Schwester so prügelt, dass sie ins Krankenhaus muss? Hat sie die Idee etwa von dir?" Dana hätte gerne ihrem Vater die Meinung gesagt, aber sie wollte vor den beiden Jüngeren auch erwachsen wirken und eine Vertrauensperson sein. Deshalb schluckte sie ihren Groll hinunter und atmete tief durch. Betont ruhig sagte sie :"Nein. Aber Papa, du könntest sie fragen, WARUM sie das getan hat..." Semir nahm Lilly fester in den Arm und gab Danas Forderung nach. "Na gut: Ayda, warum hast du dich geprügelt?" Erleichtert sprudelte es aus dem Mädchen heraus. "Marc und Victor aus der Klasse über mir haben mich schon den ganzen Tag geärgert..."" Ach, und dann schlägst du gleich zu? Ayda, Gewalt ist keine Lösung," unterbrach Semir seine Tochter. Dana unterdrückte ihr Grinsen und schickte Semir ein ermahnendes" Papa". Ayda fuhr fort :"Ich hab auch so getan, als würde ich sie nicht hören. Aber dann haben sie meinen Ranzen umgeworfen, alles fiel raus auf den Pausenhof. Sie haben gelacht. Dann hat Victor gemeint, dass ich bloß ein Kanacken - Bastard wäre. Und mein Papa wäre von Beruf Autoschrotter. Dann hab ich geschrien: "Stimmt gar nicht, er ist Polizist!" Die haben aber nur gelacht.Marc hat mich am Arm gepackt. Und gefragt "na, wo ist dein toller Papa jetzt?" und Victor schrie mir "Heul doch! Heul doch!" ins Ohr. Da hab ich Marc zwischen die Beine getreten. Der hat mich sofort losgelassen. Victor wollte mich schnappen und da hab ich zugeschlagen. Von unten auf die Nase." Semir staunte." Woher weißt du... "" Das hat mir Onkel Ben gezeigt. "Ziel ansehen, Hand und Arm in eine Linie, und drauf..."" Ayda zeigte mit ihrem gesunden Arm, wie sie ihren Widersacher bekämpft hatte. Semir atmete hörbar aus, so als hätte er gerade den Schlag ausgeführt. "Dann hielt mich Marc plötzlich an der rechten Hand fest. Ich habe mich gedreht und mit der linken Faust zugeschlagen. Aber das ging ein bisschen schief... Er ist ja viel größer als ich." Semir hatte sich bei der Schilderung der Geschehnisse sehr zurück halten müssen. Mit unterdrückter Wut in der Stimme fragte er :" Sag mal, wo waren denn deine Lehrer? So etwas dürfte gar nicht vorkommen! " Er setzte Lilly ab und nahm ihre ältere Schwester vorsichtig und dennoch fest in den Arm. "Frau Terpentiel kam gerade dazu, als ich zugeschlagen habe. Jetzt will sie einen Termin mit Mama oder dir..." "Na, mit der will ich aber auch einen Termin....Ich rufe gleich morgen an. Auf jeden Fall muss ich mich bei dir entschuldigen, Lilly. Du hast dich nur gewehrt. Und das musst du auch tun. Ich bin sehr stolz auf dich, meine Große," sagte Semir und küsste Ayda auf die Stirn. Die Gedanken in seinem Kopf überschlugen sich. Er war Polizist und diente als solcher dem deutschen Staat. Aber seine Tochter wurde wegen seiner Herkunft gehänselt, oder schon gemobbt? Dabei dachte er auch an Ben, der es offensichtlich besser verstanden hatte, seiner Tochter etwas über Selbstverteidigung beizubringen, als er selbst. Er seufzte. Dana lehnte sich zufrieden zurück. Endlich hatte ihr Vater kapiert, was los war! In diesem Moment kam die Ärztin herein. Sie erklärte Semir, dass sie Ayda nun röntgen ließe, dafür aber sein Einverständnis bräuchte. Allerdings ginge sie von einer heftigen Verstauchung aus, die gut und gerne 6 Wochen Schmerzen verursachen könnte. Semir unterschrieb die Einverständniserklärung für die Röntgenuntersuchung. Verletzungen dieser Art waren bei ihm ja beinahe an der Tagesordnung. Die Ärztin nahm Ayda mit.
    • Kaum waren die beiden verschwunden, öffnete sich die Tür. Alex kam herein und unterbrach Semirs Gedanken an seinen früheren Partner Ben. "Also ich wäre fertig," verkündete er. "Wie, die behalten dich nicht zur Beobachtung da," fragte Semir seinen Partner grinsend. "Irgendwie hatte sich bei der Explosion ein Glassplitter unter meine Schutzweste verirrt. Die war ja hochgerutscht, als wir uns über den Verletzten geworfen hatten." "Und du hattest jetzt die ganze Zeit die Scherben im Rücken," fragte Dana mit Bewunderung in der Stimme. "Nein, die ist wohl rausgefallen, als ich den anderen Unfallopfern geholfen habe. Aber fürs Nähen war es jetzt zu spät, die haben die Wunde geklebt und verbunden. Tut auch nicht weh, " erklärte Alex. Semir entgingen die Blicke zwischen Alex und Dana nicht. "Schön, dass es meinem persönlichen Helden jetzt wieder besser geht. Aber "Held des Tages" ist der, der es jetzt noch schafft, zwei Kindesitze für unsere Heimfahrt zu organisieren... " In diesem Moment kam die Ärztin mit Ayda herein, hing das Röntgenbild auf und bestätigte ihre erste Diagnose. Ayda solle den bereits verbundenen Arm die nächsten Wochen schonen, insbesondere das Handgelenk nur bis zur Schmerzgrenze belasten.
      Lilly, die die ganze Zeit schon nervös auf ihrem Platz hin und her gerutscht war, begriff, dass die Warterei nun endlich vorbei war. Kaum hatte Alex die Tür geöffnet, raste sie ohne zu schauen auf den Flur hinaus. Semir trug Ayda liebevoll im Arm, verabschiedete sich noch von der Ärztin und verließ deshalb als Letzter den Untersuchungsraum. Er hörte nur Alex und Dana wie aus einem Mund brüllen : "Lilly! Stopp!" Aber da war die Kleine schon mit voller Wucht gegen eine ältere Frau gerannt. Die kam ins Schwanken, fing sich aber gerade noch am Wandhandlauf ab. "Entschuldigung," rief Alex. Inzwischen war auch Semir dazu gekommen. "Alles in Ordnung, Hoca Hanim," fragte er und fügte hinzu: "Entschuldigung, meine Tochter ist leider etwas wild." "Deine Tochter, Semir?" "Ja, genau genommen sind alle drei Mädchen hier meine Töchter: Dana, Ayda und Lilly." Und die ältere Dame mit dem Kopftuch und Mantel stellte er als die Frau seines früheren Koranlehrers vor. Alex kannte sie ja bereits. Frau Güner lächelte freundlich und sagte mit deutlichem türkischen Akzent: "Mashallah, Semir! Was für ein Glück du hast! So wunderschöne, süße Mädchen!" "Danke! Wie geht es Ismael?" Über das Gesicht der Frau huschte ein Schatten: "Ich konnte ihn leider nicht sprechen, er wird noch operiert. Ein paar Knochen sind kaputt. Sein Vater wartet auf ihn. Haluk holt mich ab." Gemeinsam verließen sie das Krankenhaus. Ayda genoss die volle Aufmerksamkeit, die ihr durch ihre Verletzung zukam. Frau Güner erzählte, dass sie drei Enkel hatte - allerdings "bisher nur Jungs, leider.", stellte sie augenzwinkernd fest. Da hielt ein Auto neben ihnen. Haluk saß am Steuer. Gerade als Frau Güner einsteigen wollte, fragte Alex mit Blick in Haluks Auto: "Brauchen Sie die Kindersitze heute noch? Wir müssen die Kinder nach Hause bringen, sind aber nur mit dem Dienstwagen ohne Kindersitze da..." Semir schaute Alex erst schief an und ergänzte: "Ja, das wäre wirklich eine große Hilfe. Wir bringen die Sitze auch gleich morgen früh zurück. Ich wollte ja auch den Hoca mal wieder sehen..." Haluk lachte. Innerhalb kürzester Zeit hatten Semir und Alex je einen Kindersitz im Arm."Und," fragte Alex mit Blick auf Dana "bin ich jetzt auch " Held des Tages "?" "Von mir aus," grummelte Semir halb echt halb gekünstelt.
    • Deniz Ceylan hatte sich beeilt, zum Flughafen zu kommen. Er war knapp in der Zeit, das wusste er. Er parkte das Auto auf dem obersten Deck des Flughafen - Parkhauses und versteckte den Auto - und den Wohnungsschlüssel wie vereinbart unter der Fußmatte der Beifahrerseite. Dann nahm er seine große Reisetasche von der Rückbank. Dabei fiel ihm der offene Reißverschluss an deren Seite auf. Die Pässe und die Flugtickets waren weg. Panisch kroch er ins Auto, durchsuchte den ganzen Wagen, klappte jede Bodenmatte um. Nichts. Er atmete tief durch. Kroch nochmals ins Auto. Suchte in der Tasche. Das konnte nur Ruqiya gewesen sein. Sie hatte ihm doch heute Morgen gesagt, dass sie nicht mehr nach Syrien wollte. Einfach kneifen. Dabei wäre sie doch so wichtig gewesen, mit ihrer Ausbildung hätte sie helfen können, das Kalifat auch gegen Giftgasangriffe zu verteidigen. Und sie hatte sich doch nie gewehrt, sie war immer eine folgsame Frau gewesen. Ja, eine liebevolle, fürsorgliche Frau. Er hatte sie geliebt, er hatte ihr vertraut! Er war sich sicher gewesen, dass sie mit ihm gegen die Feinde des Islams (wie er sie bezeichnet hatte) in den Krieg ziehen würde. Ja, ihm war mancher Moment der Schwäche an ihr aufgefallen, manche Weichheit, übertriebene Milde. Aber sie war eben eine Frau - und war es nicht eben diese Milde, die sie Frauen eine spätere Mutterschaft ermöglichte? Aber das jetzt? Nach dem er nichts mehr für seinen geliebten Großvater hatte tun können, hatte er wenigstens sie vor der Hölle bewahren wollen. Er hatte sie vor dem schlechten Einfluss seiner Schwester schützen wollen, begründete er sein Verhalten vor sich selbst. Eigentlich hätte sie sich besser noch mit den anderen Frauen in der AlAqsa-Moschee treffen sollen. Aber er hatte es ja auch genossen, wenn sie nach ihrer Arbeit im Labor für ihn da war. Sie hatte ohne Diskussionen den Niqab und die schwarze Abaya anstelle des Kopftuches auf der Straße getragen, als er sie darum gebeten hatte. Damit kein anderer Mann sie begehren und belästigen würde! Es war doch nur besser für sie! Und jetzt, das! Wütend trat er gegen einen mit Gummi verkleideten Poller.
      Dann griff er zum Handy. Kaum hatte er die Datenverbindung hergestellt, ging eine Messenger-Nachricht ein. "Assalamualeykum warahmathullah! Was machst du online? Du solltest im Flieger sein. Was ist los?"
      Deniz: "Waalaykumassalam. Ich kann nicht fliegen. Ich glaube, meine Frau hat Pässe und Tickets. Hier sind sie nicht!"
      Kontakt: "Wo ist deine Frau?"
      Deniz: "Ich weiß es nicht! Wir wurden auf dem Weg an einem Rastplatz von der Polizei kontrolliert. Ich wollte den Flug bekommen, ich bin ohne sie gefahren."
      Kontakt : "Und wo ist deine Frau jetzt?"
      Deniz: "Wallah! Ich weiß nicht! Das letzte Mal war eine Polizistin bei ihr."
      Kontakt :"Wo ist ihr Handy?"
      Deniz : "Bei mir."
      Kontakt: "Schlecht. Dann können wir sie nicht orten. Aber die Polizei vielleicht dich!"
      Deniz: "Was nun?"
      Kontakt : "Wir hätten deine Frau und dich gut in Syrien brauchen können. Wenn ihr jetzt nicht kommen könnt, zeige wenigstens du deine Loyalität. Zeige du uns, dass du kein Verräter bist. Bist du dazu bereit?"
      Deniz: "Ich bin bereit. Ich bin loyal. Ich schwöre. Diese Welt ist nur eine Prüfung auf dem Weg ins wahre Leben."
      Kontakt: "Amin. Also : Warte bis Abdel Waarit kommt. Ihr kennt euch ja. Nimm dann den Akku aus beiden Handys. Werfe die SIM-Karten weg. Deine und die deiner Frau. Fahrt zu eurer Wohnung. Schließ dich ihm an. Um deine Frau werde ich mich persönlich kümmern."
      Eine Stunde später konnte Hartmut den ganzen Nachrichtenverlauf aus dem E-mail-Backup lesen. Kurz darauf verschwanden die Handys aus der Ortung.
    • In der PASt sollte Steffi Ceylan noch von der Rechtsmedizinerin untersucht werden.
      Nachdem man ihr den Fall kurz geschildert hatte, hatte Nela Stegmann, kurzerhand entschieden: „Unter diesen Umständen möchte ich keinem den Weg in mein Reich zumuten!“ Also war sie selbst in die PASt gekommen. Sie hatte mit Steffi unter vier Augen gesprochen, ihre Verletzungen gewissenhaft fotografisch und schriftlich dokumentiert. Und als Steffi erneut über Übelkeit klagte, empfahl Frau Stegmann eine gynäkologische Untersuchung: „Morgendliche Übelkeit ist in diesem Stadium der Schwangerschaft ja häufig. Aber bei Ihnen geht das schon weit darüber hinaus. Und der Stress noch dazu… Sie sollten das abklären lassen,“ riet sie ihr.
      Dies teilte sie auch der Chefin mit, die sie noch kurz um Rat bat: „Wir würden Frau Ceylan gerne noch mit unserem Kollegen von der KTU in ihre Wohnung schicken. Sie soll sich ein paar Sachen holen und uns nach Möglichkeit weitere Informationen verschaffen. Denken Sie, das ist zumutbar?“
      Die Rechtsmedizinerin nickte: „Grundsätzlich ja. Aber – Ihr Einverständnis vorausgesetzt – würde ich Ihren Kollegen gerne begleiten. Zum einen, um meine Arbeit besser machen zu können: Wenn ich den Stuhl finde, der zu dem Hämatom am Arm passt, ist es einfach eine runde Sache. Zum anderen ist es vielleicht nicht schlecht, wenn sie etwas weiblichen Beistand hätte...“ Die Chefin lächelte. Sie mochte die patente junge Rechtsmedizinerin. Und so saßen die beiden Damen bald mit Hartmut als Chauffeur in seinem Wagen und fuhren nach Köln-Kalk. Unterwegs bemerkte Steffi: „Ich habe aber gar keinen Schlüssel mehr zu der Wohnung...Auch den hat Deniz mir abgenommen.“
      „Das ist kein Problem. In meiner Hosentasche ist alles, was wir brauchen,“ beruhigte sie Hartmut. „Aber Kleidung, Zahnbürsten und so haben Sie schon noch in der Wohnung?“ Steffi nickte. „Ja. Ein bisschen was ist noch da. Deniz hat die Wohnung in den vergangenen Wochen für unseren Untermieter vorbereitet. Er sollte übermorgen dort einziehen.“ „Kennen Sie ihn?“ Steffi schüttelte den Kopf und kämpfte weiter mit ihrer Übelkeit, die beim Fahren einfach noch schlimmer war, als sonst. Glücklicherweise hielten sie bald vor dem großen Wohnblock, in dem Steffi gewohnt hatte. „Also: Wir dürfen so wenig Aufsehen erregen, wie möglich. Und so wenig in der Wohnung verändern, wie möglich. Ich gehe davon aus, dass Ihr Mann hier her kommt, wenn er in Frankfurt nicht abfliegen konnte… Wir versiegeln die Wohnung nicht, er soll nichts merken – außer natürlich, er durchsucht Ihre Sachen gründlicher,“ überlegte Hartmut laut. Dann gingen er und die Rechtsmedizinerin zuerst zu dem Haus – die Gelegenheit war günstig: Ein älterer Herr mit Rollator verließ das Haus und Frau Stegmann hielt ihm freundlich grüßend die Tür auf. Sie ging hinein. Die Tür fiel zu. Kaum war der Alte außer Sichtweite, klopfte Hartmut an der Tür, die ihm geöffnet wurde. Sie gingen nach oben in den vierten Stock. Hartmut hatte sein Türöffnerbesteck ausgepackt und innerhalb von drei Sekunden war die Wohnungstür offen. Sie standen in einer kleinen, sehr aufgeräumten und sauberen Wohnung. Auf der Kommode im Flur lagen mehrere Papiere ordentlich nebeneinander. Hartmut zückte sein Handy und fotografierte die Dokumente, darunter eine Vollmacht und einen Untermietvertrag, der bislang nur von Deniz Ceylan unterschrieben worden war. Hartmut mailte Susanne die Fotos der Dokumente. Wie vereinbart, hatte Steffi noch kurz im Auto gewartet. Dann hatte sie geklingelt und war nachgekommen. Kurz zeigte sie noch der Medizinerin den Stuhl, an dem sie sich hatte abfangen können und verschwand dann schnell im Bad. Das altbekannte Geräusch war zu hören. „Mein Gott, die Arme“ entwich es Hartmut. Die Medizinerin nickte: „Ja, manche Schwangerschaft ist schon eine Tortur.“
    • Die Rechtsmedizinerin sah sich etwas in der Küche um, während Hartmut mit flinken Fingen auf der Tastatur seines Laptops tippte, das er an den Router der Ceylans angeschlossen hatte. Wenig später kam eine ziemlich fertige Steffi aus dem Bad. Frau Stegemann hielt ihr ein großes Glas Wasser mit etwas Zucker und Salz entgegen. "Bitte trinken Sie! Haben Sie keine Essiggurken im Haus," wollte die Medizinerin wissen. Steffi schüttelte vorsichtig und traurig den Kopf : Leider nicht. Ich hätte so Appetit darauf... " sie lächelte :" Voll das Klische, ne?" Nun schüttelte Frau Stegmann den Kopf : "Nein, in Ihrem Fall wäre das absolut sinnvoll und könnte Ihre Beschwerden lindern. Sie brauchen das darin enthaltene Wasser, die Säure, den Zucker und das Salz, denn sie verlieren das alles ständig durch das Erbrechen. Außerdem gibt es Frauen, bei denen allein Gurken schon mildernd wirken.""Ach, schön wär's! Aber Deniz meinte, auch Branntweinessig sei für Muslime verboten, weil er ja aus Branntwein hergestellt wird. Auch wenn ich ihm mehrfach erklärt habe, dass das chemisch gesehen etwas anderes ist, blieb er bei seiner Meinung. Er sagte Schweinegelatine sei ja auch "haram", also verboten,auch wenn das Schwein "umgewandelt ist"... Ich weiß nicht... Ich denke, der Grund, warum es für die Menschen verboten wurde, ist ein anderer. Aber mit Deniz könnte man nicht mehr reden, ohne dass er einem dann vorwarf, nicht von den Gewohnheiten der "Ungläubigen" lassen zu können. " Steffi seufzte. Als sie aufstand, stützte sie sich am Tisch ab, hielt kurz inne und kniff die Augen zusammen." Geht's" fragte Frau Stegmann besorgt. "Ja, ja. Ich würde mich einfach nur über ein Bett freuen - und wenn es in einer Zelle wäre. Aber jetzt packe ich erst noch was zum Anziehen ein und bete, okay?" "Kann ich Ihnen helfen," bot Frau Stegmann an. "Nein, danke! Geht schon." Steffi ging in ihr altes Schlafzimmer, verfolgt von mitleidsvollen Blicken. Die Medizinerin ging ins Bad. Sie öffnete die Schränkchen. Dabei entdeckte sie mehrere Fläschchen. "Herr Freund, das müssen Sie sich ansehen!" . Weil Hartmut ohnehin gerade auf einen weiteren Schritt im Ablauf seines Computerprogramms wartete, kam er sofort. Kaum stand er im Türrahmen, da hörten sie einen dumpfen Knall
    • Semir und Alex hatten die Mädchen bei den Gerkans zu Hause abgeliefert. Andrea war noch nicht zu Hause gewesen, deshalb hatte Semir ihr auf die Mailbox gesprochen, dass er heute Abend wegen Aydas Problemen in der Schule mit ihr sprechen wolle und er sehr stolz auf seine Frauen sei. Dana passte wie ursprünglich mit Andrea vereinbart auf die jüngeren Mädchen auf, weshalb Semir und Alex sich wieder auf den Weg nach Köln-Kalk machten. Dieses Mal hatten sie Glück:Herr Ceylan öffnete ihnen die Tür. "Guten Abend! Gerkan, Autobahnpolizei. Das ist mein Kollege, Herr Brandt. Dürfen wir herein kommen," begann Semir das Gespräch während beide ihren Dienstausweis vorhielten. Als Herr Ceylan nickte, bat Semir Alex leise :"Denk dran : Schuhe ausziehen! Wir sind ja zum Reden da..."
    • Herr Ceylan war etwas größer als Semir, aber etwas älter. Er hatte dichtes Haar und eine Brille. Dass seine Frau eine gute Köchin war, hatte seine Spuren bei ihm hinterlassen. Semir war sich nicht ganz sicher, ob er ihn nicht vielleicht doch von früher kannte. Herr Ceylan bot beiden Polizisten einen Platz auf einem weißen, breiten, bequemen Sofa an, in dessen Nähe eine türkische Seifenoper im Fernsehen lief. "Bitte. Worum geht es?" "Herr Ceylan, wann hätten Sie zuletzt Kontakt zu Ihrem Sohn Deniz," fragte Alex. "Er war am Wochenende hier. Aber nur kurz. Er leidet sehr unter dem Verlust meines Vaters. Seit er vor 3 Monaten an Krebs gestorben ist, haben wir wenig Kontakt. Was ist mit ihm?" "Herr Ceylan, Ihr Sohn hat sich heute Morgen einer Routinekontrolle an einem Rastplatz widersetzt und sich eine wilde Verfolgungsjagd mit uns geleistet. Leider ist er entkommen und mehrere Menschen wurden verletzt." Herr Ceylan schüttelte den Kopf mit den noch mehrheitlich dunkelbraunen Haaren." Das kann nicht sein. Er hat doch gar kein Auto. Sie müssen sich irren. " Inzwischen war auch eine Frau mit einem baumwollenen, bunten, im Nacken verknoteten Kopftuch dazugekommen." Sevda, die Männer sind Polizisten..." "Deniz hat seine Frau am Rastplatz zurückgelassen. Es besteht der dringende Verdacht, dass die beiden nach Syrien ausreisen wollten, um sich dem Islamischen Staat anzuschließen." Herr Ceylan nahm seine Frau in die Arme, beide setzten sich. Nach einem kurzen Moment der Ruhe fragte Frau Ceylan leise:" Und wo ist Ruqiya? "" Wir haben sie bis zur endgültigen Klärung in Gewahrsam genommen. Sie wird mindestens diese Nacht in unseren Zellen verbringen... "" Nein, "schrie da eine Stimme aus dem dunklen Flur."Nein, bitte lassen Sie sie frei! Sie kann nichts dafür! Das ist alles Deniz Schuld!" Eine junge, etwas mollige Frau mit großen braunen Augen und einem zum Jogginganzug farblich passenden Kopftuch kam herein gerannt: "Ruqiya hat versucht, ihn davon abzuhalten. Ganz sicher! Aber mit ihm war nicht mehr zu reden, er war..." "Aylin," rief der Vater. Aber seine Frau sah ihn mit Tränen in den Augen an. "Schon gefangen von der Dunkelheit," flüsterte sie und begann, hemmungslos zu weinen.
      "Frau Ceylan! Ihr Sohn kann nicht ausreisen. Wir haben seinen Pass, nach ihm wird bundesweit gefahndet. Haben Sie eine Ahnung, wo er hin könnte, " fragte Semir vorsichtig. Herr Ceylan schüttelte wieder den Kopf."Wir hatten nicht viel Kontakt in letzter Zeit." "War auch besser so," fand Aylin. "Er hat doch hier schon mal den Terror geübt. Ihr habt so viel gestritten. Er wollte eigentlich alles verbieten: Papa die Gesangswettbewerbe im Fernsehen, Mama das Arbeiten, mir das offene Gesicht, die Jeans...." Es schien, als hätte Aylin nur darauf gewartet, von ihrem Bruder erzählen zu können. Aber ihr Vater unterbrach sie barsch:" Yapma, Aylin!Das interessiert die Polizei doch nicht... " und zu Alex gewandt:" Bitte entschuldigen Sie. Meine Tochter ist manchmal etwas... laut." Alex musste lächeln : "Kein Problem, mein Kollege hat schließlich auch orientalisches Temperament..." Noch bevor Semir etwas sagen konnte, fiel Aylin wieder ein : "Aber dass er mal diesen "Abdel-Waarit" anschleppen wollte, von wegen "etwas für Syrien tun" und der würde euch schon überzeugen..., dass Ruqiya danach nicht mehr allein zu uns kommen und dir nicht mehr ihr Gesicht zeigen durfte, Papa...das interessiert sie vielleicht doch?! Dass ihr sogar bei Güner Hoca wart, weil ihr nicht mehr weiter wusstet.." Herrn Ceylan war seine redefreudige Tochter sichtbar peinlich. Dass es den Anschein erwecken konnte, er wäre seinem Sohn nicht gewachsen gewesen und er hätte seine Tochter noch weniger im Griff, erboste ihn sehr. Semir spürte das und griff ein:" Güner Hoca ist aber auch ein besonderer Mensch. Ich schätze ihn sehr. Ich selbst war bei ihm in der Koran-Schule. Jeden Samstag." Dass er oft nur ungern hingegangen war, weil er als Jugendlicher andere Interessen gehabt hatte, verschwiegen er. "Wirklich? Dann kommen Sie auch von hier? Ist Kemal Gerkan Ihr Bruder?" Semir nickte. Das Handy klingelte. "Sie haben also keine Ahnung wohin ihr Sohn geht, wenn er sich vor uns verstecken will," fragte Alex schnell. "Nein, wirklich nicht!" "Aber wenn er bei Ihnen auftaucht, und wäre es auch nur, um Ihre Schwiegertochter zu suchen, informieren Sie uns bitte sofort." Herr Ceylan nickte vorsichtig. "Es tut mir leid, wir müssen leider dringend zu einem Einsatz," entschuldigte sich Semir und Alex stand sofort auf. Als er noch an der Tür stand, um die Schuhe anzuziehen, kam Aylin auf ihn zu und gab ihm eine Tasche. "Bitte! Geben Sie die Ruqiya. Da ist Ihr Lieblingstuch drin, ein bisschen Obst und sauer eingelegtes Gemüse. Ich denke, Sie wissen, dass...." Alex nickte und nahm die Tasche an sich. "Was meinst Du," fragte er Semir im Wagen mit einem Blick in die Tasche - es war tatsächlich nur das drin, was Aylin angekündigt hatte. Dieser zuckte mit den Schultern. "Dass wir jetzt dringend Hartmut helfen müssen."

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    • Nela Stegmann hatte sich an dem noch vom Anblick der Fläschchen faszinierten Hartmut vorbei gedrückt und war in das Schlafzimmer geeilt. "Herr Freund! Schnell! Wir brauchen einen RTW!" "Wieso..." Hartmut schaute um die Ecke und sah die Ärztin über der am Boden liegenden Steffi. "Aber wenn der RTW hier her kommt, war meine ganze Arbeit umsonst. Das ganze Haus bekommt mit, dass wir da waren," gab er zu bedenken. "Außerdem wissen wir nicht, wann ihr Mann und sein Begleiter hier wieder auftauchen." Er rief Semir an. Vielleicht konnte er ja die junge Frau wegbringen? Währenddessen tastete Frau Stegmann nach dem Puls und tätschelte Steffis Wange. "Hören Sie mich?" "Hmmm," gab Steffi von sich. Ihre Augenlider flackerten. "Semir und Alex kommen gleich," bemerkte Hartmut erleichtert. "Das ändert nichts! Sie hat Herzrythmusstörungen! Sie muss ins Krankenhaus,"erklärte ihm Frau Stegmann deutlich. Sie hatte Steffis Beine nach oben auf das Bett gelegt und ihr ein Kissen unter den Kopf geschoben."Bleiben Sie mal kurz bei ihr," forderte sie den Techniker auf und ging in die Küche. Da klingelte Hartmuts Handy erneut.
      "Was ist denn eigentlich los," wollte Alex von Semir wissen, als dieser nach kurzer Fahrt in die Straße einbog, in der ihr Ziel stand. "Hartmut und Frau Stegmann sind mit Frau Ceylan in deren bisherige Wohnung gefahren. Jetzt geht es Frau Ceylan wohl so schlecht, dass Frau Stegmann einen RTW für sie will. Aber dann würde es das ganze Haus mitbekommen und Hartmut hat da was dagegen." Alex, der die Rechtsmedizinerin besonders schätzte, schüttelte den Kopf:" Oh Mann, Einstein!" und als sie hinter einem breit im Halteverbot der Feuerwehrzufahrt parkenden Pflegedienstfahrzeug hielten, fügte er hinzu:" Dann kümmern wir uns einfach mal etwas lauter um den da, hm? " " Genau das hatte ich auch vor," schmunzelte Semir, parkte seinen Wagen ordentlich und telefonierte mit der Leitstelle. "Wir brauchen einen RTW in die Kronberg Straße. Aber ein parkenden Auto blockiert die Zufahrt... Genau, den Abschleppdienst... Der RTW soll zur Bushaltestelle Schweidnitzweg kommen, da wartet dann einer von uns....Super! Danke!" Noch im Auto sitzend, rief er Hartmut an und teilte ihm seinen Plan mit.
    • Inzwischen war Frau Stegmann mit einem Glas Wasser, in dem sie nochmals etwas Zucker und Salz gelöst hatte, zurück gekommen. Sie half Steffi beim Aufrichten und Trinken."Wir müssen mit ihr mit dem Aufzug runter, den Gartenweg an den Mülltonnen vorbei. Da kommen wir zur Bushaltestelle, wo der RTW auf uns wartet. Semir kümmert sich darum, dass sich die Bewohner auf etwas anderes konzentrieren. Die suchen nach dem Fahrer eines falsch parkenden Pflegedienstes oder so. Frau Ceylan, schaffen Sie das mit unserer Hilfe," wollte Hartmut wissen. Diese nickte und flüsterte :" Ist ja nicht weit! Und den Pflegedienst finden Sie bei Herrn Walter nebenan. " Frau Stegmann schüttelte den Kopf. Aber letztlich wusste sie, dass sie es wenigstens versuchen mussten. Hartmut informierte seine Kollegen, wo sie den Pflegedienst finden konnten, räumte kurz noch seine Sachen zusammen und achtete darauf, alles wieder so zu hinterlassen, wie er es angetroffen hatte. Er ließ Alex und Semir ins Haus. Diese schickten den Fahrstuhl zu ihnen rauf. "Alles frei," rief Hartmut. Frau Stegmann hatte Steffi geholfen, sich die Jacke anzuziehen und aufzustehen. Sie stützte sie, während Hartmut die Taschen schnappte. Durch den dunklen Flur war es nicht weit bis zum Fahrstuhl, der sich gerade vor ihnen öffnete. Sie hörten schon Semirs Stimme lauter als sonst. Alex stampfte regelrecht die Treppen hoch und ließ seinen Reißverschlussanhänger am Treppengeländer entlang schrammen. Als sich die Tür des Aufzugs geschlossen hatte, hörten sie, wie Semir und Alex beim Nachbarn klingelten. Unbemerkt gelang der kleinen Gruppe der Weg im Dunkeln bis zu den Mülltonnen. Danach packte Hartmut seine Taschenlampe aus, denn es führte nur ein schmaler, glitschiger Trampelpfad durch das Gebüsch. Steffi war spürbar am Ende ihrer Kräfte. So sehr sie sich auch zusammen nahm: Sie zitterte, jeder Muskel schien steif, jeder Schritt eine Qual. Dazu noch die Übelkeit und die Nervosität : Hoffentlich blieben sie unentdeckt! Auch Frau Stegmann hatte Mühe, die junge Frau noch zu stützen. Gerade waren sie gemeinsam durch das Gebüsch hinter der Haltestelle geschlüpft, als der RTW auf sie zukam. Steffi war an der Glaswand nach unten gerutscht und so schwach, dass sie sich nicht mehr aufrecht halten konnte. Die RTW - Besatzung holte die Träger aus dem Fahrzeug und Frau Stegmann half Steffi, sich darauf zu legen. Hartmut legte derweil die Tasche in den RTW. Er war froh, dass scheinbar keine Passanten mehr unterwegs waren. Steffi murmelte ein leises "Bismillah" und schloss die Augen. Ihr tiefster Wunsch war, in Ruhe zu schlafen. Sie war dankbar, jetzt in Sicherheit zu sein, aber sie spürte auch, dass es ihr so schlecht ging, wie noch nie zuvor in ihrem Leben. Nela Stegmann wies sich gegenüber dem Rettungsdienst als Ärztin aus und erklärte: "Frau Ceylan ist schwanger, Anfang 2.Trimenon, sie leidet unter massivem Schwangerschaftserbrechen, war vorhin kurzzeitig bewusstlos. Außerdem starke psychische Belastung durch häusliche Gewalt. Bei der Untersuchung ist mir aufgefallen, dass die Atmung verlangsamt und der Puls sehr unregelmäßig ist. Ich befürchte, dass sie dehydriert ist und eine metabolische Alkalose entwickelt hat. Sie muss umgehend im Krankenhaus untersucht werden. Haben Sie Fenistil an Bord? Das könnte Ihr wenigstens die Übelkeit schwangerschaftsverträglich mildern... " Die Notfallsanitäterin, die der Ärztin das Venenpunktionsset reichte, verneinte bedauernd:" Wir haben gerade eine schwere allergische Reaktion ins Krankenhaus gebracht und kamen noch nicht zum Auffüllen. Frau Stegmann bat die Sanitäterin, den Zugang zu legen:" Ich weiß, dass das eigentlich eine ärztliche Maßnahme ist. Aber sie haben da sicherlich mehr Übung." Dafür legte sie Steffi das EKG an, das unregelmäßige Piepstöne von sich gab. "Meine Kenntnisse auf diesem Gebiet sind etwas eingerostet, aber ich würde sagen, dass das hier ventrikuläre Rhythmusstörungen sind, typisch für eine metabolische Alkalose." "Ich habe uns schon mit Sonderrechten in der Uni - Klinik angemeldet," gab der RTW - Fahrer nach hinten durch. Gerade da klopfte Hartmut an die RTW-Tür. "Frau Stegmann! Wir haben einen Einsatz!" 9

      Semir und Alex hatten bei Herrn Walter laut geklopft und geklingelt. Endlich hatte der junge Mann vom Pflegedienst ihnen einen Spalt breit die Tür geöffnet. "Sie stehen mitten in der Feuerwehrzufahrt und blockieren einen Rettungseinsatz," warf Semir ihm vor. Aber als Antwort bekam er nur ein genuscheltes "Ja, ja, bin ja gleich wieder weg," hinter der Tür, die gerade wieder zugedrückt werden sollte. So einfach würde dieser Typ ihn nicht los, beschloss Semir mit aufkeimender Wut, stellte rasch seinen Fuß in den Türspalt, schleuderte ein "Moment mal!" heraus und drückte mit Alex zusammen die Tür wieder auf. Alex ging hinter Semirs Rücken vorbei in die Wohnung. Der muffie, Brechreiz erregende Geruch nach menschlichen Ausscheidungen erzeugte bei ihm nicht nur Übelkeit sondern auch Misstrauen. Wenn der Pflegedienst gleich fertig war, warum roch es dann hier so streng? Und auch Semir wunderte sich, warum fast alle Schränke offen standen und der Fernseher lief.
      In dem abgenutzten Ohrensessel vor Alex war ein kleiner, sehr alter Mann in sich zusammen gesunken. Seine Haut war wachsfarben. Unter ihm war die Sitzfläche feucht und braun. Angeekelt sprach Alex den Greis an, als Semir seinen Ausweis zückte und sich mit
      "Gerkan, Autobahnpolizei," vorstellte. Nachdem Herr Walter weiterhin regungslos blieb, suchte Alex an der freiliegenden Halsseite erfolglos den Puls und fasste die starre, kalte Hand an, auf deren Unterseite sich das Blut in dunklen Flecken abgesetzt hatte."Semir," schrie er "der ist tot!" In diesem Moment stieß der Pflegedienstmitarbeiter Semir zum Schrank und stürmte aus der Wohnung. Dabei fiel ihm ein goldener Siegelring aus der Hosentasche. Die beiden Polizisten setzten ihm nach. Geräuschvoll stürmten die drei durch das Treppenhaus. Der Pflegedienstmitarbeiter war jung, sportlich und sehr beweglich. Er kannte den Weg. Gerade war er zur Haustür hinaus, da öffnete die Dame, die in der nächsten Wohnung zum Ausgang lebte, ihre Tür und rief mit einem Besen in der Hand wedelnd: "Was ist denn das für ein Lärm hier! Ruhe! Oder ich rufe die Polizei!" Sie stellte sich mit ihrem Besen quer vor Semir, der sie anfauchte: "Ich BIN die Polizei!" während Alex mit einem gewagten Sprung an ihnen vorbei preschte. Als Semir zu ihrem Wagen kam, bog der kleine Hyundai bereits mit quietschenden Reifen um die Straßenecke. Im Rückspiegel sah Semir den RTW mit Sondersignal näher kommen. Auch Alex steckte das Blaulicht auf und informierte die Leitstelle über die Verfolgungsjagd. Der Hyundai nahm mehreren anderen Verkehrsteilnehmern die Vorfahrt. Semir hatte gut damit zu tun, ihm zu folgen. Alex rief Hartmut an: "Geht nochmal in die Wohnung von Herrn Walter - Wir haben da eine Leiche gefunden und verfolgen gerade einen Flüchtigen stadtauswärts. Erleichtert stellte Semir fest, dass der RTW nicht mehr hinter ihnen war - eine Gefahr weniger!
      Der Weg zum Hyundai schien frei. Semir wollte ihn nun überholen und ihn ausbremsen. Doch genau da wich das Pflegedienstauto einem unbeleuchtet am Fahrbahnrand stehenden Fahrzeug aus. Semir konnte gerade noch ausweichen, ohne von dem Hyundai touchiert zu werden. In diesem Moment bog ein Abschleppdienst auf die Gegenspur ein und geriet dabei in die Spur des etwas zu weit links fahrenden Pflegedienstautos. Dessen Fahrer konnte nicht mehr rechtzeitig bremsen und prallte gegen das deutlich stabilere Abschleppfahrzeug. Semir hatte angehalten, Alex lief mit gezogener Waffe - wer konnte wissen was dieser Typ noch vorhatte? Aber der war etwas benommen und ließ sich anstandslos festnehmen. Bis die Kollegen des zuständigen Polizeireviers hinzukamen, hatte der junge Mann bereits gestanden. Er hatte den alleinstehenden Herrn Walter bereits tot in der Wohnung gefunden. Da die Gelegenheit günstig schien, hatte er nach Geld und Wertsachen gesucht und an sich genommen, was immer er als wertvoll erachtet hatte.
    • Nach einer unruhigen Nacht, in der Ayda drei Mal wegen ihrer Schmerzen im Arm die Eltern geweckt hatte,küsste Semir Andrea wach. Er bekam ein verschlafens Lächeln zurück. "Schatz, hat Ayda dir erzählt, was gestern passiert ist?" Andrea nickte. "Ich würde gerne mit der Lehrerin sprechen - gleich heute Morgen, wenn ich Ayda zu Schule bringe." Andrea war froh, dass Semir diesen Part übernehmen wollte und so stimmte sie zu. Semir informierte Susanne und Alex, dass er heute etwas später käme. Dann frühstückte er mit seinen Töchtern und fuhr anschließend Ayda zur Schule.

      Zu Beginn ihrer Schicht fuhren Jenny und Endres am nächsten Morgen in Zivil von der PASt zur Uniklinik. Sie sollten Steffi noch die Tasche von Aylin und ihre Kleidungsstücke, welche Susanne über Nacht gewaschen und getrocknet hatte, bringen. Außerdem wollte die Krüger sicher gehen, dass Steffi tatsächlich den von ihr angeforderten Personenschutz bekommen hatte. An der Information erfuhren sie, dass Steffi auf der Intensivstation lag. Sie wollten dort gerade klingeln, als die Tür geöffnet wurde. Eine traurige, müde Frau - vom Aussehen her um die 60 - und etwas älterer, dicker Mann mit feuerrotem, von Nicotin und Alkohol gezeichnetem Gesicht kamen heraus. Der Mann schimpfte laut: "Dieser Verrückte! Dieses Arschloch! Und meine Tochter heiratet den nicht nur, sondern lässt sich auch noch schwängern. Die soll bloß das Balg wegmachen lassen!" Die Tür zur ITS schloss sich. "Detlef! Wir sind in einem Krankenhaus," versuchte die Frau ihn zu besänftigen. "Und warum? Wegen diesem Terroristen! Wir hätten den am ersten Tag verjagen müssen und seine Schwester auch! Aber du, du hast ja sogar noch gemeint, die wären ganz nett. Nett..." Er räusperte sich und spuckte auf den Boden. Endres sprach ihn an: "Entschuldigung! Das ist tatsächlich ein Krankenhaus. Bitte wischen Sie das weg!" Der Mann schaute an dem schmalen Endres schräg lächelnd hinauf. Die Ärmel seiner schwarzen Blousonjacke schob er langsam nach hinten: "Na, Jung'? Wat haste mir zu saachen? Trauste dich noch mal?" Endres streckte den Rücken durch, lächelte den Mann freundlich an: "Bitte wischen Sie das weg und verlassen Sie dieses Haus." Noch bevor der Alte weiter provozieren konnte, hatte seine Begleiterin mit einem benutzten Taschentuch das gelbe Sputum vom Boden gewischt und sich zwischen die beiden Männer gestellt. "Bitte entschuldigen Sie! Unsere Tochter Steffi liegt auf der Intensivstation... Das ist alles etwas viel für uns..." Sie versuchte, ihren Mann an der Hand zu nehmen und zum Gehen zu bewegen. Aber der schlug ihre Hand weg. "Du hättest sie einfach ordentlich erziehen müssen, dann wäre sie nicht zu so einem..." Nun schaltete sich Jenny ein: "Ist Deniz Ceylan Ihr Schwiegersohn?" Während der Mann noch Luft für eine weitere Hasstirade holte, nickte die Frau betreten. Jenny hielt ihnen den Ausweis entgegen : "Mein Name ist Dorn, das ist mein Kollege Endres, Autobahnpolizei. Kennt Herr Ceylan Ihren Wohnort?" Die Frau schüttelte den Kopf. .. "Siehst Du, Moni, jetzt interessiert sich schon die Polizei für ihn. So einer ist das!" stellte ihr Mann fest und rumpelte weiter: "Neee, jetzt bin ich in Rente und da sind wir sind letzten Monat ins Siegerland gezogen, nach Hause, zu mir! Das kennt dieses Arschloch doch gar nicht! Und überhaupt, der käme mir nicht ins Haus! Und auch die Steffi nur, wenn sie wieder normal geworden ist - und ohne das Balg von diesem.....naja." Dann sah er Endres ins Gesicht:" Wegen vorhin: Nichts für ungut, Herr Kommissar, ne? Wir zwei sind doch auf der gleichen Seite... " Endres sah bewusst an ihm vorbei zu der Frau."Passen Sie gut auf sich auf," empfahl er und während Steffis Vater weiter über seine missratene Tochter und den schrecklichen Schwiegersohn schimpfte, entfernten sich die beiden Paare voneinander.