Gefangene der Dunkelheit

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    • Behutsam zog ihn einer der ehrenamtlichen Helfer von der Scheibe weg.
      "Lass uns gehen," wiederholte Tareq mit einem Blick durch das Fenster. Er sah die tapfere Frau am Bett des Mannes, von dem alle fürchteten, dass er die nächste Nacht, den nächsten Tag nicht erleben könnte. Sie schien ruhiger als alle anderen zu sein, weshalb Tareq der Satz eines Gelehrten in den Sinn kam:
      "Was die Augen sehen, ist Wissen. Was das Herz weiß, ist Gewißheit".
      Andrea hatte die Augen geschlossen, den Kopf auf Semirs Bett gelegt und umklammerte seine Hand. Sie dachte :
      "Ich höre deine alten Lehrer, Ibrahim Güner. Ich höre Kemal, wenn er manchmal etwas lauter mitspricht. Ich wage nicht, sie zu fragen. Was sie sagen, verstehe ich nicht. Aber es berührt etwas in mir. Ganz tief innen. Vielleicht erreicht es dich auch. Wie ist das, dort, wo du jetzt bist? Ich wüsste gerne, wo du bist. Ob du jemals wieder bei uns sein wirst. Der, der du warst. Der, der mich ansah, voller Liebe, voller Begierde. Ich liebe dich. Ich liebe auch deinen Körper. Aber was, wenn er nur noch eine Hülle dessen ist, was schon gegangen ist?
      Mein Herz! Ich kann es nicht beschreiben, was ich fühle. Ich sehe dich vor mir. Ich spüre deine Hand, kann dich berühren. Ich bin dir nah, obwohl du weit weg bist. Sie sagen, du nimmst nichts von uns wahr. Wie kann das sein? Du bist so heiß, dein Körper glüht, etwas in dir kämpft. Bist das noch du? Ich hoffe es. Ich hoffe, dass du auch für uns kämpfst. So, wie es deine Töchter von dir gelernt haben. Alle drei auf ihre Weise. In jeder lebt ein Stück von dir - auch jetzt. Sie brauchen dich. Du kannst nicht einfach gehen. Ich brauche dich.... "
    • Andrea war eingenickt – alle Besucher waren verschwunden, es war schon kurz vor 12 und die Schwester hatte sie geweckt:
      „Frau Gerkan, bitte fahren Sie nach Hause. Sie müssen sich ausruhen. Sie haben doch Kinder und wenn ihr Mann das hier überlebt, werden Sie Ihre Kraft noch brauchen.“ Andrea wollte gerade widersprechen, da fuhr die Schwester fort:
      „Ihr Mann hat die letzte Nacht gut überstanden, ist derzeit stabil. Ich verspreche Ihnen, wir rufen Sie an, wenn Ihre Anwesenheit erforderlich wäre. Heute Nachmittag muss noch ein Kontroll-CT gefahren werden. Er ist ohnehin soweit weg, er dürfte wohl kaum etwas mitbekommen. Bitte fahren Sie nach Hause, ruhen Sie sich aus, kommen Sie morgen früh wieder. Das Gleiche habe ich auch Ihrem Schwager gesagt..“ Andrea nickte müde. Sie verabschiedete sich mit einem Kuss bei Semir:
      „Mach keine Dummheiten, hörst du!“ Als sie das Zimmer verließ, stand Dana tränenüberströmt davor. „Darf ich... nur kurz? Allein?“ Andrea war einverstanden. Sie wartete draußen auf ihre Stieftochter und war eigentlich ganz froh, dass sie nicht alleine nach Hause fahren musste.
      Sie waren gerade nach Hause gekommen, als Andreas Handy klingelte. Die Nummer war unterdrückt. Fast schon panisch und mit butterweichen Knien nahm sie ab: "Ja, bitte?"
    • Es konnte ja nur die Klinik sein! Semir hatte wohl gewartet, bis sie gegangen war! Dass Menschen entweder auf das Kommen oder das Gehen eines geliebten Menschen warteten, um zu sterben - davon hatte sie schon häufiger gehört. In ihr breitete sich die Schwäche aus, sie musste sich setzen. Das alles fand in den Sekundenbruchteilen statt, bis sie die andere Stimme wahrnam:

      "Hallo Andrea! Hier ist Ben... Andrea?" "Ben!" Andrea blieb nach Aussprache des Namens still - Sie musste sich gerade neu sortieren. Das war ja gar nicht die Todesnachricht! Wirklich nicht!? Was sollte sie nur sagen?
      "Andrea, ich habe Semir nicht erreicht...ich wollte ihn eigentlich überraschen... wollte euch sagen: Ich fliege zurück nach Deutschland. Das in den USA, das geht nicht mehr. Nicht mit diesem Präsidenten...Andrea?"
      "Ja?"
      "Ich weiß, ich hätte mich öfter mal melden sollen. Vielleicht kannst du Semir fragen, ob er mich morgen früh vom Flughafen Düsseldorf abholen will? Ich komme sonst auch so nach Köln, aber ich würde mich total freuen..." Da hielt es Andrea nicht mehr aus. Sie schluchzte laut auf.
      " Was ist denn, Andrea?" Sie versuchte, sich zu beruhigen. Sie presste heraus :
      "Semir würde sich auch freuen. Wenn er könnte."
      "Was meinst Du?"
      "Auf Semir ist geschossen worden. Er liegt in tiefer Narkose auf der Intensivstation. Es sieht nicht gut aus....Gar nicht gut..."
      Einen kurzen Moment lang verarbeitete Ben die bedrückenden Informationen.
      "Andrea, er wird es schaffen. Das ist nicht das erste Mal..."
      "Ich weiß. Aber noch nie waren die Mediziner so skeptisch..." Andrea weinte nun unaufhaltsam. All die Anspannung brach aus ihr heraus und sie musste sich sehr bemühen, nicht laut zu schreien.
      "Selbst wenn er es überlebt, es kann sein, dass er nicht mehr derselbe ist!" Ben hätte sie gerne in den Arm genommen und getröstet. Stattdessen sagte er
      :"Andrea, du hast den zähesten kleinen Mann geheiratet, den ich je kennengelernt habe! Wir sehen uns morgen. Und ich komme auch so von Düsseldorf nach Köln. Ich bin für euch da, egal, was kommt. Ja?"
      "Danke."
    • Nach dem Besuch auf Intensivstation wollte Alex unbedingt nach Hause - zu wissen, dass er Semir so nah war, aber er ihm nicht helfen konnte, machte ihn wahnsinnig! Außerdem würde Tareq entlassen und noch einen Wechsel in seinem Zimmer wollte er nicht.
      Tareqs WG war in einer kleinen Wohnung im Dachgeschoss eines Altbaus ohne Aufzug. Deshalb schlug Hartmut, der seine beiden Helfer abholte, vor, dass Tareq ein paar Tage bei Alex bleiben sollte. Alex war einverstanden, denn ihm war bewusst, dass ihm die Anwesenheit des Syrers gut tat. Er grübelte dann weniger dunkel über den Zwischenfall mit Semir und sein sonstiges Leben nach. Und im Vergleich zu den Nöten, die Tareq beschäftigten - der war noch in der Probezeit gewesen und sein Chef hatte ihm jetzt den Wachdienstjob, mit dem er sich mühsam über Wasser hielt, gekündigt. Sein Bruder und sein Vater waren in Syrien verschwunden, seine Mutter und seine zwei Schwestern in einem jordanischen Flüchtlingslager Repressalien und Belästigungen ausgesetzt - kamen Alex seine eigenen Sorgen gering vor. Tareq war dankbar dafür, dass Alex ihn für die Tage, bis er gut genug mit seinen Krücken umgehen konnte, bei sich aufnahm. Er sah, wie Alex sich quälte, kaum die Ruhe fand, die er selbst benötigt hätte, um gesund zu werden. "Semir muss ein guter Freund sein...Möchtest du lieber mit dem Tod kämpfen? Für ihn?" Alex sah Tareq an. Die langen schwarzen Locken trug der gerade offen, er hatte etwas von einem Löwen. Was meinte er? "Ich sehe, dass du schreist." Sagte Tareq und legte dem Polizisten die Hand auf die Schulter.War dieser Ausdruck Absicht gewesen? "Ja. Ich hätte ihn schützen müssen, ich habe hätte schneller sein müssen. Ich wäre jetzt lieber an seiner Stelle, als hier. Um mich wäre es nicht schade. Aber Semir..." Er sah seinen Gast an, der ihm einen besorgten Blick zuwarf. "Alex, jeder hat eine Aufgabe. Die suchen wir nicht selbst. Aber wir finden sie in uns. Komm, lass uns dem Mann mit den roten Haaren helfen!" Alex seufzte und nickte.
      Gemeinsam spielten sie das Spiel weiter und kommunizierten mit Bayram Kader. Sie ließen ihn glauben, Abdel Waarit sei die Flucht aus dem Krankenhaus vor der Polizei gelungen und er würde nun auf weitere Anweisungen warten.

      In der PAST herrschte Katerstimmung. Nach dem, was Susanne ihnen mitgeteilt hatte, bangten alle um Semir. Sie trafen sich im Besprechungsraum.
      "Meine Herren, lassen Sie uns die Lage besprechen," forderte Kim Krüger mit Sorge in der Stimme Ihre LKA-Kollegen auf. Der Wichtigtuer stand auf und wies in Richtung Jenny und Endres :" Ich habe ja keine Ahnung, wie und wo Sie das her hatten. Aber das mit Ahmed Toprak scheint eine Fehlinformation gewesen zu sein : Der hat nichts mit Bayram Kader zu tun - es gibt keinerlei Verbindungen und er hat auch keine Cousinen. Die Kollegen von der Drogenfahndung waren allerdings ganz entzückt... ""Das stimmt nicht ganz," erwiderte Jenny: "Ihr Ahmed Toprak hat keine Cousine. Aber es gibt einen weiteren Ahmet Toprak - mit" t" statt "d" - ebenfalls wohnhaft im Norden von Bonn und der hat eine Cousine namens Didem Demir. Diese wiederum ist auf Druck ihres Vaters eine Beziehung mit Bayram Kader eingegangen. Wir haben Hinweise darauf bekommen, dass er die Frau misshandelt. Wahrscheinlich ist er bei ihr in Neu-Tannenbusch. " Der Wichtigtuer wurde erst bleich, dann rot im Gesicht, bevor er Kim Krüger anzischte:" Hatten wir nicht vereinbart, dass wir die Ermittlungen übernehmen. Das ist eine klare Missachtung... "".... der Fakten. Wenn Sie jetzt nicht handeln und jeder noch so kleinen Spur nachgehen, verschaffen wir Kader weiteren Vorsprung. Und das könnte Menschen das Leben kosten." fiel Kim dem Anzugträger ins Wort. "Trotzdem..." wollte er sich wehren, "sollten wir jetzt zusammen arbeiten. Wir informieren das SEK. In einer Stunde muss in Bonn alles klar zum Zugriff sein," überfuhr der einsatzerfahrene Weinzierl - der eine weitere Blamage verhindern wollte - seinen Chef. Der hatte begriffen, dass jetzt der falsche Zeitpunkt für Auseinandersetzungen war und ging hinaus zum Telefon.
      Alle Fahrzeuge wurden besetzt, da rannte Hartmut auf den Hof und rannte zum Dienstwagen der Leiterin. "Chefin, haben Sie einen Moment? Wir müssen dringend etwas besprechen," rief Hartmut in das heruntergelassene Fenster hinein. Kim Krüger war nicht traurig, dass sie sich nicht weiter mit dem Wichtigtuer auseinander setzten musste und wünschte ihren Leuten über Funk einen erfolgreichen Einsatz. Dann stieg sie aus und ging mit Hartmut in die PAST.
      " Herr Freund, was gibt es denn so Dringendes?" "Also, Abdel Waarit ist doch noch am Leben..."
      "Ja, aber nicht ansprechbar. Was ist denn? " Hartmut knetete nervös seine Hände:"Also, ähm, ich habe mich als Abdel Waarit ausgegeben. Und Bayram Kader geschrieben, dass ich aus dem Krankenhaus geflohen bin." Ungläubig sah Frau Krüger ihren Mitarbeiter an. "Sie haben WAS?" Hartmut zog schützend seine Schultern etwas höher und drehte seinen Laptop zu Frau Krüger. "Hier, das Forum über dessen Private Nachrichten Abdel Waarit seine Befehle von Bayram Kader empfangen hat." Frau Krüger las scrollte sich durch den Text und die Nachrichtenhistorie. "Also, ich verstehe nicht alles, aber Bayram Kader weiß, dass seine Frau und sein Schwager verstorben sind. Er geht jedoch davon aus, dass diese zuvor die beiden Mädchen getötet haben. Wer hat denn das bloß an die Zeitung rausgegeben?" Hartmut nahm den Laptop schnell zu sich :"Ich habe eine weitere Nachricht empfangen. Wenn ich darauf klicke, sende ich eine Empfangsbestätigung" sagte er und zeigte auf den Brief-Button. Kim Krüger sah ihn an, rollte seufzend mit den Augen und nickte.
    • Zum ersten Mal seit Tagen betrat Didem Demir den Außenflur. Endlich sah und spürte sie einmal wieder die Sonne auf ihrem Gesicht. Sie reckte sich, genoss jeden einzelnen der Strahlen. Sie stand wenige Schritte vor der Tür ihrer Wohnung, die eigentlich ein komfortables Gefängnis war. Vor über einer viertel Stunde hatte Bayram gesagt, er wolle nur kurz den Müll hinunter bringen. Seither war er verschwunden-was normalerweise gar nicht seine Art war. Die Tür einen Spalt breit offen zu lassen, war es schon eher - er war ja sonst immer sofort wieder da gewesen und wo sollte sie denn so schnell schon hin? Auch jetzt war die Tür wieder einen Spalt weit offen gestanden und Didem wusste: Solange die Tür offen stand, funktionierte die Überwachungskamera nicht. Sie hatte die Gelegenheit genutzt, sich schnell eine Jacke und ein Tuch über gezogen und war vor die Wohnungstür gegangen.
      Nur einmal kurz die Freiheit spüren, die sie nicht hatte! Die Freiheit, die Sie zukünftig noch viel weniger haben würde - denn Bayram hatte ihr mitgeteilt, dass Rima, seine erste Frau, tot war. Das Verhältnis zwischen ihr und Rima war zwar angespannt gewesen, aber Didem wusste, was ihr Tod für sie bedeutete:
      Bayram würde nun noch mehr Zeit bei ihr verbringen und noch häufiger versuchen, ein Kind zu zeugen. Sie dachte an die Zeit, in der Rima die Ausbildung in Syrien gemacht hatte. Sie meinte, noch immer die Schmerzen dieser Zeit in ihrer Mitte zu spüren und ihr kamen die Tränen. Kurz wünschte sie sich an Rimas Stelle. Wie ein Fingerzeig von oben kam da jedoch ein Windstoß - die Tür hinter ihr schlug zu!
      Sie erschrak zutiefst - bevor sie weiter nachdenken konnte, packten sie zwei Hände und zogen sie mit sich.


      "Morgen früh, gleich nach Fadjr, Taxi - Stand vor Eingang zu Terminal B. Kaf-Lam Nun. 67. Du bringst den Kinderwagen hinein. Bis morgen, inchallah," las Hartmut vor. Dann tippte er schnell ein
      "Inchallah, ich werde da sein." auf der Tastatur und schickte es ab.
      "So. Und nun?" Frau Krüger war richtig sauer. "Moment," hob Hartmut beschwichtigend die Hand. Er hielt sich das Telefon ans Ohr, während er wie wild auf der Tastatur herum tippte. Dann gab er die Nachricht telefonisch durch, während die Krüger mit verschränkten Armen neben ihm stand und fragte :
      "Mit wem zum Teufel reden Sie da, Freund?"
    • "Dorn, Kripo Autobahn. Bitte verlassen Sie den Flur, " sagte eine Stimme dicht neben ihr und drängte sie schnell weiter Richtung Treppenhaus. Didem hörte mehrere Personen hinter ihr mit harten, schnellen Stiefelschritten den Flur entlang laufen. Sie sah sich um und erblickte mehrere voll maskierte Polizisten mit Helm und Pistolen im Anschlag, wie sie in ihre Wohnung stürmten. Auch Jenny sah in ihr Gesicht.
      "Krass! Diese Augen! Genau wie bei Ahmet Toprak," dachte sie sich und fragte:
      "Didem? Didem Demir?" Die junge Frau nickte und hörte erstaunt, wie Jenny etwas rief, was sich anhörte wie "sie ist hier". Doch ein heftiger lauter Knall und eine Druckwelle verzerrten alle Geräusche. Jenny riss Didem zu Boden. Um sie herum war Rauch und Staub.


      "Was für eine Scheiße," schimpfte der junge Wichtigtuer, während die Rettungskräfte noch damit beschäftigt waren, die Verletzten zu bergen.
      "Wo ist Bayram Kader? Frau Demir, wo ist ihr Mann, " fragte er sie harsch. Der Abstand zwischen ihren Gesichtern betrug nur noch wenige Zentimeter. Didem wich zurück und zuckte mit den Schultern.
      "Müll... Düsseldorf", stammelte die verstörte junge Frau. Sie sah von einem zum anderen. Es war lange her, dass sie zum letzten Mal Deutsch gesprochen hatte. Und was hier gerade passierte, war ihr auch nicht klar. Sie klammerte sich noch immer an Jennys Arm, die das zuließ.
      "Der BMW, mit dem er herkam, steht noch hier," meldete Endres und zeigte dem LKA-Mann das Foto auf dem Smartphone.
      "Mein Auto," sagte Didem leise.


      Bayram Kader hatte tatsächlich den Müll runter bringen wollen. Dabei hatte er eine Stimme gehört, die ihm bekannt vorkam. Tatsächlich hatte er aus seinem Versteck heraus Herrn Weinzierl beobachtet, den er bereits aus mehreren Vernehmungen beim LKA kannte. Er war mit mehreren Männern im Gespräch vertieft gewesen - immer wieder war ihr Blick nach oben in dem Häuserblock geschweift. Jetzt war es wohl besser zu verschwinden! Bayram Kader war froh, dass er schon bei seiner Ankunft alle mitgeführten Taschen umgelagert hatte. So setzte er sich nun hinter das Steuer des Taxis, mit dem sein Schwager zuletzt seinen Lebensunterhalt verdient hatte und fuhr vorsichtig aus der Tiefgarage. Gerade kamen mehrere Leute von der Arbeit nach Hause - es fiel kaum auf, dass auch er unterwegs war.
      Ein bisschen ärgerte er sich ja schon, denn eigentlich hatte er sich gleich noch seiner zweiten Frau widmen wollen. Die Angst in ihren wassergrünen Augen, dieser um Gnade bettelnde Blick, der wunderschöne Mund, der längst nicht mehr wagte, ihm zu widersprechen - allein der Gedanke daran war so intensiv, dass beinahe eine ganze Grünphase an der Ampel verpasst hätte, wäre hinter ihm kein Hupkonzert ausgebrochen. Er seufzte. Rima war tot. Zwar hatte sie ihm keine Kinder geschenkt. Aber sie hatte ihn verstanden. In jeder Hinsicht. Sie hatte verstanden, wie wichtig ihm die Entwicklung des Kalifats war und ihn nach Kräften unterstützt. Rima hatte mehrere junge Frauen aus ihrem Umfeld in Ehen mit erprobten Kämpfern vermittelt. Und überhaupt war sie ein gutes Vorbild für andere Frauen gewesen, fand der Witwer. Sie waren ein wirklich gutes Team gewesen - zusammen mit ihrem Bruder geradezu perfekt! Er würde dafür sorgen, dass sie ein schönes Grab bekämen!

      Er war schon auf der Autobahn Richtung Düsseldorf unterwegs, als sein Handy einen schrillen Ton von sich gab: Es war die Alarmnachricht der Explosion.
      "Das haben diese Schnüffler jetzt davon," dachte er sich. Für den Fall, dass ihm jemand zu dicht auf den Fersen war, hatte er sich von Hassan Bari eine Konstruktion bauen lassen: Wenn eine unbekannte Person die Wohnung unberechtigt betrat, wurden mit kurzer Verzögerung die Propangasflaschen am Grill auf dem Balkon gezündet. Und - zufällig lagerten auf dem Grill noch eine Menge Schrauben und Nägel...

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    • Bald darauf hörte Bayram im Radio, dass bei einer Explosion die Bewohnerin einer Wohnung in Neu-Tannenbusch ums Leben gekommen und ein Polizist schwer verletzt worden sei. Dass es wohl Didem getroffen hatte, bedauerte er kurz. Aber nur wegen seiner Bedürfnisse - doch die konnte eine neue Frau aus Syrien bestimmt mindestens ebenso gut befriedigen und würde sich dabei noch glücklich schätzen, dem Krieg zu entkommen! Über sein Gesicht flog ein seliges Lächeln - das würde sein nächstes Projekt, wenn er aus Düsseldorf zurück wäre und er Rima beerdigt hätte!

      Kim Krüger griff zum Telefon und informierte Herrn Weinzierl - auf blöde Sprüche von dessen Vorgesetzen konnte sie nämlich verzichten. Jetzt brauchte sie jemanden, der erfahren war und zupacken konnte!
      "Ja, Krüger, Kripo Autobahn! Haben Sie Herrn Kader? Nein? Okay, dann passen Sie auf. Meine Mitarbeiter haben ihm eine Falle gestellt. Er wird morgen früh um 5 Uhr 30 in einem Taxi mit Kölner Kennzeichen, Ludwig Martha 67, auf Abdel Waarit warten, um ihm einen mit dem fehlenden Sprengsatz präparierten Kinderwagen zu übergeben... " Kurz herrschte Stille. Dann fragte der LKA-Mann :
      " Ist die Information gesichert? "" Ja, "bestätigte die PAST Leiterin und hoffte inständig, dass diesmal nichts schief ginge.
    • " Übrigens: Großes Lob für Ihre Mitarbeiter. Frau Dorn hat die Zeugin Demir gerettet, als ein Sprengsatz in ihrer Wohnung detonierte. Im Radio haben wir das allerdings anders dargestellt. Kader soll sich in Sicherheit wähnen." "Danke. Wie geht es den Kollegen?" "Ihre Leute sind unversehrt, Frau Krüger. Also vielleicht ein paar Kratzer. Zwei Beamte des SEK sind durch Splitter verwundet worden, einer der Jungs wird derzeit operiert. Aber bei beiden keine Lebensgefahr...."

      Am nächsten Morgen traf Andrea im Krankenhaus bereits auf eine lächelnde Schwester : „Ihrem Mann geht es besser. Das Fieber ist inzwischen fast weg, der Hirndruck ist weiter gesunken. Wir haben die Sedierung reduziert. Wenn Sie jetzt mit ihm sprechen, kann er Sie hören, das sehen Sie dann an der Herzfrequenz. Wegen der Lungenentzündung können wir die Beatmung aber nur langsam zurückfahren.“

      Andrea war nicht mehr zu halten. Sie stürzte auf Semir zu und streichelte ihm zärtlich über die Wange:
      „Semir, ist das wahr, hörst du mich?“ Prompt erhöhte sich die Herzfrequenz leicht. Andrea registrierte erleichtert, dass Semirs Augen nicht mehr verklebt waren. Sie nahm Platz und begann ihrem Mann zu erzählen, was ihr einfiel. Von ihrer Angst, von den Kindern, von ihrem Schwager. Der kam nach einer Stunde leise hinzu und freute sich ebenso über die guten Nachrichten.
    • Da sprach eine Frau mit wunderschöner vertrauter Stimme zu ihm, in diesem Traum. Es war der erste Traum, seit er am Ende eines Tunnels vor einer großen Öffnung gestanden und ein wundervoll in allen Farben glitzerndes, helles Licht gesehen hatte. Es war das Schönste, was er je gesehen hatte. In ihm war ein Gefühl der absoluten Zufriedenheit gewesen. Es hatte nichts mehr gegeben, was er an Bedürfnissen hatte, keinen Mangel, den er hätte ausmachen können. Kein Schmerz, keine Mühe oder Sorge hatte ihn belastet. Es war der beste Moment in seinem Leben gewesen.

      Doch irgendwas hatte ihn von diesem Ort weggezogen. Waren das die Stimmen seiner Töchter? Semir drehte sich um. Er hörte ihr glockenhelles Lachen, sah zwei Paar nackte Kinderfüße hinter einem alten Blechtor verschwinden und folgte ihnen. Dann stand er in einer alten Fabrikhalle, in der Teppiche ausgelegt worden waren. Viele Männer waren dort. Er stellte sich neben seinen Vater, den er dort gefunden hatte und seinen Bruder. Wahrscheinlich war Ramadan: Der Imam vorne rezitierte lange aus dem Koran. Semir hörte die vertraute Stimme seines früheren Lehrers, begleitet von einem gleichmäßigen Piepen, und wartete darauf, dass der Imam sich nach einem „Allahu akbar“ nach vorne beugen und das Gebet fortführen würde, doch das geschah nicht. Er wunderte sich. So hätte es doch passieren müssen, oder etwa nicht? Noch bevor er weiter forschen konnte, nahm ihn die Stimme mit in eine warme Dunkelheit, wo er sich entspannt niederließ. Alles war gut.

      Andrea hatte glücklich zur Kenntnis genommen, dass Semirs Hand während des Vortrages des Imams gezuckt hatte. Auch der Arzt lächelte, als sie ihm das erzählte. „Das klingt doch gut. Wir werden ihn weiter langsam aufwachen lassen. Bitte erschrecken Sie nicht: Wir müssen seine Hände am Bett fixieren, damit er - falls er aufwacht, sich nicht selbst den Tubus oder die Magensonde herauszieht. Das könnte schwere Verletzungen geben.“
      Andrea nickte, das kannte sie schon.
      „Wir reduzieren auch die Beatmung schrittweise. Er darf schon ein bisschen mitatmen, momentan schafft er noch keinen einzigen Atemzug alleine. Das wird sich mit der Zeit bessern.“
    • Am gleichen Morgen, um 4Uhr, war Ben in Düsseldorf gelandet. Er war müde, obwohl er einige Stunden im Flugzeug geschlafen hatte. Die Passkontrolle ging wie im Traum an ihm vorbei - seine Gedanken galten nur Semir und Andrea. Was, wenn er zu spät käme? Sein Abschied vor zwei Jahren war ja nun wirklich nicht der gewesen, den die Freundschaft mit Semir verdient hätte! Ben wollte so schnell wie möglich zu ihnen. Deshalb spurtete er mit seinem kleinen Handgepäck - die Koffer kämen später per Kurier zu seiner Schwester Julia, wo er erstmal unterkommen würde - aus dem Flughafen hinaus. Es war kalt und noch dunkel. Im ersten Taxi saß kein Fahrer. Das zweite hatte ein Kölner Kennzeichen und war mit Werbung verschiedener Kölner Betriebe beklebt. Der Fahrer war mit seinem Smartphone beschäftigt - sicher war er froh, wenn er wieder mit einem Fahrgast bis Köln zurück fahren konnte, nahm Ben an. Er verschwendete keinen Gedanken an andere mögliche Konstellationen. Spontan riss er die Hintertür auf und setzte sich auf die Rückbank. "Zur Kölner Uni-Klinik," sagte er dem Fahrer mit dem handbreiten Bart, der sich überrascht zu ihm umdrehte.

      "Tut mir leid, bereits reserviert," sagte der bärtige Taxifahrer und machte eine entschuldigene Geste mit der Hand. Dabei berührte er die Jacke, die auf dem Beifahrersitz lag. Diese rutschte leicht nach unten und gab den Griff der belgischen Militärpistole frei, die unter der Jacke gelegen hatte. Ben sah das - sofort war ihm klar, dass hier etwas nicht stimmte! Er war plötzlich hellwach. Und auch Bayram Kader bemerkte, dass seinem Fahrgast die Waffe aufgefallen war. Blitzschnell griff Ben nach der Waffe, fast ebenso schnell griff Bayram danach. Er wollte sie Ben entreißen. In dem Taxi entbrannte ein wildes Gerangel. Bayram beugte sich nach hinten zu seinem Fahrgast und versuchte, diesen mit der rechten Hand an der Kehle zu erwischen. Der aber wich aus und packte seinen Kontrahenten mit der linken Hand am Bart. Bayram griff seinen Schlüsselbund und zog ihn mit Schwung durch Bens Gesicht. Der schrie auf, ließ aber die Waffe nicht los. Bayram versuchte weiter, diese wieder in seine Gewalt zu bringen. Der Lauf der Pistole zeigte mal nach außen, mal nach innen. Plötzlich löste sich ein Schuss, ein Knall ertönte und zeitgleich wurden die Scheiben des Taxis von innen mit blutigen Sprengseln versehen.
    • Die Tür des Taxis öffnete sich zeitgleich mit der Tür des Flughafens. Aus letzterer kamen zwei Polizisten angerannt. "Hände hoch! Umdrehen! An den Wagen," schrien sie den Mann an, dessen rechte Gesichtshälfte blutüberströmt war. Ben tat wie ihm befohlen. Er war sich selbst seltsam fremd als er sagte :"Der Fahrer hatte eine Waffe..." Ohne Widerstand ließ er sich festnehmen -jede Gegenwehr könnte ihn in Gefahr bringen - bald würde sich heraus stellen, dass er da in etwas hinein geraten war, da war Ben sicher.
      Zwei Stunden später saß Ben immer noch in einem Vernehmungsraum am Flughafen. Ihm gegenüber saß der Wichtigtuer und wollte ihm einfach nicht glauben! Ben war müde und trotz all seiner Erfahrungen als Polizist zutiefst schockiert: Er hatte gerade aus nächster Nähe auf einen Menschen geschossen - seine Hände, seine Arme, eigentlich alles an ihm war noch durch das Blut verziert. Ebenso gut hätte es ihn selbst treffen können, das rotierte in seinem Kopf wie eine Kugel beim Roulette. Und ihm gegenüber saß dieser Typ, stellte wieder und wieder die gleichen Fragen. Ben gab wieder und wieder die gleichen Antworten - und wurde innerlich immer unruhiger: Da war er schon zurück in Deutschland, kurz vor dem Ziel, hatte diesen verrückten Taxifahrer überlebt und sollte jetzt von diesen LKA-Mann davon abgehalten werden, Semir ein letztes Mal lebend zu sehen? Das konnte doch nicht wahr sein! Er war nah dran, die Geduld zu verlieren.
      Da klopfte es an der Tür und Frau Krüger trat herein. "Herr Jäger! Was machen Sie denn hier?"
      "Fragen Sie nicht so scheinheilig," explodierte der Wichtigtuer. "Sie haben ihm doch den Auftrag erteilt und uns ein weiteres Mal hintergangen! Das wird ein Nachspiel haben! Wer glauben Sie eigentlich, dass Sie sind?" Kim Krüger lächelte - sie freute sich über das Wiedersehen mit Ben (obwohl der noch immer mit Bayram Kaders Blut bespritzt war) und amüsierte sich über das cholerische Gehabe des LKA-Mannes."Das hat mit glauben nichts zu tun. Ich weiß, wer ich bin," erwiderte sie und ihr Gesichtsausdruck wurde ernster. "Herr Jäger war ,bevor er den Polizeidienst aus familiären Gründen verließ, lange Zeit der Partner meines Mitarbeiters und enger Freund der Familie Gerkan. Sie wissen doch genau, wie schlecht es um ihn steht und können sich denken, warum Herr Jäger heute aus den USA kam!"
      "Gerkan, Gerkan...Kommen Sie mal raus aus Ihrem kleinen Autobahnpolizeiuniversum. Denken Sie daran, dass bei der Suche nach Bayram Kader auch einer meiner Leute schwer verletzt wurde...."
      Ben sprang auf. "Wie geht es Semir?" Der Wichtigtuer herrschte ihn an: "Hinsetzen! Sofort!" Frau Krüger rollte - für Ben sichtbar mit den Augen.
      "Wir hoffen alle, dass er es schafft. Und dass er keine bleibenden Schäden davon trägt!" Sie sah Ben genauer an:
      "Aber Sie sollten sich auch erst einmal waschen und ausruhen. Sie haben uns ja die schlimmste Arbeit heute abgenommen...."
      "Der Typ ist tot?"
      "Ja. Und - ich sage das nicht gern, aber hier ist es zutreffend - das ist eine große Erleichterung. Die möchte der Einsatzleiter des LKA's hier doch sicher in der Pressekonferenz, die in 30 Minuten stattfindet, gekonnt für sich verbuchen, oder" wandte sich Kim Krüger an den erstaunten Wichtigtuer. Der sah seine vermeintliche Widersacherin nur kurz an, sprang nickend auf und verschwand schnell aus dem Raum,während sie ihm: "Und gute Besserung an Ihren Mitarbeiter!" nachrief.
      "Was war das denn, " fragte Ben seine frühere Chefin. Sie lächelte, zuckte mit den Schultern und meinte:
      "Ach, wie hätte Isabel Frings es ausgedrückt? Da passen wohl Selbstbild und Fremdbild nicht ganz zusammen...Der soll mal schön zurück ins LKA gehen. Und den Stress mit der Presse - das brauche ich gerade echt nicht."
    • Es war schon später Nachmittag, als Semirs Herzfrequenz sich deutlich beschleunigte. Er drückte plötzlich Andreas Hand fest. Die Augenlider flackerten.
      „Ganz ruhig, Schatz. Ich bin hier. Ich weiß, es ist alles sehr, sehr anstrengend für dich. Lass dir Zeit. Alles gut.. " Der Druck in ihrer Hand ließ nach, die Herzfrequenz sank und Semir schien wieder zu schlafen. Zwei Stunden später wiederholte sich das Spiel und auch diesmal sprach Andrea beruhigend auf ihren Mann ein.
      ."Ich bin da, Schatz. Weißt du was? Ben kommt dich bald besuchen. Steffi und Ismael geht es gut. Sein Vater ist hier.“ Ein leises, merkwürdiges Brummen entwich seinem Hals. Seine Lippen trugen ein leichtes Lächeln. Als der Imam wieder mit seiner Rezitation begann, war auch Kemal Gerkan dazu gekommen. Er nahm Semirs andere Hand, flüsterte ihm kurz etwas ins Ohr. Er legte seine Hand auf die Stirn seines Bruders, worauf hin dessen Herzfrequenz auf ruhige 55 Schläge in der Minute sank.

      Andrea hatte Ben telefonisch versichert, dass er nun wohl erst einmal nichts verpassen würde und er sich in Ruhe frisch machen könnte. Also fuhr Kim Krüger Ben zunächst zu seiner Schwester, die beruflich unterwegs war und den Schlüssel bei ihren Nachbarn für Ben hinterlegt hatte. Ben duschte lange und heiß, schrubbte jede Stelle seines Körpers mehrfach ab, bis er ganz sicher war, dass kein bisschen fremdes Blut mehr an ihm kleben konnte! Dann setzte er sich im Handtuch aufs Sofa. Eigentlich wollte er eine Pizza bestellen und dann gleich nach dem Essen zu Semir. Aber noch während der Online - Recherche nach einem Pizza-Dienst hatte er das dringende Bedürfnis, kurz die Augen zu schließen.
      Mehrere Stunden später erwachte er vom Klingeln an der Haustür. Seine Koffer! Rasch zog er sich an und dann hielt ihn nichts mehr auf: Er musste zu Semir. Es war inzwischen Abend geworden. Als Ben von Andrea auf die Station geholt wurde, verließ gerade ein alter Mann mit dicker Brille Semirs Zimmer. "Iyi akşamlar," grüßte dieser Ben freundlich und musterte ihn gründlich. Etwas irritiert fragte Ben: "Entschuldigung, ich habe Sie nicht verstanden..." Nun schaute Ibrahim Güner etwas verlegen zur schmunzelnden Andrea, welche schnell aufklärte: "Das ist ein früherer Kollege von Semir, Ben Jäger. Eigentlich lebt er in Amerika. Er spricht kein Türkisch." Dem Imam entging nicht Ben's sorgenvoller Blick, der Semir suchte, aber ihn nur für den Moment, in dem sich die Tür schloss, erhaschte. Er lächelte milde:" Ach, Sie würden auch als Türke eine gute Figur machen! Es freut mich, dass Sie zu meinem Semir kommen... Wir sagen: Gerçek dost kötü günde belli olur - der gute Freund zeigt sich in schlechten Zeiten." Dann schüttelte er Ben kurz, aber mit beiden Händen und warmem Blick die Hand und verbeugte sich knapp vor Andrea, die es ihm gleich tat."Das war Semirs ehemaliger Koranlehrer, Ibrahim Güner," erklärte Andrea Ben, doch die Fragezeichen in seinem Blick wurden nicht weniger. Seine Hand verkrampfte sich jedoch stärker auf Andreas Schulter. Wenn Geistliche bei Kranken waren, war das kein gutes Zeichen."Ich wusste nicht, dass Semir überhaupt mal was mit Religion zu tun hatte," stellte Ben fest. Andrea zuckte mit den Schultern: "Das war nie ein großes Thema für uns. Aber der Imam wollte sich revanchieren, weil Semir und Alex neulich seinen Sohn bei einem Autounfall gerettet haben. Semir reagiert auf die Koran-Rezitationen positiv, ihm scheint es gut zu tun." "Puh, und ich dachte schon, da wäre so etwas wie die letzte Ölung oder so gelaufen..." war Ben erleichtert. Jetzt war es Andrea, die unter Bens Händen ganz steif wurde:"Ich habe nicht gefragt. Aber ich glaube, so etwas in der Art lief ab, bevor wir telefoniert haben..." Ben hatte das Gefühl, von einem Eiszapfen ins Herz getroffen zu werden. Er sah die ganze Zeit zu Semir durch die Scheibe, an der Alex schon gestanden hatte." Sieht wirklich nicht gut aus, hm, " Strich er Andrea über den Rücken. "Ach, ist schon viel besser! Er hat kein Fieber mehr, der Hirndruckmessung ist hoch-normal...und er darf aufwachen" erklärte Andrea, während sie Ben die Tür öffnete und ihm das Handdesinfektionsmittel reichte. Vorsichtig trat er ein, während er sich die Hände mit dem stark nach Alkohol und Neroli duftenden Mittel einrieb. "Ich dachte, er sei angeschossen worden?"
      "Ja. Und deshalb mit dem Kopf auf den Boden geknallt - daher die Hirnblutung. Nach der OP gab es Komplikationen... Aber ich hoffe, es geht jetzt nur noch bergauf," flüsterte Andrea. Sie trat zu Semir, küsste ihn sanft auf den geschlossenen Mund und sagte : "Nicht wahr, mein Schatz?! Semir? Ich bin da. Ben ist bei mir." Es kam keine Reaktion.
      Ben stand noch neben ihm, sah die ganzen Kabel und Schläuche, hörte das leise Piepen des EKGs, das Zischen der Beatmungmaschine und andere eher technische Geräusche. Langsam näherte er sich. Ganz behutsam streichelte Ben über die Armhaare seines Freundes : "Hey, unser Wiedersehen hatte ich mir wirklich anders vorgestellt," flüsterte er und sah zu, wie sich der Brustkorb im Rhythmus der Beatmungsmaschine hob und senkte. Die Herzfrequenz erhöhte sich etwas, Ben meinte, ein leichtes Lächeln auf Semirs Lippen zu sehen."Hey, bald kommst du hier raus, hm?" Dann fragte er Andrea: "Wacht er nicht auf?" Sie schüttelte den Kopf :"Ich glaube, er ist total fertig von heute. Außerdem - hat mir die Schwester erzählt - bekommt er abends und nachts etwas mehr Medikamente als tagsüber, damit er wieder besser in den Tag/Nacht - Rhythmus kommt." Ben seufzte leicht enttäuscht. Andrea sah seinen traurigen Blick und sagte tröstend:
      "Das ist wirklich ein Segen für Semir. Ihm wird es gar nicht gefallen, dass er da an der Maschine hängt und nicht sprechen kann..." Das jagte Ben ein breites Grinsen über das Gesicht :"Kann ich mir lebhaft vorstellen." In seinem Kopf spielten sich gerade einige der Dialoge ab, die sie während ihrer gemeinsamen Zeit auf der Autobahn geführt hatten - Semir wach und nicht in der Lage zu sprechen: Das musste für ihn schlimmer als jede Verletzung sein!



      Am nächsten Tag, Andrea hatte den Kopf gerade auf Semirs Bett gelegt und seine Hand, die noch immer fixiert war, sachte gestreichelt, kam wieder ein leichter Druck zurück. Andrea richtete sich auf und sah, wie ihr Mann sich bemühte, die Augen zu öffnen. Nach wenigen Anläufen hatte er Erfolg: Er blickte sie an. Zuerst schien er verwundert zu sein. Es brauchte ein paar Augenblicke, bis Semir die Frau an seiner Seite als seine Frau, als Andrea, identifiziert hatte. Sie ahnte nichts von seiner Verwirrung, sondern freute sich über die intensiven Blicke der schönsten Augen, die sie sich vorstellen konnte.
      Wie gerne hätte er etwas gesagt! Aber sie legte ihm den Finger an die Lippen:
      „Pssst! Streng dich nicht an. Du kannst noch nicht sprechen! Du wirst noch beatmet...“ Entsetzt sah er Andrea an. Erst jetzt spürte er, dass er gefesselt vor ihr lag. In einer anderen Situation hätte das vielleicht seinen Reiz gehabt – aber nicht jetzt!
      „Ruhig, mein Herz! Du musst hier nicht schon wieder den türkischen Hengst spielen! Du brauchst noch ein bisschen, bis alles wieder normal ist. Ich bin bei dir. Ich passe auf.“ In Semirs Augen standen Tränen. Er war so hilflos! Aber auch so froh, eine solche Frau zu haben, sie hören und sehen zu können. Er meinte, sich daran erinnern zu können, wie ihn jemand mit Gewalt in Dunkelheit gefangen gehalten und ihm die schlimmsten Schmerzen verpasst hatte. Er war entkommen! Oder? Fragend sah er seine Frau an. Tränen schossen ihm in die Augen. Schnell schloss er sie. Andrea tupfte ihm die Tränen mit einem Tuch ab.
      „Du weißt gar nicht, wie glücklich du mich eben gemacht hast: Als ich dich hier nach der ersten OP sah, hatte ich solche Angst, ich dürfte dir nie wieder in die Augen sehen! Tagelang hast du es wirklich spannend gemacht... “ Sie strich ihm sanft über das Gesicht und den Haaransatz. Was sie wohl damit meinte? Das Gehörte wollte sich noch nicht so ganz verarbeiten lassen, es war, als wäre das Gesprochene verhallt, bevor er es wirklich ganz im Kopf angekommen war. Aber war das jetzt wichtig? Auch wenn er jetzt nicht denken konnte - die Gefühle ordnete sich und in ihm breiteten sich Wärme und Geborgenheit aus. Semir gab sich Andreas Berührung ganz hin und war bald wieder eingeschlafen.

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    • Als er aus der Dunkelheit des Schlafes wieder aufstieg, hörte er ein Piepsen, das er nach einer Weile mit seinem Herzschlag in Einklang bringen konnte. Das leise, rythmische Zischen der Beatmungsmaschine war mit einem leichten Druck auf seine Lunge verbunden. Semir konzentrierte sich darauf. Andrea hatte doch gesagt, er würde noch beatmet. So fühlte sich das also an... er versuchte, bewusst mitzuatmen und seine eigene Muskulatur zu nutzen. Aber schon nach wenigen Atemzügen spürte er, wie sehr ihn das anstrengte.
      Wie konnte das sein? Ein Mensch atmete doch immer selbständig, ab dem Moment, ab dem er den Mutterleib verließ – und er konnte gerade noch nicht mal das! Er wollte sich mit der Hand an die Stirn fassen. Aber er war noch immer am Bett fixiert. Er riss die Augen auf, wollte schreien, aber kein Ton entwich seinen Lippen! Panik erfasste ihn. Er rüttelte an den Fesseln, so gut er konnte. Die Überwachungsgeräte gaben einen schrillen Alarmton von sich. Andrea hatte kurz einen Schluck getrunken und blickte nun in die angstgeweiteten Augen ihres Mannes.
      „Semir! Bitte bleib ganz ruhig! Alles in Ordnung! Ich bin da!“
      „Ganz ruhig? Wie soll ich denn da ruhig bleiben,“ schoss es ihm durch den Kopf, als schon ein Arzt das Zimmer betrat.
      „Guten Tag, Herr Gerkan! Mein Name ist Born. Ich bin der diensthabende Stationsarzt.“ In Semirs Gesichtsfeld trat ein Mann Anfang 50, der freundlich lächelte und seine Hand ergriff:
      „Sie können im Moment noch nicht sprechen. Und aufgrund Ihrer Kopfverletzung sollten sie den Kopf auch möglichst ruhig halten. Deshalb drücken Sie bitte einmal lang für „Ja“ und zweimal kurz für „Nein“. Haben Sie mich verstanden?“ Semir drückte die Hand des Arztes.
      „Ich möchte Sie zunächst kurz neurologisch untersuchen. In Ordnung?“ Ein Händedruck bestätigte die Frage. Der Arzt löste Semirs Handgelenke und ließ ihn beide Hände parallel drücken.
      "Sehr gut," lobte er seinen Patienten. Dann leuchtete er ihm mit einer Pupillenleuchte in die Augen und ließ ihn mit den Zehen wackeln.
      „Eigentlich sollte ich noch wissen, ob Sie auch beide Beine gleich gut anheben und bewegen können, aber da lassen wir uns wegen der Bauchverletzung noch ein bisschen Zeit. " Für einen kurzen Moment sahen sich die beiden Männer nur still in die Augen. Dann fragte der Arzt, der immer noch Semirs Hand hielt :" Sie wollen sicher wissen, was passiert ist?!“ Semir bejahte.
      „Erinnern Sie sich noch, wie auf Sie geschossen wurde?“ Semir überlegte, aber es schien alles unklar und durcheinander. Er hatte keinen Punkt, an dem er sein Gedächtnis festmachen konnte...
      „Ist nicht schlimm: Sie wurden mehrfach angeschossen. Ein Geschoss traf Lunge, Milz und blieb im Darm stecken, eine weiteres ihren Oberschenkel. Sie haben – vermutlich aufgrund des Schmerzes – das Bewusstsein verloren und sind dabei ungebremst mit dem Kopf auf den Boden aufgekommen. Dadurch entstand eine Hirnblutung, die für uns nicht operabel ist. Sie muss selbständig abheilen, aber es sieht bisher ganz gut aus. Wir hatten Sie mehrere Tage in Narkose gelegt, um Ihren Körper zu schonen. Leider gab es Komplikationen, wir mussten nochmals operieren. Es sah ehrlich gesagt gar nicht gut aus für Sie...“
      Semir sah zu Andrea, welcher die Tränen die Wange herunter liefen. Er war sehr gerührt, aber auch sehr, sehr müde.
      „...aber Sie hatten da wohl Unterstützung von ganz oben,“ fügte der Arzt lächelnd hinzu. Dann ergänzte er ernst: „Ich kann verstehen, dass es für Sie sehr unangenehm ist. Aber Sie werden noch ein paar Tage brauchen, bis Sie wieder selbst atmen und damit auch sprechen können. Leider gewöhnt sich die Atemmuskulatur sehr schnell an die fremde Hilfe und Sie brauchten diese Hilfe dringend, weshalb wir Sie nur langsam in die Normalität zurückführen können. “
      Den letzten Worten des Arztes konnte Semir nur mit Mühe folgen. Was meinte er mit Unterstützung von ganz oben? Die Augen fielen ihm zu.
      „Alles in Ordnung, Herr Gerkan?“ Er drückte nochmals die Hand des Arztes.
      „Gut. Dann erholen Sie sich ein bisschen.“ Zu Andrea gewandt sagte der Arzt :
      " Er wird die nächsten Tage ausreichend Beruhigungsmittel bekommen, damit er mit der Situation besser klar kommt. Er wird sehr viel schlafen, das ist wichtig für seine Genesung. Erwarten Sie nur kurze Wachphasen."
    • Steffi, die inzwischen in einem Frauenhaus außerhalb Kölns untergebracht worden war, wurde von Jenny und Endres abgeholt. Schließlich sollten so wenige Menschen wie möglich die Adresse kennen - die bei der Polizei schon bekannt war - und auch Steffi hatte sich zu Stillschweigen verpflichtet.

      "Abdel Waarit wird dir nichts mehr tun können. Bayram Kader ist tot. Du kannst wieder zurück in deine Wohnung."
      Steffi schüttelte den Kopf : "Nein!"
      Überrascht sah Jenny sie an: Hatte Steffi ihr doch etwas verschwiegen?
      "Warum? Was sagt dir der Name überhaupt?"

      "Bayram Kader, von dem haben wir die Wohnung vermittelt bekommen. Knapp ein Jahr nach dem wir eingezogen waren, tauchte da so ein Typ auf. Er meinte, er wäre der Hausmeister und es wäre etwas kaputt. Ich wollte erst seinen Auftrag sehen - der echte Hausmeister dort heißt nämlich Cindy Baumann und ist eine Frau. Ich habe den Typ nicht in die Wohnung gelassen. Ich hätte gleich gar nicht zur Tür gehen sollen. Aber ich hatte die geöffnet und war vor dem Kerl gestanden. Ich sagte, ich müsste zur Arbeit. Stimmte auch, ich hatte es eilig und habe - nur mit dem Untertuch auf dem Kopf, in T-Shirt und Hose - also für so Typen "halb nackt" - die Tür geöffnet. Ab da wurde Deniz mehrmals darauf angesprochen, er solle mehr auf mich achten. Und ich wurde von einer Rima eingeladen, mich mehr mit den anderen Frauen zu treffen, die den "richtigen Islam" leben würden. Ich war ein Mal da. Aber mal ehrlich: Das war nicht meine Welt. Und als Deniz seinen Job verloren hat, musste ich ja für uns beide das Geld verdienen.... "

      Steffi sah Jenny an und hielt sie am Arm fest:" Wenn ich jetzt allein dort lebe, dann kommen die doch sofort wieder. Und wenn raus kommt, dass ich das alles verursacht habe.... "
      Jenny zeigte Steffi das Bild der beiden Toten aus dem Rhein." Waren das die hier?"
      "Ja... Die sind auch tot?"
      "Ja. Nach einer Verfolgungsfahrt im Rhein ertrunken. Aber wenn es dir lieber ist, rufen wir Aylin an..." Kurze Zeit später trafen Jenny und Endres mit Steffi bei den Ceylans ein, wo Steffi überschwänglich von ihrer Freundin Aylin begrüßt wurde.

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    • Am nächsten Tag saß Alex an Semirs Bett. Er war sehr froh, dass es mit ihm wieder bergauf ging. "Semir, ich hoffe, du hörst mich? Andrea hat gesagt, dass du tagsüber immer wieder kurz wach bist." Er nahm die Hand seines Partners, woraufhin der zuckte und wenig später tatsächlich die Augen öffnete. Er sah Alex unverwandt - ob er ihn wirklich ansah oder an ihm vorbei blickte, war nicht klar. Semir schloss die Augen wieder. Dass er dabei die Hand ein klein wenig zurück zog interpretierte Alex als Ausdruck des Vorwurfs. "Ich weiß, dass ich dich hätte schützen müssen. Aber ich weiß nicht, wie!? Ich hätte bei dir bleiben müssen, aber wer weiß, was dann passiert wäre....Verdammt, ich würde echt mit dir tauschen.""Sowas kann schneller gehen, als dir lieb ist. Ich hoffe, ihr könnt bald wieder zusammen auf die Autobahn," hörte Alex eine unbekannte Stimme hinter sich. Er drehte sich um - zuerst sah er eine ihm entgegengestreckte Hand, die zu einem durchtrainierten dunkelhaarigen Mann gehörte."Ben Jäger. Du musst Alex sein." Der nickte. Ben strich Semir vorsichtig dort über die kurzen Haare, wo kein Verband am Kopf war. "Hallo Semir, du Schlafmütze!" Es kam keine Reaktion zurück. Alex drehte sich etwas zur Seite. Es war ihm unangenehm, die Vertrautheit zwischen Ben und Semir zu spüren. Zu seinen Schuldgefühlen mischte sich Eifersucht und Neid. Ben nahm die ablehnende Körperhaltung wahr. "Du machst dir Vorwürfe? Glaub mir, da bist du nicht allein! Ich habe in letzter Zeit so oft daran gedacht, dass ich nicht hätte gehen sollen. Vielleicht wäre auch das dann nicht passiert..." Nachdenklich betrachtete er Semirs friedliches Gesicht, das viele kleine Narben hatte. Dabei übersah er die Wut in Alex Augen. Der fauchte:" Meinst du etwa, dir wäre das nicht passiert? Du als Super-Partner hättest die Kugeln umgelenkt?" Ben sah Alex verwundert an. Plötzlich war ihm klar, dass sich Semirs neuer Partner angegriffen fühlte und ihn vielleicht auch als Konkurrenz betrachtete. Das war nicht seine Absicht. Er hatte genug mit sich und seiner Situation zu tun - außerdem war das bestimmt nicht gut für Semir, wenn es hier Stress gab. "Nein. Nein, sicherlich nicht. Ich meinte eher so generell. Ich habe ja keine Ahnung, wie es passiert ist! Wie lief das denn ab?"
      Alex Blick schweifte zu Semir, dessen Hand er nun wieder berührte. "Wir haben in einem Carport nach den Terroristen gesucht - ich habe eine Bombenwarnung per SMS bekommen und fast zeitgleich öffnete sich die Tür des Wagens, den wir als nächstes absuchen wollten. Die Schüsse auf Semir fielen so schnell, dass er schon zusammenbrach, als ich erst zielte. Seine Schussweste hatte keine Chance gegen diese Munition... " Ben legte seine Hand auf Alex Schulter und fluchte leise. Sie beobachteten, wie Semirs Arme und Beine zuckten, seine Augenlider zu blinzeln schienen. Wieder öffneten sich seine Augen kurz, er starrte zwei oder drei Sekunden lang in den Raum, bevor sie sich schlossen. "Semir," versuchte es Alex erneut aber ohne Erfolg.
    • In seinen Träumen hörte Semir immer wieder die Schüsse. Er spürte, die Kugel durch die Weste dringen, wie sie die Rippe durchbrach und sich in seine Lungen und seine Innereien bohrte. Er spürte den Einschlag der zweiten Kugel in den Oberschenkelknochen. Aber der Schmerz blieb aus und mit jeder Wiederholung des Traumes wurde sein Erstaunen über das Geschehen geringer. Immer wieder gab sein Körper nach und fiel. Meist senkte sich dann dunkle Nacht über ihn, manchmal zog es in seinem Kopf. Manchmal kam es ihm so vor, als ob er Alex nach ihm rufen würde, als ob er weitere Schüsse hörte. Reifenquietschen, Jenny rief nach ihm. Andere Stimmen waren da:
      "Herr Gerkan?" Ja, das war sein Name. Er spürte Hände, die ihn anpackten, wie es auch der Bauhofleiter und die Rettungsdienstmitarbeiter getan hatten. Oft blinzelte er und stellte fest, dass er doch im Krankenhaus war und sich gerade Pflegekräfte um ihn kümmerten. Manchmal meinte er, Ina Golmati über sich zu sehen - wenn er einatmete,fühlte es sich ähnlich an, wie in den Minuten, in denen sie ihm geholfen hatte. Oder war es doch Andrea, die da über sein Gesicht strich? Immer wieder stand er in seinen Träumen hinter dem Imam. Oft stand sein Bruder Kemal neben ihm. Manchmal waren sie tatsächlich da, wenn er dann die Augen öffnete und einen Moment bei ihnen blieb. Mal für Mal wurde es klarer in seinem Kopf.

      Als schließlich der Tubus entfernt werden konnte, half Semir eine CPAP-Maske, beim Atmen. Er war überglücklich, denn er konnte und durfte in seinen länger werdenden Wachphasen wieder sprechen – wenigstens ein bisschen. Es gab noch mehr Abwechslung: Die Physiotherapeutin mobilisierte Semir mit jedem Besuch ein bisschen mehr. So spürte er nun auch die anderen Verletzungen in Bauch und Bein immer deutlicher. Gleichzeitig war er froh und dankbar dafür, dass er wohl die schlimmsten Schmerzen hatte verschlafen dürfen. Und natürlich bedeutete der Schmerz auch, dass er am Leben war. Nach den Übungen mit der Physiotherapeutin war Semir so fertig, dass er einschlief und es erst gar nicht mitbekam, wie Alex zwei Stunden später das Zimmer betrat. Erst als der seine Hand drückte, erwachte er.
      Semir sah ihn erst irritiert an. Irgendwoher kannte er diesen Mann mit den blauen Augen. Es kostete ihn eine Menge Konzentration, bis sich langsam aus dem Nebel die Idee löste, dass das wohl sein Partner war. Bevor ihm noch dessen Name einfiel, sagte der schon:
      „Hey, Kleiner! Du hast ja 'nen Rüssel wie ein Elefant! "
      Semir grinste schief und keuchte mühevoll: „Das kommt auch bald weg, warte nur!“
      „Nein, im Ernst, du siehst gut aus! Und besser das Ding als tot, hm?“
      Semir sah, wie der Blick seines Partners sich veränderte - jetzt war der Name auch wieder da.
      "Ha! Du hattest ja Angst," stellte er langsam belustigt und zufrieden fest. Alex sah kurz zum Fenster hinaus und dann wieder in Semirs Augen.
      "Du Scheißkerl hast wohl keine Ahnung, wie knapp das war, hm?" Alex lächelte zwar, aber Semir sah in den eisblauen Augen, wie schlimm es für seinen Partner gewesen war. Ihm fiel auf, dass auch der einen Gips trug, Schrammen im Gesicht hatte und sich vorsichtig bewegte.
      "Und du?"
      "Ach, halb so schlimm. Also nichts, im Vergleich mit deinem Zeugs da..." Alex setzte sich zu ihm und nahm seine Hand. Semir drückte sie - wenn er wach war, verspürte er ein großes Bedürfnis nach menschlicher Nähe und Berührungen. Als könnten die ihn davon abhalten, wieder in die Traumwelt abzurutschen oder sogar ganz zu gehen. Er lächelte müde und murmelte:
      „Du hast die Typen erwischt?“ Alex erwiderte den Händedruck :
      "Allerdings hat Deniz es nicht überlebt. Vielleicht hat er sich das auch so gewünscht, keine Ahnung. Ich kann mich da nur schwer reinversetzen in solche Typen...“
      Semir hatte schon bei seiner Frage die Augen kaum noch offen halten können. Als Alex antwortete, fielen sie ihm zu und der Druck seiner Hand gegen die von Alex ließ plötzlich nach. Erschrocken sah Alex auf die Monitore - kein Alarm... Scheinbar schlief Semir einfach nur. Alex atmete erleichtert auf - da hätte er wohl noch eine Zeit lang dran zu knabbern!
    • Als die Pflegekraft ihn morgens vorsichtig wusch, war Semir eigentlich wach gewesen. Doch das Ende der Körperpflege bekam er gar nicht mehr mit. Anstelle dessen träumte er davon, wie sich Alex neben ihm in der Moschee wusch. Er musste lachen, denn Alex stellte sich wirklich ungeschickt an, als darum ging, die Füße zu waschen! Neben ihnen stand ein Mann mit freundlichen dunklen Augen und dunkelbraunen Haaren. Als er sich zu ihm umdrehte, erkannte Semir ihn. Es war Ben.
      Er schlug die Augen auf. Und tatsächlich: Da stand sein früherer Partner neben Alex an seinem Bett.
      "Hey, Semir!"
      "Ben," Semir schloss die Augen und öffnete sie kurz darauf wieder - er träumte einfach so viel zur Zeit.
      "Er hat dich erkannt," freute sich Alex. "Bei mir hat er gestern noch etwas gebraucht..." "Natürlich erkenne ich Ben," dachte Semir, der sich selbst aber noch nicht traute. Ben war doch in Amerika!?
      "Was machst du hier," fragte Semir, der die Nachricht von Bens Rückkehr nicht mehr abrufen konnte. Fragend sah er sich im Zimmer um - es war nicht der Waschraum der Moschee. Es war immer noch die Intensivstation.
      "Du warst doch weg?"
      Ben nickte.
      "Na, du auch! Aber wir sind beide genau zur richtigen Zeit wieder da. Wie früher..... Wie geht es dir," wollte Ben wissen.
      Semir lächelte (es war wohl doch tatsächlich Ben!Alle Vorwürfe, die ihm durch den Kopf gegeistert waren, spielten jetzt keine Rolle. ) und zeigte auf die CPAP-Maske :"Tolles Teil."
      Dann wurde er ernster. Er gestand langsam und mit mehreren Pausen: "Ich brauche noch ein bisschen. Aber ich wüsste gerne wieder, was passiert ist. Es ist noch so durcheinander."
      Ben schüttelte freundlich den Kopf : "Ja, so ganz kapiert habe ich das auch noch nicht." Alex grinste:
      "Also eigentlich ist das ganz einfach: Die Autobahnpolizei hat eine komplette Terrorzelle hochgehen lassen. Aber was weißt du denn noch?"
      Semir kramte alle Einzelheiten zusammen. Es strengte ihn an, aber er sagte zögerlich:
      "Irgendwie war was mit Islamisten. Wir haben ein Auto verfolgt, die haben geschossen. Jemand hat auf mich geschossen. Ich träume viel davon."
      Ben und Alex sahen, wie schwer es Semir fiel, das zu sagen. Sie hörten, wie sich sein Herzschlag beschleunigte und ihm das Atmen schwerer fiel. Alex nahm die Hand seines Partners:
      "Tut mir leid, dass ich das nicht verhindert habe." Auch Ben ergriff eine Hand:
      "Beruhige dich. Es ist vorbei."
      Semir krallte sich schon fast an ihnen fest: "Keiner mehr übrig," fragte er besorgt. Alex drückte seine Hand.
      "Die, die wir verfolgt hatten, das waren Frau und Schwager des Drahtziehers. Sie sind vor uns in den Rhein gestürzt." Langsam tauchten Fetzen der Erinnerung wieder auf. Semir nickte vorsichtig. "Der Typ, der auf dich geschossen hat, ist gestern für hirntot erklärt worden. Den hatte ein Wachmann, Tareq, ordentlich erwischt. Jenny und einer vom LKA haben Deniz erschossen. Und Ben hat vorgestern zufällig den Anstifter getötet. Der wollte eine Bombe im Düsseldorfer Flughafen deponieren." Semir lächelte müde und murmelte etwas wie " Ben hat zufällig.... Keiner übrig, " bevor er völlig erschöpft die Augen schloss.
      Ben und Alex sahen ihren Freund und Partner vor sich. Noch immer hielten sie seine Hände, die gelegentlich leicht zuckten.
      "Das wird ein gutes Stück Zeit brauchen..." fürchtete Alex. Ben nickte.
      "Erst mal abwarten, bis er wieder ganz selbst atmet und weniger Medikamente bekommt.Er ist zäh. Ich glaube, es gibt wenig Menschen, die der Tod erst um Erlaubnis bitten muss, bevor er sie mitnimmt. Aber wenn es sie gibt, dann ist Semir einer von ihnen. " Eine Zeit lang saßen sie einfach nur da, betrachteten sich gegenseitig und den kleinen Mann, der sie hierher gebracht hatte. Jeder war in seinen Gedanken.
      Alex wollte sich lösen, da fühlte er, wie Semir seine Hand drückte." Alex? Dich trifft keine Schuld. Okay?" Die Worte kamen langsam und mühsam, aber Semir schaffte es, seinen Partner anzusehen. Alex nickte :"Okay."
    • Dana hatte am nächsten Tag Glück und traf Semir endlich einmal wach an. Sie umarmte ihren Vater so stürmisch wie es seine Verletzungen nur zuließen.
      „Papa!Ich bin so froh!“
      Dann sah sie ihn mit etwas Distanz an :" Papa, es tut mir Leid, wie ich früher mit dir und Andrea umgegangen bin, ehrlich."
      Semir strich seiner Ältesten über den Kopf "Schon gut."
      Sie sahen sich an. Danas Augen wurden feucht und sie verbarg ihr Gesicht vorsichtig im Nacken ihres Vaters. Sie flüsterte :
      "Ich hatte echt Schiss, dass auch noch du mich allein lässt... ich war bei dir, als es hieß, du würdest sterben. Und ich habe ein Foto von dir gemacht. Damit ich mich immer daran erinnere, wie das war...willst du es sehen?" Nach einer kurzen Pause nickte Semir. Dana setzte sich zu ihm aufs Bett und gab ihm ihr Handy. Er sah sich das Bild gründlich an: Am Kopfende des Bettes standen allerlei Geräte, die alle irgendwie mit ihm verbunden worden waren. Sein Kopf war verbunden und mit Kühlkissen umlagert. Seine Augen waren mit Pflasterstreifen verklebt und in seine Nase führte der Schlauch der Magensonde. An seinem Hals waren seitlich die Schläuche des ZVK zu sehen. Am Halsansatz mündete der Beatmungsschlauch in die Luftröhre. Die Kabel des EKGs führten unter die Decke, unter der diverse Schläuche hervorkamen und in Beuteln am Bettrand mündeten. Im Arm lag der arterielle Zugang mit den Sensoren für Blutdruck und Temperatur, der ihn auch jetzt noch störte. Am Ende des Bettes schauten unter der Decke noch seine in Anti-Thrombose-Strümpfe verpackten Füße heraus.
      Behutsam befühlte er jetzt seinen Kopf, wo noch immer ein Pflaster klebte, seine Augen, die er wieder selbst öffnen und schließen konnte, seinen Hals wo der Luftröhrenschnitt verheilte. Es war seltsam, zu sehen, was man nicht gefühlt hatte. Semir betrachtete das Bild sehr lange. Jetzt konnte er seinen Traum, sein Empfinden von dem lockenden hellen, glitzernden Licht irgendwie mit dem, was er da vor sich sah, vereinbaren:
      „Eigentlich bin ich ja schon fast tot gewesen,“ dachte er. Mit einem tiefen Atemzug gab er Dana das Handy zurück.
      „Pass gut auf das Bild auf. Ich glaub, ich will es noch ein paar Mal sehen. Spätestens dann, wenn ich mal nen langweiligen Tag auf der Autobahn hatte...“

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    • Als Semir das Krankenhaus verlassen durfte, war es bereits ein sonniger, frühlingshafter Tag kurz vor Ostern. Ben holte ihn ab und fing sich ein "Na, du fährst ja genau so schlecht wie früher," von Semir ein. "Schön, dass es dir wieder besser geht. Eigentlich wollte ich ja nur zu deiner Beerdigung kommen," konterte der. "Meiner Ayda hast du ja schon gezeigt, wie man boxt. Wenn du meine anderen Frauen in Selbstverteidigung ausreichend ausgebildet hast - dann kann ich gehen. Aber keinen Moment vorher," warnte Semir seinen Freund. Kurz darauf bogen sie von der Bundesstraße auf die Landstraße ab, die zu den Gerkans führte.
      Dort waren Steffi und Aylin gerade dabei, die letzten Luftballons aufzuhängen. Der Rest des Innenhofs war bereits bunt geschmückt. Aylin hielt sich einen der Ballons unter den Pullover und meinte:" Bald sieht es bei dir so aus, warte nur." Steffi knuffte sie freundlich in die Seite und lachte. Tatsächlich zeichnete sich inzwischen der Bauch selbst unter dem weiten Kleid ab. "Wie geht es bei euch weiter," wollte Jenny wissen. "Wir alle ziehen weg aus Köln - Kalk. Irgendwie ist immer das Gefühl da, beobachtet zu werden. Es ist zu viel passiert...." fasste Aylin kurz zusammen, musste aber Ismael ausweichen, der Linsenbällchen auf den Tisch stellte. Er hatte seinen Freund Ahmet Toprak mitgebracht. Dieser stand bei Endres, der gerade Apfelschorle in Gläser füllte. "Bei euch wollte ich mich noch bedanken: Didem ist frei. Es ist besser als ich gehofft hatte...aber ich erzähle euch später " sagte er zu dem langen Polizisten und Jenny. Er lächelte über das ganze Gesicht und die grünblauen Augen strahlten.
      Bei Alex stand ein junger Mann mit dichten, schwarzen, langen Locken, den Andrea noch nicht kannte."Darf ich dir vorstellen? Das ist Tareq Al-Hafis. Ohne ihn könnte ich heute nicht feiern," sagte Alex zu Andrea. Hartmut, der gerade noch mit einer kleinen Wind betriebenen Anlage, die eigentlich Gurkenschnitze fertigen sollte, beschäftigt war, ergänzte: "Ohne ihn könnten wir alle nicht feiern, denn wir hätten den Typen noch nicht."
      "Waren Sie nicht neulich in der Zeitung," fragte Andrea erstaunt.
      "Ja. Ich habe meinen Job verloren...."
      "weil er uns geholfen hat, dabei verletzt wurde und ausfiel...." ergänzte Endres. Andrea schüttelte den Kopf aber noch bevor sie etwas sagen konnte, wischte der Syrer mit der Hand durch die Luft :
      "Ach, ich habe einen neuen Job. Ab nächstem Monat habe ich eine Festanstellung und wenn das Bein wieder ganz okay ist, möchte ich mal mit der Grundausbildung der Feuerwehr anfangen..." Endres klopfte ihm anerkennend auf die Schulter. Gerade da kamen Ayda und Lilly um die Ecke gerannt. Ihr Lachen klang hell und sie riefen voller Freude :" Sie kommen! Sie kommen!"
      Ben hupte ausgelassen und hielt mit dem Auto so an, dass Semir sich rasch setzen konnte, nachdem ihm Haluk beim Aussteigen geholfen hatte. Sein Vater Ibrahim umarmte Semir herzlich - seine Freude war kaum zu übersehen. Er war mit seiner Familie gekommen, seine Frau half Dana beim Verteilen der Gläser an die Gäste. Semir war überwältigt. Er sah in den blauen Himmel, dann auf seine Gäste. "Na, was meinen Sie, Gerkan," fragte ihn Frau Krüger. "Ich bin einfach nur dankbar," seufzte er und fügte hinzu: "Ich glaube, ich sehe mir den Himmel lieber noch eine Weile mit euch zusammen von unten an."

      Ende

      Für die Frau, die mich zu der Figur der Didem inspiriert hat.
    • Hier noch eine Übersicht der Personen:
      Semir Gerkan
      Alex Brandt
      Ben Jäger
      Kim Krüger
      Susanne König
      Hartmut Freund
      Jenny Dorn
      Enno Endres (nur genannt Endres) - Jennys Streifenpartner
      Nela Stegmann
      ---
      Steffi Ruqiya Ceylan - Deutsche Konvertitin, Frau von Deniz Ceylan
      Deniz Ceylan - Freiwilliger des IS
      Aylin Ceylan - Freundin und Schwägerin von Steffi Ruqiya
      Ismael Güner - Unfallopfer, Gemüsehändler und Sohn von Ibrahim Güner
      Haluk Güner - Gemüsehändler und Sohn von Ibrahim Güner- Semirs früherer Koranlehrer (Hoca) und Imam einer türkisch - muslimischen Gemeinde in Köln-Kalk
      "Hoca Hanim" - Ehefrau von Ibrahim Güner
      Yves Signet aka.Abdel Waarit - Konvertit und IS-Kämpfer
      Antonio Silvretta - Stellvertretender Bauhofleiter
      Bayram Kader -Strippenzieher
      Rima Bari - Ehefrau von Bayram Kader
      Hassan Bari - Schwager von Bayram Kader und IS-Kämpfer
      Tareq AlHafis - Wachmann syrischer Herkunft
      Ahmet Toprak - Freund von Haluk Güner, Verehrer von Didem Demir
      Didem Demir - Zweitfrau von Bayram Kader