Verloren

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    • Campino

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    • Vor der Dienststelle - 15:50 Uhr


      Semir war gerade an das Dienstgebäude herangefahren und hatte den BMW abgestellt, als er Kevin an den Blumenkübeln vor dem Eingang erblickte. Es war quasi sein Stammplatz, daneben stand ein Aschenbecher, denn im Gebäude war Rauchverbot. Er hatte das Handy am Ohr, auf der anderen Seite hatte er sich eine Zigarette hinters Ohr geklemmt. Als Semir näher kam, konnte er einige Worte mithören, und er blieb in der Nähe stehen. Er merkte sofort dass Kevin mit Ben redete, dass das Gespräch positiv war und er hörte vor allem, dass der junge Polizist seinem Partner einen schönen Urlaub wünschte. Und dass er ihm beschwor, dass die beiden Kommissare der Mordkommission Unrecht hätten, dass zwar in dem Fall etwas vorgefallen sei, Kevin jetzt aber noch nicht darüber reden konnte oder wollte.
      Eines merkte Semir aber ganz deutlich: Es war ein versöhnliches Gespräch. Kevin wollte vermeiden, dass Worte wieder unausgesprochen blieben, bevor jemand für längere Zeit in Urlaub fuhr, so wie es passierte als Kevin nach Kolumbien flog um Annie zu suchen. Und das beeindruckte den erfahrenen Polizisten, denn er wusste wie schwer es seinem jungen Partner fiel, über seinen Schatten zu springen. Und wenn er das Gespräch richtig deutete, hatte Kevin von sich aus angerufen. Er kam langsam näher ohne den Eindruck zu machen, heimlich mit zu hören und Kevin bemerkte ihn auch, ohne das Gespräch schnell zu beenden.


      Er setzte sich neben Kevin auf den Rand des Blumenkübels, nachdem dieser dann kurz danach das Gespräch beendet hatte und klopfte seinem jungen Freund auf die Schulter. "Das war gut...", sagte er nur anerkennend. Kevin nickte: "Ja, im Streit auseinandergehen war noch nie gut.", meinte er nachdenklich und sah mit seinen blauen Augen gegen die Sonne, bevor er seine Zigarette vom Ohr nahm und zwischen die Lippen steckte. Dann ließ er das Feuerzeug aufschnappen und die Flamme schwärzte die Spitze des weißen Filterpapiers. Semir, über 20 Jahre älter, hätte Kevins Vater sein können, und so oft schon hatte er versucht zu dem jungen Mann durchzudringen. Als er versuchte eine Entführerin zu decken in einer Kneipe, als er über seine Vergangenheit schwieg oder in dem Fall mit Kevins ehemaligen Drogendealer Anis. Manchmal schaffte er es, manchmal blockte der junge Polizist. Es war schwierig, es war kompliziert.
      Jetzt saß er wieder neben ihm, und wieder beobachtete er die Augen des jungen Polizisten, die in die Ferne sahen als sehe er dort seine Zukunft... oder er blickte schon wieder in die Vergangenheit auf eins seiner zahlreichen Traumata. Der Mord an seiner Schwester. Der Tod des Mädchen in dem brennenden Haus und die Jagd nach den Mördern seiner Schwester. Zuletzt suchte er den Verräter, der den Mördern einen entscheidenden Tipp gegeben hat und er setzte dabei sogar seinen Job aufs Spiel. Seine Drogensucht hatte er besiegt, doch er war latent rückfallgefährdet.


      "Kevin...", sagte Semir nach einigen Momenten des gegenseitigen Anschweigens. "... wenn man zu lange etwas nicht erzählen kann oder will... irgenwann hat man niemanden mehr, dem man es erzählen kann, wenn man es will." Es sollte nicht als Drohung oder Warnung klingen, es war mehr ein Hinweis dass jede Geduld eines jeden Freundes endlich sei. Und die beiden Polizisten sowie und vor allem auch Jenny hatten nun schon wirklich viel Geduld mit ihrem Problemkollegen bewiesen. Aber sie konnten ihn auch nicht allein lassen, zu sehr war er mit seiner Art in ihr Herz gewachsen, mit seinem manchmal schon leichtsinnigen Mut seinen Kollegen zu helfen und für sie einzustehen. Das war es, was Semir wirklich schätzte. Er konnte Kevin hörbar ausatmen hören, als er den Zigarettenrauch ausblies.
      "Ich weiß.", sagte er nur, und machte keinerlei Anstalten, mehr zu erzählen. Er konnte einfach noch nicht, seine Gedanken darum waren zu frisch. "Lass uns erst den Fall abschließen. Vielleicht fällt es mir dann leichter. Aber auch dir verspreche ich, es ist nicht wie Torben und Bastian sagen. Ich habe keinen Mörder wissentlich gedeckt oder laufen gelassen." Semir nickte zögerlich, die Stimme von Kevin hörte sich wesentlich sicherer und ehrlicher an, als seine Erklärung von heute vormittag, dass die Ermittlungen einfach nicht gut gelaufen waren.


      Das zeichnete Semir aus. Er hätte den jungen Polizisten jetzt auch einfach in Ruhe lassen können. Soll er doch machen was er wollte, wenn er nichts erzählte. Aber der erfahrene Polizist ließ den jungen Kollegen nicht fallen. Es müsse viel zusammenkommen, bis das passiere... vermutlich der Extremfall, dass es doch so war, dass er wissentlich einen Mörder gedeckt hat. Aber das glaubte Semir selbst nicht. Jetzt blickten beide Männer gerade aus, jeder für sich. Semir spitzte die Lippen und erzählte kurz, dass die Befragung bei der Dienststelle für Wirtschaftskriminalität wenig Erkenntnisse ergeben hätten, auch wenn sich ein Kollege ziemlich verdächtig verhalten hatte. "Der könnte vielleicht unser Mann sein. Andrea soll sich dessen Akte mal ansehen.", schloß Semir seinen Bericht ab, obwohl Kevin von dem Fall ja eigentlich ausgeschlossen war. Aber natürlich interessierte es ihn, stand er doch immer noch im Fadenkreuz.
      Kevin antwortete... aber nicht auf den Fall. Sein Satz kam für Semir völlig unvermittelt. "Ich höre auf." Der Deutschtürke hatte zuerst den Eindruck, er habe sich verhört, denn nur langsam bewegte er den Kopf zu Kevin um ihn anzusehen. "Was sagst du?" "Ich höre auf.", wiederholte er mit fester Stimme, und erst jetzt suchte er den Blickkontakt mit Semirs braunen Augen. "Es funktioniert nicht. Ich hab gedacht, es würde gehen wenn ich so manche Dinge aus meiner Vergangenheit einfach tief in einem Keller einsperre und nie wieder rauslasse. Wie die Beziehung zu Anis, wie dieser verdammte Fall von damals. Aber der Geruch davon wird immer wieder hochkommen."


      Die Metapher konnte Semir durchaus verstehen... die Konsequenz daraus aber nicht. "Und das ist der Grund, warum du aufhören willst?", fragte er verständnislos. Hatte der junge Polizist schon wieder nicht genug Vertrauen? "Es ist wegen euch. Ihr habt das nicht verdient. Jenny hat das vor allem nicht verdient. Ich kann ihr nicht ständig weh tun, wenn wieder irgendwas aus meiner Vergangenheit hochkommt. Ob ich ihr wehtue, in dem ich es erzähle oder ihr weh tue, wenn ich es verschweige. Auf eine andere Dienststelle will ich nicht mehr.", sagte der junge Polizist und zog nochmal an seinem Glimmstengel. Semir spürte, wie ihm sein Partner buchstäblich aus den Händen entgleiten drohte, und er fühlte sich an die Situation erinnert, als sein Partner Tom den Job hinschmiss. Damals war Semir gleich alt, die beiden Männer waren charakterlich auf Augenhöhe. Dieses Mal war es anders... Semir war weitaus älter, lebenserfahrener... und er stand nicht einem jungen Mann gegenüber, der ähnlich tickte wie Semir, sondern der ein völlig anderer Mensch, ein völlig anderer Charakter war.
      "Ich war doch nie wirklich ein Polizist.", meinte Kevin dann und lächelte bitter. Auf den, vielleicht im Kern wahren Einwurf, ging Semir nicht ein: "Und was willst du stattdessen machen?" Sein Nebenmann zuckte mit den Schultern. "Erstmal die Boxschule mit Jerry... aber wo? Keine Ahnung." Und dann fügte er noch hinzu: "Jedenfalls nicht hier. Vielleicht irgendwo im Ausland."


      Dieser Satz trag Semir allerdings noch mehr. Hatte er erst gedacht, weiterhin direkten Kontakt zu Kevin zu halten, schien der den kompletten Cut zu wollen. Mit skeptischer Miene sah er ihn an, während der junge Polizist wieder in die Ferne sah. "Du würdest Jenny damit verdammt weh tun.", sagte er und nahm sich selbst aus. Er wusste, dass Jenny noch etwas für den schweigsamen Mann empfand, ohne dass sie es je selbst gesagt hatte. Das merkte man einfach. "Ich weiß. Aber besser, ich tue ihr nur einmal weh, als andauernd wenn ich hier bleibe.", sagte Kevin ohne Semir anzusehen. Der stand von dem Blumenkübel auf. "Und was, wenn das auch nicht das Richtige ist, Kevin? Was machst du dann?", stellte er die Frage und ließ die Antwort offen, in dem er sich die Hose am Po abklopfte und wieder in das Dienststellengebäude hinein ging...
      Ich bin es so leid, ohne dich zu sein
      Ich spür' wie das Leben aus mir rinnt,
      Nichts dringt mehr bis zu mir herein
      Träumen und Wachen jetzt eins nur sind

      Hilf mir mich zu finden nach all diesen Jahren
      Nimm mich ein kleines Stück Weges mit dir
      Heile die Wunden, die unheilbar waren
      Ich wär' fast gefallen, doch dann warst du hier

      Illuminate - Verloren

      <3
    • Dienststelle - 16:10 Uhr


      Der dunkle Mercedes mit den drei Polizisten der Mordkommission kam mit etwas Verspätung an. Die Chefin und auch Semir, der ja bis eben noch unterwegs war, wurden erst kurz vor knapp darüber informiert. Sonderlich erfreut war sie über den Alleingang ihres eigensinnigen Beamten nicht, doch Semir beschwichtigte sie schnell... denn er war froh, dass Kevin von seinem bisherigen Plan abrückte und doch etwas unternommen hatte. Nachher sagte der junge Polizist ehrlicherweise, dass Jenny die treibende Kraft hinter der Befragung war.
      Sechs Augenpaare blickten düster drein, als Bastian, Torben und Claus Frege die Dienststelle betraten. Die Chefin schüttelte Hände und bot Kaffee an. Semir und Kevin hatten sich kurz abgesprochen und der erfahrene Polizist hatte, nicht ohne ein gehöriges Magengrummeln, zugestimmt dass Kevin und Jenny die Befragung selbst durchführten... möglichst erstmal ohne Frege. Doch das lehnte der Leiter der Mordkommission entschieden ab, auch gegen die Intervention von Frau Engelhard. "Wenn ihre Männer bei uns im Verhörraum sitzen würden, wären sie auch dabei... oder?", sagte er und die Chefin konnte das nicht mal verneinen. "Ausser, meine Leute würden dies von sich aus ablehnen.", sagte sie herausfordernd und blickte Torben und Bastian an. Sie spürte, wie auch Kevin und Semir, die unterschiedliche Gefühlslage der Männer. Während Torben und Claus ziemlich locker und ruhig waren, waren Bastians nervöse Augen immer unterwegs. "Sie können mit mir in den Nebenraum kommen. Wir wollen nur, dass das Verhör nicht beeinträchtigt wird.", sagte der Autobahnpolizist beinahe versöhnlich und wusste genau, wann er energisch sein musste, und wann er mal jemandem Honig um den Mund schmieren musste. Claus Frege stimmte zu.


      So setzte man sich zu viert in den Verhörraum. Torben grinste in Richtung Jenny, als sie sich gemeinsam an den kleinen Tisch setzten. "Sie haben also ihren Wagen als gestohlen gemeldet, mit dem gestern eine versuchte Entführung stattgefunden hat. Wann ist ihnen denn der Verlust aufgefallen?", fragte Jenny mit sachlichem Ton in der Stimme, auch wenn sie eine leichte Gänsehaut befiel. Jetzt, wo sie wusste dass die beiden die Entführer waren, bildete sie sich ein, sie würde allein die Augen wieder erkennen. "So gegen 15 Uhr, direkt vor meiner Haustür. Ich habe den Verlust gemeldet, dann habe ich Torben angerufen damit er mich abholt.", antwortete Bastian und kratzte sich an seinem dunklen Vollbart. Er blickte unsicher, seine Stimme vibrierte und seine Finger arbeiteten ständig gegeneinander. Jeder Laie in Sachen Verhörungstaktik hätte erkannt, dass der Mann hochgradig nervös war.
      "Wo waren sie dann gegen 17 Uhr?" "Im Einsatz.", antwortete Torben für seinen Partner mit einer weitaus sichereren Stimme... fast schon mit Überheblichkeit. "Wo?", fragte Kevin mit seiner betont emotionslosen Stimmlage, die aufgrund der gespielten Gleichgültigkeit einen Menschen ebenfalls provozieren konnte. "Industriegebiet. Wir hatten dort eine Durchsuchung einer Elektrikfirma. Der Besitzer ist des Mordes an einem seiner Mitarbeiter verdächtigt, ihr habt sicher davon gehört." Ein Stromschlag bei Arbeiten in einem Neubauhaus stellten sich als perfider Mord heraus... sicher ein Fall, der noch Schlagzeilen machen würde.


      "Wie lange dauerte die Durchsuchung?", fragte Jenny und spielte dabei mit einem Kugelschreiber, auch eine Form der Nervosität... dass Torben sie ständig angrinste, stieß sie ab. "Von 16 bis 18:30 Uhr. War ziemlich viel ab zu transportieren, gibt ja ne Menge Akten und PCs in so einer Firma.", sagte der blonde Mann grinsend. Dabei schob er den beiden Polizisten eine gefüllte Akte über den Tisch, die Kevin aufklappte. Die Vordrucke hatten sich in den letzten Jahren nicht geändert, ein astreiner Durchsuchungsbericht. Was wurde gefunden, wann wurde begonnen, welche Ermittler waren beteiligt, Unterschriften der Ermittler sowie des Dienststellenleiters Frege. Kevin zog die Stirn in Falten und blickte für einen Moment auf die verspiegelte Fläche an der Seitenwand, sein Blick traf unbewusst den von Frege, was dieser natürlich merkte.
      "Wollt ihr mich verarschen?", fragte der Polizist lachend und warf den beiden provokativ die Akte entgegen, so dass die vom Tisch rutschte. Jenny neben ihm blickte kurz überrascht auf. "Diesen Wisch fülle ich euch in 5 Minuten aus und hole mir von Frege unter einem Vorwand die Unterschrift. Soll das euer Alibi sein?" Bastian zog die Nase hoch und klaubte, ohne etwas Provokatives zu erwidern die Akte wieder vom Boden auf, während Torbens Grinsen langsam verschwand. "Claus war bei der Durchsuchung dabei, und hat uns gesehen. Es wäre wohl aufgefallen wenn wir verschwunden wären um ans andere Ende der Stadt zu fahren.", sagte er.


      Kevin stand vom Tisch auf und ging zur Tür. Als er den Kopf herausstreckte rief er kurz nach Bonrath, und der lange Beamte, der heute ein wenig blass und unkonzentriert wirkte, kam mit zwei Schritten in den Flur. "Check mal bitte, ob gestern bei der Firma Electrobel im Industriegebiet eine Hausdurchsuchung der Mordkommission stattfand." Bonrathn nickte und machte wieder Kehrt in Richtung Schreibtisch. Der junge Polizist kehrte in den Verhandlungsraum zurück und rieb sich kurz durch die Augen. Das Verhör lief genauso, wie er es befürchtet hatte. Wenn die beiden auch in ihrer Methode ziemlich plump und ungeschickt vorgingen, blöd waren sie nicht. Natürlich hatten sie sich abgesichert und hatten dazu ihren Vorgesetzten höchstpersönlich im Boot. Am Ende waren er und Jenny Anschwärzer, und diesen Ruf wollte er der jungen Frau ersparen. Der Polizist setzte sich wieder.
      "Kevin, ich bin enttäuscht. Was hast du nur gegen uns?", sagte Torben plötzlich provokativ und hatte sich im Stuhl zurückgelehnt. "Erst diese Story damals in der Fabrikhalle, wo wir dich angeblich hingelockt haben... da hast du sogar die arme Saskia reingezogen, nur weil sie dich abgewiesen hat.", sagte er und zog die Augenbrauen hoch. Kevins Augen wurden schmal, während Semirs verschränkte Arme vor der Brust sich ein wenig verkrampften, als er die Worte von Torben hörte. Sie klangen so unglaublich selbstsicher, obwohl der Mordermittler vor einigen Stunden auf dem Rastplatz Ben noch eine andere Wahrheit erzählt hatte. Dort jedoch ohne Zeugen. "Und jetzt das... ziehst deine Kollegin in deine privaten Probleme und willst uns wieder an den Karren fahren... das ist nicht gut." Und zu Jenny gewandt meinte er beinahe fürsorglich: "Sie sollten aufpassen, mit wem sie Umgang pflegen. Es wurden nicht umsonst bereits Ermittlungen gegen ihn geführt... wegen seiner Schwester."


      Während Kevin äusserlich noch völlig ruhig blieb, obwohl er das letzte Mal als Torben dieses Thema angesprochen hatte, ausgeflippt ist, wurde es Jenny bei diesem Satz schlecht. So unverfroren konnte niemand sein, dass er Kevin unterstellte an dem schlimmsten Trauma seines Lebens selbst schuld gewesen zu sein, und es selbst verursacht zu haben. "Sie haben doch keine Ahnung. Sie sollten aufpassen, was sie jetzt sagen.", fauchte sie und hielt sich unbemerkt mit den Händen am Tisch fest, damit ihre Hände vor Wut nicht zitterten. "Ich kann ihnen nur sagen, dass er damals Gegenstand der Ermittlungen war. Und dass es durchaus im Bereich des Möglichen liegt... in seinem Blut wurden damals erhebliche Mengen von Drogen gefunden... und dass jemand im Rausch über eine Frau herfällt, Schwester hin oder her, ist keine Seltenheit." "Und dann hat er sich selbst in den Rücken gestochen oder was?", rief Jenny und stand so ruckartig vom Tisch auf, dass der Stuhl kippte. "Jemand ist dem armen Mädchen zur Hilfe gekom...", aber Torben konnte den Satz nicht zu Ende bringen. Semir hatte die Tür zum Verhörzimmer aufgemacht und den Dialog mit einem lauten, unmissverständlichen "Es reicht!" beendet. Einerseits in Richtung Jenny, die die Beherrschung verloren hatte, andererseits in Richtung Torben, der völlig vom eigentlichen Verhörthema abwich. Alle vier schauten zu dem kleinen Polizisten, der mit Frege in der Tür stand. "Sorry...", hauchte Jenny und setzte sich langsam wieder hin. Semirs Gesichtsausdruck war verkniffen, ernst und er schaute zwischen den einzelnen Polizisten hin und her. "Claus Frege hat mir gerade bestätigt, dass er bei der Durchsuchung dabei war und die beiden Kollegen die ganze Zeit anwesend waren." "Und das Wort eines verdienten Leiters der Mordkommission zählt sicher mehr, als dass eines mehrfach disziplinarisch aufgefallenen Polizisten, der in naher Vergangenheit bereits unberechtigte Vorwürfe gegen die beiden Kollegen erhoben hat.", setzte Frege mit sachlichem Ton hinzu. Obwohl Semir natürlich auf Kevins Seite stand, konnte er diesen Sachverhalt nicht abstreiten... bei der Polizei und er Staatsanwaltschaft würde man das genauso sehen. Kevin grinste und schüttelte den Kopf. "Na dann...", sagte er mit einer ausladenden Armgeste, als würde er als Lehrer die Schüler entlassen wollen.


      Claus Frege warf Kevin noch einen leicht lächelnden, sarkastischen Blick zu, denn der Polizist mit kalten Augen aufnahm, bevor der Leiter der Mordkommission sich umdrehte und Richtung Ausgang ging. Ihm folgte Bastian, der vom Tisch aufstand, dann Semir. Torben war ebenfalls vom Tisch aufgestanden und wollte den Raum verlassen, während Jenny und Kevin noch am Tisch saßen. Kurz vor der Tür blieb Torben einen Moment stehen, die anderen drei waren bereits ausser Hörweite. Er drehte sich nochmal um und blickte Kevin mit kaltem Blick an. "Es ist noch nicht vorbei. Du wirst nicht mehr lange Polizist sein, das schwöre ich dir. Ich mach dich fertig." Dann ging er. Während Jenny sich auf die Lippen biss und Kevin verzweifelt ansah, waren dessen kalte Augen starr auf die Tür gerichtet, wo Torben gerade noch stand...
      Ich bin es so leid, ohne dich zu sein
      Ich spür' wie das Leben aus mir rinnt,
      Nichts dringt mehr bis zu mir herein
      Träumen und Wachen jetzt eins nur sind

      Hilf mir mich zu finden nach all diesen Jahren
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      Illuminate - Verloren

      <3
    • Dienstelle - 17:00 Uhr


      Dichte Wolken hatten mittlerweile am Horizont gesammelt. Im Sonnenlicht sahen sie schwärzer aus, als sie waren. Ein typisches Sommergewitter kündigte sich mit unheilvollem Grollen von Westen aus an und machte die Schwüle draussen beinahe unmenschlich. Ähnlich düster wie es am Himmel wurde, war die Stimmung im Büro von Kevin und Jenny. Semir hatte sich zu ihnen gesetzt und sie schwiegen sich gegenseitig an, nachdem die Chefin das Büro kurz zuvor verlassen hatte. Kurz vorher hatten sie von Bonrath noch die Sachlage um Hotte erfahren, der bereits morgen schon operiert werden soll, und der seinen besten Freund gebeten hatte, den Kollegen Bescheid zu sagen. Sie waren betroffen und bedrückt. Die Chefin hatte Kevin und Jenny Mut zugesprochen, dass sie nochmal mit einem Staatsanwalt sprechen würde, bei dem sie noch einen Stein im Brett hätte... doch wirklich Hoffnung machte sie den beiden nicht. Es war bei diesem Verein eben oftmals eine Frage der Stellung... und Claus Frege hatte Recht, einem verdienten Dienststellenleiter glaubte man eher ein Alibi als der Aussage eines Polizisten der vor allem durch Disziplinarverfahren auffiel.
      "Aber doch nicht bei solchen schwerwiegenden Vergehen!", beharrte Semir, der sowohl die Chefin als auch Kevin und Jenny verstand. Doch Anna Engelhardt schüttelte nur mit dem Kopf. "Semir... dann hätten sie die beiden auf frischer Tat schnappen müssen. Jetzt machen sie Feierabend, morgen konzentrieren sie sich wieder auf den Mordfall. Und überlassen sie die Mordkommission erst mal mir.", sagte sie bevor sie das Büro endgültig verließ. Der Ventilator lief auf Hochtouren und Semir merkte wie ihm der Schweiß auf der Stirn stand.


      Irgendwann zuckte Kevin emotionslos mit den Schultern. "Bringt ja alles nichts, wie ich vorher schon gesagt habe.", sagte er und nahm die gerollte Zigarette vom Tisch, um sie sich hinters Ohr zu stecken. Jenny sah dem schweigsamen Polizisten kurz ins Gesicht. "Immerhin haben wir es versucht." In ihr waren immer noch die Gedanken um die Aufnahmedatei, die sie zugeschickt bekommen hatte. Und immer noch der Gewissenskonflikt, ob sie die Sache vor Kevin verheimlichen sollte, oder ihm die Wahrheit über seinen besten Freund Jerry erzählen sollte. Vielleicht würde es niemals rauskommen, und er hätte mit dem, bald Ex-Knacki, einen weiteren Haltepunkt in seinem Leben. Wenn er aber erfuhr dass Jenny ihn darüber anschwieg, würde er beide verlieren... Jenny und Jerry. Es war zum Haareraufen.
      Semir verließ das Büro der beiden jungen Polizisten um sich die Akte von Jens Hühne, dem Kollegen der Abteilung für Wirtschaftskriminalität anzusehen. Jenny lauschte gedankenverloren den Tönen der Tastatur ihres Ex-Freundes, der scheinbar das Protokoll der Vernehmung tippte... oder einen anderen Bericht. Jedenfalls tippte er mit schnellen Fingern, sein Blick war ernst und konzentriert und sie konnte an seiner Tipperei erkennen, dass er oftmals Worte wieder löschte und neu schrieb. Manchmal warf sie ihm Blicke zu, immer dann überlegte sie ob ihrer Entscheidung bezüglich der geheimen Informationen, die sie hatte. Sie kam zu keiner Lösung, die mit ihrem Gewissen vereinbar gewesen wäre.


      Irgendwann verabschiedete Kevin sich in den Feierabend, eine flüchtige Umarmung mit Jenny, ein kurzer Kuss auf die Wange. Im Wagen tippte er noch schnell eine WhatsApp-Nachricht, die er Richtung England verschickte. "Komme dich die Tage sehr wahrscheinlich besuchen. Liebe Grüße" Gestern waren er und Jenny noch Arm in Arm in ihrem Bett eingeschlafen und die junge Frau wünschte sich eine Wiederholung... doch sie schwieg. Sie waren nicht zusammen, gestern war eine Ausnahmesituation und sie war sich über ihre Gefühle selbst nicht im Klaren. Manchmal war der junge Mann ihr so vertraut, die alte Liebe so greifbar... und dann war alles weg. Er war fremd, beinahe bedrohlich. Die Erinnerungen an den Keller saßen tief und sie wollte die Bilder löschen, wenn sie könnte.
      Die junge Frau verließ ihr Büro und ging zu Semir, der fast doppelt so alt war wie sie selbst. Er brütete quasi in der Hitze, das Donnergrollen draussen wurde lauter. Ein Regenguss würde wohl eine Erfrischung des Klimas mit sich bringen. "Na, steht etwas interessantes drin?", fragte sie und setzte sich halb auf Semirs Tisch. Er schüttelte seufzend den Kopf. "Musterakte... guter Abschluss, keine Disziplinarverfahren, gute Ermittlungsergebnisse. Hatte sogar zwei Jahre BWL studiert, was in der Abteilung sicher von Vorteil ist. Ausser, dass er bei der Befragung nervös war, haben wir nichts... gar nichts." In seinem Kopf arbeitete es, wie man dem Mörder wohl auf die Schliche kommen sollte. "Wir könnten Kevin natürlich in eine Tankstelle schicken und...", sagte er, bevor Jenny ihm ins Wort fiel "Bis du wahnsinnig?" "Hey, ganz locker. Das war doch nicht ernst gemeint.", beruhigte er seine Kollegin.


      Gemeinsam sahen sie herüber zum Büro der beiden jungen Polizisten, als würden sie gerade beide über den schwierigen schweigsamen Polizisten nachdenken. Semir über das Gespräch vorhin und Kevins Ankündigung, aufzuhören. Er hatte ihm vor dem Verhör noch auf den Weg gegeben, unbedingt Jenny Bescheid zu sagen. "Jaja...", hatte er als Antwort bekommen. Und Jenny hatte wieder ihren Gewissenskonflikt im Kopf. "Sag mal...", sagte sie zögerlich in Semirs Richtung, weil sie sehr viel Wert auf die Meinung des erfahrenen Kollegens legte. "Würdest du Ben etwas verschweigen, wenn es zu seinen Gunsten wäre?" Semir zog die hohe Stirn in Falten. "Wie meinst du das?" Sie druckste ein wenig herum, als suche sie ein Beispiel dafür. Irgendwie wollte sie Semir nicht die ganze Wahrheit erzählen, weil Semir vielleicht dann selbst die Entscheidung fällen würde.
      "Na... also... zum Beispiel, wenn du wüsstest, dass Carina ihn einmal betrogen hätte. Nur einmal, also jetzt nicht mehr. Oder irgendwas anderes, was Ben ziemlich weh tun würde. Würdest du es Ben verschweigen, damit er nicht verletzt wird oder würdest du ihm die Wahrheit sagen." Semirs Augen verengten sich ein wenig und er sah Jenny mit einem skeptischen Blick an. "Es geht hier nicht um Ben, oder? Es geht um Kevin." Verflucht, er konnte beinahe Gedanken lesen, dachte Jenny. Sie war in dieser Situation für Semir wie ein offenes Buch.


      "Ja... also... ähm." "Jenny... was ist los? Sags mir, dann kann ich dir helfen." Sie spürte das Vertrauen zu Semir, und so nahm sie das Handy aus der Tasche und spielte ihm die Sprachaufzeichnung vor. Auch Semir erkannte die Stimmen und als er den Inhalt erfasste, strich er sich über die feuchte Stirn. "Ach du scheisse...", murmelte er nur betroffen und sah kurz zum Fenster raus. "Das würde ihn wirklich sehr schwer treffen, vor allem wenn er dann auch noch von hier weh geht...", sagte er in einem Moment der Unachtsamkeit, der Betroffenheit und merkte sofort danach, was er gerade gesagt hatte. "Wie bitte?", fragte Jenny für einen Moment. "Was will er tun?" "Hat er dir das nicht erzählt?", fragte er... natürlich hatte er nicht. Sein Jaja klang so gleichgültig, und auch wenn er vorhin, als die beiden allein waren, die Gelegenheit dazu gehabt hätte... hatte er es nicht getan. Dieser Idiot... ich Idiot, dachte Semir.
      "Kevin will von hier weg?", wiederholte Jenny ihre Frage und ein Zwicken breitete sich in ihrem Magen aus. Ihr Partner presste die Lippen aufeinander. "Es ist vielleicht besser, wenn er dir das selbst erzählt." Sie nickte langsam. "Ja... das sollte er wohl besser.", woraufhin sie ihr Handy packte, aufstand und den zügigen Heimweg antrat. Semir musste kein Prophet sein zu wissen, wo sie ihr Weg hinführen würde an diesem Abend.
      Ich bin es so leid, ohne dich zu sein
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      Hilf mir mich zu finden nach all diesen Jahren
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      Illuminate - Verloren

      <3
    • Kevins Wohnung - 19:00 Uhr


      Kevin kam gerade noch im Trockenen in die Wohnung. Die Blitze zuckten bereits durch die dunkle Wolkendecke über ihm, als er sich in der Innenstadt durch den Verkehr mogelte und seinen Wagen am Straßenrand abstellte. Der Donner grollte unheilvoll, der Wind frischte auf und verjagte ein wenig die unangenehme Schwüle des Tages. In Sekunden leerten sich Parks und Freizeitbäder, alle wollten gleichzeitig nach Hause was der junge Polizist bis zu seiner Wohnung zu spüren bekam. Gerade als er die Haustür hinter sich schloß, öffnete der Himmel seine Schleusen und ließ eines der vielen Wärmegewitter auf Köln herunter, die es in diesem Sommer gegeben hat.
      Der junge Mann ging in seine Wohnung, wo er den Schlüssel auf die Küchenanrichte warf. Er öffnete sich eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank und wollte gerade zum Fenster um dort eine Zigarette zu rauchen. Er konnte selbst den Zigarettenqualm nicht leiden, wenn er in der Wohnung stand. Hatte er wirklich heute Nachmittag die richtige Entscheidung getroffen? Die Frage stellte er sich ständig, seit er eben seine Entlassung auf dem PC getippt hat. Wie sollte er das morgen Jenny beibringen? Er seufzte, als seine Gedanken von einem Klopfen an seiner Wohnungstür unterbrochen wurden.


      Es hatte nicht geklingelt, derjenige musste zufällig unten durch die Haustür gekommen sein, als vielleicht ein weiterer Mitbewohner des Mehrfamilienhauses das Haus verlassen hat. Für einen Moment spannten sich bei ihm alle Nerven an, schließlich hatte ihn immer noch ein Mörder im Visier. Aber hier würde es überhaupt keinen Sinn machen... Er hatte keinen Fall während seiner Zeit bei der Mordkommission behandelt, in dem der Mord in der Wohnung passiert war. Also verzichtete er, seine Waffe zu holen, bevor er zur Tür ging und diese öffnete. Doch trotzdem wartete dort ein Angriff. Mit zwei Händen stieß die zierliche, klitschnasse Person ihm gegen die Brust als über dem Haus ein Donnern krachte und ließ Kevin zwei Schritte zurück gehen. In den Stoß legte sie all jene Enttäuschung, Wut und Traurigkeit, genauso hätte sie Kevin auch eine scheuern können.
      "Du verdammter Scheisskerl!", zischte Jenny und schlug hinter sich die Wohnungstür zu. Ihre Haare lagen glatt an ihrem Kopf, aus den Spitzen tropfte Regenwasser, ihr Shirt war vom Kragen und den Schultern bis knapp unterhalb ihrer Brust durchweicht. Sie ging drohend auf Kevin zu und schubste ihn erneut von hinten, der große Polizist wehrte sich auch nicht. "Du Lügner! Von wegen, du könntest mir alles anvertrauen! Du würdest mir alles erzählen! Einen Scheiss tust du!!!", schrie sie ihn an und holte aus um Kevin erneut mit beiden Händen vor die Brust zu stoßen.


      Diesmal aber war der Kickboxer schneller und umklammerte die schlanken Handgelenke seiner Ex-Freundin. "Hey hey... ich hätte dir das noch gesagt.", sagte er mit bestimmter, aber deutlich ruhigerer Stimme, als die energische und aufgebrachte Jenny. "Ja, hättest du? Wann denn? Kurz bevor du dich auf dein Motorrad setzt, und wegfährst?" warf sie ihm entgegen und entriss sich seinem Griff. Ein weiterer Stoß blieb Kevin erspart, Jenny drehte sich von ihm weg und hielt kurz inne, scheinbar kämpfte sie mit sich selbst und mit den Tränen. Sollte sie ihren Gefühlen jetzt freien Lauf lassen, sollte sie weiter wütend sein? Sie war viel zu aufgebracht, emotional aufgerüttelt um sich kontrolliert für eine Vorgehensweise zu entscheiden. Sie spürte dann eine Hand auf ihrer Schulter.
      "Jenny... ich weiß, das hört sich blöd an. Vielleicht auch egoistisch. Aber es ist besser für uns. Auch für dich." Sie drehte sich um und blickte in die blauen Augen, in denen sie so oft versunken ist. Die sie anlächelten vor mehr als einem Jahr, als sich die beiden auf der Dienststelle kennenlernten. Die sie so sehr liebte, wenn sie strahlten und doch etwas Geheimnisvolles hatten oder auch wenn Kevin irgendwo saß und melanchonisch in die Ferne blickte. Und sie fürchtete sich vor ihnen, wenn sie kalt und skrupellos blickten. Jetzt waren sie verzweifelt.


      "Diese Situation wie jetzt... dass ich dir, oder Semir oder Ben etwas nicht erzählen kann oder will... sie wird immer wieder vorkommen. Dafür ist in meinem Leben zuviel passiert. Und ich würde vor allem dir mit diesem Schweigen immer wieder weh tun.", versuchte er sich zu rechtfertigen und schüttelte dabei den Kopf. "Das hast du, das habt ihr alle nicht verdient." Auch die grünen Augen von Jenny strahlten Verzweiflung aus, als sie die Worte hörte. Sie klangen so schrecklich endgültig, unwiderruflich. Sie suchte nach Worten, nach Gründen dafür dass er sich umentschied. "Das... das kannst du nicht machen. Ich brauche dich... wir brauchen dich." Sie biss sich auf die Lippen. "Du willst mir nicht weh tun... meinst du, es tut nicht weh, wenn du mich einfach alleine lässt?" "Ich weiß... aber dann tut es nur einmal weh.", redete er sich selbst ein.
      Sie standen sich gegenüber, Jennys Brustkorb hob und senkte sich so schnell, als sei sie einen Marathon gelaufen, während Kevin kurz mit den Schultern zuckte. "Es hat nicht funktioniert. Ich dachte, es würde gehen. Ihr habt mir vertraut, aber ich kann das einfach nicht. Zumindest nicht immer. Ich... ich glaube einfach es ist besser so." Jenny erkannte etwas in Kevins Stimme, so gut kannte sie ihn jetzt. Es war Entschlossenheit... er hatte sich entschieden. Er würde weggehen, er würde sie alleine lassen. "Es tut mir leid...", sagte er nochmal leise.


      Auch Jenny hatte sich entschlossen, und ihr war egal, wie Kevin es auffasste. Sie unterdrückte die Tränen und ging zwei Schritte auf den jungen Mann zu. Im ersten Affekt wollte er die Hand heben, weil er tatsächlich Angst hatte, sie würde ihm eine scheuern. Doch das Gegenteil war der Fall... Jenny umklammerte sein Handgelenk, stellte sich etwas auf die Zehenspitzen und küsste Kevin auf den Mund. Der junge Polizist war von der Reaktion überrascht und ging einen Schritt zurück. Nur Augenblicke später trennten sich die Lippen wieder. "Jenny...", begann er, doch die junge Frau ließ ihm keine Gelegenheit den Gedanken zu ordnen und küsste ihn erneut. Dabei drückte sie ihn einen weiteren Schritt zurück, bis sein Rücken die Wand hinter ihm berührte. Ihre freie Hand griff Kevins Gürtel und öffnete ihn.
      Diesmal unterbrach er den Kuss aktiv und hielt wiederrum Jenny an der Hand fest, die seinen Gürtel noch umfasste. "Jenny, was soll das. Das wird nichts ändern!", sagte er deutlich. Ihm war nicht ganz klar, was Jenny vor hatte... aber sie war nicht der Typ, die jetzt versuchen würde, durch körperliche Zuneigung Kevin von seiner Entscheidung abzubringen. Sie atmete immer noch hörbar und sah dem Polizisten tief in die Augen. "Ich weiß... aber... egal wie es anhört...", wiederholte sie quasi die Worte, die Kevin eben für seine Erklärung benutzt hatte ... "... ich will noch eine Nacht mit dir verbringen."


      Ihre Nasenspitzen waren nur wenige Centimeter voneinander entfernt. Kevin spürte Jennys Atem an seiner Haut, das Leder seines Gürtels war von ihrer Hand immer noch umklammert. Sie wollte ihn damit nicht umstimmen... sie wollte einfach noch einmal seine Liebe, seine Zärtlichkeit, seine Zuneigung. Sie wollte das, was sie einige Monate so sehr genossen hatte. Und wenn es schon nicht der lange Teil einer Beziehung war, der Alltag... dann wenigstens noch einmal die Intensität spüren. Das drückte sie mit ihren Blicken aus, und als würden sie ohne Worte miteinander kommunizieren, verstand Kevin, was sie wollte. Sein Standpunkt war klar... es würde nichts ändern. Aber er spürte ihre Liebe in diesem Moment mehr als zuvor, und sie erreichte sein Herz, das ebenfalls noch voll Zuneigung für Jenny war.
      Er fasste die junge Frau an den Oberschenkeln und hob sie ein wenig an, Jenny schlang ihre Arme um seinen Hals und die Beine um seine Hüfte. So ließ sie sich wenige Schritte aus dem Wohnzimmer in Kevins Schlafzimmer tragen, wo er sie auf dem Bett fallen ließ und wieder innig küsste, während er diesmal den Verschluss ihrer Jeans öffnete. Jenny spürte und genoss die Berührungen von Kevins Händen, sie tat es ihm wiederum gleich. Dabei ließen sich beide fallen, vergassen alle Sorgen, Probleme, Kriminalfälle und Traumata, die sich gemeinsam erlebt haben. Sie dachten nur an sich... egoistisch und doch gemeinsam.

      Zwei Stunden später lagen die beiden eng umschlungen und nackt zusammen unter der dünnen, zerwühlten Decke und hörten die Tropfen des Gewitters immer noch an die Scheibe prasseln, während der Donner längst weit weggezogen war. Sie waren gemeinsam eingeschlafen...
      Ich bin es so leid, ohne dich zu sein
      Ich spür' wie das Leben aus mir rinnt,
      Nichts dringt mehr bis zu mir herein
      Träumen und Wachen jetzt eins nur sind

      Hilf mir mich zu finden nach all diesen Jahren
      Nimm mich ein kleines Stück Weges mit dir
      Heile die Wunden, die unheilbar waren
      Ich wär' fast gefallen, doch dann warst du hier

      Illuminate - Verloren

      <3
    • Dienststelle - 7:30 Uhr


      Es war der Morgen danach. Der Morgen nach einem Gewitterabend, der etwas Abkühlung versprochen hatte, davon aber nichts hielt. Der Regen, der am Vorabend runterkam, hing bereits am frühen Morgen als Dunstglocke über der Stadt und ließ jeden Anzugträger bereits auf dem Weg zum Bus in Schweiß ausbrechen. Es war schwül, drückend und unangenehm. Und es war der Morgen nach einem emotionalen Vulkanausbruch, über den Jenny nachdachte, als sie sich in Kevins Bad nach einer Morgendusche die Haare zurecht machte. Danach verließ sie das Bad und ließ dem Mann den Vortritt, mit dem sie vor einigen Monaten noch das Bad geteilt hatte, mit dem sie vor wenigen Stunden noch geschlafen hatte. Jetzt verhielten sie sich wie Fremde, gute Freunde, die sich voreinander nicht nackt zeigten, bei dem der eine das Bad verließ, wenn der andere Duschen wollte.
      Jenny wollte nicht grübeln oder nachdenken, ob ihre Entscheidung gestern, die sie in einer Mischung aus Wut, Traurigkeit und Verzweiflung gefällt hatte, richtig oder falsch war. Sie wollte auf keinen Fall bereuen, denn das würde den Zauber und der Grund dieser Nacht zerstören. Dafür war sie zu intensiv, zu schön. Sie ließ sich noch einmal Fallen, ganz ohne Ängste, ganz ohne Bedenken, vertraute sie Kevin und der vertraute ihr. Sie konnten einander die Liebe spüren, die bei Jenny alles überlebt hätte. Bei Kevin nicht... er hatte Angst diese Liebe durch seine Vergangenheit kaputt zu machen.


      Jenny waren, als sie danach einschlafen wollte, noch so viele Sätze eingefallen, die sie Kevin am Morgen sagen wollte. Dass sie das schaffen würden. Dass sie sich doch liebten. Dass sie selbst Rücksicht nehmen würde, wenn diese Phasen des Schweigens wieder kommen würde. Dass sie Geduld haben würde mit dem eigensinnigen Straßenkater, den sie schon einmal gezähmt hatte. Aber all diese Sätze waren am Morgen danach verpufft, sie klangen in ihren Ohren jetzt nicht mehr wie vernünftige Argumente, sondern wie das Betteln einer Verstoßenen und es würde ihren Besuch doch in dem Licht da stehen lassen, dass Jenny ihren Ex-Freund mit plumpem körperlichen Reizen erst weichkochen wollte, um ihn dann doch zu überreden, zu bleiben. Das wollte sie nicht, denn das war nicht ihre Absicht. Und so schwiegen sie sich an, als Kevin sich anzog und als sie gemeinsam zur Dienststelle fuhren. Ihr fiel auf, dass er das gleiche weiße Shirt trug, dass er anhatte als sie sich vor über einem Jahr kennengelernt hatten. Die einzigen wenigen Sätze, die sie an diesem Morgen gewechselt hatten, war Kevins Antwort auf Jennys Frage, was er denn jetzt zu tun gedenke, wenn er kündigt. Ob sie ihre geschockte Reaktion gut verbergen konnte, nachdem Kevin zur Antwort gab, dass er ausgerechnet mit dem Mann, der ihn verraten hatte, eine Boxschule eröffnen würde, irgendwo in Europa, wusste sie nicht.
      Semir war bereits da und hatte sich noch einmal die Akte von Jens Hühne angeschaut. Seine Stimmung hatte sich gewandelt, wo er gestern noch der Meinung war dass dieser Mann etwas zu verbergen hatte aufgrund seiner latenten Aufgeregtheit, so war er sich jetzt sicher, dass ein Mann der akkurat und detailverliebt Morde begeht, in einer Befragung sicher ähnlich abgebrüht ist. Wer keine Skrupel hat, ein Kind zu töten und dabei keine Spuren zu hinterlassen, dabei den Tatort präpariert und nicht in Panik abhaut, der würde in einer kurzen harmlosen Befragung nicht die Fassung verlieren... so zumindest war das Gefühl des erfahrenen Polizisten. Der einzige Haken: Es tat sich sonst keine andere Spur auf.


      Der kleine Polizist sah, wie Jenny alleine in das Großraumbüro kam, ihre Tasche in ihrem eigenen Büro abstellte um dann Andrea "Guten Morgen" zu sagen. Er kam aus seinem Büro dazu. "Bist du alleine?" Die junge Frau schüttelte den Kopf und deutete mit dem Kopf nach draussen, wo Kevin an seinem Dienstwagen gelehnt stand und rauchte. "Aber du hast mit ihm geredet?" Jenny erschien an diesem Morgen, als hätte sie sich an der Schweigsamkeit ihres Partners angesteckt. "Ja..." "Und? Wie hat er reagiert?" Sie seufzte, und Andrea warf ihrem Mann bereits einen mahnenden Blick zu... er fragte die arme Frau aus, wie eine neugierige Freundin. "Ja... geht so. Ich... also ich hab nicht versucht ihn zu überzeugen... oder so." Eine Antwort, die Semir in jede Richtung deuten konnte. Dann sah sie nochmal auf: "Er war nicht sauer, dass du dich verplappert hast, keine Angst. Ich glaube, du hast ihm damit einen Gefallen getan."
      Dann blickte sie aus dem Fenster auf den Mann, mit der abstehenden Frisur. Er blickte irgendwohin, als würde er am Horizont seine Zukunft sehen. "Er kann doch nicht ausgerechnet mit dem Mann zusammenarbeiten, der mitschuldig ist an Janines Tod.", sagte sie dabei leise. "Ich habe über deine Frage nachgedacht.", hörte sie Semir hinter sich. "Ich kann dir die Entscheidung nicht abnehmen. Und vielleicht klingt es egoistisch... aber wenn du Kevin die Wahrheit sagst, zeigst du ihm, dass er dir vertrauen kann. Das könnte die einzige Chance sein, dass er hier bleibt." Die Augen der jungen Polizisten waren wie fixiert auf Kevin. "Wenn du denkst, du tust ihm den Gefallen es zu verschweigen... und er wird es von Anis erfahren mit dieser Sprachdatei und dieser Typ kann ihm beweisen, dass du Bescheid wusstest... dann wird er niemanden haben. Nicht dich, nicht Jerry, nicht uns. Weil wir es ihm verschwiegen haben. Aber wenn du ehrlich zu ihm bist, wird er dich haben." Ihr Herz schlug schneller... Semir hatte Recht.


      Der Weg nach draussen kam ihr unendlich lang vor. Sie wusste nicht, welche Worte sie jetzt benutzen sollte, um Kevin eine Wahrheit zu sagen, die wohl das unangenehmste sein würde, was sie ihm bisher erzählte. Es fühlte sich an, als müsste sie ihrem Freund einen Seitensprung gestehen. Jenny erinnerte sich, wie sie erzählte dass sie vergewaltigt wurde, was ihr auch sehr schwer fiel und wie Kevin sie in den Arm nahm und für sie da war. Damals war er mehr als zuvor der Fels, an den sie sich klammern konnte... und immer wieder geklammert hatte. Und an den sie sich so gerne wieder klammern würde, wenn das Meer um sie herum begann zu toben. Er hatte die Zigarette gerade ausgedrückt und in den Aschenbecher geworfen, als seine blauen Augen Kontakt zu Jenny aufnahmen, und sie ein Lächeln versuchte.
      Die Luft war drückend, und ein leichter Windhauch war das einzig Angenehme hier draussen. "Kevin... ich muss dir was sagen.", sagte Jenny und biss sich auf die Lippen. Der junge Polizist blickte aufmerksam, hatte aber die Befürchtung, dass seine Ex-Freundin ihn vielleicht nun doch überreden möchte. Er war erleichtert heute morgen und gestern Nacht, dass sie nicht mit dieser Absicht mit ihm ins Bett gegangen war, was sie ja überzeugend verneint hatte. Nur deswegen hatte er sich darauf eingelassen. Jetzt sah Kevin, wie Jenny nach den richtigen Worten suchte.


      "Bitte versteh das jetzt nicht falsch. Aber du darfst nicht mit Jerry weggehen. Er... er ist nicht der, für den du ihn hälst." In Kevin breitete sich plötzlich ein Gefühl wie ein Magengeschwür aus, als würde er ahnen um was es geht. Er hatte so oft darüber nachgedacht, wer alles an dem Abend dabei war, der die Abkürzung kannte, und immer wieder blieb nur Jerry übrig, den er aber wie selbstverständlich ausschloss und nach dem Namen des Unbekannten suchte. Jenny ergriff seine Hände, um ihm so etwas wie symbolischen Halt zu geben. "Jerry hat euch damals verraten. Er hat Peter Becker gesagt, dass du die Abkürzung nimmst. Jerry hatte Schulden bei ihm und dachte, die Jungs wollten dich nur zusammen schlagen." Es rutschte raus, wie eine unangenehme Wahrheit, und Kevins Gesichtsausdruck in diesem Moment brannte sich tief in Jennys Seele.
      "Das... das kann nicht sein. Jerry hätte sowas nie getan...", sagte der Polizist tonlos, ohne Jennys Reaktion abzuwehren. "Anis... oder irgendjemand... hat mir eine Ton-Datei geschickt. Auf dem ist ein Gespräch zwischen Anis und Jerry... und bei diesem Gespräch gibt er es zu." Sie gab Kevin ihr Handy und der Polizist hörte sich die Datei an. Als klar wurde, dass die Stimme tatsächlich Jerry war und er alles zugab, schloß Kevin die Augen und schüttelte den Kopf. "Das... das glaube ich nicht." Die junge Frau biss sich auf die Lippen. "Es... es tut mir so leid, Kevin. Aber ich musste dir einfach die Wahrheit sagen."


      Kevin sah den Wagen aus dem Augenwinkel, bevor er ihn hörte, obwohl er mit hoher Geschwindigkeit über den Parkplatz fuhr. Um sich herum nahm er alles wie durch eine Käseglocke wahr, es spielte sich wie in Zeitlupe ab. Vielleicht rettete das Jennys Leben, denn der junge Polizist sah noch, wie aus dem geöffneten Fenster eine Hand herausgestreckt war, die eine Waffe hielt. Er erkannte den Fahrer, der gleichzeitig der Schütze war. Geistesgegenwärtig umfasste er Jennys Schultern, drückte sie mit aller Kraft zur Seite und warf brachte sie mit einem Karatetrick, in dem er ihr ein Bein stellte, sofort zu Fall. Diese Sekunde, in der er Jenny rettete, fehlte ihm um selbst in Deckung zu gehen.
      Jenny selbst schrie kurz auf, denn sie wurde völlig überrascht. Drehte Kevin jetzt durch, glaubte er ihr nicht und wurde wütend, weil er dachte sie würde das inszenieren, damit er hier bliebe? Sie wurde von seinem Griff und seinem Bein völlig überrascht und konnte sich in keinster Weise gegen den Sturz wehren. Gerade als sie am Boden an kam, hörte sie die Schüsse. Sie hallten ihr im Kopf nach... Sekunden, Minuten... Wochen. Vom Boden blickte sie sich um zu Kevin, der sich, wie in Zeitlupe, am Auto festklammerte und langsam daran herunterglitt. Sein weißes Shirt war nicht mehr weiß... es war rot.
      Ich bin es so leid, ohne dich zu sein
      Ich spür' wie das Leben aus mir rinnt,
      Nichts dringt mehr bis zu mir herein
      Träumen und Wachen jetzt eins nur sind

      Hilf mir mich zu finden nach all diesen Jahren
      Nimm mich ein kleines Stück Weges mit dir
      Heile die Wunden, die unheilbar waren
      Ich wär' fast gefallen, doch dann warst du hier

      Illuminate - Verloren

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    • Dienststelle - 7:50 Uhr


      Jennys Boden begann zu wanken. Er zitterte, er schwankte, er ließ sie schwindelig werden nachdem sie sich gerade vom Boden wieder aufgerafft hatte, auf alle Viere und sich umsah, was da gerade passiert war. Dabei war es nicht der Boden, der wankte... es waren ihre Beine und Arme. Sie wollten nachgeben als sie sah, dass Kevin sich nicht mehr in Sicherheit bringen konnte, nachdem er gerade die junge Frau noch so Boden geworfen hatte. Dass Kevin an dem Auto zusammengesackt war, sein Blut an der zersplitterten Seitenscheibe, vor der er gerade noch stand, herunterrann und dass sich wesentlich mehr aus seiner Brust drückte. "Kevin? KEVIN!", schrie sie panisch und krabbelte auf allen Vieren auf ihren Freund, auf den Mann den sie immer noch liebte zu. Für einen Moment schien er sie gar nicht wahrzunehmen, er starrte geradeaus, mit aufgerissenen Augen, als könne er nicht fassen, was gerade passiert.
      Aus der Eingangstür der Dienststelle strömten Menschen, allen voran Semir mit gezogener Dienstwaffe, den natürlich hatte er die Schüsse im Büro gehört. Er lief auf die Straße und blickte zuerst nach links, wo er das Heck eines Wagens sah, der sich schnell entfernte. Im ersten Affekt wollte der Polizist die Waffe auf das Auto richten und schieße, der zweite Affekt war zu seinem BMW zu rennen und die Verfolgung aufzunehmen. Doch eine panische, schreiende Stimme hielt ihn zurück und ließ ihn herumwirbeln. Das Ganze passierte in Sekundenbruchteilen.


      Es war ein unwirklicher Anblick, Kevin heftig atmend und blutend an dem Auto sitzen zu sehen, während gleichzeitig der Attentäter, vielleicht sogar der Mörder ihres Falles zum Greifen nah war. Semir musste in Sekundenschnelle entscheiden, ob er seinem Instinkt folgte, die Verfolgung aufzunehmen... doch er realisierte, wie ihm plötzlich, beim Anblick seines Partners alles egal wurde. "Semir!!! Hilf mir!!", hörte er Jennys verzweifelte Stimme, die aufgrund des Schocks völlig unkoordiniert und panisch beide Hände auf eine der Wunden drückte, was dem Blutfluss natürlich wenig Abbruch tat. Die Gedanken zuckten in Sekundenbruchteile durch Semirs Kopf, und von aussen sah es so aus, als würde er nach dem Herausstürmen aus der Dienststelle keinen Moment stehen bleiben und sofort zu Kevin laufen, obwohl in seinem Kopf alles wie eine Zeitlupe lief.
      Hektisch knöpfte er sich sein Hemd auf, zog es sich vom Oberkörper und drückte es dem jungen Mann am Boden auf die Brust. Kevin stöhnte auf, das erste Adrenalin verschwand, die ersten Schmerzen kamen. "Leg dich hin. Ganz ruhig atmen!", sagte er mit erregter, aber krampfhaft versuchter ruhiger Stimme. Bonrath kam dazu und zog Kevin an den Füßen ein wenig vom Auto weg während Semir Kevins Oberkörper stützte, damit er sich auf den Rücken legen konnte. Dabei fühlte Semir an seinen Händen warmes Blut vom Kevins Rücken. "Scheisse...", murmelte er verzweifelt. "Wir brauchen einen Arzt!! SCHNELL!", schrie er dann nach hinten, doch natürlich hatte einer der Streifenkollegen längst die Rettungswache alarmiert, während zwei Streifenwagen mit Blaulicht dann doch die Verfolgung des Attentäters aufnahmen.


      Jenny konnte nicht helfen. Sie kniete mit zittrigen, blutigen Händen neben Kevin, der verzweifelt um Luft rang und dabei die Finger in den Asphalt zu krallen schien. Anna Engelhardt, die bei den Schüssen natürlich ebenfalls aufgeschreckt und mit den Kollegen nach draussen lief, fasste die junge Frau so vorsichtig wie bestimmt an den Schultern um sie ein wenig weg zu ziehen, da zwei Kollegen und Bonrath nun Semir bei der Erstversorgung halfen. Sie war keine Hilfe, sie stand völlig neben sich und starrte nur mit entsetztem Blick auf das, was passiert war. "Lassen sie mich! Lassen sie mich!!", rief sie um die Hände von Frau Engelhardt abzuschütteln und selbst Kevins Hand zu greifen, die sich sofort krampfhaft um die kleinere Hand von Jenny schloß, als würde er versuchen, sich an einem Abhang festzuklammern... als würde Jenny ihn so am Leben halten können.
      Semir und seine Kollegen konnten nicht mehr versuchen, als durch Schocklage und Aufdrücken auf die beiden Wunden im Oberkörper Kevins Kreislauf aufrechtzuhalten. Zum Glück lag die Rettungswache ebenfalls in der Nähe der Autobahn und es dauerte nicht lange, bis das vertraute Sirenengeräusch erst in der Ferne zu hören war, dann immer näher kam. Für jeden Verletzten bei einem Verkehrsunfall war es immer eine Erleichterung, wenn die, in Ersthilfe zwar ausgebildeten Polizisten von den Männern in den rot-blauen Anzügen und ihrer großen Rettungstasche abgelöst wurden. Es gab einfach ein Gefühl der Sicherheit.


      Kevin bekam dieses Gefühl nicht mit. Vor seinem Auge verschwamm alles. Er hörte Jenny, er hörte Semir und weiteres Stimmengewirr. Ein "Oh Gott" von Bonrath. Verdammt, es hatte ihn erwischt und er hatte gesehen wer es war. Doch die Gedanken des jungen Polizisten liefen im Kopf durcheinander, er spürte stechende Schmerzen beim Atmen und eine seltsame Kälte in sich aufsteigen. Er spürte die Hand, die ihn festhielt und er konnte nicht kontrollieren, wie fest er zupackte. Als Kevin merkte, dass er das eklig schmeckende Blut im Mund nicht mehr halten konnte und es rechts und links aus seinem Mundwinkel rann, konnte er wieder diese vertraute Stimme neben ihm hören. "Nein... neeein! Bleib bitte bei mir!!" Er war doch hier... Jenny sollte aufhören zu weinen. Er wollte es sagen, aber er konnte es nicht.
      Die Notfallhelfer machten keine langen Anstalten, sie ersetzten Semirs mittlerweile blutdurchtränktes Hemd durch einen zweckmäßigen Druckverband, legten Kevin eine Infusion um den Kreislauf halbwegs zu stabilisieren und hatten ihn, gefühlt in einer halben Ewigkeit, real aber in Sekundenschnelle auf eine Trage und dann in den Rettungswagen geladen. Semir hielt dabei die Infusionsflasche und stieg, wie selbstverständlich, in den Krankenwagen. Sein Kopf funktionierte im Notfallmodus, der erstmal alle Emotionen abschaltete. Die würden später kommen. Tom starb vor über 10 Jahren in seinen Armen, damals kannte er diesen Modus noch nicht. Er kniete im strömenden Regen mit seinem besten Freund am Boden, und die Situation war so ausweglos dass in Semir nichts mehr funktionierte. Ähnliches wiederfuhr ihm dann mit Chris, bei dem auch jede Rettung zu spät kam. Es schien, als würde er das diesmal mit allen Mitteln verhindern wollen, was damals unmöglich war.


      Diesmal konnte Jenny nichts aufhalten. Nicht die Hände und beruhigenden Worte von Anna Engelhardt, nicht die harschen Worte des Rettungssanitäters und auch nicht die Vernunft, dass es im Rettungswagen sehr eng werden würde zu dritt hinten drin. Aber das war ihr egal. Sie drängte sich hinter Semir ebenfalls in den kleinen Raum des Transporters, und während der Sanitäter, nachdem er Kevin noch eine Beatmungsmaske aufgezogen hatte, damit beschäftigt war, weiterhin Kevins Kreislauf zu stabilisieren und die Blutung zu stoppen, hielt sie zitternd Kevins Hand. Die junge Frau war wie im Tunnel, und wie in einem Flashback fielen ihr plötzlich unglaublich viele Szenen der vergangenen Monate ein. Sie sah in Kevins Augen Freude, sie sah sogar Begeisterung mit Ben auf der Bühne, sie sah Traurigkeit, sie sah Verzweiflung und sie sah besonders oft Wut und Schmerz aus seiner Vergangenheit. Diesmal sah sie etwas, was sie vorher nie gesehen hatte. Angst... in Kevins Augen stand die Angst, als er sie für einen Moment ansah. Es brach ihr das Herz und sie drückte seine Hand noch fester.
      Der Transporter hatte gerade angehalten, als der Semir bereits die hintere Tür öffnete und half, die Trage zu entsichern und herauszuziehen. Mit zwei weiteren Ärzten schob man ihn sofort ins Gebäude in Richtung eines Flurs. Jenny versuchte Schritt zu halten, obwohl sie wusste, dass an der berühmten Tür ihre Unterstützung enden würde... doch sie erreichte sie nicht. Als sie bemerkte, dass Kevins Lider flatterten und eine Ärztin rief "Wir verlieren ihn! Verdammt, Wir verlieren ihn!!" gaben ihre Beine nach und sie fiel hin. Semir übergab die Flasche einem der Ärzte, die mitliefen, und blieb bei Jenny, die zusammengekauert am Boden liegen blieb und endgültig alle Fassung verlor und von einem Weinkrampf ergriffen wurde. Der erfahrene Polizist schlang die Arme um die junge Frau und hielt das zitternde Bündel fest...
      Ich bin es so leid, ohne dich zu sein
      Ich spür' wie das Leben aus mir rinnt,
      Nichts dringt mehr bis zu mir herein
      Träumen und Wachen jetzt eins nur sind

      Hilf mir mich zu finden nach all diesen Jahren
      Nimm mich ein kleines Stück Weges mit dir
      Heile die Wunden, die unheilbar waren
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    • Krankenhaus - 9:45 Uhr


      Jeder Krankenhausflur war gleich. Er war lang, weiß, fühlte sich oftmals kalt an wenn man vor einer OP-Tür stand oder saß und fieberhaft wartete, bis endlich einer der Männer oder Frauen in Weiß aus den Türen trat und hoffnungsvolle Voraussagen machte. Oder sagte, dass alles wieder gut wird. Aber es kam niemand, so kam es Semir, Jenny, Andrea und Anna Engelhardt vor, die sich allesamt auf dem Flur aufhielten. Jenny saß gekrümmt auf den Stühlen, sie hatte sich nur langsam beruhigt. Die Ärzte hatten ihr ein leichtes Beruhigungsmittel gegeben, nachdem sie auf dem Flur weinend zusammengebrochen war. Semirs Ehefrau saß dicht bei ihr, hatte ihr den Arm um die Schulter gelegt und diente als seelische Stütze. Immer wieder redete sie ihr beruhigend zu, strich ihr mit der Hand über den Rücken oder durch die Haare.
      Etwas distanziert aber nicht weniger sorgenvoll saß die Chefin daneben und beobachtete ihren besten und treuesten Mitarbeiter, Semir, der ihr gegenüber mit verschränkten Armen an der Wand stand. Wie oft warteten sie im Krankenhaus schon darauf, endlich erlösende Infos zu bekommen. Auf Semir selbst hatten sie bereits schon mal gewartet, nach einem schweren Autounfall, als er mit Kopfverletzungen ins Koma gefallen war. Und er selbst begleitete seine Partner ebenfalls schon auf solchen Fluren in den OP, aus dem OP heraus... es war immer gut gegangen, wenn sie jemanden noch rechtzeitig ins Krankenhaus geschafft hatten. Ausser im Frühling bei Timo. Und genau dieses Szenario hatte Semir jetzt fatalerweise im Kopf.


      Sie hatten die Trage durch die Tür zum OP gefahren, als Semir bei Jenny am Boden blieb. Seitdem hatte der Polizist immer mal eine Schwester oder einen Arzt gefragt, ob sie den schon eine Info hätte, wie es um Kevin stand, doch sie wurden immer wieder nur verwiesen, warten zu müssen. Dass kurz vor der OP-Tür plötzlich Hektik ausgebrochen war, machte die Sache nur noch beunruhigender. Nur kurz danach erreichte Semir die Information, dass die Kollegen keinen flüchtenden Wagen mehr auf der Autobahn ausfindig machen konnten, den Jennys Beschreibung war ebenfalls nur vage. Sie fiel zu Boden, bevor sie den Wagen sah, sie hörte die Schüsse, schaute auf Kevin... eigentlich hatte sie das Auto nicht gesehen. Nur aus den Augenwinkeln sagte sie, dass er dunkel war und relativ groß. Vielleicht ein SUV. Keine Marke, kein Modell, keine Farbe. Der Attentäter musste sehr abgebrüht gewesen sein, direkt danach auf der Autobahn in aller Seelenruhe weiterzufahren.
      Jenny hatte sich daran erinnert, als sie an der ähnlichen Stelle ebenfalls vor einem Jahr von einem Mann aus dem Auto heraus niedergeschossen wurde. Damals hatte sie Glück und der Schuss in den Bauch traf keine Organe. Und damals begann auch langsam die Beziehung zwischen ihr und Kevin. Sie durfte einfach nicht an der gleichen Stelle enden... der Gedanke ließ sie immer wieder schniefen. Der Sekundenzeiger auf der Uhr, die in der Mitte des Flurs hing, schien stehengeblieben zu sein, so lange kam ihnen die Warterei vor.


      Irgendwann, während der Warterei, hatte die Chefin Semir beiseite genommen. "Ich denke, wir sollten Ben Bescheid sagen.", sprach sie den Gedanken aus, der Semir schon im Kopf umherging. Er wusste natürlich, was das bedeutete: Ben würde seinen Urlaub sofort abbrechen und mit der nächsten Maschine zurückfliegen. Sie waren heute Morgen ja erst angekommen, durch die Zeitverschiebung war es in den Staaten gerade mitten in der Nacht. Aber das war eine Sondersituation und Ben würde es Semir niemals verzeihen, wenn er ihm nicht Bescheid gab und Kevin würde etwas passieren. Er nickte und sagte: "Ich rufe ihn gleich an." Er hoffte, Ben würde sich an seine Angewohnheit halten und das Handy auch nicht im Urlaub abschalten... ohne sein Smartphone konnte er auch nicht.
      Der erfahrene Polizist verließ den geschützten Bereich und ging nach draussen. Auf dem Weg kam ihm Bonrath entgegen, der eigentlich vor hatte, seinen besten Freund zu besuchen, der gleich ebenfalls operiert werden sollte. "Und, wie siehts aus?", fragte er besorgt. "Operieren noch... wir haben noch nichts gehört." Der baumlange Polizist nickte und ging daraufhin ins Zimmer seines dicken Partners, der bereits wartete, von den Krankenschwesterb "abgeholt" zu werden. Seine Frau war ebenfalls da. "Sie sagten, es dauert noch ein wenig... irgendein Notfall im OP.", sagte er mit nervöser Stimme. Bonrath nickte und schwieg... es war sicher nicht gut, wenn er Herzberger in dieser Situation noch damit konfrontierte, um wen es sich bei diesem Notfall handelte...


      Semir war erleichtert, als er das Freizeichen am Ohr hörte... Ben hatte das Telefon zumindest nicht abgeschaltet. Irgendwann hörte er auch die verschlafene Stimme am Lautsprecher. "Semir..? Wir haben Zeitverschiebung, hier ist es Nacht, was ist los?", murmelte er verschlafen und Semir konnte seinen besten Freund quasi vor sich sehen... mit verschlafenen Augen und Sturmfrisur. Doch zum Lachen war ihm nicht. "Ben... es ist etwas ganz Schlimmes passiert.", sagte er vorsichtig und sofort war sein Partner hellwach. "Was ist los? Ist etwas... doch nicht etwa..." Er hatte eine Vorahnung. Er wusste ja, dass Kevin im Fadenkreuz des Killers stand und Ben hatte sofort das grausame Bild vor Augen, das Gewissheit wurde, als Semir es sagte: "Kevin ist vor der Dienststelle niedergeschossen worden."
      Es war mucksmäuschenstill in der Leitung. Nur ein kurzes "Fuck...", kam Ben über die Lippen. "Sie operieren noch. Ich kann... noch nicht sagen wie schlimm es ist. Aber er wurde... er wurde am Oberkörper getroffen, also...", versuchte er zu erklären, dass es vermutlich ernst sein könnte. "Wir nehmen sofort die nächste Maschine zurück." Semir wollte ihm nicht widersprechen, er würde es genauso tun. Er hörte ein leises "Was ist los?" im Hintergrund von Carina. "Aber warum vor der Dienststelle? Ich dachte, es müsste in der Tankstelle passieren?" "Du, keine Ahnung... darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Jenny war direkt dabei... wir warten jetzt gerade alle, dass er endlich aus dem OP herauskommt." "Mein Gott... bitte sag mir sofort Bescheid, wenn ihr was wisst. Ich schau sofort, wann die nächste Maschine geht." "Alles klar, bis dann." Dann trennten sie die Verbindung, und Semir musste erstmal durchatmen.


      Er kam zurück in den Flur und hatte das Gefühl, dass die Zeit stehengeblieben war, während er rausgegangen war denn es hatte sich nichts an der Situation geändert. Die Chefin sah ihn kurz fragend an, Semir nickte und sie verstand sofort. Stumme Kommunikation. Ben würde so schnell es geht zurückkommen, einerseits um Kevin beizustehen und andernfalls natürlich um Semir zu unterstützen. Denn eines war klar: Jenny würde wohl nicht von seiner Seite weichen. Endlich kam ein Arzt aus der Tür, der sofort den Blickkontakt zu der kleinen Gruppe suchte, die sehnsüchtig auf gute Neuigkeiten wartete. Semir ging sofort zwei Schritte auf ihn zu, als er die Miene des Arztes sah, verspürte er allerdings sofort einen Klos im Hals. Auch Jenny begann zu zittern, sie stand langsam auf und kam direkt dazu.
      "Wie siehts aus...?", fragte Semir so zögerlich, als hätte er Angst vor der Antwort. "Bei einer Kugel hatte Herr Peters Glück. Sie ist zwar durchgeschlagen, hat einige Arterien verletzt, aber keine lebenswichtigen Organe. Allerdings hat sie verursacht, dass er viel Blut verloren hat." Er räusperte sich kurz. "Die zweite Kugel allerdings hat die Lunge getroffen. Deswegen mussten wir ihn im Krankenwagen auch bereits künstlich beatmen und intubieren. Kurz vor der OP hatte er auch einen kurzzeitigen... kurzzeitigen Herzkreislauf-Kollaps, aber das konnten wir abfangen. Wir sind jetzt dabei, den Schaden an dem zusammengeklappten Lungenflügel quasi zu reparieren.", gab der Mann kurze und sehr kühle Beschreibungen ab, was gerade mit Kevin passiert. Jenny schmerzte jedes Wort, vor allem das Wort "Herzkreislauf-Kollaps" trieb ihr die Tränen in die Augen. "Wie... also... wir er das schaffen?" Der Arzt blickte jeden der vier an und die Denkpause zwischen Frage und Antwort war allen viel zu lange. "Schwer zu sagen. Wir wissen noch nicht, ob sein Gehirn Schaden genommen hat am Sauerstoffmangel, wir wissen nicht ob der Lungenflügel reperabel ist und sich wieder regeneriert... wir werden leider abwarten müssen. In ein paar Stunden kann ich ihnen vielleicht mehr sagen. Tut mir leid..."
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      Heile die Wunden, die unheilbar waren
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    • Krankenhaus - 11:00 Uhr


      Nachdem der Arzt sich verabschiedet hatte, verabschiedete sich auch Frau Engelhardt. Egal wie schwer es ihr fiel, aber sie musste zurück in die, ohnehin unterbesetzte Dienststelle. Bonrath war bei Hotte, Semir und Jenny bekam man auch nicht aus dem Krankenhaus heraus. Semir wollte zumindest warten, bis die OP vorbei war und er halbwegs gesicherte Infos hatte, wie es seinem jungen Partner ging. Und Jenny machte nicht den Eindruck, auch wenn sie psychisch sehr mitgenommen war, dass sie das Krankenhaus heute überhaupt verlassen wollte... auch wenn Kevin aus dem OP-Saal kam. Sie würde bei ihm bleiben, über ihn wachen, so wie er bei ihr blieb, als sie wegen einer Schussverletzung im Krankenhaus lag. Damals war sie völlig überrascht, sie kannten sich erst wenige Tage und sie fand ihren Kollegen auf drei Stühlen liegend morgens in ihren Krankenzimmer vor.
      Auch Andrea musste sich verabschieden, aus den gleichen Gründen wie Anna Engelhardt. Sie strich Jenny nochmal über den Rücken, die bedankte sich bei ihrer Freundin für die Unterstützung. Dann gab sie ihrem Mann einen Kuss, bevor sie zurück zur Dienststelle fuhr. Semir, der die ganze Zeit an die Wand gelehnt stand, die Arme vor der Brust verschränkt hatte, ging nun mit langsamen Schritten zur Sitzreihe herüber und ließ sich dort neben Jenny nieder. Er ergriff ihre Hand, so wie seine Frau die ganzen Zeit versucht hatte, die junge Polizistin zu trösten.


      Jenny hatte sich etwas beruhigt... irgendwann waren keine Tränen mehr zum Weinen übrig, die Aussage des Arztes hatte ihr, merkwürdigerweise, auch ein wenig Mut gemacht. Auch wenn seine Voraussagen eher düster erschienen, so hieß es für Jenny doch erstmal eins: Kevin lebte. Kevin kämpfte... und wenn er etwas konnte, dann war es kämpfen. Dem Tod ein Schnippchen schlagen, so wie er es schon einmal im kolumbianischen Dschungel getan hatte. Der Anblick auf dem Parkplatz war so erschreckend, dass sie die ganze Zeit damit gerechnet hatte, ein weißer Engel käme aus dem OP und sagte kopfschüttelnd, dass Kevin es nicht geschafft hatte. Den Anblick auf dem Parkplatz würde Jenny auch so schnell nicht aus dem Kopf bekommen, desorientiert des Lärms, der Schüsse, dass sie fiel und erst danach bemerkte, dass Kevin an dem Auto zusammengesackt war. Dass er ihr im letzten Moment noch das Leben rettete.
      "Ich würde das nicht überleben, wenn Kevin stirbt...", sagte sie leise zu Semir, ihre Stimme war wieder fest und nur ihre geröteten Augen waren die letzten Beweise ihrer Tränen. "Das Gefühl hatte ich jedes Mal, wenn jemand aus der Familie von uns gegangen ist, Jenny...", sagte der ältere Kollege neben ihr und hielt fest die zierliche Hand. "... und so blöd es sich anhört, dieses Gefühl geht irgendwann vorbei. Aber Kevin wird nicht sterben. Daran musst du glauben, so wie du daran geglaubt hast, dass er noch lebte, als er von uns für tot erklärt wurde.", erinnerte er sie an die schwere Zeit nach Kolumbien.


      Sie schwiegen sich für einen Moment an, sahen beide paralell auf den altmodischen Boden im Stein-Design des Krankenhausflurs. Das leise Ticken der Uhr begleitete ihr Warten schon seit Stunden. Zwischendurch fragte Bonrath mal nach, wie es denn aussah und Semir versorgte ihn mit den neuesten Infos. "Wie gehts Hotte?" "Ist nervös. Gefällt ihm natürlich nicht, jetzt so lange warten zu müssen." "Hast du ihm erzählt, warum er warten muss?", fragte Semir und der baumlange Polizist schüttelte den Kopf. "Nein, das braucht er erstmal nicht zu wissen, denke ich. Dann macht er sich zuviele Sorgen." Semir nickte und Dieter verabschiedete sich wieder, nicht ohne noch eine Geste des Daumendrückens in Richtung der beiden Kollegen zu geben, die wieder ins Schweigen fielen.
      "Er hat Kevin gedroht...", sagte Jenny dann plötzlich in die Stille und ließ Semir den Kopf zu der Polizistin drehen. "Was sagst du?" "Torben... er hat nach dem Verhör Kevin gedroht. Als du und Bastian schon draussen wart." Semirs Kopf arbeitete sofort. Bisher hatte ihn sein kriminalistischer Verstand noch mit Mutmaßungen und Theorien in Ruhe gelassen, doch der forderte jetzt sein Recht. "Du meinst... er hat den Anschlag verübt? Das wäre aber ein ziemlicher Wandel vom, zugegebenermaßen brutalen Angstmachen wie einer Scheinexekution zum Mordanschlag?" "Mich hätten die beiden doch auch absaufen lassen. Vielleicht haben sie gemerkt, dass sie Kevin nicht anders aus dem Polizeidienst kriegen, als auf diese Art und Weise."


      Semir dachte nach. "Und ihr Chef wird sie weiter mit Alibis versorgen.", meinte die junge Frau neben ihm niedergeschlagen. Doch der erfahrene Polizist schüttelte den Kopf. "Für einen Anschlag dieser Güteklasse werden sich eindeutige Beweise finden lassen, die auch einem Alibi nicht standhalten. Wir werden bei der Mordkommission jeden Stein auf links drehen, bis wir irgendwas finden, und wenn wir Frege mit hochgehen lassen müssen.", sagte er kämpferisch. Die Chefin hatte ja heute morgen bereits angekündigt, die Sache im Rhein nicht auf sich beruhen zu lassen. Während man das mit gutem Willen noch auf versuchte Entführung und unterlassene Hilfeleistung herunterbrechen hätte können, war dies nun ein eindeutiger Mordversuch, würde Kevin nicht überleben, wäre es klarer Mord. Das würde Frege nicht decken können.
      Doch die beiden Polizisten hatten mit ihrer Nummer in Zusammenarbeit ihres Chefs ganze Arbeit geleistet, nämlich Jenny den Mut genommen. "Die werden immer so weitermachen, wenn ihnen jemand nicht passt.", sagte sie leise, als hätte sie Semirs Worte nicht gehört. "Was genau hat Torben zu Kevin gesagt?", fragte er. "Dass es noch nicht vorbei ist. Dass er nicht mehr lange Polizist sein wird, und dass er Kevin fertig machen würde." Semir nickte... wenn die Aussage gefallen ist, ist sie im Verhörzimmer auch aufgezeichnet worden. Eine klare Androhung. Er schloß den Serienkiller für diese Tat aus... dazu stimmte einfach nichts mit dem Tankstellenmord überein, ausser die Mordart.


      Endlich öffneten sich die Türen des Operationssaals, und zwei Krankenpfleger schoben ein Bett nach draussen. Auf dem Bett lag Kevin, er war blass, seine Haare standen fast schon typisch vom Kopf ab. Seine Augen waren geschlossen, ein Schlauch zur künstlichen Beatmung in seinem Mund machte Jenny Angst. Beide standen ruckartig auf und suchten sofort hoffnungsvollen Blickes Augenkontakt zu dem Arzt, der ihnen vorhin schon erste Infos überbracht hat. Ihr Blick flehte den Mann in weiß quasi an, zu sagen: "Es ist alles gut gegangen, er wird in ein paar Stunden aufwachen und wird wieder vollkommen gesund." Doch die Augen des Arztes machten nicht den Eindruck, dass man mit dieser Antwort rechnen sollte.
      "Bitte sagen sie uns was Gutes.", bat Jenny mit heller Stimme, während sie ihre Augen nicht von Kevin abwenden konnte. "Wie ich eben schon sagte: Die erste Kugel machte uns keine großen Probleme, diese Verletzung wurde genäht und die Arterien wurden ersetzt. Die Lunge haben wir operiert, aber sie ist geschädigt. Ausserdem ist er...", die Stimme des Arztes stockte für einen Moment und sein Blick wanderte zwischen den beiden Polizisten hin und her. "Während der OP ist Herr Peters ins Koma gefallen. Er wird jetzt künstlich beatmet und verbleibt auf der Intensivstation. Eigentlich wollten wir ihn selbst ins künstliche Koma versetzen, damit der Sauerstoffbedarf niedriger ist, um die Lunge zu schonen. Sein Zustand ist kritisch. Wir müssen jetzt abwarten, was in den nächsten 24 Stunden passiert." Jetzt stiegen die Tränen in Jenny wieder auf und ohne ein Wort zu verlieren folgte sie mit schnellen Schritten den Krankenpflegern... und Kevin.
      Ich bin es so leid, ohne dich zu sein
      Ich spür' wie das Leben aus mir rinnt,
      Nichts dringt mehr bis zu mir herein
      Träumen und Wachen jetzt eins nur sind

      Hilf mir mich zu finden nach all diesen Jahren
      Nimm mich ein kleines Stück Weges mit dir
      Heile die Wunden, die unheilbar waren
      Ich wär' fast gefallen, doch dann warst du hier

      Illuminate - Verloren

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    • Mordkommission - 13:30 Uhr


      Im Büro von Torben und Bastian herrschte geschäftige Stille. Bastian tippte mit schnellen Fingern einen Bericht der letzten Zeugenvernehmung in einem laufenden Verfahren in seinen Rechner, während sein Partner mit großen Kopfhörern auf den Ohren einige überwachte Handygespräche verfolgte. Zwischendrin brach er ab, notierte sich etwas, um dann weiter zu hören. Hin und wieder warf er einen Blick auf die Uhr, sie waren gerade vom Mittagessen gekommen. Irgendwann ging die Tür auf, und ihr kahlköpfiger Vorgesetzter stand im Raum. Um weitere Zuhörer auszuschließen, schloß er die Tür wieder hinter sich, was den blonden Torben veranlasste, die Kopfhörer ab zu nehmen. Auch Bastian widmete seine Aufmerksamkeit seinem Chef.
      "Schon gehört, was heute morgen bei unseren Freunden von der Autobahnpolizei los war?", fragte er unvermittelt und ohne Begrüßung. Die beiden Männer sahen sich kurz fragend an und schüttelten die Köpfe. Claus Frege spitzte kurz die Lippen. "Kevin ist vor der Dienststelle niedergeschossen worden, aus einem fahrenden Auto. Sieht scheinbar nicht gut aus." Er beobachtete die Regung in den Gesichtern seiner beiden Kollegen. Vor allem Bastian sah sofort zu Torben, während dieser zunächst wieder auf seinen Monitor blickte. "Und?" "Was und? Was denkst du denn, hmm?", stellte Claus eine rhetorische Frage und lehnte sich mit verschränkten Armen an die Tür des Büros. Torbens Partner fuhr sich mit der Hand durch den Bart um seinen Mund. "Oh verdammt.", murmelte er, denn er konnte sich ausrechnen, was jetzt passierte.


      "Genau... oh verdammt. Was glaubt ihr, wen die Engelhardt gerade postwendend und ohne Umwege in ihre Dienststelle zitiert hat, hmm? Ja genau! Euch beiden Hornochsen, und mich gleich noch dazu!", sagte er mit gedämpfter aber wütender Stimme. "Weil du gestern scheinbar noch eine blöde Drohung hast fallen lassen, während das Aufnahmegerät im Verhörraum noch lief. Wenn du dich schon zum Retter der Moral im Kölner Polizeidienst aufschwingst, dann stell dich, verdammt nochmal, nicht so amateurhaft an!" Torben presste die Lippen aufeinander und schüttelte den Kopf. "Von uns war es niemand. Wir waren heute morgen auf die Schießanlage im Wald, vom Schützenverein.", sagte Torben mit bemüht, ruhiger Stimme. Er wusste, dass ein Alibi, das einzig Bastian bestätigen konnte, so gut wie nichts wert ist.
      "Ich hoffe, es hat euch dort jemand gesehen!" Als von dem blonden Kommissar, sowie von seinem Partner, der mittlerweile den Kopf auf seine Hände gestützt hatte, keine Antwort kam, murmelte Frege nur ein sarkastisches "Hervorragend." Er ging zwei Schritte durch den Raum. "Heißt also, dass ich diesmal lügen muss, damit man glaubt, dass ihr es tatsächlich nicht wart." Der bärtige Polizist sah auf, er starrte auf seinen Monitor. Seine Hände zitterten und die Buchstaben vor seinen Augen begannen zu tanzen. "Das wäre sehr freundlich, ja.", sagte sein Partner.


      Der Leiter der Mordkommission atmete kurz durch. "Okay. Ich war mit euch auf dem Schießstand. Damit sind wir zu dritt. Ich rufe den Betreiber von dem Verein an, der ist mir noch was schuldig, der hat uns dann gesehen. Wir sind dort hin gefahren, haben zwei Stunden geschossen, und sind wieder weggefahren. Zusammen." "Und wenn sie das nicht glauben?", fragte Torben und sah zu seinem Chef. "Was ich jetzt so gehört habe, soll es kein Auto gewesen sein, das auf eines unserer zutrifft. Ausserdem soll der Fahrer allein gewesen sein, und wir waren zu dritt. Mehr als das können wir nicht erzählen. Für eine Mordanklage wird das wohl nicht reichen." Er drehte sich um und verharrte einen Moment an der Tür. "Und wenn doch... dann habt ihr beide es euch selbst zu zu schreiben. Ihr wolltet ja nicht auf mich hören, als ich gesagt habe, dass ihr den Typ in Ruhe lassen sollt. Jetzt habt ihr den Salat. Ihr wisst doch selbst am besten, wie schnell einem solche Äusserungen um die Ohren fliegen." Torben hätte sich, ob dieser Äusserung, tatsächlich ohrfeigen können, während sein Partner immer noch stocksteif hinterm Monitor saß. In seinem Kopf arbeitete es, seine Hände kribbelten und er schwitzte, obwohl es gar nicht so heiß im Büro war. Er hörte das Knallen der Bürotür, als ihr Chef den Raum mit einem "In 5 Minuten seid ihr in der Tiefgarage" verließ. Die Kollegen der Autobahnpolizei würden wohl jede Verspätung negativ auslegen. "Mann mann... was muss der Typ sich auch ausgerechnet heute über den Haufen schießen lassen.", grummelte Torben empathielos und stand auf.


      Er hörte die gequetschte Stimme hinter dem Monitor. "Du hast nur die erste Runde mit geschossen... dann musstest du kurz nach Hause etwas erledigen.", sagte Bastian ohne vom Monitor aufzusehen. Sein Partner sah ihn mit großen Augen an. "Ja und? Was willst du damit sagen?" "Du hast ihm gedroht..." "Bist du noch ganz dicht?", knurrte Torben. "Wenn ich den Typ wirklich um die Ecke hätte bringen wollen, hätten wir das schon damals in der Fabrikhalle machen können. Oder in der Wohnung seiner Freundin! Wir wollten ihn nur aus dem Polizeidienst holen, aber niemanden umbringen." "Das war uns vorgestern doch auch egal, als wir abgehauen sind, obwohl das Mädchen noch im Auto saß!", warf ihm sein Freund und Partner entgegen und stand ebenfalls von seinem Stuhl auf.
      "Ich hätte das vom Schießstand bis zur Autobahndienststelle und zurück doch niemals geschafft, in der Zeit in der ich weg war.", versuchte der blonde Polizist argumentativ etwas greifbareres anzubringen. Doch Bastian runzelte die Stirn und in seinem Kopf war gerade zuviel Chaos, als dass er hätte schnell einschätzen können, wie lange man aus dem Wald bis zum Dienststellengebäude der Autobahn wohl brauchte... und wieder zurück. Wie lange war Torben überhaupt weg? Verdammt... in seinem Kopf drehte sich alles.


      "Wenn ich für dich lüge... dann sag mir jetzt, klipp und klar. Warst du es? Hast du auf Kevin geschossen?", fragte Bastian und die beiden Männer sahen sich an. Der Zeiger der Uhr war schon fortgeschritten, die 5 Minuten ihres Chefes würden sie nicht einhalten. "Nein, habe ich nicht. Ich würde es dir sagen, wenn ich es getan hätte.", war die Antwort und sie kam langsam und zum Mitschreiben über Torbens Lippen. Der blonde Polizist konnte, trotz aller Verhör-Erfahrung nicht einschätzen, ob sein Partner ihm glaubte oder nicht, als dieser sich abwendete und das Büro verließ.
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      Ich spür' wie das Leben aus mir rinnt,
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      Illuminate - Verloren

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    • Dienststelle - 14:00 Uhr


      Semir hatte in Windeseile alles vorbereitet, bevor die Chefin auf der Mordkommission angerufen hatte, um das Verhör einzuberufen. Und ihre Stimme war so durchdringlich und bestimmt, dass sie keine Widerworte duldete, auch nicht von Frege der ihr vom Dienstgrad gleich gestellt war. Der erfahrene Polizist hatte sich die Akten bereit gelegt, Fragen aufgeschrieben. Diesmal würden sie die Verhöre einzeln durchführen, er würde Bastian und Torben verhören, die Chefin würde mit Frege sprechen. Sie würden sie diesmal unter Druck setzen müssen, irgendwie... sie durften nicht wieder davonkommen.
      Der Polizist ärgerte sich, dass er sich von Kevin gestern hatte überreden lassen, mit Jenny das Verhör durch zu führen. Es war gescheitert, so wie sein junger Partner es voraus gesehen hatte. Wäre es anders verlaufen, wenn Semir die beiden verhört hätte? Er würde sich diese Frage nie beantworten können, genauso wenig wie die Frage, die an dieser Antwort hing... würde Kevin dann noch gesund und munter auf seinem Schreibtischstuhl sitzen, statt an Beatmungsgeräten im Krankenhaus, unwissend jemals wieder aufzuwachen. Dieser Gedanke schmerzte Semir und er verfolgte ihn bei jedem Handgriff, den er an diesem Vor- und Nachmittag tat, nachdem er aus dem Krankenhaus zurück gekommen war. Immer wieder sah er auf sein Handy, um bloß keinen Anruf von Jenny zu verpassen, wenn etwas passierte. Aber er musste weiterarbeiten, vor allem um den Attentäter aus dem Verkehr zu ziehen.


      Die drei Männer der Mordkommission kamen an, und es kam Semir wie ein Deja-Vue des vorherigen Tages vor. Nur mit dem Unterschied, dass Kevin und Jenny fehlten. "Es tut mir leid, was heute morgen hier vorgefallen ist.", sagte Claus Frege und man nahm es ihm fast als ehrlich ab... so empfand es Semir. Bastian kam ihm besonders nervös vor, er sah ständig mit den Augen hin und her, konnte nicht einen Moment ruhig stehen und rieb sich ständig die Hände. Ähnlich wie der junge Polizist aus der Abteilung für Wirtschaftskriminalität. Als Ermittler der Mordkommission müsste er wissen, dass einem erfahrenen Ermittler sowas sofort auffällt. Er würde trotzdem zuerst Torben vernehmen und bat ihn in Verhörraum I, während Bastian mit einem Beamten in Verhörraum II Platz nahm. Claus folgte Anna Engelhardt in deren Büro.
      Semir nahm gegenüber von Torben Platz. "So, da sitzen wir wieder, hmm?", sagte er beinahe ironisch, während der blonde Polizist wieder seine Abwehrhaltung eingenommen hatte. "Ja, und es wird wohl genauso ausgehen, wie gestern. Also halt' dich kurz.", entgegnete der ihm. Und er klang sehr sicher. "Was war das denn gestern noch für ne Drohung, die ich da auf dem Band gehört habe?" Torben zog hörbar Luft durch die Nase. "Das war keine Drohung." "Was war es dann? Eine Ankündigung eines Anschlags? Ein guter Rat?", wollte Semir wissen und zog die Augenbrauen hoch. "Das war ein Spruch, mehr nicht." "Das wird der Haftrichter wohl anders sehen."


      Der blonde Polizist lachte kurz und schüttelte den Kopf. "Haftrichter? Wegen Vermutungen?" "Du hast ein Motiv! Du hast Kevin bedroht. Und gegenüber meinem Kollegen hast du geäussert, dass ihr Kevin aus dem Polizeidienst kriegen wollt." Torben wurde etwas lauter: "Aber deswegen schiesse ich ihn nicht über den Haufen!" "Aber Jenny würdet ihr absaufen lassen." Semir beobachtete Torbens Reaktion genau, doch der war abgebrüht. "Ich weiß nicht, wovon du redest.", sagte er und ging nicht auf die Finte ein. "Wo warst du heute morgen zwischen 7:30 Uhr und 9 Uhr?" "Auf der Schießanlage des Schützenvereins "Nachtigall"... zum Üben." Der erfahrene Polizist ließ einen Kugelschreiber auf den Tisch fallen. "Und dafür gibts doch sicherlich Zeugen, hmm?" Torben grinste und nickte. "Drei Stück." Semir kniff die Augen etwas zusammen. "Drei?" "Claus und Bastian waren ebenfalls da. Und der Betreiber der Anlage war da."
      Der Blick, der auf Torben lastete, war nicht freundlich. Semirs braune Augen funkelten und der zusätzliche Zeuge passte ihm gar nicht. Er stand auf, verließ den Verhörraum und ging mit schnellen Schritten in sein Büro. Unterwegs wies er einen uniformierten Kollegen kurz an, in den Besitzer der Schießanlage zu befragen und sich das Alibi bestätigen zu lassen. Dann rief er Hartmut an, bat ihn darum über einen Eilantrag die Standorte der drei Diensthandys der Mordkommission zu ermitteln und danach schnellstmöglich zur Dienststelle zu kommen um einen Schmauchspurentest zu machen.


      Danach ging Semir in den Verhörraum nebenan, wo Bastian saß. Immer noch nestelte er an seinen Fingern, oder an den Knöpfen seines Hemdes. Hin und wieder strich er sich auch über den Bart. Der Autobahnpolizist setzte sich gegenüber von ihm und sah ihn mit verschränkten Armen an. "Na... was hast du mir zu sagen?", fragte er ihn und erntete einen irritierten Blick. "Ich weiß ehrlich nicht, warum ich hier sitze." "Na, vielleicht weil du und dein sauberer Partner versuchen, meinen Partner aus dem Polizeidienst zu bringen... und dein sauberer Partner gestern eine Drohung gegenüber meinen Partner ausgesprochen hat, und mein Partner gerade im Koma liegt und um sein Leben kämpft, nachdem er heute morgen niedergeschossen wurde." Er merkte, wie die Bewegung von Bastians Händen schneller wurden. "Das tut mir leid, aber damit habe ich nichts zu tun."
      Semirs Nicken konnte man sofort als Sarkasmus bemerken, sein leises "Na klar" ebenfalls. "Wo warst du zwischen halb 8 und 9?" "Ich... ich war mit Claus am Schießstand." "An welchem Schießstand?" "Na... in der Mordkommission im Keller." Nun war es Semir, der irritiert dreinblickte. "Das ist ja interessant..." "Wieso?" "Dein Partner war nicht dabei?", fragte er interessiert und Bastian räusperte sich. "Nein, Torben kam heute später. Der war erst so gegen... weiß nicht... halb 10 im Büro, ungefähr." Semir nickte und stand wieder auf. "Ich bin gleich wieder da..."


      Er verließ das Verhörzimmer und klopfte bei Anna Engelhardt an die Glastür. "Chefin, kommen sie mal kurz?" Er sah Claus auf der Ledercouch sitzen, auf dem Tisch ein kleines Diktiergerät... die Chefin machte die ganze Sache offiziell als Verhör, und Frege schien zugestimmt zu haben. Anna Engelhardt entschuldigte sich kurz und schloß die Glastür hinter sich. "Torben und Bastian widersprechen sich. Laut Torben waren sie zu dritt auf einem Schießstand im Wald und wurden dort sogar vom Betreiber gesehen. Bastian dagegen sagt, er sei mit Claus auf dem Schießstand der Dienststelle gewesen und Torben wäre erst um halb 10 zum Dienst erschienen." Die Chefin nickte ob der Informationen und antwortete ebenso leise: "Zweiteres hat Claus mir bestätigt. Er war um viertel nach sieben direkt zu Dienstbeginn mit Bastian auf dem Schießstand. Der zuständige Kommissar, der dort Aufsicht hat, faxt uns die Anwesenheitsnachweise mit Unterschrift von Frege."
      Semir strich sich über sein, leicht unrasiertes Kinn. "Haben die sich nicht abgesprochen?" Die Chefin zuckte mit den Schultern. "Vielleicht ist Frege bei diesem weitaus schwerwiegenderen Fall nicht mehr bereit, für Torben zu lügen." "Ja, das ist möglich... wir warten ab, was Hartmut bei den Netzbetreibern rausfindet und wer Schmauchspuren hat... müssten dann ja alle drei haben." Er sah kurz auf die Uhr, und in seinem Innersten reifte die Hoffnung, dass man heute Erfolg haben würde. "Ich würde es Torben auch viel eher zutrauen als diesem Bastian.", setzte er noch hinzu, bevor er wieder zu den Verhörräumen zurück kehrte.
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    • Dienststelle - 14:45 Uhr


      Die Ermittler der Mordkommission wurden langsam ungeduldig. Torben merkte an, dass es eine Unverschämtheit sei, sie so lange hier festzuhalten, schließlich hätten sie selbst auch noch Fälle zu erledigen. Semir und die Chefin hatte noch keinem der drei gesagt, dass sich ihre Aussagen nicht deckten. Und ausgerechnet Torben steckte bis zum Hals in Schwierigkeiten, ohne es zu wissen. "Jetzt halt mal die Luft an. Wir machen nur unseren Job.", sagte Semir, während Hartmut sein Equipment für den Schmauchspurentest ausgepackt hatte. Alle drei hatten in den letzten Stunden eine Waffe abgefeuert, was alle drei eben mit Übungen auf dem Schießplatz begründet hatten. Danach verteilten sie sich wieder in die Verhörzimmer, Claus Frege nahm nochmal bei Frau Engelhardt Platz.
      Hartmut wisperte und zog Semir in dessen Büro. "Wie gehts Kevin?", fragte er dann besorgt. Semir wollte nichts beschönigen, Hartmut aber auch nicht mehr Sorgen machen als nötig. Er entschied sich für knallharte Fakten. "Er ist während der OP ins Koma gefallen, aber die Ärzte haben jetzt nicht gesagt, dass die OP sonst schlecht verlaufen wäre. Sein Zustand ist kritisch. Jenny ist bei ihm." "Mein Gott... hoffentlich geht das gut.", murmelte der rothaarige Techniker und klappte seinen Laptop auf. Semir stand dabei schräg hinter ihm und bewunderte wie immer, wie schnell Hartmuts Finger über die Tasten flogen.


      "Also, wie schon gesagt ist der Schmauchspurentest bei allen drei positiv. Das einzige, was mir auffällt, ist dass er bei dem großen Glatzkopf, bei Frege, ein wenig stärker ist." Semir legte die Stirn in Falten. "Was bedeutet das?" "Das kann etwas bedeuten, muss aber nicht. Das kann bedeuten dass er die Waffe erst vor 2 Stunden benutzt hat, während die anderen beiden schon vor 6 oder 7 Stunden geschossen haben. Es kann aber auch sein, dass Frege einfach heute öfters auf Toilette war und sich die Hände gewaschen hat." Semir nickte und blickte nun auf den Monitor, auf dem sich eine Landkarte zeigte, die ihn an Google Maps erinnerte. Auf der Landkarte warten zwei Kreuze eingezeichnet, von denen sich eine gezackte Fläche mit transparenter Farbe über die Karte legte.
      "Kennst du ja. Die Kreuze sind Standorte der Funkmasten, in denen die Handys eingeloggt waren, und die Fläche bedeutet die Ausbreitung der Zelle, also wo das Handy Kontakt zur Zelle hatte.", erklärte Hartmut, gefühlt zum 152mal. "Ich weiß.", merkte Semir auch an. "Aber die Leser vielleicht nicht.", wurde er von seinem Freund erinnert und nickte verständnisvoll. Dann konzentrierte er sich auf die Karte, und das Ergebnis deckte sich mit den Aussagen von Frege und Bastian. Für Torben sah es langsam mehr als finster aus.


      "Also waren die Handys von Frege und Bastian tatsächlich in der Innenstadt eingebucht. Das Morddezernat liegt direkt in der Funkzelle drin.", sagte Semir, während Hartmut nickte. Er hatte das Gebäude der Mordkommission, sowie den Schützenverein ebenfalls markiert. "Und die Funkzelle, die den Schützenverein einschließt, reicht fast bis zu unsrer Dienststelle." "Ja, fast. Könnte sein, dass er hier auch noch eingeloggt war. Vielleicht hat er das Handy aber auch gleich bei der Hütte gelassen." "Ja, das klingt logisch.", murmelte der erfahrene Kommissar. Die Beweise verdichteten sich, als die Chefin hineinkam und mit den neuesten Infos versorgt wurde. Kurz danach kam auch Oliver, einer der jüngsten Kollegen der Dienststelle: "Laut dem Betreiber der Schützenanlage im Wald, hat er nur einen Mann heute morgen schießen sehen. Die Beschreibung passt auf Torben, allerdings erst gegen halb 9."
      Semir und die Chefin sahen sich an. "Was denken sie?" "Ich weiß nicht, Chefin. Halten sie mich für verrückt, aber das läuft mir zu glatt... war Torben wirklich so naiv, erneut auf Rückendeckung von Frege zu hoffen?" "Warum naiv, schließlich hat er ihnen schon einmal ein Alibi verschafft... und das war ja auch keine Kleinigkeit, vorgestern." Das konnte Semir nicht abstreiten, und alle Beweise sprachen gegen Torben. "Semir... er hat ein Motiv, er hat kein Alibi, der Schmauchspurentest ist positiv und er hat vorgestern versucht, Kevins Partnerin zu entführen. Ausserdem hat er Kevin offen gedroht und gegenüber Ben zugegeben, dass sie verhindern wollen, dass er weiterhin Polizist ist. Schöner kann man einen Täter gar nicht überführen." Semir nickte erneut, und war jetzt neugierig auf Torbens Reaktion. "Rufen sie den Haftrichter an?", fragte er und blieb an der Tür stehen, als seine Chefin bejahte. "Wissen sie, was ich mir wünschen würde?", fragte er dann und sah über die Schulter zur Chefin und zu Hartmut. "Wenn Kevin nachher als Augenzeuge sagen würde, dass es Torben war..." Und die Chefin verstand. Semir wollte keine Bestätigung, die eine vage Verhaftung zu einer sicheren machte, sondern er wollte, dass Kevin aufwachte.


      Torben wippte mit dem Bein, ein Zeichen der Nervosität. Bevor Semir nochmal zu ihm ging, ging er nochmal zu Bastian. Claus würde er nicht nochmal fragen brauchen, der war abgebrüht genug. Er legte dem bärtigen Polizisten die Aussage zur Unterschrift hin. "Du bist dir sicher, nichts vergessen zu haben? Oder dich in irgendetwas geirrt zu haben?" "Ja, bin ich.", sagte er was konträr zu seiner wackeligen Stimme stand. Er verlor jedoch keine Zeit, seine Aussage zu unterschreiben. "Damit geht dein Partner in den Bau. Er hat kein Alibi und hat eine klare Drohung hinterlassen. Und er lügt." Wieder beobachtete er die Reaktion, doch von Bastian kam nur ein: "Das hätte ich nicht von ihm gedacht."
      Semir wechselte den Raum und schob Torben ebenfalls das Protokoll-Formular zu, jedoch das von Bastian. "Was ist das? Das habe ich so nicht gesagt.", merkte der blonde Mann an, nachdem er die ersten Sätze gelesen hatte. "Nein. Das hat dein Partner ausgesagt. Und dein Chef hat es bestätigt." Jetzt konnte man die echte Verwunderung in Torbens Gesicht sehen, die coole Fassade fiel. "Wie bitte?", fragte er und begann dann wieder aufmerksamer zu lesen. Seine Augen flitzten über das Papier und sein Ausdruck wurde immer verwirrter. "Warum... was? Warum erzählt der sowas?", fragte er und schüttelte den Kopf. In seinem Kopf drehte sich alles und seine Lippen pressten sich aufeinander. "Hast du mir vielleicht noch was zu sagen?" Torben wusste... würde er die Wahrheit sagen, war er geliefert. Selbst dann könnte man ihm die Sache anhängen... aber was war das für ein Spielchen.


      "Nein! Die beiden lügen! Wir waren zu dritt im Wald beim Schiessen!", sagte er mit lauter Stimme. "Warum sollten die beiden lügen? Vor allem dein Chef, nachdem er dich gestern rausgehauen hat?" Eben jene Frage stellte sich Torben auch gerade, er ließ sich im Stuhl zurückfallen und fuhr sich durch die Haare. "Weil... ich... keine Ahnung, verdammt. Ich hab nicht auf deinen Kollegen geschossen!" Semirs Ausdruck in den Augen war verhärtet. "Du hast ihm gedroht! Du hast kein Alibi, aber ein Motiv und Gelegenheit! Der Schmauchspurentest ist positiv. DU FÄHRST EIN! Das reicht jedem Haftrichter." Die Augen des blonden Polizisten suchten auf dem Tisch nach Antworten, nach Lösungen. "Wenn du gestehst, wird das der Richter sicher positiv vermerken. Und wenn du ganz viel Glück hast, überlebt Kevin und es bleibt bei versuchtem Mord."
      Mit einem Ruck stand Torben auf, Semir ebenso und die beiden standen sich für einen Moment gegenüber. "Ich habe nicht auf ihn geschossen!", schrie der Mann, der über einen Kopf größer war als Semir. "Er war eine scheiss Zecke, und ja, ich will nicht dass solche Leute bei der Polizei sind, aber ich habe nicht auf ihn geschossen!!" Der Beamte, der bei den Verhören ebenfalls anwesend war, zur Sicherheit, und der wiederrum nochmal ein wenig größer war als Torben, kam mit zwei schnellen Schritten herbei, um bei einer Eskalation sofort einzugreifen. Doch Semir blieb ganz ruhig, auch wenn es in seinem Inneren brodelte. Gerne hätte er Torben eine Drohung an den Kopf geworfen, dass er beten solle dass Kevin nicht stirbt. Aber ihm wurde mal wieder vor Augen geführt, wie schnell so eine Bemerkung zum Problem wird. Er drehte sich vor Torben um und rief aus der Tür zwei weitere Beamte, um den blonden Mann abzuführen. Die Chefin hatte unterdessen bereits das Okay vom Haftrichter bekommen...
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      Nichts dringt mehr bis zu mir herein
      Träumen und Wachen jetzt eins nur sind

      Hilf mir mich zu finden nach all diesen Jahren
      Nimm mich ein kleines Stück Weges mit dir
      Heile die Wunden, die unheilbar waren
      Ich wär' fast gefallen, doch dann warst du hier

      Illuminate - Verloren

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    • Krankenhaus - 16:00 Uhr


      Jenny hatte vollkommen das Gefühl für die Zeit verloren, seit das ohrenbetäubende Geräusch der Schüsse in ihre Ohren drang. Von da an hatte sie das Gefühl, würde sie einen Film schauen und versuchte panisch auf Stop zu drücken oder einfach den Fernseher auszuschalten, denn der Film ängstigte sie zu Tode. Doch es war kein Film. Das Blut an ihren Händen war echt, es war von dem Mann, den sie immer noch liebte und dem sie einige Sekunden vorher die unangehmste Wahrheit erzählen musste, zu der sich Jenny jemals durchgerungen hatte. Niemals mehr würde sie die Augen vergessen, den Ausdruck in seinen Augen als er regestrierte, dass es wirklich so war... Jerry war der Verräter. Sein engster Freund, dem er vermutlich mehr vertraute als Jenny, Semir und Ben.
      Doch jetzt, wo Jenny an seinem Krankenbett saß, dem monotonen Geräusch der Beatmungsmaschine und der Überwachungsmonitore, an denen der junge Polizist angeschlossen war, lauschte, wünschte sie sich nichts mehr, als wieder in diese Augen zu blicken. Egal ob sie gerade erschrocken, verzweifelt, selbstzweifelnd und auch mal vor Begeisterung leuchtend waren, sie wollte einfach nur wieder hinseinsehen. Sie wollte seine monoton klingende Stimme hören, die manchmal etwas arrogant und überheblich wirkte, wenn er sein Gegenüber provozieren wollte. Jenny wollte einfach nur, dass Kevin wieder aufwachte.


      Jetzt waren seine Augen geschlossen, er lag ganz still da und sein Brustkorb hebte und senkte sich nur wenig und langsam. Die Worte der Ärzte klangen in Jennys Ohren immer noch unwirklich und nicht zuordenbar. Einseitiges Lungenversagen, Koma, Infektionsrisiko, kritischer Zustand. Es kland alles unverständlich. Die junge Polizistin wollte nur genau eine einzige Sache wissen: Wann Kevin wieder aufwachte und ob er wieder aufwachte. Ob er leben würde, oder sterben müsste. Alles andere war ihr egal. Es war ihr auch egal, als gegen späten Nachmittag Semir kurz anrief und erzählte, dass man Torben aufgrund von Indizien und bestimmten Beweisen festgenommen hatte. Der Polizist hoffte, es würde Jenny aufmuntern... zumindest ein wenig, dass der Mann der für Kevins Zustand verantwortlich war, bestraft werden würde.
      Seine Hand fühlte sich kalt an, seine Körpertemperatur war niedrig was dem Koma geschuldet war. Er kämpfte dagegen an. Die Beatmungsmaschine unterstützte ihn beim Atmen und die Ärzte sagten, dass man seine Blutwerte regelmäßig im Auge behielt, um einer Infektion schnellstmöglich zu entgegnen. Jenny nickte bei den Erklärungen nur mechanisch, genauso wie bei aufmunternden Worten der Krankenschwester, die hin und wieder nach dem Rechten sah. Aber das nahm sie genauso emotionslos auf, wie die Worte von Semir am Telefon.


      Einzig ein kleines Glücksgefühl durchströmte sie, als Bonrath an die Scheibe des Einzelzimmers klopfte und Jenny kurz mit einer Geste nach draussen bat. Er lächelte erleichtert und die junge Polizistin hoffte, dass es mit Hotte zu tun hatte. Sie kam kurz aus dem Krankenzimmer raus und sah dabei kurz auf Kevin, als hätte sie Angst ihn für wenige Minuten alleine zu lassen. "Ich weiß ja, wie es dir momentan geht.", begann er direkt mit Verständnis, dass Jenny jetzt keine Luftsprünge machen würde. "... aber ich will dir trotzdem sagen dass Hottes OP gut verlaufen ist. Es gab keine Komplikationen, man muss das Aufwachen noch abwarten, aber es sieht alles gut aus dass man den Tumor ganz entfernen konnte." Ein kurzes Lächeln huschte Jenny übers müde Gesicht und sie umarmte den baumlangen Polizisten. "Das ist gut zu hören, Dieter.", sagte sie und ihre Stimme klang traurig.
      Bonrath war für einen Moment ebenso ein Felsen, wie es heute vormittag Semir und Andrea waren, und wie es spätestens morgen auch Ben sein würde, wenn er aus Amerika schnellstmöglich zurückkehrte. Gemeinsam sahen sie kurz durch die Fensterscheibe auf den schlafenden Kevin, und es fühlte sich schrecklich hilflos an, auch für Bonrath. "Kevin wird wieder aufwachen. Da bin ich ganz sicher.", sagte er aufmunternd und strich Jenny über den Rücken. Sie nickte und drückte dabei kurz Bonraths Hand, bevor sie wieder zu ihrem Kollegen, zu ihrem Freund ins Krankenzimmer kehrte.


      Er hatte gesehen, was auf ihn zu kam. Jenny konnte an seinen Augen erkennen, wie er reagierte. Und wie er, instinktiv oder absichtlich, erst Jenny zu Boden beförderte weswegen ihm Sekundenbruchteile fehlten, um selbst in Deckung zu gehen, und ihn deswegen zwei Kugeln schwer verletzten, während die junge Frau ungeschoren davon kam. Ja, Kevin hatte ihr das Leben gerettet... das zweite Mal innerhalb von zwei Tagen. Aber diesmal hat er dafür bezahlt. Gerade jetzt, wo das Rätsel um seine Vergangenheit komplett aufgelöst war, wo er eigentlich hätte mit allem abschließen hätte können. Jenny war überzeugt, das Richtige getan zu haben, in dem sie ihm die Wahrheit sagte. Er hätte sie, Ben und Semir als Felsen gehabt, an die er sich hätte klammern können. Er hätte seinen Job einfach weitergemacht... und ja, vielleicht wären sie auch wieder zusammen gekommen.
      Die junge Frau redete sich das ein, während sie sanft über die kalte Hand strich und die beiden Striche am Unterarm betrachtete. Ihr kamen, nachdem sie jetzt zwei Stunden nicht mehr geweint hatte, die Tränen. Das Leben war ungerecht. Kevin hatte immer versucht, alles richtig zu machen, und immer hatte ihm das Leben übel mitgespielt. Wie ein schwarzer Schleier hing immer der Tod seiner geliebten Schwester über allem, was er tat. Dass er besessen davon war, alle Beteiligte des Anschlags zumindest dafür zu bestrafen, machte sein Leben zur Qual, die immer wieder von kurzen Glücksmomenten unterbrochen wurde. Seine Freundschaft zu Ben und Semir, die Liebe zu Jenny, das Wiedersehen mit Annie.


      Doch leider hatten all diese Glücksmomente auch eine Kehrseite, zusätzlich zu der Last auf seinen Schultern von Janine. Die Freundschaft zu Semir und Ben wurde oftmals auf die Probe gestellt. Jenny erinnerte sich an den Streit zwischen Kevin und Ben, als Letzterer im Beisein der Chefin von Kevins krimineller Vergangenheit plauderte. Sie erinnerte sich, als Semir Kevin in einer entscheidenden Situation misstraute, als es um dessen Tochter ging. Auch die Beziehung zu Jenny hinterließ bei ihm zwar viele Glücksmomente, in denen er spürte, dass er endlich alles Negative, alles Dunkle in seinem Leben vergessen könnte, doch die Vergangenheit mit Annie holte ihn ein. Als er ihr Leben in Kolumbien rettete, zerstörte er sein Glück mit Jenny. Später sagte Kevin einmal, dass er einfach nicht glücklich sein durfte. Dass er etwas selbstzerstörerisches hatte, dass die Angst vorm "glücklich sein" eben jenes immer wieder kaputtmachte. Weil er sich anderen Menschen verpflichtet fühlte, auch denen die ihn selbst hintergangen hatten. Wie Jerry, was er bis dahin natürlich nicht wusste, oder aber wie Annie die ihn damals an die Neo-Nazis verraten hatte und ausserdem schwieg, als man Semir retten wollte. Trotzdem hatte der danach sein Leben für sie riskiert... er konnte nicht anders. Jenny sah traurig in sein Gesicht, in dem nichts mehr von seiner Melanchonie lag, nichts mehr von der Traurigkeit, die er manchmal ausstrahlte. Irgendwie sah Kevin erleichtert aus... als wüsste er, irgendwo tief im Koma, dass es vorbei. Dass sich alles aufgeklärt hatte und keine Geheimnisse mehr zwischen ihm und seiner Schwester lagen. Dass alles aufgearbeitet war. Er musste jetzt nur noch aufwachen... einfach aufwachen.
      Ich bin es so leid, ohne dich zu sein
      Ich spür' wie das Leben aus mir rinnt,
      Nichts dringt mehr bis zu mir herein
      Träumen und Wachen jetzt eins nur sind

      Hilf mir mich zu finden nach all diesen Jahren
      Nimm mich ein kleines Stück Weges mit dir
      Heile die Wunden, die unheilbar waren
      Ich wär' fast gefallen, doch dann warst du hier

      Illuminate - Verloren

      <3
    • Köln - 21:00 Uhr


      Es war nicht gerade Waffengewalt, mit der man Jenny aus Kevins Zimmer führen musste, aber weit war Semir nicht davon entfernt, harschere Töne anzuschlagen. Aufgrund von mehreren Fällen war das Krankenhaus überfüllt, man konnte für Jenny kein Bett bereitstellen und auf der Intensivstation konnte sie sowieso nicht schlafen. Noch dazu hatten die Krankenschwestern schon eine Ausnahme gemacht, dass sie überhaupt zwei Stunden über die Besuchszeit bleiben durfte, nachdem Semir am Vormittag bereits geschwindelt hatte und unschuldig nickte, als Jenny behauptete, sie wäre Kevins Lebensgefährtin. Irgendwie stimmte es ja auch, fand der erfahrene Polizist. Und so harrte die junge Frau am Bett ihres Freundes aus, bis Semir und Andrea gemeinsam an der Scheibe standen, klopften, und sie heraus baten.
      Es fiel ihr unglaublich schwer, zu gehen. Sie bildete sich ein, dass Kevin sterben würde, sobald sie das Zimmer verließ. Das ging am Nachmittag so weit, dass sie nicht mal mehr auf Toilette gehen wollte, aus Angst, es könnte etwas passieren. Sie strich ihm durch die abstehenden Haare und gab ihm einen sanften Kuss auf die Stirn, bevor sie ging und bat ihn flüsternd, bitte noch am Leben zu sein, wenn sie am nächsten Morgen wieder kam. "Ich lasse dich niemals mehr allein, Kevin.", setzte sie noch leise dazu, als sie schon an der Tür stand und noch einen Blick auf ihn warf.


      Als sie zu dritt das Krankenhaus verließen, spürte Jenny nun doch ein größeres Hungergefühl. Normale Bedürfnisse hatte sie im Streß und im Kummer heute hinten angestellt, diese Bedürfnisse meldeten jetzt ihren Anspruch. Semir hielt an einem Asia-Imbiss, wo sich die junge Frau eine kleine Portion gebratener Nudeln mitnahm. Sie hatte Angst vor der Nacht, Angst alleine im Bett wach zu liegen und nicht schlafen zu können, immer wieder an Kevin denken zu müssen. Dass er jetzt allein war, dass er im Bett lag und vielleicht sterben könnte, wenn sie nicht dabei war. Andrea bemerkte die Stille im hinteren Fahrzeugraum und sah immer mal wieder nach hinten. "Willst du wirklich nicht bei uns übernachten, statt heute Nacht alleine zu sein?", wiederholte sie ihr Angebot, Jenny ein Quartier für die Nacht zu geben. Aber es war ja nicht so, dass Kevin jetzt die ganze Zeit vorher bei ihr war, auch wenn er vorletzte Nacht bei ihr übernachtet hatte. So war sie das "Alleine-schlafen" zur Zeit gewohnt, insofern waren es nur die Gedanken an Kevin, die diese Nacht mühsam machen würden. Morgen früh würde sie mit ihren eigenen Auto fahren, sagte sie beim Aussteigen und Semir nickte. Andrea umarmte die junge Frau zum Abschied. "Ich schaue morgen früh vor dem Dienst auch bei ihm rein. Versuch etwas zu schlafen, Kevin wird den Kampf nicht aufgeben." Es waren die gleichen Worte, das gleiche Mut machen, das auch Bonrath schon zum Trost gesagt hatte. Es tat gut, aber es waren nur Worte. Fakten, die einen Hinweis darauf gaben, dass es Kevin besser ging, wären Jenny lieber gewesen.


      Als sie eine Stunde später in ihrem Bett lag, ging es ihr nicht gut. Obwohl das Fenster offen war, war es warm und stickig, sie schwitzte. Sie wälzte sich unter der dünnen Decke hin und her und versuchte in den Schlaf zu finden. Konnte man aktiv überhaupt um sein Leben kämpfen, wenn man im Koma lag? Man sagte immer, wenn es jemand schaffte knapp am Tod entlang zu wandeln "Er hat um sein Leben gekämpft." oder "Er hat den Kampf nie aufgegeben." War das wirklich so? Was bekam der junge Polizist wirklich mit, während er zwischen Leben und Tod schwebte? Würde er Jennys Hand auf seiner spüren, ihre Lippen auf seiner Stirn? Hörte und verstand er ihre Worte, wenn sie ihm leise zuflüsterte, dass sie morgen wieder komme, dass er bitte aufwachen solle?
      Sie wusste es nicht, und sie würde wohl nie Antworten auf diese Fragen finden, ausser der junge Polizist würde wieder aufwachen. Er hatte unglaubliches Glück, als er in Kolumbien von einer Brücke fiel. Er hatte Glück, dass Jessys Waffe nicht mehr geladen war, als sie ihm den Lauf auf die Brust drückte und den Abzug betätigte. Er hatte Glück, dass Carsten ihn angeschossen hatte, bevor er die Gelegenheit hatte, Selbstmord zu begehen... war irgendwann das Glück aufgebraucht? Oder war Jennys Glück aufgebraucht, und Kevin tauschte schenkte seines für sie her, weil er sie auf Seite stieß und die Kugeln ihn statt sie trafen?


      Irgendwann, über diesen Gedanken, fiel sie dann doch in einen leichten Schlaf... mit beunruhigenden Bildern. Immer wieder lief sie aus der Dienststelle wie in Zeitlupe auf den Parkplatz und rief dabei laut nach Kevin. "Kevin!! KEVIN!!!" Ihr Freund stand mit dem Rücken zu ihrem Dienstwagen und sah fest in ihre Richtung. Er schien zu lächeln, seine Stimme war ruhig, gelassen und sicher. In Jenny stieg diese Sicherheit auf, die sie immer spürte wenn er bei ihr war, wenn er ihr Fels in der Brandung war und wenn es ihm gut ging. "Mach dir keine Sorgen, Jenny...", sagte er, doch ihr Pulsschlag beruhigte sich nicht. Sie träumte den Traum mehrfach und jedes Mal endete er auf die gleiche Weise. Obwohl sie beim zweiten und dritten Mal wusste, was geschah und mit lauter Stimme Kevin vor dem herannahenden Auto warnte, schien er ihre Warnung einfach zu ignorieren. Jedes Mal kam das Auto angefahren, jedes Mal schoß der Angreifer mehrfach auf den jungen Polizisten, der danach blutend am Wagen zusammensackte und jedes Mal blieb die junge Frau wie angenagelt an ihrem Platz stehen, weil ihre Beine einfach ihren Dienst versagten.
      Erst beim letzten Mal sah sie ins Auto... und sie erstarrte. Sie sah das Gesicht, die beinahe entschuldigende Geste in seinen Augen, als täte es ihm leid, Kevin nieder zu schießen. Sie sah Jerry in dem Wagen sitzen, Kevins besten Freund, der offenbar Rache an ihr nehmen wollte, weil sie das Geheimnis verriet. Beim letzten Mal zielte er nicht auf Kevin, sondern auf Jenny und sie fuhr mit einem Ruck aus dem Schlaf, drei Stunden nach Mitternacht.


      Zur gleichen Zeit landete in Köln eine Boeing, die gegen 16 Uhr im Los Angeles (dort um 7 Uhr morgens) abgehoben war. Ben hatte keine Zeit verloren und war mit Carina mit dem ersten Flug nach Deutschland zurück geflogen. Carina tat es um den verpassten Urlaub natürlich leid, doch diese Gedanken wurden von der Sorge um Kevin verdrängt. Die blonde Frau war längst Teil der "Familie" in der Dienststelle geworden, war sie doch nach Jahren die erste dauerhafte Partnerin von Ben, Semir kannte sie ja von dem Fall ebenfalls. Sie hatte jedes Mal abgewiegelt, als Ben anfing sich zu entschuldigen, dass sie den Urlaub abbrechen mussten. "Ben, es geht hier um deinen Freund. Das ist doch gar keine Frage. Sobald er wieder fit ist, holen wir den Urlaub nach." Sie hatte soviel mit ihrer kranken Mutter mitgemacht und war dadurch Meisterin im "sich selbst Mut zureden". Und so war ihre Stimme positiv, und sie ließ gar nicht die Frage aufkommen, ob Kevin nochmal fit wurde, sondern wann er nochmal fit wurde.
      Der Polizist mit der Wuschelfrisur hatte einem deutschen Pärchen am Flughafen von LA eine Luxusnacht und Rückflug am nächsten Tag spendiert, um in der eigentlich ausgebuchten Maschine deren Sitzplätze zu ergattern. Ein Notfall, er müsse sofort zurück und käme für die entstandenen Unkosten auf. Nur deshalb landeten er und Carina gegen 3 Uhr morgens und fuhren mit einem Taxi in ihre Wohnung. Bis halb 8 morgens, als beide aufbrachen um sich mit Semir am Krankenhaus zu treffen, machte Ben kein Auge zu...
      Ich bin es so leid, ohne dich zu sein
      Ich spür' wie das Leben aus mir rinnt,
      Nichts dringt mehr bis zu mir herein
      Träumen und Wachen jetzt eins nur sind

      Hilf mir mich zu finden nach all diesen Jahren
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      Illuminate - Verloren

      <3
    • Krankenhaus - 8:00 Uhr


      Die Sonne lachte vom Himmel, als wolle sie über die Männer von Cobra 11 spotten, weil sie sich an diesem bedrückenden Morgen von der schönsten Seite zeigte. Es würde ein herrlicher Sommertag werden, Kinder würden ins Schwimmbad gehen, Fahrrad fahren und Fussball spielen, Eltern würden sich an den eigenen aufgebauten Swimmingpool legen und die Sonne genießen. Cabrio-Fahrer würden nach der Arbeit ebenfalls Sonne tanken und diesen Tag genießen, während Semir am Eingang des Krankenhauses mit düsterer Miene auf seinen Partner Ben wartete. Jenny war bereits wieder bei Kevin, direkt mit Anbruch der Besuchszeit. Als der Mercedes auf dem Parkplatz hielt, konnte Semir selbst hinter Bens verspiegelter Sonnenbrille die sorgenvollen Augen erkennen, auch die restliche Mimik an Bens Gesicht drückte dies aus. Sie umarmten sich, bevor sie ein Wort sagten.
      Nach einem Moment der Stille war Bens erste Frage: "Was ist passiert? Wie gehts ihm?" Semir sah keinen Sinn um die bittere Wahrheit herum zu reden oder etwas zu beschönigen. "Nicht so gut. Sein Zustand ist kritisch.", sagte er und steckte sich beinahe verlegend die Hände in die hinteren Jeanstaschen. "Aber wie konnte das passieren?" "Ich habs selbst nicht gesehen. Jenny hat gesagt, es kam ein Auto auf den Parkplatz gerast, aus dem jemand sofort geschossen hat. Kevin hätte sie noch zur Seite geschubst, konnte aber nicht mehr reagieren." "Und den Fahrer konnte keiner verfolgen?" "Ich hab mich erstmal um Kevin gekümmert, und bis die anderen die Verfolgung aufgenommen hatten, wars zu spät." Ben seufzte und fuhr sich mit der Hand über den Mund. "Komm, lass uns erstmal reingehen."


      Auf dem Weg durch die langen Flure sagte Ben, dass Carina sich entschuldigen ließe... sie könnte nicht so gut in ein Krankenhaus gehen seit der Sache ihrer Mutter. "Wie hat sie denn den vorzeitigen Urlaubsabruch aufgenommen." "Kein Problem. Ich hab ihr schon gesagt, dass sie sich an so etwas gewöhnen muss.", meinte der Mann mit der Wuschelfrisur und winkte kurz ab. Carina hatte für diese besondere Situation natürlich vollstes Verständnis. "Wir haben Torben festgenommen.", merkte Semir dann noch an und Ben blickte überrascht zu seinem besten Freund. "Torben war es?" "Zumindest gibt es sehr erdrückende Beweise. Sein Handy war in einer Funkzelle, die unsere Dienststelle abdeckt. Er hatte Schmauchspuren, er hat Kevin einen Tag vorher gedroht und er hat, im Gegensatz zu Bastian und Frege, kein Alibi. Dazu noch die Aussage dir gegenüber, und er hat bei seiner Aussage gestern gelogen... das dürfte reichen.", erzählte der kleine Polizist. Ben kannte seinen Partner aber so gut, in- und auswendig, dass er sofort bemerkte, dass Semir mit dieser Verhaftung nicht glücklich war. "Aber?" "Was aber?" Ben seufzte und sagte: "Semir, ich hör doch da ein Aber..." Semir fühlte sich ertappt und und zuckte mit den Schultern. "Ich weiß nicht... das lief alles zu glatt. Es sieht fast so aus, als hätte Frege und Bastian Torben ans Messer geliefert. Ich weiß aber nicht, warum? Frege hat keinen Grund, Kevin zu erschiessen. Und Bastian ist dafür nicht der Typ, Torben schon eher. Es passt alles... zu gut." Ben wusste, was Semir meinte. "Aber vielleicht ist es einfach mal so, dass es gut passt." "Noch was...", merkte Semir kurz vor der Intensivstation an. "Es hat sich herausgestellt, dass Jerry derjenige welche ist, der den Attentätern damals verraten hat, welchen Weg Janine und Kevin nahmen..." Diese Info sorgte bei Ben für weitere Bestürzung. "Fuck..."


      Die kurze, sachliche Stimmung, die bei ihnen aufkam als Ben langsam wieder in den Arbeitsmodus abdriftete, wurde sofort unterbrochen als sie auf der Intensivstation ankamen und Ben vor dem Fenster stand, um in Kevins Zimmer zu blicken. Er sah seinen Partner, seinen Freund angeschlossen an Geräte da liegen, hilflos, ohne Bewusstsein. Er hatte sich seit gestern Abend ausgemalt, was ihn wohl erwarten würde, und kein Bild in seinem Kopf glich dem, was er sah. Weil er sich Kevin einfach nicht in diesem Zustand vorstellen konnte. Kevin, der oft wie ein Fels in der Brandung wirkte, unerschütterlich und noch aussen zumindest unangreifbar und unverletzlich... alles war fort. Er lag da, schwebte zwischen Himmel und Hölle. Dieses Bild war ungewohnt für Ben und es traf ihn wie ein Faustschlag.
      Ebenso traf ihn der traurige und verzweifelte Gesichtsausdruck von Jenny, die wieder dicht an Kevins Bett saß, seine Hand hielt und ihn mit ihren grünen Augen fixierte. Ben biss sich auf die Lippen, der Kommissar war eh etwas näher am Wasser gebaut als sein Partner Semir und er musste schlucken um die Klammer, die sich wie ein Schraubstock um seine Brust legte, ein wenig zu lockern. "Scheisse...", murmelte er nur und stützte sich mit einer Hand an der Glasscheibe ab. Jenny blickte auf und erkannte den Polizisten, der wieder aus den USA zurückgekehrt ist.


      Eigentlich sollte nur eine Person im Zimmer von Kevin sein, und eigentlich war das engen Angehörigen vorbehalten. Fürs Krankenhaus war Ben "nur" ein Freund des Patienten, doch Ben selbst pfiff auf Vorschriften. Es war gerade kein Arzt auf dem Flur und bevor Semir ein Wort sagen konnte, hatte sein Partner das Zimmer betreten. Als würden sie darauf achten, ihn nicht zu wecken, sprachen er und Jenny nur leise als sie sich begrüßten und umarmten. Ben hielt die junge Frau fest und bot ihr so den Halt, der gestern Semir war, den Halt der er schon war als Kevin im Gefängnis war und unter Mordverdacht stand. Beide seufzten und in Jennys Augen drückten sich wieder Tränen. Dann setzte sie sich wieder und Ben blieb hinter ihrem Stuhl stehen, während er Kevin betrachtete. Auch er meinte, so etwas wie Erleichterung in seinem Gesicht zu erkennen.
      Es war eine völlig andere Situation als damals in Kolumbien. Damals wussten sie nicht, ob Kevin tot war oder lebte. Sie bangten um ihn, er war unsichtbar und es gab keine Informationen. Jetzt lag er hier, man bangte ebenso, aber Kevin war greifbar, sichtbar. Man konnte jeden Tag entweder mehr Hoffen oder Hoffnung verlieren, je nachdem was die Ärzte sagten. War dies hier besser? Ben vermochte es nicht zu sagen, und Jenny hatte noch keine Sekunde an die Situation damals zurück gedacht als Kevin in Kolumbien verschollen war und es mehrere Hinweise darauf gab, dass er den Sturz von der Brücke nicht überlebt hatte.


      Ben ging langsam um das Bett auf die andere Seite, während Jenny ihn anblickte, als er langsam zu sprechen begann. "Wach auf, Kevin. Es ist jetzt alles vorbei." Die junge Frau hing an Bens Lippen, und er sprach mit einer Ernsthaftigkeit, die sie so von ihm gewohnt. "Du hast die letzten 12 Jahre damit verbracht, deiner Schwester gerecht zu werden. Du hast versucht, jede andere Liebe aus deinem Herzen zu verdrängen, weil Janine dein Herz alleine haben sollte, bis du jeden ihrer Peiniger gefunden hast. Du hast es jetzt geschafft und du bist niemandem mehr etwas schuldig. Janine nicht, Jenny nicht, Semir nicht und mir auch nicht. Es gibt nichts zu verzeihen... also wach auf!" Jenny konnte die Tränen jetzt nicht mehr zurück halten und weinte leise, als hätte sie Hoffnung, Bens berührende Worte würden Kevin aus dem Koma holen.
      "Wach auf... und leb endlich dein Leben. Leb endlich die positiven Seiten deines Lebens, nachdem du 12 Jahre den negativen Seiten nach gejagt bist. Ich weiß, dass du das auch willst, und dass du das schaffst.", sagte er mit trauriger Stimme und griff Kevins andere kalte Hand. "Bitte Kevin... wach auf. Wir brauchen dich hier alle..." Semir, der vor dem Zimmer stand und durch die dünne Scheibe die, zwar leisen aber klaren Worte, vernehmen konnte, musste ebenfalls tief durchatmen, denn er war sehr ergriffen...
      Ich bin es so leid, ohne dich zu sein
      Ich spür' wie das Leben aus mir rinnt,
      Nichts dringt mehr bis zu mir herein
      Träumen und Wachen jetzt eins nur sind

      Hilf mir mich zu finden nach all diesen Jahren
      Nimm mich ein kleines Stück Weges mit dir
      Heile die Wunden, die unheilbar waren
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      Illuminate - Verloren

      <3
    • JVA - 9:30 Uhr


      Die letzte Nacht, das letzte Mal mit vielen anderen Männern zusammen morgens duschen gehen, das letzte Mal im großen Raum frühstücken. Jerry tat diese Dinge, die er all die Jahre quasi in der Ohnmacht des Alltags getan hatte, dieses Mal ganz bewusst. Natürlich gab es die üblichen lustig und weniger lustig gemeinten Sticheleien. "Denk dran, morgen wirst du nicht geweckt." "Hoffentlich fühlst du dich nicht einsam in der Dusche." und "Jetzt gehörst du ja zum besseren Teil der Gesellschaft." Manche, die ihm freundlich gesinnt waren, lachten während andere ihm dabei den Mittelfinger zeigten. Über die Jahre hatte er sich manchen Mithäftling zum Feind gemacht, nicht zuletzt durch seine Drogengeschäfte. Durch diese und seine körperliche Präsenz, sowie seinen väterlichen Charakter, der ihm vor allem bei jungen Häftlingen Respekt verschaffte, musste er nie Angst haben, angegriffen zu werden. Mit den harten Jungs hielt er sich gut, viele trainierte er und wenn es Ärger gab, stand er nie allein, auch wenn er es mit einigen im Knast auch noch persönlich aufnehmen konnte, trotz seines Alters. Ein bisschen würde er den Alltag hier drin vermissen... ohne schlechtes Gewissen faulenzen, das wird im draußen schwer fallen. Denn auch wenn er vor dem Knast eigentlich arbeitslos und kriminelle war, meistens kiffte, einbrach oder Drogen dealte, so war er doch in gewisser Weise geschäftig. Sich irgendwo hinlegen, den ganzen Tag rumhängen, das war absolut nicht Jerrys Ding. Im Knast ging es oft nicht anders. Jetzt stand ihm die Welt wieder offen.


      Um halb zehn wurde er in seiner Zelle abgeholt und der Wärter sperrte die Zwischentür zwischen den Sicherheitsbereichen auf. "So, mein Guter. Dann wollen wir mal." Der ehemalige Straßengang-Anführer nickte, schaute sich noch einmal nach hinten zu den Zellentrakten um und nickte kurz. Dann verließ er diesen Bereich, und er hoffte es würde für immer sein. Er dachte an seine Worte, die er vor einem Jahr an Kevin richtete, als der hier eingesperrt war. "Eigentlich möchte ich gar nicht hier raus. Hier habe ich doch alles, was ich brauche." Er musste selbst den Kopf schütteln ob dieser Worte, als er jetzt an der Pforte stand und seine Entlassungspapiere bekam, dabei den alten Rucksack, der aussah wie ein Armee-Rucksack und immer noch mit Punk-Aufnähern verziert war, auf den Rücken schulterte.
      Er ging nach draussen und wurde erst mal von der Sonne geblendet und von der Wärme empfangen. Noch war sie halbwegs angenehm, in zwei Stunden wäre sie wohl unerbittlich. "Machs gut.", sagte der Wärter an der Pforte, sie schüttelten sich die Hände und der Polizist hatte sich dringendst angewöhnt zu jedem Häftling nicht "Auf Wiedersehen" zu sagen. Denn natürlich hoffte man, dass sich ein Verbrecher hinter Gitter geändert hatte, geläutert war und den rechten Weg jetzt nicht mehr verlassen würde. "Mach ich, danke.", sagte Jerry und ging die wenigen Schritte bis zur Hauptstraße.


      Dort setzte er sich auf eine niedrige Mauer eines Farbrikgeländes gegenüber der Justizvollzugsanstalt und wartete. Kevin hatte ihm die Tage versprochen, ihn pünktlich abzuholen, und eigentlich war der Polizist ein ziemlich pünktlicher Mensch. Jetzt konnte er ihn nirgends sehen, er schaute immer mal aufmerksam in die geparkten Autos, da er ja nicht wusste, welches Auto sein Freund aus alten Tagen überhaupt fuhr. Hin und wieder blickte er auf seine alte Armbanduhr, die dringend mal ein neues Lederband brauchte... eine der ersten Dinge, die er jetzt in Freiheit angehen würde. Die Sonne auf seinen kurzen Haaren wurde wärmer und wärmer, so hatte es den Anschein. Im Prinzip war es seine Ungeduld, endlich von hier weg zu kommen, endlich irgendwo Kevin zu entdecken.
      Doch statt seines Freundes hielt irgendwann ein silbernen BMW am Gehweg, direkt vor Jerry. Er zog die Augenbrauen etwas nach oben, als er im Wagen zwei bekannte Gesichter sah. Kevins Kollegen, Semir und Ben blickten aus dem Beifahrerfenster, das sich langsam senkte. Sie waren zusammen bei Kalle, Kevins Ziehmutter um ihr die schlimmen Nachrichten zu überbringen, was gestern im Trubel völlig unterging. Sie hatte sich auch noch keine Sorgen gemacht, dass Kevin mal für eine Nacht wegblieb war nichts ungewöhnliches. Jetzt reagierte sie aber geschockt und erwähnte nebenbei, dass Kevin doch noch Jerry aus dem Knast abholen wollte.


      Der Ex-Knacki stand auf und kam zur Beifahrertür. "Hat Kevin jetzt sogar schon ein Taxi-Unternehmen, das für ihn arbeitet?", fragte er grinsend und konnte mit seiner guten Laune scheinbar niemanden anstecken, denn die Mienen der beiden Polizisten blieben ernst. "Wir wollten dich abholen kommen.", sagte Ben mit monoton klingender Stimme, und Jerry hatte ein Deja-Vu. Nach nur 5 Minuten in Freiheit stieg er schon wieder in einen Streifenwagen, auch wenn der ihn nicht zurück ins Gefängnis bringen würde. "Na schön.", sagte er und warf zuerst seinen Rucksack auf die Rückbank, bevor er selbst einstieg und die Tür zu zog. Semir legte den Gang ein und der silberne BMW setzte sich wieder in Bewegung.
      "Ist Kevin krank?", fragte Jerry erst das naheliegendste, was ihm "widerfahren" hätte können. "Oder im Einsatz?" Er sah Semirs braune Augen kurz im Rückspiegel und hörte ein leises Seufzen von Ben. "Nein.", sagte dieser und blickte aus dem Seitenfenster. "Kevin ist gestern angeschossen worden und liegt im Koma." Jerry hatte das Gefühl, als würde sich die Hinterbank auf tun und er würde in einem schwarzen Loch verschwinden. Das lockere Lächeln gefror und wie in Zeitlupe sank er zurück in die Sitzbank. "Fuck...", murmelte er und sein Gesicht drückte einen Schock aus... ein Schock, der nicht gespielt war, da war sich Semir sicher als er die Reaktion im Spiegel beobachtete. "Aber... wer..." "Vermutlich ein Ex-Kollege, der eine solche Art Polizist wie es Kevin war im Polizeidienst nicht duldet.", gab Semir zur Antwort, auch wenn er mit dem Ermittlungsergebnis noch nicht so ganz zufrieden war.


      Wenig später stand auch Jerry an der Glasscheibe und sah seinen besten Freund hilflos auf dem Bett liegen. Schuldgefühle überkamen ihn, auch wenn sein dunkles Geheimnis wohl nichts mit dem Attentat zu tun hatte. Er sah Jenny, die an Kevins Bett setzte und spürte plötzlich ihren Blick. Ihre Augen wurden größer und mit einem Ruck setzte sie sich auf und kam mit schnellen Schritten aus dem Krankenzimmer, so dass Jerry zunächst überhaupt nicht wusste, wie ihm geschah. "Du mieser Dreckskerl! Du verdammter Verräter!", rief Jenny wütend und verpasste dem verduzten Jerry eine klatschende Ohrfeige, so unerwartet und plötzlich, dass selbst Semir und Ben, die in der Nähe standen, nicht eingreifen konnten. "Wie konntest du Kevin das antun!! Und ihn dann noch belügen, du mieser Scheisskerl!!" Natürlich wusste Jerry, worum es ging... aber woher, verdammt, wusste Jenny davon? Und was hatte es mit dem Anschlag zu tun? Jenny vermischte in ihrer Situation gerade alles, was ihr in den Kopf kam, und bevor sie ein zweites Mal ausholen konnte und um zu verhindern, dass sie gleich aus dem Krankenhaus, zumindest von der Intensivstation verbannt wurde, griff Ben beherzt ihr Handgelenk. "Jenny!! Hör auf! Lass das." Er umfasste ihre schlanke Taille wie ein Schraubstock und zog sie von Jerry weg, der so verduzt war, dass er kein Wort rausbrachte. Jennys Augen füllten sich mit Tränen. "Los! Wir gehen mal runter an die Luft. Komm jetzt!", sagte er in einer Mischung aus Bestimmtheit und Fürsorge. Semir folgte ihnen ins Treppenhaus, nicht ohne nochmal einen kurzen, nicht gerade mitleidsvollen, eher verachtenswerten Blick auf Jerry zu werfen.


      Das Herz des Ex-Knackis schlug heftig gegen seine Rippen, so hatte er sich den ersten Tag in Freiheit nicht vorgestellt. Wenn Jenny es wusste, und Semir ebenfalls, denn anders konnte er sich den Blick nicht erklären... wusste Kevin es dann ebenfalls? Doch einen Blick auf seinen Freund, und ihm wurde klar, dass das gerade seine kleinste Sorge sein sollte. Nur wenige Augenblicke später hörte er im Hintergrund ein klingendes Geräusch, das Öffnen von Aufzugstüren und Schritte, die neben ihm endeten. "Na... glaubst du, dass er dir verzeihen wird?" In Jerry stieg Wut auf, er kannte die Stimme und er blickte sich um. "Was willst du hier?", fragte er Anis direkt ins Gesicht. "Das Gleiche wie du... ich will einen Freund besuchen und schauen wie es ihm geht." Dabei lächelte er und schien sich hinter einem Strauß weißer Blumen, die Jerry nicht sofort identifizieren konnte, zu verstecken. Er war ganz froh, dass kein Polizist da war, der ihn sofort von der Intensivstation schmiss. "Verpiss dich von hier! Du hast hier nichts verloren!" Anis grinste überheblich, er lachte sogar kurz auf. "Dass du dich nicht schämst, Alter. Hier als trauernder Freund aufzutauchen, nachdem du mitverantwortlich dafür bist, dass dein bester Freund sein halbes Leben lang einem Phantom hinterherjagte. Ich weiß nicht, was mich mehr ankotzt." Jerry packte den Tunesier am Kragen, doch diesmal beherrschte er sich und blickte nochmal kurz auf Kevin. Aufregung, egal ob er etwas mitbekam oder nicht, würde ihm sicher schaden. Und Jerry kam nicht im Entferntesten auf die Idee, dass Anis etwas mit dem Anschlag zu tun hatte, schließlich hätte er Kevin mit der Wahrheit sogar einen Gefallen getan, wenn dieser auch schmerzte. Ein Blick auf eine Krankenschwester, die gerade den Flur entlang kam, ließ er den Tunesier sofort wieder los, drehte sich um und ging mit schnellen Schritten Richtung Aufzug... bevor er doch noch etwas Dummes anstellte.


      Anis richtete sich den Kragen seines Hemdes und warf einen Blick auf Kevin. So stark er ihm vor einigen Wochen als Gegenspieler gegenüber trat, unerschütterlich und souverän wirkte, so klar war jetzt der Unterschied zwischen dem gesunden Anis hier draussen und dem schwer verletzten Kevin hier drin. Die Krankenschwester beäugte Anis kritisch. "Sind sie ein Angehöriger?" "Nein nein... ich bin ein Freund... ich wollte ihm nur etwas vorbeibringen.", sagte er höflich. "Blumen sind auf der Intensivstation leider nicht erlaubt, und rein lassen darf ich sie auch nicht." "Oh... kein Problem. Vielen Dank füe die Info.", nickte er entschuldigend und sah, wie die Krankenschwester in Kevins Zimmer verschwand und begann, an der Beatmungsmaschine und dem Überwachungsmonitor zu hantieren.
      Anis nickte kurz, als war er zufrieden und sagte leise zu sich selbst: "Jetzt, Kevin... jetzt sind wir so gut wie quitt. Die Schlacht hast du vielleicht gewonnen, aber nicht den Krieg.", sagte er und tippte leicht gegen die Scheibe. Dann legte er die weißen Blumen unter das Fenster in den Flur. "Der Liebsten die Roten... die Weißen den Toten.", sagte er, und verstand es nicht als Drohung, sondern als Wunsch. Dann stieg er in den nächsten Aufzug...
      Ich bin es so leid, ohne dich zu sein
      Ich spür' wie das Leben aus mir rinnt,
      Nichts dringt mehr bis zu mir herein
      Träumen und Wachen jetzt eins nur sind

      Hilf mir mich zu finden nach all diesen Jahren
      Nimm mich ein kleines Stück Weges mit dir
      Heile die Wunden, die unheilbar waren
      Ich wär' fast gefallen, doch dann warst du hier

      Illuminate - Verloren

      <3
    • Vor dem Krankenhaus - 10:00 Uhr


      Man konnte Anis für einen seriösen Besucher halten, als er mit schnellen Schritten aus dem Ausgang des Krankenhausgebäudes schritt. Sein Freund Ari hatte an der Seite des Gebäudes geparkt... zum Glück. Denn Anis musste auf dem eigentlichen Wege abbiegen und über ein Stück Rasen gehen, um zur Nebenstraße zu gelangen. Wäre er den Weg weitergegangen bis zur Hauptstraße, wäre er dort wohl Semir, Ben und Jenny in die Hände gelaufen. Er war zwar sicher, dass ihn bei dem Anschlag niemand gesehen hatte, doch er wollte keinen Zusammenprall riskieren, denn sicher waren die drei Polizisten nicht erfreut darüber, wenn der Hauptverdächtige ihres letzten Falles, den sie nicht überführen konnten, den schwerverletzten Kevin besuchen würde. Im schwarzen Audi, nicht der Anschlagswagen, wartete Anis Freund.
      "Alter... du bist echt wahnsinnig.", schüttelte der nur den Kopf. "Du schiesst den Bullen über den Haufen und gehst in dann noch ins Krankenhaus besuchen? Was, wenn dich die Tussi doch erkannt hat?" "Hat sie aber nicht, Mann. Jetzt mach dir nicht ins Hemd.", antwortete Anis gelangweilt und sein Freund ließ den Motor an, um sich danach in den laufenden Verkehr einzufädeln. "Und, wie siehts aus?" "Lebt scheinbar noch, hängt aber an Maschinen.", war die kurze Antwort. Anis wirkte nicht unzufrieden darüber, dass Kevin noch lebte.


      "Ja, was heißt das? Willst du etwa nochmal nachlegen?", fragte Ari und war immer noch erstaunt wie viel Risiko sein Boss einging. Aber er wusste aus langjähriger Freundschaft, dass Anis Dinge gerne selbst in die Hand nahm, egal wie gefährlich es war. Und scheinbar hatte es auch diesmal geklappt. "Keine Ahnung. Abwarten, ob er überhaupt überlebt... und wie er überlebt. Er hat seine Rechnung bezahlt, dafür dass er sich mit uns angelegt hat. Und wenn er überlebt, wird er bestimmt bei uns vorstellig, das lässt er nicht auf sich sitzen.", sagte er. "Du meinst, er hat dich erkannt?" "Er hat mich zumindest direkt angesehen, als ich geschossen habe, und er seine Freundin gerettet hat. Möglich wäre es." "Ey Mann, Alter... was, wenn er eben schon wach gewesen wäre?", polterte Ari und hielt mit quietschenden Reifen an der nächsten Kreuzung.
      "Mann, der Kerl hat uns das Geschäft unsres Lebens versaut! Er hat es gewagt, sich mit uns anzulegen, sich auf ein Spiel mit dem Teufel einzulassen, verstehst du, Alter?", knurrte Anis. "Wenn ich schon das Risiko eingehe, das Problem selbst zu lösen, dann will ich auch selbst das Ergebnis sehen. Also kack dich jetzt nicht ein und versau mir nicht den schönen Tag, ok? Ich weiß, was ich tue." Ari presste die Lippen aufeinander, und sagte nichts mehr. Gemeinsam fuhren sie in Anis Club.



      So schnell, wie Jerry im Krankenhaus aufgetaucht war, so schnell verschwand er auch wieder. Die Hände tief in den Taschen, den Kopf gebeugt, ging er an der dreiköpfigen Gruppe vorbei, die am Eingang stand und frische Luft schnappte. Jenny hatte sich beruhigt, nachdem Semir und Ben auf sie eingeredet hatten. "Egal, was er getan hat! Er ist Kevins Freund und natürlich macht er sich die gleichen Sorgen um ihn. Sei dir sicher, dass es ihm mehr leid tut als alles andere und jedem anderen, dass die Sache damals so schief gelaufen ist.", sagte Semir und strich Jenny über die Schulter. Als sei noch eine Bestätigung dessen nötig, kam fünf Minuten später Jerry in jener gebückten Haltung aus dem Krankenhaus und blieb kurz neben der Gruppe stehen. Er war niemand, der kneifte... auch nicht in der Gefahr einer zweiten Ohrfeige.
      "Es tut mir leid, was passiert ist. Alles... aber Kevin wird wieder aufwachen." Er sagte es in einer Weise, die keinen Widerspruch duldete, als gäbe er einen Befehl oder eine Anweisung an seine junge Straßengang, der er als Vaterfigur diente. Jenny tat dieser Satz gut, obwohl sie es sich nicht anmerken ließ, Ben und Semir nickten nur stumm. Auch wenn sie Verständnis für Jerrys Sorge hatten und nicht so hart wie Jenny mit ihm ins Gericht gingen... freundlich gesinnt waren sie ihm nicht. Das spürte der Ex-Knacki, und konnte es ihnen nicht verübeln. Er nickte und ging weiter seines Weges.


      "Ich... ich gehe wieder rauf.", sagte Jenny dann nach einigen Minuten und kehrte ins Krankenhaus zurück. "Wir müssten vielleicht wieder was arbeiten, hmm? Wird uns ablenken.", meinte Semir zu seinem besten Freund und berührte ihn freundschaftlich kurz am Arm. "Ja... wäre vielleicht ganz gut." Ben ließ seinen Wagen für Jenny am Krankenhaus stehen, die mit Semir kam und stieg bei seinem Partner ein, der sofort losfuhr in Richtung Autobahn. "Das ist so komisch, ihn da liegen zu sehen. Damals wusste man ja nicht, was in Kolumbien passiert war, und die Ungewissheit ob wir trauern oder hoffen sollen... das war schlimm. Aber ihn so jetzt zu sehen... ich weiß nicht, was schlimmer ist.", sagte Ben leise nach einiger Zeit des Schweigens und sah aus dem Seitenfenster des BMW.
      "Sieh es doch mal so... jetzt können wir zumindest hoffen. Wir sind immer informiert. Wenn etwas passiert, können wir trauern, auch wenn es weh tut und auch wenn es schwer ist, ihn jetzt so zu sehen.", machte Semir ihm Mut, auch wenn es ihm natürlich auch schwer fiel. Kevin war immer ein Typ, der gerne alles im Griff hatte, der die Kontrolle behielt. Jetzt war er vollkommen hilflos, auf andere angewiesen... das war, für seine Freunde die ihn mittlerweile gut kannten, schwer zu ertragen. Für Jenny war es eine Folter.


      Semirs Handy klingelte. "Semir, hier ist Andrea.", meldete sich die Stimme seiner Frau aus der Freisprechanlage. "Ich habe hier eine Frau am Telefon, sie hat auf deinen Apparat angerufen. Ich stelle sie dir mal durch, ok?" "Alles klar." Ein kurzer Verbindungston erklang, dann meldete sich Semir mit seinem Namen. "Herr Gerkhan?", klang eine unsichere, mit leichtem Akzent sprechende Stimme. "Ja, das bin ich... was kann ich für sie tun?" "Ich... ich habe ihre Karte gefunden. Sie waren vor einigen Tagen bei den Wirtschaftsermittlern... und haben nachgefragt wegen... wegen Monika Keller.", sprach sie den Fall der erschossenen Polizistin in der Tankstelle an, weswegen vermutlich die ganze Mordserie startete. "Woher wissen sie das?" "Ich... ich habe ihr Gespräch gehört. Ich putze dort in den Räumlichkeiten."
      Jetzt erinnerten sich die beiden Polizisten, dass dort eine Putzfrau war. "Und, wie können wir ihnen helfen?" "Vielleicht kann ich ihnen helfen. Ich habe beobachtet... also... beobachtet, als mal ein Mann bei Frau Keller war. Und... die beiden wirkten sehr vertraut... wenn sie verstehen was ich meine. Und sie sprachen von Frau Kellers Ehemann... also kann der es nicht gewesen sein. Oh Gott, ich hab solche Angst meinen Job deswegen zu verlieren.", stotterte die Frau am Telefon und war scheinbar vollkommen verunsichert. Der Anruf musste sie einiges an Überwindung gekostet haben. "Sie brauchen keine Angst zu haben. Wenn sie in einem Mordfall helfen, wird sie das bestimmt nicht ihren Job kosten. Können sie den Mann beschreiben, Frau... ähm" "Ich heiße Verhofen... Melinda Verhofen... also..." Als die langsam sprechende Frau die ersten prägnanten Merkmale des Mannes aufzählte, schauten sich Ben und Semir mit großen Augen an. "Frau Verhofen, wo können wir sie abholen? Wir brauchen ihre Aussage ganz dringend offiziell!", sagte Semir aufgeregt und Frau Verhofen nannte eine Adresse ganz in der Nähe.
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      Ich spür' wie das Leben aus mir rinnt,
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      Illuminate - Verloren

      <3
    • Krankenhaus - 11:30 Uhr


      Die Zeit verging einfach nicht. Würde es Jenny etwas bringen, wenn es jetzt schon später wäre? Vermutlich nicht. Ob es nun halb zwölf, drei Uhr oder bereits halb sieben war... die Situation in diesem verfluchten Raum war immer gleich. Er war immer gleich beleuchtet, das Piepen von Kevins Überwachungsmonitoren war Monotonie pur und die Geräusche um sie herum ebenfalls. Die einzige sekündliche Abwechslung war, wenn eine Krankenschwester an dem Fenster zum Flur vorbeihuschte, oder vielleicht sogar mal hineinkam um nach dem Rechten zu sehen. Immer wieder hörte Jenny dann ein fürsorgliches "Momentan können sie wirklich nichts tun." oder ein "Gehen sie doch mal an die frische Luft, oder nach Hause. Wir passen schon gut auf ihren Freund auf."
      Ja, es war ermüdend, erschwerend und ganz sicher unangenehm, die ganze Zeit hier zu sein. Und sie würde wirklich gerne nach Hause, auf ihre Couch, arbeiten oder mal in die Stadt gemütlich einen Kaffee trinken gehen. Mit Ben, mit Andrea. Aber was wäre sie für ein Mensch, wenn sie Kevin jetzt hier alleine ließe? Würde er es vielleicht sogar merken, wenn ihre Anwesenheit weg wäre, nicht nur ihre Hand nicht mehr auf seiner liegen würde? Würde er vielleicht denken, dass Jenny ihn verlassen hatte, und dann aufhörte zu kämpfen? Diese Gedanken, seien sie noch so unreal, fesselten Jenny in dieses Zimmer, an sein Bett. Der Gedanke, schuld zu sein und nicht bei ihm zu sein, wenn etwas passierte, war unerträglich. Und so wimmelte sie jede Geste und jeden gut gemeinten Ratschlag freundlich ab.


      Diesmal kam die Krankenschwester nicht alleine, sondern brachte eine, noch recht jung aussehnde Ärztin mit. Sie hielt ein Klemmbrett mit Papieren in der Hand und bat Jenny kurz aus dem Zimmer. Im Magen der jungen Polizistin bildete sich ein Klumpen, ein untrügerliches Gefühl, eine Vorahnung schlechter Nachrichten. Sie schloß im Flur die Tür, die Krankenschwester begann, Kevin zu waschen, und dabei wollte Jenny aus verständlichen Gründen nicht zuschauen. "Frau Dorn? Sie sind ja die nächste Angehörige, wie ich gehört habe.", begann die junge Ärztin, und Jenny nickte. Niemand hatte die Existenz von Kevins Vater erwähnt, sie waren alle der Meinung dass Jenny an Kevins Bett ihm definitiv besser taten als Erik Peters. Trotzdem, sagte Semir, müssten sie es dem Nachtbar-Besitzer zeitnah mitteilen. Streit und Auseinandersetzung hin oder her... Vater blieb Vater.
      "Die Blutwerte ihres Freundes haben sich verschlechtert. Es deutet stark auf eine Art Blutvergiftung, eine Sepsis durch die Schusswunde hin.", sagte sie vorsichtig und langsam. Jenny hatte schon von solchen möglichen Komplikationen bei Schusswunden gelesen, als sie selbst angeschossen wurde. Sie wusste, es konnte eine harmlose Komplikation sein. Sie wusste, dass diese Komplikation aber auch tödlich sein kann. Ein Biss auf die Lippen, ein banger Blick. "Wir werden dies bei Herrn Peters jetzt mit starken Medikamenten behandeln, eventuell auch eine Transfusion durchführen. Er wird rund um die Uhr betreut, und ich will ihnen sicherlich nicht mehr Sorgen machen, als sie sowieso schon haben, aber...", die junge Ärztin suchte einen Moment auch erst nach den passenden Worten "... ich komme nicht umhin ihnen zu sagen, dass eine Sepsis bei dieser Art Verletzung auch lebensbedrohlich sein kann." Als sie merkte, dass bei Jenny diese Information erst sacken musste und keine Fragen oder Antworten kamen, ging sie zurück in Kevins Zimmer, wo jetzt auch ein weiterer Pfleger dazu kam, vermutlich um die erste Therapie zu beginnen.


      Jenny atmete tief durch, sie wollte der Prozedur auch durch das Fenster nicht zuschauen. Es war schrecklich, Kevin so hilflos zu sehen. Als sie einige Schritte vom Zimmer wegging und sie gar nicht mehr spürte, dass ihr einige Tränen die Wangen herunterliefen, kam ihr eine vertraute Gestalt entgegen. "Ach Gott... ich bin gerade erst von deinen Kollegen informiert worden. Was hat er denn wieder angestellt?", klang Kalles helle, aber männlich klingende Stimme durch den Flur und die stämmige Gestalt schloß Jenny in ihre Arme. Die beiden hatten sich bereits zu der Zeit, als die junge Polizistin fest mit Kevin zusammen war, kennen gelernt. "Wie gehts ihm denn?" "Geht so... er wird gerade behandelt und wir können nicht rein zu ihm." "Dann lass uns doch runter zur Cafeteria was trinken gehen."
      Kalle nahm, burschikos wie sie war, Jenny einfach bei der Hand und duldete mit dieser Geste keine Widerworte. Jenny kam diese Form der Vehemenz und Konsequenz gerade recht, und so ließ sie sich verführen, Kevin alleine zu lassen. Die Ärztin war ja gerade da. Sie setzten sich vor die Cafeteria, wo das Krankenhaus sogar draussen einige Tische, Stühle und Sonnenschirme aufgestellt hatte, für Besucher. Sie holten sich jeweils eine Tasse Kaffee und setzten sich zusammen, Jenny erzählte kurz und mit einem Klos im Hals, was genau vorgefallen war, wie es zu der Verletzung kam.


      "Ach... der Junge.", sagte Kalle ein wenig nachdenklich und man merkte ihr, trotz der harten Gangart, die sie einfach an sich hatte, eine große Zuneigung zu ihrem Ziehsohn an. "Es hört sich blöd an, aber ich hatte schon zu seiner Jugend immer damit gerechnet, dass es mal soweit kommt. Er hat sich einfach überall reingehängt, mit jedem angelegt. Vor allem wenn es um Janine oder gegen seinen Vater ging. Ich war auch nicht besonders begeistert, dass er zur Polizei ging nach Janines Tod... aber ich hatte gehofft, dass sein Leben dann etwas geregelter ist. Aber er hat sich so sehr verändert." Jenny hatte Kalle bisher nie in solch einer Stimmung erlebt, und sie hing an ihren Lippen. Über die Veränderung Kevins, vor und nach Janines Tod, hatte sie ja von Annie schon einiges erfahren. Aber jetzt war sie sehr interessiert daran, auch Dinge aus Kevins Vergangenheit von Kalle zu erfahren, die ja eine andere Sicht auf den jungen Punk hatte, als Annie.
      "Was ist eigentlich mit... also mit Kevins leiblicher Mutter?", fragte Jenny und rührte gedankenverloren in ihrem Kaffee. Kalle presste die Lippen aufeinander. "Ich weiß auch nicht alles... aber was ich weiß, ist dass Kevin eigentlich ein Unfall zwischen Erik und einem Straßenmädchen war. Nachdem er dann auf die Welt gekommen war... also...", sie zuckte mit den Schultern. "Ich weiß es auch nicht genau... jedenfalls ist das Mädchen nach der Geburt verschwunden. Ohne Kevin. Ob gewollt oder ungewollt..." "Ungewollt?", fragte Jenny. "Ich hatte Erik damals in Hamburg, auf St. Pauli schon gekannt. Man hat sich in der Szene erzählt, dass er dem Mädchen gedroht hatte, wenn sie den Kiez nicht verlassen würde. Ich hab mal gehört, sie sei nach Berlin, und dort in der Gegend untergegangen, wo Christane F. gelebt hat."


      Jenny sah traurig auf den Tisch. Sie wusste, was diese Gegend bedeutete. "Hast du mal wieder was von ihr gehört?" "Ehrlich gesagt, glaube ich nicht dass sie noch lebt. Sie war damals schon abhängig. Aber ich glaube, dass Kevin von ihr weitaus mehr hat, als von Erik.", sagte Kalle lächelnd und auch Jenny musste lächeln. Schließlich wussten beide, dass Erik und Kevin wie Feuer und Wasser waren. "Ja, das kann ich mir vorstellen. Wollte er nie wissen, wer seine Mutter ist? Dass er auf die Suche gegangen ist, oder so?" Jennys Gegenüber schüttelte den Kopf. "Kevin hatte seine Freiheit und vor allem Janine im Kopf. Er hätte sie niemals hier alleine bei seinem Vater gelassen. Wenn er seine Mutter hätte suchen wollen, dann hätte er Janine mitgenommen, und das wollte er nicht so lange sie noch zur Schule ging. Er hat sein Wohl stets unter das von seiner Schwester gestellt." Jenny fand das rührend, und es machte nochmal deutlich, wie besonders das Verhältnis zwischen den Geschwistern war.
      "Ich bin mir sicher, wenn Janine nicht getötet worden wäre, wäre Kevin immer noch auf der schiefen Bahn... vielleicht viel weiter, als er sich hätte vorstellen können.", sagte Kevins Ziehmutter nachdenklich und nahm noch einen Schluck ihres Kaffees. "Aber Janine hätte dafür garantiert Karriere gemacht. Kevin wollte nie, dass sie so wird wie er.", setzte sie lächelnd hinzu. Die junge Polizistin konnte sich gut vorstellen, dass Kevin selbst alles versucht hätte, die dunkle Welt von Janine fernzuhalten. Als sie weg war, floh er selbst vor ihr.


      Nachdem sie den Kaffee bezahlt hatten, gingen sie gemeinsam zurück auf die Intensivstation. Auch Kalle beobachtete ihren Ziehsohn nur kurz durch die Scheibe. Sie ließ es sich nicht anmerken, aber der Anblick ging auch ihr nahe. Sie war schonungslos ehrlich zu Jenny: "Versteh mich nicht falsch. Ich wünsche dir und mir, dass er möglichst gesund wieder aufwacht. Aber die Gewissheit, dass er dort oben seine geliebte Schwester wiedersehen würde...", sie stockte kurz und sah Jenny an. "Es würde mir die Trauer erträglicher machen, denke ich." Jenny verstand Kalle und nickte. Und sie musste, so schwer es ihr auch fiel, Kalles letzten Satz zustimmen: "Ich wäre mir nicht mal sicher, ob Kevin sich für das Leben entscheiden würde, wenn er jetzt die Wahl hätte..."
      Ich bin es so leid, ohne dich zu sein
      Ich spür' wie das Leben aus mir rinnt,
      Nichts dringt mehr bis zu mir herein
      Träumen und Wachen jetzt eins nur sind

      Hilf mir mich zu finden nach all diesen Jahren
      Nimm mich ein kleines Stück Weges mit dir
      Heile die Wunden, die unheilbar waren
      Ich wär' fast gefallen, doch dann warst du hier

      Illuminate - Verloren

      <3
    • Köln - 11:40 Uhr


      Semir und Ben hatten dann doch keine Zeit verlieren wollen - und ihren Plan kurzzeitig geändert. Die kurze Beschreibung, die Frau Verhofen ihnen durchs Telefon gesagt hatte, war eigentlich eindeutig und so riefen sie schnell Andrea an, sie solle ihnen das Bild des Verdächtigen sofort auf ihre Smartphones schicken. In gegebener Eile erreichten sie dann die Adresse von Frau Verhofen, und statt die 51jährige Putzfrau, die durchaus sehr schüchtern und zurückhaltend war, weil sie immer noch um ihren Job fürchtete, mit auf die Dienststelle zu nehmen und kostbare Zeit zu verlieren, befragten sie die Frau in ihrer Wohnung. Nochmal erläuterte sie, dass der Mann mindestens zweimal bei Frau Keller war, die beiden sehr innig miteinander sprachen und einmal auch ein Satz fiel, der auf eine heimliche Beziehung deutete.
      "Ich habe aber nicht gelauscht, das war absoluter Zufall, als ich gerade ins Büro kam.", sagte die Frau bestimmt 4 oder 5mal. Sie wollte nicht als Tratsche da stehen, wenn es doch einmal heraus kam. "Keine Sorge, Frau Verhofen. Wir werden das absolut vertraulich behandeln. Wenn sich der Verdacht aber erhärtet, können wir mit ihrer Aussage einen vierfachen Mörder überführen. Und dann müssen sie vielleicht auch nochmal vor Gericht aussagen.", sagte Ben. Er hatte dabei jedoch sein Strahlemann-Lächeln angeknipst und sprach so zutraulich wie der Schwarm aller Schwiegermütter. Die Frau lächelte, fasste Vertrauen und nickte.


      Das Bild bestätigte sie sofort. "Ich bin mir zu 100 Prozent sicher.", sagte sie mit leicht niederländischem Akzent. "Das ist der Mann, der bei Frau Keller war." Semir nickte und die beiden Männer brachen wieder auf. Es war Eile geboten... denn nachdem der letzte auf der Liste, Kevin, nun zumindest für einen gut nachgemachten Mord nicht mehr zur Verfügung stand, war die Gefahr da, dass der Killer seine Inszenierung abbrach... und vielleicht doch flüchtete. Ben betrachtete auf der Fahrt in die Innenstadt das Bild auf dem Handy. Der Kopf, die Glatze, die stechenden, einschüchternden aber irgendwie auch vertrauenserweckenden Augen... Claus Frege, Leiter der Mordkommission, hatte dahingehend die perfekte Ausstrahlung eines Polizisten. Einschüchternd auf Verdächtige, vertrauenserweckend für die Opfer.
      Als Semir den Wagen auf dem Parkplatz abstellte wurde er von seinem besten Freund angesehen. "Wie machen wir es? Nehmen wir ihn mit? Konfrontieren wir ihn?" Er wollte eine ungefähre Richtung, wie sie die Sache angingen und sein erfahrener Partner überlegte kurz. "Vielleicht schaffen wir es, dass er sich verrät. Wir sprechen ihn einfach auf Frau Keller an und beobachten seine Reaktion. Damit wird er nicht rechnen, weil es eigentlich keine Verbindung zwischen ihnen gibt." Ben nickte und war einverstanden, beide gingen in das Gebäude. Die Sonne brannte auf den Asphalt an diesem Sommertag.


      Semir hatte ein ungutes Gefühl, als sie den Flur betraten und von vielen Kollegen hier beäugt wurden. Natürlich hatte sich herumgesprochen, dass die Autobahnpolizei Torben festgenommen hatte wegen des Anschlags auf ihren Kollegen. Und auch wenn die Beweislast erdrückend war, hatte Torben Freunde unter den Kollegen, die natürlich eher ihrem Freund glaubten... und nicht den Partnern eines Polizisten, der im Verruf war. So lasteten einige feindselige Blicke auf den beiden Autobahnpolizisten, als sie durch die Abteilung zum Chefbüro gingen und dort klopften. Das herrische "Herein" ließ Semir aufatmen... Frege war schon mal da. Doch auch sein Blick war eher genervt, als er die beiden Autobahnpolizisten sah. "Ihr schon wieder...", merkte er an, hielt sich aber an die Höflichkeit des Händeschüttelns.
      "Ja, ich würde auch lieber darauf verzichten.", kam Ben nicht umhin auf die Spitze zu antworten. Er dachte halt auch lieber mit dem Bauch, statt mit dem Kopf, während Semir die Bemerkung einfach überhörte und Platz nahm. "Wir sind nochmal dienstlich hier." "Hat Torben noch etwas ausgesagt?", fragte Frege interessiert und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. "Nein. Um den geht es auch nicht... es geht um die Mordserie.", sagte Semir und Ben biss sich auf die Lippen. Nicht mal ein "Wie gehts Kevin?" kam Frege, immerhin Ex-Vorgesetzte von Kevin, über die Lippen.


      Der erfahrene Polizist spielte seine Karte, Frege zu überraschen, sofort aus. "Welches Verhältnis hattest du eigentlich zu Frau Keller?" Die spontane Reaktion des Stirnrunzelns kam dem erfahrenen Autobahnpolizisten eine Millisekunde zu spät... vorher hatte Claus durchaus erst einmal gestaunt. "Frau Keller?", fragte er dann nochmal genauer nach und Semir nickte, ohne dem scheinbar verwirrten Frege auf die Sprünge zu helfen. Der blickte zwischen Ben und dessen besten Freund hin und her. "Welche Frau Keller meinst du?" "Der Tankstellenmord, den ihr behandelt habt." Der Leiter der Mordkommission kratzte sich an den Händen, nicht nervös sondern bedächtig und er lächelte. "Wie kommst du darauf, dass es da ein Verhältnis gab? Sie arbeitete nicht bei uns sondern bei den Wirtschaftsermittlern.", sagte Frege.
      "Aber ihr habt euch doch gekannt.", beharrte Semir und das Lächeln verschwand aus Claus' Gesicht. "Flüchtig." "Flüchtig?" Nun war es Semir, der lächelte. "Worauf willst du hinaus?" "Ich will darauf hinaus, dass du mit Frau Keller gesehn wurdest. Mehrfach und in... sagen wir... eindeutigem Beziehungstatus.", erklärte Semir und Ben fügte in seiner gewohnten Flapsigkeit "Andere würden es auch Affäre nennen... oder F.ickbeziehung, aber wir wollen ja sachlich bleiben." Freges Augen wanderten zwischen Semir und Ben hin und her.


      "Wenn wir davon ausgehen, dass es sich bei der Mordserie um einen Racheakt handelt, weil ausschließlich Ermittler ermordet wurden, die an den verpfuschten Ermittlungen Anteil hatten, dann kommen nicht viele Personen in Frage. Der Ehemann hat sich umgebracht und scheidet aus. Die Schwester ebenfalls. Bleiben noch potentielle Affären.", sagte Semir sachlich und er merkte, dass die Gesichtszüge bei Frege vereist blieben. Wie bei einem Mann, der merkte dass in seinem Plan ein Fehler vorkam. Wie ein Mann, der seinen Plan in zweifacher Hinsicht zerstört hatte. In dem er nicht bemerkte, dass es scheinbar eine Zeugin gab... und dass er einem Mann einen Gefallen tat, wobei er nicht wusste welches Ziel dieser Mann verfolgte... und dass dieses Ziel ausgerechnet sein Finale war. Sein Plan war nicht mehr komplett umsetzbar.
      Semir zählte auf: "Du kanntest die Fälle und konntest alles nachstellen, wie du es brauchtest. Du hast als Partner von Monika Keller ein Rachemotiv. Und unter uns...", meinte er etwas leiser "Du bist kalt genug sowas durch zu ziehen..." Frege schwieg und sah aus eben jenen kalten Augen Semir an. Es sollte sein einschüchternder Blick sein, obwohl er wusste, dass dieser an zwei hartgesottenen Ermittlern, die hervorragende Statistiken vorwiesen, abprallten. "Sollen wir deine Alibis abfragen? Oder lieber direkt mit den Fragen beginnen, die uns interessieren, und die uns nur der Täter beantworten kann?" Claus Frege seufzte und hob die Augenbrauen. "Kevin hat alles kaputtgemacht... dieser verdammte Bastard.", sagte er leise.
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      Nichts dringt mehr bis zu mir herein
      Träumen und Wachen jetzt eins nur sind

      Hilf mir mich zu finden nach all diesen Jahren
      Nimm mich ein kleines Stück Weges mit dir
      Heile die Wunden, die unheilbar waren
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      Illuminate - Verloren

      <3
    • Mordkommission - 12:00 Uhr


      Es war wie im Verhörzimmer... Semir und Ben saßen nebeneinander dem Verdächtigen gegenüber, der jetzt gerade dabei war auszupacken. Nur dass sie nicht im Verhörzimmer waren, sondern im Büro des Verdächtigen. Unauffällig hatte Semir, wie es in einem Verhörraum üblich war, sein Handy auf Aufnahme gestellt und hatte es sich auf den Oberschenkel gelegt... damit er mit jedem Satz von Frege eine hieb- und stichfeste Aussage hatte. "Was hat Kevin kaputt gemacht?", fragte er dann und hörte aufmerksam zu, während Frege immer wieder von Ben zu Semir und zurück blickte. "Er hat die Ermittlungen in Monikas Fall versaut. Er hat Fehler gemacht und diese noch verschleiert, nachdem sie aufgefallen waren. Er ist schuld daran, dass man ihren Mörder nie gefasst hat.", sagte er und man hörte in jedem Satz seinen Hass auf den jungen Polizisten.
      "Was ist passiert? Welche Fehler soll Kevin gemacht haben?", wollte Semir wissen, und in sein Interesse galt sowohl hinsichtlich des Falles, als auch hinsichtlich Kevin. Claus seufzte und scheinbar fiel es ihm schwer, sich daran zurück zu erinnern. "Ich war selbst in dem Fall nicht involviert und Kevin hat mich auch wenig informiert. Erst, als das Verfahren geschlossen wurde, habe ich mich eingemischt und mir sind so die Ermittlungsfehler aufgefallen. Es gab Verdächtige, die nicht verhört wurden. Es gab mindestens drei Handynummern, die nicht überwacht wurden. Eine davon gehörte einem Mann, der Verbindungen zur Autonomenszene hatte." Den eindeutigen Blick deutete Ben sofort... Autonome Szene = Kevins Vergangenheit.


      "An dem Fall haben vier Beamte ermittelt. Es kann doch nicht sein, dass keinem die Fehler aufgefallen sind.", sagte der junge Polizist und schüttelte den Kopf. "Da kann man doch nicht alles auf Kevin schieben." "Ja, natürlich waren die anderen auch beteiligt. Deswegen mussten sie auch sterben." Frege sagte dies in einer Seelenruhe, wie eine Rechtfertigung, eine gerechte Strafe. "Ich habe Monika geliebt." "Wenn du sie geliebt hast, warum hast du dich dann nicht früher eingeschaltet? Es kann doch nicht sein, dass der ganze Fall an dir vorbeigegangen ist.", beharrte Semir, der sich nicht vorstellen konnte, wenn Andrea etwas passieren würde, er den Fall einfach Ben und Kevin überlassen würde, und sich selbst nicht kümmert. "Aus Erfahrung weiß ich, dass die meisten Fehler passieren, wenn man befangen ist. Ich hätte nicht neutral ermitteln können, und habe mich auf meine Mitarbeiter verlassen." Semir zog die Augenbrauen hoch. "Und dann überlässt du denn Fall ausgerechnet dem jüngsten und unerfahrensten Beamten in deinem Team?" "Das hat die Behördenleitung entschieden."
      Ben und Semir sahen sich an. Sie wussten, sie hatten ein Geständnis... Frege war am Ende. Er hatte gemordet aus Rache an den Beamten, die den Fall seiner toten Affäre in den Sand gesetzt hatten... ob wissentlich oder unwissentlich. Dass eine der verdächtigen Handynummern aus der linken Szene stammte, war natürlich verdächtig, aber das traute Semir Kevin einfach nicht zu, dass er einen potentiellen Mörder deckte. Er hatte sich auch damals schon aus der Szene verabschiedet. Er hatte es ihnen geschworen... und der erfahrene Polizist betete kurz, dass er die Sache hoffentlich von Kevin hören würde... aus seinem Mund, bei vollem Bewusstsein.


      "Na gut...", sagte Semir mit ruhiger Stimme. Sie hatten ihr Ziel eigentlich schon erreicht. "Warum diese Inszenierung bis ins kleinste Detail? Und vor allem: Warum das Kind eures Ex-Kollegen? Das war völlig unnötig." "Kevin war der Hauptverantwortliche, deswegen wollte ich ihm die Aufgabe stellen, die gleichen Morde aufzuklären, die seine Kollegen nicht aufklären konnten. Und das waren nun mal jene Fälle, die ich nachgestellt habe." Kalt und skrupellos war Claus' Stimme, seine Gestik und Mimik. Er saß stocksteif und gerade in seinem Stuhl und strahlte sogar jetzt noch Souveränität und Autorität aus. Er schien keinen Schritt zu bereuen. "Das Kind gehörte zu jenem Fall nun mal dazu." Semir und Ben bettelten innerlich, dass er sagte, es hätte ihn überrascht und er hätte zumindest gegenüber dem Kind im Affekt reagiert. Aber nichts. "Es war alles geplant.", sagte er kalt. Dem zweifachen Vater fiel es schwer, ruhig zu bleiben.
      "Und Kevin hätte der Letzte sein sollen?" Claus nickte. "Allerdings hätte ich ihm genug Zeit gegeben die Mordfälle zu lösen. Aber auch das hat er nicht geschafft." "Er hätte es aber... und weißt du warum? Weil er bei uns, im Gegensatz zu hier Kollegen hat, die ihn unterstützen. Und nicht versuchen, ihn fertig zu machen.", keifte Ben. Claus zuckte mit den Schultern... diese Sache war ihm nun wirklich egal. "Also nimmst du den Anschlag an Kevin heraus?" Claus blickte vom Tisch zu Semir. "Natürlich. Damit habe ich nichts zu tun."


      Die Blicke von Ben und Semir waren skeptisch. Claus' Aussagen, um Torben zu belasten, kamen ihnen schon verdächtig vor. "Glaubt ihr wirklich, ich inszeniere die Morde davor sorgfältig, um bei dem letzten dann Kevin einfach über den Haufen zu schießen?" Er lachte sogar und schüttelte den Kopf. "Nein... es wäre an einer Tankstelle passiert, so wie Monika. Und wenn ich 100 Jahre hätte warten müssen.", sagte er mit einem Schuss Fanatismus in der Stimme. "Warum jetzt erst?", fragte Ben und blickte dem Leiter der Mordkommission fest in die Augen. "Was?" "Warum jetzt? Der Fall ist fast zwei Jahre her." "Ich wollte warten bis alle Ermittler nicht mehr in meiner Abteilung sind. Nur Plotz, der Fettsack, musste seine Pension ja noch rausschieben. Aber so konnte ich ihm besser die falschen Medikamente unterschieben." "Plotz Fall war auch der einzige, der gelöst wurde im Gegensatz zu den anderen." Der Polizist mit der Glatze nickte. "Das musste man Plotz lassen... ein guter Polizist war er."
      Semir stand auf. "Im Gegensatz zu dir. Befangenheit hin oder her... als Dienststellenleiter müsste man merken, wenn etwas in der Truppe nicht läuft. Vor allem, wenn es Mobbingaktionen gegen Beamte gibt, oder Fälle aus dem Ruder laufen." Claus blickte zu Semir auf und nickte nachdenklich. "Ja, das stimmt vielleicht." "Hast du bezüglich Kevins Anschlag die Wahrheit gesagt?", wollte Ben noch wissen, denn er wollte den Verursacher von Kevins Zustand unbedingt sicher hinter Gitter wissen... und keinen Unschuldigen. Claus Frege aber nickte. "Ich habe nie gelogen." Er wusste, wenn er die Wahrheit sagte, würde er im Knast nicht lange überleben. Er hatte Anis sein Ehrenwort gegeben... und sie waren quitt. Er hatte deswegen nichts zu befürchten. Irgendwie tat es ihm zwar leid für Torben, andererseits war der Polizist aber auch selbst schuld. Nur... verdammt, warum hatte er Anis nicht gefragt, auf welchen Polizisten der es abgesehen hatte. Ausgerechnet auf sein letztes Puzzlestück. Der Unterwelt-Boss hatte nur von Zeit und Ort gesprochen, dass derjenige ihm einen Deal versaut hat, und von der Autobahnpolizei gesprochen. Claus hatte recherchiert und herausgefunden, dass federführend Semir und Ben als Ermittler gegen Anis einen Drogendeal verhindert hatte. Kevin stand in keinem Bericht drin... Semir und Ben hatten ihn rausgelassen, wegen seiner Vergangenheit zu Anis. Und weil Torben und Bastian eben gerade ihre unangenehme Bekanntschaft mit der gesamten Autobahnpolizei gemacht hatte, kam ihm das gelegen, und er ließ den impulsiven Torben über die Klinge springen, dessen Ermittlungsmethoden im sowieso ein Dorn im Auge waren.


      "Lass uns gehen, Claus." Der atmete nochmal kurz durch und stand ebenfalls auf. Semir sah, dass Claus seine Dienstwaffe nicht am Gürtel trug, und das insofern keine Gefahr von ihm ausging. Zu dritt gingen sie durch den Flur der Mordkommission, keiner der Beamten fragte nach wo der Dienststellenleiter mit den beiden Autobahnpolizisten hinging. Sie verließen die Abteilung, gingen die Treppen herunter und Richtung Ausgang. Als gerade ein Ermittler den Eingang hineinging, der die Waffe am Gürtel trug, ging alles ganz schnell. Claus, der großgewachsen war und kräftig war, griff so blitzschnell zu, dass Semir auf seiner Seite nicht reagieren konnte. Der schmale Polizist verlor den Halt und fiel, merkte noch wie Frege ihm die Waffe entwendete und sah, wie er seinen Arm um den kleinen Semir schlang, der nicht schnell genug eingreifen konnte.
      Der zweifache Familienvater spürte die kalte Mündung der Waffe an seiner Schläfe, Ben hatte seine Waffe sofort gezogen und auf Frege gerichtet. Einige Beamte, die ebenfalls am Eingang waren, taten es Ben gleich, auch wenn sie nicht glauben konnten, dass es Frege war. "Was geht hier vor?", rief einer während Ben mit halbwegs ruhiger aber eindrücklicher Stimme Frege befahl, aufzugeben. "Alle legen die Waffen nieder, sonst gibt es hier ein Blutbad!", rief er und drückte die Mündung fester an Semirs Stirn. "Und welchen Fall inszenierst du jetzt?", fragte der, ebenfalls mit ruhiger Stimme und blickte mit seinen braunen Augen nach oben, um irgendwie den Mann im Blick zu behalten, der ihn gerade als Schutzschild benutzte, dafür aber sich sogar ein wenig beugen musste. Frege sah sich ein wenig gehetzt um und zog Semir rückwärts zur Straße. "Ihr sollt die Waffen niederlegen!!", schrie er dann nochmal nachdrücklich. "Fuck...", murmelte Ben und sah Semirs vertrauensvollen Blick. "Okay, Leute... tut was er sagt!"


      Langsam, wie in Zeitlupe sanken die Waffen und Claus entdeckte sein Fluchtauto. In direkter Nachbarschaft zum LKA-Gebäude war ein Autohaus, vor diesem gerade ein vollgeladener Autotransporter stand. Der Fahrer sprach gerade mit dem Besitzer des Autohauses, von dem er gerade mehrere Wagen aufgeladen hatte. "Los!", knurrte Claus und zog Semir zu dem Transporter hin. Ben griff seine Waffe wieder und folgte langsam. Als der Dienststellenleiter bereits an der Fahrertür war, sagte er noch zu Semir "Ist nichts persönliches." Mit einem Hieb knallte die Waffe in Semirs Gesicht und der kleine Polizist fiel auf die Straße, während Claus in den Transporter einstieg, wo der Schlüssel steckte. Semir fasste sich an die Nase, aus der Blut strömte, und bekam die Abgase der seitlichen Auspuffanlage ab. Gerade als der schwere LKW sich in Bewegung setzte, rappelte er sich auf und verfiel sofort in einen Sprint. "SEMIR!!!", rief Ben noch, um seinen Partner zurück zu halten, denn er konnte sich denken, was sein kleiner Partner vor hatte. Der LKW beschleunigte nur langsam, zu langsam für den sportlichen Semir der mit schnellen kurzen Schritten den kleinen Rückstand aufholen konnte und sich an den Gestängen des Autotransporters festhalten konnte. "Wir müssen sie verfolgen, los!!", rief Ben den anderen Beamten zu und lief seinerseits zu seinem Dienstwagen.
      Ich bin es so leid, ohne dich zu sein
      Ich spür' wie das Leben aus mir rinnt,
      Nichts dringt mehr bis zu mir herein
      Träumen und Wachen jetzt eins nur sind

      Hilf mir mich zu finden nach all diesen Jahren
      Nimm mich ein kleines Stück Weges mit dir
      Heile die Wunden, die unheilbar waren
      Ich wär' fast gefallen, doch dann warst du hier

      Illuminate - Verloren

      <3
    • Eisdiele - 12:30 Uhr


      Endlich, dachte Juan. Endlich mal Temperaturen, bei denen man sich wohl fühlt. Während der Großteil der Bewohner Kölns unter der unsagbaren Hitze litten, waren das für den Kolumbianer, der jenes Klima im Regenwald gewohnt war, ordentliche Bedingungen. Am liebsten sollte der Sommer nie vergehen, oder er konnte spätestens in einigen Wochen, wenn der September über Deutschland hereinbrach, wieder zurück in seine Heimat. Er saß, wie fast jeden Tag um diese Zeit, in einer Eisdiele in der Innenstadt, beobachtete Leute oder traf sich mit Geschäftspartnern von Zack, für den er immer noch arbeitete. Hin und wieder war er auch noch bei Anis, obwohl der ihn für einen Job ausgebootet hatte und sehr schlecht zahlte. Nachdem der, fast immer gut gelaunte Kolumbianer aber mitbekam, dass Anis sich scheinbar immer noch nicht beruhigt hatte bezüglich seines Freundes Kevin, hielt er den Kontakt aufrecht, und versuchte verdächtige Gespräche mit zu bekommen.
      Vor drei Tagen hatte er schon gedacht, es ginge um Kevin. Rein zufällig bekam er ein Telefonat von Anis in dessen Nachtclub mit, als er von einem "Polizisten" sprach. "Du weißt genau, was ich schon für dich getan habe, wie oft ich mich umgehört habe und irgendwelche Opfer verpfiffen habe. Ja? Ja, ich weiß, dass es mir auch genützt hat, das interessiert mich aber nicht. Ja! Ist mir egal, wie du das anstellst, dann musst du eben einen deiner Polizisten über die Klinge springen lassen. Um wen es geht? Das kann dir egal sein. Ja... ja, ich weiß. Na schön, es ist einer von den...", mehr konnte er im Krach der Musik nicht verstehen, während er einen der gutgemachten Cocktails trank.


      Später bot er in dem Fall seine Hilfe an, und wurde rüde, wie immer, von Anis abgebügelt. "Das geht dich nichts an.", sagte er und gab Juan einen weiteren Laufburschen-Job. "Das wird Kevin mir gut bezahlen müssen, dass ich mich für ihn zum Affen mache.", knurrte er für sich als sein Handy klingelte. "Hola Chico, que tal?", meldete er sich, als er eine kolumbianische Rufnummer sah, die zu seinem Freund Alvaro aus Kolumbien gehörte. Der meldete sich auf Spanisch. "Hallo Juan. Alles klar bei uns, ich habe gute Nachrichten. Ich hab gehört, dass Santos ein Gespräch mit dir will. Er hätte auch das Kopfgeld wieder zurückgenommen." "Wow... nach, warte... einem halben Jahr hat der sich endlich wieder eingekriegt?", lachte Juan und schüttelte kurz den Kopf.
      "Du weißt doch, wie nachtragend er ist. Jedenfalls habe ich das mal durch unsere Informanten bei ihm in der Gruppe checken lassen. Scheint soweit zu stimmen.", sagte die spanische Stimme am Telefon, während der Kolumbianer in der Eisdiele einer Frau im knappen Rock kurz hinterher sah. "Und wenn es doch eine Falle ist?" "Deswegen sage ich es dir ja so, und nicht "Setz dich ins Flugzeug und komm zurück.", verstehst du?" "Sí, schon klar. Hmm." Juan dachte nach. Konnte er dem Frieden wirklich trauen, nachdem was vorgefallen war.


      Eine gewisse Ehre besaß auch Santos, egal wieviel kriminelle Energie er besaß. Wenn er öffentlich sagte, Juan könne zurückkommen und er werde ihn weiterhin als ebenbürtigen Konkurrenten der beiden Kartelle betrachten, und nicht mehr als Freiwild weil Juan Kevin unterstützte um Annie aus dessen Fängen zu befreien, dann würde er dem Drogenboss das wohl glauben. Aber er würde wohl zuerst noch ein paar Leute aus Bogota kontaktieren und sich erstmal selbst umhören... sicher ist sicher. "Und zur Not beschützen wir dich, ist doch klar." "Was ich nicht will, ist ein verdammter Krieg. Deswegen bin ich ja auch untergetaucht." Alvaro nickte, natürlich unsichtbar für Juan. "Ich melde mich wieder bei dir. Sag Santos, falls er auf euch zukommt, dass ich an einem Gespräch interessiert bin, aber zunächst nur telefonisch." "Alles klar, Boss. Machs gut." Die Verbindung wurde getrennt und Juan ass den Rest seines Eisbechers.
      Dann versuchte er, mittlerweile zum wiederholten Male in den letzten zwei Tagen, Kevin zu erreichen. Wieder ging nur die Mailbox dran. "Da stimmt doch irgendwas nicht.", murmelte der Kolumbianer mit dem Pferdeschwanz am Hinterkopf und wählte Jennys Nummer. Es dauerte einige Freizeichentöne, bis er die Stimme der jungen Frau am Telefon hörte, die ihn vor einigen Monaten noch angefleht hatte, mit ihr nach Kolumbien zu fliegen, um den verschollenen Polizisten zu suchen, während sie selbst schwanger war. Juan hatte das damals abgelehnt.


      "Hallo Jenny, hier ist Juan. Ist Kevins Handy kaputt? Ich kann ihn seit zwei Tagen nicht erreichen." Die Antwort war zunächst Schweigen, dann ein leises, trauriges Seufzen. In Juan breitete sich ein ungutes Gefühl aus, das Eis schien ihm plötzlich eiskalt und bleischwer im Magen zu liegen. "Jenny? Was ist passiert?" "Kevin... ist gestern angeschossen worden. Er ist im Krankenhaus." Beinahe wäre Juan das Handy auf den Tisch gefallen. Jetzt hatte er so sehr aufgepasst, um mitzubekomme wenn Anis einen Anschlag plant. Wenn es Anis war. "Wie gehts ihm?" Er konnte das zögerliche Schlucken von Jenny hören, konnte spüren wie sie wiederholt in den letzten 30 Stunden gegen die Tränen ankämpfte. "Nicht gut. Er liegt im Koma, er wurde in den Oberkörper getroffen. Die Ärzte sagen, es ist kritisch."
      Der Kolumbianer atmete tief durch und eine unsagbare Wut stieg in ihm auf. Er hatte sich mit dem eigenartigen Mann angefreundet, auf eine Art und Weise, die man vermutlich nur schwer erklären konnte. Der Bulle und der Verbrecher. Der Bulle, der für ein Mädchen zum Verbrecher wurde, und der Verbrecher, der für den Bullen zum guten Kerl wurde. Das reichte für ein Drehbuch, dachte Juan damals. Die Nachricht von Jenny traf ihn sehr. "Wisst ihr... wisst ihr wer es war?", fragte er vorsichtig... auf Anis konnten sie noch nicht gekommen sein, denn mit dem hatte er vor drei Stunden noch telefoniert.


      "Ja... also, aufgrund von Beweisen wurde ein Mann festgenommen. Ein Polizist, der Kevin wegen seines Rufes aus der Polizei haben wollte." "Aufgrund von Beweisen? Also hat er nicht gestanden?" Die Frage verwirrte Jenny, das konnte Juan am Handy hören. "Nein, soviel ich weiß hat er nicht gestanden. Aber... warum willst du das so genau wissen?" "Hey, ich bin Kevins Freund... natürlich interessiert mich das, wer ihn so schwer verletzt hat.", sagte er fürsorglich, doch seine Gedanken an Anis rissen nicht ab. Seine braunen Augen blieben immer wieder an Menschen der Fußgängerzone haften und seine Hand winkte eine Kellnerin herbei, um zu bezahlen. "Ja... entschuldige. Es ist schwer im Moment.", entschuldigte Jenny sich für ihr Misstrauen. "Jenny, pass auf. Ich kann im Moment nicht vorbeikommen, um ihn zu besuchen. Aber es wäre nett, wenn du mich auf dem Laufenden hälst, ok?" Jenny versprach, sich sofort zu melden wenn es schwerwiegende Änderungen an Kevins Gesundheitszustand gab.
      Nachdem sie beide das Gespräch beendet hatten, atmete Juan tief durch. Er bezahlte sein Eis und den Kaffee, dann erhob er sich langsam von dem Platz und ging einige Schritte durch die Fußgängerzone. Seine Schritte fühlten sich taub an, und die Sonne heißer als vorher. Er wählte eine Rufnummer in Köln. "Ivan? Hier ist Juan. Ja, genau... der Juan. Ich brauch etwas von dir... sofort."
      Ich bin es so leid, ohne dich zu sein
      Ich spür' wie das Leben aus mir rinnt,
      Nichts dringt mehr bis zu mir herein
      Träumen und Wachen jetzt eins nur sind

      Hilf mir mich zu finden nach all diesen Jahren
      Nimm mich ein kleines Stück Weges mit dir
      Heile die Wunden, die unheilbar waren
      Ich wär' fast gefallen, doch dann warst du hier

      Illuminate - Verloren

      <3