Ein schreckliches Erbe

    • in Erarbeitung
    • Susan

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    • Ein schreckliches Erbe

      „Gib Gas!“, feuerte Ben seinen Partner Semir an, der bereits mit quietschenden Reifen hinter dem verfolgten Seat Leon Cupra durch die Kölner Innenstadt schoss. Inzwischen wussten sie, wer der Fahrzeughalter war, ein fünfundvierzigjähriger Mann, aber die Gestalt hinterm Steuer sah kaum zur Windschutzscheibe raus. Sie waren bei einer Routinestreifenfahrt auf das Fahrzeug aufmerksam geworden, das auf der Autobahn einen anderen Verkehrtsteilnehmer so geschnitten hatte, dass der in die Leitplanke gekracht und dann abgehauen war. „Den schnappen wir uns!“, hatte Semir gerufen, die Blaulichtleiste in seinem BMW eingeschaltet und die wilde Verfolgungsjagd war losgegangen. Immer wieder hatte der Fahrer des verfolgten Wagens sie beinahe abhängen können und Ben hatte seinem Partner auch erklärt, warum das so war: „Mann der hat 300 PS unter der Haube-dieses Auto ist eines der schnellsten Straßenfahrzeuge überhaupt-so einen überlege ich mir die ganze Zeit schon zu kaufen, aber Sarah ist dagegen!“, hatte er seinem Partner vorgeschwärmt und Semir hatte gestaunt, wie der Wagen abgezogen war. Allerdings hatte sein BMW ja durchaus auch ein paar Pferdchen unter der Haube und so war er dran geblieben und ehrlich gesagt machte es ihm Spaß, sein fahrerisches Können auszuleben.

      Der Seat hatte die Autobahn dann verlassen und versucht, in der Kölner Innenstadt zu verschwinden, aber auch da war ihm Semir auf den Fersen. Ben, der sich unbewusst an der Tür festklammerte, zählte derweil die Verkehrsverstöße auf, die der Fahrer-oder die Fahrerin vor ihnen beging: „Whow-Überfahren einer roten Ampel, überhöhte Geschwindigkeit-mehr als 80 innerhalb der Stadt, Verkehrsgefährdung-wenn wir dich haben, gibst du deinen Führerschein erst mal ne ganze Weile ab!“, prophezeite er und in diesem Augenblick zwang ein LKW, der rückwärts aus einer Einfahrt rangierte, das vorausfahrende Fahrzeug zu einer Vollbremsung. Bevor er wenden konnte, war Semir dicht hinter ihm aufgefahren und noch ehe die Räder des BMW völlig zum Stillstand gekommen waren, hatte Ben die Beifahrertür aufgerissen, war heraus gesprungen und mit drei Schritten beim Seat. Dort zog er die Fahrertür auf und zerrte den verdutzten Mann aus dem Wagen. Auch Semir war inzwischen ausgestiegen und jetzt blieb ihm beinahe der Mund offen stehen, der Fahrer des anderen Wagens war nämlich noch deutlich kleiner als er selber und als Ben, der ihn mit eisenhartem Griff festhielt, nun näher hinsah, glaubte er seinen Augen nicht zu trauen-wen er da festhielt, war kaum mehr als ein Kind. „Wie heißt du und wie alt bist du?“, wollte er jetzt wissen und mit kindlicher Stimme antwortete der Junge vor ihm: „ Mein Name ist Sven Schuster und ich bin 13 Jahre alt!“ „Das gibt’s doch nicht!“, murmelte Ben und auch Semir konnte nur kopfschüttelnd fragen: „Wo hast du so fahren gelernt?“

      Wie der Junge, der inzwischen zu zittern begonnen hatte, ihnen erzählte, war sein Vater Besitzer einer Kartbahn und er hatte sozusagen gleichzeitig mit dem Laufen auch Fahren gelernt. Nun hatte sein Vater sich diesen Wagen zugelegt und in einem unbewachten Augenblick hatte er den Schlüssel gemopst, um eine kleine Spritztour zu unternehmen. Semir schalt den Jungen und hielt ihm vor, was da alles hätte passieren können, während Ben die Angaben überprüfte und dann dauerte es noch ungefähr eine halbe Stunde, bis die Eltern, die gar nicht so weit weg wohnten, mit dem Corsa der Mutter gekommen waren und ihren Sprössling in Empfang nahmen. „Bei so nem Sohn müssen sie die Autoschlüssel im Panzerschrank verwahren!“, empfahl Semir den Eltern, nachdem er auch die ermahnt hatte. „Der hat Benzin im Blut!“

      „Wir leiten ihre Daten an den Fahrer des Wagens, den Sven auf der Autobahn geschnitten hat, weiter, die Versicherungen werden das dann regeln und natürlich gehen die Anzeigen auch zum Jugendgericht“, informierte Ben noch alle Anwesenden und als der Vater dann kopfschüttelnd das Kissen vom Sportfahrersitz entfernte, das Sven gebraucht hatte, um überhaupt etwas sehen zu können und einstieg, seinen Sohn mit einer Handbewegung zum Einsteigen aufforderte und dann mit eine eleganten Fahrmanöver und quietschenden Reifen losfuhr, sah Ben seinen Freund an: „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, hast du dir das auch gerade gedacht?“, wollte er dann wissen und Semir lachte. „Das hast du schön gesagt-ja ich habe den Papa auch erkannt-der war doch früher Rennfahrer,“ antwortete er und weil so ein schöner Tag war, es um die Mittagszeit war und die Sonne ihnen ins Gesicht schien, fuhren sie an der nächsten Imbissbude vorbei, holten sich einen Döner und machten ihre Mittagspause direkt am Rhein.
    • Eine Bank lud zum Verweilen ein und genüsslich ließen sich die beiden Autobahnpolizisten die erste Frühlingssonne ins Gesicht scheinen. Die Döner waren verdrückt, die Coladosen geleert und eben wollten sie ihre Mittagspause beenden, da blickte Ben plötzlich angestrengt in den Rhein, der durch das Schmelzwasser einen recht hohen Wasserstand hatte. „Semir schau mal-was ist das da vorne?“, rief er aufgeregt und erhob sich, um besser sehen zu können. Ruckartig wandte sich der Kopf seines Partners in die angegebene Richtung und dann streiften alle beide so rasch sie konnten ihre Jacken und Schuhe ab. „Verdammt-da treibt ein Mensch!“, rief Ben. „Semir-setz du den Notruf ab-ich geh schon mal rein!“, schrie er und war schon mit einem beherzten Sprung von der Kaimauer ins eiskalte Wasser gesprungen-immerhin war es erst Anfang April!

      Die kalten Fluten nahmen ihm zunächst kurz den Atem, aber dann schwamm er rasch in Richtung des leblosen Körpers. Das Adrenalin in seinem Blut ließ ihn die Kälte nicht spüren und wenig später bekam er den Arm des Mannes, wie er aus der Nähe erkennen konnte, zu fassen. Der fühlte sich eiskalt an, aber dennoch bemühte sich Ben, den Körper irgendwie aus der Strömung Richtung Ufer zu ziehen. Bei Kaltwasserunfällen hatten die Menschen oft noch eine Chance, war ihnen erst beim letzten Ersthelferkurs eingebläut worden. Nur ein Arzt konnte da den Tod sicher feststellen. Semir hatte das einzig Richtige getan und war, nachdem er den Notruf abgesetzt und gesehen hatte, dass Ben nicht in Lebensgefahr war, nicht sofort hinterher gesprungen, sondern lief nun auf gleicher Höhe am Rheinufer flussabwärts. Würden irgendwelche Stromschnellen oder Strudel kommen, würde er keine Sekunde zögern, um das Leben seines Partners zu retten, aber so scannte er mit den Augen die Umgebung und sah, dass nach wenigen Metern die Kaimauer zu Ende war und man dort den Mann relativ einfach bergen konnte. „Hierher Ben!“, schrie er, aufgeregt mit den Armen winkend und tatsächlich, seinem Freund gelang es in Richtung Ufer zu schwimmen. Fest hatte er die dünne Kleidung des Mannes umklammert, nutzte die Strömung und als er in flacheres Wasser kam, war plötzlich Semir neben ihm und gemeinsam zerrten sie den Körper ans rettende Ufer.

      Ben rang nach Atem-immer noch spürte er keine Kälte, sondern drehte gemeinsam mit seinem Freund den Mann um, um mit Reanimationsmaßnahmen zu beginnen. Als er einen Blick auf dessen Gesicht-und was noch viel schlimmer war, zwischen seine Beine geworfen hatte, denn das dünne Krankenhaushemd war jetzt nach oben gerutscht, gab er sofort unter lauten Würggeräuschen sein Mittagessen wieder von sich. „Oh mein Gott-was hat man dir angetan?“, flüsterte er, während Semir, der vergeblich nach einem Puls gesucht hatte, trotzdem mit Herzdruckmassage begann. Schon hörte man die Sirenen der Rettungskräfte aus der Ferne und wenig später kamen zusammen mit einigen Spannern, die die Handys zückten, schon der Notarztwagen, die Feuerwehr und eine Streife, die die Schaulustigen beiseite drängte.

      Ben war zwar immer noch übel, aber trotzdem hatte er Semir geholfen den Mann kurz auf die Seite zu drehen, damit das Wasser aus Mund und Nase laufen konnte. Danach hatte sein Freund unverdrossen weiter gemacht und Ben hatte geflüstert: „Ich weiß-eigentlich sollte ich jetzt Atemspende geben, aber ich kann nicht!“ Allerdings hatten sie erst vor wenigen Wochen, als sie gemeinsam die Pflichtfortbildung besucht hatten, von ihrem Ausbilder eingebläut bekommen: „Das Wichtigste ist die effiziente Herzdruckmassage mit tiefem Eindrücken des Brustkorbs. Auch da wird zumindest ein Minimum an Luft eingesogen. Wenn der Ekelfaktor überwiegt, oder sie Angst haben müssen, sich etwas einzufangen, lassen sie das mit der Atemspende. Geben sie die bei Kindern, Familienangehörigen und Freunden, aber gehen sie kein Risiko ein!“, hatten sie gelernt und jetzt übernahmen sowieso die Profis. Während ein Sanitäter weiter drückte, legte man in oft geübter Routine die Defipaddels auf, aber keine Herzaktion war zu erkennen. Sofort drückte man weiter, der Notarzt sah in die Pupille, begutachtete die fleckige Verfärbung der Haut und hob dann die Hand. „Reanimationsmaßnahmen einstellen-weite, lichtstarre und entrundete Pupille, beginnende Leichenflecke-der Mann ist tot-wir übergeben an unsere Kollegen von der Kripo, wenn sie die bitte verständigen wollen!“, wandte er sich an den uniformierten Polizisten, der näher getreten war und ebenfalls eine Hand vor den Mund hielt und ein grünliche Gesichtsfarbe aufwies.
      „Die ist schon da!“, ließ nun Ben verlauten, während er in seiner klatschnassen Hosentasche nach dem Dienstausweis fingerte. „Jäger und Gerkhan-Kripo Autobahn!“, stellte er sie beide dann vor und Semir und er, die nun endlich wieder zu Atem kamen, ließen sich ein Handy geben, verständigten die Spurensicherung und wurden vom Notarzt kurz durch gescheckt, ob ihnen was fehlte.
      „Flussaufwärts steht unser Wagen-ein silberner BMW. Neben unseren Jacken, Handys und Schuhen liegt irgendwo auch der Autoschlüssel. Im Kofferraum befindet sich Wechselkleidung für uns!“, erklärte nun Semir und ein Mitarbeiter der Feuerwehr machte sich sofort auf den Weg, um das Verlangte zu holen. Dem Türken war immer noch warm von der körperlichen Anstrengung der Rea, aber Ben hatte komplett blaue Lippen und seine Zähne schlugen wegen der Kälte aufeinander. Er war schließlich auch wesentlich länger im eiskalten Wasser gewesen, aber er lehnte einen Transport ins Krankenhaus, der ihm angeboten wurde, kategorisch ab. „Da habe ich schon Schlimmeres erlebt!“, behauptete er und zog die Decke, die man über ihn gelegt hatte, enger um sich.

      Nachdem er und sein Freund sich dann im RTW schnell umgezogen hatten, kamen auch schon die Kollegen der Spurensicherung. Die Streifenpolizisten zogen weitläufig ein Absperrband, um die Spanner fern zu halten und nun begann die Routinepolizeiarbeit.
      „Ich denke, wir sollten zunächst einmal die Kliniken in der Umgebung flussaufwärts abklappern, ob die einen Patienten vermissen!“, legte Semir die weitere Vorgehensweise fest. Schnell machten sie mit ihrem Handy Fotos vom entstellten Gesicht der Leiche und als sie langsam zum Wagen gingen, sagt Ben nachdenklich: „Meinst du, der ist absichtlich in den Fluss gesprungen, oder war es Mord?“, und sein Partner zuckte die Schultern. „Ich hoffe die Obduktion kann uns weiter helfen, aber wenn er sich selber umgebracht hat, könnte ich es verstehen!“, gab er seine Meinung kund und als sie jetzt in den Wagen stiegen und Ben die Heizung auf Vollgas stellte, schaltete Semir sofort in den Papamodus: „Soll ich dich nach Hause bringen-willst du in die heiße Badewanne?“, fragte er besorgt, aber Ben warf ihm einen verächtlichen Blick zu: „Jetzt fahr schon endlich los-ich hätte es schon gesagt, wenn ich nicht weiter arbeiten könnte-mir geht’s auf jeden Fall besser als dem Typ dort unten“, wies er mit dem Daumen Richtung Rhein und Semir konnte den Gedanken nicht los werden, dass da auch Ben liegen könnte, der muskulöse, braunhaarige Tote wies nämlich rein äußerlich eine erstaunliche Ähnlichkeit mit seinem Partner auf.
    • Bevor Semir einen Gang einlegte, fragt er: „Fällt dir eine Klinik ein, die direkt am Rhein flussaufwärts liegt?“, aber Ben schüttelte den Kopf. So wurde Susanne zu Rate gezogen und weil Kim Krüger gerade auf einer wichtigen Besprechung bei der Staatsanwaltschaft war, mussten sie sich vor der auch nicht rechtfertigen. „Ich habe euch eine Liste aller Krankenhäuser in Köln durch gegeben, aber flussaufwärts sind das eigentlich nur zwei“, teilte sie ihnen mit. So steuerten die beiden Polizisten diese Kliniken an und als sie vor der ersten anhielten, verschwand Ben kurz auf der Besuchertoilette, um sich den Mund auszuspülen-der Geschmack war einfach nur zu eklig. Sie fragten sich durch, gingen über alle Stationen, zeigten das Foto des Unbekannten her, aber sie fanden niemanden, der den Mann kannte. „Wenn wir so weiter machen, brauchen wir ewig. Egal zu wem auch immer wir in einem Krankenhaus gehen-niemand kennt alle Patienten darin und weiß, wie die aussehen. Außerdem ist mir gerade noch eingefallen-auch in Praxiskliniken und Pflegeheimen tragen die Patienten solche Hemden, als ich vor Jahren mal einen ambulanten Eingriff am Knie machen habe lassen, musste ich genau sowas anziehen. Wir machen jetzt noch weiter bis zum Feierabend, aber dann warten wir einfach die Obduktion ab, vielleicht kann der Pathologe uns weiter helfen!“, beschloss Semir. „Und außerdem bleibt uns noch immer die Möglichkeit an die Öffentlichkeit zu gehen. Wenn wir ein Bild des Mannes veröffentlichen, wird sich ja wohl jemand melden!“, fügte er hinzu und Ben pflichtete ihm bei.

      Sie erfuhren von Susanne, dass die Obduktion für den nächsten Morgen um acht angesetzt war und versprachen, der bei zu wohnen. „Na gut-dann habe ich da wenigstens nicht gefrühstückt, wenn ich das weiß!“, sagte Ben trocken und Semir konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Auch nach all den Jahren bei der Kripo wurde Ben immer noch manchmal schlecht in der Pathologie, trotz aller Tricks, die sie inzwischen gelernt hatten, wie Transpulminsalbe unter der Nase, um den Geruch zu überdecken etc. Ihre weitere Recherche und Befragung blieb für den heutigen Tag ergebnislos und so machten sie pünktlich Feierabend und strebten jeder für sich zu ihren Familien. Semir mähte am Abend noch zum ersten Mal den Rasen und Ben tobte mit seinen Kindern auf dem neu erworbenen Trampolin.

      Mia-Sophie war inzwischen zweieinhalb Jahre, sprach in ganzen Sätzen, sang mit großer Begeisterung und traf eigentlich immer den richtigen Ton. Sie hatten inzwischen mehrere kindgerechte Instrumente, wie eine Melodica angeschafft, denn Ben machte es große Freude, diese Gabe zu fördern. Im ehemaligen Weinkeller hatte er einen professionell isolierten Probenraum eingerichtet, wo sein Schlagzeug und die ganzen Instrumente standen und die Bandproben fanden nun ebenfalls dort statt. Das blond gelockte Mädchen mit den strahlend blauen Augen, das äußerlich viel mehr ihrer Mutter glich, verbrachte dort voller Begeisterung viele Stunden mit ihrem Vater, sie sangen schon einfache Lieder im Duett und sie klimperte mit Begeisterung auf dem Klavier, während Tim dort nur kurze Stippvisiten machte. Das Einzige was er toll fand, war das Schlagzeug, aber sein Rhythmusgefühl war nicht sonderlich gut ausgeprägt. Trotzdem fand er es klasse Lärm zu machen und mehr als einmal hatte Sarah Gott gedankt, dass der Raum so gut isoliert war.

      Tim sah zwar rein äußerlich seinem Vater wahnsinnig ähnlich, aber er hatte viel mehr von Sarah geerbt. Die übergroße Tierliebe ließ ihn jeden aus dem Nest gefallenen Vogel finden, jedes mutterlose Kätzchen auflesen und inzwischen hatten sie einen kleinen Privatzoo mit Zwerghasen, Meerschweinchen und die neueste Errungenschaft waren zwei kleine mutterlose Lämmer, die der Schäfer heute zur Handaufzucht vorbei gebracht hatte, weil die Mutter nach der Geburt gestorben war. Tim saß glücklich in der Küche auf dem Boden und gab denen die Flasche, während Ben nach einer einstündigen Session im Probenraum kopfschüttelnd gemeinsam mit seinem blonden Wirbelwind dazu stieß. „Und gibt’s zu Ostern Lammbraten?“, fragte er respektlos und hatte dann zehn Minuten damit zu tun, seinem Dreieinhalbjährigen, der in Tränen ausgebrochen war, zu versichern, dass das nur ein Spaß gewesen war. Nachdem die Lämmchen noch so klein waren, durften sie über Nacht im Haus bleiben-im Stall wäre es zu kalt- und so war kurzerhand von Sarah der ehemalige hölzerne Laufstall zu einem Verschlag umgemodelt worden.
      Sie aßen gemeinsam zu Abend und Sarah hatte Ben´s klatschnasse Kleidung, die er in einer Plastiktüte mit nach Hause gebracht hatte, sofort in die Waschmaschine gesteckt. „Wo hast du dich denn rum getrieben?“, fragte sie. „Meinst du nicht, es ist um diese Jahreszeit noch ein bisschen zu frisch zum Schwimmen?“, hatte sie ihn geneckt, ihn dann aber liebevoll auf die Stirn geküsst, als er auf dem Küchenstuhl sitzend nun doch das schwarze Lämmchen auf den Arm genommen hatte. „Schon süß das Kleine-und die weichen Locken fühlen sich gut an-ist das ein Junge oder ein Mädchen?“, hatte er gefragt und Tim erklärte ihm nun alles, was er heute über Schafe gelernt hatte-was Tiere betraf, saugte er alle Informationen auf wie ein Schwamm und gab sein Wissen jetzt weiter. Sie hatten aber auch den Schäfer befragt und im Internet nach gesehen, um ja alles richtig zu machen. „Okay-ich habe verstanden-übermorgen ist Wochenende, da werde ich eine Gartenecke einzäunen-gut dann müssen wir dort schon nicht mehr Rasen mähen!“, dachte er pragmatisch. „Vielleicht hat ja Semir Lust mir dabei zu helfen-angegrillt ist auch noch nicht und ich glaube der Kasten Bier, den ich kürzlich gekauft habe, läuft ebenfalls Gefahr schlecht zu werden!“, überlegte er und angesichts des angekündigten Traumwetters planten sie einen gemütlichen Samstag mit den Gerkhans.

      Als die Kinder im Bett waren, gingen Sarah und er noch ein wenig in die Sauna im Keller, er erzählte von seinem Ausflug in den Rhein, aber er war jetzt wieder so richtig durchgewärmt und als er seine Sarah nun ansah, die ihn sexuell immer noch erregte wie am ersten Tag, mussten sie sich nach der kühlen Dusche gar nicht mehr anziehen, sondern lebten ihre Ehe voller Genuss aus und bestätigten sich aufs Neue, dass sie das perfekte Paar waren.
    • Am nächsten Morgen trank Ben nur einen Kaffee und Sarah musterte ihn stirnrunzelnd. „Bist du krank?“, fragte sie, denn sonst schlug ihr Mann beim Frühstück durchaus zu, aber er schüttelte den Kopf. „Nein-ich muss nicht jeden Tag kotzen-wir müssen um neun zu einer Obduktion und ich esse da lieber hinterher erst was!“, erklärte er und Tim fragte neugierig: „Was ist das, so eine Obukion und warum muss man da kotzen?“, und jetzt überlegte Sarah, ob man sowas einem Kind schon erklären sollte. Allerdings gehörte der Tod zum Leben dazu und sie wollten die Kinder nicht in einer Seifenblase aufwachsen lassen, da waren Ben und sie sich von vorne herein einig gewesen. „Der Papa muss nachher dabei sein, wie ein Arzt einen toten Menschen aufschneidet, damit er herausfinden kann, woran der gestorben ist!“, erklärte sie und sofort fragte Tim: „Kann ich da mitkommen?“ und auch seine kleine Schwester fügte hinzu: „Ich will auch!“, was nun alle beide Eltern dazu brachte, abzuwehren. „Nein das geht nicht-vielleicht wenn ihr mal groß seid!“, und Sarah und Ben wechselten jetzt einen Blick: „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, sagt man-aber dir wird da ja nicht schlecht, im Gegensatz zu mir!“, sinnierte er, erhob sich aber dann, küsste seine Kinder und zuletzt noch Sarah auf die Stirn. „Ich muss los-bis heute Abend!“, sagte er und fing Sarah´s Blick ein. „Ich freu mich schon!“, fügte er hinzu und Sarah wusste genau auf was er anspielte-der Sex vergangene Nacht war einfach wundervoll gewesen und schrie nach Wiederholung.

      Semir und er trafen sich in der PASt. „Und gut gefrühstückt?“, flachste Semir und fing einen bitterbösen Blick seines Partners ein. „Ja mach dich nur lustig-was kann ich dafür, wenn es Dinge gibt, an die ich mich einfach nicht gewöhnen kann!“, brummte er und suchte im Chaos seiner Schreibtischschublade nach der Tube mit Transpulminsalbe. Als er sie gefunden hatte, steckte er sie in die Jackentasche und gemeinsam fuhren sie dann zur Pathologie, wo der Gerichtsmediziner sie bereits erwartete. „Wir haben die unbekannte männliche Leiche schon gemessen, gewogen und geröntgt. Der Mann dürfte Mitte 30 sein, gepflegt, 1,84 m groß und 80 kg schwer.“, sagte er, während er zum Edelstahltisch trat und mit der näheren Untersuchung begann. Das Diktiergerät lief mit und später würde die Sekretärin den Obduktionsbericht ins Reine tippen.
      „Inspektion des Kopfes: Dichtes dunkelbraunes, leicht gelocktes Haar, an der Schädeldecke keine Auffälligkeiten!“, diktierte er, während seine kundigen behandschuhten Hände den Kopf des Toten abtastete. Man sah ebenmäßige Gesichtszüge, ein durchaus ansprechendes, attraktives Gesicht mit Dreitagebart, wenn man den Zustand des einen Auges ausblendete. „Augenhöhle links normal, dunkelbraunes Auge, nach dem Zustand des Augapfels zu urteilen dürfte der Tod vor etwa 20-25 Stunden eingetreten sein, was die gemessene Lebertemperatur bestätigt.“

      Als er dann zum anderen Auge-oder vielmehr zu dem Ort, an dem früher einmal ein Auge gewesen war kam, fingerte Ben hektisch nach seiner Transpulminsalbe. Auch wenn es aktuell noch nicht abstoßend roch, aber das war sozusagen sein Rettungsanker wenn es eklig wurde und schnell verteilte er einen erbsengroßen Klecks unter seiner Nase. Ab der Nasenwurzel war von dem, was einmal ein Auge gewesen war, bei dem Toten nichts mehr übrig. Ein hässlicher blutunterlaufener Krater starrte ihnen entgegen. „Zerfetztes Gewebe, so als ob man das Auge regelrecht heraus gerissen hätte, allerdings sehe ich Spuren alter Injektionen-merkwürdig! Als wäre eine Behandlung fehl geschlagen-aber wenn heute in einer Augenklinik ein Auge entfernt wird, sind das saubere Wundränder, während ich hier zwar ansatzweise Spuren eines Skalpells sehe, aber der Eingriff dann nicht ordnungsgemäß zu Ende geführt wurde.“ Der Arzt entnahm ein paar Abstriche, man machte Fotos und dann fuhr er mit der äußeren Inspektion der Leiche fort.
      „Oberkörper normal, muskulös, in beiden Ellbeugen mehrere Einstiche –vermutlich von Injektionen. An den Handgelenken Blutergüsse und Fesselspuren-allerdings nicht von einem Seil, sondern eher von weichen, professionellen Fixierungen, wie übrigens genauso an den Fußgelenken. Beine o. B., aber jetzt kommen wir zum Unterleib!“, sagte er und von Ben, der die ganze Zeit krampfhaft versucht hatte, da nicht hin zu sehen, kamen Würgegeräusche. „Jetzt reiß dich zusammen-du bist ja nicht betroffen!“, schalt ihn Semir leise, aber auch ihn schauderte, wenn er sich vorstellte, was der Mann vor ihnen mitgemacht hatte.
      "Penis und Skrotum braun und eingeschrumpelt, in einem Zustand der Beinahemumifizierung. Auch hier überall Spuren von Injektionen-wir beginnen jetzt mit der Leichenöffnung!“, sagte der Pathologe und griff zu dem großen und langen Sektionsmesser. Mit einem kühnen Schnitt von der Symphyse bis zum Brustbein eröffnete er den Bauch, schnitt dann ypsilonförmig weiter über die Brust und durchtrennte dann zunächst mit einer Säge das Brustbein, um Herz und Lunge komplett zu entnehmen. Als die blutig in die bereitgestellte Edelstahlschüssel plumpsten, hielt Ben es nicht mehr aus und floh nach draußen. Ihm war egal, was der Pathologe oder Semir von ihm denken würden-was zu viel war, war zu viel und er lehnte sich jetzt ans Auto, versuchte tief durch zu atmen und die aufwallende Übelkeit zu unterdrücken. Was war mit dem Mann geschehen, was hatte man ihm angetan und war der wirklich aus einer Klinik geflohen, worauf das Krankenhaushemd schließen ließ, oder war er ermordet worden?

      Es dauerte noch ungefähr eine halbe Stunde bis Semir erschien, der zwar ebenfalls ein wenig blass um die Nase war, sich aber besser in Griff hatte. „Sorry Partner-aber es gibt Dinge, an die werde ich mich nie gewöhnen!“, teilte ihm Ben mit und Semir nahm das stumm zur Kenntnis. „Wenn ich rauchen würde, wäre jetzt Zeit für eine Zigarette!“, bemerkte er dann und fasste in kurzen Worten zusammen, was er bei der Obduktion erfahren hatte. „So wie es aussieht, ist der Mann ertrunken und zwar im Rhein-die Wasserproben aus der Lunge werden zwar noch analysiert, aber es ist naheliegend, zumindest kam kein Badeschaum heraus. Das Blut wird gerade ebenfalls noch untersucht, aber laut Einschätzung des Pathologen hatte das Opfer noch zudem ein Nierenversagen, das unbehandelt ebenfalls zum Tod geführt hätte. Die Nierenkelche waren aufgestaut, die Blase randvoll, aber da ging nichts mehr raus-ist ja klar-wie auch. Was noch interessant war-das Gewebe um einige Einstiche in den Ellbeugen und die Venen dort, waren stark gereizt und entzündet, so als wären ihm Substanzen injiziert worden, die dafür nicht geeignet waren. Der Pathologe meint, dass kein Arzt der Welt seinen Patienten so behandeln würde, also müssen wir zumindest davon ausgehen, dass er gefangen und gefoltert wurde. Ob er ertränkt wurde, oder in den Fluss gefallen ist, müssen wir heraus finden, aber solch eine Behandlung würde jeden approbierten Arzt sofort ins Gefängnis bringen, also haben wir keinen Unfall, sondern ein Verbrechen!“, teilte er seinem Freund noch mit und während sie langsam zur PASt zurück fuhren, denn die beiden brauchten jetzt erst einmal einen starken Kaffee, sinnierten sie schon darüber nach, wo sie jetzt ansetzen sollten.

      Als sie in der Zentrale ankamen, schwenkte Susanne ein Kölner Lokalblatt: „Na Jungs-habt ihr es mal wieder auf die erste Seite gebracht?“, rief sie grinsend und als sie ihren Kaffee schlürfend näher traten, war dort ein Foto von ihnen beiden mit Wolldecken um die Schultern, gestern am Rhein zu sehen. „Unbekannte Leiche von Polizisten aus dem Rhein geborgen-Unfall oder Verbrechen?“, lautete reißerisch der Titel, allerdings war da wohl der Tote schon abtransportiert gewesen und während sie den Artikel, in dem eigentlich nichts stand, kurz überflogen, kam schon die Chefin aus dem Büro: „Und meine Herren-wie sieht es aus-wollen sie heute gar keine Streife mehr fahren?“, bemerkte die Krüger süffisant und um jeglichem Stress zu entgehen, schnappte sich Ben den Schlüssel seines Mercedes und rief mit einem Blick auf seinen Partner: „Wir sind ja schon weg-ich fahre!“
    • Die Frau war außer sich vor Wut gewesen. Was fiel diesem Bastard ein, einfach zu fliehen? Sie hätte nicht gedacht, dass er das in seinem Zustand überhaupt versuchen würde-er war doch mehr tot als lebendig gewesen, als sie ihn das letzte Mal gesehen hatte. Dieser Typ war auch nicht besser gewesen, als der andere, aber sie würde den perfekten Mann schon noch finden. Sie wusste auch genau, wie der aussehen sollte. Aber vielleicht hatte ihm die Tussi geholfen? Eines der verriegelten Kellerfenster war aufgebrochen und die Tür des Zimmers mit dem Krankenbett darin, hing schief in den Angeln. Sie hätte ihn doch noch fesseln sollen, aber sie hatte gedacht, er sei zu schwach, um überhaupt das Bett zu verlassen.

      „Zofia-komm sofort zu mir!“, hatte sie gerufen und mit gesenktem Blick war die junge Frau heran geschlichen. „Wie konnte das passieren?“, hatte sie sie angeherrscht und die Angesprochene war in Tränen ausgebrochen. „Ich weiß es nicht! Ich war nur kurz einkaufen und als ich zurück gekommen bin, war er weg. Haben sie ihn gefunden?“, fragte sie angstvoll, aber ihre Herrin schüttelte den Kopf. „Strafe muss sein-ich werde ein Video machen, damit du das nächste Mal besser aufpasst!“, hatte sie dann voller Bosheit gesagt und die junge Frau war vor ihr auf die Knie gefallen und hatte zu weinen begonnen: „Nein Herrin-tun sie das nicht, bitte-haben sie ein Herz! Ich habe auch wirklich nichts gemacht, aber ich musste doch Lebensmittel und Verbandszeug besorgen!“, aber die elegante Frau verließ ohne ein weiteres Wort den Raum und wenig später drehten die Reifen ihres Sportwagens beinahe durch und der Motor heulte auf, als sie voller Zorn vom Hof fuhr. „Nein, nein-oh mein Gott nein, was soll ich nur tun!“, weinte die junge Frau in einer fremden Sprache und ihr Herz krampfte sich vor Kummer zusammen. Wie gelähmt ging sie in ihr Zimmer, rollte sich auf dem Bett zusammen und die Verzweiflung brach über sie herein. Hoffentlich fand ihre Herrin bald ein neues Opfer, an dem sie ihre Launen auslassen konnte!

      Nachdem Semir und Ben eine Weile unterwegs gewesen waren, setzte der Dunkelhaarige den Blinker und fuhr an den Drive-in-Schalter des nächstgelegenen Schnellimbissrestaurants. „Was willst du?“, befragte er seinen Partner, der sich auf einen Big Mac und eine Cola beschränkte. „Sag mal-wie viele Wochen hast du schon nichts mehr gegessen?“, bemerkte Semir fassungslos, als er Ben´s Bestellung mit anhörte. „Oder willst du die Filiale aufkaufen?“, denn die drei Tüten, die sein Partner zum Fenster herein gereicht bekam, waren prall gefüllt. „Immerhin hatte ich nichts zum Frühstück!“, verteidigte sich der, während er bereits mit vollen Backen kaute. Nachdem sie gesättigt waren, auf der Streifenfahrt ebenfalls nichts Auffälliges zu bemerken war, außer ein paar Bagatellverkehrsdelikte, kehrten sie zur Dienststelle zurück. „Jetzt wäre ein Mittagsschlaf recht!“, hatte Ben bemerkt, der unauffällig seinen obersten Jeansknopf während der Fahrt geöffnet hatte. „Kein Wunder-so vollgefressen wie du bist, hätte ich auch keinen Arbeitsgeist mehr!“, erwiderte Semir grinsend und als sie dann zusammen die PASt betraten, rief ihnen Susanne zu: „Ihr sollt zur Chefin kommen!“, und so saßen sie wenig später vor dem Schreibtisch von Kim Krüger.

      „Die Mordkommission hat sich mit mir in Verbindung gesetzt-die übernehmen den Fall des ertrunkenen Mannes. Ihr sollt noch einen Bericht schreiben und euch dann –ich zitiere-um euren eigenen Salat auf der Autobahn kümmern“, teilte sie ihren Männern mit und jetzt regte sich Semir auf und sprang hoch: „Mann-die sollen bloß nicht so arrogant tun-immer wenns interessant wird, reißen die die Fälle an sich! Außerdem können wir ja nichts dafür, wenn bei uns beim Mittagessen eine Leiche vorbei schwimmt-die könnten ja auch mal am Rhein ihre Pause machen, anstatt ihre Bürosessel zu verpesten!“, regte er sich auf und seine Adern an der Schläfe schwollen vor Zorn an. „Normalerweise gehört uns der Fall und immerhin haben wir schon angefangen zu ermitteln!“, rief er, aber die Chefin warf ihm einen bestimmten Blick zu. „Gerkhan-sie sind raus, schreiben sie ihren Bericht und gehen sie dann zum Tagesgeschäft über!“, befahl sie mit Autorität in der Stimme und Semir warf Ben, der unauffällig die Beine unter dem Schreibtisch der Chefin ausgestreckt hatte, noch einen wütenden Blick zu.
      „Warum hast du denn nichts gesagt?“, beschwerte er sich anschließend, aber Ben zuckte mit den Schultern. „Erstens hat das bei der Krüger doch sowieso keinen Wert und zweitens war ich mit Verdauen beschäftigt!“, gab er zurück und während er seinen Computer hoch fuhr, um den Bericht einzutippen, fügte er noch hinzu: „Das Einzige was mir stinkt, ist, dass ich deswegen auf mein Frühstück verzichtet habe und heute Nacht wahrscheinlich wieder von blutigen Organen träume. Lassen wir die Kollegen machen, die werden es uns dann schon unter die Nase reiben, wenn sie den Mörder gefasst haben“, sagte er mild. „So haben wir heute wenigstens pünktlich Feierabend und kommen heim zu unseren Familien!“ „Seit wann ist dir denn der pünktliche Feierabend so wichtig?“, wollte Semir nun wissen und über Ben´s Gesicht zog ein verträumtes Lächeln. „Seit die Kinder durch schlafen haben wir wieder guten und ungestörten Sex, ich stelle immer wieder fest, wie viel wichtiger ein ausgefülltes Privatleben ist, als die Arbeit“, sagte er und jetzt musste Semir grinsen. „Du redest schon so, als würdest du auf die Rente zusteuern, aber in gewissem Sinne muss ich dir ja beipflichten-also schreiben wir den Bericht zu Ende und fahren dann wieder auf Streife. Und für die Großkontrolle nächste Woche können wir auch gleich noch mit der Planung anfangen!“, beschloss er aufgeräumt und so stiegen die beiden Punkt fünf in ihre Fahrzeuge und steuerten Richtung Heimat.

      Die Frau hatte intensiv die Lokalnachrichten verfolgt. Als das kleine Kölner Blatt sogar mit Bild von einem Leichenfund im Rhein berichtet hatte, kaufte sie sich sofort am nächsten Kiosk eine Ausgabe der Zeitung und starrte dann verzückt auf die Titelseite. Sie hatte soeben ihr nächstes Opfer ausersehen. Das war Schicksal und ehrlich gesagt, hätte sie den vorigen Mann sowieso demnächst entsorgen müssen, denn er hatte ihren Zwecken nicht genügt. Sie musste wohl an den Rezepturen noch etwas verändern-aber beim Nächsten würde es gelingen, da war sie sich ganz sicher!
    • Bei der Lokalzeitung läutete das Telefon. Eine weibliche Stimme fragte: „Könnten sie mir vielleicht helfen? Ich habe ganz zufällig auf einem Bild in ihrer Zeitung einen ehemaligen Klassenkameraden entdeckt, mit dem ich gerne wegen eines Klassentreffens Kontakt aufnehmen würde!“, bat sie die Dame in der Telefonzentrale. „Um welches Bild handelt es sich denn?“, fragte die zurück und als sie die Antwort erhalten hatte, stellte sie den Anruf kurzerhand zu dem Redakteur durch, der den Artikel verfasst hatte und gemeinsam mit dem Fotografen am Rhein gewesen war. Dass sie den Polizeifunk abhörten, um schnellstmöglich an solche Neuigkeiten zu kommen, musste ja niemand erfahren. Erneut trug die Frau ihr Anliegen vor. Der Bilduntertitel hatte gelautet: „Die beiden Polizisten Ben J. und Semir G. beim Bergen des Toten“, allerdings war die Leiche da schon abgedeckt gewesen. Die Polizisten hatten auch keine Interviews gegeben, aber trotzdem war der Redakteur sehr freundlich-immerhin sprach er mit einer Leserin ihrer Zeitung und gerade die kleinen Lokalblätter hatten jeden Kunden dringend nötig.
      Die Frau hatte kurz überlegt. Klar konnte sie sich täuschen, aber sie tippte nun einfach darauf, dass der Mann, den sie haben wollte, Ben hieß. Freilich war auch er ein eher südländischer Typ, aber die Chancen standen 50:50 dass sie richtig lag. So erzählte sie dem Journalisten ein Lügenmärchen: „Wissen sie, wir versuchen gerade ein Klassentreffen der Grundschule zu organisieren, aber ein paar unserer Kameraden haben wir einfach aus den Augen verloren, wie unseren Ben. Jetzt sehe ich ihn plötzlich leibhaftig und unverkennbar auf ihrer Titelseite. Das muss ein Wink des Schicksals sein-können sie mir vielleicht sagen, wie ich mit ihm Kontakt aufnehmen kann-es würde mir schon helfen, wenn ich seine Dienststelle wüsste, dann kann ich dort anrufen und meine Nummer hinterlassen!“ bat sie und der Redakteur zog die Stirne kraus und überlegte. Jetzt fiel es ihm wieder ein, er hatte gehört, dass die beiden Polizisten bei der Autobahnpolizei waren und er hatte sich schon gewundert, was die am Rhein taten-das war ja nun nicht unbedingt ihr Arbeitsplatz. Er wägte sogar kurz ab, ob das in irgendeiner Weise gegen ein Gesetz verstieß, wenn er diese Information weiter gab, aber er wusste selber wie schwierig es war, so ein Klassentreffen zu organisieren, gerade wenn die Freunde von früher bei der Heirat ihre Namen geändert hatten, oder weg gezogen waren. „Die beiden arbeiten, soweit ich weiß, bei der Autobahnpolizei, fragen sie doch einfach dort nach!“, gab er freundlich Auskunft und die Dame am anderen Ende bedankte sich überaus herzlich für das nette Gespräch und die Mühe, die er sich gemacht hatte. „Wissen sie, ich bin eine treue Leserin ihres Blattes und freue mich auf jede neue Ausgabe!“, log sie dann noch und als er den Hörer auflegte, hatte der Journalist immer noch ein Lächeln im Gesicht. Wenn es so einfach war, seine Stammleser glücklich zu machen, war er dabei. Und wieder hatte er ein positives Feedback für seine Arbeit bekommen-schade, dass sein Chef das nicht gehört hatte! Dann aber machte er weiter und vergaß den Anruf, denn soeben hatten seine Mitarbeiter wieder einen neuen Skandal aufgedeckt-in einem Chinarestaurant waren Rattenreste im Müll gefunden worden.

      Als Semir und Ben am Abend die PASt verließen, bemerkten sie beide nicht das Sportcoupé mit den verdunkelten Scheiben, das unauffällig ein Stück weit weg geparkt war. Seit mehreren Stunden observierte die Frau die Dienststelle. Ihr war klar gewesen, dass Polizisten vielleicht Schichtdienst hatten, auch unter der Woche mal frei, aber wenn sie auf der Jagd war, hatte sie einen langen Atem. Das Glück war ihr hold und ihr Atem beschleunigte sich, als sie den Mann, den sie haben wollte, gemeinsam mit dem anderen Beamten, der ziemlich klein war, aus dem Gebäude kommen sah. Jeder stieg in ein anderes Fahrzeug und sie ließ nun den Motor an und folgte mit großem Abstand und unauffällig dem Mercedes. Wann sie ihr Opfer an sich bringen konnte, wusste sie nicht, das sollte der Zufall entscheiden, aber es war schon einmal gut zu wissen, wo der Dunkelhaarige wohnte. Es lief perfekt, denn der gut aussehende Mann verließ die Stadt und fuhr über Land. Als sie dann aufs Gas ging, ihr PS-starkes Fahrzeug auf 180 beschleunigte und zum Überholen ansetzte, war weit und breit kein anderer Wagen zu sehen. Als sie während des Überholvorgangs einen Blick zur Seite riskierte, sah sie, dass ihr Opfer anscheinend laut sang, als er nun allerdings von ihr böse geschnitten wurde und sie dann nochmals beschleunigte, dann die Geschwindigkeit abrupt reduzierte und zudem in leichten Schlangenlinien fuhr, tat er genau das, was sie von einem Autobahnpolizisten erwartet hatte. Er ging ebenfalls aufs Gas, schaltete die Lichtleiste vorne in seinem Polizeifahrzeug ein und folgte ihr. Wenig später hatte er sie überholt und zum Anhalten aufgefordert, was sie auch machte.

      Ben war in äußerst positiver Stimmung auf dem Heimweg. Er hatte pünktlich Feierabend, das Wetter war herrlich und ihm stand ein angenehmer Abend bevor. Erst würde er mit seinen Kindern spielen, Sarah helfen, falls sie irgendwelche Arbeiten wie Wasserkästen schleppen oder dergleichen für ihn aufgehoben hatte, dann mit Lucky eine Runde joggen gehen und nach dem gemeinsamen Abendessen, wenn die Kinder schliefen, malte er sich schon den ganzen Tag aus, wie er Sarah verführen würde. Gerade dass sie diese wundervollen Dessous gekauft hatte, die ihn wahnsinnig antörnten, bewies ihm, dass sie noch genauso viel Interesse an ihm, wie er an ihr hatte. Da hatte er gedacht, dass mit den Jahren der Sex mit immer der gleichen Partnerin vielleicht langweilig werden könnte, aber das Gegenteil war der Fall.

      So war er einen Augenblick ganz irritiert, als er plötzlich überholt und geschnitten wurde. Im ersten Moment wollte er das einfach übersehen-es war ja nichts passiert und auch wenn der Fahrer des vorausfahrenden Sportcoupés zügig unterwegs war, er fuhr privat auch des Öfteren zu schnell und außer ihnen beiden war auf der Landstraße, die nicht mehr allzu weit von dem Dorf, in dem sie seit ein paar Jahren lebten, entfernt war, niemand unterwegs. Als das Fahrzeug vor ihm nun allerdings plötzlich die Geschwindigkeit wieder reduzierte und in Schlangenlinien fuhr, konnte er das nicht mehr auf sich beruhen lassen. Immerhin war er Polizist und wenn der sichtlich betrunkene Fahrer vor ihm jetzt ein Kind überfuhr, trug er eine Mitschuld. Der musste auf jeden Fall aus dem Verkehr gezogen werden, auch wenn dann sein wohl verdienter Feierabend ein wenig nach hinten rückte. Er überlegte, ob er gleich eine Streife ordern sollte, die den Fahrer blasen ließ und alles Weitere übernahm, entschied sich dann aber, erst einmal das Fahrzeug anzuhalten, was auch problemlos funktionierte. Am anderen Wagen ging die Warnblinkanlage an und als er ausstieg und zu der Fahrertür ging, bemerkte er, dass darin eine Frau saß, anscheinend eine Muslima, denn ein Kopftuch verhüllte einen großen Teil ihres Gesichts. Zudem trug sie eine dunkle Sonnenbrille. „Na prima-erst rasen, dann auch noch saufen“, dachte er, als sich die Türe nun schon von innen öffnete. Die Frau hatte die Hand zu ihrem Hals gehoben und er meinte ein Röcheln zu hören: „Bitte helfen sie mir-ich kriege so schlecht Luft-allergische Reaktion!“, stammelte sie und Ben überlegte, während er sich über sie beugte, ob er jetzt erst den Notruf absetzen, oder Erste Hilfe leisten sollte. Verdammt, so konnte man sich täuschen-da war eine Frau in Not und er hatte ihr schon Alkoholkonsum unterstellt. Plötzlich schoss unter dem Tuch eine Hand hervor und bevor Ben irgendetwas tun konnte, hatte sich eine Nadel in seinen Hals gebohrt. Es piekte, als wenn ihn ein Insekt gestochen hätte, aber der Inhalt der Spritze hatte sich so schnell in seinem Kreislauf ausgebreitet, dass er sofort die Augen verdrehte und über der Frau zusammen brach.
      Das Glück war ihr hold-immer noch war kein anderes Fahrzeug zu sehen und so wuchtete und zerrte die Frau, die Kräfte entwickelte, die man ihr gar nicht zugetraut hätte, Ben auf den Rücksitz, fesselte seine Hände und Füße professionell mit Kabelbindern, warf seine Waffe und sein Handy, ohne darauf Fingerabdrücke zu hinterlassen, in den Straßengraben und nur Minuten später wendete sie und fuhr gemächlich nach Köln zurück.
    • Es dauerte nicht lange und ein Mitbewohner des Ortes, der ebenfalls in Köln arbeitete, fuhr an Ben´s Wagen vorbei. Die Fahrertür stand offen, das Auto befand sich abgestellt am Straßenrand, aber kein Mensch war weit und breit zu sehen. Der Mann, der seinen Nachbarn kannte, stieg aus und sah sich ratlos um: „Ben? Ben-wo steckst du?“, rief er und sah sich suchend um, aber kein Mensch war zu sehen. Hatte sein Bekannter eine Panne gehabt und war zu Fuß nach Hause gelaufen? Aber ließ man da die Fahrertür weit offen stehen? Der Mann beschloss, einfach einen kleinen Umweg zu machen und am Gutshaus vorbei zu fahren. Sarah und Ben hatten sich gut in der Dorfgemeinschaft eingelebt, man kannte sich, hielt hier und da ein Schwätzchen, die Kinder besuchten miteinander den Kindergarten, es war einfach eine nette Nachbarschaft. Als der Mann vor dem Haus anhielt und zum Gartentor mit dem automatischen Toröffner ging, kam Lucky schwanzwedelnd auf ihn zugelaufen. Obwohl er so ein riesiger Hund war, war er zu allen Menschen freundlich und der Nachbar war gerade noch damit beschäftigt den langen schmalen Kopf über den Zaun ausgiebig zu streicheln, als Sarah schon mit Mia-Sophie auf dem Arm um die Ecke kam.
      „Hallo Ludger!“, begrüßte sie ihn überrascht, „Was führt dich zu uns?“, aber als er nun fragte, ob Ben eine Panne gehabt habe, schüttelte Sarah den Kopf. „Nicht dass ich wüsste, Ludger-wie kommst du darauf?“, fragte sie freundlich und als ihr Nachbar nun den Grund seines Hierseins erklärte, versteinerte Sarah´s Miene. Sofort beschlich sie ein ungutes Gefühl-immerhin hatte Ben ein Handy und hätte sie nur anzurufen brauchen. Gut-vielleicht war der Akku leer, oder er hatte es im Büro vergessen, aber dann müsste er in Kürze hier auftauchen, denn der Fußmarsch von dem Ort, den Ludger ihr beschrieben hatte, dauerte maximal 20 Minuten. „Danke für deine Information!“, beschied sie nun dem Mann, der jetzt zu seiner Familie nach Hause fuhr, nicht ohne ihr zuvor seine Hilfe anzubieten. „Ben wird sicher gleich kommen-vielleicht ist der Sprit leer und er ist mit jemandem zur Tankstelle im Nachbarort gefahren!“, fiel nun Sarah ein und der Mann verabschiedete sich.
      Sarah wartete noch zehn Minuten, setzte dann die Kinder, die bereits sehnsüchtig auf den Papa warteten, in die Kindersitze und lenkte die Familienkarosse zu der angegebenen Stelle. Wie Ludger gesagt hatte, war da Ben´s Auto, aber von ihm weit und breit keine Spur. Sarah stieg aus, nicht ohne den Kindern zuvor eingeschärft zu haben, sitzen zu bleiben. Sie umrundete das Auto und sah, dass der Schlüssel steckte-das war schon mal sehr merkwürdig. Das hier war ein Dienstfahrzeug, auf das Ben achten musste, auch wenn er schon viel der Vorgängermodelle geschrottet hatte. Als sie ein paar Meter weiter lief und sich suchend umblickte, sah sie plötzlich im Straßengraben etwas blinken. Als sie näher hin ging, blieb ihr fast das Herz stehen-das war Ben´s Waffe und gleich daneben lag sein Handy-um Himmels Willen-da war etwas passiert!

      Ben kam langsam wieder zu sich und war völlig desorientiert. Sein Körper war schwer wie Blei und er konnte sich kaum bewegen. Als er langsam und mühsam die Augen öffnete, stellte er fest, dass er in einem Krankenhausbett lag. Seine Arme und Beine waren mit weichen gepolsterten Gurten fixiert, er hatte stechende Kopfschmerzen und als er an sich herunter sah, stellte er fest, dass er auch ein hinten offenes Krankenhaushemd trug und eine leichte, blütenweiße Decke über ihm lag. Was war geschehen? Hatte er einen Unfall gehabt? Und wo war die Glocke mit der er nach der Schwester läuten konnte? Sein Mund war völlig ausgetrocknet, die Zunge klebte am Gaumen und als er jetzt sein Gehirn zermarterte, was überhaupt geschehen war, kamen langsam Bruchstücke des vergangenen Tages hervor. Obwohl-wie kam er darauf, dass noch Donnerstag war? Er war schon öfter im Krankenhaus wieder aufgewacht und es war schon eine ganze Zeit vergangen gewesen, an die er sich nicht, oder nur schemenhaft erinnern konnte, immerhin hatte ihn sein Beruf mehr als einmal als Patient auf die Intensivstation gebracht.

      Er schloss die Augen wieder ein wenig, denn das grelle Licht, das von der Decke strahlte, tat ihm weh und die Kopfschmerzen hämmerten in seinem Schädel. Kein Laut war zu hören, weder geschäftige Schritte auf dem Flur, gedämpfte Unterhaltungen, ein Lachen, eben typische Krankenhausgeräusche. Vielleicht war es auch mitten in der Nacht? Der Raum hatte, als er sich nach einer Weile erneut umsah, nämlich kein Fenster-merkwürdig! Die meisten Krankenzimmer hatten durchaus Fenster-er konnte sich lediglich an einen Raum in einer medizinischen Einrichtung erinnern, wo das nicht so gewesen war und zwar auf einer Strahlenstation, die sich im Keller einer Klinik befunden hatte. Aber sogar da hatte man mit Bildern an den Wänden und geschickter indirekter Beleuchtung versucht, den Eindruck von Behaglichkeit vor zu täuschen-das allerdings fehlte hier völlig. Der weiß gestrichene Raum war völlig kahl nur ein Nachtkästchen stand neben dem Bett. Nun trat noch ein weiteres Problem auf-seine Blase drückte!

      Er dachte angestrengt nach und nun fielen ihm wieder Bruchstücke ein. Übelkeit wallte auf, als blutige Organe vor seinem inneren Auge in eine Edelstahlschüssel plumpsten und ihn ein totes Gesicht mit nur einem Auge anstarrte. So langsam wich die Benommenheit und er konnte den letzten Tag, an den er sich erinnern konnte, so nach und nach rekonstruieren. Sie waren nach der Obduktion auf Streife gewesen, er hatte sich den Bauch mittags voll geschlagen und dann hatten sie pünktlich Feierabend gemacht. Er war voller Vorfreude auf seine Familie und seine wundervolle Sarah, die er gedachte abends wieder nach allen Regeln der Kunst zu verführen, nach Hause gefahren. Unterwegs hatte er diesen Wagen angehalten und plötzlich erinnerte er sich wieder an den stechenden Schmerz an seinem Hals, als er sich über die Frau gebeugt hatte, die dem Vernehmen nach Hilfe brauchte. Reflexartig wollte er nach oben fassen und seinen Hals betasten, aber die Handfesseln, die ihm nur minimale Bewegungsfreiheit ließen, machten das unmöglich.

      War er vielleicht in der Psychiatrie? Immer noch hoffte er verzweifelt, dass er sich tatsächlich in einer medizinischen Einrichtung befand, aber so nach und nach befiel ihn die Angst, dass er an eben dem Ort gelandet war, wo sich der Mann, den er aus dem Rhein gefischt hatte, zuvor aufgehalten hatte. Das Krankenhaushemd und die Fesselspuren an den Hand- und Fußgelenken würden passen. Wieder schloss er die Augen, seine Blase drückte mehr und mehr und schließlich begann er laut zu rufen. Es war schließlich egal-irgendwann musste er erfahren, wo er gelandet war und tatsächlich dauerte es nicht lang und er vernahm leichte Schritte, die näher kamen. Ein Schlüssel wurde im Schloss gedreht und dann öffnete sich langsam die Tür. Ben hielt unbewusst den Atem an und das Adrenalin schoss durch seinen Körper, als sich nun die Klinke nach unten bewegte und die Tür endgültig aufschwang.
    • Eine zierliche kleine Frau mit blonden Haaren betrat das Zimmer. „Hallo-ich bin Ben Jäger-können sie mir vielleicht sagen, wo ich hier bin und was passiert ist?“, versuchte es Ben. Vielleicht klärte sich die ganze Sache ja gleich auf, er hatte einen Unfall mit Amnesie gehabt und lag doch in irgendeiner Klinik. Allerdings hatte die Frau keinerlei Dienstkleidung an und sie vermied es auch, ihm in die Augen zu sehen. Ben hatte ihren Körper und ihr Gesicht mit seinen Blicken gescannt. Auch wenn er die Frau, die ihn überwältigt hatte, nur kurz wahr genommen hatte, aber die war wesentlich stabiler gewesen als diese hier und es war fast ein Ding der Unmöglichkeit, dass die schlanke junge Frau vor ihm, die höchstens 50 kg wog, ihn alleine hierher geschleppt hatte, also musste es zumindest noch eine weitere weibliche Person geben. Die Frau antwortete nicht auf seine Frage, sondern sah ihn nur auffordernd an. Ben meinte, ein wenig Mitleid in ihren Augen aufblitzen zu sehen, aber da konnte er sich auch getäuscht haben. Weil von ihrer Seite keine weitere Reaktion kam, blieb ihm nichts anderes übrig, so unangenehm es ihm auch war, auf den Grund seines Rufens zurück zu kommen. „Hören sie-könnten sie mich bitte los machen? Ich müsste mal ganz dringend zur Toilette!“, bat er, aber ohne einen weiteren Kommentar öffnete die Frau die Tür des Nachtschränkchens und holte eine Urinflasche, wie sie in Krankenhäusern gebräuchlich war, hervor. „Können sie bitte wenigstens meine Hände losbinden?“, versuchte es Ben erneut, aber die Frau schlug kommentarlos die Decke zurück, schob das Hemd ein wenig nach oben und legte ihm, ohne ihn zu berühren, die Flasche an.
      Ben schoss die Schamesröte ins Gesicht, irgendwie war das Ganze hier so skurril und unheimlich. Inzwischen stand für ihn fest-dies hier war kein Krankenhaus, niemand machte sich die Mühe, ihm etwas zu erklären, aber anscheinend verstand die junge Frau vor ihm, was er sagte. Wenn man in einer Klinik war, einen da Ärzte und Krankenschwestern oder auch sonstiges medizinisches Personal ansah oder berührte, war das ein anderer Ansatz, aber dass man als gesunder junger Mann von einer fremden Frau eine Flasche angelegt bekam, war mehr als ungewöhnlich. Wenn der Drang nicht so stark wäre und ihm das Wasser nicht sozusagen bis zum Hals stehen würde, hätte er jetzt protestiert, aber so war er nur froh, als die Blondine mit dem streng nach hinten gebundenen Pferdeschwanz, die er auf Mitte bis Ende 20 schätzte, die Decke über ihn schlug und sich dann umwandte. Ben versuchte nicht daran zu denken, dass die Flasche ja auch wieder entsorgt werden musste, aber seine körperliche Not war so groß, dass er sich nun erleichterte und als die Frau danach die Flasche wieder an sich nahm und durch eine zweite Tür, hinter der sich anscheinend ein Badezimmer befand, verschwand und kurz darauf eine Toilettenspülung und danach das Geräusch gewaschener Hände zu hören war, zermarterte Ben sich den Kopf, was er nun sagen sollte, damit die junge Frau, die auf ihn aber nicht gefährlich wirkte, ihm Auskunft gab.

      „Hören sie, egal was passiert ist-aber man müsste meiner Familie Bescheid geben, dass es mir gut geht-meine Frau wird sich sicher schon Sorgen machen, wie spät ist es denn überhaupt?“, versuchte er es aufs Neue, aber ohne ein weiteres Wort zu sagen verließ die Frau das Zimmer und er hörte, wie der Schlüssel sich im Schloss drehte.
      Erneut versuchte Ben aus den Fesseln zu schlüpfen, aber außer einer minimalen Lageänderung brachte er nichts zustande und nachdem er sich eine Weile abgemüht hatte, hörte er auf sich zu winden-vermutlich wäre es besser seine Kräfte zu sparen, damit er bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit seine Entführer überwältigen und fliehen konnte. Er versuchte nicht an die Verstümmelung des Opfers, das er aus dem Rhein gezogen hatte, zu denken. Was hatte man mit dem angestellt und wie hing das Ganze zusammen? Er konnte jetzt nur abwarten und außerdem darauf hoffen, dass Sarah inzwischen Semir verständigt hatte und eine Suchaktion angelaufen war.

      Sein Zeitgefühl war völlig verloren gegangen, hier war nirgendwo eine Uhr und das grelle Licht schien unbarmherzig auf ihn herunter. Er konnte nicht sagen, wie viel Zeit vergangen war, als die Tür sich wieder öffnete, die junge Frau einen Schnabelbecher mit Wasser herein brachte und ihn trinken ließ. Ben überlegte einen kurzen Moment das Angebot auszuschlagen, denn erstens wusste er ja nicht, ob nicht irgendein Betäubungsmittel in dem Becher war und zweitens wollte er eigentlich eine so peinliche Situation wie vorher mit der Flasche vermeiden, aber dann siegte der Durst und sein Überlebenswillen-er musste bei Kräften bleiben und nachdenken-irgendeinen Weg hier raus musste es geben und die junge Frau vor ihm schien auch kein Unmensch zu sein, vielleicht schaffte er es ja, eine Beziehung zu ihr auf zu bauen und sie zu überzeugen, seine Fesseln zu lösen. So trank er gierig und schmeckte auch keinen üblen Beigeschmack. „Dankeschön-wie heißen sie?“, versuchte er es erneut, aber schon war die Frau wieder aus seinem Gefängnis verschwunden und der Schlüssel drehte sich im Schloss.

      Die dunkelhaarige Frau, die auf ihrem Handy, das mit der Überwachungskamera im Raum vernetzt war, die Versorgung ihres Opfers überwachte, lächelte beifällig. Zofia hatte ihre Lektion gelernt und ließ diesen Ben Jäger nicht an sich heran-sie war also durchaus lernfähig. Ihre Aufgabe war es dafür zu sorgen, dass der sportliche junge Mann körperlich in möglichst guter Verfassung war, wenn die Tests begannen. Morgen würden sie damit anfangen und die Vorfreude zauberte ihr ein Lächeln ins Gesicht. Sie würde das Werk weiter führen und dieses Mal würde sie erfolgreich sein-irgendwann musste es ja klappen. Sie hatte schon neue Ideen und auch einige der Rezepturen verändert. Mit einem letzten Blick auf ihr Handy drehte sie sich zur Seite und war wenig später eingeschlafen.

      Auch Ben war es inzwischen müde die Decke anzustarren. Er hatte noch mehrmals gerufen, war auch laut geworden und hatte gebrüllt, man solle ihn los machen, aber nichts war geschehen und so übermannte auch ihn irgendwann der Schlaf, obwohl das helle Licht ihn störte. Wilde Träume quälten ihn und neben den blutigen Organen, die in die Schüssel plumpsten, starrte ihn immer wieder die leere Augenhöhle an-nur war das Gesicht darum herum in seinem Traum ihm wohl bekannt, es war das, was ihm am Morgen immer im Spiegel entgegen lachte.

      Sarah hatte mit zitternden Fingern ihr Handy gezückt. „Semir-du musst sofort kommen-Ben ist entführt worden!“, hatte sie mit bebender Stimme in den Hörer gerufen. Semir, der gerade mit seiner Familie zu Abend gegessen hatte, war sofort aufgesprungen. „Sarah, ich bin gleich bei dir, bleib ganz ruhig und erzähl mir, was geschehen ist!“, rief er, während er schon nach seiner Jacke griff. „Andrea-ich muss sofort weg-mit Ben ist was passiert!“, rief er im Hinauslaufen seiner Frau zu und noch während Sarah ihm berichtete wo sie war und was sie gefunden hatte, fuhr er mit quietschenden Reifen rückwärts aus der Garageneinfahrt-ach du liebe Güte, was war seinem Partner nur schon wieder zu gestoßen?
    • Als Semir an dem Ort ankam, wo Ben´s Auto stand, erwartete ihn schon eine völlig aufgelöste Sarah. „Semir-was ist bloß geschehen? Ludger ist gekommen und hat mir berichtet, dass Ben´s Wagen mit offener Fahrertür hier auf der Landstraße steht. Nirgendwo ist eine Spur von ihm und sein Handy und die Waffe, liegen einfach so im Straßengraben-er ist sicher entführt worden, aber warum und von wem?“, wiederholte sie, was sie ihm am Telefon schon berichtet hatte. Semir warf einen Blick auf seine Freundin, die Mia-Sophie auf dem Arm trug und Tim an der Hand fest hielt. Die Kinder wirkten beide verstört und hatten wie ihre Mama Tränenspuren in den Augen. Nachdem Semir, wie Sarah ohne irgendetwas anzufassen, einen Blick darauf geworfen hatte, sagte er ruhig-obwohl die Angst um Ben auch in seinem Inneren tobte: „Sarah, ich glaube du kannst hier nichts tun. Magst du nicht mit den Kindern nach Hause fahren-natürlich nur, wenn du dich fahrtüchtig fühlst?“, fragte er und Sarah, die bei aller Angst um ihren Mann immer noch die Verantwortung für ihren Nachwuchs im Kopf hatte, nickte. „Doch Semir-ich kann fahren. Mir ist auch klar, dass ich Ben nicht helfe, indem ich hier doof rumrenne-wenn du dich um alles kümmerst, bin ich beruhigt-hast du denn irgendeine Ahnung, was passiert sein könnte?“, fragte sie nach, aber Semir schüttelte den Kopf. „Sarah-es ist zu früh, um Spekulationen anzustellen. Ich werde jetzt Hartmut verständigen-vielleicht findet der irgendwelche Spuren und für dich hätte ich von zuhause aus auch was zu tun-vielleicht könntest du mal im Ort rumfragen, ob jemand etwas beobachtet, oder einen auffälligen Wagen gesehen hat“, bat er sie und Sarah setzte nun die Kinder mit freundlichen Worten in die Kindersitze. Tim allerdings konnte sie nicht belügen-er versuchte verzweifelt die Zusammenhänge zu begreifen: „Wo ist Papa? Ich will zu meinem Papa!“, weinte er und Sarah´s Herz krampfte sich vor Kummer zusammen. Sie musste jetzt stark sein für ihre Kinder, egal was geschehen war-das war das, was ihr geliebter Ben von ihr erwartete. „Tim-wir alle wissen nicht, wo Papa ist, aber du weißt doch-er ist stark und dazu noch Polizist. Semir sucht ihn jetzt und er wird sicher bald wieder bei uns sein!“, sagte sie mit fester Stimme, die ihre eigenen Sorgen überspielte und jetzt konnte Tim auf einmal ein kleines Bisschen lachen und seine kleine Schwester mit ihm: „Und dann hauen Papa und Semir die Bösen, nicht wahr?“, fragte er ganz überzeugt nach und wenn sie nicht so besorgt gewesen wäre, hätte Sarah jetzt schmunzeln müssen. „Na klar Tim-die Bösen haben keine Chance, wenn Papa und Semir sie verfolgen!“, bestätigte sie und fürs Erste war nun Tim´s kleine Welt wieder in Ordnung. Sein Papa war ein Held-und so sollte es auch bleiben!

      Kaum war Sarah´s Wagen am Horizont verschwunden, hatte Semir schon Hartmut am Telefon. „Jungs-was gibt’s schon wieder? Habt ihr mal auf die Uhr gesehen und dürfte ich euch dran erinnern, dass ich eigentlich seit fast einer Stunde bereits Feierabend habe-nur dieses kleine Experiment hat mich noch aufgehalten, aber jetzt bin ich gleich weg!“, lamentierte er, aber Semir unterbrach seinen Redeschwall: „Einstein, vergiss deinen Feierabend-Ben ist verschwunden und so wie es aussieht, ist er entführt worden!“, knallte er ihm an den Kopf und jetzt war Hartmut einen kurzen Moment still. „Wo steckst du-und sag mir, wie ich dir helfen kann!“, erwiderte er konzentriert, lauschte dann Semir´s Worten und begann dann sofort seinen Spurensicherungskoffer und die Wärmebildkamera einzupacken. „Brauchen wir Suchhunde?“, wollte er dann wissen, aber Semir verneinte. „Wenn dein Team und du da seid, hole ich Lucky-wenn sein Herrchen hier irgendwo in der Nähe ist, wird er ihn finden!“, teilte er dem Rothaarigen seinen Plan mit und kaum hatte Hartmut aufgelegt, hatte Semir auch schon die Chefin am Apparat, die sich, wie er wusste, noch in der PASt aufhielt. „Herr Gerkhan-ich dachte ich hätte sie beide schon Feierabend machen sehen? Was gibt es denn?“, fragte sie verwundert und als Semir ihr kurz den Sachverhalt erklärte, versprach sie ebenfalls sofort zu kommen-gerade war nämlich die Schrankmann gegangen, mit der sie ein Besprechung wegen Zuständigkeiten gehabt hatte. „Warum sind sie sich denn so sicher, dass Herrn Jäger etwas zugestoßen ist?“, hatte sie noch gefragt, aber als Semir ihr mit Kummer in der Stimme erklärt hatte: „Ich habe da so ein Gefühl-ich weiß es einfach!“, hatte sie nicht näher nach gefragt-auf Semir´s Bauchgefühl war Verlass, das hatte sie in ihrer langjährigen Zusammenarbeit immer wieder feststellen können und zweifelte nicht daran.

      So begann wenig später Hartmut mit seinem Team die Gegend zu vermessen, versuchte Fußabdrücke, Reifenspuren und Fingerabdrücke zu sichern und Semir machte sich- wie angekündigt- auf, um Lucky zu holen. Der stieg schwanzwedelnd und verwundert in Semir´s Wagen, als er dazu aufgefordert wurde-er kannte schließlich den kleinen Türken beinahe so lange wie sein Herrchen. Als er Ben´s Wagen von der Weite erkannte, klopfte sein Schwänzchen voller Freude auf den Beifahrersitz, wo der graue Riese wie selbstverständlich und völlig illegal Platz genommen hatte, aber als er nun aus dem Wagen gelassen wurde, untersuchte er zuerst aufgeregt Ben´s Mercedes, dann lief er mit der Nase tief auf dem Boden ein paar Schritte die Straße entlang zurück Richtung Köln und nun sträubten sich seine Nackenhaare und er stieß ein dumpfes Grollen aus. Er schnüffelte noch ein wenig in der Gegend herum, kehrte dann zu dem Platz zurück, wo anscheinend ein zweiter Wagen gestanden hatte, setzte sich auf seine Hinterbacken und dann begann er zu winseln. „Komm Lucky-such dein Herrchen!“, versuchte Hartmut ihn aufzufordern, weiter die Umgebung abzusuchen, aber Semir, der den Hund aufmerksam beobachtet hatte, schüttelte den Kopf. „Wenn Ben zu Fuß hier irgendwo gegangen wäre, hätte Lucky bereits die Spur aufgenommen. Genau hier wurde er entführt, ich vermute mit einem Fahrzeug. So wie Lucky sitzt, fast in der Mitte der kleinen Straße, sieht es fast so aus, als wäre er zur Fahrertür herein gezogen worden,“, vermutete er. Was noch interessant gewesen war-Lucky hatte bei seinem Streifzug durchs Gelände kurz zuvor noch eine weitere Spur aufgenommen, die von dem Platz an dem er jetzt saß, direkt zum Straßengraben führte, wo Ben´s Waffe und sein Handy gefunden und natürlich inzwischen geborgen und eingetütet worden waren. „Hier ist sicher nicht Ben gelaufen, das sehe ich an Lucky´s Verhalten, aber wohl der Entführer. Lucky weiß jetzt wie der riecht-wenn wir einen Verdächtigen ermitteln können, wird der Hund uns bestätigen, ob das der Richtige ist, aber leider kann er uns mehr nicht sagen-ach Mann, schade dass er nicht sprechen kann!“, lamentierte Semir, aber Hartmut, der ja einen Großteil der Spuren schon gesichert hatte, sagte nachdenklich: „Auch wenn es unwahrscheinlich klingt, aber ich habe genau hier am Straßenrand den frischen Abdruck von High Heels gefunden-ich kann es fast nicht glauben, aber die Indizien weisen bisher darauf hin, dass Ben von einer Frau zumindest mit entführt wurde!“ „Das würde auch erklären, warum er so unvorsichtig war, nicht vorher eine Meldung an die Zentrale abzusetzen. Da hat ihn vermutlich jemand gehörig reingelegt!“, überlegte Semir schweren Herzens und machte sich dann auf den Weg, um Lucky zurück zu bringen und zu sehen, ob Sarah im Dorf etwas heraus gefunden hatte.

      Obwohl die Telefondrähte glühten, hatte die blonde junge Frau leider noch keine Neuigkeiten. Sie hatte den Kindern inzwischen zu Essen gegeben, immerhin hatte sie eines von Ben´s Leibgerichten vorbereitet, sie allerdings hatte keinen Appetit, sondern in ihrem Magen hing ein dicker Kloß aus Angst und Sorge. „Ach Semir-was ist mit ihm nur schon wieder geschehen-warum ist es uns nicht vergönnt, einfach friedlich vor uns hin zu leben, wie alle anderen Familien hier?“, fragte sie ihren Freund, der sie kurz in den Arm nahm und drückte. „Sarah-ich weiß es nicht, aber ich verspreche dir, ich werde nicht eher ruhen, bis ich ihn gefunden habe!“, erwiderte er, aber im Augenblick hatte er keinen blassen Schimmer, wo er ansetzen sollte.

      Wider Erwarten war Ben doch irgendwann eingeschlafen. Als er am Morgen erwachte, meldete sich sein Magen erneut mit lautem Grummeln und er musste schon wieder aufs Klo, obwohl er doch nicht viel getrunken hatte. Als er vorsichtig zu rufen begann, war wie am Vorabend wieder die junge Frau zu ihm getreten, hatte ihm zunächst die Flasche angelegt, wie gestern entsorgt und danach das Bettkopfteil hoch gestellt. Kurz darauf brachte sie ein Tablett mit dampfendem Kaffee, der verführerisch roch, dazu zwei aufgeschnittene Brötchen, eines davon mit Wurst und das andere mit Butter und Marmelade bestrichen. Erneut erwägte Ben kurz, das Frühstück aus zu schlagen, aber dann fiel ihm wieder sein Argument von gestern ein-er musste bei Kräften bleiben, um seine Flucht zu planen. So ließ er sich füttern und versuchte immer wieder Kontakt mit seiner Gefängniswärterin auf zu nehmen, aber die sah ihn nie direkt an, sondern erledigte ohne eine Regung ihren Auftrag. „Wie heißen sie denn?“, versuchte es Ben erneut zwischen zwei Bissen. „Ich verspreche ihnen nicht zu fliehen-aber könnten sie mich nicht los machen, damit ich mich ein wenig bewegen kann, ich bin schon ganz steif?“, bat er sie, aber es kam kein Wort und keine Regung von ihr.

      Währenddessen war die andere Frau eingetroffen. Sie hatte einen Helfer dabei und kaum war Ben mit dem Essen fertig, öffnete sich weit die Tür und der dunkelhaarige Polizist sah sich dem größten Muskelprotz, den er je gesehen hatte, gegenüber. Der Mann war ein ganzes Stück größer als er, bestand anscheinend nur aus Muskeln und man konnte an seinem Gesicht schon die geistige Behinderung erkennen. Direkt hinter ihm stand eine weitere Frau in High Heels und elegantem grauen Kostüm, zwar durchaus gut aussehend, aber auch ziemlich groß und stabil, wenn auch nicht dick und richtete eine Waffe auf ihn. Als sie nun die Stimme erhob, erkannte Ben sofort seine Entführerin von gestern.
      „So Ben-ich würde vorschlagen, wir machen dich jetzt los und du kommst artig mit. Ich habe Großes mit dir vor und du wirst einmal stolz sein, dass du ein Teil des genialen Projekts sein darfst. Aber jetzt komm erst einmal mit und ich sags dir gleich-ich würde nicht versuchen zu fliehen, denn Elias kann sonst leider sehr böse werden und ich weiß nicht, ob ich ihn dann noch kontrollieren kann!“, teilte sie ihm mit, während die zierliche junge Frau bereits mit einem Magneten seine Fesseln öffnete.

      Ben hatte kurz nach gedacht. Seine Entführer hatten sich allesamt nicht die Mühe gemacht, ihre Gesichter zu verhüllen, das bedeutete, dass sie nicht vor hatten, ihn am Leben zu lassen. Nachdem er nichts zu verlieren hatte, würde er gleich agieren, denn vermutlich rechneten sie nicht mit sofortigem Widerstand und die Tür stand einen Spalt breit auf. Gerade massierte er noch seine Gelenke, als er plötzlich los spurtete, den Fleischkloß als Deckung benutzte, damit die Frau mit der Waffe ihn nicht treffen konnte und zur Tür schoss. Allerdings hatte er nicht mit der Reaktion des Kolosses gerechnet, der sich trotz seiner Körpermasse blitzschnell bewegte, sich auf ihn warf und ihn fest hielt. Er lag am Boden und bekam fast keine Luft mehr, als die Frau tadelnd zu ihm sagte: „Aber Herr Jäger-mit ein wenig mehr Kooperation hätte ich schon gerechnet!“
      Dann wurde er hoch gezerrt und jetzt leistete er momentan keinen Widerstand mehr, als er nun hinaus komplimentiert wurde. Seine Flucht hätte ihm sowieso nichts genutzt, wie er soeben fest stellte, denn die Türe führte nur in einen Flur von dem mehrere weitere Türen abgingen, die augenscheinlich alle verschlossen waren. Eine davon öffnet die große Frau jetzt mit einem Schlüssel und er wurde in ein Zimmer gestoßen, das eine Mischung aus medizinischem Behandlungsraum und Labor war. Kein Fenster führte nach draußen, aber Ben´s Blick wurde magisch von dem Teil angezogen, das in der Mitte des Zimmer stand-ein gynäkologischer Behandlungsstuhl.

      Die junge Frau war inzwischen verschwunden und während der Koloss ihn fest hielt, verschloss die ältere Frau, die Ben auf etwa Ende dreißig schätzte, die Türe sorgfältig hinter sich. „Und jetzt ausziehen!“, befahl sie und richtete erneut die Waffe auf ihn. Ben überlegte fieberhaft, ob er noch irgendetwas machen konnte, aber angesichts der geballten Überlegenheit seiner Entführer, beschloss er nun wenigstens vorläufig zu kooperieren-vielleicht fand er ja irgendein Schlupfloch. So richtete er sich auf, löste das Bändel, das das lächerliche Krankenhaushemd in seinem Nacken festhielt, schlüpfte aus den Ärmeln und ließ das Teil zu Boden sinken. Normalerweise hatte er kein Problem mit Nacktheit, aber jetzt genierte er sich, denn die Frau taxierte ihn mit lüsternen Blicken von oben bis unten, bevor sie dem Koloss die Waffe in die Hand drückte und einen Schritt auf ihn zu kam.

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    • Semir hatte nach seiner Rückkehr in die PASt in Absprache mit Frau Krüger eine intensivierte Fahndung nach Ben und einer unbekannten Frau heraus gegeben. Alle Streifen wurden mit seinem Foto versorgt und um erhöhte Wachsamkeit gebeten. Der Dienstwagen wurde abgeschleppt, Hartmut würde ihn sich in der KTU nochmals näher ansehen und auch den Fahrzeugcomputer auswerten, vielleicht würde sie das weiter bringen. Auch wenn der kleine türkische Polizist sich fast sicher war, dass der unbekannte Tote, den sie aus dem Rhein gefischt hatten, der Schlüssel zu dem Ganzen war, half ihnen das im Moment auch nicht weiter. Vorsichtshalber ging ein Bild von Ben auch an alle Kölner Krankenhäuser, aber kein Feedback kam zurück-er war wie vom Erdboden verschluckt.
      Weit nach Mitternacht beschloss Semir, nun doch endlich nach Hause zu fahren, wenn er ein paar Stunden geschlafen hatte, würde er vielleicht wieder klar denken können und eine Idee haben, wo sie weiter nach seinem Partner suchen konnten. Als er sich leise ausgezogen und neben seine schlafende Frau gekuschelt hatte, schmiegte die sich schlaftrunken an ihn. „Und was ist mit Ben?“, flüsterte sie, aber Semir konnte nur stumm den Kopf schütteln. „Er ist immer noch verschwunden!“, klärte er sie auf. Dennoch gelang es ihm irgendwann doch noch ein wenig einzuschlafen, aber wilde Träume von aus dem Rhein gefischten Leichen durchzogen seinen Schlaf. Immer wenn er die Toten umdrehte, starrte ihn Ben´s totes Gesicht an-und das Erschreckendste war-seine dunkelbraunen Augen fehlten!

      Sarah hatte auch bis spät in die Nacht hinein-die Kinder schliefen schon lange-alle möglichen Leute kontaktiert und gegrübelt. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass der Grund für Ben´s Entführung in ihrem gemeinsamen privaten Umfeld lag und Semir hatte auch angedeutet, dass sie gerade einen Fall bearbeiteten, der eine Querverbindung zuließ. Als sie endlich an ihren begehbaren Kleiderschrank trat, lugte zwischen ihren Jeans die schwarze Spitze der neuen Dessous hervor. Noch gestern waren sie wunschlos glücklich gewesen, hatten ihr Leben und den gemeinsamen Sex genossen und heute war alles anders. Sie nahm Ben´s Kopfkissen in den Arm, das so wundervoll nach ihm roch, drückte es an sich und die Tränen flossen nun ungebremst. „Schatz-wo immer du auch bist-kämpfe und komm zu mir zurück, ich kann ohne dich nicht leben!“, flüsterte sie und fiel irgendwann doch in einen unruhigen Schlaf.

      Unwillkürlich wollte Ben ein wenig zurück weichen, aber in letzter Sekunde erinnerte er sich an das Körperspracheseminar, das er gemeinsam mit Semir belegt hatte. Zusätzlich zum Schießtraining und erweiterten Erste Hilfe Kursen mussten sie jedes Jahr einige Fortbildungen vorweisen, dafür gab es bei der Polizei NRW extra einen Fortbildungskatalog, aus dem man sich die Seminare aussuchen konnte. Die Stunden dafür waren Dienstzeit und so waren sie gemeinsam zu dem Termin, ein wenig außerhalb Kölns gefahren. Zu ihrer Verwunderung war die angegebene Adresse ein Reiterhof und die Seminarleiterin eine zierliche kleine Frau. Gemeinsam mit einigen Kollegen hatten sie erst gewitzelt, aber als sie nach ein wenig Theorie zum praktischen Teil des Seminars kamen, sahen sie sich plötzlich immer in Zweiergruppen aufgeteilt, jeder mit einem Pferd an der Hand dastehen-witzigerweise bekam er ein Pony und Semir einen riesigen Koloss von einer Tonne Kaltblut am langen Führstrick.
      „Und jetzt setzen sie doch mal um, was wir vorher besprochen haben!“, lautete die Aufforderung und Ben hätte sich beinahe vor Lachen auf den Boden geschmissen. Dieses vielleicht 200 kg schwere Shetlandpony würde er nötigenfalls einfach hinter sich her zerren, aber als er nun ohne nachzudenken am Strick ruckte, rannte dieses störrische Teil plötzlich los und weil er nicht los ließ, wurde er binnen Kurzem am Boden hinterher geschleift-später hatte seine arme Jeans sogar Löcher an den Knien aufgewiesen! Semir war klüger, er machte sich groß-etwas was er durch seine geringe Körpergröße gewöhnt war, sah den belgischen Kaltbluthengst konzentriert an-und tatsächlich, der sanfte Riese senkte demütig den Kopf und wich nach rückwärts aus. Wie spielerisch schaffte Semir es, das riesige Tier, das mindestens eine Tonne wog, in Schlangenlinien rückwärts über den Platz zu bugsieren, dann folgte es ihm vertrauensvoll, als er voraus ging und die Trainerin war voll des Lobes. „Sehen sie Herr Jäger-ihr Kollege hat einfach das umgesetzt, was wir vorher gelernt haben-versuchen sie es nochmals!“, wurde er aufgefordert und während die Kollegen, die danach dran waren, hinter vorgehaltener Hand zu kichern begannen, startete ein neuer Kampf zwischen Ben und dem Pony, dessen Augen blitzten und das fröhlich den Kopf schüttelte, dass die lange wuschelige Mähne nur so flog. Irgendwann kriegte er es fertig, dass das kleine fuchsfarbene Tier rückwärts trat und als er nun einfach die Welt um sich herum vergaß und sich auf das Pferdchen konzentrierte, funktionierte es. Sie tauschten noch kurz die Pferde und als alle beide nur durch Körpersignale den Respekt und die Aufmerksamkeit ihrer Spielpartner errungen hatten, war, nachdem die anderen auch noch alle dran gewesen waren, das Seminar beendet.
      Ben hatte es erst nicht wahrhaben wollen, aber als es ihm am nächsten Tag sogar gelungen war, Frau Schrankmann zum Rückwärtstreten zu veranlassen, nur indem er sich aufrichtete, sie stumm fokussierte und entschlossen einen winzigen Schritt auf sie zukam, begann er an die erprobten Theorien zu glauben. Die Schranke, die ihn eigentlich hatte angehen wollen, war verunsichert gewesen, hatte ihr Konzept verloren und war letztendlich regelrecht aus der PASt geflohen. „Gut-wenn das sogar bei Oberstaatsanwältinnen funktioniert, glaube ich doch, dass das Seminar kein Blödsinn war!“, hatte er Semir danach feixend erzählt und der war in schallendes Gelächter ausgebrochen.


      Nun aber setzte Ben sein Wissen um, ohne sich allerdings im Klaren zu sein, ob das Sinn machte. Nackt wie er war, versuchte er zu vergessen, dass er nichts anhatte und eigentlich in einer ausweglosen Situation war und er straffte seinen Rücken. Er fokussierte die Frau und tatsächlich-unbewusst wich sie einen Schritt vor ihm zurück. Dann überlegte sie kurz, aber er hatte leider keinen dauerhaften Erfolg mit seiner Maßnahme, denn nun wandte sie sich um, zog eine Spritze und eine Ampulle aus einem Schrank und ließ wie zufällig die Tür offen. Der Schrank war ein richtiger riesiger Medizinschrank aus Edelstahl und Milchglas, wie er in vielen Kliniken verwendet wurde. Perfekt zu desinfizieren und mit viel Platz darin. Ben´s Blicke wurden nun aber voller Entsetzen von dem Hauptinhalt angezogen. Fein säuberlich aufgereiht und etikettiert standen da Dutzende, nein Hunderte von Präparategläsern. Erst hatte Ben nicht erkannt, was darin war, aber als er es gewahr wurde, sank er hoffnungs- und mutlos in sich zusammen und hätte vor Ekel, Angst und Entsetzen schreien mögen-da waren Hunderte von Augen, in allen Farben und Größen. Manche standen paarweise zusammen, jedes Glas war fein säuberlich beschriftet, was auf dem Etikett stand, war aber aus der Entfernung nicht zu entziffern und jetzt schlug Ben´s größte Angst, nämlich die zu erblinden, hoch und brachte ihn dazu, einen Laut des Entsetzens und der Panik aus zu stoßen. Wie schlimm war es damals gewesen, als er wegen der giftigen Dämpfe aus dem verunglückten LKW vorübergehend sein Augenlicht verloren hatte.

      Jetzt fiel ihm sofort wieder die leere Augenhöhle des Mannes ein, den er aus dem Rhein gefischt hatte. Stand ihm dasselbe Schicksal bevor? Bevor er einen klaren Gedanken fassen konnte, hatte sich eine Nadel in seinen nackten Po gebohrt und dann trat die stabile Frau mit hämischem Grinsen im Gesicht wieder einen Schritt zurück und wartete. „Bitte-bitte tun sie mir das nicht an!“, stammelte Ben und hielt sich noch eine ganze Zeit wacker aufrecht. Dann allerdings wurde ihm schwindlig, seine Knie knickten ein und jegliche Kraft erlahmte. Wie ein außenstehender Beobachter nahm er mit weit geöffneten Augen, aber ohne die Möglichkeit zur Gegenwehr wahr, wie er auf dem Boden ausgestreckt wurde. Mit geschäftigem Gesichtsausdruck begann die Frau seinen Körper mit Zollstock und Maßband von oben bis unten genauestens zu vermessen und die erhobenen Daten von Hand auf mehrere Folien zu übertragen. Seinem Kopf widmete sie sich eine sehr lange Zeit, verglich den Augen-Nasenabstand, zeichnete auf extra Folien sogar den Schwung seiner Lippen, die Dicke der Augenbrauen und die genaue Form der Ohrmuscheln ab. Als sie zwischen seinen Beinen anlangte, versuchte er sich-trotz Sedierung- kurz zu wehren, aber als der debile Koloss ihn nun eisern festhielt, ließ er es auch geschehen, dass sogar sein bestes Stück vermessen wurde, die Hoden gewogen und die Daten danach aufgeschrieben wurde. Man drehte ihn um, verfuhr mit seiner Rückseite genauso, zog ihm dann das Hemd wieder an und irgendwann hob ihn der starke Mann auf seine Arme und trug ihn in sein Bett, wo er wieder sorgfältig fixiert wurde.

      Als der Schlüssel im Schloss gedreht wurde, starrte Ben noch eine Weile die Decke an, aber dann übermannte ihn die Erschöpfung und er schloss die Augen. Auch wenn er sich nicht wehren konnte, ein Teil seines Verstandes funktionierte noch und als das Mittel allmählich nachließ, begann er gleichzeitig zu zittern und zu schwitzen. Was für ein Teufelszeug war das wohl gewesen? Aber so langsam bekam er die Kontrolle über seinen Körper wieder zurück und konnte nicht verhindern, dass sich ein paar Tränen einen Weg bahnten. Er war sich sicher-wenn ihm die Flucht nicht gelang, würde er dieses Haus nicht mehr unversehrt verlassen. Zusätzlich zu der leeren Augenhöhle brannte sich der Anblick der verschrumpelten Genitalien des vorigen Opfers in seinen Kopf-würde ihm dasselbe Schicksal bevor stehen?
    • Irgendwann öffnete sich wieder die Tür seines Verlieses, die junge Frau kam mit einer Schüssel mit dampfendem und wohlriechendem Eintopf zu ihm und stellte wortlos das Bettkopfteil höher. „Bitte-sagen sie mir wenigstens wie spät es ist und wo wir hier sind?“, flehte Ben, aber sein Gefängniswärterin reagierte nur mit einem Kopfschütteln auf seine Fragen. „Hören sie-sie sind doch nicht so-warum helfen sie dieser Frau und dem Doofie? Wenns um Geld geht-kein Problem-ich zahle ihnen jede Summe, wenn sie mich los machen und dann einfach gehen-ansonsten müssen sie überhaupt nichts tun! Ich finde hier schon raus und wenn sie Hilfe brauchen-ich bin Polizist und das ist sozusagen mein Beruf!“, bohrte er weiter, aber wieder schüttelte die junge Frau den Kopf, hielt aber den Blick gesenkt und während sie ihm einen Löffel nach dem anderen in den Mund schob, sah Ben in ihren Augen ein paar Tränen glitzern.

      Zunächst war er sich nicht sicher gewesen, ob er überhaupt etwas essen sollte, auch hatte er befürchtet, dass ihm schlecht werden würde-er wusste ja nicht, welche Nebenwirkungen das merkwürdige Medikament hatte, das er gespritzt bekommen hatte. Seine Pobacke brannte ein wenig, aber ansonsten war er bisher unversehrt. Aber als das Essen drin blieb meldete sich neben aller Verzweiflung auch sein unbedingter Überlebenswille. Er musste wieder zu Sarah, seinen Kindern und Semir-sein Leben war viel zu kostbar, um nicht mit allen Mitteln darum zu kämpfen. Semir würde inzwischen sicher mit allen verfügbaren Mitteln nach ihm suchen und vielleicht hatte seine Entführerin ja eine Spur hinterlassen, die der türkische Terrier verfolgen konnte. Wenn der einmal Fährte aufgenommen hatte, ließ er nicht mehr locker und Ben war sich sicher, dass die ganze PASt inzwischen intensiv nach ihm fahndete. Vielleicht musste er also nur lange genug ausharren, oder auch die dunkelhaarige Frau in Sicherheit wiegen und den Anschein geben zu kooperieren, damit die unvorsichtig wurde und ihm die Möglichkeit zur Flucht bot. Und außerdem-auch wenn er jetzt nicht weiter in die junge Frau vor ihm drang, die ihn fütterte, wie ein kleines Kind, hier war ebenfalls eine Schwachstelle in dem System-die war keine brutale Verbrecherin, sondern wurde mit irgendeinem Druckmittel dazu gezwungen ihn zu versorgen. Nach der Mahlzeit trank er noch voller Durst zwei Becher Wasser und sagte dann, immer noch verlegen wegen dem, was nun unweigerlich kommen würde: „Ich müsste dann nochmal!“, und wieder bekam er die Flasche angelegt, bevor er alleine gelassen wurde. Nun geschah viele Stunden nichts mehr und weil Ben auch müde wurde und einschlief, ging er davon aus, dass es Nacht war. Er würde sich nach den Mahlzeiten richten müssen, um die Tage seiner Gefangenschaft zu zählen, das Licht schien durchgehend gleißend hell von der Decke.

      Als Ben sich am nächsten Morgen-wenn es denn Morgen war- gründlich umsah, sah er an der Decke, direkt über ihm, neben einem der Lichter einen kleinen Knopf-vermutlich war das eine Überwachungskamera. Auch an drei anderen Stellen entdeckte er verdächtige Punkte, an denen ebenfalls eine Kamera verborgen sein könnte-aha, deswegen nahm seine Gefängniswärterin keinen Kontakt mit ihm auf und das Licht brannte ständig so hell. Außerdem versuchte man ihn dadurch sicher auch mürbe zu machen, damit er kooperierte, aber so weit würden ihn seine Entführer nie bringen! Er würde vielleicht zum Schein mitspielen, aber immer wachsam sein und auf eine Gelegenheit zur Flucht warten. In der Ecke stand etwas, was wie ein Babyphon aussah-vermutlich hatte den Empfänger die junge blonde Frau und konnte so hören, wann er nach ihr verlangte.
      Wieder bekam er Frühstück eingegeben, seine Zähne wurden von der Blonden geputzt und sein Gesicht gewaschen. „Hören sie-ich würde gerne mal duschen und irgendwann müsste ich auch mal-äh-auf ne richtige Toilette!“, umschrieb er verlegen, was ihn nun im wahrsten Sinne des Wortes bedrückte, aber die Frau zuckte nur mit den Schultern.

      Einige Zeit später kamen der Koloss und die bewaffnete dunkelhaarige Frau wieder zu ihm, was ihm ein mulmiges Gefühl in der Magengrube bescherte. Er wurde los gemacht und dann grob in das winzige Bad gestoßen und die Tür hinter ihm geschlossen. Voller Hoffnung sah er sich um, aber der kleine Raum mit einem Spion in der Tür hatte keine Fenster und die Lüftungsschlitze waren vielleicht 15cm im Durchmesser-also leider keine Möglichkeit zur Flucht. Gedämpft hörte er aus der Ferne durch die Lüftung das Signal eines Rheinschiffs-er war also irgendwo am Fluss. So verrichtete er nun sein dringliches Geschäft und versuchte zu verdrängen, dass die ganze Zeit der Blick des Kretins durch das Guckloch auf ihn gerichtet war. Als er danach in die Duschkabine stieg, drehte er vergeblich an den Armaturen-da kam kein Wasser. Enttäuscht reinigte er seine Hände am Waschbecken und wurde dann wieder grob heraus gezerrt.

      Bevor er sich versah, stieß man ihn in einen anderen Raum und kaum dass er sich orientieren konnte, wurde ihm das Hemd herunter gerissen und Handschellen hatten sich um seine Handgelenke geschlossen, die an einer kurzen Kette befestigt waren, die wiederum an einem Ring in der Wand hing. Als er sich umsah, stellte er fest, dass er in einer Art Waschbox wie in der Waschanlage war. „Hören sie-reden sie mit mir und sagen mir einfach, was ich tun soll…“, begann er zu sprechen, als ihm schon die Luft weg blieb. Im selben Moment nämlich traf ihn der eiskalte Strahl eines Hochdruckreinigers, der ihn beinahe von den Füßen holte. Sein Folterknecht hatte eine lange Gummischürze über gezogen, die bis zum Boden reichte und war in Gummistiefel geschlüpft. „Sauber muss er sein, sauber muss er sein!“, kicherte er dazu und hielt unbarmherzig drauf. Ben versuchte auszuweichen und den schmerzhaften Strahl von seinen empfindlichen Körperstellen abzulenken, aber er wurde gnadenlos von oben bis unten abgespritzt und auch das Gesicht und seine edelsten Teile nicht ausgespart. Er schnappte nach Luft, schrie laut auf, aber der Koloss machte unbarmherzig weiter, bis Ben wie ein zitterndes Häufchen Elend in den Ketten hing. Er fror wie ein Hund und rang mühsam nach Luft, als der Mann sich nun seiner Schutzkleidung entledigte, ihn nass wie er war, packte und hinter sich her in das „Behandlungszimmer“ schleifte. Die ganze Zeit bedrohte ihn die Frau derweil mit der Waffe, so dass Ben es nicht wagte, an Flucht zu denken, so entschlossen wie die aussah, würde sie ihn gnadenlos abknallen. Sowohl bei ihr, als auch bei dem Mann hatte Ben die Lust in den Augen funkeln sehen, als er vor Schmerzen geschrien hatte-das waren Sadisten, so viel war klar. Die junge Frau war nicht da-das war vermutlich die Einzige, die hier menschliche Regungen zeigte, aber als die Frau nun auf den Behandlungsstuhl zeigte und grob befahl: „Rauf da!“, schüttelte Ben den Kopf. Nein-freiwillig würde er sich da nicht drauf legen, aber wie am Vortag bohrte sich nun wieder eine Nadel in seinen Po und wenig später gaben seine Beine nach.

      Ben war in einem merkwürdigen Zustand. Er bekam alles mit, konnte auch halbwegs klar denken, aber sein Körper gehorchte ihm nicht mehr. Er war kaum fähig sich ein wenig zu winden, aber die Atmung machte ihm keine Probleme. Seine Muskeln gehorchten ihm nicht mehr und so lag er wenig später mit gespreizten Beinen auf dem Stuhl, Klettverschlüsse schlossen sich um seine Unterschenkel und auch seine Hände kamen in Handschlaufen, damit er sich auf gar keinen Fall befreien konnte. Er versuchte zu sprechen, aber das ging nicht, nur irgendwelche Laute gurgelten aus seiner Kehle. Die Panik schnürte ihm fast die Luft ab, ihm war immer noch schrecklich kalt, aber er musste wehrlos über sich ergehen lassen, was seine Peinigerin nun mit ihm anstellte, die inzwischen wie am Vortag den weißen Arztkittel über ihr Kostüm gezogen und heute auch Untersuchungshandschuhe angelegt hatte.

      Gleich früh am Morgen war Semir bei Hartmut in der KTU aufgeschlagen, der die Nacht durchgearbeitet hatte und jetzt am Boden unter seinem Schreibtisch ein kleines Nickerchen machte. „Einstein-hast du was raus gefunden?“, fragt er hoffnungsvoll, aber Hartmut zuckte mit den Schultern, während er sich müde erhob. „Wie mans nimmt! Ben ist wohl direkt von der PASt Richtung Heimat gefahren. Sein Tempo war wie üblich ein wenig schneller als erlaubt, aber nicht so zügig, dass der Führerschein in Gefahr gewesen wäre. Die letzten beiden Kilometer, bevor sein Fahrzeug abgestellt wurde, waren die Einsatzlichter in Betrieb und er ist fast 200 gefahren, so als ob er jemanden verfolgen würde, vermutlich also ein PS-starkes Fahrzeug. Außer Fingerabdrücken von dir und Ben hab ich keine gefunden, aber ich denke auch nicht, dass der oder die Entführer an seinem Wagen waren. An der Waffe und dem Handy sind keine fremden Abdrücke, der oder die Täter haben vermutlich Handschuhe getragen. Das Einzige, was uns eventuell weiter bringen könnte, ist der Abdruck des Schuhs in der Nähe der Waffe, den ich sicher gestellt habe. In dem angefertigten Gipsabdruck konnte ich kleine Materialteile sicher stellen, die uns vielleicht einen Hinweis auf die Schuhmarke geben können, da bin ich dran. Ach ja-und was noch ein wenig außergewöhnlich ist-die Person, die diese High Heels getragen hat, lebt auf großem Fuße für eine Dame-die Abdrücke entsprechen der Schuhgröße 43, also ist das entweder ein große Frau, oder ein Kerl, der Damenschuhe trägt.“, teilte Hartmut die Erkenntnisse der Nacht mit, bevor er sich wieder zu einer Fortsetzung seines Schlummers auf die Isomatte am Boden legte und wenig später eingeschlafen war.

      Als Semir in der PASt eintrudelte, hob Susanne die Hand und winkte ihn zu sich. Sie telefonierte gerade mit jemandem und wie Semir am großen Monitor erkennen konnte, war ein retuschiertes Foto des Mordopfers aus dem Rhein heute Morgen in allen Kölner Zeitungen veröffentlicht worden. „Semir-vielleicht haben wir eine Spur-hier ist die Adresse eines Zeugen, der unseren Unbekannten erkannt haben will!“, sagte sie und Semir war nun schon im Laufschritt unterwegs zu seinem BMW.
    • Die Entführerin hatte dem Koloss etwas in die Hand gedrückt, was ihm Freudenlaute entlockte und ihn raus geschickt. „Elias-geh ein wenig spielen-ich rufe dich dann, wenn wir nach Hause fahren!“, hatte sie gesagt. Das Geschenk war ein noch original verpacktes Fernlenkauto, wie es ältere Kinder oft besaßen, dazu Batterien und Ben konnte entfernt hören, wie das draußen auf dem Flur ausgepackt und in Betrieb genommen wurde.

      Aber ihm lief es kalt über den Rücken, denn jetzt war er mit seiner Peinigerin alleine und die versperrte sogar noch die Tür des Behandlungsraums. Niemand war da, der ihm helfen konnte und als sie ihn jetzt am ganzen Körper und vor allem auch zwischen den Beinen berührte, stellten sich seine feinen Nackenhärchen auf. Sie lief mehrmals um ihn herum, fasste ihn hier und dort an, befühlte seinen Bizeps und den angedeuteten Sixpack am Bauch, den er entweder im Fitnessstudio, oder auch mit den eigenen Trainingsgeräten zu Hause in Schuss hielt. Er fand übertriebene Muckis nicht schön, aber ein ausgewogenes Gleichgewicht und ein gepflegter Körper waren für ihn durchaus wichtig. Außerdem aß er für sein Leben gern, wie auch Sarah und deshalb machten sie beide Sport und bewegten sich viel und gern, damit das nicht ansetzte. Alle Narben von vergangenen Operationen waren zu feinen Strichen verblasst, er hatte ein gutes Heilfleisch, wie Semir immer wieder schmunzelnd bemerkte und das stimmte wohl, denn er war topfit und fühlte sich völlig gesund. Aber was half ihm das jetzt? In würdeloser Haltung auf einem Behandlungsstuhl fixiert, durch fiese Medikamente zur Wehrlosigkeit verdammt, einer Psychopathin ausgeliefert, die anscheinend eine perverse Befriedigung darin empfand, Augen zu sammeln.

      Wo zum Himmel hatte die sie her? Ihm war in den letzten Jahren hier in Deutschland kein Massenmörder bekannt, der seinen Opfern die Augen entfernte. Außerdem hatte der Gerichtsmediziner ja dazu gesagt, dass er zwar in der Augenhöhle des Mannes aus dem Rhein Spuren von chirurgischen Instrumenten gefunden hatte, der Augapfel aber nicht fachmännisch entnommen worden war und eines hallte wieder und wieder in Ben´s Kopf nach. „Den Einblutungen und Entzündungen zufolge, wurde das Auge bereits Tage vor dem Tod des Mannes entfernt.“ Ben konnte sich durchaus vorstellen, dass dieses Auge hier in diesem Raum herausgerissen worden war und das Vorderste in der Sammlung im Schrank war. Und vermutlich war sein Leidensgenosse dazu nicht in Narkose gelegt worden, sondern nur so wie er hier, bei vollem Bewusstsein, aber wehrlos auf dem Tisch fixiert worden. Stand ihm das gleiche Schicksal bevor?

      Als hätte seine Peinigerin seine Gedanken gelesen, zog sie jetzt seine Lider nacheinander nach oben, leuchtete mit einer Lampe in seine Pupillen und schüttelte dann den Kopf. „Sehr schön, aber eben nicht perfekt! Diesmal wird es gelingen, ich habe die Rezepturen verändert!“, murmelte sie und nun fiel Ben etwas an der Frau auf, was er bisher noch nicht wahrgenommen hatte. Sie hatte zwei verschiedenfarbige Augen, das eine war grau und das andere grün. Er überlegte, auch um sich abzulenken, damit die Panik nicht noch mehr von ihm Besitz ergriff, wie man zu dieser anatomischen Besonderheit sagte-genau, das hieß Irisheterochromie. Irgendwann hatte er in der Schule davon gehört und konnte sich noch dunkel erinnern, dass das bei Menschen manchmal spontan vorkam, eine erbliche Komponente hatte und bei manchen Tieren, gerade gefleckten Exemplaren, sogar extra gezüchtet wurde. Ein Bekannter hatte einen wundervollen Australian Shepard, der hatte ein dunkles und ein blaues Auge und bei dem sah das total witzig aus.
      Nun aber hielt Ben den Atem an, denn die Frau hatte ein kleines Fläschchen mit Augentropfen her geholt und träufelte nach kurzer Überlegung etwas von dem Inhalt in sein linkes Auge. Es brannte und für einen Moment sah er die Welt durch einen blauen Schimmer, bis sein Auge mit vermehrtem Tränenfluss reagierte und er wieder klar sehen konnte. Die Frau war inzwischen wieder zu dem Schrank getreten, hatte das Fläschchen beiseite gestellt und dafür einen fahrbaren Instrumententisch herbei gerollt, auf dem sie aus verschiedenen Schubladen klappernd medizinische Instrumente bereit stellte. Um Himmels Willen-was hatte sie vor? Würde er hier und jetzt sein Auge verlieren?

      Nun aber galt das Interesse der Frau seinen tieferen Regionen und als sie nun an ihm herum manipulierte, ihm schreckliche Schmerzen zufügte und er zudem vor Scham hätte im Boden versinken können, denn was sie mit ihm anstellte glich mehr einer Vergewaltigung, als einer medizinischen Behandlung und er war sich inzwischen ziemlich sicher, dass die Frau keine medizinische Ausbildung genossen hatte, er für sie aber sozusagen das Versuchskaninchen für perverse Medizinsexpraktiken war. Oh Gott-er hätte schreien mögen, sie anbrüllen, sie solle aufhören, aber mehr als ein Gurgeln kam nicht aus seiner Kehle. Inzwischen war sein Körper, der erst noch feucht vom Wasser aus dem Hochdruckreiniger gewesen war, von einem feinen Schweißfilm überzogen, ihm war speiübel, er hatte unerträgliche Schmerzen und bekam fast nicht mehr mit, wie die Fesseln gelöst wurden, man ihm wieder das Krankenhaushemd anzog und der geistig Behinderte ihn in sein Bett trug, wo er erneut angeschnallt wurde. Irgendwann wurde das Pochen und der Schmerz zwischen seinen Beinen schwächer, das Zittern und die Schweißausbrüche hörten auf und er fiel in einen Erschöpfungsschlaf.

      Wie durch Watte nahm er Zofia wahr, die ihm erst das Gesicht abwusch und dann einen Becher an die Lippen hielt und ihn zum Trinken aufforderte. Voller Mitleid betrachtete sie ihn, aber ihr waren die Hände gebunden. Irgendwann musste er notwendig pinkeln und machte sich deshalb bemerkbar. Zofia zuckte zusammen, als sie ihm die Flasche anlegte und den Blutfleck zwischen seinen Beinen sah. Es tat fürchterlich weh, als er sich erleichterte und auch wenn er sich eigentlich genierte, war er doch dankbar, als Zofia ein Handtuch unterlegte und er wieder trocken lag. Dann fiel er wieder in einen unruhigen Dämmerschlaf, in dem verschiedenfarbige Augen auf ihn herunter fielen, sich scharfe Instrumente in ihn bohrten und er schreiend davon lief. Aber als er erwachte, lag er immer noch zu Untätigkeit verdammt, angeschnallt in dem Bett und hatte keine Chance zu fliehen. Nüchtern konstatierte er, wenn Semir nicht bald kam und ihn befreite, würde er die Experimente vermutlich nicht überleben. Er dämmerte wieder ein und plötzlich stand Zofia wieder neben ihm und hielt das Fläschchen mit den Augentropfen in der Hand. „Nein-bitte nicht!“, flehte er, aber mit einem leichten Kopfschütteln zog sie sein Lid herunter. Allerdings landete der Tropfen nicht in seinem Bindehautsack, sondern daneben und sie verdeckte mit ihrem Körper geschickt ihr Tun. Ben ging auf die Finte ein und begann zu jammern-„Aua-nicht, bitte aufhören, das brennt so!“ und mit einem Blicksignal gab ihm die junge Frau zu verstehen, dass er es richtig gemacht hatte. Nun wurde er wieder alleine gelassen, langsam wurden die Schmerzen weniger und als sich eine Weile später die Tür öffnete und Zofia mit einer kräftigen Suppe kam und ihn zu füttern begann, schluckte Ben brav einen Löffel nach dem anderen-er musste bei Kräften bleiben und Semir würde ihn finden und befreien-darauf hoffte er-das musste er auch tun, denn ansonsten würde er wahnsinnig werden. Nochmals später wiederholte sich das Spiel mit den blauen Augentropfen und Ben schüttelte erst theatralisch den Kopf, bevor er wieder laut zu jammern begann.

      Anscheinend war es jetzt Abend und Ben fiel in einen leichten Schlaf, aus dem er mit Schüttelfrost erwachte. Er klapperte mit den Zähnen und als er leise um Hilfe bat, brachte ihm Zofia, die selber einen Schlafanzug und darüber einen Morgenmantel trug, eine zweite Decke und ließ ihn wieder trinken. Ben meinte erst, nie mehr warm zu werden, aber als einige Zeit später die junge Frau wieder nach ihm sah, lag er mit vor Fieber glänzenden Augen da und sie ersetzte die beiden warmen Decken durch eine leichte. Die Blutung zwischen seinen Beinen hatte aufgehört, das Laken war jetzt völlig nass und verschwitzt und sie hätte es gerne gewechselt, aber sie getraute sich nicht, ihn los zu machen. So wusch sie ihn ein wenig kühl ab, schob ein frisches Handtuch so weit wie möglich unter ihn und ging dann selber wieder ins Bett. Voller Sehnsucht umklammerte sie ein Bild, auf dem der Mensch zu sehen war, der ihr am Wichtigsten war. Sie würde alles tun, um ihn zu retten und deshalb musste sie bei diesem grausamen Spiel mitspielen.

      Semir war bei dem angegebenen Zeugen eingetroffen. „Ich denke ich kenne den Mann, dessen Bild sie veröffentlicht haben!“, erklärte der Außendienstmitarbeiter einer Immobilienfirma. „Es müsste sich um Adrian Verhölst aus Amsterdam handeln-ich habe mit ihm vor drei Wochen eine Immobilie in Köln besichtigt, an der er Interesse hatte. Er wollte hier ein weiteres Büro eröffnen“, erzählte er. In Zusammenarbeit mit der holländischen Polizei konnten die Daten abgeglichen werden und der Tote wurde zweifelsfrei identifiziert. Er hatte sich kurz zuvor von seiner Frau getrennt, seine Firma lief durch fähige Mitarbeiter ganz alleine und die allgemeine Meinung war gewesen, er habe sich nach der Trennung eine kleine Auszeit genommen. Semir ließ sich sogar das Büro im Bereich des alten Kölner Rheinhafens zeigen, an dem Verhölst Interesse gehabt hatte. Hier wurden die alten Gebäude jetzt nach und nach saniert und als Semir gemeinsam mit dem aufmerksamen Zeugen mit dem Lift nach oben fuhr, stand mit ihnen eine große elegante Frau im Aufzug. Semir überlegte die ganze Zeit, was an der so besonders war, aber erst kurz bevor sie ausstieg kam er drauf-ihre Augen hatten verschiedene Farben!
    • Obwohl Semir Susanne gebeten hatte, diesen Makler von allen Seiten zu durchleuchten, war nichts dabei heraus gekommen. Warum hätte er sich auch melden sollen, wenn er irgendwie an der Ermordung des Holländers beteiligt war, aber das hatte Semir in seiner langen Laufbahn als Polizist gelernt-nie eine Spur außer Acht lassen. Nur diese hier führte anscheinend zu nichts und Semir wurde fast verrückt, als es kein Lebenszeichen von seinem Partner gab. Allerdings war seine größte Angst, dass ein erneuter Leichenfund gemeldet würde und er das Opfer nur zu gut kannte. Die Suche in den Krankenhäusern konnten sie sich sparen, der Tote war identifiziert und irgendein Mitarbeiter hätte ihn sicherlich erkannt, wenn er dort Patient gewesen wäre. Das Hemd war eines von Abertausenden, die man in jedem Krankenhausversandhandel kaufen konnte und wenn man ehrlich war-es würde auch keine Schwierigkeiten bereiten, in jedem beliebigen Krankenhaus so ein Kleidungsstück einzusacken, die lagen hier zu Dutzenden in frei zugänglichen Schränken. Und wie der Pathologe betont hatte-das Auge des Opfers war nicht fachmännisch entfernt worden, das wies sehr darauf hin, dass sie nicht nach einem Arzt oder einer Ärztin als Täter suchten.

      Sarah wurde ebenfalls schier wahnsinnig. Die Kinder fragten ständig nach dem Papa, sie war fast froh, dass gerade Tim, der sehr an seinem Vater hing, durch die beiden Lämmer, die ja versorgt werden mussten, ein wenig abgelenkt war. Jedes Mal wenn sie in den Garten ging und einen Blick in die Ecke warf, die er gemeinsam mit Semir hatte abtrennen wollen, oder an den Kühlschrank trat, wo das Bier fürs Grillfest immer noch kalt gestellt war, gab es ihr einen schmerzhaften Stich ins Herz und sie war nicht fähig die Sauna raus zu wischen, ohne dass sie Heulkrämpfe bekam. Genauso wie Semir schnürte ihr die Angst um Ben fast die Kehle zu, aber auch sie hatte keine Ahnung, wo man nach ihm suchen sollte, so sehr sie sich auch den Kopf zerbrach. Sogar Lucky wirkte depressiv und ließ seine gewohnte Munterkeit vermissen, auch er trauerte um sein Herrchen und als Sarah am Abend, als die Kinder bereits im Bett waren, tieftraurig auf dem Sofa lag und sich versuchte durch Fernsehen abzulenken-gerade kam eine Actionserie, die Ben sehr schätzte- legte er seinen Kopf auf ihren Schoß und seufzte laut, während sie ihn hinter den Ohren kraulte.

      Bei Ben war das Fieber weiter gestiegen und die junge Frau, die ihn versorgte, blickte sorgenvoll auf ihren Schützling. Hoffentlich würde er noch eine Weile durchhalten, denn so leid er ihr tat-sie musste jemanden viel Wichtigeres schützen und sie hatte die Hoffnung auf Hilfe von außen bereits fast aufgegeben. Sie würde sogar besonders aufpassen, dass er nicht entkam, denn die Strafe dafür war schrecklich gewesen-sie hätte sie viel lieber selber empfangen, aber Maria wusste genau, wie man Menschen manipulierte und unter Druck setzte. So flößte sie Ben kühles Wasser ein, das er auch gierig trank, aber an Essen war in seinem Zustand nicht zu denken, er warf sich unruhig, soweit es seine Fesseln zuließen, hin- und her, stöhnte und rief immer wieder mehrere Namen in seinem Fieberwahn. Sie konnte Sarah, Semir, Tim und Mia-Sophie unterscheiden-vermutlich war das seine Familie und Zofia´s Herz krampfte sich vor Kummer zusammen. Auch der Mann vor ihr wurde von jemandem vermisst, aber sie würde einfach brav funktionieren und keinen Fluchtversuch unternehmen, oder ihm anderweitig helfen, denn die Rache ihrer Herrin wäre fürchterlich.
      Nach einiger Überlegung ging sie einkaufen und besorgte in einer Apotheke Paracetamol gegen das Fieber und die Schmerzen. Sie löste zwei Tabletten in Wasser auf und flößte sie ihrem Schützling ein. Nach einer Weile floss er fast aus dem Bett, so schwitzte er, aber sein Fieber war anscheinend gesunken und als sie ihn nun kühl abwusch, soweit sie mitsamt den Fesseln ran kam, warf er ihr einen dankbaren Blick zu. Die Finte mit den Augentropfen funktionierte auch erneut, aber mehr konnte sie nicht für ihn tun.

      Als nun der Sportwagen im Hof vorfuhr, zog sich Zofia zurück-sie wollte die Schreie des Opfers nicht hören und hatte selber fürchterliche Magenschmerzen vor lauter Stress. Sie durfte keine persönliche Bindung zu dem jungen Mann aufbauen, sonst würde sie selber zusammen klappen, wenn es soweit war und dieser Teufel in Frauengestalt das nächste Opfer zu Tode gequält hatte. Der Letzte hatte irgendwie fliehen können, aber sein Vorgänger war unter Qualen gestorben. Sie hatte mithelfen müssen, den Toten in den großen Metalltank im Keller zu hieven, der Säure enthielt und seinen Leichnam aufgelöst hatte. Tagelang war ihr danach übel gewesen, bis das nächste Opfer ins Haus gekommen war-würde das ewig so weiter gehen?

      Hartmut hatte derweil in der KTU viele Proben und Materiallisten verglichen. Er war sich noch nicht ganz sicher, aber vielleicht hatte er einen kleinen Ansatz gefunden, wo sie weiter ermitteln konnten und so griff er zum Telefon und rief Semir an.
    • Semir griff nach seinem Handy. „Hartmut-hast du was rausgefunden?“, fragte er hoffnungsvoll und lauschte dann den Worten seines Gegenüber. „Ich habe die Materialproben, die ich in den Abdrücken neben der Straße, wo Ben verschwunden ist, gefunden habe, analysiert. Das spezielle Material, das in Wildlederoptik ist, wird nur von einem einzigen Schuhdesigner verwendet-Manolo Blahnik, falls dir das was sagt. Anhand der Absatzform habe ich heraus gefunden, dass es sich um Suede Block Heel Pumps „Tuccioto“ handelt, wovon das Paar 629,22 € kostet. In Köln gibt es nur ein einziges Geschäft, das diese Designerschuhe führt, vielleicht ist das ein Ansatzpunkt“, teilte er seinem Freund und Kollegen mit und gab auch gleich die Adresse des Nobelschuhgeschäfts in der Mittelstraße durch.

      Semir erinnerte sich zurück. Vermutlich war dieser Manolo Blahnik der einzige Schuhdesigner, den er mit Namen kannte, aber Andrea hatte in den Jahren zwischen 2001 und 2004 jede Folge der Serie Sex and the City verschlungen und wenn die lief, war er abgemeldet gewesen. Sein damaliger Partner Jan hatte ihn deswegen des Öfteren aufgezogen, aber er hatte mehrere Folgen tatsächlich mit angesehen und wenn es seinen finanziellen Rahmen nicht gesprengt hätte, würde er ihr sogar solche Schuhe zur Hochzeit geschenkt haben. Als er sich allerdings nach den Preisen dafür erkundigt hatte, hatte er sehr schnell davon Abstand genommen-wer war so verrückt und gab ein kleines Vermögen für ein Paar Schuhe aus? Aber so sah er auf die Uhr-verdammt, heute wäre da niemand mehr erreichbar, aber morgen früh würde er vor der Tür stehen, sobald der Laden öffnete.

      Ben fühlte sich ein wenig besser, nachdem ihm die junge zierliche Frau die aufgelösten Tabletten eingeflößt hatte. Anscheinend war das Fieber gesunken, aber er beschloss, jetzt alles auf eine Karte zu setzen. Es musste ihm einfach gelingen zu fliehen, so erschöpft er auch war, aber er würde sich nicht wie ein Lamm zur Schlachtbank führen lassen. So blieb er mit halb geschlossenen Lidern liegen, stöhnte gelegentlich ein wenig auf und versuchte den Anschein zu erwecken, er wäre schon völlig am Ende. Tatsächlich rüttelte ihn die Frau im eleganten Kostüm, als sie mit ihrem Lakaien das Zimmer betrat. Die Tür zum Flur war offen und Ben kannte inzwischen einige Räume. Zwei Türen standen zur Auswahl, die hoffentlich ins Freie, oder über das Innere des Hauses dorthin führten und die musste er versuchen zu erreichen. „Steh auf!“, rief die Frau ärgerlich, aber sie bekam nur ein Stöhnen zur Antwort. „Elias-bring ihn in die Dusche, damit er wach wird!“, befahl sie dann und betonte das Wort „Dusche“-Ben wusste, was damit gemeint war.

      Wieder war die Waffe auf ihn gerichtet und diesmal musste Ben einfach versuchen, die an sich zu nehmen und so seine Peiniger in Schach zu halten. Er war sich fast sicher-wenn es ihm gelang den Koloss zum Beispiel durch einen Schulter- oder Oberschenkeldurchschuss zu verletzen, würde der sich nicht mehr um ihn kümmern und so blieb er völlig schlaff, als seine Fesseln gelöst wurden. Elias warf ihn wie eine Puppe über seine Schulter und lief, gefolgt von der Frau mit der Waffe, Richtung Hochdruckreiniger. Plötzlich mobilisierte Ben alle Kraft, streckte sich und noch bevor einer der beiden reagieren konnte, hatte er der Frau, die unmittelbar hinter Elias gelaufen war, die Waffe entrissen. Nach einer kurzen Schrecksekunde packt der Koloss, der den jetzt bewaffneten Polizisten immer noch über der Schulter trug, fester zu und Ben versuchte dennoch seinen Plan in die Tat umzusetzen. Er musste erst Elias ausschalten und danach die Frau-die hatte nämlich die Schlüssel in der Tasche, die in die Freiheit führten. Er fühlte sich bereits wie in einem Schraubstock, aber wie oftmals geübt, richtete er die entsicherte Waffe auf Elias` Oberschenkel, um den auszuschalten. Als er den Abzug durchdrückte, ertönte ein lautes Klicken, aber kein Schuss löste sich aus der Trommel. Verzweifelt zog Ben noch mehrmals durch, aber die Waffe war tatsächlich nicht geladen. Ein hämisches Lachen der Frau machte ihm bewusst, in welcher Scheisssituation er jetzt steckte und trotzdem wehrte er sich vehement gegen die Arme von Elias, der jetzt brummte wie ein gereiztes Nashorn, ihn wie eine Puppe in den Waschraum trug, dort mit Schwung auf den Boden warf, wobei sich Ben ein paar Rippen prellte und ihn dann mit ein paar Schlägen in den Magen und gegen das Kinn für einen Moment ins Land der Träume schickte.

      Als er wieder zu sich kam, war er mit den Handschellen an den Ring in der Wand gefesselt und das eiskalte Wasser prasselte mit Wucht auf ihn herunter. Elias-wieder in der weißen Gummischürze und den Stiefeln wie ein Metzger gekleidet- tobte sich an ihm aus und kicherte immer wieder glücklich. Ben schrie vor Schmerzen und übergab sich, als der Druckstrahl des Wassers ihm weh tat, aber das forderte den Kretin nur noch zu neuen Brutalitäten heraus. Ben war fast besinnungslos, als die Frau nun hinter ihn trat und ihm die schon bekannte Spritze in den Po rammte. Wenig später erschlaffte er und war keiner Gegenwehr mehr fähig, sondern musste hilflos ertragen, wie er erneut auf dem Untersuchungsstuhl platziert wurde.

      „Elias-heute kommt im Kinderprogramm deine Lieblingsserie-die darfst du angucken!“, lockte ihn die Frau weg von Ben und voller Entzücken stürmte der Behinderte zu Zofia in die Wohnräume, wo ein großer Fernseher bereits eingeschaltet auf ihn wartete. Die Frau verschloss mit einem Grinsen im Gesicht die Tür hinter ihm und wandte sich dann ihrem Opfer zu. „Und nun zu uns Ben-findest du nicht auch, dass du böse warst und bestraft werden musst?“, schnurrte sie und öffnete die Instrumentenkassette.
      Ben durchlebte wieder seinen eigenen höchst privaten Alptraum. Schmerz und Scham reichten sich die Hand, die verschmutzten Instrumente kamen zum Einsatz und als die Frau zuletzt sinnend in sein gereiztes Auge sah und das mit schmerzhaften Tropfen versorgte, redete sie sich ein etwas zu sehen, was man gar nicht erkennen konnte: „Die Augenfarbe ist tatsächlich schon dabei sich zu ändern, ich sehe bereits ein dunkles Blau-ach wie schön!“, jauchzte sie. Vermutlich hatte sich die Tinte, die sie zugegeben hatte, an der entzündeten Hornhaut angereichert, Ben hatte auch keine Ahnung was war, nur tat sein Auge schweineweh und tränte. Allerdings konnte er immerhin noch damit sehen und anscheinend hatte die Verrückte auch nicht vor es zu entfernen und alleine das erfüllte ihn mit Dankbarkeit.

      „Morgen ist der Tag der Tage, da bin ich fruchtbar-jetzt bist du ein perfekter Mann und wir werden miteinander ein perfektes Kind machen, wie es der Plan meines Großvaters war. Ach wie ich mich freue!“, jauchzte sie und Ben, dessen Schmerzen zwischen den Beinen fast unerträglich waren, hätte vor Hohn beinahe aufgelacht. Meinte diese Tussi, er würde nach allem, was sie ihm angetan hatte, morgen munter mit ihr in die Kiste springen? Er war wieder völlig am Ende und schweißüberströmt.

      Elias schaute seine Serie noch zu Ende und trug ihn dann ins Bett, wo er sorgfältig fixiert wurde. Ben´s Rippen schmerzten bei jeder Bewegung, er hatte Schwierigkeiten beim Atmen und die Übelkeit kam in Wellen. Zofia hatte während seiner Abwesenheit anscheinend das blutige und verschwitzte Laken gewechselt und wie am Vortag deckte sie ihn abwechselnd mit warmen Decken zu, wenn er Schüttelfrost bekam und wusch ihn dann wieder kühl ab. Heute konnte er nichts mehr zu sich nehmen, als er versuchte, wenigstens einen kleinen Schluck Wasser zu schlucken, musste er sich sofort übergeben und das Erbrochene war mit blutigem Schleim durchsetzt. Zofia ließ ihn den Mund ausspülen, aber in ihr regte sich die Befürchtung, dass er es nicht mehr lange machen würde. Auch wenn sie es die ganze Zeit zu verhindern suchte-der gut aussehende junge Mann tat ihr furchtbar leid, aber sie würde die Füße stillhalten, denn die Strafe ihrer Herrin wäre sicher fürchterlich, wenn sie ihm zur Flucht verhalf.

      Irgendwann spät in der Nacht musste Ben dringend pinkeln, aber als Zofia ihm die Flasche anlegte, klappte das nicht-vermutlich war dort unten alles zu geschwollen. Ben lag mit Tränen in den Augen da und immer mehr regte sich in ihm die Gewissheit, dass seine letzten Lebensstunden angebrochen waren. Er fühlte sich krank und elend und die Sehnsucht nach seiner Familie und Semir war unermesslich.
    • Maria war zuhause auf die Couch gesunken und hatte nachgedacht. In einer Stunde musste sie in die Firma und dort nach dem Rechten sehen, aber die Vorfreude auf den morgigen Tag ließ sie kaum zur Ruhe kommen-da würde es geschehen, sie war sich ganz sicher. Jede Frau wollte Mutter sein, auch sie und außerdem hatte sie wundervolle Gene, die einfach weiter getragen werden mussten. Schon ihr Opa, der beim Baden im Meer ertrunken war, als sie noch ziemlich klein gewesen war, den sie aber noch gut in Erinnerung hatte, hatte ihr immer eingebläut, dass sie etwas ganz Besonderes war. Deswegen hatte sie auch seine medizinischen Instrumente, seine Aufzeichnungen und seine spezielle Sammlung an anatomischen Präparaten, die er ihr persönlich vermacht hatte, aufbewahrt und wie einen Schatz gehütet.

      Außer auf Bildern, die sie gierig, aber mit schlechtem Gewissen verschlungen hatte, weil man sowas doch nicht anschaute, hatte sie allerdings noch nie einen erigierten Penis gesehen. Ihre Mutter Isabella Gregor hatte sie im streng katholischen Brasilien sehr gesittet erzogen. Maria konnte sich noch sehr genau an ihren Großvater erinnern, der ein gut aussehender, eindrucksvoller und charismatischer Mann gewesen war. Ihre Mutter hatte ihn verehrt und anscheinend auch gefürchtet. Maria hatte ihren Vater nie kennen gelernt und auch ihre Großmutter war bereits 1957 gestorben, als ihre Mutter gerade mal fünf Jahre alt gewesen war, wie sie ihr immer erzählt hatte. Auf jeden Fall hatte sie, wie schon ihre Mutter, die vor drei Jahren einem Herzinfarkt erlegen war, ein katholisches Mädcheninternat besucht und auch dort war Aufklärung nicht betrieben worden-das Wissen, das sie über Anatomie und die Vorgänge im menschlichen Körper hatte, stammte aus einschlägigen Büchern und Zeitschriften-und den Lehrbüchern und Aufzeichnungen ihres Großvaters. Dieses Internet, ohne das anscheinend die Welt heutzutage nicht mehr funktionierte, lehnte sie ab und hatte statt eines Smartphones auch ein ganz einfaches Handy. Wenn sie etwas wissen wollte, kaufte sie sich ein Buch in der Buchhandlung, aber natürlich war es völlig unmöglich, dass sie sich da pornografisches Material besorgte-sowas tat man einfach nicht.

      Die Überwachungskameras im Zimmer ihres Gefangenen hatte ein Techniker installiert-damals war da kein Bett darin gestanden, sondern zum Schein eine große Wurfkiste und der Mann hatte auch weiter keine Fragen gestellt. Wie die Bilder auf die Monitore in ihrem Wohnhaus kamen, wusste sie nicht-wichtig war nur, dass sie die Männer überwachen konnte. Sie hatte sich bereits voller Vorfreude selbst befriedigt, als sie die gefesselten Männer in den Betten betrachtet hatte, es erregte sie, wenn die gefügig gemacht wurden. Danach hatte sie allerdings immer voller Scham ihre Hand, die ihr solche Genüsse verschafft hatte, wieder und wieder mit Seifenlauge geschrubbt. Was sie da getan hatte war böse und nicht im Sinn der Kirche. Es stand außer Frage, dass sie und Elias jeden Sonntag in den Gottesdienst gingen und gerade der Kölner Dom erfüllte sie mit Ehrfurcht und Staunen. Es war die schönste Kirche, die sie kannte, dabei gab es in Brasilien durchaus auch viele wundervolle Gotteshäuser.

      Irgendwie wusste Maria, dass sie nicht ganz normal war, denn es hatte durchaus einige Männer gegeben, die sie umworben hatten, aber es war nicht einmal zu einem Kuss, geschweige denn zu mehr gekommen. Sie wollte keinen einvernehmlichen Sex-das war etwas, was man in der Ehe vollzog und den passenden Mann dazu hatte sie einfach nicht gefunden. Und um sie zu erregen mussten die Männer einem bestimmten Typus entsprechen und ihr völlig unterworfen sein, wenn einer freiwillig mitmachen würde, würde sie sofort das Interesse verlieren, aber das hier war bereits das dritte Opfer. Bei den beiden vorherigen hatte sie versucht mit Injektionen aus dem Fundus ihres Großvaters eine Erektion herbei zu führen und sich so schwängern zu lassen, aber irgendwie war das richtige Medikament wohl nicht dabei gewesen, denn deren Genitalien waren eingeschrumpelt, bevor es zum Akt kommen konnte. Diesmal würde sie es geschickter anstellen. Sie war sich auch nicht sicher, ob nicht das Medikament, das sie einmal einem Tierarzt entwendet hatte, mit dem man die Männer so wunderbar gefügig machen konnte, vielleicht dafür verantwortlich war, dass die nicht in Fahrt kamen, also würde sie das auch weglassen. Falls Ben morgen etwas sagte, was sie nicht hören wollte, würde sie ihn einfach knebeln.

      Nach einem Blick auf die Uhr rief sie ihrer treuen Kinderfrau, die sie und ihren Bruder betreute, seit sie denken konnte zu: „Emanuela-ich gehe noch ein paar Stunden in die Firma-pass auf, dass sich Elias vor dem Essen die Hände wäscht!“, und die etwa sechzigjährige Frau mit den verhärmten Gesichtszügen nickte und strich dann dem kleinen Mädchen, das sich ängstlich hinter ihrem Rücken versteckte, beruhigend über die blonden Haare. „Komm Eva, wir backen zusammen einen Kuchen!“, sagte sie freundlich und die süße kleine Maus sagte „Ja!“ und wurde erst ruhiger, als Maria das Haus verlassen hatte. Emanuela wusste, warum das Kind so panische Angst vor Maria hatte. Sie hatte die Striemen auf dem Rücken gesehen, nachdem vor einigen Tagen Maria sie mit in ihr Schlafzimmer genommen hatte. Oft schon hatte sie überlegt, ob es ihre Pflicht wäre, zur Polizei zu gehen, aber dann warf sie sich lieber wieder in ihrem Büßerhemd auf die Knie und betete die Nacht durch.
      Sie war schon seit vielen Jahren bei der Familie Gregor und war Isabella´s Vertraute gewesen. Allerdings stammte sie aus einem brasilianischen Slum und wäre vermutlich tot oder als Prostituierte geendet, wenn der Doctore sie nicht gerettet, sie von einer schrecklichen Krankheit namens Noma geheilt hätte und ihr die deutsche Sprache beigebracht und ihr Arbeit und Wohnung gegeben hätte. Es stand ihr nicht zu, zu richten, auch wenn sie über die Ausraster von Maria oft mehr als erschrocken war. Immerhin gingen Maria und Elias regelmäßig zur Kirche und so gab sie ihr und deren Schicksal einfach in Gottes Hand. Für sie war es auch nicht einfach gewesen, ihre Heimat zu verlassen und im fremden Europa zu leben. Sie war hier völlig isoliert und als dieses süße kleine Mädchen in ihre Obhut gegeben worden war, hatte sie nicht gefragt, sondern es genauso liebevoll betreut, wie früher Maria und Elias, als sie so klein gewesen waren. Das Mädchen konnte zwar anfangs nur ein paar Brocken Deutsch, auch Portugiesisch, Emanuela´s Muttersprache war ihr fremd und es weinte nachts in einer fremden Sprache nach seiner Mama, aber sie hatten sich aneinander gewöhnt und sie liebte das kleine Ding, das inzwischen ganz passabel Deutsch sprach, von ganzem Herzen und versorgte es wie ein eigenes Kind.
    • Der nächste Morgen war angebrochen. Ben dämmerte im Fieberwahn vor sich hin. Zofia versuchte ihm Wasser ein zu geben, aber obwohl er furchtbar durstig war, blieb einfach nichts drin, deshalb konnte sie ihm auch keine Schmerztabletten geben. Seine Lippen waren aufgesprungen und rissig, sein Atem ging schnell und flach und er hatte fast überall Schmerzen, wo sie ihn anfasste. Zofia wusch ihn vorsichtig kühl herunter und wechselte das blutige Handtuch zwischen seinen Beinen. Eigentlich war sie keine Krankenschwester, aber ihr Gefühl und der gesunde Menschenverstand sagten ihr einfach, was sie tun konnte, um das Leiden ihres Schützlings ein wenig leichter zu machen. Aber sie befürchtete, dass er wohl diesen Tag nicht überleben würde.

      Ein letztes Mal überlegte sie, Hilfe für ihn zu holen, aber als sie dann daran dachte, wie Eva mit einem Gürtel verprügelt worden war, als der letzte Mann hatte fliehen können und Maria ihr die Videoaufnahmen mit kaltem Grinsen gezeigt hatte, nahm sie Abstand davon. Es hatte ihrer Herrin sichtlich Spaß gemacht, ihre Tochter zu quälen und das Entsetzen in ihren Augen beim Anblick der schrecklichen Bilder, hatte Maria sichtlich noch weitere Befriedigung verschafft. Da half kein Betteln und Flehen, wenn sie zur Polizei lief und irgendetwas schief ging, würde Maria ihre Tochter zur Strafe zu Tode foltern.
      So schlimm es für Zofia gewesen war, ihr geliebtes kleines Mädchen so schreien zu hören, sie voller Entsetzen gesehen hatte, wie die zarte Haut auf dem Rücken bei den Schlägen aufplatzte, dennoch wusste sie nun wenigstens-Eva lebte, sie war sauber gekleidet gewesen und hatte gut genährt gewirkt. Zofia wusste nicht, wo Eva gefangen gehalten wurde und sie hatte auch keine Ahnung, wo noch überall Überwachungskameras versteckt waren. Sie konnte nur hoffen, dass eines Tages irgendwie Hilfe von außen kam, aber für den jungen Polizisten würde die vermutlich zu spät kommen.

      Maria hatte in der Firma angekündigt, dass sie heute nicht vorbei kommen würde. Die Produktion der speziellen Landmaschinen fand sowieso in Südamerika statt-hier in Deutschland waren seit drei Jahren die Konstruktion und der Vertrieb. Ihre kleine Firma hatte eine Marktlücke gefunden, die ihnen aber ein relativ sorgloses Auskommen bescherte-sie entwarfen und stellten in kleinen Produktreihen Landmaschinen her, die wie in alten Zeiten von Pferde- oder Ochsengespannen gezogen werden konnten. Sowohl Amish in Amerika, als auch Anhänger der nachhaltigen Biolandwirtschaft weltweit waren Abnehmer. Das Know How kam aus alten Zeiten-bereits ihr Urgroßvater hatte Ladewagen, Dreschmaschinen und solche Dinge hergestellt und in Günzburg eine imposante Firma mit zeitweise bis zu 2000 Mitarbeitern betrieben. Allerdings war die konventionelle Schiene durch den Strukturwandel in der Landwirtschaft inzwischen aufgegeben, die Urfirma an einen Konzern verramscht, nur den Ableger, den ihr Großvater in Südamerika nach dem Krieg aufgebaut hatte und den sie nun erfolgreich weiter führte, gab es noch.

      Nach dem Tod ihrer Großmutter hatte, wie ihre Mutter ihr erzählt hatte, ihr Großvater 1958 erneut geheiratet-und zwar seine Schwägerin, die nach dem Tod seines Bruders in Deutschland mit ihrem Sohn Karlheinz zu ihm nach Paraguay und Uruguay gekommen war. Aus Argentinien war er schon früh geflohen, weil er Angst gehabt hatte, von dort ausgeliefert zu werden. Isabella, ihre Mutter hatte er immer bei sich gehabt und die hatte dann mit ihrem angeheirateten Stiefbruder nach dessen Rückkehr nach Deutschland regen Kontakt gepflegt und nach dem Tod ihres Vaters 1979 sogar immer wieder deutsche Konstrukteure ausgeliehen. Seit 1960 lebte die kleine Familie in Brasilien, wo auch Elias und Maria zur Welt gekommen waren. Auf Fragen nach ihrem und Elias´ leiblichem Vater hatte ihre Mutter immer ausweichend reagiert, sie wollte darüber anscheinend nicht sprechen und in der Geburtsurkunde stand: „Unbekannt“.

      Aber das Schicksal ihrer Firma war Maria heute egal, es würde etwas viel Größeres seinen Anfang nehmen-nämlich die nächste Generation ihrer wundervollen Familie. Ben Jäger konnte sich glücklich schätzen, dass sie ihn zum Stammvater ausersehen hatte und wenn sie und er verschiedenfarbige Augen mitbrachten, würde das Kind, das sie gemeinsam zeugten, ebenfalls mit Sicherheit diese Besonderheit aufweisen, die schon ihren Großvater so fasziniert hatte, wie die riesige Präparatesammlung zeigte. Ihre Mutter und Großmutter hatten das Merkmal besessen, Elias und sie ebenfalls-das war etwas ganz Besonderes, was genetisch fixiert werden musste und in ihren Träumen sah Maria sich schon als Urmutter der neuen Herrschersippe auf diesem Planeten. Sie hatte sich damit noch nicht im Detail beschäftigt, aber wenn der Prototyp auf der Welt war, konnte man den vielleicht klonen, oder ihre Eizellen, befruchtet mit dem Samen von Ben, oder auch einem ähnlichen neuen Mann, von Leihmüttern austragen lassen. Wenn es so weit war, würde ihr schon etwas einfallen, aber jetzt musste der Tag der Tage genützt werden. Mit der Messung ihrer Körpertemperatur hatte sie festgestellt, dass der Eisprung bei ihr unmittelbar bevor stand und als sie sich nach dem Duschen langsam anzog, kribbelte es zwischen ihren Beinen und als sie einen Blick auf den Überwachungsmonitor warf, konnte sie sich eines wohligen Schauers nicht erwehren. Dort lag der Mann, den sie in Kürze benutzen würde und es wäre der erste Sex ihres Lebens.

      Semir stand, als der Nobelladen öffnete, bereits davor. „Ich suche eine Kundin, die eventuell bei ihnen spezielle Pumps des Schuhdesigners Manolo Blahnik gekauft haben könnte“, erklärte der kleine Türke der Verkäuferin, die soeben die Ladentüre entriegelt hatte. Er zog seinen Dienstausweis hervor und die Frau las ihn gründlich. „Was hat die Kripo Autobahn mit Nobelschuhen zu tun?“, wollte sie dann neugierig wissen, aber Semir wehrte die Frage ab. „Das tut momentan nichts zur Sache, aber ich bitte sie hiermit um Mithilfe bei einem Entführungsfall“, erklärte er dann und die elegant gekleidete Verkäuferin bat ihn mit zum Firmencomputer. „Es geht um dieses spezielle Modell“, sagte Semir und legte einen Zettel auf den Tresen, wo er die Bezeichnung notiert hatte. „Und die Besonderheit daran ist, dass wir nach einer großen Größe, nämlich 43 suchen!“, fügte er hinzu und nun schaute ihn die Verkäuferin offen an. „Ich wollte ihnen gerade erklären, dass es schwierig werden könnte, weil wir ohne Gerichtsbeschluss nicht einfach Kundendaten rausgeben dürfen. Zu diesem speziellen Anliegen kann ich ihnen aber sagen, dass die Frau, die diese Schuhe in Auftrag gegeben hat, nie irgendwelche Daten hinterlassen hat. Sie ist seit drei Jahren hier Kundin, sucht sich die Modelle bei uns aus und weil die regulären Größen bei Manolo Blahnik nur bis 42 gehen, werden die Schuhe extra für sie in Großbritannien hergestellt. Sie kosten dafür das Doppelte des Listenpreises und die Dame holt die Schuhe hier persönlich ab. Sie zahlt im Voraus und ruft auch nicht vorher an“, berichtete sie und Semir sah sie nun unglücklich an. „Die Frau hat meinen Kollegen entführt und ist dem Vernehmen nach eine Verbrecherin, können sie sie mir wenigstens im Detail beschreiben und auf der Wache ein Phantombild erstellen, vielleicht bringt es was, wenn wir es danach durch die Gesichtserkennung laufen lassen!“, bat er die Verkäuferin und die nickte. „Ich kann hier allerdings nicht gleich weg, sondern muss erst warten, bis eine weitere Kollegin eingetroffen ist. Ach ja, das herausragendste Merkmal der großen eleganten, brünetten Frau, die meistens handgeschneiderte Kostüme trägt, sind ihre verschiedenfarbigen Augen-eines ist grau und das andere grün!“ berichtete sie und nun durchfuhr es Semir wie ein Blitz-diese Frau hatte er erst kürzlich gesehen!
    • Nachdem er der Verkäuferin erklärt hatte, wie sie in die PASt kam, um das Phantombild dort erstellen zu lassen, sprang Semir ins Auto und fuhr mit quietschenden Reifen in Richtung Bürohaus. Von unterwegs rief er die Sekretärin der Autobahnpolizei an: „Susanne-schick mir bitte sofort Verstärkung-ich brauche ein paar Mitarbeiter, die mit mir das Gebäude durchsuchen und Leute befragen können- in den alten Hafen und finde bitte heraus, was für Firmen und Mitarbeiter in dem Bürohaus sind, in dem unser Ertrinkungsopfer ein Büro anmieten wollte. Wir suchen eine große brünette Frau, elegant gekleidet mit Schuhgröße 43 und verschiedenfarbigen Augen-ich würde sie sofort erkennen, ich bin nämlich mit ihr im Fahrstuhl gefahren. Oh verdammt, da steh ich vermutlich keinen Meter von Ben´s Entführerin entfernt und merke es nicht. Vielleicht gibt es dort aber auch Kellerräume, in denen Ben gefangen gehalten wird, die Nähe zum Rhein wäre jedenfalls gegeben!“, informierte er Susanne und die leitete sofort alles Nötige in die Wege.

      Von unterwegs rief er auch noch den Makler an, der ihm das fragliche Büro gezeigt hatte, aber das war inzwischen vermietet und der hatte auch keinen Schlüssel mehr für die Räumlichkeiten, auch erinnerte er sich überhaupt nicht an die Frau aus dem Aufzug, wie er Semir überzeugend versicherte, der inzwischen beim Bürohaus eingetroffen war. Gerade als der kleine Polizist sein Fahrzeug auf dem Firmenparkplatz abgestellt hatte, verließ ein Mann das Haus und der kleine Türke nutzte die Gelegenheit, um ins Gebäude zu kommen. „Entschuldigen sie-ich suche eine Frau, groß, elegant, brünett!“, begann er, aber der Mann schüttelte den Kopf. „Hören sie-ich habe nur gerade meine Steuerunterlagen abgegeben und kenne hier niemanden!“, erklärte er, stieg in seinen Wagen und fuhr davon.
      Semir musterte die Firmenschilder unten im Hausflur-verdammt, das waren eine ganze Menge-etwa 30 Firmen, ohne Verstärkung würde er ewig brauchen, aber in diesem Augenblick bog schon ein Streifenwagen in den Hof ein.
      Jenny und Dieter stiegen aus und eilten zu ihm. „Wir waren gerade ganz in der Nähe und es kommt noch ein weiteres Fahrzeug“, teilten sie ihm mit und nun durchflutete neue Energie den türkischen Kommissar. Mit wenigen Worten erklärte er, wen sie suchten und als nur Minuten später der Hausmeisterservice um die Ecke bog, um die Hofreinigung vor zu nehmen, schnappte er sich den, nahm Jenny mit, während Dieter schon an der ersten Tür klingelte und gemeinsam mit dem erstaunten, aber fügsamen Handwerker durchsuchten sie zunächst die Kellerräume-leider ohne Erfolg. Auch dieser Mann beteuerte, noch nie auf eine große Frau geachtet zu haben und so begannen nun auch Semir und Jenny, sowie die beiden anderen Streifenbeamten, sich nun systematisch von unten nach oben durch zu fragen. Ihnen wurde überall willig Zutritt gewährt, aber bisher war noch in keinem der Büros die Frau gewesen und sie war auch niemandem aufgefallen, es war doch ziemlich Publikumsverkehr in dem Gebäude und Semir befürchtete schon, dass sie hier nur Kundin gewesen wäre-aber wie sollten sie sie dann finden?

      Sie hatten noch drei Firmen, als sich Susanne meldete, die inzwischen am PC ihre Recherchen gemacht hatte.
      „Semir, ich habe von den anderen bereits erfahren, welche Firmen ihr schon überprüft habt, aber eine der drei, die ihr noch nicht kontrolliert habt, klingt interessant. Gregor-Mengele heißt die und entwickelt seit drei Jahren hier in Köln Maschinen für die Biolandwirtschaft. Die Produktion der Geräte findet in Südamerika statt, die Firma an sich gibt es allerdings schon seit den Fünfziger Jahren. Ich schicke dir ein Foto der Eröffnung hier in Köln, darauf ist die Firmeninhaberin Maria Gregor zu sehen, schau dir das mal an!“, bat sie ihren Kollegen und als Semir nun einen Blick auf das Bild warf, rief er sofort: „Das ist die Frau mit der ich im Aufzug gefahren bin!“, und sammelte seine Kollegen um sich. Mit der Hand am Holster läuteten sie an der Bürotür, woraufhin der Türsummer ertönte. Als sie angespannt eintraten-Semir in Zivil vorneweg, fragte eine junge Frau, die neben drei Männern mittleren Alters in dem Großraumbüro am Computer arbeitete, freundlich: „Wie kann ich ihnen helfen?“, allerdings erstarrte ihr Blick, als nun die vier Uniformierten nachdrängten.
      „Gerkhan, Kripo Autobahn-wir suchen Maria Gregor-ist sie da?“, wollte nun Semir wissen, der den Raum mit Blicken abgescannt, aber die große Frau nicht entdeckt hatte. „Nein-sie wollte heute überhaupt nicht ins Büro kommen“, erhielten sie Auskunft, aber Semir wollte es darauf nicht beruhen lassen. Zwei Türen führten aus dem Großraumbüro und katzengleich näherte er sich der einen davon. „Ist das ihr Zimmer?“, fragte er und als die Angestellten, die ihre Arbeit kurz unterbrochen hatten, nickten, riss er mit gezogener Waffe die Tür auf. Aber wie die junge Frau bereits angekündigt hatte, das gediegen eingerichtete Büro war leer. Semir sah noch kurz in die anderen Räume, die sich als Teeküche und Waschraum heraus stellten und betrachtete dann nachdenklich die Bilder, die im Chefbüro auf dem Schreibtisch standen. Darauf waren drei Personen zu sehen, zwei der Bilder waren bereits etwas älter und in Schwarzweiß und zeigten einen Mann, der Semir irgendwie bekannt vorkam, er wusste nur nicht woher und die beiden anderen zwei Frauen, die eindeutig verwandt waren. Auf dem farbigen Porträt blickte eine Dame mit verschiedenfarbigen Augen lächelnd in die Kamera und wies eine unbestreitbare Ähnlichkeit mit der Firmenchefin auf, deren Foto Semir vor wenigen Minuten auf dem Handy betrachtet hatte. Semir zog alle Schubladen auf, aber in dem Schreibtisch herrschte penibelste Ordnung und Sauberkeit, die Akten standen ordentlich in Regalen, da etwas heraus zu finden würde Tage dauern.

      Nun aber wandte sich der kleine Türke an die Mitarbeiter. „Wo kann ich Frau Gregor finden, haben sie mir eine Adresse oder eine Telefonnummer? Ich muss sie dringend befragen!“, forderte er und die junge Frau notierte eine Handynummer auf einem Zettel. „Das hier ist der einzige Kontakt den ich besitze-oder wisst ihr, wo die Chefin wohnt?“, fragte sie ihre Kollegen, die aber alle drei stumm den Kopf schüttelten.
      „Halten sie sich bitte zur Verfügung, ein Kollege wird hier warten, ob der Richter einen Durchsuchungsbeschluss ausstellt!“, ordnete Semir mit Autorität in der Stimme an und kontaktierte Susanne. „Kannst du eine Privatadresse von Maria Gregor herausfinden-und ich schicke dir eine Handynummer, vielleicht könntest du mir die orten, unsere Zielperson ist nicht im Büro“, bat Semir die Sekretärin und deren Finger flogen über die Computertastatur. „Ich schicke dir die Wohnadresse und wie ich sehe, kann ich dort aktuell auch das Handy orten“, rief sie und nun drang die Stimme der Chefin durchs Telefon. „Herr Gerkhan, ich werde versuchen einen Durchsuchungsbeschluss für das Büro und das Wohnhaus zu bekommen, das kann aber eine Weile dauern, immerhin haben wir außer wenigen Indizien bisher keinen richtigen Beweis, dass Frau Gregor etwas mit Ben´s Verschwinden zu tun hat. Aber ich werde mir alle Mühe geben, die Staatsanwaltschaft und den Richter davon zu überzeugen!“, rief sie und wenig später waren Semir, Dieter, Jenny und ein weiterer Polizist unterwegs zur angegebenen Adresse, die sich als Gründerzeitvilla in einer wunderschönen Wohngegend heraus stellte. Der parkähnliche Garten war von einer hohen Mauer umschlossen und ein geschwungenes Metalltor riegelte das Grundstück zur Straße hin ab.

      Kein Fahrzeug war zu erkennen, das Garagentor stand offen und Semir versuchte einen Blick ins Innere zu erhaschen. Auf dem Rasen lag ein Ball, aber ansonsten war keine Menschenseele zu sehen. War Ben dort drinnen? Semir versuchte eine mentale Verbindung zu seinem Freund aufzubauen, er hatte in der vergangenen Nacht von ihm geträumt, aber es waren keine schönen Träume gewesen. Ohne allerdings einen Beweis dafür zu haben, war Semir sich sicher, dass Ben noch lebte. Wenn sie jetzt allerdings mit Polizeigewalt eindrangen, konnte man die Frau vielleicht zu einer Kurzschlussreaktion herausfordern, weil auch noch kein Durchsuchungsbeschluss vor lag, wäre jedes gewaltsame Eindringen momentan illegal und so beschloss Semir, einen Mittelweg zu gehen. „Ihr wartet hier draußen, bis wir grünes Licht vom Richter kriegen und ich schaue mich mal dort drinnen ein wenig um!“, teilt er seinen Begleitern mit und war auch schon auf dem Nachbargrundstück, das keinen Zaun drum herum hatte, verschwunden. Auch dort stand ein hoher Baum, dessen dicht belaubte Äste über die Mauer ragten. Katzengleich erklomm Semir den Baum und sprang wenig später in den Garten des Gregoranwesens. Keine Alarmanlage ertönte, er konnte auch auf den ersten Blick keine Überwachungskameras erkennen und so schlich er vorsichtig näher-und tatsächlich, eine Nebeneingangstür war nicht abgeschlossen und schon war er im Haus verschwunden.

      Leise schlich er durch die Gänge. Plötzlich hörte er Stimmen-eine Kinderstimme fragte etwas und eine ältere Frau beantwortete geduldig die Frage. Was war das für ein Kind? Susanne hatte nur von drei hier gemeldeten Personen gesprochen, Maria Gregor, Elias Gregor, über den sie gar nichts heraus gefunden hatte und Emanuela Garcia, eine sechzigjährige Brasilianerin. Hatte Maria ein Kind, von dem sie nichts wussten, oder was wurde hier gespielt?
      Vorsichtig spähte Semir durch die angelehnte Tür, aus der die Stimmen drangen, da stand ein etwa fünfjähriges blondes Mädchen auf einem Stuhl und rührte eifrig in einer Teigschüssel, während die Besitzerin der älteren Stimme nicht zu sehen, aber zu hören war. Aha hier wurde gekocht und leise schlich Semir weiter. Durch eine Glastür konnte er in ein geräumiges Wohnzimmer blicken, vor dem eine wunderschöne Terrasse lag, auch das war leer. Die anderen Türen führten in Waschräume, ein Esszimmer und nun wollte Semir sich in den Keller schleichen-wo sonst konnte man einen Gefangenen besser verstecken? Die Tür die augenscheinlich dorthin führte war allerdings abgeschlossen und als Semir die Klinke herunter drückte, bemerkte er eine Staubschicht darauf-die war also schon länger nicht mehr geöffnet worden.

      Kurz entschlossen ging er deshalb ins Obergeschoß und die erste Tür, die er öffnete, war ein typisches Jungenzimmer mit Postern an den Wänden, einem Fernlenkauto und allerlei anderem Spielzeug am Boden und einem Dartspiel an der Wand. Was allerdings Semir´s Blicke magisch anzog war der Schlafanzug, der achtlos aufs Bett geworfen war-der war riesig! Als Semir vorsichtig den Kleiderschrank öffnete, war die Konfektionsgröße darin 56 und die Schuhe glichen Kindersärgen. Leise schlich Semir weiter und neben zwei Bädern gab es noch zwei kleinere Kammern, in denen wohl die Haushälterin und das Kind schliefen.

      Nun wurde Semir magisch von der letzten Tür des Stockwerks angezogen. Befand sich seine Zielperson dort drin? Er lauschte, konnte aber nichts hören. Als er die Klinke betätigte, war die Tür abgeschlossen, aber nun zog Semir kurz entschlossen einen Dietrich aus seiner Tasche. Es war ein Kinderspiel das Schloss zu knacken und Sekunden später huschte er in den Raum der augenscheinlich das Schlafzimmer von Maria Gregor war. Es war leer, ein Handy lag auf dem Nachttisch, aber der Blick des kleinen Türken wurde nun magisch von dem Bildschirm gegenüber vom Bett angezogen. Als er erkannte, wer und was darauf zu sehen war, entwich ein entsetzter Laut seinen Lippen. Verzweifelt verfolgte er das schreckliche Schauspiel darauf und zog nun sein Smartphone. „Susanne-schick sofort Verstärkung zum Wohnsitz der Gregors und vor allem Hartmut-ich habe Ben aufgespürt und sehe ihn auf einem Bildschirm, allerdings habe ich keine Ahnung, wo er sich befindet. Er lebt noch und Maria Gregor ist bewiesenermaßen seine Entführerin, aber ich habe keine Ahnung wo die beiden sind-ich weiß nur-es ist schrecklich!“, sagte er mit ersterbender Stimme und konnte derweil den Blick nicht vom Monitor abwenden.
      „Ich leite alles in die Wege!“, versicherte Susanne und der kleine Türke rief nun noch Dieter an. „Läutet oder kommt sonst irgendwie rein-ich brauche euch hier-im Haus ist allerdings niemand Gefährliches-die Bestie hält sich woanders auf!“, sagte er mit ersterbender Stimme und fast musste er sich festhalten, so brutal waren die Bilder, die er gerade hilflos mit ansehen musste.
    • Ben war am Morgen in einem schrecklichen Zustand, wie Zofia voller Mitleid bemerkte. Er hatte hohes Fieber, sah mit den Augen, die in tiefen Höhlen lagen- davon eines entzündet- und den verschwitzten Strähnen in der Stirn, schwer krank aus, war aber trotz seines schlechten Gesundheitszustands immer noch ein attraktiver Mann. Wenn sie nicht ihre Tochter schützen müsste, wäre sie einfach zur nächsten Polizeistation gelaufen, aber so musste sie um das Leben ihres Kindes fürchten.

      Wie hatte sie nur auf diese Schlange Maria herein fallen können? Die hatte in einer polnischen Lokalzeitung eine Annonce veröffentlicht, in der sie eine Haushaltshilfe nach Köln in Deutschland suchte. Kind kein Hindernis, hatte darin gestanden und so hatte sie die vermeintliche Chance beim Schopf ergriffen. Der Vater ihrer Tochter arbeitete auch seit Jahren im Ruhrgebiet, kam aber nur zweimal jährlich nach Hause und unterstützte sie auch finanziell nicht. Sie waren nicht verheiratet und sie war sich auch nicht im Klaren gewesen, ob sie an einer Beziehung mit ihm noch interessiert war. Allerdings hatte sie im Internet nachgesehen-Köln war vom Ruhrgebiet nicht allzu weit weg und sie hatte gehofft, hier einfach arbeiten und Geld verdienen zu können und ihn wenigstens gelegentlich zu treffen, um sich über ihre Gefühle klar werden zu können. Sie war gelernte Hotelfachfrau, allerdings war die Arbeitslosigkeit in ihrer Heimat sehr hoch und der Verdienst so klein, dass man nur mühsam überleben konnte. Viele ihrer Bekannten hatten zumindest zeitweise in Deutschland gearbeitet und dort gutes Geld verdient und so hatte sie heftig Deutsch gelernt und auch versucht ihrer Tochter die Sprache näher zu bringen-vielleicht würden sie dort ihr Glück finden, oder sich zumindest ein finanzielles Polster anlegen können, bevor das blonde Mädchen eingeschult wurde.

      Vor einigen Monaten dann hatte sie ihre Koffer gepackt und sich von ihren Freunden verabschiedet. Ihre Eltern waren beide kurz zuvor bei einem Autounfall ums Leben gekommen und so hatte sie niemanden mehr, der mit ihr in Kontakt war, oder nach ihr suchen würde. Maria hatte ihr eine Zugfahrkarte geschickt und so war sie am Kölner Hauptbahnhof mit ein paar großen Koffern und einer staunenden Eva angekommen und dort von Maria abgeholt worden. Die war sehr freundlich gewesen und sofort mit ihnen zu diesem Haus hier direkt am Rhein gefahren. Es war ein bescheidenes kleines Anwesen im Bereich des alten Rheinhafens, in dem früher wohl ein Lademeister gewohnt hatte. Im Parterre befanden sich die Wohnräume, die ganz normal eingerichtet waren, es gab Fernseher, Stereoanlage und eine gut ausgestattete Küche, dazu zwei Schlafzimmer. Das umgebaute Kellergeschoss und seinen Bewohner, der wenig später unter Qualen gestorben war, hatte sie erst am nächsten Tag zu Gesicht bekommen.

      Noch während sie sich umgeschaut hatte, war Maria plötzlich weg gewesen und ihre kleine Tochter auch. Zofia hatte schreckliche Stunden voller Angst durchlebt, bis Maria wieder gekommen war und ihr wahres Gesicht gezeigt hatte. Sie hatte ihr erklärt, ihre Tochter sei an einem sicheren Ort und es ginge ihr gut, aber wenn sie versuchen würde zur Polizei zu gehen, oder nach ihr zu suchen, würde sie dafür bestraft oder getötet werden. Eine Mutter würde ihr Kind nicht in Gefahr bringen und so hatte sie zwar stundenlang geweint, aber trotzdem das Opfer im Keller, ebenfalls einen gut aussehenden, dunkelhaarigen schlanken Mann versorgt, der jeden Tag aufs Neue ein Martyrium durchlebt hatte. Er hatte sie um Hilfe angefleht und sie hatte wieder und wieder mit sich gerungen, aber das Wohl ihrer Tochter war einfach das Wichtigste und Maria hatte ihr auch immer wieder Bilder ihres kleinen Mädchens beim Spielen gezeigt, die darauf aber gut genährt und sauber aussah. Zofia hatte zuerst Angst gehabt, dass sie vielleicht an Kinderschänder verkauft worden war, aber auf den Fotos wirkte sie nicht verstört und so hoffte sie einfach, dass es ihr gut ging.

      Nachdem der zweite Mann geflohen war, hatte Maria ihr kleines Mädchen gezüchtigt, davon ein Video gedreht und es ihr gezeigt. Dabei hatte Zofia ihm eigentlich gar nicht direkt zur Flucht verholfen, sondern nur die Außentüre nicht abgesperrt, als sie zum Einkaufen gegangen war. Niemand hatte sich vorstellen können, dass er überhaupt noch laufen konnte, so fürchterlich hatte Maria ihn die Tage zuvor gefoltert, aber es war ihm irgendwie gelungen das Haus zu verlassen. Dann hatten ihn allerdings wohl die Kräfte verlassen und er war in den Rhein gefallen, der direkt hinter dem Häuschen vorbei floss. Nun lebte Zofia in beständiger Angst, dass ihre Herrin ihr Kind erneut verprügeln oder sogar noch Schlimmeres anstellen würde, wenn sie nicht tat, was ihr befohlen wurde.

      So wusch sie Ben erneut mit kühlem Wasser, bot ihm zu trinken an, was er aber nicht bei sich behielt und versuchte sich innerlich nicht von seinem Leid berühren zu lassen. „Bitte-bitte verständigen sie meinen Partner bei der Polizei-Semir!“, flüsterte er. „Ich verspreche ihnen-der holt sie und mich hier raus, sie sind doch nicht freiwillig hier, sie gehören doch nicht zu denen!“, versuchte er sie zu erweichen, aber Zofia verrichtete schweigend ihre Arbeit. Sie konnte auch nicht antworten, die Kamera war auf sie beide gerichtet und sie wusste weder, ob Maria ihnen gerade zusah, noch ob das aufgezeichnet wurde, oder auch eine Tonübertragung stattfand.

      Tatsächlich hörte Maria Ben´s Worte in ihrem Schlafzimmer. Sie würde jetzt aufbrechen und sich ihren Gefangenen vornehmen. Es war bereits später Vormittag, sie hatte länger als sonst geschlafen und sich danach sorgfältig zu Recht gemacht. Heute würde ihr Kind gezeugt werden und der Dunkelhaarige sollte nur nicht versuchen, sich davon zu stehlen. Sie würde seinen Samen bekommen, ob er wollte oder nicht! Maria nahm noch gemeinsam mit ihrem Bruder ein kräftiges Frühstück zu sich und brach dann auf. Für Elias hatte sie ein neues Playstationspiel gekauft, er war schon ganz außer sich vor Freude, das sofort in ihrem Haus am Fluss zu spielen.
      Als sie in die geschotterte Einfahrt fuhren, öffnete Zofia die Tür. „Elias-du darfst gleich an die Konsole und ich will nicht gestört werden. Wenn ich jemanden brauche, rufe ich euch!“, befahl Maria und Zofia nahm demütig die Anweisung entgegen, während Elias sofort das Spiel auspackte und in die Konsole schob-er war die nächsten Stunden versorgt, so viel war sicher.

      Maria ging derweil ins Kellergeschoss. Fast zitterten ihre Hände vor Aufregung, als sie die Tür aufschloss. Als erstes trug sie das Babyphon hinaus-es ging Zofia nichts an, was sie mit dem Vater ihres zukünftigen Kindes sprach. Dann trat sie mit vor Vorfreude leuchtenden Augen an das Bett. „Heute ist der Tag an dem unser gemeinsames Kind gezeugt wird-ich hoffe du freust dich!“, sagte sie mit einem tiefen Unterton in der Stimme, zog seine Decke weg und zückte dann ein kleines Messer. Ben, der soeben aus einem Fiebertraum erwachte, sah sie voller Entsetzen an und hielt die Luft an, als sich das Messer auf ihn herab senkte.
    • Maria hatte kurz überlegt, aber sie würde die Fesseln des jungen Polizisten nicht lösen. Falls der noch irgendwelche Kräfte mobilisieren konnte, würde er sich vermutlich wehren und so begann sie langsam und genüsslich das Hemd aufzuschneiden, bis Ben nackt und bloß vor ihr lag. Absichtlich hatte sie die Schneide des kleinen, aber scharfen Messers manchmal ein wenig tiefer gleiten lassen, als nötig gewesen wäre, so dass einige blutende Kratzer auf Ben´s Armen zurück blieben. Das war einerseits eine kleine Warnung an ihn und andererseits erregte es die elegante Frau. Ben hatte die Luft angehalten, aber keinen Ton von sich gegeben. Er wusste, was die Verrückte jetzt von ihm erwartete, aber wenn er sie nicht zufrieden stellen würde, würde sie mit diesem Messer vielleicht Körperteile abschneiden, auf die er nicht verzichten wollte. Er überlegte fieberhaft, was er tun könnte, aber ihm fiel nichts ein.

      Nun zog sich Maria auch schon komplett aus. Noch nie hatte eine nackte Frau Ben weniger interessiert als jetzt. Er war ja früher kein Kostverächter gewesen und manchmal sogar mit Zeuginnen oder Tatverdächtigen in die Kiste gesprungen. Semir hatte ihn deshalb in der Vergangenheit des Öfteren getadelt, aber seitdem er mit Sarah zusammen war, hatten ihn andere Frauen nicht mehr interessiert. Klar schaute er mit Wohlwollen auf hübsche weibliche Wesen, die seinem Beuteschema entsprachen, aber er hatte nie einen Gedanken daran verschwendet, fremd zu gehen-er hatte doch zuhause alles, was ein Mann begehrte. Seiner Sarah und ihm wurde im Bett-oder auch anderswo-nie langweilig, sie hatten Freude am gemeinsamen Sex und eigentlich hatte er sich für den Abend, an dem er entführt worden war, bereits wieder wunderbare Dinge ausgedacht.

      Dass es jetzt so enden sollte, hätte er sich in seinen kühnsten Träumen nicht ausgemalt. Alles vom Nabel abwärts war ein einziger Schmerz, es brannte und tat weh und er musste eigentlich dringend auf die Toilette, aber alles war zu geschwollen und empfindlich. Zofia hatte mehrfach in der Nacht das Handtuch unter seinem Unterleib erneuert und er hatte das Blut gesehen. Irgendetwas war dort ganz und gar nicht in Ordnung, außerdem fieberte er, ihm war immer wieder übel und sein Bauch tat von den Schlägen des Kolosses weh.
      Nun wurde seine Aufmerksamkeit wieder auf Maria gelenkt, die voller Staunen und fasziniert die kleinen Blutströpfchen betrachtete, die aus den Kratzern an seinen Armen sickerten. Sie beugte sich über ihn und leckte ein wenig Blut ab. Ben sah voller Abscheu, wie sie verzückt davon kostete-na klar, sowas gefiel der Verrückten.
      Fieberhaft dachte er nach, was er tun oder sagen sollte, um die Situation hier zu überleben, denn eines war sonnenklar-er konnte und wollte kein Kind mit dieser brutalen Frau zeugen. Er wusste, dass sie Maria hieß-der Behinderte hatte sie einmal so genannt. Anscheinend hatte sie diesmal nicht vor, ihm das Teufelszeug zu spritzen, das ihn bewegungsunfähig machte. Falls er sie dazu bringen könnte, ihn los zu machen, hätte er vielleicht, wenn er alle Kräfte mobilisierte, eine Chance sie k.o. zu schlagen. Immerhin war er in Selbstverteidigung ausgebildet und wusste, wie man mit Technik und wenig Kraft einen anderen Menschen ausschaltete. Beim letzten Mal hatte es nur nicht funktioniert, weil der Koloss über Kräfte verfügte, die fast unmenschlich waren.

      So legte er nun alles Begehren in seine Stimme, das er aufbringen konnte. Wenn es nötig war verfügte er über Schauspielerqualitäten-und hier ging es um sein Leben! „Maria!“, sagte er. „Du bist so wunderschön, ich möchte dich gerne überall berühren!“, dabei stieß ihn nicht nur ihre Seele, sondern auch ihr Körper ab. Sie war zwar nicht dick, hatte aber keine Kurven wie seine Sarah, sondern wirkte irgendwie kantig und unweiblich, auch wenn er den Duft eines sicher teuren Parfums roch, die Muskeln vermutlich mit Trainingsgeräten fit gehalten wurden und ihr Gesicht auch beileibe nicht hässlich war. Aber wahre Schönheit kam eben von innen und er kannte Frauen, deren Körper war überhaupt nicht perfekt, aber dennoch waren sie hoch attraktiv, eben weil sie ein herzliches Lachen, strahlende Augen mit Lachfältchen, einen edlen Charakter oder sonstige Fähigkeiten hatten, die einen Mann genauso wie das Äußere ansprachen. Aber im Krieg und in der Liebe war alles erlaubt, sagte man-nun, er befand sich hier im Krieg und durfte deswegen lügen. Tatsächlich konnte er erkennen, dass Maria einen kurzen Augenblick überlegte. Dann aber zog ein verächtliches Grinsen über ihr Gesicht. „Du sollst mich nicht berühren, sondern ein Kind zeugen, das geht auch im Liegen!“, erwiderte sie hart und Ben atmete enttäuscht aus. Er musste gegen eine anflutende Übelkeitswelle ankämpfen, als er in ihrem Mundwinkel die Blutspur sah-sein Blut.

      Maria´s Blick richtete sich auf seine Körpermitte. „Und-wird’s bald?“, blaffte sie und erst nach einer Weile begriff Ben, was sie erwartete-eine Erektion. „Tut mir leid, aber auf Knopfdruck kommt ein Mann nicht in Stimmung!“, versuchte Ben zu erklären, aber wieder lachte sie auf. „Da habe ich aber was ganz anderes gelesen-ihr braucht doch nur an ne Frau denken und schon wirds eng in eurer Hose. Hier ich bin nackt, das muss genügen-oder gefalle ich dir etwa nicht!?“, fügte sie drohend an und Ben in dessen Kopf es verzweifelt ratterte, beeilte sich zu versichern: „Nein, nein, du bist wunderschön-nur ich müsste erst mal dringend zur Toilette“, versuchte er eine Ausflucht, aber da fuhr ihm Maria sofort wieder in die Kandare. „Du hattest die ganze Nacht und den Morgen Zeit, um deine Bedürfnisse zu befriedigen, jetzt bin ich dran und wenn ich schwanger bin, was heute zu hundert Prozent passieren wird, kannst du meinetwegen aufs Klo, aber nicht vorher. Ich will dich jetzt sofort!“, presste sie hervor und bevor sich der dunkelhaarige Polizist versah, hatte sie sich schon rittlings auf ihn gesetzt. Nur-natürlich regte sich bei ihm gar nichts, im Gegenteil, der Schmerz und die Angst fluteten wie eine Welle über ihn hinweg und er erbrach sich aufs Kopfkissen.
      „Was soll das-findest du mich etwa zum Kotzen!“, schrie nun Maria mit vor Zorn funkelnden Augen und verpasste ihm einen harten Schlag ins Gesicht, der seine Lippe aufplatzen ließ. Ben hatte es fast erwartet, als sie begonnen hatte, ihn zu schlagen, fand sie Gefallen daran und prügelte nun erst mal mit den Händen und Fäusten auf ihn ein, bis sie selber ganz außer Atem war. Ben hatte versucht mit dem Kopf auszuweichen und als sie seinen Bauch bearbeitete, hatte er die Muskeln angespannt, damit sie ihn nicht noch mehr verletzte, wobei das schweineweh tat-der Koloss gestern hatte ihn ordentlich erwischt und die Rippen schmerzten sowieso, als wenn er 15 Runden geboxt hätte.
      Ben überlegte schon die ganze Zeit, während er den Kaskaden von Schlägen auszuweichen versuchte, was er sagen könnte, damit sie von ihm abließ. „Ich würde ja gerne mit dir schlafen, aber ich bin es gewohnt, oben zu liegen!“, schwindelte er, aber jetzt hatte er wahrlich zu dick aufgetragen. „Halt den Mund und tu, was von dir verlangt wird, sonst wirst du mich kennen lernen!“, brüllte Maria mit endloser Wut in der Stimme, schwang sich von ihm herunter und packte ihren Schal, den sie achtlos hatte zu Boden fallen lassen. Genüsslich schwenkte sie ihn vor seinen Augen: „Na warte-dir werde ich helfen, du wirst mir jetzt sofort deinen Samen geben, sonst hol ich mir den und ein falsches Wort, dann hast du einen Knebel im Mund!“, keifte sie und sah sich dann suchend im Zimmer um.

      Semir hatte indessen voller Sorge und Abscheu auf dem Monitor verfolgt, was Maria mit seinem Freund anstellte. Dieter und Jenny waren inzwischen im Haus, Dieter passte in der Küche auf, dass die ältere Frau mit dem Kind nicht türmte und Jenny kam nun die Treppe nach oben, auf der Suche nach ihrem türkischen Kollegen. Sie meinte aus einem Zimmer Ben´s Stimme vernommen zu haben und wollte gerade eintreten, da stellte sich Semir, der mit Tränen in den Augen den Bildschirm beobachtete, ihr in den Weg. „Jenny-lass bitte Ben seine Würde-er wird gerade von einer Frau vergewaltigt und ich habe keine Ahnung wo er sich befindet-das ist eine Videoaufzeichnung. Hartmut ist unterwegs, er ist der einzige, der jetzt noch helfen kann, aber bitte bleib draußen-es ist schlimm genug, dass ich das mit ansehen muss, aber ich versuche aus den Bildern irgendeinen Hinweis zu bekommen, wo er sein könnte“, probierte er zu erklären. In diesem Moment hörte man einen markerschütternden Schrei, der in einem Gurgeln endete und Jenny gefror fast das Blut in den Adern, während Semir sie hinaus schob und die Tür hinter ihr schloss. Oh mein Gott-was hatte dieses Monster seinem Freund nur angetan?
    • Semir blickte voller Abscheu und Sorge auf den Bildschirm, aber die nackte Kehrseite der Frau, die sich über seinen Freund beugte, versperrte ihm den Blick auf das, was sie mit ihm angestellt hatte. Was er allerdings sah, war das vor unsäglichem Schmerz verzerrte Gesicht seines Freundes, in dessen Mund jetzt ein Knebel steckte. Nur noch ein leises Gurgeln ließ erahnen, welche Qualen Ben gerade durchlitt. „Wenn du mir deine Gene nicht freiwillig gibst, hole ich sie mir eben mit Gewalt!“, keifte Maria Gregor dabei und Ben bäumte sich, soweit es seine Fesseln zuließen, auf.

      Semir flüsterte voller Angst und Kummer: „Ben-auch wenn du mich nicht hören kannst-ich verspreche dir, ich hole dich da raus, ich habe nur keine Ahnung, wo ich nach dir suchen soll!“, und versuchte ein weiteres Mal heraus zu finden, wo Ben stecken könnte. Es schien sich durchaus um eine Klinik zu handeln, denn das Bett, in dem sein Freund lag, war eindeutig ein Krankenhausbett, das Hemd, das er getragen hatte, und das jetzt achtlos in Fetzen geschnitten auf dem Fußboden lag, war ein hinten offenes Krankenhaushemd, weiß mit einem kleinen blauen Muster bedruckt. Allerdings hatte der Tote aus dem Rhein ein eben solches Hemd getragen und er hatte erfahren, dass diese Kleidungsstücke in großen Mengen hergestellt und verkauft wurden, es war eigentlich unmöglich, deren Herkunft fest zu stellen. Das Einzige was merkwürdig war-der Raum schien keine Fenster zu haben, zumindest nicht in dem Ausschnitt, den die Videokamera erfasste und von der Decke strahlten ausgesprochen helle Neonröhren, die den Raum in ein gleißendes Licht tauchten und man so sehr genau sehen konnte, was an dem Ort des Schreckens gerade geschah. Semir konnte jede verblasste und vertraute Narbe auf dem Körper seines Partners erkennen, auch ein kleines Muttermal auf dem Rücken seiner Peinigerin, die immer noch zwischen den Beinen seines Freundes wütete, ihr Tun aber mit ihrem Körper verdeckte.

      Was Semir an Ben noch aufgefallen war-sein eines Auge war schwer entzündet und bevor er es vor Schmerz zusammen gekniffen hatte, hatte Semir einen blauen Schimmer bemerkt, der rund um das Lid eine auffällige Schattierung hervor gerufen hatte. Ein blaues Auge nach Schlägen sah anders aus. Voller Grauen fiel ihm die leere Augenhöhle des Ertrunkenen ein-sollte dieses Schicksal Ben auch drohen, wenn sie ihn nicht rechtzeitig fanden?
      In diesem Augenblick hörte er Hartmut´s Stimme im Hausflur und unendliche Erleichterung durchflutete ihn. Der einzige Mensch, der Ben mit seinem technischen Wissen jetzt helfen konnte, war gekommen. Semir erinnerte sich daran, wie es ihnen durch Hartmut´s Können bereits einmal gelungen war Ben aus einem Grab zu befreien, in dem er beinahe ertrunken wäre, als ihn Wolf Mahler dort lebendig begraben hatte und sie per Videoüberwachung seinem Sterben hatten zusehen sollen. Auch damals war Hartmut das schier Unmögliche gelungen und er hatte seinen Freund kurz darauf wieder in die Arme schließen dürfen.
      Semir hatte sofort Handyfotos von der Videoanlage gemacht und Hartmut in die KTU gesendet. Der hatte die passenden Gerätschaften eingepackt, war mit Blaulicht und Martinshorn zur Villa gerast und jetzt stand er auch schon vor der Tür und Jenny hatte ihm geholfen, das technische Gerät hoch zu tragen und ihm den Weg gewiesen.

      Als er eintrat starrte auch er einen kurzen Augenblick entsetzt auf den Bildschirm, obwohl ihm Semir am Telefon bereits mitgeteilt hatte, was ihn erwartete. Ben war auch sein Freund und der unsägliche Schmerz, der aus seinem Gesicht und der Körperhaltung mit den geballten Fäusten sprach, sowie die blutenden Schnitte und die blauen Flecke in unterschiedlichen Stadien bedurften keiner Erklärung-wenn sie ihn nicht bald fanden, würde er die Folterungen nicht überleben.

      Dann aber wandte Hartmut den Blick vom Bildschirm ab-auch er hatte aus den Bildern des Krankenzimmers keine näheren Erkenntnisse gewinnen können, aber er hatte sofort erfasst, welche Art von Videoübertragung das war und wie sie funktionierte. Er baute nebeneinander auf dem altmodischen Toilettentisch mit aufklappbaren Spiegeltüren, der passend zum Rest des Schlafzimmers im Stil der Dreißiger Jahre in massivem Kirschbaumholz war, seine Messgeräte auf, schloss sie an den Laptop an und sagte dann nach wenigen Minuten, in denen als einziger Laut im Raum Ben´s durch den Knebel gedämpftes Stöhnen zu hören war, aufgeregt: „Der Sender und der Empfänger sind via Richtfunk miteinander verbunden-und zwar direkt, also ohne ein bestehendes Netz zu nutzen! Würde mich interessieren, ob das legal oder illegal errichtet wurde, aber das soll gerade nicht unsere Sorge sein. Auf jeden Fall befindet sich Ben in etwa drei Kilometern Entfernung südöstlich-Moment, ich sehe auf der Karte nach, wo das sein könnte!“, rief er aufgeregt und zeichnete auf einer Satellitenaufnahme von Maps einen Bereich ein, der mehrere Gebäude umfasste. „Wo ist das, Hartmut?“, schrie Semir und war sozusagen schon fast zur Tür draußen. „Ich würde sagen am alten Hafen, wo gerade Stück für Stück die Häuser und Hallen abgerissen werden und neuer Wohnraum entsteht. Ich kann dir nicht auf den Meter genau sagen, um welches Gebäude es sich handelt, aber sieh auf die Dächer-da müsste eine Antenne zu sehen sein, etwas was heutzutage ja eher selten ist!“, gab er Semir als Tipp, dazu einen Straßennamen und der war schon aus dem Zimmer. „Hartmut, versuche noch eine genauere Peilung hin zu kriegen, ich fahre schon mal los!“, rief er über die Schulter zurück und raste die Treppe hinunter zu seinem Wagen.
      „Jenny-kommst du bitte mit mir und forderst von unterwegs gleich Verstärkung an, außerdem müssen wir mit Hartmut in Kontakt bleiben!“, rief er und rannte gemeinsam mit der Polizistin schon zu seinem draußen vor dem Tor abgestellten BMW. Mit quietschenden Reifen fuhr er los, so dass Jenny sich mit einer Hand am Haltegriff fest hielt, während sie mit der anderen die Einsatzlichter und die Sirene einschaltete. „Cobra 11 an Zentrale!“, funkte sie dann die Bitte um Verstärkung zur angegebenen ungefähren Adresse. „Susanne-sag bitte den Kollegen, sie sollen sich in einiger Entfernung bereit halten-wir wissen noch nicht genau, um welches Gebäude es sich handelt und falls Ben´s Entführer uns bemerken, könnte es sein, dass er es büßen muss, wir müssen also versuchen, sie zu überraschen!“, rief er ins Funkgerät und schaltete die Sirene am Fahrzeug auch schon wieder aus, denn er war jetzt bereits in der Nähe des alten Hafens. Glücklicherweise war wenig Verkehr gewesen und die wenigen Autos waren ihnen brav ausgewichen. Jenny hatte inzwischen von ihrem Handy aus Hartmut auf dessen Smartphone kontaktiert, auf laut gestellt und der sagte mit einem merkwürdigen Unterton in der Stimme: „Ich kann euch leider keine genauere Peilung geben, aber ihr müsst Ben in Kürze finden-lang hält der das nicht mehr durch!“

      Semir fuhr nun langsam den angegebenen Straßenzug entlang. Es waren ein paar einfache Häuschen, teilweise leer mit zersprungenen Fensterscheiben. Sicher würden auch hier bald die Abrissbagger anrücken. Plötzlich hielt er die Luft an. In einer gekiesten Auffahrt stand ein schicker Sportwagen, der so gar nicht in diese herunter gekommene Gegend passen wollte, Semir war sich fast sicher, die Reifenspuren würden sich mit denen am Entführungsort decken. Er stellte sofort den Motor ab und Jenny und er verließen lautlos das silberne Fahrzeug. „Schau-da ist die Richtfunkantenne auf dem Dach!“, rief er dann leise zu Jenny und die gab als letzte Information an die Kollegen über Funk noch die genaue Adresse durch, bevor sie hinter dem türkischen Polizisten her aufs Grundstück schlich.