Ein schreckliches Erbe

    • in Erarbeitung
    • Susan

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    • Semir steckte nun sofort die Waffe weg, drückte auf den Klingelknopf neben der Tür und brüllte, dass man es durch den ganzen Krankenhausflur hören konnte: „Schnell einen Arzt, nein besser ein Reateam auf 304!“, während er so rasch er konnte zu seinem Freund und dem Psychologen hetzte-leider fiel dann die Türe hinter ihm zu. Er zerrte Elias, der ja mindestens 130 kg auf die Waage brachte und mit seinem Gewicht den beiden zusätzlich noch die Luft abdrückte, von seinen Opfern herunter und registrierte voller Erleichterung, dass Philipp Schneider zwar nach seinem Hals griff, aber geräuschvoll die Luft ein sog und anscheinend nicht in akuter Lebensgefahr war.

      Anders war es bei Ben. Der war immer noch kitzeblau und lag schlaff und reglos da. Semir versuchte gar nicht nach irgendeinem Puls zu tasten, durch die Aufregung würde er vermutlich nur seine eigenen Pulswellen in den Fingerspitzen fühlen, sondern ohne zu zögern, begann er, wie beim letzten Ersthelferkurs an der Puppe geübt, den Brustkorb seines Freundes dreißig Mal rhythmisch einzudrücken und ihm dann, ohne an irgendeine Ansteckung zu denken, den Kopf zu überstrecken und zweimal Luft ein zu blasen.

      Kurz zuvor war der Arzt am Stationszimmer eingetroffen und hatte die aufgebrachte Frau beruhigt, die Sorge hatte, sich mit einem gefährlichen Keim infiziert zu haben. „Hören sie-natürlich war es dumm von unserem Patienten das Zimmer zu verlassen, aber der Keim ist wohl für einen Gesunden ohne offene Verletzungen wenig gefährlich. Wenn sie sich jetzt gründlich die Hände desinfizieren, zuhause mit einem desinfizierenden Schaum, den wir ihnen mit geben, duschen und ihre Kleidung heiß waschen, genügt das. Weil ihr Mann allerdings frisch operiert ist, sollten sie ihn lieber heute nicht besuchen, rufen sie ihn doch bitte an und wir informieren ihn ebenfalls. Es tut uns leid, wenn sie durch das Fehlverhalten eines unserer Patienten Unannehmlichkeiten hatten, aber leider können wir auch den nicht im Zimmer einsperren, sondern müssen eigentlich auf seine Kooperationsbereitschaft bauen-ich werde ihm gleich Bescheid sagen, dass das natürlich so nicht geht und er das Zimmer nicht zu verlassen hat, bis unsere Hygieneabteilung die Isolierung aufhebt“, beruhigte er die immer noch aufgebrachte Frau, zeigte ihr, wie sie ihre Hände desinfizieren sollte und drückte ihr noch eine Dose mit Desinfektionsschaum in die Hand.

      Als sie um die Ecke verschwunden war, seufzte er auf und machte sich auf den Weg zu seinem neuen Patienten, den er noch gar nicht persönlich kennen gelernt hatte-nur die telefonische Übergabe hatte er erhalten. So wie ihm sein Kollege von der Intensiv geschildert hatte, war er erstaunt gewesen, dass Herr Jäger es in Anbetracht seiner Erkrankungen überhaupt geschafft hatte, das Zimmer zu verlassen. Er hatte sich, nachdem er von der Pflegekraft zu Hilfe gerufen worden war, erst Ben´s Akte angesehen, dann kurz mit dem Krankenhaushygieniker, der natürlich über den Fall Bescheid wusste, Rücksprache gehalten und hatte dessen Empfehlungen dann an die Besucherin weiter gegeben.

      Gerade als er um die Ecke bog, die Sicht auf Zimmer 304 ermöglichte, ertönte erst ein Schuss und Sekunden später schrie eine Männerstimme laut nach einem Arzt und dem Reateam-verdammt was war hier los? Allerdings ging Eigenschutz auf jeden Fall vor und so zog er erst einmal sein Telefon heraus und verständigte den Sicherheitsdienst, während er um die Kurve in Deckung ging, wie mehrere geschockte Patienten und Besucher ebenfalls, die der laute Knall aufgeschreckt hatte. Der Leiter des Sicherheitsdienstes rief, als er von dem Schuss im dritten Stock hörte, sofort die Polizei und so kam es, dass zwar wenig später der Flur von Uniformierten nur so wimmelte, aber Semir in Zimmer 304 als Einzelkämpfer verzweifelt um das Leben seines Freundes rang.

      Als mehrere rettende Atemstöße in dessen Lunge gedrungen waren, begann Ben sich zu regen und sog jetzt selber geräuschvoll und gierig die Luft ein, so weit das sein zu geschwollener Hals zu ließ. Voller Erleichterung registrierte Semir, dass der Dunkelhaarige noch am Leben war, aber als der jetzt plötzlich die Augen auf riss, um dann entsetzt vor ihm zurück zu weichen, gab es ihm einen schmerzhaften Stich ins Herz. Oh nein-hatte Ben denn immer noch nicht kapiert, dass er ihm nichts Böses wollte?
      Philipp Schneider hatte sich inzwischen wieder so weit erholt, dass er einigermaßen normal reagieren konnte, wenngleich auch ihm der Schock noch in den Gliedern saß und das Atemholen durchaus mühsam war. Selten hatte er so eine Panik in den Augen eines Menschen gesehen, dabei hatte Herr Gerkhan seinem besten Freund vermutlich gerade das Leben gerettet und auch wenn man von draußen laute Geräusche hörte-bisher war niemand ihnen zu Hilfe gekommen. Anscheinend war der seelische Zustand seines Patienten genauso schlecht wie der seines Körpers und jetzt musste er eingreifen, um weiteren Schaden ab zu wehren. So zog er sanft den kleinen Türken beiseite, während er sich über Ben beugte und den ein wenig aufrichtete und ihm ein Kissen, das er rasch vom Bett riss, unter den Oberkörper schob, damit der besser Luft bekam. „Ben-ich bin es Philipp Schneider, bleib ruhig, gleich kommt professionelle Hilfe-niemand will dir mehr was Böses-der Mörder ist tot“, krächzte er und Ben´s verwirrter Blick erfasste nun die Leiche, die nur wenige Zentimeter von ihnen entfernt lag. Verdammt-Ben blutete, war körperlich und nervlich völlig am Ende, aber kein Mediziner ließ sich blicken.
      „Herr Gerkhan-holen sie Hilfe“, bat er und Semir, der die Situation ebenfalls erfasst hatte, richtete sich nun auf und ging langsam zur Türe. Mit jedem Meter, den er sich von seinem besten Freund entfernte, wurde der weniger panisch und spürte wohl jetzt erst die Schmerzen, die ihm neben der Atemnot schwer zu schaffen machten.

      Semir schlich mit hängenden Schultern regelrecht weg-oh nein-Ben hielt ihn immer noch für seinen größten Feind-ob man seine Paranoia jemals wieder in Griff bekam? Ohne daran zu denken, dass er von oben bis unten mit Blut besudelt war, öffnete er die Zimmertüre und hatte Sekunden später den Lauf einer Waffe am Kopf, die Hände im Polizeigriff auf dem Rücken und jemand hatte ihm auch schon die Waffe aus dem Holster gezogen. „Verdammt noch mal-was zieht ihr hier für eine Nummer ab-ich bin Polizist-Semir Gerkhan, mein Dienstausweis steckt in meiner Gesäßtasche-schickt lieber einen Arzt zu den Opfern!“, brüllte er ungehalten und jetzt erkannten die beiden uniformierten Kollegen ihn-gerade vorhin erst hatte er sich bei ihnen am Taxistand ausgewiesen. „Kollege was ist da drinnen los, wer hat geschossen und wo kommt das ganze Blut her?“, löcherte der Streifenpolizist ihn mit Fragen und mit wenigen Worten erklärte Semir die Situation. Man ließ ihn los, nur die Waffe tütete man routiniert für die kriminaltechnische Untersuchung ein, was ja auch völlig richtig war und jetzt endlich öffnete ein Sicherheitsbeamter die Tür komplett und überzeugte sich von der Richtigkeit von Semir´s Angaben.
      „Hier wird wirklich dringend ein Arzt gebraucht-und die Kripo und die Spurensicherung!“, bemerkte er dann und so füllte sich wenig später das Zimmer mit medizinischem Personal, das sich allerdings zum Eigenschutz erst mit Isolierkitteln, Haube, Mundschutz und Handschuhen vermummte.
    • Ben rang immer noch verzweifelt nach Luft, aber als Semir den Raum verlassen hatte, war er ein wenig ruhiger geworden. Sein Blick fiel auf Elias und er erschauerte. Philipp Schneider, der inzwischen wieder vermehrt Atemprobleme bekam, weil sein Hals langsam begann zu zuschwellen, ließ sich neben ihn auf den Boden gleiten, lehnte sich ebenfalls mit dem Rücken ans Bett und stützte ihn dadurch von der Seite. Ein unkontrolliertes Zittern hatte von Ben Besitz ergriffen, jetzt kam langsam der Schock durch, aber der alles beherrschende Gedanke bei den beiden Männern war „Luft“.

      Man hörte Geräusche und gedämpft Semir´s empörte Stimme, der energisch Hilfe anforderte. Endlich öffnete sich die Tür, erst sah man Sicherheitsbeamte und uniformierte Polizisten mit der Waffe in Anschlag und dann kam mit gelben Schutzkitteln, Masken und Handschuhen eine ganze Armada an Hilfskräften und medizinischem Personal. Das Reateam hatte sich straff organisiert sofort umgezogen, beim Stationsarzt, der nun ebenfalls aus der Deckung gekommen war, nähere Informationen verlangt und zum Glück wurde das Reanimationsteam diesen Monat von der Intensivstation gestellt, auf der Ben Patient gewesen war, so dass zu seiner Person niemand viel erklären musste. Der Anästhesist nahm zuerst eine Sichtung vor, bestimmte Ben zum am schwersten Verletzten, fühlte kurz an Elias` Halsschlagader nach einem Puls, erklärte ihn angesichts der schweren Hirnverletzung für tot und nun teilte sich das Reateam, das aus zwei Pflegekräften und dem Arzt bestand, auf.

      Der Stationsarzt, der sich ebenfalls angezogen hatte, bekam Philipp Schneider zur Betreuung und wurde von einer der Intensivschwestern unterstützt. Die Pflegerin der Normalstation war ebenfalls in Schutzkleidung zu Hilfe geeilt und wurde nun angewiesen, zwei Infusionssysteme vor zubereiten, alle erforderlichen Medikamente auf zu ziehen und sich von ihrer Kollegin, die ebenfalls alles hatte stehen und liegen lassen und von draußen anreichte, zwei Verneblermasken bringen zu lassen. Bis auf die speziellen Masken befand sich alles Notwendige im Notfallrucksack, den das Reateam mitgebracht hatte.

      Semir stand irgendwie hilflos in der Tür. Wie gerne wäre er zu seinem Freund geeilt und hätte ihm bei gestanden, aber er konnte das Entsetzen in dessen Blick nicht vergessen, als der nach der gelungenen Reanimation zu sich gekommen war. So sehr es ihn in den Raum zog, aber der gesunde Menschenverstand sagte ihm, dass er sich im Augenblick besser fern hielt, um seinen Freund nicht noch mehr zu belasten. So beobachtete er das Geschehen aus der Entfernung und wartete auf das Eintreffen der Mordkommission.

      Philipp Schneider bekam vom Stationsarzt einen Zugang gelegt, 1000 mg Prednisolon, ein Cortison, das abschwellend wirken sollte, gespritzt und als die Schwester von draußen die Verneblermasken gebracht hatte, schloss man die an den Sauerstoffanschluss im Zimmer an und gab in die Verneblerkammer Kochsalzlösung und Adrenalin. Eine Infusion tropfte langsam in ihn und langsam bekam er wieder besser Luft.
      Bei Ben war die Sache schon komplizierter. Gut dass der Anästhesist ein erfahrener Notfallmediziner war, der geübt war, auch Zugänge bei schockigen Patienten zu legen. Er musste auch zuerst einmal den Gesamtzustand beurteilen und festlegen, welche lebensrettenden Maßnahmen zuerst gemacht werden mussten. Ben war noch bei Bewusstsein, aber er sog pfeifend und mühsam die Luft ein und seine Hautfarbe begann sich bereits wieder ins Bläuliche zu verfärben. Man riss ihm das klatschnasse und mit Blut, Urin und Infusionslösung getränkte Hemd herunter, klebte Elektroden auf seinen Brustkorb, steckte den Sättigungsfühler an einen Finger und legte sofort eine Sauerstoffmaske auf sein Gesicht. Eine kleine Sauerstoffbombe befand sich im Notfallrucksack und die verwendete man für den Verletzten. Die Sättigung war ohne Sauerstoff nur bei 75% und der Arzt befürchtete schon vor Ort eine Notfallkoniotomie vornehmen zu müssen. Aber erst legte er einen Zugang und als Ben ebenfalls 1000 mg Cortison erhalten hatte und man die Sauerstoffmaske gegen die Verneblermaske, wie beim Psychologen, ausgetauscht hatte, stieg die Sättigung dann doch auf 85%, sie hatten ein wenig Zeit gewonnen. Ben war immer noch panisch, kein Wunder, wenn man im Begriff war zu ersticken und soeben ein schweres Trauma erlebt hatte.
      Die Intensivschwester hatte derweil einen Stapel Kompressen fest auf Ben´s Leiste gedrückt, um die arterielle Blutung zu stillen. Am Hals blutete es zwar ebenfalls noch leicht aus der ZVK-Einstichstelle und wo der Faden durchgerissen war, aber das deckte man nur locker mit Kompressen und einem Pflaster ab, jeder Druck im Halsbereich würde die Luftnot noch verschlimmern. Als man die Blutdruckmanschette angelegt hatte, war der Druck sogar zu hoch, so bei 160/80 mm Hg, weil Ben´s Körper wohl in Todesnot körpereigenes Adrenalin ausschüttete. Das Zittern, das ebenfalls immer schlimmer wurde, ließ den Notfallmediziner die Entscheidung zur Sedierung treffen. „Falls wir intubieren, oder eine Koniotomie vornehmen müssen, ist es für ihn risikoärmer, wenn das nicht hier im Zimmer unter Notfallbedingungen geschieht, sondern auf der Intensivstation, wo wir dafür eingerichtet sind. Gib mir bitte 2 mg Tavor und dann legen wir ihn in ein frisches Bett und fahren hoch!“, sagte er zur Intensivschwester, die sich mit ihm gemeinsam um Ben kümmerte. „Hol bitte jemand den Aufzug und macht den Flur frei, jede Minute zählt“, ordnete er noch an und so fuhr die Schwester von draußen ein frisches Bett heran und kaum hatte man Ben das Sedierungsmittel gespritzt, hob man ihn auch schon hinein, warf lose die Zudecke über seine Blöße und fuhr los. „Wir haben ein Zweibettzimmer frei bekommen, ihr könnt nachher mit dem zweiten Patienten in aller Ruhe nachkommen, er wird auf jeden Fall auch erst einmal intensivüberwacht und weil er ja schon kontaminiert ist, können wir eine Kohortenisolierung machen“, rief der Intensivmediziner noch im Vorbeigehen.

      Semir war ein wenig zurück gewichen, als man das Bett mit Ben, der nun bereits die Augen verdrehte, vorbei fuhr. Aber der konnte ihn gar nicht mehr wahrnehmen, so schlecht wie es ihm ging.
      Inzwischen waren auch die Kollegen der Mordkommission eingetroffen und zu seiner Erleichterung auch Frau Krüger, die man ebenfalls verständigt hatte. „Herr Gerkhan, sie sehen schrecklich aus-ich finde sie brauchen erst mal einen starken Kaffee und frische Klamotten, bevor sie den Kollegen erzählen was passiert ist!“, nahm sie die Sache in die Hand und so durfte er sich, nachdem man auch den Psychologen in ein frisches Bett gelegt und nach oben gebracht hatte, in der Nasszelle im Zimmer umziehen, das Krankenhaus hatte für solche Fälle Einmalkleidung und wenn er auch die Hosenbeine dreimal umkrempeln musste, weil das natürlich eine Einheitsgröße war, fühlte er sich gleich viel besser. Er wurde angewiesen, seine Hände und Unterarme gründlich zu desinfizieren und seine Kleidung gab man in eine Plastiktasche. Die Schwestern der Station waren inzwischen auch wieder zum Tagesgeschäft über gegangen und so drückte ihm jemand einen Becher mit heißem, starkem Kaffee in die Hand und nun begann er den Kollegen seine Version der Ereignisse zu erzählen, während im Patientenzimmer jetzt die Spurensicherung ihre Arbeit begann und der Körper des toten Elias zum Abtransport in die Gerichtsmedizin vorbereitet wurde.
    • Als das Beruhigungsmittel in seine Adern floss, wurde es Ben erst schwindlig und dann breitete sich ein wohltuendes Gefühl in ihm aus, dass alles egal sei. Er meinte zu Schweben und die Angst zu Ersticken und um jeden neuen Atemzug ringen zu müssen, ließ nach. Er fühlte wie viele Hände ihn vorsichtig in ein Bett hoben, wo das Kopfteil sehr hoch gestellt war, so dass er wieder mehr saß als lag, aber die Worte des Arztes, der sehr kompetent wirkte und souverän und ruhig seine Arbeit machte, verstand er schon nicht mehr.

      Auf der Intensivstation angekommen, hängte man ihn dort sofort an den Monitor am Bettplatz, der Notfallwagen wurde mit einem Überzug versehen neben das Bett gestellt und die Schwester, die mit beim Notfalleinsatz gewesen war, übernahm seine pflegerische Versorgung.
      Noch vernebelte das Adrenalin und so machte man, bevor man wieder Schläuche in ihn bohrte, erst einmal aus dem Ohrläppchen eine kapilläre Blutgasanalyse. Der Kompressionsverband in der Leiste war schon wieder durch geblutet, aus der Harnröhre tropfte ebenfalls das Blut, aber wenigstens waren die Werte der BGA nicht so katastrophal, wie man sich das vorgestellt hatte. „Vielleicht kommen wir um die Intubation oder Koniotomie herum. Wir werden ihn gut sedieren und wenn das Adrenalin komplett vernebelt ist, versuchen wir es mit einer nichtinvasiven Maskenbeatmung. Noch kann man nicht absehen, ob die Schwellung der Halsweichteile eher noch zunehmen wird, was dann eine Intervention erfordert, oder ob die maximale Schwellung bereits erreicht ist. Geben wir ihm noch eine Chance, sind aber immer in Stand By“, lautete der Entschluss des erfahrenen Oberarztes, der in seinem Berufsleben schon viel gesehen hatte und auch ohne zu zögern solch einen Notfalleingriff durchführen würde und konnte. „Ich werde die nächsten Stunden die Station nicht verlassen, bis sich die Lage entspannt hat, oder sich das Befinden des Patienten verschlechtert und wir doch reagieren müssen. Den Reapiepser fürs Haus muss derweil jemand anders übernehmen, es ist sicher eine Gratwanderung, aber ich sehe im Augenblick keine absolute Indikation für eine Intubation, Tracheotomie oder Koniotomie. Das ist jetzt aber eine Entscheidung, für die man als Arzt auch gerade stehen muss!“, erklärte er den beiden Assistenzärzten, die sich schon gefreut hatten, einmal eine Notfallkoniotomie am lebenden Objekt mit zu erleben. Etwas was in der ärztlichen Berufslaufbahn nicht sehr häufig vorkam, meistens gelang es dank modernster Techniken wie Glideskopes und Bronchoskopen die Patienten doch zu intubieren. „Treffen sie solche Entscheidungen aber nur, wenn sie sich sicher sind, den Patienten damit nicht über ein gewisses Maß zu gefährden und revidieren sie ihre Meinung sofort, wenn sich auch nur die kleinste Veränderung im Befinden zeigt. Die Alarme am Monitor müssen sehr scharf gestellt sein und falls Herr Jägers Sauerstoffsättigung, die sich gerade um die 92% bewegt, unter 90% fällt, oder er sich klinisch verschlechtert, schreiten wir doch noch zur Tat. So werden wir ihn jetzt mit einem großlumigen zweiten peripheren Zugang und einer neuen Arterie versorgen. Der Chirurg soll sich die Blutung in der Leiste ansehen und der Urologe die Blutung aus der Harnröhre. Laut BGA ist das Hb zwar niedrig, aber noch nicht transfusionswürdig, auch das muss man in so einem Fall berücksichtigen-ihm fehlen Sauerstoffträger und ein weiterer Blutverlust muss dringend vermieden werden.“

      Die Schwester hatte bereits einen frischen Stapel Kompressen auf Ben´s Leiste gedrückt und bat, während der Oberarzt seine Kollegen anrief, einen der Assistenzärzte zu komprimieren. Ben, der als das Tavor angeflutet war, erst mal ziemlich weg getreten war, begann sich wieder zu regen und schmerzerfüllt das Gesicht zu verziehen. „Er bekommt Morphin-das hilft gegen die Schmerzen, die Angst und die Atemnot“, ordnete der Oberarzt jetzt noch an und die betreuende Pflegerin bat ihre Kollegen ihr einen Perfusor vor zu bereiten und ins Isolierzimmer zu geben. Als Ben 2 mg des Medikaments erhalten hatte, driftete er wieder ab und bekam es gar nicht so richtig mit, wie man ihm erst einen zweiten venösen Zugang in den Handrücken und dann noch einen frischen arteriellen Zugang am Unterarm legte. Auch das nun sofort analysierte arterielle Blutgas zeigte wenig Veränderungen, weder zum Besseren, aber eben auch nicht zum Schlechteren und so tauschte man die Verneblermaske nun gegen eine Beatmungsmaske und unterstützte seine Atmung mit höheren Drücken und einem Turbinenbeatmungsgerät, was auch dabei half, die Atemwege offen zu halten. Unangenehm war dabei zwar die eng anliegende Maske, aber das Morphin und das beruhigende Zureden der Pflegekraft half Ben, sich darauf ein zu lassen und mit Hilfe des Opiats dämmerte er weiter vor sich hin.

      Der Psychologe war inzwischen ebenfalls nach oben gebracht und auf den Bettplatz daneben geschoben worden. Auch er wurde mit dem Monitor verbunden, bekam ein Krankenhaushemd und man kontrollierte die Blutgase, aber so wie es aussah, war sein Zustand nicht kritisch und das Cortison, die Verneblung und Überwachung würden vermutlich genügen. Allerdings waren bei ihm, wie bei Ben, die Fingerabdrücke von Elias am Hals blau unterlaufen zu erkennen und die Pflegekraft, die ihn aufnahm und versorgte, erschauerte. „Das muss ja ganz schrecklich gewesen sein, von so einem Koloss von Mann angegriffen und beinahe umgebracht zu werden!“, bedauerte sie ihn und Philipp Schneider nickte-auch er würde eine Weile brauchen, um das Erlebte zu verarbeiten. Wie viel schlimmer musste es da erst Ben gehen, der ja bereits ein tagelanges Martyrium hinter sich hatte und psychisch und physisch stark angegriffen war.

      Inzwischen war einige Zeit vergangen und Hartmut, der natürlich bereits über die Geschehnisse auf dem Laufenden war, war ins Krankenhaus geeilt, um die Lage zu sondieren-Ben musste doch das Orchideenextrakt bekommen! Allerdings ließ man ihn zwar auf die Intensivstation, aber die Schwester die er fragte, schüttelte den Kopf. „Herr Jäger kann aktuell unmöglich etwas schlucken und muss auch streng nüchtern bleiben, weil es jederzeit sein kann, dass man ihn doch noch intubieren oder sogar koniotomieren muss. Auch auf die schüchterne Nachfrage wegen einer Magensonde schüttelte sie entsetzt den Kopf. „Wenn man in seinem Rachen jetzt herumbohren würde, würde sofort alles komplett zu schwellen, wir sind froh, dass wir ihn halbwegs stabil haben! Jetzt kommt gleich ein Chirurg und dann noch der Urologe, die ihn beide versorgen werden, es tut mir leid, ich kann sie nicht einmal zu ihm lassen, aber glauben sie uns, wir passen gut auf ihn auf!“, versicherte sie ihm und so zog Hartmut schweren Herzens wieder ab.

      Auch Semir war kurz auf der Intensiv gewesen und hatte sich nach dem Zustand aller Verletzten und auch Sarah´s erkundigt. Bei Sarah ging es rasant aufwärts, anscheinend wirkte die Urwaldmedizin, aber der kleine Türke war fast froh, dass sie noch intubiert war und vor sich hin schlief, so musste man ihr von der neuen Aufregung um Ben nichts mitteilen und sie in Angst und Schrecken versetzen. Ihre Eltern waren natürlich geschockt, als er ihnen berichtete was passiert war, aber als er dann nach einem sehnsüchtigen Blick durch die Glasscheibe auf den schlafenden Ben und einem Winken zum Psychologen, dem er auch sein Handy übergeben ließ, damit der via WhatsApp seine Familie benachrichtigen konnte, die Intensivstation verließ und nach Hause fuhr, fühlte er sich, als hätte ihn ein LKW überrollt. Erst der Alltag zuhause mit seiner Familie brachte ihn wieder herunter und ließ ihn spät abends dann doch noch in den Schlaf finden.
    • Zuerst kam der Chirurg zu Ben und besah sich die Leiste, die immer noch trotz fest verklebter Kompressen vor sich hin sickerte, aber wenigstens war kein großer Blutverlust auf diesem Weg mehr erfolgt. Der Arzt zog sterile Handschuhe an, betastete die Wundumgebung und sagte dann zum Stationsarzt in der Tür und der betreuenden Schwester neben dem Bett: „Es ist auf jeden Fall bereits ein großes Hämatom entstanden, das bei Gelegenheit entlastet werden muss, allerdings ist das keine Notfallindikation und muss nicht heute geschehen“, denn natürlich hatte er vom Stationsarzt eine Kurzversion der Ereignisse bereits telefonisch erfahren und wusste um den kritischen Zustand des Patienten.
      „Nachdem man die Femoralarterie nicht einfach so ligieren-also abbinden –kann, ohne die Durchblutung des gesamten Beins zu gefährden, wäre es eventuell notwendig das Gefäß zu patchen, also mit einer Art Flicken zu versehen. Das kann ich aber nicht blind und hier im Zimmer vornehmen, sondern dazu müssten wir in den OP oder wenigstens einen Eingriffsraum mit Röntgenmöglichkeit, das ist ein gefäßchirurgischer Eingriff. Allerdings ist Herr Jäger ja an und für sich jung und gesund und hat noch elastische Gefäßwände, ich denke also, dass wir die Blutung auch mit einem richtigen Kompressionsverband um die Hüfte zum Stehen bringen könnten-nicht so ein paar Kompresschen mit einem straffen Pflasterzügel drüber“, warf er einen tadelnden Blick in die Runde. „Ich schlage vor, wir versuchen das zunächst einmal, beobachten dann, ob die Blutung steht und die Hämatominzision kann man dann in den nächsten Tagen vornehmen. Und wenn das nicht klappt, muss er eben doch intubiert werden. Wir brauchen also Kompressen, einige breite Kompressionsbinden, ein steriles weiches OP-Tuch und eine schmale Kompressionsbinde, sechs Zentimeter breit mit Verpackung, dazu noch jede Menge Leukoplastzügel und zwei Personen, die beim Drehen helfen, oder ihn alternativ hoch heben-je nachdem wie das mit der Beatmungsmaske geht“, forderte er und wenig später war das Gewünschte im Zimmer. Ein kräftiger Pfleger eilte zu Hilfe und dann legte der Arzt erst einen dünnen Kompressenstapel auf die Einstichstelle, aus der immer noch hellrotes Blut sickerte, drückte dann die verpackte harte Binde darauf und nun wurde um Ben´s kompletten Unterkörper und den Oberschenkel ein straff sitzender Hüftverband angelegt. Man hatte ihm noch einen Morphinbolus gegeben und hob ihn auch immer hoch, wenn eine Bindentour übers Gesäß ging, denn das Drehen war mit der Maske schwieriger als das Anheben und binnen Kurzem hatte er einen mit Pflasterzügeln fixierten straff sitzenden Hüftverband vom Nabel bis zur Mitte des einen Oberschenkels, der eine kontinuierliche Kompression über das Verbandpäckchen auf die Einstichstelle ausübte. Angenehm war etwas anderes und Ben stöhnte mehrmals unter der Maske, aber man gab ihm, weil sein Kreislauf diesmal mitspielte, ausreichend Opiat, so dass er völlig benommen war und eigentlich gar nicht so richtig kapierte was mit ihm gemacht wurde. Der Chirurg, der Ben zuvor noch nie gesehen hatte, hatte mitleidige Blicke auf dessen geschwollenen, ebenfalls leicht blutenden und teils verbundenen Genitalien geworfen-mein Gott, was mussten manche Menschen aushalten! Aber das Vorhaben gelang-wenigstens fürs Erste stand die Blutung und kaum war diese Baustelle erst versorgt, stand auch schon der Urologe im Zimmer.

      „Und sie sagen der Blasenkatheter lag mit geblocktem Ballon auf dem Fußboden?“, fragte er nach einem Blick zwischen Ben´s Beine und die Schwester, die beim Notfalleinsatz dabei gewesen war, nickte. „Gut-dann ist die Therapie klar und es muss auch keine weitere Diagnostik erfolgen. Die Blutung wird durch kleine Einrisse in der Schleimhaut verursacht, der Ballon hat sozusagen gleich wie ein Bougie gewirkt und die Harnröhre gedehnt, was ganz abgesehen von den Schmerzen therapeutisch gar nicht so schlecht war. Wenn es zu einem Abriss der Urethra gekommen wäre, wäre die Blutung stärker, ich werde also einen neuen dicken zweilumigen Spülkatheter legen, der komprimiert die kleinen Gefäße und damit nichts verstopft, machen wir eine Dauerspülung mit Ringerlösung“, ordnete er an und die Pflegekraft außerhalb des Isolierzimmers beeilte sich auf Bitten ihrer Kollegin, das Gewünschte aus den Schränken zu holen und heran zu schaffen. Mit einem sterilen Katheterset wurde alles desinfiziert, die Harnröhre mit betäubendem Gleitgel versehen, aber weil Ben ja Morphin hatte und seiner Ansicht nach das Ganze gar nicht so richtig mitbekam, schob der Urologe den dicken Katheter ohne große Wartezeit und langem Reden in seinen Patienten.

      Ben brüllte unter der Beatmungsmaske auf und der Psychologe im Nebenbett wurde ganz blass, als er sah, welchen Torturen sein Patient, der ihm sehr am Herzen lag, schon wieder ausgesetzt wurde. Erstens kniff er als Mann sozusagen solidarisch unbewusst die Beine zusammen und wollte sich gar nicht vorstellen, wie weh sowas tat, aber dann hätte er den Behandler am liebsten geschüttelt und ihm ordentlich die Meinung gesagt, denn für das Trauma seines Patienten war das sozusagen das denkbar Schlimmste, was man ihm antun konnte. Ohne Erklären oder Narkose ein peinlicher und schmerzhafter Eingriff im Intimbereich-und das bei dieser Vorgeschichte!

      Ben, der gar nicht wusste, wie ihm geschah, sondern im Halbdämmer alles über sich hatte ergehen lassen, mobilisierte die letzten Kräfte und schlug und trat wild um sich, als ihm seiner Meinung nach erneut Gewalt angetan wurde. Sowohl die Schwester, die assistierte und gerade den Ballon des Verweilkatheters blockte, als auch der Urologe bekamen etwas ab, Ben´s Blutdruck schoss in die Höhe, woraufhin natürlich die Leiste wieder trotz Druckverband erneut zu bluten begann. „Wir müssen ihn fixieren-er ist ja fremdgefährdend!“, rief der Urologe, sprang vom Bett weg und rieb sich den schmerzenden Unterarm.

      Auch die Schwester, die Ben´s Knie an den Kopf bekommen hatte, wollte soeben die Fixies aus dem Pflegewagen holen und sich einen Bauchgurt bringen lassen, da schwang der Psychologe, der gerade kaum mehr Beschwerden hatte, seine Beine aus dem Bett. Man hatte ihm die Boxershorts belassen, er hatte vorhin schon probeweise die Sauerstoffnasenbrille abgelegt und keine Atemnot bekommen und fand eigentlich, dass er wieder fast wie neu war, nur seine Stimme klang noch etwas heiser.
      „Wenn sie das tun, verstärken sie sein Trauma, denn genau das war es doch, was ihn schier um den Verstand gebracht hat und jetzt diese Panikattacken verursacht-er wurde festgebunden und sexuell gefoltert-für ihn fühlt sich das gerade an, wie im Folterkeller-ich hoffe sie kennen beide seine Vorgeschichte und wissen, wie seine Genitalverletzungen zustande gekommen sind“, rief er eindringlich, beherrscht und dennoch ruhig-gelernt war gelernt.
      „Wie ich sehe, reichen meine Überwachungskabel bis da rüber-bitte stelllen sie mir einen Stuhl an sein Bett, ich werde auf ihn aufpassen und verspreche ihnen, ich werde verhindern, dass er jemandem was tut-nur binden sie ihn nicht fest!“, bat Philipp Schneider und nach einem Blickwechsel mit dem Urologen und dem Stationsarzt, der den Tumult mitbekommen hatte und wieder in der Tür stand, stöpselte man die Infusion des Psychologen ab, die war eigentlich nur zum offen halten des Zugangs gedacht und die anderen Überwachungskabel-Sättigungsfühler, Blutdruckmessung und EKG-Überwachung- reichten tatsächlich und so hielt wenig später der Psychologe Ben´s Hände fest, sprach beruhigend auf ihn ein und so konnte man noch die kontinuierliche Blasenspülung an den Katheter anschließen und den gemarterten Polizisten dann endlich zudecken und in Ruhe lassen.
    • Die Nacht brach herein und allmählich besserten sich Ben´s Sauerstoffsättigungswerte. Man kontrollierte regelmäßig die Blutgase am Kleinlabor auf der Intensivstation und konnte so auch den Blutverlust im Auge behalten, aber das Hb war nicht weiter gesunken. Nachdem man ihn nun ruhig liegen ließ, pendelte sich der Blutdruck auf normalen Werten ein. Die erfahrene Nachtschwester, die Ben bereits kannte, ging sehr ruhig und fürsorglich mit ihm um, nahm nur zwischendurch die Maske kurz ab, um seinen Mund mit feuchten Mundpflegestäbchen aus zu wischen und die Lippen ein zu cremen. Aufs Lagern verzichtete sie, Ben konnte sich ja selber ein wenig anders hinlegen und auch wenn sein Hals von der Strangulation begann in allen Farben zu schimmern, man sogar Elias´ riesige Fingerabdrücke erkennen konnte, wie auch beim Psychologen, so blieb der Zustand der beiden stabil und als Ben sich beruhigt hatte, war Philipp Schneider wieder in sein Bett gekrochen, um ebenfalls ein paar Stündchen Schlaf zu erhaschen.

      Ben bekam regelmäßig einen Morphinbolus, erstens um die Schmerzen erträglich zu halten und auch, um ihn vor Panikattacken und der damit verbundenen Atemnot und einem Blutdruckanstieg zu schützen. So dämmerte und schlief er abwechselnd und als der Morgen graute und die Nachtschwester die letzten Werte in die Patientenkurve eintrug und die Verbände und die kontinuierlich tropfende Blasenspülung noch kontrollierte, nahm er zum ersten Mal seine Umgebung wieder bewusst wahr. Der gestrige Tag war in seinem Kopf wie ein dunkler Dämon verankert, er konnte die Zusammenhänge nicht ganz begreifen, aber eines war klar-er war wieder auf der Intensivstation!
      Er griff nach oben, um die Beatmungsmaske, die eng um sein Gesicht lag, herunter zu reißen, was sofort einen lauten Alarmton der Beatmungsmaschine zur Folge hatte. „Bitte Schwester-was ist mit meiner Frau? Sagen sie mir die Wahrheit!“, flüsterte er eindringlich und rang schon wieder nach Luft-ohne das Gerät und mit einem Blutdruck, der durch die Aufregung sofort hoch schoss, ging es ihm gar nicht gut, aber das war ja der Grund, weshalb er gestern so dringend auf die Intensivstation gewollt hatte-Sarah! Allerdings hatte er nicht schon wieder als Patient dort liegen wollen.

      Philipp Schneider neben ihm schreckte hoch-gerade war er wieder in einen unruhigen Morgenschlaf gefallen, als das laute Pfeifen der Carina ihn aus seinen Träumen riss. „Herr Jäger-lassen sie bitte die Maske drauf-ohne geht es noch nicht, aber glauben sie mir, noch ein oder zwei Tage, dann ist ihr Hals abgeschwollen und sie können wieder normal atmen und sprechen!“, sagte die Nachtschwester, trat an sein Bett und befestigte die CPAP-Maske erneut um Ben´s Kopf. Dann fiel ihr die Frage wieder ein und der flehentliche und angstvolle Gesichtsausdruck ihres Patienten rührte sie zutiefst-klar der wusste ja gar nicht, dass es seiner Frau, die ein paar Zimmer weiter lag, deutlich besser ging. „Machen sie sich um Sarah keine Sorgen-sie stabilisiert sich zusehends, braucht keine kreislaufstützenden Medikamente mehr und wir werden heute mit dem Weaning anfangen, das heißt, sie langsam aufwachen lassen und versuchen von der Beatmungsmaschine zu entwöhnen. Ich würde aus meiner langjährigen Berufserfahrung heraus sagen, sie ist über dem Berg-also konzentrieren sich auf ihre eigene Genesung!“, teilte sie Ben mit und der sank mit einem kleinen Seufzer der Erleichterung, der gedämpft hinter der Maske hervor drang, zurück in seine Kissen. Er schloss jetzt die Augen und das Stündchen bevor die Frühschicht zur Übergabe und Körperpflege kam, fielen die beiden Männer nun noch in einen halbwegs erholsamen Schlaf.

      Ben wurde vom Pfleger der Frühschicht im Bett gewaschen, der Psychologe durfte duschen und auch bereits Kaffee und einen Brei zu sich nehmen. Alle seine Werte waren im Normbereich, man vernebelte zwischendurch nur noch ein wenig Salbutamol, um lokal die Schwellung im Hals gering zu halten. Bei der Visite sagte der leitende Arzt zu ihm: „Wir werden ein HNO-Konsil machen, wenn der Facharzt ebenfalls der Meinung ist, dass keine Gefahr mehr für sie besteht, können sie nach Hause gehen“, und der Blonde nickte.

      Bei Ben war die Lage komplizierter und er brauchte immer noch kontinuierlich die Beatmungsmaske, um keine Atemnot zu bekommen und auch die Schwellung war kaum zurückgegangen. „Herr Jäger bleibt weiterhin streng nüchtern und wir in Stand By-es kann jederzeit sein, dass wir doch noch notfallmäßig intubieren, oder eine Koniotomie vornehmen müssen. Wir vernebeln weiter alle paar Stunden Cortison über die aktive Befeuchtung, alle weiteren chirurgischen Interventionen wie die Hämatomincision werden aufgeschoben und auch der Druckverband bleibt vorerst, bis sich die Situation weiter entspannt hat“, erging die Anordnung und als Hartmut nun erneut mit seinem Orchideenpulver in der Tür stand, musste ihn der betreuende Pfleger bedauernd weg schicken. Ben war dank des Morphins wieder in einen Dämmerzustand gefallen und so blieb nur zu hoffen, dass sein Immunsystem sich bereits erholt hatte.

      Der HNO-Arzt besah sich vor Ort erst den Hals des Psychologen von innen und als er die Zunge mit einer Kompresse heraus zog und ihn bat „A“ zu sagen, überkam Philipp Schneider ein Würgereiz. Viel schlimmer erging es Ben, der irgendwie gar nicht verstand, was der fremde Arzt von ihm wollte und weil erstens seine Atemnot ohne die Maske, die man zur Untersuchung kurz abgenommen hatte, sowieso stark war und man ihm dann seiner Meinung nach schon wieder Gewalt antun wollte, wehrte er sich erneut wie ein Berserker. Wieder war dann der Psychologe an seinem Bett, versuchte ihn zu beruhigen, aber letztendlich musste man Ben erst mit starken Medikamenten sedieren, bevor der Arzt überhaupt in seinen Hals schauen konnte. Der besprühte noch mit einem abschwellenden Spray den Rachenraum, aber dann fiel die Sauerstoffsättigung so rasant, dass man sich beeilte die Maske wieder auf dem Gesicht des Dunkelhaarigen zu befestigen. „Hier besteht nach wie vor große Gefahr, dass es komplett zuschwillt-ich empfehle weiter engmaschige Überwachung, Sedierung und auf jeden Fall lokal Cortison, besser noch zusätzlich intravenös. Der Kehlkopf ist ebenfalls sehr gereizt, die Stimmritze eng und die Stimmbänder blutunterlaufen. Wenn man hier einen Intubationsversuch machen müsste, würde fast mit Sicherheit die Stimme leiden!“, teilte der Facharzt seinem Kollegen noch mit und Philipp Schneider hoffte von Herzen für den jungen Polizisten, dass das nicht notwendig würde, denn durch seinen Gesang hatte er eine wunderbare Möglichkeit seine Gefühle aus zu drücken und gerade für einen Mann war es eine einfachere Möglichkeit ein romantisches Liebeslied zu schreiben und zu singen, ohne seine Männlichkeit in Frage zu stellen, als anders. Er hatte schon beim letzten Trauma, als er Ben kennen gelernt hatte, ihn ermuntert, seine Sorgen und Probleme auch in Musik zu verwandeln und daraus waren wundervolle Lieder entstanden.

      Der Psychologe war selbst erleichtert, dass er den gestrigen Tag doch relativ gut weg gesteckt hatte-körperlich wie psychisch, aber er hatte via WhatsApp seine Sekretärin bereits gebeten für drei Tage sämtliche Termine ab zu sagen, auch er brauchte eine Erholungszeit. Der HNO-Arzt hatte grünes Licht für seine Entlassung gegeben und auch wenn er noch sprach, als wenn er eine Halsentzündung hätte, konnte Philipp Schneider doch seine Frau anrufen, dass sie ihn abholen kommen könne. Als sie eintraf, hatte er sich bereits angezogen und stand nun noch für einen kurzen Moment an Ben´s Bett. „Ben-ich weiß nicht, ob du mich gerade hören kannst, aber ich denke in der momentanen Situation ist es gut für dich, das Ganze ein wenig zu verschlafen. Wenn es dir besser geht, beginnen wir mit der Therapiearbeit, ich schaue auch jeden Tag nach dir, aber im Augenblick stehen deine körperlichen Probleme im Vordergrund. Ich wünsche dir eine gute Besserung und ich bin mir ganz sicher du schaffst das, wieder ganz gesund zu werden-und Keiner will dir hier etwas Böses, merk dir das. Du bist in Sicherheit und musst dich vor Niemandem fürchten-machs gut-ich komme wieder!“, sagte er noch leise und ging dann mit einem bedauernden Blick zur Tür. So gerne er sich ganz um Ben gekümmert hätte, aber die eigene Gesundheit stand im Vordergrund und die besorgte Miene seiner Frau rief ihm ins Gedächtnis, dass nur ein gesunder Therapeut ein guter Therapeut war.
    • Bei Sarah hatte man die sedierenden Medikamente stark reduziert, sie hatte bereits selber an der Maschine zu atmen begonnen und jetzt kam langsam ihr Bewusstsein zurück. Wie ein Taucher aus der Tiefe kämpfte sie sich langsam an die Oberfläche zurück und man hatte nur noch eine geringe Dosis Sufentanil laufen, um die Tubustoleranz zu gewährleisten. Die Geräusche der Intensivstation, die vielen Patienten Angst machten, waren für sie sehr vertraut-manchmal war eine langjährige Tätigkeit dort auch von Vorteil und als sie zum ersten Mal bewusst die Augen aufschlug, standen ihre Eltern an ihrem Bett und lächelten sie an. Natürlich war ihr Verstand noch von den Drogen vernebelt und sie konnte die ganzen Zusammenhänge nicht begreifen, aber trotzdem war ihr bewusst, dass sie einen Tubus im Hals stecken hatte und beatmet war. Außerdem trugen ihre Eltern Isolierkittel und Mundschutz, aber sie hatte sie dennoch sofort erkannt. Sie hatte keine Ahnung von zeitlichen Abläufen, aber trotzdem formte ihr Mund tonlos nur einen Namen: „Ben!“ Ihre Eltern wechselten über dem Mundschutz einen besorgten Blick und obwohl Sarah alles andere als ganz bei sich war, spürte sie, dass man ihr irgendetwas nicht sagen wollte. Sie atmete gegen die Maschine, bis die alarmierte, zerrte an ihren Handfixies und versuchte die ganze Zeit sich verständlich zu machen. „Was ist mit ihm?“, wollte sie fragen-„Redet mit mir!“, aber als eine Kollegin eilig einen Kittel überwarf und ins Zimmer stürzte, bekam sie stattdessen einen Sedierungsbolus und driftete dann wieder ins Reich der Träume ab.

      Als der Psychologe entlassen worden war, dämmerte Ben weiter vor sich hin. Man hielt ihn weiterhin unter Morphin und Tavor, lagerte ihn nur von Zeit zu Zeit und kontrollierte die Blutgase. An das nichtinvasive Beatmungsgerät hatte man eine Verneblervorrichtung gebaut, so musste man die Maske nicht einmal abnehmen, um die Medikamente zu zerstäuben, die lokal die Schleimhaut zum Abschwellen bringen sollten.

      Wieder stand Hartmut in der Tür und fragte die Schwester wegen dem Orchideenextrakt, aber die schüttelte bedauernd den Kopf. „Es kann durchaus sein, dass er noch mehrere Tage nüchtern sein muss, im Moment ist an eine orale Gabe nicht zu denken!“, beschied sie ihm. Hartmut zog sich dennoch mit Einverständnis der Pflegekraft um und trat an das Bett seines Freundes und Kollegen, der ihn unter der Maske mit trüben Augen und verschleiertem Blick ansah. „Ben ich wünsche dir eine gute Besserung und liebe Grüße von allen Kollegen der PAST!“, richtete er ihm aus und ein leichtes Nicken zum Zeichen dass er verstanden hatte, signalisierte dem Rotschopf, dass Ben doch nicht ganz so weit weg war, wie es schien. Hartmut berührte Ben´s Hand und wäre beinahe zurück gezuckt, trotz seiner Einmalhandschuhe konnte er spüren, wie heiß sich die anfühlte. Ein sehr ungutes Gefühl bemächtigte sich seiner, aber trotzdem musste er den einen Gruß noch loswerden, den ihm der kleine Türke aufgetragen hatte, der vorhin fast eine Stunde bei ihm in der KTU gesessen und seinem Redebedürfnis freien Lauf gelassen hatte. Frau Krüger hatte ihn eigentlich für heute beurlaubt, aber weil Andrea arbeiten und die Mädchen vormittags in Schule und Kindergarten waren, war Semir zuhause die Decke auf den Kopf gefallen und er war schnurstracks zur Arbeit gefahren, wo er allerdings außer Akten bearbeiten nichts tun durfte.
      „Semir denkt auch ganz fest an dich und wünscht dir von Herzen eine gute Besserung!“, versuchte Hartmut sein Glück, aber nur bei der Erwähnung des Namens richtete Ben sich auf, seine Atmung wurde hektisch und er versuchte unter der Maske etwas zu sagen, woraufhin sofort seine Sauerstoffsättigung abfiel. Hartmut vernahm etwas, was sich in etwa anhörte wie „---zum Teufel scheren!“, aber dann wurde er schon aus dem Zimmer gedrängt und ein Arzt und die betreuende Schwester versuchten Ben wieder zu beruhigen und zu stabilisieren. Auch ihnen fiel sofort auf, dass ihr Patient wohl auf gefiebert hatte und als man nun eine Temperatursonde in seiner Leiste platzierte, zeigte die 39,8°C an.
      „Verdammt, das braucht es gerade noch-hoffentlich wirkt die Antibiose!“, sagte der Arzt, der letzte Woche frei gehabt und von der ganzen heimlichen Medikamentengabe nichts mitbekommen hatte. „Bis auf Weiteres untersage ich jegliche Besuche, wenn er sich da jedes Mal so aufregt!“, erging noch die Anordnung und obwohl Ben jetzt wieder durch eine neue Dosis Tavor ruhig gestellt war, hob und senkte sich sein Brustkorb mühsam. Die Schwester warf einen besorgten Blick zurück und überlegte krampfhaft, ob sie den diensthabenden Arzt in ihr Wissen um die Eigentherapie der Kollegen ihres Patienten einweihen sollte, aber der war eher ein linientreuer Hardliner und würde vermutlich ohne Rücksicht die Anordnungen des Chefarztes durchsetzen und es konnte allen Mitwissern eine Abmahnung bis hin zur Kündigung einbringen. Ihre Existenz würde sie deswegen nicht aufs Spiel setzen und so leid ihr Ben tat-sie sah auch keinerlei Möglichkeit, dass er in naher Zukunft essen und trinken dürfte und so waren ihr die Hände gebunden.

      Hartmut hatte sich in der Schleuse wieder seines Kittels entledigt und war beim Hinausgehen in kurzen Worten vom Arzt von dem Besuchsverbot in Kenntnis gesetzt worden, hatte aber noch auf die Intensivschwester gewartet. „Schwester-was denken sie, wie lange wird Ben seine Medizin nicht nehmen können und haben sie bemerkt-er fühlt sich so heiß an!“, fragte Hartmut und die Pflegerin nickte und antwortete: „Das wird sicher noch einige Tage dauern, bis er wieder was schlucken kann und ja-wir haben ihm gerade eine Temperatursonde gelegt, er hat hohes Fieber. Er bekommt weiter seine Antibiosen und fiebersenkende Medikamente, aber mehr kann ich nicht tun. Wenigstens Sarah befindet sich auf dem Wege der Besserung, aber hier können wir nur abwarten und ihn ruhig halten, es tut mir leid!“, beschied sie ihm und als Hartmut sich nun langsam zurück zog und einen letzten bedauernden Blick durch die Lamellentür warf, schloss sich seine Hand unbewusst um den Beutel mit dem Orchideenextrakt.

      Frau Krüger hatte sich von den zuständigen Stellen die Erlaubnis eingeholt, Maria Gregor vom Tod ihres Bruders in Kenntnis zu setzen. Kurz hatte sie überlegt, Semir´s Namen zu unterdrücken, aber dann war ihr klar geworden, dass Frau Gregor ein Recht darauf hatte zu erfahren, was geschehen war-für ihren Anwalt würde es ein Leichtes sein, zu erfahren, welcher Polizist Elias in Notwehr erschossen hatte. Auch würde sie die Bestattungskosten für ihren Bruder tragen müssen, jemanden beauftragen, der die Modalitäten der Beerdigung in ihrem Auftrag regelte und wenn es ihr Gesundheitszustand zuließ, durfte sie wohl auch an der Beisetzung teilnehmen, wenn vermutlich auch schwer bewacht, wenn die Leiche nach der Obduktion frei gegeben wurde-so hartherzig war kaum ein Richter, dass er dafür nicht eine Ausnahmegenehmigung erteilte. Wahrscheinlich hatte Maria ja ihren Bruder zu dem Attentat angestiftet, aber beweisen konnte das niemand mehr.
      Als Kim die Klinik betrat, musste sie sich mehrfach ausweisen-für die Bewachung einer einzigen Person waren drei Beamten der JVA abgestellt und Maria lag mit metallenen Handschellen und Fußfesseln ans Bett gekettet da und jede pflegerische und medizinische Tätigkeit an ihr, wurde im Beisein von zwei entschlossenen Beamtinnen durch geführt. Ihre Augen blitzten wütend und als die verhasste Leiterin der Autobahnpolizei an ihr Bett trat, funkelten Maria´s Augen vor Zorn und auch Schadenfreude. Sicher würde die sie befragen wollen, wo Elias wohl hin verschwunden war nachdem er Ben Jäger getötet hatte, aber sie würde schweigen wie ein Grab und war sich sicher, dass seine Kinderfrau ihm helfen würde, sich in ihre alte Heimat abzusetzen.

      Kim Krüger fackelte jetzt nicht lange und sagte in geschäftsmäßigem Ton, als wäre sie persönlich überhaupt nicht betroffen: „Frau Gregor-ich bin gekommen, um sie vom Tod ihres Bruders in Kenntnis zu setzen. Er hat gestern ein Attentat auf Herrn Jäger verübt und wurde dabei überrascht und in Notwehr erschossen“, teilte sie ihr mit und nun trat ein Ausdruck völliger Fassungslosigkeit in die Augen der Verbrecherin, die sich dann begannen mit Tränen der Wut, aber auch des Kummers zu füllen. „Wer war es, der ihn getötet hat-und hat Jäger überlebt?“, stellte sie nun die beiden Fragen, die ihr auf der Zunge brannten. „Herr Jäger hat überlebt und wenn sie irgendwas damit zu tun haben sollten, werden sie sich auch dafür vor Gericht zu verantworten haben. Herr Gerkhan ist zufällig dazu gekommen und hat seinen Kollegen durch einen finalen Rettungsschuss befreit. Ihr Bruder war sofort tot und wird jetzt gerade obduziert“, sagte die Chefin der Autobahnpolizei und bei jedem anderen hätte sie noch ein „Es tut mir leid!“, hinzu gefügt, aber bei dieser Frau galten keine normalen Regeln. So drehte sie sich jetzt abrupt um und verließ das Zimmer. Im Hinausgehen hörte sie eine Stimme voller Hass sagen: „Er wird mit seinem Leben dafür büßen!“, und dann vernahm sie doch eine menschliche Regung, nämlich ein trockenes Schluchzen, aber anders als sonst, berührte es ihre Seele nicht-diese Frau war so voller Hass, dass sie nicht mit normalen Maßstäben zu messen war. Aber eines war klar-sie mussten bei der Verhandlung auf Lebenslänglich mit anschließender Sicherungsverwahrung plädieren-diese Bestie durfte nie mehr auf freien Fuß kommen!
    • Als Hartmut in die KTU zurückkehrte, wurde er schon von Semir erwartet, der seinen Wagen auf das Gelände der Autobahnpolizei hatte fahren sehen. „Wie geht es Ben und wie hat er reagiert?“, wollte der kleine Türke wissen, sah aber schon an der Miene des Rothaarigen, dass der keine guten Nachrichten hatte. „Ben hat wieder Fieber bekommen. Er ist zwar nicht beatmet und reagiert auch auf das, was man sagt, aber als ich ihm liebe Grüße von dir ausgerichtet habe, hat er sich maßlos aufgeregt und der Arzt hat jetzt sogar ein Besuchsverbot erteilt!“, berichtete er und ein schmerzvoller Zug legte sich über Semir´s Gesicht. „Ich denke wirklich, da muss der Psychologe ran-in Ben´s Oberstübchen herrscht große Unordnung-na ja, wie früher halt in seiner Wohnung, bevor er mit Sarah zusammen gekommen ist!“, fuhr er sich selber herunter und dann fiel ihm noch was Wichtiges ein, was er tun konnte: „Ich fahre jetzt mal zu Hildegard-hast du gehört, ob es Neuigkeiten von Sarah gibt?“, fragte er dann noch nach und Hartmut nickte: „Der geht es anscheinend besser-das Orchideenmedikament wirkt eindeutig-verdammt ich muss mir was einfallen lassen, wie wir das Ben verabreichen können, falls das Fieber jetzt erneut von dem resistenten Keim kommt, aber ich werde mein Bestes tun“, sagte er noch und eilte schon in sein Labor, die Hand fest um den Beutel mit dem weißen Pulver geschlossen. „Kannst du Frau Krüger noch ausrichten, dass sie da vorsichtshalber noch Nachschub besorgen soll? Ich habe zu tun“, war Hartmut schon an seinem neuen Projekt und Semir wusste, jetzt war es besser, ihn in Ruhe zu lassen-wenn Hartmut eine Idee hatte, brauchte er einfach Zeit zum Tüfteln.

      Bevor er nun zu Hildegard fuhr, suchte er nochmals die PAST auf und der Wagen der Krüger, der vorher nicht auf dem Parkplatz gestanden hatte, war wieder zurück. Als er das Großraumbüro betrat, rief ihm Susanne zu: „Gut dass du da bist-die Chefin will dich sprechen!“, richtete sie aus und Semir nickte. „Das trifft sich gut-ich wollte auch gerade zu ihr“, bemerkte er und trat nach kurzem Anklopfen dann ins Büro der Revierleiterin. „Frau Krüger-ich komme gerade von Hartmut, der bräuchte noch etwas von dem Orchideenextrakt. Er meinte es eilt nicht, Sarah´s Eltern haben noch genug für die nächsten Tage, aber lieber rechtzeitig, bevor wie beim letzten Mal ein halber Staatsakt daraus wird“, teilte er der Chefin mit und die nickte und antwortete: „Ich wollte sowieso nachher gleich zum Haus der Gregor´s fahren und Emanuela mitteilen, dass Elias nicht mehr am Leben ist.
      Gerade komme ich von der Klinik, wo ich Maria Gregor vom Tod ihres Bruders unterrichtet habe-deshalb wollte ich sie auch sprechen. Es ist zwar äußerst unwahrscheinlich, dass Frau Gregor das Gefängnis noch einmal verlässt, aber sie sollten dennoch wissen, dass sie erstens weiß, dass sie in einer Notwehrsituation ihren Bruder erschossen haben und zweitens, dass sie Drohungen gegen sie ausgestoßen hat!“, informierte sie den kleinen Polizisten. „Deswegen rege ich mich nicht auf-die Gefängnisse sind voll von Verbrechern, die ich dahin gebracht habe und da ist mir wohl kaum einer wohl gesinnt. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich mal in ein Frauengefängnis eingeliefert werde, tendiert gegen Null-also fürchte ich mich auch nicht“-und damit spielte er auf die Geschichte vor einigen Jahren an, als er und Ben durch Verrat im Knast gelandet waren und dort nur mit knapper Not und der Hilfe eines fast ebenso riesigen und kräftigen Mannes wie Elias es gewesen war, davon gekommen waren.

      Frau Krüger nickte und während Semir wenig später unterwegs zu Hildegard war, machte sich die Chefin auf den Weg zur Stadtvilla, in der eine verhärmte Emanuela so tat, als würde das Leben völlig normal weiter laufen, das Haus in Ordnung hielt und dennoch einsam war und Angst vor der Zukunft hatte. Die beiden ungleichen Frauen saßen wenig später bei einer Tasse Kaffee in der Küche und nachdem die Südamerikanerin versprochen hatte, noch einen Beutel des Orchideenmedikaments zu ordern und zum Versand zur Botschaft bringen zu lassen, teilte ihr Frau Krüger mit, dass Elias tot war und auch, auf welche Art und Weise er ums Leben gekommen war. Emanuela brach in Tränen aus. „Der arme Junge!“, schluchzte sie. Auch wenn sie wusste, wie gefährlich er hatte werden können-trotzdem war er ein Teil ihrer Familie gewesen, fast wie ein eigenes Kind und wenn seine Schwester ihn nicht völlig ohne Moralvorstellungen erzogen hätte, wäre er unter professioneller Aufsicht vielleicht nie so eine Waffe geworden. „Ich werde das Medikament besorgen-aber ich hätte jetzt zwei Bitten-erstens wäre es möglich, dass ich zur Beerdigung komme und zweitens-könnten sie mich jetzt alleine lassen?“, bat sie und die Dunkelhaarige erhob sich und berührte die Frau mitfühlend am Arm. „Natürlich wird das gehen, dass sie zur Beerdigung kommen, falls Elias hier in Deutschland beigesetzt wird. Ich denke Maria wird ihren Anwalt mit der Organisation der Beisetzung beauftragen und vermutlich wird der Bestatter sowieso auf sie zukommen wegen Kleidung für den Sarg, der Geburtsurkunde und anderem.“
      Als sie das Haus verließ, sah sie aus dem Augenwinkel noch wie Emanuela vor dem Kreuz, das sie in der Küche hängen hatte, auf die Knie fiel und für Elias zu beten begann. Auch wenn sie selber nicht gläubig war-diese Frau, die auch ein hartes Leben gehabt hatte, fand Trost in ihrem Glauben und fast beneidete Kim sie dafür.

      Semir war zu Hildegard gefahren, wo die Kinder fröhlich im Garten mit den kleinen Lämmern spielten. Die hüpften blökend umher und wenn man zusah, musste man einfach gerührt lächeln-Kinder zu Kindern, egal ob Menschen- oder Tierkinder. Nur Lucky lag traurig daneben und war schon wieder dünner geworden, seitdem Semir ihn das letzte Mal gesehen hatte. Nach einem kurzen Gespräch mit der Kinderfrau fuhr Semir dann doch nach Hause-inzwischen war es Mittag geworden und Andrea und die Kinder würden in Kürze eintreffen. Semir hatte unterwegs Döner für alle gekauft, so sparten sie sich das Kochen. Hildegard hatte erzählt, dass Sarah´s Eltern sie jeden Tag für ein paar Stunden entlasteten und ihre Enkelkinder beaufsichtigten, worüber Semir sehr froh war. Auch dass es Sarah besser ging wusste Hildegard bereits, nur dass Ben´s Zustand nach dem Attentat wieder so schlecht war, versetzte sie in große Sorge. „Ach Lucky-jetzt hatte ich so gehofft, dass wir dein Herrchen bald alle gemeinsam besuchen könnten und du dann endlich wieder Appetit kriegst-wissen sie Herr Gerkhan, ich glaube fest daran, dass dieser Hund spürt, wie ernst es um sein Herrchen und Frauchen steht, ansonsten wäre er nicht so depressiv!“, hatte sie dem kleinen Türken leise mitgeteilt, damit die Kinder es nicht hörten und der hatte genickt.

      In der Klinik war Ben´s Fieber inzwischen auf 40°C gestiegen und Andy, der ihn in der Spätschicht übernahm, musterte sorgenvoll den Mann seiner Kollegin, die er ebenfalls betreute. „Ben reiß dich zusammen-ich weiß gar nicht was ich Sarah sagen soll, falls wir sie heute noch wie geplant extubieren können und sie nach dir fragt!“, sprach er den Dunkelhaarigen an, der ihn aber nur mit trüben Augen ansah-das Fieber in Verbindung mit dem Morphin raubte ihm die Kraft zum klar Denken. „Aber Ben hörst du-deiner Frau geht es deutlich besser, weisst du was- ich richte ihr einen Gruß von dir aus, wenn ich gleich wieder zu ihr gehe“, sagte Andy und hatte ihn mit ein paar geübten Griffen bequemer hin gelegt, die nächste Antibiose angehängt, die abschwellenden Medikamente in den Vernebler gegeben und das Ganze am PC dokumentiert. Er war sich nicht ganz sicher, ob der Kranke ihn verstanden hatte, aber er meinte der hätte leicht genickt-einen Gesichtsausdruck konnte man unter der Atemmaske sowieso nicht erkennen.
    • Im Laufe des Nachmittags reagierte Sarah an der Beatmung adäquat und weil ihr Kollege Andy ihr Grüße von Ben ausrichtete, ohne zu erwähnen, dass es dem schlechter ging als ihr, war sie ruhig und bemühte sich all die Sachen um zu setzen, die sie ihren Patienten immer mitteilte. Wenig später war es so weit-ihre Eltern wurden raus geschickt und man zog den Tubus aus ihrem Hals. Andy hatte das Bett in halb sitzende Position gestellt, eine Sauerstoffmaske auf ihrem Gesicht platziert und als sie nach kurzer Zeit sprechen und sich genauer nach Ben erkundigen wollte, hob er die Hand. „Sarah-jetzt bist du erst mal im Vordergrund. Ben liegt ein paar Zimmer weiter, ich richte ihm jetzt genauso Grüße von dir aus, wie ich es vorhin umgekehrt gemacht habe“, wiegte er sie in Sicherheit und tatsächlich-Sarah nickte und konzentrierte sich auf ihre Atmung-etwas was die ersten Stunden nach der Extubation gar kein so leichtes Unterfangen war, weil die Atemmuskulatur bereits nach ein paar Tagen Unterstützung begann schwächer zu werden. Wenig später durften auch ihre Eltern wieder zu ihr, aber auch die hatte Andy in der Schleuse ermahnt, Sarah jetzt nicht auf zu regen und zu unterbinden, wenn sie sprechen wollte. Diesmal gab ihre Mutter ihr das Orchideenmedikament noch durch die noch liegende Ernährungssonde, aber bald würde die gezogen werden und eines war klar, Sarah würde das Pulver ohne Probleme schlucken, denn ihr war bewusst, dass es sie gerettet hatte. So erzählten ihre Eltern ihr von den Kindern, beschrieben, wie die mit den Lämmchen in Hildegards Garten spielten und die hüpften und Spaß hatten. Frederik machte da immer voller Freude mit, nur Lucky lag teilnahmslos daneben-das erwähnten sie jetzt aber nicht, um Sarah nicht zu beunruhigen.

      Im Laufe des Abends konnte die Sauerstoffmaske durch eine Brille ersetzt werden und wenn auch noch wacklig, bestand Sarah darauf sich an den Bettrand zu setzen und selber ihre Zähne zu putzen. Sie erinnerte sich noch genau an das doofe Gefühl heute Morgen, als das ihre Kollegin mit einer speziellen Zahnbürste für Beatmete mit Absaugvorrichtung erledigt hatte. Vielleicht war es durchaus sinnvoll als Intensivschwester das Ganze mal aus der Sicht als Patient zu erleben-Sarah wusste, auf was sie in Zukunft vermehrt achten würde.

      Jetzt allerdings hatte sie für den nächsten Tag ein großes Ziel. Sie würde Andy, der wieder Spätschicht hatte, wie er ihr erzählt hatte, dazu bringen, sie mit dem Rollstuhl zu Ben zu bringen-erst wenn sie den gesehen und mit ihm gesprochen hatte, konnte sie sich völlig auf ihre eigene Genesung konzentrieren. Und vielleicht gelang es ihr dann auch bei den Ärzten durch zu setzen, dass sie in ein gemeinsames Zimmer kamen-es war doch klar, dass sie beide denselben Keim hatten.

      Ihre Eltern, die jetzt tagelang an ihrem Bett ausgeharrt hatten, schickte sie in die Pension, in der sie seit Tagen abwechselnd wohnten. „Ihr seht beide müde aus-mir geht es gut, kommt einfach morgen zur Besuchszeit wieder!“, befahl sie und als ihre Mutter den Einwand mit dem Medikament brachte, ließ sie sich die Tüte ins Nachtkästchen geben. „Das mache ich schon mit meiner Kollegin, Mama, mach dir keine Sorgen!“, beruhigte sie ihre Mutter und ihre Eltern zogen nun auch beide ab-das war wieder ihre alte Sarah, die schon sehr früh genau gewusst hatte was sie wollte und bereits mit siebzehn von zuhause ausgezogen und nach Köln gegangen war, um Krankenschwester-oder wie es heute hieß: "Gesundheits-und Krankenpflegerin" zu werden.

      Ben ging es derweil von Stunde zu Stunde schlechter. Man hatte zwar das Gefühl, dass der Hals weiter abschwoll und er leichter atmete, aber das Fieber stieg bis auf 40,5°C und so sehr sich Andy und später die Nachtschwester auch bemühten, es mit Wadenwickeln, kühlen Waschungen, Paracetamol und Novalgin zu senken-es sprach auf keine ihrer Bemühungen an und die Antibiosen verpufften anscheinend im Nirgendwo. Der diensthabende Arzt der Nachtschicht verbrachte Stunden am Bett seines Patienten, ordnete an, was ihm alles so einfiel, aber der Zustand des jungen dunkelhaarigen Mannes verschlechterte sich zusehends.

      Als man am Morgen beim Waschen dann den Druckverband entfernte, stank es aus der Leiste und trüber Eiter entleerte sich aus der Einstichstelle. „Oh Gott-das Hämatom hat sich infiziert-das muss dringend chirurgisch entlastet werden, vielleicht ist das der Fokus!“, hoffte der Stationsarzt der Frühschicht und so war ein hoch katecholaminpflichtiger Ben, der kaum mehr bei sich war, wenig später als Intensivtransport auf dem Weg in den OP. „Der leitende Oberarzt persönlich macht die Narkose. Ich habe keine Ahnung ob er ihn intubieren will, oder was er vorhat. Auf jeden Fall hält Herr Jäger das nicht mehr lange durch. Wir versuchen schon die ganze Zeit Sarah abzulenken und mit Halbwahrheiten zu beruhigen, ich weiß nicht, wie lange uns das noch gelingt“, bemerkte er zur Schwester, die die Liegestatt mit ihm gemeinsam durch die Gänge des Krankenhauses schob. Man hatte Ben zum Transport in ein frisches Bett umgelagert, seine Begleitpersonen trugen Mundschutz und Isolierkittel und die anderen Patienten und Besucher wichen weiträumig aus-irgendwie sah das Ganze ziemlich bedrohlich aus.

      Wenigstens die Schwellung innen im Hals war geringer geworden, so dass er nicht mehr rund um die Uhr eine Atemmaske brauchte, sondern mit Sauerstoff über die Brille halbwegs ordentliche Sättigungen hatte. Teilnahmslos wurde er über das Fließband eingeschleust, ohne überhaupt zu wissen, was man mit ihm machte, aber es war ihm auch egal-er fühlte sich so hundeelend, dass er eigentlich nur noch sterben wollte. Man hatte ihm zwar irgendwas von Operation und Hämatomausräumung an der Leiste gesagt, aber er war so krank, dass er das gar nicht richtig erfasste.
      Als er auf dem Tisch auflag und in der Einleitung das Narkosemittel in seinem Gehirn anflutete, schloss er ergeben die Augen-es wäre okay, wenn er sie nie mehr aufmachen müsste!
    • Der erfahrene Narkosearzt hatte sich für eine Larynxmaske-auch kurz LAMA genannt zur Atemwegssicherung entschieden. Als Ben fest schlief, wurde die blind in seine Atemwege eingeführt, direkt über dem Kehlkopf platziert und geblockt. „Weil wir so die gerade abgeschwollene Stimmritze nicht erneut reizen, habe ich mich für dafür entschieden“, referierte der Oberarzt, denn gerade war ein Famulus mit im OP und sah ihm über die Schulter. Der angehende Medizinstudent nutzte seine Semesterferien für die vorgeschriebenen Praktika und lernte jeden Tag etwas Neues dazu. „Warum intubiert man dann überhaupt noch, wenn das doch so eine elegante Methode ist?“, wollte er wissen und der ältere Arzt antwortete: „Man kommt für kurze Eingriffe auch immer mehr von der Intubationsnarkose ab, aber wenn man umlagern muss, wie zum Beispiel bei Wirbelsäulenoperationen in Bauchlage, oder die Gefahr des Erbrechens besteht bei nicht nüchternen Patienten oder abdominellen Eingriffen, führt nach wie vor kein Weg am Endotrachealtubus vorbei. Aber auch auf der Intensivstation versucht man durch die immer moderneren nichtinvasiven Beatmungsmöglichkeiten nur noch dann zu intubieren, wenn keine andere Alternative zur Verfügung steht. Wenn man allerdings hohe Beatmungsdrücke braucht, ist eine Larynxmaske ungeeignet, weil man die nie so dicht bringt wie einen geblockten Tubus. Für diesen kurzen Eingriff hier allerdings ist sie das Mittel der Wahl“, erklärte er und der schlafende Ben wurde nun in den Operationssaal gefahren.

      Allerdings hatte man das Arterenol nach der Narkoseeinleitung steigern müssen, denn Propofol senkte den Blutdruck und Ben war insgesamt einfach sehr instabil. Während der Springer den Patienten gemeinsam mit dem chirurgischen Assistenzarzt so lagerte und festband, dass der Operateur gut an die Leiste heran kam, wusch sich der operierende Chirurg bereits steril. In Ben tropfte eine Infusion rasend schnell, um den Kreislauf auch dadurch zu stabilisieren, aber dennoch war er ein heißes Eisen und jeder im OP hoffte nur, dass die Bombe nicht hoch ging und der junge Mann Bakterien massenhaft in die Blutbahn einschwemmte und reanimationspflichtig wurde. Obwohl der Stress jetzt ja wegfiel, den er bei Bewusstsein noch gehabt hatte, schlug sein Herz rasend schnell und er glühte vor Fieber.
      „Die Fokusausräumung muss unbedingt sein und vielleicht kann man nach dem intraoperativen Wundabstrich auch eine gezielte Antibiosetherapie einleiten“, hoffte der Chirurg, aber der Oberarzt winkte mit ernster Miene ab. „Ich weiß ja nicht, inwieweit sie in den Fall involviert sind, aber wenn derselbe Keimnachweis erfolgt, wie bei den vergangenen Proben, wovon fast aus zu gehen ist, ist keines unserer gängigen Antibiotika wirksam. Wir können nur hoffen, dass das Immunsystem unseres gemeinsamen Patienten stark genug ist, die Keime selber zu bekämpfen, was ja anscheinend schon einmal geklappt hat, anders wäre sein bisheriger Genesungsverlauf und auch der seiner Frau nicht zu erklären!“, besprach er mit dem Operateur, der gemeinsam mit dem jetzt ebenfalls steril gewaschenen und angezogenen Assistenzarzt nun die Wundumgebung abdeckte.

      Der Springer hatte zuvor die Leiste bis hinunter zum Knie, oben bis zum Bauchnabel und seitlich über die Genitalien und außen über die Hüfte mit farbigem Desinfektionsmittel dreimal abgestrichen. „Eigentlich ist das bei diesen septischen Wundverhältnissen fast ein Witz, denn die Keime die sich in dem infizierten Hämatom befinden, sind mit Sicherheit gefährlicher als die Hautkeime, aber wir haben hier einfach Vorschriften“, wurde der angehende Mediziner belehrt und sah dann fasziniert zu, wie der Operateur sich erst mit sterilen Handgriffen, die ihm die instrumentierende Schwester anreichte, das Licht auf die Leiste fokussierte und dann, nachdem er kurz gefühlt hatte, mit einem beherzten Schnitt die Leistenregion eröffnete. Sofort entleerte sich eine große Menge übelriechender Eiter und schwarze Blutkoagel, die sich bereits in einem Zersetzungsprozess befanden, wurden sichtbar. Der Assistent tauchte erst ein bereit gehaltenes Abstrichstäbchen in die Brühe und bediente dann routiniert den Sauger. „Manchmal ist man regelrecht froh über den Mundschutz, nicht?“, sagte er ein wenig grinsend zum Famulus gewandt, der sich angeekelt weg gedreht und die Luft angehalten hatte. „Da muss man sich in der Medizin daran gewöhnen, dass es nicht immer nach Rosen riecht“, bemerkte der Chirurg ein wenig derb, begann dann aber die riesige Wundhöhle vorsichtig sauber zu wischen und zu spülen. „Mein Gott was sind das nur für aggressive Keime, die in so kurzer Zeit einen dermaßen üblen Zersetzungsprozess in Gang setzen können?“, fragte er in den Raum und gemeinsam versuchte man dann eine Begründung zu finden, warum der Patient sich primär erholt hatte.

      Als nach optischen Gesichtspunkten soweit alles sauber war, stillte man die kleinen Blutungen und war froh, dass die Femoralarterie Gott sei Dank nicht wieder zu bluten begonnen hatte. Man legte einen kleinen Vacverband an, was bedeutete, dass in der Wundhöhle ein Schwamm lag, über den eine dicht schließende Folie kam und über einen Schlauch eine Pumpe ein Vakuum herstellte. So wurde das Wundsekret nach außen abgeleitet und durch die pulsierende Saugung erhoffte man sich noch eine Stimulierung der Wundheilung.

      Der Narkosearzt und die Anästhesieschwester hatten alle Hände voll zu tun gehabt, Ben mit Volumen und Katecholaminen halbwegs stabil zu halten und als die Operation beendet war, nahm man das Narkosegas weg und ließ ihn aufwachen. Der Springer streckte das Bein wieder aus, legte noch ein grünes Tuch und einen gepolsterten Gurt über Ben´s Oberschenkel, damit der nicht vom Tisch plumpste und schon flatterten die Augenlider des jungen Polizisten. Man beließ die LAMA noch bis er zu husten begann und eine Abwehrbewegung nach oben machte und zog den dicken Schlauch dann einfach aus seinem Hals. Wenig später wurde er über die Schleuse wieder in sein Bett gebracht und dann auf der Intensivstation an seinem alten Platz verkabelt.

      „Jetzt können wir nur hoffen und beten, dass das Hämatom der Fokus war und eines der Antibiotika greift“, sagte der behandelnde Intensivarzt zu Andy, der inzwischen die Nachmittagsschicht übernommen hatte und mit zu Ben´s Abholung geeilt war. Andy sagte nichts, sondern hoffte insgeheim, dass es möglich wäre, Ben könnte bald wieder schlucken und das Orchideenmedikament zu sich nehmen, aber daran war im Augenblick nicht zu denken, denn man musste sofort die nichtinvasive Beatmungsmaske auf seinem Gesicht fest schnallen, weil die Sättigung einbrach und die Noradrenalindosen kontinuierlich gesteigert werden mussten.

      Semir war inzwischen wieder zu Hartmut in die KTU gegangen. Irgendwie hatte er es zuhause nicht ausgehalten und während Andrea mit Ayda Hausaufgaben machte und seine kleinere Tochter zu einer Freundin gegangen war, hoffte er, dass der Kriminaltechniker irgendetwas gefunden hatte, was Ben helfen konnte.
      „Semir-haben deine Kinder nicht Kaninchen oder Meerschweinchen, an denen ich was ausprobieren könnte?“, fragte er, aber der kleine Türke schüttelte den Kopf. „Was musst du ausprobieren?“, wollte er wissen und Hartmut richtete sich stöhnend auf, denn die Arbeit im Labor war anstrengend gewesen und er hatte voller Anspannung durch gearbeitet. „Ich glaube es ist mir gelungen den Wirkstoff des Orchideenmedikaments zu isolieren und zu reinigen, so dass man die Lösung parenteral in den menschlichen oder tierischen Organismus einbringen kann“, erklärte er aufgeregt und Semir seufzte auf. „Hartmut-rede bitte Deutsch mit mir-was versuchst du mir gerade mit lauter Fremdworten zu erklären?“, fragte er nun und als der Rothaarige jetzt antwortete: „Kurz gesagt ich brauche ein Versuchskaninchen, dem ich das Medikament spritzen kann, um zu sehen ob es verträglich ist“, streckte Semir kurzerhand seinen Arm aus und sagte einfach: „Mach!“
    • Sarah hielt es jetzt keinen Moment mehr aus. Die ganze Zeit hatte sie Andy schon gepeinigt und mit Fragen gelöchert. „Wie kommt Ben zu einem infizierten Hämatom, das jetzt im OP ausgeräumt werden muss? Ich weiß ja, dass Ben so verrückte Wahnvorstellungen hatte, als wir ihm die Magensonde gelegt hatten und ihm das Orchideenmedikament gegeben haben, aber wozu gibt es Krankenhauspsychologen? In den paar Tagen in denen ich intubiert und beatmet war, muss bei ihm doch auch etwas voran gegangen sein-bei mir hat die Urwaldmedizin ja gewirkt, anscheinend ist die doch stark wirksam gegen diese üblen Keime, also müsste es Ben schon lange besser gehen. Andy ich will ihn sehen und mit ihm sprechen-es macht mich wahnsinnig, dass er im Zimmer nebenan liegt, ich mich vor Sehnsucht nach ihm verzehre und ihn nicht sehen kann. Dir und euch allen muss doch klar sein, dass wir beide mit demselben Keim infiziert sind oder waren und deshalb keine Gefahr füreinander darstellen. Habt ihr noch nichts von Kohortenisolierung gehört? Ihr legt uns einfach miteinander in ein Zimmer, dann habt ihr wieder zwei Bettplätze mehr-ich habe vorher schon gehört, wie knapp die Intensivbetten aktuell wieder sind, was in unserem Job ja nichts Neues ist. Wie würdest du dich fühlen, wenn man dich nicht zu deiner Freundin ließe, obwohl die nur in Steinwurfweite von dir entfernt liegt!“, griff sie ihren jungen Kollegen regelrecht an, als er kurz ins Zimmer kam, um die angeordnete Antibiose bei ihr an zu hängen.

      Andy überlegte verzweifelt, was er tun sollte. Im ersten Impuls hätte er Sarah am liebsten ein Beruhigungsmittel gespritzt, einfach damit sie Ruhe gab und er überlegen konnte, was er tun und ihr mitteilen sollte, aber als sie nun auch noch persönlich wurde, richtete er sich auf und sagte ruhig zu ihr: „Sarah-du und Ben, ihr seid beide meine Patienten und auch Freunde. Du hast keine Ahnung davon, wie schlecht es dir ging und dass wir alle fast sicher waren, dich zu verlieren. Bei Ben ist in den letzten Tagen auch eine Menge passiert, wovon du nichts wissen kannst und ich kann deinen dringenden Wunsch verstehen, ihn zu sehen. Ich muss aber erst überlegen ob das Sinn macht und möchte mir auch grünes Licht dafür vom Oberarzt holen-du weißt, wir machen gerade so einiges, was uns Kopf und Kragen-und auch unseren Job- kosten kann!“, sagte er eindringlich und spielte damit auf die heimliche geduldete Medikamentengabe an. „Bitte lass mir Zeit-ich verspreche dir, ich mache nach bestem Wissen und Gewissen das Beste für dich und deinen Mann. Draußen sind gerade deine Eltern eingetroffen-lenk dich mit denen ein wenig ab und später komme ich wieder zu dir!“, sagte er und weil er plötzlich so autoritär und ernst wirkte, nickte Sarah fast ein wenig eingeschüchtert.

      Man hatte bei ihr noch am Vorabend die Magensonde entfernt, weil sie keine Probleme mit dem Schlucken hatte und sie hatte selber das heilende Pulver eingenommen. Auch wenn sie noch insgesamt schwach war und ihre Schulter pochte, sie war wieder die alte Sarah, die gerne mal den Ton angab, aber durchaus ein feines Gespür für ihre Mitmenschen hatte und jetzt bemerkte, dass Andy selber ein wenig an der Kante war. Eines wusste sie-er war ihr Freund und lieber Kollege und wollte für sie und Ben wirklich nur das Beste. Wenn sie sich in seine Lage versetzte, wusste sie nicht, wie sie an seiner Stelle handeln würde-auf jeden Fall würde sie jetzt erst einmal abwarten, obwohl die Sehnsucht nach Ben und auch ihren Kindern sie innerlich beinahe in Stücke riss.

      Ihre Eltern hatten den Vormittag genutzt, waren zu Hildegard gefahren und hatten ihr für ein paar Stunden die Kinder abgenommen, damit sie ein wenig Zeit für sich hatte. Sie waren mit den Kleinen im Park und am Spielplatz gewesen und hatten fleißig Handyvideos gemacht. Als Sarah die jetzt betrachtete, hatte sie Tränen in den Augen. „Meine Schätze-ich vermisse euch so! Ich verspreche euch, dass die Mama jetzt ganz schnell gesund wird und bald wieder bei euch ist-und der Papa natürlich auch-hoffe ich!“, flüsterte sie, denn gerade war ihr Alltag, den man oft nicht zu schätzen wusste, das, was sie am Schmerzlichsten vermisste. Sie waren so eine wundervolle Familie und ihre Ehe funktionierte, was gab es Schöneres im Leben!

      Ben war wie aus einem tiefen Strudel erwacht. Er fühlte wie ihn Hände berührten, an ihm herum manipulierten und er mittels des Fließbandes wieder in sein Bett befördert wurde. Es war ein merkwürdiger Zustand-er war einerseits teilnahmslos und konnte sich nicht wehren und andererseits registrierte ein Teil seines Bewusstseins doch alles, was um ihn herum vorging. Erst dachte er, er wäre wieder bei Maria im Folterkeller, aber dann erkannte er die ganzen vermummten Gestalten um sich herum. Wie Flashbacks schossen verschiedene Erinnerungen durch seinen Kopf-Maria, die mit blutverschmiertem Gesicht und der Fratze des Wahnsinns nackt auf ihm hockte, dann veränderte sich deren Gesicht auf einmal in das von Elias und es wurde eng um seinen Hals und die zentnerschwere Last wollte ihn erdrücken. Plötzlich war Semir da und drang gemeinsam mit Sarah auf ihn ein, hielt ihn brutal fest und man schob ihm einen Schlauch in die Nase. Aber Sarah? Es konnte doch nicht sein, dass seine Sarah gegen ihn war? Dann sah er vor seinem inneren Auge wie Semir seine Frau einfach von ihm weg zog-auch sie war also nur Opfer. Laut und verzweifelt stöhnte er auf. Sein wirres Hirn ließ erst vermummte Gestalten in einem rasenden Teufelsreigen um ihn herum tanzen, er erspähte darunter im Vorbeihuschen viele Gesichter von Verbrechern, die er gejagt hatte und die ihm Böses angetan hatten, wie Wolf Mahler. Nun bildeten die einen Kreis der immer enger und enger wurde und drangen gemeinsam auf ihn ein. Er schrie vor Entsetzen laut, schlug um sich und versuchte zu fliehen, aber er wurde einfach zurück gedrückt und fest gehalten, hörte aufgeregte Stimmen und irgendjemand der „Schnell eine Ampulle Tavor!“, rief und dann glitt er ins Nirwana des Drogennebels und alles war ihm plötzlich egal.

      Hartmut schaute Semir an. „Du weißt, dass ich keine Ahnung habe, was passieren wird, wenn ich dir das Mittel jetzt spritze. Ich habe freilich versucht, die Substanz soweit möglich zu reinigen, aber wie man auf das Pflanzenalkaloid intravenös reagiert, weiß ich einfach nicht. Mir wäre schon wohler, wenn wir es erst an einem Tier ausprobieren würden, vielleicht gibt es eine schwere allergische Reaktion“, forderte er Semir auf, sich das Ganze nochmals zu überlegen, aber der schüttelte den Kopf. „Das kostet viel zu viel Zeit-Zeit, die Ben nicht mehr hat, wie mir mein Gefühl sagt“, antwortete er und nun nickte Hartmut, holte einen Stauschlauch, Tupfer und Desinfektionsmittel herbei und außerdem den riesigen Erste-Hilfe-Koffer und den transportablen Defibrillator, der auf sein Betreiben hin gekauft und in der KTU deponiert worden war. Semir sah dem Tun mit gemischten Gefühlen zu, aber eines wusste er sicher-er stellte sich voller Überzeugung zur Verfügung-für Ben!

      Hartmut legte ihm nun routiniert erst eine Venenverweilkanüle, verklebte die und musterte prüfend, ob die Notfallausrüstung komplett war. Sogar eine große Sauerstoffbombe hatte er herbei gekarrt-normalerweise brauchte er die für seine Experimente, aber im Notfall würde sie ihm auch anderweitig gute Dienste leisten. „In meiner Jugend habe ich mal einen Sanitäterkurs gemacht und du weißt, dass ich an allen Fortbildungen zur Ersten Hilfe teilnehme“, bemerkte er zu seinem kleinen türkischen Kollegen, der nur nickte und dann einfach sagte: „Ich vertraue dir, jetzt setz endlich die Spritze an, damit wir Ben bald das lebensrettende Mittel verabreichen können!“ Und so spritzte Hartmut nun ganz langsam die Substanz in den venösen Zugang und beobachtete dabei scharf Semir´s Reaktion.
    • Wenn Semir auch vor gab ruhig zu sein-innerlich war er doch aufgeregt. Klar vertraute er Hartmut, aber der war doch kein Mediziner und wenn er jetzt plötzlich tot vom Stuhl kippte, würde er vermutlich auch nichts daran ändern können. Als der Inhalt der Spritze in ihm verschwunden war, wartete er genauso wie sein rothaariges Gegenüber auf irgendeine Reaktion, aber die blieb aus. Langsam entspannten sich auch Hartmut´s Muskeln-der war im Kopf schon die einzelnen Schritte der Reanimation durch gegangen, hatte in seinem Handy die Notrufnummer aufgerufen, damit die Alarmierung schnell ging und war innerlich auf jedes Horrorszenario gefasst gewesen. Er hatte erwartet, dass Semir jammern würde, weil das Mittel in seinen Venen brannte, war darauf vorbereitet gewesen, dass sein Freund plötzlich aufschwoll und nach Luft rang oder schlimmstenfalls mit einem anaphylaktischen Schock vom Stuhl plumpste, aber nichts geschah. „Ist dir irgendwie übel oder schwindlig, hast du Sehstörungen, hörst du mich schlecht oder fühlt sich irgendetwas anders an als sonst?“, fragte er, aber Semir schüttelte zunächst den Kopf. Dann überlegte er und sagte: „Ich habe im Mund einen Geschmack, als wenn ich eine ganze Knolle Knoblauch gefuttert hätte, aber das wars auch schon!“ und langsam atmeten die beiden Männer auf.

      „Woher weißt du, dass das Mittel wirkt und welche Dosis man verabreichen muss?“, wollte Semir nun wissen und Hartmut zuckte mit den Schultern. „Genau das weiß ich ja nicht und ich habe versucht die Menge, die in einer oralen Dosis ist, zu extrahieren, aber ob nun alleine dieses eine Pflanzenalkaloid wirkt, oder normalerweise ein Zusammenspiel der vielen Inhaltsstoffe stattfindet und wie man sich den Wirkmechanismus im Körper genau vorstellen kann-ich bin da genauso ahnungslos wie du. Deshalb dauert es ja so lange bis ein neues Medikament entwickelt ist und wenn später die Herstellung vielleicht auch nur ein paar Cent kostet-bis man diese Details alle heraus gefunden hat und das Ganze nach vielen Versuchen im PC, dann im Tierversuch und letztlich an freiwilligen Probanden getestet hat, sind meist einige Monate vergangen und viele Hunderttausend Euro Kosten entstanden. Genau deshalb bekommen die Pharmaherstellerfirmen immer für einige Jahre einen Produktschutz, währenddessen sie das neue Mittel zu hohen Preisen vertreiben dürfen, damit ihre Kosten rein kommen. Wenn dieser Schutz fällt, werden von anderen Firmen sogenannte Generika hergestellt und die Gesetze der freien Marktwirtschaft zählen, dann werden fast alle Medikamente deutlich billiger. Aber so ist es auch erklärbar, dass Pharmaunternehmen nur Interesse daran haben Medikamente für einen großen Kundenkreis zu entwickeln. Wer an einer seltenen Krankheit leidet hat oft Pech gehabt“, holte Hartmut aus und wollte gerade weiter referieren, da sprang Semir auf.

      „Einstein-das ist ja alles sehr interessant, aber jetzt fahren wir ins Krankenhaus und versuchen Ben zu helfen-ich habe nämlich ein ganz merkwürdiges Gefühl, ich glaube es ist dringend. Und wenn das Medikament nicht wirkt, dann haben wir es zumindest versucht!“, brachte er den Rothaarigen auf andere Gedanken. Der hatte das Mittel in mehreren Mehrwegfläschchen abgefüllt und mit einem Gummistopfen verschlossen. So hatte man schon in alten Zeiten Medikamente aufbewahrt und die erforderliche Dosis, die sie ja nur erahnen konnten, mit einer Spritze entnommen. Er hatte es schonend bei niedrigen Temperaturen und ein wenig Druck versucht keimarm zu bekommen, aber er befürchtete bei hohen Temperaturen würde das Alkaloid unwirksam werden. Heutzutage allerdings waren Mehrwegentnahmebehälter aus hygienischen Gründen verpönt und ohne den Zusatz von Konservierungsstoffen in der Klinik sogar verboten-Hartmut hatte also keine Ahnung wie sie das anstellen sollten, Ben das Medikament zu verabreichen. Außerdem galt ja immer noch das Besuchsverbot für ihren Freund und Kollegen, aber fürs Erste war er erleichtert, dass es Semir gut zu gehen schien. Ob allerdings irgendeine Wirkung zu erwarten war, musste man dann sozusagen am lebenden Objekt sehen und hoffen, dass sie Ben damit nicht umbrachten.
      Während Hartmut einen Teil der Fläschchen und ein paar Spritzen in eine kleine Tasche packte, sagte er noch zu Semir: „Ich habe keine Ahnung von den Spätfolgen, die diese Medikamentengabe bei dir haben wird-ich hoffe nichts“, und Semir erwiderte grinsend: „Na mir wird schon kein dritter Arm wachsen oder so!“, und nun mussten die beiden prustend in Gelächter ausbrechen-es war schön, wenn sich die Anspannung löste.

      Andy war derweil in der Klinik kurz in den Aufenthaltsraum gegangen, um nach zu denken. Gott sei Dank ging einmal drei Minuten kein Alarm, es piepte kein Perfusor und auch das Telefon schwieg still-etwas was auf einer Intensivstation eher selten vorkam. Er kam aber zu dem Schluss, dass er Sarah den schlechten Zustand ihres Mannes nicht weiter verheimlichen konnte. Außerdem hatte sie vermutlich Recht mit dem identischen Keim, so dass Ben und sie füreinander wohl keine Ansteckungsgefahr darstellten. Auch für sie in der Pflege war es einfacher, sich nur einmal um zu kleiden und dann zwei Patienten versorgen zu können. Was ihm allerdings große Sorgen machte-was war, wenn Ben sterben würde-konnte Sarah das verkraften? Dann allerdings erinnerte er sich daran, wie viele Tote sie in ihrer beruflichen Laufbahn schon gesehen und ihr Sterben begleitet hatte-er würde sie so oder so nicht davon abhalten können, Ben bei zu stehen, wenn es tatsächlich zum Äußersten kam. Außerdem hoffte er natürlich nach wie vor, dass er wieder gesund wurde, aber ohne das Orchideenmedikament sah es übel aus.

      So sprach der junge Pfleger wenig später beim Stationsarzt vor und unterbreitete ihm Sarahs Vorschlag mit der Zusammenlegung. Weil die Betten so knapp waren, griff der Arzt kurzerhand zum Telefonhörer, klärte das mit dem Krankenhaushygieniker und seinem Hintergrund ab und wenig später bekam Andy grünes Licht fürs Umschieben.

      In der Zwischenzeit waren Semir und Hartmut in der Klinik eingetroffen. Weil für Ben ja immer noch das Besuchsverbot galt, baten sie zu Sarah vorgelassen zu werden, was die Schwester an der Rufanlage auch nach kurzem Zögern gestattete.
      Fast zeitgleich kam Andy ins Zimmer und versprach Sarah, sie in Kürze zu ihrem Mann zu legen, allerdings musste er sie zuvor auf das vorbereiten was sie erwartete und während ihre Eltern ihren Besuch beendeten, erfuhr Sarah gemeinsam von Semir und Andy was geschehen war und wie ernst es tatsächlich um ihren Mann stand. „Ich muss sofort zu ihm-Andy bereite bitte alles vor, ich drehe hier sonst durch!“, befahl sie regelrecht und man hörte den Kummer und die Anspannung in ihrer Stimme und jetzt verließ der junge Pfleger das Zimmer.
      „Sarah-wir haben vielleicht die Rettung für Ben dabei!“, sagte nun Hartmut und öffnete die kleine Tasche. „Semir war schon Versuchskaninchen, ich habe ihm 10 ml des Orchideenmedikaments, aufbereitet zum injizieren, gespritzt und er lebt noch-Ben ist etwas schwerer, ich würde sagen, wir versuchen es mit 12 ml, aber dazu brauchen wir deine Hilfe!“, erklärte er und die junge Frau, deren Herz vor Sorge ganz schwer geworden war, schöpfte nun wieder ein klein wenig Hoffnung-sie mussten es einfach schaffen Ben zu retten!
    • Ben tauchte aus schwarzen Tiefen auf. Wie ein Schwimmer, der verzweifelt gegen hohe Wellen gekämpft hatte, dann aber doch untergegangen war, wurde er jetzt von einem Geräusch und einem Gefühl wie magisch aus den Strudeln gezogen. Er fühlte eine zarte liebevolle Berührung und die Stimme, die er am meisten vermisst hatte, klang in seinen Ohren-Sarah war da! Mühsam als wenn er Betonsteine anheben müsste, hob er die Lider und sah seine geliebte Frau, die selber blass und dünn war, über ihn gebeugt. Nur kurz war das Auftauchen aber, dann zog es ihn wieder hinab in die Bewusstlosigkeit und er merkte nicht, wie Sarah ihm etwas in den ZVK injizierte.

      Sarah hatte das kleine Täschchen von Hartmut entgegen genommen und in ihrem Nachtkästchen, das ja mit um geschoben wurde, verstaut. Nachdem am Morgen die Einstichstelle ihres ZVK leicht gerötet gewesen war, war er entfernt worden, außerdem konnte sie ja essen und trinken, wobei ihr Appetit noch zu wünschen übrig ließ. Weil der Kreislauf stabil war, hatte sie darum gebeten, den arteriellen Zugang ebenfalls zu entfernen und so hatte sie nur noch einen peripheren Venenzugang für die Antibiose und eben die Monitorkabel. Die waren aber lang genug und so war sie, kurz nachdem sie mit Ben alleine im Zimmer war, aus dem Bett gekrabbelt, hatte ihren Venenzugang selber abgestöpselt und den Infusomaten ausgeschaltet, dann die 12 ml der Urwaldmedizin aufgezogen und war mit zitternden Knien zu Ben gewankt. Sie würde ihre Kollegen diesmal nicht involvieren-die hatten sowieso schon viel riskiert für sie.

      Ben der glühte und fast 41°C Fieber hatte, war nur am Stamm von einem feuchten Handtuch bedeckt, hatte Eiskompressen auf den Leisten liegen und sah fürchterlich krank und ausgemergelt aus.
      Sie hatte die fixierten Hände bemerkt, voller Sorge seinen blau unterlaufenen geschwollenen Hals und seinen Monitor betrachtet und Andy hatte ihr erzählt, dass er vorhin hatte sediert werden müssen, weil er wild um sich geschlagen hatte und Gefahr gelaufen war, seine ganzen, für ihn doch so wichtigen Zugänge heraus zu reißen. „Das Hämatom wurde entlastet, da war eine Menge Eiter drin, aber wir befürchten, dass er bereits eingeschwemmt hat!“, hatte ihr Andy die Wahrheit nicht vorenthalten-was würde es auch nützen? Eingeschwemmt-das bedeutete, dass wohl Eitererreger in die Blutbahn gelangt waren und Ben jetzt an einer lebensbedrohlichen Sepsis litt, weil die gefährlichen, gegen übliche Antibiotika resistenten Bakterien erneut in seinem Blutkreislauf schwammen und dort ihr Zerstörungswerk anrichteten. Die Zeit der Medikamentengabe war wohl zu kurz gewesen und Sarah, die ja im Prinzip dasselbe Krankheitsbild gehabt und nur knapp überlebt hatte, schwor sich selber die rettende Medizin noch eine ganze Weile einzunehmen.

      Sie hatte sich gefreut, als er auf sie reagierte und mühsam die Augen über der Beatmungsmaske öffnete, als sie ihn streichelte und ansprach-er hatte sie erkannt, da war sie sich ganz sicher, aber dann versank er wieder in der bleiernen Umarmung des Sedierungsmedikaments. Sarah musste allen Mut zusammen nehmen, als sie den Inhalt der Spritze injizierte-was war wenn er jetzt plötzlich asystol wurde, oder eine anaphylaktische Reaktion bekam? Dass Semir nichts passiert war, bedeutet ja nicht, dass Ben das Mittel intravenös vertrug und außerdem war Semir gesund, was man von Ben aktuell nicht behaupten konnte. Wenn er hier und jetzt starb, dann hatte sie den Menschen auf der Welt, den sie am meisten liebte, wenn man von ihren Kindern absah, mit eigenen Händen umgebracht.

      Sarah blieb noch einen kurzen Moment neben Ben´s Bett stehen, aber dann merkte sie, dass erstens überhaupt nichts geschah und sie zweitens selber Wackelknie bekam-das war immerhin ihr erster Ausflug alleine aus dem Bett gewesen-am Morgen war ihre Kollegin mit ihr einmal kurz aufgestanden. Aber für Ben würde sie alle ihre Kräfte mobilisieren und als sie mit zitternden Knien selber wieder flach lag und die benutzte Spritze sorgsam in ihrem Waschbeutel versteckt hatte, atmete sie erleichtert auf-vielleicht gelang es ihnen allen gemeinsam doch noch die Liebe ihres Lebens zu retten.

      Semir und Hartmut hatten nach einem Blick auf die Uhr beschlossen Feierabend zu machen. Hartmut hielt sich sowieso nur noch mühsam mit Kaffee und Energydrinks aufrecht-er hatte schließlich die Nacht durchgemacht und Semir war sich im Klaren, dass er persönlich im Moment gar nichts tun konnte außer abwarten. So setzte Semir erst Hartmut vor dessen Haustür ab und versprach ihm, ihn am Morgen dort auch wieder abzuholen und fuhr dann selber nach Hause. Er war ziemlich müde und erschöpft-das Ganze war auch an ihm nicht spurlos vorüber gegangen. Er aß lustlos ein wenig Abendbrot mit seiner Familie, aber als Andrea die Kinder ins Bett gebracht hatte-etwas woran er sich heute überhaupt nicht beteiligte-lag er tief schlafend auf dem Sofa im Wohnzimmer als sie es wieder betrat. Liebevoll deckte sie ihn mit einer Wolldecke zu, bevor sie sich ein Glas Wein einschenkte und dann zu einem Buch griff. Es war gut wenn er schlafen konnte-wer wusste besser als sie, wie sehr ihn die ganze Situation mit dem gefühlsmäßigem Auf- und Ab belastete. Erst wenn Ben überlebte und das Klima zwischen ihm und Semir wieder passte, würde ihr Mann völlig zur Ruhe kommen-das hier war ein Erschöpfungsschlaf, mehr nicht!
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      Als das Sedierungsmedikament bei Ben seine Wirkung verlor, kam er wieder ein wenig zu sich. Sarah bemerkte wie er unter der Maske angstvoll aufstöhnte und an seinen Fesseln zerrte. „Ben ich bin da-es wird alles gut!“, sagte sie mit möglichst tiefer beruhigender Stimme. Sie hatte selber nur wenig geschlafen oder eher gedöst, zu groß war die Sorge um den schwer kranken Partner. Nach einem Blick auf die Uhr stellte sie fest, dass in einer Stunde um Mitternacht die nächste Medikamentengabe bei Ben fällig war und auch sie hatte dasselbe Zeitschema.

      Vorhin war Andy ein letztes Mal in der Spätschicht mit einer Kollegin im Zimmer gewesen, hatte Sarah´s Kissen aufgeschüttelt und ihr eine frische Flasche Mineralwasser und etwas zum Zähneputzen ans Bett gebracht. Ben hatten sie komplett frisch gemacht, kühl herunter gewaschen, ein Blutgas abgenommen und das klatschnasse Bett frisch bezogen. Trotz Kühlung hielt sich das Fieber um die 41°C, allerdings war wenigstens der Blutdruck mit hohen Dosen Noradrenalin und viel Flüssigkeit halbwegs stabil. Im Katheterbeutel war zwar nicht viel gelaufen und der Urin war auch nach wie vor trüb, aber Ben war wenigstens nicht komplett anurisch. Das war aber schon das einzig Positive was man zu seinem Zustand sagen konnte.
      Als Andy die Atemmaske kurz herunter nahm, um Ben´s Mund mit frischem Wasser aus zu wischen und die Lippen ein zu cremen, hatte ihn der teilnahmslos angesehen, aber wohl erkannt. Andy hatte freundlich mit ihm gesprochen, aber er war von großer Sorge erfüllt. Sehr lange würde sein Patient diesen Zustand nicht mehr aushalten und er bezweifelte, dass die angeordneten Antibiotika gegen diesen Mistkeim nur im Geringsten anschlugen. Aber der Hals war immer noch viel zu verschwollen um eine Magensonde zu legen und als ein wenig Flüssigkeit von der Mundpflege in den Rachen gelaufen war, hatte Ben sie auch nicht richtig geschluckt, sondern sein ganzer Körper hatte von einem heftigen Hustenstoß gebebt und er hatte danach gequält aufgestöhnt. Andy hatte ein weiteres Gramm Novalgin verabreicht um die Schmerzen zu lindern und das Fieber zu senken, aber zumindest die Körpertemperatur ließ sich durch diese Maßnahme überhaupt nicht beeinflussen. Eigentlich war das Fieber ja auch der letzte verzweifelte Versuch des Organismus diese üblen Keime ab zu töten, aber die schienen ziemlich temperaturstabil zu sein und wie das mit hohen Fieber immer so war-es belastete leider auch stark den Kreislauf.

      Andy hatte sich schweren Herzens von Sarah und Ben verabschiedet: „Bis morgen in alter Frische!“, hatte er betont fröhlich gesagt, aber an Sarah´s Miene erkannt, dass sie die Situation genauso ernst einschätzte wie er selber. Er befürchtete, dass ohne die rettende Urwaldmedizin Ben vielleicht schon nicht mehr am Leben wäre, wenn er am folgenden Tag zur Spätschicht kam.
      Als er nach Hause ging konnte er erst gar nicht richtig abschalten, aber ihm war auch nicht nach einem Absacker in seiner Stammkneipe um die Ecke. Sonst entspannten ihn die harmlosen Gespräche dort, aber heute stellte er sich immer vor, wie schrecklich es für Sarah sein würde, wenn Ben in dieser Nacht starb und wenn er ehrlich war-er hatte den Hauch des Todes in dem Zimmer wahr genommen. Trotzdem fiel Andy irgendwann in den Schlaf, seine Freundin neben ihm war schon lange in Morpheus Armen und vermutlich würde er am Morgen gar nicht mitkriegen wie sie leise aufstand und sich für die Arbeit fertig machte. Das war ein Nachteil der Schichtarbeit-ein normales Familienleben war damit fast nicht möglich.

      Die Nachtschwester hatte ebenfalls sehr besorgt Ben´s Zustand als kritisch eingeschätzt. Als sie kurz nach Mitternacht das Isolierzimmer betrat, um die frischen Infusionen anzuhängen und zu checken, welcher Perfusor bald leer werden würde, hatte Sarah sich einen Stuhl heran gezogen und saß am Bett ihres Mannes. Sie hatte ihren Kopf auf seiner Brust abgelegt und hielt ganz fest seine Hand, die sie von den Fixies befreit hatte-es war fast eine intime Situation in die die Kollegin da hinein platzte-zumindest empfand sie es so.
      Sarah´s Augen waren feucht-sie hatte geweint und Ben stöhnte leise unter seiner Maske. „Kann ich dir irgendwie helfen, Sarah-wie geht’s dir denn?“, fragte sie freundlich und wusste nicht ob das so eine gute Idee gewesen war die beiden zusammen zu legen. Aber andererseits kannte auch sie Sarah´s Willensstärke und wusste, die hätte sich so oder so nicht von der Seite ihres Mannes vertreiben lassen. Sobald sie sich wieder aufrecht halten konnte, würde sie zu ihm eilen und wenn sie ehrlich war-sie selber würde es vermutlich genauso halten, wenn ihr eigener Mann so schwerst krank da liegen würde. Sarah hatte ihre Infusion wieder abgestöpselt-Andy hatte ihr dazu extra eine Handvoll steriler Stöpsel ans Bett gestellt und die Überwachungskabel reichten bis ans Nachbarbett. So hatte man von draußen auch nicht erkennen können, wo sich Sarah aufhielt, denn ihre Vitalparameter wurden aufgezeichnet und auf den Zentralmonitor übertragen, ob sie im Bett lag oder neben Ben war.

      Sarah hatte ihr Pulver eingenommen und auch Ben die nächste Dosis injiziert und die Spritze danach verschwinden lassen, aber sie wusste, das Mittel brauchte eine Weile um zu wirken, vielleicht hatten sie den Wettlauf gegen die Zeit schon verloren.

      „Mir geht es den Umständen entsprechend gut-es ist Ben, um den wir uns Sorgen machen müssen!“, beantwortete Sarah nun die Frage ihre Kollegin, die mitfühlend ihre Hand auf die gesunde Schulter ihrer Kollegin gelegt hatte. „Brauchst du ein Schmerzmittel?“, fragte die weiter, aber wieder schüttelte Sarah den Kopf und sagte zögernd nach einer kurzen Pause: „Aber vielleicht solltest du Ben ein wenig Morphin geben-damit er es leichter hat“, flüsterte sie leise und ihre Kollegin wusste auf was Sarah anspielte. Man verabreichte Patienten im Angesicht des Todes oft Morphin, weil es nicht nur die Schmerzen nahm, sondern zugleich auch die Todesangst ein wenig linderte, die Sterbende meist empfanden. „Er bekommt sein Morphin-aber Sarah, so wie ich das sehe hat er noch nicht aufgehört zu kämpfen-er kämpft für dich und eure Kinder, steh ihm bei, aber gib ihn nicht auf!“, sagte die Kollegin eindringlich. Sarah sah zu ihr auf und nun liefen die Tränen ungehindert über ihre Wangen. „Meinst du wirklich?“, fragte sie. „Ich habe ihm gerade gesagt, dass er gehen darf, wenn er nicht mehr kämpfen kann, ich werde ihn für immer in meinem Herzen tragen“, flüsterte sie und man merkte, dass nun auch Sarah am Ende war.

      „So meine Liebe-du legst dich jetzt sofort in dein Bett und nimmst eine Schlaftablette. Ben ist ruhiger geworden und ich konnte gerade das Noradrenalin ein wenig reduzieren. Ihr schlaft jetzt beide und morgen ist ein neuer Tag. Ich passe auf euch auf, du weißt, dass ich die Alarme scharf gestellt habe, ich kriege jede Veränderung seines Zustands sofort mit, aber ich mache jetzt auch eure Monitore auf Privatbild, damit wir sie nur von außen sehen können und hier Ruhe herrscht. Das Infusionsprogramm für den heutigen Tag hängt, zur nächsten Lagerungsrunde kommen wir zu zweit und machen ihn ordentlich frisch, aber jetzt braucht ihr beide Ruhe und Schlaf-und in meiner Schicht wird heute nicht gestorben!“, sagte die Kollegin mit ihrer langjährigen Berufserfahrung und der Ton ihrer Stimme duldete keinen Widerspruch. So krabbelte Sarah jetzt doch in ihr Bett und nahm brav die Schlaftablette, die ihre Kollegin ihr hinstellte. Manchmal war es gut wenn ein anderer das Kommando übernahm und als eine halbe Stunde später die Kollegin leise ins Zimmer kam und erneut die Katecholamine bei Ben reduzieren konnte, lagen die beiden tief schlafend nebeneinander-so sollte es sein.
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