Ein schreckliches Erbe

    • in Erarbeitung
    • Susan

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    • Semir steckte nun sofort die Waffe weg, drückte auf den Klingelknopf neben der Tür und brüllte, dass man es durch den ganzen Krankenhausflur hören konnte: „Schnell einen Arzt, nein besser ein Reateam auf 304!“, während er so rasch er konnte zu seinem Freund und dem Psychologen hetzte-leider fiel dann die Türe hinter ihm zu. Er zerrte Elias, der ja mindestens 130 kg auf die Waage brachte und mit seinem Gewicht den beiden zusätzlich noch die Luft abdrückte, von seinen Opfern herunter und registrierte voller Erleichterung, dass Philipp Schneider zwar nach seinem Hals griff, aber geräuschvoll die Luft ein sog und anscheinend nicht in akuter Lebensgefahr war.

      Anders war es bei Ben. Der war immer noch kitzeblau und lag schlaff und reglos da. Semir versuchte gar nicht nach irgendeinem Puls zu tasten, durch die Aufregung würde er vermutlich nur seine eigenen Pulswellen in den Fingerspitzen fühlen, sondern ohne zu zögern, begann er, wie beim letzten Ersthelferkurs an der Puppe geübt, den Brustkorb seines Freundes dreißig Mal rhythmisch einzudrücken und ihm dann, ohne an irgendeine Ansteckung zu denken, den Kopf zu überstrecken und zweimal Luft ein zu blasen.

      Kurz zuvor war der Arzt am Stationszimmer eingetroffen und hatte die aufgebrachte Frau beruhigt, die Sorge hatte, sich mit einem gefährlichen Keim infiziert zu haben. „Hören sie-natürlich war es dumm von unserem Patienten das Zimmer zu verlassen, aber der Keim ist wohl für einen Gesunden ohne offene Verletzungen wenig gefährlich. Wenn sie sich jetzt gründlich die Hände desinfizieren, zuhause mit einem desinfizierenden Schaum, den wir ihnen mit geben, duschen und ihre Kleidung heiß waschen, genügt das. Weil ihr Mann allerdings frisch operiert ist, sollten sie ihn lieber heute nicht besuchen, rufen sie ihn doch bitte an und wir informieren ihn ebenfalls. Es tut uns leid, wenn sie durch das Fehlverhalten eines unserer Patienten Unannehmlichkeiten hatten, aber leider können wir auch den nicht im Zimmer einsperren, sondern müssen eigentlich auf seine Kooperationsbereitschaft bauen-ich werde ihm gleich Bescheid sagen, dass das natürlich so nicht geht und er das Zimmer nicht zu verlassen hat, bis unsere Hygieneabteilung die Isolierung aufhebt“, beruhigte er die immer noch aufgebrachte Frau, zeigte ihr, wie sie ihre Hände desinfizieren sollte und drückte ihr noch eine Dose mit Desinfektionsschaum in die Hand.

      Als sie um die Ecke verschwunden war, seufzte er auf und machte sich auf den Weg zu seinem neuen Patienten, den er noch gar nicht persönlich kennen gelernt hatte-nur die telefonische Übergabe hatte er erhalten. So wie ihm sein Kollege von der Intensiv geschildert hatte, war er erstaunt gewesen, dass Herr Jäger es in Anbetracht seiner Erkrankungen überhaupt geschafft hatte, das Zimmer zu verlassen. Er hatte sich, nachdem er von der Pflegekraft zu Hilfe gerufen worden war, erst Ben´s Akte angesehen, dann kurz mit dem Krankenhaushygieniker, der natürlich über den Fall Bescheid wusste, Rücksprache gehalten und hatte dessen Empfehlungen dann an die Besucherin weiter gegeben.

      Gerade als er um die Ecke bog, die Sicht auf Zimmer 304 ermöglichte, ertönte erst ein Schuss und Sekunden später schrie eine Männerstimme laut nach einem Arzt und dem Reateam-verdammt was war hier los? Allerdings ging Eigenschutz auf jeden Fall vor und so zog er erst einmal sein Telefon heraus und verständigte den Sicherheitsdienst, während er um die Kurve in Deckung ging, wie mehrere geschockte Patienten und Besucher ebenfalls, die der laute Knall aufgeschreckt hatte. Der Leiter des Sicherheitsdienstes rief, als er von dem Schuss im dritten Stock hörte, sofort die Polizei und so kam es, dass zwar wenig später der Flur von Uniformierten nur so wimmelte, aber Semir in Zimmer 304 als Einzelkämpfer verzweifelt um das Leben seines Freundes rang.

      Als mehrere rettende Atemstöße in dessen Lunge gedrungen waren, begann Ben sich zu regen und sog jetzt selber geräuschvoll und gierig die Luft ein, so weit das sein zu geschwollener Hals zu ließ. Voller Erleichterung registrierte Semir, dass der Dunkelhaarige noch am Leben war, aber als der jetzt plötzlich die Augen auf riss, um dann entsetzt vor ihm zurück zu weichen, gab es ihm einen schmerzhaften Stich ins Herz. Oh nein-hatte Ben denn immer noch nicht kapiert, dass er ihm nichts Böses wollte?
      Philipp Schneider hatte sich inzwischen wieder so weit erholt, dass er einigermaßen normal reagieren konnte, wenngleich auch ihm der Schock noch in den Gliedern saß und das Atemholen durchaus mühsam war. Selten hatte er so eine Panik in den Augen eines Menschen gesehen, dabei hatte Herr Gerkhan seinem besten Freund vermutlich gerade das Leben gerettet und auch wenn man von draußen laute Geräusche hörte-bisher war niemand ihnen zu Hilfe gekommen. Anscheinend war der seelische Zustand seines Patienten genauso schlecht wie der seines Körpers und jetzt musste er eingreifen, um weiteren Schaden ab zu wehren. So zog er sanft den kleinen Türken beiseite, während er sich über Ben beugte und den ein wenig aufrichtete und ihm ein Kissen, das er rasch vom Bett riss, unter den Oberkörper schob, damit der besser Luft bekam. „Ben-ich bin es Philipp Schneider, bleib ruhig, gleich kommt professionelle Hilfe-niemand will dir mehr was Böses-der Mörder ist tot“, krächzte er und Ben´s verwirrter Blick erfasste nun die Leiche, die nur wenige Zentimeter von ihnen entfernt lag. Verdammt-Ben blutete, war körperlich und nervlich völlig am Ende, aber kein Mediziner ließ sich blicken.
      „Herr Gerkhan-holen sie Hilfe“, bat er und Semir, der die Situation ebenfalls erfasst hatte, richtete sich nun auf und ging langsam zur Türe. Mit jedem Meter, den er sich von seinem besten Freund entfernte, wurde der weniger panisch und spürte wohl jetzt erst die Schmerzen, die ihm neben der Atemnot schwer zu schaffen machten.

      Semir schlich mit hängenden Schultern regelrecht weg-oh nein-Ben hielt ihn immer noch für seinen größten Feind-ob man seine Paranoia jemals wieder in Griff bekam? Ohne daran zu denken, dass er von oben bis unten mit Blut besudelt war, öffnete er die Zimmertüre und hatte Sekunden später den Lauf einer Waffe am Kopf, die Hände im Polizeigriff auf dem Rücken und jemand hatte ihm auch schon die Waffe aus dem Holster gezogen. „Verdammt noch mal-was zieht ihr hier für eine Nummer ab-ich bin Polizist-Semir Gerkhan, mein Dienstausweis steckt in meiner Gesäßtasche-schickt lieber einen Arzt zu den Opfern!“, brüllte er ungehalten und jetzt erkannten die beiden uniformierten Kollegen ihn-gerade vorhin erst hatte er sich bei ihnen am Taxistand ausgewiesen. „Kollege was ist da drinnen los, wer hat geschossen und wo kommt das ganze Blut her?“, löcherte der Streifenpolizist ihn mit Fragen und mit wenigen Worten erklärte Semir die Situation. Man ließ ihn los, nur die Waffe tütete man routiniert für die kriminaltechnische Untersuchung ein, was ja auch völlig richtig war und jetzt endlich öffnete ein Sicherheitsbeamter die Tür komplett und überzeugte sich von der Richtigkeit von Semir´s Angaben.
      „Hier wird wirklich dringend ein Arzt gebraucht-und die Kripo und die Spurensicherung!“, bemerkte er dann und so füllte sich wenig später das Zimmer mit medizinischem Personal, das sich allerdings zum Eigenschutz erst mit Isolierkitteln, Haube, Mundschutz und Handschuhen vermummte.
    • Ben rang immer noch verzweifelt nach Luft, aber als Semir den Raum verlassen hatte, war er ein wenig ruhiger geworden. Sein Blick fiel auf Elias und er erschauerte. Philipp Schneider, der inzwischen wieder vermehrt Atemprobleme bekam, weil sein Hals langsam begann zu zuschwellen, ließ sich neben ihn auf den Boden gleiten, lehnte sich ebenfalls mit dem Rücken ans Bett und stützte ihn dadurch von der Seite. Ein unkontrolliertes Zittern hatte von Ben Besitz ergriffen, jetzt kam langsam der Schock durch, aber der alles beherrschende Gedanke bei den beiden Männern war „Luft“.

      Man hörte Geräusche und gedämpft Semir´s empörte Stimme, der energisch Hilfe anforderte. Endlich öffnete sich die Tür, erst sah man Sicherheitsbeamte und uniformierte Polizisten mit der Waffe in Anschlag und dann kam mit gelben Schutzkitteln, Masken und Handschuhen eine ganze Armada an Hilfskräften und medizinischem Personal. Das Reateam hatte sich straff organisiert sofort umgezogen, beim Stationsarzt, der nun ebenfalls aus der Deckung gekommen war, nähere Informationen verlangt und zum Glück wurde das Reanimationsteam diesen Monat von der Intensivstation gestellt, auf der Ben Patient gewesen war, so dass zu seiner Person niemand viel erklären musste. Der Anästhesist nahm zuerst eine Sichtung vor, bestimmte Ben zum am schwersten Verletzten, fühlte kurz an Elias` Halsschlagader nach einem Puls, erklärte ihn angesichts der schweren Hirnverletzung für tot und nun teilte sich das Reateam, das aus zwei Pflegekräften und dem Arzt bestand, auf.

      Der Stationsarzt, der sich ebenfalls angezogen hatte, bekam Philipp Schneider zur Betreuung und wurde von einer der Intensivschwestern unterstützt. Die Pflegerin der Normalstation war ebenfalls in Schutzkleidung zu Hilfe geeilt und wurde nun angewiesen, zwei Infusionssysteme vor zubereiten, alle erforderlichen Medikamente auf zu ziehen und sich von ihrer Kollegin, die ebenfalls alles hatte stehen und liegen lassen und von draußen anreichte, zwei Verneblermasken bringen zu lassen. Bis auf die speziellen Masken befand sich alles Notwendige im Notfallrucksack, den das Reateam mitgebracht hatte.

      Semir stand irgendwie hilflos in der Tür. Wie gerne wäre er zu seinem Freund geeilt und hätte ihm bei gestanden, aber er konnte das Entsetzen in dessen Blick nicht vergessen, als der nach der gelungenen Reanimation zu sich gekommen war. So sehr es ihn in den Raum zog, aber der gesunde Menschenverstand sagte ihm, dass er sich im Augenblick besser fern hielt, um seinen Freund nicht noch mehr zu belasten. So beobachtete er das Geschehen aus der Entfernung und wartete auf das Eintreffen der Mordkommission.

      Philipp Schneider bekam vom Stationsarzt einen Zugang gelegt, 1000 mg Prednisolon, ein Cortison, das abschwellend wirken sollte, gespritzt und als die Schwester von draußen die Verneblermasken gebracht hatte, schloss man die an den Sauerstoffanschluss im Zimmer an und gab in die Verneblerkammer Kochsalzlösung und Adrenalin. Eine Infusion tropfte langsam in ihn und langsam bekam er wieder besser Luft.
      Bei Ben war die Sache schon komplizierter. Gut dass der Anästhesist ein erfahrener Notfallmediziner war, der geübt war, auch Zugänge bei schockigen Patienten zu legen. Er musste auch zuerst einmal den Gesamtzustand beurteilen und festlegen, welche lebensrettenden Maßnahmen zuerst gemacht werden mussten. Ben war noch bei Bewusstsein, aber er sog pfeifend und mühsam die Luft ein und seine Hautfarbe begann sich bereits wieder ins Bläuliche zu verfärben. Man riss ihm das klatschnasse und mit Blut, Urin und Infusionslösung getränkte Hemd herunter, klebte Elektroden auf seinen Brustkorb, steckte den Sättigungsfühler an einen Finger und legte sofort eine Sauerstoffmaske auf sein Gesicht. Eine kleine Sauerstoffbombe befand sich im Notfallrucksack und die verwendete man für den Verletzten. Die Sättigung war ohne Sauerstoff nur bei 75% und der Arzt befürchtete schon vor Ort eine Notfallkoniotomie vornehmen zu müssen. Aber erst legte er einen Zugang und als Ben ebenfalls 1000 mg Cortison erhalten hatte und man die Sauerstoffmaske gegen die Verneblermaske, wie beim Psychologen, ausgetauscht hatte, stieg die Sättigung dann doch auf 85%, sie hatten ein wenig Zeit gewonnen. Ben war immer noch panisch, kein Wunder, wenn man im Begriff war zu ersticken und soeben ein schweres Trauma erlebt hatte.
      Die Intensivschwester hatte derweil einen Stapel Kompressen fest auf Ben´s Leiste gedrückt, um die arterielle Blutung zu stillen. Am Hals blutete es zwar ebenfalls noch leicht aus der ZVK-Einstichstelle und wo der Faden durchgerissen war, aber das deckte man nur locker mit Kompressen und einem Pflaster ab, jeder Druck im Halsbereich würde die Luftnot noch verschlimmern. Als man die Blutdruckmanschette angelegt hatte, war der Druck sogar zu hoch, so bei 160/80 mm Hg, weil Ben´s Körper wohl in Todesnot körpereigenes Adrenalin ausschüttete. Das Zittern, das ebenfalls immer schlimmer wurde, ließ den Notfallmediziner die Entscheidung zur Sedierung treffen. „Falls wir intubieren, oder eine Koniotomie vornehmen müssen, ist es für ihn risikoärmer, wenn das nicht hier im Zimmer unter Notfallbedingungen geschieht, sondern auf der Intensivstation, wo wir dafür eingerichtet sind. Gib mir bitte 2 mg Tavor und dann legen wir ihn in ein frisches Bett und fahren hoch!“, sagte er zur Intensivschwester, die sich mit ihm gemeinsam um Ben kümmerte. „Hol bitte jemand den Aufzug und macht den Flur frei, jede Minute zählt“, ordnete er noch an und so fuhr die Schwester von draußen ein frisches Bett heran und kaum hatte man Ben das Sedierungsmittel gespritzt, hob man ihn auch schon hinein, warf lose die Zudecke über seine Blöße und fuhr los. „Wir haben ein Zweibettzimmer frei bekommen, ihr könnt nachher mit dem zweiten Patienten in aller Ruhe nachkommen, er wird auf jeden Fall auch erst einmal intensivüberwacht und weil er ja schon kontaminiert ist, können wir eine Kohortenisolierung machen“, rief der Intensivmediziner noch im Vorbeigehen.

      Semir war ein wenig zurück gewichen, als man das Bett mit Ben, der nun bereits die Augen verdrehte, vorbei fuhr. Aber der konnte ihn gar nicht mehr wahrnehmen, so schlecht wie es ihm ging.
      Inzwischen waren auch die Kollegen der Mordkommission eingetroffen und zu seiner Erleichterung auch Frau Krüger, die man ebenfalls verständigt hatte. „Herr Gerkhan, sie sehen schrecklich aus-ich finde sie brauchen erst mal einen starken Kaffee und frische Klamotten, bevor sie den Kollegen erzählen was passiert ist!“, nahm sie die Sache in die Hand und so durfte er sich, nachdem man auch den Psychologen in ein frisches Bett gelegt und nach oben gebracht hatte, in der Nasszelle im Zimmer umziehen, das Krankenhaus hatte für solche Fälle Einmalkleidung und wenn er auch die Hosenbeine dreimal umkrempeln musste, weil das natürlich eine Einheitsgröße war, fühlte er sich gleich viel besser. Er wurde angewiesen, seine Hände und Unterarme gründlich zu desinfizieren und seine Kleidung gab man in eine Plastiktasche. Die Schwestern der Station waren inzwischen auch wieder zum Tagesgeschäft über gegangen und so drückte ihm jemand einen Becher mit heißem, starkem Kaffee in die Hand und nun begann er den Kollegen seine Version der Ereignisse zu erzählen, während im Patientenzimmer jetzt die Spurensicherung ihre Arbeit begann und der Körper des toten Elias zum Abtransport in die Gerichtsmedizin vorbereitet wurde.
    • Als das Beruhigungsmittel in seine Adern floss, wurde es Ben erst schwindlig und dann breitete sich ein wohltuendes Gefühl in ihm aus, dass alles egal sei. Er meinte zu Schweben und die Angst zu Ersticken und um jeden neuen Atemzug ringen zu müssen, ließ nach. Er fühlte wie viele Hände ihn vorsichtig in ein Bett hoben, wo das Kopfteil sehr hoch gestellt war, so dass er wieder mehr saß als lag, aber die Worte des Arztes, der sehr kompetent wirkte und souverän und ruhig seine Arbeit machte, verstand er schon nicht mehr.

      Auf der Intensivstation angekommen, hängte man ihn dort sofort an den Monitor am Bettplatz, der Notfallwagen wurde mit einem Überzug versehen neben das Bett gestellt und die Schwester, die mit beim Notfalleinsatz gewesen war, übernahm seine pflegerische Versorgung.
      Noch vernebelte das Adrenalin und so machte man, bevor man wieder Schläuche in ihn bohrte, erst einmal aus dem Ohrläppchen eine kapilläre Blutgasanalyse. Der Kompressionsverband in der Leiste war schon wieder durch geblutet, aus der Harnröhre tropfte ebenfalls das Blut, aber wenigstens waren die Werte der BGA nicht so katastrophal, wie man sich das vorgestellt hatte. „Vielleicht kommen wir um die Intubation oder Koniotomie herum. Wir werden ihn gut sedieren und wenn das Adrenalin komplett vernebelt ist, versuchen wir es mit einer nichtinvasiven Maskenbeatmung. Noch kann man nicht absehen, ob die Schwellung der Halsweichteile eher noch zunehmen wird, was dann eine Intervention erfordert, oder ob die maximale Schwellung bereits erreicht ist. Geben wir ihm noch eine Chance, sind aber immer in Stand By“, lautete der Entschluss des erfahrenen Oberarztes, der in seinem Berufsleben schon viel gesehen hatte und auch ohne zu zögern solch einen Notfalleingriff durchführen würde und konnte. „Ich werde die nächsten Stunden die Station nicht verlassen, bis sich die Lage entspannt hat, oder sich das Befinden des Patienten verschlechtert und wir doch reagieren müssen. Den Reapiepser fürs Haus muss derweil jemand anders übernehmen, es ist sicher eine Gratwanderung, aber ich sehe im Augenblick keine absolute Indikation für eine Intubation, Tracheotomie oder Koniotomie. Das ist jetzt aber eine Entscheidung, für die man als Arzt auch gerade stehen muss!“, erklärte er den beiden Assistenzärzten, die sich schon gefreut hatten, einmal eine Notfallkoniotomie am lebenden Objekt mit zu erleben. Etwas was in der ärztlichen Berufslaufbahn nicht sehr häufig vorkam, meistens gelang es dank modernster Techniken wie Glideskopes und Bronchoskopen die Patienten doch zu intubieren. „Treffen sie solche Entscheidungen aber nur, wenn sie sich sicher sind, den Patienten damit nicht über ein gewisses Maß zu gefährden und revidieren sie ihre Meinung sofort, wenn sich auch nur die kleinste Veränderung im Befinden zeigt. Die Alarme am Monitor müssen sehr scharf gestellt sein und falls Herr Jägers Sauerstoffsättigung, die sich gerade um die 92% bewegt, unter 90% fällt, oder er sich klinisch verschlechtert, schreiten wir doch noch zur Tat. So werden wir ihn jetzt mit einem großlumigen zweiten peripheren Zugang und einer neuen Arterie versorgen. Der Chirurg soll sich die Blutung in der Leiste ansehen und der Urologe die Blutung aus der Harnröhre. Laut BGA ist das Hb zwar niedrig, aber noch nicht transfusionswürdig, auch das muss man in so einem Fall berücksichtigen-ihm fehlen Sauerstoffträger und ein weiterer Blutverlust muss dringend vermieden werden.“

      Die Schwester hatte bereits einen frischen Stapel Kompressen auf Ben´s Leiste gedrückt und bat, während der Oberarzt seine Kollegen anrief, einen der Assistenzärzte zu komprimieren. Ben, der als das Tavor angeflutet war, erst mal ziemlich weg getreten war, begann sich wieder zu regen und schmerzerfüllt das Gesicht zu verziehen. „Er bekommt Morphin-das hilft gegen die Schmerzen, die Angst und die Atemnot“, ordnete der Oberarzt jetzt noch an und die betreuende Pflegerin bat ihre Kollegen ihr einen Perfusor vor zu bereiten und ins Isolierzimmer zu geben. Als Ben 2 mg des Medikaments erhalten hatte, driftete er wieder ab und bekam es gar nicht so richtig mit, wie man ihm erst einen zweiten venösen Zugang in den Handrücken und dann noch einen frischen arteriellen Zugang am Unterarm legte. Auch das nun sofort analysierte arterielle Blutgas zeigte wenig Veränderungen, weder zum Besseren, aber eben auch nicht zum Schlechteren und so tauschte man die Verneblermaske nun gegen eine Beatmungsmaske und unterstützte seine Atmung mit höheren Drücken und einem Turbinenbeatmungsgerät, was auch dabei half, die Atemwege offen zu halten. Unangenehm war dabei zwar die eng anliegende Maske, aber das Morphin und das beruhigende Zureden der Pflegekraft half Ben, sich darauf ein zu lassen und mit Hilfe des Opiats dämmerte er weiter vor sich hin.

      Der Psychologe war inzwischen ebenfalls nach oben gebracht und auf den Bettplatz daneben geschoben worden. Auch er wurde mit dem Monitor verbunden, bekam ein Krankenhaushemd und man kontrollierte die Blutgase, aber so wie es aussah, war sein Zustand nicht kritisch und das Cortison, die Verneblung und Überwachung würden vermutlich genügen. Allerdings waren bei ihm, wie bei Ben, die Fingerabdrücke von Elias am Hals blau unterlaufen zu erkennen und die Pflegekraft, die ihn aufnahm und versorgte, erschauerte. „Das muss ja ganz schrecklich gewesen sein, von so einem Koloss von Mann angegriffen und beinahe umgebracht zu werden!“, bedauerte sie ihn und Philipp Schneider nickte-auch er würde eine Weile brauchen, um das Erlebte zu verarbeiten. Wie viel schlimmer musste es da erst Ben gehen, der ja bereits ein tagelanges Martyrium hinter sich hatte und psychisch und physisch stark angegriffen war.

      Inzwischen war einige Zeit vergangen und Hartmut, der natürlich bereits über die Geschehnisse auf dem Laufenden war, war ins Krankenhaus geeilt, um die Lage zu sondieren-Ben musste doch das Orchideenextrakt bekommen! Allerdings ließ man ihn zwar auf die Intensivstation, aber die Schwester die er fragte, schüttelte den Kopf. „Herr Jäger kann aktuell unmöglich etwas schlucken und muss auch streng nüchtern bleiben, weil es jederzeit sein kann, dass man ihn doch noch intubieren oder sogar koniotomieren muss. Auch auf die schüchterne Nachfrage wegen einer Magensonde schüttelte sie entsetzt den Kopf. „Wenn man in seinem Rachen jetzt herumbohren würde, würde sofort alles komplett zu schwellen, wir sind froh, dass wir ihn halbwegs stabil haben! Jetzt kommt gleich ein Chirurg und dann noch der Urologe, die ihn beide versorgen werden, es tut mir leid, ich kann sie nicht einmal zu ihm lassen, aber glauben sie uns, wir passen gut auf ihn auf!“, versicherte sie ihm und so zog Hartmut schweren Herzens wieder ab.

      Auch Semir war kurz auf der Intensiv gewesen und hatte sich nach dem Zustand aller Verletzten und auch Sarah´s erkundigt. Bei Sarah ging es rasant aufwärts, anscheinend wirkte die Urwaldmedizin, aber der kleine Türke war fast froh, dass sie noch intubiert war und vor sich hin schlief, so musste man ihr von der neuen Aufregung um Ben nichts mitteilen und sie in Angst und Schrecken versetzen. Ihre Eltern waren natürlich geschockt, als er ihnen berichtete was passiert war, aber als er dann nach einem sehnsüchtigen Blick durch die Glasscheibe auf den schlafenden Ben und einem Winken zum Psychologen, dem er auch sein Handy übergeben ließ, damit der via WhatsApp seine Familie benachrichtigen konnte, die Intensivstation verließ und nach Hause fuhr, fühlte er sich, als hätte ihn ein LKW überrollt. Erst der Alltag zuhause mit seiner Familie brachte ihn wieder herunter und ließ ihn spät abends dann doch noch in den Schlaf finden.
    • Zuerst kam der Chirurg zu Ben und besah sich die Leiste, die immer noch trotz fest verklebter Kompressen vor sich hin sickerte, aber wenigstens war kein großer Blutverlust auf diesem Weg mehr erfolgt. Der Arzt zog sterile Handschuhe an, betastete die Wundumgebung und sagte dann zum Stationsarzt in der Tür und der betreuenden Schwester neben dem Bett: „Es ist auf jeden Fall bereits ein großes Hämatom entstanden, das bei Gelegenheit entlastet werden muss, allerdings ist das keine Notfallindikation und muss nicht heute geschehen“, denn natürlich hatte er vom Stationsarzt eine Kurzversion der Ereignisse bereits telefonisch erfahren und wusste um den kritischen Zustand des Patienten.
      „Nachdem man die Femoralarterie nicht einfach so ligieren-also abbinden –kann, ohne die Durchblutung des gesamten Beins zu gefährden, wäre es eventuell notwendig das Gefäß zu patchen, also mit einer Art Flicken zu versehen. Das kann ich aber nicht blind und hier im Zimmer vornehmen, sondern dazu müssten wir in den OP oder wenigstens einen Eingriffsraum mit Röntgenmöglichkeit, das ist ein gefäßchirurgischer Eingriff. Allerdings ist Herr Jäger ja an und für sich jung und gesund und hat noch elastische Gefäßwände, ich denke also, dass wir die Blutung auch mit einem richtigen Kompressionsverband um die Hüfte zum Stehen bringen könnten-nicht so ein paar Kompresschen mit einem straffen Pflasterzügel drüber“, warf er einen tadelnden Blick in die Runde. „Ich schlage vor, wir versuchen das zunächst einmal, beobachten dann, ob die Blutung steht und die Hämatominzision kann man dann in den nächsten Tagen vornehmen. Und wenn das nicht klappt, muss er eben doch intubiert werden. Wir brauchen also Kompressen, einige breite Kompressionsbinden, ein steriles weiches OP-Tuch und eine schmale Kompressionsbinde, sechs Zentimeter breit mit Verpackung, dazu noch jede Menge Leukoplastzügel und zwei Personen, die beim Drehen helfen, oder ihn alternativ hoch heben-je nachdem wie das mit der Beatmungsmaske geht“, forderte er und wenig später war das Gewünschte im Zimmer. Ein kräftiger Pfleger eilte zu Hilfe und dann legte der Arzt erst einen dünnen Kompressenstapel auf die Einstichstelle, aus der immer noch hellrotes Blut sickerte, drückte dann die verpackte harte Binde darauf und nun wurde um Ben´s kompletten Unterkörper und den Oberschenkel ein straff sitzender Hüftverband angelegt. Man hatte ihm noch einen Morphinbolus gegeben und hob ihn auch immer hoch, wenn eine Bindentour übers Gesäß ging, denn das Drehen war mit der Maske schwieriger als das Anheben und binnen Kurzem hatte er einen mit Pflasterzügeln fixierten straff sitzenden Hüftverband vom Nabel bis zur Mitte des einen Oberschenkels, der eine kontinuierliche Kompression über das Verbandpäckchen auf die Einstichstelle ausübte. Angenehm war etwas anderes und Ben stöhnte mehrmals unter der Maske, aber man gab ihm, weil sein Kreislauf diesmal mitspielte, ausreichend Opiat, so dass er völlig benommen war und eigentlich gar nicht so richtig kapierte was mit ihm gemacht wurde. Der Chirurg, der Ben zuvor noch nie gesehen hatte, hatte mitleidige Blicke auf dessen geschwollenen, ebenfalls leicht blutenden und teils verbundenen Genitalien geworfen-mein Gott, was mussten manche Menschen aushalten! Aber das Vorhaben gelang-wenigstens fürs Erste stand die Blutung und kaum war diese Baustelle erst versorgt, stand auch schon der Urologe im Zimmer.

      „Und sie sagen der Blasenkatheter lag mit geblocktem Ballon auf dem Fußboden?“, fragte er nach einem Blick zwischen Ben´s Beine und die Schwester, die beim Notfalleinsatz dabei gewesen war, nickte. „Gut-dann ist die Therapie klar und es muss auch keine weitere Diagnostik erfolgen. Die Blutung wird durch kleine Einrisse in der Schleimhaut verursacht, der Ballon hat sozusagen gleich wie ein Bougie gewirkt und die Harnröhre gedehnt, was ganz abgesehen von den Schmerzen therapeutisch gar nicht so schlecht war. Wenn es zu einem Abriss der Urethra gekommen wäre, wäre die Blutung stärker, ich werde also einen neuen dicken zweilumigen Spülkatheter legen, der komprimiert die kleinen Gefäße und damit nichts verstopft, machen wir eine Dauerspülung mit Ringerlösung“, ordnete er an und die Pflegekraft außerhalb des Isolierzimmers beeilte sich auf Bitten ihrer Kollegin, das Gewünschte aus den Schränken zu holen und heran zu schaffen. Mit einem sterilen Katheterset wurde alles desinfiziert, die Harnröhre mit betäubendem Gleitgel versehen, aber weil Ben ja Morphin hatte und seiner Ansicht nach das Ganze gar nicht so richtig mitbekam, schob der Urologe den dicken Katheter ohne große Wartezeit und langem Reden in seinen Patienten.

      Ben brüllte unter der Beatmungsmaske auf und der Psychologe im Nebenbett wurde ganz blass, als er sah, welchen Torturen sein Patient, der ihm sehr am Herzen lag, schon wieder ausgesetzt wurde. Erstens kniff er als Mann sozusagen solidarisch unbewusst die Beine zusammen und wollte sich gar nicht vorstellen, wie weh sowas tat, aber dann hätte er den Behandler am liebsten geschüttelt und ihm ordentlich die Meinung gesagt, denn für das Trauma seines Patienten war das sozusagen das denkbar Schlimmste, was man ihm antun konnte. Ohne Erklären oder Narkose ein peinlicher und schmerzhafter Eingriff im Intimbereich-und das bei dieser Vorgeschichte!

      Ben, der gar nicht wusste, wie ihm geschah, sondern im Halbdämmer alles über sich hatte ergehen lassen, mobilisierte die letzten Kräfte und schlug und trat wild um sich, als ihm seiner Meinung nach erneut Gewalt angetan wurde. Sowohl die Schwester, die assistierte und gerade den Ballon des Verweilkatheters blockte, als auch der Urologe bekamen etwas ab, Ben´s Blutdruck schoss in die Höhe, woraufhin natürlich die Leiste wieder trotz Druckverband erneut zu bluten begann. „Wir müssen ihn fixieren-er ist ja fremdgefährdend!“, rief der Urologe, sprang vom Bett weg und rieb sich den schmerzenden Unterarm.

      Auch die Schwester, die Ben´s Knie an den Kopf bekommen hatte, wollte soeben die Fixies aus dem Pflegewagen holen und sich einen Bauchgurt bringen lassen, da schwang der Psychologe, der gerade kaum mehr Beschwerden hatte, seine Beine aus dem Bett. Man hatte ihm die Boxershorts belassen, er hatte vorhin schon probeweise die Sauerstoffnasenbrille abgelegt und keine Atemnot bekommen und fand eigentlich, dass er wieder fast wie neu war, nur seine Stimme klang noch etwas heiser.
      „Wenn sie das tun, verstärken sie sein Trauma, denn genau das war es doch, was ihn schier um den Verstand gebracht hat und jetzt diese Panikattacken verursacht-er wurde festgebunden und sexuell gefoltert-für ihn fühlt sich das gerade an, wie im Folterkeller-ich hoffe sie kennen beide seine Vorgeschichte und wissen, wie seine Genitalverletzungen zustande gekommen sind“, rief er eindringlich, beherrscht und dennoch ruhig-gelernt war gelernt.
      „Wie ich sehe, reichen meine Überwachungskabel bis da rüber-bitte stelllen sie mir einen Stuhl an sein Bett, ich werde auf ihn aufpassen und verspreche ihnen, ich werde verhindern, dass er jemandem was tut-nur binden sie ihn nicht fest!“, bat Philipp Schneider und nach einem Blickwechsel mit dem Urologen und dem Stationsarzt, der den Tumult mitbekommen hatte und wieder in der Tür stand, stöpselte man die Infusion des Psychologen ab, die war eigentlich nur zum offen halten des Zugangs gedacht und die anderen Überwachungskabel-Sättigungsfühler, Blutdruckmessung und EKG-Überwachung- reichten tatsächlich und so hielt wenig später der Psychologe Ben´s Hände fest, sprach beruhigend auf ihn ein und so konnte man noch die kontinuierliche Blasenspülung an den Katheter anschließen und den gemarterten Polizisten dann endlich zudecken und in Ruhe lassen.
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