Ein schreckliches Erbe

    • in Erarbeitung
    • Susan

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    • Semir und Sarah saßen schweigend neben dem Bett. Jeder hielt eine Hand des Schwerkranken und immer wieder wuschen sie sein Gesicht und seinen Oberkörper mit kühlem Wasser ab, damit die Verdunstungskälte das Fieber senkte. Andy lagerte Ben zwischendurch, erneuerte die verschwitze Unterlage und brachte frische Eisbeutel. Nach zwei Stunden hängte Sarah einen Ablaufbeutel an die Ernährungssonde und atmete auf, als weder Blut noch die ganze verabreichte Flüssigkeit zurück kamen, sondern nur eine minimale Menge grünlicher Magensaft im Beutel landete. „Gott sei Dank-er verdaut und anscheinend ist das Zeug auch nicht so scharf, dass es die Schleimhaut schädigt!“, erklärte sie Semir den Grund ihrer jetzt wieder etwas besseren Stimmung, die allerdings immer noch von großer Sorge überschattet wurde.
      „Weißt du-ich zerbreche mir die ganze Zeit den Kopf, was wir sonst noch machen könnten, aber mir ist klar, dass unsere ganzen behandelnden Ärzte, eingeschlossen der Chefarzt, das ebenfalls getan haben und ich kann seine Anweisung auch gut nach vollziehen. Ich habe keine Ahnung, wie ich mich fühlen würde, wenn ich Ben mit diesem Zeug geschadet, oder ihn sogar umgebracht hätte. Eigentlich könnte sich in dieser Tüte auch ein Gift befinden und das ist bis jetzt noch nicht einmal ausgeschlossen. Mittel die schwere Organschäden verursachen, führen oft schleichend zum Tode und wenn wir nicht so verzweifelt mit dem Rücken zur Wand stehen würden, wäre ich dieses Risiko nie eingegangen. Aber ich habe auch überlegt, was Ben, wenn er dazu in der Lage wäre uns das mit zu teilen, wollen würde. Er war immer schon risikobereit und schert sich, wenn er es für richtig hält, auch nicht um Vorschriften. Frau Krüger kann da ein Klagelied davon singen, aber letztendlich ist es bis jetzt immer gut aus gegangen und ich würde mir ebenfalls mein Leben lang Vorwürfe machen, wenn er stirbt und ich habe nicht einmal versucht, ihm die Medizin zu geben“, endete sie ihre Rede und Semir hörte verständnisvoll zu.

      „Sarah-ich denke auch, wir haben das Richtige getan. Ich war ja schon froh, dass auf seine Schreie, als wir die Sonde gelegt haben, niemand reagiert hat!“, bemerkte er und Sarah lächelte jetzt ein wenig. „Einmal war die geschlossene Tür wegen der Isolierung mal zu etwas nutze. Normalerweise ist das für uns Pflegekräfte eher erschwerend, weil wir alle Geräte vernetzen müssen, da wir von draußen ja keinen akustischen Alarm hören können. Aber die zweite Wahrheit ist-das Pflegepersonal steht überwiegend auf unserer Seite und meine Kollegin der Frühschicht hat das mit mir heute Mittag am Telefon regelrecht ausgemacht, wie wir verfahren könnten,“ berichtete sie und jetzt verstand Semir auch, warum der junge Pfleger, der die Magensonde doch bemerkt haben musste, nichts gesagt hatte.
      „Aber was geschieht, wenn der Chefarzt diese Sonde sieht? Wird er nicht darauf bestehen, dass sie sofort entfernt wird?“, fragte er nun seine Freundin, aber die zuckte nur mit den Schultern. „Ich weiß es nicht, was er tut oder sagt, aber Fakt ist-wir haben jetzt Freitagnachmittag. Die nächste Chefvisite findet wieder am Montagmorgen statt. Wenn natürlich irgendjemand den Chef darauf aufmerksam macht, dass wir hier sozusagen gegen seine Anordnung therapieren, gibt es richtig Ärger, aber wenn es Ben übers Wochenende vielleicht deutlich besser gehen sollte, wird man einfach davon ausgehen, dass die Antibiotika doch gewirkt haben und nicht weiter nachforschen“, begründete sie ihre Hoffnung.

      „Ich könnte ansonsten auch vielleicht noch versuchen, Ben in eine andere Klinik verlegen zu lassen, die risikobereiter ist, aber in seinem Zustand würde ich ihn dadurch gefährden und so lange sie hier einfach die Augen zudrücken, werde ich gar nichts unternehmen,. Außerdem habe ich zwar eine von ihm unterschriebene Vorsorgevollmacht zuhause, in der wir beide-du und ich- als die Personen vorgesehen sind, die seine Sachen regeln sollen, wenn er selber dazu nicht in der Lage ist, aber die gilt noch nicht zu hundert Prozent-rechtlich muss erst ein Betreuungsverfahren eingeleitet werden und wenn der Schrieb des Amtsgerichts dann vorliegt, können wir in seinem Sinne für ihn rechtlich bindende Entscheidungen treffen. Außerdem denke ich-wenn das Fieber sinken sollte und es ihm nur ein wenig besser geht, kann er ja wieder mit uns und auch mit den Ärzten kommunizieren und selber sagen, was er möchte-er ist ja weder sediert noch hat er einen Schlag auf den Kopf gekriegt, sondern ist einfach im Moment zu krank, um für sich Verantwortung zu übernehmen!“, teilte sie ihre Gedanken mit und Semir nickte zustimmend mit dem Kopf.

      In diesem Moment begann Ben sich erneut stöhnend in seinem Bett herum zu werfen und murmelte immer wieder: „Nein, nein, bitte nicht!“, und versuchte dabei seine Hände über seine doch zugedeckte Scham zu legen, soweit das mit den ganzen Kabeln möglich war. Sarah und Semir erfassten sofort, wo er sich gerade wähnte und streichelten ihn beruhigend, während sie ihm gut zu sprachen. Aber anders als erwartet, ließ er sich diesmal nicht beruhigen, sondern machte sich ganz steif und wandte sich von ihnen ab, entzog ihnen seine Hände und murmelte nur immer „Nein, nein, nein!“

      Er befand sich in einem nicht enden wollenden Alptraum. Erst hatte ihn diese Frau betäubt und überwältigt und dann hatte er keine Chance mehr gehabt zu fliehen. Unendliche Schmerzen, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit und doch war er gerettet worden. Wie Lichtblitze tauchten Gedankenfetzen durch sein Hirn, die Vergangenheit und die Gegenwart vermischten sich zu einem einzigen fiebrigen Durcheinander. Semir neben ihm, warmes Blut, das ihn benetzte, aber die Gewissheit, jetzt würde alles gut werden. Die Sorge um Sarah, fremde Hände, die an ihm herum manipulierten. Er wollte das nicht, wusste aber, er musste das zulassen, denn er war jetzt im Krankenhaus und die ganzen Ärzte und Schwestern machten nur ihre Arbeit um ihm zu helfen.
      Lucky´s warme tröstende Zunge, die ihn ableckte, sein Winseln, das Piepsen der Geräte, alle Geräusche, dazu die murmelnden Stimmen um ihn herum vermischten sich zu einer Kakophonie der Laute, bis er wieder weg dämmerte und dann wach wurde, als Sarah´s und Semir´s Gesichter ganz nahe vor ihm waren. Ihm war schwindlig, seine Frau erklärte irgendwas, aber er war zu müde, um zu verstehen was sie sagte. Aber jetzt tat ihm wieder jemand Gewalt an und steckte einen weiteren Schlauch in ihn. War das Maria? Er konnte die Mienen nicht mehr erkennen, wehrte sich und riss den Schlauch aus seiner Nase, der ihn würgen ließ, heraus, er zitterte, schrie, aber erneut wurden seine Hände fest gebunden und ihm wurde Gewalt angetan. Er war jetzt ganz still, denn eine schreckliche Gewissheit ergriff von ihm Besitz: Sarah und Semir standen auf der anderen Seite und hatten sich mit Maria und allen verbündet, die ihm weh tun wollten. Sie waren es, die ihn quälten und als er wieder flach gestellt und seine Hände los gebunden wurden, gab er einfach auf. Er hatte keine Kraft mehr und auch wenn ihm eine tröstende Ohnmacht verwehrt blieb, verdrängte er die murmelnden Stimmen und es blieb nur eine einsame entsetzliche Leere-man hatte ihn verraten.
    • Semir und Sarah waren ganz verzweifelt. Ben wandte sich von ihnen ab, entzog ihnen seine Hände und öffnete die Augen kein einziges Mal mehr. „Was meinst du-ist das eine Nebenwirkung des Medikaments?“, fragte Semir bedrückt und Sarah zuckte mit den Schultern, was sie gleich darauf das Gesicht verziehen und schmerzvoll ausatmen ließ-Mann sie verdrängte immer, dass sie selber auch angeschlagen war. „Ich weiß es nicht, aber ich kann mir sein Verhalten auf jeden Fall nicht erklären. Vielleicht ist er aber einfach zu weit weg, als dass er das bewusst macht“, vermutete sie.

      Inzwischen war es später Nachmittag geworden und auf den Stationen wurde das Abendessen ausgeteilt. „Semir-ich gehe mal kurz auf mein Zimmer, esse einen Happen und werfe eine Schmerztablette ein, sonst verträgt die mein Magen nicht. Danach löse ich dich ab und dann gehst du bitte in die Cafeteria was essen, bevor die zumachen. Wir müssen auch auf uns schauen, denn wir müssen ihm das Medikament regelmäßig verabreichen, wenn es wirken soll-wenn es denn überhaupt wirkt!“, teilte sie ihm mit und erhob sich mit leichtem Stöhnen. „Sarah-ich würde sagen-wir machen das das nächste Mal noch gemeinsam, du zeigst mir, worauf ich achten muss, aber heute Nacht übernehme ich das-ich hatte ja eh vor da zu bleiben“, offerierte Semir und als Sarah keine Widerworte fand, machte sich Semir Sorgen-ihr musste es wirklich selber nicht gut gehen, auch wenn sie es zu verbergen versuchte, ansonsten hätte sie vermutlich protestiert.
      „Um 20.00 Uhr ist die nächste Dosis fällig, die Cafeteria hat bis 19.00 Uhr auf-ich gehe jetzt und komme in Kürze wieder!“, kündigte die junge Frau an und verließ leicht schwankend den Raum. Semir sah ihr besorgt nach-sie gehörte ins Bett und sonst nirgendwo hin, aber er hatte bis jetzt erst einmal bei der Verabreichung zu gesehen und musste das noch einmal gezeigt bekommen, dann würde er sich alleine um seinen Freund kümmern.

      Kaum war Sarah verschwunden, da stand Andy in der Tür. „Herr Gerkhan-Semir-ich weiß nicht wie ich sie nennen soll, da ist ein Herr Freund draußen, anscheinend ein Kollege von ihnen beiden, der sie dringend sprechen will-soll ich ihn herein lassen, oder wollen sie raus gehen?“, fragte er, denn er nahm es mit den Besuchsregelungen nicht so genau wie manche seiner Kolleginnen, die nur enge Angehörige zuließen. Wer seinen Patienten gut tat, durfte rein, er fand, dass man da nicht zum Paragraphenreiter werden durfte. Klar waren Besuche für die Patienten oft auch anstrengend, konnten aber durchaus neuen Lebensmut vermitteln, gerade bei Langliegern. Freilich konnte er persönlich nicht einschätzen, wie dieser sympathische Rothaarige draußen zu Ben stand und der hatte auch ganz bescheiden nur gefragt, ob er kurz Herrn Gerkhan sprechen dürfe.
      „Erstens einmal-Semir genügt als Anrede, immerhin sind sie ein Teil unseres Komplotts, oder wollen wir uns nicht gleich duzen?“, schlug der Ältere vor und Andy ging mit erfreutem Kopfnicken darauf ein. „Und zweitens wäre es super, wenn unser Kriminaltechniker kurz rein dürfte, ich möchte Ben nämlich nicht alleine lassen, nicht dass er die Magensonde wieder raus zieht und wir diese ganze Prozedur, die für ihn ja einer Tortur geglichen hat, nochmal durchführen müssen“, bat er und so stand wenig später Hartmut in der Schleuse und wurde von dem jungen Pfleger angeleitet, wie er sich zu verkleiden hatte.

      Als er kurz darauf in den Raum kam und besorgt an Ben´s Bett trat und die ganzen Schläuche musterte, die in seinem Freund steckten, die Kurven auf dem Monitor betrachtete und die Latte an Infusomaten und Perfusoren, den fast leeren Urinbeutel und das schweißbedeckte Häufchen Elend, das da vor ihm lag und sich unruhig herum warf, streckte er unwillkürlich die Hand aus und berührte Ben an der Schulter. „Hey Kollege, wie geht’s dir denn?“, fragte er und nun geschah etwas, was Semir, der ein wenig abseits stand, die Stirn runzeln ließ. Ben wurde plötzlich ganz ruhig, öffnete die Augen, sah Hartmut konzentriert an und sagte „Beschissen geht’s mir, aber gut dass du da bist!“, bevor er wieder die Augen verdrehte und in seine Fieberphantasien eintauchte. Auch Andy, der noch einen Perfusor gewechselt und ein Antibiotikafläschchen umgesteckt hatte, nahm wahr, wie sein Patient auf den Rotschopf reagierte. „Hey-also bist du gar nicht so weit weg, wie ich gedacht habe, Ben-brauchst du was, hast du starke Schmerzen?“, fragte er und erneut öffnete der Dunkelhaarige die Augen, sah den Pfleger gezielt an und schüttelte den Kopf, bevor er die Augen wieder schloss. Semir allerdings würdigte er keines Blickes, was dem einen Stich versetzte.

      „Hartmut hast du ein wenig Zeit? Ich würde gerne in die Cafeteria gehen und mir was zu essen kaufen, bevor die zumacht. Jemand muss aufpassen, dass Ben sich die Sonde nicht aus der Nase zieht und Sarah sah gerade gar nicht gut aus, die gehört dringend ins Bett und nicht hierher, aber sie hat Angst um ihren Mann und will ihn auch nicht alleine lassen!“, erklärte er und ein verächtliches Lächeln flog jetzt über Ben´s Gesicht, so dass Semir ihn stirnrunzelnd ansah. „Sag mal Ben, spielst du uns allen hier was vor?“, fragte er dann ein wenig angesäuert, bekam aber keine Reaktion von dem jungen Polizisten. So ging er kopfschüttelnd in die Schleuse, riss sich die Handschuhe, den Mundschutz und den Kittel herunter und atmete erst einmal erleichtert auf. Seine Hände waren feucht, er hatte unter dem Kittel geschwitzt und unter dem Mundschutz zu atmen war auch nicht gerade angenehm. Nachdem er sich die Hände noch gewaschen und desinfiziert hatte, verließ er die Intensivstation, ging kurz bei Sarah vorbei, um der mit zu teilen, dass sie bis 20.00 Uhr liegen bleiben konnte und suchte dann die Cafeteria auf.

      „Kaum war Semir verschwunden, richtete sich Ben ein wenig auf. „Hartmut, du musst mich hier weg bringen!“, stieß er aufgeregt hervor, um dann noch anzufügen-„Oh Gott mir wird so schwindlig!“ und dann verdrehte er die Augen und wurde einen kurzen Moment ohnmächtig. Der Monitor schlug Alarm und Sekunden später stand Andy wieder im Zimmer-gerade hatte Hartmut auf die Glocke drücken wollen. „Was war das jetzt?“, fragte der junge Pfleger verwundert, der nur schnell Handschuhe über gezogen hatte und das Noradrenalin höher stellte. Ben´s Blutdruck war gerade abgerauscht, aber als der Kriminaltechniker erklärte, dass Ben sich aufgesetzt hatte, verstand er warum. „Sein Kreislauf ist noch so instabil, er reagiert schon auf die kleinste Lageänderung mit Blutdruckschwankungen. Ben du musst vorerst noch liegen bleiben-verstehst du?“, sagte er, aber von seinem Patienten kam jetzt keine Reaktion. „Was hat er denn-er faselt was davon, dass ich ihn wegbringen soll?“, fragte Hartmut verwundert, aber Andy hatte auch keine Antwort auf diese Frage. „Er hat immer noch hoch Fieber, es kann durchaus sein, dass er phantasiert!“, vermutete er und als sich der Blutdruck stabilisiert hatte, verließ der Intensivpfleger wieder den Raum, um sich um seine anderen Patienten zu kümmern und der alten Dame im Nebenraum das Abendbrot ein zu geben.

      Semir kaufte sich ein Abendessen und eine Flasche Cola und rief kurz Andrea an, die bereits besorgt auf eine Nachricht ihres Mannes wartete. „Semir-meinst du nicht, du solltest mal wieder in deinem Bett schlafen-Ben ist doch in der Klinik und wird professionell versorgt, bei anderen Patienten ist ja auch nicht rund um die Uhr jemand da!“, äußerte sie ihre Bedenken, aber als Semir ihr erklärte, dass man Ben alle sechs Stunden ein wichtiges Medikament verabreichen und ihn zudem daran hindern musste, sich die Magensonde zu ziehen, verstand sie, warum ihr Mann bei seinem besten Freund bleiben musste, er hätte zuhause keine ruhige Minute. „Richte Ben eine gute Besserung von mir aus, wenn du möchtest, bringe ich dir morgen frische Klamotten in die Klinik und ich drücke die Daumen, dass das neue Medikament wirkt!“, gab sie ihrer Hoffnung Ausdruck und Semir sagte leise: „Bei Gott Andrea-das hoffe ich auch!“, bevor er auflegte und sich auf den Rückweg zur Intensivstation machte.

      Maria war in der Klinik inzwischen extubiert worden. Man hatte sie noch einige Stunden nach beatmet und gewärmt, bis der Blutverlust durch Konserven halbwegs ausgeglichen, der Kreislauf mit einer Spur Noradrenalin stabil war und man ohne Gefährdung ihres Lebens den Tubus entfernen konnte. Die Ärzte und Pflegekräfte waren freundlich, allerdings war sie mit Fußfesseln ans Bettgestell gekettet und eine Bewacherin saß im Zimmer und las gelangweilt in einer mit gebrachten Zeitschrift. Maria stand erst noch unter dem Einfluss der sedierenden Medikamente, aber als sie langsam wacher wurde, kam die Erinnerung zurück. Als das nächste Mal ein Arzt, gemeinsam mit einer Schwester ins Zimmer kam, fragte sie aufgeregt: „Mein Baby-wie geht es meinem Baby?“, denn die letzte Erinnerung, die sie hatte, waren die fürchterlichen Schmerzen in ihrem Unterleib, als die andere Gefangene mit dem Besenstiel zugestoßen hatte. Der Arzt, ein älterer, grauhaariger Mann mit gütigem Gesicht, wandte sich ihr zu. Voller Mitleid, denn er wusste nicht, warum die Frau vor ihm im Gefängnis saß, aber das war ihm auch egal. Was er ihr jetzt mitteilen musste, war nicht schön, aber was brachte es, die Wahrheit noch länger zu verschleiern? „Frau Gregor!“, sagte er freundlich. „Uns ist es zwar gelungen ihr Leben zu retten, sie wären nämlich beinahe verblutet, aber leider mussten wir ihre Gebärmutter entfernen, wobei mir von einer bestehenden Schwangerschaft nichts mitgeteilt wurde, aber es hätte auch keine Konsequenz gehabt, denn das Organ und auch Teile des Enddarms waren zu schwer verletzt, um sie zu erhalten. Wir konnten die Eierstöcke belassen, aber der Uterus musste entfernt werden und leider haben sie auch einen künstlichen Darmausgang, der nicht mehr zurück verlegt werden kann, also einen endständigen Anus Präter“, teilte er seiner Patientin mit, die ihn erst fassungslos anstarrte und dann laut zu schreien begann. Nachdem es niemandem gelang, sie zum Schweigen zu bringen, musste sie mit starken Beruhigungsmitteln ruhig gestellt werden. Die JVA-Beamtin, die in etwa in Maria´s Alter war, sah sie an, als sie dann schlafend, im Banne der schweren Medikamente, in ihren Kissen lag. „Mein Gott-das hättest du dir früher überlegen müssen, im Knast herrschen eigene Gesetze, das wirst du noch lernen, dich mit gewissen Leuten nicht an zu legen!“, murmelte sie und widmete sich dann wieder Kaugummi kauend ihrer Zeitschrift, nicht ohne vorher den Sitz ihrer Waffe und des Gummiknüppels überprüft zu haben.
    • Als Semir zu Ben zurück kehrte, bemerkte er sofort, wie sich der versteifte, als er nur in seine Nähe kam. „Ben was soll das-ich will dir doch nur helfen!“, redete er ihn fast ein wenig schärfer an, als er beabsichtigt hatte. Das wiederum führte dazu, dass Ben sich nur noch mehr in sich selber zurück zog. Hartmut hatte die beiden sehr genau beobachtet und spürte sofort, dass da etwas zwischen ihnen stand. Er bemerkte außerdem, dass Semir ebenfalls am Ende seiner Kräfte angelangt war. Er konnte sich schon vorstellen, dass eine Nacht auf der Intensivstation nicht sonderlich erholsam war und an den Nerven rüttelte. Kurz überlegte er, was er heute noch vorhatte, aber da war nichts, was ihn unbedingt nach Hause geführt hätte. Seine Affäre mit Jenny war lange beendet und aktuell gab es keine neue Frau in seinem Leben. Abends zockte er meistens ein wenig oder lümmelte vor dem Fernseher, aber etwas Besonderes stand heute nicht an. Vielleicht wäre er sogar wieder in die KTU zurück gefahren, um Tests mit dem mysteriösen Pulver durch zu führen. Allerdings hatte Ben die erste Dosis bereits erhalten und war noch am Leben, also konnte man zumindest ausschließen, dass es ein schnell wirksames Gift war. Und die näheren Untersuchungen würden sowieso dauern, also konnte er sich- genauso gut wie Semir schon so oft- die Nacht hier auf der Intensivstation um die Ohren schlagen.
      Aus irgendwelchen Gründen misstraute Ben nämlich seinem Partner und als kurz vor 20.00 Uhr sich dann Sarah, die wieder vom Fieber gerötete Augen hatte, in den Raum schlich und er auch auf sie voller Ablehnung und Misstrauen reagierte, stand Hartmut´s Entschluss fest. „Leute-jetzt zeigt ihr mir, wie man das Pulver eingibt und dann schaut ihr alle beide, dass ihr ins Bett kommt, ich bleibe da!“, offerierte er und heute kamen von niemandem Widerworte.

      Sarah, die sich wirklich kaum mehr auf den Beinen halten konnte, trat aber erst einmal zu ihrem geliebten Mann ans Bett und beugte sich über ihn, woraufhin er sofort den Kopf beiseite drehte, die Lippen fest zusammen presste und regelrecht erstarrte. In Sarah´s Augen schossen die Tränen. „Ben-das ist ungerecht! Wir riskieren hier Kopf und Kragen, unseren Job und unsere Gesundheit, um dir zu helfen und anstatt mit zu machen und uns dankbar zu sein, strafst du uns mit Verachtung!“, klagte sie und konnte ein Aufschluchzen nicht verhindern. Das Verhalten des Dunkelhaarigen, auch wenn er schwer krank war, traf sie bis ins Mark. Ben´s Körpersprache zeigte nur Abwehr, ob er überhaupt erfasste, was sie zu ihm sagte, war nicht zu erkennen, aber wenn ein Außenstehender die Szene beobachtet hätte, wäre er nie im Leben auf die Idee gekommen, dass diese beiden Menschen ein glückliches Ehepaar sein sollten. Viel zu viele Emotionen, wirre Gefühle, Angst, Aggression und Abwehr lagen in der Luft.

      Auch Semir war zutiefst empört. Wenn es gegen ihn zu einer Anzeige kam, war er seinen Job los-er tat hier Ben zuliebe etwas absolut Ungesetzliches und auch Sarah riskierte alles, nur damit dieser Schnösel da im Bett sie ignorierte. Er hatte eine Mordswut in sich und hier schlug sein südländisches Temperament durch, das Ben doch so gut kennen musste nach all den Jahren. „Jetzt tu nicht so, als könntest du nicht bis drei zählen!“, fuhr er ihn an. „Ich sehe doch, dass du uns allen hier nur was vorschauspielerst. Vermutlich bist du gar nicht so krank wie du tust, sondern willst nur mal wieder von allen bemitleidet werden und im Mittelpunkt stehen! Aber nicht mit mir Freundchen, das sage ich dir-ich lasse mich von dir nicht verarschen!“, tönte er und während Sarah sich todtraurig von ihm zurück zog, füllten sich nun Ben´s Augen mit Tränen, die seitlich an seinem Gesicht herunter liefen und aufs sowieso schon schweißnasse Kopfkissen tropften, aber seine Lider hielt er fest zusammen gepresst und die ganze Körperhaltung mit den geballten Fäusten war einzige Abwehr.

      Hartmut überlegte. Die Emotionen hier im Zimmer schlugen hoch, die Luft war genauso wie die Stimmung zum Schneiden und so versuchte er die Wogen zu glätten. „Leute-ihr seid alle miteinander fix und fertig und braucht einfach mal ne Mütze Schlaf, Ben eingeschlossen. Ich würde vorschlagen, ihr zeigt mir jetzt, wie ich die Medizin verabreichen muss und zieht euch dann zurück“, sagte er und das war ein vernünftiger Vorschlag.
      Semir holte das Pulver aus seiner Jacke in der Schleuse, Sarah maß davon einen gehäuften Teelöffel ab, gab ihn in einen Einmalbecher, fügte ein wenig Wasser hinzu und füllte dann einen zweiten Einmalbecher, die in großer Menge auf dem Pflegewagen standen, mit Wasser. Dann zeigte sie Hartmut und Semir unter Mühe, denn mit einer Hand war das gar nicht so leicht, wie man den Inhalt des Bechers in die Spritze zog und bat dann: „Kann jemand den zweiten Becher aufs Nachtkästchen stellen?“ Semir packte derweil das Päckchen mit dem Pulver in Hartmut´s Jackentasche, damit es niemand an sich nehmen konnte und folgte dann seiner Freundin ans Bett des jungen Polizisten.

      Als der wahrnahm, wer ihm nahe kam und plötzlich merkte, wie es an seiner Nase ruckte, erstarrte er und dann fuhr seine Hand unwillkürlich Richtung Kopf, um den Schlauch, der zwar verdammt unangenehm war, den er aber eigentlich schon vergessen hatte, heraus zu ziehen. Da schlossen sich Hände mit eisenhartem Griff um die Seinen und entlockten ihm ein Aufstöhnen. „Lass das!“, herrschte Semir ihn zornig an. „Wenn du die Sonde raus ziehst, stecken wir sie wieder rein, merk dir das-es ist nur zu deinem Besten!“, fügte er dann noch hinzu, aber Ben hörte ihm gar nicht mehr zu, sondern wehrte sich verzweifelt. Allerdings war er völlig kraftlos und außer einem Blutdruckanstieg geschah nichts weiter und Sarah pausierte rasch für zwei Minuten den Monitoralarm, damit an der Zentrale bei ihren Kollegen keine Alarmmeldung kam. Hartmut beobachtete konzentriert auf welche Anzeige sie am Touchscreen drückte und nahm sich vor, das in der Nacht genauso zu machen.

      „Ich denke du bindest ihm in der Nacht am besten die Hände fest und achte darauf, dass die Tür fest geschlossen ist, falls er losbrüllt!“, wies Semir den Rotschopf an und der hatte plötzlich noch mehr Mitleid mit seinem jungen Kollegen als bisher schon. Wie gingen die denn plötzlich miteinander um? Aber auch er kannte Semir lange genug und wusste, wenn er jetzt etwas zu ihm sagte, würde der regelrecht explodieren und das war absolut nicht zweckdienlich. Sarah konnte sich selber kaum mehr auf den Beinen halten, hatte starke Schmerzen und wollte nur noch raus hier. Was war nur in Ben gefahren? Warum war er so undankbar, wo doch alle nur sein Bestes wollten? Obwohl selber mit den Kräften am Ende, zeigte Sarah, wie man den Ablaufbeutel von der Silikonsonde trennte, dann die Spritze aufsetzte, deren Inhalt hinein entleerte und dann sofort den Verschluss zu klemmte, damit nicht ein Teil des Medikaments wieder heraus und ins Bett lief. Das Wasser zum Nachspülen ließ sie nun Hartmut aufziehen und der machte das sehr geschickt-das war nichts anderes als wenn er bei seinen Versuchsreihen mit Pipetten hantierte und nachdem diesmal Hartmut den Stöpsel geöffnet und die 50 ml Wasser zum Nachspülen in die Sonde gab, diese dann wieder abklemmte und dann vom Bett zurück trat, sagte Sarah: „Das wird schon klappen und wenn nicht, lässt du nachts einfach meine Kollegen bei mir anrufen, dass du mich brauchst, ich komme dann und helfe dir. Wichtig ist noch, einen frischen Ablaufbeutel an zu schließen und zu kontrollieren, dass das Zeug auch verdaut wurde, bevor du die nächste Dosis verabreichst, aber ansonsten wird das schon klappen und ich muss mich jetzt einfach flach legen-bis morgen“, und damit entfernte sie sich, riss in der Schleuse ohne weiteren Gruß die Schutzkleidung herunter und strebte wankend ihrem Zimmer zu.

      Semir hatte Ben die ganze Zeit fest gehalten und dessen Abwehr war jetzt erlahmt, auch die Tränen hatten aufgehört zu fließen, nur eine Schluckbewegung, als das kalte Wasser in ihn floss, verriet, dass er nicht völlig weg getreten war. Auch als Semir ihn los ließ und nach einem kurzen Gruß Sarah nach lief, um sie zu stützen und auf ihr Zimmer zu bringen, rührte er sich nicht-er hatte aufgegeben. Die ganze Welt hatte sich gegen ihn gestellt, er war mutterseelenalleine und jeder wollte ihn nur quälen und ihm Gewalt antun. Er betete innerlich um einen schnellen Tod, fühlte sich hundeelend und weil seine Frau und sein bester Freund sich gegen ihn verschworen und mit Maria, deren schreckliche Fratze er immer wieder vor sich sah, verbündet hatten, gab es nichts mehr, was ihn hier auf dieser Erde hielt. Seine Kinder-ach wie er sie vermisste- aber wer hätte gedacht, dass es das letzte Mal war, dass er sie gesehen hatte, als er vor unendlich lange erscheinender Zeit, die aber vermutlich noch kaum mehr als eine Woche her war, mit ihnen gefrühstückt und sie mit Küsschen verabschiedet hatte. Was war nur schief gelaufen, dass es so enden musste, aber er wusste nur eines-er würde nicht mehr kämpfen, der Tod würde kommen wie ein Freund, nicht wie ein Feind, dann würden auch die schlimmen Schmerzen verschwinden und als es jetzt ruhig um ihn wurde, dämmerte er weg, bis Andy ihn ein letztes Mal vor der Übergabe frisch machte. Als er die Augen ein wenig öffnete, bemerkte er überrascht, dass Hartmut neben ihm saß und ihn beobachtete, aber auch das interessierte ihn nicht mehr-er wollte nur noch sterben!
    • Sarah hatte ihr Zimmer noch nicht erreicht, als es ihr trotz Semir´s Stütze die Beine weg zog und sie leichenblass zu Boden sank. Auf Semir´s Hilferufe hin kamen zwei Schwestern aus verschiedenen Zimmern gerannt, holten sofort Sarah´s Bett und gemeinsam hoben sie sie hinein. Der kleine Polizist hätte sie auch alleine tragen können, aber er befürchtete, ihr nur noch mehr Schmerzen zu bereiten, wenn er sie ungeschickt anfasste. Sie wurde rasch in ihr Zimmer gefahren und dort zog man ihr die verschwitzte Kleidung aus. „Sind sie verwandt?“, wurde der kleine Türke gefragt und als er den Kopf schüttelte, forderte man ihn zum Gehen auf. „Wir kümmern uns schon um Frau Jäger, die hat sich vermutlich nur überfordert. Wir holen gleich einen Arzt, aber sie verstehen, dass wir hier die Intimsphäre unserer Patientin bewahren müssen“, war die Erklärung dazu und weil er persönlich jetzt sowieso nichts machen konnte, wandte er sich um und strebte zögernd dem Parkplatz zu.

      Er war selber an der Kante, die letzten Tage und Stunden hatten an seinen Nerven gezerrt, er war übermüdet und hungrig, trotz des kleinen Imbisses vorhin und wusste, dass es jetzt die beste Lösung war, nach Hause zu fahren und eine Mütze voll Schlaf zu bekommen. Und dennoch fühlte er sich schlecht. Er hatte seinen besten Freund angefahren und als Simulanten bezeichnet, dabei wusste er natürlich, was für schreckliche Dinge der hinter sich hatte und wie schwer krank er immer noch war. Was war nur mit ihm los, dass er sich so wenig unter Kontrolle hatte? Aber dann atmete er tief durch, ging aufs Gas und fuhr durchs nächtliche Köln nach Hause. Andrea, die die Kinder bereits ins Bett gebracht hatte und gemütlich auf der Wohnzimmercouch bei einem Buch und einem Glas Wein den Tag beschließen wollte, sah überrascht auf, als sich der Schlüssel im Schloss drehte. „Oh-schön dass du da bist, ich habe nach unserem Telefonat vorhin gar nicht mit dir gerechnet!“, sagte sie. „Hartmut bleibt heute Nacht bei Ben“, war die einzige Information, die ihr Mann daraufhin raus ließ, dann an den Kühlschrank ging, sich ein Bier holte und sich mit einem Seufzen neben sie aufs Sofa fallen ließ.

      „Was ist los-ich merke doch, dass dich etwas bedrückt?“, fragte sie, aber Semir wollte im Moment nicht darüber reden. „Wenn du möchtest-es ist noch eine Portion Spaghetti mit Tomatensauce da!“, informierte sie ihn dann und Semir nickte. „Ich mach sie mir nachher warm, aber erst mal muss ich ein bisschen runter kommen“, erklärte er und jetzt sah ihn Andrea ganz komisch an. Sie hatte gedacht, er käme direkt von Ben aus dem Krankenhaus, warum war er denn gar so schlecht drauf? Aber sie kannte ihren Mann lange genug, um zu wissen, dass er ihr jetzt keine Antwort auf jedwede Frage geben würde. Wenn er ihr etwas erzählen wollte, würde er das tun, wann er wollte und als er später aus den verschwitzten Klamotten gekommen war und frisch geduscht neben ihr lag, nahm er sie fest in den Arm und erzählte: „Ich war heute verdammt ungerecht zu Ben-ich hoffe er nimmt morgen meine Entschuldigung deswegen an. Und wenn er aus irgendeinem Grund die Nacht nicht überleben sollte, werde ich mich mein Leben lang schuldig fühlen, aber ich habe es doch gar nicht so gemeint!“, beichtete er den Grund für seine schlechte Laune und sie tröstete ihn, redete ihm zu, sich trotzdem erst einmal eine Nacht zu erholen und tatsächlich waren eine halbe Stunde später beide fest eingeschlafen.

      In der Klinik hatte man bei Sarah den Blutdruck gemessen, weil sie gar nicht richtig zu sich kam und voller Entsetzen fest gestellt, dass der systolisch unter 60 war. Das rasch gemessene Fieber lag bei 41°C und als der herbei gerufene Arzt ihr sofort einen neuen Zugang gelegt hatte, die Infusion im Schuss in sie hinein lief und man das Bett kopftief gestellt hatte, machte man den Verband auf und beim Anblick der Verletzungsnarbe sog der Arzt die Luft scharf zwischen den Zähnen ein. „Sie muss sofort in den OP, die Wunde muss gereinigt und ein Abstrich gemacht werden und außerdem möchte ich, dass die Intensivstation sie übernimmt, sie ist septisch und braucht engmaschige Überwachung, vermutlich auch Katecholamine!“, diagnostizierte er und als der nächste gemessene Blutdruck eher noch niedriger war, spritzte er ihr eine halbe Ampulle Akrinor, griff zum Telefon und wenig später war Sarah, diesmal im Bett, auf dem Weg zurück, wo sie gerade her gekommen war. Man stabilisierte sie ein wenig und kaum eine halbe Stunde später lag sie auf dem Tisch und man revidierte die Wunde in Vollnarkose.

      Hartmut der keine Ahnung davon hatte, dass der Neuzugang im Nebenzimmer, den er am Rande mit bekam, Sarah war, blickte nachdenklich auf seinen Freund. Er machte sich Sorgen und obwohl Andy, bevor er nach Hause gegangen war, ihm noch den Mobilisationsstuhl mit Bettzeug herein geschoben hatte, konnte er sich nicht vorstellen, hier in der Klinik als Besucher auch nur ein Auge zu zumachen. Obwohl die Tür geschlossen war, herrschte ein hoher Geräuschpegel, ständig läutete das Telefon, man hörte gedämpfte Alarme von Beatmungsmaschinen, Stimmen die sich unterhielten und das Ganze wurde immer wieder untermalt von Ben´s Stöhnen, wenn sich der bewegte und immer noch unruhig herum warf. Andy hatte ihm beim letzten Durchgang nochmals Piritramid verabreicht, das Metamizol, das neben der Schmerzlinderung auch noch fiebersenkend wirken sollte, lief sowieso alle sechs Stunden als Kurzinfusion, aber eine Besserung war noch nicht fest zu stellen, auch die Temperatur lag kontinuierlich über 40°C. Vielleicht war das Mittel auch gar nicht wirksam, sondern es hatte den anderen Patienten nur deswegen geholfen, weil sie fest daran glaubten-Autosuggestion war nicht zu unterschätzen! Hartmut brannte es unter den Nägeln, die Proben zu untersuchen, aber er saß dennoch wachsam neben dem Bett seines Freundes und achtete darauf, dass der sich keinen der Schläuche heraus zog.

      Ben hatte auch nicht mehr gesprochen, seitdem Sarah und Semir gegangen waren und Hartmut wusste nicht, was der überhaupt um sich herum mit bekam. Als Andy vor der Übergabe da gewesen war, hatte er kurz überlegt den Rothaarigen zu informieren, dass Sarah jetzt ebenfalls Intensivpatientin war, aber dann hatte er darauf verzichtet. Erstens einmal-falls Ben doch nicht so weit weg war, wie es schien, würde der sich sicher aufregen, was nicht gut für ihn war und zweitens wusste er auch nicht, ob er damit nicht gegen den Datenschutz verstieß und ob Sarah das überhaupt Recht wäre. Sie war gerade im OP und eine Kollegin hatte sie übernommen-vielleicht wäre es ihr peinlich, von einem männlichen Kollegen versorgt zu werden, darum konnte er sie auch nicht fragen und so beschloss er, jetzt nach Hause zu gehen.

      Hartmut hatte fast ein wenig im Sitzen vor sich hin gedöst, als er plötzlich merkte, dass Ben ihn ansah. Als er seinerseits seinen Freund anblickte, sah der fast noch kränker aus als vorher. Die eingefallenen Gesichtszüge, obwohl der restliche Körper wegen der vielen Infusionen ein wenig aufgequollen wirkte, die mühsame Atmung trotz Sauerstoff und vor allem der absolut mutlose Blick aus den tiefdunklen Augen. „Ben was ist los-kann ich dir irgendwie helfen?“, fragte er besorgt und der Dunkelhaarige suchte jetzt mühsam nach Worten. „Grüß meine Kinder von mir und sag ihnen, dass ich sie immer geliebt habe!“, flüsterte er, bevor er erschöpft die Augen wieder schloss. „Ben-das sagst du ihnen einfach selber, wenn es dir wieder besser geht!“, versuchte er ihn auf zu muntern, aber Ben schüttelte jetzt nur andeutungsweise den Kopf, bevor er sich wieder in sich selber zurück zog. Hartmut bekam es mit der Angst zu tun. Wusste Ben, dass er in Kürze sterben würde? Er hatte schon gehört, dass Menschen vor ihrem Tod manchmal noch klare Momente hatten, bevor es endgültig zu Ende ging. Er studierte die Werte auf dem Monitor, aber die waren eigentlich nicht anders als vorher. Was sollte er tun? Allerdings waren sie hier immerhin auf einer Intensivstation und wenn es zu einer lebensbedrohlichen Krise kam, würden die Ärzte doch hoffentlich noch etwas in Petto haben, aber so ganz überzeugt war Hartmut nicht.

      Es war inzwischen ruhig auf der Station geworden. Gegen Mitternacht hatte die Nachtschwester die Infusionen gewechselt, seinen Freund nochmals kühl abgewaschen und gelagert, aber als sie ihn angesprochen hatte, hatte er keine Antwort gegeben und auch die Augen nicht aufgemacht.
      Für Hartmut zogen sich die Minuten wie Kaugummi. Immer wieder blickte er auf die Uhr. Kurz vor zwei holte er dann die nächste Pulverdosis aus seiner Jacke, löste sie auf und befüllte die große Spritze. Er erinnerte sich daran, was Sarah ihm aufgetragen hatte und schloss erst einen Ablaufbeutel an die Sonde, aber da lief gar nichts heraus-das war gut! Hartmut überlegte: Sollte er tatsächlich die Hände seines Kollegen fest machen, wie Semir ihm regelrecht befohlen hatte? Ben war völlig passiv und rührte sich nicht und darum sagte Hartmut jetzt: „Ben-nicht erschrecken, ich gebe dir jetzt über die Sonde deine Medizin ein!“ und tatsächlich, außer einer Schluckbewegung, als die Flüssigkeit durch die Sonde lief, erfolgte keinerlei Reaktion. Jetzt ließ die Anspannung bei Hartmut ein wenig nach und er wagte es nun doch, sich auf dem Mobilisationsstuhl aus zu strecken. Als die Nachtschwester bei ihrem nächsten Rundgang ins Zimmer kam, lagen vor ihr zwei tief schlafende Männer und als sie das Stundenglas des Urinbeutels umgeleert hatte, schlich sie sich leise wieder hinaus, um sie nicht zu wecken.
    • Ben war wieder in wirren Träumen gefangen. Flashbacks schossen durch sein Hirn, er war abwechselnd im Keller gefesselt, lag voller Schmerzen vor Maria entblößt, ohne sich wehren zu können und dann wieder stand Sarah in ihren atemberaubenden Dessous vor ihm. Er wollte sich ihr begehrlich nähern, aber als er die Hand ausstreckte, um sie zu berühren, verwandelt sich ihr zartes Gesicht plötzlich in Maria´s Fratze, der hübsche Busen fiel herunter und wollte ihn ersticken und dann blitzte wieder die Spritze in ihrer Hand, die ihm weh tun und ihm seinen Samen rauben wollte. Dazwischen starrten ihn hunderte Augen aus Gläsern an und dann wurde ihm bewusst, dass er selber so verschwommen sah, weil eines seiner Augen in so einem Glas schwamm.
      Semir war auf einmal auch ein anderer, der ihn quälte, ihn anschrie und nun gemeinsam mit Maria auf ihn eindrang und ihm etwas in die Nase steckte, was ihn würgen ließ. Mit einem Entsetzensschrei erwachte er. Er fühlte sich hundeelend und hatte Schmerzen, war zu Tode erschöpft, obwohl er doch gerade geschlafen hatte und erst als er seinen hektischen Atem kontrolliert hatte, dann auch nicht mehr so verschwommen sah, wurde ihm bewusst, dass er im Krankenhaus auf der Intensivstation war und jemand neben ihm leise schnarchte. Als er den Kopf drehte, lag da Hartmut und langsam kam Ben ein bisschen runter. Niemand war da, der ihm Böses wollte und als schon die Morgendämmerung durchs Fenster schien, schlief er wieder ein wenig ein, bis die Nachtschwester ihm bei ihrem letzten Durchgang Blut abnahm und ihn anders hin legte.

      Auch Hartmut war wieder wach und besah sich nun seinen schlafenden Freund. Würde das Mittel ihn retten, oder ging es weiter mit ihm bergab? An den Werten auf dem Monitor hatte sich noch nichts geändert, alle Beutel und Zugänge sahen gleich aus und als er die Nachtschwester nach ihrem letzten Durchgang leise fragte, ob sich bei seinem Kollegen irgendetwas verbessert habe, schüttelte sie bedauernd den Kopf. Ben schien nun wach zu sein und als Hartmut ihn anlächelte und ihm einen guten Morgen wünschte, schloss der Dunkelhaarige nur müde die Augen. Verzweifelt versuchte Ben Ordnung in seine wirren Gedanken zu bringen, aber immer wieder erschienen Semir und Sarah mit Teufelsfratzen vor seinem inneren Auge, die auf ihn eindrangen, ihm Gewalt antaten und Schmerzen bereiteten.

      Im Nebenzimmer war anscheinend auch ein Notfall, denn eilig wurden der Reawagen und eine Beatmungsmaschine vorbei gefahren, aber auf so einer Intensivstation war ja immer etwas los und auch wenn er doch etwa vier Stunden geschlafen hatte, war Hartmut wie gerädert und sehnte sich nach einer Dusche und einem bequemen Bett. Als er bemerkte, dass Ben´s vor Fieber glänzenden Augen jetzt auf ihm ruhten, lächelte er ihn an. „Und wie geht’s dir? Fühlst du dich schon ein bisschen besser?“, fragte er betont munter, aber sein Gegenüber schüttelte nur stumm den Kopf. „Das wird schon!“, versicherte er möglichst positiv, aber der junge Polizist wandte den Kopf ab.

      Warum war Semir nur auf die andere Seite gewechselt? Was hatte Maria mit ihm gemacht und warum hatte seine geliebte Sarah ihn verraten? Er schloss erneut die Augen und dämmerte vor sich hin, bis die Schwester vom Frühdienst zum Waschen kam. Hartmut sah kurz auf die Uhr. Um acht wäre die nächste Medikation fällig, er hatte Hunger und musste auch mal dringend zur Toilette, außerdem würde es ihn interessieren, wann Semir käme, um ihn abzulösen. „Ich gehe mal kurz raus, komme aber nachher wieder“, verkündete er und die Schwester nickte. „Geht in Ordnung-wir hier erledigen inzwischen die Morgentoilette, bis später!“, verabschiedete sie ihn betont munter, dabei war ihr gar nicht wohl in ihrer Haut. Im Nebenzimmer kämpfte nämlich die junge Ehefrau ihres Patienten um ihr Leben, doppelt schwer, weil sie ja auch ihrer aller Kollegin und teilweise Freundin war- aber sie waren bei der Übergabe überein gekommen, ihm das nicht zu sagen-damit wollte man warten, bis Herr Gerkhan wieder bei ihm war und das zuerst mit dem besprechen, nicht dass Herr Jäger dann komplett durch drehte. Wie das persönliche Verhältnis zu seinem rothaarigen aktuellen Betreuer war, wusste nämlich niemand-vielleicht war das ja wirklich nur ein Kollege von der Polizei.

      Hartmut fuhr sich auf der Krankenhaustoilette mit einem Kamm durch die Haare, die wie jeden Morgen in alle Richtungen standen, klatschte sich kaltes Wasser ins Gesicht und kaufte sich dann in der Cafeteria, die Gott sei Dank bereits ab sieben Uhr geöffnet hatte, einen großen Kaffee und ein belegtes Brötchen. Danach fühlte er sich wieder wie ein Mensch, telefonierte noch kurz mit Semir, der nach dem Frühstück kommen wollte und machte sich dann auf den Rückweg zur Intensivstation-in 15 Minuten war die nächste Dosis fällig. Tatsächlich war die Schwester auch bei Ben inzwischen fertig, er war gewaschen, seine Verbände waren erneuert und das Bett komplett frisch bezogen. Allerdings war er von der Prozedur furchtbar erschöpft, hatte auch wieder ein Opiat zum Verbandswechsel bekommen, das ihn noch mehr durcheinander machte, als er es sowieso schon war, aber er wehrte sich auch diesmal nicht, als Hartmut ihm das Medikament eingab. Was der zu ihm dabei sagte, war ihm schnurzpiepegal, anscheinend wollte er ihm ja nicht helfen, hier weg zu kommen und so hatte er einfach resigniert. Sollten sie mit seinem Körper machen, was sie wollten, er merkte wie die Lebenskraft immer geringer wurde und wartete auf den hoffentlich gnädigen Tod.

      Semir erwachte am Morgen erholt, als die Sonne ihn in der Nase kitzelte. Der gestrige Tag erschien ihm wie ein böser Traum und als er die noch schlafende Andrea musterte, die völlig entspannt in ihren Kissen lag und aus dem Kinderzimmer die Mädchen kichern hörte, wurde ihm bewusst, wie gut es ihm ging und wie dankbar er für seine Familie sein konnte-und dass sie alle gesund waren. Es war Samstag, deshalb war kein Wecker gestellt und als er nun leise aufstand und gemeinsam mit seinen Kindern, die sich freuten ihn zu sehen, das Frühstück vorbereitete, schalt er sich selber einen Narren. Was hatte ihn nur gestern geritten, so ungerecht zu Ben zu sein? Er würde sich jetzt in aller Ruhe fertig machen und dann in die Klinik zu seinem besten Freund fahren, dem es hoffentlich schon besser ging und sich entschuldigen. Andrea war inzwischen auch aufgestanden und heute frühstückten sie gemeinsam im Schlafanzug und ließen es langsam angehen. Auf seinem Handy war keine Nachricht-weder von Sarah, noch von der Intensivstation und das wertete er als gutes Zeichen. Kurz vor acht rief Hartmut an und er versicherte ihm, ihn demnächst abzulösen. Als er sich gegen neun gemütlich auf den Weg machte, hatten ihm Andrea und die Kinder liebe Grüße an Sarah und Ben aufgetragen und während er durch das morgendliche Köln fuhr, auf dessen Straßen heute nicht- wie werktags um diese Zeit- das Chaos herrschte, fühlte er sich wieder frisch und voller Energie-die Auszeit hatte ihm gut getan!
    • Sarah fühlte sich ganz schrecklich. Sie wusste nicht was schlimmer wog-ihr körperlicher Zustand, oder der Kummer über das Zerwürfnis mit Ben. Nun ja-Zerwürfnis war wohl nicht der richtige Ausdruck, denn dazu gehörte ein Gegenüber das Herr seiner Sinne war und mit dem man auch reden konnte, aber Ben hatte sich in ein Schneckenhaus zurück gezogen und man konnte nur erahnen, was er überhaupt mitkriegte und wie er es zuordnete. Aber seine Abwehr tat weh und dass sie ihn sogar fixieren mussten, um ihm das rettende Medikament einzugeben, schmerzte sie doppelt. Sie versuchte das mit Professionalität anzugehen-wie oft hatte sie schon Patienten zu ihrem eigenen Schutz festbinden müssen. Wenn es ihnen wieder besser ging und man es rational erklären konnte, verstanden das die meisten auch, aber dennoch blieb der Kummer in ihrem Herzen, dass Ben ihr nicht rückhaltlos vertraute. Er sollte doch wissen, dass sie ihn liebte mit all seinen Macken und sie absichtlich nie etwas tun würde, was ihm schadete!

      Allerdings war die Stimmung in dem Isolierzimmer schrecklich gewesen-die Luft troff regelrecht vor Emotionen und negativen Schwingungen. Eigentlich war es nicht ihre Art im Streit auseinander zu gehen, denn sie war ein harmoniebedürftiger Mensch, aber sie war einfach mit ihren Kräften am Ende und sehr froh darüber, dass Semir sie stützte, sonst hätte sie wohl den Weg zur Station zurück gar nicht mehr geschafft. Ihre Beine fühlten sich an wie Wackelpudding, der Schweiß brach ihr aus und irgendwann gaben einfach ihre Knie nach und wenn Semir sie nicht gehalten und langsam hätte zu Boden gleiten lassen, wäre sie vermutlich kopfüber auf den Krankenhausflur geknallt. Sehr weit weg hörte sie dann laute Rufe, merkte wie man sie in ein Bett hob, das gefahren wurde und dann zog man ihr die klatschnass geschwitzte Kleidung aus, ein Arzt öffnete den Verband an ihrer Schulter und erklärte ihr dann, dass sie operiert werden müsse. Leider war ihr inzwischen so schwindlig und übel, dass sie gar nicht mehr richtig mitbekam, was er genau sagte und als sich das Bett wenig später wieder in Bewegung setzte, war sie verwundert, als das nächste bekannte Gesicht, das sich über sie beugte, der Stationsarzt der Intensivstation war, der sie mit besorgter Miene kurz durch untersuchte und ihr dann rasch einen zweiten Zugang in den Unterarm stach, damit man das Noradrenalin kontrolliert geben konnte-den nötigen ZVK und die Arterie würde ihr der Anästhesist in Narkose legen. Ihre Kollegen schwärmten um sie herum, anscheinend war etwas ganz und gar nicht in Ordnung, aber ihr war jetzt alles egal und als sie kurz darauf in den OP gebracht wurde, schloss sie ergeben die Augen als das Narkosemittel anflutete-sie wusste, es geschah alles zu ihrem Besten!

      Als sie wieder ganz wach wurde, lag sie bereits in ihrem Zimmer auf der Intensivstation, ihre Schulter war dick verbunden und schmerzte und mehrere Drainageschläuche kamen aus dem Verband. Sie hatte einen ZVK, einen arteriellen Zugang und einen Blasenkatheter, glühte vor Fieber und als ihre Kollegin sie ein wenig frisch machte, ihr Schmerzmittel gab und die nächste Antibiose anhängte, flüsterte sie schwach und mit dick belegter Zunge: „Wie geht es Ben?“, denn sie war genau im Zimmer nebenan, wie sie erkannt hatte. „Er schläft, Sarah und sein Kollege ist bei ihm!“, beruhigte sie die junge Frau und Sarah schloss wieder die Augen und driftete weg. Dann bekam sie Schüttelfrost und Atemnot, ihr Herz jagte- in ihrem ganzen Leben hatte sie sich noch nicht so schlecht gefühlt und sie hatte plötzlich schreckliche Angst zu sterben. Oh nein-ihre Kinder! Und Ben! Sie konnten doch nicht im Streit auseinander gehen! Man drückte ihr eine Sauerstoffmaske aufs Gesicht, das große Licht ging an und sie wehrte sich. „Ben-ich muss zu Ben!“, flüsterte sie und wollte aufstehen, aber der Stationsarzt beugte sich mit ernster Miene über sie: „Sarah-bleib bitte liegen, du bist sehr schwer krank!“, versuchte er sie zu beruhigen, aber ihre Herzfrequenz stieg weiter und weiter, der Blutdruck sackte trotz massiver Volumengabe und hoch dosierten Katecholaminen ab und die Sauerstoffsättigung fiel ebenfalls trotz 15 Litern Sauerstoff über die Maske.
      „Septischer Schock-Reawagen bereit halten-wir intubieren!“, hörte sie wie durch Watte und dann wurde plötzlich alles um sie herum ganz leicht, sie meinte über dem Bett zu schweben und beobachtete wie ein Außenstehender wie sie intubiert wurde und dann die Paddels des Defis auf ihren Brustkorb gelegt wurden. „Alle weg vom Bett!“, ertönte ein Kommando, dann zuckte ihr Körper als der Stromstoß durch sie hindurch jagte und jetzt wurde alles schwarz um sie herum.

      Semir kam gut gelaunt in der Klinik an. Er ging erst zu Sarah auf die chirurgische Station, aber als er klopfte und keine Antwort kam, spähte er vorsichtig hinein und der Raum war leer, nur ein frisches Bett stand darin. Verwundert ging er zum Stationszimmer, wo ihm die diensthabende Pflegekraft Auskunft gab-sie kannte ihn nicht und auch Sarah hatte sie noch nie gesehen. „Frau Jäger wurde gestern Abend noch auf die Intensivstation verlegt, fragen sie doch dort nach!“, gab sie zur Auskunft und nun schrillten in Semir´s Kopf die Alarmglocken und ein sehr ungutes Gefühl beschlich ihn.

      Unwillkürlich beschleunigte er auf dem Weg dorthin seine Schritte und als er draußen läutete, sagte eine diensthabende Schwester, die ihn Gott sei Dank kannte: „Herr Gerkhan, gut dass sie kommen, wir haben nämlich ein Problem!“, bat sie ihn herein und jetzt läuteten bei ihm alle Alarmglocken. „Ist was mit Ben?“, fragte er schnell, als die Pflegekraft ihn direkt hinter der Tür abholte, aber die schüttelte den Kopf. „Der Stationsarzt untersucht ihn gerade, er möchte aber gerne etwas mit ihnen besprechen!“, informierte sie ihn und bat ihn im Arztzimmer zu warten. Dort dehnten sich die Minuten zu Stunden, bis dann der diensthabende Intensivarzt, ein etwa vierzigjähriger sportlicher Mann, ihn mit Handschlag begrüßte. „Ich bin Dr. Zettler-wir kennen uns noch nicht, aber mir wurde gesagt, dass sie ein enger Freund von Herrn Jäger sind und er auch eine Vorsorgevollmacht unterschrieben hat, die sie auskunftberechtigt macht“, begann er. „Geht es ihm schlechter und was ist mit Sarah?“, fiel ihm Semir voller Sorge beinahe ins Wort und der Arzt, der hinter dem Schreibtisch Platz genommen hatte, suchte nun nach Worten. „Also zunächst einmal zu Herrn Jäger, den ich gerade untersucht habe. Sein Zustand ist unverändert, trotz ihrer eigenmächtigen Medikamenteneingabe!“, teilte er ihm mit und jetzt musste Semir trocken schlucken. Um Himmels Willen, woher wusste der Doktor Bescheid? „Als ich die Magensonde gesehen habe, war mir alles klar, aber glauben sie mir-ich würde das bei meinem Angehörigen genauso versuchen. Bisher hat ihn das Medikament nicht umgebracht, also wird es schon kein hoch giftiges Pflanzenalkaloid sein, aber sie müssen auch den Chefarzt verstehen, er kann das offiziell nicht genehmigen, sonst steht der Ruf der Klinik auf dem Spiel. Ich habe jetzt nachträglich das Legen einer Sonde angeordnet und wir beginnen mit einer langsamen enteralen Ernährung, dass das bereits gestern geschehen ist, braucht niemand zu erfahren. Geben sie das Mittel weiter nach Schema und wenn sich übers Wochenende nichts verändert, haben wir ihm zumindest nicht geschadet.

      Jetzt aber zu einem anderen und viel größeren Problem und ich weiß eigentlich nicht, ob ich überhaupt befugt bin, ihnen Auskunft zu geben. Allerdings sind sie von der Polizei und so bitte ich sie hiermit, nähere Angehörige von Frau Jäger ausfindig zu machen und zu verständigen, um die steht es nämlich sehr schlecht. Und eigentlich sollte man es Herrn Jäger ebenfalls mitteilen, dass der Zustand seiner Frau hoch kritisch ist, aber ich bin mir nicht sicher, ob ihm das nicht schadet-ich allerdings an seiner Stelle würde Bescheid wissen wollen-immerhin ist er ansprechbar“, teilte der sympathische Arzt seine Befürchtungen mit und jetzt musste Semir trocken schlucken. „Steht es wirklich so schlecht um Sarah?“, flüsterte er und der Arzt nickte mit ernster Miene: „Sie hat einen septischen Schock erlitten, obwohl wir die Wunde operativ gereinigt und drainiert haben. Es wurde ein Abstrich gemacht, aktuell liegt noch kein genauer Keimnachweis und vor allem auch kein Antibiogramm vor, es ist allerdings zu befürchten, dass sich dasselbe Bakterium in ihrem Organismus befindet, wie in dem ihres Mannes und wir machen uns alle große Vorwürfe, dass wir einen Kontakt nicht unterbunden haben. Nicht umsonst ist er isoliert und sie war mit einer frischen Operationswunde verstärkt gefährdet. Sie ist beatmet, sehr instabil und so leid es mir tut-wir müssen jederzeit mit ihrem Ableben rechnen!“, legte er schonungslos die Tatsachen offen und jetzt wurde Semir blass und musste tief durchatmen. „Ich verständige ihre Eltern und Geschwister und sage auch der Betreuung der beiden Kinder Bescheid-und dann gehe ich zu Ben. Ich weiß noch nicht, wie ich es ihm beibringe, aber ich denke ebenfalls, dass er es wissen sollte, so schlimm es auch ist. Kann er seine Frau sehen?“, fragte der kleine Türke nun, aber der Arzt schüttelte den Kopf. „Sie sind jetzt alle beide isoliert, aber bevor nicht völlig klar ist, dass es sich um denselben Keim handelt, können wir das nicht genehmigen“, gab er Auskunft und als Semir sich jetzt bei ihm bedankte und dann nochmals kurz die Intensivstation verließ um zu telefonieren, schlich er mit gebeugtem Rücken wie ein alter Mann aus dem Zimmer. Um Himmels Willen-warum zog Ben nur die Katastrophen so magisch an?
    • Sarah´s Mutter fiel aus allen Wolken, als er ihr berichtete, was der Arzt zu ihm gesagt hatte. Erst gestern hatte sie noch mit ihrer Tochter telefoniert und deren Hauptsorge hatte Ben gegolten. „Semir vielen Dank für die Information-ich sage Sarah´s Geschwistern Bescheid und mein Mann und ich, wir machen uns sofort auf den Weg. Wir hätten sie heute Nachmittag sowieso besucht und hatten auch gehofft, Ben sehen zu können-oh Gott-hoffentlich überstehen das die beiden!“, weinte sie fast. Auch Hildegard war schwer betroffen und musste ein Aufschluchzen unterdrücken, weil sie die Kinder nicht beunruhigen wollte, die gerade schön miteinander spielten. Nur Lucky fühlte anscheinend was los war, denn er winselte leise und drückte sich mit seinem riesigen schlanken Körper an ihre Beine. „Ich melde mich, sobald sich Neuigkeiten ergeben, aber jetzt muss ich zu Ben und ihm das irgendwie beibringen, wie schlecht es seiner Frau geht!“, erklärte Semir und Hildegard flüsterte leise: „Ich bete für die beiden!“, denn auch wenn sie nicht mega christlich war, sie persönlich war davon überzeugt, dass es da noch mehr gab als dieses eine Leben und gerade nach dem frühen Tod ihres Mannes hatte ihr Glaube ihr Kraft gegeben. Sie beschloss nach dem Mittagsschlaf mit den Kindern zu der kleinen Kapelle in der Nähe zu laufen und dort zwei Kerzen für deren todkranken Eltern an zu zünden-wenn es nichts nutzte-schaden tat es auf keinen Fall!

      Als Semir wenig später frisch vermummt das Intensivzimmer seines Freundes betrat, begrüßte ihn Hartmut erfreut, aber Ben, der gerade relativ entspannt auf dem Rücken gelegen hatte, drehte sich weg. Semir ignorierte das, auch wenn es ihm momentan einen Stich versetzte. Er hatte gestern im Affekt auch Dinge gesagt, die ihm heute leid taten. Sie waren schließlich alle miteinander am Ende ihrer Kräfte und Ben ahnte noch gar nichts davon, welches Unheil sich schon wieder ereignet hatte und seine Familie bedrohte.
      „Ben-es tut mir leid, dass ich gestern ungerecht zu dir war. Wir sind doch alle mit unseren Nerven am Ende und da sagt man manchmal Dinge, die man nicht so gemeint hat-wie geht es dir denn heute?“, fragte er, aber er bekam keine Antwort. Verdammt-er konnte jetzt nicht einfach mit der Tür ins Haus fallen und dem Dunkelhaarigen schonungslos die Wahrheit ins Gesicht klatschen. Daher zog er sich einen zweiten Stuhl heran, setzte sich nebens Bett und versuchte nach der Hand seines Freundes zu greifen. Der hatte zwar wegen dem Fieber nur eine dünne Decke, aber er versteckte beide Hände demonstrativ darunter, als er Semir´s Absicht bemerkte und rollte sich abwehrend weg und zusammen, was ihn aufstöhnen ließ. Semir steckte mit Maria unter einer Decke und war gekommen um ihn weiter zu quälen. Die trug derweil ein Teufelskind aus und in seinem fiebrigen wirren Hirn vermischten sich Szenen aus einem Kultfilm der Siebziger-Rosemarie´s Baby-in dem eine Frau vom Teufel vergewaltigt wird und die Mitglieder der Teufelssekte sie mit Drogen gefügig machen, mit der Realität, oder vielmehr dem, was er im Augenblick für Realität hielt.

      Hartmut hatte voller Sorge die Szene beobachtet-oh je, das sah aber nicht nach Versöhnung aus! Ben war voller Abwehr, hörte anscheinend nicht auf Semir´s Entschuldigungen und wollte sich auch von ihm nicht anfassen lassen. Nun versuchte er sein Glück: „Ben-hör mal, wir wollen doch alle nur dein Bestes, wir verabreichen dir ein Medikament, das dir helfen soll gesund zu werden. Du musst nur mitmachen und kämpfen, dann wird das schon wieder!“, versuchte er ihm Mut zu machen, aber der Dunkelhaarige reagierte in keinster Weise auf seine Worte.
      Nun versuchte es Semir wieder: „Ben jetzt stell dich bitte nicht so an-ich will doch nur dein Bestes und dir wie jeder hier helfen, wieder gesund zu werden“, versuchte er seinen Freund zu überzeugen, aber der war in seinem persönlichen Fieberwahn gefangen. Krächzend stieß er hervor: „Du brauchst gar nicht zu versuchen mich ein zu lullen, ich weiß schon, dass Sarah und du mich nur quälen wollt-ihr steckt mit diesem Teufelsweib Maria unter einer Decke!“, beschuldigte er den kleinen Türken und in seiner Phantasiewelt war Semir, der den ganzen Untersuchungen und Behandlungen bei gewohnt hatte, nun plötzlich der Verursacher der Schmerzen. Er nahm alle Kraft zusammen, die ihm noch blieb und fuhr fort: „Verschwindet aus meinem Leben, wenn ich das hier irgendwie überstehen sollte, will ich euch nie wieder sehen, ihr habt mich verraten“, und nun flossen einzelne Tränen unter seinen fest zusammen gepressten Lidern hervor, sein Atem ging stoßweise und in seinem Kopf dröhnte es. Wenn es ihm nur ein wenig besser ging, würde er von hier fliehen, seine Kinder und Lucky holen und sich mit denen irgendwo eine neue Existenz aufbauen, wo keine Maria und ihre Teufelssekte ihn finden und quälen konnten.

      Semir hatte Ben fassungslos angeschaut. Das durfte doch nicht wahr sein! Sie rissen sich hier den Arsch auf, um seinem Kollegen zu helfen und der wusste das nicht einmal zu schätzen. Ohne seine Worte zu überdenken-hier ging einfach wieder einmal sein südländisches Temperament mit ihm durch- fuhr er ihn an: „Sarah musst du gar nicht wegschicken! Die hat sich, weil sie sich selbstlos für dich geopfert hat und alles gemacht hat, um dich zu retten, bei dir vermutlich einen Keim eingefangen und ringt im Nebenzimmer mit dem Tod“, stieß er hervor und erst als Hartmut ihn erschrocken ansah, fiel ihm auf, was er gerade gesagt hatte. Um Himmels Willen! Falls Sarah tatsächlich sterben sollte, würde sich Ben vermutlich ein Leben lang deswegen Vorwürfe machen, dabei war er nun wirklich nicht schuld an der ganzen Situation-er war schließlich genauso Opfer wie sie alle hier und nicht Täter!
      „Ben es tut mir leid was ich gerade gesagt habe!“, versuchte er nun ein zu lenken, aber er drang gar nicht zu dem hoch fiebernden Dunkelhaarigen durch und niemand konnte erahnen, was der von der ganzen Sache mitbekommen und verstanden hatte.

      In diesem Augenblick öffnete sich die Tür und der diensthabende Urologe stand im Zimmer. „Gehen sie doch bitte eine halbe Stunde einen Kaffee trinken-ich habe hier zu tun!“, sagte er zwar freundlich, aber mit Autorität in der Stimme. Semir erhob sich zögernd, aber Ben machte keine Geste in seine oder Hartmut´s Richtung-sollte er da bleiben und die Diskussion mit dem Arzt aufnehmen, nicht wissend, ob Ben überhaupt Wert auf seine Anwesenheit legte? Oder sollten sie vielleicht einfach gehen, wie sie es bei jedem anderen Patienten auch tun würden?
      So standen die beiden wenig später in der Schleuse und blickten sich betreten an. „Verdammt noch mal-mit jedem Wort das ich sage, manövriere ich den Karren weiter in den Dreck!“, brach es aus Semir unglücklich heraus und Hartmut schaute auch nur betreten zu Boden. „Ich glaube, wir machen das mit dem Kaffee jetzt wirklich!“, beschlossen die beiden. Die nächste Dosis war erst um zwei fällig und Ben schien ihre Anwesenheit gar nicht zu schätzen.

      Langsam gingen sie hinaus und als sie durch die fest verschlossene Tür des Nebenzimmers spähten, die einen Glaseinsatz hatte, konnten sie dort Sarah, umringt von Geräten, liegen sehen, die bleich wie der Tod war und zwei weitere vermummte Ärzte, die sich anscheinend gerade an ihrem Bett, das sehr kopftief gestellt war, mit ernsten Mienen berieten.
      Als die Schwester, die vorhin mit Semir gesprochen hatte, eilig um die Ecke bog, informierte der kleine Türke sie, dass Sarah´s Eltern in Kürze kommen würden. „Ich habe es Ben gesagt, dass es schlecht um seine Frau steht, aber er hat gar nicht darauf reagiert, ich weiß nicht, ob er es verstanden hat“, fügte der kleine Polizist dann noch hinzu. „Jetzt lassen wir erst einmal den Urologen seine Arbeit machen-ich wollte mich gerade einschleusen und sehen ob ich helfen kann und Ben vor allem einen Opiatbolus geben!“, sagte die junge Frau und in diesem Moment gellte schon ein verzweifelter Schmerzensschrei aus dem Zimmer.
    • In Ben´s Kopf arbeitete es. Was hatte Semir da gesagt? Sarah ringt mit dem Tod? Sein immer noch wirrer Verstand, die Gedanken vom Fieber vernebelt und mit seinen Teufelsphantasien ringend, hatte dennoch immer wieder kurze Phasen der Klarheit. Aber was am lautesten hallte: Er hatte die ganze Misere zu verantworten, hatte Semir ihn beschuldigt.

      Plötzlich stand ein vermummter Mann im Zimmer, der sich als diensthabender Urologe vorstellte und wenig später war er mit ihm allein. „Herr Jäger, ich habe Wochenenddienst und werde sie heute betreuen. Mein Kollege, der sie bisher behandelt hat, hat mit genaue Übergabe gemacht und ich würde mir gerne erstens die Wundverhältnisse anschauen und eventuell die Drainagen ziehen“, erklärte er, aber als von seinem Patienten, der sichtlich nicht ganz bei sich war, keine Reaktion kam, nahm er die Zudecke zur Seite und begann mit seinen behandschuhten Händen den Verband an seinem geschwollenen Unterleib zu lösen. Ben stöhnte auf, jede Manipulation dort unten tat schweineweh. Vielleicht war ja dieser Arzt auch ein Anhänger der Teufelssekte und gekommen um ihn zu quälen? Ja so war es vermutlich und plötzlich bekam er Angst. Er schob die Hände des Behandlers zuerst weg, aber als der sich nicht beirren ließ und ruhig weiter arbeitete, schlug er zu und schrie zugleich gellend auf. Überrascht hörte der Arzt für einen Moment auf, sehr fest hatte Ben ihn nicht am Handgelenk erwischt und erst versuchte er seinem Patienten gut zu zureden. „Herr Jäger-jetzt mal halblang. Ich will ihnen nichts Böses, sondern muss sie nur behandeln. Sehen sie-da kommt schon die Schwester, die wird ihnen was gegen die Schmerzen geben!“, versuchte er ihn zu beruhigen.
      Aber als Ben sich dann immer noch vehement wehrte und auch nach dem Opiatbolus, den ihm die Schwester sofort aus dem Perfusor verabreichte, nicht ruhiger wurde, macht man kurzerhand seine Hände fest und als er danach begann wild um sich zu treten, auch noch beide Beine. Sein Blutdruck schoss in die Höhe, er atmete abgehackt und panisch, die Herzfrequenz stieg an und die Schwester, die sofort das Noradrenalin reduzierte, beobachtete besorgt den Monitor. Ach verdammt, wie gerne würde sie Ben jetzt sedieren, damit er von der ganzen Sache nichts mitbekam, aber sie hatte nichts im Zimmer und Anordnung lag ebenfalls noch keine vor. Bis sie den Stationsarzt aus dem Nebenzimmer geholt hatte, der sich überlegte, was man ihrem Patienten geben konnte, ihre Kollegen, die alle sehr beschäftigt waren, ihr das aufzogen und herein brachten, war die Behandlung vermutlich längst abgeschlossen. Den kurzen Schmerz des Drainagenzugs würde Ben aushalten und warum er sich jetzt so vehement gegen den Urologen wehrte, war ihr sowieso nicht ganz klar. Der konnte normalerweise sehr gut mit seinen Patienten und war ein rücksichtsvoller Facharzt in einem zugegebenermaßen für die Patienten nicht angenehmen Fachgebiet.

      Als Ben bemerkte, dass er mit gespreizten Beinen und straff ans Bettgestell fixierten Handgelenken keine Chance mehr hatte, sich zu wehren, stellte er jede Gegenwehr ein und resignierte. Er zuckte kaum, als die Wunde nochmals durch die Drainagen gespült wurde und dann die beiden Silikonröhrchen, die dem Sekretablauf gedient hatten, entfernt wurden. Ein frischer Verband wurde angebracht, kurz drehte der Urologe unter gutem Zureden noch den Katheter, damit der nicht in der Harnröhre verklebte und löste dann sofort die Fixierungen wieder. „Na war das jetzt so schlimm, Herr Jäger?“, fragte er begütigend, aber sein Patient hatte die Augen fest zusammen gekniffen und nur die einzelnen Tränen, die ihm über die Wange liefen, zeigten, dass er nicht sehr weit weg war. „Gute Besserung, ich schaue morgen wieder nach ihnen“, verabschiedete sich der Arzt, während er den Schutzkittel herunter riss und wie den Rest seiner Schutzkleidung im Müll entsorgte, in der Schleuse seine Hände noch desinfizierte und dann zu seinen anderen Patienten auf der urologischen Station eilte.

      Die Schwester sah mitleidig den jungen Mann vor ihr an. Irgendwie lief der nicht ganz rund, so einiges war sicher durch das Fieber zu erklären, aber dennoch waren seine Reaktionen sehr überschießend. Dann erinnerte sie sich jedoch daran, dass er ja sexuell missbraucht und gefoltert worden war-sowas konnte tatsächlich solche Extremreaktionen hervorrufen und sie nahm sich dringend vor mit dem Arzt zu sprechen, ob man nicht eine der Klinikpsychologinnen zuziehen sollte. Als sie ihn jetzt bettete, zuckte er vor ihren Berührungen zurück, wehrte sich aber nicht mehr, sondern lag resigniert so in den Kissen, wie sie ihn lagerte. Nur das dünne Leintuch, das sie wieder als Zudeckenersatz über ihn legte, zog er bis ganz nach oben, als könnte er sich darunter vor der Welt verstecken.

      „Ich schaue jetzt mal nach Sarah und berichte dir dann, wie es um sie steht. Sie ist zwar sediert und beatmet, aber auch in diesem Zustand bekommt man so einiges mit. Soll ich ihr einen Gruß von dir ausrichten?“, fragte sie warm, eingedenk der Tatsache, dass der Türke Ben ja vom Zustand seiner Frau berichtet hatte. Vielleicht holte ihn die Realität wieder aus seiner fiktiven Welt, in der er anscheinend gefangen war, zurück. Verdammt die beiden hatten Kinder und auch sie war auf dem Stationsfest auf dem Gut der Jägers gewesen und hatte ehrlich gesagt Sarah glühend um ihren gut aussehenden reichen Mann, die süßen Kinder, das wundervolle Haus und die Viecher beneidet. Wie zerbrechlich war doch das Glück und jetzt tat ihr die ganze Familie nur noch leid. Erst kam keine Reaktion von Ben, aber als sie sich die Schutzkleidung ausgezogen hatte und bevor sie die Tür zur Schleuse schloss, meinte sie ein leichtes Nicken zu bemerken. „Ich richte es aus und komme bald wieder!“, sagte sie freundlich und eilte dann in die nächste Schleuse-puh, heute würde sie bevor sie nach Hause ging, duschen müssen, ihre Dienstkleidung klebte an ihrem Körper!

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    • Bei Sarah waren die aktuellen Laborbefunde regelrecht explodiert, die Entzündungszeichen waren in den Himmel geschossen und der erste Keimnachweis des Abstrichs unterm Mikroskop hatte dieselben nekrotisierenden Bakterien gezeigt, wie bei ihrem Mann. Ob sie ebenso multiresistent waren wie bei ihm, wusste man noch nicht, aber es war fast anzunehmen. So liefen zwar hoch dosiert zwei verschiedene Breitbandantibiotika, aber es schien die Ursache der Sepsis nicht zu berühren. Sarah war sehr kreislaufinstabil, trotz hoher Dosen Noradrenalin ging der systolische Blutdruck kaum über hundert und wenn man sie nur ein wenig zu lagern versuchte, schmierte sie regelrecht ab. Trotz der Kardioversion jagte das Herz immer noch viel zu schnell, es bestand ein subjektiver Volumenmangel, obwohl man sie literweise infundierte und insgesamt war die Lage sehr ernst.
      Der Stationsarzt hatte zusammen mit einem Internisten nochmals gründlich Visite und einen Herzultraschall gemacht, aber auch die beiden konnten nicht mehr tun als abzuwarten und zu hoffen, dass eines der Antibiotika griff und die Bakterien, die man auch in ihrem Blut nachgewiesen hatte, davon bekämpft wurden. „Wenn sie Pech hat bilden sich septische Thromben, verursachen eine Herzinnenhautentzündung und schießen auch ins Gehirn, dann hat sie Dauerschäden, auch wenn sie die Sepsis überleben sollte“, bemerkte der Internist, dem die junge Frau nicht persönlich bekannt war. „Mal den Teufel nicht an die Wand-Sarah ist eine sehr nette und engagierte Mitarbeiterin-sie ist langjährig hier Intensivschwester, nur arbeitet sie wegen der Familie aktuell nur zur Aushilfe. So schwer es generell ist, wenn man Patienten näher kennt, aber hier in diesem Fall ist es besonders tragisch, weil wir uns alle Vorwürfe machen-die Pflege und wir vom ärztlichen Dienst- ihre Besuche als frisch Operierte bei ihrem Mann nicht unterbunden zu haben. Der ist von denselben Bakterien infiziert und liegt in ebenfalls kritischem Zustand im Nebenzimmer!“, berichtete er dem Kardiologen und der sagte nun betroffen: „Das tut mir leid und ich wusste das natürlich nicht!“, worauf der Anästhesist noch hinzu fügte: „Und zwei kleine Kinder haben die beiden auch!“, was den Kardiologen dazu brachte, betreten zu Boden zu schauen-ja manchmal waren die Schicksale ihrer Patienten in ihrem Beruf schwer zu ertragen.

      Weil die beiden Ärzte momentan keine weiteren Therapieoptionen fanden, verließen sie das Zimmer und trafen in der Schleuse auf die betreuende Schwester, der eine verschwitzte Haarsträhne auf der Stirn klebte und die sich gerade wieder in einen gelben Kittel zwängte. Auf dem kleinen Tischchen lagen einige aufgezogen Perfusorspritzen und Antibiotikafläschchen-alles was in Kürze leer werden würde, oder laut Behandlungsplan verabreicht werden musste.
      „Der Urologe war gerade bei Herrn Jäger und hat die Drainagen gezogen, ich glaube das hat ihm psychisch mehr zugesetzt als körperlich“, berichtete sie im Vorbeigehen dem Stationsarzt. „Vielleicht wäre eine psychologische Betreuung gar nicht so verkehrt“, gab sie noch einen Denkanstoß und der Internist grinste seinen Ärztekollegen an, während die beiden sich ihre Hände noch desinfizierten und die Pflegekraft zu Sarah in die Intensivbox eilte. „Dann weißt du ja, was du zu tun hast!“, stichelte er, aber der Stationsarzt blieb ernst. „Wo sie recht hat, hat sie recht-bei uns hier darf jeder seine Gedanken einbringen, was gut für unsere Patienten wäre-allerdings liegt natürlich die letzte Entscheidung darüber heute bei mir-und ab Montag wieder beim Chefarzt. Aber wir arbeiten viel zu sehr im Team, um uns mit hierarchischen Spielchen gegenseitig auf die Nerven zu gehen“, stellte er klar und jetzt schwieg der Kardiologe-ja auf Intensiv herrschten spezielle Gesetze, daran erinnerte er sich noch, auch wenn sein halbes Jahr Intensivmedizin zur Facharztanerkennung schon eine Weile zurück lag.

      Die Schwester war derweil zu Sarah getreten, hatte erst mit geschultem Blick die Werte, die Infusionen und Perfusoren gecheckt, nahm dann zunächst ein arterielles Blutgas ab, machte Mundpflege, cremte ihre Lippen ein, machte eine Mikrolagerung und saugte sie dann ab. Die ganze Zeit sprach sie derweil mit ihrer Kollegin: „Sarah ich war gerade bei deinem Mann, er lässt dir liebe Grüße ausrichten, ihm geht es zumindest nicht schlechter!“, redete sie und versorgte derweil routiniert ihre Patientin und tatsächlich, die versuchte die Augen zu öffnen und sie anzusehen. Sie war auch nicht sehr tief sediert, das würde ihr Kreislauf gar nicht packen, aber irgendwie war die Schwester froh darüber, dass sie noch Kontakt mit ihrer Umwelt aufnehmen konnte. Das zeigte zumindest, dass Sarah kämpfte.
      Als sie sich gerade ausschleusen wollte, kamen auch schon Sarah´s Eltern, stellten sich vor und sie wies sie an, wie sie sich zu verhalten hatten und half ihnen die Schutzkleidung anzulegen. Als sie im Hinausgehen noch einen Blick zurück warf, sah sie die beiden Mittfünfziger voller Sorge rechts und links vom Bett sitzen und ihre schwerst kranke Tochter berühren und ansprechen. Das war gut so, Sarah sollte bei ihrem härtesten Kampf nicht alleine sein.

      Inzwischen war es Zeit für die Dienstübergabe geworden und Semir saß bereits wieder am Bett seines Freundes, der sich unter dem Laken versteckte und den Kopf abwehrend abgewendet hatte.
      Hartmut war nach einiger Überlegung in die KTU gefahren und hatte ein kleines Pröbchen des Orchideenextrakts mitgenommen. Er würde zumindest erste Versuche damit machen, auch wenn das Zeug doch nichts zu bringen schien. Vermutlich war die Heilung der Patienten in Südamerika dem Placeboeffekt zuzuschreiben, der Schamane hatte da ein Brimborium veranstaltet und wie bei Geistheilungen hatten sich die Patienten durch Autosuggestion selber geheilt. Ach wenn das Ben und auch Sarah helfen sollte, würde er höchstpersönlich unter lauten Gesängen im Lendenschurz um ihre Betten tanzen und geheimnisvolle Zeremonien durchführen, aber er war doch ein Mann der Wissenschaft, der eher an knallharte Fakten glaubte!
    • Semir sah auf die Uhr. Es war wieder Zeit für die nächste Dosis. Seufzend erhob er sich, holte aus seiner Jacke in der Schleuse den Beutel, maß die Dosis ab und löste sie auf. Als er die Medizin in die Spritze aufgezogen hatte, trat er an Ben´s Bett. Der hatte ihn die ganze Zeit unter leicht geöffneten Lidern misstrauisch beobachtet. So ganz war er noch nicht bei sich, hatte auch immer noch hohes Fieber und die Überzeugung, dass Semir ihn umbringen wollte und ein Anhänger der Teufelssekte war, wie so viele hier, war fest in seiner Einbildung verankert.
      Als Semir die Utensilien auf dem Nachtkästchen abstellte und zunächst seinen schwer kranken Freund begütigend ansprach, drang das gar nicht zu ihm durch. „Ben-ich möchte dir jetzt die nächste Dosis des Medikaments geben. Den anderen Patienten ging es ab dem zweiten Tag besser, hat die Brasilianerin uns erzählt. Mach es uns beiden nicht so schwer und bleib jetzt einfach ruhig liegen!“, sagte er begütigend, aber Ben spannte wie eine in die Ecke gedrängte Katze unter der Decke alle Muskeln an. Als Semir mit der aufgezogenen Spritze in die Hand näher trat, schoss eine abwehrende Hand hervor und verpasste ihm einen heftigen Schlag ins Gesicht, so dass er im ersten Moment zurück taumelte, dass Ben noch so viel Kraft hatte, hätte er nicht erwartet. Der Patient warf nun die Decke von sich und versuchte ohne Rücksicht auf Verluste aus dem Bett zu springen und zu fliehen, dass überall in ihm Schläuche steckten und er sich damit in Lebensgefahr brachte, war ihm nicht bewusst. „Verdammt noch mal Ben, was tust du da?“, schrie Semir und warf sich auf ihn. Bei dem nun folgenden Handgemenge stieg Ben´s Blutdruck, die Herzfrequenz schoss in die Höhe und obwohl die Übergabe im Stationszimmer gerade begonnen hatte, sprang die betreuende Schwester auf, um nach ihrem jungen Patienten zu sehen. Das verwackelte EKG zeigte, dass er in Bewegung war und als sie sich rasch einen Isolierkittel übergeworfen hatte, kam sie gerade zurecht um in ein regelrechtes Handgemenge zwischen Semir und Ben ein zu greifen.
      „Was ist denn hier los?“, rief sie kopfschüttelnd, aber da hatte Semir mit speziellen Fixierungstechniken, die er als Polizist lebenslang trainierte und anwendete, Ben schon überwältigt und ins Bett gepresst. „Verdammt-ich will ihm doch nur die Medizin geben, ansonsten ist doch sowieso jeder hier mit seinem Latein am Ende und wenn wir es nicht wenigstens versuchen, werden seine Kinder vielleicht als Waisen aufwachsen, aber dieser Blödmann hier tut, als ob ich ihm ans Leder wollte!“, presste Semir zwischen vor Anstrengung zusammen gebissenen Lippen hervor.

      Die Schwester versuchte es mit gutem Zureden. „Hört auf ihr beiden-ich darf ja offiziell gar nicht hier sein und von euren Aktionen auch nichts wissen, sonst bin ich meinen Job los, aber Ben-vielleicht solltest du deinen Freund einfach machen lassen, bisher hat es dir zumindest nicht geschadet?“, schlug sie vor, aber der wehrte sich nur um so heftiger. Er war irgendwie nicht anwesend, sondern kämpfte erneut im Keller gegen Maria, die ihm wieder das Zeug verabreichen wollte, das ihn wehrlos machte und ihn dennoch bei vollem Bewusstsein die schrecklichen Dinge erleben ließ, die sie mit ihm anstellte. Auf ihm lag gerade Elias und gegen den Koloss hatte er sowieso keine Chance, wie er erfahren hatte, aber dennoch wollte er nicht kampflos untergehen. „Nein-Maria, Elias-nicht!“, wimmerte er und jetzt wusste Semir, was Ben gerade durchlebte. Bei aller Anstrengung durchflutete ihn eine Welle des Mitleids, ihm war klar, dass sein Freund gerade nicht wusste, dass er es war, der auf ihm lag und ihn nach allen Regeln der Polizeikunst festhielt.

      Die Schwester hatte das Noradrenalin ein wenig reduziert, denn der Blutdruck war durch die körpereigene Adrenalinausschüttung immer noch erhöht und nach kurzer Überlegung verabreichte sie ihrem Patienten noch einen Opiatbolus, der ein wenig höher bemessen war als die vorher. Sein Kreislauf würde das momentan vertragen und wie erwartet, erschlaffte Ben wenig später, als das Medikament in seinem Gehirn an flutete ein bisschen, so dass Semir rasch die Handfixierungen anbringen konnte. Bevor sein Freund wieder ganz bei sich war, verabreichte er ihm dann das Medikament und die Schwester hatte derweil das Zimmer schon wieder verlassen.

      „Was war denn los?“, fragten die Kollegen im Stationszimmer. „Herr Jäger hatte Schmerzen und hat sich deswegen ein wenig aufgeregt!“, bemerkte sie betont beiläufig und sah nicht, wie die Mundwinkel des Stationsarztes, der der Übergabe ebenfalls beiwohnte, ein wenig zuckten. Hielten ihn hier alle für blöd? Aber es war vielleicht besser, wenn man das wirklich nach außen hin geheim hielt, dann war keine ihrer Stellen in Gefahr! Keiner wusste was, niemand hatte etwas gesehen und man sprach auch nicht darüber-basta!

      Semir ließ Ben vorsichtshalber noch ein wenig angebunden, aber als der nicht mehr festgehalten wurde, entspannte er sich und so löste der Türke die Handfesseln bereits wieder, als der junge Pfleger und die Frühdienstschwester das Zimmer zur Übergabe betraten. „Na alles im grünen Bereich?“, fragte Andy mit Wärme in der Stimme und scannte mit geschultem Blick die Geräte, die Perfusordosierungen und die Werte auf dem Monitor. Obwohl Ben wieder ruhig war, hielt sich der Blutdruck und im Gegensatz zum Vortag war die Dosis nun schon ein bisschen niedriger-vielleicht ein kleiner Silberstreif am Horizont. „Hey Ben-ich bin heute Nachmittag wieder bei dir!“, sagte er freundlich, aber aktuell reagierte der nicht, sondern genoss die wohltuende Auszeit, die das Medikament ihm verschaffte. Sein Kopf fühlte sich an wie Watte, er schien schwerelos zu schweben und wenn ihm auch ein wenig schwindlig war, hatte er doch gerade keine Schmerzen und das war ein Zustand, den er seit Tagen herbei sehnte.
      „Sieht ja gar nicht so schlecht aus-Semir magst du nach der Übergabe mit mir draußen noch einen Kaffee trinken?“, fragte Andy und machte eine einladende Bewegung Richtung Schleuse. Auch wenn er wohl heute Nacht zuhause geschlafen hatte, wirkte der ältere Polizist ganz schön fertig und die Falten, die sein wahres Alter verrieten, obwohl er ansonsten noch gut in Schuss war, hatten sich durch die Sorgen und die Anspannung tiefer in sein Gesicht gegraben. „Gerne!“, stimmte Semir zu, er brauchte wirklich gerade eine kleine Auszeit und außerdem wollte er dringend erfahren, wie es Sarah ging.
    • Hartmut hatte derweil aus seinem Brutschrank in der KTU die Bakterienkulturen, die er dort aufbewahrt hatte, entnommen. Als er sah, wie die Rasen auf der Nährlösung gewachsen waren, gruselte es ihn. Das waren wirklich sehr aktive Bakterienstämme, es verwunderte nicht, dass sie so ein Verheerungswerk in seinem Freund und auch in Sarah angerichtet hatten. Gewissenhaft löste er ein wenig Orchideenextrakt auf, gab den auf die Platte und stellte das Ganze dann zurück in den Wärmeschrank. Als sein Blick darüber strich, schmunzelte er. In einer Klinik benutzte man dazu teure Gerätschaften, er hatte einfach vor einigen Jahren ein billiges Teil aus der Geflügelzucht erworben, das tat genauso zuverlässig seinen Dienst und falls einmal einer seiner Kollegen Küken bräuchte-er konnte sie ausbrüten! Eine Weile besah er sich noch einige Proben unterm Mikroskop, recherchierte mit wenig Erfolg im Internet und packte dann gähnend seine Sachen. Er würde jetzt nach Hause fahren, sich unterwegs was zu Essen kaufen und sich dann ein bisschen hinlegen-die unruhige Nacht in der Klinik forderte ihren Tribut.

      Semir hatte dankbar den Isolierkittel, den Mundschutz und die Handschuhe ausgezogen. Seine Hände schwitzten und rasch wusch er sie mit kaltem Wasser und trat dann auf den Krankenhausflur. Sarah´s Eltern waren ebenfalls für eine Weile hinaus geschickt worden, weil der Arzt einige Messungen vornehmen musste und die Pflege sie danach noch frisch machen wollte. Semir trat zu den beiden und begrüßte sie. Man kannte sich-nicht nur von der Hochzeit und anderen Familienfeiern, sondern auch von einem Fall, als der kleine Tim gemeinsam mit seiner Tante entführt worden war. „Wie geht es Sarah?“, fragte der kleine Türke und der verzweifelte Gesichtsausdruck der beiden sprach Bände. „Gerade hat der Arzt uns nochmals gesagt, dass es sehr ernst ist und wir jederzeit mit allem rechnen müssen!“, gab die Mutter mit einem Aufschluchzen die schreckliche Information weiter.
      „Sie waren ja bei unserem Schwiegersohn-wie sieht es denn bei dem aus?“, fragte nun der Vater und hatte den Arm fest um seine Frau gelegt. „Immerhin geht es ihm anscheinend nicht schlechter als gestern, aber wir müssen abwarten“, teilte Semir ihnen mit und als Andy wenig später mit einem kleinen Tablett aus dem Stationszimmer balancierte, auf dem er drei wundervolle Tassen Kaffee und einige abgepackte Kekse drapiert hatte, folgten sie ihm dankbar zu der Sitzgruppe vor der Intensivstation. „Gönnen sie sich eine Auszeit, gehen vielleicht auch mal an die frische Luft-wir passen derweil gut auf ihre Angehörigen auf und falls sich bei einem der beiden was verschlechtern sollte, sagen wir natürlich sofort Bescheid!“, teilte er ihnen freundlich mit und die drei nickten. Semir gab den Großeltern die Telefonnummer von Hildegard, die beiden wollten natürlich auch ihre Enkel sehen, aber momentan stand es so kritisch, dass sie sich nicht getrauten, das Krankenhaus zu verlassen.

      Andy hatte sich derweil bei Ben eingeschleust, er musste nämlich dringend die Noradrenalindosierung wieder reduzieren, der Blutdruck war erneut angestiegen, obwohl Ben völlig ruhig in seinem Bett lag. Als Andy das Stundenglas des Urinbeutels umleerte, war das randvoll und ein leises Lächeln stahl sich auf das Gesicht des jungen Pflegers. Sein Gefühl hatte ihn nicht getrogen, Ben stabilisierte sich-zumindest ein wenig. „Hey-wie fühlst du dich?“, fragte er und als Ben die Augen aufschlug und ihn ansah, lächelte er ihn freundlich an. „Beschissen, aber Andy-wie geht es Sarah-oder habe ich das Alles nur geträumt?“, fragte er, worauf der Gesichtsausdruck des jungen Pflegers ernst wurde. „Ich weiß überhaupt nicht mehr was Realität ist, was ich mir einbilde und was in Wirklichkeit passiert ist!“, berichtete der Dunkelhaarige und während Andy ihn ein wenig anders hin legte, dabei routiniert die Unterlage erneuerte und die Verbände kontrollierte, sagte er: „Deiner Frau geht es leider gar nicht gut. Sie hat einen septischen Schock erlitten und ist beatmet und ziemlich instabil. Allerdings darf man die Hoffnung nicht aufgeben-sie war ja vorher kerngesund und hat sicher noch Reserven, trotzdem ist die Lage natürlich ernst. Ihre Eltern sind übrigens bei ihr, sie ist also nicht alleine“, teilte er ihm mit und man merkte, wie es in Ben´s Kopf arbeitete. „Aber sie und Semir haben mich verraten-trotzdem mache ich mir natürlich irre Sorgen um sie-kann ich nicht zu ihr?“, fragte er, aber Andy schüttelte den Kopf. „Ben beim besten Willen-das geht nicht. Werde erst mal selber gesund und vor allem-verrenne dich da nicht in Verschwörungstheorien. Du hast selber seit Tagen hohes Fieber und hast Schreckliches hinter dir, da gaukelt einem der Kopf manchmal Dinge vor, die nicht real sind. Jeder hier, vor allem dein Freund Semir will doch nur dein Bestes!“, sagte er, aber als er nur den Namen erwähnte, versteifte sich der junge Polizist und richtete sich aufstöhnend ein wenig auf. „Der soll mir vom Leibe bleiben, du glaubst ja nicht, wie der mich quält, wenn keiner von euch dabei ist-er ist mit dem Teufel im Bunde“, keuchte er und Andy merkte, dass er da im Augenblick mit vernünftigen Argumenten nicht ankommen würde.
      Aber eines war klar-Ben stabilisierte sich und wenn man davon ausging, dass vielleicht das Dschungelmedikament dafür verantwortlich war, wäre es vielleicht Sarah´s einzige Chance. Er musste sich da etwas überlegen und so schnappte er sich wenig später Semir, gerade als der wieder in die Schleuse gehen wollte.

      „Ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist. Ben ist gegen dich voller Abwehr und denkt, du wärst mit dem Teufel im Bunde und wolltest ihn nur quälen. Aber wenn es auch nur ganz kleine Schritte sind-es geht ihm ein bisschen besser und vielleicht ist es tatsächlich diese ominöse Medizin, die dafür verantwortlich ist. Ich denke eigentlich, man sollte das Sarah auch zukommen lassen, aber du kennst ja unser Dilemma hier als Krankenhausmitarbeiter-wir gefährden unsere berufliche Existenz, wenn wir da mitwirken!“, kam er auf den Punkt und jetzt überlegte Semir nicht lange. „Hat Sarah eine Magensonde?“, fragte er und Andy nickte. „Wenn du und deine Kollegen die nächsten 10 Minuten nicht in ihr Zimmer kommt, erledige ich das und mache das alle sechs Stunden, wie bei Ben-ich denke sie würde diese Chance haben wollen“, teilte er ihm mit und Andy wies wortlos auf die frische Magensondenspritze und die Becher, die er bereits wie zufällig in der Schleuse deponiert hatte und dann ging er hinaus. Semir löste nun gewissenhaft eine Dosis auf, huschte dann in die Schleuse des Nebenzimmers und wenig später schauten Sarah´s Eltern, denen er mit kurzen Worten die Sache erklärte, verwundert zu, wie er fast schon routiniert ihrer Tochter das Medikament applizierte, mit Wasser nachspülte und irgendetwas davon drang nun auch zu der nur leicht sedierten Patientin durch, so krank sie auch war. Sie öffnete die geschwollenen Augenlider und sah Semir direkt an. „Sarah-anscheinend wirkt die Medizin-Ben geht es besser, ich gebe dir die jetzt auch!“, sagte Semir, nicht wissend, was die junge Frau mit bekam, aber zu seiner Überraschung nickte sie ein wenig, lächelte und versuchte trotz Tubus ein Wort zu formulieren-Ben!

      Als er wenig später, wieder frisch umgezogen das Zimmer seines Partners betrat, der gerade relativ entspannt im Bett gelegen hatte, versteifte sich der sofort, wandte sich ab und als er versuchte ihn zu berühren, schüttelte er ihn ab wie ein lästiges Insekt. „Ben-ich will dir doch nichts Böses-versteh doch!“, appellierte er an dessen Verstand, aber es war aussichtslos und als ihn wenig später Andy hinaus bat, der das im Vorbeigehen durch die Glasscheibe beobachtet hatte, ging er relativ erleichtert. „Semir ich glaube deine ständige Anwesenheit ist gerade für ihn mehr Stress als alles andere. Könnt ihr das nicht so organisieren, dass alle sechs Stunden jemand das Mittel verabreicht und er sonst in unserer Obhut bleibt, wie die anderen Patienten auch? Am Montag ist schon eine Klinikpsychologin angefordert, vielleicht kann die ihm aus seinen verqueren Verschwörungstheorien helfen, oder er wird von alleine wieder normal wenn das Fieber weiter gesunken ist“, teilte er seine Gedanken mit und nach kurzem Zögern stimmte er zu. „Ich komme dann wieder kurz vor acht, wenn die nächste Dosis fällig ist-bis dann!“, verabschiedete er sich von dem jungen Pfleger.

      Nach kurzem Überlegen klopfte er dann an die Scheibe von Sarah´s Zimmer und winkte ihre Eltern in die Schleuse. „Ich hätte jetzt Zeit-wenn einer von ihnen zu ihren Enkelkindern gebracht werden will, während der andere bei Sarah bleibt, wäre das kein Problem“, sagte er und so trafen eine gute halbe Stunde später Sarah´s Mutter und er bei Hildegard ein. Die Kinder begrüßten die Oma unbeschwert, nahmen ihre kleinen Mitbringsel voller Freude in Empfang und begannen sofort damit zu spielen. „Wir sind ihnen so dankbar, dass sie unsere Enkelkinder so liebevoll betreuen, aber wenn es ihnen zu viel ist, können mein Mann und ich sie auch mit zu sich nach Hause nehmen und dort versorgen-wir würden uns dann in der Klinik abwechseln“, bot Sarah´s Mutter an, aber Hildegard lehnte voller Herzenswärme ab. „Die Kinder sind für mich keine Last, ich liebe sie genauso wie meine eigenen Enkel. Sie kennen sich hier aus, sind bei mir wie zuhause und ich denke es ist besser, sie schenken ihrer Tochter alle Kraft. Ich bete für Sarah und Ben und hoffe wir erhalten bald gute Nachrichten!“, bestimmte sie und so verabschiedeten sich die beiden Besucher nach kurzer Zeit. Nur Lucky hatte sich in seinem riesigen Korb verkrochen und war nur noch ein Schatten seiner selbst.

      Semir fuhr, nachdem er Sarah´s Mutter vor der Klinik abgesetzt hatte dann nach Hause und als sich gegen 19.00 Uhr Hartmut via Whats App bei ihm meldete, machten sie aus, dass Semir die Dosis um acht bei beiden Patienten verabreichen würde, eine zweite Jacke mit dem Pulver darin in der Schleuse hängen lassen würde und Hartmut die nächtliche Dosis übernehmen würde. „Hoffen wir, dass es wirklich das Mittel ist, das hilft und Sarah ebenfalls damit gerettet werden kann!“, sagte Semir und Hartmut stimmte ihm aus vollem Herzen zu-einen Versuch war es auf jeden Fall wert!
    • Ben hatte regelrecht aufgeatmet, als er alleine war. Jetzt konnte er sich entspannt zurück legen und musste nicht mehr aufpassen, ob Semir ihm Gift verabreichen, oder sonst etwas antun wollte. Die Nieren arbeiteten wieder, so dass Andy mit dem Ausleeren des Urinbeutels fast nicht mehr nachkam. Die kreislaufstützenden Medikamente konnten weiter zügig reduziert werden, das Fieber war inzwischen schon zum ersten Mal seit Tagen unter 39°C gefallen und weil nicht mehr so viel Flüssigkeit im Organismus war, verbesserten sich auch die Blutgase. Lediglich manche Elektrolyte wie Kalium musste man stattdessen immer wieder ausgleichen, weil der Körper die mit dem vielen Wasser ausschwemmte. Als Andy einmal alarmiert ins Zimmer stürzte, weil er auf dem Flur im Vorbeigehen lautes schmerzvolles Stöhnen hörte und schon das Schlimmste befürchtete, plagten üble Wadenkrämpfe seinen Patienten, die man aber mit einem hoch dosierten Magnesiumperfusor gut in Griff bekam.

      Andy hatte beschlossen, einfach nicht auf Ben´s Verschwörungstheorien ein zu gehen, er hatte Gott sei Dank keine Probleme mit seinem Patienten, weil der ihm vertraute und keinen Zusammenhang zu seiner Entführerin und ihrem Bruder herstellte. Eines war klar, in Ben´s Kopf liefen Mechanismen ab, die man als Laie vermutlich nicht beeinflussen konnte-da musste man am Montag auf die Psychologin warten. Aber unabhängig davon-anscheinend wirkte die Urwaldmedizin! Mehrmals warnte Ben allerdings den jungen Pfleger vor seinem Kollegen und weiteren Personen, namens Maria und Elias, ohne dass der näher darauf einging. Er warf sich schwitzend im Bett herum und schreckliche Alpträume, in denen auch Teufelskinder ,. tote Augen und andere unheimliche Dinge vorkamen, schienen ihn wieder und wieder heim zu suchen, so dass er dem Personal richtig leid tat.

      Als kurz vor acht Semir wieder kam, griff Andy deshalb zu dem Trick, den mittags seine Kollegin bei der Übergabe angewandt hatte. Als Semir geläutet hatte, bat ihn Andy: „Bereite doch gleich mal die beiden Dosen in der Schleuse vor und zieh dich um, ohne dass er dich sieht-er ist nämlich immer noch völlig in seinen verqueren Verschwörungstheorien gefangen, in denen du eine große Rolle spielst. Ich gehe dann kurz vor dir rein, gebe ihm einen großzügigen Opiatbolus, verschwinde wieder und bevor er so richtig merkt, wie ihm geschieht, hat er das Medikament schon drin!“, und so wurde es gemacht. Als Ben, der einen Moment völlig orientierungslos von dem Opiat war, mit geschlossenen Augen und glücklichem Lächeln in seinen Kissen lag, bemerkte, dass etwas kühl seinen Rachen hinunter lief, war Semir schon fertig.

      Allerdings setzte es ihm furchtbar zu, als Ben laut und angstvoll um Hilfe zu rufen begann, als er seiner ansichtig wurde und keiner Argumentation zugänglich war. Also trat Semir voller Kummer den Rückzug an und verabreichte auch Sarah, der es immer noch sehr schlecht ging, die nächste Dosis. Die reagierte inzwischen überhaupt nicht mehr und die Dosierung der kreislaufstützenden Medikamente war am Anschlag, wie ihre Mutter ihm mit Tränen in den Augen mitteilte, während sie voller Verzweiflung die Hand ihrer Tochter hielt. Es wurde für jeden Patienten, abhängig vom Körpergewicht, die individuelle Höchstdosis errechnet und die war bereits ein wenig überschritten, wie er erfuhr.

      „Semir-der Arzt hat gesagt, falls Sarah gläubig wäre, wäre jetzt der Zeitpunkt gekommen, einen Priester zu rufen-wir sind völlig fertig. Ich meine das mit dem Priester wird sie höchstens beunruhigen, wenn sie noch irgendetwas mitbekommen sollte, darum haben wir uns dagegen entschieden. Aber wenn ein Wunder jetzt das Einzige ist, was noch helfen kann-oh mein Gott-ich darf gar nicht daran denken!“, schluchzte sie und Semir blieb mit besorgter Miene am Bett seiner Freundin stehen, legte ihr die Hand auf die nicht verbundene Schulter und versuchte ihr Kraft zu spenden.

      Wie schrecklich wäre es, wenn Ben infolge der Verkettung solch schlimmer Dinge seine Frau verlieren sollte! Freilich war der gerade nicht ganz bei sich und in seinem Kopf lief etwas schief, aber irgendwann würde er wieder klar denken können und eines wusste Semir ganz sicher, nicht zuletzt auch durch seine unbedachten Worte, würde er sich alleine schuldig am Tod von Sarah fühlen und vermutlich daran zerbrechen. „Sarah-du darfst einfach nicht sterben!“, brach es aus ihm heraus. „Ben geht es besser, also hat dein Plan funktioniert und die Urwaldmedizin wirkt. Sie wird sicher auch bei dir helfen, aber anscheinend dauert das seine Zeit. Du musst kämpfen Sarah-deine Kinder, Ben, deine Eltern-wir alle brauchen dich“, feuerte er sie regelrecht an, aber keine Regung kam von der Schwerkranken.
      „Ich fahre jetzt trotzdem nach Hause, in der Nacht kommt mein Kollege Herr Freund und verabreicht Ben und Sarah die Medizin-ich denke an sie alle und komme morgen früh wieder!“, teilte er schweren Herzens mit und die mutlosen Worte der verzweifelten Mutter hallten noch lange in seinem Kopf nach. „Wenn Sarah bis dann noch am Leben ist!“, hatte sie gemurmelt und war an der Seite ihrer Tochter regelrecht zusammen gesunken.

      Als er das Krankenhaus verließ, machten sich gerade die ersten Nachtschwärmer schick gekleidet auf Tour. Das Leben in Köln brandete voller Überfluss an ihm vorbei, als er langsam nach Hause fuhr. Niemand wusste, welche Dramen sich nur wenige Meter von ihnen entfernt abspielten, aber auch das war das Leben und die Welt würde sich weiter drehen, auch wenn in dieser Nacht eine junge Frau starb, die Ehefrau, Mutter von zwei kleinen Kindern und ebenso Tochter, Schwester, Freundin und Kollegin war.
      Als Semir zuhause ankam, waren die Kinder bereits im Bett und er war ehrlich gesagt froh darüber. Andrea schloss ihn wortlos in die Arme und als er ihr mit wenigen Worten berichtete, wie schlecht es um Sarah stand, weinten sie gemeinsam und keiner schämte sich seiner Tränen.

      Maria ging es ebenfalls noch schlecht. Der massive Blutverlust machte ihr zu schaffen, aber was viel schlimmer wog, sie hatte nicht nur ihr Kind und jede weitere Möglichkeit auf eine erneute Schwangerschaft verloren, sondern der künstliche Darmausgang war eine Realität, die sie einfach nicht wahrhaben wollte. Immer wenn sie eindämmerte hatte sie schöne Träume, wie sie mit ihrem wunderhübschen Kind und einem makellosen Körper in Brasilien am Strand lag und wenn sie dann wieder wach wurde, bemerkte sie, dass sie im Krankenhaus war und eine streng gekleidete und schwer bewaffnete Justizvollzugsbeamtin jede ihrer Regungen beobachtete. Immer wieder von Neuem brach der Schock über sie herein-nein das durfte einfach nicht wahr sein-sicher war das ein Alptraum aus dem sie in Kürze erwachen würde. Aber wenn sie sich dann ein bisschen bewegte und trotz starker Medikamente eine Schmerzwelle durch ihren Körper fuhr und sie stöhnen ließ, war ihr klar-das war kein Traum, sondern bittere Realität!
    • Ben hörte, wie Andy und eine weitere Pflegekraft sich in der Schleuse umzogen. Ein letztes Mal vor der Nacht sollte er frisch gemacht und sein verschwitztes Bettzeug gewechselt werden und- wie in der Pflege üblich- auch um den eigenen Rücken zu schonen, half man sich gegenseitig, wenn es nur irgendwie zeitlich möglich war. Zuerst hatten die beiden schon Sarah gelagert, aber mehr als nur eine minimale Schwerpunktveränderung konnte man bei ihr gar nicht vornehmen, so instabil wie sie war. Dass die Tür zwischen Schleuse und Patientenzimmer nur angelehnt war, bemerkten sie nicht. „Verdammt noch mal-ist dir das gerade auch so schwer gefallen? Sarah geht es so schlecht, ich denke eigentlich nicht, dass sie diese Nacht überlebt-so ein Mistkeim! Dabei hilft dieses Orchideenmedikament ja anscheinend schon, denn Ben ist eindeutig auf dem Wege der Besserung. Aber das Zeug braucht seine Zeit, um zu wirken, Zeit die Sarah wohl nicht mehr hat. Warum haben wir nur nicht verhindert, dass sie ihren Mann besucht? Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie es ist, wenn jemand, den man gut kennt, eine Freundin und liebe Kollegin, einem unter den Händen weg stirbt! Es ist ja schon bei fremden jungen Menschen schwer, aber warum ausgerechnet Sarah?“, belauschte er unfreiwillig das Gespräch der beiden Pflegekräfte und eine eisige Hand schloss sich wie eine Klammer um sein Herz.

      Sarah-seine Sarah würde sterben? Und auch wenn sie auf die andere Seite gewechselt war, das spielte jetzt keine Rolle mehr, er würde ihr verzeihen und vermutlich hatte die Teufelssekte um Maria und Semir auch mit bewusstseinsverändernden Drogen gearbeitet und sie sozusagen gegen ihren Willen umgedreht. Semir als Polizist hätte da aufmerksam sein und etwas dagegen unternehmen müssen, ihm konnte er nicht verzeihen. Aber Ben zermarterte sich verzweifelt den Kopf, wie er zu seiner geliebten Frau gelangen konnte. Er war sich irgendwie sicher, wenn er nur bei ihr sein könnte, an ihrem Bett sitzen und ihre Hand halten, würde er ihr die Kraft zum Durchhalten geben.

      Als die beiden Pflegekräfte den Raum betraten, warf Ben sich unruhig in seinem Bett herum und einzelne Tränen benetzten seine Wangen. „Sarah-ich muss zu Sarah!“, flüsterte er und versuchte erneut, sich auf zu setzen und sein Bett zu verlassen, worauf ihm mega schwindlig wurde. „Ben um Himmels Willen-leg dich wieder hin. Wir machen dich jetzt vor der Nacht noch einmal frisch!“, beschwor ihn Andy und wechselte einen verzweifelten Blick mit seiner Kollegin. Erst als sie herein gekommen waren, war ihnen aufgefallen, dass die Tür nicht ganz zu gewesen war und Ben vermutlich ihr Gespräch in der Schleuse gehört hatte.
      „Das geht aber nicht-ich muss zu meiner Frau, sie braucht mich!“, begehrte Ben auf und der Blutdruck stieg erneut, so dass Andy sich beeilte, das kreislaufstützende Medikament ganz aus zu schalten. „Ben es stimmt, du hast richtig gehört, es geht ihr sehr schlecht, aber erstens ist sie nicht alleine, ihre Eltern stehen ihr bei und zweitens wissen wir einfach nicht, ob es wirklich der absolut gleiche Keim ist, der für euer beider schlechten Zustand verantwortlich ist. Falls das zwei unterschiedliche Bakterienstämme sind, kannst du sie noch kränker machen als sie sowieso schon ist-sei bitte vernünftig. Denk an sie-ganz fest-glaub mit, im Angesicht des Todes verschwimmen die Dimensionen, sie kann deine Liebe spüren, auch wenn du nicht ganz nah bei ihr bist und bemühe dich selber gesund zu werden, das ist es, was sie wollen würde und warum sie dieses Risiko eingegangen ist, dich gegen ärztlichen Rat zu besuchen und dir diese Medizin zu geben.

      Ben ließ sich nun ohne Gegenwehr betten und er protestierte auch nicht, als dann das Licht gelöscht wurde. In seinem Kopf arbeitete es, er versuchte die Dinge an ihren richtigen Platz zu schaffen, was ihm aber nicht so richtig gelang. Immer wieder überliefen ihn Fieberschauer, manchmal war er in Alpträumen gefangen, die ihn angstvoll aufschreien ließen und mehrmals versuchte er noch im Halbdämmer auf zu stehen. Man verzichtet zwar darauf ihn an zu binden, aber der Arzt verordnete ein Beruhigungsmittel, da die Kreislaufsituation es jetzt zu ließ und so war er wenig später in der Klammer des Psychopharmakums, kämpfte gegen die Müdigkeit und nickte doch immer wieder ein. Als Hartmut in der Nacht eintraf und ihm das Medikament verabreichte, bekam er das gar nicht so richtig mit, aber Hartmut zerriss es fast das Herz, als er ihn wieder und wieder murmeln hörte: „Sarah nein-bitte nicht sterben! Ich bin schuld, ich liebe dich doch!“

      Im Nebenzimmer waren Sarah´s Eltern auf das Schlimmste gefasst, ihre Mutter hatte keine Tränen mehr und sagte mit ersterbender Stimme: „Gerade war der Arzt da-es kann jede Minute so weit sein-er weiß auch nicht mehr, was er noch tun könnte!“ Neben Sarah´s Bett war ein beeindruckender Perfusorbaum, es liefen unzählige Medikamente, ein Wust von Kabeln versorgte sie und sie lag blass und irgendwie winzig inmitten dieser ganzen Maschinen. Ihre Herzfrequenz, die erst immer mit 120 Schlägen pro Minute vor sich hin gejagt hatte, war inzwischen nur noch um die 50, der Blutdruck ging systolisch nicht mehr über 70, eigentlich war das Ende der Fahnenstange erreicht. Hartmut´s Hände zitterten, als er ihr die Urwaldmedizin in die Ernährungssonde spritzte-nach seinem Gefühl war es das letzte Mal, dass er seine Freundin lebend sah, der Tod war irgendwie schon mitten im Raum. Trotzdem musste er ihr das wenigstens mitteilen, auch wenn es sehr unwahrscheinlich war, dass sie irgendetwas mit bekam. „Sarah-ich komme gerade von Ben. Er sagt immer wieder dass er dich liebt und denkt, dass er schuld daran ist, wie krank du bist“, strömte es einfach aus ihm heraus und dann erschrak er, als sich ganz langsam Sarah´s verschwollene Augen öffneten und ihn ansahen. In ihrem Blick lag unendlich viel Liebe und auch Trauer, als sie wieder mit den Lippen um den Tubus nur ein einziges Wort formte: „Ben!“. Allerdings beschleunigte sich der Herzschlag jetzt wieder ein wenig, der Blutdruck ging auf 80 systolisch und als die Nachtschwester kurz darauf ins Zimmer kam-Hartmut hatte die Spritze und den Becher schon lange im Müllsack verschwinden lassen- sah sie überrascht auf den Monitor. Es war noch nicht vorbei!

      Hartmut fuhr wieder nach Hause, er konnte in der Klinik sowieso nichts machen, allerdings fiel ihm unterwegs ein, dass er Ben´s Handy immer noch in der KTU liegen hatte. Er hatte darauf nach der Entführung nach Spuren gesucht, Bewegungsprofile erstellt und noch nicht daran gedacht, es Ben zurück zu geben. Telefonieren konnte der auf Intensiv ja nicht damit, aber wenn es ihm besser ginge, konnte er sich mit den Spielen darauf vielleicht ein wenig ablenken! Oder Bilder seiner Familie anschauen, oder was auch immer. Ben ohne sein Handy war normalerweise ein Ding der Unmöglichkeit.
      So holte er es mitten in der Nacht, lud es bei sich zuhause und weil er danach nicht schlafen konnte, schrieb er Semir um sieben, dass er die Medikamentengabe um acht noch übernehmen würde, so konnte Semir vielleicht ein wenig länger liegen bleiben. Er hatte ihm noch die Nachricht gesandt, dass es Ben besser ginge, aber Sarah weiter in kritischem Zustand war und ein trauriger Smiley war als Antwort zurück gekommen.

      Als Hartmut um acht in Ben´s Zimmer kam, sah er überrascht auf seinen Freund. Dessen Blick war deutlich klarer, anscheinend war das Fieber weiter gesunken, was der Monitor auch bestätigte. 38,6°C stand da-gegen die Werte der Vortage ein Traum. Der Kreislauf war stabil, es liefen fast keine Perfusoren mehr und vor Ben war ein Kaffee in einem Schnabelbecher aufgebaut und eine Schüssel mit Milchbrei, allerdings hatte sein Freund nichts angerührt.
      Das Bett war ein wenig hoch gestellt und Ben ließ sich widerstandslos das Medikament über die liegende Ernährungssonde eingeben. „Sarah lebt noch, aber es steht sehr kritisch!“, hat mir der Arzt gerade mitgeteilt“, flüsterte er und der Kummer und die Mutlosigkeit in seinem Blick gingen dem Rotschopf ans Herz. „Sie lassen mich nicht zu ihr, weil sie nicht wissen, ob ich ihr noch mehr schaden würde als so schon-Hartmut, wenn sie das nicht überlebt, bin ich ganz alleine schuld daran!“ sagte er dann und die Schuldgefühle waren fast greifbar. „Ben-wenn jemand an dieser Situation schuld ist, dann deine Entführerin und sonst niemand. Rede dir da nicht so einen Blödsinn ein!“, versuchte Hartmut ihn umzustimmen und zog dann das Handy heraus. „Da-ich dachte damit kannst du dir vielleicht die Zeit ein wenig vertreiben!“, sagte er und reichte es seinem Kollegen. Der schaltete es ein, sah dass der Akku voll war und sagte dann: „Ich werde Sarah da was drauf sprechen-nein singen-kannst du bitte einen Moment warten und ihr das dann vorspielen?“, sagte er und wenig später musste Hartmut schlucken als Ben, zwar noch mit schwacher und ein wenig heiserer, aber dennoch geschulter und tragender Stimme ein von ihm selbst geschriebenes Liebeslied für Sarah anstimmte, ihr danach noch bewegende Worte darauf sprach und dann Hartmut mit der kostbaren Nachricht zu seiner geliebten Frau schickte.

      Er traf ihren Vater in der Schleuse, der völlig fertig aussah. „Lange halten wir das alle miteinander nicht mehr durch!“, sagte der. "Hoffentlich hilft das Wundermittel, das sie dabei haben-ich kanns ja nicht glauben“, gab er seiner Skepsis Ausdruck, aber als Hartmut dann ins Zimmer trat und während er seiner Freundin das Mittel einspritzte, die Handybotschaft abspielte, wurde Sarah, die auch von der Unruhe des nahen Todes heim gesucht worden war, plötzlich ganz ruhig, ihre Augen öffneten sich weit, sie lauschte und der Herzschlag, der schon wieder kritisch niedrig gewesen war, beschleunigte sich ein wenig. „Es tut ihr auf jeden Fall gut-ich lasse das Handy da-spielen sie das einfach immer wieder ab, ich glaube es hilft ihr!“, sagte Hartmut verwundert, als er Sarah´s Reaktion beobachtete. „Vielleicht gewinnen wir genau die Zeit die wir brauchen-zu verlieren haben wir nichts mehr!“, bekräftigte er und die Schwester, die bewusst aus dem Zimmer gegangen war, als er gekommen war, um nichts zu sehen, was sie nicht mitkriegen durfte, aber jetzt wieder zurück war, bestätigte seine Meinung.

      Nach kurzer Überlegung ging Hartmut nochmals zu Ben zurück. „Sarah tut deine Stimme anscheinend sehr gut, wollte ich dir nur sagen. Ich fahre jetzt nach Hause und die nächste Medizin gibt dir dann Semir heute Nachmittag!“, sagte er, aber jetzt runzelte Ben die Stirn, er ballte seine Hände zu Fäusten und stieß wütend hervor: „Der soll weg bleiben, ich will ihn nicht sehen-er ist schuld daran, dass es Sarah so schlecht geht, weil er sich mit dieser Teufelin Maria und ihren Anhängern verbündet und sie mit hinein gezogen hat. Ich traue ihm nicht-was weiß ich, welches Gift er mir und meiner Frau verabreicht-Hartmut du musst ihn von uns fernhalten, er will uns nur schaden! Er tut dir scheinheilig ins Gesicht, aber bis du dich versiehst, bist du selber dran-hüte dich vor ihm!“, versuchte er Hartmut von seiner Meinung zu überzeugen. „Ben-du bist völlig auf dem falschen Dampfer! Semir ist dein Freund und will für euch beide nur das Allerbeste!“, probierte nun Hartmut ihm das Gegenteil ein zu bläuen, aber es war erfolglos. Ben stellte selbsttätig sein Bett flach, drehte sich demonstrativ zur Seite und streckte Hartmut seine Rückfront entgegen. „Ich bin müde und will schlafen!“, sagte er trotzig und zog sich die dünne Decke bis oben herauf. Oh je-das würde noch ein schwerer Weg werden, Ben wieder in die Realität zurück zu bringen, aber immerhin das Mittel wirkte und vielleicht hatte auch Sarah noch eine Chance!
    • Als Hartmut diesmal nach Hause kam, fiel er sofort in einen tiefen traumlosen Schlaf und erwachte erst gegen eins, weil sein Magen knurrte. Weil er wie üblich nichts Ordentliches im Haus hatte, aber sofort mega Lust auf einen Besuch im Burgerladen, schüttete er schnell eine Tasse Kaffee hinunter, sprang unter die Dusche und kontrollierte sein Handy, auf dem aber keine Nachricht war, was er als gutes Zeichen wertete. Nach kurzer Überlegung rief er Semir an: „Bist du schon unterwegs, oder noch zu Hause und hast du irgendwelche Neuigkeiten aus der Klinik gehört?“, fragte er, während er sich schon hinter das Steuer seines Wagens-übrigens eine Lucy 2-schwang, die er im Internet gefunden und ebenfalls liebevoll mit Originalteilen restauriert hatte. Er liebte einfach Oldtimer und hatte daran tausend Mal mehr Spaß als an jedem schicken neuen Auto. „Ich wollte gerade los fahren!“, bekam er zur Antwort und nun sagte Hartmut: „Weißt du was-ich übernehme das, ich glaube ansonsten flippt Ben wieder aus, der muss erst wieder fit im Kopf werden, damit er dich nicht als Feind wahr nimmt!“, besprach er mit seinem Kollegen und nach langem Zögern stimmte der zu.
      „Ich würde ihn und auch Sarah ja zu gerne sehen, aber vielleicht hast du Recht und wir können darauf hoffen, dass morgen die Klinikpsychologin seine wirren Gedanken und die Paranoia wieder in die richtige Spur bringt. Magst du danach auf einen Kaffee bei uns vorbei kommen? Andrea hat mit den Mädchen Muffins gebacken, die freuen sich, wenn die jemand gebührend bewundert-normalerweise ist Ben da immer der größte Abnehmer, aber ich glaube, wenn ich dem aktuell was mitbringe, denkt der, da ist Gift drin!“, lud ihn Semir ein und Hartmut stimmte ohne Zögern zu.

      In der Klinik war die Situation noch fast unverändert, außer dass Ben´s Fieber nochmals gesunken war. Er war inzwischen auch kaum mehr aufgequollen, döste vor sich hin, aber so richtig zur Ruhe kam er einfach nicht, weil er sich immer umdrehte und angstvoll auf den Monitor sah, wenn da Alarmmeldungen anderer Patienten erschienen. Damit das Pflegepersonal wusste, wann es sich beeilen musste und wann es sich Zeit lassen konnte, wurden nämlich die kritischen Alarme aller Patienten der Intensivstation an jeden Bettplatz übertragen und auch wenn es vielleicht vom Datenschutz her nicht ganz einwandfrei war, erschien in dem Fenster, das sich dann öffnete, nicht nur das Monitorbild, sondern auch der Name des betroffenen Patienten. Ben´s ganze Angst war, dass da irgendwann eine Nulllinie erschien, die eine Asystolie, also den Tod des Patienten anzeigte und darüber stand: „Jäger, Sarah“.

      „Hallo Ben-wie geht es dir?“, fragte Hartmut freundlich, als er sich wieder voll vermummt mit dem aufgelösten Pulver am Bett seines Freundes einfand. „Ist doch völlig egal wie es mir geht, ich habe schreckliche Angst um Sarah!“, bekam er zur Antwort und Hartmut nickte. „Das kann ich verstehen, aber es bringt nichts, wenn du dich deswegen fertig machst. Ich gehe dann gleich zu ihr und gebe ihr auch ihre Medizin, jetzt hoffen wir einfach, dass die bald genauso hilft wie bei dir. Ich bin jetzt dann zu Semir zum Kaffee trinken und Muffins essen eingeladen, ich soll dir liebe Grüße von ihm, von Andrea und den Kindern ausrichten!“, entgegnete er freundlich, aber Ben sah ihn jetzt wild an. „Pass bloß auf, dass er Andrea und den Kindern nichts antut, glaub mir, den hat Maria umgedreht, er ist gefährlich und gehört weg gesperrt!“, stieß Ben ängstlich hervor und Hartmut musste innerlich den Kopf schütteln. Du liebe Güte-da brauchte er gar nichts drauf zu sagen, da mussten die Profis ran. Er verabreichte also Ben die Medizin und als er bei Sarah eintraf, war da die Situation noch genauso unverändert wie am Morgen. Gerade spielte ihr Vater ihr wieder Ben´s Lied vor und wenn die Werte auf dem Monitor sich auch nicht verbessert hatten-immerhin lebte sie noch.

      So fuhr er danach zu Kaffee und Kuchen und auch wenn die Stimmung im Hause Gerkhan zunächst ernst war, die Mädchen schafften es auf die Gesichter der Erwachsenen ein Lächeln zu zaubern. „Semir-ich denke nicht dass es irgendeinen Sinn macht, wenn du zu Ben gehst, solange der denkt, du wärst sein Feind-das gibt höchstens Aufregung und die ist für niemanden gut. Ich habe ja nicht so weit zur Klinik, ich übernehme erst mal bis morgen die Verabreichung der Medizin und dann hoffen wir, dass es erstens Sarah besser geht und zweitens Ben auf die Psychologin hört!“, teilte Hartmut seinen Entschluss mit und schweren Herzens stimmte Semir zu. „Weißt du Hartmut-es setzt mir wahnsinnig zu, dass Ben mir zutraut, ihm etwas Böses zu wollen, ich bin doch sein bester Freund und habe noch nie an ihm gezweifelt!“, vertraute er dem Kriminaltechniker an und der musste nun auch Semir trösten-was für eine vertrackte Situation!

      Wie sie es ausgemacht hatten geschah es und Andy, der wieder Spätschicht hatte, begrüßte nun Hartmut ebenfalls schon wie einen alten Freund. Irgendwie steckten sie hier alle unter einer Decke. „Sarah hat sich ein ganz klein wenig stabilisiert-es ist zwar kein echtes Wunder geschehen, aber die Herzfrequenz ist wieder normal und der Blutdruck mit der hohen Noradrenalindosis immerhin um die achtzig systolisch, was mit dem Leben vereinbar ist!“, teilte er Hartmut mit. „Ich glaube wir haben das Richtige getan und bin fest davon überzeugt, dass das Mittel auch Sarah retten kann, wenn sie nur lange genug durchhält!“, fügte er hinzu und die Gesichter von Sarah´s Eltern waren nicht mehr ganz so hoffnungslos. „Wir haben in einem kleinen Hotel ganz in der Nähe ein Zimmer gebucht und werden uns ab sofort abwechseln, damit immer einer schlafen kann“, vertraute Sarah´s Mutter dem Rotschopf an und als der nach der Medikamentengabe noch kurz in der KTU vorbei fuhr, um nach seinen Proben zu sehen, wurde der Bakterienrasen auf der Platte zwar nicht angegriffen, aber er wuchs an den Stellen, wo das Orchideenmedikament aufgetragen war, nicht weiter. „Ah-jetzt wird mir was klar-das Mittel wirkt zwar bakteriostatisch, also es hemmt das Wachstum der Keime, aber es kann bereits im Organismus vorhandene Bakterien nicht vernichten, das muss das Immunsystem selber tun!“, murmelte er, aber auf die praktische Behandlung der beiden Sorgenpatienten hatte das keinen Einfluss. So erklärte sich aber das langsame Wirken und man musste auch noch ein funktionierendes Immunsystem haben, damit das Mittel helfen konnte-bei Ben war das anscheinend so, aber wie die Immunlage bei Sarah war, entzog sich seiner Kenntnis. Nach einem kurzen Abstecher in den Burgerladen fuhr er dann nach Hause, schlief ein paar Stunden, machte sich nächtens erneut auf den Weg in die Klinik und dasselbe erledigte er nochmals in der Frühe und witschte gerade von der Intensivstation als die Chefvisite begann.

      Der Chefarzt war positiv überrascht, wie sich Ben´s Zustand stabilisiert hatte. „Sehen sie-unsere altbewährte Therapie ist doch wirksam. Wir brauchen keine Urwaldmedizin und irgendwelche Schamanen die ums Bett hüpfen und geheimnisvolle Rituale durchführen!“, tönte er und als er sah, dass Ben bereits ein paar Schluck Kaffee zu sich genommen und einen Brei gegessen hatte, ordnete er die Entfernung der Magensonde an. „Es war sicher gut, ihn übers Wochenende mit Sondenkost zu ernähren, aber jetzt kann er selber essen und wie ich das sehe ist er katecholaminfrei und die Entzündungswerte fallen-falls wir ein Bett brauchen, wird er auf die Normalstation verlegt, ich denke die Urologen werden sich freuen, wenn sie nicht ständig zu uns rennen müssen und jede Isolierung auf der Intensivstation weniger schützt die anderen Patienten.“, tönte er und niemand widersprach.

      In der PASt war der normale Alltag wieder eingekehrt. Frau Krüger war erstaunt, Semir an seinem Schreibtisch vor zu finden. „Was ist los Herr Gerkhan-ich hatte gar nicht mit ihnen gerechnet-geht es Ben so gut, dass er ihre Unterstützung nicht mehr braucht?“, fragte sie freundlich. Sie war froh gewesen, dass sie am Wochenende keine schlechten Neuigkeiten aus der Klinik bekommen hatte und vertraute auch darauf, dass sie informiert worden wäre. „Äh das ist ein bisschen schwierig…“, druckste Semir herum und folgte Frau Krüger in ihr Büro. „Ben geht es zwar besser, aber er leidet unter Paranoia und ist der festen Überzeugung, ich würde gemeinsam mit Frau Gregor einer Teufelssekte angehören und ihn vergiften wollen. Hartmut hat deswegen die Verabreichung des Orchideenmedikaments übernommen, was übrigens heimlich geschehen muss, weil der Chefarzt kein Risiko eingehen möchte. Allerdings geht es Sarah sehr schlecht, sie kämpft im Zimmer neben Ben ums Überleben und niemand weiß, wie es ausgehen wird“, berichtete er bedrückt. „Aber Sarah bekommt ebenfalls das Medikament und wir hoffen jetzt einfach, dass es auch bei ihr hilft“, berichtete er in Kürze von den Geschehnissen des Wochenendes und Frau Krüger schaute ihn besorgt an.
      „Das ist ja schrecklich-ich habe hier auch eine Meldung von der JVA. Frau Gregor wurde in der Gefängnisdusche mit einem Besenstiel von Mitgefangenen so schwer verletzt, dass sie beinahe verblutet wäre. Ihr mussten in einer Notoperation die Gebärmutter und der Enddarm entfernt werden, sie hat einen bleibenden künstlichen Darmausgang und wird vermutlich morgen in die Krankenabteilung des Gefängnisses zurück verlegt. Ich muss jetzt auch sagen-mein Mitleid hält sich in Grenzen, wenn ich mir überlege, was sie ihren armen Opfern angetan hat“, berichtete sie und Semir schaute sie an. „So schlimm das für sie ist, aber vielleicht gibt es ja doch irgendeine Gerechtigkeit. Wenigstens muss Ben jetzt keine Sorge mehr haben, dass er gegen seinen Willen Vater wird und ich gönne dieser Teufelin ihr Schicksal, so böse das auch klingt. Aber ich hoffe nur, dass jetzt gerade in der Klinik keine Katastrophe passiert!“, fügte er leise hinzu und die Chefin nickte. „Das hoffe ich auch!“
    • In der Frühschicht hatte ihn eine ihm unbekannte Schwester übernommen, die nicht ganz so freundlich war, wie alle anderen. Sie war bei den Kollegen auch nicht sehr beliebt, weil sie keinen Wert drauf legte, ins Team aufgenommen zu werden, auch keine Stationsfeste besuchte, allerdings stand ihre fachliche Qualifikation außer Frage. Sie hatte Ben gewaschen und sein Frühstück gebracht, danach wie der Chefarzt angeordnet hatte, nach Gabe einer Portion Rizinusöl die Magensonde entfernt und weil Ben immer noch nicht abgeführt hatte, hatte sie ihm auf Arztanordnung noch ein Klistier verpasst.

      Ben genierte sich und gerade sein Po mit den immer noch nicht verheilten Nähten tat schweineweh, als sie dort herum manipulierte. Dann nahmen seine Bauchschmerzen mehr und mehr zu, er ächzte und stöhnte, rollte sich auf die Seite, weil es in seinem Inneren wütete und dann drückte er auf die Glocke, weil er ganz fürchterlich dringend zur Toilette musste. „Bitte-ich kann sicher sitzen-lassen sie mich raus!“, flehte er die Pflegekraft an und nach kurzer Überlegung brachte die einen Toilettenstuhl. Seine Beine trugen ihn zwar fast nicht, aber irgendwie schaffte er es sich mit Unterstützung der Schwester hinaus zu wuchten und war dann nur dankbar, als sie ihn alleine ließ. Das ganze alte Blut kam nun heraus, er konnte manchmal einen Schrei nicht unterdrücken, als ein erneuter Bauchkrampf und danach ein schrecklicher Schmerz an seinem Po ihn überrollten. Er war nur noch ein Häufchen Elend, aber sein Kreislauf machte nicht schlapp, eben weil der Schmerz so groß war. Er hatte noch keinerlei Schmerzmittel bekommen, weil die Schwester der Überzeugung war, das würde den Darm nur noch mehr lähmen und außerdem waren die äußeren Verletzungen alle am Abheilen und sie hatte nur am Rande zur Kenntnis genommen, dass ihr Patient ein Entführungsopfer war. Wie ihre Patienten zu ihren Erkrankungen die sie auf die Intensivstation geführt hatten, gekommen waren, interessierte sie nicht sonderlich und sie hörte bei der Übergabe der Nachtschwester auch kaum zu. Für sie war wichtig, dass Herr Jäger eine Urosepsis und eine Magenblutung überstanden hatte, die Entzündungswerte fielen und er nicht mehr katecholaminpflichtig war.
      Die milden, aber erfolglosen Abführmaßnahmen der Vortage hatte sie mit tadelndem Gesichtsausdruck zur Kenntnis genommen und dann nach Arztabsprache zu härteren Geschützen gegriffen. Sicher war das für die Patienten nicht immer angenehm und sie konnte sich, als sie das Klistier machte, auch vorstellen, dass so eine Naht am Rektum schmerzhaft war, aber nach einer Hämorrhoidenoperation mussten die Patienten auch sofort wieder zur Toilette, dass es in diesem Bereich auch immer zu Sekundärheilungen kam, weil dort einfach Colibakterien auf frische Wundränder trafen, war ebenfalls normal.

      Ben hatte sich sehr zusammen reißen müssen, als sie ihm befohlen hatte, sich auf die Seite zu drehen und sie ihm den kleinen Einlauf verpasst hatte, aber hier kam es ihm zugute, dass er die Schwester nicht kannte und die relativ geschäftsmäßig und ohne ein persönliches Gespräch mit ihm umging, was auch beim Waschen schon so gewesen war-er hatte sich zum Teil sogar schon selber gereinigt und Zähne geputzt. Obwohl ihn erst eine Panikattacke übermannt hatte, als sich ein fremde Frau an seinem Hintern zu schaffen machte, riss er sich dann zusammen und hämmerte sich wieder und wieder ein: „Sie macht nur ihren Job, sie macht nur ihren Job-das sind nicht Maria und Semir, die mir weh tun wollen!“ So hatte er das irgendwie ertragen und als er sich jetzt im Sitzen zusammen krümmte, als die angelaufene Darmperistaltik ihm massive Bauchschmerzen bescherte, aber er immerhin wenigstens ein wenig Würde behalten hatte, weil er nicht im Bett lag, sondern doch auf einer Pseudotoilette saß und sich dort ohne Zeugen entleeren durfte, dachte er daran zurück, wie er das letzte Mal im Keller auf dem Klo gewesen war und ihn danach der debile Koloss mit dem Hochdruckreiniger bearbeitet hatte. Ein Schauer überlief ihn und auch wenn er das Gefühl hatte, in seinem Inneren fänden immer noch Kampfeshandlungen statt, jetzt wurde ihm schwindlig und mit letzter Kraft drückte er auf die Glocke, bevor die Welt vor seinen Augen verschwamm.

      Nach einem Blick durch die Glasscheibe rief seine betreuende Schwester: „Ich brauche mal ganz schnell Hilfe-mein Patient ist am Kollabieren!“, und so schleuste sich eine Kollegin eilig mit ein und gemeinsam wuchteten sie den leichenblassen Ben dann ins Bett, das sie mit einer Einmalunterlage geschützt hatten und machten ihn sauber, ohne dass er das so richtig mit bekam. Wenig später war er wieder ganz bei sich, merkte dass er eine Windelhose trug, aber wieder flach lag und alleine im Raum war und jetzt bahnte sich ein Tränenstrom, den er nicht kontrollieren konnte, seinen Weg.

      Inzwischen war es Mittag geworden und die Klinikpsychologin war eingetroffen. Eigentlich gab es zwei Planstellen, aber ihre Kollegin war schwanger und so hatte sie aufseufzend den riesigen Stapel Konsilscheine, der sich in ihrem Fach befunden hatte, durch gesehen. Im PC war dieser Ben Jäger mit dem Vermerk „Dringlich“ versehen gewesen, deshalb bemühte sie sich, ihn noch am Montag zum ersten Mal zu sehen. Kurz ließ sie sich von der betreuenden Schwester die Situation schildern und nahm auch zur Kenntnis, dass sie sich isolieren musste. „So genau weiß ich auch nicht was vorgefallen ist, aber irgendwie war mein Patient ein Entführungsopfer, er ist wohl Polizist ach ja-und was vielleicht auch noch wichtig ist-seine Frau, eine Kollegin, ist ebenfalls bei uns Patientin, beatmet und instabil und hat eine schwere Sepsis mit einem Keim, den sie sich wohl bei ihrem Mann geholt hat, er ist aber ansprechbar und konversationsfähig“, bekam sie sozusagen im Vorbeigehen eine Kurzversion der Ereignisse und auf dem Konsilschein stand noch etwas, was ihr ins Auge stach „wohl schwerer sexueller Missbrauch mit Genitalverletzungen“ stand da und so zog sie sich dann rasch um und vermummte sich bis oben rauf, so dass über der Schutzkleidung eigentlich nur ihre Augenpartie zu sehen war.

      Als sie ins Zimmer trat, sah sie die Tränenspuren im Gesicht des gut aussehenden dunkelhaarigen Mannes, der wie ein Häufchen Elend im Bett lag und gerade den Monitor hinter sich gemustert hatte, als sie herein kam. „Guten Tag Herr Jäger-ich bin die Klinikpsychologin und würde mich gerne mit ihnen unterhalten!“, sagte sie ihr Sprüchlein auf und trat mit ausgestreckter Hand auf ihn zu, um ihn zu begrüßen, aber mit der Reaktion des jungen Polizisten hätte sie nicht gerechnet. Wie ein Blitz war der aus dem Bett, schrie laut und entsetzt auf und das Grauen in seiner Stimme ließ ihr selber kalte Schauer über den Rücken laufen. Bei seiner Flucht riss sich Ben den arteriellen Zugang in der Leiste mitsamt Faden heraus, die Monitorüberwachungskabel gingen ab und als er nun, immer noch laut brüllend, blutend zu Boden ging, war auch der ZVK bis zum Anschlag gespannt, aber dennoch versuchte er vor ihr weg zu robben und war komplett panisch.

      Erschrocken trat die Psychologin den Rückzug an, so eine heftige Reaktion hatte sie noch nie erlebt und jetzt sauste auch schon die betreuende Schwester, die sich gerade am Stationsstützpunkt auf die Übergabe vorbereitet hatte, in die Schleuse und warf rasch den Schutzkittel über. „Herr Jäger was soll denn das, was ist los?“, rief sie und schrie dann nach einer Kollegin um Hilfe. Verdammt noch mal, war ihr Patient komplett irre geworden?
    • Hartmut betrat gerade die Station, als das Kuddelmuddel um Ben ausgebrochen war. Als er die Tür zur Schleuse öffnete, zog sich dort eine etwa vierzigjährige Frau in Zivilkleidung gerade die Schutzkleidung aus und als er sie verwundert musterte, stach ihm eine Besonderheit sofort ins Auge-die Frau hatte eine Irisheterochromie, also zwei verschiedenfarbige Augen. Auf dem Schild, das an ihrer Kleidung angebracht, konnte er ihren Namen lesen und darunter stand „Psychologin“-und jetzt war ihm alles klar, auch Ben´s Weinen und die beruhigenden Worte der beiden Schwestern, die gedämpft durch die Tür schallten.
      „Ich bin Hartmut Freund ein Kollege und Freund von Ben Jäger-wollten sie ihn wegen seines Traumas psychologisch behandeln?“, fragte er interessiert und streckte ihr die Hand entgegen, die sie erfreut nahm und sich ebenfalls vorstellte. „Ja, aber er hat auf mich reagiert als wäre ich eine Ausgeburt der Hölle, dabei habe ich ihm nur einen guten Tag gewünscht!“, antwortete sie niedergeschlagen. „Sowas ist mir in meiner ganzen Laufbahn noch nicht passiert, normalerweise gelingt es mir immer ziemlich rasch einen guten Kontakt zu meinen Patienten auf zu bauen“, fügte sie noch hinzu und jetzt konnte der Rothaarige, der ihr sehr sympathisch war, die Auflösung bringen. „Wissen sie, mein Kollege wurde von einer Frau gefangen gehalten und schrecklich gefoltert, die ebenfalls eine Irisheterochromie hatte. Er ist sowieso gerade ein wenig paranoid, erzählt von Teufelssekten und Verschwörungen, denen seine Frau und vor allem auch sein bester Freund und Partner angehörigen sollen und bräuchte eigentlich dringend psychologische Hilfe. Aber ich denke, da sind sie nicht die Richtige und zwar alleine wegen ihres Äußeren-das übrigens äußerst ansprechend ist!“, fügte er noch schnell hinzu, nicht dass die Frau dachte, er wolle sie beleidigen. Sie lachte auf und sagte: „Danke für das Kompliment, aber ich habe das schon richtig verstanden-jetzt ist allerdings guter Rat teuer-ich bin nämlich aktuell die einzige Klinikpsychologin hier, meine Kollegin ist im Mutterschutz und möchte nach acht Wochen wieder zu arbeiten anfangen, darum wird auch ihre Stelle nicht besetzt. Außer meiner Person kann ich niemanden anbieten, obwohl im Falle ihres Freunde sicher hoch professionelle Hilfe von Nöten ist!“, erklärte sie und Hartmut sagte jetzt langsam: „Ich habe da schon einen Plan B-wir werden uns selber darum kümmern!“ und so verließ die Psychologin nach einer freundlichen Verabschiedung die Schleuse, um draußen noch einen Vermerk auf dem Konsilschein zu hinterlassen.

      Ben war inzwischen von den beiden Schwestern-die zweite war zu Hilfe geeilt-zurück ins Bett gebracht worden. So wie es aussah war der ZVK noch an seinem Platz, allerdings blutete seine Leiste stark, wo er sich den arteriellen angenähten Zugang heraus gerissen hatte. Zum Glück hatte die Schlupfhose, die ihm die Schwestern zuvor angezogen hatten, das größte Blutbad verhindert und jetzt lag er wieder im Bett, die Kabel waren an Ort und Stelle und eine der Schwestern eilte zur Übergabe, während die andere fest mit einem Stapel Kompressen auf die Leistenregion drückte. „Einen riesigen Bluterguss wird das auf jeden Fall geben, was machen sie denn für Sachen, Herr Jäger?“, schalt sie ihn, aber Ben blickte einfach durch sie hindurch zur Decke und seine Augen waren feucht. In seinem Kopf war so ein riesiges Durcheinander in das er keine Ordnung bringen konnte, aber er war sich nicht sicher-war die Frau, die ihn vorher heimsuchen wollte, Maria gewesen, oder doch nicht? Die Stimme hatte anders geklungen, aber die verschiedenfarbigen Augen hatten sich tief in seine Seele gebohrt. Zumindest aber war es eine Anhängerin der Teufelssekte gewesen, hatte er dann beschlossen-er war hier nicht sicher und Sarah auch nicht, wenn sie sich von der Gruppierung los gesagt hatte.

      In diesem Augenblick trat Hartmut ins Zimmer, der noch schnell einen Teelöffel Pulver in Wasser aufgelöst hatte und jetzt überrascht war, dass zur Übergabezeit sein Freund nicht alleine war. „Er musste ja aus dem Bett hüpfen und sich einen Zugang samt Annaht rausreißen!“, bekam er zur Erklärung, aber als er sich bereit erklärte, die Kompression weiter zu übernehmen, bis es aufhörte zu bluten, nahm die Schwester sein Angebot dankend an und ging aus dem Zimmer. Hartmut stand nun über Ben gebeugt und drückte kraftvoll mit einem Stapel steriler Kompressen auf dessen Leiste. Die Schwestern hatten die blutige Windelhose entsorgt und eine kleine Decke über seine Scham gelegt. Die Blutspritzer am Boden waren mit Einmaldesinfektionstüchern, die sich in jedem Patientenzimmer befanden, aufgewischt, also nach außen hin war alles wie vorher, nur Ben war völlig durcheinander wie Hartmut feststellte, obwohl sich sein körperlicher Zustand stark gebessert hatte. Allerdings war auch die Magensonde entfernt worden und jetzt musste Ben das Pulver wohl so schlucken-da musste er vermutlich noch Überzeugungsarbeit leisten-hoffentlich gelang ihm das!
      Wider Erwarten nahm, nachdem die Blutung aufgehört hatte, Ben brav das Pulver und trank eine Menge Wasser nach-er hatte kapiert, dass ihm das das Leben gerettet hatte und auch seiner Sarah helfen würde. Außerdem musste er zu Kräften kommen, damit er seine Frau vor Maria und ihren Anhängern in Sicherheit bringen konnte. Noch während Hartmut im Anschluss Sarah die Medizin gab, wurde sein Intensivzimmer benötigt und schneller als erwartet, kamen bereits die Pflegekräfte der Normalstation in Isolierkitteln mit einem frischen Bett in das man ihn umlagerte und nahmen ihn mit.

      Ben´s letzter Blick, bevor die Überwachungsgeräte ausgeschaltet wurden ging zum Monitor und er traute seinen Augen nicht-da stand in einem Fenster „Jäger, Sarah“ und darunter war kein EKG mehr zu sehen. „Bitte-was ist mit meiner Frau-ich muss wissen was mit Sarah ist!“, weinte er fast und eine kalte Hand hatte nach seinem Herzen gegriffen, aber niemand gab ihm Auskunft oder kümmerte sich überhaupt um sein Klagen. Der Arzt machte inzwischen seinem Kollegen von der Normalstation telefonische Übergabe, den Verlegungsbrief hatte er am Vormittag bereits geschrieben und musste ihn nur mit der aktualisierten Zeit aus dem PC ausdrucken. Das Zimmer wurde von den Putzfrauen gescheuert, damit man es nach Abtrocknung der Desinfektionslösung wieder neu belegen konnte. Das Bett wurde erst vor Ort desinfiziert, bevor man es in die Bettenzentrale brachte und die gesamte Wäsche nach der Doppelsackmethode entsorgt. Alles was sich im Pflegewagen befunden hatte wurde weg geworfen, aber nur so konnte man eine Ausbreitung der Keime verhindern.

      Maria hatte Fieber bekommen und so konnte sie momentan nicht nach Ossendorf zurück verlegt werden, allerdings lag sie jetzt auf Normalstation. „Bitte-ich möchte meinen Bruder sehen-vielleicht ist es das letzte Mal in meinem Leben!“, flüsterte sie und die JVA-Beamtin, die sie heute bewachte, bekam Mitleid. Nach Rücksprache mit ihren Vorgesetzten genehmigte der Richter das angesichts der lebensbedrohlichen Verletzung und so kam wenig später ein kleiner, sehr engagierter Sozialarbeiter aus der Forensik mit Elias in die Klinik. „Unser Schützling ist ausgesprochen fügsam und freundlich. Er hat eine gute Prognose und wenn er noch ein wenig gefördert wird, kann er sicher in einer betreuten Wohngruppe ein glückliches Leben führen. Er ist eben geistig behindert und auf dem Stand eines sechsjährigen Kindes, wir denken aber, es geht keine Gefahr von ihm aus“, hatte er dem Richter am Telefon versichert und so hatte man aus Personalmangel auf einen zweiten Begleiter verzichtet. Elias, der außer seiner Schwester nur wenige Menschen kannte, hatte sich die vergangenen Tage in der psychiatrischen Klinik freundlich und zutraulich verhalten und alles gemacht, was man ihm aufgetragen hatte. Er hatte Tests über sich ergehen lassen, keinerlei Aggressivität gezeigt und sich mit den anderen Bewohnern aufgeschlossen auseinander gesetzt.

      „Elias-deine Schwester wurde schwer verletzt-sie liegt im Krankenhaus und wünscht deinen Besuch“, hatte man ihm erklärt und er war aufgeregt ins Fahrzeug des Betreuers gestiegen. Der unterhielt sich angeregt mit der JVA-Beamtin, während Elias besorgt neben dem Bett seiner Schwester saß und ihre Hand hielt. Maria musterte die Situation unter halb geschlossenen Lidern und stöhnte leise auf. „Maria was ist mit dir?“, fragte der debile Mann mit seiner kindlichen Stimme angstvoll und beugte sich zu ihr. „Elias-der Mann, den wir im Keller gefangen gehalten haben ist schuld daran, dass es mir so schlecht geht. Du musst ihn töten, dann werde ich wieder gesund-er liegt wahrscheinlich in der Uniklinik Köln-lass dich mit dem Taxi dorthin bringen-dort waren wir schon mal ein paar Tage, als du dich beim Spielen verletzt hattest, du kennst dich dort aus. Er heißt Ben Jäger-wenn du an der Information fragst, sagt man dir auf welcher Station er liegt“, beauftragte Maria im Flüsterton ihren Bruder, der es gewohnt war, die Befehle seiner Schwester aus zu führen. „Überwältige erst die Frau, die ist bewaffnet und dann den Mann und dann gehst du einfach ruhig aus dem Zimmer zum Taxistand“, erhielt er weitere Anweisungen.

      Als sich Elias nun umdrehte, hatte seine Miene sich völlig verändert. Von den beiden überraschten Bewachern hörte man keinen Laut, als er mit seinen fast übermenschlichen Kräften erst den Hals der Beamtin umklammerte und zudrückte und dann dasselbe mit dem Betreuer machte, der ebenfalls sofort bewusstlos zu Boden ging. Dann verließ er seelenruhig das Zimmer-er war es gewohnt seiner Schwester zu gehorchen.
      Die Schwester die gerade über die Station lief, sah überrascht auf, als sich wenig später die Tür des Einzelzimmers öffnete und Maria, die sich den ZVK entfernt und die Kleider der JVA-Beamtin angezogen hatte, heraus trat. Allerdings kam sie nicht weit, denn nach ein paar Metern versagte ihr Kreislauf und sie sank ohnmächtig zu Boden. „Schnell einen Arzt!“, rief die Schwester, die erst gar nicht wusste, was hier eigentlich los war. Als man dann allerdings das Zimmer öffnete und die beiden immer noch bewusstlosen Personen mit Bettzeug und den Handschellen gefesselt und geknebelt am Boden liegen sah, klärte sich die Sache und als Maria wieder zu sich kam, lag sie zwar im Bett, hatte aber einen Bauchgurt und Handfixierungen. Einen Versuch war es wert gewesen, aber immerhin lief ihre Rache und die beiden Personen, die schwere Kehlkopfverletzungen erlitten hatten, waren im Moment nicht fähig eine Aussage zu machen, so dass niemand Elias aufhielt.
    • Die beiden Schwestern der Normalstation hatten Ben in sein schönes Privatzimmer auf der Normalstation mit Blick zum Park geschoben. „Bitte-finden sie heraus, was mit meiner Frau ist!“, bat Ben flehentlich, dem das Ganze viel zu schnell ging. „Sie ist Patientin auf der Intensiv und gerade habe ich auf dem Monitor etwas Besorgniserregendes gesehen“, versuchte er zu erklären und die beiden wechselten einen wissenden Blick. Was Patienten immer auf Überwachungsgeräten zu entdecken meinten-war es für Fachpersonal schon schwer, die Daten richtig zu interpretieren, aber ein Laie war damit schlichtweg überfordert. „Wir kümmern uns darum!“, kam die neutrale Aussage. Die beiden Pflegerinnen, die sowieso schon gerade Überstunden machten, steckten das Bett am Strom an, hängten die Infusionen frei tropfend an einen metallenen Infusionsständer auf fünf Rollen, schoben Ben die Multimedialeiste hin und verließen dann eilig den Raum, um zur verspäteten Übergabe zu kommen.

      Auch die Uniklinik war vom Pflegekräftemangel inzwischen erreicht worden und die Arbeitsbedingungen wurden zunehmend schlechter. Normalerweise waren drei Pflegekräfte in der Spätschicht für 40 Patienten vorgesehen, aber wegen Krankheitsausfall war man heute nur zu zweit. Die Patienten waren immer kränker und im Durchschnitt auch älter, das bedeutete sowieso schon mehr Arbeit, dazu die ganze Dokumentation, die den Patienten wieder Zeit raubte. Niemand war mehr bereit im Frei ans Telefon zu gehen, wenn die Nummer der Klinik aufleuchtete, weil jeder Einzelne mehr als 200 Überstunden vor sich her schob. Urlaub konnte teilweise nicht gewährt werden und nachdem auch niemand seine Arbeit aus Zeitmangel so ausüben konnte, dass er zufrieden war, wuchs der Frust. Man betrieb pflegerische Minimalversorgung und war froh, wenn durch den Zeitdruck kein Patient starb.
      Als die beiden Schwestern, nachdem sie sich die gelben Kittel, den Mundschutz und die Handschuhe vom Leib gerissen und die Hände desinfiziert hatten, das Stationszimmer erreichten, hatten sie Ben´s Anliegen schon wieder vergessen und übergaben nun so rasch wie möglich nacheinander ihre Patienten, um endlich Feierabend zu haben. Die Spätschicht bekam gleich nochmals drei Zugänge, bevor der erste reguläre Durchgang beginnen konnte, würde sicher noch einige Zeit vergehen. Dazu läuteten ständig mehrere Patientenrufe, die man ebenfalls abarbeiten musste. So mancher, der lange im Beruf war, hatte inzwischen das Handtuch geworfen und sich einen anderen Job gesucht-Dreischicht mit Wochenende und das Ganze für einen Lohn, über den die Industrie lachte, war überhaupt nur möglich, wenn man ein soziales Gewissen hatte und leider nutzte das Medizinsystem das gnadenlos aus. Die Ärzte und die Verwaltung wurden immer mehr Köpfe, während man in der Pflege seit Jahren ständig reduzierte. Dabei stiegen die Anforderungen, überall musste man viele Geräte bedienen und der kranke Mensch kam zunehmend ins Hintertreffen.

      Die Übergabe des Patienten Jäger enthielt daher auch nur das Notwendigste. „Zimmer 504, privat, isoliert wegen einem unbekannten Keim, haben wir gerade von der Intensiv geholt. Er hatte eine Urosepsis, ist jetzt aber mobil und kreislaufstabil, darf essen und trinken. Er hat abheilende Genitalverletzungen und hatte irgendwann mal noch eine Magenblutung, die aber nicht mehr relevant ist-Blasenkatheter liegt“, war alles, was man zum neuen Patienten bemerkte, wer nähere Fragen hatte, musste sich die Kurve anschauen. Freilich war die Übergabe von der Intensiv wesentlich ausführlicher gewesen, aber da hatte eine Pflegekraft zwischen zwei und vier Patienten-nicht wie hier zwanzig, da konnte man nicht ins Detail gehen, sonst säße man noch bei der Übergabe wenn die Nachtschicht eintrudelte.

      Ben musterte sein neues Zimmer. Es war hell und sauber mit weiß gestrichenen Wänden an denen ein paar Bilder hingen. Die Frühlingssonne strahlte durchs Fenster, aber er war regelrecht panisch wegen Sarah. Niemand kam und gab ihm Auskunft und so langsam formierten sich in seinem Kopf immer schlimmere Gedanken. Die Teufelssekte war vielleicht gerade jetzt in diesem Augenblick dabei, ihr etwas an zu tun. Er musste zu ihr und auf sie aufpassen, denn sonst würde das niemand machen.
      Der Gedanke an Semir versetzte ihm einen Stich. Warum war der nur auf die andere Seite gewechselt? Früher hätte der auf Sarah geachtet, aber jetzt war er vielleicht sogar eine Gefahr für sie, wenn man vermuten konnte, dass sie sich abgewandt hatte. Er war verblendet und umgedreht, wahrscheinlich auch mit Drogen. Immer noch war sich Ben nicht sicher, ob die Frau, die vorher zu ihm gekommen war, Maria gewesen war. Wenn sie es allerdings war, schwebte Sarah in höchster Gefahr. Angeblich war Maria zwar im Gefängnis und Lucky hatte ihr den Arm gebrochen, aber man konnte ihm schließlich viel erzählen. Oder es gab noch mehrere Anhänger der Teufelssekte mit verschiedenfarbigen Augen-sozusagen ein spezielles Merkmal. Einen Augenblick stutze er. Die Erlebnisse im Keller hatten sich zu einem einzigen Wust an Flashbacks und Eindrücken vermischt, auch Jenny´s Gesicht stand vor seinem inneren Auge-gehörte die auch zu den Bösen? Und Hartmut-war Hartmut ebenfalls umgedreht? Nach kurzem Überlegen wies er diesen Gedanken dann allerdings von sich. Hartmut hatte ihm die Medizin gegeben, seitdem ging es ihm besser, der stand auf seiner Seite und wollte ihm helfen. Er hatte auch Sarah mit dem Mittel versorgt, was vermutlich ihre einzige Chance war, aber Hartmut konnte nicht überall sein.

      Ben horchte in sich hinein, sein Unterkörper ziepte, der dicke Katheter war ihm schmerzhaft bewusst und der Rest hing irgendwie geschwollen und schwer zwischen seinen Beinen. Wenigstens die Erniedrigung mit dem Toilettenstuhl würde ihm ab jetzt erspart bleiben-zum Bad war es nicht weit und er konnte sicher das Klo benutzen, aber voller Erleichterung stellte er fest, dass da im Augenblick keine Notwendigkeit bestand.
      Auf seinem Nachtkästchen stand eine Mineralwasserflasche und ein Glas und so setzte er sich langsam auf und trank erst einmal ein paar Schlucke. Dann musterte er den Infusionsständer. Der sah stabil aus, dort konnte er sich sicher festhalten. Außer den drei Schläuchen, die aus seinem Hals kamen, war da nur noch der Katheterbeutel als Anhängsel. Als er sich langsam aufrichtete und die Knie durchdrückte, waren die zwar wie Wackelpudding, aber als er tief durchatmete ging es. Er hängte den Katheterbeutel unten an den Infusionsständer-da war extra ein Haken, vermutlich genau zu diesem Zweck, dann ging er vorsichtig los Richtung Bad, er musste sich jetzt unbedingt im Spiegel anschauen-das mit den verschiedenfarbigen Augen ließ ihn nicht in Ruhe-wenn Maria´s Tropfen jetzt doch etwas verändert hatten? Das Bad hatte kein Fenster und als er sich im kalten Neonlicht im Spiegel betrachtete, sah er wie ausgekotzt aus. Seine Augen lagen in tiefen Höhlen, das Gesicht war schmal und eingefallen und der Dreitagebart stach dunkel hervor.
      Ben atmete dennoch auf-seine beiden Augen hatten immer noch dieselbe Farbe-ein tiefes Braun, in das Sarah immer zu versinken pflegte. Im Moment würde sich die Damenwelt nicht für ihn interessieren, denn ansonsten hatte er schon öfter zwei Freundinnen, die ihn zuerst kritisch gemustert und dann angelächelt hatten, tuscheln hören: „Den würde ich auch nicht von der Bettkante stoßen!“, hatte er da beispielsweise schon vernommen und seitdem er mit Sarah zusammen war, drehte er dann demonstrativ an seinem Ehering-er hatte es gar nicht nötig fremd zu gehen-alles was ihn glücklich machte, hatte er zuhause und dazu noch zwei prächtige Kinder! Sehnsüchtig musterte er die Duschkabine, aber heute gab es Wichtigeres zu erledigen, außerdem wäre dann der Verband nass und bei dem was er jetzt vorhatte, konnte er das nicht brauchen.
      Glücklicherweise waren Einmalhygieneartikel, Handtücher, Frotteeschlappen und auch ein kuschliger weißer Bademantel Teil des Serviceprogramms für Privatpatienten und so hüllte er sich in den Mantel, schlüpfte in die Schlappen-etwas was er sonst nie tragen würde- und fuhr sich dann mit der Bürste durch die widerspenstigen Locken. Er klatschte sich kaltes Wasser ins Gesicht, was die Lebensgeister weckte und nach einem weiteren Schluck Mineralwasser machte er sich langsam, Schritt für Schritt, auf den Weg zur Intensivstation. Auf dem Flur waren nur andere Patienten und Besucher zu sehen, die sich nicht um ihn kümmerten und erleichtert bog Ben um die Ecke zu den Fahrstühlen.

      So sah er nicht, dass soeben ein riesiger Mann intensiv das Türschild betrachtete, das außen an seiner Zimmertüre hing: „Isolierung-Besucher bitte am Stationsstützpunkt melden“, stand da neben einer farblichen Markierung für den Reinigungsdienst. Nachdem Elias das buchstabiert hatte, öffnete er die Türe und war wenig später in dem Raum verschwunden.
    • Ben hatte inzwischen den Fahrstuhl erreicht. Seine Beine zitterten und der Schweiß war ihm ausgebrochen. Dennoch betrat er den Aufzug, drückte den Knopf für das Stockwerk auf dem sich die chirurgischen Intensivstationen befanden und lehnte sich dann erleichtert ein wenig an der Wand an. Schweiß stand auf seiner Stirn und er war eigentlich schon restlos erschöpft. Als sich die Kabine füllte, merkte er, wie es ihm zu eng wurde. Verdammt-die Luft war so schlecht-er hätte sich am liebsten den dicken Bademantel vom Leib gerissen. Als er fühlte, wie das Blut in seinen Beinen versackte und seine Ohren zu rauschen begannen, hielt er sich dennoch mit letzter Kraft aufrecht. Eine mütterlich aussehende Frau um die sechzig, die bereits im Fahrstuhl gewesen war, als er eingestiegen war, musterte ihn besorgt. „Ist ihnen nicht gut?“, fragte sie angesichts der wächsernen Blässe und jetzt nickte Ben.

      Verdammt-gerade war sein größtes Problem nicht um zu fallen. Sein Besuch bei Sarah war in weite Ferne gerückt, er musste zusehen, dass er wieder in sein Zimmer zurück und ins Bett kam. „Warten sie ich helfe ihnen-dritter Stock-da wo sie eingestiegen sind?“, fragte die Frau und Ben konnte nur leise „Dankeschön“, murmeln und es bejahen. Der Fahrstuhl hatte sich inzwischen geleert, die Frau drückte entschlossen den Knopf für den dritten Stock und bugsierte dann Ben am Ellenbogen nach dem Erreichen desselben aus der engen Kabine. „Ja die Luft da drinnen ist immer grenzwertig, gerade wenn man noch nicht ganz fit ist. Welche Zimmernummer haben sie denn?“, plapperte sie dann freundlich. Würde ihr Mann eben noch ein Weilchen auf ihren Besuch warten müssen, sie würde wie jeden Tag sowieso den ganzen Nachmittag bei ihm verbringen und der attraktive junge Mann, dem es sichtlich mies ging, benötigte jetzt dringender ihre Hilfe. Der junge Polizist setzte mechanisch einen Fuß vor den anderen. Er sah seine Umgebung nur noch verschwommen, in seinen Ohren hatte ein helles Pfeifen eingesetzt und er hätte alleine nicht zum Zimmer zurück gefunden.
      Als sie es erreicht hatten-die Frau hatte ihn inzwischen unter gefasst und fragte, ob sie eine Schwester holen solle-stieß er erleichtert die Türe auf, riss sich den Bademantel, der inzwischen von seinem Schweiß durchtränkt war, vom Leib und erwischte mit letzter Kraft sein Bett, in das er sich sofort hinein fallen ließ.

      „Um Himmels Willen-das ist ja ein Isolierzimmer und ich habe sie angefasst! Dürfen sie überhaupt draußen herum laufen, oder habe ich mir jetzt was geholt, nur weil ich dumme Kuh mal wieder so hilfsbereit war?“, keifte die Frau und starrte ihre Hände mit denen sie Ben berührt hatte, an, als wenn sie damit in Jauche gerührt hätte. „Was haben sie überhaupt Ansteckendes?“, fragte sie dann, immer lauter werdend, aber als von dem Patienten, der sich völlig erschöpft auf dem Bett ausgestreckt hatte und erst langsam wieder zu Atem kam, keine Antwort erfolgte, zog sie fluchend die Tür zu, die mit einem lauten Knall ins Schloss fiel und machte sich auf den Weg zum Stationszimmer. Dort würde sie fragen, was sie jetzt tun sollte und dieses Mal wäre es definitiv das letzte Mal gewesen, dass sie nett zu wildfremden Menschen war-ihr Siegfried konnte das auch immer nicht verstehen und hatte sie schon oft deswegen getadelt!

      Eine Schwester der Spätschicht bereitete dort gerade die Medikamente für den kommenden Tag vor und sah überrascht auf, als eine Frau wie ein wütendes Schlachtross in den Raum stürmte, der ausdrücklich nicht für Patienten und Besucher gedacht war, was an der Tür auch angeschrieben stand. Hier waren überall patientenrelevante Daten zu lesen, schon aus Datenschutzgründen durften sich hier nur Mitarbeiter aufhalten. „Bitte verlassen sie den Raum-um was geht es überhaupt?“, sagte sie ein wenig schärfer, als sie es eigentlich beabsichtigt hatte. „Jetzt kommen sie mir nicht auch noch blöd, wenn sie ihre Patienten schon nicht unter Kontrolle haben!“, keifte die Besucherin. „Ich habe gerade aus Gutmütigkeit den jungen Mann aus Zimmer 304 zurück begleitet, dem im Fahrstuhl schlecht geworden ist und dort sehe ich, dass der isoliert ist. Habe ich mir jetzt Pest und Cholera geholt, ich möchte sofort einen Arzt sprechen!“, schnaubte die empörte Frau und die Pflegekraft seufzte innerlich auf.

      Verdammt-als hätten sie nicht sowieso schon genügend Arbeit! Zimmer 304 gehörte zum Bereich ihrer Kollegin, die gerade im Haus unterwegs war. Sie holte sich erst einmal die bereits angelegte Patientenkurve und las die Diagnosen. Die Frau war derweil in der Tür stehen geblieben. Verdammt-ein unbekannter Keim-sie hatte keine Ahnung wie ansteckend und auf welche Art und Weise übertragbar der war. Sie würde den Arzt anrufen, der sollte gemeinsam mit der Hygieneabteilung klären, was sie jetzt mit der Besucherin unternehmen sollten. Und es war die Höhe, wenn sich Patienten nicht an Anweisungen hielten, man hatte diesem Herrn Jäger sicher gesagt, dass er das Zimmer nicht verlassen dürfe, dem sollte der Arzt nachher noch gehörig den Kopf waschen.

      Geistesgegenwärtig schob sie einen Stuhl herbei, stellte ihn in eine Nische im Flur, bat die Frau sich zu setzen und dann griff sie zum Telefon. Der Stationsarzt war allerdings gerade in einer Besprechung und würde erst später vorbei kommen. So beobachtete die Besucherin nach dieser Information jetzt argwöhnisch, wie die Pflegekraft sich Einmalhandschuhe anzog und begann, den Türrahmen und die Klinke mit Desinfektionstüchern ab zu wischen, wo sie hin gefasst hatte. Na toll-das sah gar nicht gut für sie aus und ihr Siegfried würde sich ebenfalls langsam schon Sorgen machen, wo sie denn blieb. Dann leuchteten mehrere Patientenrufe auf und die Schwester hatte alle Hände voll zu tun, die ab zu arbeiten, zwischendurch ans Telefon zu gehen usw. Sie war gerade mal zwei Stunden im Dienst und war schon fix und fertig-so langsam sollte sie sich nach was anderem umschauen!

      Semir saß an seinem Schreibtisch und starrte geistesabwesend auf den Computerbildschirm. Er konnte sich schlecht konzentrieren und las dieselbe Akte inzwischen wohl bereits zum dritten Mal, ohne zu verstehen was darin stand. So hatte das keinen Wert! Dann läutete sein Telefon, Hartmut war am Apparat. „Semir-Ben geht es deutlich besser, er hat keine Magensonde mehr und hat ohne Probleme heute das Pulver eingenommen, allerdings funktioniert das mit der Krankenhauspsychologin nicht-stell dir vor, die hat zufälligerweise auch eine Irisheterochromie und Ben hat sie angesehen als wäre sie der Teufel in Person und wollte dann vor ihr fliehen. Die haben keine Alternative und ich habe mir jetzt überlegt, ob wir nicht diesen nieder gelassenen Psychologen, der Ben vor ein paar Jahren schon mal behandelt hat, hinzuziehen sollten-der konnte ihm damals doch gut helfen-wie hieß der noch mal?“, fragte Hartmut und Semir konnte den Namen wie aus der Pistole geschossen wiedergeben. „Philipp Schneider-und ich weiß auch, wo seine Praxis ist-das ist eine gute Idee, vielleicht kann der Ben wieder in die richtige Spur bringen und von seinen Wahnvorstellungen befreien-er hatte das letzte Mal wirklich einen guten Draht zu ihm! Ich werde persönlich dort vorbei fahren und ihm das Dilemma schildern-sowas bespricht sich schlecht am Telefon“, freute sich Semir auf eine Aufgabe, die seinem besten Freund helfen konnte.

      „Ach übrigens-Sarah hat sich ebenfalls ein wenig stabilisiert, sie ist zwar immer noch schwer krank und beatmet, aber inzwischen besteht wieder Hoffnung und während ich bei ihr war und mich auch noch ausführlich mit ihren Eltern unterhalten und denen gezeigt habe, wie man das Pulver verabreicht, was sie ab sofort übernehmen werden, wurde Ben auf die Normalstation verlegt. Ich denke der wird dort auch private Sachen brauchen, vielleicht kannst du dich ebenfalls darum kümmern, ich muss irgendwann auch mal was arbeiten, sonst reißt mir die Krüger den Kopf runter!“, bemerkte Hartmut und Semir musste grinsen. „Jetzt weißt du, wie Ben und ich uns immer fühlen, aber im Grunde ihres Herzens ist die Chefin gar nicht so schlimm wie sie immer tut!“, rief er in den Hörer und als ein lautes Räuspern hinter ihm erklang, drehte er sich erschrocken um und errötete, den niemand anderes als Kim Krüger stand hinter ihm. "Bis dann Hartmut-tschau-tschau!“, fügte er noch schnell hinzu und der Kriminaltechniker versicherte ihm, die abendliche Pulvergabe bei Ben wieder zu übernehmen.

      „So dann bin ich also gar nicht so schlimm?“, bemerkte die Chefin mit einem leisen Lächeln und Semir erhob sich und griff nach seiner Jacke, die er lässig über Ben´s Stuhllehne geworfen hatte. „Frau Krüger-tut mir leid, wenn wir über sie gesprochen haben-aber sie haben ja gehört, ich habe Hartmut soeben versichert, dass ich sie schwer in Ordnung finde. Stellen sie sich vor-Ben wurde auf die Normalstation verlegt, das ist doch ein gutes Zeichen und ich hole ihm jetzt Sachen von Zuhause und besorge ihm einen privaten Psychologen, in der Klinik bekommen die das nicht gebacken!“, rief er und war schon fast draußen. Kopfschüttelnd sah Kim ihm nach und ging dann in ihr Büro-es war besser wenn Gerkhan sich um diese Dinge kümmerte, am Schreibtisch brachte der heute sowieso nichts zustande.

      Vergnügt machte Semir sich auf den Weg-endlich ging es voran und er könnte sich fast ohrfeigen, dass er an Philipp Schneider nicht schon eher gedacht hatte. Dessen Praxis lag auf dem Weg zu Ben´s Gutshof und zufälligerweise hatte gerade der letzte Patient das gemütlich eingerichtete Behandlungszimmer verlassen und der Psychologe trank soeben eine Tasse Kaffee und aß ein paar Kekse, als Semir herein stürzte. „Herr Gerkhan-was führt sie zu mir?“, fragte er überrascht und als Semir ihm im Schnelldurchlauf erzählte, was Ben angetan worden war und wie paradox der jetzt reagierte, hörte er konzentriert zu und versprach, gleich in der Klinik vorbei zu schauen. „Mir ist ein Patient ausgefallen, der heute stationär in der Psychiatrie eingeliefert wurde, da ging ambulant nichts mehr, da hat Ben jetzt Glück-dessen ganze Termine sind frei geworden und der war gerade in täglicher Intensivtherapie, immer als letzter Klient, weil er keinen Zeitdruck aushalten konnte!“, berichtete er und griff auch schon nach seinem lässigen Sakko. „Können sie mich mitnehmen, dann muss ich mich nicht in die proppenvolle U-Bahn quetschen?“, fragte er dann noch und Semir nickte zustimmend.

      Er dankte Gott, dass der Psychologe-übrigens als Einziger den er kannte-so unkompliziert war und dem anscheinend auch wirklich an Ben etwas zu liegen schien. Auch dass der aktuell nicht nach Behandlungsverträgen und Kostenübernahme fragte, sondern einfach aktiv wurde-sein Geld würde er bekommen und wenn Semir das aus eigener Tasche berappen müsste.
      „Das klingt sehr interessant was sie mir da erzählen und wie ich sehe, ist das Ganze an ihnen auch nicht spurlos vorbei gegangen“, bemerkte der sportliche Mann, als er auf dem Beifahrersitz saß und Semir sich über Schleichwege durchs nachmittägliche Köln quälte. Es war zwar dichter Verkehr, wie immer werktags, aber die Rush-Hour hatte noch nicht begonnen, so kamen sie relativ gut durch. „Doch es setzt mir sehr zu, dass Ben mich nicht an sich heran lässt und mir zutraut, ihm etwas Böses zu wollen-er ist doch mein bester Freund“, klagte Semir und der durchtrainierte Mann in Anzughose, Poloshirt und lässigem Sakko neben ihm beobachtete ihn konzentriert. „Ich hoffe ich kann ihnen beiden helfen und vor allem natürlich Ben!“, sagt er warm, denn er war während seiner letzten Therapie zum „Du“ mit seinem Patienten über gegangen, wovon eigentlich streng abgeraten wurde, aber Philipp Schneider hielt sich nicht immer an Regeln und vermutlich funktionierte das deswegen zwischen ihm und dem dunkelhaarigen Polizisten so gut.
      „Ich lasse sie jetzt raus, fahre zum Haus meines Freundes und packe ihm dort ein paar Sachen zusammen-was man im Krankenhaus eben so braucht. Ich weiß leider nicht auf welchem Zimmer er liegt, aber das werden sie sicher raus finden!“, bemerkte der kleine Türke, während er direkt vor der Klinik hielt und der Therapeut, der schon aus dem BMW gesprungen war, nickte und sagte dann mit einem entwaffnenden Lächeln, das Semir einfach gut tat: „Und wenn nicht, wende ich mich vertrauensvoll an die Polizei-wir werden das Ganze schon wieder gerade rücken“, fügte er noch hinzu und zum ersten Mal seit Tagen fühlte Semir sich wieder richtig gut.
    • Der Psychologe erkundigte sich an der Information nach Ben´s Zimmernummer und stand wenig später vor der Zimmertüre und studierte das Isolierschild.
      Gerade wollte er sich abwenden und zum Stationszimmer gehen, da hörte er ein Geräusch von drinnen, das sich anhörte, als wäre ein schwerer Körper auf den Boden gefallen, dazu ein erstickter Aufschrei. Wie angewurzelt blieb er stehen. Was war da drinnen los und würde er sich etwas einfangen, wenn er jetzt die Zimmertüre öffnete? Dann allerdings überwog der gesunde Menschenverstand. Der türkische Kollege seines Patienten hatte ja umrissen, wie Ben sich infiziert hatte und so viel Medizinkenntnis hatte er-das war wohl kein Keim, der durch die Luft, oder durch reines Händeschütteln übertragen wurde, ansonsten wäre Herr Gerkhan nämlich schon längst erkrankt. Vermutlich war das eine reine Vorsichtsmaßnahme mit der Isolierung und Sarah hatte schließlich eine frische Operationswunde gehabt mit Drainagen, war in der Körperabwehr sicher stark angegriffen gewesen und noch dazu psychisch vermutlich völlig am Boden nach der Zeit der Ungewissheit und Sorge.
      Er sah immer den Menschen als Ganzes und wusste, wie viel man eigentlich ertragen konnte, wenn man psychisch gesund und stabil war-aber sowohl sein Patient, den er während seiner letzten Therapie sehr gut kennen gelernt hatte, als auch dessen Frau hatten sehr viel mitgemacht, seit der Entführung und er freute sich eigentlich darauf Ben zu helfen, wieder in die Normalität zurück zu finden. Im Gegensatz zu manchen seiner Patienten die Hypochonder und nur auf sich selbst zentriert waren, war der nämlich ein völlig geerdeter Mann, der normalerweise mit beiden Beinen im Leben stand und wirklich nur in Extremfällen überhaupt psychologische Hilfe benötigte-im Alltag griffen bei ihm seine Familie, seine Freunde und die vielen Sozialkontakte und halfen ihm, psychisch gesund zu bleiben. Ein kleiner Wind würde ihn nicht aus der Bahn werfen, aber diesmal war wohl ein schrecklicher Sturm über ihn hinweg gefegt, dass er gleich paranoide Vorstellungen entwickelt hatte. Und wenn er jetzt die Geräusche aus dem Zimmer richtig deutete, war das vielleicht gar keine Paranoia, wie Herr Gerkhan ihm unterstellte, sondern eventuell bestand da wirklich eine reale Gefahr und so stieß Philipp Schneider, dessen Überlegungen nur Sekunden gedauert hatten, jetzt entschlossen die Zimmertüre auf.

      Erschrocken blickte er auf das Szenario, das sich ihm bot. Ben lag auf dem Boden und war mit den Beinen ein wenig unter das Bett gerutscht. Eine Blutlache hatte sich um seinen Unterkörper ausgebreitet und das hoch gerutschte Hemd ließ einen Blick auf seinen geschundenen und geschwollenen Unterleib erhaschen, wo aus der Leistenregion irgendwo das hellrote Blut sickerte. Aus dem Augenwinkel sah der Psychologe einen geblockten dicken Blasenkatheter am Boden liegen und auch die Infusionen liefen einfach so auf den Fussboden und hatten bereits eine kleine Pfütze gebildet.
      Aber das Schrecklichste war der Anblick von Ben´s Gesicht, das blau angelaufen war und in dem die Augen gerade dabei waren aus den Höhlen zu treten. Der Grund dafür war ein riesiger Koloss von einem Mann, der mit einem irren Kichern auf dem Brustkorb seines Patienten hockte und dessen Hals mit beiden Händen umfasst hielt. Auch er war blutverschmiert und das erhöhte noch das Grauen, denn das Bild wirkte wie aus einem Horrorfilm.

      Ohne lange zu überlegen stürzte sich der durchtrainierte Psychologe von hinten auf den mächtigen Mann, brüllte ihn an und versuchte ihn von Ben herunter zu ziehen, um dessen Leben zu retten. Allerdings waren die Oberarme, die er umklammerte so dick wie mancher Männeroberschenkel und was er spürte waren blanke trainierte Muskeln. Wenigstens der Überraschungseffekt hatte gegriffen und die Hände lockerten sich einen Moment, so dass Ben pfeifend und in höchster Todesnot Luft einsaugen konnte. Die blanke Panik sprach aus seinen Augen und der blonde Seelenklempner wusste, wenn es ihm nicht gelang den riesigen Mann unschädlich zu machen, hatte Ben´s letztes Stündlein geschlagen. Der Riese brummte nun unwillig und Philipp hatte das Gefühl, er hinge an einem wütenden Elefanten und nicht an einem lebenden Menschen. Schnell hatte er erfasst, dass er mit reiner Körperkraft gegen den Koloss nichts ausrichten konnte, denn der hatte fast unmenschliche Kräfte und so lockerte er seinen Griff und bevor der Mann wieder den Druck um den Hals des jungen Polizisten erhöhen konnte, bohrte er ihm die Finger in die Augenhöhlen-hier war kein fairer Kampf gefragt, sondern es galt eine unberechenbare Bestie unschädlich zu machen.

      Elias heulte auf und reflexartig fasste er nach seinen schmerzenden Augen. Dann aber brannten bei ihm alle Sicherungen durch und wie als wäre der Psychologe ein kleines Kind, warf er ihn über seine Schulter mit einem Judogriff mit Wucht neben Ben auf den Boden. Der schlug sich bei dieser Aktion den Kopf heftig am Bett an, war so einen Augenblick orientierungslos und lockerte auch den Griff seiner Hände und bis sich Philipp Schneider versah, lag er direkt neben seinem Patienten und eine unbarmherzige Hand schloss sich nun auch um seinen Hals und drückte ihm die Luft ab, während die zweite dabei war, Ben den Rest zu geben.

      Semir war schon ein Stück gefahren, als er an einer Ampel bei Rot anhalten musste. Wie zufällig schweifte sein Blick auf den Beifahrersitz und er sah dort ein Handy liegen. Oh verdammt das war dem Psychologen wohl aus der Gesäßtasche gerutscht! Kurz überlegte er, ob er weiter fahren sollte, zuerst etwas für Ben packen und es ihm nachher bringen sollte, aber erstens wusste er nicht, wie lange der Therapeut bei seinem Freund bleiben würde und zweitens, wo der anschließend hingehen würde-eher in die Praxis, oder doch gleich nach Hause. So bog er an der nächsten Kreuzung rechts ab und machte sich auf den Rückweg zum Klinikum.
      Am Taxistand stand eine Streife der Innenstadtwache und nahm gerade die Anzeige eines Fahrers auf, dessen Fahrgast wohl ohne zu bezahlen in der Klinik verschwunden war. Semir stellte seinen BMW in die Reihe der Taxen, zeigte den Kollegen seinen Ausweis und versicherte: „Ich bin gleich wieder da, ich muss nur dienstlich etwas abgeben!“, und dann stand er schon an der Information. „Ich hätte gerne die Zimmernummer von Herrn Jäger!“, bat er und zu seinem Erstaunen wusste die Angestellte hinter der Glasscheibe die auswendig. „Zimmer 304, sie sind ja bereits der Dritte innerhalb der letzten 20 Minuten, der die wissen will!“, bemerkte sie und jetzt beschlich Semir plötzlich ein ungutes Gefühl. Der Psychologe war klar, aber wer war der dritte Mann, der sich nach Ben´s Zimmernummer erkundigt hatte?
    • Ben hatte sich erst einmal erleichtert auf dem Bett ausgestreckt. Was die Frau da empört vor sich hin keifte, bekam er gar nicht so richtig mit, denn er war viel zu sehr damit beschäftigt, den Drehkreisel in seinem Kopf zum Stehen zu bringen. Ihm war auch übel und viel hätte nicht gefehlt und er wäre auf den letzten Schritten zu seinem Zimmer zusammen gebrochen-um zu Sarah zu gelangen, brauchte er auf jeden Fall einen Plan B, im Augenblick hatte er seine Kräfte überschätzt. Als die Tür krachend ins Schloss gefallen war und die wütende Frau sich entfernt hatte, kam er endlich wieder richtig zu sich. Er war klatschnass geschwitzt und das lächerliche Krankenhaushemd klebte an seinem Körper, sobald Hartmut wieder kam, musste er ihn bitten zum Gutshof zu fahren und ihm Klamotten und Hygieneartikel zu bringen. Wieder gab es ihm einen Stich ins Herz-früher hätte das wie selbstverständlich Semir gemacht-warum nur hatte der ihn verraten?

      Aber gerade als sein Atem ruhiger wurde und er langsam begann sich zu erholen, hörte er ein Geräusch-das kam aus dem kleinen Bad. Ben´s Nackenhaare stellten sich auf und ein ungutes Gefühl ergriff von ihm Besitz. Weder eine Schwester noch eine Putzfrau in der Klinik würden sich so lange in dem kleinen Raum aufhalten, den er ja erst vor kurzer Zeit verlassen hatte, aber wer sonst war da drin? Langsam öffnete sich die Tür und entsetzt starrte Ben auf den riesigen Menschen, der sich ihm nun mit bösem Gesichtsausdruck näherte und dabei sagte: „Du bist schuld, dass es meiner Schwester so schlecht geht!“ Ben fingerte hektisch, aber leider vergeblich nach der Glocke, checkte ab, ob er irgendeine Chance hatte, sich zu verteidigen, aber die einzige Möglichkeit zu überleben, bestand darin aus dem Zimmer zu fliehen. Wenn er den Krankenhausflur erreichte, waren dort andere Patienten und Besucher und wenn er dort angegriffen wurde, würde der Sicherheitsdienst verständigt werden, aber alleine und in seinem Zustand hatte er gegen Elias keine Chance-dessen schier übermenschliche Kräfte hatte er während seiner Gefangenschaft schon mehrfach zu spüren bekommen.

      Es blieb keine Zeit an den Zugang am Hals mit den Infusionen zu denken und als Ben sich nun mit einer blitzschnellen Bewegung aus dem Bett rollen ließ, ziepte es kurz, als der Faden durch die Haut riss, aber dann war der ZVK draußen und die Infusionslösungen liefen auf den Boden und aus seinem Hals kam ein dünnes Blutrinnsal. Ben spürte es kaum, denn der Adrenalinstoss, den ihm die Angst bescherte, machte ihn für einen Moment unempfindlich gegen körperliche Schmerzen. Bevor er jetzt aber zur Tür kriechen konnte, war mit einem wütenden Brummen der Koloss über ihm und würgte ihn, dass seine Augen aus den Höhlen traten. Ben trat wild um sich, aber Elias hockte sich nun auf seinen Brustkorb, blieb dabei noch mit dem Fuß am Schlauch des Katheters hängen und diesen schier unmenschlichen Schmerz als der geblockte Ballon des Blasenkatheters durch seine geschundene Harnröhre nach draußen gezogen wurde, spürte Ben jetzt trotz aller Stresshormone. Er bäumte sich auf, mobilisierte alle Kräfte, aber der Koloss rührte sich keinen Millimeter, nur aus Ben´s Leiste schoss nun wieder das hellrote Blut, wo er sich vorher den arteriellen Zugang aus Angst vor Maria selbst versehentlich entfernt hatte.

      Ben wusste, er würde jetzt sterben, sein ganzer Organismus schrie nur noch nach Luft, seine Augen waren weit aufgerissen und starrten die menschliche Kampfmaschine voller Panik an, aber Mitleid oder Empathie war etwas, was durch seine geistige Behinderung der schwere Mann nie gelernt hatte. Seine Schwester, die der Mittelpunkt seines Universums war, hatte ihm gesagt, dass dieser Mann daran schuld war, dass es ihr so schlecht ging und wenn er ihn tötete, würde Maria wieder gesund werden, darum machte er, was ihm aufgetragen wurde. Von klein auf war er es gewöhnt, Befehle aus zu führen, er bekam dafür immer eine Belohnung und etwas hinterfragen konnte er durch seine Retardierung nicht.

      Gerade begannen Ben´s Sinne zu schwinden und sein Lebensfilm fing an in seinem Kopf abzulaufen, da hörte er mit einem Rest Bewusstsein die lauten Rufe eines Mannes-die Stimme kam ihm irgendwie bekannt vor-und dann lockerte sich der Griff des Mörders. Pfeifend sog Ben die Luft in seine Lungen und versuchte heraus zu finden, wer ihm da zu Hilfe gekommen war, aber da lag sein Retter, in dem er Philipp Schneider erkannte, nach einem gekonnten Schulterwurf von Elias plötzlich neben ihm und war in genau derselben aussichtslosen Situation wie er selber, denn auch um dessen Kehle hatte sich jetzt eine unbarmherzige Hand geschlossen. Elias´ Gesicht war blutverschmiert, seine Hände waren von Ben´s Blut besudelt, er hatte sich damit kurz den Schweiß von der Stirn gewischt und jetzt glitzerte die Mordlust in seinen Augen, als er gleichzeitig zwei erwachsenen Männern den Garaus machte.

      Semir ging erst zu den Aufzügen, aber als da gerade keiner im Erdgeschoß war, stieß er kurz entschlossen die Tür zum Treppenhaus auf. Dritter Stock-das würde er gerade noch schaffen und weil ihm sein Bauchgefühl sagte, dass Eile geboten war, rannte er, zwei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe hinauf. Ein Arzt, der ihm entgegen kam, bemerkte mit breitem Grinsen: „Na da schaut wenigstens jemand, dass er in Form bleibt und nimmt nicht den Fahrstuhl!“, aber bevor er noch etwas sagen konnte, hatte Semir schon die Tür im dritten Stock aufgestoßen und war verschwunden. Kurz blickte er auf die Anzeige der Zimmernummern-ah-304 war gleich da vorne und so hatte er Sekunden später die Tür erreicht. Auch er studierte erst das Schild „Isolierung“, aber dann griff er fast unbewusst nach seiner Waffe, als er von drinnen ein Geräusch und ein ersticktes Aufstöhnen vernahm.

      Ohne noch lange zu überlegen, stieß er mit vorgehaltener Waffe die Zimmertüre auf und bei dem Anblick der sich ihm bot, gefror ihm fast das Blut in den Adern. Ben und der Psychologe lagen nebeneinander auf dem Boden, unmittelbar vor dem Krankenbett. Sie waren von einer Blutlache umgeben und mit je einem Knie auf jedem Brustkorb hockte Elias, wie ein Fleisch gewordenes Monster auf den beiden und war gerade dabei sie zu erwürgen. Philipp Schneider zuckte noch in letzten Krämpfen, aber Ben war bereits kitzeblau und völlig schlaff-hier durfte keine Sekunde verloren werden, sonst waren beide tot, wenn Ben es nicht schon war. Elias saß seitlich zu Semir, wenn er ihn versuchte mit einem Schuss in die Schulter nur kampfunfähig zu machen, war nicht sicher, ob der nicht trotzdem weiter machte, oder sogar ihn selber angriff, überwältigte und dann waren Ben und Philipp Schneider rettungslos verloren. Dieser Fleischklops war nicht mit normalen Maßstäben zu messen, wenn er nicht geistig behindert wäre, hätte er wahrscheinlich in der Wrestlingszene Karriere gemacht und Semir erinnerte sich noch mit Schaudern an die Karrusselfahrt im Wohnzimmer des Hauses, als er die phänomenalen Muskeln vom Gregor gefühlt und zu spüren bekommen hatte. So zielte er einfach und als der laute Knall ertönte, sackte Elias tödlich in den Kopf getroffen, über seinen Opfern zusammen.