Ein schreckliches Erbe

    • in Erarbeitung
    • Susan

    Wir möchten euch hiermit darüber informieren, dass wir im Zuge der Vorbereitung unseres geplanten Relaunches der Internetseiten des offiziellen Fanclubs im Hintergrund der Community zahlreiche neue Funktionen ausprobieren / antesten. Es kann dadurch vorkommen, dass ihr kurzfristig Veränderungen wahrnehmen könnt, die kurz darauf wieder ausgeblendet werden.

    • Nachdem aus dem Tank des Horrorhauses Gewebereste geborgen waren, fuhr Hartmut zurück in die KTU. Er hatte insgesamt Material für mehrere Wochen Arbeit, aber beginnen würde er mit der Gewinnung der DNA aus dem Tank und Susanne würde zugleich einen Abgleich der Vermisstenanzeigen vornehmen. Die Beschreibung des Opfers lag -von Zofia gegeben- auch vor, aber im Endeffekt hatten sie das schon fast gewusst-auch dieser Mann hatte beinahe ausgesehen wie Ben, das war Maria´s Beuteschema. Hartmut zog seinen weißen Labormantel an und machte sich an die Arbeit, als wenig später schon Susanne bei ihm anrief: „Hartmut-ich habe eine Vermisstenanzeige gefunden, die passen könnte. Ein Düsseldorfer Vertreter für Landmaschinentechnik ist vor drei Monaten verschwunden. Seine Frau hat das zwar gemeldet, aber ausgesagt, dass es auch möglich wäre, dass ihr Mann sich abgesetzt hätte, weil die Ehe gerade am Zerbrechen war und er wohl zuvor schon mehrfach fremd gegangen war. Deshalb haben die Kollegen da nicht intensiver ermittelt, aber es dürfte kein Problem darstellen, zum Vergleich eine DNA-Probe zu gewinnen, wenn du Ergebnisse hast“, informierte sie ihn und natürlich auch Frau Krüger. Die schickte gleich zwei Beamte in die Wohnung des Vermissten, um Material zu gewinnen und die kamen mit der Zahnbürste und anderen persönlichen Dingen des Mannes zurück.

      Während die Diagnosecomputer liefen, nahm sich Hartmut handgeschriebene Aufzeichnungen Mengele´s, die säuberlich in Ringbüchern abgeheftet waren, vor, glich manche Daten mit dem Internet ab und ein Schauer des Entsetzens nach dem anderen lief ihm über den Rücken. Zu welch beispielloser Grausamkeit war der Großvater der Verhafteten und ihres Bruders nur fähig gewesen? Er hatte reihenweise Kinder und Erwachsene getötet-vorwiegend Juden und ganze Zigeunersippen, schreckliche, schmerzhafte medizinische Versuche mit ihnen angestellt und sie dabei menschenverachtend noch als „meine Meerschweinchen“ bezeichnet. Dem Ganzen hatte er den Deckmantel medizinischer Forschung umgehängt und gerade seine Erkenntnisse und Theorien zur Irisheterochromie und zu Noma-dem sogenannten Wasserkrebs, hatten fast zwanghafte Züge gehabt. Er selber hatte wohl gleichfarbige dunkelbraune Augen besessen, aber sowohl Maria, als auch ihre Mutter und Großmutter wiesen dieses Merkmal der verschiedenen Irisfarben auf. Allerdings hatte er seine südamerikanische Frau wohl erst nach dem zweiten Weltkrieg kennen gelernt, als er 1949 über die sogenannten Rattenlinien nach Buenos Aires mit der North King geflohen war. Seine Ehe in Deutschland hatte seine Ehefrau annullieren lassen, aber sein Sohn Rolf hatte wohl bis zu Mengele´s Tod durch Ertrinken nach einem Schlaganfall beim Schwimmen im Meer 1979, mit ihm Kontakt gehalten und kannte vermutlich auch Maria und Elias Gregor und deren Mutter, seine Halbschwester. Es lag eine Heiratsurkunde von 1950 unter dem falschen Namen Helmut Gregor mit einer Anna de Fuentes aus Argentinien unter dem Peronregime vor, das musste Maria´s Großmutter gewesen sein. Die Aufzeichnungen würden ihn noch einige Tage beschäftigen, aber Hartmut dachte nicht daran, jetzt Feierabend zu machen-wenn seine Gerätschaften liefen, war die KTU sein Zuhause und notfalls würde er dort auch auf einer Isomatte unterm Schreibtisch übernachten.

      Sarah war vom Aufwachraum auf die Unfallstation verlegt worden. Man hatte ihr ein Einzelzimmer zukommen lassen, sozusagen ein Service des Hauses an seine Mitarbeiter. Kaum waren die Aufnahmeformalitäten erledigt, die Infusion abgestöpselt und die Schwester hatte das Zimmer verlassen, da schlüpfte Sarah aus dem Bett und holte unter merkwürdigen Verrenkungen ihre Jeans , die Schuhe und die Unterkleidung aus dem Schrank. Das blutige Oberteil hatte man aufgeschnitten und weg geworfen, aber als Blusenersatz würde das Krankenhaushemd schon gehen, der Arm steckte sowieso in einem straffen Verband, der ihn vor ihrer Brust festhielt und die Drainage war auch noch da. Mühsam zog Sarah sich an und versuchte zu ignorieren, dass es sie jetzt schon drehte-sie musste doch zu Ben! Als sie dann aber aufstand und Richtung Tür lief, ging es so schnell, dass sie nicht mehr rechtzeitig zurück wanken konnte. Eine junge Pflegeschülerin, die gerade an ihrer Zimmertür vorbei lief, hörte den Schlag und als Sarah wieder zu sich kam, lag sie in ihrem Bett, der Stationsarzt und zwei Kolleginnen beugten sich über sie, ihr Blutdruck wurde gemessen und sie bekam eine gehörige Standpauke. „Sei froh, dass du dir nicht noch mehr getan hast-wie kann man nur so unvernünftig sein! Ich möchte nicht wissen, wie oft du selber deinen Patienten gepredigt hast, nach einer Operation zum ersten Mal nicht alleine auf zu stehen. Du bleibst jetzt liegen und wenn du zur Toilette musst, läutest du bitte. Auf der Intensiv, wo du wahrscheinlich hin wolltest, haben sie selber genügend Arbeit-wie wir auch, da brauchst du den Kollegen wirklich nicht noch mehr machen. Warte einfach ab-bis morgen früh hat sich dein Kreislauf vermutlich beruhigt und ansonsten kann dich vielleicht jemand vom Fahrdienst im Rollstuhl zu deinem Mann bringen. Aber jetzt ist deine eigene Gesundheit einfach wichtiger, du kannst für deinen Angehörigen sowieso nichts machen. Du kannst später mal auf deiner Station anrufen-dein Handy hast du ja und bei uns funktioniert das auch mit dem mobil Telefonieren, wir haben keine abgeschirmten Wände wie ihr auf der Intensivstation. Jetzt ruh dich aus, trink und iss erst mal was-wir bringen dir gleich das Abendessen und wir hoffen, du machst nicht gleich wieder Blödsinn!“, schärfte ihr die ältere Kollegin ein und der Stationsarzt konnte sich im Hinausgehen ein Schmunzeln nicht verkneifen, es war alles gesagt. Sarah presste ein „Entschuldigung!“, hervor und ließ sich unglücklich in ihre Kissen zurück sinken. Es stimmte ja-sie war wohl keine gute Patientin!

      Auf der Intensivstation hatte Andy inzwischen den Stationsarzt über seine Beobachtung informiert. „Ich schau mir das gleich an!“, versprach der und teilte dem Pfleger noch mündlich mit, zu welcher Therapieempfehlung die Antibiotikakonferenz gekommen war. Andy löste das verordnete Medikament sofort auf, steckte ein Infusionssystem an und trat wenig später gemeinsam mit dem Stationsarzt ins Zimmer, um bei der Untersuchung zu helfen. Ben schüttelte den Kopf, als der Stationsarzt, der bereits zwei Paar Einmalhandschuhe über gezogen hatte, ihn freundlich bat, sich seine Kehrseite anschauen zu dürfen. „Ich will meine Ruhe haben-jeder quält mich nur-ich dachte ich bin hier in einem Krankenhaus, dabei seid ihr nicht viel besser als meine Entführerin!“, weinte er beinahe und Semir und der Mediziner und der Pfleger sahen ihn betroffen an. Der Arme war wirklich mit den Nerven komplett am Ende!
    • Der Stationsarzt reagierte sofort, zog sich die Handschuhe wieder aus und holte einen Stuhl ans Bett. Auch wenn er eigentlich genügend Arbeit und kaum Zeit hatte-aber das war jetzt wichtig. „Andy, du kannst dich inzwischen mal um die Besucher im Nebenzimmer kümmern-die möchten gerne eine Auskunft. Erzähl ihnen was du weißt und wenn ihnen das nicht genügen sollte, müssen sie eben warten, ich habe jetzt etwas Wichtigeres zu tun und möchte nicht gestört werden!“, ordnete er an und als der Pfleger nun das Zimmer verließ, zuvor am Monitor die Privatbildschirmfunktion aktivierte und hinter sich die Schiebetür schloss, flog ein leises Lächeln über seine Züge-der junge Kollege hatte eine rasche Auffassungsgabe, das gefiel ihm.

      Die Monitorbeleuchtung war verschwunden, es war ruhig im Zimmer, nur durch die geschlossene Tür hörte man gedämpft die fast immer ein wenig hektischen Geräusche der Intensivstation. Ben, der voller Abwehr auf dem Rücken gelegen, die Pobacken zusammen gekniffen und unbewusst die Decke schützend über sich fest gehalten hatte, ließ ein wenig lockerer. Ganz bewusst ohne Körperkontakt, denn er war schließlich ein Fremder, anders als der türkische Polizist, der schützend seine Hand auf dem angespannten Oberkörper seines Freundes abgelegt hatte, begann der Arzt zu sprechen. „Herr Jäger-also zunächst einmal-niemand wird sie hier ohne ihre Einwilligung untersuchen und behandeln. Sie sind ein erwachsener Mensch, ihre Denkleistung ist nicht durch Medikamente eingeschränkt, sie sind freiwillig hier und können jederzeit gehen, wenn sie es schaffen, auch nur das Bett zu verlassen, oder sich alternativ auch in ein anderes Krankenhaus verlegen lassen, ohne dass ihnen deshalb irgendjemand, ich am Allerwenigsten, böse ist“, bemerkte er. Ben sah ihn verwundert an, er hatte mit allem gerechnet, aber nicht mit dieser Aussage. Auch Semir hörte gespannt zu, allerdings fiel ihm sofort jemand ein, der durchaus sauer wäre, wenn Ben sich verlegen ließe, nämlich Sarah, aber daran wollte er seinen Freund jetzt nicht erinnern. Anscheinend war der ältere erfahrene Arzt in psychologischer Gesprächsführung geschult und seine Rede klang ein wenig wie die eines Polizeipsychologen bei einer Geiselnahme.
      „Ihnen muss klar sein-wir alle gehen hier nur unserem Beruf nach und verdienen unser Geld damit, kranken oder verletzten Menschen mit den Möglichkeiten der modernen Intensivmedizin dabei zu helfen, wieder gesund zu werden. Aber letztendlich gehen sie mit uns einen Behandlungsvertrag ein, der jederzeit von beiden Seiten beendet werden kann. Nur durch ihr Einverständnis sind medizinische Untersuchungen und Behandlungen keine Körperverletzung-und wie dieser Straftatbestand geahndet wird, wissen sie als Polizist am Allerbesten. Ich und auch keiner meiner Kollegen hat Interesse daran, sich vor dem Kadi wieder zu finden und deswegen ist hier die Rechtslage völlig klar-wenn ich gehen und sie in Ruhe lassen soll, werde ich das tun. Allerdings ist es meine Pflicht, sie zuvor darauf hin zu weisen, was dann passieren kann.

      Wie ich aus den Unterlagen ersehen habe, wurden sie von ihrer Entführerin auch rektal verletzt. Sowohl der Notarzt als auch der Urologe, der sie versorgt hat, haben das dokumentiert. Leider kam die akute Magenblutung dazwischen, die zwingend sofort behandelt werden musste und in der Hektik hat leider niemand mehr daran gedacht, sich das näher anzusehen, solange die Spinalanästhesie noch gewirkt hat. Erst Andy unserem Pfleger ist das vorhin aufgefallen, als er sie frisch gemacht hat. Ich weiß, dass sie in den letzten Stunden und Tagen mehr entwürdigende Eingriffe in ihre Intimsphäre aushalten mussten, als so mancher Mensch in seinem ganzen Leben. Ich kann sie verstehen und auf ganzer Linie nachvollziehen, dass es ihnen jetzt einfach reicht, sie todmüde und erschöpft sind und einfach nicht mehr können. Und ganz prinzipiell denke ich auch, dass wir eine eventuell notwendige Behandlung auch verschieben könnten, es ist nur ein Haken dabei: Durch die ganzen voran gegangenen Blutverluste ist ihr Hämoglobinwert inzwischen an einem grenzwertig niedrigen Punkt angekommen. Wenn er weiter absinkt, was durch einen kontinuierlichen Blutverlust der Fall ist, müssen wir ihnen Konserven geben und leider weiß man inzwischen, dass eine Transfusion gar nicht so gut fürs Immunsystem ist, das sie ja gerade absolut notwendig brauchen, um die Urosepsis zu überstehen. Wir sind gerade noch in einem Grenzbereich, wo man zuwarten kann und ihr Körper beginnt jetzt in diesem Augenblick auch schon damit, die Blutbildung im Knochenmark hoch zu fahren-hier greifen raffinierte Regelkreisläufe. Ich denke, wenn es uns nur gelingt einen weiteren Blutverlust zu vermeiden, was vielleicht zumindest mittelfristig sogar ohne operativen Eingriff gelingen könnte, gewinnen wir die Zeit, die ihr Organismus braucht, um sich mit unserer Unterstützung selber zu helfen. Genau aus diesem Grund würde ich mir jetzt gerne einfach nur ihren Po kurz ansehen, um mir ein Bild von der Stärke der Blutung und der Ursache dafür zu machen. Dann sage ich ihnen meine Einschätzung und wir sehen weiter. Wenn sie damit einverstanden sind, dann drehen sie sich einfach kurz um, ich verspreche, sie nicht an zu fassen-schauen sie-ich trage keine Handschuhe und wie sie sicher schon bemerkt haben, wird hier bei uns niemand freiwillig in Blut fassen, ohne sich selber zu schützen. Und sie brauchen sich auch nicht zu genieren-erstens sind wir hier Männer unter uns und zweitens habe ich in meinen knapp dreißig Berufsjahren als Arzt schon so viele nackte Hinterteile gesehen, dass ich mir da überhaupt nichts mehr dabei denke.“, beendete der nette Stationsarzt seine Rede.

      Ben´s Blicke wanderten unsicher vom Doktor zu Semir, aber dann ließ er die Decke, die er wie einen Schutzpanzer über sich gezogen hatte, los und drehte sich mit Semir´s Hilfe aufstöhnend zur Seite. Auf der Unterlage war schon wieder ein Blutfleck und aus der aufgerissenen Schleimhaut lief ein dünnes Blutrinnsal stetig vor sich hin. „Sie dürfen sich wieder zurück drehen-von Angesicht zu Angesicht spricht es sich leichter!“, bemerkte der Arzt und Ben ließ sich wieder in seine Ausgangsposition zurück rollen, nicht ohne sofort wieder nach der Decke zu greifen. „Also Stand der Dinge-der After ist eingerissen, wie weit der Defekt in die Tiefe geht, kann man nur durch eine eingehende Tastuntersuchung feststellen, aber ich denke, dazu sind sie aktuell nicht in der Lage, das auszuhalten. Es gibt nun zwei Möglichkeiten-erstens-der Schließmuskel ist beschädigt, dann muss man das sowieso in Narkose reparieren, wenn es ihnen insgesamt besser geht, aber da spielen ein paar Tage hin oder her dann keine Rolle. Oder alternativ, es ist nur ein Blutgefäß der Darmschleimhaut verletzt, das jetzt so leise vor sich hin schweißt. Also haben wir wiederum zwei Optionen: Erstens-wir lassen das einfach weiter bluten und hoffen, dass es irgendwann von selber aufhört, mit der Option, dass wir Erythrozythenkonzentrate brauchen, um sie zu stabilisieren-dann würde sie heute niemand mehr anfassen.
      Oder wir versuchen das jetzt mit blutstillender Gaze aus zu tamponieren, das wäre höchstens ein kurzer Schmerz, sie bekämen natürlich zuvor auch ein Opiat und höchstwahrscheinlich hört es dann zumindest mittelfristig zu bluten auf und wir sparen uns die Blutkonserve. Ich muss natürlich auch erwähnen, dass es keine Garantie gibt, dass mit der Tamponade die Blutung steht, manchmal muss man auch eine elektrische Blutstillung machen, aber wir hoffen nun einfach das Beste. Ich werde jetzt das Zimmer verlassen, lassen sie sich durch den Kopf gehen, wozu sie sich entscheiden wollen, beraten sie sich mit ihrem Freund und geben uns dann einfach Bescheid“, verabschiedete er sich freundlich und verließ den Raum, nicht ohne die Schiebetür wieder fest hinter sich zu zumachen. Natürlich hatte er zuvor die Laufzeit des Noradrenalins und der Trägerlösung gecheckt, wie lange das Antibiotikum noch brauchte und viele andere Kleinigkeiten, denn durch die verschlossene Türe würde man draußen, außer vom Monitor an der Zentrale, einen Alarm nicht hören, wenn die Perfusoren nicht vernetzt waren und daran arbeiteten sie erst.

      Hartmut hatte wieder zu den Aufzeichnung Dr. Josef Mengele´s gegriffen, weil seine Diagnosecomputer aktuell seine Bedienung nicht brauchten. Zugleich recherchierte er im Internet und wurde immer blasser und blasser-wenn dieser Teufel im Arztkittel seine Neigungen an seine Nachkommen vererbt hatte, durften die nie mehr auf die Menschheit losgelassen werden! Im Dritten Reich hatten anatomische Institute Präparate fürs Studium der Medizinstudenten oder als Ausstellungsstücke für Sammlungen einfach bei ihm bestellen können. Er hatte seine Opfer, darunter viele Kinder, mitleidlos geschlachtet, ausgeweidet und war von den Instituten noch wegen der Qualität seiner Arbeit belobigt worden. „Unwertes Leben“-hoffentlich würde es nie mehr in der Geschichte so eine menschenverachtende Einstellung zu anderen Individuen geben, die als einzige „Schuld“ nur einer differenten ethnischen Gruppierung angehörten!
    • Als Semir und Ben alleine im Zimmer waren, herrschte erst Schweigen. Ben hatte erschöpft die Augen geschlossen und erwartete fast, dass Semir ihn jetzt zu irgendetwas überreden würde, aber der schwieg und ließ einfach seine warme und tröstende Hand dort liegen wo sie war. Irgendwann begann dann Ben zu sprechen: „Semir-was soll ich tun? Eigentlich habe ich das Gefühl, dass ich jetzt einfach nichts, aber auch gar nichts mehr aushalten kann und würde dich jetzt am liebsten zum Arzt raus schicken, damit du ihm das ausrichtest und er dann meinetwegen eine Blutkonserve anhängen soll, aber dann wieder denke ich, dass ich mich wohl nicht so anstellen und das mit der Tamponade machen lassen sollte.“ Semir griff nun nach Ben´s Hand, nahm die fest in die seine und sagte ruhig: „Ben-es wird gemacht, was du möchtest. Ich werde dich zu nichts überreden, was du nicht selber willst. Klar denke ich im Augenblick, vielleicht würde ich an deiner Stelle die Option mit dem kleinen Eingriff wählen, aber ich war noch nie in einer Situation wie dieser und wurde über Tage missbraucht. Also kann ich einfach nicht beurteilen, wie es dir psychisch geht und werde jede deiner Entscheidungen kommentarlos mittragen und dir beistehen!“, sagte er fest und Ben stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. Er hatte befürchtet, Semir würde ihn unter Druck setzen, aber eigentlich schämte er sich jetzt fast dafür, so etwas auch nur gedacht zu haben. Sein bester Freund stand unbeirrbar zu ihm, egal was er machte, wie eigentlich immer, seit sie sich kannten.

      Ben schwieg nochmals eine Weile und fragte dann: „Meinst du das wäre sehr schlimm und dauert lange-diese Tamponade?“ und Semir konnte nur ehrlich sagen: „Ben-ich weiß es nicht, aber wenn das nicht auszuhalten wäre, hätte der Arzt es wohl nicht vorgeschlagen!“ Wieder überlegte der junge dunkelhaarige Polizist und erklärte dann leise: „Weißt du Semir-diese Maria hat mich die vergangenen Tage so fürchterlich gequält, ich hatte Schmerzen, dass ich meinte wahnsinnig zu werden und um eine erlösende Ohnmacht gebetet habe. Sie hat mir erst immer was gespritzt, was meine Muskeln so erschlaffen ließ, dass ich zwar atmen, mich aber nicht wehren oder schreien konnte. Aber ansonsten habe ich alles voll miterlebt und habe fürchterlich gelitten. Wahrscheinlich bin ich deswegen so mutlos und voller Angst. Aber eigentlich vertraue ich dem netten Arzt. Er wird mir- glaube ich- nichts zumuten, was ich nicht ertragen kann und ich muss mir selber immer wieder sagen, dass ich schließlich im Krankenhaus bin und nicht mehr im Horrorhaus und jeder mir eigentlich nur helfen will. Geh jetzt bitte raus und richte ihm aus, dass ich das mit der Tamponade machen lasse, aber sie sollen das bitte gleich erledigen, damit ich es hinter mir habe und endlich ausruhen kann, ich bin nämlich eigentlich sogar zu müde zum Sprechen!“, erklärte er und Semir nickte und erhob sich. Als er gerade die Schiebetüre öffnete, fügte Ben allerdings noch etwas hinzu, was Semir schmunzeln ließ: „Und außerdem weiß ich genau, was Sarah zu diesem Thema sagen würde!“ und konnte ihm im Stillen nur beipflichten.

      Der Stationsarzt war nirgends zu sehen, aber wenig später kam Andy aus dem Nachbarzimmer: „Herr Gerkhan-hat sich Ben zu etwas entschieden?“, fragte er freundlich und war anscheinend voll informiert. „Ja-er lässt das mit der Tamponade machen und möchte es schnell hinter sich haben!“, richtete Semir aus und der junge Pfleger nickte. „Geht in Ordnung-ich bereite gleich alles vor und gebe dem Stationsarzt Bescheid“, versprach er und Semir kehrte nun zu seinem Freund zurück.

      Keine fünf Minuten später traten der Arzt und Andy gemeinsam ins Zimmer und machten das helle Deckenlicht an, schlossen die Schiebetüre aber wieder hinter sich. Andy hatte einige Utensilien dabei, aber als erstes spannte er eine Perfusorspritze mit Piritramid, einem starken Schmerzmittel ein. Auf dem Nachttisch hatte der Arzt inzwischen die Fertigtamponadenpackung aufgeschnitten und zusätzlich noch den Inhalt einer kleinen Ampulle Adrenalin in eine Spritze aufgezogen. Eine stumpfe Einmalpinzette und eine frische Unterlage waren die restlichen Sachen, die benötigt wurden. „Wir helfen dir jetzt, dich zur Seite zu drehen!“, sagte Andy freundlich und nahm die Zudecke beiseite. Ein Schauer überlief Ben-plötzlich war er sich nicht mehr so sicher, ob er das wirklich ertragen würde, aber da nahmen die Dinge schon ihren Lauf. Der Arzt hatte wie vorher zwei Paar Handschuhe über gezogen, Semir hielt Ben´s beide Hände und sah ihn fest an. „Du schaffst das!“, flüsterte er und auf ein Kopfnicken des Arztes hin, gab Andy ihrem gemeinsamen Patienten einen großzügigen Bolus Opiat. Als das anflutete, flüsterte Ben: „Mir wird ganz schwindlig!“ und verdrehte die Augen ein wenig. Man sah, wie die arteriell gemessene Blutdruckkurve sank und der Monitor, den man aus dem Privatmodus geholt hatte, sich anschickte Alarm zu geben, aber genau in diesem Moment, begann der Arzt ohne weitere vorherige Untersuchung die Tamponade in Ben´s Po zu stopfen. Andy hatte die Spritze zur Hand genommen und mit dem anderen Arm hielt er Ben´s Knie umfasst, damit der auch genau in dieser Position liegen blieb. Der plötzliche Schmerz brachte den Blutdruck sofort wieder zum Steigen und Ben stöhnte auf. Der Arzt deutete auf ein jetzt erkennbares blutendes Gefäß am After und Andy tropfte den Inhalt der Spritze darauf, was auch tatsächlich eine Wirkung erzielte, denn das Adrenalin verengte die Blutgefäße. Noch einige weitere Zentimeter Tamponade, dann legte man noch eine Vorlage vor, klebte die mit einem einfachen Pflasterstreifen fest, schob die frische Unterlage unter ihn und rollte ihn auf die andere Seite, woraufhin man die blutige herausziehen und die neue sauber glatt streichen konnte.
      Rasch deckte man Ben wieder zu, löschte das helle Licht und ließ nur noch ein kleines brennen. Draußen fiel die Dämmerung und als der Arzt, der inzwischen die Handschuhe ausgezogen und seine Hände desinfiziert hatte, sich über ihn beugte, lobte er: „Das haben sie gut gemacht-jetzt ruhen sie sich aus und schlafen ein bisschen, morgen ist ein neuer Tag, da sehen wir uns wieder-ich gehe jetzt auch nach Hause!“ und Ben nickte andeutungsweise mit dem Kopf, ließ dann die wohltuende, müde machende Wirkung des Opiats zu und war wenig später eingeschlafen.

      Als Semir ein wenig später auf den Flur trat, um sich etwas zu trinken und vielleicht eine Kleinigkeit zu essen zu besorgen, gab ihm Andy, der gerade am Telefon gewesen war, den Hörer in die Hand: „Herr Gerkhan-Sarah ist am Apparat, ich habe ihr schon gesagt, wie es Ben aus medizinischer Sicht geht und dass er stabil ist, aber vielleicht können sie ihr noch ein paar weitere Worte sagen, ich muss jetzt weiter machen“, bemerkte er und Semir konnte wenig später Sarah beruhigen. „Ben ist zwar fix und fertig, aber er schläft jetzt. Mach dir um ihn keine allzu großen Sorgen-ich bleibe auf seinen Wunsch bei ihm und hole mir gerade noch eine Kleinigkeit zu Essen und zu Trinken. Wenn er wach wird, richte ich ihm einen Gruß von dir aus-wie geht’s denn dir-hast du die OP gut überstanden?“, fragte er dann nach und als Sarah ihm erklärt hatte, dass sie eigentlich so gut wie neu sei, nur der blöde Kreislauf noch nicht ganz mitspiele, sagte er mit einem Schmunzeln: „Sarah-ruh dich einfach aus-ich bin da und du kannst dich wirklich ganz auf deine eigene Genesung konzentrieren. Ich wünsche dir eine gute Nacht und schlaf dich gesund-so wie Ben das gerade tut!“, gab er ihr durch und als sie dann das Gespräch beendeten, nahm Andy, der mit gehört hatte und nebenbei ein paar Medikamente aufgezogen hatte, mit einem Schmunzeln den Hörer entgegen.
      „Danke-Sarah würde vermutlich am liebsten im Bett neben ihrem Mann stehen, aber das geht einfach nicht-sie ist selber krank. Ich stelle ihnen nachher den Mob-Stuhl mit Decke und Kissen rein, damit sie auch ein bequemes Plätzchen zum Schlafen haben-Kaffee und Wasser können sie gerne von mir haben und meine Kollegen aus der Spätschicht und ich möchten gleich ne Pizza bestellen-wollen sie sich anschließen?“, fragte er und Semir stimmte voller Freude zu-dann hätte er wenigstens nach diesem aufregenden Tag ein leckeres Abendessen. Er gab seinen Auftrag und als eine Stunde später der Pizzabote kam, bezahlte Semir und aß im Personalaufenthaltsraum gemeinsam mit dem diensthabenden Arzt und dem Pflegepersonal voller Genuss eine Meeresfrüchtepizza, während Ben selig schlief. Die Blutung stand, der Kreislauf war unter Noradrenalin und Flüssigkeit leidlich stabil und durch das Opiat waren auch die Schmerzen erträglich.

      Semir hatte nochmals mit Andrea telefoniert und ihr mit geteilt, dass er bei Ben bliebe, was sie absolut befürwortete-sie würde ihren Mann noch viele Nächte um sich haben, aber aktuell brauchte Ben ihn dringender!
    • Ben schlief den Erschöpfungsschlaf. Er wurde gelegentlich kurz wach, wenn zunächst Andy und dann die Nachtschwester aus der Arterie Blut abnahmen und daraus neben den Blutgasen den Hämoglobinwert und die Elektrolyte kontrollierten. Um Mitternacht drehte man ihn mit Semir´s Hilfe ein wenig zur Seite und kontrollierte die Verbände, aber die Blutungen standen, er erbrach auch kein Blut mehr, oder klagte über Übelkeit. Semir hatte es sich auf dem einladend her gerichteten Mob-Stuhl bequem gemacht und auch er schlief nach Mitternacht endlich ein, zum ersten Mal seit Tagen ohne Sorgen, wo Ben wäre, was seit dessen Entführung der beherrschende Gedanke in seinem Kopf gewesen war. Gott sei Dank war es ihnen gelungen ihn zu befreien und es war ein Hoffnungsschimmer am Horizont, dass er das Ganze gut überstehen würde.

      Es war 2.00 Uhr, die Schwester hatte gerade möglichst leise und ohne die beiden schlafenden Männer zu wecken, ihren Rundgang gemacht, die noch spärliche Urinausscheidung dokumentiert, die nächste Blutprobe abgezapft und auf Zehenspitzen den Raum wieder verlassen, als Ben plötzlich hoch schreckte. Alpträume hatten ihn heim gesucht, er sah sich wieder im Keller des Horrorhauses auf dem Bett fest gebunden. Unendliche Schmerzen, Angst, Ekel, alle diese Gefühle brachen plötzlich über ihn herein und ließen ihn mit einem Aufschrei hoch fahren. Sofort wachte Semir auf und flüsterte beruhigend: „Schhhh-Ben-du bist im Krankenhaus in Sicherheit!“, während er nach der Hand des Freundes tastete. Erleichtert ließ Ben sich in seine Kissen zurück fallen. Er fühlte sich zwar matt und müde, hatte auch Schmerzen, aber alleine Semir´s Stimme hatte ihm schon signalisiert, dass alles in Ordnung war-oder doch nicht? Irgendetwas war da in seinem Kopf, was ihm keine Ruhe ließ.

      Sein Unterbewusstsein hatte ihm die schrecklichen Bilder aus dem Keller nochmals sehen lassen, die nackte Maria mit Wahnsinn in den Augen, die über ihm kauerte und sein Auge haben wollte, die unendlichen Schmerzen zwischen seinen Beinen, das Blut, die medizinischen Instrumente, die gefüllten Spritzen… Ben runzelte die Stirn und dachte angestrengt nach.

      Semir hatte sich inzwischen aufgerichtet und sagte im Flüsterton: „Wenn du dir um Sarah Sorgen machen solltest-die sind unbegründet. Ich habe mit ihr am frühen Abend, als du gerade eingeschlafen warst, telefoniert-sie liegt auf Normalstation, behauptet sie wäre schon wieder fast neu und du sollst dir keine Sorgen machen. Gestern nach der Narkose hat es noch nicht so geklappt mit dem Aufstehen bei ihr, aber ich habe ihr versprochen, sie heute abzuholen und zu dir zu begleiten-entweder zu Fuß oder mit dem Rollstuhl!“, versuchte er zu erahnen, was seinen Freund gerade so beschäftigte.
      Geistesabwesend und wegen Sarah fast ein wenig schuldbewusst erwiderte der: „Das wäre sehr schön und ich freue mich auch, dass es meiner Frau gut geht-aber Semir denk nach-was ist mit den Spritzen mit meinem Samen passiert? Habt ihr die geborgen?“ und Semir sah ihn verständnislos an. „Natürlich hat die Spurensicherung alles mitgenommen, die Beweislage ist doch auch eindeutig, du musst dir keine Sorgen machen-deine Entführerin wird ihre gerechte Strafe bekommen!“, versuchte er Ben zu beruhigen, der gerade rascher atmete und sich aufregte, so dass der Monitor Alarm schlug und die Schwester los lief, um nach dem Rechten zu sehen.

      Semir hatte auch noch einmal nachgedacht und versucht heraus zu finden, auf was Ben hinaus wollte. „Wie viele Spritzen lagen da, als wir ins Krankenhaus gefahren sind!“, fragte er und stöhnte erneut auf, weil eine Schmerzwelle über ihn herein flutet. Dazu stieg der Blutdruck leicht an und die Nachtschwester war auch schon ins Zimmer geeilt und schickte sich gerade an, ihm einen erneuten Opiatbolus zu geben, damit er weiter schlief und die Magenblutung nicht wieder anfing. Ben allerdings hob aufgeregt die Hand: „Schwester-bitte geben sie mir aktuell nichts, wo ich danach nicht mehr richtig denken kann-ich muss erst etwas klären!“, bat er und sein Atem beschleunigte sich. Die Pflegekraft reduzierte also nur das Noradrenalin und sofort sank der Blutdruck wieder-die körpereigenen Streßhormone glichen gerade die Katecholamindosierung aus. Allerdings wäre es doch für ihren Patienten viel angenehmer, wenn der einfach auf Wolke sieben schmerzfrei weiter schlummern würde-sie hätte das jedenfalls vorgezogen!

      Semir, der immer noch nicht wusste, auf was Ben hinaus wollte, dachte zwar nach, aber so genau hatte er nicht darauf geachtet. Eine Spritze hatte da eindeutig gelegen-aber warum war das jetzt gerade für Ben so eminent wichtig? „Ich habe die Spritze liegen sehen und die hat Hartmut sicher mit ins Labor genommen!“, versuchte er seinen Freund zu beruhigen. „Semir-das waren zwei, da bin ich ganz sicher! Die Verrückte hat in mir herum gefuhrwerkt, mir unendliche Schmerzen zugefügt und dabei noch was gebrabbelt von: „Links die Jungs und rechts die Mädchen!“-das waren zwei Spritzen. Und als Maria sich unter der Aufsicht der Frauen anziehen durfte, hat sie nach ihren Kleidern gegriffen, die lagen direkt neben den Instrumenten und den beiden Spritzen-ich habe Angst, dass sie eine mitgenommen hat. Sie hat zuvor immer geflüstert, dass heute der Tag der Tage sei, sie hoch fruchtbar wäre und wir gemeinsam das perfekte Kind zeugen würden. Nur hab ich da natürlich nicht mitgespielt und würde in hundert Jahren meine Sarah nicht betrügen, auch wenns um mein Leben ginge, aber ich hatte da ja noch keine Ahnung, dass sie zu so brutalen Mitteln greifen würde, um an meine Spermien zu kommen. Wenn sie das jetzt irgendwie geschafft haben sollte, eine der Spritzen an sich zu nehmen, wäre das ganz furchtbar für mich. Ich möchte mit dieser schrecklichen Frau kein Kind haben!“, weinte er fast und Semir überlegte. Nach einem Blick auf die Uhr erhob er sich, griff nach seinem Handy und sagte: „So wie ich Hartmut kenne, ist der heute Nacht nicht nach Hause gegangen. Ich gehe kurz raus, rufe in der KTU an und frage ihn-das lässt sich ja heraus finden!“ und war auch schon auf dem Flur verschwunden und hatte die Intensivstation verlassen. Inzwischen wusste er auch schon Plätze im Krankenhaus, wo man einigermaßen Netz hatte, ohne ins Freie zu müssen und so klingelte wenig später der Festnetzanschluss in der KTU. Sekunden später meldet sich ein leicht verschlafener Hartmut, er hatte gerade auf der Isomatte ein kleines Nickerchen gemacht. „Semir was gibt’s?“, fragte er nach einem Blick aufs Display seines Telefons.

      „Hartmut-Ben ist gerade aufgewacht und macht sich Sorgen-ansonsten geht es ihm so einigermaßen. Wie viele Spritzen mit seinem Samen haben wir sicher gestellt?“, fragte er und wie aus der Pistole geschossen antwortete der Techniker, der ein fast photographisches Gedächtnis hatte: „Eine-da bin ich ganz sicher!“ und nun fragte Semir zurück: „Wenn Ben aber Recht hat und da hätte es zwei gegeben-wo ist die zweite dann geblieben?“, überlegte er und nun hörte er Hartmut aufstehen und herum gehen. „Also ich habe mir gerade die Tatortfotos angesehen-als ich dort eingetroffen bin, lag da eine altertümliche Rekordspritze mit dicker Nadel drauf und die ist auch hier im Kühlschrank und muss erst noch untersucht werden. Aber warte-ich schaue mir gerade die Videoaufzeichnungen aus Maria´s Schlafzimmer an, die habe ich ja weiter laufen lassen und das Speichermedium habe ich inzwischen hier“, erklärte er und als er an die richtige Stelle gespult hatte, sagte er erschrocken: „Semir-Ben hat Recht! Da waren zwei Spritzen-aber wo ist dann die Zweite geblieben?“
    • Maria war mit dem Streifenwagen ins Gefängniskrankenhaus gebracht worden. Dort half man ihr mit allen Vorsichtsmaßnahmen, sich zu entkleiden, aber die Justizvollzugsbeamtinnen, die das gemeinsam mit einer Schwester im Aufnahmezimmer erledigten, hatten die Gummiknüppel griffbereit. Die Gittertore hatten sich hinter dem Fahrzeug geschlossen und Flucht war hier nicht möglich. Die Streifenbeamten erledigten derweil die Aufnahmeformalitäten, warnten vor der Gefährlichkeit der Frau und versprachen, sich um den Haftprüfungstermin zu kümmern. Innerhalb einer gewissen Zeitspanne musste die Staatsanwaltschaft ihre Anklage erheben und ein Richter würde dann entscheiden, ob Maria in Haft bliebe, oder bis zur Verhandlung gegen eine Kaution frei gelassen würde. „Diese Frau hat zwei Kollegen schwer verletzt, einen davon entführt und über Tage gefoltert, ich denke sie wird in Haft bleiben-aber das letzte Wort hat natürlich der Richter!“, erklärte der eine der Polizeibeamten, der ja von den Geweberesten im Tank noch gar nichts wusste und die diensthabende Beamtin nickte. „Wir werden gut auf sie aufpassen und wenn sie auch in ihrem schicken Kostüm und den Designerschuhen so normal aussieht-wir kennen unsere Pappenheimer und werden uns selber schützen-besteht irgendein Verdacht, dass sie Drogen bei sich trägt?“, fragte die Beamtin noch nach, aber das verneinten die Streifenbeamten.

      Als man Maria zunächst komplett auszog, sie von oben bis unten inspizierte und ihr dann erst einmal ein Krankenhaushemd anzog, bis der Arzt sich den Arm anschaute, fiel auf, dass ihr Slip blutig war. „Sie bekommen von uns Unterwäsche und Vorlagen oder Tampons-allerdings können wir natürlich nicht mit solch teurer Markenunterwäsche dienen!“, konnte die JVA-Beamtin es sich nicht verkneifen zu bemerken, aber über Maria´s Gesicht zog nur ein feines Lächeln. Die nächsten neun Monate würde sie keine Vorlagen mehr brauchen, aber das wussten diese Frauen natürlich nicht. Allerdings tat es ihr nach wie vor leid, dass sie nicht beide Spritzen an sich genommen hatte, als sie sich im Keller hatte ankleiden dürfen. Sie wusste auch nicht mehr-war das die rechte oder die linke gewesen-ihre höchst persönliche Theorie war nämlich, dass bei Männern im einen Hoden die Jungs und im anderen die Mädchen produziert wurden. Irgendwelche medizinischen Studien dazu interessierten sie nicht. So würde es eben eine Überraschung werden, welches Geschlecht ihr Baby haben würde, aber das Wichtigste war ja, dass ihr Zuchtprogramm begonnen hatte. Zur Geburt würde man sie sicher in eine normale Klinik bringen, bis dahin würde sie die mustergültigste Gefangene überhaupt sein und dann würde sie mit ihrem Kind in die südamerikanische Heimat fliehen.

      Der Arzt besah sich den Arm, der inzwischen dick geschwollen und von Blutergüssen überzogen war und ordnete eine Röntgenaufnahme an. Als sie auf einem Stuhl in der Röntgenabteilung saß, beharrte sie darauf, eine komplette Bleischürze anzuziehen und schulterzuckend akzeptierte man ihr Verlangen. Normalerweise bekamen Patienten, die geröntgt wurden, nur eine Halbschürze aus Blei, aber wenn es diese Gefangene glücklich machte-meinetwegen! Wegen einer Schwangerschaft brauchte man gar nicht zu fragen, denn sie hatte gerade ihre Periode, wie im Aufnahmebogen vermerkt war. Als die Röntgenaufnahme entwickelt war und der Arzt sie auf dem Bildschirm beurteilt hatte, sagte er: „Es sind zwar Elle und Speiche gebrochen, stehen aber gut-wir werden sie erst mit einer Gipsschiene versorgen und wenn das abgeschwollen ist, dann einen Zirkulärgips anlegen. In sechs bis acht Wochen dürften die Frakturen verheilt sein. Bis wir in ein paar Tagen umgipsen können, bleiben sie stationär hier im Gefängniskrankenhaus, wir lagern den Arm hoch, kühlen ihn ein wenig und sie bekommen Schmerzmittel-wollen sie gleich eine Tablette haben?“, fragte er, aber Maria schüttelte den Kopf, obwohl der Arm schweineweh tat. Sie würde ihrem Kind zuliebe nur die allernötigsten Medikamente nehmen und als sie wenig später in einem Krankenhausbett lag, ihr Abendbrot verspeist und für den morgigen Tag einen Termin mit ihrem Anwalt vereinbart hatte und durch das Hochlagern und das Eis die Schmerzen erträglich waren, schlief sie mit einem glücklichen Lächeln auf dem Gesicht ein. Die Beamtin, die von der Stationszentrale aus mittels Videoüberwachung in alle Krankenzimmer blicken konnte, wunderte sich-es schien, als würde ihrem Neuzugang die Haft überhaupt nichts ausmachen, aber die Psychokrise würde schon noch kommen, das wäre sonst sehr ungewöhnlich.

      Nach Hartmut´s Bestätigung war Semir betroffen. „Wir müssen unbedingt heraus bekommen, wo die zweite Spritze samt Inhalt geblieben ist. Ich denke aber, heute Nacht haben wir da keine Chance sie zu finden. Wenn Maria sie tatsächlich in dem ganzen Kuddelmuddel im Keller an sich genommen hat, muss sie ja irgendwo sein. Vielleicht hatte sie sie bei ihrer Einlieferung ins Gefängniskrankenhaus bei sich, wir werden nur jetzt mitten in der Nacht niemanden ans Telefon bekommen, der da so einfach ohne die Erlaubnis des Richters Auskunft gibt.
      Die zweite Möglichkeit wäre, ihren Fluchtweg, den man ja sicher rekonstruieren kann, abzusuchen, aber auch das ist in dieser Gegend mitten in der Nacht wenig erfolgversprechend-Hartmut ich danke dir, gehe jetzt zu Ben und versuche ihn zu beruhigen und du machst dir vielleicht auch nochmals Gedanken, wie wir das Problem lösen können!“, besprach er sich mit seinem Freund und kehrte dann nachdenklich zu Ben zurück. Der war inzwischen frisch gebettet worden und hatte auch, ein wenig gegen seinen Willen, ein Opiat und auf Anordnung des diensthabenden Stationsarztes ein leichtes Schlafmittel bekommen. „Wenn sich Herr Jäger so aufregt, fangen vielleicht der Magen und auch das Rektum wieder zu bluten an-er wird jetzt ein wenig runter gefahren, ob er das will oder nicht!“, hatte er außerhalb des Zimmers zu der betreuenden Pflegekraft gesagt und die hatte die Anweisungen ausgeführt. So fand Semir seinen Freund im Dämmerschlaf vor, der ihn mit Augen ansah, als hätte er zwei Promille. „Ben-ich kümmere mich um alles, mach dir keine Sorgen!“, sagte er dann, legte sich wieder neben seinen Freund und hielt seine Hand. Irgendwann siegten die starken Medikamente und Ben´s ruhiges, immer wieder von einem Hustenstoss unterbrochenes Atmen verriet, dass er eingeschlafen war.
    • Auch Sarah hatte gut geschlafen. Auf gutes Zureden ihrer Kollegin hatte sie ein starkes Schmerzmittel akzeptiert, das sie regelrecht weg gebeamt hatte und am Morgen war der Kreislauf nach mehreren Tassen starken Kaffees aus der Stationsküche-nicht der Krankenhausmuckefug-wieder völlig im Lot. Eine Krankenpflegeschülerin half ihr den Stützverband abzunehmen und nach der Körperpflege wieder anzulegen und wusch ihr den Rücken, den Rest konnte Sarah alleine, sie zog sich an und als der Stationsarzt grünes Licht gegeben hatte, denn der Wundverband würde heute dran bleiben und erst morgen nach dem Drainagenzug gewechselt werden, machte sie sich auf den Weg zur Intensivstation. Wie am Vortag schon ausprobiert, trug sie zwar Jeans und Schuhe, aber oben hatte sie das Krankenhaushemd lässig in den Hosenbund gesteckt und als sie auf ihrer Heimatintensivstation eintraf, schmunzelte ihre Kollegin. „Oh Sarah-schicke Designerbluse!“, spottete sie, wies ihr aber dann den Weg zu Ben, bei dem gerade die Morgenvisite stattfand. Der diensthabende Assistenzarzt stellte den neuen Fall gerade dem Chefarzt und dem Schwarm an anderen Ärzten vor und als sie durch die Menge an Weißkitteln spähte, sah sie Ben zwar blass und erschöpft, aber doch wach, in seinen Kissen liegen. Als die Visite weiter gezogen war, eilte sie an die Seite ihres Mannes und schenkte Semir ein freundliches Lächeln. „Schatz-wie geht es dir?“, fragte sie liebevoll und ein Lächeln überzog das Gesicht des mitgenommenen Patienten. „Danke der Nachfrage-und selbst?“, wich er der Frage aus, denn er wusste selber keine Beschreibung für seinen Zustand, mies war noch untertrieben. Aber was sein Denken gerade ausschließlich beherrschte, war die Frage, wo die zweite Spritze mit seinem Samen geblieben war.

      Vorhin, als die Schwester der Frühschicht ihn mit Semir´s Hilfe gewaschen und gebettet hatte, hätte er seinen Freund schon am liebsten los geschickt, denn er würde keine Ruhe haben, bevor diese Sache nicht geklärt war. Er hatte, als das Schlafmittel abflaute, auch bereits darüber nach gedacht, ob er Sarah davon erzählen sollte und war gemeinsam mit Semir zu dem Entschluss gekommen, das zu tun. Was sollte auch jegliche Heimlichtuerei-sie hatte Zugang zu seiner Krankenakte, er hatte schließlich nichts gemacht, wenn ihn auch trotzdem die Scham immer wieder heim suchte. Keinem Menschen gefiel es, sexuell bedrängt zu werden und Verletzungen unterhalb der Gürtellinie waren psychisch weit schlimmer zu bewerten, als andere. Aber Sarah würde Verständnis haben, das wusste er und wenn es zum Äußersten kam und er tatsächlich gegen seinen Willen ein Kind gezeugt hatte, wäre sie ja auch unmittelbar betroffen.

      Sarah strich ihm mit der gesunden Hand eine verschwitzte Strähne aus dem Gesicht und konstatierte sofort, dass er Fieber hatte. „Mir geht es ganz ordentlich, Ben. Ich habe nachts gut geschlafen, die Schmerzen halten sich in Grenzen, ich kann den Arm bewegen und mein Kreislauf ist wieder im Lot. Aber jetzt erzähl-wie geht es dir, du siehst ehrlich gesagt wie ausgekotzt aus!“, war sie gerade heraus und Semir musste schmunzeln. Das war eigentlich nicht das, was man von seinem Partner hören wollte und auch Ben erwiderte jetzt: „Danke für das Kompliment, das war exakt das, was ich hören wollte, aber genau so fühle ich mich leider auch!“. Er wusste ja, wer das gesagt hatte und wie sie es meinte.
      Nun redete er nicht mehr lange um den heißen Brei herum, sondern erklärte: „Sarah, die Frau die mich gequält hat, hat mir mit zwei Spritzen Sperma entnommen-die eine Spritze ist jetzt verschwunden und ich werde nicht eher zur Ruhe kommen, bevor ich nicht weiß, was damit geschehen ist. Semir soll sich jetzt darum kümmern-ich habe so Angst, gegen meinen Willen nochmal Vater zu werden und das wäre ja etwas, was unser ganzes Leben verändern würde!“, sagte er und nun sah seine Frau ihn fassungslos an. „Oh Gott!“, war momentan das Einzige was sie heraus brachte und Semir erhob sich jetzt und straffte den Rücken. „So-es ist jetzt nach acht, die Chefin ist inzwischen im Büro. Ich werde mit ihr telefonieren und mich auf die Suche nach der zweiten Spritze machen. Vielleicht hatte die Gregor sie bei sich, als sie ins Gefängniskrankenhaus eingeliefert wurde, oder auch sonst muss das Ding ja irgendwo sein. Ich sage euch Bescheid, sobald ich etwas weiß-und Ben, halt die Ohren steif!“, ermahnte er seinen Freund und war wenig später bereits auf dem Weg nach draußen.

      Sarah hatte sich auf den bequemen Stuhl gesetzt und Ben´s Hand ergriffen. Schweigend versuchte sie erst einmal Ordnung in ihre Gedanken zu bringen, bevor sie leise sagte: „Ben-was auch geschieht, das Wichtigste ist, du bist in Sicherheit und wirst wieder ganz gesund“, aber das war es nicht, was ihn beschäftigte und in diesem Augenblick kam auch schon ihre Kollegin zur Zimmertüre herein. „Herr Jäger-sie sind zur Kontroll-ÖGD abgerufen, ich bereite sie jetzt vor!“, sagte sie freundlich und Ben, der sich angespannt ein wenig aufgesetzt hatte, ließ sich resigniert zurück sinken. Er wollte gar nicht daran denken, was ihn heute noch alles erwartete, aber er konnte es eh nicht ändern und klar war, das geschah alles nur zu seinem Besten!

      Semir hatte mit wenigen Worten der Chefin die Entwicklungen der Nacht mitgeteilt, die versprach ihm, sofort im Gefängniskrankenhaus anzurufen und ihn dann zu informieren. Während Semir sich in der Krankenhauscafeteria einen großen Kaffee und ein Croissant gönnte, gewann die Chefin erste Erkenntnisse und als sie ihn 15 Minuten später kontaktierte, sagte sie: „Herr Gerkhan-ich hole sie in etwa 10 Minuten, je nach Verkehr, am Haupteingang der Klinik ab. Maria Gregor hatte bei ihrer Einlieferung keine Spritze bei sich-wir beide werden uns jetzt auf die Suche danach machen“, und Semir erhob sich, zahlte und machte sich dann langsam auf den Weg zum Haupteingang. Hoffentlich fanden sie die Spritze mitsamt Inhalt, denn sonst wusste er nicht, was er tun sollte!
    • Ben war mulmig zumute. Er hatte gar nicht gewusst, dass er heute nochmals zur Magenspiegelung sollte-falls das gestern jemand gesagt hatte, hatte er das nicht mit gekriegt, aber was half es da zu lamentieren? Vom Kopf her verstand er ja die Notwendigkeit der ganzen Untersuchungen, Sarah hatte ihm nämlich gleich erklärt, dass man da immer nachschaute, ob die Blutung auch tatsächlich stand, oder vielleicht doch langsam vor sich hin sickerte. Außerdem brachte sie ein Argument, das bei ihm fast immer zog: „Wenn da jetzt nichts heraus kommt und die Blutung steht, darfst du bald wieder was essen und trinken“, hatte sie erklärt. Trotzdem beobachtete er mit Sorge, wie die Infusionen und Perfusoren umgebaut wurden, der Transportmonitor aus der Halterung genommen und an seinem Bett befestigt wurde und dann ein Assistenzarzt und die Schwester sein Bett packten und die Bremse lösten. Der Notfallrucksack war auch dabei, aber man hoffte natürlich immer, ihn nicht zu brauchen.

      Sarah schickte sich an, ihnen in die Endoskopieabteilung zu folgen, aber der junge Arzt schüttelte den Kopf. „Sarah-du bist selber Patientin. Geh bitte auf deine Station zurück. Du kannst deinen Mann nachher wieder besuchen, aber bei der Untersuchung wirst du nicht dabei sein!“ ordnete er an und zu Ben´s Erstaunen befolgte Sarah die Anweisung ohne Murren. Ehrlich gesagt war ihr jetzt ein wenig schwindlig und die Schulter begann vermehrt zu schmerzen-sie war fast froh, dass sie sich jetzt selber hinlegen und eine Schmerztablette einwerfen konnte. „Bis nachher Schatz-alles Gute!“, rief sie noch und dann waren Ben und seine Begleiter auch schon im Fahrstuhl verschwunden.

      Ben hatte die höchsten Befürchtungen und in seinem Bauch grummelte es, als er wie gestern in die Endoskopieabteilung gefahren wurde. Dann allerdings gab man ihm Midazolam und er kam erst wieder zu sich, als ihn jemand laut ansprach und in die Wange kniff. „Herr Jäger-aufwachen!“, hörte er wie aus weiter Ferne und als er ein wenig wacher wurde, bemerkte er erstens die Hektik um ihn herum und dann, dass er extrem kopftief im Bett lag und eine Sauerstoffmaske auf seinem Gesicht war. „Wir haben ihn wieder!“, hörte er dann und als er eine ganze Weile später immer noch benommen und völlig erschöpft, wieder verkabelt auf seinem Platz auf der Intensiv lag und plötzlich Sarah bei ihm war, erfuhr er den Grund für die Aufregung.
      „Als er zwei Milligramm Midazolam intus hatte, ist er uns mit dem Kreislauf dermaßen abgeschmiert, dass wir gedacht haben, wir kriegen ihn nicht mehr. Er hat sogar Supra gebraucht!“, erklärte die immer noch sehr besorgte Intensivschwester ihrer Kollegin. „Gott sei Dank hat der Internist trotzdem geistesgegenwärtig noch den Schlauch rein geschoben, als klar war, dass wir doch nicht intubieren müssen-vorbereitet hatte ich schon alles!“ beschrieb sie die Dramatik der Situation. „Wenigstens die Blutung steht und er darf von seiner Seite aus Wasser und Suppe haben und wir sollen ihn abführen, aber stabil ist was anderes, sein Kreislauf macht uns große Sorgen. Die Ausscheidung ist immer noch minimal und er kriegt gerade wieder Volumen, um ihn zu stabilisieren. Nachts wars unter Nor ja gar nicht so schlecht, aber jetzt müssen wir die Dosierung ständig steigern, um einen einigermaßen ordentlichen Druck her zu kriegen, die Sepsis ist also noch lange nicht unter Kontrolle!“, erklärte sie Sarah bedrückt, denn die war eine zu erfahrene Intensivschwester, um das nicht selber zu sehen. Als die junge Ehefrau bemerkte, dass Ben´s Augenlider flatterten und er zuhörte, strich sie ihm liebevoll über die Wange. „Schatz-ich bin da und passe auf dich auf!“, sagte sie und Ben nickte unmerklich, bevor er wieder in einen Dämmerschlaf fiel.

      Frau Krüger war mit Semir´s Wagen gekommen und als sie seinen Blick bemerkte, stieg sie aus und setzte sich schmunzelnd auf den Beifahrersitz. „Keine Sorge Herr Gerkhan, ich lege gar keinen großen Wert darauf, hinterm Steuer zu sitzen-ich fahre, weil ich wohin will, aber nicht aus reinem Spaß am Fahren und schon gar nicht im Kölner Stadtverkehr!“, sagte sie und beobachtete, wie der Kriminalhauptkommissar sich geschmeidig in den Verkehr einfädelte. Wenig später waren sie vor dem Horrorhaus angekommen, das mit einem Siegel verschlossen war und Frau Krüger wies in eine Richtung. „Dort zwei Querstraßen weiter wurde Sarah angeschossen, hier stand das Polizeifahrzeug, als Frau Gregor den Polizisten verletzt hat. Also müsste ihr Fluchtweg irgendwo dazwischen liegen-machen wir uns auf die Suche!“, sagte sie und gemeinsam schritten sie erst die Straßen ab.
      Semir erschauerte, als er die getrocknete Blutlache auf dem Boden sah-Sarah´s Blut! Er durfte gar nicht daran denken, wie knapp auch sie dem Tode entkommen war. Eines allerdings wusste er und das würde er Ben und seiner Frau auch bei Gelegenheit sagen-wenn mit den beiden etwas passieren würde, würden Andrea und er die Kinder zu sich nehmen, damit Konrad sie nicht ins Internat stecken konnte und sie genauso lieblos erzogen werden würden, wie Ben und Julia. Vielleicht sollten sie da mal eine notarielle Verfügung machen, damit das auch klar geregelt war. Aber dann schob er die trüben Gedanken beiseite-die beiden lebten und es sah ja auch gar nicht so schlecht aus. Er wusste ja Gott sei Dank nicht, was sich im Krankenhaus in der Endoskopieabteilung gerade für dramatische Szenen abspielten!

      Dann teilten die beiden sich auf und kontrollierten systematisch die Hauseingänge-und tatsächlich fanden sie einige offene Türen, von Junkies und Obdachlosen aufgebrochen, und konnten Maria´s Fluchtweg rekonstruieren. In einem ehemaligen Kohlenkeller, der zusätzlich mit einer Klappe von außen erreichbar war, sah Semir dann im Licht der Taschenlampe, die er aus dem Wagen mit genommen hatte, etwas glitzern. Er zog rasch Einmalhandschuhe an und bückte sich nach dem Gegenstand-es war die gesuchte metallene Rekordspritze-und sie war leer!
    • Langsam waren auch die letzten Reste des Beruhigungsmittels abgebaut und Ben merkte voller Verzweiflung, dass es ihm wirklich so richtig mies ging. Er bekam Schüttelfrost und konnte gar nicht so schnell mit den Zähnen klappern, wie er fror. Man gab ihm zwar eine zweite Decke und verabreichte ihm auch Paracetamol, aber sein Unterleib und Po zwickten und drückten und als dann fast gleichzeitig der Urologe und der Chirurg, der sich den Schließmuskel ansehen sollte, auf der Matte standen, wäre Ben am liebsten abgehauen-wenn er sich nur nicht so furchtbar krank gefühlt hätte.
      „Anscheinend greift das Antibiotikum noch nicht, oder ist auch das Falsche, aber wir würden jetzt gerne die Auswertung der Urinkultur abwarten, bevor wir erneut umstellen-zumindest hat das die Antibiotikakonferenz so besprochen“, teilte der Stationsarzt seinen Ärztekollegen mit und sah besorgt auf die Katecholamindosis. Die hatte man im Gegensatz zu heute Morgen fast verdreifachen müssen, drei Liter Bilanz waren ebenfalls in seinem schwer kranken Patienten verschwunden, aber weder die Urinausscheidung kam so richtig in Gang, noch stabilisierte sich der Kreislauf. Nur die Arme und Beine wurden langsam dicker und vermutlich drückte der Wundverband am Unterleib ebenfalls durch die Schwellung. Der musste dringend gewechselt werden, es war auch schon blutiges Sekret durch den Verband gesickert, aber leider musste man mit der Schmerzmittelgabe sehr vorsichtig sein und konnte ihm nur minimale Dosen Piritramid geben, weil er stark mit Blutdruckabfällen reagierte und ein Beruhigungs- oder Narkosemittel wie Midazolam oder Propofol verboten sich ebenfalls-man hatte ja gesehen, dass er das beinahe nicht überlebt hätte. Leider war bei allen die blutdrucksenkende Wirkung ein bekannter Mechanismus und das konnte man nicht noch einmal riskieren. Auch eine erneute Spinale kam nicht in Frage, da schmierte ebenfalls oft der Kreislauf ab und so vereinbarten die beiden Ärzte, Ben in einem kleinen Eingriffsraum zu untersuchen und zu behandeln und eine eventuell nötige Analgesie mit einer lokalen Einspritzung zu erreichen, so unangenehm das auch sein würde.

      Es wurde auch Zeit, dass die Tamponade im Rektum entfernt wurde, damit die Verdauung wieder funktionieren konnte, durch das teilweise sicher bereits verdaute Blut fanden im Darm Gärprozesse statt, Ben hatte auch Bauchschmerzen und man hoffte, dass es nicht gleich wieder zu bluten beginnen würde, wenn man den Streifen zog. Inzwischen würde man auch auf etwaige Proteste seinerseits keine Rücksicht mehr nehmen können, es war eine vitale Indikation und unter diesen Umständen war es rechtlich sogar möglich, einen Patienten ohne sein Einverständnis zu behandeln, aber natürlich würde man versuchen, ihm gut zu zureden.
      Sarah hatte angstvoll den Monitor im Auge, Ben machte ihr gerade große Sorgen, aber gleichzeitig merkte sie, dass ihre Schulter klopfte und pochte. Sie hatte ihm immer wieder die Lippen eingecremt, ihn gestreichelt und seine Hand gehalten, aber sie war selber am Ende ihrer Kräfte. Der Blutverlust schwächte auch sie und ihre Kollegin hatte besorgt die wächserne Blässe und die Schweißperlen auf ihrer Stirn bemerkt. Es war inzwischen später Vormittag und Sarah hoffte, dass Semir bald kommen und Entwarnung geben würde. Hoffentlich hatte er die Spritze gefunden und wenigstens dieser Alptraum hatte ein Ende.

      Semir hatte derweil die Chefin an der PAST heraus gelassen und für alle Fälle die Spritze mit den blutigen Resten darin, zu Hartmut in die KTU gebracht, bevor er sich schweren Herzens auf den Weg in die Klinik machte. Wie sollte er das Ben und Sarah erklären und wie groß war die Wahrscheinlichkeit tatsächlich, dass Maria sich sozusagen selber geschwängert hatte? Mit einem bitteren Auflachen erinnerte er sich an den Fall, der vor einigen Jahren durch die Presse gegangen war, als Boris Becker etwas von wegen „Samenraub“ getönt hatte. Niemand hatte ihm damals geglaubt, dass er in einer Besenkammer zum Sex regelrecht gezwungen worden sei-er und seine Freunde waren sich damals einig gewesen, dass so etwas nicht möglich war und der Tennisstar nur seinen Fehltritt vor seiner Ehefrau vertuschen wollte. Nun war Ben tatsächlich Opfer eines wahrhaften Samenraubs geworden, aber was sollten sie jetzt weiter unternehmen?

      Als er den BMW auf dem Klinikparkplatz abgestellt hatte und wenig später an der Tür der Intensivstation läutete, wurde er eilig herein gebeten. „Gut dass sie kommen, Herr Gerkhan“, sagte die Schwester, die Ben betreute. „Sarah klappt mir nämlich in Kürze zusammen, aber sie will ihren Mann verständlicherweise in seinem kritischen Zustand nicht alleine lassen. Wenn sie jetzt allerdings dableiben, hoffe ich, sie legt sich in ihrem Zimmer hin, bevor wir sie noch vom Boden aufkratzen müssen, aber sie kennen ja uns Krankenschwestern-wir sind da vermutlich alle stur und uneinsichtig, wenn es um unsere eigene Gesundheit geht-man kümmert sich eher um seine Patienten, als um sich selber!“, plapperte sie, während sie gemeinsam dem Zimmer, in dem Ben lag, zustrebten.
      Semir erschrak bis ins Mark als er sah, wie sehr sich Ben verschlechtert hatte, seitdem er ihn vor nicht ganz drei Stunden verlassen hatte. Voller Sorge eilte er an die Seite seines bibbernden Freundes, zugedeckt bis zum Hals, dessen Nase spitz aus dem Gesicht stach. Sarah sah ebenfalls wie ausgekotzt aus und als sie ihn erblickte begann sie leicht zu schwanken. „So Sarah-ich rufe jetzt den Fahrdienst, der soll dich im Rollstuhl in dein Zimmer bringen-du musst dich dringend ausruhen-so bist du deinem Mann keine Hilfe und sein Freund ist ja jetzt bei ihm“, erklärte die Kollegin und griff auch schon zum Telefon. Die junge Frau protestierte nicht, also musste sie sich wirklich nicht wohl fühlen und als Ben nun auch noch flüsterte: „Schatz-bitte ruh dich aus-es ist schließlich niemandem gedient, wenn wir beide flach liegen!“, setzte sie sich wenig später in den Rollstuhl und wollte nur noch eines-ein Bett.

      Inzwischen war ein Eingriffsraum in der Chirurgie mit einem kurzen Tisch vorbereitet, die Schwester hatte erneut die wichtigsten Infusionen und Perfusoren umgebaut und seufzte auf. Diese Fahrten durchs Haus kosteten viel Zeit und waren auch immer eine Gefährdung für den Patienten, aber es war klar, dass man einfach ohne speziellen Untersuchungsstuhl nicht dort ran kam, wo es notwendig war. „Herr Jäger“, hatten der Urologe und der Chirurg freundlich zu ihrem Patienten gesprochen. „Wir müssen jetzt den Verband am Hoden wechseln und die Tamponade am Po entfernen. Diese Wundkontrolle und auch die Beurteilung der Rektumverletzungen sind absolut notwendig, vermutlich drückt es da ja auch gewaltig. Wir bringen sie jetzt in einen Untersuchungsraum und wenn sie das überstanden haben, dürfen sie sich auch gleich wieder ausruhen!“, versuchte man ihm die Behandlung zu verkaufen und zu Semir´s Erstaunen sagte Ben, dem jetzt plötzlich heiß war-er hatte auch auf gefiebert auf 39,4°C: „Machen sie was notwendig ist, aber da unten tobt es, ich habe Bauchschmerzen, das kann ja nur besser werden.“
      Als er dann allerdings in das grün geflieste Zimmer-einen kleinen septischen OP- gefahren wurde und den Stuhl erblickte, begann er erneut zu zittern, aber diesmal vor Angst-gerade wurde ihm alles zu viel und die schrecklichen Erinnerungen brachen wieder über ihn herein.

      Als die Eingriffe erledigt waren, ein Darmrohr mit einem Beutel daran eingeführt war und Ben schweißüberströmt wieder in seinem Bett lag, bat er seinen Freund: „Semir-kannst du bitte nach Sarah schauen, ich mache mir große Sorgen um sie. Ich muss jetzt eine Runde schlafen und komme alleine zurecht!“, schickte er Semir regelrecht weg und nach kurzer Überlegung befolgte der kleine Türke die Bitte seines Freundes und machte sich auf den Weg zur chirurgischen Station zu Sarah-er musste auch dringend etwas mit ihr besprechen und war eigentlich froh darüber, dass Ben ihn bisher nicht nach der verschwundenen Spritze gefragt hatte.
      Sarah sagte „Herein!“, als er klopfte und sah auch schon ein wenig besser aus. Allerdings hatte auch sie jetzt Fieber bekommen und man war ebenfalls mit einem Antibiotikum eingestiegen, weil auch ihre Laborwerte auf eine bakterielle Infektion hinwiesen. Früher hätte man das schon vorsorglich gegeben, aber heute wartete man erst auf Symptome, um keine unnötigen Medikamente zu verabreichen. „Wie geht es Ben?“, fragte sie und Semir setzte sich auf einen Stuhl. „Er hat die Verbandwechsel und eine unangenehme Behandlung hinter sich gebracht und ruht sich gerade aus. Er hat mich extra zu dir geschickt, weil er sich Sorgen um dich macht!“, antwortete er ehrlich und Sarah seufzte auf. „Ja verdammt-das ist voll blöd, dass es uns beide erwischt hat, aber ich fühle mich schon ein wenig besser und werde ihn nachher auch wieder besuchen-aber jetzt erzähl-habt ihr die Spritze gefunden?“, wollte sie wissen und Semir nickte mit sorgenvollem Gesichtsausdruck. „Und?“, bohrte sie nach-verdammt, musste man ihm eigentlich alles aus der Nase ziehen? „Sie lag in einem Kohlenkeller und sie war leer!“, eröffnete er ihr und nun richtet sich Sarah entschlossen auf. „So-dann muss diese brutale Frau jetzt die „Pille danach“ bekommen-egal wie du das anstellst!“, sagte sie entschlossen und Semir sah sie erstaunt und fast ein wenig erleichtert an.
    • „Und wie komme ich an diese „Pille danach?“, wollte Semir wissen und machte sich in seinem Kopf schon einen Plan, was er der Chefin sagen wollte, warum er zu Maria musste. „Hm-seit einiger Zeit braucht man dafür kein Rezept mehr, sondern kann die einfach so in der Apotheke kaufen, allerdings muss einen der Apotheker beraten, bevor er sie abgibt-und es muss eine Frau sein, die sie kauft!“, sagte Sarah ein wenig verzagt. „Ich glaube ich schaffe das aktuell in meinem Zustand nicht, in einer Apotheke vor zu sprechen und mit diesem Verband und der Drainage glaube ich auch kaum, dass der Apotheker mir was verkauft-wir brauchen also eine Frau, die uns das Medikament besorgt!“, überlegte Sarah. „Ist das wirklich so einfach an eine Abtreibungspille zu kommen?“, staunte Semir und Sarah schüttelte jetzt den Kopf. „Ellaone mit dem Wirkstoff Ulipristalacetet ist keine Abtreibungspille, die verzögert nur den Eisprung und man sollte sie schnellstmöglich bis maximal 5 Tage nach dem ungeschützten Geschlechtsverkehr einnehmen. Die richtige Abtreibungspille kann man auch noch später nehmen, bis zum 63. Tag der Schwangerschaft, die muss aber ein Arzt in der Klinik verabreichen, an die kommt man nicht so einfach ran. Die Pille danach ist also eigentlich auch keine Abtreibung, denn sie verschiebt ja nur den Eisprung nach hinten und wenn ein Ei nicht befruchtet ist, ist da auch noch kein Leben!“, erklärte sie ihrem Freund und der staunte. Warum Sarah so genau darüber Bescheid wusste, fragte er lieber nicht-es gab einfach Sachen, die gingen ihn nichts an.

      „Vielleicht wäre es besser, du würdest dir zwei Tabletten besorgen, ich kann mir nämlich nicht vorstellen, dass diese Frau die freiwillig nimmt, du wirst tricksen müssen!“, überlegte Sarah und so kam es, dass wenig später sowohl Jenny, als auch Susanne in jeweils einer anderen Apotheke vorsprachen und diese ohne Probleme mit einer Pillenpackung verließen. Semir war es verdammt unangenehm gewesen, die beiden Frauen darum zu bitten, aber die beiden wechselten nur einen kurzen Blick, anscheinend war das bei beiden nicht das erste Mal.

      Semir hatte überlegt, ob er die Chefin völlig einweihen sollte, sich aber dann dagegen entschieden. Je weniger Leute von ihrem Plan wussten, desto besser. Allerdings sprach er, während Jenny und Susanne „ihre Pause nahmen“, bei Frau Krüger im Büro vor, die ihn erstaunt musterte. „Herr Gerkhan-mit ihnen hätte ich jetzt am Allerwenigsten gerechnet. Ich war der Überzeugung, sie weichen nicht von der Seite ihres Freundes und habe sie deswegen auch für Überstundenfrei eingetragen. Wie geht es Ben und Sarah denn und was führt sie zu mir?“, fragte sie und ein unbestimmtes Gefühl sagte ihr, dass Semir etwas vorhatte, wovon sie nichts wissen sollte. „Ben liegt auf der Intensivstation und ist nicht sonderlich stabil. Er hat auch schon einige schmerzhafte Eingriffe über sich ergehen lassen müssen, aber im Moment schläft er und Sarah leistet ihm Gesellschaft, solange bis ich wieder komme. Wurde denn Frau Gregor schon vernommen?“, fragte er unschuldig und Frau Krüger schüttelte den Kopf. „Im Augenblick befindet sie sich ja noch im Gefängniskrankenhaus und die Staatsanwaltschaft ist gerade dabei, die Anklage für den Haftprüfungstermin vor zu bereiten. Durch die Videoaufnahmen und die Aussagen aller Beteiligten vor Ort-sie eingeschlossen-müssen wir nicht befürchten, dass ein Richter auf dumme Gedanken kommt und sie auf Kaution frei lässt. Diese Frau ist eine Gefahr für die Allgemeinheit, eine mutmaßliche Mörderin und der zweite verletzte Polizist muss immer noch um sein Augenlicht bangen!“, teilte sie ihm mit und Semir nickte. „Frau Krüger-könnten sie es möglich machen, dass ich Frau Gregor kurz sprechen kann? Ich weiß, dass ihnen das jetzt komisch vorkommt, aber ich brauche sie unter vier Augen und möchte ihnen lieber nicht mitteilen, wozu, denn dann hätten sie vielleicht Bedenken-aber vertrauen sie mir-es ist zum Besten von Ben und uns allen, wenn sie das möglich machen!“, sagte er offen und nach kurzer Überlegung griff die Chefin zum Telefon und nach einigen Telefonaten sah sie ihn an. „Gerkhan-ich vertraue ihnen, dass sie keinen Blödsinn machen, der uns alle den Kopf kostet, oder eine rechtmäßige Verurteilung von Frau Gregor unmöglich macht. Sie können kurz zu ihr und ich habe ausdrücklich gesagt, dass es keine richtige Vernehmung ist, wozu sie sicher ihren Anwalt zuziehen wird. Wir vermuten, dass vielleicht ein zweites Kind noch irgendwo im Spiel ist und so ist das unbedingt nötig, dass sie sie befragen!“, teilte sie ihm mit leichtem Schmunzeln mit, aber Semir hatte ja schon voller Bewunderung gelauscht, was die Krüger den Verantwortlichen für eine Story angedreht hatte. Mein Gott-wenn sie nur wüsste, wie nahe sie der Wahrheit mit dem zweiten Kind kam!
      „Danke Chefin!“. rief er und sprang auf. Dann drehte er sich nochmals um. „Frau Krüger-kann ich Jenny mitnehmen?“, fragte er und die Chefin nickte. Es fiel ihr zwar schwer, nicht zu erfahren, worum es ging, aber eines wusste sie-wenn Gerkhan etwas machte, war es zum Besten von Ben, das stand außer Frage. Sie hatte sich geschworen, ihren engsten Mitarbeitern zu vertrauen, die hatten sie eigentlich auch noch nie enttäuscht.

      So kam es, dass Semir und Jenny wenig später vor einer Bäckerei anhielten und zwei große Kaffee to go erstanden. In einem davon lösten sie die Tablette auf und hofften, dass das am Geschmack nicht zu erkennen war. „Mein Gott Semir-stell dir mal vor, wie schlimm das wäre, wenn Ben gegen seinen Willen Vater werden würde! Ich werde alles tun, um dir zu helfen, das zu verhindern!“, sagte Jenny entschlossen.
      In der Schleuse des Gefängniskrankenhauses mussten sie sich ausweisen und ihre Waffen ablegen, Semir durfte aber die beiden Kaffeebecher mitnehmen. Als man sie auf die Station geleitet hatte, wo Maria in ihrem Zimmer im Bett lag, saß an der Zentrale ein älterer JVA-Mitarbeiter und behielt die Monitore, mit denen die Zimmer überwacht wurden, routinemäßig im Auge. Semir und Jenny nickten sich leicht zu und während Semir nun vom Schließer, der ihm die Tür öffnete, ins Zimmer gelassen wurde, ließ Jenny ihre weiblichen Reize spielen, setzte sich so auf den Schreibtisch, dass sie die Monitore verdeckte und verwickelte den Mann in ein Gespräch.

      Maria hatte überrascht aufgesehen, als sich die Türe öffnete und sich dann mit selbstgefälligem Lächeln in ihre Kissen zurück gelegt-was auch immer dieser kleine Polizist wissen wollte, sie würde nichts sagen und den mitgebrachten Kaffee lehnte sie natürlich ab. In der Schwangerschaft trank man keinen Kaffee!

      Ben war in einen unruhigen Dämmerschlaf gefallen. Irgendetwas nagte an ihm und ließ ihn nicht zur Ruhe kommen. Die Eingriffe der letzten Stunden waren auf der ganzen Linie sehr belastend gewesen und er brauchte eigentlich dringend seinen Schlaf, kam aber einfach nicht so richtig zur Ruhe, ganz abgesehen davon, dass das Fieber gerade wieder stieg. Als wenig später Sarah herein huschte, ihm mit federleichter Hand eine verschwitzte Strähne aus dem Gesicht wischte, sich aber ebenfalls heiß anfühlte, machte er sofort die Augen auf und sah sie besorgt an. „Schatz-wie geht es dir?“, murmelte er und Sarah zuckte mit den Schultern, was sie sofort zum Aufstöhnen brachte-wie blöd konnte man denn sein? „Geht schon!“, flunkerte sie und ließ sich in den bequemen Stuhl fallen. „Und selbst?“, fragte sie dann und jetzt fiel Ben auf einmal siedend heiß ein, was er Semir die ganze Zeit hatte fragen wollen und warum ihn sein Unterbewusstsein nicht zur Ruhe kommen ließ. Was war mit der zweiten Spritze?
    • Semir sah enttäuscht auf den Kaffeebecher-Plan eins war also bereits fehl geschlagen. In der Tasche seiner Jeans hatte er die zweite Tablette-die musste Maria nehmen-koste es, was es wolle! Er überlegte fieberhaft, wie er das anstellen sollte, kam aber zu dem Schluss, dass sie das freiwillig wohl nie machen würde. Jetzt konnte er nur hoffen, dass Jenny draußen den Wachmann ablenkte, wie vereinbart und das Datenmaterial auch nicht aufgezeichnet wurde. Er trat nahe ans Bett heran und fragte: „Wie viele Männer außer meinem Kollegen haben sie zuvor im Keller gefangen gehalten?“, um Maria nicht misstrauisch zu machen. Die Kamera war in seinem Rücken, direkt über der Tür angebracht, wie er beim Eintreten registriert hatte. „Selbstgefällig lehnte Maria sich in ihre Kissen zurück. „Das können sie selber heraus finden-ohne meinen Anwalt sage ich gar nichts!“, gab sie schnippisch zurück und in diesem Moment schoss auch schon Semir´s Hand vor und drückte an ihrem Hals kraftvoll auf einen bestimmten Punkt, wie jeder Polizist im Selbstverteidigungstraining lernte. Maria machte noch den Mund auf, um zu schreien, aber dann wurde sie auch schon ohnmächtig.
      Blitzschnell zog Semir die winzige Tablette aus seiner Tasche, drückte sie aus dem Blister und steckte sie weit in Maria´s Rachen. Hoffentlich landete die nicht in der Lunge, dann wäre nämlich guter Rat teuer! Als Maria wieder zu sich kam, hielt er ihr das Wasserglas vor die Nase und sagte unschuldig: „Was war denn gerade mit ihnen los? Sie sind plötzlich ohnmächtig geworden?“, und Maria funkelte ihn böse an, hustete ein wenig, rang nach Luft und trank schnell einen Schluck Wasser. „Halten sie mich für total verblödet?“, fauchte sie ihn an. „Sie haben mich soeben mit einem Karategriff kampfunfähig gemacht, denken sie, ich habe das vergessen-was sollte das?“, fragte sie, aber Semir sah sie nur verächtlich an. Jetzt hieß es gut zu schauspielern, damit sie nicht Lunte roch. „Ich wollte ihnen nur einmal demonstrieren, wie es ist, wenn man sich nicht wehren kann, wie sie es mit meinem Kollegen gemacht haben. Aber nun zurück zum Thema: Wie viele Männer haben sie entführt und in ihrem Keller gequält und wie lange ging das schon?“, fragte er nochmal und Maria erwiderte: „Wie oft soll ich ihnen noch sagen-ohne meinen Anwalt sage ich kein Wort!“, und nun zuckte Semir mit den Schultern und trat den Rückzug an. „Wir sehen uns beim nächsten Verhör-dann meinetwegen gemeinsam mit ihrem Anwalt, aber seien sie versichert-sie werden sich da nicht heraus winden können, wir haben genügend Beweise!“, tönte er und trat rasch an die Zimmertür, klopfte und bat heraus gelassen zu werden.

      Jenny saß immer noch auf dem Schreibtisch und hatte den Beamten in ein angeregtes Gespräch verwickelt. Obwohl sie sehr schlank war, verdeckte sie durch den geschickten Winkel immer noch den Blick auf einen Teil der Monitore. Sie hatte vorher bemerkt, wie warm es wäre und die beiden obersten Blusenknöpfe geöffnet. Die Blicke des dicklichen Beamten ruhten begehrlich auf ihr und während er ihr von seinem Hund erzählte-Frau und Kinder unterschlug er natürlich- und sie beteuerte, wie sehr sie Tiere liebte, hatte sie gehofft, dass Semir schnell machte, bevor der Mann ihr zu nahe kam.
      „Und-warst du erfolgreich mit deiner Befragung, damit wir weiter ermitteln können?“, fragte sie den kleinen türkischen Polizisten als der Schließer ihm die Türe geöffnet hatte und der erwiderte: „Ohne ihren Anwalt sagt sie kein Wort und Kaffee wollte sie auch keinen-möchten sie?“, fragte er und stellte den verbliebenen Kaffeebecher auf den Tisch vor den Beamten. Natürlich hatte er den mit der aufgelösten Tablette zuvor im Waschbecken im Zimmer ausgeleert und den anderen nicht angerührt. „Oh ja-gerne, Kollege!“, strahlte der Mann und wandte sich dann noch plump an Jenny: „Wenn sie meinen Hund mal kennen lernen wollen, können wir uns gerne treffen!“, tönte er und Jenny nickte wortlos, knöpfte ihre Bluse zu und strebte Richtung Ausgang. „Ja vielleicht!“, sagte sie schnell und war heilfroh, als sie im nächsten Raum ihre Waffen wieder bekamen und auf dem Besuchsprotokoll unterschrieben.

      Endlich im Wagen angelangt, fragte sie Semir erwartungsvoll: „Warst du erfolgreich?“, und als der mit einem Grinsen nickte und ihr im Losfahren erzählte, wie er es angestellt hatte, berichtete Jenny ihrerseits, dass der Beamte ihr beinahe an die Wäsche gegangen wäre. „Ich habe nur gehofft, dass du schnell machst, aber ich bin sicher, der hatte keinen Blick für die Monitore!“, berichtete sie und Semir bedachte sie mit einem offenen Lächeln. „Nun sei nachsichtig-der ist auch nur ein Mann und sieh es als Kompliment für deine Attraktivität-aber danke Jenny-ich hätte nicht gewusst, was ich ohne dich gemacht hätte. Ich bringe dich jetzt in die PASt zurück und fahre dann wieder zu Ben ins Krankenhaus“, teilte er seine weiteren Pläne mit, aber da läutete sein Handy. Über die Freisprechanlage nahm er das Gespräch an-Hartmut war der Anrufer. „Einstein was gibt’s?“, fragte er und der sagte bedrückt: „Semir-kannst du bitte in der KTU vorbei kommen, ich habe keine guten Neuigkeiten!“, berichtete er und der kleine Türke beteuerte, dass er in wenigen Minuten dort sein würde.

      Ben sah aufgeregt zu seiner Frau: „Sarah-hat Semir die zweite Spritze gefunden? Ich war vorher so sehr mit mir selber beschäftigt, dass ich vergessen habe zu fragen. Ich habe ihn zu dir geschickt, aber jetzt kommst du zu mir und von Semir ist nichts zu sehen-weißt du was?“, fragte er und Sarah nickte. „Schatz-die Spritze wurde gefunden und sie war leer. Allerdings ist Semir gerade dabei, deiner Entführerin die „Pille danach“ zu verabreichen, mach dir keine Sorgen!“, sagte sie liebevoll und jetzt atmete er auf. Als er dann aber sah, wie Sarah plötzlich fröstelte und erneut immer blasser wurde, befahl er regelrecht: „Du gehst jetzt bitte sofort wieder auf dein Zimmer und legst dich hin. Ich werde hier gut versorgt und meines Wissens sind auch keine Eingriffe mehr geplant. Ich werde jetzt ein wenig schlafen-und du auch, wir müssen doch beide bald wieder fit werden-für unsere Kinder! Hast du von denen etwas gehört?“, fragte er und Sarah berichtete, dass sie kurz zuvor mit Hildegard telefoniert hatte. „Den Kindern geht es gut, der einzige, der ein wenig Sorgen macht, ist Lucky, der ist traurig und mag nicht fressen. Allerdings leckt und bewacht er die Lämmer, ich denke, sobald einer von uns die Klinik verlassen kann, kommt das schon wieder ins Lot, aber er ist doch ein sensibler Hund!“, berichtete sie und Ben nickte gedankenverloren. „Ja-er gehört einfach zu unserer Familie, wir müssen schauen, dass wir bald wieder hier raus kommen und ich bin so froh, dass wir Hildegard haben, so haben wir wenigstens wegen der Kinder keine Sorgen!“, bemerkte er und nun fielen ihm beinahe die Augen zu.

      Inzwischen war Schichtwechsel und Andy hatte seine Betreuung wie am Vortag übernommen. „Sarah-ich rufe den Fahrdienst-geh du wieder in dein Bett, ich passe schon auf Ben auf!“, bemerkte der und lagerte ganz nebenbei seinen Patienten neu, unterpolsterte dessen Unterkörper und legte auch eine dick eingepackte Kühlkompresse zwischen dessen Beine. „Hochlagern und kühlen hat der Urologe angeordnet“, erklärte er sein Tun und Ben ließ sich vertrauensvoll versorgen, auch wenn dort unten alles drückte und sich wund anfühlte. Als Sarah wieder mit dem Rollstuhl abgeholt worden war, fielen ihm endgültig die Augen zu und er hoffte einfach auf Semir. Der würde alles tun, damit diese Sache wieder in Ordnung kam!
    • Neu

      Ein langer Schlaf war Ben nicht vergönnt. Kurz darauf begann er wieder zu frieren und weiter auf zu fiebern. Man gab ihm eine zweite Decke, Andy musste weiter mit den Katecholaminen nach oben gehen und der über die Temperatursonde am Monitor angezeigte Wert überstieg die 40°C-Marke. Trotz Volumen stabilisierte sich der Kreislauf nicht, man kippte das Bett in Kopftieflage, was Ben dann aber Atemprobleme bereitete und der zähe Schleim in seinen Bronchien war ebenfalls schmerzhaft und schwierig zum Abhusten. Die geprellten Rippen taten ein Übriges dazu.
      Man vernebelte mit einer speziellen Maske Medikamente, um ihm das Atmen zu erleichtern, aber der Assistenzarzt, der die Intensivstation heute versorgte, war bald am Ende seines Lateins angekommen und zog seinen Oberarzt hinzu. Man nahm erneut Blut ab und die Entzündungswerte waren regelrecht explodiert. „Fest steht-das verabreichte Breitbandantibiotikum deckt das Keimspektrum, das die Sepsis verursacht, nicht ab. Ich werde mit unseren Krankenhaushygienikern sprechen und nochmals in der Bakteriologie anrufen, ob die nicht wenigstens den Hauch einer Ahnung haben, um was für Keime es sich handeln könnte. Freilich ist die Zeit für ein Antibiogramm zu kurz, aber die haben vielleicht unterm Mikroskop einige der Keimarten identifizieren können, so dass wir mit einem neuen Antibiotikum nicht grundlos ins Blaue schießen“, überlegte er und griff auch schon zum Telefon. Als er die Mitarbeiterin der Bakteriologie am Telefon hatte, verband die ihn sofort mit dem leitenden Laborarzt.

      „Jetzt kommen sie mir sozusagen zuvor. Wir konnten schon einige Keime identifizieren, die Bebrütung läuft und die Bakterienrasen auf den Platten wachsen auch rege, allerdings ist ein Bakterium dabei, das versuchen wir gerade gemeinsam mit anderen Instituten zu klassifizieren-von uns hier hat das noch keiner gesehen!“,informierte er seinen Kollegen. „Das sagt deswegen nichts über seine Sensibilität gegen Antibiotika aus, aber interessant ist das sehr, ich halte sie auf dem Laufenden!“, teilte er dem Intensivarzt mit. Ja das war der Unterschied zwischen Medizinern, die nicht am Patienten arbeiteten und ihnen, die sozusagen an der Front standen. Der Laborarzt fand das interessant, während für ihn wichtiger war, dass die Antibiotika wirkten und seine Patienten wieder gesund wurden.
      Als er danach mit dem Krankenhaushygieniker sprach, gab der seiner Sorge vor dem multiresisistenten Superbakterium Ausdruck, vor dessen Entstehung die ganze Welt Angst hatte. „Ich würde sagen, solange wir noch nichts Näheres wissen, isolieren wir Herrn Jäger vorsichtshalber. Können sie nicht mehr solange warten, bis das Antibiogramm ausgewertet ist?“, fragte er dann, aber der Intensivmediziner verneinte. „Gut, dann gehen sie auf die nächste Stufe, ich würde sagen viermal täglich, ich unterschreibe das dann“, ordnete er an und als Andy wenig später das neue Antibiotikum anhängte und Ben, dem es einfach nur hundeelend ging und der immer noch entsetzlich fror, ein wenig anders lagerte, trug er einen quietschgelben Schutzkittel, eine grüne Maske und lila Schutzhandschuhe. Als Ben ihn verwundert anstarrte, sagte er: „Ich weiß-ich mache einem Papagei alle Ehre-aber du bist vorerst einmal sicherheitshalber isoliert, bis wir genau wissen, was diese Fieberschübe auslöst. Leider darf Sarah somit nicht zu dir, denn sie hat ja eine frische OP-Wunde. Dein Freund kann aber rein, wenn er wieder kommt-nur in Schutzkleidung dann, aber das zeige ich ihm!“ und so schloss Ben die Augen, litt weiter vor sich hin und wartete sehnsüchtig auf das Erscheinen von Semir, auch wenn der ja genauso wenig dafür sorgen konnte, dass es ihm besser ging, aber er würde ihn wenigstens ein wenig ablenken.

      Semir und Jenny waren inzwischen in der KTU angelangt, wo Hartmut im weißen Kittel im Labor stand und Tests an verschiedenen kompliziert aussehenden Apparaturen vornahm.
      „Einstein-was gibt es so Besorgniserregendes?“, fragte Semir als er näher trat. „Mehrere Dinge“, antwortete der. „Inzwischen haben meine Mitarbeiter aus dem Wohnhaus der Familie Gregor noch einige Sachen und Unterlagen zu mir gebracht und als ich die durch gesehen habe, wurde mir ganz anders. Außerdem habe ich systematisch die Gläser aus dem Schrank im Horrorhaus angeschaut-da waren nicht nur Augen, die aus der Zeit des Dritten Reichs datiert waren, sondern auch Laborgläser mit beunruhigenden Aufschriften darin, die erst kürzlich geöffnet worden sind. Dazu im Kühlschrank Proben mit Samenflüssigkeit ohne Spermien darin-ich befürchte Maria hat das Projekt Babyzüchtung überlegter durchgeführt, als ich das erwartet habe. Dazu muss ich sagen, dass diese Frau vermutlich genauso wie ihr Großvater hoch intelligent ist und auch damit rechnen konnte, dass Ben vielleicht nicht mit ihr auf normalem Weg verkehren würde.

      Als du mich nach der zweiten Spritze gefragt hast, konnte ich zwar deren Existenz anhand der Videoaufnahmen bestätigen, habe mir aber keine großen Sorgen gemacht. Fakt ist nämlich, dass man zwar Spermien zur künstlichen Befruchtung im Reagenzglas manchmal direkt aus den Hoden und Nebenhoden mit der Nadel entnimmt, die aber nicht beweglich sind, denn das macht alleine die Samenflüssigkeit, also das Prostatasekret, ein so komplexes Medium, das sogar Hormone enthält und bisher noch nicht künstlich hergestellt werden konnte. Ich bin also davon aus gegangen, dass überhaupt nichts passieren würde, wenn Maria sich den Inhalt der Spritze irgendwie-hm-zugeführt hätte!“, erklärte er und ein leichtes Erröten lief über sein Gesicht, als er auf Jenny sah, die gebannt seinen Worten lauschte.

      "Nun habe ich aber leider im Kühlschrank diese Gläschen mit Samenflüssigkeit, aber ohne Spermien gefunden und dazu bei ihren Aufzeichnungen eine von gestern datierte und anscheinend bar bezahlte Rechnung einer Samenbank hier in Köln. Ich habe keine Ahnung ob das die Spende eines unfruchtbaren Mannes ist, oder ob die die Spermien irgendwie abzentrifugiert oder bestrahlt haben, damit sie absterben-fakt ist-darin ist kein Erbgut enthalten, das ist ein reines Medium. Ich habe mir dann den Inhalt der zweiten Spritze angeschaut und darin sind neben dem Blut leider eine Menge sehr muntere funktionstüchtige Spermien-sie muss die Spritzen vorher schon mit einem Anteil an Samenflüssigkeit versehen haben, also könnte es durchaus zu einer Befruchtung gekommen sein!“, erklärte er niedergeschlagen seinen Mitarbeitern, aber jetzt überzog ein erleichtertes Grinsen das Gesicht von Semir. „Na dann haben Jenny und ich ja das Richtige getan! Wir kommen nämlich gerade aus dem Gefängniskrankenhaus und haben Maria die „Pille danach“, verabreicht!“, erklärte er frohgemut, aber Hartmut schüttelte mit ernster Miene den Kopf. „Das wird vermutlich nichts bringen, denn die wirkt so, dass sie den Eisprung etwa fünf Tage nach hinten verschiebt und dann keine befruchtungsfähigen Spermien mehr vorhanden sind. Maria war aber im Besitz eines modernen Fruchtbarkeitscomputers, der über eine Analyse des Morgenurins den Tag des Eisprungs genau anzeigt-und der war gestern. Es ist also ziemlich wahrscheinlich, dass Maria trotz eurer Bemühungen bereits von Ben schwanger ist!“, erklärte er und jetzt wurden sowohl Semir als auch Jenny blass.

      „Und als ob das nicht schon genügen sollte-schaut mal-hier habe ich unter dem Mikroskop etwas ebenfalls sehr Beunruhigendes!“, zeigte er dann auf den Bildschirm eines seiner PCs, wo kleine Pünktchen, Stäbchen und andere merkwürdig aussehende Dinge in allen Farben durcheinander wuselten. „Was ist das?“, fragt Semir verwundert und Hartmut zeigte auf ein Gläschen, das unscheinbar in einer Nierenschale lag. Semir sah es sich an, aber die Aufschrift darauf sagte ihm momentan überhaupt nichts. „Noma“, stand darauf und jetzt wartete er, was Hartmut weiter erklären würde.
    • Neu

      Nachdem das Haus der Gregors gründlich durchsucht worden war und man alle wichtig erscheinenden Unterlagen daraus entfernt hatte, waren die Wohnräume im ersten Stock versiegelt worden, aber man hatte der Bediensteten erlaubt dort zu bleiben-kein Richter würde einen Haftbefehl ausstellen, solange ihr nicht nachgewiesen werden konnte, dass sie an irgendwelchen Verbrechen beteiligt war. Allerdings hatte die Chefin sie jetzt zur Befragung ins Revier bringen lassen und fragte bei Jenny telefonisch nach, wie weit sie wären. „Frau Krüger-Semir und ich sind gerade in der KTU!“, erklärte Jenny und die Chefin ordnete an, dass sie doch in ihr Büro kommen sollten, um als Zeugen bei zu wohnen. „Wir sind gleich da-Herr Freund muss uns nur noch was erklären“, beeilte sich die junge Polizistin zu sagen und Semir, der eigentlich sofort wieder zu Ben ins Krankenhaus hatte fahren wollen, verdrehte die Augen.

      „Einstein machs kurz und für Laien-du hast ja gehört wir müssen weg!“, bat er nun den Rotschopf und der sagte ernst: „Also ich habe ein wenig im Internet recherchiert. Neben der Beschreibung der Irisheterochromie war die Nomaforschung im Dritten Reich eines der Steckenpferde Mengeles. Er hat sogar Kinder in den KZs, die durch Mangelernährung entkräftet waren, durch Injektion von Eiter anderer Betroffener bewusst infiziert und sich an den Qualen seiner Opfer geweidet. Das Ganze unter dem Deckmantel der vermeintlichen Wissenschaft. Nachdem Noma, auch genannt Wasserkrebs oder nekrotisierend-ulceröse-Stomatitis nicht unter eine WHO-Klassifizierung fällt, gibt es keine genaue Datenlage darüber. Es ist aber in Entwicklungsländern mit schlechten hygienischen Bedingungen und Mangelernährung bei Kindern, wie auch manchmal Erwachsenen, weit verbreitet. Es kommt bei der Infektion zu Entzündungen im Mund-Gesichtsbereich, die schließlich absterben und große Defekte hinterlassen. Viele Krebsarten sehen in fortgeschrittenen Stadien ähnlich aus, daher auch der Name Wasserkrebs, dabei ist das eigentlich eine Infektionskrankheit. Ohne Behandlung kommt es meist zu Fieber, Sepsis, Lungenentzündung, blutigen Durchfällen und Tod. Etwa 90% der Betroffenen sterben jämmerlich. Je nach Stadium ist die Erkrankung aber durch Antibiotika und gute Ernährung heilbar, allerdings bleiben die Opfer oft im Gesicht entstellt-hier habe ich euch ein paar Bilder dazu. Die Keime, die das Ganze verursachen sind eine Mischung aus Aerobiern und Anaerobiern-also Bakterien und Einzellern, die teils Sauerstoff zum Überleben brauchen, teils nicht. Oft findet man-wie auch hier in der Probe, die ich mir gerade unterm Mikroskop ansehe-Spirochäten, Borrelien, Pseudomonaden, Enterokokken und als Besonderheit auch Fusobakterien. Hier ist allerdings ein Bakterium dabei, das ähnelt zwar einem Fusobakterium necrophorum, hat aber dennoch einige merkwürdige Eigenschaften-ich habe sowas noch nie gesehen!“, erklärte er und Semir sah Hartmut erschrocken an. „Willst du damit sagen, dass da ein Superbakterium 70 Jahre im Reagenzglas überlebt hat?“, aber Hartmut schüttelte den Kopf. „Diese Probe hier ist bei weitem nicht so alt-solche Präparategläser wie dieses hier, das mit einer fertigen Nährlösung versehen ist, gibt es noch gar nicht so lange. Ich vermute, Mengele hat seine Forschungen in Südamerika weiter betrieben und vermutlich seine Enkelin da auch mit einbezogen, auch wenn sie keine Ärztin ist“, teilte er seine Vermutung mit und bedrückt machten sich Semir und Jenny auf den Weg ins Büro.

      Dort saß schon die ältere Frau mit den dunkelgrauen, züchtig zu einem Dutt zusammen gefassten Haaren, eingeschüchtert vor dem Schreibtisch und gab Auskunft über ihre Personalien. Frau Krüger hatte sie extra nicht in einen Verhörraum bringen lassen, die Frau war ja keine Tatverdächtige, aber vielleicht konnte sie ein wenig Licht ins Dunkel bringen.
      „Wo sind Maria und Elias-geht es ihnen gut?“, wollte sie als Erstes wissen. Sie sprach zwar langsam und bedächtig und mit portugiesischem Akzent, aber ihr Deutsch war fehlerfrei. „Frau Gregor befindet sich aktuell im Gefängniskrankenhaus und Herr Gregor wurde in eine psychiatrische Einrichtung zur Begutachtung gebracht!“, erklärte die Chefin und Semir sah sich die Frau stirnrunzelnd näher an. Hartmut hatte ihnen soeben Bilder von Patienten gezeigt, die Noma mit Entstellungen im Gesicht überlebt hatten und rund um die vernarbte Mundpartie sah es bei der Frau genauso aus. Als sie seine Blicke bemerkte, lächelte er sie an und sagte in freundlichem und mitleidvollen Ton: „Noma?“, und die Frau senkte den Kopf und nickte. „Der Dottore war zwar ein Teufel, aber mich hat er aus den Slums von Sao Paulo gerettet und geheilt und ich war dann die Kinderfrau und auch die engste Vertraute seiner Tochter Isabella-Gott hab sie selig!“, antwortete sie und die Chefin sah stirnrunzelnd von einem zum anderen.
      „Wissen sie-die beiden, Maria und Elias können nichts dazu, dass sie so sind, wie sie sind, auch sie sind nur das Ergebnis eines gezielten Zuchtprogramms mit dem der Dottore perfekte Menschen erschaffen wollte“, sagte sie leise und jetzt kam in Semir ein schrecklicher Verdacht auf. „Inzest?“, fragte er und mit Tränen in den Augen nickte Emanuela.

      Obwohl Ben ja jetzt ein anderes Antibiotikum bekommen hatte, ging es ihm fast minütlich schlechter. Er rang mühsam nach Atem, hatte überall Schmerzen und obwohl Andy ihm Wadenwickel machte und weitere Infusionslösungen anhängte, stabilisierte er sich kein bisschen. Abwechselnd warf er sich stöhnend im Bett herum und dann wieder wurde er völlig apathisch. „Wenn nicht bald eines der Medikamente greift, schwebt er in allerhöchster Lebensgefahr. Vermutlich werden wir ihn in Kürze intubieren müssen, aber dann bricht sein Kreislauf vielleicht vollständig zusammen-versuchen wir es noch ein bisschen so, denn wenn er uns dann abrauscht, wars das!“, befürchtete der Oberarzt, der durch die geöffneten Jalousien der jetzt verschlossenen Intensivbox blickte. Andy schaute, nachdem er seine Schutzkleidung wieder ausgezogen und entsorgt hatte, ebenfalls voller Sorge auf seinen Patienten. „Wenn das schief geht, möchte ich Sarah nicht unter die Augen treten, aber ich kann ihr jetzt auch schlecht Bescheid geben, dass es bei Ben so kritisch ist, sonst steht die auf der Matte, egal welche Vorschriften dagegen sprechen und zum Schluss hat sie dann die Infektion in der OP-Wunde, kriegt auch eine Sepsis und die Kinder müssen als Waisen aufwachsen!“, teilte er seiner Kollegin seine Gedankengänge mit. „Ich weiß auch nicht, was ich an deiner Stelle machen würde, aber vielleicht kommt ja sein Freund bald!“, hoffte die Pflegerin und Andy nickte gedankenverloren, während er zu seinem nächsten Patienten eilte.