Nightmare

    • Fertig gestellt

    Wir möchten euch hiermit darüber informieren, dass wir im Zuge der Vorbereitung unseres geplanten Relaunches der Internetseiten des offiziellen Fanclubs im Hintergrund der Community zahlreiche neue Funktionen ausprobieren / antesten. Es kann dadurch vorkommen, dass ihr kurzfristig Veränderungen wahrnehmen könnt, die kurz darauf wieder ausgeblendet werden.

    • Obwohl Ben noch zwei weitere kleine chirurgische Eingriffe über sich ergehen lassen musste, schritt seine Genesung mit jedem Tag voran. Die schlecht heilende Wunde am Oberschenkel schloss sich langsam. Der Tag, an dem der dunkelhaarige Polizist aus dem Krankenhaus entlassen werden sollte, rückte näher. Mittlerweile benötigte er nur noch eine Krücke, um das verletzte Bein zu entlasten und größere Strecken im Krankenhausbereich zurückzulegen. Seine gebrochenen Rippen bereiteten ihm dank der Schmerzmittel wenige Probleme. Mit jedem Tag wuchs sein Wunsch, endlich entlassen zu werden.

      Ben saß vor dem Eingangsbereich der Klinik auf einer Bank und genoss die wärmenden Strahlen der Sonne. Die Bank befand sich in einem kleinen Park, der wie eine wohltuende grüne Oase wirkte. Sein Vater hatte ihn am gestrigen Abend besucht. Mit geschlossenen Augen dachte er über die lange Aussprache nach, die er mit ihm geführt hatte. Das Gespräch zwischen Vater und Sohn war sehr eindringlich und bewegend gewesen. Auch die Worte seiner Schwester auf der Intensivstation gingen ihm wieder durch den Kopf. Ihm war gestern so richtig bewusst geworden, welche Ängste sowohl sein Vater, als auch seine Schwester um ihn ausgestanden hatten. Der Satz seines Vaters, dass es wohl nichts Schlimmeres für Eltern gibt, als das eigene Kind zu Grabe tragen zu müssen, hatte Spuren in seiner Seele hinterlassen. Während er so grübelte, döste er ein bisschen ein und träumte.

      Währenddessen….

      Anna spazierte langsam über den schmalen Gehweg in Richtung Parkplatz. Beim jedem Schritt klapperten die Absätze ihrer Ballerinas auf dem gepflasterten Weg. Ihr weißes Sommerkleid umspielte ihre Figur. Sie blickte zu Boden und war unendlich traurig, dabei hatte dieser Nachmittag für sie so vielversprechend begonnen. Dank der bestandenen Abschlussprüfung hatte sie in der Klinikverwaltung ihren neuen Arbeitsvertrag unterschrieben und den gesamten Papierkram erledigt. Am nächsten Ersten würde ein neuer Lebensabschnitt beginnen, ihre Ausbildung zur Fachärztin.
      Ihr Freund Basti hatte sich vor einigen Tagen bei ihr gemeldet und ihr mitgeteilt, dass ein Patient namens Ben Jäger nach ihr gefragt hatte. Sie schwebte auf rosaroten Wolken nach diesem Anruf. Aber ihre Prüfungen gingen vor. Auch sie wollte den jungen Mann unbedingt noch einmal treffen, Gewissheit haben, ob ihre Gefühle an jenem Abend in der Bar nur Einbildung gewesen waren. Ihr war auch bewusst, dass es in einer riesigen Enttäuschung …. in einem Fiasko … für sie enden könnte und Ben Jäger sich als ihr Patient einfach nur bei seiner Krankenschwester bedanken wollte.

      Es blieb bei einem Versuch, dem jungen Polizisten einen Krankenbesuch abstatten zu wollen. Anna war so was von enttäuscht gewesen, als sie den jungen Polizisten nicht in seinem Zimmer antraf. Die zuständige Krankenschwester teilte ihr nur mit, dass er sich bei der Stationsleitung abgemeldet hatte und auf dem Klinikgelände unterwegs sei und frühestens zum Abendessen zurückerwartet wurde. Irgendwie sollte es einfach nicht sein …. Warum nur? Sie haderte mit ihrem Schicksal.

      Die angehende Ärztin überlegte, ob sie noch einen Abstecher in die Cafeteria machen sollte, deren Sonnenterrasse lud bei dem schönen Wetter richtiggehend zum Verweilen ein. Vielleicht würde sie ihn dort antreffen? In ihre Gedankengänge hinein fixierte sich ihr Blick auf eine Parkbank rechts von ihr im kleinen Park. Der Mann, der darauf saß, schien in der angenehmen Maisonne vor sich hinzudösen. Sein Kopf ruhte auf seinem rechten Arm, den er auf der Rückenlehne der Bank abgelegt hatte. Neben ihm stand eine Krücke und ein Bein lag ausgestreckt auf der Bank. Die wuscheligen braunen Haare waren so vertraut und zogen sie magisch an. Das war er doch … ihr Traumprinz. Ihr stockte der Atem und gleichzeitig beschleunigte sich ihr Puls. Kurz entschlossen, näherte sie sich ihm und blieb an der Rückseite der Bank stehen. Sein Drei-Tage-Bart zierte mittlerweile wieder sein Gesicht, es fehlte nur noch sein strahlendes Lächeln. Sanft tippte sie ihn an der Schulter an

      „Hallo, ich bin es Anna, nicht erschrecken! … Stör ich?“, meinte sie etwas schüchtern.
      Diese dunkle Frauenstimme hätte er überall wiedererkannt. Er schlug die Augen auf und blinzelte in Annas Gesicht. Der Schatten ihres Körpers verdeckte die Sonne.
      „Sie?“ Ben lachte freudestrahlend auf, „nein, Sie würden niemals stören. Haben Sie einen Augenblick Zeit, dann setzen Sie sich doch zu mir.“
      Er nahm sein verletztes Bein von der Bank herunter und deutete einladend auf die freie Sitzfläche. Anna umrundete die Bank und ließ sich neben Ben nieder. Ihre Blicke begegneten sich und blieben eine gefühlte Ewigkeit ineinander haften. Sie bemerkte, wie ihr kleiner Schutzwall, den sie sicherheitshalber um ihre Seele herum aufgebaut hatte, zu bröckeln begann.
      „Ich war gerade in der Verwaltung und habe meinen neuen Vertrag abgeholt.“ Was rede ich denn da für einen Blödsinn, schoss es ihr durch den Kopf „Sebastian, der Krankenpfleger, meinte, Sie wollten noch mal mit mir reden.“

      Ben musterte die junge Frau einen Augenblick. Seine Blicke umschmeichelten sie. Anna trug ihre schwarz-gelockten Haare heute offen. Wie eine Mähne rahmten diese ihr bildhübsches und ebenmäßiges Gesicht ein. Wieder blieb sein Blick an ihren wundervollen rehbraunen Augen hängen. Irgendetwas faszinierte ihn daran. Es lag ein unheimlicher Zauber darin, dem er einfach nicht widerstehen konnte. Erneut erwiderte sie seinen Blick und er spürte, wie sich in seinem Bauch Schmetterlinge regten. Er räusperte sich kurz.
      „Ähm … ich hätte nur eine Frage an Sie?“, sagte er lächelnd.
      „Und die wäre?“, kam neugierig zurück.
      „Darf ich Sie zu einem Abendessen einladen, sobald ich hier raus bin?“

      Wie oft hatte sich Anna in ihren Träumen ausgemalt, wie wunderbar es sich anfühlen würde, wenn sie eine Einladung von dem jungen Polizisten für ein Rendezvous erhalten würde. Hoffnungsvoll blickte er sie an. Auf einmal war er wieder da, dieser Giftstachel aus ihrer letzten Beziehung, der sich wie ein böses Geschwür in ihr Herz reingebohrt hatte …. Auch wenn Anna sich in ihrem Herzen nichts sehnlichster gewünscht hatte, als einmal mit Ben auszugehen, schlummerten tief in ihr drinnen noch die schlimmen Erfahrungen ihrer letzten Beziehung. Ihr ehemaliger Freund Andre hatte sie tief verletzt. Meinte es der junge Polizist mit ihr ehrlich? Oder war es nur eine Einladung aus Dankbarkeit? Der Zweifel nagte in ihr und sie haderte Sekundenbruchteile mit sich selbst und ihre Ängste siegten.

      „Sorry, … ich vermische berufliches nicht mit privaten, das verstehen Sie doch oder? … Sie sind hier Patient bzw. Sie waren mein Patient und befanden sich in einer absoluten Ausnahmesituation, sie brauchten Hilfe, so was nutze ich nicht aus.“

      Sie verstummte und schalt sich im selben Augenblick, du blöde Kuh, was ist nur gerade in dich gefahren, … oh Gott was hast du nur geantwortet, … was hast du nur getan, als sie seinen enttäuschten Blick sah. Am liebsten hätte sie ihn umarmt, geküsst, seine Hände auf ihrem Körper gespürt, denn ihre Antwort stand ja im krassen Gegensatz zu dem, was sie tatsächlich für ihn empfand. … Bevor sie weiterdenken konnte, sprach er weiter.

      „Machen Sie doch bitte Mal eine Ausnahme. Bitte … Bitte ich flehe Sie an … Ich denke, ich schulde ihnen noch ein Abendessen und ein paar Konzertkarten!“ Fast schon beschwörend kamen die Worte aus seinem Mund. Er fasste zärtlich ihre Hand an. Die Berührung jagte ihr eine Gänsehaut über den Körper. Sein Blick … er drückte alles aus, was er für sie in diesem Moment empfand. „Bitte… geben Sie mir eine Chance!“
      „In jener Nacht … haben Sie gehört, was ich Ihnen alles erzählt habe? Oh, mein Gott …“
      Anna errötete leicht und blickte verlegen zu Boden. ... Ihr Herzschlag und ihre Atmung beschleunigte sich … es kribbelte in ihrem Magen … „Alles? …“
      Er nickte ihr zu und fuhr sich mit seinen gespreizten Fingern durch sein Haar.
      „Wenn es Sie beruhigt, ich kann mich zwar nicht mehr an jedes Detail erinnern … aber ja … das eine oder andere, vor allem das Abendessen und die Konzertkarten sind irgendwie bei mir hängen geblieben! Und noch etwas…!“
      „Noch etwas? …“, fragte sie verblüfft. Ihre Wangen glühten vor Verlegenheit … sie ahnte es … In jener Nacht hatte sie ihm gestanden, dass sie sich unsterblich in ihm verliebt hatte. … Verzweifelt suchte sie die Rasenfläche vor sich nach einem Mauseloch ab, in das sie sich verkriechen konnte. „Ich … ich … mache … so was normalerweise nicht …. Nur … nur …!“ Ihr Herz raste …. Ihre Knie wurden butterweich, wäre sie nicht gesessen, wäre sie vor ihm in sich zusammengefallen … Und wieder rettete er sie aus dem Dilemma, in das sie sich selbst hineingebracht hatte.
      "Bedeutet das einverstanden? … Ja? … Übrigens, ich heiße Ben!“
      „Anna!“ Unwillkürlich mussten beide auflachen.
      „Und was meinst du mit normalerweise?“, neckte er sie ein bisschen. „Wir sind uns nicht hier das erste Mal begegnet oder?“ Ben schaute sie fragend an. Zärtlich berührte er abermals ihre Hand und sie hatte Gefühl, ein Stromstoß würde durch ihren Körper hindurchrauschen. Anna nickte und wisperte: „Der Club 99? … Du erinnerst dich …. an mich?“

      Er blickte sie unverwandt an. Die Intensität seines Blickes jagte ihr die Gänsehaut über ihren Körper. „Ja, … ich habe dich nicht vergessen. Nur in jener Nacht hatten wir noch eine ungeplante Razzia und ich musste sofort nach dem Auftritt weg. Und anschließend …. Warst du nicht mehr da. All die Abende, die ich noch dort war, habe ich vergeblich nach dir gesucht. Keiner kannte dich … Das letzte Mal war ich am Abend vor der Entführung dort … und dann treffe ich dich ausgerechnet hier im Krankenhaus wieder! … Wenn das nicht Schicksal ist!“

      Innerhalb weniger Minuten waren die beiden jungen Menschen in ein anregendes Gespräch vertieft … fanden Gemeinsamkeiten … lachten miteinander … flirteten und genossen den glücklichen Moment und vergaßen die Welt und die Zeit um sich herum.
    • Nur wenige Meter entfernt, hinter einem Busch stand eine Frau mit eisgrauen Augen und beobachtete die Szene auf der Parkbank. Der Hass sprühte förmlich aus ihr heraus. Zu sich selbst sprach sie, Glück gehabt Ben Jäger! Ihr Auto und ein Rollstuhl standen nur einige Meter entfernt auf einem Behindertenparkplatz. Das Fläschchen mit Chloroform und der Wattebausch waren in ihrer Handtasche. Ausgerechnet jetzt musste sich dieses Weib neben dem Opfer ihrer Begierde setzen. Der Platz … der Zeitpunkt wären einfach ideal gewesen. Als sich die beiden jungen Menschen erhoben und zusammen in Richtung Klinikgebäude gingen, murmelte sie leise vor sich hin: „Der Genieß deine Schonfrist Jägerlein, denn schon bald gehörst du mir!“ Es klang wie ein Versprechen.
      Auf dem Weg zurück zu ihrem Auto vibrierte ihr Handy in der Hosentasche. Sie warf einen Blick auf das Display und als sie die anrufende Nummer erkannte, ging sie sofort ran.
      „Was gibt es?“, fuhr Gabriela ihren Gesprächspartner an.
      Mit jedem Satz von Christian Wenzel wurde sie einige Nuancen blasser. Nachdem das Gespräch zu Ende beendet war, kochte sie innerlich vor Wut. Ihre Pläne wurden mit einem Schlag über den Haufen geworfen.

      *****
      Völlig erschöpft und ausgepumpt lag Ben, bekleidet mit einer Jogginghose und einem T-Shirt auf seinem Bett. Der Physio-Therapeut hatte ihn heute während der Einheit wieder einmal einiges abverlangt und ihn die Grenzen seiner körperlichen Belastbarkeit aufgezeigt. Es würde noch einige Wochen dauern, bis er die Folgen seiner Verletzungen endgültig überwunden hatte. Nachdem die Wunde an seinem lädierten Oberschenkel endlich langsam heilte, bereiteten ihm seine gebrochenen Rippen die größten Einschränkungen. Zwar bekam er noch Schmerzmedikamente, doch sollte die Dosis mit Beginn der neuen Woche reduziert werden.

      Nach einigen Diskussionen zwischen Arzt und Patient, hatte der Oberarzt heute Morgen bei der Visite endlich grünes Licht gegeben. Wenn die morgige Abschlussuntersuchung seiner inneren Verletzungen zufriedenstellend ausfiel, würde er am Tag darauf aus der Uni-Klinik entlassen werden. Der Arzt hätte es am liebsten gesehen, wenn Ben direkt vom Krankenhaus in ein Reha-Zentrum gewechselt wäre, doch dies hatte der junge Polizist entschieden abgelehnt. Er wollte nur noch nach Hause, in seine eigenen vier Wände und hatte sich für eine ambulante Reha-Klinik in der nahen Eifel entschieden. Für ihn bedeutete das, er konnte abends und nachts in seinen vertrauten vier Wänden verbringen. Wenn auch widerwillig, stimmte der Oberarzt zu.

      Gelangweilt zappte Ben mit der Fernbedienung durch das nachmittägliche Fernsehprogramm. Die ausgestrahlten Unterhaltungsshows waren überhaupt nicht nach seinem Geschmack. Selbst auf MTV gab es nur einen langweiligen Beitrag. Die Eintönigkeit des Klinikalltags nervte den jungen Mann. Semir wollte nach Dienstschluss vorbeikommen, aber das würde noch mindestens drei Stunden dauern, wie ihm ein Blick zur Uhr zeigte. Draußen entlud sich eines der ersten Gewitter des Jahres und es regnete in Strömen, somit entfiel die Möglichkeit für einen kleinen Ausflug in die Parkanlage der Uni-Klinik.

      Seine Gedanken wanderten zurück zum gestrigen Nachmittag. Er dachte über den überraschenden Besuch von Anna nach. Er hatte die Hoffnung schon fast aufgegeben gehabt, dass sie sich noch einmal bei ihm melden würde. …. Und dann … Dann stand diese Traumfrau gestern einfach neben ihm. Schon die Erinnerung daran ließ sein Herz schneller schlagen und zauberte ein Lächeln in sein Gesicht. Er tastete in der Schublade seines Nachttisches nach seinem IPod und hielt stattdessen den Notizzettel mit ihrer Handynummer in der Hand. Die Verlockung war groß, sie einfach anzurufen … ihre Stimme zu hören. Doch halt! Sie hatte gestern erwähnt, dass sie heute Nachmittag ihre Eltern besuchen wollte, die in der Nähe von Trier ein Weingut bewirtschafteten. Aus ihren Äußerungen hatte er heraushören können, dass es zwischen ihrem Vater und ihr auch zu Unstimmigkeiten wegen ihrer Berufswahl gekommen war. Da war ein Anruf von ihm wohl nicht so sinnvoll. Er seufzte auf.

      Anschließend legte Ben den Zettel zurück und fischte seinen IPod heraus, wählte sein Lieblingsalbum aus, steckte sich die Ohrstöpsel rein. Er schloss einfach die Augen und fing an, vom gestrigen Nachmittag zu träumen. Stundenlang war er mit Anna auf der Terrasse der Cafeteria gesessen. Der Sonnenuntergang hatte ein unglaubliches Farbenspiel in ihr dunkles Haar gezaubert. Er hatte sich vorgestellt, wie herrlich es sein würde, ihr mit seinen gespreizten Fingern durch das seidig schimmernde Haar zu fahren. Wie unabsichtlich hatten sich ihre Hände des Öfteren berührt. Es war jedes Mal wie ein kleiner Stromschlag gewesen, der seinen Körper durchströmte und wahre Glücksgefühle hinterließ. Wie gerne hätte er sie zum Abschied in den Arm genommen, ihre Nähe gespürt … Er konnte ihre sinnlichen Lippen förmlich vor sich sehen und stellte sich vor, wie es sich anfühlen würde, sie zu küssen. Nachdem Anna am Anfang so scheu reagiert hatte, hatte er auch lieber etwas Zurückhaltung walten lassen, obwohl sein Herz eine völlig andere Sprache gesprochen hatte. Ihre Augen hatten so viel Liebe und Zuneigung für ihn zum Ausdruck gebracht, dass er sich den Abend für ein gemeinsames Essen nur noch so herbeisehnte. Komm gesteh es dir ein, redete er in Gedanken mit sich selbst, du hast dich hoffnungslos verliebt. Ben träumte weiter und ohne dass es ihm bewusst wurde, dämmerte er in einen erholsamen Schlaf hinüber.

      *****

      Beim Aufwachen registrierte er, dass er nicht mehr alleine im Zimmer war. Jemand hatte ihm die Ohrstöpsel seines IPods rausgezogen, den er noch in seinen Händen hielt. Wer war hier? … Semir? War er schon da? Hatte er so lange geschlafen? … Waren seine ersten Gedanken nach dem Erwachen. Intuitiv merkte er, da war was anderes. Gefahr! … Sein Instinkt warnte ihn … Dieser Geruch … dieses Parfum … wie ein Paukenschlag traf ihn die Erkenntnis … Gabriela Kilic. Sie war die einzige Person, die er kannte, die dieses merkwürdig riechende Parfum benutzte. Sie war im Zimmer … in seiner Nähe. Sein Pulsschlag beschleunigte sich und gleichzeitig schnürte ihn etwas die Kehle zu. Seine Atemfrequenz erhöhte sich und kalter Schweiß brach ihm aus. War es nur ein Alptraum? Einbildung?
    • Ben schlug die Augen auf, die sich vor Schrecken und Entsetzen weiteten, als er einen Augenblick später seinen Blick auf die Gestalt neben seinem Bett richtete, die im ersten Moment wie eine Ärztin aussah. Der Schock saß …. Tatsächlich! Es war die Kroatin.

      Ihre eisgrauen Augen glitzerten ihn nur so vor Hass an. Sie stand links neben seinem Bett und schien ihn schon längere Zeit beobachtet zu haben. In ihrer rechten Hand hielt sie ein Kampfmesser, dessen rasiermesserscharfe Klinge im Schein der Sonnenstrahlen, die die Regenwolken vertrieben hatten, funkelte. Die Anspannung ihres Körpers verriet es, Gabriela war bereit, auf ihn einzustechen. Im ersten Moment hätte sie Ben an ihrem Aussehen gar nicht wiedererkannt. Geschickt hatte sie ihr Äußeres verändert. Die dunklen Haare waren platinblond gefärbt und hochgesteckt und auf der Nase trug sie eine moderne Hornbrille, durch die ihre eisgrauen Augen auf ihn runter blickten. Diese hasserfüllten Augen würde er sein Leben lang nicht mehr vergessen. Um ihre Tarnung perfekt zu machen, hatte sie sich einen weißen Arztkittel angezogen und ein Stethoskop um den Hals gehängt. In einer Uni-Klinik kannte niemand alle Ärzte. Wer hätte merken sollen, dass sich hier Gabriela zu ihm reingeschlichen hatte. Sie holte aus, um ihm mit dem Messer den tödlichen Stich zu verpassen und meinte mit einer vor Hass triefenden Stimme „Schön dass du endlich wach bist, Ben Jäger! Du sollst wissen, wer dich ins Jenseits befördert!“ Sie lachte dabei heißer und überheblich auf. Sie war sich so sicher, dass ihr Opfer nicht mehr entkommen könnte. „Ich will, dass du mir in die Augen blickst, wenn du stirbst! …. Schmor in den Tiefen der Hölle!“

      Was jetzt kam, war wie eine reine Reflexhandlung von Ben. Weg! … Flucht! … Er musste fliehen … nur weg aus der Reichweite dieser tödlichen Klinge. Ohne weiter darüber nachzudenken, ließ er sich auf der rechten Seite aus seinem Bett fallen, wollte so der zustechenden Hand entkommen. Der dunkelhaarige Polizist stieß beim Sturz gegen seinen Nachttisch, der durch die Wucht des Anstoßes zu rollen anfing. Das mit Wasser gefüllte Trinkglas, das auf dem Ablagebrett stand, fiel zu Boden und zersprang in dutzende von Scherben. Gleichzeitig spürte Ben, wie unterhalb des Schulterblatts die Klinge tief in seine Haut eindrang. Ein glühender Schmerz durchzuckte ihn … es kam noch schlimmer … er schlug mit dem Rücken auf dem Boden auf. Der Aufschlag presste die Luft aus seinen Lungen heraus. Er rang nach Atem. Zuerst überfiel ihn der Schmerz nur ansatzweise, doch je mehr der erste Schock verebbte, desto heftiger wurde er. Seine kaum verheilte Wunde an der rechten Seite war wieder aufgeplatzt, seine gebrochenen Rippen rebellierten gegen diese Art der Behandlung und schienen förmlich zu explodieren. Er schrie seine Pein hinaus und war doch unfähig sich zu bewegen. Er wollte sich wegrollen … aufstehen … fliehen … sein Körper gehorchte ihm einfach nicht. Wie ein Beutetier lag er auf dem Krankenhausboden und wartete darauf von dem Raubtier gefressen zu werden.

      Gewandt wie eine Raubkatze hatte Gabriela das Bett umrundet und stand jetzt wie ein Racheengel über den am bodenliegenden Polizisten. Wilder Triumpf spiegelte sich in ihrem Gesicht wieder.

      „Das war es wohl! Ben Jäger! Jetzt habe ich dich! Nun wirst du für den Tod meines Bruders Luca bluten!“
      Voller Feindseligkeit stieß sie diese Worte hervor, fiel auf die Knie und holte zum tödlichen Stich aus. Sie genoss den Augenblick, Auge in Auge mit der Person zu sein, die sie am meisten hasste. Sie las in seinen Augen, sein Entsetzen … seine Angst … Es war ihr Triumph....Ihr Moment! … Eine Flut von Glückshormonen durchströmte ihre Adern.

      Der junge Polizist lag da, wie gelähmt und starrte Gabriela Kilic und das Kampfmesser in ihrer Hand an. Die Klinge war überzogen mit seinem Blut. Ben verabschiedete sich in diesem Moment vom Leben. Das war es wohl, dachte er bei sich, gleich gibt es die Fahrkarte in die Ewigkeit. Er schloss die Augen in der Gewissheit diese nie mehr zu öffnen und wartete auf den Augenblick, in dem die Klinge des Kampfmessers wie ein glühendes Eisen in seine Brust gestoßen wurde und er seinen letzten Atemzug machen würde.
    • Währenddessen …

      Seufzend schlug Semir den Aktendeckel zu. Das war der letzte Bericht für heute. Oh, auf diesen Teil seiner Arbeit könnte er gut verzichten. Die Kollegen der Frühschicht und er hatten während des Vormittags eine groß angelegte Verkehrskontrolle auf einer der großen Rastanlagen an der A3 durchgeführt. LKW-Ladungen mit den Verladepapieren vergleichen, Lenkzeiten der Fahrer, Mängelanzeigen, telefonieren mit dem Handy … lauter langweiliger Kram … Routine halt. Dazu kam noch der Vortrag von Herrn Schulze zu Dienstbeginn, der Vertretung von Frau Krüger, über die Tugenden eines deutschen Polizeibeamten. Wie er diesen kleinen fetten Kerl mittlerweile verabscheute. Jedes Mal wenn er vor ihm stand, hatte Semir Angst, dass seine Plauze die Hemdknöpfe wegsprengte, so spannte das Hemd über seinen Wohlstandsbauch. Der Türke zählte schon die Dienststunden, bis Frau Krüger am kommenden Montag wieder offiziell zu arbeiten anfing.

      Inoffiziell war er in den letzten Tagen mehr als einmal mit ihr unterwegs gewesen, um nach Gabriela Kilic zu suchen. Dank Susannes Fähigkeiten beim Recherchieren hatten sie tatsächlich die Wohnung in dem Gebäude in Köln Kalk ausfindig gemacht, die von der Kroatin benutzt worden war. Kim Krüger hatte ungeahnte Fähigkeiten entwickelt, als es darum ging, unerlaubt in die Wohnung einzudringen. Er schmunzelte bei diesen Gedanken.

      Die Wohnung hatte wie ein Schlachtfeld ausgesehen. Die Bewohnerin schien diese Hals über Kopf verlassen zu haben. Ihre Hinterlassenschaft lieferte letztendlich keinerlei Hinweise, wo sich die Kroatin möglicherweise aufhielt. An der Wand im Wohnzimmer klebten Zeitungsausschnitte über den Leichenfund im Fuchsbachgrund und dem Brand im dazugehörigen Waldstück. Selbst Hartmut mit seinen unvergleichlichen Fähigkeiten fand auf Anhieb nichts in dem Chaos, was wirklich weiter half, ja außer, dass die gesicherten Fingerabdrücke mit denen im schwarzen Audi übereinstimmten. Semir wollte sich vor Dienstschluss mit seiner Chefin in der KTU treffen, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Nachdenklich schaute er rüber zu Bens leerem Stuhl. Er sehnte den Tag herbei, wenn sein Partner wieder zusammen mit ihm die Autobahn unsicher machen würde. Er vermisste ihn so sehr.

      Sein Blick wanderte rüber zur Uhr. Er hatte Andrea heute Morgen versprochen, pünktlich zum Abendessen zu Hause zu sein, schon alleine Aidas wegen. Wenn er vorher noch mal bei Hartmut und bei Ben im Krankenhaus vorbeischauen wollte, sollte er langsam losfahren. Er schnappte sich seine Lederjacke, die über dem Stuhl hing und stürmte an Susannes Schreibtisch vorbei, raus Richtung Ausgang.

      „Gehst du schon Semir?“

      Er hielt kurz an, drehte sich zu der Sekretärin um.

      „Ja! Warum? …“, fragend schaute er die Blonde an, die in Richtung Büro von Herrn Schulze deutete. „Was soll ich dem Dicken erzählen, wenn er zurückkommt?“

      „Ach komm Susanne, dir wird schon eine Ausrede einfallen! Bitte! … Ich will noch mal kurz bei Ben vorbeischauen, bevor ich nach Hause gehe. Soll ich ihm was ausrichten?“

      Sie nickte ihm lächelnd zu. „Ja klar mach ich! Und richte Ben die besten Grüße aus. Er soll schauen, dass er bald wieder hier bei uns ist. Wir vermissen ihn alle!“

      Beifällig nickten Hotte, Jenny und die anderen Kollegen. Semir dachte bei sich, wem sagt ihr das, fragt mal mich. Als er mit seinem silbernen BMW den Parkplatz der PAST verließ, kam Herr Schulze in seinem dunkelblauen Mercedes angefahren. Wild gestikulierend saß er hinter dem Steuer, als die beiden Wagen sich in der Zufahrt begegneten. „… Du kannst mich auch, Du Vollpfosten!“, feixte Semir vor sich hin und steuerte seinen Wagen in Richtung KTU.

      *****

      Frau Krüger saß bereits mit Hartmut vor dessen Computerbildschirm und hörte sich interessiert von Einstein einen kleinen Vortrag an, als Semir die Halle betrat. Nach einer kurzen Begrüßung richtete er seine Aufmerksamkeit auf Kim. „Wie ist die Besprechung mit der Staatsanwältin gelaufen? Hilft sie uns?“

      Kim runzelte angespannt die Stirn und stützte sich mit ihren Händen auf Hartmuts Schreibtisch ab. „Ja und nein!“ Sie seufzte auf „Für die Durchsuchung der Wohnung bekommen wir von ihr die volle Rückendeckung … Sprich Sie Herr Gerkhan, denn ich war ja offiziell nicht dabei. … Denken Sie sich mal was Schönes aus, warum Sie die Verdächtige in das Gebäude verfolgt haben und warum Gefahr in Verzug war. Die Staatsanwältin erwartet spätestens morgen Mittag ihren Bericht. Das war die gute Nachricht, die Schlechte! …… Die verlassene Wohnung scheint auch die Schrankmann in ihrer Meinung zu bestärken, die Kilic hat das Land verlassen. Außer unser rothaariges Genie liefert noch andere Beweise!“

      Hartmut blickte etwas irritiert drein. „Na ja … also ich will mich noch nicht festlegen, da …. stehen noch ein paar Tests aus! …. Aber ich vermute, die Wohnung wurde bis vor drei oder vier Tagen noch bewohnt!“

      Die Aussage ließ den Kommissar sorgenvoll aufstöhnen. „Das heißt, sie befindet sich noch in Köln! Ben behauptete auch die ganze Zeit, dass diese Frau sich niemals einfach ins Ausland absetzen würde! …. Und jetzt Frau Krüger? …. Was machen wir jetzt?“

      Kim schloss ihre Augen und dachte nach. „Wissen Sie wann Herr Jäger aus der Uni-Klinik entlassen wird? … Ich denke, so lange er im Krankenhaus ist, ist er in Sicherheit. Aber dann?“ Sie schnaufte hörbar aus und richtete ihren Blick wieder auf Hartmut und meinte energisch fordernd „Egal wie Herr Freund, präsentieren Sie mir Beweise, die belegen, dass diese Kilic sich noch in den letzten Tagen in der Wohnung aufgehalten hat! Irgendwie! … Nur dann kann ich Polizeischutz für Ben und ihre Familie, Herr Gerkhan, bekommen … Und Sie Herr Gerkhan, befragen morgen die Nachbarn in diesem Gebäude! Nehmen Sie Herzberger und noch ein paar erfahrene Kollegen mit. Die Kilic kann doch nicht unsichtbar sein, jemand wird diese Frau dort gesehen haben!“

      Kim Krüger und Semir beratschlagten, wie sie weiter vorgehen würden. Ein Blick zur Uhr ließ den Deutsch-Türken einen leisen Fluch entfahren. „Shit! … Ich muss los! Bin schon viel zu spät dran, Ben wartet auf mich!“

      *****

      Auf der Fahrt zum Krankenhaus gingen dem Kommissar viele Gedanken durch den Kopf, über das Gespräch mit seiner Chefin und die Ermittlungen der letzten Tage. Wann immer sich die Möglichkeit ergeben hatte, war er zusammen mit Frau Krüger unterwegs gewesen und hatte versucht, eine Spur von Gabriela Kilic zu finden. Zumeist war Kim Krüger allerdings alleine unterwegs gewesen und hatte recherchiert. Ohne Erfolg!

      An der Uni-Klinik angekommen, hatte er Glück und bekam direkt im Eingangsbereich einen Parkplatz. Mit flotten Schritten ging es zum Fahrstuhl und zur Pflegestation, auf der Ben lag. Am Schwesternstützpunkt stand Bens Lieblingspfleger Sebastian.

      „Hallo Basti, wie geht es eurem Musterpatienten?“ Unwillkürlich musste Basti laut auflachen.

      „Du meinst unserem Mister Ungeduldig, der es nicht erwarten kann, hier raus zu kommen! Ich glaube, er schläft noch. Zumindest hat er vorhin geschlafen, als ich rein schaute. Wobei?“

      Der Pfleger überlegte kurz, stutze, bevor er fortfuhr „Wenn ich mich nicht getäuscht habe, ist vor einer halben Stunde eine Ärztin zu ihm reingegangen! Kein Plan, ob die schon wieder raus ist. Vielleicht wartest du, bis sie das Zimmer wieder verlassen hat. Zumindest ist sie hier noch nicht vorbeigekommen. Du weißt doch, die Herrschaften in Weiß haben es nicht so gerne, wenn man sie bei ihrer Arbeit stört.“

      „Ja, ja … ich warte vor der Tür. Keine Sorge Basti!“

      Mit diesen Worten schlenderte er den Flur entlang in Richtung zu Bens Zimmer, das am Ende des Ganges lag. Unmittelbar bevor er die Tür erreichte, hörte er von drinnen einen dumpfen Schlag und gleichzeitig das Zerbersten eines Glases. Sofort stellten sich bei ihm die Nackenhaare hoch und ein unangenehmes Gefühl beschlich ihn. Sein Instinkt ließ alle Alarmglocken auf schrillen. Als dann auch noch ein schmerzhafter Aufschrei zu hören war, gab es kein Halten mehr für den Kommissar. Er konnte förmlich körperlich spüren, dass sein Partner in Gefahr war. Die letzten Meter auf dem Krankenhausflur legte er im Vollsprint zurück. Gleichzeitig zog er seine Pistole aus dem Halfter und entsicherte diese. Mit einem Ruck stieß er die Zimmertür auf.

      Das, was er sah, lies ihn das Blut in den Adern gefrieren. „Neiiiiiiiin! Niiiiiicht!…………….Beeeeen!“ schrie er voller Entsetzen auf.
    • Der dunkelhaarige Polizist lag in einer Blutlache, die sich ständig unter ihm vergrößerte, neben seinem Bett am Boden. Er stöhnte leise vor Schmerzen vor sich hin. Den IPod hielt er noch immer krampfhaft in seiner linken Hand fest umschlossen. Steif, mit geschlossenen Augen, schien er zu keiner Bewegung mehr fähig. Über ihn kniete eine Frau, bekleidet mit einem weißen Arztkittel, die ein Kampfmesser in der rechten Hand hielt, bereit auf Ben einzustechen.
      „Fallen lassen!“, befahl Semir, als er die Situation erfasste und ihm klar, dass da bei seinem Freund keine Ärztin kniete. „Polizei! … Fallen lassen! … Sofort!“

      Die blonde Frau dachte überhaupt nicht daran, dem Befehl des Türken Folge zu leisten, drehte sich nicht um, zeigte keine Regung, sondern hielt stattdessen ihren Blick auf ihr Opfer fokussiert.

      „Fallen lassen!“ … schrie sie der Deutsch-Türke noch energischer an. Seine Stimme überschlug sich fast vor Sorge um das Leben seines Freundes. Er zögerte … überlegte … sollte er sich annähern … nicht einen Sekundenbruchteil ließ er die Frau aus den Augen.
      Diese lachte diabolisch auf. Ihr gesamtes Denken wurde nur von einem Ziel beherrscht, das sie auch aussprach: „ Umri ubojica! …. Umri ubojica! …“ ²

      Als Semir erkannte, dass sich der Körper der Frau anspannte, bereit war, den tödlichen Stich bei dem wehrlosen Opfer auszuführen, blieb ihm keine andere Wahl. Um seinen Freund zu retten, musste er handeln. Ohne zu Zögern zog er den Abzug der Waffe durch und traf die Frau an der rechten Hand, so dass ihr das Messer entglitt und zu Boden fiel.
      Ein unmenschlicher Schrei kam aus ihrer Kehle. Der Durst nach Rache beherrschte Gabriela und überlagerte alles, selbst die Schmerzen der Schussverletzung. Wie eine Furie sprang sie auf, drehte sich um und war, wie eine verletzte Löwin, bereit, sich auf ihren neuen Gegner zu stürzen und machte einige Schritte auf ihn zu.
      Augenblicklich begriff auch Semir, wer da vor ihm stand: Gabriela Kilic. Es widerstrebte ihm, auf die offensichtlich nun unbewaffnete Frau zu schießen, obwohl er deren Gefährlichkeit aus Bens Erzählungen kannte.
      „Stehenbleiben! … Bleiben Sie stehen!“
      Er versuchte mit Worten, die Situation in den Griff zu bekommen. Das war ein großer Fehler. Ihr Gesicht war zu einer Fratze verzerrt. Er konnte nicht erkennen, war es der Schmerz, die Wut oder ihr Hass, die dafür verantwortlich waren. Fast ansatzlos griff sie mit ihrer unverletzten Hand nach hinten an den Hosenbund. Als diese wieder auftauchte, hielt sie zu Semirs Verblüffung eine Pistole in der Hand. Zielen und Schießen waren bei ihr fast eine Bewegung. Das alles geschah in Sekundenbruchteilen. Das Mündungsfeuer der Waffe blitzte auf. „Ldi k vragu!“ ³ Das Überraschungsmoment lag auf ihrer Seite.

      Semir sah das Aufblitzen des Mündungsfeuers. Zu spät! … Er war den entscheidenden Moment zu langsam. Die Kugel drang unterhalb des linken Schlüsselbeins in den Körper des Türken ein. Die Wucht des Einschlags brachte ihn aus dem Gleichgewicht, so dass er gegen den Türrahmen stürzte. Gleichzeitig zog auch er den Abzug durch und erkannte, dass er die Attentäterin im rechten Oberarm traf. Der Einschlag des Treffers riss sie herum, sie taumelte … verlor das Gleichgewicht und stürzte unmittelbar vor Semir zu Boden.

      Der Kommissar kämpfte gegen die aufkommenden Schmerzen und Benommenheit an. Fast schon reflexhaft schickte er seine Gegnerin mit einem gezielten Schlag seiner Waffe in das Land der Träume. Mit einer letzten Bewegung seines Fußes schaffte er es noch, die Pistole von Gabriela in die hinterste Ecke des Raumes zu kicken.
      Rote Schleier tanzten vor seinen Augen. Seine eigene Schwäche übermannte ihn. Seine Knie wurden weich, gaben nach und er rutschte am Türrahmen entlang zu Boden. Die Waffe entfiel Semirs Hand und er presste diese auf die Verletzung und versuchte den austretenden Blutstrom einzudämmen. Der erste Schock ließ nach und seine Schulter fing an zu brennen, ein gleißender Schmerz breitete sich in seinem Körper aus. Trotz der eigenen Verwundung galt seine ganze Sorge seinem Freund, Es war nicht keine Zeit, um Schwäche zu zeigen.
      „Ben? … Ben ? Hörst du mich … Alles ok bei dir?“, presste er schmerzgeplagt hervor.
      Sein Partner lag regungslos vor seinem Bett. Unter seinem Rücken breitete sich unaufhaltsam eine riesige rote Blutlache aus. Aus seinem Mundwinkel sickerte ein Blutfaden hervor.

      Ben schlug die Augen auf und versuchte sich zu orientieren. Ungläubig hatte er die Stimme seines Partners wie aus weiter Ferne wahrgenommen. Wie ein Film rollten die nun folgenden Ereignisse vor ihm ab. Der glühende Schmerz in seinem Rücken lähmte ihn förmlich. Er bemühte sich langsam und gleichmäßig zu atmen, merkte, dass ihm das immer schwerer fiel. Der Geschmack von Blut breitete sich in seinem Mund aus.
      Völlig benommen hörte er, wie Semir ihn ansprach. Er versuchte ihm zu antworten. Doch anstelle von Worten kam nur ein schmerzhaftes Krächzen zu Stande. Das Stampfen schneller Schritte kam näher. Sebastian, der dem Zimmer am nächsten war, betrat als erster das Schlachtfeld.

      „Oh, verdammte Scheiße! …. Scheiße! … Scheiße! … Was ist denn hier passiert?“

      Mit einem Blick hatte er die Situation komplett erfasst, drehte sich um und rief in Richtung des Schwesternstützpunktes.

      „Wir brauchen hier drei Notfallteams. Schnell … beeilt euch … und ruft die Polizei …!“

      Der Türke saß recht blass am Boden und drückte mit der unverletzten Hand auf die Schusswunde. Er stöhnte vor Schmerz und hielt die Lippen zusammengekniffen. Als sich Basti ihm zu wenden wollte, winkte er ab.

      „Kümmere dich zuerst um Ben!“, keuchte er auf.

      Jetzt erkannte auch der Pfleger die riesige Blutlache, die sich unter Bens Körper ausbreitete. Er kniete sich vor dem dunkelhaarigen Polizisten nieder und untersuchte sofort die Verletzungen. Unaufhaltsam rann aus der Stichwunde am Rücken das Blut hervor. Mit seiner Hand drückte Basti auf die Wunde, in der Hoffnung so den Blutstrom einzudämmen. Mit der anderen Hand strich er über das Gesicht seines Kumpels.

      „Hey Ben, hast wohl Lust auf eine Verlängerung in unserem Firstclass Hotel?“

      Selbst in dieser Situation hatte er einen aufmunternden Spruch auf den Lippen. Bens Gesicht war vor Schmerzen verzerrt. Seine Atmung ging röchelnd und schwer. Trotzdem bemühte er sich erneut eine Antwort zu geben.

      „Nein … danke … ich … will nach Hause! …. Nach Hause!“ flüsterte er gequält hervor … das Lächeln, das ansatzweise seine Mundwinkel umspielte, ging über in ein schmerzhaftes Aufbäumen. Er spürte wie sein Bewusstsein schwand und er abdriftete ins Land der Träume. Die nächsten Worte seines Kumpels hörte er schon nicht mehr.

      „Ben! .....Hey Ben! .... Verdammt noch mal, mach keinen Scheiß! … Hey, bleib wach!“

      Sanft schlug er ihm dabei gegen die Wange. Aber es half nichts. Der junge Polizist war bewusstlos geworden. In diesem Moment traf das erste Ärzteteam mit Schwestern ein. Sofort übernahmen diese die Versorgung des dunkelhaarigen Polizisten. Auf schnellstem Wege wurde dieser in den OP gebracht.

      Innerhalb weniger Minuten wimmelte das ganze Patientenzimmer von Ärzten und Schwestern, die sich auch um die anderen beiden Verletzten kümmerten.
      Erneut begannen Stunden des Wartens und Bangens, was war mit Ben?

      ² Stirb Mörder

      ³ Scher dich zum Teufel
    • Einige Zeit vorher ….

      Bei geöffneter Seitenscheibe wartete Polizeihauptkommissar Peter Schulze in seinem Wagen auf dem Parkplatz vor der Uni-Klinik. Von seinem Standort konnte er sowohl die Zufahrt zum Parkdeck, als auch den Eingangsbereich der Uni-Klinik gut im Auge behalten. Ungeduldig trommelte er mit seinen Fingern auf das Lenkrad ein und grummelte vor laut sich hin, „Warte nur Gerkhan! … nicht mit mir! … Ich weiß genau, dass du hier noch auftauchen wirst! … Dich erwische ich! … Mich verarschst du nicht wieder!“, so dass vorbeilaufende Passanten dem Endvierziger bereits misstrauische Blicke zuwarfen. Den einen oder anderen herrschte er ungehalten an „Glotz nicht so blöde und kümmere dich um deine eigenen Sachen!“ was ihm ein Kopf schütteln der betreffenden Personen einbrachte. Der „Noch“-Chef der PAST war angepisst.

      Die vergangenen Tage und Wochen als Vertretung von Frau Krüger waren nicht so gelaufen, wie er es sich vorgestellt hatte. Er hatte die Absicht gehabt, sich zu profilieren, die Vertretung als Sprungbrett auf der Karriereleiter ein Stück nach oben zu nutzen. Doch stattdessen war alles anders gekommen. Für sein klägliches Scheitern machte er hauptsächlich Semir Gerkhan verantwortlich. Er kam mit dessen Dienstauffassung und der Art und Weise, wie der Hauptkommissar Vorschriften und Gesetze auslegte, überhaupt nicht klar. Diese hatten seiner Meinung nach buchstabengetreu ausgeführt zu werden. Herr Schulze wollte dem ungeliebten Kommissar als Abschiedsgeschenk noch ein Disziplinarverfahren anhängen. Dafür war ihm jedes Mittel recht.

      Der Kommissar hatte den kompletten Besucherparkplatz abgefahren und konnte seine Enttäuschung kaum verbergen, als er den silbernen BMW nicht entdeckt hatte. So beschloss er den Rest des Tages in Sichtweite der Eingangstür zur Uni-Klinik abzuwarten. Das war er seinem Selbstwertgefühl schuldig. Nervös strich er sich über seinen akkurat gestutzten Schnurrbart. Sollte er sich getäuscht haben? Ungefähr zwanzig Minuten vor dem offiziellen Dienstschluss auf der PAST bog der erwartete silberne BMW auf dem Parkplatz ein. Schulze duckte sich, was sich angesichts seiner Körperfülle als schwierig erwies, damit ihn Semir nicht vorzeitig erspähen konnte. Mit seinen Blicken verfolgte der Dicke, wie der Türke einparkte und kurz darauf in der Eingangstür zur Klinik verschwand. Ein triumphierendes Grinsen stand in seinem Gesicht geschrieben, als er selbst ausstieg und sein Jackett von der Rücksitzbank fischte. Selbst bei den leicht sommerlichen Temperaturen legte er Wert auf eine korrekte Kleidung. Obwohl sich Herr Schulze beeilte Semir zu folgen, war von ihm nichts mehr zu sehen, als er die Eingangshalle betrat.

      Ein wenig außer Atem geraten, erkundigte er sich bei der Dame von der Anmeldung, in welchem Stockwerk und Zimmer Ben Jäger untergebracht sei. Sein Blick schweifte umher und suchte den nächstliegenden Aufzug, den er auch ansteuerte. Seine Lunge pfiff jetzt schon aus dem letzten Loch, da stellte ein Gang über das Treppenhaus in den vierten Stock seiner Ansicht nach eine unüberwindbare Zumutung dar. Die Aufzugtür öffnete sich gerade, als aus dem Hintergrund eine befehlende Stimme erklang: „Halt! Den Aufzug benötigen wir für einen Krankentransport!“ Mit gerunzelter Stirn und leicht verärgert, drehte sich Schulze um und blickte auf zwei Rettungsassistenten, die einen Krankentransport durchführten. Er wollte dagegen aufbegehren und bekam vom Sanitäter zu hören, „Vergessen Sie es! Können Sie lesen?“ Er deutete dabei auf ein Hinweisschild, das medizinische Notfälle etc. Vorrang haben. „Sie können ja die Treppe benutzen oder am Ende des Ganges rechts hinten, befindet sich noch ein Personenaufzug!“ Der Sanitäter konnte sich dabei ein leichtes Grinsen nicht verkneifen.

      Über einige Umwege gelangte Herr Hauptkommissar Schulze zur privaten Pflegestation, auf der eine hektische Betriebsamkeit herrschte. Noch bevor er diese betreten konnte, wurde er von einem Team aus Ärzten und Schwestern zur Seite gedrängt, die auf einer Rollliege eine blonde Frau transportierten, deren rechter Arm war dick bandagiert und wie ein Großteil ihres Oberkörpers mit Blut beschmiert. Sie wurde beatmet und ein kleines Gerät zwischen ihren zugedeckten Beinen gab hektische Piepstöne von sich. Wie eine Statue stand er da und merkte, wie sein Magen sich bei dem Anblick der Verletzten umdrehte. Blut! … Er konnte doch kein Blut sehen.
      „Weg! … Gehen Sie doch endlich zur Seite! … !“ schnauzte ihn der verantwortliche Arzt an. Schulze atmete tief durch, schüttelte sich und betrat die Station. Auf dem Hauptgang wimmelte es von Krankenschwestern und Pflegern, die die aufgeregten Patienten beruhigten und zurück auf ihre Zimmer schickten. Aus den Gesprächen schnappte Schulze Wortfetzen wie …. „Schießerei … Verletzte … Überfall“ auf.

      Am Ende des Ganges kümmerte sich ein Arzt mit einem blonden Krankenpfleger um eine weitere, augenscheinlich verletzte Person. Als er sich näherte, erkannte er seinen gesuchten Hauptkommissar, der kreidebleich mit schmerz verzerrtem Gesicht auf einem Stuhl saß. Daneben stand die Tür zu einem der Krankenzimmer auf. Der helle Türrahmen war mit Blut verschmiert.

      Peter Schulze sah seine große Stunde gekommen. Endlich konnte er seinen Vorgesetzen einmal beweisen, was er wirklich drauf hatte. Energisch stapfte er auf den verletzten Türken zu, der mit geschlossenen Augen da saß, während ihm der Arzt einen Zugang legte. Um seine linke Schulter lag ein blutdurchtränkter Verband.

      „Gerkhan! … Gerkhan! Was ist hier passiert? … Und überhaupt, was suchen Sie denn hier!“, blaffte er lautstark herum.

      Der blonde Krankenpfleger drehte sich um und blitzte ihn aus seinen blauen Augen wütend an „Wer sind Sie denn überhaupt? … Was suchen Sie hier? … Und sehen Sie nicht, dass der Verletzte nicht ansprechbar ist!“

      „Ich bin der Vorgesetzte von Herrn Gerkhan und habe ein Recht auf diese Auskunft!“ dabei stützte er seine Arme in die Seite um noch imposanter zu wirken und wippte auf seinen Fußspitzen, um den Krankenpfleger einzuschüchtern. Bevor der zu einer Erwiderung ansetzen konnte, erklang aus dem Hintergrund eine energische Frauenstimme.
      „Ich glaube, da täuschen Sie sich Herr Schulze! Die Vorgesetzte von Herrn Gerkhan und Herrn Jäger bin immer noch ich!“
      Kim Krüger war von Susanne augenblicklich informiert worden, nachdem der Alarmruf wegen des Überfalls auf der PAST eingegangen war. Frau Krüger befand sich bereits auf dem Heimweg von der KTU und war sofort zur Uni-Klinik gefahren.
      „Ab jetzt übernehme ich! Dies sind meine Männer! … Verstanden!“ Sie schürzte ihre Lippen. In ihren Augen lag ein vernichtender Blick, als sie auf den Dicken zu stapfte. Vor ihm blieb sie stehen und runzelte ihre Stirn. Im besten Kommandoton blaffte sie ihn an: „Am besten ist, Sie machen sich gleich vom Acker!“
      Angesichts von so viel Frauenpower zog es Peter Schulze vor, den Rückzug anzutreten, grummelte etwas von aufgeblasener Ziege vor sich hin und suchte sich einen Beobachtungsposten im Hintergrund. Als er sich unbeobachtet fühlte, fischte er sein Handy aus der Hosentasche und begann zu telefonieren. Das sollten doch lieber mal die Vorgesetzten ausdiskutieren, wer auf der PAST das Sagen hat.

      Kim beachtete ihn nicht weiter. Ihre ganze Sorge galt ihren Männern. Sie trat neben den türkischen Kommissar und kniete sich neben dem Stuhl hin. Dabei hatte sie die Gelegenheit einen Blick in das Krankenzimmer von Ben Jäger zu werfen. Dort sah es aus wie auf einem Schlachtfeld. Zwei große klebrige Lachen aus Blut befanden sich im Zimmer, eine direkt vor Bens Bett. An der anderen Lache waren die umherliegenden Möbelstücke und die Wand dahinter voller Blutspritzer. Dazwischen lag wild verstreut das Verpackungsmaterial der medizinischen Notfallversorgung. Mit einem erfahrenen Blick erkannte Kim, dass eine dritte Blutlache an der Tür wahrscheinlich von Semir stammte.
      „Herr Gerkhan … Semir … was ist mit Ben?“ - „Ich weiß es nicht Frau Krüger! … Es sah schlimm aus!“, presste er mühsam zwischen seinen zusammengekniffenen Lippen hervor. Auf seiner Stirn hatte sich ein kleiner Schweißfilm gebildet.

      „Es war die Kilic, Frau Krüger! …. Ich habe sie angeschossen! …“ Trotz des Schmerzmittels konnte er sich ein Stöhnen nicht verkneifen. Nun meldete sich auch der behandelnde Arzt zu Wort, der bisher schweigend zugehört hatte. „Entschuldigung! … Aber der Patient muss zum CT und anschließend in den OP. Ich denke Sebastian, wird ihnen ihre Fragen beantworten können. … Schwester Melanie, kümmerst du dich um Herrn Gerkhan! Ich lasse zwischenzeitlich den dritten OP fertig machen!“

      „Nur keinen Stress Herr Doktor, wegen solch einem Mückenstich!“, murmelte Semir schmerzgeplagt vor sich hin.

      „Ich glaube, das ist weit mehr als nur ein Mückenstich, Herr Gerkhan! Aber warten wir die weiteren Untersuchungsergebnisse ab, ob sich mein Verdacht bestätigt!“, widersprach ihm Dr. Renger energisch. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, drehte sich der Arzt um, ging zum Schwesternstützpunkt und griff zum Telefonhörer.
    • Kim verfolgte, wie die Schwester zusammen mit Sebastian ihren Hauptkommissar in einen Rollstuhl setzte und anschließend aus der Station schob. Ihr Blick haftete wie magisch an dem Schauplatz des Dramas. Wie eine Statue stand sie dort, bis der Krankenpfleger zurückkam. Mit knappen Worten berichtete Basti Kim Krüger, was sich in Bens Zimmer zugetragen hatte und Semir praktisch in letzter Sekunde das Schlimmste verhindert hatte. Kim schnaufte deutlich hörbar aus.
      „Was ist mit Ben?“ - „Diese angebliche Ärztin hat ihn übel am Rücken erwischt. Er wurde als erster in den OP gebracht. Ich kann ihnen nicht sagen, wie tief die Stichverletzung war und welche inneren Organe betroffen sind!“ Der Pfleger atmete mehrmals durch. „Er hat auf jeden Fall ziemlich viel Blut verloren …“ Der Blonde kämpfte selbst darum, seine Fassung nicht zu verlieren und murmelte ein leises „Entschuldigung! …“ drehte sich um und verließ die Station.
      Er brauchte ein paar Minuten Auszeit für sich. … Eine Zigarette auf dem Dach, wo es eine Ruhezone für das Personal gab, könnte vielleicht das Zittern seiner Hände beenden. Zwischen ihm und Ben hatte sich durch den Aufenthalt des Polizisten auf der Pflegestation aus der flüchtigen Bekanntschaft eine Freundschaft entwickelt. Dementsprechend nahe ging ihm das Schicksal des jungen Mannes.

      Zwischenzeitlich waren die Kollegen der Spurensicherung, mit Hartmut an der Spitze und der PAST eingetroffen. Noch jemand kam völlig aufgelöst, den Krankenhausflur entlang gerannt: Andrea Gerkhan. Suchend blickte sich Semirs Frau um und erkannte Kim Krüger. Sie stürmte auf sie zu und zerrte an deren Jacke. Mit tränenerstickter Stimme fragte sie bei der Chefin der PAST nach.
      „Wie geht es meinen Mann? … Was ist mit Semir?“ Kim schob Andrea sanft in Richtung einer Besucherecke. Tröstend umschlang sie deren Hände und sprach in einem beruhigenden Tonfall auf sie ein: „Alles halb so schlimm! … Ich habe ein paar Worte mit ihm reden können. Er wird gerade untersucht und muss anschließend operiert werden.“
      Andrea schluchzte laut auf und schnäuzte sich in ein Taschentuch. Sie blickte auf die Tischplatte vor sich und atmete mehrmals durch, schaute wieder auf und Kim Krüger direkt ins Gesicht. „Und Ben?“
      Die Chefin bewegte den Kopf bestürzt hin und her. Sie brauchte nichts weiter zu sagen. Andrea konnte es aus ihrer Mimik ablesen, dass es um den dunkelhaarigen Polizisten nicht gut stand.

      Während Semirs Frau zum Wartebereich vor den Operationssälen eilte, kümmerte sich Kim Krüger um die Ermittlung und Spurensicherung auf der Pflegestation. Auch die Staatsanwältin Schrankmann tauchte am Ort des Geschehens auf. Zwischen den beiden Frauen entbrannte eine hitzige Diskussion über Kompetenzen und Zuständigkeiten. Wutentbrannt ätzte Kim Krüger in Richtung von Frau Schrankmann, „Und damit etwas klar ist, Frau Staatsanwältin. Kommen Sie mir nicht wieder mit der fadenscheinigen Nummer, die Dame ist wichtig für Ermittlungen des LKAs oder BKAs. Das hier war ein eindeutiger Mordversuch an Herrn Jäger. Schauen Sie sich um, hier gibt es genügend Zeugen und Beweise dafür.“ Dabei deutete Kim mit ihrer Kinnspitze in Richtung der Patienten, die neugierig auf dem Gang herumlungerten. „Und wer weiß, vielleicht, interessiert sich ja meine Freundin beim Kölner Stadtanzeiger für diese Story. Also kümmern Sie sich darum, dass diese Geschichte nicht wieder unter dem Teppich gekehrt wird und machen endlich ihren Job!“
      Die Gesichtsfarbe der Staatsanwältin wechselte bei diesen Vorwürfen von Frau Krüger auf dunkelrot. Zuerst wollte sie sich aufplustern, doch dann besann sie sich. Frau Schrankmann konnte ja die Beweggründe der PAST Chefin nachvollziehen und legte sich bei den darauf folgenden Telefonanrufen dementsprechend mächtig ins Zeug. Tatsächlich schaffte es die Staatsanwältin, dass Kim Krüger nach einigen Telefonanrufen als Siegerin hervorging. Sie war ab sofort wieder im Dienst und die Aufklärung des Mordanschlags auf Ben Jäger blieb in der Zuständigkeit der Autobahnpolizei und somit in den Händen von Kim Krüger höchst persönlich.
    • Einige Stunden später ….

      Andrea saß zusammen mit Kim Krüger im Wartebereich des OP Trakts. Krampfhaft hielt sie ihre Tasse Tee, von der sie ab und an nippte, fest und versuchte das Zittern ihrer Hände zu verbergen. Nervös richtete sich ihr Blick zur Uhr. Die Zeit kroch dahin. Seit über vier Stunden war Semir jetzt schon im OP. Als sie es vor Anspannung fast nicht mehr aushielt, öffnete sich eine der Zugangstüren und ein dunkelhaariger Arzt im besten Alter, der vom Aussehen her in jede Arztserie gepasst hätte, trat auf die Wartenden zu. „Frau Gerkhan?“

      Andrea schoss in die Höhe, dass der Plastikstuhl fast umgefallen wäre. „Ich bin Andrea Gerkhan. Haben Sie meinen Mann operiert? … Wie geht es ihm?“, überfiel sie ihn mit ihren Fragen. Der dunkelhaarige Arzt nickte zustimmend. „Ich bin Dr. Geutler, leitender Oberarzt in der Orthopädie. Ja, ich habe ihren Mann und auch die angeschossene Frau operiert. … ich glaube, ich muss mich erst einmal bei ihnen entschuldigen. Ihr Mann befindet sich seit einer Stunde im Aufwachraum und ist bereits wach und ansprechbar. Nur ich musste meinen Kollegen beim Eingriff bei der verletzten Frau assistieren.“ Er machte eine einladende Handbewegung. „Wollen wir uns nicht ein paar Minuten setzen?“ Er ließ sich müde auf einen der unbequemen Stühle nieder und streifte sich den Kopfschutz ab. Andrea nahm ihm gegenüber Platz und schaute ihn erwartungsvoll an. „Ihr Mann hat einen Durchschuss unterhalb des linken Schlüsselbeins erlitten. Die Verletzung an sich wäre nicht so schlimm gewesen, aber die Kugel hat dabei eine wichtige Sehne zerfetzt. Wir konnten das alles wieder, wie soll ich es ausdrücken … flicken …rekonstruieren … die Sehne wieder zusammennähen. Nur es wird einige Zeit dauern, bis diese Verletzung vollkommen ausgeheilt ist. Ihr Mann wird auch eine langwierige Reha vor sich haben und ein bisschen Geduld aufbringen müssen.“ Er erhob sich und legte ihr aufmunternd seine Hand auf die Schulter. Als er ihren zweifelnden Blick sah, bekräftigte er seine Aussage nochmals, „Glauben Sie mir, das wird wieder und sein Arm wird auch wieder voll funktionsfähig sein. In ein paar Minuten kommt eine Krankenschwester und bringt sie zu ihrem Mann. Wenn die nächste Stunde ohne Komplikationen verläuft, wird er anschließend auf eine normale Pflegestation verlegt.“ Andrea nickte beruhigt und versuchte ihre Tränen wegzublinzeln.

      Frau Krüger hatte das Gespräch schweigend und interessiert verfolgt. Andrea fischte ihr Handy aus der Handtasche und übermittelte die guten Nachrichten an Susanne, die auf Aida und Lilly aufpasste. Der Arzt wollte schon den Warteraum verlassen, als ihn eine Frage von Kim veranlasste, sich nochmals umzudrehen. „Wissen Sie was mit Herrn Jäger ist?“ Der Oberarzt zuckte mit den Achseln. „Tut mir leid! … Ich weiß nur, dass Professor Kraus ihn persönlich operiert! … Mehr nicht!“

      *****

      Eine knappe Viertelstunde später erschien eine Krankenschwester und holte Andrea ab und führte sie zu Semir, der in einem Einzelzimmer im Aufwachbereich lag. Ihr Mann hatte die Augen geschlossen. Seine Atemzüge waren gleichmäßig und tief und erweckten den Eindruck, dass er schlafen würde. Auf den angeschlossenen Überwachungsgeräten ließen sich sein Herzschlag und ebenfalls die Atemfrequenz ablesen. Sein Gesicht war ungewöhnlich bleich. Die linke Schulter wurde von einem Verband verdeckt, der seinen Arm fixierte und einen Teil der Brust bedeckte. Ein kleiner dünner Schlauch führte heraus und endete in einer Flasche seitlich am Bett. Zaghaft streichelte Andrea über Semirs Wangen und Stirn und hauchte einen Kuss darauf. Vorsichtig ergriff sie seine rechte Hand, nachdem sie sich auf einen Besucherstuhl gesetzt hatte. Seine Augenlider flatterten. Er schien ihre Nähe zu spüren und schlug die Augen auf. Sein Blick wirkte noch benebelt von der Narkose und den verabreichten Medikamenten. Nach kurzer Zeit fixierte er Andreas Gesicht.

      „Hallo Schatz!“ hauchte er kaum wahrnehmbar. Vor Erleichterung kullerten ihr die Tränen über die Wangen. „Scht …. nicht weinen …wird doch alles wieder …. Gut!“ Dabei wischte er mit seiner rechten Hand ihre Tränen zur Seite. Sie schniefte auf und fuhr mit tränenerstickter Stimme fort, „Warum muss mein türkischer Hengst, denn immer die Welt retten? … Ich bin tausend Tode gestorben, auf dem Weg hierher, weil ich nicht wusste, was dir passiert ist!“

      „Nicht die … Welt … nur Ben … nur Ben retten!“ wisperte er. „Wie geht es ihm?“

      „Ich weiß es nicht Schatz! … Ben wird immer noch operiert!“ gab sie als Antwort zurück. „und keiner kann mir Auskunft zu seinem Zustand geben!“

      Semir kämpfte mit sich, wollte wach bleiben, aber sein Körper spielte einfach nicht mit. „Ich … bin … so … müde! … so müde!“

      „Dann schlaf! …. Ich bleibe hier bei dir sitzen und verlasse das Krankenhaus erst, wenn ich weiß, was mit Ben ist“, redete sie beruhigend auf ihn ein und war sich gar nicht sicher, ob er die letzten Worte noch verstanden hatte, bevor seine Sinne schwanden.
    • Es fühlte sich an, als würde er schweben. Wirre Bilder tanzten vor seinem inneren Auge herum. Er war irgendwo weit weg … gefangen in einer Traumwelt … alles fühlte sich so gut an, wenn da nicht diese Wirrwarr an Geräuschen, dieses nerv-tötende Blubbern gewesen wäre. Was sollte das? Es weckte unangenehme Erinnerungen in Ben. Super! … Ganz große Klasse, dachte er bei sich. Seit wann zwickt es denn da hinten am Rücken auch noch. Er holte tief Luft … oh nee, seine Rippen rebellierten auch schon wieder dagegen. Das war doch schon alles gut gewesen. Wieso sticht das jetzt wieder, fragte er sich. Er versuchte krampfhaft, sich das ins Gedächtnis zu rufen, was geschehen war, diese wirren Puzzleteilchen, die in seinem Kopf herumschwirrten, zu einem Bild zusammenzusetzen.

      Mit einem Schlag tauchte das Gesicht von Gabriela Kilic vor ihm auf … die im Sonnenlicht … aufblitzende Klinge … das Messer, das unaufhaltsam auf ihn zukam. … Angst und Panik überfielen … ergriffen Besitz von ihm. Er wollte hoch … sich aufrichten … sich zur Wehr setzen! Sein Körper gehorchte einfach nicht den Befehlen seines Gehirns … schien wie gelähmt zu sein. Auf einmal überfiel ihn die Panik … weg er wollte weg … fliehen. Seine Hände waren gefesselt, er wollte sich losreißen … gegen seine Gegnerin ankämpfen … es machte ihn wahnsinnig vor Angst. Aber da war noch etwas anderes, was zu seinem vernebelten Gehirn durchdrang … Panisch riss er seine Augen auf und versuchte sich zu bewegen … wenigstens seine Hände. Doch es ging nicht. Seine Atmung beschleunigte sich. Sein Mund war trocken … seine Kehle war trocken. In seinem Hals steckte etwas drinnen, was ihn würgte, seine Panik noch verstärkte. Er schnappte förmlich nach Luft. Dieses Ding, von dem er nicht wusste, wie es dahin gekommen war, wollte er loswerden. Eine Vielzahl von Stimmen redeten auf ihn ein. Ben konzentrierte sich auf eine ihm vertraute Stimme. Wer redete denn da mit ihm? Eine Gestalt geriet in sein Blickfeld, nahm langsam Konturen an Und nun erkannte er den Freund seines Vaters, dessen Mundwinkel von einem leichten Lächeln umspielt wurde.

      Es war Professor Kraus, der in einem beruhigenden Tonfall auf ihn einredete und sich ein wenig über ihn beugte. „Ben? … Ben, Junge … hörst du mich?“

      Ben wollte antworten, aber es ging nicht. Wollte seine Hände bewegen, aber es ging nicht. Mit seinem Blick fixierte er den Professor und blinzelte.

      „Ich glaube, er hat sie erkannt, Herr Professor!“ Eine weitere Person erschien in seinem Blickfeld, die er ebenfalls kannte, Schwester Anja. Ein weiterer Weißkittel, dessen Namen er vergessen hatte, trat ebenfalls hinzu.

      Er befand sich auf der Intensivstation. Die Erkenntnis traf ihn wie ein Schlag.

      „Ben, wenn du uns verstehst, drücke meine Hand!“ Der Professor hatte Bens rechte Hand ergriffen und spürte den Gegendruck des Patienten. War vorher noch eine Spur von Besorgnis in seiner Mimik zu lesen gewesen, spiegelte sie nun Erleichterung wieder. Der Professor gab Ben noch einige Anweisungen, die dieser befolgte. „Sehr schön! … Sehr gut machst du das!“, sprach Dr. Kraus weiter. „Du hast uns ganz schöne Sorgen bereitet mein Junge!“

      Na toll, alle grinsten ihn an und freuten sich, dachte Ben, doch er wollte nur noch dieses komische Ding aus seinem Hals haben.

      „Schön ruhig bleiben Ben. Wir wollen den Beatmungsschlauch entfernen.“

      Ben blinzelte zustimmend. Mit viel Routine entfernte der Professor den Tubus und ermahnte sofort seinen Patienten: „Nicht reden! … Ruhig weiter atmen! … ja, sehr gut machst du das! … Konzentriere dich einfach darauf!“

      Dr. Kraus hatte die fragenden und vorwurfsvollen Blicke seines Patienten sehr wohl verstanden. „! … Ich werde später deine Fragen beantworten! … Glaube mir, es ist alles in Ordnung und du bist in Sicherheit! Ruhe dich einfach aus! Es gibt da ein paar Menschen, die sich freuen werden dich zu sehen!“

      Anschließend gab er Schwester Anja noch einige Anweisungen und verließ das Krankenzimmer und Ben driftete wieder weg und gab sich dem Erholungsschlaf hin.


      Stunden später …
      Neben der Geräuschkulisse der Intensivstation war da noch etwas anderes … Stimmen! …Stimmen, die merkwürdig vertraut klangen. … angenehm und beruhigend auf ihn wirkten, als Ben langsam wach wurde. Auf einmal war er sich sicher, dies waren doch Semir und Andrea.
      Ben startete den Versuch, sich zu bewegen, was sein Rücken, seine linke Seite und seine Rippen prompt mit einer schmerzvollen Antwort quittierten. Ok, dachte er bei sich, dann lassen wir das mal lieber. Stattdessen schaffte es der dunkelhaarige Polizist endgültig seine Augen aufzuschlagen und blinzelte ein bisschen, bis sein Blick klarer wurde. Er wendete den Kopf ein wenig zur Seite. Zu seinem Erstaunen stand neben seinem Bett ein Rollstuhl, in welchem sein Partner saß. Andrea saß neben ihrem Mann auf einem Besucherstuhl und beobachtete Semir genau, dessen linke Schulter dick bandagiert war und der linke Arm vor dem Körper fixiert. In seinem rechten Arm steckte eine Kanüle, mit der über einen Schlauch eine Infusion verabreicht wurde, die an einem mobilen Infusionsständer hängte. Semir hatte seine Hand umschlungen, jedoch den Blick seiner Frau zugewandt. Die beiden unterhielten sich leise über ihre Kinder und hatten noch nicht bemerkt, dass der Dunkelhaarige wach geworden war.

      Ben schluckte, räusperte sich und musste mehrmals ansetzen, bevor ein Laut aus seiner Kehle kam. „Hey, ihr beiden!“ krächzte er leise.
    • Leicht erschrocken blickten Andrea und Semir zu dem dunkelhaarigen Polizisten hin. Fast gleichzeitig antwortete das Ehepaar Gerkhan.

      „Hallo Ben! Du bist ja endlich wach!“

      Freudige Erleichterung spiegelte sich auf den Gesichtern der beiden wieder. Andrea stand auf, umrundete das Bett und goss aus der bereitstehenden Mineralwasserflasche etwas stilles Wasser in ein Glas und reichte es Ben. Der trank es in einem Zug leer und nickte ihr dankbar zu. Nachdem sein ausgedörrter Mund etwas befeuchtet war, fiel ihm das Sprechen sichtlich leichter.

      „Wenn ich gewusst hätte, dass ihr beide mir hier Gesellschaft leistet, hätte ich mich ein bisschen mit dem Aufwachen beeilt!“, meinte er mit einem Lächeln auf den Lippen.

      „Hör sich einer das an! Frech sein kann er auch schon wieder! Mensch Ben, du hast uns vielleicht wieder einen Schrecken eingejagt!“, entfuhr es Semir mit einer Spur gespielter Empörung. Ein bisschen verständnislos und fragend blickte der Jüngere zu seinem Partner und dessen Frau.

      „Wieso? … Was ist denn passiert? Das Letzte, woran ich mich wirklich erinnern kann, war, dass Gabriela Kilic mit einem Messer neben meinem Bett stand und auf mich einstechen wollte. Der Rest ist weg!“ Er schüttelte etwas ungläubig mit dem Kopf, „Ich wurde hier auf der Intensivstation wieder wach, doch keiner der Ärzte wollte mir so richtig erklären, was passiert war. … Außerdem …. Warum sitzt du im Rollstuhl? … Und mit wem hast du dich schon wieder angelegt?“ erkundigte er sich ein bisschen verwundert und deutete auf den Verband an Semirs Schulter. „Einmal wenn man auf dich nicht aufpasst!“

      „Das ist ein Andenken von deiner Freundin Kilic!“, erklärte der kleine Türke sarkastisch und verzog ein bisschen das Gesicht vor Schmerzen, als er sich in seinem Rollstuhl ein wenig aufrichtete, um besser zu Ben hinüberblicken zu können. Andrea war aufgestanden und rückte ihrem Mann ein Kissen hinter seinen Rücken zurecht, das gleichzeitig seine verletzte Schulter und den Arm mit entlastete. Sie hauchte ihm anschließend einen Kuss auf die Stirn. „Ihr Helden braucht mich ja die nächsten Minuten nicht! Ich gehe mal vor die Türe! Hole mir einen Kaffee und sag den Kollegen auf der Dienststelle Bescheid! Die machen sich schließlich schon alle Sorgen um Ben!“ Mit diesen Worten verließ sie das Zimmer und schloss die Tür hinter sich zu.

      „Du schuldest mir eine Erklärung Semir!“, murmelte Ben ein bisschen schmerzverzerrt. Er hatte ebenfalls versucht sich ein wenig in Richtung seines Partners zu drehen. Jedoch ließen ihn Schmerzen, die seine gebrochenen Rippen und die Rückenwunde aussandten, laut aufstöhnend in sein Kissen zurücksinken.

      „Soll ich nach der Schwester klingeln?“, kam es besorgt vom Älteren.

      „Nein! … Nein! … Lass nur geht gleich wieder! … Erzähl mir endlich, was passiert ist!“, drängte Ben, schloss die Augen und versuchte den Schmerz weg zu atmen. In diesem Augenblick wurde ihm auch bewusst, dass man ihm wieder so ein komisches Ding vor die Nase gelegt hatte, über das er zusätzlich mit Sauerstoff versorgt wurde.

      „Um es mal mit den Worten des Chefarztes auszudrücken, du musst eine ganze Heerschar von Schutzengeln beschäftigt haben. Die Klinge des Messers ist zwischen zwei Rippen von oben in deinen Brustraum eingedrungen und hat dich richtig böse erwischt. Den Rest habe ich eh nicht so kapiert, außer dass du echt so ein Schwein gehabt hast, dass deine Milz unverletzt geblieben ist. Wie meinte Dr. Kraus so schön, er musste seine ganze ärztliche Kunst anwenden und sich dabei die halbe Nacht um die Ohren schlagen, um dir das Leben zu retten!“ Semir atmete deutlich hörbar aus „Und na ja, zur Krönung des Ganzen, hast du dir durch den Sturz aus dem Bett erneut zwei Rippen angebrochen.“

      „Oh, fuck!“, gab Ben keuchend zurück und krallte seine rechte Hand in die Zudecke.

      „Dabei hast du noch ein unverschämtes Glück gehabt!“ Semir lachte auf, „Basti hat es mir so erklärt, wenn es nicht zufällig hier im Krankenhaus passiert wäre, könntest du dir wahrscheinlich die Radieschen jetzt von unten anschauen. Warte mal? … Wie hieß das eine Wort? …. Spannungspneumothorax … Deine Lunge ist kollabiert und du wärst innerhalb weniger Minuten erstickt! Dazu wurde von der Klinge irgendeine wichtige Vene oder war es Arterie?... War so ein komischer Name! …. Kein Plan, welche Ader er meinte, die verletzt wurde und auf jeden Fall warst du dabei innerlich zu verbluten.“

      Nach diesen Worten herrschten einige Augenblicke des Schweigens im Zimmer. Ben musste diese Information erst einmal verarbeiten. Seine rechte Hand ging entlang des Oberkörpers auf Wanderschaft. Er ertastete mit seinen Fingerspitzen verschiedene Elektroden, die auf seiner Brust geklebt worden waren. Aus dem Verband führte ein Plastikschlauch heraus. „Oh, fuck!“ entfuhr es Ben erneut. Ja, das würde das komische Zwicken im Rücken und der Seite erklären, sowie das Stechen beim Atmen. Der Dunkelhaarige versuchte seine Gedanken zu sortieren. „Wie lange ist das her?“

      „Der Überfall ist zwei Tage her.“, bekam er zur Antwort

      Ben überlegte. Richtig! So langsam dämmert ihm, was da an jenem Nachmittag passiert war. Da waren verschwommene Erinnerungen an Stimmen, die mit ihm gesprochen hatten. Nur wer? … Sein Freund Sebastian, ja da war er sich sicher, der hatte auf ihn eingeredet. Alles andere war irgendwie weg!
      Semir musste selbst erst mal tief Luft holen und sich sammeln, bevor er weitersprechen konnte. Bei den nächsten Sätzen legte er immer wieder eine Pause ein, weil sie ihn innerlich aufwühlten.
      „Als ich ankam, lagst du da in dieser riesigen Blutlache … es sah so furchtbar aus … ich dachte wirklich, diesmal hat dich die Kilic endgültig erwischt!“ …
      „Aber was ist dir zugestoßen?“, unterbrach ihn der junge Polizist ungeduldig.

      „Frag mich nicht! Eigene Dummheit würde ich behaupten! … Ich glaube, ich werde langsam alt. … Ich kam in letzter Sekunde ins Zimmer gestürmt und konnte der Kilic mit einem gezielten Schuss das Messer aus der Hand schießen. Und ja, ich habe die Frau unterschätzt, hätte wohl besser auf das hören sollen, was du mir über sie erzählt hast. Bevor ich mich versah, hatte die eine Waffe in der Hand und schoss zurück. Das Ergebnis kannst du ja sehen. Ihre Kugel hat ein bisschen meine Schulter durchlöchert. Alles halb so schlimm!“ wiegelte er ab und lachte dabei zuversichtlich. Ben glaubte ihm das nicht so recht. Er hatte Andreas besorgten Blick gesehen, die zwischenzeitlich mit einer Tasse Kaffee in der Hand das Zimmer betreten hatte. Als er geendet hatte, blieb für Ben noch eine Frage unbeantwortet.
      „Wo ist die Kilic? Und was ist mir ihr? Hast du sie erschossen?“
    • Semir schüttelte den Kopf. „Nein, ich habe sie angeschossen und ziemlich schwer am rechten Arm verletzt. So wie Frau Krüger heute Morgen berichtete, konnten die Ärzte ihren rechten Arm zwar retten, aber er wird wahrscheinlich steif bleiben oder zu nicht mehr viel zu gebrauchen sein. Sie liegt schwer bewacht in einem Einzelzimmer. Sobald sich ihr Zustand stabilisiert hat, wird sie in den kommenden Tagen ins Gefängnishospital nach Ossendorf verlegt. Der Haftbefehl liegt vor und der Richter hat auf Grund der Schwere des Delikts jegliche Freilassung auf Kaution abgelehnt. Bedanke dich bei Frau Krüger. Denn somit bist du vor der Kilic sicher Ben.“

      „Die Krüger? … Ich dachte, die ist noch im Zwangsurlaub“, erwiderte Ben.

      „In Zwangsurlaub!“ Semir lachte amüsiert auf und erntete einen verwirrten Blick von seinem Partner. „Kein Wort mehr gegen unserer Chefin! Du hättest sie mal erleben müssen! Die läuft momentan zur Hochform auf!“ Dieser hob verwundert die Augenbrauen und runzelte die Stirn. „Ich weiß nicht wie, aber mit Unterstützung der Staatsanwältin hat sie es geschafft, dass UNSERE Frau Krüger höchstpersönlich die Ermittlungen wegen des Mordversuchs hier im Krankenhaus leitet. Das LKA ist außen vor. Also keine krummen Touren mehr, um irgendetwas zu vertuschen.“

      Ben schloss erleichtert die Augen und lauschte weiter den Ausführungen seines älteren Partners zum Stand der Ermittlungen gegen Gabriela Kilic. Ein Klopfen an der Tür ließ Semir verstummen. Die Schiebetür wurde aufgeschoben und der Chefarzt, Dr. Kraus, betrat das Krankenzimmer, gefolgt von einer Schar junger Ärzte und Schwester Anja. Auf seinem Gesicht erschien ein erleichtertes Lächeln, als erkannte, dass Bens Zustand sich im Vergleich zum Morgen wesentlich verbessert und stabilisiert hatte.
      „Hallo mein Junge!“ begrüßte er ihn, „Du hast es mal wieder spannend gemacht! … Wie fühlst du dich?“

      Der Dunkelhaarige blickte auf zu dem Freund seines Vaters auf und meinte lakonisch, „Ehrlich? … Ich fühle mich wie eine ausgequetschte Zitrone!“
      Professor Kraus lachte auf und erwiderte: „Ich habe nur keine Ahnung, wie sich eine ausgequetschte Zitrone fühlt!“ Nun lachten auch die Studenten und jungen Ärzte mit.
      Auf Bens Wunsch hin durfte Semir im Intensivzimmer bleiben. Anja schob den Rollstuhl samt Infusionsständer ein wenig zu Seite. Aus dem Hintergrund beobachtete der ältere Kommissar wie der Professor seinen Patienten sorgfältig untersuchte. Dabei klärte er nicht nur Ben, sondern auch speziell die angehenden Ärzte über die Art und den Umfang der Verletzungen und deren Behandlung auf. Zum Abschluss nickte er zufrieden und stellte fest: „Sieht alles sehr gut aus Ben! … Hast du noch Fragen?“
      „Ja … nur eine! Wann kann ich nach Hause?“
      Der Professor schmunzelte.
      „Du änderst dich wohl nie mein Junge! Na, ein paar Tage wirst du uns schon noch Gesellschaft leisten müssen. Ich gehe davon aus, dass wir dich morgen früh auf Normalstation verlegen können. Wenn ich mich recht entsinne, ist im Zimmer von Herrn Gerkhan noch ein Plätzchen frei.“
      Semir bestätigte dies mit einem freudigen Kopfnicken. Daraufhin verabschiedete sich Dr. Kraus und verschwand mit seinem Gefolge aus dem Intensivzimmer.
      Kurze Zeit später erschien Andrea und brachte ihren Mann zurück zur Pflegestation.

      *****
      36 Stunden später …
      Endlich Ruhe … endlich schlafen, dachte sich Ben.
      Die laute Geräuschkulisse der Intensivstation war verschwunden, nur das monotone Blubbern erfüllte den Raum. Wie von Professor Kraus angekündigt, hatte man Ben auf Normalstation verlegt. Seine Sauerstoffsättigung hatte sich verbessert und auch sonst hatte sich sein körperlicher Zustand stabilisiert. So wurde er nach einer gründlichen Abschlussuntersuchung auf der Intensivstation zu seinem Leidwesen vor dem Frühstück auf Normalstation verlegt.
      Ben ließ seinen Blick im Zimmer umherschweifen. War es dieses bewusste Zimmer, wo vor wenigen Tagen der Überfall stattgefunden hatte?
      Nein … dieser Raum sah definitiv anders aus, wirkte viel größer … einfach anders. Er drehte den Kopf zur Seite. Das Bett neben ihm war leer. Semir war unterwegs zur Röntgenabteilung.
      Zumindest in den kommenden Tagen würde es ihm nicht langweilig werden. Schon in den wenigen Minuten, die die beiden Freunde zusammen im Krankenzimmer verbracht hatten, hatte Ben gemerkt, wie gut ihm die Anwesenheit von Semir tat. Auch wenn nach jedem herzhaften Lachen eine kleine Welle aus Schmerz folgte, war das Rumalbern und Rumflachsen mit seinem Kollegen Balsam für seine Seele.

      Zu Bens großer Freude erschien Basti in der Tür und servierte ihm ein verspätetes Frühstück. Die lockere Art seines Freundes brachte zusätzlich ruck zuck ein bisschen Abwechslung ins Krankenzimmer. Nachdem das Grummeln seines Magens dank der üppigen Essensportion verschwunden war, wollte Ben unbedingt noch auf die Rückkehr von Semir warten. Doch es half nichts, irgendwann übermannte Ben die Müdigkeit.
    • Am nächsten Tag … irgendwo in Köln

      Anna zog zum X-ten Mal ihr Handy aus der Handtasche und blickte auf das Display. Aber der sehnsüchtig erwartete Anruf von Ben Jäger blieb aus. Er hatte ihr doch versprochen, sich heute Morgen bei ihr melden zu wollen. Sie hatte es bereits auf der Festnetznummer bei ihm zu Hause probiert, doch da ging nur der Anrufbeantworter ran und die Telefondurchwahl im Krankenhaus war abgeschaltet. Gedankenverloren schlenderte sie über dem Parkplatz des Fitnessstudios zu ihrem schwarzen Golf und überlegte, was sie als nächstes tun sollte, als ein Stimmengewirr und Gelächter ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Dieses herzerfrischende Lachen kam ihr so vertraut vor, das war doch ihr Freund Sebastian, der zusammen mit drei Kumpels ebenfalls das Fitnessstudio aufsuchen wollte. Die Sporttasche hing lässig über seine Schulter, als er sich auf Annas Zuruf hin umdrehte und suchend umblickte, bis er Anna entdeckte. Er eilte auf sie zu und rief seinen Freunden zu „Geht schon mal vor Jungs, ich komme gleich nach!“

      „Hallo Basti, weißt du was mit Ben Jäger ist? Ist er schon entlassen worden?“, überfiel sie den Krankenpfleger mit ihren Fragen. „Nein Anna, weißt du nicht was vor einigen Tagen bei uns auf Station passiert ist?“

      Die junge Frau schüttelte den Kopf und merkte, wie sich ihr Pulsschlag beschleunigte. „Es war doch in allen Zeitungen und den Lokalnachrichten, Anna! … Große Schlagzeile: Blutiger Überfall in der Uni-Klinik!“ Die junge Frau merkte, wie ihr bei Bastis Worten das Blut aus dem Kopf schwand, ihr schwindlig wurde und sie mit ihren Händen nach Halt auf der Motorhaube eines hinter ihr stehenden PKWs suchte. Mit knappen Sätzen berichtete ihr der Krankenpfleger von dem Überfall auf Ben Jäger. Anna war kreidebleich geworden und Sebastian konnte die aufkommende Panik in ihren Augen lesen. „Hey Anna, was ist mit dir los?“ Sie konnte es nicht verhindern, Tränen schossen ihr in die Augen. „Ist er … ist er schwer verletzt Basti?“, erkundigte sie sich halb wahnsinnig vor Angst. „Oder gar …“

      Der Krankenpfleger nahm Anna in den Arm und strich ihr beruhigend über die Haare. „Er befindet sich außer Lebensgefahr. … Alles gut, um Himmels Willen, beruhige dich doch!“ „Ehrlich?“ - „Ja, würde ich dich anlügen, meine kleine Freundin?“ Er fasste sie am Kinn an und lächelte ihr aufmunternd zu. Seine blauen Augen blitzten sie verwegen an. „Er ist gestern während meines Frühdienstes bereits wieder auf die Pflegestation verlegt worden.“ Er drückte die junge Frau an seine Brust und wartete bis sich das Beben ihres Körpers beruhigt hatte. „Und geht’s wieder?“ fragte er fürsorglich nach. „Ja!“ hauchte sie.

      „Du bist in ihn verliebt?“ es war mehr eine Feststellung als eine Frage. „Und er? Erwidert er deine Gefühle?“ Sie bewegte den Kopf auf und ab und in ihren Augen spiegelten sich ihre Gefühle, die sie für Ben empfand wieder. Eigentlich hatte er die Antwort bereits gekannt, schließlich hatte er mehr als einmal Ben erlebt, als er von Anna sprach, der Ausdruck seiner Augen hatte Sebastian alles verraten. Nach all den Enttäuschungen, die seine Freundin in der Vergangenheit mit ihrem letzten Freund erlebt hatte, gönnte er ihr von Herzen eine neue Beziehung. Sie löste sich ein bisschen von dem Krankenpfleger und erzählte ihm von dem traumhaften Nachmittag, den sie zusammen mit Ben vor einigen Tagen erlebt hatte.

      „Sag mal, was stehst du dann noch hier rum Anna? … Fahr zu ihm“, meinte Sebastian lächelnd „der wartet bestimmt schon sehnsüchtig auf dich!“

      Einige Zeit später ….

      Anna saß seit einer halben Stunde neben Bens Bett und beobachtete ihn. Sie war noch schnell bei sich zu Hause vorbei gefahren, um zu duschen und sich umzuziehen. Nichts entging ihr. Ab und an stöhnte er leise vor sich hin. Zu Beginn hatte er sich unruhig hin und her gewälzt, seine Augenlider hatten geflattert und sie hegte schon die Hoffnung, dass er gleich erwachen würde. Mit einem Mal wurde ihr klar, dass er von Alpträumen geplagt wurde. Zärtlich ergriff sie seine Hand, legte sie auf die ihrige. Wie groß doch seine Finger im Vergleich zu den ihren waren? Welche wunderbaren Töne diese Fingerkuppen seiner Gitarre entlockten konnten. Liebevoll strich sie darüber, über seinen Arm … seine Wangen … seine Stirn.

      Dabei sprach sie leise auf ihn ein, welche Sorgen sie sich auf der Fahrt zum Krankenhaus um ihn gemacht hatte. Anna hatte das Gefühl der Dunkelhaarige würde sich entspannen und ruhig werden. Die junge Frau geriet ein bisschen ins Träumen, stellte sich das versprochene Abendessen mit ihm vor … er wollte ihr auf seiner Gitarre etwas vorspielen … etwas vorsingen. Ihr wurde ganz warm ums Herz und ein angenehmes Kribbeln verbreitete sich in ihrem Körper.

      Oh ja, sie hätte ihn gerne an jenem Nachmittag zum Abschied geküsst, gerne gewusst wie sich diese weichen und sinnlichen Lippen anfühlten. Anna strich zärtlich darüber. Sie hatte den gleichen Wunsch in seinen Augen lesen können. Bildete sie sich das gerade ein oder nein, in seinen Mundwinkeln zuckte es, erweckten den Eindruck, als würde er lächeln. Ohne weiteres Vorzeichen schlug er die Augen auf. Sein Blick richtete sich auf das Bett neben ihn. Er drehte den Kopf in ihre Richtung und fixierte sie. Seine Augen begannen zu strahlen und er lächelte sie an. Ihr stockte der Atem.

      ******

      Ben schlug die Augen auf. Es war so merkwürdig ruhig im Zimmer. Sein Blick fiel zur Seite, das Bett neben ihm war leer. Scheinbar hatten Andrea und Semir zusammen mit den Kindern das Zimmer verlassen, um ihn in Ruhe schlafen zu lassen. Trotzdem spürte er, dass er nicht alleine war. Er drehte den Kopf zur anderen Seite des Krankenbettes. Auf dem Besucherstuhl saß jemand, mit dessen Erscheinen er überhaupt nicht gerechnet hätte. In freudiger Erregung pulsierte sein Blut durch die Adern und ließ ihn für den Augenblick seine Schmerzen vergessen.

      „Hey, du bist da?“

      „Ja ich! Wie geht es dir? Basti hat mir erzählt was passiert ist. Ich hatte solche wahnsinnige Angst um dich. …“ Etwas verlegen verstummte sie. Zärtlich berührte sie seine Hand und sein strahlendes Lächeln vertrieben ihre Sorgen, die eben noch in ihrem Gesicht geschrieben standen. Und trotzdem bahnte sich eine Träne der Erleichterung den Weg über ihre Wange.

      „Hey du! Nicht weinen Anna! …. Ist doch alles wieder gut!“ mit dem Daumen seiner rechten Hand wischte er ihre Träne zur Seite. „Und mit ein bisschen Glück darf ich Ende nächster Woche sogar schon nach Hause! … Schau, das komische Ding vor der Nase ist genauso schon weg, der Schlauch in meiner Seite kommt vielleicht in zwei Tagen raus!“ versuchte er sie aufzumuntern. Seine Finger spielten mit ihrer Haarsträhne.

      „Anna … ich … !“ Die Art und Weise wie liebevoll er ihren Namen aussprach, sie dabei anblickte, ließ ihr Herz dahinschmelzen. Er zog sie zu sich heran auf das Bett. Sanft berührten ihre Lippen einander. Er hätte vor Freude aufjubeln können, als sie seine kleinen zärtlichen Küsse verheißungsvoll erwiderte. Als sie sich voneinander lösten, reichte ihr ein Blick in seine leuchtenden Augen. Diese drückten all die Zuneigung aus, die er für sie empfand.

      „Ich liebe dich Anna! Seit dem ersten Augenblick, als ich dich in der Bar gesehen habe … ich hätte nicht geglaubt, dass es das gibt: Liebe auf den ersten Blick!“

      „Ich liebe dich auch Ben! … Als ich dich dort auf der Bühne sah, stand die Welt still und als du mich mit deinem magischen Blick angeschaut hast, war es um mich geschehen. Ich ….!“

      Sie wollte weitersprechen, ihre Gefühle zum Ausdruck bringen. Er legte den Zeigefinger auf seinem Mund, was sie verstummen ließ. Zärtlich streichelte er über ihren Arm und ihre Lippen näherten sich einander an, bis sich erneut gefunden hatten. Raum und Zeit hatten für die beiden Verliebten in diesem Augenblick ihre Bedeutung verloren. Es fühlte sich so anders an, so als hätten sie beide die ganze Zeit darauf gewartet, einander zu finden.

      Die Zimmertür öffnete sich leise.
    • In der Annahme, dass Ben noch schlafen würde, versuchte Semir so leise wie möglich zurück in sein Bett zu gelangen. Mit der rechten Hand schob er den Infusionsständer vor sich her. Der Anblick, der sich ihm bot, ließ ihn erstarren.

      „Wow!“ entfuhr es ihm überrascht „habe ich irgendetwas verpasst?“ als er die beiden jungen Menschen in einem innigen Kuss vertieft vorfand. Anna fuhr ruckartig nach oben, als sie die Stimme hinter sich hörte. Ihre Bewegung entlockte Ben ein leises Stöhnen. Sie errötete leicht, als sie erkannte, wer da in der Tür stand. Auch Semir war die Verblüffung noch anzumerken. „Ich hätte ja so ziemlich alles erwartet, aber nicht dass du hier dein Herz an eine solch hübsche Schwester verschenkst Partner!“ war sein trockener Kommentar.

      Nachdem die Schmerzwelle in seinen Rippen abgeklungen war, räusperte sich Ben und grinste ein bisschen verlegen vor sich hin. „Darf ich vorstellen: Anna, das ist mein bester Freund und Partner: Semir!“

      Die junge Frau fand ebenfalls ihre Sprache wieder und nuschelte kaum hörbar „Danke, wir kennen uns bereits. Und …“

      Lachend fiel ihr der Deutsch-Türke ins Wort „Oh man, ihr müsstet euch mal sehen. Wie zwei Teenager, die man in flagranti erwischt hat.“ Er feixte vor sich hin und ging auf Anna zu „Ich bin Semir“, er löste seine Hand vom Ständer und reichte sie ihr. Mit einem Augenzwinkern meinte er „Wenn ich nicht so flügellahm wäre, würde ich dich einmal richtig in den Arm nehmen. …“ Sein Blick fiel auf seinen Freund. „Du weißt schon, was du dir da für einen Goldschatz geangelt hast Ben? Glaube mir, als langjähriger Ehemann kann ich so was beurteilen!“ Dabei küsste er seinen Ehering.

      Drei Monate später … Der Spätsommer neigte sich seinem Ende zu …

      Ben stand auf den unteren Treppenstufen vor dem Gerichtsgebäude und wartete darauf, dass Anna ihn abholte. Er hatte sich den Rest des Tages frei genommen. Seit drei Wochen arbeitete er wieder im Rahmen der Wiedereingliederung nach seiner langen Krankheit im Innendienst auf der PAST. Seine Kollegen hatten ihm einen richtig großen Empfang an seinem ersten Arbeitstag bereitet. Semir war mit seiner Familie anwesend gewesen, obwohl er noch nicht dienstfähig war. Die Freude der Kollegen darüber, dass er diesen Alptraum wohlbehalten überstanden hatte, war unübersehbar. In zwei Wochen würde auch Semir wieder seinen Dienst antreten können. Die Rehabilitation nach der schweren Schulterverletzung gestaltete sich weit aus langwieriger und schwieriger, als sein Freund anfangs gedacht hatte. Doch die Ärzte hatten Recht behalten und der Arm des Türken war wieder voll funktionsfähig. Momentan schwitzte Semir stundenlang in der Praxis eines angesehenen Physio-Therapeuten. Ben freute sich schon wieder darauf, mit seinem Partner die Autobahn unsicher zu machen.

      Heute war der letzte Verhandlungstag im Prozess gegen Gabriela Kilic gewesen. Vor einer knappen Stunde war das Urteil über sie gesprochen worden. Der ganze Prozess war für die deutsche Justiz erstaunlich schnell durchgezogen worden. Im Hintergrund schien jemand gewaltig Einfluss darauf genommen zu haben und dafür gesorgt zu haben, dass möglichst wenig davon in die Presse geriet. Gerade mal zehn Jahre musste die Kilic für die Entführung von Andrea, Aida und ihm einsitzen. Dazu kam noch die gefährliche Körperverletzung, während der Entführung. Unwillkürlich lachte er auf, so nannte man das im Amtsdeutsch. Für ihn war es pure Folter gewesen, mit der Absicht ihn umzubringen. Aber wie meinte die vorsitzende Richterin so schön, welche Beweise haben sie dafür Herr Jäger. Ach ja, nicht zu vergessen der Mordanschlag auf ihn im Krankenhaus. Wenn sie Glück hatte, kam sie mit guter Führung auch früher raus. Die Beteiligung an dem Einbruch in Düsseldorf konnten ihr nicht nachgewiesen werden. Genauso der Unfall auf der Autobahn, hier war sie nur Zeugin und keine Tatbeteiligte. Wie sagte die Richterin so schön, im Zweifel für die Angeklagte.

      Dr. Hans-Heinrich Hinrichsen, der Gabriela Kilic im Prozess verteidigte, war ein Rechtsanwalt, der mit allen legalen und illegalen Tricks arbeitete und durchtrieben ohne Ende. Er präsentierte eine beachtliche Anzahl von medizinischen Gutachtern, die der Richterin glaubhaft versicherten, dass die Schwere von Bens Verletzungen nicht von Gabrielas Schlägen herrührten, sondern Ursache des Sturzes im Wald waren. Dazu schaffte er es tatsächlich einen renommierten Psychologen als Gutachter zu bekommen, der ihr für den Mordanschlag auf Ben im Krankenhaus auch noch verminderte Schuldfähigkeit auf Grund des erlittenen Traumas wegen dem Tod ihres Bruders bestätigte.

      Während des ganzen Prozesses hatte Gabriela geschwiegen. Auch bei den Befragungen kam kein Wort über ihre Lippen. Lediglich ihr Anwalt Dr. Hinrichsen äußerte sich zu den Anschuldigungen und versuchte tatsächlich die Aussagen von Andrea und ihm, Ben, als unglaubwürdig darzustellen. Dieses gerissene Schwein wusste genau, Ben und Andrea würden alles tun, um eine Zeugenaussage von Aida vor Gericht zu vermeiden. Nicht auszudenken, was für Folgen diese psychische Belastung für das Mädchen gehabt hätte. Auch Ben hatte die vergangenen Nächte wieder sehr schlecht geschlafen und wurde durch seine Träume mehr als einmal schweißgebadet geweckt. Ein Glück, dass Anna es nicht mitbekommen hatte, die hätte es glatt fertig gebracht, ihn erneut zum Psychologen zu schleifen.

      Er würde es ja nie zugeben, aber die Gespräche mit Dr. Eberlein hatten maßgeblich dazu beigetragen, dass auch er über die Erlebnisse der Entführung besser hinwegkam. Ausschlaggebend waren die Sitzungen des Psychologen mit Aida gewesen, an denen er auf dessen Wunsch teilgenommen hatte. Diese hatten ihm die Augen geöffnet und ihn ermutigt, denselben Schritt zu gehen. Er schreckte aus seinen Gedanken auf, als ein Auto neben ihm am Gehsteig hielt und hupte.
    • Im ersten Moment hatte er den schwarzen Golf GTI von Anna gar nicht erkannt.

      „Hallo Schatz! Brauchst du eine Mitfahrgelegenheit?“ forderte sie ihn auf, einzusteigen. Mit einem innigen Kuss begrüßten sie einander.

      „Fahren wir gleich zu den Gerkans oder willst du vorher noch mal nach Hause?“
      In ihrer Stimme lag so ein gewisser Unterton, der eindeutig zeigte, an was sie dachte. Als sie keine Antwort bekam, blickte zu ihrem Freund hinüber. Dieser schaute sehr nachdenklich aus dem Beifahrerfenster. Sie berührte ihn zärtlich am Arm.
      „Was ist los Ben?“
      „Nichts! Was soll denn sein!“, versuchte er abzuwiegeln.
      „Schatz? … Ich sehe es dir doch an, dass dich etwas beschäftigt. Was ist es? Raus damit! Wie ist die Verhandlung gelaufen, das Urteil, nun rede schon!“ legte sie ziemlich energisch nach. Dabei hatte sie ihre Stirn gerunzelt und in ihrem Mundwinkel zeichneten sich die Grübchen ab, die er so an ihr liebte.
      Oh, den Tonfall kannte er mittlerweile von ihr und wusste, sie würde nicht eher Ruhe geben, als bis er ihr alles bis ins kleinste Detail erzählt hatte. Mit knappen Worten berichtete er von dem in seinen Augen viel zu milden Urteil und der Urteilsbegründung. Er ließ sich darüber aus, dass sich die Richterin scheinbar mehr Gedanken um die Täterin gemacht hatte, als darüber, was die Opfer erlitten hatten.
      „Das ist doch nicht alles Ben? … Da ist noch mehr! … Komm rede mit mir!“ bohrte die junge Frau weiter nach, während sie ihr Auto geschickt durch den Verkehr steuerte.

      „Ich dachte gerade an die Kilic. Du hättest sie heute sehen sollen! Den Blick, den sie mir zuwarf, als man sie aus dem Gerichtssaal abführte!“ Ein fröstelnder Schauder jagte über seinen Rücken. „Anna, die Frau ist zu allem fähig. Und sie will nur eines, sich an mir für den Tod ihres Bruders und ihres Cousins rächen!“
      Seine Stimme vibrierte als er dies sagte. Erschrocken blickte Anna zu ihm rüber. Bens Gesicht war kalkweiß und ihr war klar, ihr Freund hatte Angst vor dieser Frau.
      „Ben!... Sie sitzt doch jetzt erst mal sicher hinter Schloss und Riegel. Und wer weiß, bis sie entlassen wird, vergeht noch so viel Zeit. Vielleicht kann man ihr noch das eine oder andere Verbrechen nachweisen. Du hast doch selbst gesagt, dass die gute Frau kein unbeschriebenes Blatt ist oder? Und jetzt lass uns von was anderem reden! Hast du über meine Frage nachgedacht?“

      „Ähm welche?“

      „Naja, fahren wir gleich zu Andrea und Semir oder machen wir noch einen kleinen Umweg?“

      Ein schelmisches Lächeln huschte über sein Gesicht und beantwortete die Frage auch ohne Worte. Es wurde ein Nachmittag voller Leidenschaft und Hingabe.

      Mit einiger Verspätung kamen die beiden Verliebten am Haus der Gerkans an. Noch bevor sie klingeln konnten, öffnete sich die Haustüre und die beiden Mädels kamen herausgestürmt.

      „Wo bleibt ihr denn? Mama ist schon sauer!“ kam es vorwurfsvoll aus Aidas Mund. Ihre kleine Schwester legte gleich mal nach. „Ja, Mama sein stinkig!“

      Hinter den Mädels tauchten Semir und Andrea auf, die die beiden auch aufs herzlichste begrüßten. Bevor Ben sich versah, hatten Aida und Lilly seine Freundin in Beschlag genommen und ins Kinderzimmer entführt. Kurz darauf erklang fröhliches Lachen, als Anna mit den beiden dort oben spielte.

      Die beiden Mädels hatten Anna genauso schnell in Herz geschlossen, wie umgekehrt. Der junge Polizist war sehr glücklich darüber.
      Es wurde für alle Beteiligten ein fröhlicher und ausgelassener Abend. Erst spät nachts machten sich die beiden jungen Leute auf den Weg nach Hause.
    • Am nächsten Morgen …

      Als Ben erwachte, stellte er fest, dass er die vergangene Nacht wieder einmal tief und fest geschlafen hatte. Anna lag neben ihm, ihr nackter Körper wurde von einem dünnen Laken bedeckt. Ihre schwarzen Haare lagen wirr auf dem Kopfkissen verteilt und bildeten einen Farbkontrast zur apricot-farben Bettwäsche. Ihre Atemzüge waren ruhig und gleichmäßig. Zärtlich hauchte der dunkelhaarige Polizist einen Kuss auf ihre Schulter, bevor er sich vorsichtig, um sie nicht zu wecken, aus dem Bett schob.

      Es war eine der letzten warmen Spätsommertage und Annas Dachwohnung hatte sich entsprechend tagsüber aufgeheizt. Die Tür zur kleinen Dachterrasse war weit geöffnet und erlaubte einen Blick über die noch schlafende Stadt. Am Horizont kündigte ein schmaler Lichtstreif den beginnenden Morgen an. Plötzlich merkte Ben, wie sich zwei warme Hände um seinen Oberkörper schlangen und ein warmer Körper sich an ihn heranschmiegte.

      „Eh, was machst du hier Schatz?“ wisperte sie leise in sein Ohr und spielte mit der Zungenspitze an seinem Ohrläppchen, was ihn aufstöhnen ließ.

      „Nichts, ich träume gerade ein bisschen.“ Ben drehte sich zu seiner Freundin um, nahm sie in den Arm und küsste sie zärtlich auf die Lippen. Seine weichen Hände streichelten ihren Körper. Sie fing wohlig an zu schnurren und erwiderte hingebungsvoll seine Küsse.

      „Ich liebe dich Anna. Ich kann mir ein Leben ohne dich gar nicht mehr vorstellen.“ Der Rest seiner Worte ging unter ….

      „Ich liebe dich auch mein Schatz. Du trägst mein Herz in deiner Hand … Komm mit ins Bett!“
      Dabei zog sie ihn sanft am Arm in Richtung Bett.

      *****

      JVA Ossendorf … Tage später

      Die Morgensonne fiel durch die Gitterstäbe ihres kleinen Fensters in die Zelle. Wie in den vergangenen Tagen stand Gabriela am Fenster und betrachtete den Innenhof des Gefängnisses, in dem zahlreiche Gefangene Hofgang hatten. Ihre Einzelzelle befand sich in dem Trakt, wo die Frauen untergebracht waren. Da es etliche Gefangene im Gefängnis gab, die ihren Zwangsaufenthalt der Kroatin zu verdanken hatten, hatte es ihr Anwalt zu ihrem Schutz durchgesetzt, dass sie von dem Rest der Inhaftierten abgeschottet wurde.
      Sie hielt sich ihren schmerzenden rechten Arm. Die Kugel des Polizisten hatte nicht nur ihren Knochen zerschmettert sondern auch die darum liegenden Muskeln, Nerven und Sehnen zerfetzt. Ob sie den Arm jemals wieder gebrauchen konnte war fraglich? In ihrem Gesicht war keine menschliche Regung mehr zu sehen. In ihrer Seele hatten sich nebst den Schmerzen nur noch eines eingebrannt Hass und Zorn. Ihr Hass richtete sich gegen eine Person, die ihr alles genommen hatte, was ihr im Leben von Bedeutung war: Ihren Bruder, ihren Cousin und ihre Freiheit: Ben Jäger. Sie würde erst wieder Ruhe finden, wenn dieser Mann nicht mehr lebte. Irgendwann würde sie diese Mauern wieder verlassen und dann, ja dann würde sie ihn leiden lassen, wie noch keinen anderen Menschen vorher. Ihr ganzes Denken wurde nur noch zwei Gedanken beherrscht: Flucht und Rache. Ihre Rachsucht kannte keine Grenzen. Bei der Vorstellung, wie Ben Jäger durch ihre Hand sterben würde, fing sie an, wie irre zu lachen, steigerte sich hinein, bis ihr Gesicht der Fratze eines Dämons glich.


      *Ende*