Nightmare

    • in Erarbeitung

    Wir möchten euch hiermit darüber informieren, dass wir im Zuge der Vorbereitung unseres geplanten Relaunches der Internetseiten des offiziellen Fanclubs im Hintergrund der Community zahlreiche neue Funktionen ausprobieren / antesten. Es kann dadurch vorkommen, dass ihr kurzfristig Veränderungen wahrnehmen könnt, die kurz darauf wieder ausgeblendet werden.

    • Obwohl Ben noch zwei weitere kleine chirurgische Eingriffe über sich ergehen lassen musste, schritt seine Genesung mit jedem Tag voran. Die schlecht heilende Wunde am Oberschenkel schloss sich langsam. Der Tag, an dem der dunkelhaarige Polizist aus dem Krankenhaus entlassen werden sollte, rückte näher. Mittlerweile benötigte er nur noch eine Krücke, um das verletzte Bein zu entlasten und größere Strecken im Krankenhausbereich zurückzulegen. Seine gebrochenen Rippen bereiteten ihm dank der Schmerzmittel wenige Probleme. Mit jedem Tag wuchs sein Wunsch, endlich entlassen zu werden.

      Ben saß vor dem Eingangsbereich der Klinik auf einer Bank und genoss die wärmenden Strahlen der Sonne. Die Bank befand sich in einem kleinen Park, der wie eine wohltuende grüne Oase wirkte. Sein Vater hatte ihn am gestrigen Abend besucht. Mit geschlossenen Augen dachte er über die lange Aussprache nach, die er mit ihm geführt hatte. Das Gespräch zwischen Vater und Sohn war sehr eindringlich und bewegend gewesen. Auch die Worte seiner Schwester auf der Intensivstation gingen ihm wieder durch den Kopf. Ihm war gestern so richtig bewusst geworden, welche Ängste sowohl sein Vater, als auch seine Schwester um ihn ausgestanden hatten. Der Satz seines Vaters, dass es wohl nichts Schlimmeres für Eltern gibt, als das eigene Kind zu Grabe tragen zu müssen, hatte Spuren in seiner Seele hinterlassen. Während er so grübelte, döste er ein bisschen ein und träumte.

      Währenddessen….

      Anna spazierte langsam über den schmalen Gehweg in Richtung Parkplatz. Beim jedem Schritt klapperten die Absätze ihrer Ballerinas auf dem gepflasterten Weg. Ihr weißes Sommerkleid umspielte ihre Figur. Sie blickte zu Boden und war unendlich traurig, dabei hatte dieser Nachmittag für sie so vielversprechend begonnen. Dank der bestandenen Abschlussprüfung hatte sie in der Klinikverwaltung ihren neuen Arbeitsvertrag unterschrieben und den gesamten Papierkram erledigt. Am nächsten Ersten würde ein neuer Lebensabschnitt beginnen, ihre Ausbildung zur Fachärztin.
      Ihr Freund Basti hatte sich vor einigen Tagen bei ihr gemeldet und ihr mitgeteilt, dass ein Patient namens Ben Jäger nach ihr gefragt hatte. Sie schwebte auf rosaroten Wolken nach diesem Anruf. Aber ihre Prüfungen gingen vor. Auch sie wollte den jungen Mann unbedingt noch einmal treffen, Gewissheit haben, ob ihre Gefühle an jenem Abend in der Bar nur Einbildung gewesen waren. Ihr war auch bewusst, dass es in einer riesigen Enttäuschung …. in einem Fiasko … für sie enden könnte und Ben Jäger sich als ihr Patient einfach nur bei seiner Krankenschwester bedanken wollte.

      Es blieb bei einem Versuch, dem jungen Polizisten einen Krankenbesuch abstatten zu wollen. Anna war so was von enttäuscht gewesen, als sie den jungen Polizisten nicht in seinem Zimmer antraf. Die zuständige Krankenschwester teilte ihr nur mit, dass er sich bei der Stationsleitung abgemeldet hatte und auf dem Klinikgelände unterwegs sei und frühestens zum Abendessen zurückerwartet wurde. Irgendwie sollte es einfach nicht sein …. Warum nur? Sie haderte mit ihrem Schicksal.

      Die angehende Ärztin überlegte, ob sie noch einen Abstecher in die Cafeteria machen sollte, deren Sonnenterrasse lud bei dem schönen Wetter richtiggehend zum Verweilen ein. Vielleicht würde sie ihn dort antreffen? In ihre Gedankengänge hinein fixierte sich ihr Blick auf eine Parkbank rechts von ihr im kleinen Park. Der Mann, der darauf saß, schien in der angenehmen Maisonne vor sich hinzudösen. Sein Kopf ruhte auf seinem rechten Arm, den er auf der Rückenlehne der Bank abgelegt hatte. Neben ihm stand eine Krücke und ein Bein lag ausgestreckt auf der Bank. Die wuscheligen braunen Haare waren so vertraut und zogen sie magisch an. Das war er doch … ihr Traumprinz. Ihr stockte der Atem und gleichzeitig beschleunigte sich ihr Puls. Kurz entschlossen, näherte sie sich ihm und blieb an der Rückseite der Bank stehen. Sein Drei-Tage-Bart zierte mittlerweile wieder sein Gesicht, es fehlte nur noch sein strahlendes Lächeln. Sanft tippte sie ihn an der Schulter an

      „Hallo, ich bin es Anna, nicht erschrecken! … Stör ich?“, meinte sie etwas schüchtern.
      Diese dunkle Frauenstimme hätte er überall wiedererkannt. Er schlug die Augen auf und blinzelte in Annas Gesicht. Der Schatten ihres Körpers verdeckte die Sonne.
      „Sie?“ Ben lachte freudestrahlend auf, „nein, Sie würden niemals stören. Haben Sie einen Augenblick Zeit, dann setzen Sie sich doch zu mir.“
      Er nahm sein verletztes Bein von der Bank herunter und deutete einladend auf die freie Sitzfläche. Anna umrundete die Bank und ließ sich neben Ben nieder. Ihre Blicke begegneten sich und blieben eine gefühlte Ewigkeit ineinander haften. Sie bemerkte, wie ihr kleiner Schutzwall, den sie sicherheitshalber um ihre Seele herum aufgebaut hatte, zu bröckeln begann.
      „Ich war gerade in der Verwaltung und habe meinen neuen Vertrag abgeholt.“ Was rede ich denn da für einen Blödsinn, schoss es ihr durch den Kopf „Sebastian, der Krankenpfleger, meinte, Sie wollten noch mal mit mir reden.“

      Ben musterte die junge Frau einen Augenblick. Seine Blicke umschmeichelten sie. Anna trug ihre schwarz-gelockten Haare heute offen. Wie eine Mähne rahmten diese ihr bildhübsches und ebenmäßiges Gesicht ein. Wieder blieb sein Blick an ihren wundervollen rehbraunen Augen hängen. Irgendetwas faszinierte ihn daran. Es lag ein unheimlicher Zauber darin, dem er einfach nicht widerstehen konnte. Erneut erwiderte sie seinen Blick und er spürte, wie sich in seinem Bauch Schmetterlinge regten. Er räusperte sich kurz.
      „Ähm … ich hätte nur eine Frage an Sie?“, sagte er lächelnd.
      „Und die wäre?“, kam neugierig zurück.
      „Darf ich Sie zu einem Abendessen einladen, sobald ich hier raus bin?“

      Wie oft hatte sich Anna in ihren Träumen ausgemalt, wie wunderbar es sich anfühlen würde, wenn sie eine Einladung von dem jungen Polizisten für ein Rendezvous erhalten würde. Hoffnungsvoll blickte er sie an. Auf einmal war er wieder da, dieser Giftstachel aus ihrer letzten Beziehung, der sich wie ein böses Geschwür in ihr Herz reingebohrt hatte …. Auch wenn Anna sich in ihrem Herzen nichts sehnlichster gewünscht hatte, als einmal mit Ben auszugehen, schlummerten tief in ihr drinnen noch die schlimmen Erfahrungen ihrer letzten Beziehung. Ihr ehemaliger Freund Andre hatte sie tief verletzt. Meinte es der junge Polizist mit ihr ehrlich? Oder war es nur eine Einladung aus Dankbarkeit? Der Zweifel nagte in ihr und sie haderte Sekundenbruchteile mit sich selbst und ihre Ängste siegten.

      „Sorry, … ich vermische berufliches nicht mit privaten, das verstehen Sie doch oder? … Sie sind hier Patient bzw. Sie waren mein Patient und befanden sich in einer absoluten Ausnahmesituation, sie brauchten Hilfe, so was nutze ich nicht aus.“

      Sie verstummte und schalt sich im selben Augenblick, du blöde Kuh, was ist nur gerade in dich gefahren, … oh Gott was hast du nur geantwortet, … was hast du nur getan, als sie seinen enttäuschten Blick sah. Am liebsten hätte sie ihn umarmt, geküsst, seine Hände auf ihrem Körper gespürt, denn ihre Antwort stand ja im krassen Gegensatz zu dem, was sie tatsächlich für ihn empfand. … Bevor sie weiterdenken konnte, sprach er weiter.

      „Machen Sie doch bitte Mal eine Ausnahme. Bitte … Bitte ich flehe Sie an … Ich denke, ich schulde ihnen noch ein Abendessen und ein paar Konzertkarten!“ Fast schon beschwörend kamen die Worte aus seinem Mund. Er fasste zärtlich ihre Hand an. Die Berührung jagte ihr eine Gänsehaut über den Körper. Sein Blick … er drückte alles aus, was er für sie in diesem Moment empfand. „Bitte… geben Sie mir eine Chance!“
      „In jener Nacht … haben Sie gehört, was ich Ihnen alles erzählt habe? Oh, mein Gott …“
      Anna errötete leicht und blickte verlegen zu Boden. ... Ihr Herzschlag und ihre Atmung beschleunigte sich … es kribbelte in ihrem Magen … „Alles? …“
      Er nickte ihr zu und fuhr sich mit seinen gespreizten Fingern durch sein Haar.
      „Wenn es Sie beruhigt, ich kann mich zwar nicht mehr an jedes Detail erinnern … aber ja … das eine oder andere, vor allem das Abendessen und die Konzertkarten sind irgendwie bei mir hängen geblieben! Und noch etwas…!“
      „Noch etwas? …“, fragte sie verblüfft. Ihre Wangen glühten vor Verlegenheit … sie ahnte es … In jener Nacht hatte sie ihm gestanden, dass sie sich unsterblich in ihm verliebt hatte. … Verzweifelt suchte sie die Rasenfläche vor sich nach einem Mauseloch ab, in das sie sich verkriechen konnte. „Ich … ich … mache … so was normalerweise nicht …. Nur … nur …!“ Ihr Herz raste …. Ihre Knie wurden butterweich, wäre sie nicht gesessen, wäre sie vor ihm in sich zusammengefallen … Und wieder rettete er sie aus dem Dilemma, in das sie sich selbst hineingebracht hatte.
      "Bedeutet das einverstanden? … Ja? … Übrigens, ich heiße Ben!“
      „Anna!“ Unwillkürlich mussten beide auflachen.
      „Und was meinst du mit normalerweise?“, neckte er sie ein bisschen. „Wir sind uns nicht hier das erste Mal begegnet oder?“ Ben schaute sie fragend an. Zärtlich berührte er abermals ihre Hand und sie hatte Gefühl, ein Stromstoß würde durch ihren Körper hindurchrauschen. Anna nickte und wisperte: „Der Club 99? … Du erinnerst dich …. an mich?“

      Er blickte sie unverwandt an. Die Intensität seines Blickes jagte ihr die Gänsehaut über ihren Körper. „Ja, … ich habe dich nicht vergessen. Nur in jener Nacht hatten wir noch eine ungeplante Razzia und ich musste sofort nach dem Auftritt weg. Und anschließend …. Warst du nicht mehr da. All die Abende, die ich noch dort war, habe ich vergeblich nach dir gesucht. Keiner kannte dich … Das letzte Mal war ich am Abend vor der Entführung dort … und dann treffe ich dich ausgerechnet hier im Krankenhaus wieder! … Wenn das nicht Schicksal ist!“

      Innerhalb weniger Minuten waren die beiden jungen Menschen in ein anregendes Gespräch vertieft … fanden Gemeinsamkeiten … lachten miteinander … flirteten und genossen den glücklichen Moment und vergaßen die Welt und die Zeit um sich herum.
    • Nur wenige Meter entfernt, hinter einem Busch stand eine Frau mit eisgrauen Augen und beobachtete die Szene auf der Parkbank. Der Hass sprühte förmlich aus ihr heraus. Zu sich selbst sprach sie, Glück gehabt Ben Jäger! Ihr Auto und ein Rollstuhl standen nur einige Meter entfernt auf einem Behindertenparkplatz. Das Fläschchen mit Chloroform und der Wattebausch waren in ihrer Handtasche. Ausgerechnet jetzt musste sich dieses Weib neben dem Opfer ihrer Begierde setzen. Der Platz … der Zeitpunkt wären einfach ideal gewesen. Als sich die beiden jungen Menschen erhoben und zusammen in Richtung Klinikgebäude gingen, murmelte sie leise vor sich hin: „Der Genieß deine Schonfrist Jägerlein, denn schon bald gehörst du mir!“ Es klang wie ein Versprechen.
      Auf dem Weg zurück zu ihrem Auto vibrierte ihr Handy in der Hosentasche. Sie warf einen Blick auf das Display und als sie die anrufende Nummer erkannte, ging sie sofort ran.
      „Was gibt es?“, fuhr Gabriela ihren Gesprächspartner an.
      Mit jedem Satz von Christian Wenzel wurde sie einige Nuancen blasser. Nachdem das Gespräch zu Ende beendet war, kochte sie innerlich vor Wut. Ihre Pläne wurden mit einem Schlag über den Haufen geworfen.

      *****
      Völlig erschöpft und ausgepumpt lag Ben, bekleidet mit einer Jogginghose und einem T-Shirt auf seinem Bett. Der Physio-Therapeut hatte ihn heute während der Einheit wieder einmal einiges abverlangt und ihn die Grenzen seiner körperlichen Belastbarkeit aufgezeigt. Es würde noch einige Wochen dauern, bis er die Folgen seiner Verletzungen endgültig überwunden hatte. Nachdem die Wunde an seinem lädierten Oberschenkel endlich langsam heilte, bereiteten ihm seine gebrochenen Rippen die größten Einschränkungen. Zwar bekam er noch Schmerzmedikamente, doch sollte die Dosis mit Beginn der neuen Woche reduziert werden.

      Nach einigen Diskussionen zwischen Arzt und Patient, hatte der Oberarzt heute Morgen bei der Visite endlich grünes Licht gegeben. Wenn die morgige Abschlussuntersuchung seiner inneren Verletzungen zufriedenstellend ausfiel, würde er am Tag darauf aus der Uni-Klinik entlassen werden. Der Arzt hätte es am liebsten gesehen, wenn Ben direkt vom Krankenhaus in ein Reha-Zentrum gewechselt wäre, doch dies hatte der junge Polizist entschieden abgelehnt. Er wollte nur noch nach Hause, in seine eigenen vier Wände und hatte sich für eine ambulante Reha-Klinik in der nahen Eifel entschieden. Für ihn bedeutete das, er konnte abends und nachts in seinen vertrauten vier Wänden verbringen. Wenn auch widerwillig, stimmte der Oberarzt zu.

      Gelangweilt zappte Ben mit der Fernbedienung durch das nachmittägliche Fernsehprogramm. Die ausgestrahlten Unterhaltungsshows waren überhaupt nicht nach seinem Geschmack. Selbst auf MTV gab es nur einen langweiligen Beitrag. Die Eintönigkeit des Klinikalltags nervte den jungen Mann. Semir wollte nach Dienstschluss vorbeikommen, aber das würde noch mindestens drei Stunden dauern, wie ihm ein Blick zur Uhr zeigte. Draußen entlud sich eines der ersten Gewitter des Jahres und es regnete in Strömen, somit entfiel die Möglichkeit für einen kleinen Ausflug in die Parkanlage der Uni-Klinik.

      Seine Gedanken wanderten zurück zum gestrigen Nachmittag. Er dachte über den überraschenden Besuch von Anna nach. Er hatte die Hoffnung schon fast aufgegeben gehabt, dass sie sich noch einmal bei ihm melden würde. …. Und dann … Dann stand diese Traumfrau gestern einfach neben ihm. Schon die Erinnerung daran ließ sein Herz schneller schlagen und zauberte ein Lächeln in sein Gesicht. Er tastete in der Schublade seines Nachttisches nach seinem IPod und hielt stattdessen den Notizzettel mit ihrer Handynummer in der Hand. Die Verlockung war groß, sie einfach anzurufen … ihre Stimme zu hören. Doch halt! Sie hatte gestern erwähnt, dass sie heute Nachmittag ihre Eltern besuchen wollte, die in der Nähe von Trier ein Weingut bewirtschafteten. Aus ihren Äußerungen hatte er heraushören können, dass es zwischen ihrem Vater und ihr auch zu Unstimmigkeiten wegen ihrer Berufswahl gekommen war. Da war ein Anruf von ihm wohl nicht so sinnvoll. Er seufzte auf.

      Anschließend legte Ben den Zettel zurück und fischte seinen IPod heraus, wählte sein Lieblingsalbum aus, steckte sich die Ohrstöpsel rein. Er schloss einfach die Augen und fing an, vom gestrigen Nachmittag zu träumen. Stundenlang war er mit Anna auf der Terrasse der Cafeteria gesessen. Der Sonnenuntergang hatte ein unglaubliches Farbenspiel in ihr dunkles Haar gezaubert. Er hatte sich vorgestellt, wie herrlich es sein würde, ihr mit seinen gespreizten Fingern durch das seidig schimmernde Haar zu fahren. Wie unabsichtlich hatten sich ihre Hände des Öfteren berührt. Es war jedes Mal wie ein kleiner Stromschlag gewesen, der seinen Körper durchströmte und wahre Glücksgefühle hinterließ. Wie gerne hätte er sie zum Abschied in den Arm genommen, ihre Nähe gespürt … Er konnte ihre sinnlichen Lippen förmlich vor sich sehen und stellte sich vor, wie es sich anfühlen würde, sie zu küssen. Nachdem Anna am Anfang so scheu reagiert hatte, hatte er auch lieber etwas Zurückhaltung walten lassen, obwohl sein Herz eine völlig andere Sprache gesprochen hatte. Ihre Augen hatten so viel Liebe und Zuneigung für ihn zum Ausdruck gebracht, dass er sich den Abend für ein gemeinsames Essen nur noch so herbeisehnte. Komm gesteh es dir ein, redete er in Gedanken mit sich selbst, du hast dich hoffnungslos verliebt. Ben träumte weiter und ohne dass es ihm bewusst wurde, dämmerte er in einen erholsamen Schlaf hinüber.

      *****

      Beim Aufwachen registrierte er, dass er nicht mehr alleine im Zimmer war. Jemand hatte ihm die Ohrstöpsel seines IPods rausgezogen, den er noch in seinen Händen hielt. Wer war hier? … Semir? War er schon da? Hatte er so lange geschlafen? … Waren seine ersten Gedanken nach dem Erwachen. Intuitiv merkte er, da war was anderes. Gefahr! … Sein Instinkt warnte ihn … Dieser Geruch … dieses Parfum … wie ein Paukenschlag traf ihn die Erkenntnis … Gabriela Kilic. Sie war die einzige Person, die er kannte, die dieses merkwürdig riechende Parfum benutzte. Sie war im Zimmer … in seiner Nähe. Sein Pulsschlag beschleunigte sich und gleichzeitig schnürte ihn etwas die Kehle zu. Seine Atemfrequenz erhöhte sich und kalter Schweiß brach ihm aus. War es nur ein Alptraum? Einbildung?
    • Neu

      Ben schlug die Augen auf, die sich vor Schrecken und Entsetzen weiteten, als er einen Augenblick später seinen Blick auf die Gestalt neben seinem Bett richtete, die im ersten Moment wie eine Ärztin aussah. Der Schock saß …. Tatsächlich! Es war die Kroatin.

      Ihre eisgrauen Augen glitzerten ihn nur so vor Hass an. Sie stand links neben seinem Bett und schien ihn schon längere Zeit beobachtet zu haben. In ihrer rechten Hand hielt sie ein Kampfmesser, dessen rasiermesserscharfe Klinge im Schein der Sonnenstrahlen, die die Regenwolken vertrieben hatten, funkelte. Die Anspannung ihres Körpers verriet es, Gabriela war bereit, auf ihn einzustechen. Im ersten Moment hätte sie Ben an ihrem Aussehen gar nicht wiedererkannt. Geschickt hatte sie ihr Äußeres verändert. Die dunklen Haare waren platinblond gefärbt und hochgesteckt und auf der Nase trug sie eine moderne Hornbrille, durch die ihre eisgrauen Augen auf ihn runter blickten. Diese hasserfüllten Augen würde er sein Leben lang nicht mehr vergessen. Um ihre Tarnung perfekt zu machen, hatte sie sich einen weißen Arztkittel angezogen und ein Stethoskop um den Hals gehängt. In einer Uni-Klinik kannte niemand alle Ärzte. Wer hätte merken sollen, dass sich hier Gabriela zu ihm reingeschlichen hatte. Sie holte aus, um ihm mit dem Messer den tödlichen Stich zu verpassen und meinte mit einer vor Hass triefenden Stimme „Schön dass du endlich wach bist, Ben Jäger! Du sollst wissen, wer dich ins Jenseits befördert!“ Sie lachte dabei heißer und überheblich auf. Sie war sich so sicher, dass ihr Opfer nicht mehr entkommen könnte. „Ich will, dass du mir in die Augen blickst, wenn du stirbst! …. Schmor in den Tiefen der Hölle!“

      Was jetzt kam, war wie eine reine Reflexhandlung von Ben. Weg! … Flucht! … Er musste fliehen … nur weg aus der Reichweite dieser tödlichen Klinge. Ohne weiter darüber nachzudenken, ließ er sich auf der rechten Seite aus seinem Bett fallen, wollte so der zustechenden Hand entkommen. Der dunkelhaarige Polizist stieß beim Sturz gegen seinen Nachttisch, der durch die Wucht des Anstoßes zu rollen anfing. Das mit Wasser gefüllte Trinkglas, das auf dem Ablagebrett stand, fiel zu Boden und zersprang in dutzende von Scherben. Gleichzeitig spürte Ben, wie unterhalb des Schulterblatts die Klinge tief in seine Haut eindrang. Ein glühender Schmerz durchzuckte ihn … es kam noch schlimmer … er schlug mit dem Rücken auf dem Boden auf. Der Aufschlag presste die Luft aus seinen Lungen heraus. Er rang nach Atem. Zuerst überfiel ihn der Schmerz nur ansatzweise, doch je mehr der erste Schock verebbte, desto heftiger wurde er. Seine kaum verheilte Wunde an der rechten Seite war wieder aufgeplatzt, seine gebrochenen Rippen rebellierten gegen diese Art der Behandlung und schienen förmlich zu explodieren. Er schrie seine Pein hinaus und war doch unfähig sich zu bewegen. Er wollte sich wegrollen … aufstehen … fliehen … sein Körper gehorchte ihm einfach nicht. Wie ein Beutetier lag er auf dem Krankenhausboden und wartete darauf von dem Raubtier gefressen zu werden.

      Gewandt wie eine Raubkatze hatte Gabriela das Bett umrundet und stand jetzt wie ein Racheengel über den am bodenliegenden Polizisten. Wilder Triumpf spiegelte sich in ihrem Gesicht wieder.

      „Das war es wohl! Ben Jäger! Jetzt habe ich dich! Nun wirst du für den Tod meines Bruders Luca bluten!“
      Voller Feindseligkeit stieß sie diese Worte hervor, fiel auf die Knie und holte zum tödlichen Stich aus. Sie genoss den Augenblick, Auge in Auge mit der Person zu sein, die sie am meisten hasste. Sie las in seinen Augen, sein Entsetzen … seine Angst … Es war ihr Triumph....Ihr Moment! … Eine Flut von Glückshormonen durchströmte ihre Adern.

      Der junge Polizist lag da, wie gelähmt und starrte Gabriela Kilic und das Kampfmesser in ihrer Hand an. Die Klinge war überzogen mit seinem Blut. Ben verabschiedete sich in diesem Moment vom Leben. Das war es wohl, dachte er bei sich, gleich gibt es die Fahrkarte in die Ewigkeit. Er schloss die Augen in der Gewissheit diese nie mehr zu öffnen und wartete auf den Augenblick, in dem die Klinge des Kampfmessers wie ein glühendes Eisen in seine Brust gestoßen wurde und er seinen letzten Atemzug machen würde.
    • Neu

      Währenddessen …

      Seufzend schlug Semir den Aktendeckel zu. Das war der letzte Bericht für heute. Oh, auf diesen Teil seiner Arbeit könnte er gut verzichten. Die Kollegen der Frühschicht und er hatten während des Vormittags eine groß angelegte Verkehrskontrolle auf einer der großen Rastanlagen an der A3 durchgeführt. LKW-Ladungen mit den Verladepapieren vergleichen, Lenkzeiten der Fahrer, Mängelanzeigen, telefonieren mit dem Handy … lauter langweiliger Kram … Routine halt. Dazu kam noch der Vortrag von Herrn Schulze zu Dienstbeginn, der Vertretung von Frau Krüger, über die Tugenden eines deutschen Polizeibeamten. Wie er diesen kleinen fetten Kerl mittlerweile verabscheute. Jedes Mal wenn er vor ihm stand, hatte Semir Angst, dass seine Plauze die Hemdknöpfe wegsprengte, so spannte das Hemd über seinen Wohlstandsbauch. Der Türke zählte schon die Dienststunden, bis Frau Krüger am kommenden Montag wieder offiziell zu arbeiten anfing.

      Inoffiziell war er in den letzten Tagen mehr als einmal mit ihr unterwegs gewesen, um nach Gabriela Kilic zu suchen. Dank Susannes Fähigkeiten beim Recherchieren hatten sie tatsächlich die Wohnung in dem Gebäude in Köln Kalk ausfindig gemacht, die von der Kroatin benutzt worden war. Kim Krüger hatte ungeahnte Fähigkeiten entwickelt, als es darum ging, unerlaubt in die Wohnung einzudringen. Er schmunzelte bei diesen Gedanken.

      Die Wohnung hatte wie ein Schlachtfeld ausgesehen. Die Bewohnerin schien diese Hals über Kopf verlassen zu haben. Ihre Hinterlassenschaft lieferte letztendlich keinerlei Hinweise, wo sich die Kroatin möglicherweise aufhielt. An der Wand im Wohnzimmer klebten Zeitungsausschnitte über den Leichenfund im Fuchsbachgrund und dem Brand im dazugehörigen Waldstück. Selbst Hartmut mit seinen unvergleichlichen Fähigkeiten fand auf Anhieb nichts in dem Chaos, was wirklich weiter half, ja außer, dass die gesicherten Fingerabdrücke mit denen im schwarzen Audi übereinstimmten. Semir wollte sich vor Dienstschluss mit seiner Chefin in der KTU treffen, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Nachdenklich schaute er rüber zu Bens leerem Stuhl. Er sehnte den Tag herbei, wenn sein Partner wieder zusammen mit ihm die Autobahn unsicher machen würde. Er vermisste ihn so sehr.

      Sein Blick wanderte rüber zur Uhr. Er hatte Andrea heute Morgen versprochen, pünktlich zum Abendessen zu Hause zu sein, schon alleine Aidas wegen. Wenn er vorher noch mal bei Hartmut und bei Ben im Krankenhaus vorbeischauen wollte, sollte er langsam losfahren. Er schnappte sich seine Lederjacke, die über dem Stuhl hing und stürmte an Susannes Schreibtisch vorbei, raus Richtung Ausgang.

      „Gehst du schon Semir?“

      Er hielt kurz an, drehte sich zu der Sekretärin um.

      „Ja! Warum? …“, fragend schaute er die Blonde an, die in Richtung Büro von Herrn Schulze deutete. „Was soll ich dem Dicken erzählen, wenn er zurückkommt?“

      „Ach komm Susanne, dir wird schon eine Ausrede einfallen! Bitte! … Ich will noch mal kurz bei Ben vorbeischauen, bevor ich nach Hause gehe. Soll ich ihm was ausrichten?“

      Sie nickte ihm lächelnd zu. „Ja klar mach ich! Und richte Ben die besten Grüße aus. Er soll schauen, dass er bald wieder hier bei uns ist. Wir vermissen ihn alle!“

      Beifällig nickten Hotte, Jenny und die anderen Kollegen. Semir dachte bei sich, wem sagt ihr das, fragt mal mich. Als er mit seinem silbernen BMW den Parkplatz der PAST verließ, kam Herr Schulze in seinem dunkelblauen Mercedes angefahren. Wild gestikulierend saß er hinter dem Steuer, als die beiden Wagen sich in der Zufahrt begegneten. „… Du kannst mich auch, Du Vollpfosten!“, feixte Semir vor sich hin und steuerte seinen Wagen in Richtung KTU.

      *****

      Frau Krüger saß bereits mit Hartmut vor dessen Computerbildschirm und hörte sich interessiert von Einstein einen kleinen Vortrag an, als Semir die Halle betrat. Nach einer kurzen Begrüßung richtete er seine Aufmerksamkeit auf Kim. „Wie ist die Besprechung mit der Staatsanwältin gelaufen? Hilft sie uns?“

      Kim runzelte angespannt die Stirn und stützte sich mit ihren Händen auf Hartmuts Schreibtisch ab. „Ja und nein!“ Sie seufzte auf „Für die Durchsuchung der Wohnung bekommen wir von ihr die volle Rückendeckung … Sprich Sie Herr Gerkhan, denn ich war ja offiziell nicht dabei. … Denken Sie sich mal was Schönes aus, warum Sie die Verdächtige in das Gebäude verfolgt haben und warum Gefahr in Verzug war. Die Staatsanwältin erwartet spätestens morgen Mittag ihren Bericht. Das war die gute Nachricht, die Schlechte! …… Die verlassene Wohnung scheint auch die Schrankmann in ihrer Meinung zu bestärken, die Kilic hat das Land verlassen. Außer unser rothaariges Genie liefert noch andere Beweise!“

      Hartmut blickte etwas irritiert drein. „Na ja … also ich will mich noch nicht festlegen, da …. stehen noch ein paar Tests aus! …. Aber ich vermute, die Wohnung wurde bis vor drei oder vier Tagen noch bewohnt!“

      Die Aussage ließ den Kommissar sorgenvoll aufstöhnen. „Das heißt, sie befindet sich noch in Köln! Ben behauptete auch die ganze Zeit, dass diese Frau sich niemals einfach ins Ausland absetzen würde! …. Und jetzt Frau Krüger? …. Was machen wir jetzt?“

      Kim schloss ihre Augen und dachte nach. „Wissen Sie wann Herr Jäger aus der Uni-Klinik entlassen wird? … Ich denke, so lange er im Krankenhaus ist, ist er in Sicherheit. Aber dann?“ Sie schnaufte hörbar aus und richtete ihren Blick wieder auf Hartmut und meinte energisch fordernd „Egal wie Herr Freund, präsentieren Sie mir Beweise, die belegen, dass diese Kilic sich noch in den letzten Tagen in der Wohnung aufgehalten hat! Irgendwie! … Nur dann kann ich Polizeischutz für Ben und ihre Familie, Herr Gerkhan, bekommen … Und Sie Herr Gerkhan, befragen morgen die Nachbarn in diesem Gebäude! Nehmen Sie Herzberger und noch ein paar erfahrene Kollegen mit. Die Kilic kann doch nicht unsichtbar sein, jemand wird diese Frau dort gesehen haben!“

      Kim Krüger und Semir beratschlagten, wie sie weiter vorgehen würden. Ein Blick zur Uhr ließ den Deutsch-Türken einen leisen Fluch entfahren. „Shit! … Ich muss los! Bin schon viel zu spät dran, Ben wartet auf mich!“

      *****

      Auf der Fahrt zum Krankenhaus gingen dem Kommissar viele Gedanken durch den Kopf, über das Gespräch mit seiner Chefin und die Ermittlungen der letzten Tage. Wann immer sich die Möglichkeit ergeben hatte, war er zusammen mit Frau Krüger unterwegs gewesen und hatte versucht, eine Spur von Gabriela Kilic zu finden. Zumeist war Kim Krüger allerdings alleine unterwegs gewesen und hatte recherchiert. Ohne Erfolg!

      An der Uni-Klinik angekommen, hatte er Glück und bekam direkt im Eingangsbereich einen Parkplatz. Mit flotten Schritten ging es zum Fahrstuhl und zur Pflegestation, auf der Ben lag. Am Schwesternstützpunkt stand Bens Lieblingspfleger Sebastian.

      „Hallo Basti, wie geht es eurem Musterpatienten?“ Unwillkürlich musste Basti laut auflachen.

      „Du meinst unserem Mister Ungeduldig, der es nicht erwarten kann, hier raus zu kommen! Ich glaube, er schläft noch. Zumindest hat er vorhin geschlafen, als ich rein schaute. Wobei?“

      Der Pfleger überlegte kurz, stutze, bevor er fortfuhr „Wenn ich mich nicht getäuscht habe, ist vor einer halben Stunde eine Ärztin zu ihm reingegangen! Kein Plan, ob die schon wieder raus ist. Vielleicht wartest du, bis sie das Zimmer wieder verlassen hat. Zumindest ist sie hier noch nicht vorbeigekommen. Du weißt doch, die Herrschaften in Weiß haben es nicht so gerne, wenn man sie bei ihrer Arbeit stört.“

      „Ja, ja … ich warte vor der Tür. Keine Sorge Basti!“

      Mit diesen Worten schlenderte er den Flur entlang in Richtung zu Bens Zimmer, das am Ende des Ganges lag. Unmittelbar bevor er die Tür erreichte, hörte er von drinnen einen dumpfen Schlag und gleichzeitig das Zerbersten eines Glases. Sofort stellten sich bei ihm die Nackenhaare hoch und ein unangenehmes Gefühl beschlich ihn. Sein Instinkt ließ alle Alarmglocken auf schrillen. Als dann auch noch ein schmerzhafter Aufschrei zu hören war, gab es kein Halten mehr für den Kommissar. Er konnte förmlich körperlich spüren, dass sein Partner in Gefahr war. Die letzten Meter auf dem Krankenhausflur legte er im Vollsprint zurück. Gleichzeitig zog er seine Pistole aus dem Halfter und entsicherte diese. Mit einem Ruck stieß er die Zimmertür auf.

      Das, was er sah, lies ihn das Blut in den Adern gefrieren. „Neiiiiiiiin! Niiiiiicht!…………….Beeeeen!“ schrie er voller Entsetzen auf.