Tödliche Wahl Reloaded

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    • Tödliche Wahl Reloaded

      Da ich in den folgenden Tagen sehr viel Zeit habe, versuche ich mich auch mal wieder an einer FF. Sie spielt zwischen "Geld regiert die Welt" und "Tödliche Wahl" und stellt letztere Folge etwas anders dar.

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      Um Semir das Leben zu retten, erschießt Andrea während eines Banküberfalls einen der beiden Täter. Dessen Bruder entkommt – allerdings ohne Beute. Aufgrund des fehlenden Geldes erblindet Hartwig Vogts Schwester nur einen Tag später, um ihr Leben zu retten, wäre eine zu teure Operation nötig gewesen. Damit zerplatzen die Karriereträume von Elena Vogt, die kurz darauf ohne noch einmal mit ihrem Bruder zu sprechen Suizid begeht, da sie keinen anderen Weg sieht. Hartwig Vogt kocht vor Wut und schwört Vergeltung. Er entführt Semir und stellt seinen Partner Ben vor eine teuflische Wahl. Ben muss entscheiden, wessen Leben wichtiger ist: Andreas oder Semirs!



      Semir parkte den BMW direkt vor dem Eingang zur Sparkasse.
      „Du hast was vergessen, mein Schatz.“
      Andrea sah erst ihren Mann schmunzelnd an und blickte deutete dann mit dem Kopf in Richtung Tankanzeige.
      „Oh. Na ja, das können wir ja gleich erledigen. Die Tanke ist ja fast um die Ecke.“
      Semir und Andrea stiegen aus und betraten die kleine Filiale. Es war kurz vor Feierabend, sodass sich nur noch zwei Angestellte, ein Mann und eine Frau, in der Bank aufhielten. Andrea schritt auf den Mann zu und zückte ihre Bankkarte.
      „Guten Abend. Was kann ich für Sie tun?“, erkundigte sich der Angestellte breit lächelnd bei Semirs Frau.
      „Ich hätte gerne eine Auszahlung von 750 Euro in Hundertern“, erläuterte Andrea ihr Anliegen, ohne dabei irgendetwas auf das Lächeln des Mannes zu entgegnen.
      Semir trat ungeduldig von einem Fuß auf den anderen, während der Angestellte dabei war, die Karte zu überprüfen. Er sah nach draußen – und stutzte. Zwei Männer, ganz in schwarz gekleidet, überquerten die Straße und schritten direkt auf die Bank zu. Ihre Gesichter waren von Tüchern verdeckt, sodass Semir nicht viel erkennen konnte. Instinktiv vergewisserte er sich, dass er seine Waffe mit sich führte. Die Männer betraten die Bank, verschafften sich einen kurzen Überblick und sprangen dann regelrecht auf den Bankangestellten zu, der gerade die 750 Euro für Andrea abzählte.
      „Hände hoch! Das ist ein Überfall!“
      Semir reagierte sofort, doch der Mann neben ihm schien seine Absicht zu durchschauen. Ehe Semir seine Waffe auf die Bankräuber richten konnte, stieß er Semir zu Boden und brachte dessen Waffe an sich. Andrea drehte sich zu ihrem Mann um. Ein entsetzter Ausdruck lag in ihrem Gesicht, der sich steigerte, als sie sah, wie der Räuber auf Semir zielte.
      „Adios, Kumpel!“
      „Spinnst du? Lass den Scheiß!“, wurde er plötzlich von seinem Komplizen angeheizt, der sich von dem völlig eingeschüchterten Angestellten bereits eine Tüte mit Geld füllen ließ.
      Semir nutzte den Moment, als sich der Typ, der ihn bedrohte, zu seinem Komplizen drehte. Er rammte seine Faust unter das Kinn des Mannes, stand auf und versuchte, seinen Gegner außer Gefecht zu setzen. Doch offenbar war dieser kein Laie bezüglich Kampfsportarten. Er setzte sich mit gezielten Schlägen und Tritten zur Wehr, während der zweite Täter dem Angestellten die Tüte entriss: „Das genügt!“
      In diesem Moment gelang es Semir, seinem Gegner die Maske vom Gesicht zu ziehen. Für einen kurzen Augenblick starrte Semir ihn an. Das nutzte der Angreifer, er schickte Semir brutal auf den Boden und richtete Semirs Waffe direkt auf seine Stirn.
      „Pech gehabt. Das war der größte Fehler deines Lebens! Und dein Letzter…“
      Andrea stieß einen kurzen, spitzen Schrei aus, als sie sah, wie die Finger des Mannes sich auf den Abzug legten. Dessen Waffe war beim Zweikampf direkt in Andreas Nähe geschleudert worden. Ohne lange zu überlegen, griff sie danach. Dabei wurde sie aus dem Augenwinkel vom Täter mit der Geldtüte beobachtet. Dieser reagierte zu spät. Andrea kniff die Augen fest zusammen und drückte ab.
      „NEIIIIN!“
      Der demaskierte Bankräuber sank auf den Boden. Seine Augen starrten seinen Komplizen noch einige Sekunden an. Dann sackte sein Kopf zur Seite. Fassungslos wechselte der Blick des zweiten Mannes zwischen Andrea und dem Toten hin und her.
      „Dafür werdet ihr bezahlen! Ich schwörs euch! Ihr verdammten Schweine! Ich mache euch fertig!“
      Während der Täter aus der Bank stürmte, zitterten seine Hände so stark, dass ihm die Tüte mit dem erbeuteten Geld auf den Boden fiel. Er rannte weiter. Währenddessen blickte Semir seine Frau an, die unter Schock stand. Er wusste nicht, worum er sich zuerst kümmern sollte. Er entschied sich Andrea in den Arm zu nehmen und sie zu beruhigen. Als er nach einer halben Minute endlich die Verfolgung des Täters aufnehmen wollte, schien es zunächst, als wäre es bereits zu spät. Semir kurvte ergebnislos durch die nahe Umgebung – bis von hinten ein Wagen mit überhöhter Geschwindigkeit direkt auf Semir zuschoss. Im letzten Moment konnte dieser das Lenkrad herumreißen und dem Auto ausweichen. Semir konnte deutlich sehen, wer in dem Wagen saß: Der Täter hatte die Maske nicht abgenommen. Gerade, als er die Verfolgung aufnehmen wollte, passierte es: Der letzte Tropfen Benzin war verbraucht. Hilflos musste Semir dem flüchtigen Bankräuber hinterhersehen. Es gelang ihm zu spät, ein vorbeifahrendes Auto zu stoppen.
      „Susanne, gib bitte eine Fahndung raus nach einem roten Mercedes mit dem Kennzeichen K-AU-779, Ende.“

      Als Semir die Bank erneut betrat, waren die Kollegen bereits vor Ort. Die Bankangestellte hatte sie per Knopfdruck gerufen. Andrea hockte, die Hände vor ihr Gesicht gefaltet, auf einem Stuhl und starrte ins Leere. Semir setzte sich neben sie und legte seinen Arm um ihre Schulter.
      „Andrea, mein Schatz…“, begann er, doch mehr wollte nicht kommen. Seine Stimme versagte.
      Gerade als sein Partner Ben Jäger die Bank betrat, klingelte Semirs Handy.
      Semir löste sich von seiner Frau und meldete sich: „Susanne, habt ihr was herausgefunden?“
      „Der Wagen ist als gestohlen gemeldet. Die Fahndung läuft. Wie geht es Andrea?“
      „Sie muss sich erst mal erholen. Ich fahre sie jetzt nach Hause.“
      „Semir… Ich bin froh, dass dir nichts passiert ist.“
      Ben stürmte auf seinen Partner zu: „Semir! Oh Mann, geht’s dir gut?“
      Semir nickte kaum merklich. Er drehte sich zu Andrea, die unverändert auf dem Stuhl kauerte.
      „Sag Bescheid, wenn die Kollegen wissen, wer der Tote ist. Ich bringe Andrea erst mal von hier weg.“
      „In Ordnung, Partner. Ich mache hier mal ein bisschen Dampf.“

      Als sie vor dem Haus ankamen, blickte Semir zu Andrea, die seit dem Überfall kein Wort gesagt hatte. Andrea schluckte schwer und erwiderte dann Semirs Blick.
      „Was ist, wenn der Kerl Ernst macht?“, fragte sie dann und blickte Semir tief in die Augen.
      „Andrea, bitte, mein Schatz, alles wird gut. Wir werden ihn schnell kriegen, das verspreche ich dir. Jetzt ruhst du dich mal ein wenig aus.“

      Kurz darauf lag Andrea auf dem Bett und starrte in die Luft. Immer wieder lief die Szene vor ihrem geistigen Auge ab, immer wieder hörte sie den Schrei, den der Komplize ausgestoßen hatte und seine wütende Drohung. Er würde herausfinden, wer sie war, wer Semir war und er würde keine Ruhe geben, bis er seine Rache hatte. Andrea wurde schwindelig. Sie bekam diese Bilder einfach nicht aus dem Kopf. Es dauerte lange, bis sie schließlich in einen sehr unruhigen Schlaf fiel. Sie stand auf einer Brücke, unter ihr war nichts als Wasser. Sie starrte entsetzt in die Augen des maskierten Mannes, der ihr eine Waffe gegen den Kopf hielt und sie konnte nicht verhindern, dass er abdrückte. Sie fiel ins Wasser, bekam keine Luft mehr, hustete, spuckte – und wachte auf. Semir stand mit besorgter Miene an ihrem Bett.
      „Andrea. Alles ist gut, du bist in Sicherheit. Alles ist in Ordnung. Niemand tut dir etwas. Ganz ruhig. Ich hole dir ein Glas Wasser, ja?“
      Besorgt eilte Semir in die Küche, während Andrea sich durch die Haare fuhr und seufzte. Da war es wieder. Das Bild, wie der maskierte Täter sie wutentbrannt angestarrt hatte. Andrea versuchte, ruhig und tief ein- und auszuatmen. Würde Semir den Bankräuber fassen, bevor er seine Drohung wahr machen konnte?

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    • Am nächsten Morgen stellte Semir fest, dass Andrea leichtes Fieber hatte. Einerseits wollte er den Bankräuber so schnell wie möglich fassen, andererseits konnte er Andrea in ihrer jetzigen Situation unmöglich alleine lassen. Aber Andrea schien Semirs inneren Konflikt schnell zu bemerken und meinte: „Du kannst ruhig fahren. Ayda hat heute beweglichen Ferientag und bleibt zu Hause. Kümmere du dich mal um diesen Komplizen.“
      Dankbar lächelte Semir seine Frau an: „Ich liebe dich.“

      Der Fernseher lief leise im Hintergrund und Hartwig Vogt schaute nur halb hin. Das Logo der regionalen Nachrichten ließ ihn aufhorchen und er drehte lauter.
      Zunächst wurde über ein Verkehrschaos in der Kölner Innenstadt berichtet, dann räusperte sich der Moderator noch einmal und sagte: „Gestern kurz vor 18 Uhr wurde die Sparkasse KölnBonn von zwei maskierten Tätern überfallen. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich nur noch zwei Angestellte, sowie zwei Kunden in der Bank. Ein Angestellter musste einem der Täter insgesamt 43000 Euro aushändigen. Allerdings kam es noch bevor die Täter flüchten konnten zu einem Kampf zwischen dem zweiten Täter und einem Kunden, der, wie wir inzwischen in Erfahrung gebracht haben, Autobahnpolizist ist. Nach seinen Angaben beherrschte der Komplize mehrere Kampfsporttechniken. Um zu verhindern, dass ihr Mann erschossen wird, griff seine Frau nach der am Boden liegenden Waffe des Bankräubers und erschoss ihn. Daraufhin soll der zweite Täter laut einer Angestellten, der es gelungen war, die Polizei zu alarmieren, wütende Drohungen ausgestoßen haben. Bei seiner Flucht ließ er die Tüte mit dem erbeuteten Geld fallen. Es gelang ihm, mit einem gestohlenen roten Mercedes mit dem amtlichen Kennzeichen K-AU-779 zu fliehen. Sachdienliche Hinweise, die zur Ergreifung des Täters führen können, bitte an die Kripo Autobahn oder an jede andere Polizeidienststelle.“
      Autobahnpolizist, dachte Hartwig wütend. Diese verdammte Bullenbraut hatte seinen Bruder auf dem Gewissen und – wenn ihm nicht schnell etwas einfiel – auch bald seine Schwester. Hartwig Vogt liebte seine Geschwister über alles. Sie waren immer gemeinsam durchs Leben gegangen. Hartwig und Matthias waren Zwillinge, Elena das sechs Jahre jüngere Nesthäkchen. Und dann kam dieser verdammte Schicksalsschlag. Seit dem Tod beider Elternteile mussten die Geschwister jeden Cent drei Mal umdrehen, obwohl sie alle berufstätig waren. Kurz darauf wurde bei Elena eine seltene Augenkrankheit diagnostiziert – sie brauchte dringend eine Operation. Doch die Geschwister hatten kein Geld dafür. Schweren Herzens hatte Matthias bei dem Plan seines Bruders mitgemacht. Und jetzt war er tot.
      „WARUM?“, brüllte Hartwig in einem Anfall von Wut und boxte den Fernseher.
      Was jetzt? Unruhig ging Hartwig in der Wohnung auf und ab. Sein Handy klingelte.
      Es war Elena: „Hartwig? Ich komme jetzt nach Hause. Ich fühle mich ganz ehrlich gesagt zum Kotzen.“
      „Dann setz dich bloß nicht ins Auto. Ich hole dich ab!“
      Hartwig legte auf. Es war ein Wettlauf gegen die Zeit. Elena konnte morgen erblinden, in einer Woche oder auch erst in einem Monat. Aber es würde bald passieren. Sehr bald.
      Hartwig griff zum Telefon – es hatte Rufnummerunterdrückung - und wählte die Nummer der Autobahnpolizei.
      „Autobahnpolizei, Susanne König.“
      „Ich würde gerne mit ihrem Kollegen sprechen, dem der gestern bei diesem Banküberfall Zeuge war. Ich habe eine wichtige Mitteilung für ihn.“
      „Wie ist Ihr Name, bitte?“
      „Simon Schmidt. Bitte, es ist dringend.“
      „Der Kollege ist heute leider noch nicht im Dienst erschienen. Kann ich ihm vielleicht etwas ausrichten?“
      „Nein, danke, schon okay. Ich versuche es später wieder. Bitte, falls Sie später nicht mehr am Arbeitsplatz sein sollten, wie heißt der Kollege?“
      „Keine Sorge, Sie werden mich auch später noch erreichen.“
      „Na ja, man weiß ja nie, ob es nicht plötzlich eine unvorhergesehene Situation gibt, ähm…“
      Hartwig wurde wieder wütend, aber er versuchte, seine Wut so gut wie möglich im Zaum zu halten.
      „Kommen Sie einfach bei uns vorbei, Herr Schmidt, wenn Sie es ihm unbedingt persönlich sagen müssen.“
      Verflixt, dachte Hartwig, diese Tussi ist einfach nicht kleinzukriegen.
      „Dafür habe ich leider keine Zeit. Wäre es denn möglich, wenn er mich heute Abend um 19 Uhr treffen würde, im Parkhaus der Chemiefabrik Raabe & Köhler? Dort arbeite ich.“
      „Ich kann es ihm ausrichten.“
      „Danke. Auf Wiederhören.“
      Hartwig legte auf. Er hatte früher einmal bei Raabe & Köhler gearbeitet, bevor man ihn entlassen hatte. Der Chefposten war umbesetzt worden und der neue Chef wollte lieber jüngere Mitarbeiter behalten. Das war vor zwei Jahren gewesen, jetzt arbeitete Hartwig bei einer Transportfirma, aber im Parkhaus der Chemiefabrik kannte er sich dennoch bestens aus und ein Plan reifte in ihm. Er würde diesen Autobahnpolizisten in seine Gewalt bringen. Doch vorher musste er sich noch um etwas Wichtigeres kümmern: Ein Alibi. Von Matthias‘ Leiche war der Weg zu ihm und Elena nicht weit. Er musste Elena abholen und sie bitten, für ihn zu lügen, bevor die Polizei bei ihm antanzte.
      Hartwig stieg in seinen dunkelgrünen Volvo und meldete sich bei seiner Arbeit krank, bevor er losfuhr, um Elena abzuholen.

      Semir kam eine halbe Stunde zu spät in die Dienststelle. Ben wartete bereits ungeduldig auf ihn.
      „Wie geht es Andrea?“
      „Es geht. Sie steht immer noch unter Schock. Haben wir schon was über den Toten?“
      „Allerdings“, strahlte Ben, „sein Name ist Matthias Vogt, wohnhaft in Köln, lebt zusammen mit einer Schwester und einem Bruder, bisher kaum straffällig geworden.“
      „Kaum?“, hakte Semir nach.
      „Na ja, zwei Mal Parken im Halteverbot, ein Mal Handy am Steuer. Wir sollten jetzt seinen Geschwistern die Nachricht überbringen.“
      Als Semir und Ben gerade die PAST verlassen wollten, kam Susanne auf Semir zu. Nachdem Semir auch ihr erklärt hatte, wie es Andrea ging, hatte Susanne noch ein anderes Anliegen: „Da hat eben ein Simon Schmidt für dich angerufen. Er arbeitet bei der Chemiefabrik Raabe & Köhler und will dich um 19 Uhr dort im Parkhaus treffen. Er meint, er habe eine wichtige Information wegen des Überfalls gestern für dich.“
      „Aha.“ Semir runzelte die Stirn: „Arbeitet bei der Firma wirklich ein Simon Schmidt?“
      „Ja, ich habe dort angerufen und es mir bestätigen lassen. Er hat um 19 Uhr Feierabend. Ach, und noch etwas, die Kollegen haben den Fluchtwagen gefunden. Er stand völlig ausgebrannt in einem Waldstück, die Spurensicherung ist dran. Vom Komplizen haben wir bisher leider keine Spur.“
      Semir nickte und verließ mit Ben die Wache.
      „Warum will mich dieser Schmidt im Parkhaus treffen?“, fragte Semir nachdenklich, während sie in den Dienstwagen einstiegen. Ben saß am Steuer.
      „Keine Ahnung. Wir werden es ja in einigen Stunden wissen. Sag mal, willst du vielleicht lieber im Wagen warten, während ich mit den Geschwistern rede? Ich meine…“
      Ben wusste nicht genau, wie er seine Bedenken formulieren sollte.
      „Nein. Ich komme mit“, erwiderte Semir entschlossen.

      „Ich spüre förmlich, wie die Kraft meiner Augen nachlässt“, seufzte Elena.
      Hartwig schluckte schwer. Er schwebte ständig zwischen der Wut auf die Bullenbraut, der Feigheit, dass er Elena noch nicht über Matthias‘ Tod informiert hatte und der Verzweiflung, wie er Elena retten konnte.
      „Vielleicht nimmst du dir einfach mal frei“, schlug Hartwig vor.
      Elena schüttelte den Kopf: „Bruno braucht mich. Wenn ich krank mache, entdeckt er vielleicht ein hübscheres Model und dann kann ich mir einen neuen Job suchen. Übrigens, warum fährst du so schnell?“
      Hartwig sah seiner Schwester in die wunderschönen blauen Augen: „Elena… Ich war gestern den ganzen Abend mit dir zusammen, okay?“
      „Wie meinst du das? Ich war doch gestern bei Doris und…“
      „Nein, nein, wir waren gestern seit 18 Uhr zusammen zu Hause. Bitte.“
      „Hartwig – was ist passiert?“
      „Die Polizei wird heute noch bei uns auftauchen und … und mich fragen, wo ich gestern Abend war.“
      „Warum?“
      „Ich habe einen schrecklichen Fehler begangen. Matthias ist… er ist tot.“
      Fassungslos starrte Elena ihren Bruder an: „Wie bitte? Und das sagst du mir jetzt einfach so? Und was hat die Polizei damit zu tun? Hartwig, rede mit mir!“
      „Wir haben gestern einen Banküberfall verübt. Ich hatte dieses verfluchte Geld für die Operation schon in der Hand, verstehst du? Und dann hat diese verdammte … sie hat ihn einfach erschossen!“
      Elena schüttelte ungläubig den Kopf: „Ihr habt WAS getan?“
      „Elena… Es war für dich. Nur für dich.“
      Elena schlug die Hände über dem Kopf zusammen: „Ich glaube es nicht. Ich glaube es nicht…“
      Hartwig sah beschämt auf die Straße. Er lenkte den Volvo in die Hauseinfahrt. Nur Sekunden, bevor ein anderes Auto vor dem Haus parkte.
    • Ben parkte den Wagen direkt vor der Haustür. Er sah Semir besorgt an: „Semir - Du musst das nicht.“
      „Ich will aber, Ben. Los, komm.“
      Semir und Ben stiegen aus und gingen zur Haustür.
      „Meinst du, die sind überhaupt zu Hause?“, fragte Semir.
      „Die Schwester wird bestimmt da sein. Ich bimmel mal.“
      „Die Klingel ist kaputt. Das können Sie sich sparen“, ertönte eine Stimme hinter den beiden Polizisten.
      Semir und Ben wandten sich um. Ein Mann, offenbar Ende 30 und eine sehr attraktive, junge Frau standen vor ihnen.
      „Hartwig und Elena Vogt?“, fragte Ben.
      „So ist es. Und Sie sind?“
      „Jäger, Autobahnpolizei, das ist mein Kollege ...“
      „Öztürk“, fiel Semir Ben ins Wort.
      Diese Augen. Dieser stechende Blick. Semir wusste nicht, ob es wirklich klug war, Hartwig Vogt seinen richtigen Namen zu nennen.
      Ben sah seinen Partner nur einen Moment irritiert an, dann wandte er sich wieder zu den Geschwistern und fuhr fort: „Können wir einen Augenblick reinkommen?“
      „Nun, wenn Ihnen Unordnung nichts ausmacht. Worum geht es denn?“
      „Um Ihren Bruder, Matthias Vogt”, erwiderte Ben ruhig.
      Hartwig Vogt schloss die Haustür auf: „Hat er etwas ausgefressen?“
      „Na ja... So könnte man es sagen. Allerdings...“
      Ben hasste solche Momente. Er beendete seinen Satz vorerst nicht, sondern trat mit Semir ein. Die Wohnung glich einem Schlachtfeld. Überall stapelten sich leere Pizzakartons, auf dem Boden lag allerlei Kram, vor allem lose Blätter, Stifte und Aktenordner. Der Fernseher stand schief. An den wänden blätterte die blassgelbe Farbe ab.
      „Setzen Sie sich doch. Kann ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?“, unterbrach Hartwig Vogt die Stille.
      „Nein danke. Herr Vogt, ihr Bruder hat gestern Abend einen bewaffneten Banküberfall verübt und...“
      „Einen Banküberfall? Matthias? Das kann nicht sein“, widersprach Vogt.
      Semir beobachtete ihn genau. Entweder war Vogt ein glänzender Schauspieler, oder Semirs Verdacht war falsch.
      „Leider doch. Er ...“
      „Haben Sie ihn festgenommen?“, fragte Hartwig Vogt.
      „Das ist leider nicht mehr möglich. Ihr Bruder ist bei dem Banküberfall erschossen worden. Es tut mir Leid...“
      Hartwig Vogt wich alle Farbe aus dem Gesicht. Seine Schwester wirkte auf Semir, als hätte sie nicht begriffen, was Ben ihr gerade mitgeteilt hatte.
      „Oh Gott...“, brachte Elena Vogt schließlich mühevoll heraus.
      „Ihr Bruder wollte einen Zeugen erschießen, der ihm die Maske vom Kopf gerissen hat. Es war Notwehr“, erklärte Ben um eine feste Stimme bemüht.
      Elena Vogt stand auf und ging hastig aus dem Raum.
      „Herr Vogt... Können Sie sich vorstellen, mit wem ihr Bruder den Überfall verübt haben könnte?“
      Eine Träne lief über Vogts Gesicht.
      „Nein. Ich konnte mir nicht mal vorstellen, dass er so etwas überhaupt tun könnte.“
      „Entschuldigen Sie die Frage, aber ich muss sie leider stellen: Wo waren Sie gestern zwischen 17:30 Uhr und 18:30 Uhr?“
      Vogt sah Ben irritiert an: „Zuhause.“
      „Kann das jemand bezeugen?“
      „Ja. Ich war auch da. Mein Bruder hat das Haus kurz nach 17 Uhr betreten und danach nicht mehr verlassen.“
      Semir und Ben wandten sich um. Elena Vogt stand mit tränenüberströmten Gesicht im Flur.
      „Bitte... Gehen Sie jetzt. Ich muss mich um meine Schwester kümmern“, ergriff Hartwig Vogt wieder das Wort.
      „Natürlich. Bitte kommen Sie heute oder morgen zwecks einer Identifizierung aufs Revier.“
      Vogt nickte. Ben und Semir standen auf und gingen in Richtung Tür. Als Ben sie öffnete, blickte Semir noch ein Mal zu Hartwig Vogt und merkte erschrocken, dass er ihn kalt anstarrte. Hastig wandte er sich wieder um und folgte seinem Partner nach draußen. Sie sprachen erst wieder miteinander, als Ben den BMW auf die Straße lenkte.
      „Sie lügt“, sagte Semir, während er sich den Blick des Bankräubers in Erinnerung rief und ihn mit Vogts verglich. Seine Zweifel wurden immer kleiner.
      „Hast du die Fotos in der Wohnung gesehen? Elena Vogt scheint Model bei Markus Seifert zu sein“, erwiderte Ben.
      „Bei wem?“
      „Ein Typ, der eine Modelagentur betreibt.“
      „Warst du da schon mal?“, hakte Semir interessiert nach.
      „Nur wegen einer Freundin“, antwortete Ben hastig und blickte wieder auf die Straße.
      „Du meinst, wir sollten da mal hin“, führte Semir die Beobachtung seines Partners weiter.
      „Wir sind schon auf dem Weg, Semir.“

      Elena stand in der Küche und schnitt wortlos eine knallrote Paprika. Ihre Gedanken waren jedoch bei Hartwig und vor allem bei Matthias. Sie stellte sich vor, wie beide zusammen eine Bank überfielen. Nur wegen ihrem Augenlicht, dass sie zu verlieren drohte. Nur weil das Geld für die Operation nicht reichte. Jetzt war Matthias tot. Nichts würde so werden wie früher, egal ob Elena ihr Sehvermögen behalten würde oder nicht. Sie schnitt sich in den Finger, aber sie achtete erst darauf, als die Wunde begann wehzutun.
      „Verdammt“, fluchte das junge Model.
      „Alles in Ordnung?“
      Hartwig tauchte neben ihr auf.
      „Nichts ist in Ordnung. Das weißt du ganz genau.“
      „Elena, ich ...“
      „Was glaubst du, wie lange die Polizei braucht, um dich als Täter zu identifizieren, hm? Soll ich meinen anderen Bruder vielleicht auch noch verlieren?“
      Hartwig schwieg betroffen. Er hatte mit seinen Geschwistern eigentlich noch nie wirklich großen Streit gehabt, im Gegenteil, der Tod ihrer Eltern hatte sie zusammengeschweißt. Hartwig spürte sie wieder, die Wut, wie sie hochkam, in ihm aufstieg, wie sie raus wollte. Er musste diese Frau von diesem Öztürk finden.
      „Es ist gerade mal halb 5“, wechselte Hartwig das Thema.
      „Ich brauche eine Beschäftigung“, entgegnete Elena zischend, während sie die Wunde an ihrem Finger mit einem Taschentuch umwickelte.
      „Ich hole dir ein Pflaster“, bot Hartwig an.
      „Das kann ich schon alleine.“
      Elena hastete aus der Küche ohne ihren Bruder eines Blickes zu würdigen.
      Na warte Bullenbraut, dachte Hartwig, dafür wirst du bezahlen. Mit deinem Leben...
    • „Ben, alter Kumpel. Wie geht’s? Mensch, wie lange haben wir uns nicht mehr gesehen?“
      Ben hatte keine Chance. Ehe er sich versah, hatte Markus Seifert ihn bereits umarmt. Er grinste Ben breit an und blickte dann zu Semir.
      „Ist ja wirklich nett von dir, mir potenzielle Kunden zu schicken, aber ich glaube nicht, dass… Nun, wie soll ich sagen?“
      „Nein, Markus, keine Sorge. Das ist mein Partner Semir. Ich bin mittlerweile bei der Autobahnpolizei gelandet“, stellte Ben die Situation klar.
      „Ach so. Na, dann kommt mal mit. Da hinten in meinem Büro können wir in Ruhe reden. Du wolltest Semir wohl mal meinen schicken Schuppen zeigen, wie?“
      Markus Seifert war ein ausgeflippter Typ. Er trug ein schwarzes T-Shirt, auf dem ein frecher Smiley Semir die Zunge rausstreckte und eine ziemlich zerfledderte Jeans. Seine schwarzen Haare waren etwas gewellt und er lachte gleichzeitig mit Zähnen und Augen. Semir und Ben blickten sich um. Massenweise Poster von überwiegend weiblichen Models hingen an den Wänden. Markus führte die beiden Autobahnpolizisten vorbei an einem hölzernen Tresen und Regalen gefüllt mit einigen Büchern und Fotorahmen mit Beispielbildern. Überall standen angeschaltete Lampen, die ein Übriges zum freundlichen Ambiente des Ladens taten.
      „Ihr kennt euch also doch näher, als du zugeben wolltest“, sagte Semir an Ben gewandt.
      „Oh ja, vor einigen Jahren habe ich mit Ben einige kleine Fotoserien gemacht. Soll ich die Bilder mal suchen? Ich habe alles akribisch archiviert, da geht nichts verloren. Das müsste 2005 gewesen sein, was meinst du, Ben? Oder 2006?“, antwortete Markus für Ben.
      „Äh, nein, dafür haben wir leider keine Zeit. Ein anderes Mal vielleicht. Überleg mal, warum ich mit meinem Partner hier aufgekreuzt sein könnte“, forderte Ben leicht energisch.
      „Wie schon gesagt, du wolltest Semir meinen supercoolen Schuppen zeig… Etwa nicht?“
      Überrascht blickte Markus erst Ben, dann Semir an.
      „Nein“, ergriff Semir das Wort, „wir haben eine Frage an dich bezüglich eines deiner Models. Elena Vogt.“
      „Elena. Wunderschönes Mädchen. In letzter Zeit aber irgendwie etwas von der Rolle. So oft wie in den letzten drei Wochen war sie während ihrer gesamten Modelkarriere noch nicht krank. Ich habe sie damals entdeckt, ja, ich war das! Ich habe ihr gesagt, dass sie unbedingt mal in meinen supercoolen…“
      „Also eigentlich interessiert uns mehr, was gestern war“, unterbrach Ben den Redefluss seines alten Freundes.
      „Gestern war auch wieder so ein ganz merkwürdiger Tag. Erst kam diese alte Schreckschraube hier rein…“
      „Elena?“, wollte Semir wissen.
      „Nein, nein, Elena zähle ich noch nicht zum alten Eisen. Ne, so eine arrogante Ziege, Mitte 70, die unbedingt wollte, dass ich mit ihr arbeite. Natürlich habe ich abgelehnt.“
      „Und Elena Vogt war gestern da?“
      „Ja, war sie. Bis 18 Uhr.“
      Semir und Ben sahen sich vielsagend an.
      „Der Überfall war drei Minuten vor 18 Uhr. Von der Bank bis zum Haus der Vogts braucht man im Feierabendverkehr sicherlich mindestens 12 Minuten und Vogt war auch noch emotional am Ende, also wird er vielleicht etwas länger gebraucht haben und Elena fährt von hier bis nach Hause etwa 20 Minuten. Das heißt…“
      „… dass sie uns nicht nur angelogen hat, sondern auch nicht vor ihrem Bruder zu Hause war“, führte Ben Semirs Gedankengang zu Ende.
      „Die Frage ist, warum sie gelogen hat. Sie konnte sich doch ausrechnen, dass wir ziemlich schnell herausbekommen, dass sie noch nicht um 17 Uhr zu Hause war“, überlegte Semir.
      „Darf man erfahren, wovon ihr redet?“, fragte Markus verwundert.
      „Nein, polizeiliche Ermittlungen. Wir müssen auch schon wieder los. Danke Markus, du hast uns sehr geholfen“, erwiderte Ben.
      „Hey, warte, wir haben uns doch so lange nicht gesehen und…“
      Während Ben hinter Semir zum Ausgang eilte, rief er Markus über seine Schulter zu: „Und ich glaube, die Fotoserie war 2004.“
      Dann fiel die Tür hinter den beiden Polizisten ins Schloss.
      Markus kratzte sich verwundert am Kopf und blickte dann zu Elena, die ihn von einem Poster direkt über seinem Schreibtisch anschaute.

      Keuchend stand Elena über dem Waschbecken. Sie blinzelte immer wieder, doch nichts wurde schärfer, im Gegenteil, alles verschwamm immer mehr.
      „Hartwig!“, rief sie verzweifelt.
      Ihr Bruder stürzte nur Sekunden später ins Badezimmer. Er bemerkte sofort, womit Elena gerade kämpfte: „Kannst du mich sehen? Wie viele Finger zeige ich? Elena!“
      Elena reagierte nicht. Sie schluchzte.
      „Es … es verschwimmt alles. Hilf mir.“
      Hartwig packte seine Schwester energisch an den Schultern und riss sie vom Waschbecken weg.
      „Los, wir fahren ins Krankenhaus“, sagte er mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldete.
      Auf dem Weg zur Haustür stützte er seine Schwester und führte sie zielsicher. Elena kniff die Augen fest zusammen. Sie hatte Angst, nichts mehr zu sehen, wenn sie die Augen wieder öffnen würde.
      Hartwig bugsierte sie zu seinem Auto, öffnete die Beifahrertür und half ihr, sich zu setzen. Elena schnappte nach Luft.
      „Ganz ruhig. Bleib ganz ruhig. Alles wird wieder gut“, versuchte Hartwig, sie zu beruhigen.
      Der Volvo schoss aus der Einfahrt. Hartwig missachtete jede zweite Verkehrsregel und fuhr ständig über der Geschwindigkeitsbegrenzung. Er glaubte, noch mehr Angst zu haben als seine Schwester.
      Noch während er seine Schwester den Ärzten übergab, blickte er auf seine Armbanduhr. Er musste bald zum Parkhaus. Öztürk musste ihm in die Falle gehen. Hartwig wurde gebeten, sich zu gedulden und Platz zu nehmen. Schon wieder stieg unbändiger Hass in ihm auf. Er durfte diese Gelegenheit nicht verpassen! Um 18:15 Uhr hatte immer noch niemand mit ihm gesprochen. Hartwig schrieb hastig einen Zettel, dass er so schnell wie möglich zurückkommen würde, dann rannte er zu seinem Auto und stieg aufs Gaspedal.
    • „Der Volvo steht nicht in der Einfahrt. Wahrscheinlich können wir uns den Besuch sparen“, mutmaßte Ben, als er vor dem Haus der Vogts hielt.
      „Es reicht doch schon, wenn Elena da ist. Schließlich wollen wir ja besonders mit ihr sprechen“, widersprach Semir.
      Dann allerdings blickte er auf die Uhr: „Schon kurz nach sechs. Also los, beeilen wir uns.“
      Noch bevor Ben und Semir an die Tür klopfen konnten, ertönte aus dem Gebüsch neben ihnen eine Stimme: „Wollen Sie zu den Vogts?“
      Eine ältere Dame kam zum Vorschein. Sie trug Gartenarbeitskleidung.
      „Sind Sie die Gärtnerin?“, fragte Semir.
      „Um Himmels Willen, nein, die Vogts haben doch gar keinen Garten. Die können ja noch nicht mal ihre eigene Bude in Schuss halten. Mir gehört das Nachbargrundstück. Ich plaudere gelegentlich mal mit Elena Vogt. Eine nette junge Frau. Aber ihre Brüder sind etwas sonderbar. Jedenfalls – Hartwig und Elena sind nicht da und Matthias habe ich seit gestern auch nicht mehr gesehen.“
      „Sie wissen also ganz sicher, dass die beiden weggefahren sind?“, hakte Ben nach.
      „Natürlich. Elena sah gar nicht gut aus. Ihr Bruder hat sie regelrecht zu seinem Auto getragen und dann sind sie so rasant aus der Einfahrt geschossen, dass ich mich richtig erschreckt habe.“
      Ben runzelte nachdenklich die Stirn: „Ist Elena denn krank?“
      „Gestern schien sie mir noch sehr gesund, junger Mann. Wer sind Sie denn überhaupt?“
      „Jäger, Kriminalpolizei, das ist mein Kollege Gerkhan.“
      „Kriminalpolizei? Was ist denn passiert?“
      Plötzlich kam Semir eine Idee. Bevor Ben antworten konnte, fragte er: „Wissen Sie zufällig, wann Hartwig Vogt gestern nach Hause kam?“
      „Gestern? So Viertel nach sechs würde ich sagen. Kurz danach kam dann auch Elena nach Hause.“
      „Wir müssen jetzt leider gehen. Aber vielen Dank, Frau …“
      „Getrud von Brachtlingen.“
      „Und viel Erfolg bei der Arbeit“, ergänzte Semir, während er wieder auf dem Beifahrersitz Platz nahm.
      „Ben? Meinst du nicht, ich könnte auch mal fahren?“
      „Erstens ist das hier mein Dienstwagen und zweitens kommen wir dann nicht rechtzeitig zum Parkhaus.“

      Um 19:02 Uhr lenkte Ben den Dienstwagen auf die unterste Ebene des Parkhauses von Raabe & Köhler. Nur die Neonröhren spendeten etwas Licht.
      „Soso, wir kommen also nicht rechtzeitig, wenn ich fahre?“, fragte Semir halb verärgert, halb belustigt.
      Ben starrte finster nach vorne: „Wir haben überhaupt keinen Plan, nach wem wir Ausschau halten müssen.“
      „Dafür weiß Schmidt hoffentlich, nach wem er Ausschau halten muss.“
      „Und wir wissen nicht, welches Parkdeck eigentlich gemeint ist“, redete Ben weiter.
      „Wahrscheinlich das erste Deck. Sonst hätte Schmidt wohl noch etwas zu Susanne gesagt.“
      „Und wir sind hier völlig allein. Ist dir das schon aufgefallen, Semir?“
      „So gefragt… Nein.“
      Semir blickte sich um. Es standen tatsächlich kaum noch Autos auf dem ersten Deck.
      Nachdem Ben etwas ziellos einmal quer durch das Deck gefahren war, sah er seinen Partner fragend an: „Und jetzt?“
      „Steigen wir aus.“
      Semir hatte selbst kein gutes Gefühl bei der Sache, aber er behielt es für sich. Stattdessen ging er langsam nochmal die Strecke ab, die Ben gerade mit dem Auto zurückgelegt hatte.
      „Herr Schmidt? Sind Sie hier?“
      Keine Antwort.
      „Semir? Sollten wir nicht vielleicht…“
      Ben sollte diesen Satz nie zu Ende führen, denn in einer Sekunde geschah zweierlei: Die Neonröhren flackerten und gingen aus, dann hörte Ben ein ihm sehr vertrautes Geräusch. Das Geräusch einer Maschinenpistole. Instinktiv hechtete Ben hinter einem Auto in Deckung. Er zückte seine Waffe. Gleichzeitig wurde ihm bewusst, dass er im Dunkeln keine Chance hatte, schließlich wollte er Semir nicht treffen.
      „Semir? SEMIR!“
      Das Feuer hörte nicht auf. Ben zwang sich zur Konzentration. Jetzt hörte er ganz deutlich einen Motor aufheulen. Er folgte seinem Instinkt, gab die Deckung auf und feuerte in die Richtung, in der er das Auto vermutete. Kurz darauf war das Geräusch nicht mehr zu hören – die Maschinenpistole schoss noch immer.
      Ben wurde klar, dass sie in eine Falle getappt waren. Er brauchte fast 10 Minuten, bis er endlich den Lichtschalter fand – noch immer war die Waffe nicht verstummt. Schreckensbleich starrte Ben auf das Tonbandgerät, das einen Schuss aus einer Maschinenpistole in Dauerschleife abspielte.
      Er blickte sich um – von Semir war nichts zu sehen.
      „FUCK!“
      Ben schaltete das Gerät aus, lief zu seinem Wagen und betätigte das Funkgerät: „Susanne? Gib sofort eine Fahndung raus nach Hartwig Vogt. Wir brauchen ihn unbedingt lebend, hörst du? Er hat Semir!“
    • Er wusste, dass er nicht viel Zeit hatte. Elena hatte seinen Zeitplan durcheinandergebracht. Jetzt musste Hartwig noch ein letztes Mal nach Hause, um einige Sachen zu holen. Aber sein Plan war aufgegangen. In der Dunkelheit hatte Öztürks Partner den Wagen nicht erkennen können. Jetzt würde er sich hoffentlich zunächst an Simon Schmidts Fersen heften. Als Hartwig vor der Wohnung parkte, kam seine Nachbarin aus dem Haus gelaufen. Sie hatte ihren Hund an der Leine.
      „Guten Abend, Herr Vogt.“
      „Hallo, Frau von Brachtlingen. Ich habe leider keine Zeit, bin sehr in Eile.“
      Hartwig wollte schon im Haus verschwinden, doch Frau von Brachtlingen ließ sich nicht so leicht abwimmeln: „Natürlich, ich will Sie gar nicht weiter aufhalten. Ich muss auch zusehen, dass ich wieder heimkomme, bevor es völlig dunkel ist. Aber da waren vorhin zwei Polizisten hier, ein Herr Jäger und ein Herr …“
      Hartwig horchte auf: „Öztürk?“
      „Nein … Gerkhan. So war der Name. Die haben nach Ihnen gefragt. Übrigens, wie geht es Ihrer Schwester? Ich habe gesehen, dass Sie sie vorhin zum Wagen geleiten mussten. Ist etwas passiert?“
      „Nein, da haben Sie wohl etwas falsch gesehen. Ich muss jetzt wirklich rein. Tschüss!“
      Ehe die alte Dame etwas erwidern konnte, schloss Hartwig die Tür hinter sich.
      Gerkhan, dachte er. Du gottverdammter Lügner.
      Hastig kramte er in der vermüllten Wohnung einige Sachen zusammen. Dabei fiel ihm ein Foto in die Hände, das bereits vor fünf Jahren aufgenommen worden war. Es zeigte die Geschwister Vogt am Strand. Wie glücklich sie damals gewesen waren. Endlich riss Hartwig sich los und hastete zur Tür. Plötzlich vernahm er Schritte, die immer näher kamen. Hartwig bekam Panik. Wie konnte die Polizei so schnell hier sein? Es klopfte.
      „Hallo? Herr Vogt?“
      Hartwig atmete erleichtert auf und öffnete die Tür. Sofort wurde er von Frau von Brachtlingens Pudel Sissy schwanzwedelnd angesprungen.
      Hartwigs Nachbarin zog an der Leine: „Oh, entschuldigen Sie bitte. Ich wollte Sie nur fragen, ob Sie vielleicht Interesse an Weihnachtsgebäck hätten? Ich habe bei so einem Gewinnspiel teilgenommen und kann das unmöglich alleine aufessen. Und bevor ich nachher wieder vergesse, Sie zu fragen, ich meine…“
      Am liebsten hätte Hartwig seine aufgestaute Wut direkt herausgeschrien. Nur mühsam konnte er sich beherrschen: „Danke, aber daran habe ich kein Interesse. Ich muss jetzt auch schon wieder los.“
      Hartwig schob sich an der alten Dame vorbei und lief zum Volvo.
      „Vielleicht möchte ja Ihre Schwester…“, versuchte Frau von Brachtlingen es ein letztes Mal.
      Ohne zu antworten stieg Hartwig ins Auto und gab Gas. Bisher wusste niemand, wohin er Elena gefahren hatte. Er wollte sich zumindest von ihr verabschieden.
      Hartwig parkte seinen Wagen direkt vor dem Haupteingang des Krankenhauses. Bevor er ausstieg, warf er nochmal einen Blick nach hinten. Unter der Decke rührte sich nichts. Das Betäubungsmittel hatte eine länger anhaltende Wirkung.
      Hartwig flog förmlich zur Rezeption und rannte auf dem Weg fast einen älteren Mann mit Rollator um.
      „Ich muss sofort zu meiner Schwester, Elena Vogt. Ich habe sie vor etwa 2 Stunden hier eingeliefert. Bitte, wo kann ich sie finden?“
      Die Frau an der Rezeption teilte Hartwigs Eile nicht. Es kam ihm fast so vor, als würde sie den Namen seiner Schwester in Zeitlupe in die Computertastatur eingeben. Endlich gab sie ihm eine Antwort: „Die Ärzte haben versuchen, ihr Augenlicht zu retten. Dahinten steht Dr. Bader. Fragen Sie ihn.“
      Damit widmete sich die Frau wieder ihrem Tee. Hartwig lief auf den Arzt zu.
      „Herr Vogt. Wo waren Sie plötzlich?“
      „Ein Notfall. Bitte, was ist mit meiner Schwester?“
      „Tja … Es tut mir wirklich leid. Sehr wahrscheinlich können wir nicht mehr viel tun.“
      Hartwig spürte, wie der Boden unter seinen Füßen wegsackte. Zu spät, dachte er. Zu spät.

      „Jäger, wir haben keine Beweise gegen Vogt! Sie können nicht einfach völlig grundlos eine Fahndung rausgeben!“
      „Chefin, dieser Kerl hat kein Alibi für die Zeit des Banküberfalls mehr, Andrea hat seinen Bruder erschossen, jetzt sinnt er auf Rache, das ist doch logisch!“
      Kim Krüger lehnte sich zu Ben vor: „Aber es gibt nun mal keinen Beweis dafür, dass Hartwig Vogt Gerkhan entführt hat.“
      „Dann müssen wir uns diese Beweise eben beschaffen.“
      „Kümmern Sie sich um Vogt. Bonrath und Dorn sollen sich diesen Schmidt mal vornehmen. Was ist mit Gerkhans Handy?“
      „Natürlich entsorgt. So kriegen wir ihn nicht.“
      Ben wollte gerade aufstehen, als sein Handy klingelte.
      „Andrea?“
      „Hier ist Ayda. Semir geht nicht ans Telefon. Das Fieber ist gestiegen.“
    • „Bitte, ich muss zu meiner Schwester! Wo ist sie?“
      „Zimmer 117, Station 1, erster Stock. Entschuldigen Sie mich bitte, ich muss leider...“
      Den Rest hörte Hartwig nicht mehr. In Nachhinein konnte er sich gar nicht mehr erinnern, wie er zu Elenas Zimmertür gekommen war. Er klopfte kurz und trat ein. Es war ein 2-Bettzimmer, aber neben Elena lag niemand. Sie trug eine Augenbinde und lag regungslos auf dem Bett.
      Hartwig trat zu ihr. Eine Träne rann über sein Gesicht.
      „Elena...“, schluchzte er leise, „es tut mir leid. Ich hab alles versucht...“
      Er bemerkte, dass seine Schwester schlief. Vorsichtig fuhr er ihr mit seiner Hand durch ihr wunderschönes Haar. Seine Schwester würde ihn nie wieder ansehen können. Dieser Gedanke brachte Hartmut zur Weißglut. Nur die Frau dieses Gerkhans war Schuld daran. Niemand sonst. Hartwig konnte sich nicht losreißen. Plötzlich wurde die Tür aufgerissen. Dr. Bader trat zusammen mit einer Krankenschwester und zwei Frauen ein. Hartwig schenkte ihnen keine Beachtung. Nur sein Unterbewusstsein nahm wahr, was gesprochen wurde.
      „Wir sind momentan leider völlig überfüllt. Dies ist das einzige Bett, das ich Ihnen anbieten kann.“
      „Siehst du, Andrea, jetzt ruhst du dich schön aus. Du kannst doch nicht mit Fieber den Haushalt machen.“
      „Ich dachte, es geht schon. Findest du das nicht etwas übertrieben, Susanne?“
      „Ihre Freundin hat Recht, Frau Gerkhan. Mit Kopfweh, hohem Fieber und Schwindelgefühlen ist wirklich nicht zu spaßen. Schwester Katharina kümmert sich um Sie. Das ist ihre Bettnachbarin, Elena Vogt. Sie ist heute erblindet.“
      Hartwig konnte keinen klaren Gedanken fassen. Ohne wirklich auf den Weg zu achten, begab er sich nach einem letzten Blick auf seine Schwester nach draußen auf den Flur. Diese Stimme. Dieser Name. Susanne. Warum kam ihm das so bekannt vor? Hartwigs Versuche, sich zu konzentrieren, scheiterten daran, dass er immerzu an Elena denken musste. Wie in Trance betrat er den Aufzug und fuhr ins Erdgeschoss. Elena war blind. Für immer. Je öfter er daran dachte, desto grausamer wurden gleichzeitig seine Rachefantasien.
      Bald, dachte Hartwig, bald ist es so weit.

      „Wie geht es ihr? Ist es schlimm? Wie lange muss sie im Krankenhaus bleiben?“
      Susanne war noch nicht mal richtig in ihr Auto eingestiegen, als Ayda sie schon mit Fragen bombardierte. Sie saß mit Lilly auf dem Rücksitz und hielt die Hand ihrer kleinen Schwester.
      „Der Arzt sagt, wir sollen erst mal die Nacht abwarten. Wahrscheinlich geht es eurer Mutter morgen schon viel besser. Ich habe gerade mit Ben telefoniert. Euer Vater ist sehr beschäftigt und weiß nicht, wann er heute nach Hause kommt. Ihr kommt deswegen heute zu mir.“
      Ben hatte Susanne die Wahrheit erzählt, aber sie wollte Ayda und Lilly nicht noch mehr beunruhigen. Während sie an einer Ampel auf Grün wartete, rief sich die Sekretärin das Gespräch mit Dr. Bader nochmal in Erinnerung. Der Arzt hatte die Bettnachbarin von Andrea Vogt genannt - und auch der erschossene Bankräuber hieß Vogt. Susanne dachte einen Moment darüber nach, zurück zum Krankenhaus zu fahren, doch dann fragte sie sich, wie realistisch es wohl war, dass zwischen zwei Personen mit gleichem und auch noch häufigem Nachnamen in einer Millionenstadt eine Verbindung bestand. Sie wischte ihre Bedenken beiseite und konzentrierte sich auf die Straße.

      Elena wachte auf. Als sie die Augen aufschlug, war sie von tiefer Finsternis umgeben. Vor ihrem geistigen Auge lief die Szene ab, wie sie im Badezimmer stand und kaum noch etwas erkennen konnte, wie Hartwig sie gepackt hatte und mit ihr zum Krankenhaus gefahren war. Ihr wurde klar, dass sie ihr Augenlicht verloren hatte. Panik stieg in der jungen Frau auf. Sie blinzelte mehrmals, in der Hoffnung, dass alles wieder gut werden würde, doch nichts passierte.
      „Hallo.“
      Elena merkte, dass jemand sie anschaute.
      „Wer ... wer sind Sie?“
      „Ich heiße Andrea. Und Sie sind Elena, richtig?“
      „Wissen Sie, ob er hier war? War mein Bruder hier?“
      „Eben als Dr. Bader mir dieses Zimmer zugewiesen hat, stand jemand an Ihrem Bett, ja. Aber er war dann plötzlich verschwunden.“
      „Hat er mir eine Nachricht hinterlassen? Bitte, ich muss es wissen!“
      „Auf Ihrem Beistelltisch liegt nichts. Tut mir leid. Es muss schrecklich sein, wenn man erblindet.“
      Verärgert drehte sich Elena in die Richtung, aus der sie die Stimme vernahm: „Was wissen Sie schon? Ich hatte eine Karriere vor mir. Mein Fotograf hätte mich ganz groß rausgebracht. Jetzt ist alles vorbei.“

      Semir hatte Kopfschmerzen. Er öffnete die Augen. Wo befand er sich? Der Polizist benötigte einen Moment, bevor er wieder klar denken konnte. Jemand hatte ihn in einen Wagen gezerrt und betäubt. Semir befreite sich von der Decke, die über ihm lag und spähte nach draußen. Er konnte den Eingang eines Krankenhauses sehen.
      Ich muss nach vorne kommen und dort die Türen öffnen, dachte er.
      Noch etwas benommen schaffte er es auf die Rückbank des Autos, dann machte er einen Satz auf den Beifahrersitz. Er öffnete die Tür - und blickte in das vor Wut schäumende Gesicht von Hartwig Vogt!

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    • Es wurde bereits früh an diesem Abend dunkel. Ben saß ratlos in der Dienststelle und nippte an seinem Kaffee. Die Vogts waren ausgeflogen und hatten Semir als Geisel. In der Wohnung hatten sie nichts gefunden, was Ben auf eine Spur gebracht hätte. Simon Schmidt hatte keine Ahnung, wer seinen Namen missbraucht haben konnte. Gedankenverloren blickte Ben auf die Uhr. Schließlich griff er zum Telefon und wählte Susannes Nummer. Sie meldete sich erst nach dem fünften Rufzeichen.
      „König?“
      „Hier ist Ben. Hast du dich um Andrea gekümmert?“
      „Natürlich. Es geht ihr aber nicht besonders gut. Ich habe sie in ein Krankenhaus gebracht.“
      Ben horchte auf: „Mit Fieber gleich ins Krankenhaus?“
      „Fieber, starkes Kopfweh, Schwindelgefühle... Das Ganze nimmt sie sehr mit. Kein Wunder“, seufzte Susanne.
      „Was sagt der Arzt?“
      „Zuerst wollte er Andrea gar nicht aufnehmen. Das Krankenhaus ist restlos überbelegt und er hat sie nicht als Notfall angesehen. Ich musste etwas Dampf machen. Jetzt liegt sie im Zimmer neben einer gerade erblindeten jungen Frau. Schrecklich sowas.“
      „Erblindet?“
      Ben kramte auf dem Schreibtisch nach dem Beutel mit den sichergestellten Sachen aus der Wohnung der Vogts.
      Augentropfen. Augensalbe. Augencreme. Kontaktlinsen. Und die Nachbarin hatte beobachtet, wie Vogt seine Schwester zum Auto gebracht hatte.
      „Susanne, weißt du, wie die Frau heißt?“
      „Vogt. Ich glaube, Elena Vogt.“
      Ben sprang von seinem Stuhl auf.
      „Und war da noch jemand, als du Andrea in das Zimmer gebracht hast?“
      „Sag mal... War das tatsächlich die Schwester des Bankräubers? Ja, da war noch jemand, der ist dann aber verschwunden.“
      Hartwig Vogt, schoss es Ben durch den Kopf. Er wollte sich von seiner Schwester verabschieden. Aber möglicherweise hatte er Elena etwas über seinen Aufenthaltsort verraten. Ben beendete das Gespräch mit Susanne, nachdem sie ihm den Namen des Krankenhauses gennant hatte, schnappte sich seine Jacke und sprintete zu seinem Dienstwagen.

      Elena horchte in die Dunkelheit. Andrea schlief neben ihr. Sie hatte nachgedacht. Ihr Bruder war tot, der zweite auf der Flucht und sie konnte ihre Karriere vergessen. Ihr fiel kein Grund ein, noch länger zu leben. Für diese Geschichte würde es kein glückliches Ende geben. So leise wie möglich schälte sich die blinde Frau aus dem Bett und bewegte sich in die Richtung, aus der sie einen Luftzug spürte. Das Fenster war gekippt. Elena benötigte fast eine Minute, bis sie endlich den Fenstergriff erfasste und das Fenster komplett öffnen konnte. Ein kräftiger Wind blies ihr entgegen. Elena atmete noch ein paar Mal tief durch, dann stieg sie auf das Fensterbrett und tastete sich vorsichtig vor, bis sie den Rand des Simses erreicht hatte. Ihr Nachthemd flatterte. In diesem Moment vernahm sie hinter sich ein Geräusch.
      Andrea hatte sich aufgesetzt: „Elena?“
      Elena schluckte noch ein letztes Mal, dachte an ihre Brüder, ihre Eltern und ihre gemeinsamen Momente. Dann ließ sie sich fallen. Das Letzte, was sie hörte, war Andreas schriller Schrei.

      „Semir Gerkhan. Semir Gerkhan. Semir Gerkhan.“
      Semir schlug die Augen auf. Hartwig Vogt hatte ihn sofort niedergeschlagen, als er Semir in seinem Auto bei seinem Fluchtversuch erwischt hatte. Jetzt befand er sich in einer großen Halle. Seine ausgestreckten Arme waren mit Handschellen an ein Metallrohr gekettet. Hartwig schüttete ihm Wasser ins Gesicht. Semir musste husten, dann blickte er seinem Entführer in die Augen.
      „Endlich aufgewacht, Bulle! Wurde auch Zeit!“
      „Vogt... Was wollen Sie?“
      Mit finsterer Miene trat Hartwig an Semir heran: „Was ich will? Rache, Bulle. Rache für meinen Bruder und dafür, dass meine Schwester jetzt blind ist.“
      „Das ist doch Wahnsinn, Vogt. Sie machen alles nur noch schlimmer.“
      „Wahnsinn? Das ist Gerechtigkeit. Was wirst du erst sagen, wenn ich dir meinen Plan mitgeteilt habe?“
      „Vogt... Was immer Sie vorhaben... Mein Partner wird Sie schnappen.“
      „Das glaube ich kaum!“ Vogt lachte hämisch auf: „Und weißt du auch, warum? Er wird Matthias' Mörderin für mich umlegen! Vorausgesetzt, ihm liegt etwas an seinem Partner...“
      Hartwig wandte sich um und wollte den Raum verlassen, doch dann hielt er inne und sagte: „Sie liegt übrigens bereits im Krankenhaus.“
      Dann krachte die Tür hinter ihm zu.

      Hartwig rieb sich die Hände. Das hatte gut getan. Seine Rache hatte begonnen und er würde jede einzelne Minute genießen. Ihm war auf dem Weg zu der Hütte auch bewusst geworden, was er im Krankenzimmer von Elena gehört hatte. Jetzt galt es, Ben Jäger aufzuspüren.
    • Als Ben im ersten Stock aus dem Fahrstuhl stieg, bemerkte Andrea ihn sofort. Atemlos kam sie auf ihn zugerannt.
      „Ben... Sie hat sich einfach aus dem Fenster gestürzt!"
      „Wer? Elena Vogt?“
      Andrea blickte Ben verwundert an: „Woher weißt du das? Und wo ist Semir eigentlich?“
      „Semir... Also der verfolgt gerade eine andere Spur.“
      Das war nicht mal wirklich gelogen. Immerhin versuchte Semir hoffentlich gerade, Hartwig Vogt zu überlisten.
      „Komm mit!“
      Andreas Fieber schien sich verflüchtigt zu haben. Sie zog Ben in das Zimmer, in dem sie mit Elena gelegen hatte. In diesem Moment trafen auch zwei Kollegen ein, die sofort begannen, Elenas spärliche Hinterlassenschaft - ein paar Kleidungsstücke - zu durchsuchen. Ben lehnte sich aus dem Fenster und blickte nach unten. Er schauderte leicht. Ein großer Fleck kennzeichnete die Stelle, auf der Elena aufgeschlagen war. Elenas Leiche war bereits abtransportiert worden.
      „Wie hoch ist das hier...“, murmelte er vor sich hin.
      „Elena ist mit dem Kopf aufgeschlagen. Sie war sofort tot“, warf Andrea in Bens Grübelei ein.
      „Hm. Also ganz sicher Suizid?“
      „Ich habe sie zwar erst gesehen, als sie schon auf dem Sims stand, aber ich bin mir hundertprozentig sicher, dass hier sonst niemand war. Willst du mich vielleicht aufklären?“
      Ben haderte kurz mit sich. Dann beschloss er, Andrea zumindest die halbe Wahrheit zu sagen: „Elena war die Schwester der Bankräuber. Wahrscheinlich hat der Tod ihres Bruders und der Überfall selbst die Beziehung zwischen Hartwig Vogt und ihr stark belastet.“
      „Und Semir jagt Hartwig Vogt hinterher, ja?“, wollte Andrea wissen.
      „Ja, so ungefähr.“
      „Hartwig Vogt war hier. Hätte ich das gewusst...“ Andrea wurde bleich. Ihr wurde bewusst, dass Hartwig sie nur einen kurzen Augenblick näher ansehen hätte müssen, um zu begreifen, wer sie war.
      „Du konntest es ja nicht ahnen, Andrea. Wir kriegen ihn trotzdem. Vogt wird unvorsichtig. Die Kollegen meinten, die Nachbarin hat heute Abend mit ihm gesprochen. Er war in seiner Wohnung und hat einige Sachen geholt. Das Risiko war extrem hoch, dass wir ihn schnappen. Das ist nur noch eine Frage der Zeit. Übrigens... Wie steht das Fieber?“
      Ben wollte lieber das Thema wechseln.
      „Es geht. Ich fahre auch wieder nach Hause, habe gerade schon mit Susanne telefoniert. Lilly schläft schon, deswegen hole ich die beiden morgen früh wieder ab.“
      „Bist du sicher, dass du nicht hierbleiben willst?“
      „In diesem Zimmer finde ich heute Nacht garantiert keinen Schlaf mehr“, antwortete Andrea energisch.
      „Dann stelle ich dir wenigstens zwei Kollegen vor die Haustür.“
      Ben wandte sich zu den Kollegen: „Habt ihr was?“
      „Allerdings. Das hier steckte in ihrer Hosentasche.“
      Ben blickte auf ein kleines Foto.
      „Das gibt es doch nicht!“, stieß er verwundert aus.

      Es war ein Kinderspiel gewesen, die Tür mit dem Dietrich zu öffnen. Hartwig blickte sich noch ein letztes Mal um, ob auch wirklich kein Mensch in der Nähe war, dann betrat er die Wohnung des Hauptkommissars Ben Jäger. Er wusste nicht, wie viel Zeit ihm zur Vorbereitung blieb. Eile war geboten. Hartwig verschaffte sich einen kurzen Überblick mit seiner Taschenlampe. Er suchte den Kleiderschrank und fand ihn kurz darauf. Hartwig zog einige Sachen heraus und präparierte sie mit kleinen, handlichen Wanzen. Sein Bruder Matthias war ein Technik-Freak gewesen. Ständig hatte er in seinem „Labor“ kleine Dinge zusammengebastelt. Das kam Hartwig jetzt zugute. Anschließend platzierte er in jedem Zimmer Minikameras und begab sich schlussendlich hinter einem Sofa in Deckung. Jetzt hieß es Warten. Aber er hatte ja zum Glück einen Zeitvertreib bei sich...

      Semir war erschöpft. Er fühlte sich, als würde er seine Befreiungsversuche bereits seit Stunden durchführen. Immer wieder holte er mit den Beinen Schwung und versuchte irgendwie, seine Hände freizubekommen.
      Nach einem neuen missglückten Versuch hörte er plötzlich eine Stimme: „Sehr amüsant, Herr Kommissar. Nur weiter so. Ich amüsiere mich prächtig.“
      Ein Lautsprecher, dachte Semir verzweifelt. Hartwig Vogt beobachtete ihn offenbar pausenlos und gab dann auch noch seine Kommentare dazu ab.
      In Semir stieg Wut auf: „Wenn meiner Familie oder meinem Partner auch nur irgendwas passiert, dann mache ich Sie fertig, Vogt! Ich schwörs, Sie verdammtes Schwein!“
      „Oh, ich werde gar nichts tun. Aber Ihr Partner wird. Und zwar innerhalb der nächsten 24 Stunden“, ertönte prompt die Antwort aus dem Nichts.
      Semir biss die Zähne zusammen. Er musste seine Kraft sparen. Für den richtigen Augenblick.

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    • Ben hämmerte gegen die Tür.
      „Mach auf, Mensch! Du schläfst doch eh noch nicht. Das wäre mal was ganz Neues.“
      Die Tür öffnete sich. Markus Seifert stand gähnend vor seinem alten Kumpel und murrte: „Menschen ändern sich. Was willst du?“
      „Reinkommen. Jetzt.“
      Ben zwängte sich an Markus vorbei und blickte sich um. Seine Augen wurden groß. Markus hatte sich tatsächlich geändert. Ben hatte die Wohnung chaotisch und vermüllt in Erinnerung. Doch jetzt war alles geordnet und nirgendwo ein Staubkorn sichtbar.
      „Markus, kennst du dieses Foto?“
      Der Hauptkommissar hielt Markus das in Elenas Sachen gefundene Foto unter die Nase.
      „Ja, natürlich. Woher hast du das? Von Elena?“
      „Ganz genau. Ihr seid zusammen? Das hast du am Nachmittag nicht erzählt.“
      „Nein, nein. Und überhaupt, warum ist das wichtig? Kannst du mir mal erklären, was überhaupt los ist?“
      Markus ging noch etwas schlaftrunken zur Kaffeemaschine und schaltete sie ein. Kurz darauf standen zwei Tassen Espresso vor ihm und Ben.
      „Also?“
      „Wir suchen nach Hartwig Vogt. Er ist auf einem Rachefeldzug und hat meinen Partner als Geisel.“
      Markus blickte Ben betroffen an. Dann runzelte er die Stirn: „Und was habe ich damit zu tun?“
      „Wenn du mit Elena zusammen bist, dann hat sie dir vielleicht einen Ort verraten, an dem wir mit der Suche beginnen könnten. Die Geschwister stehen... standen sich sehr nahe. Bestimmt gibt es da Orte, die sie gemeinsam genutzt haben. Es zählt jede Minute, Markus!“
      „Hey, ist ja gut, aber wie gesagt, wir sind nicht zusammen.“
      „Dieses Foto beweist aber das Gegenteil.“
      Mit energischem Blick beugte Ben sich zu Markus über den Tisch: „Bitte!“
      „Na ja... Elena hat sich in mich verliebt. Aber ich ... ich arbeite täglich mit heißen Mädels und habe mir selbst geschworen, sofort Schluss mit dem Laden zu machen, wenn bei mir zu große Gefühle auftauchen. Zum Selbstschutz und um das Mädchen vor eventueller Untreue zu bewahren. Schwer zu erklären... Jedenfalls hat Elena mir ihre Liebe gestanden. Aber ich hatte keine Gefühle für sie. Ich habe ihr den Wunsch erfüllt, einen ganzen Tag mit ihr zu verbringen und da ist dieses Bild entstanden. Und danach haben wir beide beschlossen, einfach wieder bei Null anzufangen. Ich wollte sie nicht als Model verlieren und sie brauchte den Job.“
      „Und das wars? Wo wart ihr denn überall?“
      „Ach, im Stadtpark, am Dom, am Hafen, in einer Pizzeria... Nichts besonderes.“
      „Am Hafen? Haben die Vogts ein Boot?“
      „Weiß ich nicht. Wir waren nur spazieren. Elena hat mir eine alte hätte gezeigt, wo sie als Kind gerne gespielt hat.“
      „Was? Wo genau?“ Bens Anspannung stieg.
      „Keine Ahnung, am Hafen halt. Außerdem ist die Hütte mittlerweile gar nicht mehr begehbar und schon mehr oder weniger eingestürzt.“
      Hafen, dachte Ben. Vielleicht hatte den Eltern der Vogts ein Hausboot gehört oder zumindest irgendeine Lagerhalle. Einen Versuch war es wert...
      „Wo ist Elena denn jetzt? Auf dem Revier? Warum gehst du ihr nicht auf die Nerven?“
      „Das würde ich gerne, Markus. Aber leider geht das nicht mehr.“
      „Ist sie geflohen? Mit Hartwig?“
      „Nein. Sie ist tot.“
      Markus riss seine Augen auf und blickte Ben schockiert an.
      „Sie hat Selbstmord begangen.“
      „Aber w-wa-warum?“
      „Elena hatte eine Augenkrankheit. Vor ein paar Stunden ist sie erblindet. Offenbar eine Kurzschlussreaktion.“
      Ben konnte eine Träne in Markus' Auge erahnen.
      „Ich fasse es nicht...“

      Wenig später verabschiedete Ben sich von Markus. Er war sich sicher, dass sein alter Freund ihm etwas verschwieg. Gleichzeitig wusste er, dass es keinen Sinn hatte, Markus jetzt ins Kreuzverhör zu nehmen.
      Er rief Hartmut an und bat ihn herauszufinden, ob die Familie Vogt ein zweites Grundstück besaß. Bens Magen knurrte. In den vergangenen Stunden hatte er keinen Gedanken ans Essen verschwendet. Da er gerade bei seiner Wohnung vorbeikam, beschloss er, sich schnell ein paar Snacks zu machen. Ben bemerkte nicht, dass jemand sich am Türschloss zu schaffen gemacht hatte. Der Autobahnpolizist betätigte den Lichtschalter und ging zum Kühlschrank. Gerade wollte er ihn öffnen, als er plötzlich ein Geräusch wahrnahm. Atmete jemand? Ben horchte und zog langsam seine Waffe hervor. Er ging langsam in Richtung Fernseher und lauschte erneut. Nichts. Doch jetzt nahm er hinter sich einen Schatten wahr. Ben wandte sich um, war jedoch zu langsam: Ein Schlag und ein Tritt setzten ihn für einen Augenblick außer Gefecht. Dieser Moment reichte dem Eindringling. Er nahm Bens Waffe an sich und hielt sie ihm an den Hinterkopf.
      „Keine Dummheiten, Bulle! Sonst wird dein Partner es büßen...“
    • „Kennst du das hier?“
      Ben schnappte nach Luft. Hartwig hielt ihm ein Foto von Andrea vor die Nase. Semir trug es in seinem Portemonnaie bei sich. Er musste cool bleiben. Hartwig sollte nicht das Gefühl auskosten können, Macht zu haben.
      „Sieht toll aus“, erwiderte er lapidar.
      Hartwig verpasste ihm mit der Faust einen Schlag unter das Kinn.
      „Reiß keine blöden Sprüche, Jäger. Die werden dir gleich eh vergehen.“
      Ganz ruhig sah Hartwig abwechselnd auf seine Armbanduhr und auf den mit auf den Rücken gefesselten Armen auf dem Sofa sitzenden Polizisten.
      „Zwei Sachen wirst du für mich erledigen, Jäger. Zwei klitzekleine Aufgaben. Zumindest, wenn du nicht willst, dass dein Partner einen bedauerlichen tödlichen Unfall haben wird...“
      Ben spuckte ihm vor die Füße: „Sie bewegen sich auf zu dünnem Eis, Vogt. Sie sind schon so gut wie verhaftet. Wollen Sie es noch schlimmer machen?“
      Hartwig grinste ihn an: „Oh nein, oh nein, mein Teil ist getan. Jetzt übernehmen Sie.“
      „Nen Scheiß werd ich.“
      Hartwig zückte ein kleines Gerät aus seiner Jackentasche.
      „Weißt du, was das ist, Bulle?“
      „Ein Walkie-Talkie?“
      „Ein Elektroschockgerät. Ein ganz nettes Spielzeug. Findest du nicht auch? Vielleicht möchtest du mir jetzt zuhören und die Schnauze halten?“
      Ben blickte ihn geringschätzig an.
      „Schön. Du hast 24 Stunden, um zwei Dinge zu tun. Erstens holst du meine Schwester aus dem Krankenhaus hierher. Und zweitens tötest du ... diese Person.“
      Hartwig hielt Ben das Foto von Andrea direkt unter die Nase.
      „Glauben Sie, das macht ihren Bruder wieder lebendig?“
      „Nein. Aber das ist dann Gerechtigkeit.“
      Ben schüttelte ungläubig den Kopf: „Mann, Vogt. Sie sind krank.“
      Hartwig zeigte Ben den Bildschirm, auf dem er Semirs Versuche beobachtet hatte, sich zu befreien.
      „Du kannst wählen, ob dein Partner einen qualvollen Tod sterben soll, oder Matthias' Mörderin. Du hast ab jetzt genau 24 Stunden Zeit. Um Mitternacht ist Familie Gerkhan um ein Mitglied ärmer. Es liegt in deiner Hand, wer betroffen sein wird. Überlege es dir...“
      Hartwig zog die verwanzten Klamotten aus einer Kiste: „Anziehen. Das wirst du in den nächsten 24 Stunden tragen. Deine Klamotten sind verwanzt, deine Wohnung ist mit Kameras ausgestattet und die hier wirst du auch aufsetzen.“
      „Eine Brille? Was soll ich damit?“
      „In der Brille ist eine Kamera eingebaut. Wenn du versuchst, Nachrichten zu schreiben, stirbt dein Partner. Wenn du mit jemandem darüber sprichst, stirbt dein Partner. Wenn deine Klamotten oder die Brille zufällig verloren gehen, stirbt dein Partner. Aber natürlich will ich auch noch etwas von der Sache haben. Du wirst die Bullenbraut überwältigen und hierher bringen. Und dann wirst du ihr das hier verabreichen.“
      Hartwig hielt eine Spritze hoch.
      „Dieses Gift führt zu einem langsamen, qualvollen Tod...“
      Bens Gegenüber lächelte bei dem Gedanken daran, wie sein Opfer vor Schmerzen auf dem Boden liegen würde.
      „Wenn du es geschafft hast, treffen wir uns hier.“
      Hartwig durchtrennte Bens Fesseln und zwang ihn, die Brille aufzusetzen und die Klamotten anzuziehen. Er nahm ihm sein Handy ab. Dann verschwand er, die Waffe auf den Polizisten gerichtet, bis er an der Tür angekommen war. Ben kam das alles wie ein schlechter Traum vor. Er brauchte einen Plan.

      Endlich öffnete sich die Tür der Halle wieder. Semir blickte in das breit grinsende Gesicht von Hartwig Vogt. Er rollte einen Fernseher vor Semir, schloss eine digitale Kamera an und kurz darauf konnte seine Geisel die Wohnung von Ben Jäger auf dem Bildschirm erkennen.
      „Er wird es tun, Bulle. An wem liegt ihm wohl mehr? Was denkst du?“
      „Sie sind ein gottverdammtes Ar...“
      Hartwig stoppte Semirs Wutanfall, indem er ihn mit einem breiten Klebebandstreifen knebelte.
      „Ich werde meine Rache genießen, das schwöre ich dir. Bis zur letzten Sekunde.“

      Ben kauerte auf dem Sofa und starrte in die Luft. In Gedanken spielte er alle möglichen Wege durch, Semir und Andrea zu retten. Gleichzeitig wusste er, dass Vogt nicht zögern würde, Semir zu töten, sobald er Verdacht schöpfen würde. Ben wurde klar, dass er das tödliche Spiel zunächst mitspielen musste.
      Der Polizist verließ die Wohnung und öffnete die Tür seines Wagens und stieg ein.
      „Du solltest dich zunächst um meine Schwester kümmern.“
      Ben sah nach hinten. Dann wurde ihm klar, dass Vogt auch den Wagen präpariert haben musste.
      Früher oder später würde er natürlich erfahren, dass Elena längst tot war. Doch jetzt wusste Ben nicht, ob Vogt austicken und Semir umbringen würde, wenn er ihm deutlich machte, dass sie Suizid begangen hatte. Ben lenkte den Wagen in Richtung Krankenhaus. Er musste sich etwas einfallen lassen. Als er nach rechts blickte, entdeckte er seine Rettung.
      „Ich muss erst tanken“, informierte er Vogt.
      Nachdem Ben den Dienstwagen vollgetankt hatte, bewegte er sich mit einem kleinen Schlenker nach rechts zum Tankstelleneingang. Er wollte unbedingt zwei dunklen Gestalten auffallen, die rauchend genau in seinem Weg standen. Ben hatte sie vor vier Jahren verhaftet. Es war das Ende einer langen Diebstahlserie gewesen. Offenbar waren sie frühzeitig entlassen worden. Der Hauptkommissar machte sich so bemerkbar wie möglich und ließ, als er sich an Uwe, dem Größeren der zwei Ex-Gefängnisinsassen vorbeidrängte, seinen Autoschlüssel geräuschlos auf dessen Schuh fallen, sodass kein verräterisches Geräusch erzeugt wurde. Er bemerkte, wie Uwe Luft holte, um ihm etwas hinterherzurufen, doch dann kam kein Satz aus seinem Mund. Ben triumphierte. Nachdem er bezahlt hatte, trat er zufrieden zurück zu der Stelle, an der bis eben noch sein Auto gestanden hatte.
      „Verdammt“, fluchte er für Hartwig, konnte sich aber ein leichtes Grinsen nicht verkneifen. Er brauchte Zeit. Zeit, um sich einen guten Plan zurechtzulegen.
    • Sorry für die lange Pause, der Teil mir war gestern noch nicht ausgereift genug... ;)


      „Wow, kommst du auch mal. Ich habe dich schon vor einer Stunde versucht, zu erreichen.“
      Ben war kam aus dem Taxi gestiegen, als Hartmut schon begann, ihm Vorwürfe zu machen.
      „Ich will vielleicht auch mal Feierabend machen, Ben. Übrigens, momentan beschäftige ich mich mit...“
      „Ist gut, Hartmut. Also, was hast du herausgefunden?“
      „Die Vogts haben tatsächlich ein Hausboot...“
      „Super. Wo?“
      „... gehabt. Das ist dann in den Besitz eines gewissen Klaus Jeschen übergegangen. Ich habe mit ihm telefoniert. Er konnte es den Vogts relativ billig abkaufen und hat ihnen deswegen zusätzlich erlaubt, sein Ferienhaus zu nutzen, wenn er es nicht tut. Übrigens, seit wann hast du denn ne Brille?“
      „Seit heute.“
      „Aha. Sehschwäche?“
      „Hmm. Wo liegt denn dieses Ferienhaus?“

      „Mach dir keine Hoffnungen, Bulle, dass du deinen Partner findest. Du klaust jetzt ne Karre und fährst endlich zum Krankenhaus! Los!“
      „Vogt, glauben Sie, dass Sie damit durchkommen?“
      „Schnauze! Und jetzt los, der Audi dort lächelt mich an.“
      Langsam überquerte Ben die Straße. Es hatte während seines Besuches in der KTU zu schneien angefangen. Der Polizist blickte sich um. Niemand war zu sehen. Allerdings stand das Auto direkt vor dem Eingang eines Restaurants. Es brannte auch um diese späte Stunde noch Licht dort. Ben blinzelte. Es sah nach einer Hochzeitsgesellschaft aus, die nicht viel vom Sparen hielt. Zahllose Flaschen Rum, Whisky, Champagner und Wein standen auf den Tischen. Da lohnte es sich natürlich, länger geöffnet zu haben.
      „Bulle. Deine Zeit läuft ab. Schlag die Beifahrerscheibe ein. JETZT!“, riss Hartwigs aggressive Stimme Ben aus seinen Gedanken.
      Nur widerwillig befolgte Ben die Anweisung. Es klirrte - und eine Alarmanlage schrillte los, so laut, dass man es auch im Restaurant hören konnte. Ben öffnete die Tür, stieg hastig ein und erstarrte. Der Schlüssel steckte.
      „Fahr los, Bulle. Oder willst du, dass die wütende Meute dich abgreift?“
      Endlich fand Ben den Schalter, um den Alarm zu stoppen. Er fuhr los, gerade als die ersten Gäste der Gesellschaft an der Tür rütteln wollten.
      „Ich hatte noch eine kleine Rechnung mit dem Typen offen, dem das Auto gehört. Jetzt sind wir quitt.“
      „Sie benutzen wohl gerne Marionetten?“
      Noch während Ben sprach, ratterte es in seinem Kopf. Vogt musste irgendwie an den Schlüssel gekommen sein. Folglich hatte er ihn im Restaurant gestohlen, dann das Auto aufgebrochen und ihn im Schloss platziert. Folglich war er vielleicht gar nicht mehr bei Semir.
      „Übrigens, bevor du dir den Kopf zerbrichst oder irgendwelche Hoffnungen machst, er war früher mein Kumpel. Ich hatte noch einen Ersatzschlüssel. Den hat er wohl vergessen und nie zurückgefordert. So ein Pech aber auch. Möchtest du deinen Partner mal hören?“
      „Ben? Tu nichts, was der Scheißkerl sagt. Nichts, hörst du?”
      Ben hätte Vogt am liebsten angeschrien. Er spielte mit ihm und Semir. Gleichzeitig wusste er, dass das nichts bringen würde.
      Plötzlich blinkte etwas im Rückspiegel auf. Blaues Licht. Nein, nicht eines. Viele blaue Lichter.
      „Verdammt, immer wenn man die Kollegen braucht, sind sie nicht da und umgekehrt“, fluchte er.
      „Die würde ich an deiner Stelle mal ganz flott wieder loswerden.“
      Ben beschleunigte. Während drei Polizeiwagen hinter ihm blieben, setzten sich zwei links und rechts neben ihn. Die altbekannte Kelle wurde aus dem Beifahrerfenster des linken Wagens geschwenkt.
      Ben blickte auf den Tacho, der bereits fast 180 km/h anzeigte. Er brauchte so etwas wie eine Straßensperre, und das schnell.
      Er bog scharf nach rechts und fuhr direkt auf eine Baustelle zu. Das Stoppschild stellte den Audi mit dieser Geschwindigkeit vor keine großen Probleme. Ben fuhr so durch den aufgehäuften Sand, dass dieser direkt auf den Autos hinter ihm landete.
      „Drück den großen roten Knopf unter dem Radio“, ertönte die nächste Anweisung von Hartwig.
      Ben überlegte nicht lange. Sofort breitete sich hinter ihm dichter Nebel aus. Er hörte, wie zwei Wagen zusammenkrachten.
      „Sorry, Jungs“, murmelte der Kommissar.
      Ben wendete den Wagen nach links direkt auf den verglasten Eingang eines Einkaufszentrums zu. Es lag völlig im Dunkeln, aber Ben kannte es gut. Wenn er sich mit einem kleinen Vorsprung absetzte, konnte er auf der anderen Seite erneut die Nebelmaschine einsetzen. Ben gab Gas. Im Weg stehende Blumenkübel und Banken nahm er mit und es gelang ihm tatsächlich, den Wagen links von ihm mit Blumenerde zu bespritzen. Durch die eingeschränkte Sicht verlor der Fahrer die Kontrolle, der Wagen rollte nach links und kam erst im Eingang einer Buchhandlung zum Stehen. Der letzte übrige Fahrer war sehr viel geschickter und ließ sich nicht abschütteln. Ben raste auf das Ende des Zentrums zu, durchbrach den Ausgang und setzte Nebel hinterher, bevor er scharf nach rechts abbog und anschließend noch durch einige am Straßenrand stehende Obstkisten fuhr. Als der Nebel sich verflüchtigt hatte, sah Ben, dass auch der letzte Verfolger abgeschüttelt war.
    • Das Krankenhaus war noch schwach beleuchtet, als Ben den Audi davor parkte. Er schluckte schwer, atmete noch einmal tief durch und stieg aus.
      Das Gebäude wirkte in der Dunkelheit noch deutlich imposanter als am Tag. Ben nahm den Haupteingang. Die Rezeption war nicht besetzt.
      „1. Stock, Zimmer 117.“
      „Ich weiß, danke“, gab Ben gereizt zurück.
      Der Flur auf Station 1 war gähnend leer. Offenbar war die Nachtkrankenschwester gerade in einem der Zimmer. Das schwache Licht genügte gerade so, um die Aufschrift des neben der Tür zu Zimmer 117 angebrachten Metallschildes entziffern zu können. Mit klopfendem Herzen sah Ben noch einmal nach links und rechts und war gerade dabei, die Klinke herunterzudrücken, als er zwei aufgeregte Stimmen vernahm. Sie kamen direkt aus Elenas ehemaligem Zimmer.
      „Die Klinik ist nicht weit. Wir müssen es schaffen.“
      „Muss diese Frau wirklich mitten in der Nacht verlegt werden?“
      „Es zählt jede Minute. Zum Glück arbeitet meine Freundin dort. Sie hat mir unmissverständlich klar gemacht, dass man der Patientin dort vielleicht noch helfen kann. Moderne Methoden und so weiter. Also los jetzt.“
      „Wenn das mal nicht Ärger gibt...“
      „Den gibt es garantiert nicht, wenn sie ihr Augenlicht wiedererlangt. Der Wagen steht unten schon bereit. Schwester Irma passt solange auf die anderen Patientin auf Station 1 auf.“
      Schon näherten sich Schritte. Ben reagierte sofort und zog sich in einen toten Winkel zurück. Ihm wurde klar, dass er nur eine Chance hatte: Er musste den nächtlichen Krankentransport überfallen.

      Kurz darauf heftete sich Ben mit dem Audi an die Stoßstange des Krankenwagens. Er unterdrückte einen Anflug von Müdigkeit, denn er brauchte seine Konzentration jetzt mehr denn je. Hartwig war mit dem Plan des Autobahnpolizisten einverstanden gewesen. Jetzt schwieg er. Schließlich bog der Wagen auf eine vollkommen leere Straße ein. Ben setzte zum Überholen an und verschaffte sich einen kleinen Vorsprung. Jetzt oder nie: Die Nebeldüsen zündeten und kurz darauf hörte Ben die quietschenden Bremsen des Krankenwagens. Er stieg aus, bevor das Auto den Audi leicht streifte und zum Stehen kam. Hastig riss Ben die Fahrertür auf.
      „Raus! Sofort raus!“
      Der Fahrer und die Beifahrerin waren völlig überrascht. Sie leisteten auch ohne vorgehaltene Waffe kaum Widerstand. Ben zog den langsam aussteigenden Fahrer von seinem Platz, stieg ein und gab Gas. Ehe die Mitarbeiter auf die Idee kommen konnten, den Audi zur Befolgung einzusetzen, war der Hauptkommissar bereits einige Straßenecken weiter.
      „Brillant. Und nun kümmere dich um die liebe Frau Gerkhan, Bulle!“

      Im Haus der Familie Gerkhan waren alle Lichter erloschen. Ben parkte den Krankenwagen in einer nicht einsehbaren Hecke, stieg aber nicht aus.
      „Du MUSST es tun, Jäger. Entscheide dich. Dein Partner oder seine Frau. Wer bedeutet dir mehr?“
      „Sie sind ein elender Scheißkerl, Vogt. Für die Nummer hier sitzen Sie den Rest Ihres Lebens im Knast“, entgegnete Ben, während er einen Blick auf das Haus warf.
      „Ich denke eher, DU wirst lange sitzen. Auf jeden Fall bist du deinen Posten als Autobahnpolizist los.“
      „Ben! Hörst du mich? BEN! Tu es nicht!“
      „Hörst du, Bulle? Leg los!“
      Ben stieg aus, schlug die Autotür zu und öffnete die Hecktür. Er warf nur einen flüchtigen Blick auf die schlafende junge Frau und machte sich dann an die Durchsuchung des Equipments. Schnell fand er, wonach er suchte: flüssiges Betäubungsmittel, das er in einen Lappen goss. Ben wusste, wo Semir einen zweiten Schlüssel versteckt hatte. Alles passte - Ayda und Lilly waren nicht da, Andrea war ganz allein.
      Lautlos schlich sich Ben im Schein einer kleinen Taschenlampe aus dem Krankenwagen zum Schlafzimmer des Ehepaars. Andrea schlief ahnungslos tief und fest. Ben tastete sich so nah wie möglich an sie ran. Dann ging alles ganz schnell: Er setzte Andrea mithilfe des Lappens innerhalb von Sekunden außer Gefecht und wuchtete sie hoch. Das war nicht ganz einfach, doch im Laufe seiner Polizeikarriere hatte er schon wesentlich schwerere Personen tragen müssen. Dennoch dauerte es einige Minuten, bis Ben Andrea endlich in den Krankenwagen verfrachtet hatte, nicht zuletzt, weil er sich ständig umblickte, ob ihn jemand beobachtete.
      „Na siehst du, Bulle. War doch gar nicht so schwer! Jetzt fährst du brav nach Hause zum großen Finale. Ich bringe dir auch jemanden mit. Bis gleich!“
      Ja, dachte Ben mit finsterer Miene, bis gleich.
      Er startete den Motor und fuhr langsam in die Richtung seiner Wohnung. Immer wieder drehte Ben sich um und vergewisserte sich, dass sich im hinteren Teil des Wagens nichts rührte. Er wusste, er würde das Unvermeidliche nicht mehr lange herauszögern können...
    • Ein kalter Windhauch strich um Bens Nase, während er die noch immer reglose Andrea vorsichtig ins Haus trug. Hartwig erwartete ihn bereits ungeduldig. Er hatte Semir mit Handschellen an die Heizung im Wohnzimmer gefesselt. Behutsam legte Ben dessen Frau auf dem Sofa ab und blickte Hartwig anschließend kopfschüttelnd an: „Ich werde es nicht tun, Vogt. Es reicht jetzt. Lassen Sie doch diesen Schwachsinn. Davon wird Matthias auch nicht wieder lebendig.“
      „Was spielt das für eine Rolle? Du hast jetzt die Wahl, Bulle.“
      Hartwig entsicherte seine Waffe und richtete sie direkt auf Semirs Stirn.
      Semir blickte Ben nur verzweifelt an. Er wollte etwas sagen, doch er bekam keinen Ton heraus.
      Hartwig reichte Ben die Spritze.
      „Weißt du, Bulle, was es bedeutet, das zu verlieren, was man am meisten schätzt? Meine Geschwister und ich hatten es nach dem Tod unserer Eltern nie leicht. Wir haben eine Scheißzeit durchgemacht. Aber wir haben uns gegenseitig Halt gegeben. Jede noch so kleine Hürde konnten wir gemeinsam überwinden. Und dann kommt da einfach jemand daher und zerstört alles innerhalb einer Sekunde.“
      Hartwig ließ für einen Moment von Semir ab und kam mit seinem Gesicht Ben unheimlich nahe: „Man hätte uns einfach ziehen lassen müssen. Dann könnte Elena jetzt noch sehen und Matthias würde noch leben. Niemand wäre zu Schaden gekommen, Jäger!“
      „Vogt, ihr Bruder hat mit der Waffe auf mich angelegt. Ist das Ihre Definition von 'Niemand kommt zu Schaden'?“, fragte Semir vor Wut schäumend.
      Hartwig drehte sich zu Semir: „Matthias ist manchmal unberechenbar. Aber er hätte niemals abgedrückt. ER wusste, womit er unser Glück zerstört hätte. Aber Ihre Frau...“
      „Es reicht, Vogt.“
      Ben warf sich von hinten auf den überraschten Hartwig und stieß ihn zu Boden. Er packte ihn am Genick, doch Hartwig bekam einen Arm frei und nutzte die Chance, seinem Gegner die Faust unter das Kinn zu rammen. Nur für einen Augenblick ließ Ben locker. Das genügte, um den Spieß umzudrehen. Mit seinem vollen Gewicht schleuderte Hartwig Ben nach unten. Der Polizist bekam nur dessen Jacke zu fassen. Hartwigs Finger umschlossen Bens Hals. Er schnappte nach Luft.
      „Ja, ich tu's. Ich mach's! Ich bring sie um!“, bekam Ben mit letzter Kraft heraus.
      Hartwig ließ von ihm ab. Er griff nach der Spritze, die bei dem Kampf zu Boden gefallen war und drückte sie dem Hauptkommissar in die rechte Hand. Semir blickte seinen Partner mit offen stehendem Mund und einem fassungslosen Gesichtsausdruck an: „Nein, Ben. NEIN!“
      Andrea regte sich auf dem Sofa. Sie öffnete die Augen und sah zunächst Hartwig, der sie hasserfüllt anstarrte.
      Dann erblickte sie Ben, der - die Spritze fest umklammert - langsam auf sie zuging.
      „Andrea! Lauf!“, keuchte Semir und zerrte an den Handschellen.
      „Was... was wird das?“ Ungläubig sah Andrea zwischen Semir und Ben hin und her.
      „Ganz ruhig, Andrea. Bleib ganz ... entspannt.“
      Ben wurde bei seinen eigenen Worten schlecht. Er musste sich entscheiden. Hier und jetzt.
      „Ich zähle jetzt bis fünf. Wenn du ihr die Spritze dann noch nicht verpasst hast, mache ich kurzen Prozess“, riss Hartwig ihn aus seinen Gedanken.
      Andrea verfiel in einen Schockzustand. Sie konnte den Blick nicht von der Spritze in Bens Hand lösen.
      Über Semirs Wange rollte eine Träne. „Eins.“
      Ben blickte noch einmal auf die Giftspritze und brachte sie in korrekte Position.
      „Zwei.“
      Hartwig kam näher an Andrea heran und grinste teuflisch.
      „Drei.“
      Andrea realisierte panisch, was Ben vorhatte. Ihre Augen weiteten sich. Sie versuchte, aufzustehen, doch ihre Beine wollten nicht.
      „Vier.“
      Ben griff nach Andreas Arm und setzte die Spritze an.
      „Ben! Er wird mich nicht gehen lassen, wenn du das tust! Lass es! BEN!“
      „Fünf.“
      Ben schloss die Augen. Dann entlud er die Spritze im Arm von Semirs Frau.
      „NEEEIIIN!“, jaulte Semir fassungslos auf.
      „Herzlichen Glückwunsch, Bulle. Jetzt gibt es keine Hoffnung mehr für sie...“
    • Die Tür flog auf. Hartwig starrte ungläubig auf die Person, die im Türrahmen stand und sich mit den Händen vortastete.
      „E-Elena...“
      „Hartwig? Was hast du getan?“
      Elena kam näher. Ben riss die Augen auf.
      „Du hast alles zerstört, Hartwig...“
      „Elena... Ich wollte nur...“
      „Rache? Wie konntest du nur!“
      Elena zog eine Waffe.
      „Das wagst du nicht“, brachte Hartwig keuchend heraus.
      „Komm her. Komm her und sieh mir in die Augen!“
      Semir wusste nicht, wohin er schauen sollte. Sein Blick wanderte von Andrea zu Ben und von Ben zu Hartwig, der entschlossen auf seine Schwester zuging.
      „Ich habe es für dich getan, El. Nur für dich“, redete Hartwig beruhigend auf sie ein.
      Er blickte ihr in die Augen - und erstarrte.

      Kim Krügers Büro platzte wenige Stunden später aus allen Nähten. Sie saß Semir, Ben, Jenny, Hartmut, Staatsanwältin Schrankmann und Andrea gegenüber und blickte sie erwartungsvoll an.
      „Wo soll man da anfangen...“, ergriff Ben schließlich das Wort.
      „Gerne am Anfang. Ich bin immer noch völlig fertig, Partner“, entgegnete Semir.
      „Nun ja, als ich Hartmut in der KTU besucht habe, fiel mir dieses Plakat an der Wand auf.“
      „Das Thema, mit dem ich mich gerade beschäftige, von dem du aber so gar nichts wissen wolltest“, warf Hartmut ein.
      „Weil es meine einzige Chance war. Morsezeichen.“
      „Morsezeichen? Wäre Vogt das nicht aufgefallen?“, wollte Frau Krüger wissen.
      „Nicht, wenn man das in Blinzelzeichen überträgt. Und diesbezüglich hat Hartwig Vogt mit sogar geholfen. Durch meine neue Brille war Hartmuts Aufmerksamkeit ohnehin auf meine Augen gerichtet. Ich habe also nur im Augenwinkel das Poster betrachtet, damit es Hartwig nicht auffällt und angefangen, eine Nachricht zu blinzeln. Ich weiß schon gar nicht mehr, was ich eigentlich gesagt habe.“
      „Ich schon. Du hast gesagt: SOS, Vogt hat Semir, soll Elena aus KH holen und Andrea mit Spritze Gift, brauche neue Elena und Spritze.“
      „Grammatikalisch natürlich sehr korrekt“, kommentierte Jenny augenzwinkernd.
      „Tja, Frau Krüger“, fuhr Hartmut fort, „also habe ich Sie, Andrea, Jenny und Dieter informiert und Ben heimlich einen Sender an die Hose geheftet, damit ich ihn jederzeit orten konnte.“
      „Und dann hast du mir die Kollegen auf den Hals gehetzt.“
      „Nur um Zeit zu schinden und Vogt in Sicherheit zu wiegen. Er sollte glauben, er hätte die volle Kontrolle über die Situation. Eigentlich sollten sie dich nur kurz verfolgen und dann aus den Augen verlieren.“
      „Stattdessen haben Sie mal wieder ein nicht zu verachtendes Chaos hinterlassen, Jäger!“, schaltete sich Frau Schrankmann ein.
      Etwas verlegen blickte Ben auf den Boden. Glücklicherweise kam Jenny ihm zu Hilfe, indem sie das Thema wechselte: „Meine Freundin Ramona ist Maskenbildnerin. Ich musste ihr nur ein Bild von Elena Vogt zeigen und schon hat sie mich verwandelt, wie man immer noch ganz gut sehen kann. Ein Anruf beim Krankenhaus und kurz darauf lag ich in Elenas Ex-Krankenbett. Und als Ben die Klinke runterdrückte, waren die beiden Angestellten des Krankenhauses mit ihrem Part an der Reihe, dass Elena verlegt werden müsste. Und zum Glück hat Ben richtig geschaltet.“
      Anerkennend klopfte Semir seinem Partner auf die Schulter.
      „Und das Betäubungsmittel für Andrea war in Wirklichkeit Leitungswasser?“, hakte die Chefin nach.
      „Ja. Ich wusste erst nicht, wonach ich suchen sollte, und dann sah ich diese Ampulle mit der Aufschrift „2 5 14 Cl“, erwiderte Ben.
      „Cl ist das chemische Symbol für Chlor“, erklärte Hartmut den fragenden Gesichtern in der Runde.
      „Ah, und 2 5 14 bezog sich auf den Fall von vor ein paar Monaten, nicht wahr? Da ging es doch um irgendwelche Verschlüsselungstaktiken von Nachrichten und 2 5 14 bedeutet 'Ben', wenn man jeder Zahl den an dieser Stelle vorkommenden Buchstaben zuordnet“, schlussfolgerte Semir.
      „Korrekt“, bestätigte Ben, „aber das Schwierigste stand mir dann noch bevor: Ich musste die Spritzen austauschen.“
      „Moment, aber Spritze ist doch nicht gleich Spritze. Vogt hätte den Unterschied doch bemerken können“, wandte Isolde-Maria Schrankmann ein.
      „Daran hatte ich auch gedacht. Das richtige Stichwort war die Chemiefabrik Raabe & Köhler. Vogt kannte das Parkhaus genau, weil er selbst dort gearbeitet hat. Und von dort hat er auch das Gift und die Spritze gestohlen. Als ehemaliger Mitarbeiter wusste er ja, wie man sich dort unauffällig verhält. Mittlerweile hat er gestanden, dass er dazu den Moment genutzt hat, als Ben im Parkhaus den Ausgang gesucht hat. Ich habe den Chef in der Nacht aus dem Bett geklingelt und er hat mir die zweite Spritze ausgehändigt“, erklärte Hartmut.
      „Die ich dann vorsichtig eingesteckt habe, als mein Blick im Krankenwagen auf 'Elena' und Andrea fiel.“
      „Und in deiner Wohnung hast du dann den Kampf inszeniert, um die Spritzen auszutauschen?“, fragte Jenny.
      Der Polizist nickte: „Dein Auftritt war aber auch wirklich klasse. Vogt war so geschockt, als er bemerkt hat, dass du nicht seine Schwester bist, dass er nicht mal Widerstand bei der Festnahme geleistet hat. Meinen Respekt.“
      Jenny zwinkerte geschmeichelt.
      „Ich dachte wirklich, du hättest völlig den Verstand verloren“, meinte Semir, „aber immerhin hätte es auch sein können, dass du die Spritzen bei deinem Kampf selbst wieder vertauscht.“
      „Zum Glück hatte ich für diesen Fall vorgesorgt und einen kleinen Aufkleber mit einem roten Pfeil auf die Spritze geklebt. Das hat Hartwig in seiner Rachsucht nicht bemerkt“, widerlegte Hartmut Semirs Sorge.
      „Du hättest übrigens ruhig etwas weniger mit dem Lappen zudrücken können“, klagte Andrea und betastete ihre Stirn.
      „Sorry. Aber vielen Dank, dass du deine Rolle so gut gespielt hast. Allerdings wüsste ich noch gerne, wo Hartwig dich eigentlich versteckt hat. Im Ferienhaus von Jeschen?“
      „In einer alten Lagerhalle am Hafen.“
      „Achso“, erwiderte Ben und lehnte sich zurück.
      „Bleibt die Frage, was Sie eigentlich mit Ihrem Dienstwagen gemacht haben, Jäger“, fragte die Staatsanwältin mit scharfem Ton.
      „Nun ja...“
      Ben erhob sich von seinem Stuhl und gähnte.
      „Ich glaube, ich brauche jetzt dringend ein paar Stunden Schlaf. Den Bericht kann ich ja dann morgen abliefern, oder?“
      Schnell schritt Ben zur Tür.
      „Moment, Jäger, was soll das heißen? Jäger!“, rief Kim Krüger Ben hinterher.
      Die Tür schlug zu. Andrea, Hartmut und Jenny mussten grinsen.
      „Ich bin froh, dass es vorbei ist. Fährst du mich zu Susanne und den Kindern, Schatz?“
      „Natürlich. Dann bis später, Frau Krüger.“
      Semir schnappte sich seine Jacke und folgte seiner Frau. Gleich darauf verabschiedeten sich auch Jenny und Hartmut.
      Frau Krüger schüttelte nur augenverdrehend den Kopf und zwang sich gegenüber Frau Schrankmann zu einem Lächeln.
      „Noch etwas Tee?“

      Es war später Abend, als Markus Seifert die Tür seines „Schuppens“ abschloss und zu seinem Auto gehen wollte.
      „Du wolltest mir noch was sagen.“
      Markus drehte sich um und blickte Ben Jäger in die Augen.
      „Lust auf nen Kaffee?“
      Der Fotograf nickte stumm.
      Kurz darauf saßen die alten Kumpels in einem Café gegenüber von Markus' Studio.
      „Du hast Recht. Mir ist erst vor ein paar Tagen klar geworden, dass mir Elena doch sehr viel mehr bedeutet, als ich mir selbst eingestanden habe. Ich wollte es ihr sagen...“
      Markus nippte an seiner Tasse, dann fuhr er fort: „aber dann ging es ihr plötzlich so schlecht und sie brach auf. Ganz hastig, ohne sich wirklich zu verabschieden. Und dann kamst du auf einmal und... Und ich habe dir nicht erzählt, dass wir gar nicht in bei einer eingestürzten Hütte waren, sondern in so einer Lagerhalle am Hafen. Elena hat gesagt, die würde schon nicht mehr benutzt werden, seit sie denken kann. Sie hat mit ihren Geschwistern dort oft Verstecken gespielt, als sie klein waren und später war es deren Rückzugsort, wenn es mal Stress gab. Ich war einfach in diesem Moment so gereizt, weil ich mit Elena noch nicht über meine Gefühle sprechen konnte... und dann klatscht du mir einfach so hin, dass sie Suizid begangen hat. Es tut mir Leid.“
      Zögernd blickte Markus seinem Freund in die Augen. Ben seufzte.
      „Ist ja noch mal gut gegangen. Mach dir keinen Kopf.“
      Ben blickte nachdenklich nach draußen - und stutzte.
      „Das ist doch mein Wagen...“
      Der Polizist sprang auf und stürzte nach draußen. Uwe und Ole standen - beide mit Zigarette im Mundwinkel - an seinem Dienstwagen. Ben rannte auf die zu.
      „Scheiße, guck mal wer da kommt. Los, Abflug!“
      Blitzartig traten die Jungs die Zigaretten auf dem Boden aus und stiegen in das Auto.
      „Stehenbleiben, Polizei!“, brüllte Ben verzweifelt.
      Er lief dem beschleunigenden Wagen hinterher.
      „Anhalten!“
      Uwe versuchte ein wenig zu driften und produzierte eine dichte Rauchwolke. Dann verschwand der Wagen in der Dunkelheit.



      ENDE
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