Dinner mit Baal

    • in Erarbeitung
    • Campino

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    • Dinner mit Baal

      Rastplatz - 03:00 Uhr


      Es war beinahe eine romantische Stimmung auf dem Rastplatz, nahe der Autobahn. Es war still, die Nacht war klar und herrlich mild, als wäre es schon Hochsommer. Dabei war es erst Mitte Mai, eine Zeit in der man sogar hin und wieder noch mit Bodenfrost rechnen musste. Doch keiner der Polizisten der Autobahndienststelle musste bei diesem Einsatz lange Unterhosen tragen. Nur schusssichere Westen waren vorgeschrieben. Sie hatten sich verteilt positioniert, allesamt in Zivilfahrzeugen im Schutze der Dunkelheit. Das MEK war einsatzbereit, die Handys der Verdächtigen geordet. Hartmut saß auf dem Rücksitz von Semirs BMW und fragte im Minutentakt die aktuelle Funkzelle ab, in der das Handy eingeloggt war, während die beiden Polizisten mit Argusaugen den beleuchteten Parkplatz beobachteten.
      Kevin und Jenny im zweiten Fahrzeug standen auf der anderen Seite des Rastplatzes, uneinsehbar und versteckt zwischen geparkten LKWs. Sie würden genau sehen, wenn sich ein Fahrzeug nähern würde und in den unbeleuchteten Teil des Rastplatzes einbog. Hotte und Dieter, sowie einige Einsatzkräfte des MEKs hatten den restlichen Platz im Auge, sowie einen Teil des angrenzenden Waldes, um mögliche Fluchtwege abzuschneiden, oder zu sehen, falls die Verdächtigen sogar aus dem Waldstück zu Fuß kamen.


      Drei Wochen war es jetzt her, seit Kevin und Jenny im Büro zum ersten Mal aufeinander getroffen waren. Der junge Polizist wusste bei der Rückkehr aus England noch nichts von seiner neuen Partnerin, und als er ins Großraumbüro trat und durch die Glasscheibe Jenny gegenüber seines Platzes sitzen sah, blieb er erst mal wie vom Blitz getroffen stehen. Semir und Ben sahen ihren Kollegen nur von hinten, und konnten seinen Gesichtsausdruck nicht sehen... Ben sagte scherzhaft, er würde auf eine Woche Schokocroissants verzichten, wenn er in diesem Moment Kevins Gedanken hätte lesen können. "Dann muss es dich aber schon verdammt interessieren...", war Semirs sarkastische Antwort.
      Zögernd, wie ein misstrauischer Kater im fremden Terrain tastete sich Kevin in sein Büro, ohne einen unfreundlichen Gesichtsausdruck aufzusetzen. Er war eher... nichtssagend. So wie immer. Er wusste auch nicht, ob er von der Überraschung jetzt positiv oder negativ berührt war. Es war eher ein Gefühl dazwischen. Ein Ausschlag nach oben und unten gleichzeitig. Wie eine Schaukel, die gerade wenn sie ganz oben war sofort wieder im Begriff war, zu fallen. Er freute sich, dass es Jenny gut ging, dass sie lächelte als er sie begrüßte, dass die Kälte in ihren Augen verschwunden war, mit der sie ihn noch vor einigen Wochen mit den letzten Worten "Es gibt kein Kind mehr." abwies. Die kurze Umarmung, ein Küsschen auf die Wange, nichts was irgendwas bedeuten würde... ja, da war das positive Gefühl. Doch das negative beschlich ihn dann langsam, je länger sie miteinander sprachen. Konnte das gutgehen, eine Zusammenarbeit? Nachdem was zwischen ihnen passiert war? Was noch zwischen ihnen stand? Und was war mit seinen Gefühlen Jenny gegenüber? Über die, die Jenny noch für ihn hatte, wusste er ja nicht Bescheid.


      "Was machst du denn hier?", fragte er ehrlich überrascht. Dass sie wieder hier arbeitete war unverkennbar, denn sie hatte sich auf ihrem Schreibtisch mittlerweile schon eingerichtet. Aktenordner, ihre Tasse, einige private Kritzeleien auf der Tastaturunterlage. Aber das "Warum" und "Weshalb" enthielt Kevins Frage natürlich auch. "Ich wollte wieder nach Hause.", war Jennys ehrliche Antwort, und mit einem Lächeln versehen, die genaueres Nachfragen für Kevin unnötig machten. Natürlich hatte es mit den Vorkommnissen in Hamburg zu tun. Natürlich mit Timos Tod, vor dem sie genauso floh, wie sie vor Kevins Tod und der Erinnerung hier geflohen war. Es waren, bis auf die Freude über das Heimatgefühl, keine schönen Gründe. Und weil der junge Polizist Jennys Stimmungshoch nicht nur spüren, sondern auch sehen konnte, und er selbst sich nach zwei Wochen bei Annie ebenfalls gut fühlte, so wollte er die Gründe nicht ansprechen. Gelegenheit, nochmal über unschöne Dinge zu sprechen, würden sie bestimmt haben... irgendwann.
      "Wie war es in England? Wo warst du überhaupt genau?" Kevin setzte sich an seinen Schreibtisch und begann, in gewohnt knappen und kurzen Sätzen, zu erzählen. Von den tollen Küsten in Cornwall, den weiten grünen Wiesen und den schönen Straßen die man mit einem gemieteten Motorrad herrlich erkunden konnte. Er erwähnte Annie mit keiner Silbe... warum auch? Jenny hatte klipp und klar gesagt, dass es zwischen ihnen vorbei war, unabhängig derer Gefühle, die die beiden noch hegten. Und was zwischen ihm und Annie in diesen zwei Wochen geschehen war, war für seine Gefühle zu seiner jungen Kollegin nicht von Belang.


      Das Experiment der Chefin schien, gegen jede Skepsis ihrer Mitarbeiter, zu funktionieren. Jenny schaffte es, alle negativen Gefühle und Erinnerungen, die sie an den Vorfall in Hamburg hatte, zu unterdrücken. Sie war einfach froh, wieder zu arbeiten, so zu arbeiten wie in Hamburg, nur diesmal im Kreise ihrer "Familie." Und sie war Kevin dankbar, dass dieser es ihr so leicht wie möglich machte. Er sprach sie nicht auf das kalte Gespräch vor ihrer Wohnung an, er sprach sie nicht auf Timo oder das Baby an... er beschränkte sich auf die Arbeit. Natürlich redeten sie auch mal über Privates, (dass Jenny im Park beim Joggen von einem Regenschauer überrascht wurde zum Beispiel) aber das blieb völlig an der Oberfläche. Es war nichts zu spüren von Freundschaft, wie sie zwischen Semir und Ben herrschte, aber sie schafften es kollegial zusammen zu arbeiten.
      Das Gleiche schaffte Kevin auch mit Semir und Ben, genauso wie vor der Schul-Geiselnahme. Mit dem jungen Kommissar, obwohl der am ehesten von dem Gedächtnisausfall seines Partners zu leiden hatte, deutete sich sogar wieder so etwas wie eine Freundschaft an. Zumindest drängte er den schweigsamen Kollegen dazu, mal die Gitarre mit ins Büro zu nehmen um nach Feierabend bei einem Bierchen einfach nur ein bisschen Musik zu machen. Ben wusste ja, dass Kevin momentan wieder alleine bei Kalle lebte, und er erinnerte sich dass vor allem die gemeinsame Musik damals das erste Eis zwischen ihnen brach. Und was schon mal klappte, kann auch wieder funktionieren. Gegenüber Semir hatte der Polizist immer noch den ungeheuerlichen Verdacht gegen sich im Hinterkopf, den er eher zufälligerweise mitbekommen hatte. Entgegen seiner sonstigen Gewohnheit, mit Misstrauen zu reagieren, verdrängte er es. Ja, er hatte sogar Verständnis für Semirs Gedanken, wenn er sich in dessen Lage hineinversetzte. Er würde ihn darauf ansprechen... irgendwann. Wenn es passte. Wenn sie wieder näher zusammengerückt waren.


      Das junge Team hatte den ersten Fall auf dem Tisch, und in dieser Nacht sollte ein großer Schritt getan werden. Bei einem Tankstellenüberfall wurde der Kassierer angeschossen, und dank des beherzten Eingriffs eines Kunden, der zufällig Lehrer einer Schule für Selbstverteidigung war, konnte zumindest die Waffe des Räubers sichergestellt werden. Der Tankstellenraub war deshalb, und auch aufgrund der Überwachungskameras, schnell aufgeklärt, doch durch die Aussagen des Räubers, der seine Situation verbessern wollte, kamen Kevin und Jenny, mittlerweile mit Semirs und Bens Unterstützung, einer Gruppe Waffenschieber auf die Spur. Durch viel Polizeiarbeit, einigen Handy-Überwachungen und Kevins Kontakten war man der Gruppe einen Schritt voraus. Heute sollte hier ein Deal stattfinden.
      Jenny schüttete sich aus einer Thermoskanne heißen Kaffee ein, pustete und nahm einen Schluck. Dabei blickte sie kurz auf ihren Nebenmann. "Ich kann mich an meine letzte Observation mit Festnahme erinnern.", sagte sie lächelnd. "Du auch?" Sie spielte darauf an, dass sie dabei war als Kevin bei einem, von der Drogenfahndung fingierten Deal erwischt wurde. Der große Polizist nickte: "Ich kann dir versichern, dass derjenige heute nicht verhaftet wird, und sich von dir auch kein blaues Auge einfängt.", meinte er mit seiner monotonen Stimmlage. "Das Veilchen war Hotte. Eigentlich war es die Autotür.", widersprach Jenny. "Cobra 11 Team 1 für Team 2... alles klar bei euch?", knarzte Bens Stimme aus dem Funkgerät. Jenny antwortete: "Wir könnten Decken und Kissen gebrauchen, wenn das noch länger dauert.", sagte sie ganz ohne Hintergedanke. Ben's saloppes: "Ach, so weit sind die schon wieder?" zu Semir konnten die beiden nicht hören.
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      Fjoergyn - Dinner mit Baal
    • Rastplatz - 03:10 Uhr


      Die Minuten zogen sich zu Stunden. Passierte nichts, konnte so eine Observation verdammt lange dauern, zumindest gefühlt. Doch die Polizisten von der Autobahnpolizei sollten für ihre Geduld belohnt werden, als sich von der Rastplatzauffahrt eine dunkler SUV näherte und schon, bevor er überhaupt anhielt, die Lichter ausschaltete. Er fuhr an den ersten Zivilfahrzeugen, die aussahen wie ganz normale parkende Autos, vorbei und hielt direkt hinter einem der LKW-Auflieger. Kevin beobachtete den Wagen sofort konzentriert und nahm dabei das Fernglas mit Nachtsicht zur Hilfe. Jenny bemerkte sofort die ernste, konzentrierte Haltung ihres Kollegens und nahm das Funkgerät zur Hand. "Achtung, da scheint sich etwas zu tun.", sagte sie leise, als hätte sie Angst dass die fremden Männer sie hören könnte.
      Aus dem SUV stiegen zwei Männer aus, einer vom Beifahrersitz, einer von hinten. Der Fahrer blieb sitzen. Jenny hörte Kevins monotone Stimme: "Das sind sie...". Kevin hatte bereits während den Ermittlungen festgestellt, dass es sich scheinbar um eine Gruppe im organisierten Verbrechen handelte, die er von früher kannte... so sagte er es jedenfalls. Konkret, woher und aus welcher Beziehung, sagte er nicht. Das brauchte auch niemand so wissen, dachte er und hoffte, beim Abschlussbericht mit einigen Standardfloskeln als Begründung hin zu kommen.


      Kevin sollte, wenn er die Männer erkannt hatte, das Startsignal geben, doch noch zögerte er. Die zweite Partei fehlte noch, nämlich die, die die Waffen schließlich kaufen sollten. Die Plane des LKW-Anhängers, der ganz in der Nähe stand, bewegte sich leicht und wackelte, was nur Kevin durch das Fernglas sehen konnte. Semir, der ebenfalls durch ein solches blickte, konnte das aus seiner Perspektive schlecht sehen. Es dauerte einige Sekunden, bis der junge Polizist realisierte, dass der Mann sich durch die Plane mit jemandem unterhielt. Scheinbar saß der Käufer im LKW-Anhänger. Als Kevin einen Kopf erkennen konnte, der sich durch den Schlitz der Plane ins Freie wagte, rief er über Funk: "Es geht los! Zugriff!!"
      Gleichzeitig wurden Lichter, Blaulicht, Sirene und Motoren angeschaltet, und mehrere Männer bekamen einen gehörigen Schreck, bevor sie sich in Bewegung setzten. Der SUV war bereits auf Flucht gepolt, so wie er sich positioniert hatte und gab direkt Vollgas. "Wir schnappen uns den SUV!", rief Ben sofort über Funk, den in Richtung Ausfahrt waren sie am ehesten dran. Hartmut klappte auf dem Rücksitz bereits den Laptop zu und verstaute ihn in der sicheren Tasche, denn er kannte Semirs Fahrweise bei Verfolgungsjagden.


      Die beiden Männer, die hinterm LKW standen, flüchteten zu Fuß. Während einer verschwand für Kevin und Jenny in Richtung der Bäume, der andere kam fast auf die zu, denn viel Ausweg gab es nicht, weil von allen Richtungen Blaulichter angerauscht kamen. Der junge Polizist bremste hart ab und kaum dass das Fahrzeug zum Stillstand gekommen war, rissen beide die Türen auf. Jenny verfiel sofort in einen Sprint und verfolgte den Mann, der Richtung Bäume abgehauen war während Kevin sich dem Zweiten annahm. Der lief ihm quasi fast vor den Dienstwagen, schlug einen Haken um nicht überfahren zu werden, wurde aber von dem Nahkampfexperten ganz unsportlich einfach mit Wucht über den Haufen gerannt. Beide Männer fielen nach dem Zusammenprall auf den harten Asphalt, Kevin rollte sich aber kontrolliert und elegant ab, so dass er schon wieder auf den Füßen stand, als der Flüchtige sich noch am Boden orientierte.
      Die Männer des MEK umstellten den LKW-Anhänger von allen Seiten, da bereits einige Taschenmesser versuchten die Plane aufzuschneiden um unerkannt zu entkommen. "Hier, übernehmt den mal!", rief Kevin einen der maskierten Männer heran, der mit einem Kollegen verstärkt sich um den Verbrecher kümmerten. Dann verfiel auch Kevin in einen schnellen Sprint und lief in die gleiche Richtung, wie seine Kollegin. Er konnte den Lichtschein ihrer Taschenlampe zwischen den Bäumen erkennen, sprang über die Leitplanke und verschwand ebenfalls im Wald.


      Jenny hatte bereits in Hamburg wieder mit ihrem Sportprogramm begonnen, nachdem sie vom Arzt grünes Licht bekommen hatte. Ein wenig Kampfsport, viel Ausdauer und Laufen. Beim Joggen hatte selbst Kevin, den Ben mal als Konditionswunder bezeichnete, gegen sie das Nachsehen. Das bemerkte auch der flüchtende Verbrecher, als er hinter sich bemerkte wie das Licht der Taschenlampe immer näher kam, die laute Stimme immer dichter hinter ihm war, die ständig rief: "Stehenbleiben! Polizei!!". Der Weg im Wald wurde tükisch, Sträuche und Äste streiften den Mann am Gesicht und am Körper. Er versuchte hinter einer dichten Reihe an Gebäuschen dem Lichtschein zu entfliehen, kroch ins Unterholz und hielt die Luft an. Plötzlich war alles still, nur weit entfernte Stimmen und Sirenen waren noch zu hören.
      Auch Jenny ergriff die Stille. Das Geraschel vor ihr, dem sie gefolgt war, war plötzlich verstummt. Sie bremste, stand und drehte sich um die eigene Achse. Der weite und helle Lichtschein ihrer Taschenlampe striff an Bäumen vorbei, an Sträuchern und Büschen. Jeder Schritt knackte unter ihren Füßen und plötzlich fühlte sie sich komplett unwohl. Sie hatte den Mann verloren und konnte nicht mal sagen, ob er in ihrer Nähe war. Sie spürte, wie das Herz fest gegen ihren Brustkorb schlug, und ihr erster Reflex war: "Kehr um..."


      Doch diesem Reflex konnte sie nicht mehr nachgeben, und der Verbrecher nutzte die Orientierungslosigkeit der jungen Polizisten aus. Mit einem kräftigen Stoß beförderte er Jenny zu Boden, die Waffe flog auf den dunklen Waldboden. Doch die junge Frau war gewandt, drehte sich auf den Rücken und ihre Hand klammerte sich fest an die Taschenlampe, die nun eine Pistolenmündung anleuchtete. Jenny riss geistesgegenwärtig einen Fuß hoch, und traf den Angreifer unterhalb der Hand, der abgefeuerte Schuss traf nur Äste in den oberen Baumetagen, bevor auch die zweite Waffe verlorenging. Knurrend stürzte sich der Mann auf Jenny, die versuchte schnell aufzustehen und es schaffte, dem Mann mit der Faust einen Schlag zu verpassen.
      Doch so gewandt und geübt im Nahkampf Jenny auch war, sie war eben auch recht schlank und zierlich. Gegen einen breiten, ebenfalls im Zweikampf nicht unerprobten Mann, hatte sie einen Stärkenachteil. Sie spürte seinen Griff an ihrer dünnen Lederjacke, der sie unsanft vom Boden riss und sie zurück in die Senkrechte holte. Der Schmerz des ersten Trittes in ihre Magengrube raubte ihr fast den Atem, doch sie blieb auf den Beinen, als sie erneut zurückgestoßen wurde. Mit einem gezielten Tritt auf die Niere hatte der Angreifer nicht gerechnet, doch er blieb hart im Nehmen. Wieder packte er grob und mit unglaublich viel Kraft Jennys Jacke, die junge Frau verlor Halt und Gewalt über ihren Körper. Der Sturz endete mit einer schmerzhaften Begegnung mit ihrem Kopf an einem Baumstumpf, so dass ihr für einen Moment schwarz vor Augen wurde. Sie konnte nur noch grob erkennen, wie der Mann drohend auf sie zu kam, als sie hilflos am kalten Boden saß.


      Kevin konnte so lange folgen, wie er den Lichtschein sehen konnte. Als der Zweikampf begann, begann er zu rennen, denn die Taschenlampe machte auf einmal komische Begegnungen. Er selbst war im Dunkeln unterwegs, die Augen hatten sich mittlerweile an die Dunkelheit gewöhnt, trotzdem übersah er die Baumwurzel am Boden und knallte der Länge nach hin. "Fuck...", murmelte er, bevor er sich wieder aufrappelte. Er sah gerade noch als Silhouette den breiten Kerl, wie er zu Boden sah und sich aufbaute. Noch bevor Kevin den Zustand von Jenny überprüfen konnte, nutzte er den Überraschungsmoment und trat dem Kerl gezielt in die Kniekehle, was diesen aufheulen ließ. Für einen Moment schien es, als würde der Kerl zu Boden fallen, doch der Tritt schien ihn nur noch wütender zu machen.
      "Peters! Diese linken Dinger kenne ich doch.", rief er wütend, als er Kevin im Mondlicht scheinbar erkannt hatte, jetzt aber mit dem Rücken zu ihm am Boden kniete. "Quatsch keine Opern. Hände hinter den Kopf!", sagte der junge Polizist und zielte mit der gezogenen Dienstwaffe auf den Kerl. Den wuchtigen Stock, den der Kerl aus dem Unterholz zog sah Kevin ebenso wenig, wie den Schlag mit jenem Stock, der ihn mit solcher Wucht auf den Unterarm traf, dass seine Hände einen Moment nicht mehr dem Gehirn gehorchten, und auch seine Waffe zu Boden fiel und er selbst kurz auch auf die Knie sank.


      Der Gangster hatte sich in dieser Zeit wieder aufgerichtet und der Stock, fast schon ein massiver Ast, sauste erneut in Kevins Richtung. Schnell ließ dieser sich komplett auf den Waldboden fallen und rollte sich unter dem schwingenden Ast hinweg, gleichzeitig suchten seine Hände über den Waldboden nach seiner Waffe. "Komm, steh auf!", knurrte der Mann und ließ es zu, dass der Polizist wieder auf die Beine kam. Dem nächsten Schlag konnte Kevin ausweichen und durch eine Körpertäuschung kam er dicht an seinen Gegner ran. Mit einem kurzen Zucken holte er aus und rammte diesem einmal, zweimal, dreimal die Faust in den Magen. Dabei spürte Kevin schon, wie sehr sein Gegner die Bauchmuskulatur anspannte, und die war nicht von schlechten Eltern. Zwar verspürte der Verbrecher Schmerzen und leichte Atemnot, doch wirklich aus der Fassung brachte es ihn nicht. Erst der Karatetritt gegen die Schläfe ließ ihn wanken.
      Doch Kevin begang einen Fehler. Ein Glitzern am Boden ließ ihn glauben, neben einer der Waffen zustehen, und sein Widersacher erholte sich schneller als gedacht. Das ganze passierte innerhalb Sekundenbruchteilen. Ein Hieb mit dem Ast auf Kevins Körperseite, den er nicht abblocken konnte, ließ ihn auf die Knie gehen und der Verbrecher packte den Polizisten von hinten, den Ast gegen Kevins Kehlkopf gepresst. Der Polizist bekam Atemnot, er war in einem effektiven, schmerzhaften Schwitzkasten gefangen, gegen einen Gegner mit unglaublicher Kraft, der den Ast von hinten zu sich, und damit gegen Kevins Kehlkopf drückte. Beide Männer sahen jetzt in eine Pistolenmündung... Jenny hatte eine Waffe am Boden gefunden und zielte auf den Verbrecher... doch der platzierte sich so geschickt hinter Kevin, dass die junge Frau in diesem Moment eigentlich auf ihren Ex-Freund zielte...
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      Fjoergyn - Dinner mit Baal
    • Autobahn - 3:15 Uhr


      Semir war zufrieden... so musste er wenigstens nicht laufen. Die Arbeitsteilung gefiel ihm, als er die Rücklichter des flüchtenden SUVs direkt vor sich hatte, der zwei, drei Haken schlagen musste um den Rastplatz zu verlassen. Um diese Uhrzeit war die Autobahn zum Glück sehr wenig befahren, so dass die Gefahr für unbeteiligte Verkehrsteilnehmer quasi Null war. Der SUV beschleunigte schnell auf 180, Semir hielt mit dem gut motorisierten BMW mühelos Schritt, während Ben zum Funkgerät griff. "Ein Audi Q7 ist flüchtig, Farbe schwarz, Kennzeichen...", rief er in das kleine schwarze Plastikteil und gab das Kennzeichen durch.
      Der schwere Wagen und sein Verfolger konnten durchweg auf der Überholspur fahren, ohne anderen Autos auszuweichen, somit war es für den Flüchtenden fast unmöglich, Semir abzuhängen. Der grinste bereits und hielt das Lenkrad fest in beiden Händen. "Wenn die Verstärkung kommt, bremsen wir ihn aus.", sagte er zu seinem Partner, als wolle er ihn belehren, wie man das so macht. "Ach ne. Ich dachte, wir verfolgen ihn jetzt bis ihm der Sprit ausgeht.", antwortete der sarkastisch.


      Hartmut krallte sich mit den Fingern in die Sitze, ihm lagen diese schnellen Verfolgungsfahrten überhaupt nicht. Ursprünglich als Polizist bei der Autobahnpolizei beworben stellte er schnell fest, dass ihm bei Verfolgungsfahrten übel wurde, und die ganze Aufregung ihm eher weniger bekommt. Semir hatte ihn versucht an zu lernen, aber schnell verzweifelt aufgegeben und riet Hartmut dann zu einer Abteilung, wo er seine Stärken besser einsetzen konnte. Jetzt saß er hinten im Auto, hatte seinen Laptop im Fußraum untergebracht und betete dass sich die Sache schnell erledigen möchte. Vor allem, als der Zeiger der Geschwindigkeitsanzeige die 200 kurz streichelte.
      Der Fahrer des SUV sah immer in den Rückspiegel, aber egal wie sehr er sein Fahrzeug beschleunigte, das verdammte Blaulicht hinter ihm wurde nicht kleiner. Er würde sich etwas ausdenken müssen, denn die Bullen hatten mit Sicherheit Verstärkung angefordert. Mit dem Gewicht seines Autos würde er gegen ein Fahrzeug, das ihn stoppen wollte, ankommen, aber nicht gegen zwei oder drei. Innerlich hörte er schon die Handschellen klicken... verdammt, wer hatte sie verraten?


      Der Kerl sah einen Ausweg in Form einer offenen Leitplanke auf der rechten Seite. Ein kurzer Blick in die Spiegel und festzustellen, dass die Autobahn tatsächlich menschenleer war und er brachte den großen SUV gekonnt ins Schlingern. "Was zum...", rief Semir und trat bereits auf die Bremse, als er sah wie der Vordermann mehrere Pirouetten drehte und gegen die Fahrtrichtung zum Stehen kam, um wieder Gas zu geben. Der Mann lenkte nach links und verschwand zwischen den Leitplanken hindurch auf einen Forstweg, der auf die Felder neben der Autobahn führte. Mit quietschenden Reifen kam Semir zum Stehen, während Ben im Rückspiegel sah, wie die Scheinwerferlichter des SUV sich über die Felder bewegten.
      "Mistkerl...", grummelte der erfahrene Kommissar, und Hartmut atmete für einen Moment durch, um dann mit Wucht nach vorne gedrückt zu werden als Semir rückwärts beschleunigte. Noch mehr wirbelte es den Magen des Technikers durcheinander, als der geübte Autofahrer den BMW mit einer 180°-Wende ebenfalls entgegen der Fahrtrichtung stellte, um auch die Autobahn zu verlassen. "Zentrale für Cobra 11, der Flüchtende hat bei Kilometer 47 die Autobahn verlassen und flüchtete über die Forstwege. Wir haben noch Sichtkontakt, alarmiert aber trotzdem einen Helikopter.", rief Ben, der diese fahrerischen Kapriolen seines Partners gewohnt war, ins Funkgerät.


      Semir fuhr zwar jetzt ein wenig langsamer, dafür wurde es im Auto noch ungemütlicher, denn der Forstweg war schlecht asphaltiert, und das Auto drohte bei dieser Geschwindigkeit aus Semirs Händen zu hüpfen. Der SUV hatte dagegen leichteres Spiel, aber abhängen ließ sich der erfahrene Polizist nicht. Nur Hartmut hinten wurde immer mulmiger und merkte an, dass man vielleicht auch etwas langsamer fahren könnte. "Ja Hartmut, das wäre genauso wenn ich zu dir sage, dass man den PC auch mal ausschalten kann.", sagte Ben schnippisch, der sich aber auch mit der rechten Hand am Griff über der Tür festhielt.
      Immer wenn der SUV abbog, schleuderte der BMW durch seinen Hinterradantrieb hinterher. Einmal landete Semir fast im Feld und konnte den Wagen gerade noch abfangen. Doch jetzt steuerte der SUV in Richtung des Waldstücks und Semir ahnte Böses, was sein Partner aussprach: "Der will uns im Wald abhängen. Wenn er ins Gelände fährt, können wir ihm nicht mehr folgen." Wieder griff er zum Funkgerät: "Wo bleibt der verdammte Helikopter?" "Jaja, wir arbeiten dran.", schnarrte es als Antwort aus dem Lautsprecher.


      Die Vermutung trat ein. Als der SUV den Wald befuhr, bog er den ersten Feldweg ab. Die Nacht war zwar jetzt klar und mild, vor zwei Tagen hatte es aber noch kräftig geregnet und war gerade das Ende einer langen Regenperiode. Der Waldboden war matschig und aufgeweicht, Pfützen standen in Löchern und klatschen auf Semirs Frontscheibe, so dass dieser den Scheibenwischer anschalten musste. Der Wagen ächzte und stöhnte bei jedem Schlagloch, er setzte auf und Teile der tiefen Schürzen unter dem Kühlergrill zersplitterten. "Das wird wieder teuer.", murrte Semir und hielt mit größter Anstrengung das Lenkrad fest.
      Bei der nächsten Abzweigung passierte es. Semir fuhr zu schnell und rutschte über den glitschigen Boden in den Graben. Mit einem lauten "Rumms" kam der BMW in Schräglage zum Stehen, während der SUV mit Allrad keine Probleme hatte. Dreck flog, weil die Hinterräder des BMWs nicht mehr griffen und ohne fremde Hilfe würden sie nicht mehr rauskommen. "Na toll...", seufzte Ben, während Semir wütend aufs Lenkrad klopfte. "Hauptsache Hotte und Bonrath sitzen in ihrem Allrad-Porsche. Wo sind die überhaupt?? Verdammte Scheisse!!!" Nur Hartmut schien erleichtert, dass diese Tortur endlich ein Ende hatte, und er sah durch die Frontscheibe wie die Lichter des Fluchtautos immer kleiner wurden.
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    • Wald - 3:20 Uhr


      Ersticken war kein schöner Tod, so viel war klar. Und Jenny musste auch nicht unbedingt dabei zusehen, wenns geht. Das waren Kevins Gedanken, die ihm mit Lichtgeschwindigkeit durch sein Großhirn flogen. Warum er gerade das dachte, als der Kerl hinter ihm einen Ast gegen seinen Kehlkopf drückte, was ihm den Atem raubte während Jennys Pistole, in die er sah, immer wieder schwankte... er würde sich später darauf keine Antwort geben können. Aber was er klar sah, war Jennys Gesichtsausdruck, und der machte ihm Sorgen. In ihm stand keine Entschlossenheit, keine Souveränität und keine Ruhe sondern Verzweiflung, Angst und sogar ein wenig Panik.
      "Na komm, trau dich!", rief der Verbrecher hinter Kevin um Jenny zum fatalen Schuss zu animieren. Doch die junge Frau zögerte und Kevin gab einen stöhnenden Schmerzlaut von sich. Was sollte er der jungen Frau jetzt zurufen? Dass sie schiessen sollte, egal ob sie ihn traf oder nicht? Dass sie auf die Beine zielen sollte? Konnte er überhaupt was rufen, oder war er durch den Ast an seinem Hals bereits so gehandicapt, dass nur noch ein Krächzen herauskam. Er versuchte es gar nicht erst und presste angestrengt die Lippen aneinander.


      Vor Jennys Blick schien sich ein Schleier auf zu tun. Es war surreal, dass es plötzlich umgekehrt war, als in ihren Träumen. In ihren Träumen saß sie auf einem Stuhl, gefesselt und dieser geheimnisvolle Mann mit den hellblauen Augen und den abstehenden Haaren richtete eine Waffe auf sie. Mal bettelte sie, mal schrie sie und spuckte ihm verächtlich ins Gesicht, mal weinte sie verzweifelt... es war abhängig, in welcher Stimmung sie vorher schlafen ging. War sie selbstbewusst oder unterlegen, lief ihr Tag gut oder schlecht. Sie erkannte den Mann, sie wusste wer er war, doch er schien ihr trotzdem fremd. Jenny träumte die traumatische Situation aus Patricks Keller, immer und immer wieder.
      Und jetzt hatte sie die Waffe und richtete sie auf diesen Mann mit den hellblauen Augen. Er war nicht gefesselt, aber fixiert. Er weinte und bettelte nicht, er schrie sie nicht an, er schaute nur angestrengt. Und gut versteckt hinter ihm der Verbrecher, den sie gerade festnehmen wollten. Immer wieder bewegte Jenny ihren Arm, um die Mündung von Kevin weg auf irgendein Körperteil des Verbrechers zu richten, und immer wieder hatte sie den Eindruck, als wolle ihre Fantasie ihr einen Streich spielen. Sie hatte den Eindruck, manchmal würde sie absichtlich nicht auf ihn, sondern auf Kevin zielen...


      Sie konnte dieses Gefühl nicht begreifen. Was trieb sie dazu, obwohl sie es bewusst vielleicht gar nicht tat. Diese Gedanken schnitten ihr in Sekundenbruchteilen durch den Kopf. Würde sie ihn treffen, wenn sie jetzt abdrückte? Würde sie den Verbrecher treffen, der den Ast jetzt nochmal mit mehr Kraft gegen Kevins Hals drückte? Oder würde die junge Polizistin mit der Waffe im Anschlag dort stehen und zusehen, wie ihr Kollege, den Mann den sie mal geliebt hatte und tief im Innersten immer noch Gefühle für ihn hatte, erwürgt werden würde? Ihr Finger weigerte sich, sich zu krümmen. Es ging nicht... sie konnte nicht abdrücken, denn sie zielte nicht auf ihren Kollegen oder den Verbrecher. Sie zielte auf den Mann, der sie beinahe umgebracht hatte und ihr das Gefühl gab, für einen Moment, dies wirklich tun zu wollen.
      Kevin wusste nicht, welche Gedanken sich in Jenny breit machten. Er spürte nur die Atemnot, den weichen Boden unter seinen Füßen und den massigen Körper an seinem Rücken. Sie traute sich nicht, sie hatte Angst den Falschen zu treffen. Das waren Kevins Gedanken, als er in Jennys apathisch wirkenden Gesichtsausdruck sah. So langsam wurde es eng, und er versuchte den Stock zu umfassen und ihn vom Hals wegzudrücken, mit einer Hand. Dadurch bekam er Platz, die er nutzen musste.


      Ein Ellbogen ist spitzer und damit schmerzhafter als eine Faust. Wo die Bauchmuskulatur eine flache Faust abwehren konnte, waren ungeschützte Rippen für einen spitzen Ellbogen verwundbar. Beim ersten Schlag hörte Kevin nur ein Aufstöhnen, und dass der Druck des Astes sich etwas lockerte. Beim zweiten Schlag konnte er hören und fühlen, wie eine oder mehrere Rippen unter der Haut etwas nachgaben, der Schmerzenslaut wurde lauter und der Ast fiel endgültig. Kevin bekam wieder Luft und der Schmerz, der durch das tiefe Luftholen über den geprellten Kehlkopf verursacht wurde, raubte ihm fast die Kraft, auf den Beinen zu bleiben.
      Doch er sah schnelle wieder klar, als sein Gegner, der wirklich viel einstecken konnte, aber jetzt auch langsam an sein Limit kam. Kevin sah auch keinen Grund mehr, sich an irgendwelche Regeln des gepflegten Zweikampfes zu halten, oder darauf zu achten, dass auch ein verdächtiger Straftäter nicht unnötig verletzt wurde. Er hätte ihn vermutlich jetzt greifen, und verhaften können, aber der Kickboxer ging auf Nummer sicher. Er packte, nachdem er sich umgedreht hatte, den Kopf des Verbrechers, drückte ihn ein Stück nach unten und zog gleichzeitig das Knie nach oben. Bei so einem Treffer ins Gesicht gingen auch beim stärksten Mann die Lichter aus, und weil der Kerl für einen Moment mit den Schmerzen seiner Rippen zu tun hatte, war er hier völlig wehrlos, und fand sich in halber Ohnmacht und mit blutigem Gesicht im Matsch wieder.


      Jenny hatte dem Zweikampf, der nur noch wenige Sekunden gedauert hatte, atemlos zu gesehen und dankte Gott, dass sie sich nicht mehr entscheiden musste, ob sie das Risiko einging oder nicht. Sie steckte hastig die Waffe weg, nachdem sie sah, dass Kevin sich mit den Händen auf die Knie aufstützte und heftig zu husten begann, so dass sie die eigentlicht Verhaftung vornahm, den Kerl ohne Vorsicht die Arme auf den Rücken zog und Handschellen anlegte. Seine Gliedmaßen ließen sich wie die einer Puppe bewegen, alle Kraft war aus seinem Körper entschwunden. Der Hieb mit dem Knie hatte seine Wirkung nicht verfehlt.
      "Kevin? Ist alles in Ordnung??", fragte sie sorgenvoll und legte dem hustenden Mann eine Hand auf die Schulter. Zwischen zwei Hustenanfällen krächzte Kevin ein heiseres "Ja, geht schon.", heraus wie es vermutlich alle männlichen Kollegen in dieser Situation machen würden. Semir und Ben waren genauso, dachte sich Jenny. Bis die sich vor anderen eingestehen würden, dass sie mal eine Minute bräuchten, oder es "jetzt eben nicht geht." waren schon mehrere Kugeln in lebensbedrohlichen Körperbereichen nötig. Später würden sie Witze darüber machen. Pah, ein gequetschter Kehlkopf und Atemnot? Kein Problem, wo ist der nächste Marathonlauf?


      So nahm sich der junge Polizist auch nur einige Sekunden, bevor das Husten in ein Räuspern über ging, und er die kalte Nachtluft gierig in die Lunge einsog. "Alles klar.", sagte er nochmals zur Bestätigung, als er Jennys skeptischen Gesichtsausdruck sah. "Wirklich!", setzte er noch hinzu und sie nickte. "Hier, Paket verschnürt und fertig zum Abstransport.", sagte die junge Polizistin, und ihre Wortwahl klang sicherer als ihre Stimme. Sie stand unter dem Eindruck ihrer kurzzeitigen Situation vorhin, und auch Kevin schien diese nicht unbemerkt geblieben zu sein. "Ist bei dir auch alles klar?", fragte er deshalb und meinte damit nicht nur die Schramme im Gesicht, die sie sich durch einen der Stürze zugezogen hatte, und über die ihr Finger jetzt strich. "Ja ja, alles okay.", nickte auch sie. Frauen waren in der Hinsicht eben auch nicht anders als Männer... zumindest für Jenny galt das.
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    • Dienststelle - 4:00 Uhr


      Es war recht ruhig im Büro der Autobahnpolizei, denn zur Nachtschicht waren, wie auch auf der Straße, eher weniger Leute zugange. Nur heute abend waren es einige mehr, die vier Kommissare und einige Streifenbeamte zur Verstärkung. Sie alle waren zufrieden über den Zugriff, auch wenn es ein wenig Gelächter noch am Rastplatz gab, als der Funkspruch reinkam, dass Semir und Ben im Wald stecken geblieben waren und einen Traktor zur Unterstützung riefen.
      Erstaunen und ein wenig Entsetzen auch bei Hotte und Dieter, als Kevin und Jenny im Schlepptau mit dem verhafteten Mann zurück zum Rastplatz kamen. Jetzt, im Licht der Scheinwerfer, sahen die beiden Polizisten erstmals das ganze Ausmaß des Zweikampfes. Nicht nur dass sie von oben bis unten schmutzig waren... Kevin hatte eine blutende Schramme am Hals, Jenny mehrere Kratzer und Schrammer über dem linken Auge, vermutlich vom Sturz auf den Waldboden. Der Gangster sah schlimmer aus, er blutete aus beiden Nasenlöchern und die Lippe war aufgeplatzt. "Was ist denn mit dem passiert?", fragte Hotte fast scheinheilig, während Kevin genauso eindeutig antwortete: "Ist gestolpert."


      Man wartete auf dem Rastplatz noch, bis Semir und Ben mit ihrem völlig verdreckten BMW von einem Geländewagen auf den Parkplatz gezogen wurde. Die Vorderachse hatte den Unfall nicht unbeschadet überstanden. Zu fünft zwängten sie sich in Kevins Wagen. Jenny, Semir und Hartmut nahmen auf der Rückbank Platz... die Kleinsten nach hinten, die Größeren nach vorne, wobei Hartmut lauthals protestierte, er sei sicherlich 2-3cm größer als Ben. Doch der ignorierte das Gezeter des Superhirns. "Du bist es doch eh gewohnt, hinten zu sitzen.", und beanspruchte den Platz neben Kevin für sich. "Habt ihr rumgetollt?", fragte er mit einem Blick auf Jennys und Kevins schmutzige Kleider. "Wir haben dabei wenigstens nichts kaputt gemacht.", kam Jennys Antwort von der Rückbank, woraufhin Ben mit dem Daumen nur auf Semir zeigte, der genervt die Augen verdrehte.
      Kevin sagte nichts. Er dachte nach, Jennys Blick als sie die Waffe unabsichtlich auf ihn richtete, hatte sich in seinen Kopf gebrannt. Er bildete sich ein, nicht nur Angst oder Unsicherheit in ihrem Blick gesehen zu haben, was auf diese Situation gemünzt war. Natürlich wusste er, dass es in einer völlig anderen Situation vor einigen Wochen noch umgekehrt war.


      Der Geflüchtete, der von dem Ex-Pärchen gestellt worden war, hatte sich auf der Autofahrt im MEK-Fahrzeug erholt. Langsam, mit grimmigen Gesicht, trottete er vor einigen Streifenbeamten in die Dienststelle der Autobahnpolizei, die die Ermittlungen gegen den mutmaßlichen Waffenhändler geführt hatten. Die weiteren Verhafteten, scheinbar die Käufer der Waffe, wurden zum LKA gebracht, wo jener Sachverhalt getrennt geklärt werden sollte. Die Chefin war ebenfalls im Büro und schüttelte, angesichts des Ergebnisses ihre Beamten betreffend, wieder mal den Kopf. Ein Auto wieder in der Werkstatt, zwei Beamte sahen aus, als wären sie in einen Sturm im Wald geraten. Immerhin brachten sie auch ein positives Ergebnis mit, das jetzt geradewegs Richtung Verhörraum ging, zusammen mit Kevin und Ben.
      Wie immer setzte sich einer der beiden dem Verdächtigen gegenüber, der andere stand an der Wand... entweder hinter seinem Partner, oder gegenüber. Ben übernahm das Reden am Tisch, obwohl Kevin den Mann kannte, und noch vor dem Verhör die Akte besorgt hatte. "Benedikt Jecker, genannt "Benny"... hey, das ist ja fast ein Namensvetter.", las Ben vor und blickte sein gegenüber an, der über den Witz nicht lachen konnte. Kevin stand mit verschränkten Armen hinter Benny an der Wand.


      "Dicke Akte. Verdacht der Waffenschieberei, Verdacht der Prostituion, Verdacht der Geldwäsche...", las Ben nacheinander vor. "Richtig, Verdacht! Nur Verdacht, genau wie heute. Also kein Grund, mich hier festzuhalten.", knurrte der stämmige kräftige Mann und rasselte mit den Handschellen um die Handgelenke, die vor ihm auf dem Tisch ruhten. "Ha... Vorbestraft wegen Körperverletzung. Dazu Widerstand heute abend...", Ben blickte auf und grinste: "Ich glaube, wir haben doch einen Grund." Benny leckte sich zwischend mit der Zunge über die Lippen, als würde es helfen seine Aggressionen zu unterdrücken. Dabei rieb er mit der Fußsohle über den Boden, wie ein Pferd das losgelassen werden wollte.
      "Also, wir können die ganze Sache jetzt kurz und schmerzlos machen... du erzählst uns, was ihr für einen Deal gedreht habt, was ihr mit den drei Hanseln auf dem LKW zu tun habt, und wer in eurem Wagen saß... und dann können wir sicherlich was dran drehen, dass du in zwei Stunden in der Stadt zum Frühstück kannst." Der Verbrecher lachte auf: "Du bist wirklich lustig. Glaubst du wirklich, ich falle auf irgendwelche Deals von euch rein?", sagte er und lehnte sich zurück. Hätte er keine Handschellen an, würde er wohl abwehrend die Hände vor der Brust verschränken.


      Es klopfte und Semir streckte den Kopf rein. Kevin, der direkt neben der Tür stand, beugte sich zu ihm, damit er hörte was der erfahrene Kommissar im leise ins Ohr sagte: "Sie haben keine Waffen im LKW gefunden. Scheinbar ging der Deal noch nicht über die Bühne. Nur 3.000 Euro hatten die Typen dabei, die das MEK festgenommen hatte." Eine derart geringe Summe für einen Waffendeal bedeutete, dass man keinem besonders großen Deal aufgelauert war. Kevin nickte und Semir schloß die Tür wieder. "Benny, was bekomme ich denn bei dir so für 3000 Euro, wenn ich ne Wumme brauche?", fragte der junge Polizist und Benny drehte sich zu Kevin um. "Vergiss es."
      Die Taktik des Schweigens, der Nichtaussage hielt Benny durch. Nach 20 Minuten sagte auch Kevin in Bens Richtung: "Das bringt nichts." Er kannte Benny, zumindest von früher. Auch da war er ein brutaler Sturkopf mit Unmengen krimineller Energien. Er öffnete die Tür einen Spalt und rief "Hotte, Dieter? Nehmt ihr ihn mal?", woraufhin die beiden Streifenpolizisten den Verbrecher Richtung Zelle abführten. Kurz vor der Tür zum Flur, blieb Benny nochmal stehen und sah zu Kevin: "Das wird ihm gar nicht gefallen. Und das weißt du." Kevin blickte auf und sah Benny wort- und ausdruckslos mit seinen kalten blauen Augen an...
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    • Dienststelle - 4:20 Uhr


      Gerade als Benny aus dem Verhörraum gebracht wurde, fasste Ben seinen Partner Kevin am Ärmel. Natürlich hatte er mitbekommen, was der Verbrecher zwar leise, aber deutlich hörbar Kevin zugeraunt hatte. "Was war das denn?" Der junge Polizist sah seinen Kollegen mit der Wuschelmähne beinahe unschuldig an. "Was meinst du?" "Was der Kerl da gerade gesagt hat. Was wird wem nicht gefallen?" Zur Antwort bekam er zunächst nur ein Schulterzucken, dann bequemte Kevin sich auch zu ein paar Worten. "Keine Ahnung."
      Ben hätte schon wieder durchdrehen können. Er kannte Kevin jetzt anderthalb Jahre und langsam wurde der Polizist für ihn zum offenen Buch, zu oft hatte er schon den Unwissenden gespielt und Dinge vor seinem Partner verheimlicht. Gerade, als Kevin sich zum Flur drehen wollte, packte Ben wieder zu und zog seinen Partner zurück in den Verhörraum. "Sag mal...", protestierte Kevin sofort und schüttelte unter Kraftanstrengung seinen Arm frei, doch Ben unterbrach die aufkommende Beschwerde. "Du schwindelst mich doch schon wieder an. Kevin, hör auf damit!" Die Stimme des eigentlich immer gut gelaunten Polizisten wurde beinahe unterschwellig drohend. Manchmal konnte Kevin ihn mit seiner Geheimniskrämerei, seiner Verschlossenheit in den Wahnsinn treiben.


      Auch Kevin seufzte... natürlich wurde er immer durchschaubarer, je länger er mit Ben und Semir zusammenarbeitete. Und vielleicht hätte er Ben vor einigen Monaten reinen Wein eingeschenkt und ihm von seiner Vermutung, den mehr war es nicht, erzählt. Doch das Verhältnis zwischen ihnen war nicht mehr das von vor einigen Monaten. Es war, seit sie wieder zusammen arbeiteten, geprägt von latentem Misstrauen, das niemand klar zum Ausdruck brachte. Sie arbeiteten zusammen, sie redeten zusammen und scherzten auch. Doch jetzt, an diesem Punkt, zeigte sich ihre Zerrüttung und ihre unsichtbare Distanz. Der Eisblock, die Mauer die Kevins Seele umgab, schon als er zur Autobahn gekommen war... er hatte sie wieder aufgebaut und sie schien stärker als jemals zuvor. "Ben, wenn ich es dir doch sage, ich habe keine Ahnung, was er damit meint.", wiederholte der Polizist ohne die Stimme zu heben.
      "Du kennst den Typen von früher, das hast du selbst gesagt.", stellte Ben klar. Ja, das hatte Kevin gesagt. Bei den Ermittlungen war ihm der Name aufgefallen, und er hatte in dieser Sache Jenny ins Vertrauen gezogen. Es schien ihm nicht schädlich. Später war es dann natürlich auch Thema für Semir und Ben, und Kevin erinnerte sich noch an die Blicke des erfahrenen Polizisten, die er mit Ben austauschte. Er fühlte sich wieder an seine Anfangszeit bei der Polizei zurück erinnert. Ein Polizist, der Leute aus dem kriminellen Umfeld kannte, bedeutete Misstrauen. Semir hatte ihm das in den Anfangstagen bei der Autobahnpolizei niemals spüren lassen. Jetzt schon...


      "Ja und? Das habe ich euch doch erzählt.", sagte Kevin in aller Seelenruhe. "Und du hast überhaupt keine Idee, was er damit meinen könnte? Welchen Hintergrund dieser Satz hat?", hakte Ben weiter nach und seufzte, als Kevin erneut den Kopf schüttelte: "Nein, weiß ich nicht. Benny ist ein Großmaul, vielleicht denkt er, er könnte mir mit so einer Drohung Angst machen. Er weiß, dass ich auch noch andere Leute kenne, Leute die mich kennen." Ben war mit dieser Antwort nicht zufrieden. "Und wer sind diese anderen Leute?" Es kam ihm beinahe so vor, auch wegen ihrer Umgebung, dass Ben Kevin verhören würde. "Willst du ne Liste haben von den Leuten, mit denen ich in meiner Jugend Kontakt hatte, und die jetzt auf der Gegenseite stehen?", fragte Kevin sarkastisch, aber immer noch ruhig, was Bens Puls steigen ließ.
      Das spürte auch der junge Polizist, und er konnte sich nach wenigen Wochen, die er wieder da war, keinen Streit leisten. Er log Ben auch nicht an... er schwindelte höchstens ein wenig. Er wusste wirklich nicht, was Benny mit dem Spruch meinte. Aber einen Verdacht hatte er. Mehr aber nicht. "Ben, ehrlich. Ich weiß nicht, was Benny damit gemeint hat. Der Kerl ist ein Schwätzer. Lass uns lieber unsere Arbeit tun, damit der Typ nicht heute nachmittag wieder aus der Zelle spaziert." Mit diesen Worten verließ er nun endgültig den Verhörraum, während Ben mit verschränkten Armen an den kleinen Tisch gelehnt, im Raum blieb und sich auf die Lippen biss. Er spürte, dass Kevin nicht ehrlich war, und er hätte schreien können darüber. Dass ihr Vertrauen, das sich mühsam aufgebaut hatte, scheinbar wieder kaputt war. Er wollte doch nichts sehnlicher, als mit Kevin so gut und eng zu arbeiten und befreundet zu sein, wie mit Semir. Ihm bei seinen Problemen, die er immer noch hatte, zu helfen. Aber der schweigsame junge Mann ließ es nicht zu.
      Als Semir am Raum mit einer Tasse Kaffee vorbeikam, bemerkte er die offene Tür und sah seinen Partner darin. "Was ist los? Brauchst du ne Pause?", fragte er grinsend. Er hatte den Nebenraum kurz vor dem Ende des Verhörs verlassen, als klar war, dass nichts dabei herauskam. Ben stieß sich vom Tisch ab und ging an Semir vorbei, wobei er sagte: "Ich weiß nicht, ob das alles so ne gute Idee war." Damit meinte er Kevins Rückkehr... doch er sagte es nicht. Und er hörte nur ein fragendes "Hä?" von seinem Partner, der ratlos auf dem Flur stehenblieb.


      Kevin ging mit der Akte in der Hand zurück in sein Büro, wo ihm als erstes der schlanke hübsche Nacken seiner Ex-Freundin ins Auge sprang. Jenny saß an ihrem Schreibtisch, mit dem Rücken zur Tür und hatte das Gesicht in ihren Händen vergraben. Es schien, als sei sie völlg erschöpft, als würde sie nachdenken oder... weinte sie etwa? "Jenny?", fragte er zaghaft und legte eine Hand auf ihre Schulter, wobei sie erschrak. Sie sah auf, blickte mit ihren Augen zu Kevin hoch und nickte. "Ist alles okay?" "Ja... sorry, ich... ich hab grad nachgedacht." Ihr Blick war klar, keine Rötung um ihre Lider... nein, geweint hatte sie nicht. Der junge Polizist ging um den Tisch und setzte sich auf seinen Stuhl, wobei er Jenny ansah, die irgendeine Akte von einem Stapel auf den anderen legte.
      "Und über was hast du nachgedacht?" Wieder blickte die junge Frau auf. "Nichts wichtiges.", gab sie schnell zur Antwort, und Kevin kam sich in vertauschten Rollen vor, als noch vor 5 Minuten. Und plötzlich konnte er jedes Wort von Ben nachvollziehen. "Ist es die Situation eben? Im Wald?", sprach er den wunden Punkt an. Natürlich hatte er Jennys Gesichtsausdruck gesehn, der mehr ausdrückte als nur Unsicherheit darüber, ob sie es riskieren sollte, abzudrücken oder nicht. Mit seinen hellblauen Augen sah er die junge Frau an, und sie spürte auf einmal wieder das, was sie damals zu Kevin hingezogen hatte... diese Stärke, die Unerschütterlichkeit, die er perfekt simulierte, an die sie sich anlehnen konnte, den Fels in der Brandung.


      "Das... das hat sich so surreal angefühlt. Ich hatte das Gefühl, ich ziele auf dich... so wie ... so wie du...", sagte sie unsicher. Unsicher darüber, dass Thema überhaupt anzusprechen. Seit Jenny wieder auf der Dienststelle war, hatten sie über die Situation im Keller keine Worte mehr verloren. Aber es stand immer noch zwischen ihnen. "Das ist mir sofort in den Sinn gekommen." Kevin nickte, und er konnte es verstehen. Jede ähnliche Situation würde in Jenny diese Flashbacks hervorrufen, aber damit musste sie klar kommen. "Ich meine, was hättest du in meiner Situation gemacht?" "Ich weiß nicht... wenn ich mir nicht sicher gewesen wäre, hätte ich vermutlich auch nicht geschossen, aus Angst dich zu gefährden.", sagte Kevin. Vor allem wollte er Jenny aber das Gefühl nehmen, dass es falsch war, nichts zu tun. Denn er merkte, dass sie sich Vorwürfe machte.
      Sie schwiegen für eine Zeitlang, und Kevin hatte die Akte von Benny aufgeschlagen. Jenny starrte auf den Monitor, ohne etwas zu lesen, was darauf stand. Sie spürte gerade ein inniges Gefühl der Geborgenheit, hier mit Kevin allein im Raum. Ein Gefühl, das sie lange nicht hatte und deswegen die Situation nutzen wollte. "Es... es tut mir leid, dass ich dich damals an meiner Tür einfach so... abserviert habe.", sagte sie leise und ihr Ex-Freund blickte von der Akte auf. Was sollte er dazu sagen? Sie hatte ihm, wenn auch verständlicherweise, das Herz ausgerissen und vor die Füße geworfen. Er wollte nicht sagen, dass es okay ist... dass es nicht so schlimm war. Es war schlimm. "Entschuldigung angenommen. Das war ne blöde Situation für uns beide. Ich hätte da vielleicht etwas abwarten sollen...", sagte er lächelnd und es wurde ihm warm ums Herz, als er auch Jennys Lächeln sah.
      Dann blickte er wieder auf die Akte von Benny. Er las sein Vorstrafenregister, seine Adresse und seine Arbeitsstelle. Sein Verdacht bestätigte sich, sein Lächeln gefror und er fuhr sich mit einer Hand durch die abstehenden Haare. Benny hatte zuletzt als Türsteher im Charmin, einer Nobel-Shisha-Bar gearbeitet. Kevin kannte diese Bar... und seinen Eigentümer.
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    • Villa in Köln - 7:30 Uhr


      Liane und Marlene stürzten zu ihrem Papa ins Schlafzimmer, bevor die Zwillinge zur Schule gingen. "Tschühüüüüs!", riefen sie laut, umarmten ihren Vater, der blinzelnd im Bett lag, es aber noch schaffte seinen beiden süßen Töchtern noch einen Kuss auf die Wangen zu geben. "Na kommt, wir kommen zu spät.", rief eine Frauenstimme aus dem Untergeschoss, die Anis Edhem Bourgiba nur zu gut kannte. Sie gehörte zu seiner Frau Anna, gleichzeitig die Mutter seiner beiden Kinder, die die beiden jetzt zur Schule brachte. Anis selbst gähnte und wusste, dass er jetzt nicht mehr einschlafen würde... also konnte er auch aufstehen. Er ging langsam nur in Boxershorts ins luxuriöse Bad, duschte sich, verzichtete auf das Stutzen seines Barts und befand, dass seine Haare auf dem Kopf langsam ausser Kontrolle gerieten. Trug er sie oberhalb länger, begannen sie sich zu locken. An der Kopfseite trug er sie stets kurz rasiert... wie früher.
      Er zog sich bequeme Sachen an, weil er den Vormittag immer zu Hause verbrachte. Zunächst kochte er sich einen Tee, original aus seiner zweiten Heimat Tunesien. Anis war als Sohn eines Tunesiers und einer Deutschen in Deutschland geboren, hatte seine Wurzeln aber niemals vergessen, vor allem weil er noch Verwandtschaft in Tunesien hatte. So oft es ging, schickte er Geld in die Heimat.


      Während er das heiße Getränk langsam zu sich nahm und sich dabei an der Küchentheke niederließ um auf seinem Tablet die Zeitung zu lesen, fiel ihm sein Handydisplay ins Auge. Drei Anrufe in Abwesenheit. Seine eigentlich, bis dahin gute Laune, sank ein wenig. Wenn Kamil ihn vor halb neun anrief, dann war es dringend. Und wenn es dringend war, dann war etwas Schlechtes passiert. Aber der morgendliche Tee und das Lesen der Zeitung war wie ein heiliges Ritual für Anis, und das ließ er sich jetzt nicht nehmen. Erst danach wählte er Kamils Nummer.
      "Hey Anis.", meldete sich die wohlbekannte Stimme, und der bärtige Mann erkannte sofort die Niedergeschlagenheit seines Freundes. "Kamil, Bruder. Was geht ab? Was ist passiert? Du weißt doch, dass ich vor halb 9 normalerweise nicht aufstehe." Dabei tappste er mit nackten Füßen und Jogginghose von der Küche ins Wohnzimmer, um sich dort auf seine Couchgarnitur zu setzen. "Ja, Mann. Sorry, aber es ist dringend." "Also, was ist los? Du klingst nicht gut." "Der Deal heute nacht. Er ist schiefgelaufen." Natürlich waren es schlechte Nachrichten. Wenn Kamil vor halb neun anrief, waren es meist schlechte Nachrichten, die er so schnell wie möglich von sich wegschieben wollte. Anis nahm das Handy vom Ohr, sah kurz zur Seite und ließ einen zischendes "Fuck" durch die Zähne.


      Danach nahm er wieder Kontakt zu Kamil auf. "Wie konnte das passieren? Mann, Alter... das war ein scheiss normaler Deal. Drei Knarren ohne Herkunftsnachweis für ein paar Straßenräuber, oder was weiß ich was die waren. Alter, da bin ich einmal nicht dabei..." Dabei übertrieb der Mann eigentlich, denn die Häufigkeit dass seine Geschäfte schiefgingen, konnte man getrost als "überaus selten" beschreiben. Nicht umsonst hatte er es, von einem kleinen Dealer in seiner Jugend in einer Straßengang zum Kopf einer kriminellen Organisation geschafft. Waffen- und Autoschieber, Drogenhandel und Prostitution... in dunklen Kreisen gab es nichts, was Anis Edhem Bourgiba nicht möglich machen konnte, gegen das entsprechende Entgelt.
      Kamil erklärte in kurzen, stockenden Sätzen was passiert war. "Zetti ist allein zurückgekommen. Er wäre den Bullen knapp entwischt. Aber Benny haben sie gekriegt." Anis schüttelte resignierend mit dem Kopf. Zumindest war er sich sicher, dass von Benny keine Gefahr für ihn ausging. Einige Staatsdiener, Polizisten und Anwälte, standen sowieso auf seiner Lohnliste. "Dr. Breyer war vor einer Stunde schon bei ihm. Und... naja... der Name des Polizisten, der bei dem Zugriff beteiligt war, dürfte dir vielleicht bekannt vorkommen.", sagte Kamil unsicher. "Wer? Ich hab kein Nerv für Ratespielchen." "Kevin...". Anis Gesichtsausdruck wandelte erst in Verblüffung, dann grinste er. "Kevin... der liebe nette Kevin. Was für ein Zufall..."



      Dienststelle - 7:45 Uhr


      Anna Engelhardt schaltet den Monitor an ihrem Platz aus, griff sich ihre Handtasche und Jacke, um Feierabend zu machen. Nachtschichten war sie nicht mehr gewöhnt, und sie wollte sich auch nicht mehr dran gewöhnen. Heute war eine absolute Ausnahme bei dem Einsatz, weswegen sie jetzt auch so schnell wie möglich den Platz räumte. Man hatte noch eine Nachbesprechung, danach verschwanden ziemlich schnell Jenny, Ben und Semir ebenfalls in Richtung Zuhause. Nur ein junger Mann mit abstehenden Haaren saß noch hinter seinem Monitor und schien recht konzentriert, wenn auch mit müden Augen, irgendetwas nachzulesen, was dort geschrieben stand. "Wollen sie nicht auch so langsam Feierabend machen?", fragte die Chefin, als sie in der Tür des Büros stand. "Ja, mach ich gleich.", meinte Kevin höflich lächelnd, mit den Gedanken aber nicht ganz anwesend. Anna Engelhardt nickte, wünschte einen schönen Tag und verschwand nach draussen, wo die Morgensonne den neuen Tag längst begrüßt hatte.
      Kevin gähnte. Er hatte sich die Akte von Benny nochmal genauer angesehen, denn vor dem Einsatz hielt er das nicht für nötig. Aus den Telefongesprächen wusste er, dass er bei dem Deal dabei war, und das sagte er auch bei der Besprechung, dass Benny kein Unbekannter für ihn war. Und dass er ihn auf jeden Fall erkennen würde, und ungefähr wisse, wie er tickte. Aber er traute Benny eigentlich zu, dass er sein eigener Herr in seiner Berufsgruppe war... und kein Laufbursche. Schon gar nicht von Anis.


      Gerade als er den Monitor abgeschaltet hatte und entschloß, auch den Feierabend anzutreten, klingelte sein Handy. Aud dem Display stand "Unbekannt", und Kevin meldete sich mit einem kurzen "Ja?" Die Stimme in akzentfreien Deutsch, aber immer einem leichten Anflug von Jugendslang, den er sich nie abgewöhnen hat können (oder wollen), klang durch den Hörer. "Kevin... Alter, was geht?" Eigentlich hätte er es sich denken können... aber dass es so schnell ging, bis Anis sich bei ihm meldete, überraschte ihn doch etwas. "Bis gerade gings noch gut.", war die, typisch kurze Antwort des schweigsamen Polizisten. "Du warst schon lange nicht mehr bei mir. Magst du mich nicht mehr?", klang Anis' Stimme gespielt beleidigt. "Ich hab dich noch nie gemocht, Anis... das weißt du genau." Kevins Stimme verriet, dass er nicht zu Scherzen aufgelegt war.
      "So kenn ich dich, Junge. Aber du weißt auch bestimmt, warum ich dich anrufe." Der junge Polizist seufzte und versicherte sich mit einem kurzen Blick, dass die Bürotür geschlossen war. "Ich kanns mir denken." "Alter, wie kommst du darauf meinen Türsteher zu verhaften? Jetzt hab' ich heute abend wahrscheinlich nur Penner in meinem Laden. Oder hast du vielleicht heute Abend Zeit? Kleiner Nebenverdienst, hmm?" Der junge Polizist fuhr sich genervt durch die Haare. Wäre irgendein unwichtiger Vogel am Handy, würde er jetzt vermutlich auflegen.


      "Komm zum Punkt. Dein Lakai hat mir schon geflüstert, dass du nicht erfreut sein wirst. Er sollte das vielleicht nicht vor meinen Kollegen tun, sonst bekomme ich blöde Fragen gestellt." Für einen Moment blieb es stumm in der Leitung. "Und du weißt, dass ich blöde Fragen nicht mag.", setzte er hinzu. Damit hatte er Anis sofort auf einem Fuß erwischt, den der gar nicht mochte... wenn seine Mitarbeiter zuviel plapperten. Und dafür war Benny nicht unbekannt. Aber das war jetzt auch egal. "Kevin, pass auf. Benny ist ein guter Kerl, und nicht ganz unwichtig für mich. Nicht nur als Türsteher, verstehst du? Deswegen wäre es ein feiner Zug, wenn er nicht ganz so lange in U-Haft versauern würde für diese lächerliche Scheisse." Kevin musste grinsen und schüttelte den Kopf. "Vergiss es. Such dir jemand anderen."
      "Ach, du enttäuschst mich. Das klang früher, wenn ich mit Tütchen geraschelt habe und du Zack noch nicht in den Anus gekrochen bist, aber ganz anders, Alter. Und du weißt auch, dass jeder Mensch erpressbar ist." "Ich war nie erpressbar für dich, wir waren höchstens Geschäftspartner.", stellte Kevin klar, und ihm ging das Gespräch zunehmend auf die Nerven, denn aus seiner Sicht führte es ins Nirgendwo. Ausser, dass das Weiterverfolgen des Waffendeals vermutlich hier beendet war. "Die Betonung liegt auf WAREN.", setzte er hinzu. Beinahe konnte er durch das Telefon spüren, wie die Lockerheit aus Anis' Miene wich. "Du kannst dich doch bestimmt erinnern, dass ich solche menschlichen Enttäuschungen schon vor 10 Jahren nicht gemocht habe.", sagte er und obwohl Kevin nicht den Hauch von Angst verspürte, verspürte er aber eine Beklemmung in sich drin. "Ich kann mich auch erinnern, dass du vor 10 Jahren schon den gleichen Tee wie heute trinkst. Vielleicht hängts daran." Danach beendete er das Gespräch... und zahlreiche Erinnerungen fluteten seinen Verstand...
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      Die Vermutung der Chefin, dass ihre Mitarbeiter nach der anstrengenden Nachtschicht schnell den Weg nach Hause antreten würden, war nicht ganz richtig. Nachdem Semir sich bereits in den Feierabend, und gedanklich bereits ins warme Bett verabschiedet hatte, hielt sein Partner ihn auf dem Parkplatz am Ärmel fest. "Lass uns noch frühstücken gehen. Ich lade dich ein.", sagte Ben lächelnd, und sein bester Freund stimmte zu. Wenn Ben mal einlud, durfte man das nicht abschlagen. Ausserdem hatte der einfühlsame Kommissar bereits eine leise Ahnung, dass mehr hinter dem Frühstück stand, als einfach nur Hunger und die Angewohnheit, dass man seinen besten Freund hin und wieder einlud, was Semir auch tat.
      Semirs Ahnung bestätigte sich schon, als sie sich an ihren Stammplatz in der Autobahnraststätte setzte, die nur wenige Kilometer von ihrer Dienststelle entfernt war. Denn Ben erzählte ihm sofort von dem kleinen Schlusssatz, den dieser "Benny" Kevin an den Kopf geworfen hatte, und dessen ablehnende und spielend unwissende Haltung gegenüber seinem Partner. Die Erklärung für Bens Satz an Semir nach dem Verhör, den Semir genauso wenig einordnen konnte.


      "Du glaubst also, dass Kevin uns mal wieder etwas verheimlicht?", fasste Semir zusammen und rührte in seinem heißen Kaffee, der zusammen mit Brötchen und einer Aufschnittplatte für die beiden Kommissare gekommen war. Sein Partner hatte die Ellbogen auf dem Tisch aufgestützt, beide Hände verflochten und das Kinn darauf gelegt. "Ich weiß nicht. Vielleicht werde ich mittlerweile paranoid, wenn Kevin mir etwas erzählt und ich es anzweifle... aber..." Er seufzte. Ben spürte, wie tief der Graben zwischen ihm und seinem Freund war, wie sehr er ihm misstraute. Obwohl er es nicht wollte, und obwohl er sich vorgenommen hatte so unvoreingenommen Kevin gegenüber zu treten, wie zu Beginn ihrer Zusammenarbeit. Egal, was zwischen ihnen vorgefallen war.
      Doch schon jetzt wurde es auf eine Probe gestellt. Nachdem Semir so misstrauisch war, als seine Tochter verschwand und er Kevin verdächtigte und sich dieses Misstrauen als falsch herausgestellte hatte, war der erfahrene Kollege wieder ein wenig geeicht und stellte voreilig nichts mehr in Frage. Gesundes Misstrauen ja - vorschnelles Verurteilen nein. Es war so etwas wie eine Lehre. Kevin war einfach kein schlechter Kerl... aber er war nach wie vor undurchschaubar. Man sollte ihm nicht misstrauen, man durfte ihm nicht vertrauen. Es war schwierig.


      "Also irgendjemand findet es nicht gut, dass Kevin Benny festgenommen hat. Mal von der Frage abgesehen, wen Benny damit gemeint hat... warum sollte es Kevin interessieren, dass es jemand nicht gut findet?" Semir angelte sich beim Reden zwei Scheiben Salami und legte sie sich aufs Brötchen. "Ich meine, dass Bennys Boss es nicht gut findet, wenn der verknackt wird, ist ja logisch. Aber warum soll Kevin das wissen?" "Weil Kevin den Boss kennt.", antwortete Ben auf die Frage seines Partners. Abwegig war das nicht, hatte Kevin doch noch einige Kontakte als ehemaliger Krimineller in Jugendzeiten. Dass der junge Polizist auch gegen Bezahlung in Form von Drogen manche Razzia dem Betreiber des Schuppens angekündigt hatte, wussten die beiden jedoch nicht.
      "Mal angenommen, Kevin kennt Bennys Boss und der macht extra darauf aufmerksam, dass dieser nicht glücklich über die Festnahme ist... bedeutet das, dass er Kevin damit Angst machen möchte? Also das, was auch Kevin selbst gesagt hat obwohl er angeblich nicht weiß, wer dahinter stecken soll.", spinnte der jüngere Polizist den Gedanken weiter, während Semir zustimmend nickte und fortfuhr: "Oder verstößt Kevin gegen eine Abmachung."


      Ben blickte zu Semir auf. "Abmachung?" "Das ist nur so ein Gedanke. Vielleicht haben er und Bennys Boss noch Kontakt miteinander." Ben wusste, dass Semir sowas nicht aus Bosheit sagte, sondern nur weil er jeden möglichen Gedanke abklopfte, deshalb schob er auch gleich hinterher: "Aber ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass Kevin in den Kreisen noch so tief drinhängt. Er nimmt keine Drogen mehr seit Becker tot ist... warum sollte er noch irgendwelche Geschäfte machen." "Du glaubst ihm also, dass er keinen blassen Schimmer hat, warum Benny ihm diesen Gruß hinterlässt?", fragte Ben und biss in sein Brötchen. Semir dachte kurz nach.
      "Ich sag es mal so... ich glaube ihm, dass er nicht weiß, was genau hinter dem Gruß steckt. Aber ich denke, dass er genau weiß, WER hinter dem Gruß steckt. Und dass er uns das nicht sagen will." "Aber warum nicht? Warum dieses Geheimnistuerei. Wir bekommen es doch eh raus, wenn wir wollen. Und wenn er keine Geschäfte mit dem Typ laufen hat, dann kann er uns doch reinen Wein einschenken. Dass er einige in der Unterwelt kennt, und einige ihn kennen, wissen wir doch eh.", fragte Ben.


      "Tja, das kann er uns nur selbst beantworten.", sagte Semir schulterzuckend. "Wird er aber nicht.", grummelte sein Partner und lehnte sich zurück. Er fühlte sich immer noch nicht wohl bei dem Gedanken, dass Kevin ihnen etwas verheimlichte, abblockte und sie aus seiner Gefühlswelt wieder ausschloß. Sein erfahrener Partner sah ihm die Gedanken an. "Wir sollten nicht wieder den Fehler machen, und Kevin dafür verfluchen. Er ist nun mal wie er ist. Er braucht Vertrauen, und das hat er momentan nicht. Bis das wieder so ist, dass er uns sowas erzählt, wird es dauern.", erklärte er, und war mittlerweile, nach all dem was passiert war, bereit dieses Vertrauen wieder aufzubauen. Etwas, an das er vor einigen Wochen nicht mal dachte.
      "Das wird Zeit brauchen. Und solange müssen wir einfach akzeptieren, dass er sich verschließt." Ben nickte und war wie so oft beeindruckt über Semirs Weitsicht. Er trank den letzten Rest seines Kaffees und meinte: "Vielleicht lässt er Jenny eher wieder in sein Innerstes und vertraut ihr etwas an..."
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      Fjoergyn - Dinner mit Baal
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      Erik Peter's Club - 9:00 Uhr


      Es war recht dunkel im Ausschankraum des Clubs in einem der "Vergnügungszentren" der Kölner Innenstadt. Die Gegend hatte nicht den besten Ruf, war er doch in den Diskotheken, Bordells und Clubs der Hauptumschlagplatz für Drogen und illegale Prostitution. Auf jeden Club in dieser Gegend hatte die Polizei ein Auge geworfen, mal mehr, mal weniger. Erik Peters hatte immer versucht, seinen Laden so sauber wie möglich zu halten. Türsteher, die selbst Drogen nahmen, waren für ihn tabu. Seine Mitarbeiter waren angewiesen, hin und wieder Taschen zu durchsuchen und zumindest harte Drogen wie LSD, Haschisch oder Kokain sofort aus dem Laden zu verbannen. Wurde mal ein wenig Gras gefunden, drückte er zwei Augen zu.
      Der Mann, im Moment Ende 50, saß an einem der Tische und machte Kassensturz von der letzten Nacht. Der Laden lief durchweg gut, den Clubs starben nie aus. Die Menschen gingen, trotz Facebook und Twitter, immer noch gerne raus. Musik, high sein und Alkohol trinken, sowie ein Schäferstündchen mit einer netten Dame in den oberen Zimmern ließen sich online eben nicht ersetzen. Und so lächelte Erik zufrieden mit einer filterlosen Zigarette im Mund und einem Schluck Whisky vor dem Schlafengehen, als er die Nachteinnahmen in einer Kassette einsperrte.


      Er hatte den Laden vor 20 Jahren bereits gekauft und nach seinen Wünschen ausgebaut. Vorher war der Mann vor allem im Zuhältergeschäft tätig, und hatte einige Jahre ein kleineres Bordell auf der Hamburger Reeperbahn. Doch die Sitten dort wurden ihm zu heftig. Zu dieser Zeit leistete er sich auch privat zwei Fehltritte, die in zwei Kindern endeten, die im Abstand von drei Jahren zur Welt kamen. Die Mütter verschwanden so schnell, wie sie gekommen waren und Erik war mit der Situation einerseits überfordert, andererseits hatte er auch keinerlei Interesse an den Kindern. Mehrmals versuchte er erst den Jungen, später auch das Mädchen zur Adoption freizugeben, doch das Amt erkannte seine Gründe nicht an. Er war berufstätig, hatte einen festen Wohnsitz und sollte sich, verdammt nochmal, kümmern.
      Hilfe bekam er später von einem Transvestit-Künstler, Kalle, der in seinem damaligen Laden verkehrte und mit ihm zusammen als Geschäftspartner nach Köln ging. Er nahm sich zumindest zur Tageszeit den beiden Kindern an und bot ihnen ansatzweise ein Zuhause. Während der junge Kevin früh in seiner Jugend auf die schiefe Bahn, an Jugendgangs und Drogen geriet, schaffte Kalle es die jüngere Janine davon weitestgehend fernzuhalten, auch wenn ihr Bruder und dessen "Welt" das Mädchen faszinierte. Doch im Gegensatz zu dem Träumer Kevin war sie bereits im Teenager-Alter sehr geerdet. Mit 15 wurde sie allerdings traurigerweise vergewaltigt und ermordert. Nachdem Erik Peters seinem 18jährigen Sohn daran die Schuld gab, zerbrach das sowieso sehr problematische Verhältnis zwischen ihnen komplett.


      Der Mann, mit den dunkelbraunen Haaren die er im Nacken recht altmodisch etwas länger trug und somit das perfekte Klischee-Bild eines Club-Besitzers alter Schule abgab, stellte gerade das Whisky-Glas in die Spüle und drückte die Zigarette in den Aschenbecher aus, als die Eingangstür des Clubs aufschwang, die er noch nicht abgeschlossen hatte. Ein Mann mit Bart und lockigen dunklen Haupthaaren trat in das schummrige Ambiente und blickte direkt in die kaltblauen Augen des Besitzers. "Entschuldigen sie, aber wir haben geschlossen.", sagte Erik und das Glas, das er auf die Spüle stellte, klirrte ein wenig, so dass man es im ganzen Raum hören konnte.
      "Das macht nichts, Herr Peters. Ich wollte zu ihnen.", sagte der Mann mit sanfter, dunkler Stimme und trat herein. Jetzt trug Anis nicht mehr seine bequeme Jogginghose sondern eine moderne Jeans, Nike-Turnschuhe und einen modernen Kapuzenpulli. Er kleidete sich, wie ein Berufsjugendlicher, der seinen Stil nicht mehr geändert hatte, seit er 16 war, und so wirkte er manchmal jünger, als er eigentlich war. Dementsprechend erstaunt sah Erik Peters ihn an, als er ihm die Hand hin hielt.


      "Anis Edhem Bourgiba", stellte sich der Mann vor und Erik Peters sah den Mann mit kurzem Erstaunen an. Natürlich sagte ihm der Name etwas... zumindest der Nachname. Er stand für eine Art Clan in Kölns Unterwelt, für Drogenhandel und Schutzgelderpressung. Und er stand ein wenig für die Vergangenheit seines Sohnes. Vor einigen Jahren kamen schon einmal Männer von Bourgiba zu ihm, und Erik Peters erwähnte den Namen seines Sohnes, der damals bereits bei der Polizei war. Anis und Kevin kannten sich von früher, und seitdem war der Club-Besitzer von jeglichen Schutzgelderpressungen aus dem Bourgiba-Clan verschont geblieben. "Was kann ich für sie tun?"
      "Wie gehts ihrem Sohn?", fragte Anis recht scheinheilig, während er durch den Raum ging und sich umsah, als wolle er den Laden kaufen und schaute sich alles ganz genau an. "Gut, denke ich. Ich habe ihn schon ein paar... ähm, Wochen nicht mehr gesehen." In Wahrheit hatten sie seit mehreren Monaten kein Wort mehr gewechselt, nachdem sie sich zufällig bei Kalle über den Weg gelaufen waren. Davor ging die Kontaktaufnahme hin und wieder mal von Erik aus, doch sein Sohn blockte total ab. Er wollte nichts mehr mit seinem Vater zu tun haben.


      Dass Anis den Laden von Erik Peters ausließ wegen Kevin, wusste der gar nicht. Dies wiederrum wusste aber der Vater des Polizisten, und schwindelte deswegen bei der Zeitangabe. "Ich wollte ihnen nochmal das Angebot unterbreiten, das ich vor einigen Jahren schon einmal getan hatte. So ein schöner Laden braucht Schutz, und den kann ich ihnen garantieren." Dabei setzte sich Anis auf einen der Drehstühle an die Bar, griff über den Tresen und nahm sich einen Jack Daniels. Erik biss sich auf die Lippen. "Ich... ich dachte, dass wir das damals schon geklärt hatten.", sagte er mit Hinblick darauf, dass sich Kevin und Anis kannten.
      "Hmm ja... nur leider hat ihr Sohn unser..." dabei besah sich Anis genau die dunkelbraune Flüssigkeit im Glas "unser Geschäftsverhältnis beendet." Dieser Wort betonte er besonders, so dass sich Eriks Kehle kurz zuschnürte und er schärfer als er eigentlich wollte, nachfragte: "Was haben sie mit Kevin gemacht?" Anis drehte sich auf dem Drehstuhl zu Erik, während seine dunklen Augen eher bedrohlich strahlten, lächelte er: "Nichts. Wir haben nur kurz heute morgen miteinander gesprochen."


      Für einen Moment blieb es mucksmäuschenstill im Raum, und die beiden Männer blickten sich an. In Eriks Kopf raste es... Kevin wusste nicht, was es für seinen Vater bedeutete, dass er diese ominöse Beziehung beendet hatte... er wusste nicht mal, dass sein Vater davon profitierte. Jetzt war er nur ein Club-Besitzer unter vielen, die an den Bourgiba-Clan Schutzgeld bezahlen mussten, wenn man nicht wollte dass ständig Schläger den Club verwüsteten, oder es zu anderen "Vorfällen" kam. "Ich... ich muss mir das mal genau überlegen.", sagte Erik Peters unsicher und nahm das, von Anis geleerte Glas um es wieder in die Spüle zu stellen.
      Dieser lächelte und nickte. "Tun sie das. Lassen sie sich ruhig Zeit... sagen wir, zwei oder drei Tage. Dann unterhalten wir uns über alles weitere." Wieder schüttelte er dem Club-Besitzer die Hand und verließ den Laden. Es trat ein, was er wollte... Peters würde seinen Sohn anrufen, und von diesem Treffen berichten. Danach wäre der Polizist sicherlich bereit, über Anis Bitte nachzudenken.
      Erik reagierte, wie Anis es sich ausrechnete. Seine Hand fuhr in die dunkelblaue Jeans und griff zum Handy, wo er immer noch die Nummer seines Sohnes gespeichert hatte, die er wieder und wieder von Kalle bekam. Es klingelte einmal, zweimal... dann ging die Mailbox ran. Der Club-Besitzer wusste, was das bedeutete... Kevin hatte ihn weggedrückt.
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      Dienststelle - 14:00 Uhr


      Sie hatten sich zu viert bei der Chefin im Büro versammelt. Anna Engelhardt hatte ihre Mitarbeiter gebeten, am Nachmittag noch für ein paar Stunden Dienst zu machen, da die Personaldecke zur Zeit sehr dünn war, und man am nächsten Morgen wieder in den Rythmus kam. Ben und Jenny hatten drei Stunden, natürlich getrennt voneinander, auf dem Sofa verbracht, während Ben und Kevin das Vorschlafen vor dem Einsatz gereicht hatte. Ben ging seinem liebsten Hobby nach und klimperte um die Mittagszeit auf seiner Gitarre herum, während Kevin sich beim Sport auspowerte. Eine Stunde Laufen, eine Stunde Krafttraining mit lauter Musik in den Ohren.
      "Wenn wir Benedikt Jecker nur anklagen wegen Widerstand, wird er sich ins Fäustchen lachen. Vielleicht kriegt ihn ein guter Anwalt sogar auf Bewährung raus und wir alle wissen ja, was auf dem Rastplatz wirklich gelaufen ist.", sagte die Chefin, während ihre vier Mitarbeiter allesamt irgendwo im Büro Platz gefunden haben. "Gibt es denn gar keine Chance, ihn irgendwie zum Reden zu bewegen? Aussicht auf Strafmilderung etwa."


      Kevin schüttelte den Kopf und ergriff zuerst das Wort. "Benny wird nichts sagen. Der weiß ja, dass er bei seiner jetzigen Lage ganz leicht wieder rauskommt. Ausserdem ist er immer loyal zu seinem jeweiligen Boss gewesen." "Sie glauben also, dass er selbst noch jemanden über sich hat?" Diesmal nickte der junge Polizist. "Benny hat zwar Kontakte, aber er ist kein Anführer. Er hat ganz sicher im Auftrag gehandelt." "Ja, und zwar vermutlich in seinem Auftrag.", sagte Ben nun, der direkt am Schreibtisch der Chefin saß und eine Akte mitgebracht hatte. Er legte sie der Chefin vor, die sofort einen Blick darauf warf. Kevin erkannte das Gesicht auf Seite 1 sofort.
      Er hatte damals kürzere Haare, an den Seiten abrasiert und sein Bart war kurz und akkurat gestutzt. Ben hatte Benedikts Akte heute morgen aus Kevins Büro genommen und selbst noch einmal genauer durchgelesen. Eine kurze Recherche im Polizei-Netzwerk, zwei Anrufe bei den Drogen-Ermittlern und bei der LKA-Dienststelle für organisierte Kriminalität später hatte er den Eigentümer der Bar, in der Benny arbeitete, herausgefunden. Er war sich für einen Moment unsicher ob der Nachforschungen, doch Semir bestärkte ihn. "Wir ermitteln alle an dem Fall.", sagte er eben im Büro.


      "Anis Edhem Bourgiba ist eine recht große und bekannte Nummer in unserem Verein. Allerdings eine Nummer, die es immer wieder schafft, sich den Handschellen zu entziehen.", erklärte Ben, während die Chefin einige Zeilen der Akte las. Immer wieder wechselte Bens Blick zu Kevin, der an der Seite des Büros an die Glaswand gelehnt, stand und die Arme vor der Brust verschränkt hatte. Seine Miene blieb unbeweglich und ausdruckslos. Kein Zeichen der Verärgerung, der Verwunderung oder sonst irgendetwas. Kevin blieb undurchdringbar. "Man sagt ihm Kontakte in die Drogenszene, Prostituiertenszene und auch zum organisierten Verbrechen nach. Quasi alles, was Geld verspricht." Wieder ein Blick zu Kevin. "Es gab sogar mal Ermittlungen, weil einige Kollegen von uns auf seiner Gehaltsliste stehen sollen. Aber da ist nie etwas herausgekommen." Er spürte, wie ihn der Blick aus den kalten blauen Augen traf.
      Auch die Chefin sah nun zu Kevin, da sie ja wusste dass er zumindest Benny von früher kannte. "Kennen sie ihn?" Der junge Polizist sah einen kurzen Augenblick zu Boden. Es ging hier um Ermittlungen, und auch hier sah er keinen Grund, die Chefin anzulügen. Er versuchte für sich selbst den Balanceakt zwischen vertraulichem Arbeiten, und sich selbst nicht zu weit zu öffnen.


      "Ja, ich kenne ihn. Was Ben sagt, stimmt. Er hängt in allem Kriminellen drin, was hinter dunklen Club-Türen so passiert. Aber er ist ziemlich gerissen, jedoch nicht zu schade auch selbst bei gewissen Coups dabei zu sein." Ben war ein wenig überrascht, doch das brachte er nicht zum Ausdruck. Eigentlich hatte er erwartet, dass Kevin auf die Frage der Chefin mit einem Kopfschütteln reagiert. "Und warum schafft man es nicht, dem Kerl das Handwerk zu legen?", fragte Jenny von der schwarzen Leder-Sitzgruppe aus. Daraufhin zuckte der junge Polizist nur mit den Schultern: "Wie das halt bei den Köpfen ist. Er schickt andere vor, andere springen für ihn in die Bresche... oder er lässt sich einfach nicht erwischen."
      "Würden sie ihm Waffendeals zutrauen? Denken sie, das ist ein Teil seines Geschäftes?", fragte die Chefin, klappte die Akte wieder zu und schob sie zurück zu Ben, in dem es arbeitete. Sollte er jetzt und hier vor allen Kevin auf Bennys Andeutung ansprechen? Würde er es wieder unter vier Augen tun, im Vertrauen, würde er wieder eine Abfuhr bekommen. Es wäre zwar unangenehm für den jungen Polizisten, aber vielleicht würde er dann endlich mit der Sprache rausrücken. Oder hatte er ihm heute morgen etwa die Wahrheit gesagt? Ben entschied sich für die Konfrontation... so leid es ihm tat. Aber er hatte die Geheimnistuerei satt.


      "Könnte Benny diesen Anis gemeint haben, gestern?", fragte er direkt in Kevins Richtung, und die Blicke der beiden Männer trafen sich wieder. "Bei was? Er hat doch nichts gesagt.", war dessen Antwort und seine Stirn legte sich etwas in Falten. "Ich meine am Schluss... diese... naja, diese Drohung in deine Richtung. Dass "ihm" das gar nicht gefallen wird." Für einen Moment herrschte eisige Stille im Raum und Ben hatte das Gefühl, Kevins Augen würden sich einen Moment verengen... oder bildete er sich das nur ein? Semir strich sich mit den Fingern über die hohe Stirn und war erstaunt, dass Ben so offen Kevin darauf ansprach... vor den Kollegen, okay. Vor der Chefin empfand Semir das als falsch.
      Doch wieder kam nur ein Schulterzucken von dem schweigsamen Polizisten. "Keine Ahnung. Kann sein, dass er Anis gemeint hat. Aber den Hintergrund, warum und weshalb, weiß ich immer noch nicht." "Haben sie Kontakt zu diesem Anis.", fragte die Chefin genau die Frage, die Kevin nicht hören wollte. Denn nun musste er lügen... vorsätzlich. Denn egal, welchen Grund er der Chefin nun auf den Tisch legte, es war nicht duldbar dass ein Polizist privaten Kontakt zu einem Mann hatte, der bekanntermaßen eine große Nummer im organisierten Verbrechen ist. "Nein, habe ich nicht.", sagte er und die Chefin nickte.


      "Ich würde trotzdem vorschlagen, auch wenn sich dieser Anis schon mehrmals aus dem Netz gewunden hat... irgendwann macht jeder mal einen Fehler. Semir und Ben, sie fahren zu dieser Bar und sehen sich dort mal um, befragen ihn. Vielleicht sagt er ja etwas, was uns weiterhilft. Kevin und Jenny, sie verhören nochmals Herrn Jecker. Versuchen sie alles, ihn zum Reden zu bewegen... aber bitte im Rahmen der Genfer Konvention, Herr Peters.", endete sie scherzhaft, bevor sie die Versammlung auflöste.
      Während Kevin und Jenny in ihr Büro abbogen und damit ausserhalb der Hörweite von ihren beiden Kollegen kamen, beugte sich Semir zu Ben und sagte leise: "Das war nicht vertrauensfördernd..."
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