Bluttat

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    • Campino

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    • Vor der Schule - 16:25 Uhr


      Semir fühlte sich von Bens Worten nicht beruhigt. Im erschien der Gedanke surreal, dass er vor einer halben Stunde noch dachte, Kevin hätte seine Tochter entführt und jetzt solle er davon ausgehen, dass der junge Polizist Ayda mit seinem Leben beschützte? Dieser Stimmungsumschwung Kevin gegenüber fand er abstrus, aber auf der anderen Seite auch nachvollziehbar. Er hatte sich einfach getäuscht, hatte sich von seinen Gefühlen leiten lassen... und von Vorurteilen. Vorurteilen gegenüber seinem Partner, jene Vorurteile, die mitschuldig daran sind dass aus Kevin eben jener Mensch wurde, der anderen Menschen nur schwer vertrauen kann.
      Der erfahrene Beamte fühlte sich schlecht, hundeelend. Das schlechte Gewissen nagte an ihm, die Sorge um Ayda machte ihn wahnsinnig und auf die Gespräche mit den Lehrern konnte er sich nicht konzentrieren. Hin und wieder erwischte er sich bei dem Gedanken, Andrea anzurufen. Aber seine Frau war auf einer wichtigen Schulung und Semir wollte sie nicht ängstigen. Ein zweischneidiges Schwert... er würde seiner Frau eine Menge Streß ersparen, wenn hier alles unblutig ausginge, und er am Abend einfach davon erzählte. Allerdings wollte Andrea natürlich auch wissen, was mit ihren Kindern gerade passierte. Semir entschied sich erstmal dagegen.


      Auch von anderen Lehrern war nicht mehr in Erfahrung zu bringen. Ben hatte das Gefühl, er würde jedes Mal eine Schallplatte abspielen. Schweigsam, Eigenbrödler, Jens ein sehr schlauer Kerl, aber total verschüchtert. Dass es Mobbing-Attacken gegen die beiden Schüler gab, wollte keiner der Lehrer festgestellt haben, eine etwas jüngere Lehrerin vermutete es, als die beiden Polizisten sie befragten. "Ich... ich glaube schon dass sie aufgrund ihrer Introvertiertheit schon zu den bevorzugteren Opfern gehört haben könnten. Es gibt an unserer Schule auch einige Problemgruppen an Schülern, aber das gibt es überall." "Warum wurde von Seiten der Lehrer nichts dagegen unternommen?", fragte Semir dann, der sich erstmals in ein Gespräch einschaltete. In seiner Fantasie machte sich gerade eine Szene breit, in der seine Tochter von älteren Schülern oder Schülerinnen gemobbt wurde.
      Die Lehrerin sah kurz zu Boden. "Wissen sie, das ist nicht so einfach wie sich die Eltern das vorstellen.", murmelte sie und Ben bemerkte ihre Verunsicherung. "Das heißt, die Lehrer haben selbst Angst, Opfer von Attacken zu werden?" "Wir haben sicherlich keine amerikanischen Verhältnisse, verstehen sie das nicht falsch. Aber viele Kollegen und Kolleginnen ziehen ihren Unterricht durch, und sind froh wenn sie sich mit den Problemen der Schüler nicht beschäftigen müssen."


      "Das solltet ihr aber. Das gehört zu eurem Job.", sagte Semir missbillig und klang in seiner Stimme härter, als er eigentlich wollte, denn er sah die Lehrerin weiterhin beschämt zu Boden sehen. Ausserdem stand sie natürlich auch unter Schock, ob der Geschehnisse an ihrer Schule. "Hätten sie den beiden solch eine Tat zu getraut?", fragte Ben wieder etwas ruhiger, konnte sowohl Semirs Ton in seiner Lage, als auch die Gemütslage der Lehrerin verstehen. "Nein... also... Jens eher nicht. Tobias weiß ich nicht. Seinem Freund schon eher." "Seinem Freund? Also doch Jens?" Die Lehrerin schüttelte den Kopf. "Nein nein... ich meine Marvin, Marvin Glaubinger. Er ist ein Freund von Tobias, und ich habe mal mitbekommen, dass sie sich über Waffen unterhalten hatten. Allerdings habe ich mir nichts dabei gedacht, weil es sich um Sportschießen handelte, was ja wirklich nichts ungewöhnliches mehr ist."
      Die beiden Polizisten sahen sich an. "Und das sagen sie erst jetzt? Dass einer der Täter einen Freund hat, der Sportschütze ist?", fragte Semir mit Erregung in der Stimme, und die junge Frau sah sich unsicher um. "Ich... also ich..."


      Plötzlich wurde die, beinahe unheimliche Stille vor der Schule durch zwei gedämpfte Schüsse unterbrochen, die alle Anwesenden auf dem Vorplatz zusammenzucken ließen und Richtung Schulgebäude blicken. "Verdammt...", murmelte Semir erschrocken und biss die Zähne aufeinander. In einige Beamte kam Bewegung und die beiden Polizisten sahen, wie Kosicke über den Parkplatz Richtung Einsatzzentrale sprintete, um dort sofort wieder den Hörer in die Hand zu nehmen und die Handynummer von Tobias zu wählen. Das Freizeichen dauerte einige Sekunden, bis abgehoben wurde. "Kosicke hier! Was ist da drinnen bei euch los? Du hast gesagt, dass keinem etwas passieren wird, wenn wir euch in Ruhe lassen!", sagte er mit strenger Stimme in den Hörer.
      Semir und Ben kamen gerade in den Bus, als Kosicke den Ton auf laut stellte. "Ich habe gesagt, dass wir unser Ding durchziehen. Es sind noch nicht alle Rechnungen beglichen.", hörten sie die Stimme. Kosickes Atem beruhigte sich langsam, er versuchte kühlen Kopf zu bewahren. "Dann erzähl mir endlich von diesen Rechnungen. Und wir finden gemeinsam eine Lösung." Die darauffolgende Stille war unheimlich, beinahe gespenstisch. Semir hatte das Gefühl, der Boden unter ihm wäre glühend heiß. "Hallo? Tobias, rede mit mir." Als Kosicke den Namen erwähnte, wurde die Leitung unterbrochen.


      "Mist.", fluchte der erfahrene Verhandlungsführer des SEKs und legte den Hörer wieder auf. "Er verhält sich nicht typisch. Er ist weder eiskalt und gelassen, noch wirkt er nervös." Dann blickte er zu den beiden Polizisten. "Was meint er mit Rechnungen." "Eine der Lehrern erzählte uns, dass sowohl Jens als auch Tobias durch ihre Introvertiertheit ein gutes Mobbing-Opfer abgeben könnten. Bemerkt haben will sie nichts, aber das glaube ich ihr nicht... wie kommt man sonst auf sowas?", sagte Ben und runzelte dabei die Stirn. "Ausserdem hat Tobias noch einen Freund, der Sportschütze ist. Sein Name ist Marvin Glaubinger..." Über Funk gab der Einsatzleiter sofort weiter, sich um die Adresse des Marvin Glaubinger zu kümmern und einen Streifenwagen dorthin zu schicken, um zu prüfen ob dessen Waffen noch im Haus waren, und er selbst auffindbar.
      "Wir müssen etwas unternehmen, Karl-Heinz. Wir können nicht warten, bis die beiden Jungs alle auf ihrer Liste befindlichen Leute, die sie mal gemobbt haben und dort drin sind, getötet haben.", sagte Semir fieberhaft, dachte dabei aber natürlich zuerst an seine kleine Tochter. "Euer Spezialist analysiert den Auslöser an der Tür. Aber er kommt nicht heran, da er von innen angebracht ist und auslöst, sobald man die Tür öffnet." "Wie weit sind ihre Männer mit dem Gebäudeplan?", fragte Ben den Einsatzleiter. "Das Dach wäre eine Möglichkeit. Allerdings ist dort die Tür verriegelt, und man müsste sie aufsprengen, was Geräusche verursacht. Sie liegt direkt über der Aula, was bedeutet, dass man uns hören könnten." "Na klasse...", seufzte Ben und Semir schüttelte nur den Kopf.


      "In einigen Minuten kommen die Eltern von Jens und Tobias.", sagte Kosicke. "Bei Jugendlichen kann das etwas auslösen. Normalerweise sind Mobbing-Opfer in ihrem Wesen sehr sensibel... ist ja klar, sonst würden sie nicht so extrem darauf reagieren. Wer sensibel ist, und eine gewisse Empathie hat normalerweise eine recht gute Erziehung genossen, dementsprechend ein gutes Verhältnis zu den Eltern. Das beobachten wir oft bei Mobbing-Opfern. Wir hoffen, dass wir zumindest einen der beiden so zur Aufgabe bewegen können, und er seinen Kollegen dann mitzieht.", erklärte der Diplom-Psychologe. "Das ist die größte Chance, die wir momentan haben."
      "Alternative ist nur die Hauruck-Aktion.", schaltete sich dann der Einsatzleiter ein und sah Kosicke an. "Der Ministerpräsident macht Druck... wir können keine weiteren Opfer verantworten und die Geiselnahme muss so schnell wie möglich beendet werden." "Bei einer Hauruck-Aktion könnten noch weitere Schüler sterben. Geben sie den Eltern eine Chance..."
      Die Stunden und Tage unterscheiden sich kaum
      Ich bin es so leid, ohne dich zu sein
      Wie Staub tanzt dein Bild durch jeden Raum
      Doch nichts dringt mehr bis zu mir herein

      Hilf mir mich zu finden nach all diesen Jahren
      Nimm mich ein kleines Stück Weges mit dir
      Heile die Wunden, die unheilbar waren
      Ich wär' fast gefallen, doch dann warst du hier

      Illuminate - Verloren
    • Schule - 16:30 Uhr


      Die Blutlache reichte unter dem zusammengesackten Körper fast bis zu den modisch auffälligen gelben Turnschuhen von Achmed. Tobias hatte ihm zwei Kugeln in die Brust gefeuert, und es dauerte nur wenige Sekunden bis der Tunesier sich nicht mehr rührte. Der Schütze schien dabei nichts zu empfinden, so erschien es Kevin, während Marvin grinste bevor er den Polizisten mit einem Schlag des Gewehrgriffes in den Magen wieder auf den Boden zurück beförderte. Unterhalb seines Rippenbogens würde sich nun ein faustgroßer Bluterguss bilden und für einen Moment blieb Kevin die Luft weg.
      Es schien jedes Mal so, als würden die Jungs in eine Denkphase fallen, sobald sie einen weiteren Namen auf ihrer Liste abgehakt hatten. Sie redeten leise miteinander, wobei das mittlerweile nur noch Marvin und Tobias waren. Jens saß immer noch kreidebleich auf einem der Stühle, zitterte und schien Probleme zu haben, Übelkeit und Kreislaufprobleme unter Kontrolle zu behalten. Aber langsam wurde Kevin klar, dass er nicht mehr lange abwarten konnte, nicht mehr abwarten durfte. Und Jens war wohl nicht mehr fähig, eine Gefahr darzustellen. Er musste bereit sein, zu handeln. Wer weiß, wieviele der anwesenden Schüler noch auf Tobias' und Marvins Liste standen.


      "Hey...", sagte der Polizist mit leicht schmerzverzerrter Stimme in Richtung Marvin. "Mir ist schlecht... ich müsste mal zur Toilette." Marvin grinste ihn erst an, bevor er zu ihm kam. Dass es ein Leichtes war, den vermeintlichen Lehrer zu Boden zu befördern, steigerte seine Selbstsicherheit. "Nichts da...", kam es von Tobias, der sich zu Jens setzte. "Ich glaube, es ist für keinen hier angenehm, wenn ich euch in die Zimmerecke kotze." "Komm Tobias... du hast doch gesehen, dass er nichts drauf hat. Ich geh mit ihm.", sagte Marvin und stieß Kevin den Lauf der Waffe gegen die Schulter. Tobias nickte nur und fragte Jens, ob er auch mal zur Toilette wollte, doch der verneinte stumm.
      "Wenn du versuchst abzuhauen, knall ich dich ab wie ein Hase. Ich verspreche es dir.", sagte Marvin drohend, als er Kevin vor sich her trieb, als sie die Aula verließen. "Und selbst wenn du es schaffst hinter der nächsten Ecke zu verschwinden, raus kommst du nicht. Oder du hast alle restlichen Schüler auf dem Gewissen... auch die unschuldigen." Der Polizist spürte den Lauf der Waffe im Rücken auf seiner Kapuzenweste, die er in der unteren Hälfte vorne geschlossen hatte, nachdem er aufgestanden war. "Keine Bange... ich bin sicher nicht lebensmüde.", sagte er.


      Kevin ging voraus, und steuerte selbige Toilette an, die er eben bereits aufgesucht hatte. Als er die Tür zur Kabine öffnete, sah Marvin hinter ihm an ihm vorbei. "Willst du dir ansehen, wie ich mir den Finger in den Hals stecke?", fragte Kevin ein wenig provokant und sah den Jungen aus seinen eisblauen Augen an. Der verharrte kurz, und in seinem Kopf arbeitete es scheinbar... verdammt, er war nur ein Lehrer. Er hat einen Schlag in den Magen bekommen, und ihm war es nun schlecht. "Nein, will ich nicht.", sagte er und ließ Kevin die Tür der Kabine zuziehen und von innen verriegeln.
      Der Polizist atmete durch und klappte Deckel und Brille nach oben. "Hast du dir schon mal den Finger in den Hals gesteckt?", fragte er Marvin und lokalisierte die Stimme, als der mit: "Ja, aber nicht regelmäßig...", antwortete. Er war im Vorraum bei den Pissoirs, und nicht etwa in der Kabine nebenan, um über die Trennwand zu schauen. Mit einer Hand griff Kevin an den Deckel des Spülkastens, um ihn leicht anzuheben. Das Geräusch von Keramik auf Keramik übertönte er mit einem Würgen, als er sich zwei Finger der anderen Hand bis in den Rachen schob, um einen Würgereflex auszulösen. Nicht nur, dass dadurch aus der Kabine nur die Geräusche eines Kotzversuches drangen und damit das leise Klacken des Spülkastens übertünchte... es machte tatsächlich für Marvin den Eindruck, Kevin müsste sich übergeben.


      Er hielt für einen Moment inne, atmete heftig, was er noch nicht mal simulieren musste und spuckte in die Toilettenschüssel. Dabei wischte er seine Dienstwaffe aus dem Spülkasten und steckte sie sich in den Hosenbund seiner Jeans am Rücken. Seine Weste war nicht so eng, dass man die Waffe erkennen könne, schon gar nicht wenn Kevin aufrecht ging. Als der den Deckel des Spülkastens wieder schloss, versuchte er erneut einen Würgereiz auszulösen, diesmal ungewollt mit Erfolg was Marvin zu einem angewiderten "Bääh...", verleiten ließ. Diesmal war Kevins Stöhnen und Ausspucken noch echter, bevor er die Spülung drückte und wieder aus der Kabine herauskam.
      "Na? Besser?", fragte Marvin mit hochgezogenen Augenbrauen und die Waffe fest in der Hand... für Kevin noch keine Gelegenheit jetzt schon anzugreifen. Er nickte nur: "Besser...", bevor er sich Hände und Gesicht wusch, und den Mund mit dem sehr kalkhaltigen und nach Eisen schmeckenden Wasser auf der Schultoilette ausspülte. Im ersten Affekt wollte er sich das Gesicht mit seiner Jacke abwischen, doch dann hätte er sie zu hoch ziehen müssen... zum Glück fiel es im rechtzeitig ein, und so wischte er sich den Ärmel durchs Gesicht, bevor Marvin mit seiner Geisel den Rückzug antreten musste.


      Als sie zur Aula zurückkamen hatte sich an dem Bild nichts geändert. Viele der jüngeren Kinder waren vor Aufregung mittlerweile erschöpft und blass. Jens sah immer schlechter aus und die beiden schwer verletzten Sportler hatten das Bewusstsein verloren. Ihre Freunde hatten aufgegeben, sie ständig aufzuwachen und davor zu bewahren, nicht einzuschlafen. Sie saßen verzweifelt daneben, und jedem fehlte der Mut zu dritt oder viert auf Tobias zu zu stürmen, denn sie wussten er würde sofort und mit Freude abdrücken...
      Kevin setzte sich mit dem Rücken zur Wand und atmete durch. "Gehts ihnen besser?", fragte Herr Tziolis mit etwas sorgenvollem Blick und Kevin nickte nur, während er jetzt die Situation genau beobachtete. Entweder würde er eingreifen, wenn sich die Situation ergab zu einem günstigen Moment, oder wenn der nächste Schüler in Gefahr geriet. Dann musste er es riskieren... es durfte unter seinen Augen niemand mehr zu Schaden kommen.
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      Illuminate - Verloren
    • Vor der Schule - 16:45 Uhr


      Es wurde wieder eng in der mobilen Einsatzzentrale, als die Eltern von Jens zuerst eintrudelten. Ben ließ den beiden den Vortritt und wartete in der offenen Tür, um so gut es ging mitzubekommen, wie das Gespräch lief. Sie hatten vorher ein Foto von Jens gesehen, und er schien fast ein Abbild seines Vaters zu sein. Der war ebenfalls etwas kleiner, rundlich aber akkurat gekleidet, mit einem peinlich genauen Seitenscheitel. Kein Haar stand von seinem Kopf ab, der Kragen seines Hemdes keinen Centimeter zu schief. Aber man sah ihm den Streß an, denn obwohl er nicht übermäßig warm angezogen war, und auch das Wetter sehr frühlingshaft war, aber nicht heiß, schwitzte er.
      Seine Frau, noch kleiner als er und ebenfalls recht kräftig, blieb dicht bei ihm und hatte ein blasse Gesichtsfarbe. Ausserdem waren ihre Augen gerötet. Der Beamte, der sie abgeholt hatte, hatte nur kurze Informationen weitergegeben, und das ohne psychologisch auf den Zustand der Eltern zu achten. Diesen Job würde jetzt Kosicke übernehmen müssen, der eine schwierige Aufgabe hatte... die Eltern instruieren, wie sie auf ihren Sohn einwirken sollen, damit er die Waffe niederlegen würde.


      Die Beamten vor der Schule hatten keine Ahnung, wie die Situation in der Schule war... sonst hätten sie sich vielleicht instinktiv nicht für Jens entschieden. "Versuchen sie auf ihn einzuwirken. Fragen sie ihn, warum er das macht und welche Probleme es gibt.", erklärte Kosicke den Eltern und sprach dabei vor allem den Vater des Jungen an, der äusserlich einen gefestigteren Eindruck machte als die Mutter, die jeden Moment drohte, in Tränen auszubrechen. "Ich weiß nicht, wie ihr Verhältnis zu ihrem Sohn ist..." "Eigentlich... eigentlich ein gutes. Also... ich meine, wir reden jetzt nicht soviel über Dinge wie Freundinnen oder Hobbys und so... aber unser Sohn weiß, dass er immer zu uns kommen kann.", sagte der Mann und rückte seine Krawatte zurecht.
      "Er ist ein guter Junge. Er bringt gute Noten nach Hause, er hatte auch nie Ärger in der Schule. Also, er hat zumindest nicht erzählt dass etwas ist. Und wenn er nichts erzählt... ich meine... dann geht man doch davon aus, dass alles in Ordnung ist, oder?", sagte die Frau mit zitternder Stimme und schaute die Beamten an. Semirs Kopf arbeitete. Seine Tochter ging jetzt schon ein Dreiviertel Jahr auf diese Schule. Würde er energisch nachhaken, wenn bei Ayda die Noten stimmten und sie in ihrem Wesen keine Veränderung zeigte? Würde er nachforschen, ob an der Schule alles gut lief, wenn sie von sich aus nichts oder nur Gutes erzählte? Vermutlich nicht... und er würde dann, wenn seine Tochter ihm nichts erzählen würde, ebenfalls auffallen.


      Deswegen war es dem erfahrenen Polizisten so wichtig ein offenes Verhältnis zu seinen Kindern zu haben. Dass sie ihm und Andrea alles und jederzeit erzählen konnten, das predigte er oft. Genauso wusste Semir aber auch, dass das eine Illusion war. Pubertierende Jugendliche reagierten anders, als man es erwartete, und dass auch Ayda unangenehme Dinge vor ihren Eltern verschwieg, war ziemlich wahrscheinlich. In diesem Moment fühlte sich Semir hilflos, nicht nur aufgrund der Tatsache dass er nicht wusste, wie es seiner Tochter ging.
      "Wichtig ist vor allem, dass sie die Ruhe bewahren, egal wie ihr Sohn reagiert. Sie dürfen nicht wütend werden oder sich aufregen. Ich weiß, dass dies schwierig ist und wir für so etwas ausgebildet sind und noch dazu eine Distanz haben. Ich möchte sie trotzdem darum bitten. Wenn wir merken, dass die Situation eskaliert, werden wir das Gespräch abbrechen müssen. Okay?", erklärte Kosicke den beiden Eltern, und der Vater nickte zustimmend. Der Einsatzleiter, Semir und Ben in der offenen Tür schauten angespannt, als Kosicke die Nummer am Apparat wählte und über die Freisprecheinrichtung das Freizeichen erklang. Ein Mann mit einer lila Weste hielt sich direkt vor der Einsatzzentrale auf, er war Notfallseelsorger und bereit, den Eltern zu helfen... Kosicke hatte ihn her beordert.


      Tobias meldete sich mit: "Was ist denn schon wieder?" Kosickes Stimme blieb ruhig: "Ist es möglich mit Jens zu reden?" Für einen Moment blieb es ruhig in der Leitung. Tobias sah kurz zu Jens, der dessen Blick bemerkte. "Das geht nicht, dem gehts grad nicht sonderlich." Sofort sahen sich die Eltern des Jungen erschrocken an und die Mutter presste die Lippen zusammen. "Hier ist jemand, der mit ihm reden will. Das wird ihm sicher helfen.", sagte der Diplom-Psychologe. "Es sind seine Eltern." "Wer ist da? Was ist los?", hörten die Beamten die leise, zittrige Stimme des Jungen im Hintergrund, und scheinbar dachte Tobias, dass es seinem Freund wirklich helfen würde, wenn seine Eltern mit ihm sprachen. "Ich warne euch... versucht ihn nicht zu irgendwas zu überreden...", drohte er, bevor er Jens das Telefon gab.
      "J... ja?", kam die unsichere und erschöpft klingende Stimme von Jens. Die seines Vaters stand ihm in Sachen Unsicherheit um nichts nach. Trotzdem versuchte er, die Fassung zu bewahren und räusperte sich erst. "Junge... was ist denn los bei dir? Bist du in Ordnung?" "Papa... warum rufst du denn an? Das ist grade... grade schlecht." "Aber Jens, es ist doch nie ein falscher Zeitpunkt, ein Gespräch miteinander zu führen.", sagte der Mann, der innerlich Höllenqualen litt, von Kosicke aber einen aufmunternden Daumen nach oben gezeigt bekommen hat.


      "Pass auf Jens. Ich weiß, dass wir uns in letzter Zeit nicht viel unterhalten haben. Aber wie wäre es, wenn du... wenn du nach draussen kommst und wir reden. Über alles..., was dich bedrückt.", sagte der Mann während Ben und Semir innerlich den Atem anhielten. Semir noch mehr als sein Partner, weil er gerade versuchte sich in die Situation des Vaters hinein zu versetzen. Alleine die Vorstellung, mit dem eigenen Kind zu sprechen, das gerade in einer Schule mehrere Geiseln hielt und vielleicht schon jemanden getötet hatte, jagte ihm Schauer über den Rücken. "Ich... ich weiß nicht. Das wird ein sehr langes Gespräch dann, Papa.", sagte Jens leise und man spürte seine mentale Ausnahmesituation, während der Mutter Tränen wie Bäche die Wangen runterlief.
      "Ist Mama auch da?" "Ja... sie sitzt hier neben mir, und würde sich auch freuen, wenn du rauskommst." Kosicke schluckte als Jens darum bat, mit ihr sprechen zu dürfen. Er fand die Mutter nicht in bester Verfassung, um so ein Gespräch zu führen, aber Jens Vater übergab den Hörer an seine Ehefrau. "Mama?" "Ja, mein Junge. Es wird alles gut werden.", sagte sie mit tränenerstickter Stimme, und jetzt konnte man auch an Jens Stimme bemerken, dass er weinte. "Es... es war alles falsch, was ich gemacht habe, oder?", sagte der Junge, während man ein "Jens, es ist gut jetzt!", von Tobias im Hintergrund hörte. "Lass uns einfach in Ruhe darüber reden... nur du, Papa und ich." Der Junge schniefte, dass es der Mutter einen Stich ins Herz versetzte. "Es tut mir alles so leid, Mama."


      Es war ein Reflex, ein Gedanke der scheinbar Kosicke und Semir gleichzeitig in den Kopf kam, den sie schauten sich für einen Sekundenbruchteil an, als Jens den Satz beendet hatte. Die Stimme im Hintergrund schrie ein lautes "NEIN!!" und ein ohrenbetäubender Knall schoss durch die Leitung, so dass alle in der mobilen Einsatzzentrale zusammenzuckten, bevor ein dumpfes Poltern des fallenden Handys zu hören war. Mit Jens' Mutter begannen auch einige Schüler zu schreien, was man dumpf im Hintergrund hörte, ein ohnmächtiges "Oh Gott", klang leise durch die Lautsprecher, bevor Kosicke das Gespräch abbrach und plötzlich nur noch das Geschrei der Mutter zu hören war. Obwohl niemand sah was passierte, wussten alle was geschehen war...
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      Illuminate - Verloren
    • Schule - 16:50 Uhr


      Es hatte sich nicht abgezeichnet. Und doch würde Kevin später wohl sagen, dass er so etwas geahnt hatte. Seine Muskeln hatten sich angespannt, als er am Boden saß und Jens' Worten lauschte, die er ins Telefon stotterte. Verstehen konnte er die Gegenseite natürlich nicht, aber aus dem Kontext konnte er hören dass Jens wohl mit seinen Eltern sprach. Ein Psychotrick um Geiselnehmer, die mental und psychisch nicht gefestigt waren, zum Aufgeben zu bewegen. Vor allem bei jugendlichen Tätern funktionierte das sehr gut. Die Polizei wandte diese Taktik auch mehrfach, wenn man ein Haus, das von den Punks besetzt war, räumen wollte. Kevins Vater lehnte solche Anfragen der Polizei desinteressiert ab.
      Das Gespräch der Mutter brachte den eh schon labilen und angeschlagenen Jens tatsächlich dazu, auf zu geben. Allerdings interpretierte er das Aufgeben nicht in der Form dass er die Waffe fallen ließ und sich mit erhobenen Händen zum Ausgang bewegte. Sein "Es tut mir alles so leid, Mama.", hatte in Kevins Augen etwas Endgültiges, etwas Fatalistisches. Für die Jugendlichen um ihn herum war es einfach nur ein verzweifelter Satz.


      Kevin hatte sich oft vorgestellt, ob er vor seinem eigenen Selbstmord noch jemanden anrufen würde, ob er einen Abschiedsbrief schreiben würde. Was würde er schreiben, was wären seine letzten Worte an eine liebende Person. Würde er sich auch entschuldigen? Letztendlich war es nie dazu gekommen, auch wenn er so manches Mal das Schicksal herausgefordert hatte. Jetzt sah er zu, und war genauso perplex, hilflos und entsetzt wie alle Schüler und Lehrer um ihn herum.
      Jens war es egal, dass seine Eltern am Telefon vermutlich gerade mitbekamen, was passiert. Er hatte einen mentalen Ausfall, der nicht mehr klar denken ließ und alles um sich herum ausblendete. Für einen Moment sah Kevin sich selbst im Keller von Patricks Haus, wie er sich im Glauben, Ben getötet zu haben, vor Jenny die Waffe an den Kopf hält und abgedrückt hätte, wenn Carsten ihn nicht angeschossen hätte. Jetzt hatte er keine Chance zu reagieren, als Jens sich die Waffe in den Mund steckte, die Augen krampfhaft zuhielt und zum ersten Mal bei dieser Geiselnahme den Abzug betätigte. Die Ballistiker würden später in die Akten schreiben, dass die Jugendlichen auf den Gängen und in der Aula einzig durch die Waffen von Marvin und Tobias gestorben sind. Jens hatte keinen einzigen Menschen getötet, ausser sich selbst.


      Der Schuss klang dumpf, und vielen wurde übel als sie sahen wie Jens zuckend vom Stuhl fiel und ein großer Blutfleck Spuren an der Wand hinter ihm hinterließ. Unnatürliche Geräusche waren von ihm zu vernehmen, als das Leben nicht von einer auf die anderen Sekunde aus ihm trat, und es doch nur wenige Momente dauerte. Spüren konnte er jedenfalls nichts mehr. Viele schrien auf, viele drehten sich weg. Tobias sah völlig entgeistert zu seinem toten Freund am Boden und war unfähig auch nur einen Ton zu sagen. Auch Marvin, der noch dicht bei Kevin stand, war völlig perplex denn auch er hatte nicht damit gerechnet. Er dachte eine Sekunde vorher noch, dass sie Jens jetzt wieder überreden mussten, die Nerven zu behalten und ihren Plan durch zu ziehen.
      Gerade als aus Tobias Mund nur ein tonloses "Oh Gott..." kam, merkte Kevin dass sich keine bessere Situation mehr bieten könnte, die Sache zu beenden. Beide Jungs waren für einen Moment geschockt und unfähig zu denken. Es würde jetzt noch gefährlicher für alle hier werden, wenn die beiden nicht mehr Herr ihrer Sinne waren. Dass sie jedoch auf das Geschrei einiger Schüler nicht mit Maßregelungen reagierten, zeigte dem Polizisten, dass die Gelegenheit günstig war.


      Noch beim Aufstehen griff er sich hinter seine Weste, um seine Waffe aus dem Hosenbund zu ziehen. In nur zwei Schritten war er bei Marvin, griff den Lauf des Gewehrs schulbuchmäßig und drückte ihn nach oben zur Decke. Mit der rechten Hand, in der er die Waffe hielt, schlug er zu. Zwei harte Schläge auf die Niere, die dem Jungen die Luft raubten, und ein Schlag ins Gesicht um ihn ausser Gefecht zu setzen. Auch wenn es sich um Jugendliche handelte, ging Kevin auf Nummer sicher, denn es war seine einzige Chance. Marvin ging unabhängig von seinem Gewehr blutend zu Boden, während Kevin sofort mit seiner Dienstwaffe auf Tobias zielte. Das zu Boden fallende Gewehr nahm Herr Tziolis, der auch sofort aufstand als Kevin angriff und geistesgegenwärtig Marvin in Schach halten wollte... doch der war erst mal ausgeknockt.
      Tobias drehte sich nur langsam um, als er begriff was gerade passierte. Ein Freund tot, der andere gerade niedergeschlagen von einem vermeintlichen Lehrer, der vorhin der erste Lehrer war, der nicht gleichgültig auf die Probleme der drei Schüler reagierte hatte. "Keine Bewegung! Leg die Waffe langsam auf den Boden.", sagte Kevin mit bestimmter Stimme, hatte die Waffe entsichert und war fest entschlossen, dass kein Schüler mehr zu Schaden kommt... es waren zuviele bereits zu Schaden gekommen.


      Tobias schien nach zu denken, und sein Gesicht ließ plötzlich alle Souveränität, alle Kaltblütigkeit zu vermissen. Er schaute sich unsicher um, als wäge er ab ob er noch einige ungeliebte Schüler erschiessen sollte, oder Kevin, oder sich selbst. Oder, ob er einfach aufgeben sollte. Die Waffe hatte er zu Boden gerichtet und seine Lippe zitterte. "Leg sie weg, Tobias!", wiederholte Kevin und festigte seinen Griff um die eigene Waffe. "Es ist vorbei! Tu deinen Eltern nicht noch mehr an! Leg die Waffe weg!" Tobias' Augen füllten sich mit Tränen, als würde er jetzt erst begreifen, was er angerichtet hatte. Vorhin hatte er selbst noch geglaubt, dass alle anderen schuld daran seien, was er hier tat. Als jetzt sein bester Freund in seinem Blut am Boden lag, wurde sein Blick plötzlich klar.
      Konnte er damit weiterleben? Wollte er überhaupt? Seine Hand zitterte und er war sich nicht sicher ob er den Mut hatte, den Abzug zu drücken, wenn er die Waffe gegen sich selbst richtete. Am PC war es so einfach abzudrücken. Eben war es so einfach abzudrücken. Aber plötzlich schien sich der Finger um den Abzug zu verkrampfen. "Es geht ganz einfach. Du drückst einfach ab. Immer und immer wieder.", hatte er zu Marvin gesagt.


      Kevin gab ihm keine Gelegenheit, sich selbst zu testen. Als Tobias die Waffe bewegte, sie nur ein Stück nach oben richtete, drückte der Polizist ab. Die Kugel bohrte sich durch Tobias Schulter und wieder schrien die Schüler in der Aula auf. Durch den stechenden Schmerz konnte der Schüler die Waffe nicht mehr halten und wurde durch den Schlag zu Boden gebracht. Stöhnend lag Tobias am Boden und ließ nun auch den Tränen der Verzweiflung freien Lauf, als sein Blick auf den toten Jens neben ihm fiel. Mit zwei schnellen Schritten war Kevin bei ihm, und schob die Waffe mit dem Fuß von Tobias weg. Plötzlich fiel jegliche Maske von dem Anführer der drei Geiselnehmern. Am Ende war er ein weinender Junge, der vom Opfer zum Mörder wurde...
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      Illuminate - Verloren
    • Vor der Schule - gleiche Zeit


      Wie wichtig es war, dass sich zwei Notfallseelsorger vor dem Telefonat in der Nähe der Einsatzzentrale aufgehalten hatte, zeigte sich sofort als die surreal klingenden Schüsse durch die Leitung krachten. Sofort hatte Kosicke der aufschreienden Frau das Telefon aus der Hand genommen, sofort waren die beiden Männer in den lila Einsatzwesten mit zwei Schritten im Bus, während Ben geistesgegenwärtig nach einem Notarzt rief. Ohne ein Bild vor Augen zu haben, hatten alle Beteiligten die gleiche Szene vor Augen. Sie ahnten, was passierte ohne es zu wissen. Und sie wussten es, ohne einen stichhaltigen Beweis, ausser die geschockten Ausrufe und die Schreie im Hintergrund.
      Semir und Ben verließen die mobile Einsatzzentrale, da die nicht gerade schlanke Frau dort nun zusammenbrach und sich einige Sanitäter um sie und ihren Ehemann kümmern mussten. Im Hintergrund hörten sie den Einsatzleiter des SEK auf Kosicke schimpfen: "Das war eine Bombenidee!" "Wollen sie mir jetzt meinen Job erklären? Oder haben ihre Männer die Sprengfallen etwa schon entschärft? Sie hätten mit einem Alleingang das Leben aller Geiseln aufs Spiel gesetzt." "Und woher wollen sie wissen, wie die weiteren Geiselnehmer jetzt reagieren, wo sich jemand vielleicht umgebracht hat? Jetzt haben wir die totale Eskalation!" Die Stimmen wurden hinter den beiden Männern immer ruhiger, Semir ging mit schnellen Schritten voraus.


      "Hey, Semir. Hey!!", rief Ben und hielt seinen kleineren Partner am Jackenärmel fest. "Was wird das denn jetzt? Wo willst du hin?" "Es reicht mir. Ich will jetzt zu meiner Tochter.", sagte Semir mit zitternder Stimme. Er hatte sich die ganze Zeit unter Kontrolle, versuchte seinen Job zu machen, und tat etwas, was er nie vorher getan hatte: Das Schicksal seiner Tochter in fremde Hände legen. In die Hände des SEK-Einsatzleiters, in die Hände des Verhandlungsführers Kosicke, dem er sehr vertraute... in die Hände von Kevin. Aber jede Aktion ließ die Hoffnung weiter schwinden. Er wusste nicht, ob Ayda noch lebte, er wusste nicht was dort drinnen vor sich ging. Und in diesem Moment, als er mit schnellen Schritten auf die Eingangstür des Gymnasiums zulief, dachte er auch nicht klar.
      "Und was willst du jetzt tun? Willst du durch die Tür stürmen und riskieren, dass das ganze Bau in die Luft fliegt?", fragte Ben ironisch, aber mit der nötigen Ernsthaftigkeit. Er konnte Semir so gut verstehen, auch er hatte Angst um Ayda. Aber im Gegensatz zu Semir dachte der großgewachsene Kommissar mit der Wuschelfrisur noch rational. Und weniger impulsiv. Semir packte seinen Partner am Kragen und wurde lauter als nötig: "Ich halte es hier draussen nicht mehr aus, verdammte Scheisse! Ich muss jetzt da rein!!"


      Semir war so laut, dass einige Beamte in der Nähe sich überrascht umschauten. Und auch einige Schaulustige, vielleicht sogar Eltern die sich Sorgen um ihre Kinder machten und nicht so gut informiert waren wie die beiden Autobahnpolizisten, schauten sich um. Für sie musste diese Szene besorgniserregend sein, so dass Semir auch sofort wieder verstummte, und Bens Jacke losließ, jedoch nicht ohne ihn einen Schritt zurück zu schubsen, als brauche er Vorsprung, um die Tür zu erreichen.
      Vor der Tür knieten drei Männer, einen davon erkannte Semir von hinten an den roten Locken. Man hatte oberhalb und unterhalb des angeklebten Fremdkörpers, der scheinbar die ominöse Lichtschranke war, die die Explosion im Chemiesaal auslösen soll, ein Loch in die Glasscheibe geschnitten, um überhaupt heran zu kommen. Es war fast unmöglich, die Schrauben, die in das Gebäude zeigten, durch die beiden kleinen Löcher mit einem Minischraubenzieher zu lösen, um überhaupt ans Innere zu kommen, denn die Löcher durften nicht zu groß sein, da sonst die Scheibe hätte reissen können, was vielleicht eine Katastrophe ausgelöst hätte. Als würde er die Schrittfolge seines Freundes kennen, mahnte Hartmut angestrengt: "Semir, ich bin gerade beschäftigt."


      Erst dann drehte er sich um, bevor er seinen Arm mit dem Schraubenzieher vorsichtig durch die runde Öffnung manövrierte. "Was machst du hier?", fragte er völlig ahnungslos, und war überrascht von Semirs besorgten, verzweifelten und überhaupt nicht typisch souveränen Gesichtsausdruck. "Hartmut, ich muss sofort da rein.", sagte er nur mechanisch. Dann tauchte Ben hinter Semir auf und machte zu Hartmut eine eindeutige Halsschneid-Geste. "Ähm... Semir. Das geht nicht. Also... noch nicht. Wir mussten das Ding hier erst analysieren. Ich weiß aber, wie wir gleich reinkommen, aber du musst mir noch ein paar Minuten geben, das ist gar nicht so einfach..." "Hartmut, ich muss SOFORT dort rein!!", sagte der kleingewachsene Kommissar lauter, und verzweifelter. Hartmut meinte ein Glitzern in den Augen zu sehen.
      "Seine Tochter ist dort drin.", ließ Ben dann die Katze aus dem Sack, weil Semir scheinbar nicht in der Lage war, Hartmut auch nur die allgemeinsten Details zu geben, warum er sich in dieser mentalen Ausnahmesituation befand. "Scheisse... Semir... ich... ich tue so schnell ich kann, okay? Ein paar Minuten." Schneller als vorher nahm er wieder den Schraubenzieher, um auch die letzte Schraube zu lösen, um mit einer Hand des Helfers durch das zweite Loch vorsichtig den Deckel abzunehmen. Zur Not würden sie wohl zu viert Semir festhalten müssen, falls er doch die Nerven verlor. Doch was die Männer dann durch die Scheibe der Tür sahen, ließ sie alle Arbeit für einen Moment einstellen.


      Als war völlig surreal, was sich ihnen darbot. Vorne weg ging, mit völlig gerötetem, mit Tränenspuren verzierten Gesicht, ein Junge. Seine Haare waren zersaust, und er schien innerlich gebrochen zu sein. Seine Arme hatte er auf dem Rücken, notdürftig gefesselt mit zwei Gürteln von Schülerinnen. Kevin hatte in einer Hand seine Waffe, die andere Hand auf den Gürtel gelegt, damit Tobias nicht flüchten konnte, doch dazu fehlte ihm Wille und Kraft. Marvin war durch die Schläge auch noch nicht fit und deshalb, ebenfalls mit gefesselten Händen, keine Gefahr. Er wurde von Herr Tziolis in Schach gehalten, dem Kevin am meisten vertraute, die Waffe zu halten. Alle anderen Schüler waren hinter ihnen. Kevin wusste ja, dass die Tür vermint war, weshalb er es für unnötig hielt, über ein Handy bereits Sanitäter für die drei Schwerverletzten in der Aula und die restlichen Schüler anzufordern. Das tat er jetzt: "Wir brauchen sofort alle verfügbaren Rettungskräfte." Aber er sagte es in einer Stimmlage, die unheimlich klang. Ruhig, beinahe nebensächlich und mit einer Schwere belegt, die Semir den Mund austrocknen ließ. Vor allem als er merkte, dass unter den kleineren, jüngeren Schülern, keine Ayda zu sehen war. "Wie entschärft man das Ding?", fragte Kevin Tobias und schubste den Jungen an. Nichts war zu spüren, von dem aufgebauten Vertrauensverhältnis, von dem Gespräch oder einem Funken Verständnis. Kevin war jetzt ein Polizist... kühl und berechnend. "Der blaue Kabel muss von der Platine ab...", murmelte Tobias und sah das offene Plastikkästchen an der Glastür. Ben hatte kein Vertrauen in den Jungen: "Hartmut...?" Doch der Techniker nickte: "Das wäre auch mein Plan gewesen...", bestätigte er.


      Kevin bückte sich und zog den Stecker von der Platine. Für den ersten Moment schien sich nichts zu tun, denn weder hatte das kleine Teil Blinklichter noch einen Zähler. Sie mussten Hartmut und Tobias vertrauen, als der Polizist vorsichtig an der Tür zog. Selbst wenn Tobias gelogen oder Hartmut sich geirrt hätte... sie waren weit genug weg vom Chemiesaal. Trotzdem waren da noch Schwerverletzte in der Aula, auch wenn deren Zustand sich immer weiter verschlechterte. Jedoch wollte niemand auch nur eine Sekunde länger in diesem Raum bleiben... und Kevin konnte nicht bleiben, wegen den beiden Tätern. Die Tür schwang auf, und jetzt kam in die bemerkenswert ruhige Truppe an Schülern und Schülerinnen Bewegung. Sie liefen heraus, an den entgegeneilenden Sanitätern vorbei in die Arme ihrer Eltern. Es kam Semir und Kevin wie in Trance vor, als die Kinder herausliefen und die Sanitäter in die Schule hinein, während einige Lehrer ihnen die Wege zu den Verletzten und Toten zeigten. In diesen Momenten sahen sich Kevin und Semir an, als würden sie ausserhalb der Realität schweben. Der erfahrene Kommissar hatte den Mund leicht geöffnet, Kevins Waffe zeigte in seiner Hand zu Boden. Es kostete unglaubliche Überwindung, die eine Frage zu stellen: "Wo ist Ayda?" Und für den jungen Polizisten kostete es ebenso Überwindung zu sagen: "Ich weiß es nicht..."
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      Doch nichts dringt mehr bis zu mir herein

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      Illuminate - Verloren
    • Schule - 17:15 Uhr


      Der Gang war surreal. Für Kevin, der den Weg vom Eingang zur Aula nochmal zurückschritt. Für Ben, der mit Entsetzen die ersten Toten auf den Gängen sah, bei denen bereits Rettungskräfte knieten, die die Köpfe schüttelten und Planen auslegten. Herr Tziolis hatte sich bereit erklärt, den Kommissaren den Weg zu zeigen, wo die Theater-AG stattgefunden hatte, und ging ebenfalls mit wackeligen Beinen, weil er mental am Limit war. Und für Semir kam die ganze Szene vor, als sehe er sie durch einen Schleier, als sei der Boden unter ihm aus Wackelpudding und seine Beine nicht aus Knochen und Muskeln, sondern aus Gummibänder und Gelee. Jedesmal, wenn ein lebloser Körper vor ihnen auftauchte, bekam er einen Schreck.
      Sie blieben stumm, sie redeten kein Wort. Die vier Männer erreichten die Aula, wo man bereits die beiden schwerverletzten Sportler eilig auf eine Trage gehoben hatte und im Laufschritt nach draussen brachte... offenbar hatten sie noch eine Chance. Keine Chance mehr hatte Achmed, der leblos mit offenen Augen an der Wand saß, die Blutlache reichte bis zu seinen auffälligen gelben Turnschuhen. Kevin kam es Jahre her, dass er hier war, dabei waren es gerade einmal ein paar Minuten. Um seine Brust hatte sich eine Klammer gelegt, beim Gedanken daran, was ihn gleich erwartete, und er konnte sich nicht ausmalen, wie elend sich Semir fühlen musste.


      "Aus der Aula führt hier dieser Flur um die Ecke zu dem Zimmer unserer AG. Die Kids sind in die andere Richtung gelaufen, die versuchten zu flüchten.", sagte der Lehrer, bevor man die Aula zur anderen Seite verließ. Es schien eine Art Vorwarnung für den kleinen Kommissaren zu sein, der kreidebleich im Gesicht war. Ben legte ihm eine Hand auf die Schulter und sagte, obwohl er furchtbar mit Semir mitlitt und natürlich auch Angst vor einem Bild hatte, dass er nie vergessen würde: "Willst du dir das wirklich antun? Willst du nicht erst hier warten, und wir beide schauen nach?" Dabei deutete er auf Kevin, der stumm und äusserlich völlig ruhig schien, innerlich aber natürlich völlig aufgewühlt.
      Semir schüttelte sofort den Kopf. "Nein... nein, auf keinen Fall.", sagte er. Er würde nicht hier stehen und darauf warten, dass seine Freunde mit ernsten Mienen zurückkamen um zu sagen, dass seine Tochter tot im Flur lag. Er musste das selbst sehen, kämpfen, er musste für Ayda da sein. "Bist du dir sicher?", fragte nun auch Kevin, der sich in der Gegenwart von Semir und Ben plötzlich wieder ganz anders fühlte, als noch die letzten Tage. Diese mentale Extremsituation schien alles zu vergessen, was in den letzten Wochen passierte... zumindest für einen Moment. "Ja...", war die unsichere Antwort des Kommissars, der jegliche Zweifel wegwischte, in dem er voranging.


      Sie sahen es, bevor sie überhaupt an dem Raum ankamen. Der Flur war lang und geradeaus, und in ihre Schrittrichtung an der Tür vorbei lagen drei reglose kleine Körper. Sie konnten beim Gehen erkennen, dass es ein blonder Junge war, den seine Haare waren modisch kurz geschnitten, und er lag verdreht auf der Seite im Blut. Der zweite Körper war etwas größer und stämmiger, die Haare auch kurz geschnitten. Dass es ein Junge war, erkannten sie erst von Näherem. Aber die dritte Leiche erweckte Semirs Aufmerksamkeit. Der zierliche Körper lag auf dem Bauch, die Füße in ihre Richtung. Scheinbar wurde sie im Laufen erschossen und die dunklen langen Haare waren wie ein Fächer um ihren Kopf am Boden verteilt.
      Semir kamen die wenigen Meter, die er noch gehen musste um zu dem toten Kind zu gelangen, wie ein Marathon vor. Sein Blick verschwamm, weil seine Augen sich mit Tränen füllten. Kevin und Ben waren, als sie das Aussehen der dritten Leiche regestrierten, nicht mehr fähig einen Fuß vor den anderen zu setzen, und auch Herr Tziolis hatte jetzt, wo er seine toten Schüler und Schülerinnen sah, sein Limit erreicht. Er begann zu schluchzen und setzte sich auf den Boden, weil er vom Schwindel ergriffen wurde.


      "Ayda...", brach es schluchzend aus Semir heraus, als er dem Kind an die Schulter fasste und ihren schlaffen Körper herumdrehte. Er sah in das bleiche Mädchengesicht und der erfahrene Polizist konnte nicht sagen, ob er geschockt oder erleichtert sein sollte. "Das ist nicht Ayda.", sagte er mit zitternder tonloser Stimme. Kevin konnte ihn nicht hören, aber er und Ben erkannten sein geschocktes Gesicht, als er zu seinen beiden Kollegen schaute. "Was ist?" "Das ist nicht Ayda!!", schrie er nun laut und legte den leblosen Körper wieder so sacht auf die Erde, als sei es seine eigene Tochter. Auch in diesem Moment des Ausnahmezustandes vergaß er nicht die nötige Pietät.
      Semir stand vom Boden auf und auch in Kevin und Ben kam nun wieder Bewegung. Mit zwei schnellen Schritten sahen sie in den Klassenraum, doch auch dort war niemand mehr. Hatte sie sich versteckt? War sie entkommen? "Ayda!! Ayda!!!!", rief Semir laut in beide Richtungen des Flurs.


      Das leise, zaghafte Klopfen kam aus der Wand... glaubte man. Die hölzernde Wand, die auf der Länge des Flurs als Verzierung galt, versteckte die darinliegende Tür fast perfekt. Man konnte sie übersehen, wenn man in Eile war oder gerade Angst hatte, dass hinter jeder Ecke der leblose Körper seiner Tochter liegen konnte. Und so hatten alle drei Polizisten die Tür, direkt neben der Tür des Klassenimmers übersehen. "Papa?", kam eine verängstigte klagende Stimme von der Tür, der Türgriff wurde runtergedrückt und kraftlos an der Tür gerüttelt. Semir konnte seine Gefühle in diesem Moment nicht beschreiben, er konnte nicht sagen was gerade in ihm vorging.
      Mit zwei schnellen Schritten war er bei der Tür. "Ayda, mein Schatz. Papa ist hier, du brauchst keine Angst zu haben. Geh rasch von der Tür weg, wir kommen rein.", sagte er hastig und nickte Ben zu. Der verstand sofort. Der Polizist stellte sich mit dem Rücken zur Wand neben die Tür und stellte einen Fuß an der Tür an, auf den er mit aller Kraft Druck ausübte. Kevin schob Semir zur Seite und nickte ihm nur kurz zu. "Lass mich."


      "Ayda, bist du von der Tür ganz weg?", fragte Semir nochmal zur Sicherheit, und die Tochter des Polizisten antwortete mit einem verschüchterten "Ja...". Mit einem Tritt von Kevin gab das Holz um das Türschloß herum nach und die Tür schwang auf. Ayda kam ihrem Vater sofort entgegen und Semir umarmte seine Tochter mit Tränen in den Augen, noch bevor sie auf den Flur kam. "Papa? Was ist da draussen passiert? Ich hab ganz viele Schüsse gehört.", sagte sie sofort, und man konnte an einigen Tränenspuren erkennen, dass auch sie geweint hatte... vermutlich aber aus Angst, nicht hier raus zu kommen. "Keine Angst. Es ist alles vorbei, und du bist in Sicherheit."
      Im Hintergrund der Tür liefen bereits Notärzte zu den drei leblosen Körpern. "Wie bist du hier reingekommen?" Ayda sagte mit leiser Stimme: "Da war während unserer Probe plötzlich so ein Lärm und Geschrei. Da war ein Mann mit einer Waffe und ältere Schüler, und wir wollten weglaufen. Und so ein Junge hat mich in den Raum gestoßen und abgeschlossen." Semir hörte atemlos zu. Er nahm seine Tochter bei der Hand. "Halt dir mal die Augen zu, Ayda. Komm, wir gehen raus und suchen den Schüler." Das junge Mädchen konnte sich vorstellen, dass etwas Schlimmes passiert sein musste, dafür war sie alt genug. Aber sie hielt sich, aus eigenem Schutz die Augen zu, während sie sich von Semir führen ließ. "Wie sah der Junge denn aus, der dich dort reingestoßen hatte?" Natürlich wussten die drei Polizisten, dass irgendein Schüler, oder einer der Täter, dies nicht aus Boshaftigkeit gemacht hatten... sondern um die flüchtende Ayda zu schützen. Zumindest Kevin wusste, dass derjenige ihr das Leben gerettet hat. "Das ging so schnell. Ich habe nur seine knallgelben Schuhe gesehen, weil ich hingefallen bin." Kevin, der neben Semir ging, blieb erschüttert stehen. Er machte stumm Semir ein Zeichen, dass er draussen nicht nach dem Jungen suchen brauchte...
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      Illuminate - Verloren
    • Schule - 17:45 Uhr


      Die Augenblicke, als Semir, Kevin und Ben die Schule verließen, nahmen sie wie durch einen Schleier wahr. Semir schaffte es durch seine inneren Glücksgefühle darüber, dass er seine Tochter lebendig und unverletzt in den Armen hielt, die Aufnahme von Dingen um ihn herum, vollständig auszuschalten. Später würde er sich dafür schämen. Während Familien gerade gesagt bekamen, dass ihr Kind dort drin gestorben war, hatte er Glück. Er hatte keine Tragödie erleiden müssen, und als er abends Andrea von dem ganzen Tag erzählte, schämte er sich. Der Mensch war von Grund auf egoistisch, und die Dankbarkeit gegenüber einer unsichtbaren Macht, die dieses Drama für Ayda gut ausgehen ließ, war größer als die Scham und Betroffenheit gegenüber anderen Familien.
      Ben und Kevin dachten in diesem Moment anders. Natürlich war Ben mit der Familie Gerkhan verwachsen und er war heilfroh, dass alles gut ausgegangen war für Ayda... aber einzelne Szenen um ihn herum, als Eltern weinend, schreiend zusammenbrachen und von Notfallseelsorgern betreut werden mussten, gingen an ihm nicht spurlos vorbei. Der junge Polizist malte sich für einen Moment das Szenario aus, wie es gewesen wäre, wenn Semir jetzt in dieser Situation wäre. Er verwarf den Gedanken sofort wieder.


      Kevin hatte ganz andere Gedanken im Kopf. Er dachte an Achmed. Ein Junge, auf den so gut wie jedes Klischee passte, was man gerade über Jugendliche in gewissen Schichten vor Augen hatte, hatte etwas so untypisches, und doch für seinen Charakter so typisches getan. In Kevins Jugend hatte er nicht nur Auseinandersetzungen mit Rechtsradikalen oder der Polizei, sondern auch mit anderen Jugendgangs, auch ausländischen (die man, paradoxerweise, durch die eigene politische Einstellung gegen andere eigentlich verteidigte). Solche Leute hatten ein so starken ausgeprägten Beschützerinstinkt für die eigene Familie und für ihre Landsleute. Wollte man Jungs wie Achmed provozieren, hätte man nur seine Schwester oder seine Mutter beleidigen brauchen.
      Soviel kriminelle Energie in dem Jungen gesteckt haben mochte, in einem Moment, nur einem Augenblick, hatte er eine Entscheidung gefällt, die seinem Charakter genauso entsprach. Einen Schwächeren zu schützen vor anderen, obwohl man selbst Schwächere attackierte. Es schien paradox, fand der junge Polizist, und somit nicht erklärbar. Hätte ihm aber jemand gesagt, dass einer der Jungs aus der Aula versucht hatte, Ayda zu helfen, ohne den Namen zu nennen, hätte er sofort an Achmed gedacht. "Wer auch nur ein einziges Leben rettet, rettet die ganze Welt" - Dieser Satz aus dem Talmud kam Kevin in den Sinn. Auch ein schlechter Mensch konnte die Welt retten. Dabei dachte er auch an sich selbst. Auch ein guter Mensch konnte die Welt zerstören, so wie Tobias. Das Talmudzitat würde Kevins nächstes Tattoo einige Tage später werden...


      Sie verabschiedeten sich von Kosicke, der selbst nicht bester Laune war. In seinen Augen war der Einsatz, die ganze Sache, nicht gut gelaufen. Die Schwerverletzten und der Tote in der Aula hätten verhindert werden müssen, genauso wie der Selbstmord von Jens und man müsste die Sache lückenlos aufklären. Die Sache würde die Medien die nächsten Wochen in ganz Deutschland beherrschen, und er mahnte vor allem Kevin an, sich bei niemandem öffentlich zu äußern. "Egal wie sehr dir die Presseheinis auf den Sack gehen. Natürlich gibt es von uns keine Auskunft, aber du weißt ja, wie gequatscht wird. Wenn rauskommt, dass du die ganze Zeit da drin warst.", sagte er mit eindringlicher Stimme. Kevin nickte nur stumm.
      Die drei Männer und Ayda verließen den Tatort so schnell wie möglich. Semir und Ben stiegen in den BMW, Ayda setzte sich nach hinten, Kevin war mit seinem eigenen Dienstauto da. Man wollte noch kurz zur Dienststelle, denn mittlerweile war über Funk natürlich bekannt geworden, dass Kevin bei der Geiselnahme, die es letztlich war, mit ihm Gebäude war. Auch er sollte noch kurz zur Dienststelle kommen, da die Chefin dort wartete. Bevor sie sich trennten, drückte Semir seinem jungen Partner fest die Hand und bedankte sich. "Wofür? Ich hab nichts dazu beigetragen, dass Ayda nichts passiert.", sagte er mit seiner monotonen Stimme. "Aber du hast dazu beigetragen, dass ich hier draussen nicht ausgeflippt bin. Zu wissen, dass du dort drin auf Ayda aufpasst, was du garantiert getan hättest, war der einzige Grund warum ich nicht mit aller Gewalt reingekommen wäre.", antwortete Semir. Kevin verstand, was sein älterer Kollege meinte, und fühlte sich geehrt.


      Kevin fuhr bereits vom Parkplatz auf die Straße, Semir nahm zunächst das Funkgerät in die Hand. "Zentrale für Cobra 11.", meldete er sich in der Dienststelle, denn er wollte Entwarnung geben. "Zentrale hört?", hörte er Herzbergers Stimme durch den Lautsprecher knarzen. "Hotte, ich bins. Es ist alles gut... Ayda geht es gut und die Sache hier ist beendet." Details, dass nicht ALLES gut war, dass es viele Tote gegeben hatte, verschwieg er. Er setzte nur ein leises: "Also, zumindest für uns ist alles gut." noch dazu. Den Rest würde Hotte erfahren, wenn sie jetzt zurückkamen. Natürlich war die ganze Cobra 11 - Familie, trotz Feierabend, auf der Dienststelle geblieben und harrte aus, bis es gute Nachrichten gab.
      "Na Gott sei Dank, Semir. Das beruhigt uns sehr, dass es deiner kleinen Maus gut geht.", sagte der dicke Polizist. Und setzte dann noch, mit einer etwas mahnenden Stimme dazu: "Und ich hab dir ja gleich gesagt... dein Verdacht, dass Kevin Ayda entführt habe, um irgendwas von dir und Ben zu erpressen, war ziemlich absurd. Ich wollte es ja nicht so deutlich sagen." Für einen Moment stach Semir das schlechte Gewissen brutal. Davon dürfte der junge Kollege nie erfahren. "Ja, ich weiß. Aber es wäre auch gut, wenn wir darüber nicht mehr reden würden in Zukunft.", meinte er.


      Hotte war kein besonders technisch begabter Mensch. Und dass er manchmal den sogenannten Broadcast-Knopf zur Funk-Mitteilung an alle Zivil-Fahrzeuge der Autobahndienststelle, also an Jennys, Kevins, Bens und Semirs Dienstwagen, drückte, wenn er es nicht sollte, hatte Bonrath ihm schon 100mal gesagt. Jetzt drückte er wieder falsch. Und wenige Kilometer von Semir und Ben entfernt saß Kevin in seinem Wagen, hörte Hottes Worte über Funk und verkrampfte mit den Händen um das Lenkrad. Ein Aussenstehender würde meinen, er beobachtete ausdruckslos die rote Ampel, an der er stand. In Wahrheit blickte der Polizist mit seinen kalten Augen einfach geradeaus und hörte sein Herz fest gegen den Brustkorb schlagen...
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      Illuminate - Verloren
    • Dienststelle - 8:00 Uhr


      Sie hatten sich am Abend, als das Dreierpaket zusammen mit Ayda in die Dienststelle spazierte, alle gefreut. Die Chefin, Hotte und Bonrath nahmen Ayda nacheinander in die Arme, schüttelten Hände und besprachen sich kurz. Anna Engelhardt hielt es für besser, dass Kevin erst am nächsten Tag die Geschehnisse in der Schule zu Protokoll bringen sollte, und sich alle jetzt erstmal ausruhen sollen. Sie fand auch, dass der junge Polizist ein wenig mitgenommen aussah... kein Wunder, nachdem er gerade miterleben musste wie soviele Kinder und Jugendliche gestorben sind. Auch Semir und Ben hatten müde Augen, der junge Polizist war froh nach Hause zu seiner Freundin Carina zu kommen, Semir hatte dagegen noch einen harten Gang vor sich... Andrea mit den Geschehnissen zu konfrontieren.
      Die Chefin hatte Kevin noch kurz angehalten, sich mit niemandem zu unterhalten darüber, was passiert war. Sie kannte so manchen Pressevertreter und wusste auch, dass immer und überall Infos unter der Hand weitergegeben werden. Und deshalb konnte sie sich entfernt vorstellen, was auf den Polizisten einprasseln wird. Und dass er konfrontiert wird mit der exklusiven Meinung mancher Pressevertreter.


      Wirklich gut schlafen konnte in dieser Nacht niemand der drei Polizisten. Andrea und Semir unterhielten sich bis tief in die Nacht über diesen Vorfall, und die zweifache Mutter war in gewisser Hinsicht doch dankbar, dass Semir sie nicht sofort informiert hatte, solange sie selbst nichts tun konnten. Auch zeigte sie, in gewisser Weise, Verständnis für Semirs Verdacht Kevin gegenüber. Ja, sie traute es ihm auch zu. In einer Ausnahmesituation in der Kevin vielleicht irgendwas von Ben und Semir verlangen würde, würde sie es ihm zutrauen. Einfach, weil Kevin in solchen Dingen skrupellos ist, wenn er ein Ziel erreichen wollte, und ihm dann auch eine gewisse kriminelle Energie zuteil wurde. Genauso war sie aber auch überzeugt, dass er Ayda nichts antun würde... er würde lediglich versuchen, Semir unter Druck zu setzen in dem Wissen, dass dieser nichts riskieren würde heraus zu finden, ob Kevin wirklich ernst macht. Trotzdem war sie natürlich froh, dass der Verdacht letztlich falsch war.
      Kevin konnte ebenfalls nicht schlafen, nach einem Joint den er am offenen Fenster rauchte, überfiel ihn dann bleiernde Müdigkeit und er schlief ein. Er konnte sich nicht im Geringsten vorstellen, was ihn am nächsten Tag erwartete. Und obwohl ihm im Traum so manch toter Jugendlicher begegnete, so lastete ihm Semirs Verdacht doch noch schwerer auf der Seele, als der Vorfall selbst. Aber konnte er es ihm wirklich übel nehmen? Nach all dem was passiert war? Kevin würde sich vermutlich selbst verdächtigen, wenn er in Semirs Lage gewesen wäre.


      Als der junge Polizist am Morgen auf den Parkplatz fuhr, sah er bereits das Ausmaß dessen, was die Chefin angedeutet hatte. Dummerweise hatte er morgens sein Handy nicht angeschaltet, sonst hätte er die Nachricht und den Anruf von Ben gelesen, der ihm nahelegen wollte, am besten gleich zu Hause zu bleiben. Mehrere Leute mit Notizblöcken, teuren Digital- und Spiegelreflexkameras sowie zwei Kamerateams versperrten den Eingang zur Dienststelle. Als der schweigsame Polizist aus seinem Auto ausstieg, begann die Masse in Bewegung zu kommen. Offenbar hatte die Information, welcher Polizist Teil der Geiseln war, schnell die Runde gemacht. Die Fotoapparate blitzen und fotografierten, und die Videokamera fing Kevins emotionslosen Ausdruck in den Augen gnadenlos ein.
      "Herr Peters, wir haben ein paar Fragen an sie: Stimmt es, dass sie Teil der Geiseln waren?", hörte er die Stimme einer, eigentlich freundlich und recht attraktiv aussehenden jungen Frau, die vorherging und scheinbar von der großen Kamera im Hintergrund geschützt wurde, so machte es den Eindruck. Andere warfen ihre Fragen wild durcheinander, als der Polizist wortlos an der Frau und der Kamera vorbeiging. Scheinbar hatte man Panik, Kevin würde tatsächlich ohne Aussage, und somit ohne Schlagzeile, in das Polizeigebäude gehen, aus dem die Presseschar schon verbannt wurde.


      Semir betrachtete aus dem Fenster das Treiben vor der Tür, Ben hatte sich schon auf den Weg nach draussen gemacht, um zu verhindern, dass Kevin sich doch zu etwas hinreißen würde. Denn als der junge Kommissar einfach stur weiterging, versuchten die Kameraleute ihm den Weg zu versperren und drückten hemmungslos auf den Auslöser ihrer Kamera. "Herr Peters, wollen sie uns gar nichts sagen?" "Sind sie sicher, dass sie nichts hätten tun können um einigen das Leben zu retten.", fragten die Journalisten durcheinander, und Kevin blieb für einen Moment stehen. Semir presste die Backenzähne aufeinander, als er sah, dass sein junger Kollege stoppte. Würde er doch etwas sagen? Oder flog gleich die erste Kamera auf den Parkplatz?
      Ben kam gerade zur Tür heraus, als er Kevin mit völlig ruhiger und gleichgültiger Stimme einem der Kameramänner sagte: "Lassen sie mich bitte durch." Das überraschte Ben genauso wie Semir. "Lassen sie den Mann bitte durch?", sagte nun auch der großgewachsene Polizist mit der Wuschelmähne. "Wir haben nur ein paar Fragen an Herrn Peters.", rechtfertigte sich der Kameramann, der nun von Kevin sanft, aber bestimmt zur Seite geschoben wurde. "Sind sie ein Kollege von Herr Peters? Glauben sie, dass der Skandal um Herrn Peters ursächlich dafür ist, dass soviele Menschen gestorben sind, obwohl ein Polizist direkt unter den Geiseln war?", stellte die Reporterin nun eine ungeheuerliche Frage, gerade als Kevin sich an den beiden Kameramännern vorbeigedrängelt hatte. Ben befürchtete, dass die aufgesetzte Souveränität seines Partners jetzt endgültig kippen würde und legte voraussichtlich beruhigend Kevin eine Hand auf die Schulter, um ihn sofort zurück zu halten. Doch der ging stumm und ohne Regung weiter bis in die Dienststelle, im Hintergrund immer noch das Klacken der Kameras.


      "Was für Aasgeier...", stöhnte Ben als sich die Tür hinter ihnen schloß. Die beiden betraten das Großraumbüro, Kevin grüßte in die Runde und Andrea schaffte es, zum ersten Mal seit Kevin wieder da war, ihn anzulächeln. Der junge Polizist nahm das als Dank auf, und erwiederte ihr Lächeln. Als die Reporter von draussen versuchten, Fotos durch die großen Fensterfronten zu machen, hatte Hotte die Faxen dicke. "Los, Dieter.", sagte er entschlossen, stand auf und setzte sich die Polizeimütze auf den Kopf. "Wir räumen da draussen jetzt den Parkplatz. Die haben sie doch nicht mehr alle."
      Kevin, Semir und Ben gingen sofort zur Chefin. Beide Polizisten waren gespannt, was Kevin zu erzählen hatte, und er tat das ohne von der Chefin, Semir oder Ben unterbrochen zu werden. Er wirkte dabei sehr ruhig, distanziert und emotional nicht aufgewühlt... was besonders Semir und Ben überraschte. Wo er vor allem in Situationen zusammenbrach, in denen Menschen starben, denen er nicht helfen konnte, weil es ihn an seine Schwester erinnerte, schien er jetzt damit professionell umzugehen. Er hätte nichts tun können, was andere nicht mehr gefährdet hätte. Er hatte bis zum richtigen Zeitpunkt abgewartet. Vielleicht hätte er sich nicht unbedingt als Geisel nehmen lassen müssen, aber das war eine Entscheidung, die er innerhalb von Sekunden hatte fällen müssen. War seine Ruhe Wirklichkeit? Oder war sie nur aufgesetzt. Das fragte sich Ben für einen Moment.


      "Wie siehts in dir drin aus?", fragte Ben dann auch seinen Partner, als dieser seinen Bericht beendet hatte. "Wie meinst du das?" "Na komm... wir kennen dich ja jetzt schon etwas länger." Plötzlich hatte Kevin das Gefühl, die Distanz, die sich seit der schlimmen Sache mit seinem Gedächtnisverlust unbewusst aufgebaut hatte, wäre verschwunden. Oder zumindest war sie kleiner geworden. Sie waren näher aufeinander zugerückt, obwohl Semir gestern nochmal eine Mauer zwischen sie gesetzt hatte. "Ist alles gut. Wirklich. Ich hätte nichts anderes tun können.", sagte er mit kurzen Worten, wie sie es von ihm gewohnt waren. Er blockte ab, er ließ sich nicht hinter die Fassade schauen, so wie er es immer tat. "Sind sie sicher?", fragte nun auch die Chefin und sah ihren Beamten fest an. "Ganz sicher."
      Auch Semir nahm Kevin diese Sicherheit nicht ab. Wobei es ihn schon überraschte, wie er mit den Reportern umgegangen war. Letzten Sommer, so hatte es Ben erzählt, musste die Kamera eines Journalisten für weniger dran glauben. "Trotzdem schicke ich sie zwei Wochen in Urlaub, bis medial Gras über die Sache gewachsen ist. Das was heute morgen hier draussen abgeht kann ich nicht jeden Tag dulden." "Dann schicken sie die Journalisten in Urlaub. Chefin, ich hab doch gerade erst angefangen zu arbeiten, ich kann doch nicht schon wieder Urlaub machen.", stöhnte der Polizist. "Ich habe das nicht zur Diskussion gestellt. Wäre vielleicht nicht schlecht, wenn sie wegfahren würden. Dann kann man sie auch nicht zu Hause besuchen." Der junge Polizist dachte nach... und hatte eine Idee, die ihm gefiel, nachdem er vor einigen Tagen mit Ole telefoniert hatte...
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      Illuminate - Verloren
    • Dienststelle - 13:00 Uhr


      Semir kam gerade aus der Mittagspause von zu Hause zurück ins Büro. Andrea hatte sich kurzfristig die nächsten Tage Urlaub genommen, weil Ayda nicht zur Schule ging. Am Vormittag war sie noch bei Oma und Opa und sollte sich erstmal von dem Schock erholen. Ausserdem war es für beide Eltern in diesem Moment unvorstellbar, Ayda jemals wieder alleine zur Schule zu schicken. Auch Lilly war daheim, die das ganze natürlich nicht ganz verstand. Aber die hatte die Ferienzeiten noch nicht ganz im Kopf, war sie doch auch erst dieses Schuljahr in die Grundschule gekommen.
      Natürlich wussten Andrea und Semir, dass sie diese Schonung für sich und Ayda nicht lange durchziehen konnten. Ihre Tochter würde zuviel Lernstoff verpassen und ein Privatlehrer kam aufgrund ihrer sozialen Kontakte in der Schule ebenfalls nicht in Frage. Semir schlug Andrea abends noch vor, vielleicht mal gemeinsam zum Polizeipsychologen zu gehen, doch die Sekretärin wehrte das zunächst ab. Sie wollte in den nächsten Tagen sehen, wie Ayda sich verhielt, und sie wollte vor allem selbst mit ihr über diesen Tag reden. Gottlob hatte das kleine Mädchen soviel gar nicht mitbekommen, denn sie hatte sich brav die Augen zugehalten, als sie mit ihrem Papa das Gebäude verließ. Natürlich wusste sie mittlerweile, dass dort Kinder gestorben waren, aber es kam ihr unwirklich vor wie eine Nachricht von vielen. Nur dass es auch drei aus ihrer Theater-AG traf, die sie ein wenig kannte, machte ihr natürlich etwas aus.


      Jetzt aber war es Ben, der ein geschocktes, beinahe fassungsloses Gesicht machte und auf den Bildschirm starrte, als sein bester Freund ins Büro kam. "Was ist dir denn passiert?", fragte Semir verwirrt und schloß die Tür hinter sich. "Das ist einfach ungeheuerlich. Manchmal möchte ich einfach mit der Faust in den Bildschirm schlagen.", sprach der junge Kommissar weiter in Rätseln. "Sagst du mir auch noch, was du da gerade tust, liest oder schaust?" Erst jetzt richtet Ben die Augen vom Bildschirm weg zu Semir, der mit fragendem Ausdruck im Gesicht am Tisch stand. "Schau es dir an..."
      Der erfahrene Kommissar trat hinter Ben und blickte auf den Bildschirm. Die blaue Farbe der Facebook-Seite sprang ihm sofort ins Gesicht, darunter Bens Timeline und einige Online-Artikel über die Geiselnahme an der Schule. Manche Medien benutzten fälschlicherweise das Wort "Amoklauf", ein Bild zeigte die notdürftig abgedeckte Leiche eines der Jugendlichen und, klar zu erkennen, einen Blutfleck. "Diesen Schmierfinken ist nichts mehr heilig.", knurrte Semir, als er das Bild und die Überschrift las. "Polizei unfähig - Mehrere Tote bei Amoklauf. Polizist im Gebäude hilflos." Als Semir den Bericht weiterlas, merkte er dass die Zeitung auch recherchiert hatte... und offenbar gute Informanten, als man sich auf Kevin bezog: "Nach unseren Informationen gab es gegen den betreffenden Beamten bereits mehrere Disziplinarverfahren."


      Semir atmete tief durch. "Hoffentlich liest er das nicht. So cool er heute morgen reagiert hatte, war er nicht. Das hab ich gespürt... aber irgendwie will er scheinbar jeden Ärger vermeiden. Ich glaube, er hat nicht vergessen, wieviel Glück er nach der letzten Sache hatte, noch Polizist sein zu dürfen, und dass es seine letzte Chance ist." "Trotzdem... das ist ungeheuerlich. Und das ist nicht mal das Schlimmste.", seufzte Ben und scrollte mit der Maus etwas tiefer. Falsche oder interpretierbare Zeitungsartikel gegen die Polizei waren das Eine... die Möglichkeit für jeden Menschen in den sozialen Netzwerken unreflektiert seine Meinung ins Internet zu stellen, war das Andere. In den beiden Polizisten stieg hilflose Wut auf, als sie die Kommentare lasen. Und irgendwie auch das schlechte Gewissen bei Semir...


      "Ein Polizist im Gebäude und dann soviele Tote? Was hat der da gemacht? Geschlafen???"
      "Dem Typ würde ich sofort die Polizeimarke wegnehmen. Aber wundert sich da wirklich jemand bei den ganzen Weicheiern unter den Polizisten. Die lassen sich von Kriminellen und Ausländern doch regelrecht vorführen."
      "Ihr müsst auch Verständnis für den haben! Hätte der einen der Täter erschossen, stünde er bei der deutschen Rechtssprechung doch mit einem Fuß im Knast, während die beiden anderen Täter wegen Traumatisierung eine Delphin-Therapie bekommen."
      "Wäre dort mein Kind umgekommen, würde ich mir die Täter selbst vorknöpfen. Und den unfähigen Bullen gleich mit."
      "Und für solche Hampelmänner bezahle ich Steuern."
      "Der Typ müsste mal selbst erleben wie es ist, einen geliebten Menschen zu verlieren! Wahrscheinlich würde er sich dann selbst die Knarre in an den Kopf halten. Hoffentlich tut er es."


      Als Semir den letzten Kommentar las, musste er weg sehen. "Mach das weg.", sagte er nur mit leiser Stimme zu Ben und drehte sich komplett vom Tisch weg. Er wusste in diesem Moment nicht, ob er schreien, fluchen oder weinen sollte. Er hatte die ganze Zeit, seit er Ayda in seine Arme geschlossen hatte, Emotionen unterdrückt. Er musste stark sein. Starker Vater, am Abend starker Ehemann als Andrea weinte. Und heute morgen musste er wieder als Polizist funktionieren. Irgendwann würde es wieder aus ihm herausbrechen, aber es brauchte ein Signal, ein Ereignis dazu. Diese grausamen Kommentare über ihren Kollegen, der irgendwo tief im Herzen in einer Ecke, an die Semir zur Zeit nicht herankam, auch noch ihr Freund war, war ein solches Ereignis der alles hochkommen ließ.
      Ja, er hatte Fehler gemacht. Große Fehler. Die Fahrt nach Kolumbien war ein solcher großer Fehler. Was danach kam war extrem schlimm für Semir und Ben, und es fiel beiden Männern schwer ihrem Kollegen nochmal zu vertrauen, ohne zu wissen was in seinem Kopf vorging. Dann Semirs Fehler, Kevin zu verdächtigen, obwohl dieser sein Leben aufs Spiel gesetzt hatte, für Ayda und alle anderen Kinder und Jugendliche. Und ohne zu wissen, was passiert war, fällten fremde Menschen ein so grausames Urteil über ihn, die auch seine Geschichte nicht kannten. Diese Ungerechtigkeit ließ Semir die Brust eng werden.


      Er hörte die Stimme seines besten Freundes. "Hoffentlich wird er das niemals lesen." Semir nickte, als er es schaffte, langsam jede zu deutliche Emotion herunter zu schlucken. "Ja...", sagte er nur leise. Sie wussten beide, dass Kevin für so etwas wie Facebook kein Interesse zeigte. Auch nicht an Meinungen anderer Leute über ihn... ausser Leuten, die ihm etwas bedeuteten. Die Chefin kam ins Büro ihrer Mitarbeiter und schloß die Tür hinter sich. "Alles in Ordnung?", fragte sie, als sie die Gesichter von Semir und Ben sah, und beide mechanisch nickten. Anna Engelhardt vermutete hinter der schlechten Laune die Eindrücke des letzten Tages.
      "Ich habe vielleicht etwas, was ihre Laune bessert.", begann sie und legte einen Umschlag auf den Tisch. "Ich habe hier einen Versetzungsantrag aus dem Innenministerium. Abgeschickt aus Hamburg." Nun blickten Ben und Semir beide auf. "Jenny?", fragte Ben sofort und sein Blick erhellte sich etwas, als die Chefin nickte. "Sie wird zu uns zurückkommen." Jetzt lächelte auch Semir, die gute Nachricht ließ seine Gedanken ein wenig verdrängen. "Und ich habe beschlossen dass sie in erster Linie mit Herrn Peters arbeitet." Jetzt schauten beide Polizisten wie eine Kuh wenn es donnert. "Ähm... halten sie das wirklich für eine gute Idee? Nach alldem, was da... ähm... vorgefallen ist.", sagte Ben langsam und vorsichtig, doch die Chefin nickte. "Ohja... das halte ich für eine gute Idee. Das halte ich für eine sehr gute Idee. Denn so kann ich sofort sehen, wie ernst es Herrn Peters ist, hier wieder Fuß zu fassen. Und Frau Dorn ist vernünftig genug, dass sie damit zurecht kommt. Was das angeht vertraue ich ihr. Also ja...", sagte sie und nahm den Umschlag wieder in die Hand, bevor sie das Büro verließ. "...das ist eine sehr gute Idee."
      Die Stunden und Tage unterscheiden sich kaum
      Ich bin es so leid, ohne dich zu sein
      Wie Staub tanzt dein Bild durch jeden Raum
      Doch nichts dringt mehr bis zu mir herein

      Hilf mir mich zu finden nach all diesen Jahren
      Nimm mich ein kleines Stück Weges mit dir
      Heile die Wunden, die unheilbar waren
      Ich wär' fast gefallen, doch dann warst du hier

      Illuminate - Verloren
    • Cornwall Lands End - 11:00 Uhr


      Kevin hatte sich gescheut, seit er wieder er selbst war, sich bei Annie zu melden. Er wusste, dass es falsch war. Sie glaubte immer noch, er sei tot... ertrunken in einem wilden Fluss in Kolumbien, als er versuchte die junge Frau aus den Fängen eines Drogenbarons zu retten. Doch er hatte Angst... wusste er überhaupt noch alles, was dort geschehen war? Er konnte nicht sagen, ob er hier und da noch Gedächtnislücken hatte. Mit Semir und Ben hatte er aufgearbeitet, was sie zusammen erlebt hatten vor dem Kolumbien-Trip, so dass der junge Polizist sich ungefähr ein eigenes Bild seiner Lebensgeschichte, zumindest von den letzten anderthalb Jahren machen konnte. Woher die Erinnerung ans Gefängnis kam, die Erinnerung an Jerry.
      Doch was in Kolumbien geschah, stand im Nebel. Ja, er konnte sich erinnern... aber war das wirklich alles? Genauso sah es mit seiner Vergangenheit aus. Es schien ein Puzzle zu sein, das Kevin im Dunkeln zusammensetzte und sich nie sicher war, ob noch irgendwelche Teile fehlten oder das Puzzle fertig war. Und deswegen hatte er mit einer gewissen Angst zu kämpfen, Annie wieder zu sehen. Und er schob die Entscheidung darüber Tag für Tag auf, bis kurz bevor die Geiselnahme in der Schule passierte.


      Doch der verordnete Zwangsurlaub war die Gelegenheit. Zwei Tage vor der Geiselnahme hatte Kevin seinen ganzen Mut zusammen genommen und fuhr zu der Lagerhalle, an die er sich erinnerte. Mit weichen Knie betrat er sie, fand die gleichen Matratzen und Leute vor, die er sich in seinem Kopf behalten hatte. Auch kannten sie ihn, natürlich nach dem Einsatz gegen die Neonazis. Der Name Ole war ihm noch geläufig, doch er musste nachfragen, als der schlacksige Punk auf ihn zu kam. Der reagierte einigermaßen verwirrt, als der Polizist zögernd nachfragte, ob er Ole sei.
      Annie sei nicht mehr hier, sagte der junge Punk. Fast hatte Kevin ein Deja-Vu... wo war sie jetzt wieder hin ausgebüchst. Aber Ole beruhigte ihn sofort. Sie wäre hier in Behandlung gewesen, doch hatte die Therapiestunden schnell abgebrochen, weil sie es durch den Schock seines Todes aus Überzeugung schaffte, wieder clean zu werden. Annie hatte einen starken Charakter, das wusste sie. Und scheibar waren Kevins Worte und sein vermeintlicher Tod Antrieb genug, die Drogen weg zu lassen... eben damit sein Tod nicht umsonst war. Kurz danach hätte sie sich mit ihren Eltern, die vor einigen Jahren ohne sie nach England in die Heimat des Vaters gezogen waren, versöhnt und sei zu ihnen geflogen. Eine ähnliche Flucht wie nach Kolumbien... nur diesmal nicht zu den Drogen sondern in den heimatlichen Schoß. Und sie schrieb jeden Tag mit Ole, dass es ihr gut ging.


      Kevin hatte den Punk damals gebeten, ihr nichts von ihm zu schreiben... er wollte das selbst machen. Und schob es wieder auf. Der junge Polizist redete sich ein, ob es nicht vielleicht besser war, wenn Annie Kevin vergaß und sich auf ihr neues Leben konzentrieren sollte. Aber war das richtig? Würde es ihr nicht besser gehen, wenn sie wusste, dass er noch da war. Dass es ihm auch gut ging... soweit. Diese Gedanken verfolgten ihn sogar noch, als er schon im Flugzeug saß und im Landeanflug auf die schönste Gegend Englands war.
      Frühling in England konnte vieles bedeuten... Regen, Schnee, Wind, Sonnenschein... Sonnenbrand und Frostbeulen, und das im Abstand von wenigen Stunden. Kevin hatte in seinem Rucksack Kleider für einige Tage, den er sich jetzt um die Schultern geworfen hatte und in einen der zahlreichen Busse stieg, die am Flughafen auf Urlauber warteten. Er hatte Ole vor dem Abflug noch nach Annies Adresse gefragt... doch die hatte sich nach so vielen Jahren nicht verändert. Es war kurz vor ihrer Trennung als ihre Eltern wegzogen, und der englischstämmige Vater war zerstritten mit seiner Tochter, nachdem sie die berühmten Zeilen der Sex Pistols auf ihre Jacken malte. "Anarchy in the UK" und "God save the Queen and the fascist regime." kamen beim sehr heimatverbundenen Vater nicht gut an, sowie auch die generelle Lebensweise seiner Tochter.


      Der junge Polizist stieg an der Bushaltestelle aus und wurde sofort vom böigen Wind an der Küste verpasst. Der Himmel war strahlend blau, er trug aber trotzdem seine schwarze Jeansjacke da der Wind doch noch recht kühl war. Würde er nachlassen, wäre es vielleicht schon warm genug in den noch eiskalten Atlantik zu springen. Jetzt ging er aber mit abstehenden Haaren, die dem Wind hilflos ausgeliefert waren, durch die alten engen Gassen des kleinen Dörfchens. Er wollte zuerst am Strand nachsehen, ob Annie dort war wo sie beide auch schon mal waren.
      Bevor ihre Eltern wieder nach England zogen hatten Annie und Kevin einen Roadtrip auf die Insel gemacht. Mit dem Zug fuhren sie auf die Insel, kauften dort ein Zwei-Mann-Zelt, was ihr Reisebudget erheblich belastete, und fuhren per Bus über die ganze Insel. Sie lebten wochenlang von Toast und Marmelade, wanderten, übernachteten am Strand oder sahen sich in kleinen Kneipen unbekannte Punkkonzerte an. Einmal stahlen sie in einem kleinen Dorf ein altes Motorrad und fuhren den ganzen Tag über enge Landstraßen, bevor sie es an einer einsamen Klippe stehen ließen. Kevin überlegte, ob es wohl immer noch dort stand, zugewuchert von Sträuchern und wilder Natur. Die Vorstellung hatte etwas romantisches.


      Genauso romantisch wie der Moment, als Kevin durch eine Gasse zum Strand kam. Das Rauschen der Wellen konnte man bereits leise im Dorf vernehmen, aber jetzt wo seine Schuhe langsam zum Übergang von Pflasterstein auf Sand traten, wurde die Naturgewalt lauter. Es war ein kleiner, einsamer Strand, weit weg vom Tourismus. Einige Fischerboote lagen hoch im Sand, um nicht von der Flut erwischt zu werden, es war beinahe keine Menschenseele da, ausser einer kleinen Gestalt die im Sand saß und aufs Meer blickte. Die Sonne schien auf die roten Haare der jungen Frau, die da durch noch kräftiger wirkten, als sie waren. Und endlich leuchteten sie wieder... in Kolumbien kamen sie Kevin stumpf und ausgebleicht vor.
      Seine Schuhe versanken ein wenig im Sand, als er langsam näher kam. Sie hatte kleine In-Ears im Ohr und schien über ihr Handy Musik zu hören, denn ihr ganzer schlanker Körper bewegte sich ein wenig im Takt der Musik, die sie scheinbar hörte. Kevin lächelte, denn so saß sie auch sehr oft auf dem Dach der Lagerhalle und sah über die Stadt. Das Wasser kam mit jedem Wellenschlag ein wenig näher und war nur noch einen Meter von ihren Füßen entfernt.


      Als Kevin ganz dicht hinter ihr stand, ging er auf die Knie und legte seine Hände von hinten um ihre Augen. Er spürte das kurze Aufschrecken durch ihren Körper fahren und sie riss sich sofort einen Kopfhörer aus dem Ohr. "Bryan? Bist du das?", fragte sie in perfektem Englisch und meinte damit, wie Kevin wusste, ihren kleineren Bruder Bryan. Er beugte sich etwas nach vorne an ihr Ohr. "Nein, Annie." Der Schock, der ihr jetzt in den Körper fuhr, konnte Kevin noch viel deutlicher spüren, er brauchte aber zwei Gedenksekunden, bis sie sich bewegen konnte, nachdem sie die Stimme zugeordnet hatte. Sie packte Kevin mit beiden Händen an den Handgelenken und zog sich die menschliche Augenbinde vom Gesicht, um sich zu ihm umzudrehen.
      Sie blickte in die kalten blauen Augen, in denen sie als junges Mädchen oft versunken war. Sie waren immer noch so blau wie damals, so blau wie in Kolumbien als er der starke unerschütterliche Kevin war, den sie kannte, der sie schützte und alles dafür tat, dass sie fliehen konnte. Sie blickte auf die abstehenden Haare, die vom Windspiel bewegt wurden. Und Kevin sah in die smaragd-grünen Augen von Annie, die in Kolumbien ihren Glanz verloren hatten. Jetzt war ihr Glanz zurück, und der lag nicht nur an den Freudentränen, die sich in ihrem Blick sammelte. Ihr Gesicht hatte wieder eine gesunde Farbe und die Stiche an ihrem Arm waren verheilt. "Oh Gott... Kevin...", flüsterte sie tonlos, nachdem sie erst überlegen musste ob sie eine Erscheinung hatte, oder dieser Mann, den sie innerlich nie aufgehört hatte zu lieben, und den sie sterben sah, wirklich vor ihr stand. Erst als er sie fest in seine Arme schloß, traute sie sich daran zu glauben, dass er real war und ließ ihren Tränen freien Lauf.
      Die Stunden und Tage unterscheiden sich kaum
      Ich bin es so leid, ohne dich zu sein
      Wie Staub tanzt dein Bild durch jeden Raum
      Doch nichts dringt mehr bis zu mir herein

      Hilf mir mich zu finden nach all diesen Jahren
      Nimm mich ein kleines Stück Weges mit dir
      Heile die Wunden, die unheilbar waren
      Ich wär' fast gefallen, doch dann warst du hier

      Illuminate - Verloren
    • Cornwall Lands End - 11:30 Uhr


      Sie hielten sich fest, als hätten sie Angst, vom böigen Wind weg geweht zu werden. Kevin konnte das Zittern in Annies Körper spüren, nachdem sie ihren Gefühlen freien Lauf gelassen hatte und es dauerte etwas, bis sie sich beruhigt hatte. So unwirklich, so unreal war es für das junge Mädchen, dass ihr totgeglaubter Freund wieder auferstanden war, zu sehr hatte sie sich bereits mit seinem Tod abgefunden. Sie hatte das ganze Hin und Her, die Hoffnung und die Niederschläge während seiner Suche nicht direkt miterlebt, abgesehen von einem kurzen Gespräch mit Jenny. Zumindest die beiden Frauen waren im Frieden auseinander gegangen. Jenny verstand, warum Kevin dieses Risiko für Annie eingegangen war und Annie wusste, welchen Stellenwert die Polizistin in Kevins Leben hatte.
      Aber jetzt war er hier bei ihr, und zunächst wollte er sie gar nicht mehr loslassen. Doch die Frage aller Fragen brannte ihr auf der Seele. "Was... was ist passiert? Wieso... wie hast du...?", stotterte sie mit zitternder Stimme, nachdem sie die Umarmung gelöst hatte und sich die beiden gegenüber saßen und anschauten. "Das kann ich dir gar nicht genau sagen. Den Sturz hatte ich überlebt, bin aber mit dem Kopf gegen die Steine... seitdem fehlt mir einiges bis ich wieder in Köln war.", erklärte der Polizist und fügte an, dass er auch nicht genau wusste, ob er noch 100% seiner Vergangenheit wusste.


      Annie nickte, und wusste auch dass das wohl mit ein Grund war, weswegen Kevin hier war. Sie sollte ihm helfen, zumindest die Jugendzeit bis Janines Tod nochmal zurück zu verfolgen. Ihm Hilfestellung geben, wenn er Ereignisse im Kopf hatte, die er nicht zuordnen konnte. Sie würde ihm helfen, so wie Kevin ihr in Kolumbien geholfen hatte. Wieder fiel sie ihm um den Hals. "Ich bin so froh, dass du noch lebst.", flüsterte sie. Als sie die Umarmung wiederum löste, sah sie in Kevins Augen. "Wie geht es Jenny? Wie hat sie darauf reagiert? Oh Gott, sie war so fertig als Juan und ich... also als wir nach Deutschland zurück kamen und ihr alles erzählen mussten." "Juan kam mit euch zurück?" Annie nickte und erzählte, was sich nach dem Ereignis auf der Brücke zugetragen hatte, und warum Juan fliehen musste... und zu Kevins Überraschung scheinbar immer noch in Deutschland war.
      Aber die junge Frau dachte zunächst vor allem an das, was Kevin ihr mit einem so stolzen Funkeln in den Augen in der Hütte erzählt hatte. "Nun sag schon... wie gehts Jenny? Und eurem Kind?" Der junge Polizist presste kurz die Lippen zusammen und blickte in Richtung Sand, als wolle er die Milliarden Körner einzeln zählen. Ein beklemmendes Gefühl stieg in Annie auf, sie kannte diesen Blick ganz genau. "Da ist eine Menge vorgefallen...", sagte er und bei Menschen, die ihn nicht besonders kannten, hätte das wohl genügen müssen. Aber nicht bei Annie... dafür kannte sie Kevin zu gut. Sie ergriff seine Hand.


      "Jenny hat... also...", begann er leise und schien die Wörter im Sand zu suchen, bevor er zu Annie wieder aufblickte. "Ich weiß es nicht genau. Sie hat es verloren... oder abtreiben lassen, als ich in Kolumbien verschollen war. So genau hat sie es mir nicht gesagt. Jedenfalls gibt es kein Kind mehr." Er wählte exakt die gleichen Worte in seinem letzten Satz, die Jenny ihm in einem schrecklich endgültigen Gespräch gesagt hatte, als er vor ihrer Tür stand und Annies Herz wollte vor Mitgefühl zerspringen... und vor Schuldgefühlen. Ihr wurde ganz übel, als sie es hörte und Kevin hatte überlegt, ob er sie auf das Kind bezogen anlügen sollte, um ihr dieses Gefühl zu ersparen. "Wenn ich nicht abgehauen wäre...", flüsterte sie mit zitternder Stimme und wurde sofort von Kevin unterbrochen. "Nein, so darfst du nicht denken. Es war allein meine Entscheidung, nach Kolumbien zu fliegen und da wusste noch niemand von dem Kind. Und es war meine Entscheidung, die Sache durch zu ziehen, als ich von dem Kind erfahren hatte. Und falls Jenny das Kind hat abtreiben lassen, dann war es ihre Entscheidung." Natürlich war Annies Drogenflucht nach Kolumbien ausschlaggebend für die ganze Katastrophe. Aber es ging ihr gut, sie fühlte sich gut, sie sah wieder gesund aus... Kevin wollte nicht, dass sie sich schuldig fühlte. Wie früher war er der Typ, der versuchte alles Schlechte von anderen Menschen fern zu halten, und es sich stattdessen selbst aufzuladen. Die erneute Umarmung tat der jungen Frau gut.


      "Aber warum hat sie dir nicht gesagt, was sie getan hat. Ihr seid doch zusammen..." Kevin musste Annie wieder enttäuschen, als er den Kopf schüttelte. "Nein. Sind wir nicht mehr." Es war kein schönes, kein positives Gespräch. Der junge Polizist erzählte, was vorgefallen war und er ließ nichts aus. Sein Gedächtnisverlust, Patricks Intrige, der Kampf zwischen Ben und Kevin, der für den Autobahnpolizisten fast tödlich endete... und schließlich, wie es ausging... auch wenn er die Umstände zu Patricks Tod wegließ. Der Polizist ließ Annie in dem glauben, er sei im Laufe der Festnahme erschossen worden. Annie hörte atemlos zu, sie kannte Patrick ja von früher und war fassungslos. "Dieser Mistkerl... er hat alles zerstört...", flüsterte sie und konnte sich trotzdem gut vorstellen, dass Kevin Schuldgefühle hatte, bevor er es zugab.
      "Aber was solltest du tun, wenn du dich an nichts erinnern konntest?" "Das stimmt. Trotzdem hab ich es getan und... ach es ist schwer zu erklären.", meinte er und wich etwas aus. Eigentlich wollte er auch nicht darüber reden. Annie wusste nun, was passiert war, warum er nicht mehr mit Jenny zusammen war und was mit dem gemeinsamen Kind geschehen ist. Er lächelte: "Eigentlich bin ich auch nicht hier, um dir die Laune zu verderben.", sagte er und brachte damit die rothaarige Frau ebenfalls zum Lächeln. Es schien ihm nicht schwer ums Herz zu sein... zumindest nicht so, dass er sich in ein Schneckenhaus verkroch, sonst wäre er nicht zu ihr gekommen.


      Die beiden gingen mit nackten Füßen in den nassen Sand, um am Strand entlang zu gehen. Annie erzählte von der Entzugsklinik, von den Gesprächen und der Therapie und dass sie diese nach wenigen Wochen abbrach. "Ich hatte nichts mehr genommen. Das Gefühl, dass dein... dein "Tod" umsonst gewesen wäre, wenn ich weiter Drogen genommen hätte, war die beste Therapie.", sagte sie und konnte stolz berichten, nicht einmal rückfällig geworden zu sein, und selbst manchen Entzugstag gut überstanden zu haben. Darüber war Kevin sehr froh. In ihm drin keimte ein wenig das Gefühl, dass die ganze Katastrophe dann wenigstens ein Gutes hatte, auch wenn es das Negative bei weitem nicht aufwiegen konnte.
      Sie kamen an einen großen Felsen, der den Strandabschnitt vom nächsten Strand trennte. Er wurde zum Meer hin höher und höher und ragte wie eine Zunge in den Ozean. An seiner Vorderseite brachen sich die Wellen, und wenn man sich an die Kante setzte, bekam man nasse Füße, so wie jetzt Annie und Kevin. Als sie beide dort saßen und auf den Horizont des unendlich wirkenden Atlantik schauten, legte die junge Frau ihren Kopf an Kevins Schulter. Sie wusste nicht wie er reagieren würde, hatten sie sich vor der Kolumbien-Katastrophe nicht unbedingt im guten getrennt. Aber genauso wie er ihr ihr Fehlverhalten verziehen hatte, so hatte sie zum Beispiel auch ihren Eltern verziehen und umgekehrt. Sie hatte dazu gelernt. Und die Tatsache, dass Kevin als Reaktion seinen Arm um das Mädchen legte, war wie ein Funken der die Gefühle in Annie neu entfachten.


      Kevin genoß dieses Gefühl ebenso. Seit er mit Jenny zusammen war, war ihm klar geworden wie sehr er Liebe und Zuneigung vermisste. Er wollte Annie aber nicht ausnutzen als Ersatz, weil Jenny nicht mehr da war, das war ihm zuwider, aber er hatte bereits bei ihrem ersten Wiedersehen noch etwas in sich gespürt, als sie zusammen auf dem Dach der Lagerhalle saßen. Damals war das Gefühl gegenübe Jenny aber stärker. Das war es jetzt vielleicht immer noch, doch jedes Gefühl erstarb wenn es nicht erwiedert wird. Und die junge Polizistin hatte Kevin eindeutige Signale vermittelt. Trotzdem war er nicht mit dem Ziel hierher gefahren, wieder mit Annie zusammen zu kommen... alles was geschehen würde, ließ er einfach geschehen.
      "Bleibst du... bleibst du jetzt hier?", fragte Annie zaghaft, nachdem sie eine Zeitlang geschwiegen hatten. Dabei blickte sie ein wenig auf. "Ich bin immer noch Polizist. Und arbeite immer noch bei Semir und Ben.", sagte er wahrheitsgemäß, womit er ihre Frage eigentlich verneinte, was sie auch sofort, wenn auch mit einem kurzen Anflug von Traurigkeit, akzeptierte. "Ausserdem habe ich in Deutschland noch etwas zu erledigen." Annie wusste genau, was er damit meinte... sie wusste von drei Leuten, die Janine umbrachten. Sie wusste von Kevin bereits, dass Peter Becker dabei war, und eben auch Patrick. Ausserdem waren ihr die zwei Striche an Kevins Arm nicht entgangen.


      Ihr Herz schlug fest gegen ihre Brust, und sie strich mit dem Finger über Kevins Unterarm, wo sich das Tattoo befand. "Denkst du nicht, dass du diese Vergangenheit endlich ruhen lassen solltest?", fragte sie mit einer gewissen Unsicherheit vor seiner Reaktion. Doch der Polizist wusste genau, dass Annie es, genauso wie Jerry, nur gut meinte. Er schüttelte den Kopf: "Ich kann sie erst ruhen lassen, wenn alles vorbei ist.", sagte er in Richtung des Meeres, bevor er Annie ansah. "Aber das ist es noch nicht." Die junge Frau kämpfte mit sich, ob sie es sagen sollte, oder nicht. "Ich... also, wenn es dir hilft. Ich kann mich erinnern, dass Patrick früher nicht nur bei uns, sondern sehr oft auch im Matrix abhing. Vielleicht hatte er dort Freunde die... die ihn dabei unterstützt hatten. Und vielleicht auch Kontakt zu dem dritten Mann." Sie spürte eine Zerrissenheit zwischen Angst, dass Kevin unbedachtes tat, aber auch der Angst davor, ihm wieder nicht zu helfen... wie damals mit Semir. Kevin wollte ihr beide Ängste nehmen, indem er nur nickte, und sie mit seinem Arm wieder an sich drückte. "Lass uns nicht mehr darüber sprechen...", sagte er und wischte oberflächlich ihre Information beiseite, während er sie im Kopf notierte.
      Das Salz der See brannte irgendwann in ihren Augen, als sie den Felsen wieder verließen. Ausserdem zogen, wie in Küstenregion üblich, schneller als sonst Regenwolken heran, und noch bevor die beiden zurück zum Dorf konnten, begann es zu regnen. Sie suchten lachend Schutz unter dem Felsen, dicht am Waser, wo sie sich dicht aneinander kauerten. Annies Stirn berührte dabei Kevins Wange für einen Moment, und die beiden zuckten kurz voneinander weg, wobei sie sich ansahen. Kevins blaue, kaltwirkenden Augen und der Gegensatz zu Annies funkelndem Grün. Wie früher, bei ihrem ersten Kuss voll Unsicherheit, näherten sie sich jetzt bevor sich ihre Lippen trafen.
      Die Stunden und Tage unterscheiden sich kaum
      Ich bin es so leid, ohne dich zu sein
      Wie Staub tanzt dein Bild durch jeden Raum
      Doch nichts dringt mehr bis zu mir herein

      Hilf mir mich zu finden nach all diesen Jahren
      Nimm mich ein kleines Stück Weges mit dir
      Heile die Wunden, die unheilbar waren
      Ich wär' fast gefallen, doch dann warst du hier

      Illuminate - Verloren

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    • Dienststelle - 8:00 Uhr


      Anna Engelhardts gute Beziehungen zum Innenminister ließen den ganzen Vorgang beschleunigen, so dass Jenny schon eine Woche nachdem ihrem Antrag stattgegeben wurde, die Dienststelle offiziell wechseln konnte. Am Wochenende hatten Semir und Ben zusammen mit Bonrath, Hotte und Hartmut den Umzug der jungen Kollegin organisiert und tatkräftig mitgeholfen, so dass Jenny ganz überwältigt war und sich sofort wieder geborgen und zu Hause fühlte. Anders als in Hamburg, wo sie nie richtig angekommen war. Nur die Zusammenarbeit mit Timo hatte ihr so etwas wie Kollegialität verspüren lassen, alle anderen Beamten der Dienststelle blieben überwiegend kühl und distanziert, nur Gregor versuchte hin und wieder etwas Freundschaftliches auszustrahlen.
      Doch Timo war tot, Kevin lebte und wegen ihm war sie aus Köln geflohen. Geflohen vor der Erinnerung, geflohen vor dem erlittenen Verlust. Floh sie jetzt wieder? Nein, entschied sie für sich. Jetzt war es eine Heimkehr. So gern sie Timo mochte und so sehr sie es genoß mit ihm zusammen zu arbeiten, es war nicht das Gleiche wie in der Cobra 11 - Familie. Das spürte sie sofort, als jeder sie umarmte und herzte, als sie zu fünft mit zwei geliehenden Möbelwagen kamen, und sich schüttelten vor Lachen als sie merkten, dass einer dicke gereicht hätte für die paar Sachen, die Jenny mitnahm.


      Auf der langen Fahrt, die sie im Wagen von Semir und Ben verbrachte, hörte sie dann auch die Vorkommnisse der letzten Wochen, vor allem die Geiselnahme an der Schule. Natürlich hatte sie davon gelesen, es war großes Thema in allen Zeitungen und Nachrichtensendungen, und natürlich hatte sie auch mitbekommen welcher Polizist in der Schule war. Verwackelt, aber in FullHD wurde der schweigsame Polizist mit den abstehenden Haaren in den Nachrichten gezeigt, wie er sich den Weg durch die Journalisten zur Dienststelle bahnte und darüber immer die Headline: "Darf so ein Mann weiter Polizist sein?" Der allgemeine Tenor sprach von einem generellen Versagen der Polizei, was viele Opfer zur Folge hatte. Die Einsatzleitung hätte falsche Entscheidungen getroffen, die Verhandlungsgruppe die falsche Taktik gewählt und der Joker, ein Beamter innerhalb der Schule, hätte falsch gehandelt.
      Der Mob verlangte nach einem Schuldigen, doch der Innenminister und der Polizeipräsident beugten sich nicht dem Druck der Medien. Sie legten detaillierte Protokolle dar, was eigentlich nicht die Art der Polizei war, wie die Geiselnahme innerhalb der Einsatzleitung abgelaufen ist, dazu Kevins Aussage. Sie beruhigten die Medien, die sich alsbald anderen Themen hingaben. In den sozialen Netzwerken war das Thema aber weiter präsent, und die Eltern der Opfer waren auch durch die Rechtfertigungen der Polizei nicht tröstbar.


      "Ich habe auch die Kommentare im Internet gelesen.", sagte Jenny, die in sozialen Netzwerken sehr aktiv war. Sie war sehr geschockt über das, was sie lesen musste und wollte sich gar nicht ausmalen, wie Kevin, der im Inneren sehr sensibel war, wenn Menschen zu Schaden kamen, denen er hätte helfen können, darauf reagierte. "Ich glaube, Kevin zum Glück nicht.", sagte Ben, der ganz rechts am Fenster saß, während die junge Frau auf der Sitzbank in der Mitte Platz genommen hatte. "Wie gehts ihm? Wie hat er auf die ganze Sache reagiert?" Ben wog den Kopf hin und her, zuckte mit den Schultern. "Äußerlich erstaunlich ruhig und gefasst. Hast du ja gesehen, dass er sich nicht mal von diesen Medienvögel provozieren hat lassen."
      Dann seufzte er kurz. "Aber du weißt ja auch, dass es bei Kevin einen Unterschied gibt, wie er sich nach aussen gibt und was er wirklich fühlt." Ohja, das wusste sie. Manchmal kehrte er sein Inneres nach Außen, aber nur Leuten gegenüber, denen er total vertraute. Ob das zur Zeit seine Kollegen waren, konnte sie nicht sagen. Sie sah allerdings sein wahres Ich, nachdem ein junges Mädchen in einem Haus verbrannte, das er nicht retten konnte. Ein Drogen-Absturz in seiner Wohnung, den Jenny nicht für möglich gehalten hätte und an den sie immer noch mit Grauen zurückdachte. Ein ungutes Gefühl konnte sie auch nur schwer verbergen, als Semir bemerkte dass Kevin noch alleine in Urlaub auf England sei. Er hatte den beiden sogar gesagt, dass er nach England fahren würde, um Ruhe zu haben. Wenn es sie beruhigte, würde er jeden Tag eine Nachricht schreiben, hatte er angefügt. Ben verstand es als Scherz, Semir als Seitenhieb...


      Jetzt, am Morgen in der Dienststelle, fühlte sich Jenny gleich wie zu Hause. Die dunklen Zeiten am Ende ihrer Zeit hier waren wie weggeblasen, alle begrüßten sie, Andrea umarmte sie herzlich und freute sich, dass ihre Freundin wieder da war. Auch die Chefin kam aus ihrem Büro, umarmte Jenny und bat sie gleich kurz zu sich, nachdem sie bemerkte dass die junge Polizistin ihre Tasche ganz selbstverständlich an ihrem alten Platz bei Hotte und Dieter abgestellt hatte. Nach etwas Smalltalk, wie es Jenny denn gehe und ob sie schon eine neue Wohnung gefunden hatte, sagte die Chefin: "Es wird sich für sie ein wenig bei uns ändern. Ihre ursprüngliche Stelle ist nämlich bereits besetzt worden." "Oh, das hatten sie mir gar nicht gesagt.", sagte Jenny und spürte kurz ein Zwicken im Magen.
      "Ich hoffe, es gibt deswegen keine Probleme..." "Nein Jenny, keine Angst. Ich weiß ja, dass sie die Kommissarsausbildung haben und dass sie in Hamburg auch schon als Ermittlerin gearbeitet haben, statt auf Streife. Hat ihnen das gefallen?" Jenny bekam große Augen. Auf diese Position hatte sie hier bereits auch gewartet, doch die Stelle war durch drei Kommissare immer besetzt gewesen. Sollte einer der drei aufhören? Kevin vielleicht? "Ähm... ja, das hat... das hat mir sehr gut gefallen.", meinte Jenny perplex. "Schön. Dann werden sie das bei uns fortsetzen. Zusammen mit Herrn Peters." Als das Lächeln kurz gefror, weil Jenny in diesem Moment nicht wusste, wie sie auf diese Nachricht reagieren sollte, sagte die Chefin: "Und ich vertraue ihnen, dass die Zusammenarbeit zwischen ihnen funktioniert."


      Als Jenny das Büro der Chefin verließ und nebenan ging, wo sie jetzt in Zukunft arbeiten würde, war sie noch etwas perplex. Das Büro sah genauso aus, wie das von Semir und Ben, die Tische standen sich gegenüber, an der gegenüberliegenden Wand zur Tür hingen große Monitore. Kevin schien hier schon länger zu sitzen, seit er wieder zur Dienststelle zurückgekehrt war, denn Jenny konnte einige Unterlagen erkennen, und sah die Rückseite eines Bildes, das dort aufgestellt war, denn er saß mit dem Rücken zu den Monitoren mit Blick auf die Tür. Sie setzte sich an ihren Platz und begann, einige persönliche Gegenstände auszupacken. Nacheinander kamen kurz Ben und Semir, und fragten ob sie mit ihrer neuen Aufgabe glücklich wäre, was sie ehrlich lächelnd bejahte.
      Für einen kurzen Moment war die junge Frau in Gedanken verschwunden, und sie versuchte sich Kevin ihr gegenüber vorzustellen. Wie er konzentriert am Bildschirm saß, wie er nachdenklich aus dem Fenster sah, oder wie er vielleicht mal lächelte, lachte und sich im Stuhl zurücklehnte. In diesem Moment konnte sie sich sehr gut vorstellen, normal mit ihm zusammen zu arbeiten. Im nächsten Moment, als sie das Bild vor Augen hatte, wie er mit der Waffe in der Hand erst auf sie zielte, und dann eiskalt Patrick erschoss, konnte sie es nicht mehr. Dieses Hin und Her würde sie vermutlich noch lange begleiten, und sie würde in Kevin immer die Mischung aus ihrem Freund und einem Mörder sehen. Nachdem sie den Rücken des Bildes eine Zeitlang beobachtet hatte, stand sie auf und ging um den Tisch herum. Ein Blick darauf verriet ihr, dass es ein Bild seiner Schwester war, das er aufgestellt hatte, die sie mit freudigen Augen anlächelte. Jenny musste auch lächeln, als sie es sah und sich wieder zurück an den Platz setzte. Ein kurzes Gefühl der Enttäuschung aber machte sich in ihr breit. Sie konnte nicht sagen weshalb, aber für einen Moment hatte sie gehofft, es sei ein ihr gemeinsames Foto...


      ENDE
      Die Stunden und Tage unterscheiden sich kaum
      Ich bin es so leid, ohne dich zu sein
      Wie Staub tanzt dein Bild durch jeden Raum
      Doch nichts dringt mehr bis zu mir herein

      Hilf mir mich zu finden nach all diesen Jahren
      Nimm mich ein kleines Stück Weges mit dir
      Heile die Wunden, die unheilbar waren
      Ich wär' fast gefallen, doch dann warst du hier

      Illuminate - Verloren